Profil von Adraéyu

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Zaubersänger
Avatar: Magali Villeneuve

Profil

Benutzername:
Adraéyu
Alter:
38
Gruppen:
Wohnort:
Vindobona
Tätigkeit:
Funkenschuster
Interessen:
Lesen, Schreiben, Strategiespiele

Charakter

Name:
Adraéyu re' Rurénya
Alter:
37
Rasse:
Raéyun
Heimat:
heimatloser Vagabund
Aufenthaltsort:
Mérindar
Waffen:
Langbogen
Inventar:
eine obszöne Laute

Steckbrief

Der alte Mann saß neben dem Kamin, auf seinen knorrigen Stab gestützt: »Ihr wollt eine Geschichte hören? Habt ihr schon jene von Adraéyu, dem Raéyun gehört? Nein? Hätte ich auch nicht erwartet. Also lehnt euch zurück, bestellt einen guten Wein und hört zu, was ich zu sagen habe.«

Adraéyu, die Stimme des Windes


Name(n):
Adraéyu re' Rurénya ist der Name auf den ihn seine Eltern getauft hatten. Doch offenbart er diesen Namen nur unter Raéyun, er hat unter harten Lektionen lernen müssen seine Raéyun Natur unter den anderen Menschen zu verbergen. Wenn Adraéyu durch die Lande zieht, trägt er gar viele Namen, je nachdem in welchem Land er sich gerade befindet, oder wen er darzustellen versucht. Manches Mal stellt er sich als Alerion von Mérindar, der mittellose Adelige vor. Ein Mann, welchem außer seinem Titel, sonst nichts mehr geblieben war, der sich aber noch immer sehr höfischem sowie adeligem Gehabe bemüßigt fühlt und mit seiner losen Zunge seinem Gegenüber die eine oder gar andere Gefälligkeit abzuleiern versucht. Tritt er hingegen als Barde und Geschichtenerzähler in Gasthäusern und Schenken auf, nennt er sich für gewöhnlich Arn, der Barde. Aldenar, der missgünstige Kriegervagabund – ein Schmerzensweber, welcher seine Musik dazu verwendet, anderen Leid und Schmerz zuzufügen - welcher stets schlecht gelaunt und griesgrämig, und weder mit der Welt noch mit sich selbst im Reinen scheint, verkörpert hier ebenso eine der vielen Rollen, welche Adraéyu spielt, um seine wahre Identität zu verschleiern, wie Alaran, der wagemutige Bogenschütze, welcher schon so manches Herz erobert hatte, wenn man seinen Worten Glauben schenken mag. Kleidet er sich hingegen in abgetragene Gewänder, und gibt sich als ein alter, gebeugter Mann - um, den Raéyun feindlich gesonnenen, Augen zu entgehen und diese mit seiner Erscheinung zu täuschen - stellt er sich, so er denn gefragt wird, einfach nur als der alte Angrod vor.

Doch eines haben alle seine Namen gemeinsam: Sie beginnen alle stets mit dem Anfangsbuchstaben A.

Rasse:
Adraéyu ist ein gebürtiger Raéyun direkter Blutlinie. Seine Eltern sind beide Raéyun, sowie auch deren Eltern. Weiter als bis dahin reicht der bekannte Stammbaum seiner Ahnen allerdings nicht zurück. Die Eltern seiner Mutter Meridia waren sogar mehr als nur Mann und Frau, sie waren Bruder und Schwester. Ein dunkles Kapitel in Adraéyus Familien-Ahnenbaum. Doch davon weiß Adraéyu natürlich nichts. Nicht einmal sein Vater wusste um diese Tatsache, war es doch die größte Schande seiner Mutter.

Alter:
Adraéyu wurde vor siebenunddreißig Jahren, als Sohn von Arthos an' Aurum und Meridia cel' Vertúr, am achten Mond jenes Jahres im Süden Córalays geboren. Als die Niederkunft bevor stand, verweilte die Gruppe, aus Rücksicht auf Meridia eine Weile im Birkenhain, welcher dem wandernden Volk oft als Ort der Zuflucht diente. Man sagte jene Nacht trug keinen weißen Vollmond am Himmel. Seine Eltern erzählten ihm in seiner Kindheit immer die Geschichte, dass in der Nacht seiner Geburt der Himmel sternenklar gewesen war, und der Mond golden wie Bernstein geleuchtet haben soll – Rückwirkend betrachtet wurde Adraéyu nach einigen Jahren bewusst, dass der Mond seiner Geburt wohl ein Vollmond im Gewand einer Mondfinsternis gewesen sein musste.

Aussehen:
Adraéyu ist, mit seinen 1,81 Metern ein durchschnittlich, gut gewachsener Mann, unter den meisten Menschen fällt er aufgrund seiner Größe kaum auf, denn er ist weder zu groß noch zu klein. Er hat ein relativ breites, männliches Kreuz und eine ansehnliche, relativ gut gebaute Statur und wiegt ungefähr 88 Kilogramm. Da er sich Zeit seines Lebens auf Wanderschaft durch die Lande und Wälder Alvaranias befand, konnte er daher kaum Fettpolster oder dergleichen ansetzen. Man kann ihn nicht als drahtig oder sehnig bezeichnen, denn dafür hat er zu viele Muskeln. Da er oft mit dem Bogen auf die Jagd gegangen war, und das Spannen des Bogens doch einiges an Kraft erforderte, sind seine Oberarme ebenfalls entsprechend ansehnlich muskulös. Die Brustmuskeln sind straff und in einer ansehnlichen Größe, ohne zu groß zu wirken, und auf seinem Bauch zeichnet sich ganz dezent schwach erhabene Bauchmuskulatur ab, welches man eher wahrnimmt, wenn man sachte über die Bauchdecke streicht, als dass man diese Muskeln sieht.

Alles in Allem kann man Adraéyus Körper bis zu einem gewissen Grad als wohlgestaltet und ansehnlich bezeichnen. Auch wenn man ihm ansehen kann, dass er selten besonders reichhaltiges oder fettes Essen gegessen hatte und die Nahrung aus Wurzeln, Beeren, Wildfleisch, sowie Obst und Gemüse – sofern er einen Obstbaum finden konnte - ihn dennoch gesund gehalten hatten. Man sollte meinen, als Raéyun sollte Adraéyu Schmerzen und Wunden gewohnt sein, doch irgendwie hatte er es stets geschafft ernsthafte Verletzungen zu vermeiden. Ob dies eine glückliche oder gar göttliche Fügung des Schicksals war, oder ob es an seinen raéyun'schen Talenten und Gaben lag, ist zweifelsohne ungewiss. Förderlich war sicherlich auch seine jugendliche Agilität, als er noch unbesonnener durch die Lande und Städte gezogen war. Was nicht heißen mag, dass Adraéyu nie in gefährlichen Situationen gesteckt hatte, im Gegenteil! Derartige unschöne Erinnerungen hatte er mehr als genug. Lediglich zwei Narben zieren, oder vielmehr entstellen, seinen ansonsten makellosen Körper. Zum einen verlaufen auf seinem Rücken zwei gerade, stark vernarbte, lange Striemen. Sie gleichen verdächtig jenen, die entstehen, wenn man ausgepeitscht wurde, oder wenn eine scharfe Klinge mit einem gezielten Schwerthieb tief ins Fleisch geschnitten wurde. Allerdings schweigt sich Adraéyu stets darüber aus, woher er sie erhalten hatte, außerdem haben bisher nur wenige diese Narben zu Gesicht bekommen. Doch seine zweite Narbe vermag er kaum zu verbergen. Sie steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, denn sein linkes Auge gleicht in keinster Weise dem rechten. Vor vielen Jahren, verlor er sein linkes Auge und zurück blieb nur eine leere Höhle und eine rote, unansehnliche Narbe direkt darüber. Heute glimmt in jener Höhle ein rötlich schimmerndes magisches Auge aus poliertem Bernstein, in dessen Inneren ein Geist des Feuers lodert und ein Teil der Essenz der Seele des Windes jenes Feuer stets zu neuer Glut entfacht. Die Macht, welche im Inneren des Auges tobte, verlieh Adraéyu die Möglichkeit wieder mit dem verlorenen Auge sehen zu können, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Sein gesundes Auge hingegen ist von einer sehr intensiven, goldähnlichen Bernsteinfärbung. Und wenn man Adraéyu genau in die Augen sieht, kann man hin und wieder kleine, glühende goldene Punkte unter der Iris des gesunden Auges herumschwirren sehen. Diese Lichtpunkte ähneln glühenden Irrlichtern, welche über dem mondbeschienenen Spiegel eines gefährlichen Sumpfsees tanzen. Adraéyus Augen, besser gesagt sein gesundes Auge, ist der Spiegel zur Macht der Raéyun. Eben jener Macht, die all die anderen Menschen so sehr fürchten.

Außer diesen beiden, auffälligen Narben oder Merkmalen, trägt Adraéyu ansonsten keine Verzierungen oder Narben am Körper. Weder Tätowierungen, noch Brandzeichen oder Schmuck sind an oder in seiner Haut zu finden. Einzig seinen Bartwuchs dämmt er in regelmäßigen Abständen ein, und schert sich die Barthaare komplett aus dem Gesicht. Es trägt einem Barden selten zugute, wenn er zu unansehnlich oder verlottert daherkommt. Es entstünde sonst der Eindruck man sei mehr ein Bettler und Vagabund, als ein ernstzunehmender Mime. Zumal die meisten Barden oft dem niederen oder verarmten Adel entstammten, oder gar dem niederen Klerus. Doch sie waren von hoher Geburt. Auch wenn sie mittellos waren, waren sie dennoch adelig und daher auch an den Höfen der hohen Herren gerne gesehen. Sie lebten einen gewissen Standard vor, wenn sie von Hof zu Hof zogen, dem Adraéyu ebenfalls gerecht werden musste, so er denn mit ihnen ernsthaft konkurrieren wollte. Denn die Barden und Mimen waren, im wahrsten Sinne des Worte, die Träger von Hofklatsch und Gerüchten. Sie wussten alles, über jeden. Wer vertraute schon einem dahergelaufenen Bettler den Klatsch an, oder glaubte ihm den seinen? Nein, Adraéyu musste wie eine von ihnen wirken. Daher legt Adraéyu stets Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild, so er versucht als Barde aufzutreten. Außerdem wirkt Adraéyu gleich um einige Jahre jünger, wenn er sein Gesicht vom Bart befreit. Möchte er hingegen unerkannt bleiben, oder vermeiden zu viel Aufsehen zu erregen, kommt es durchaus vor, dass seine Kleidung weniger ansehnlich und mehr abgetragen ist, und auch sein Bart das halbe Gesicht verdeckt.

Adraéyus Gesicht ist ebenmäßig und rein gezeichnet, seine Züge sind männlich vollendet, ohne zu sanft oder zu kantig zu wirken. Keine Flecken oder Narben, mit Ausnahme der auffallenden Verletzung am linken Auge, entstellen sein Gesicht. Seine langen, glatten und schwarzen Haare trägt er oft schulterlang, oder ein wenig länger. Zumeist trägt er seine Haare offen. Zum einen, um sein rötliches Auge etwas zu verbergen, und zum anderen um generell von seinen Augen abzulenken. Dass er nicht mehr der Jüngste ist, kann er nicht leugnen. So zieren doch bereits einige Falten sein Gesicht. Hierbei haben die Falten die verschiedensten Ursprünge. Lachfalten um die Mundwinkel und die Augen, aber auch engere, ernstere Sorgenfalten auf der Stirn. Adraéyu lebte bisher ein Leben voller Höhen und Tiefen, und da ist es nicht verwunderlich, dass er von beider Arten Falten im Gesicht gezeichnet wurde. Die Farbe seiner Haut zeugt ebenfalls von seinem Vagabundenleben auf den Straßen der Städte und der weiten Flur. Man könnte ihn als Sonnengeküsst bezeichnen, doch ist seine Haut noch jung genug, dass man sie nicht wettergegerbt bezeichnen kann. Auf jeden Fall sieht man, dass seine Haut direkte und andauernde Sonneneinstrahlung gewohnt ist.

Doch trotz aller Sorgen, Verfolgungen und anderer dunkler Erlebnisse, die Adraéyu erleiden oder erleben musste, spiegelt sein Blick keineswegs den eines alten, ernsten oder verbitterten Mannes wieder. Natürlich ist seine Mimik stets davon abhängig welche Rolle er gerade zu spielen versucht, doch anhand seiner Augen kann man sehen, dass er im Grunde, auch wenn er dieser Tage öfters und mehr als einmal Trübsal bläst, doch im Großen und Ganzen ein erfüllendes Leben gelebt hatte. Und wären da die bedeutenden Schicksalsschläge in seinem Leben nicht gewesen, würde der kleine, dunkle Glanz, welcher sich tief in seinen Augen eingenistet hatte, wohl keinem sonderlich auffallen.

Anhand seiner Hände kann man sehen, dass er seinem Handwerk schon lange Zeit nachgeht. Denn die Fingerkuppen seiner Hände sind durchgehend von einer dichten Schicht Hornhaut bewachsen. Das stete Zupfen an den Saiten der Laute forderte über die vielen Jahre des Spielens nun einmal ihren Tribut. Doch würde es ihm nicht helfen, diese Hornhaut ab zu feilen. Im Gegenteil. Gerade in den ersten Jahren seiner Lehre, hatte er oft schmerzende und blutige Finger nach dem stetigen Üben an den Saiten der Laute. Heute bereitet ihm das Spielen allerdings keine Mühsal mehr, und er kann sich voll und ganz der Hingabe zu seiner Musik ergeben. Auf dem Zeigefinger und Mittelfinger seiner rechten Hand haben sich zusätzlich, zu der Hornhaut auf den Fingerkuppen, stärkere Schwielen gebildet. Sie sind ein Zeugnis davon, wie oft er schon die gespannte Sehne seines Bogens an ihnen vorbeisausen hat lassen. An seinen Händen trägt Adraéyu übrigens den einzigen Schmuck, den er besitzt. Zwei Ringe: der eine aus schlichtem Eisen, mit einem fremdartigen Zeichen, welches in die Oberfläche gestanzt wurde. Er hat diesen Ring von seinem Lehrer Rudgar erhalten, als dieser entschieden hatte, dass Adraéyu genug gelernt hatte um sich einen wahren Spielmann nennen zu dürfen. Der andere hingegen ist aus altem, verkratztem und stellenweise schwarz angelaufenem Silber. Einst war er hellrein und sauber, doch die Jahre waren nicht gut mit dem Ring umgegangen. In den Ring ist ein kleiner, oval geschliffener Bernstein eingelassen. Diesen Ring hat er von seinem Meister erhalten, als er die Lehren der Raéyun vollendet hatte. Diese Ringe sind auch das einzige, was ihm von seinem alten Leben geblieben war. Alles andere hatte er über die vielen Jahre entweder verloren, verkauft oder es wurde ihm gestohlen.

Erscheinung:
Adraéyu ist ein Schauspieler, Spielmann und Sänger. Kurzum ein Mime. Ein wandernder Barde, welcher die ganze Welt Alvarania seine Heimat nennt, und zugleich ein Heimatloser ist. Er wirkt oft auf die unterschiedlichste Weise auf seine Gegenüber. Mal kühl und abweisend, mal freundlich oder gar einschüchternd. Je nach Situation und was seiner Sache am zweckdienlichsten ist. Besonders darauf bedacht, stets zu vermeiden als Raéyun aufzufallen und seiner Rolle als Barde gerecht zu werden. Einzig dem Ziel folgend, möglichst unerkannt zu bleiben und so viele Münzen wie möglich als Früchte seiner musikalischen Arbeit zu ernten. Denn das ist es doch, wofür ein Spielmann lebt, die Gunst der Masse und der Applaus des gemeinen Volkes gleichermaßen wie der des hohen Adels.

Adraéyu besitzt zwei Arten Gewänder. Zum einen besitzt er einen wunderschönen, dunkelblauen Mantel, aus dicht gewirkter Wolle. Der Mantel wird mit jeweils zwei einzelnen Reihen verzierter Messingknöpfe zusammengehalten. Unter dem Mantel trägt Adraéyu eine dunkelgraue Leinenhose, sowie ein schwach, blaugraues Leinenhemd und unter eben jenem ein ärmelloses, vernietetes Kettenhemd, welches ihm bis zur Lende geht. Das Kettenhemd trägt er nur, wenn er auf Wanderschaft geht, oder wenn er in besonders gefährlichen Städten verweilt. Er trägt dieses Hemd zum Selbstschutz, um vor etwaigen Dolchstößen oder Schwerthieben geschützt zu sein. Natürlich schützt das Kettenhemd nicht gegen heftige Axthiebe, Speerstöße oder gar gegen Pfeile. Manch einer mag sich fragen, wie der oftmals mittelose Adraéyu ausgerechnet zu einem Kettenhemd gekommen sein mag, besonders wenn man bedenkt dass solch ein Kettenhemd oftmals so teuer war wie ein wertvolles Pferd. Kurzum: Er hat es gestohlen. Dies ist die kurze, unschöne Wahrheit. Ob der Soldat, welchem er es in einer Taverne – in welcher er am Abend zuvor aufgespielt hatte – entwendet hatte, heute noch am Leben war, war Adraéyu im Grunde genommen egal. Dieses Kettenhemd hatte ihm schon viele, gute Dienste geleistet. Und dieses Kettenhemd war maßgeblich daran beteiligt, dass er viele unangenehme Auseinandersetzungen mit abergläubischen Menschen nahezu unbeschadet überstanden hatte. Damit das Kettenhemd ihm nicht die Haut aufscheuert, trägt er unter diesem ein, mit Leder verstärktes Leinengewand.

Ein Paar gute, eingelaufene und robuste Schnabelstiefel aus dickem Rindsleder, mit weiten und breiten Stulpen, aus dunklem Wildleder runden die Gewandung Adraéyus vollends ab. Diesen Stiefeln sieht man deutlich an, dass sie schon einige Meilen auf dem Buckel haben, doch sie sind von hervorragender Handwerkskunst, so dass sie sicherlich noch einige Meilen mehr aushalten werden.

Um seine Unterarme trägt er zwei unterarmlange, gebeizte und filigran verzierte Armschienen aus doppelt gefaltetem, verstärktem Messing. Diese hat er, ebenso wie das Kettenhemd, von jenem unglückseligen Soldaten in besagter Taverne gestohlen. Sie sind nicht nur besonders modisch, sondern auch überdies sehr praktisch um angreifende Klingen notdürftig abzuwehren. Einige tiefe Schrammen und Kratzer beweisen überdies, dass Adraéyu die Armschienen zu eben diesem Zweck schon einige Male hatte einsetzen müssen, und da er noch am Leben war, mit Erfolg. Da diese Armschienen ziemlich modisch sind trägt er sie gerne auch, wenn er sie nicht zum Selbstschutz benötigt. Sie verleihen seinem Erscheinungsbild ein wenig Authentizität wenn er sich als Angehöriger des niederen Adels ausgibt. Allerdings trägt er sie in gefährlicheren Gegenden nicht offen, sondern unter der Tunika verborgen. Sie würden nur Diebe auf den Plan rufen, und genau solche Konfrontationen will er im Grunde ja vermeiden.

Zusammengehalten wird seine Gewandung, die Hose und das Leinenhemd, sowie das Kettenhemd darunter, durch einen dicken, haselnussbraunen Ledergürtel, an welchem Adraéyu auch, neben einer kleinen, schmucklosen Scheide für sein gebogenes Langmesser, drei kleinere Ledertaschen angebunden trägt. In jenen Taschen trägt er all die Dinge mit sich herum die er für das Leben als Barde benötigt, sowie jene Dinge, welche für das Überleben in der Wildnis von äußerst großem Nutzen sind. Neben einem sorgsam verstauten Tintenfässchen, samt Schreibfedern, finden sich hier auch Dinge wie Ersatzsaiten für seine Laute, der Stimmschlüssel für den Wirbelkasten oder eine kleine Panflöte aus robusten Schilfröhrchen, falls die Laute einmal nicht angebracht sein sollte. In den anderen Taschen finden sich neben Trockenfleisch und seiner geringen Barschaft von wenigen Hellern, ein kleines Salzdöschen, eine Handvoll kleiner, unreiner Bernsteine in einem kleinen Lederbeutel, zwei Bogensehnen, Ersatzpfeilspitzen, einige - unglücklicherweise ausgefranzte - Rabenfedern, eine kleine Zunderbüchse aus Bronze, ein scharfes, zusammenklappbares Rasiermesser, sowie einige Leinenstreifen, samt Nadel, Faden und einem kleinen Fläschchen hochprozentigen Schnaps um auf die Schnelle Wunden verarzten zu können.

Wenn es nicht sehr kalt ist legt Adraéyu seinen Mantel ab, und trägt nur seinen Umhang, mit einer eingearbeiteten Wickelkapuze, welche am Hals mit einem kräftigen Lederriemen zusammengezogen werden kann. Diese Art der Kapuze ist in vielerlei Hinsicht äußerst praktisch. Zum einen kann man sie tief ins Gesicht ziehen, um so Blicke auf Adraéyus fremdartige Augen zu verhindern und zum anderen bleibt eine solche Kapuze, wenn sie fest angezogen ist, selbst bei dem stärksten Wind auf dem Kopf. Dieser Umhang - welchen er ansonsten über dem Mantel trägt - ist zugleich ein Wendeumhang. Auf der einen Seite wurde der ansehnlichere Leinenstoff in einem dunklen Weinrot eingefärbt, und auf der anderen in einem dunkelgrauen gut gewalktem Loden verarbeitet. Die Verwendung dieser zwei Stoffe hat einen einfachen Grund gehabt. Der Loden ist wunderbar dafür geeignet, um sich vor Regen zu schützen, doch falls Adraéyu einmal etwas eleganter auftreten muss, ist hier das weinrote Leinen die eindeutig bessere Wahl. Zusammengehalten wird dieser Mantel durch eine einfache, schlichte Scheibenfibel aus Messing. Sie weist nur geringe Verzierungen, und auch einige Kratzer auf. Lediglich ein kleiner Kreis aus Bernsteinen wurde, nahe am Rand der kleinen Scheibe eingefasst. Leider fehlen von den einstmals fünf Bernsteinen zwei, denn sie sind aus den Fassungen herausgefallen. Die Einkerbungen der Fassungen sind schon so lange leer, dass sich darin schon so mancher Schmutz angesammelt hat.

Über seine Brust hat Adraéyu quer einen dicken Ledergurt angelegt. Dieser Gürtel liegt über dem Mantel, aber unter dem Umhang, und an jenem Gürtel trägt er auf halbem Rücken zwei große, mit Leder ummantelte Rollen, welche jede für sich mit einem eigenen Deckel verschlossen werden kann. Die eine Rolle ist aus einem rötlichen Leder gefertigt, und wird von einigen eingestanzten Markierungen, welche mit einem heißen Eisen in das Leder gebrannt wurden, verziert. In jener Rolle trägt Adraéyu all seine Pergamente und Aufzeichnungen mit sich herum. Neben leerer, unbeschriebener Pergamentseiten finden sich hier unzählige Schriften, Gedichte, Lieder und Geschichten, welche er über viele Jahre angesammelt, oder selbst geschrieben hatte. Diese Rolle hat Adraéyu über eine sehr lange Zeit hinweg immer wieder mit Leinöl eingefettet, damit sie auf jeden Fall wasserdicht ist, und auch bleibt. Der Deckel wurde mit einem komplizierten Schließmechanismus versehen, um zum einen Diebe daran zu hindern zu leicht an den Inhalt zu gelangen und zum anderen, dass auch hier kein Wasser in die Rolle eindringen kann. Die andere Rolle wurde aus einem eher dunkelbraunen Leder gefertigt. Der Deckel dieser Rolle wird einfach nur auf die Öffnung gesteckt, und mit Hilfe eines Knopfes aus geschnitztem Hirschgeweih zusammengehalten. In dieser Rolle trägt Adraéyu ganze sechs, mit schwarzen Rabenfedern befiederte, Pfeile mit sich. Des weiteren trägt Adraéyu einen, an einem dünnen Lederriemen befestigten, doppelt gegerbten, ledernen Wasserschlauch über dem Mantel. In einer, ebenfalls, quer über die Brust umgehängten, braunen Tasche aus Wildleder, trägt er einen verfilzten, zerschlissenen und abgetragenen, weiten Umhang, welchen er im Bedarfsfall einfach und schnell umlegen kann, wenn er sich als alter, gebeugter Mann ausgeben möchte. Hierfür legt er seinen sauberen, edlen, dunkelgrauen Umhang ab, und faltet diesen sorgsam zusammen um ihn, statt dem anderen Umhang in der Tasche zu verstauen. Neben dem Umhang befinden sich hier auch ein paar alter, abgetragener Handschuhe und eine Augenbinde aus dünnem Stoff. Diese Augenbinde soll den Anschein erwecken, dass Adraéyu blind sei, dabei kann man durch diesen Stoff, mit ein wenig Anstrengung, gut hindurchsehen, und so seine Umwelt narren, indem man vorgibt blind zu sein. Außerdem befindet sich in dieser Tasche eine kleine, mit einem Riegel verschlossene Holzkiste. Adraéyu hat sie schon sehr lange nicht geöffnet, und den Inhalt darin schon fast vergessen. In dieser Kiste liegt ein kleines, mit rotem Leder eingebundenes Buch, in welches der Titel »Zerwürfnis« eingebrannt worden war. Es ist ein schlichtes, schmuckloses Buch ohne irgendeinen besonderen Wert, außer für Adraéyu selbst.

Sein wertvollstes Stück hingegen, welches ihm seinen Lebensunterhalt sichert, trägt er in einem gut verschlossenen, hölzernen, mit gut geöltem Hirschleder bespannten Kasten auf dem Rücken. Diesen Kasten trägt er mit einem einfachen Lederriemen direkt über dem grauen Umhang. In diesem robusten Lautenkasten liegt, gut gepolstert sein wertvollster Besitz, seine Laute. Die Laute wurde aus verschiedensten, hochwertigen Hölzern gefertigt und verleiht dieser so ihren unnachahmlichen und bezaubernden Klang. Die Muschel wurde aus reinem Ahorn gefertigt, während die Decke aus üblicherweise verwendeter Fichte gezimmert wurde. Griffbrett und Wirbelkasten wurde aus hartem Schwarzholz gefertigt, und die Spannschlüssel aus einfacher Bronze geschmiedet. Alles in Allem ist diese Laute ein einfaches, und dennoch sehr hübsch anzusehendes Instrument, welches Adraéyu schon viele, gute Dienste erwiesen hat. Natürlich gibt es weit bessere, schönere und vor allen Dingen teurere Lauten. Doch kann Adraéyu sich diese einfach nicht leisten. Und seine hat ihn zumindest bisher noch nie im Stich gelassen, mit Ausnahme einiger, hin und wieder gerissenen Lautensaiten.

Waffen:
Neben, dem bereits erwähnten, gebogenen, zirka zwanzig Zoll langen, und äußerst scharfem Langmesser, welches Adraéyu am Gürtel in einer ledernen Scheide mit sich trägt, besitzt er nur eine einzige, weitere Waffe. Einen stabilen Langbogen aus besonders robustem, Zweifinger-dickem Eschenholz, mit dem – für einen Barden besonders unkreativen – Namen, »Zweifinger«. Normalerweise laufen Langbogen zu den Enden hin schmäler zu, der »Zweifinger« hingegen nicht. Er ist an den Enden genauso dick, wie an seiner Mitte. Adraéyu hat bewusst eine dickere Ausführung gewählt, da er den Bogen dadurch auf verschiedenste Weisen nutzen kann. Zum einen als Wanderstab, denn Adraéyu trägt den Bogen stets ohne die Sehne ungespannt mit sich. Der Bogen ist beinahe durchgehend gleichmäßig beschaffen, was mitunter auch den Grund hat, dass er den Bogen unbehelligt mit sich führen kann, denn schließlich sieht er doch aus wie ein Wanderstab. Für die Sehne gibt es an beiden Enden entsprechende, gut geschliffene Einkerbungen, in welche die Schlaufen eingehängt werden können. Die besagten Sehnen befinden sich, sorgsam verstaut, in einer der kleinen, ledernen Taschen an seinem Gürtel. In überraschenden Notsituationen kann er den robusten Stab somit behelfsmäßig als Kampfstab nutzen und damit dem einen oder anderen Feind eins über den Schädel ziehen, bevor er den weitaus weiseren Weg der Flucht antritt. Natürlich kann man diesen Bogen nicht auf Dauer auf diese Weise einsetzen. Er würde irgendwann wohl brechen. Aufgrund der Beschaffenheit und der Stärke des Holzes eignet sich dieser Bogen nur bedingt für den direkten Fernkampf. Er ist schwerer zu spannen, als ein gewöhnlicher Bogen gleicher Bauart. Er weist eine Zugkraft von über 120 Pfund auf, was eine enorme Spannkraft erfordert. Den Stab selbst hat Adraéyu mit zahlreichen Schnitzereien versehen, denn immer dann, wenn er abends an einem Lagerfeuer gesessen hat, und er ansonsten nicht wusste was er sonst machen sollte, hat er den Stab um eine weitere Schnitzerei erweitert. In der Mitte des Stabes befindet sich ein fest gewickeltes, hellbraunes Lederband, welches ebenfalls viele Verzierungen trägt, die mit einem glühenden Eisen ins Leder gebrannt worden sind.


Charakter:
Als Raéyun trägt Adraéyu den Wind, besser gesagt den Geist des Windes, in seinem Herzen. Er kann niemals lange an einem Ort verweilen, ohne die Verlockungen des Windes und seinem Ruf in die Ferne zu vernehmen. Sobald er versucht an einem Ort, und gefällt er ihn auch noch so sehr, sesshaft zu werden, zieht ihn seine Musik, und der Ruf seines Blutes stets an einen völlig anderen, meist sehr weit entfernten Ort. Man kann nicht sagen warum dies bei den Raéyun so ist, doch leidet auch Adraéyu unter diesem, man könnte sagen, Fluch. Entsprechend dieser Veranlagung hat Adraéyu auch einen wankelmütigen Geist entwickelt. Es kam schon öfter vor, dass er sich in zwei, im Grunde sehr ähnlichen Situationen völlig grundverschieden verhalten hat. Das macht es schwer sich auf ihn wirklich einzustellen, da sein Handeln oftmals auch nicht sonderlich rational erscheint. Er handelt oft impulsiv und der aktuellen Situation entsprechend, ohne vorher etwaige Konsequenzen gegeneinander abzuwägen.

Wenn Adraéyu persönlich provoziert wird, dann kann es vorkommen, dass er auch einmal irrational reagiert. Ist sein Gegenüber gut gebaut und kräftig, da würde er wohl klein beigeben, oder versuchen zu entkommen. Doch bei weniger gefährlichen oder annähernd gleich starken Gegnern versucht er den Gegner mit seiner Musik einzulullen, oder mit guten Argumenten. Und wenn alles nicht hilft, da würde Adraéyu manchmal auch nicht davor zurück schrecken, den Gegner in Sicherheit zu wiegen und dann im erstbesten Moment einen vergifteten Dolch in den Rücken zu stoßen.

Einzig eine Sache ruht stets in seinem Hinterkopf, und ermahnt ihn immer wieder zur Vorsicht und Ruhe. Um jeden Preis zu vermeiden, als Raéyun erkannt zu werden, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann das Unvermeidbare zumindest so lange wie es geht hinaus zu zögern. Denn er hat einfach schon zu viele negative und äußerst schlechte Erfahrungen damit gemacht, wenn Menschen um ihn herum ihn als das erkannten, was er wirklich war. Ein fremder mit Augen wie Bernsteine, denen man noch allerhand Mächte und Taten nachsagte. Dabei war er doch nur ein Mensch wie viele andere auch. Mit Stärken und Schwächen, wie sie ein jeder hat. Doch die Menschen fürchten das Unbekannte. Und wie die unbekannte Macht eines Drachenerben, welche man oftmals an ihren roten Haaren erkannte, oder wie die entfesselnde und kaum zu bändigende Macht eines Elementarbemächtigten, so waren auch jene Menschen gefürchtet, deren Augen die Farbe eines Bernsteins hatten, und sei die Farbe auch noch so schwach ausgeprägt. Und Adraéyus Augen waren alles andere als schwach ausgeprägt. Sie leuchteten einem förmlich entgegen und schrien es einem ins Gesicht: »Ich bin ein Raéyun!«

Kennt man die Lebensgeschichte Adraéyus, wird einem bald klar, dass sein Geist mit sich selbst Zwiegestalten und in einem inneren Zwist verschlungen ist. Adraéyu ist mehr als nur ein Mensch, er ist ein Raéyun. Adraéyus Schauspielerei und seine vielen, verschiedenen Maskeraden und Namen, die er sich über die Jahre angeeignet hatte, machte er sich so sehr zu Eigen, dass ein Teil von ihm selbst auch glaubt er sei nicht nur Adraéyu. Er leidet unter dem, was man als eine gespaltene Persönlichkeit bezeichnet, eine multiple Persönlichkeit, welche zwei Seelen in einem Körper vereint. Araéyu nennt es seine zweite Seele, oder auch seine schwarze Seele, welche in ihm schlummert und ihm dunkle Worte einflüstert. In Adraéyus Fall kann man hierbei natürlich nicht von mehreren Seelen sprechen, sofern man an derartige Existenzformen glauben mag, doch kann man zuweilen beobachten, dass Adraéyu völlig grundlegend verschiedene Charaktereigenschaften an den Tag legt, die weit über das Spielen einer fiktiven Rolle hinausgehen. Wenn er Arn der Barde ist, dann spielt er nicht nur Arn den Barden: Er ist Arn der Barde. Er glaubt selbst felsenfest daran, eben jener Arn zu sein, als welcher er sich dem Publikum zu erkennen gibt. Wer Adraéyu nicht gut kennt, der vermag diese feinen Unterschiede nicht wirklich zu erkennen. Geschweige denn in der Lage zu sein, zuordnen zu können, welche Rolle zu welcher Persönlichkeit zählt. Drum lasst mich ein wenig Licht in das Dunkel bringen. Adraéyu teilt mit zwei Persönlichkeiten den Körper. Die eine ist gutherzig, oftmals sanft, viel öfter noch erheiternd und gerne auch einmal eine romantische Dichterseele. Er nutzt seine Gabe nicht nur dafür, um damit bare Münze zu verdienen, indem er einfache Lieder zum Besten gibt, Nein. Er hat schon so manchem Menschen in der Not geholfen, indem er seinen Geist berührte. Sei es verlorenen Lebenswillen wieder zu entfachen, oder große Seelenpein zu lindern. Er ist es, welcher die Rolle des Arn oder des Alerion darstellt. Menschen guten Schlages, die sich durch die widrigen Umstände des Lebens schlagen müssen.

Die zweite Persönlichkeit hat eine dunkle Seite an sich. Wenn sie zum Vorschein kommt, dann neigt Adraéyu dazu selbstsüchtig und egoistisch zu sein, er interessiert sich nicht für das Leid anderer, und missbraucht die ihm gegebene Macht für seine Zwecke, oder gar um andere damit zu lenken oder zu schädigen. Diese Persönlichkeit neigt eher dazu traurige Balladen, oder Lieder von Krieg und Tod zu singen, während die andere Persönlichkeit eher dazu neigt lustige Trinklieder, romantische Liebeslieder oder einfache Volksweisen zum Besten zu geben. Rollen wie boshafte Possenreißer oder Taschendiebe, Riemenstecher, Beutelschneider und schwarze Zaubersänger – Menschen die den Ruf haben ein Scharlatan zu sein - stehen dieser Persönlichkeit zu Gesicht. Eine brutale und sadistische Natur schwingt in den Taten des, nennen wir ihn den Bösen, Adraéyus mit. Es zeichnet sich nur durch offensichtliche Bosheit oder Niedertracht aus. Auch begeht er wohl grauenhafte Verbrechen. Er ist leicht reizbar und neigt eher dazu dem Jähzorn zu verfallen, und er würde auch nicht davor zurückschrecken eine Frau zu vergewaltigen oder zu erdolchen, wenn dies seiner Sache dienlich wäre – zum Beispiel, wenn ihn ein aufgebrachter Mob ungebildeter Bauern für die Farbe seiner Augen am nächstbesten Baum aufknüpfen möchte. Glücklicherweise ist - noch wohlgemerkt - die gute Seite in Adraéyu die vorherrschende Persönlichkeit. Doch beide Persönlichkeiten führen miteinander einen ewigen Disput darüber, welche es ihrer Meinung nach verdient hätte die dominantere zu sein. So lebt Adraéyu im Inneren wie auch in seinen Taten einen ständigen Zwist mit sich und allen anderen Menschen. Einzig seine Musik kann ihm hierbei Linderung und Ablenkung verschaffen. Denn so wie er es vermag andere mit seiner Musik zu bezaubern, so vermag er es ebenso seine unruhigen Geister, oder nennen wir es seinen zwiegespaltenen Geist, welcher tief in ihm ruht, für die Dauer eines bezaubernden Liedes zu besänftigen, und ihm erlaubten für einen kurzen Moment Harmonie und Frieden zu finden. Das ist natürlich auch der Grund, warum er so oft die Laute spielt, oder einfach nur ein leises Lied vor sich hin summt oder einfache Melodien pfeift.

Adraéyu ist kein klassischer Einzelgänger. Eher ein Einzelgänger wider Willen. Wie jeder Mensch braucht auch er soziale Kontakte. Doch gestaltet sich das Suchen nach Freunden schwierig, wenn man ihm nur misstrauisch oder gar verächtlich begegnet. Er reist am liebsten mit wandernten Theatergruppen oder musizierenden Zigeunern durch die Lande. Hier kann er am ehesten sein wer er wirklich ist.

Adraéyu ist keine Kriegernatur, auch wenn Raéyun im Volksmund gerne auch als Kriegerbarden bezeichnet werden. Seine Kriegskunst, wenn man so will, liegt in dem Betören und Verzaubern der Masse, nicht in dem plumpen Erdolchen, Erschlagen oder gar Erschießen einzelner Streiter. Wenn sich abzeichnet, dass sich Gefahr zusammenbraut oder ein Konflikt am Eskalieren ist, dann packt er schnurstracks sein Hab und Gut zusammen und macht sich so schnell, wie nur irgend möglich, im aller besten Fall unsichtbar. Diese Gabe wurde Adraéyu allerdings leider nicht zuteil, also nutzt er seine, über die Jahre hinweg angeeignete Fähigkeit, in eben solchen, brenzligen Situationen die Aufmerksamkeit von sich auf andere zu lenken, und in diesem Augenblick der Verwirrung rasch und elegant zu entschwinden. An guten Tagen lässt er sich möglicherweise dazu herab, ein bezauberndes Lied anzustimmen, welches die Gemüter der Anwesenden beruhigen soll. Doch handelt Adraéyu, wohl auch in Anbetracht seiner bisherigen Erlebnisse, in solchen Situationen meistens eher selbstsüchtig, als weitsichtig. Im Falle einer Tavernenschlägerei, ist dies meist der Rückzug aus einem Fenster oder durch die Wirtsstube oder gar die Küche. Zwar hat Adraéyu schon einige Auseinandersetzungen mit betrunkenen Schenkenstreunern, aufgebrachten Ehemännern – die ihn im Bett mit ihrer Gattin, oder gar Tochter erwischt hatten - oder aufmüpfigen Wegelagerern gehabt, und ebenso hatte er natürlich schon dem einen mehr oder anderen weniger aufgebrachten, abergläubischen Mob davonlaufen müssen. Und in eben diesen Situationen blieb ihm oft nichts anderes übrig, als sich seiner Haut erwehren zu müssen. Denn auch wenn Adraéyu ein schweres Los gezogen hat, als gefürchteter Raéyun unter Menschen leben zu müssen, so hängt er doch sehr an seinem Leben. Und er liebt die Vorzüge dieses Lebens, wie auch die Genüsse und Freuden, die es zu bieten hat.

Und so kam es natürlich, dass er – wenn seine Musik versagte, die Anderen zu verwirren oder zu beruhigen - schon den ein, oder anderen Menschen mit seinem Langbogen niedergestreckt hatte – auf die eine oder andere Weise. Sei es, ob er jenem Menschen einen Pfeil in die Brust geschossen hatte, oder ihm einfach nur den robusten »Zweifinger« mit einer, beinahe Schädelspaltenden Wucht, über den Kopf gezogen hatte. Selbst sein, nicht gerade furchteinflößendes Langmesser hat schon einmal das Blut eines Menschen kosten müssen. Doch versucht Adraéyu, sofern es ihm irgend möglich ist, eben solchen unliebsamen, und für ihn in den meisten Fällen auch äußerst unvorteilhaften Situationen stets tunlichst aus dem Weg zu gehen. Auch wenn in den meisten Fällen immer letzten Endes die Menschen am liebsten ihre Waffen sprechen lassen, versucht Adraéyu eben dies zu umgehen. Denn wenn er bis dahin wirklich ausgesprochenes Glück gehabt hatte, seine Haut immer größtenteils unbeschadet aus solchen Situationen heraus retten zu können, so muss dies nicht immer so sein. Adraéyu wird schließlich auch nicht jünger, und mit dem Alter nehmen die Agilität und auch die Ausdauer ab, und früher oder später wird ihm sein Blut und seine Natur schließlich auch zum Verhängnis werden. Und ob er diesen Tag überleben wird, das wissen nur die Götter, ganz gleich welche.

Adraéyu hat ein natürliches Misstrauen gegen jede Art von Mensch oder Angehörige anderer Rassen. Doch beruht dieses Verhalten schließlich oft auch auf Gegenseitigkeit. Doch die Elfen beäugelt er nicht nur einfach mit Misstrauen, Nein. Er verachtet sie förmlich. Dies ist keine unbegründete Aversion gegen dieses Volk im Allgemeinen. Sein Hass und seine Verachtung für jenes Volk liegen in dunklen Erlebnissen vergangener Tage begründet. Er wurde von einer Gruppe Elfen auf eine sehr üble Weise betrogen, ausgenutzt und hintergangen. Diese Erlebnisse haben ihn derart, man kann schon fast sagen, traumatisiert, dass er heute nicht mehr wirklich an das Gute in einem Elfen glauben will. Allerdings trägt Adraéyu diese Verachtung nicht offen, nach außen hin. Ein solches Verhalten kann er sich einfach nicht erlauben, selbst wenn er dies gerne würde. Er muss sich dennoch stets bedeckt halten. Nicht nur um seine wahre Herkunft zu verbergen, Nein, auch um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Kein Barde und Mime der in einem Ort, einem Dorf oder auch nur einer kleinen, unbedeutenden Taverne aufspielt, kann es sich erlauben einen Streit vom Zaun zu brechen, oder zahlendes Publikum zu vergraulen. Nein, Adraéyu muss sein Misstrauen gegenüber den Menschen und seine Verachtung gegenüber den Elfen oftmals herunterschlucken. Denn auf der Bühne, oder eben auch nur in einer Ecke neben dem Kamin, da muss er der Barde sein. Ein lustiger oder romantischer Spielmann, der den Menschen eine kurzweilige, und oftmals unterhaltsame Abwechslung von ihrem, harten und eintönigen Alltagsleben bieten soll. Hierfür zahlen die Menschen ihre hart erarbeiteten Heller, hierfür und natürlich für Unmengen an verwässertem Bier und fruchtigem Wein.

Moral, Überzeugung & Prinzipien:
Adraéyu hat recht pragmatische Moralvorstellungen. In erster Linie geht es ihm darum, dass ihm nichts passiert. Erst dann kommen alle anderen Menschen. Hält Adraéyu sich in großen Städten oder nahe menschlicher oder gar elfischer Zivilisation auf, begnügt er sich in der Regel damit, mit einfachen Volksliedern und Weisen sein Brot zu verdienen. Dies ist manchmal einfacher gesagt, als getan. Denn schaltet sich nicht unglücklicherweise und vor allem ungefragt seine niederträchtige Persönlichkeit ein, verzichtet er auch größtenteils auf den Gebrauch seiner raéyun'schen Gaben und Talente. Hier einmal eine kleine Manipulation, oder dort ein kleiner Dreh, diese Dinge liegen Adraéyu natürlich schon derart im Blut, dass er sie schon völlig unterbewusst ausübt. Aber alles, was darüber hinausgeht, das Lied, welches er gerade spielt, der Masse zugänglicher zu machen, oder dem Publikum die eine oder andere Münze mehr aus dem Geldsack zu leiern, unterlässt er hingegen. Selbst, wenn er Menschen begegnen würde, die leiden und ein einfaches Lied ihnen Trost und Zuversicht spenden würde, hält er sich hierbei oftmals sehr bedeckt. Manch einer würde dies für pure Selbstsucht halten, doch auch nur wenn man wüsste, zu welchen Taten Adraéyu eigentlich fähig ist. Doch in Wirklichkeit hat Adraéyu einfach nur Angst. Die Furcht vor den Konsequenzen, sollte seine wahre Natur entdeckt werden, lähmt seinen Willen seine Gabe einsetzen zu wollen.

Adraéyu ist kein selbstloser Heiler, der durch die Lande zieht, und Menschen hilft, oder ihr Leid zu lindern versucht. Er hat zu viele schlechte Erfahrungen gemacht, als dass er derart blauäugig und selbstlos durch die Lande Alvaranias gehen würde. Natürlich kann er nicht an traurigen Kindern oder bemitleidenswerten Frauen vorüberziehen, ohne ihnen zumindest ein aufmunterndes Lied vorzuspielen, so herzlos kann selbst seine dunkle Seite nicht sein. Doch zu mehr muss er sich jedes Mal überwinden, so er sich in größeren Städten oder zivilisierteren Ländern aufhält.

Seine Zeit in den wilden Landen hingegen, hat ihn ein völlig anderes Bild von Menschen vermittelt. Hier wurde er angenommen, als das was er war. Man half ihm bei seiner Suche, man gab ihm so etwas wie ein Zuhause, auch wenn Adraéyu es nicht annehmen konnte, da ihn der Wind in seinem Herzen stets an einen anderen Ort weht. Hier nahm man seine Hilfe dankend an, und es spielte auch keine Rolle welche Farbe seine Augen denn hatten. Hauptsache seine Haut war nicht grau. Hier hat Adraéyu das erste Mal seine raéyun'sche Blutline gefährdet, als er bei einer Frau gelegen hatte. Und das, obwohl er sich eigentlich geschworen hatte niemals eine Frau zu nehmen, die keine Raéyun war. Und seither ist er auch auf den Geschmack gekommen, und weiblich Raéyun gibt es nun auch nicht gerade sehr viele. Und in den wilden Landen hat Adraéyu auch gelernt seine Gabe zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Nicht nur ein einfaches, tröstendes Lied am späten Lagerfeuer. Wahre, tiefgreifende Melodien, die das Herz und die Seele berührten. Gesang und Melodien, die Menschen davon abhielten sich in Selbstmitleid zu ertränken, oder eine innige und tiefe Liebe für einen anderen Menschen entfachten. Wenn Adraéyu aus tiefster Seele sang, und die Laute zu ihren klangvollsten Tönen angestimmt hatte, schmolzen Seelen aus Eis dahin und vergaben selbst die schlimmsten Taten. Oft war derartige Reue natürlich nur von kurzer Dauer, aber für den Moment, in welchem die Musik erklungen hatte, war die ganze Welt mit sich im Reinen. Dies ist etwas, was auch Adraéyu in gewisser Hinsicht Trost spendete.

Wenn Adraéyu so etwas wie ein Ehrgefühl hat - wie ein Taschendieb eine gewisse Ganovenehre besitzt, wenn er sich selbst auferlegt keine Frauen zu bestehlen, oder eines Barbaren Ehrenkodex diesem verbieten würde, wehrlose Kinder zu erschlagen – so hat Adraéyu nur eines, und dieses auch nicht besonders drakonisch. Seine Musik ist ihm heilig. Er würde niemals das Andenken an seine Eltern entehren, auch wenn er sich bei ihnen nur noch an wenige Einzelheiten erinnern kann. Seine Eltern lehrten ihn die Liebe zur Musik, nicht direkt, sondern durch ihre liebevolle Erziehung. Und mit Hilfe seiner Musik will er dies ehren. Natürlich schwingen hier auch viele andere Gründe und Einflüsse mit, doch hierbei ist es allerdings schwer sich an eine gewisse Richtlinie zu halten. Denn manche Raéyun handhaben es so, dass sie ihre Gabe zum Wohl der Anderen einsetzen, trotz der Verfolgung, und ihre Taten den Geistern und der Musik widmen, während andere nur selbstsüchtig und eigensinnig ihre eigenen Ziele verfolgen, und ihr Gabe nur für sich selbst und ihren eigenen Vorteil nutzen. Adraéyu macht beides, stets auch abhängig davon welche seiner beiden Persönlichkeiten gerade die Überhand inne hält. Einen richtigen Ehrenkodex besitzt Adraéyu nicht, weder mit der einen, noch mit der anderen Persönlichkeit. Aber ein Ehrgefühl. Ein Gefühl dafür was richtig und was falsch ist. Natürlich legt die eine Persönlichkeit das mehr als die andere aus, doch ein gewisser Grundgedanke ist bei beiden vorhanden.

Er hatte einmal den Vorsatz, er würde seine Musik niemals dazu verwenden, andere zu betrügen. Anders als sein erster Lehrer, Rudgar, welcher ihm das Spielen auf der Laute beibrachte, aber auch das Täuschen der Masse um eben diese im gleichen Atemzug ihrer Habseligkeiten zu erleichtern. Doch mit diesem Vorsatz brach Adraéyu schon sehr bald. Er redete sich immer wieder ein, dass ihm keine Wahl blieb, da er ansonsten rein gar nichts hätte und somit verhungert worden wäre. Doch ein Bruch mit dem Vorsatz und somit dem Ehrenkodex ist ein Bruch, und einen solchen Bruch kann man nicht mehr heilen, wie den eines gebrochenen Knochens.
Heute beschränkt Adraéyu sich bei diesem halbgegorenen Ehrenkodex darauf, stets darauf zu achten, nur jene zu bestehlen und zu betrügen, die es entweder wahrlich verdienen, oder zumindest so viel besassen, dass ihnen das bisschen, was Adraéyu ihnen abgenommen hatte, nicht fehlen würde.

Adraéyus gute Seite wollte niemals Frauen nötigen, oder Kinder schlagen, und doch hat er auch deine oder andere bereits getan, seine dunkle Seite sogar mit Wonne, ohne jemals so etwas wie Reue oder Mitgefühl empfunden zu haben. Nicht einmal dann, als diese Tat die Stadtwache auf den Plan geführt hatte, und er mit Schimpf und Schande davongejagt wurde. Er hatte rennen müssen, als ob der Tod hinter ihm her geritten wäre, und er hatte auf seiner Laute gespielt und mit seiner besten Stimme gegen diesen Tod angesungen, als ginge es um sein eigenes Leben. Rückwirkend betrachtet konnte er dem Tod damals noch einmal von der Schippe springen, als er die wütende Meute abgehängt hatte. Doch Reue hatte er damals nicht empfunden, nur Verachtung für die Anderen, und Unverständnis für sein Versagen die Menge mit Hilfe seiner Musik zu bändigen.

So gesehen besitzt Adraéyu eine gewisse Doppelmoral, die er natürlich vor anderen niemals zugeben würde. Nicht nur aufgrund seiner gespaltenen Persönlichkeit. Auch jede Persönlichkeit für sich zeigt diese Doppelmoral, die sich in gewissen Situationen zeigt. So ist in einer Situation seine eigene Handlungsweise völlig legitim, während andere Menschen für dieselbe Handlungsweise von Adraéyu manchmal sogar regelrecht verteufelt werden. Oft fehlt ihm hier auch ein Mensch an seiner Seite, der ihm hin und wieder vor Augen führt, dass auch er sich manches Mal nicht an seine eigenen Regeln zu halten bemüßigt fühlt. Und dieser Mensch muss neben einem starken Geist, der dazu in der Lage ist Adraéyus raéyun'schen Fähigkeiten zu ertragen, auch willens sein, den oft eigensinnigen und engstirnigen Adraéyu aushalten zu wollen und ihm die Stirn zu bieten.

Adraéyu ist weder eine besonders fromme, noch ein sonderlich lasterhafte Persönlichkeit. Er hat seine Laster und Vorlieben, wie sie jeder Mensch hat. Er trinkt wahrlich gerne einmal einen guten, gediegenen Wein oder, wenn er die äußerst seltene Gelegenheit dazu hat, auch einmal einen vorzüglichen, honigsüßen Met. Doch Met ist rar und sehr teuer, und Adraéyu kann sich oft nicht einmal den edlen, roten Tropfen leisten, geschweige denn den Met. So gibt sich Adraéyu oftmals einfach mit schalem Wein oder fruchtigem Schnaps aus Birnen oder Kirschen zufrieden, wenn es ihm danach gelüstet sich zu betrinken, und so selten kommt das gar nicht vor. Sei es sich einfach nur den Frust von der Seele zu trinken, oder in die stimmungsvolle Runde aus Tavernengästen und Nachtschwärmern einzustimmen, und Einen zu heben. Wenn er einmal einen Händler aus dem Süden trifft, welcher seltenen Tabak verkauft, dann ist Adraéyus Versuchung groß, diesen nicht zu berauben. Der Tabak ist mindestens genauso teuer, wie der Met, doch liebt Adraéyu den rauchigen Geschmack des herben Tabaks auf der Zunge, und natürlich auch in der Lunge. In manchen Regionen Alvaranias werden aber noch ganz andere Dinge aus großen Pfeifen geraucht, wie zum Beispiel wilde Kräuter, getrocknete Pilze oder geriebene Nüsse. Adraéyu hat dies auch schon einmal gekostet, doch musste er davon derart husten, dass ihm die Lust auf derartige Genüsse verleidet wurde, auch wenn die berauschende und beflügelnde Wirkung eine wahrlich einschlagende Erfahrung hinterlassen hatten.

Adraéyu ist natürlich nicht nur ein Barde, sondern in erster Linie auch nur ein Mann. Mit ganz gewöhnlichen und natürlichen Bedürfnissen. Sein Beruf und Talent als Barde, und die Vorteile des Windes in seinem Herzen, welcher ihn stets an andere Orte zieht, bringt auch einige Vorteile mit sich. Die Unbekümmertheit ob der Gewissheit am nächsten Morgen schon längst an einem anderen Ort zu sein, lässt gewisse moralische Zwickmühlen oft gar nicht erst entstehen. Die bezaubernde Kunst der Musik, und die Möglichkeit mit dieser die verführerischsten Liebeslieder anzustimmen, hat Adraéyu schon einige Male dazu verleitet, die eine oder andere Schönheit in seine Arme zu locken. Meist reicht es nur für kurze Liebesspiele, in einer dunklen Gasse oder in einem großen Heuhaufen. Denn wenn Adraéyu mit einigen dieser holden Maiden erwischt worden wäre, hätte ihn dies weit mehr gekostet als nur eine gehörige Tracht Prügel des gehörnten Ehemannes. Zweifellos sind nicht wenige Barden als ehrlose Schürzenjäger und Verführer verschrien, und dennoch werden ihre Dienste gerne in Anspruch genommen, wenn es darum geht das Herz einer begehrten Jungfer zu erobern, indem man ein Liebeslied oder ein romantisches Gedicht in Auftrag gibt. Doch einem Barden eine solche Macht in die Hände zu legen, und zugleich zu erwarten, sie würden diese nicht auch einsetzen, grenzt an törichter Naivität. Ganz gleich, als würde man einem Kind eine brennende Kerze oder eine Zunderbüchse in die Hände geben, und dann von diesem erwarten, es würde damit nicht herum Zündeln.

Erstaunlicherweise hat Adraéyu die angenehme Erfahrung gemacht, dass willige oder betörte Frauen sich oftmals nicht an der Farbe seiner Augen störten. Im Gegenteil, eine gewisse Faszination für das Fremde und der mysteriöse und magische Glanz der dem Bernsteingold anhaftet, macht den fremden Barden, welcher ihr Herz so sehr berührte umso interessanter. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum Adraéyu diese wenigen, aber umso wertvolleren Momente um nichts wissen möchte, ganz gleich wie gefährlich dieses Verhalten auch sein mag.

Natürlich weiß Adraéyu auch, dass er in einem Bordell ein derartiges Vergnügen für viel weniger Aufwand, und mit einem weit weniger bedrohlich tief hängendem Damoklesschwert erhalten könnte. Und auch wenn die, oft liebreizenden oder rassigen Schönheiten dort keineswegs zu verachten waren, so war es dennoch nicht dasselbe. Adraéyu war eine Bardenseele, und auch wenn die Frauen für gewöhnlich selbst von gewöhnlichen Barden sich bereitwillig durch deren Musik bezaubern ließen, so bevorzugte er dennoch das Umwerben einer schönen Frau, als diese einfach für ein paar harte, kalte Münzen zu kaufen.

Glaube:
Adraéyu hat als Raéyun, welche im Volksmund ja als gottlos gelten, keinen wahren Glauben gelehrt, oder von seinen Eltern anerzogen bekommen. In den jungen Jahren seiner Wanderschaft wurde er in den verschiedensten Regionen Alvaranias natürlich von den verschiedensten Gottheiten, zu denen die Menschen und Elfen beteten, konfrontiert. Aber keine davon hatten ihn für sich gewinnen können. Aber in seinen wenigen Jahren bei den Clans der wilden Lande hat er angefangen die alten Götter hin und wieder um Rat oder Weisheit zu bitten, auch wenn er bis dahin noch nie eine wirkliche Antwort erhalten hatte…Und in den Etáín sah er die Brüder und Schwestern jener Geister, an jene die Raéyun seit jeher glaubten. Er glaubte fest daran, dass der alte Glaube an jene wilden Götter und Geister bis zu den großen Zeiten der Raéyun zurückreichte.

Die Gebete zu den Etáín und den alten Göttern empfindet Adraéyu als tröstlich, auch wenn er zuweilen an ihrer Existenz zweifelt. Manches Mal glaubt er im Wind oder im Wasser das Wirken der Etáín zu sehen, doch dann gibt es auch Tage, wo sie seine Gebete nicht erhörten. Man kann sagen, die wilden Menschen haben Adraéyu mehr geprägt, als irgend ein Mensch je zuvor, ausgenommen seiner Eltern…in den wilden Landen konnte er sein wer er wirklich war, und hier hatte er etwas gefunden, was man wahre, tiefe Freundschaft nennen kann, und nicht nur ein freudiges, oftmals angetrunkenes Publikum welches sich über die Musik eines wandernden Barden freut…zumindest solange sie nicht wissen, dass dieser Barde ein Raéyun ist.

Adraéyus Platz in der Welt:
Als Raéyun bleiben ihm viele Wege der Zivilisation oft nicht nur verwehrt, sondern er wird regelrecht ausgeschlossen. So gesehen, ist das auch nicht weiter tragisch. Adraéyu ist mit seinem vagabundierenden Bardenleben im Grunde genommen recht zufrieden, und kümmert sich nicht um Könige, Herrscher und deren Politik. Natürlich betreffen diese Dinge Adraéyu, und er kann sie nicht völlig und ungestraft ignorieren. Er muss sich schließlich an die vorherrschenden Gesetze halten, wenn er ein Land, oder eine Stadt betritt. Doch zu mehr Anerkennung hiesiger Rechtsprechung und Politik kann Adraéyu sich nicht herablassen. Solange man ihn gewähren lässt und unbehelligt seinem Tagwerk nach gehen lässt, so lange mischt er sich auch nicht in die Angelegenheiten der Stadtwache, oder gar der eines Herrschers ein.
Adraéyu bewies in der Vergangenheit immer wieder ein gewisses Geschick, wenn es darum ging Verhaftungen oder autoritärer Aufmerksamkeit zu entgehen. Sei es durch ein verwirrendes und den Geist beruhigendes Lied, oder durch einfaches Possen reißen und Schmierentheater. Hierbei kamen ihm seine schauspielerische Redegewandtheit und auch sein natürlicher, Bardencharme sehr gelegen. Adraéyu kennt Gefängnisse und Kerker bisher nur aus Geschichten und Erzählungen. Er selbst hatte bisher noch nie das zweifelhafte Vergnügen einen solchen trostlosen Ort von innen zu sehen. Und darüber ist er außerordentlich froh. Adraéyu will nichts mit den Ränken der Politik, ihrer Herrscher und Streiter zu tun haben, doch in Wahrheit, wollen diese ja auch nichts mit ihm zu tun haben. Er ist eine unwichtige Randnotiz in einer größeren Geschichte, und wenn er eines Tages sterben sollte, wird zweifellos kein Hahn nach ihm krähen.

Adraéyu hat, wie jeder Mensch, natürlich auch Träume und Wünsche. Neben ganz alltäglichen Wünschen, wie einem stets gut gefüllten Bauch, genug Gold in den Taschen, und niemals einer Krankheit, oder einem vorzeitigen Tod zu erliegen, bewegen aber noch andere Dinge Adraéyu. Er würde wahrlich gerne als ein großer Barde, noch größer und bekannter als sein Lehrmeister Rudgar es je war, in all die Geschichtsbücher Alvaranias einziehen. Sein Name sollte im ganzen Land bekannt sein, und keiner würde ihn wegen seiner Herkunft schief ansehen oder gar bespucken oder verfolgen. Nein, im Gegenteil! Die Leute sollten seine Herkunft anerkennen und ehren, und seine Macht als eine göttliche Gabe, als ein Geschenk an die Menschheit feiern. Sein sehnlichster Wunsch wäre Offenheit. Die Offenheit seine größte Angst ablegen zu können, wie den Mantel, den er eben, wegen dieser Angst trägt. Die Offenheit ohne Schleier, ohne Kapuze oder ohne Augenbinde durch die Lande ziehen zu können, ohne einen Dolchstoß in den Rücken, oder einen aufgebrachten Mob fürchten zu müssen. Doch Adraéyu hat diese Träume schon vor langer Zeit als kindliches Wunschdenken abgetan. Die Welt wird sich niemals ändern. Es wird immer Menschen geben, die Böses wollen, und es wird immer Leute geben, die andere nur aufgrund ihrer Herkunft verachten.

Doch dies sind nur die unerfüllbaren Träume eines einzelnen Menschen. Träume, die sich wohl niemals erfüllen würden, außer die Götter oder das Schicksal meinen es besonders gut mit Adraéyu. Weit bodenständiger sind hierbei allerdings Adraéyus aktuellen Ziele und Hoffnungen. Er hofft zumindest niemals mehr Hunger leiden zu müssen, oder im Winter fürchten zu müssen zu erfrieren. Und neben diesen einfachen Wünschen, brennt ihm einer besonders tief auf der Seele: Rache! Ein Ziel verfolgt Adraéyu dieser Tage, welches selbst den Wind in seinem Herzen zuweilen zu übertönen schafft. Er ist seit Jahren auf der Suche nach einem ganz bestimmten, dreimal verfluchten roten Elfen. Dieser Elf hat Adraéyu vor Jahren betrogen und hintergangen, und Adraéyu hat bitterste Rache geschworen, und er wird nicht aufgeben, bis er seine Rache vollstrecken konnte.


Fähigkeiten:
Als Barde und Vagabund beherrscht Adraéyu keinerlei Handwerk, noch bewies er in der Vergangenheit sonderliches Geschick für eben solches. In seinen jungen Jahren, als er noch mit seinen Eltern bei den Spielleuten auf Reisen quer durch die Königreiche, Herzogtümer und Grafschaften Alvaranias war, hatte er noch keine Ambitionen ein Handwerk zu erlernen. Später, als er dann selbst auf Wanderschaft, oder eher ein streunender Vagabund, war, hatte er weder die Zeit, noch die Gelegenheit ein Handwerk zu erlernen. Und schon gar nicht genug Geld um bei einem Meister in die Lehre zu gehen, um das Lehrgeld zu bezahlen. Zumal ihm hierfür wohl auch die Disziplin gefehlt hätte, sich einem autoritären Meister, welcher absoluten Gehorsam von ihm verlangen würde, unter zu ordnen. Natürlich hat Adraéyu über die vielen Jahre der Wanderschaft so einiges gelernt, und in den verschiedensten Städten Alvaranias, neben den verschiedenen Kulturen und Gebräuchen auch so allerhand Wissenswertes und manchmal auch Einzigartiges an Wissen gesammelt. Auf seinen Reisen durch die Lande musste er sich einige Male selbst verarzten, da er sich damals nicht einmal einen Bader hatte leisten können, und dieser war noch der günstigste Heiler den man finden konnte. Natürlich reichen seine Kenntnisse hier bei weitem nicht einmal an einen Kurpfuscher heran, aber er lebte noch, also hatte er zumindest nicht viel falsch gemacht. Das Jagen hatte er auch nie erlernt, und doch gelang es ihm mitunter schon einige Male, und das ohne dabei erwischt zu werden und der Wilderei angeklagt zu werden, einen Hasen oder ein Reh zu erlegen.
Das einzige Handwerk, welches er in seinen Jahren bisher erlernt hatte, war mehr eine Kunst, als ein Handwerk. Das Spielen auf der Laute. Er ging hierbei sogar einige Jahre in die Lehre, und zwar bei einem wandernden Mimen und Barden. Natürlich kann man eine derartige Lehre, nicht mit einer richtigen Lehre bei einem gestanden Meister seiner Zunft vergleichen. Doch das ist das Einzige und Beste, was Adraéyu je gelernt hatte, und inzwischen beherrscht er das Lautenspiel absolut fehlerfrei und beinahe meisterlich. Ob er handwerkliches Geschick beweisen könnte, das steht vielmehr in den Sternen. Adraéyu hat bisher noch nie einen Hammer geschwungen, oder einen Kochlöffel, oder gar einen Pflug vor einen Ackergaul gespannt. Möglicherweise wäre er ja in dem einen oder anderen Beruf gar nicht so ungeschickt, doch er hat nicht im Entferntesten vor, dies jemals heraus zu finden. Er ist ein Barde, und denkt nicht im Traum daran sich an niederer, harter Arbeit die Hände schmutzig zu machen. Da geht Adraéyu viel lieber den einfacheren Weg, und beklaut und betrügt die Leute, um an seinen Lebensunterhalt zu kommen – wenn diese ihm schon nicht ihr Geld für seine Musik geben wollen.

Und im Laufe der Jahre ist Adraéyu ein ganz passabler Taschendieb geworden. Er vermag es in einem unachtsamen Moment eine locker sitzende Geldkatze vom Gürtel zu schneiden oder einen dicken Ring von einem eleganten Finger zu ziehen, und damit so schnell wie es nur geht zu verschwinden. Auch ist er nicht gerade ungeschickt darin, sein Opfer anzurempeln und im Handgemenge gar wertvolle Dinge aus den Hosentaschen zu stibizen, oder gar eine wertvolle Waffe aus dem Gürtel zu ziehen. Doch er zieht es vor, unbewachte Dinge in einem günstigen Moment zu entwenden, anstatt Fremden an den Gürtel oder unter das Wams zu fassen. Denn würde man es bemerken, dann wäre Adraéyu schnell eine Hand, oder gar seinen Kopf los. Somit ist Taschendiebstahl und Trickbetrügerei keineswegs eine ernsthafte Option für Adraéyu, sondern vielmehr der letzte Strohhalm, nach welchem er greifen muss.

Was seine Kampfesfertigkeiten angeht, so steht es um diese eigentlich ziemlich schlecht. Adraéyu besitzt nicht einmal ein Schwert oder eine Axt. Er nennt ein einfaches Langmesser sein Eigen, welches eigentlich alles andere als eine bedrohliche Waffe ist, zumindest auf den ersten Blick, und seinen Bogen. Dementsprechend bewandert ist er in der Kunst des Schwertkampfes oder anderer Nahkampffertigkeiten. Und sofern er sein Langmesser nicht mit einem tückischen oder tödlichen Gift bestreicht, hütet Adraéyu sich auch tunlichst, sich in einen Kampf verwickeln zu lassen. Mit dem Bogen allerdings ist er nicht gänzlich ungeübt, und seit er einige Jahre in den wilden Landen verbracht hatte, konnte er seine Fertigkeiten am Bogen weiter ausfeilen. Für seine Zwecke hat der Bogen ihm allerdings bisher immer gute Dienste geleistet. Er kann auf ungefähr 200 Fuß ein leicht bewegliches Ziel treffen, für gezielte Schüsse, oder wenn ein Feind auf ihn zu stürmt, muss er deutlich näher stehen. Er kann auch ganz gut mit dem Stab, als welchen er seinen Bogen zuweilen missbraucht, umgehen. Hier ein eleganter Dreher, da ein schwerer Schwinger. Mit dem Kampfstab hat er schon so manche Gegner überraschen können. Dies ist sein wahres Talent, im Kampf. Wenn er den Stab wirbeln lässt, kann er sich auch gegen einen geübten Nahkämpfer durchaus seiner Haut erwehren. Wenn die Gegner allerdings eine gute Ausbildung genossen hat, und an Ausrüstung deutlich besser ausgestattet ist, oder der Feind in zu großer Zahl ist, bleibt Adraéyu nur die Flucht.

Adraéyu zieht die Zivilisation, und sei es ein Dorf in den wilden Landen, der Einsamkeit in der Wildnis vor. Auch wenn ihm dort Verfolgung und Ablehnung drohte. Wenn er mit seinem Bogen glücklos bleibt, da findet er nur wenig in der Wildnis. Er kennt einige Beeren und Wurzeln. Doch ist das meistens eher Glück, wenn er etwas findet. In der Gosse leben ist zwar erniedrigend oder demütigend, auch nicht besonders gesund. Aber der Kanten Brot oder die alte Suppe waren leichter verdient, als das Suchen nach Nahrung in der Wildnis.

Während seiner Zeit mit Rudgar hat er so einige Dinge erfahren, sich von ihm abgeschaut oder direkt von Rudgar gelehrt bekommen, die ihm bei seiner Arbeit als Barde, und auch als wandernder Mime, helfen sollten. Zum einen natürlich das Spielen auf der Laute. Hier lag das Hauptaugenmerk der Ausbildung. Aber auch singen, tanzen, Theater spielen, kleine Taschenspielertricks oder einfach nur das Geschichtenerzählen, welches er schon in frühen Jugendtagen gerne gemacht hatte. Rudgar brachte ihm auch Lesen und Schreiben bei, damit Adraéyu seine eigenen Lieder dichten und aufschreiben konnte. Adraéyu kann Noten lesen und auch die gängigen Sprachen der Nordländer zumindest verstehen. Wenn auch viele nur rudimentär.
Rudgar hatte ihn auch gelehrt in der Masse unterzugehen. Er kann einfach in die Menschenmenge gehen, und mit dieser verschmelzen. Hier ein Schritt, dort ein Dreher. Und wenn er dazu ein leises, beeinflussendes Lied summt, erinnert sich auch niemand mehr daran, dass er vor wenigen Augenblicken noch einen Raéyun vor sich gehabt hatte. In seiner Zeit in den wilden Landen hat er die dort vorherrschende Sprache auch gelernt. Andere Sprachen beherrscht Adraéyu nicht. Vielleicht hat er hier oder da einige Sprichworte oder Floskeln erfahren, aber mehr nicht. Auch wenn Adraéyu niemals ein Pferd wahrlich sein Eigen nennen konnte, so vermag er dennoch auf einem sitzen zu bleiben und es dort hin zu lenken, wohin er es möchte. Auf seinen Reisen war er einst gezwungen gewesen ein Pferd zu stehlen, und mit diesem auch eine beträchtliche Strecke zurück zu legen. Doch Pferdediebe werden scharf bestraft, weshalb er dies nicht zur Gewohnheit werden ließ, und ein Pferd kaufen übersteigt seine finanziellen Mittel bei weitem.

Durch das viele Laufen und Wandern durch die Lande hat sich Adraéyu über die Jahre eine ganz ordentliche Ausdauer angeeignet. Weite Strecken zu gehen, oder auch längere Strecken zu rennen ist für ihn kaum ein Problem, sofern er gesund, wach und satt ist, denn seine Konstitution kann man als gut ausgereift bezeichnen. Seine jugendliche Agilität hat mit den Jahren bereits etwas nachgelassen, doch steht er noch gut in einem stattlichen Mannesalter. Adraéyu ist für sein Alter und seinen Körperbau durchschnittlich kräftig. Er könnte wohl eine Axt schwingen, um Beispielsweise einen Holzscheit zu spalten, oder einen, schon am Boden liegenden, Gegner den Kopf zu zertrümmern. Doch für einen bewaffneten Kampf auf Leben und Tod, fehlt ihm neben der nötigen Kraft auch die entsprechende Kampferfahrung und das dazugehörige Reaktionsvermögen. Er würde wohl auf die erste, oder zweite Finte eines Gegners hereinfallen, und dann wäre es mit ihm zu Ende.

Adraéyus wahre Macht, oder Fähigkeit, ist jene, welche er schon von Geburt an in sich trug. Die Macht der Raéyun, welche sich durch seine bernsteinfarbenen Augen erahnen lässt. Natürlich existieren viele Geschichten über die Raéyun und ihre Gaben. Viele davon sind maßlos überzogen, oder es werden ihnen Dinge angelastet, für die andere, gewöhnliche Menschen entweder keine Erklärung besitzen, oder einfach einen Sündenbock brauchen. Natürlich ist es nicht wahr, dass ein Raéyun Gedanken lesen kann, auch wenn man zuweilen bei manch einem Raéyun den Eindruck gewinnen könnte. Adraéyus Gaben beschränken sich nicht ausschließlich auf die Musik. Auch er kann, ganz den angeborenen Gaben der Raéyun folgend, die Gefühle anderer sehen und verstehen. Ein tiefer Blick in die Augen seines Gegenübers, und er vermag – sofern der Blick lang genug andauert – zu erkennen, was diesen Menschen im Moment bewegt oder gar bedrückt. Dies lässt manch einen oft annehmen, Adraéyu könne Gedanken lesen. Doch das kann er natürlich nicht! Außer seinen raéyun'schen Talenten und Gaben beherrscht Adraéyu keinerlei naturmagische Begabungen oder Fähigkeiten.

Auch wenn Raéyun dafür bekannt sind, dass sie die Gefühle und Emotionen anderer lesen oder spüren können, so hat Adraéyu diese Gabe nur oberflächlich und widerwillig gelernt. In seiner Lehre, verlangte sein Meister natürlich von ihm, alle Bereiche seiner Gabe zu erforschen und zu festigen. Doch als er seiner eigenen Wege ging, hat Adraéyu sich auf jene Bereiche fokussiert, welche er als wichtiger erachtet hatte. Das Lesen von Gefühlen anderer Menschen, hat ihm in der Vergangenheit nicht oft geholfen seine Probleme zu lösen, oder seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. So ist diese Gabe bei ihm eigentlich stark eingerostet. Wenn er sich stark konzentriert, und sein Gegenüber davon nichts mitbekommt und den Blick abwendet, vermag Adraéyu kurzzeitig an der Oberfläche gewisser, starker Gefühle zu kratzen. Doch tiefer greifen vermag Adraéyu nicht. Er hat eigentlich auch kein Interesse daran. Denn jene Gefühle, die andere Menschen tief in sich verbergen, liefern oft auch Schmerz und Trauer zu Tage, und davon hat Adraéyu schon mehr als genug eigene, da möchte er nicht noch die Gefühle anderer ertragen müssen. Nicht umsonst sind diese Gefühle oft tief in den Menschen vergraben.

Adraéyus mächtigste Gabe ist die beeinflussende Musik. Je länger sein Spiel andauert, und je besser er sich darauf zu konzentrieren vermag, desto machtvoller und wirkungsvoller entfaltet sich die Auswirkung dieser Melodien, welche beinahe greifbar durch den Raum schweben und desto mehr Menschen kann er seinen Willen aufzwingen. Adraéyu übt beinahe tagtäglich an diesem Spiel, denn eines Tages wünscht er sich dazu fähig zu sein, ganze Heere zu besänftigen, oder gar aufwiegeln zu können, nur durch seine Laute und seine Stimme. Heute allerdings ist er noch weit davon entfernt. In brenzligen Ernstsituationen gelang es ihm bisher nicht so oft die Massen zufriedenstellend zu bezaubern, dass sie von ihrem Vorhaben abließen ihn am nächstbesten Baum aufknüpfen zu wollen. Er versuchte es immer wieder, doch es gestaltete sich für ihn bisher schwer die nötige musikalische Spannung aufzubauen, um den Mob dahingehend zu besänftigen und zu lenken, dass sie taten was immer er wollte. Oft musste er schnell laufen, und sich mehr darauf konzentrieren nicht zu stolpern, als dass er sich auf sein Lautenspiel konzentrieren konnte. Das Singen während des Rennens ist auch leichter gesagt als getan. Denn so sinkt die Ausdauer rapide herab, wenn er die kostbare Luft für das Singen verwendet, anstatt nur tief ein- und auszuatmen. Diese Fähigkeit ist auch nicht einfach zu lernen. Denn einfach nur durch den Wald zu rennen, und spielen und singen zu üben reicht hierbei nicht. Und Adraéyu möchte es eigentlich grundsätzlich vermeiden von einem aufgebrachten Mob verfolgt zu werden.

Wobei er allerdings schon sehr erfolgreich zu Werke gegangen ist, sind direkte Beeinflussungen einzelner Personen. Wenn Adraéyu zum Beispiel in einer Menge aus Menschen seine Musik zum Besten gibt, seine Lieder singt und dabei dem einen oder anderen tief in die Augen sieht, vermag er kurz zu fühlen, was diese Menschen gerade bewegt. Dieses Wissen kann er dann kurzerhand in seine Musik einfließen lassen. Auf diese Weise animiert er einzelne Personen, lautstark Beifall zu geben, eine Münze zu werfen oder laut mit zu singen. Menschen sind auf vielerlei Weisen beeinflussbar. Und oft ist es gar nicht nötig eine ganze Masse an Menschen zu beeinflussen, wenn es einem nur gelingt die Richtigen zu beeinflussen. Diese euphorisch aufgestachelten Menschen reißen die anderen mit ihrer guten Laune oft ganz einfach mit, und so trägt sich diese Euphorie, wie eine mitreissende Welle, von einem Menschen zum anderen. Bis am Ende alle auf den Tischen tanzen und den kleinen, unbedeutenden Barden in seiner Ecke neben dem Kamin für sein wundervolles Spiel bewundern. Dies ist Adraéyus tägliches Brot, und zuweilen gelingt es ihm dass er kurzzeitig sogar sehr gut davon leben kann. Hin und wieder kommt es natürlich vor, dass es nicht ganz so gut verläuft. Dann muss er sich die fehlenden Münzen eben auf andere Weise beschaffen.

Wenn Adraéyu sich auf eine einzelne Person konzentriert, um diese gezielt mit seiner Macht einzulullen, entfaltet sich erst seine wahre Macht. Wenn er all die raéyun'schen Talente, welche in ihm schlummern in die Melodie webt, und dazu eine beeinflussende Melodie summt oder gar singt, ist kein Geist, und sei er auch noch so stark, mehr vor ihm sicher. Zwar hindern ihn hier sein zerrütteter Geist, seine volle Macht zu wirken. Auch kann es gefährlich werden, wenn andere Menschen dies beobachten und in die Szenerie einschreiten. Denn wenn er voll auf einen Feind konzentriert ist, um ihn mit der vollen Macht seiner Musik zu treffen, kann er von den anderen sehr einfach überwältigt werden. Wenn er seine Musik aber erst einmal entfaltet hat, dann kann er Gegner nach belieben lenken. Freude, Schmerz, Müdigkeit, Angst. Er kann die Gefühle seines Gegners nach Belieben lenken. Ureigene und alte, verborgene Ängste wecken und schüren. Antriebslosikeit und Lustlosigkeit wecken, und den Mut entziehen. Und auf diese Weise könnte er jeden Feind bezwingen, sei er auch noch so stark, oder schlau. Wenn Adraéyu seine Laute spielt, dann ist er der Puppenspieler.

Doch die wahre Macht, welche Adraéyu inne wohnt, gehört der schwarzen Seele, welche in seinem Herzen lodert. Denn während Adraéyu noch so etwas wie ein Gewissen hat, fehlt der schwarzen Seele jeder Funke von Skrupel und Moral. Ohne zu zögern würde er Menschen mit seiner Musik in den Wahnsinn oder gar den Tod treiben, wenn es ihm nur irgendwie dienlich sein könnte. Und wehe dem, welcher sich ihm dann in den Weg stellt.

In den wilden Landen ist Adraéyu, bei einigen Clans, als der »Zaubersänger« bekannt. In den wilden Landen offenbarte Adraéyu das erste Mal die anderen Möglichkeiten seiner weitreichenden Gabe. Denn während er in den Städten der großen Nationen stets geflissentlich darauf achten musste, niemals aufzufallen, oder zu viel raéyun'sche Macht zu offenbaren, so konnte er sich in den wilden Landen erstmals als freier Mann fühlen. Da die Macht der Raéyun der Macht der Naturmagier und Schamanen nicht unähnlich ist, genießt diese einen gewissen gleichwertigen Stellenwert. Natürlich wurde seine Gabe auch hier nicht sogleich mit offenen Armen empfangen, und mit einem gewissen kritischen Blick beäugt. Doch anders als die Macht der Elfen und Dämonen, welche dort eher als etwas Böses angesehen wird, konnte Adraéyu zeigen, dass seine Macht auch viel Gutes bewirken kann. Und als eines Tages seine Musik dazu beitrug, dass ein Angehöriger des Stammes seinen, schon verloren geglaubten, Lebenswillen wieder erlangte, und später – dank der Heilkunst der Kräuterweiber – wieder auf eigenen Beinen stand, hatte Adraéyu sich seinen Platz unter den wilden Menschen und auch in deren Herzen verdient.

Die wilden Lande sind für Adraéyu so etwas wie ein neues Zuhause geworden, und er sucht die Nähe der Clans, wann immer es ihm der Wind in seinem Herzen gestattet. Hier hilft er gerne mit seiner Musik. Er schlichtet Streit, indem er die hitzigen Gemüter mit seinem beruhigenden Gesang abkühlt. Er hilft den Schamanen und Kräuterkundigen und spielt – wie die Schamanen es nennen – gegen den Tod auf dem Sterbebett an. Oft hilft natürlich auch selbst seine Musik nicht, denn wenn seine Musik zwar viel kann – einen Toten kann er nicht ins Leben rufen.

Die großen Taten der ruhmreichen Ahnen sind Adraéyu zwar noch nicht gelungen. In den Geschichten seines Meisters war es den Mächtigsten unter den Raéyun gelungen ganze Heere in den Schlaf zu singen, Städte verschwinden zu lassen oder dem Wind und dem Regen zu gebieten. All dies liegt jenseits der Macht Adraéyus. Er vermag einzelne Männer soweit zu beruhigen, dass sie in einem Schlafähnlichen Zustand geraten. Doch endet seine Musik, endet auch augenblicklich dieser Zustand. Dem Regen konnte er bis heute nicht eine einzige Bewegung abringen, dafür gelang es ihm aber ein einziges Mal dem Wind dazu zu bewegen, die Richtung zu ändern. Wie stolz war er damals, als er dies vollbracht hatte. Und wie groß war seine Enttäuschung als es bis dahin nicht mehr wieder gelang. Als ob es doch nicht sein Verdienst gewesen war, sondern der Wind einfach aus einer Laune heraus, die Richtung geändert hatte. Doch Adraéyu ist stets bemüht zu üben und sich zu schinden, bis er all die Gaben, welche tief in ihm schlummern, zu Tage gefördert haben würde.

Adraéyus größte Schwäche ist wohl sein, in vielerlei Hinsicht, wankelmütiger Geist. Wenn sein Gemüt von einer Minute auf die nächste in das beinahe völlige Gegenteil wandelt, oder wenn seine zwiegespaltene Persönlichkeit die Erscheinung wechselt, wirkt er manches Mal sogar wie ausgewechselt. Im einen Moment ist er noch freundlich und im nächsten schon griesgrämig. Noch schlimmer ist es, wenn er gerade eine bezaubernde Melodie zum Besten gibt, und dabei ist, die Menge für sich zu gewinnen. Und just in diesem Moment die sadistische Seite in ihm die Oberhand gewinnt, und in die Melodie eine zerstörerische und schiefe Disharmonie einfließen lässt. Dann wandelt sich die Euphorie einzelner Menschen in panische Angst, Wut oder sie liegen darnieder, völlig Desillusioniert. Diese Gefühlsausbrüche und Persönlichkeitswechsel belasten ihn mitunter auch schwer und sind der Förderung und Entfaltung seiner Talente nicht sonderlich dienlich. Und gar nicht davon zu sprechen, dass es äußert schwierig ist Freundschaften zu knüpfen, wenn man in den Augen Unwissender und Fremder als wahnsinnig gilt.

Eine weitere Schwäche Adraéyus ist sein linkes Auge. Seit er es verloren hatte, und es durch ein magisches Auge ersetzt wurde, musste er einiges an Macht einbüßen. Nicht nur die Macht als solche, auch die Fähigkeit die vorhandene zielgerichtet einzusetzen. Es bedarf größerer Konzentration wenn er sich auf mehr als einen Menschen fokussieren möchte. Neben diesen Schwierigkeiten hat er auch Probleme mit den seherischen Fähigkeiten seines Auges. Da in dem Auge das Element Feuer sowie das der Luft im gegenseitigen Tanz vereint sind, damit diese sich stets gegenseitig zu einer lodernden Glut entfachen, leidet Adraéyu an gewissen wechselnden Wankelzuständen. Mal vermag Adraéyu mit jenem Auge selbst in der Nacht noch zu sehen, solange diese nicht totale Finsternis in sich birgt. Doch zugleich wird sein Augenlicht auf diesem Auge manches Mal völlig von dem Schein einer Fackel verschluckt. Wenn ein starker Wind weht, scheint die Glut in dem Auge zu einer solch immensen Hitze angefacht zu werden, dass das Auge förmlich zu glühen scheint. Es ist keine sengende Hitze, welche Adraéyu verspürt. Aber es ist unangenehm. Auch wenn ein angenehmer Nebeneffekt dabei entsteht. Er kann mit dem Auge auf einmal viel besser sehen als mit dem anderen. Wenn Magie in seiner Nähe gewirkt wird, dann flammt das Auge förmlich auf, als ob die freigesetzte, magische Macht das Feuer in dem Bernsteinauge auflodern lassen würde. Jene Momente sind für Adraéyu berauschend und zugleich sehr verstörend. Sein Körper reagiert bei solch einer Reaktion des Auges stets mit einem heftigen Adrenalinschub. Sein Herz rast und das Auge brennt in seinem Kopf wie eine kleine Sonne. Er kann für diesen Augenblick so klar und scharf sehen, wie kein Mensch. Und schon im nächsten Moment sackt alles ab und er fühlt sich matt.

Er hat dieses Auge erst vor kurzem erhalten und muss sich erst so richtig an seine Launen und Makel gewöhnen.

Aber alles ist besser, als auf dem einen Auge gänzlich blind zu sein, doch würde Adraéyu gerne auf manche Vorteile verzichten, wenn dafür die ganzen Nachteile verschwinden würden.

Adraéyus junge Jahre:
Arthos und Meridia waren nie verheiratet, und vor Adraéyus Geburt hingen sie mehr einer Liebschaft nach als tiefgreifender Liebe. Sie reisten mit einer Gruppe von Spielleuten mit fünf Wagen durch die Lande, worunter sie jedoch die einzigen Raéyun gewesen waren. Die Gruppe war eine einfache Musikanten und Theatergruppe welche dem wandernden Volk angehörte. Sie reisten durch die Nordreiche der Menschen und fuhren von Stadt zu Stadt, und von Hof zu Hof. Selten führte sie ihr Weg weiter in den Süden, denn die Elfen lebten in unwirtlichen Gegenden. Sie besaßen sogar für einzelne Baronien oder Grafschaften Freibriefe, welche ihnen freies Geleit durch das Herrschaftsgebiet eines Adeligen versicherte. Woher sie diese Briefe hatten, war Adraéyu nicht bekannt, aber seine Eltern sprachen immer von gewissen Schirmherren, die es regelmässig zu besuchen galt. Vermutlich war das der Preis für den Freibrief. Die Gruppe bestand aus rund zwanzig Personen. Viele der Spielleute und Musikanten waren Zigeuner. Aber auch Vagabunden oder Menschen wie Adraéyus Eltern fanden sich darunter. Ein exotischer, dunkelhäutiger Menai, welcher Feuer spucken konnte. Eine mysteriöse Kamîrushi die Schlangen mit einer Flöte beschwor. Eine leichtfüßige Lyr, welche selbst in ungeahnten Höhen auf dem Seil balancierte. Und zwei Halbelfen. Sie waren Zwillinge und dennoch so verschieden wie man nur sein konnte. Der eine war ein Gaukler, und der andere ein Zauberer. Adraéyu war nie dahinter gekommen, ob er wahrliche magische Macht besessen hatte, oder alle nur sehr gut blenden konnte. Im Laufe der Reisen durch die Lande kamen Arthos und Meridia sich näher, bis zu jenem Augenblick als ihr klar wurde, dass sie schwanger war. Seitdem verinnigte sich ihre Beziehung zueinander, doch geheiratet hatten sie nie. Als Musikanten und Barden, besonders als Raéyun, hatten sie ihr Leben den Geistern der Berge gewidmet und waren schon mit ihrer Musik verpflichtet, so dass sie trotz stetig wachsender Liebe zueinander nie das Bedürfnis verspürt hatten den Bund der Ehe ein zu gehen. Da sie einander sehr respektierten gaben sie Adraéyu weder den einen, noch den anderen Nachnamen. Und so kam es dass er von ihnen Adraéyu re' Rurénya getauft wurde. Es bedeute: Adraéyu, Kind der Sonne.

Meridia hatte eine wunderbare, klare Sopran Singstimme, spielte die Laute und konnte tanzen wie ein Blatt im lauen Abendwind. Während Arthos' Begabungen einer völlig anderen Natur zugrunde lagen. Während Meridias Augen sternenklar wie Glas und grau wie die Berge waren, hatten Arthos' Augen einen goldenen Glanz, der zu Zeiten sogar im Dunkel der Nacht zu sehen gewesen war. Diese Augen, welche er an seinen Sohn vererbt hatte, gestatteten ihm gewisse Gaben, um die ihn viele Menschen fürchteten und wenige, klügere beneideten. Auch er konnte singen, nicht so schön wie Meridia, dafür aber umso bezaubernder - im wahrsten Sinne des Wortes. Auch er konnte die Laute spielen, wenn auch nicht so elegant wie Meridia. Doch glich er dies mit seiner, ihm angeborenen Fähigkeit, die Leute zu bezaubern und zu lenken, aus. Wenn die Spielleute und Tänzer die Zuseher in ihren Bann zogen, Meridia und die anderen Frauen mit ihren weiblichen Reizen die Schaulustigen von den Taschendieben und Halsabschneidern ablenkten, welche durch die Menge schlichen und unaufmerksame Zuseher um ihre Geldbörsen oder andere Habseligkeiten erleichterten, und Schausteller wie Feuerspucker, Wassertänzer, Gaukler und Taschenspieler ihre Kunststücke für eine Stadt oder ein Dorf zum Besten gaben, war es nicht der holde Gesang Meridias, der ihre Zuhörer bezauberte, auch nicht ihre weiblichen Reize, sondern die Musik Arthos'. Seine Laute und sein Gesang bargen etwas Magisches in sich, dem sich die Zuhörer kaum zu entziehen vermochten. Er wob in seine Gedichte und Lieder eine ureigene Magie hinein, welche ihre Kraft aus der Natur selbst zu beziehen schien.
Doch was beide gemein hatten war, dass sie wunderbare Geschichtenerzähler waren. Sie hatten auf ihren Reisen viele wundersame Abenteuer erlebt, kannten unzählige Bücher, Legenden und Sagen und konnten immer wieder eine neue Geschichte aus dem Hut zaubern. Und so kam es, dass Adraéyu, durch die Passion und die Erziehung seiner Eltern über viele Jahre hinweg ebenfalls seine Hingabe zur Musik und dem Geschichtenerzählen entdeckte.

Zu Anfang erfand er eigene Geschichten, oder adaptierte die Geschichten seiner Eltern und gestaltete sie nach seinen Vorstellungen um. Zusammen mit mit den anderen Kindern der Zigeuner und Vagabunden arbeitete er an seinen Geschichten. Er hatte durchaus das, was man Freunde nannte, unter ihnen. Da war Geralt. Er war zwei Jahre älter als Adraéyu gewesen und hatte immer Schabernack im Sinn und stiftete Adraéyu oftmals zu dem einen oder anderen Blödsinn an. Und Garret, sein jüngerer Bruder, welcher in Adraéyus Alter gewesen war, kletterte auf die höchsten Bäume. Er wagte sich höher als sein Bruder oder Adraéyu es sich je trauten. Es war ein unbeschwerliches Leben, welches Adraéyu führte. Wenn man davon absah, dass sie als wanderndes Volk nirgends wirklich zu Hause waren, und vielerorts auch mit schiefen Blicken bedacht wurden, da alle Zigeuner doch als Diebe und Scharlatane verschrien waren. Seine Natur als Raéyun war unter dem wandernden Volk weitestgehend normal. Sie waren alle eine Familie, und so erfuhr Adraéyu erst in seinen Jahren der Wanderschaft, was es hieß ein verachteter und verfolgter Raéyun zu sein.

Doch bald hatte er immer wieder seltsame Träume und Visionen. Er sah Dinge, ganz gleich ob er geschlafen hatte oder er am helllichten Tag die Augen schloss. Es waren oft sehr verstörende Bilder, deren Sinn oder Grund er selten zu ergründen vermochte. Doch begann er seine Geschichten um diese Dinge, die er da zusammenhanglos sah, herum zu stricken. Seine Geschichten wurden immer phantastischer und bald durfte er auf den Reisen sogar seine eigenen Geschichten vortragen und erntete dafür oftmals nicht nur Beifall, sondern auch die ein oder andere Münze. Dies ging so lange, bis eines Tages eine seiner Geschichten Wirklichkeit wurde. Er erzählte von einer großen Tragödie, eine Familie zerstritt sich und die Kinder kamen auf tragische Weise ums Leben. Der Kern der Geschichte entsprang natürlich einer seiner Vorahnungen, oder eher schattenumwobener Träume, welche ihn hin und wieder des Nachts überkamen. Nur der ausschmückende Teil der Geschichten, das filigran und mit viel Liebe zum Detail gesetzte Mosaik aus Worten und bildhafter Wortspiele um eben jene geträumten Visionen entsprach natürlich nicht jener Tragödie. Und doch begannen die Leute zu tuscheln, dass die diebischen und gottlosen Wanderspielleute die Familie mit ihrer Hexenkunst verhext hätten. Der Unmut in jenem Dorf wuchs an, und so war der Zirkus gezwungen weiter zu ziehen. Später, am Ende des Tages, sprachen ihn seine Eltern auf die Geschehnisse des Tages an und wollten wissen woher er denn seine Geschichten nähme, und so gestand er ihnen dass er seine Geschichten nicht völlig alleine erfunden hatte. Er berichtete ihnen von seinen Visionen und seltsamen Träumen. Doch anstatt ihn zu schelten, wie er es erwartete, starrten sie ihn nur ungläubig an, bis sein Vater niedergeschlagen die Augen schloss. Sie redeten zunächst nicht mehr darüber und Adraéyu war sich nicht sicher ob er seine Eltern verärgert oder enttäuscht hatte. Doch ließen ihn die Geschichten und die Musik einfach nicht mehr los.

Als er seinen Eltern eines Tages stolz verkündete, dass er ebenfalls ein wandernder Mime und Spielmann werden wolle, erhoffte er sich insgeheim, dass sie ihn von nun an in ihr Vertrauen ziehen würden und ihn in all jene Geheimnisse ihrer Zunft und die wundersamen Gaben ihrer Künste einweihen würden. Doch sollte er sich, und das nicht zum letzten Mal in seinem Leben, irren. Sie handelten gänzlich entgegensetzt zu Adraéyus Erwartungen. Genauer gesagt brachten sie ihm von nun an nichts mehr bei. Sie erzählten keine Geschichten, sangen für ihn keine Lieder und schwiegen sich aus. Zunächst glaubte Adraéyu, dass sie mit seinem Berufswunsch nicht einverstanden gewesen wären, oder dass es mit den vorangegangen Ereignissen in jenem Dorf zu tun hätte. Doch merkte er immer, wenn sie glaubten er sähe es nicht, dass sie anfingen sich zu streiten. Später erfuhr Adraéyu, dass Arthos ihn auf den Weg der Geister schicken wollte, wie es bei den Raéyun seit jeher Brauch ist. Doch Meridia wollte ihren Sohn nicht wegschicken. Als Adraéyu besorgt über den Zwist seiner Eltern eines Tages in einen solchen Streit hineintrat und sich erkundigte warum sie sich seit jenem Tag so sehr stritten, nahm ihn sein Vater zu sich beiseite und erzählte ihm eine Geschichte, wie Adraéyu sie noch niemals von seinem Vater gehört hatte. Und sie auch niemals wieder hören würde. Diese Geschichte unterschied sich gänzlich von all jenen, die Arthos sonst so erzählte, dass Adraéyu voller Ehrfurcht an sie zurückdenken muss, wann immer er an seinen Vater denkt. Denn sie hatte nichts mit all jenen Geschichten gemeinsam, welche seine Eltern und ihr Wanderzirkus sonst so zum Besten gaben. Es war eine wahre Geschichte! Sie enthielt keine ausschmückenden Lügen, keine Halbwahrheiten und keine Fabeln. Sie war die wahre Geschichte der Raéyun, so wie sie seit jeher unter den Raéyun bekannt war und erzählt wurde. Ob der Ursprung der Geschichte wahr war, konnte heute kein Raéyun mehr mit Sicherheit sagen, also ist es in ihren Augen die reinste Wahrheit. So und nicht anders konnte es sein, bis sie widerlegt werden würde. Arthos erzählte seinem Sohn von den Geistern, und der Musik. Dass die Musik der Raéyun die Geister ehren soll, und sie ihnen diese Musik widmen zum Dank für ihre Gaben, ihre ihnen zuteil gewordene Macht und ihre Freundschaft. Und Arthos erzählte Adraéyu was es mit diesen Visionen auf sich hatte. Diese Dinge die er da gesehen hatte, waren keine einfachen Träume gewesen, es waren kleine Augenblicke einer möglichen Zukunft gewesen. Daher war auch eine seiner Geschichten wahre Wirklichkeit geworden. Dies war die Macht der Naturmagie, welche nur den wenigsten Raéyun offenbart wurde, auch wenn Arthos meinte, dass Adraéyu diese Gabe wohl früher oder später verlieren würde, wenn er erst sein wahres Erbe als Raéyun antreten würde. Denn die Magie der Natur, und die Macht der Geister focht einen Zwist, um den Geist der Raéyun, und keinem Raéyun, welcher mit den leuchtenden Augen seiner Vorväter gesegnet worden war, konnte letzten Endes dem Gesang der Gabe der Geister widerstehen, und so würde es auch Adraéyu ergehen. Und wenn er sich noch so sehr dagegen wehren würde. Er würde eine seiner Gaben erst vollends entfalten können, wenn er die andere aufgegeben hatte. Er würde sich entscheiden müssen, zwischen der Gabe der Raéyun und der Macht der Natur. Adraéyu denkt, selbst heute noch, oft und schwermütig an jene, weisen Worte seines Vaters. Und manchmal wünschte er sich es wäre anders gekommen, als es gekommen war. Weiter erfuhr er von seinem Vater, dass ein Raéyun mit gewissen Gaben gesegnet war, welche genau wollte Arthos nicht erzählen, doch konnte er sich zumindest einige davon selbst zusammen reimen, wenn er an die Wirkung der Musik seines Vaters auf den Pöbel dachte. Auf Adraéyus Frage dahin, sagte sein Vater lediglich, dass es nicht seine Aufgabe wäre, Adraéyu dieses Wissen zu vermitteln. Arthos wollte keinesfalls mit den Traditionen brechen und schon gar nicht das Band der Geister entehren, und so kam es, dass ihr einziger Sohn von ihnen in die Lehre geschickt wurde, fort von seinen Eltern und fort aus dem Kreis der wandernden Spielleute und Zigeuner. Sie spielten gerade in der Festung Traistun auf. Die Söldner liebten Gesang und die Schaustellerei der Gaukler. Und es war früher Morgen als Adraéyu von seinen Eltern und Freunden Abschied nahm. Garret und Geralt boten ihm an, ihn zu begleiten, doch ließen ihre Eltern sie nicht ziehen. Schweren Herzens verabschiedete er sich von seinen guten Freunden und hoffte dass er sie eines Tages wieder sehen würde.

Adraéyus Jahre der Suche

Als seine Eltern ihn auf die Suche geschickt hatten, gaben sie ihm – neben Nahrung, warmer Kleidung und einer eigens für ihn angefertigten Laute, auf welcher er während seiner Reise spielen üben sollte – nur einen Rat mit auf den Weg. Um zu lernen ein wahrer Raéyun zu werden, musste er den Weg der Raéyun ganz alleine finden. Arthos gab ihm einen Ratschlag. Er sollte dem Fluß bis zu den Bergen folgen. Welche Berge er genau meinte, dass sagte er nicht. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz unter den Raéyun, dass ihre Macht nur von ausgewählten Lehrern gelehrt wurde. Arthos hätte theoretisch Adraéyu auch unterrichten können, so wie es viele Raéyun heute taten, denn die Raéyun schwanden aus Alvarania. Doch war Arthos ein Mann, der sich streng an die Traditionen hielt. Für ihn war es seine höchste Ehre, wenn man es so nennen will. Und Arthos hätte Adraéyu nur das lehren können, was er selbst wusste. Arthos' Wissen und Arthos' Macht lagen einem anderen Kern zugrunde, als es bei Adraéyu sein mochte. Daher musste Adraéyu seinen eigenen Weg finden, und seine eigenen Grenzen ergründen. Er wurde in die Berge geschickt, zu einer alten Ruine. Einem lange vergessenen und verfallenen Tempel, den die ersten Raéyun den Geistern der Berge, des Windes und der Erde geweiht hatten. Arthos war nicht sehr streng gläubig, für ihn waren die Geister Teil der Tradition, nicht aber sein bindendes Schicksal. Doch musste Adraéyu seinen eigenen Weg finden, und das bedeutete auch den Tempel von alleine zu finden. Arthos gab nur die Richtung vor, den Tempel zu finden oblag Adraéyus Aufgabe. Würde er ihn finden, so war er würdig das wahre Geheimnis und die Macht der Raéyun zu erlernen. Und so kam es, dass er mit dreizehn Jahren seine Eltern verließ, und sie seither niemals wieder gesehen hatte. Er lief durch die Lande, und suchte den Tempel, vielmehr die Ruine die noch davon übrig war. Ungestüm und voller jugendlichem Eifer ging er so schnell er konnte folgte er, wie es sein Vater geraten hatte, dem Fluß Aras. Je länger er dem Fluß folgte, desto mehr hob sich die Zuhandal-Kette am Horizont empor. Und als er die Berge endlich erreicht hatte, da begann er dort kopflos und ziellos nach diesen alten, sagenumwobenen Ruinen zu suchen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was er auf dieser Suche fand. Nichts. Er fand keine Ruine, keinen Tempel und schon gar keinen heiligen Ort. Drei Jahre durchsuchte er die Berge, zog sich Schnitte, Prellungen und Schrammen zu, bei dem Versuch die Berge zu erklimmen. Verhungerte beinahe, und das mehr als nur einmal, da er außer kargem Fels nur dürre Wurzeln fand. Er musste vor Berglöwen und jungen Greifen Hals über Kopf flüchten, und stürzte mehr als nur einen abschüssigen Hang hinunter. Fanatische Bergelfen wollten ihn die Klippen hinunter werfen, und er entkam ihnen nur mit Mühe und Not, nachdem er in eine Gletscherspalte gestürzt war. Er überlebte diesen Sturz nur, da sie in einem unterirdischen See führte. Und er suchte lange nach einem Ausgang aus den Höhlen. Kurzum: Seine Suche gestaltete sich äußert schwierig und seinen Weg als sehr steinig zu bezeichnen grenzte schon an Schönfärberei. Er verstauchte sich böse ein Bein und später kugelte er sich noch den rechten Arm aus. Selbst heute schmerzt ihn dies noch hin und wieder. wurde von einem Bären halb tot geschlagen und stürzte von der Wucht des Schlags in einen Bergfluss, ertrank in dem stetig reißender werdendem Gewässer beinahe und verlor sein Hab und Gut, alles bis auf seine Laute, welche die Reise dank des Lautenkastens – wie durch ein Wunder – beinahe unversehrt überstanden hatte. Als er mit mehr Glück als Verstand in einem seichten Teil des Flussbettes strandete, war ihm kurz das Glück hold. Denn donnernde, grollende und vor allen Dingen reißende Stromschnellen des Arsa folgten kurz nach jenem Kiesbett, und diese hätte er in seinem damaligen Zustand niemals überleben können, besonders nicht halb bewusstlos im Wasser treibend. Auf dem schwierigen Weg des Abstiegs fand er hier und da einige seiner Sachen wieder, und er fand auch neue Dinge. Einen funktionellen, knorrigen Stab, welcher ihm als Gehhilfe diente, wunderschöne, seltene Glassplitter, welche entstanden wenn ein Blitz in den sandigen Untergrund einschlug, und sogar ein kleines Goldnugget, in eben jenem Fluss, in welchem er beinahe ertrunken wäre. Er deutete dies als gutes Omen, denn dieser kleine Klumpen war schon genug um mehr als ein Jahr gut leben zu können, mit anständigen Kleidern am Leib, wohlschmeckenden Mahlzeiten im Bauch und einem dichten und im Winter warmen Dach über dem Kopf. Doch hatte er nicht sehr lange etwas davon, denn er lief am Rand des Waldes von Sieryan einer Handvoll Wegelagerern in die Arme, und diese nahmen, neben dem Gold natürlich, auch noch alles andere von Wert an sich, was er bei sich getragen hatte. Und trotz all dieser Strapazen, all dieser Qualen und dieser Mühsal, blieb seine Suche dennoch nicht von Erfolg gekrönt. Er fand kein Anzeichen auf einen Ort wo einstmals die Raéyun lebten, nicht den kleinsten, oder geschweige denn auch nur eine einzelne, wegweisende Rune oder eine alte Höhlenmalerei. Entmutigt verließ er die Berge und vagabundierte durch die Gegend, schnorrte sich durch die Dörfer der alten, verfallenen Menschenreiche Córalay und Cathrads, und musste mehr als nur einmal etwas zu essen stehlen um nicht gar verhungern zu müssen. Als seine gebrochenen Glieder wieder gänzlich verheilt waren, konnte er auch wieder auf seiner Laute spielen, und so lebte er von der Hand in den Mund, spielte in Tavernen und Schenken für einen Laib Brot und einen Krug verwässertes Bier auf, nur um wenigstens etwas im Magen zu haben. Die Wurzeln, Beeren und ungewürzten, kargen und sehnigen, über dem Feuer gerösteten Tiere der Wildnis waren keine wirkliche Gaumenfreude, und so war selbst ein verwässertes Bier ein kulinarischer Höchstgenuss. Er schlief meist unter freiem Himmel, oder wenn er einen gütigen Wirt antraf, ließ ihn dieser in der Strohkammer oder unter dem Dachstuhl schlafen, wenn er dafür seine Musik zum Besten gab.

Natürlich wurde er wegen seiner Augen oft schief angesehen, und oftmals sogar von einem wilden, größtenteils verängstigen und vor allen Dingen abergläubischen Mob, bestehend aus ungebildetem Pöbel und Bauern, aus der Stadt gejagt, und so hatte er es sich angewöhnt gehabt, die Augen zu senken, oder gar mit einem dünnen Tuch zu verbinden. Er bemerkte rasch, dass einem augenscheinlich blinden Spielmann weit weniger Misstrauen entgegengebracht wurde, und er auch auf weit mehr Mildtätigkeit hoffen durfte. Einem blinden Mann bot man eher einen Stuhl an, und bot ihm neben dem halben Laib Fladenbrot auch gerne einmal eine Suppe oder gar ein Stück Fleisch an. Fleisch! Wie sehr er den guten Geschmack eines gebratenen und vor allen Dingen gut gewürzten Fleisches damals ersehnte. Er konnte schon froh sein, wenn er ein altes, trockenes Fleisch vom Vortag bekommen hatte. Und so mogelte Adraéyu sich durch das Leben, war genügsam mit dem was er hatte und dachte gar nicht mehr an den eigentlichen Grund seiner doch anfangs sehr beschwerlichen Reise. Die Jahre gingen ins Land und er begann sich mit seinem derzeitigen Leben abzufinden, sogar sein altes gar nicht mehr zu vermissen, bis er eines Tages in eine Dorfschenke, nahe Ceroans Schild an der Grenze zu Mérindar, einkehrte, in welcher bereits ein Barde aufspielte. Zunächst wollte er schon gehen, denn er hatte Hunger und wollte sein weniges Geld lieber sparen, und für seine Kost viel lieber aufspielen, als selbst dafür zu bezahlen. Doch spielte dieser Spielmann ein so schönes und zuerst bewegendes und später sogar mitreißendes Lied und sang im Einklang zur Laute eine solch bezaubernde Melodie, dass Adraéyu sich doch dazu entschloss seiner Musik zu lauschen, und sich ein kleines, verwässertes Bier zu bestellen. Er sollte diese Entscheidung nicht bereuen. Denn als er, nachdem der Spielmann mit seiner Musik geendet hatte, aufstehen wollte, begann dieser mit einer Geschichte. Es war eine spannende und einprägsame Geschichte und Adraéyu muss selbst heute, über zwanzig Jahre später, oft noch an sie denken. Der Spielmann erzählte von Drachen, und mysteriösen, geheimnisvollen Menschen mit roten Haaren, denen man allerlei unerklärlicher Kräfte nachsagte. Er berichtete von Göttern, welche Menschen mit goldenen, bernsteinfarbenen und leuchtenden Auge niederwarfen, und von mächtigen Menschenreichen, welche sich gegen ein Volk mit violetter Haut verschwor. Und ehe er sich’s versah, musste Adraéyu unweigerlich an seine Eltern denken. Seine Augen glommen ihm aus dem fahlen, gelben Spiegel – welcher da ruhig am Grund des leeren hölzernen Kruges lag – anklagend entgegen. Ihm fielen die tiefgründigen, Augen seines Vaters ein, welche oft wie klarer Honig in seinen Augenhöhlen geleuchtet hatten, und das fröhliche Lachen seiner Mutter, wie sie zu seines Vaters Musik tanzte und, gleich einer Nachtigall, gesungen hatte. Und mit einem Mal überschlug ihn der Wunsch erneut die Ruine der Raéyun zu suchen, Nein! Zu finden! Doch dieses Mal wollte er sich besser vorbereiten. Jener Spielmann, welcher den Namen Rudgar getragen hatte, war gute vierzig Jahre alt gewesen. Ihr kennt Rudgar nicht? Rudgar der Sänger? Rudgar der Bärenbändiger! Rudgar der Vagabund, wer kannte ihn nicht? Er hatte goldenes Haar, und graue Augen. Seine Zähne blitzten im Sonnenschein und sein, von Lachfalten durchzogenes Gesicht und seine braune, wettergegerbte Haut zeugten von einem Spielmann, wie er im Buche stand. Und tatsächlich, als Adraéyu nach der Vorstellung des Spielmanns an Rudgar herangetreten war, und ihn gebeten hatte ihn begleiten zu dürfen um mehr seiner Lieder und seiner Geschichten zu erfahren, da erfuhr Adraéyu, dass Rudgar weit mehr wusste als Adraéyu zunächst zu hoffen gewagt hatte und sehr viel in den Landen herumgekommen war. Er war ein Mann der Straße, lebte wie Adraéyu von dem, was ihm die Leute für seine Spielkunst zu geben bereit waren, und hatte auf seinen Reisen so allerhand Wissen und Mummenschanz in Erfahrung gebracht. Zunächst begleitete Adraéyu Rudgar nur auf seinen Reisen, doch schloss er ihn bald ins Herz, und so kam es, dass Adraéyu kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag zu Rudgars Lehrling wurde. Er lehrte ihn die Laute zu spielen, wie es seine Eltern nie getan hatten. Und bald reichte sein Können an das seines Meisters heran, wie in vielen anderen Belangen. Adraéyu war äußerst wissbegierig und lernwillig, und er lernte auch allerhand Dinge, welche neben den Bühnen vonstattengingen. Wie das hofieren, schöner, oft adeliger junger Frauen, oder die Kunst inmitten der Menge zu verschwinden und zugleich sein Gegenüber mit seiner Wortgewandtheit zu bezaubern. Rudgar erzählte ihm viele Geschichten und auch Adraéyu hatte die eine oder andere zu erzählen. Er lehrte ihn den Gesang, und auch die ehrlosere Gabe die Menge mit kleinen Taschenspielereien auszunehmen oder mit wortstarken Auftritten in ihren Bann zu ziehen, damit diese abgelenkt waren. Rudgar selbst nannte es die Kollekte. Ein derart blasphemischer Name für eine solch hinterhältige Schurkerei, zauberte Adraéyu immer wieder ein verschmitztes Lächeln auf das Gesicht. Die Kollekte war eine spitzbübische Umschreibung für einfache, wenn auch professionelle, Beutelschneiderei. Denn während Rudgar sang, tanzte und halbes Theater zum Besten gab, zwängte Adraéyu sich durch die Mengen und erleichterte die Zuseher um ihre Goldbeutel, Geldkatzen, Ringe und manches Mal sogar um kleinere Dolche oder Kurzschwerter. Es war ein sorgloses und in gewisser Weise auch erfüllendes Leben und in den Jahren der Wanderschaft hatte Adraéyu sehr selten eine seiner Visionen von zukünftigen, möglichen Dingen, und wenn er eine gehabt hatte, so hatte er sie bald darauf verdrängt. Er versuchte gar nicht erst eine Geschichte daraus zu machen, doch mit der Zeit begann sein Geist in die Ferne zu schweifen. In diesen drei Jahren zeigten sich auch das erste Mal Anzeichen seiner raéyun'schen Gabe. Wenn er auf der Laute spielte, und vereinzelte fremde Gefühle ihn erfüllten, oder manche Leute ihn wie gebannt anstarrten. Doch konnte er diese Anzeichen noch nicht deuten oder zuordnen. Sie zogen durch die Nordreiche. Zumeist hielten sie sich in kleineren Ortschaften Mérindars auf, da dort das meiste zu holen war. Die Hauptstadt besuchten sie auch gelegentlich, doch zog Rudgar die ländlicheren Gegenden und einzelnen Burgen der großen Stadt deutlich vor. Als drei weitere Jahre ins Land gestrichen waren, und Adraéyu zwanzig Jahre alt wurde, häuften sich die Träume wieder, und eine Stimme in Adraéyu zog ihn fort von dem Ort, an welchem er sich befand. Doch Adraéyu wollte nicht fort von Rudgar. Ihm gefiel sein Leben, sorglos und einfach wie es war. Doch war der Drang in ihm stärker, als sein Wunsch nach Sorglosigkeit. Als er Rudgar erzählte, dass er sich in die Berge aufmachen wollte, um eine alte Ruine zu finden, hatte der alte Spielmann nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. Er meinte, Adraéyu würde in den Bergen nichts finden, nur Trostlosigkeit und keinen Menschen weit und breit, dem er seine Musik vorspielen konnte. Doch Adraéyu ließ sich nicht beirren, er wollte in den Bergen auch niemandem etwas vorspielen, er wollte etwas lernen. Und so überreichte Rudgar Adraéyu einen kleinen, eisernen Ring in welchem ein seltsames Zeichen geprägt war. Er meinte, dass die Ausbildung zum Musiker mit diesem Tage vollendet sei, und dies das Zeichen seiner abgeschlossenen Lehre wäre. Adraéyu wurde dabei schwermütig uns Herz und so gab Rudgar ihm, wie seine Eltern zuvor, einen Rat mit auf den Weg. Wer in den Bergen etwas zu finden gedenkt, darf seinen Blick nicht auf die Berge richten, sondern auf den Weg, welcher vor ihm liegt. Denn die Berge sind trügerisch, und schnell kann man sich verlaufen. Doch wen sollte Adraéyu schon nach dem Weg fragen, wenn nicht einmal sein Vater ihm damals den Weg hatte sagen wollen? Und da kam ihm die Idee in einer Bibliothek nach seiner Antwort auf diese Frage zu suchen und Rudgar schrieb ihm ein einzelnes Wort auf, welches er ihm auf den Weg mitgab. »Zerwürfnis«

Er reiste er nach Mérindar, und besuchte die große Bibliothek von Merridia. Doch seine Euphorie wurde rasch zerschlagen, als er erkannte welche Massen an Büchern auf der Welt existierten. Selbst als er nur nach Büchern über die Berge und alte, verlassene Ruinen und vergessene und verlorene Orte suchte, oder gar nach Büchern über Raéyun oder Geschichten über sie, hatte er am Ende so viele Bücher gefunden, dass allein das Lesen dieser Bücher ein Leben dauern würde. Doch ließ er sich zunächst nicht entmutigen, und sortierte die Bücher nach ihrer Thematik. Doch war dies ebenso wenig zielführend, wie das oberflächliche Durchblättern der Bücher. Gefrustet warf er einige Bücher durch den Raum, und fluchte innerlich, bis ihm ein altes, rotes Buch in die Hände fiel. Er hätte es nie für besonders wichtig erachtet, denn es war ein schlichtes, in Leder gebundenes Buch, welches keine äußeren, besonderen Merkmale aufgewiesen hatte. Und dennoch hatte er es damals in den Händen gehalten und ungläubig angestarrt. Denn der Titel des Buches, welcher in das Leder gestanzt worden war, kam ihm so unheimlich bekannt vor, dass er nicht glauben wollte, dass dies ein Zufall gewesen sein mochte. Der Titel des Buches lautete »Zerwürfnis«, und er beschrieb, neben verschiedener – in Adraéyus Augen völlig haltloser – Sagen und angeblicher Fakten über die Raéyun, auch eine Karte mit verschiedenen Orten, die den Raéyun angeblich heilig waren. Er mochte kaum glauben, dass ausgerechnet jenes Buch, welches offensichtlich mehr der Phantastik als der Wahrheit entsprungen war, ihn zu seinem Ziel führen sollte. Doch hatte Rudgar ihm doch dieses Wort, »Zerwürfnis« mit auf den Weg gegeben, und ihm angeraten in Merridia die Suche zu beginnen. Es konnte kein Zufall sein. Doch woher hatte Rudgar von diesem Buch gewusst? Adraéyu waren in der langen Zeit mit ihm niemals bernsteinfarbene Augen aufgefallen. Auch wenn seine Musik Adraéyu zuweilen zu verzaubern vermochte. Und so besah er die Karte mit zweifelndem Blick, aber wachsendem Interesse. Die Karte schien sehr veraltet, und so zog er eine aktuelle Karte der Welt Alvaranias hinzu um beide Karten miteinander zu vergleichen. Viele Orte konnten nicht stimmen, denn sie befanden sich an Punkten auf der Karte, wo sich heute große Städte angesiedelt hatten. Wenn sie jemals Orte waren, die den Raéyun heilig waren, so waren diese Orte längst den Spuren der heutigen Zivilisation jener Städte zum Opfer gefallen. Ein Ort befand sich sogar augenscheinlich direkt in Merridia. Er konzentrierte sich auf seiner Suche vielmehr auf jene Orte, welche in den Gebirgen eingezeichnet waren, welche vier an der Zahl waren. Eines fand sich in eben jenen Bergen, auf welchen er bereits gesucht hatte – die Berge der Bergelfen, die Zuhadal-Kette. Doch auf dieser Karte sah Adraéyu erst welch gigantisches Felsmassiv sie doch in Wahrheit waren, ganz zu schweigen von der Mauer der Drachen. Sie war gewaltig. Nun kam ihm seine anfängliche Suche noch umso törichter vor, als er die Karte besah und sich gewahr wurde, welche Dimensionen die Welt besaß. An der Zuhadal-Kette, auf der Mauer der Drachen und in den Ruwayd-Bergen war je ein Kreuz eingetragen und auf dem kleinen Berg in den wilden Landen war das letzte Kreuz vermerkt worden. Diese vier Markierungen waren die einzigen, welche sich entweder in, oder nahe einer Gebirgsformation befanden, daher konnte Adraéyu all die anderen, welche sich in den Landen Alvaranias befanden bei seiner Suche ungeachtet lassen. Vielleicht bargen jene Orte Schätze der Raéyun oder gar Erinnerungen an längst vergangene Tage, große Tage der Raéyun aus den Geschichten von Adraéyus Vater. Doch interessierte dies Adraéyu im jetzigen Moment nicht. Er wollte nur die Ruine finden, zu welcher sein Vater ihn geschickt hatte. Wo er, viele Jahre zuvor, ebenfalls die Macht der Raéyun ergründet hatte.

Eine Markierung auf der Karte konnte Adraéyu fürs erste Streichen, denn er war sich absolut sicher in jener Gegend auf der Zuhadal-Kette gesucht zu haben, und er hatte absolut nichts gefunden. Wenn dort oben, ein heiliger Ort der Raéyun gewesen war, so gab es ihn heute nicht mehr. Und es gab nichts mehr, was ihn wieder zu den verrückten Bergelfen führen könnte. Oder die karge Einöde der nördlichen Berge und ihre idyllische, wenn auch trostlose, Unberührtheit waren das heilige an jenem Ort. Wie dem auch sei, Adraéyu suchte eine Ruine, oder irgendetwas, was an eine solche erinnerte und keine heiligen Orte im Nirgendwo. Die andere Markierung auf der Mauer der Drachen befand sich am Rande der Eiswüste, wo die Mauer der Drachen sich mit den Eisklippen verschmolz, wenn die Raéyun dort eine heilige Ruine hatten, so war sie heute unwirtlich und es war viel zu kalt um dort leben zu können. Er raffte die Karte zusammen, und steckte das Buch in seine Tasche. Vielleicht würde es ihm noch einmal nützlich sein. Und so beschloss er in die wilden Lande zu reisen, da dies die naheste Markierung war. In der Hoffnung dort sein Glück zu finden, und in der noch viel größeren Hoffnung, dass seine Suche ihn nicht ausgerechnet in die Ruwayd-Berge führen würde. Ausgerechnet jene Berge, welche doch am weitesten von ihm weg waren.

Sein Weg führte ihn heraus aus der Hauptstadt Merridia, und da er seine Reise schnell vollenden wollte, sah er sich nach einem Pferd um. Doch er staunte nicht schlecht, als er erfuhr welch horrende Preise für ein solch stolzes Tier verlangt wurden. Selbst der älteste Klepper überstieg seine finanziellen Mittel bei weitem. Doch zu Fuß gehen würde die Reise nur unnötig in die Länge ziehen, und er würde Gefahr laufen Schurken und Banditen in die Arme zu laufen, oder gar noch schlimmer: Abergläubischen Bauern, Pöbel und anderen Menschen, die ihn seiner Augen wegen fürchten und verfolgen würden, ihn sogar töten würden, wenn sie ihn erwischen würden, oder er ihnen einen Anlass dazu gäbe. Daher musste unbedingt ein Pferd her, und so kam es, dass er es stehlen musste. Doch das ist leichter gesagt als getan. Wenn etwas teuer ist, dann gehört es meistens Leuten die Geld besitzen, und wer viel besitzt, der beschützt es auch. An ein Pferd zu kommen, ohne kurz danach am Schafott oder im tiefsten Kerkerverließ zu landen, gestaltete sich für Adraéyu beinahe als ein Ding der Unmöglichkeit. Er entschied sich, sein Glück in den ländlicheren Gegenden Mérindars zu versuchen, wo die Leute freundlicher waren, und die Mauern tiefer. Er hielt geradewegs auf die wilden Lande zu, stets darauf bedacht keine allzu großen Umwege, welche nur Zeit und vor allen Dingen Kraft, kosten würden, zu nehmen. Zugleich wollte er vermeiden durch die Grafschaft Cathrad zu kommen, wenn er erst Mérindar hinter sich gelassen hatte. Die Theatergruppe seiner Eltern hatte es stets vermieden diese Baronien und Grafschaften der gefallenen Reiche zu besuchen, oder wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ, sie sehr schnell hinter sich zu lassen. Der Grund waren die Armaganen, mit ihren weißen Armbinden, ihren scharfen Klingen und ihren radikalen Art. Zu oft gab es Streitereien, und die Spielleute, Musikanten, Tänzer, Sänger, Akrobaten und vor allen Dingen die Taschendiebe, waren darauf angewiesen, dass die Menschen guter Stimmung waren, und nicht in Angst lebten oder am Hungertuch nagten. Aus der Zeit der Reisen mit dem wandernden Volk und seinen Eltern wusste Adraéyu auch, dass es in Córalay, nahe der Grenze zu Cathrad – im Niemandsland - einen alten Birkenhain gab, welcher dem wandernden Volk seit jeher als geheimer Treffpunkt diente. Hier wurde gehandelt, sich ausgetauscht, gesungen, gelacht und ein Leben, fernab der Gesetze und Regeln der Barone und hohen Herren geführt. Es war gerade die Zeit, in welcher die verschiedenen Musikanten und Schausteller in der Gegend waren, und da dieser Ort fast auf halbem Wege zu seinem Ziel in den wilden Landen lag, wollte er unbedingt dorthin reisen. Zwar war es unwahrscheinlich dort seine Eltern zu treffen, denn ihre Reise führte sie oft in die südlichen Lande, da sie das warme Klima liebten. Doch vermisste er die Geselligkeit seiner Kindheit, und insgeheim hoffte er auch seine Eltern würden nicht dort sein. Denn er hatte bisher nichts auf seiner Suche erreicht, und auch außer den Lehren Rudgars nichts aus seinem Leben gemacht.

Er verließ Merridia auf dem Flussweg, denn es war schneller als zu Fuß, und weit billiger als ein Pferd. Der Händler, welcher Adraéyu mitgenommen hatte, musste nach Cadron, um dort Lebensmittel zu kaufen um diese gewinnbringend in Merridia wieder zu verkaufen. Nebenbei verdiente sich dieser Händler auch eine goldene Nase beim Verkauf von Dingen, die eigentlich gar nicht verkauft werden dürften, oder Dingen die eigentlich gar nicht in seinem Besitz sein sollten. Er war ein Schmuggler, ein Dieb und ein Hehler. Er kaufte Dinge, von oft zweifelhafter Herkunft, und veräußerte sie weit ab von der Hauptstadt, in Orten wie Cadron oder Aymân, wo keiner wusste woher diese Dinge kamen, und es ohnehin auch niemanden interessierte. Doch er verkaufte nicht nur gestohlene Dinge. Die Lebensmittel, welche er kaufte um seine wahren Geschäfte zu vertuschen, verkaufte er natürlich ebenfalls. Meistens in den erstbesten Ortschaften welche sich entlang des Flusses tummelten. Und wenn einmal ein Reisender eine Mitfahrgelegenheit brauchte, so brachte sie ihm weitere Münzen ein. In Adraéyus Fall waren es eher weniger Münzen, denn dank seines natürlichen Charmes, und der Aussicht auf ein gutes, unterhaltsames Lied, war der Händler geneigt gewesen ihn mitzunehmen. Zum einen, da er ohnehin in diese Richtung wollte, und zum anderen, da die Reise ansonsten immer sehr langweilig und eintönig verlief, und ein wenig Musik und Unterhaltung die Reise viel schneller vergehen lassen würde. Adraéyu spielte all die derben und lustigen Lieder, welche er in der Lehrzeit mit Rudgar gelernt hatte, und wurde oft durch ein Lachen oder ein verschmitztes Grinsen des Hehlerhändlers belohnt. Und für Adraéyu hatte sich die Reise auch gelohnt. Zum einen hatte er schnell viel Strecke gut gemacht und zum anderen war Cadron eine nette kleine Stadt, am Ufer des Flusses, welche ihm als Sprungbrett in die wilden Lande dienen sollte. Denn ab jener Stadt musste Adraéyu den Fluss verlassen und querfeldein durch Mérindar, Córalay und schlussendlich auch durch die wilden Lande reisen, um zu jenem Berg zu gelangen, den er zu erreichen versuchte. Doch benötigte er nach wie vor ein Pferd, und hier kam ihm die Architektur der Stadt sehr gelegen. Es gab nahezu kaum Mauern oder bewehrte, bewachte Gebäude. Natürlich gab es auch kaum reiche Händler, da die Menschen hier fast ausschließlich vom Ackerbau lebten. Doch ein Pferd war ein Pferd, und sei es nur ein Ackergaul. Und so kam es, dass Adraéyu sich des Nachts das Pferd eines niederen Adeligen stehlen konnte. Jenes Pferd stand in einem kleinen, von einem kärglichen Holzzaun umschlossenen Hof und weit und breit brannte weder eine Fackel, noch stand eine Wache in der Nähe. Adraéyu musste noch Stunden nachdem er Cadron hinter sich gelassen hatte, und den Wind in seinem Gesicht spürte lachen, dass die Götter ihm so großzügig in die Hände gespielt hatten, während er liebevoll dem Pferd den Hals tätschelte. Zugleich raste auch sein Herz beinahe im Takt zum Galopp des Pferdes. Wenn ihm jemand gefolgt worden war, und ihn aufgegriffen hätte, das wäre das Ende seiner Reise gewesen. Wie der Wind, dessen Ruf Adraéyu in den letzten Tagen allzu oft vernommen hatte, flog er über die weiten Lande, bis er die Grenzen Mérindars endlich hinter sich gelassen, und die erste Grafschaft Cathrads erreicht hatte. Hier musste er sein Pferd etwas langsamer galoppieren lassen, denn die Straßen waren in einem weniger guten Zustand, als es in Mérindar der Fall war und er wollte nicht riskieren, dass das Pferd sich einen Fuß verstauchte und am Ende noch lahmen würde. So trabte er mehr, als dass er das Pferd zu einem wilden Galopp antrieb, durch die größtenteils verlassenen Gegenden der Grafschaft und versuchte sich daran zu erinnern wo jener Birkenhain lag, an welchem er in seiner Kindheit schon so oft mit seinen Eltern gelagert hatte.

Doch er konnte die besagte Weggabelung nicht mehr finden. Es war schon so lange her gewesen, als er das letzte Mal jenen Ort aufgesucht hatte. Und damals war er ein Kind gewesen. Er hatte im Wagen der Spielleute gespielt, oder geschlafen – er konnte sich nicht mehr so recht erinnern. Fragen konnte er auch niemanden mehr, denn weit und breit waren weder Menschen noch Siedlungen zu sehen. Niedergeschlagen machte er an einem seichen Bach, welcher mehr ein Rinnsal als ein Bach war, Halt und ließ das Pferd ausrasten, grasen und das wenige Wasser aus dem Bächlein saufen. Er setzte sich einfach nur in die Wiese und studierte die Karte, welche er aus der Bibliothek in Merridia entwendet hatte. Sie war viel zu grob gezeichnet, als dass er ernsthaft erwägen konnte den Ort, den er suchte, von welchem aber zumeist nur das wandernde Volk eigentlich wusste, einfach so zu finden. Und während er so grübelte und vor sich hindöste, schien er in das Reich der Träume hinab zu gleiten. Er träumte einen wilden Traum von Dingen die waren, und einigen Dingen die nie passiert waren. Wie es Träume nun einmal so an sich hatten, waren sie stets verworren und man wurde nie so recht aus ihnen schlau. Doch mit einem Mal wandelte sich der Traum. Ein seltsamer Gedanke schoss Adraéyu durch den Kopf, als er den alten Birkenhain in diesem Traum erkannte. Er sah die vielen, bunten Wagen, die spielenden Kinder, die tanzenden und fröhlichen Menschen. Und im Kreis der Wagen brannte das große Lagerfeuer, welches jeden Abend entzündet wurde. Er schlug die Augen auf und sein Atem ging rasend schnell. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn und er kroch zuallererst zu dem kleinen Bach um sich etwas Wasser ins Gesicht zu schütten. Als er danach noch seinen Durst gestillt hatte, versuchte er sich an jenen Traum zu erinnern. Doch er war ihm aus den Gedanken entschwunden. Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was er alles geträumt hatte, und nur der Birkenhain war geblieben. Wie vom Winde gelenkt, ritt er in eine scheinbar zufällige Richtung, bis er nach einigen Tagesritten in eine Gegend kam, die ihm sehr bekannt vorkam. Er konnte selbst kaum glauben, dass er den Birkenhain entdeckt hatte. Er vermutete, dass sein Traum, den er vor wenigen Tagen gehabt hatte, mehr als nur ein Traum gewesen war. Eine Vision, wie er sie in seiner Kindheit schon oft gehabt hatte.

Doch ehrlich gesagt war es ihm auch völlig egal. Er hatte den Birkenhain gefunden. Und als er immer näher kam, sah er sie: die bunten Wagen, die müden Pferde, welche auf der Wiese grasten, und je näher er kam, desto mehr Klänge und Töne wurden ihm vom Wind entgegengetragen. Kinderlachen, Gesänge, das Wiehern und Schnauben der Pferde, das Klirren von Geschirr und Töpfen, und schließlich selbst das Gemurmel von unzähligen Stimmen, welche miteinander sprachen. Und all diese Töne wurden von einer sanften Melodie, welche durch den Wind zu säuseln schien, begleitet.

Ganz nach der Sitte des wandernden Volkes offenbarte er sich, damit jeder sehen konnte mit wem sie es zu tun hatten. Dies lag einfach daran, dass jeder Wagen eine eigene Familie für sich war, und der Zusammenhalt dieser Familie unter anderem auch dadurch geprägt war, dass man Fremde zwar freundlich behandelte, aber nur zögerlich aufnahm. Doch wer ebenfalls zum fahrenden Volke gehörte, oder eine der vielen Künste eines Zigeuners beherrschte, wurde weitaus weniger misstrauisch bedacht. Damit Adraéyu beweisen konnte, dass er kein zwielichtiger Fremder war, musste er sich den anderen offenbaren. Dies bedeutete, dass sie auch seine Augen sehen würden, doch hatte ihn die Vergangenheit gelehrt, dass das wandernde Volk zwar abergläubisch war, doch einen der Ihren niemals ausgrenzen würden. Er zog sich die Kapuze vom Kopf, und löste den Lautenkasten von seinem Gurt. Als er den Kasten sachte in das saftige Gras abgelegt hatte, und schlussendlich die Laute daraus hervorgeholt hatte, hielten einige der Umstehenden für einen Moment in ihrem Tun inne. Jeder Spielmann, Mime oder Sänger, welcher in den Kreis des wandernden Volkes der Zigeuner treten wollte, musste eine Kostprobe seiner Kunst zum Besten geben. Und so begann Adraéyu ein kurzes und flottes Lied auf der Laute zu spielen. Er verzichtete darauf zu diesem Lied zu singen, denn er wollte nicht alle seine Gaben zugleich offenbaren. Rudgar hatte ihm stets gelehrt, mit seinen Gaben sorgsam umzugehen, denn dann war man stets in der Lage seine Zuhörer mit etwas Unerwartetem zu überraschen. Wer alles offenbarte, der hatte am Ende nichts mehr um die Neugierde der Menge an sich zu fesseln. Als Adraéyu mit seinem Lied geendet hatte, schien der Alltag im Lager wieder ungestört weiter zu gehen. Adraéyu schlenderte durch das Lager, und besah jeden Wagen der dort aufgestellt war. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, eine Art Ehrerbietung an die anwesenden Vagabunden – wie auch er einer war. Dies wusste er noch aus jener Zeit, als er mit seinen Eltern auf Reisen gewesen war. Sein Vater hatte auch immer jedem Wagen seine Aufmerksamkeit geschenkt. So zeigte man, dass man die Familie ehrte, auch wenn es nicht die eigene war. Die bunten Wagen waren meist mit den Zeichen der Zünfte, in welchen die verschiedenen Angehörigen des wandernden Volkes, angehörten. Spielleute, Mimen, Feuerschlucker, Wassertänzer, Akrobaten, Messerwerfer, Sänger, Kesselflicker oder in sehr seltenen Fällen sogar Zauberer. Oft waren jene Zauberer Scharlatane oder Trickbetrüger. Doch hin und wieder fanden sich sogar Menschen oder Elfen unter ihnen, die wahrhaftig der Magie mächtig waren. Sie waren allerdings sehr selten, und offenbarten ihre Gaben selbst unter ihresgleichen äußerst ungern.

Als er schließlich jeden Wagen gesehen hatte, musste er mit einem Seufzer feststellen, dass seine Eltern nicht dabei gewesen waren. Er hatte insgeheim doch gehofft, dass sie da gewesen wären. Auch wenn er bis jetzt noch nichts vorzuweisen hatte. Doch er wusste, dass seinen Eltern dies nicht so wichtig war. Jeder musste seinen Weg in der ihm vorbestimmten Zeit gehen. Und als es endlich Abend war, saß Adraéyu mit einigen Andern am Feuer, lauschte der Musik eines Sackpfeifenmusikanten, und aß einen einfachen Eintopf. Jeder steuerte etwas bei. Wer nicht kochen konnte, half beim Feuer machen. Adraéyu hatte im Wald Wurzeln und Kräuter gesammelt, welche in eben jenen Eintopf schwammen, welchen er zu sich nahm. Er starrte nachdenklich in das Feuer, und achtete eigentlich so gar nicht auf die anderen Menschen um ihn herum, als ihm irgendwann Mann aufgefallen war, welcher auf der anderen Seite des Feuers gesessen hatte. Der Schein des Feuers hatte sein Gesicht in einem warmen Farbton getaucht, doch seine Augen stachen dennoch daraus hervor, wie glühende Kohlen. Die Augen der anderen leuchteten zwar auch, wenn sie in die Flammen sahen, doch seine Augen spiegelten nicht nur die Farbe des Feuers wider, sie waren selbst wie kleine goldene Münzen. Es musste ein Raéyun gewesen sein! Als Adraéyu an den Mann herangetreten war, starrte dieser ihn nur mit ausdruckslosen Augen und einer ungehaltenen Mimik an. Und als Adraéyu sich vorgestellt hatte, und darum gebeten hatte sich zu ihm setzen zu dürfen, war dieser einfach aufgestanden und fort gegangen. Adraéyu war zuerst stutzig, dann aber beleidigt, dass dieser Mann nicht einmal mit ihm gesprochen hatte. Kein Wunder, dass die Raéyun so unbeliebt waren, wenn alle so wie er waren. Doch Adraéyu hatte nicht locker gelassen. Er war dem Mann kurzerhand gefolgt, und hatte ihn wenige Schritte später schon eingeholt. Doch bevor er wieder anfangen konnte, ihn anzusprechen, hatte sich eine dünne zierliche Hand auf seine Schulter gelegt. Erschrocken hatte Adraéyu sich umgedreht, um zu erfahren wer ihm da die Hand auf die Schulter gelegt hatte und blickte in das schönste Gesicht einer Frau, welches er bis dahin erblickt hatte. Sprachlos starrte er die Frau an, und besah ihr Gesicht. Es war so ebenmäßig und fein gezeichnet. Und doch haftete diesem Gesicht etwas Fremdartiges an. Adraéyu war sich zunächst nicht sicher gewesen, was es war, bis ihm die dünnen Spitzen ihrer zierlichen Ohren aufgefallen waren, welche zwischen den langen Haaren hervorgelugt hatten. Sie war eine Elfe, und das fremdartige in ihrem Gesicht war die seltsame Augenfarbe gewesen. Ihre, beinahe gläsernen Augen, in der Farbe eines Amethysten hatte Adraéyu völlig bezaubert. Doch da war noch mehr. In den glänzenden, violetten Augen der schönen Frau waren silbergraue und sonnengoldene Sprenkel gewesen, fast als ob ihre Augen gemalt worden wären, und dem Künstler geschmolzenes Geschmeide auf das Kunstwerk getropft war. Als sie das Wort erhoben, und ihn damit aus seiner geistigen Abwesenheit gerissen hatte, entpuppte sie sich als die Lebensgefährtin jenes Raéyun. Sie erzählte ihm, dass es klüger wäre ihn nicht zu behelligen, denn er mied Angehörige seines eigenen Volkes. Adraéyu frage sie wissbegierig, ob sie ihm vielleicht bei seiner Suche helfen könnte, doch sie schlug nur die Augen nieder und entschuldigte sich. Sie wisse nichts über die Vergangenheit ihres Begleiters. Doch Adraéyu stellte ihr weiterhin fragen, versuchte sie dazu zu bewegen ihr wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt zu geben, und so kam es damals zum ersten Mal, dass er unbewusst von seinem raéyun'schen Erbe Gebrauch machte. Er blickte ihr so tief in die Augen, dass er mit einem Mal von den Gefühlen der elfischen Frau überschwemmt wurde. Da waren starke Gefühle von Liebe und Freude und Angst. Aber auch unterschwellige wie Neid und auch ein wenig Misstrauen. Er trat, ob dieser unerwarteten Erfahrung einige Schritte von ihr zurück. Denn er konnte nicht verstehen was da soeben passiert sein mochte. Er entschuldigte sich und wollte sich von ihr abwenden, als der Raéyun mit einem Mal wutentbrannt auf ihn zugestürmt kam. Seine Augen loderten vor Zorn und seine Pupillen glühten wie geschmolzenes Gold.
Er beschuldigte Adraéyu die Gefühle seiner Gefährtin gelesen zu haben. Adraéyu war zu verwirrt um dem etwas entgegen zu setzen. Er wusste damals ja selbst nicht was er soeben getan hatte. Doch schien die fremde Elfe mit einem Mal peinlich berührt, als ob Adraéyu etwas tief in ihr gesehen hätte, von dem er nichts hätte erfahren dürfen. Und dem war auch so, doch war Adraéyu sich dessen nicht wirklich bewusst gewesen. Die Gefühle der Elfe und seine eigenen tobten in seinem Geist umher, wie in einem Wirbelsturm. Er war unfähig die Ihren von den Seinen zu unterscheiden. Und zu allem Überfluss hatte der fremde Raéyun noch ein elegantes Schwert gezogen. Es kam zu einem Streit, und Adraéyu versuchte fieberhaft die Situation irgendwie zu schlichten. Doch was er auch versuchte, es wurde nur schlimmer. Rückwirkend betrachtet wurde Adraéyu klar, dass dieser Raéyun ebenfalls die Gefühle der Anwesenden, einschließlich der Adraéyus beeinflusste. Er weckte in der Elfe Schuldgefühle, in Adraéyu Furcht und in den Umstehenden Gleichgültigkeit. Mit einem Mal ging alles so furchtbar schnell, dass Adraéyu heute noch Mühe hat sich genau daran zu erinnern. Er weiß noch, dass der Raéyun ihn mit einem gezielten Tritt zu Boden geworfen hatte, und dann mit dem Schwert nach ihm geschlagen hatte. Wehmütig denkt er noch heute an die beiden langen Schnitte, welche seither seinen Rücken zieren. Der Elfe ist es zu verdanken, dass er überhaupt noch am Leben war. Denn sie hatte ihrem eifersüchtigen und impulsiven Begleiter irgendwie das Schwert entrissen. Alles woran sich Adraéyu noch erinnerte war, dass das Schwert im hohen Bogen in das Lagerfeuer geflogen war. Und die Elfe kurz darauf sich scheinbar einfach in Luft aufgelöst hatte. Als ob sie ein Geist gewesen wäre, oder ein Luftgespinst. Während die Umstehenden staunend die Szenerie betrachtet hatten, und viele kaum glauben konnten, dass die Elfe sich soeben in Luft aufgelöst hatte. Überwältigten einige bewaffnete Zigeuner den Raéyun und verstießen ihn aus ihrer Mitte. Er wurde angewiesen das Lager zu verlassen, und niemals wieder zu kehren. Adraéyu hatte ihn niemals wieder gesehen. Doch Adraéyu starrte nur ungläubig auf jene Stelle, an welcher soeben noch die Elfe gestanden hatte, als er am Himmel eine grazile Gestalt auf dem Wind rennen sah, er glaubte die Elfe dort oben rennen zu sehen. Denn was Adraéyu nicht wusste, war; dass sie eine Elementarmagiern war, und mit Hilfe des Zaubers Freiheit mit großen Schritten, und dicken Tränen auf den Wangen, dem Lager und ihrem Leben entfloh.

Er musste eine Woche bei den Zigeunern verweilen, bis seine Wunden am Rücken ausreichend verheilt waren, dass sie nicht sofort wieder aufreissen würden, doch dann machte sich auch Adraéyu wieder auf die Reise. Die Ereignisse jenes vergangenen Abends machten im gesamten Lager die Runde, und er wollte nicht der Mittelpunkt ihrer Geschichten sein. Er erkundigte sich nur nach der Richtung, in welcher die wilden Lande lagen, und hatte kurz darauf auch schon das Lager weit hinter sich gelassen. Mit dem Wind im Rücken trug ihn sein Pferd fort von dem Birkenhain, hinaus aus Cathrad und so erreichte er die bewaldeten und hügeligen, wilden Lande.
Je tiefer er in die wilden Lande vordrang, desto unwegsamer wurde das Gelände. Doch war er froh, soviel Weg in so kurzer Zeit geschafft zu haben, dass es ihn nicht weiter störte, wenn das Pferd stellenweise nur im Schritttempo vorankam. Er musste viele Male umkehren, da das Dickicht oft so dicht geworden war, dass wohl nicht einmal eine Fliege durch die vielen Äste und Blätter einen Weg gefunden hätte. Und so irrte er viele Tage durch die dunklen und dicht bewachsenen Wälder der wilden Lande, bis seine Reise eines Tages vor einem reissenden Fluss ihr Ende fand. Der Fluss war so breit, dass er es nicht vermochte einen Stein von dem einen Ufer auf das andere zu werfen. Und er war gespickt mit scharfkantigen Felsen, reißenden Stromschnellen und unzähligen Untiefen, welche man, aufgrund des vielen Wassers nicht einmal zu sehen imstande war. Wie er später erfuhr, trug dieser Fluss den Namen Chabur. Da er keine Möglichkeit sah, über den Fluss zu gelangen, und er noch nicht einmal sicher war ob sein Weg überhaupt über den Fluss führen würde, entschloss er sich kurzerhand, dem Flussverlauf bis zu dessen Ende, oder zumindest bis zu einer passierbaren Furt zu folgen. Dies gestaltete sich zunächst als gar nicht so einfach, denn das Flussufer war schroff und felsig und das Pferd rutschte immer wieder einige Zoll auf die Seite, so dass Adraéyu entweder absteigen und das Pferd führen musste, oder sich sogar etwas vom Fluss entfernen musste. Dies war aber nicht weiter tragisch, denn das reissende Wasser, fraß sich mit einem derart lauten Getöse durch das Land, dass man es selbst dann noch hören konnte, wenn man es nicht einmal mehr sah.

Die wilden Lande beherbergen noch viele Tiere, die in den zivilisierteren Gegenden Alvaranias schon längst vertrieben wurden. Bären und Wölfe, oder Berglöwen und Luchse waren hier wohl die gefährlichsten Tiere, auf welche man treffen konnte, wenn man durch die wilden Lande reiste. Man munkelte sogar, dass Werwölfe in den Wäldern hausten, oder Greifen in den hohen Klippen der Berge nisteten, doch Adraéyu hielt das für naiven Bauernaberglauben. Vielmehr fürchtete er ein ausgehungertes Rudel Wölfe, denn der Herbst hatte das Land schon lange fest im Griff, und weit im Norden hatte es zweifellos bereits zu schneien angefangen. Das Wild zog über den Winter in die südlichen Wälder und so war Adraéyu und ganz besonders sein Pferd ein gefundenes Fressen. Und gerade am Fluss musste man sich besonders vor Bären hüten. Zwar waren sie mehr an den Fischen interessiert, doch wenn ein Bär sich bedroht fühlte, dann war man in ernster Gefahr.

Als am Horizont, zwischen den hohen Baumwipfeln und Tannenspitzen, endlich die schneebedeckte Kuppe eines großen Felsmassivs auftauchte, atmete Adraéyu erleichtert auf. Zumindest hatte er sich in den unberührten Wäldern der wilden Lande nicht verlaufen. Doch je näher er dem Gebirge kam, desto größer schien es anzuwachsen, so dass seine Hoffnung auf ein schnelles Ende seiner Suche stetig schrumpfte. Während der Fluss immer kleiner und ruhiger neben ihm wurde, wuchs der graue Gigant vor ihm stetig weiter, und das Land wurde immer unwegsamer und steiler. Bis er endlich am Ende des Flusses angekommen war, und er keinen Weg fand um auf den Berg zu gelangen. So musste er sich entscheiden, auf welchem Weg er den Berg umrunden wollte, und er entschied sich den Weg nach rechts einzuschlagen. Und sein Instinkt wurde belohnt. Nicht nur, dass er, wenn er weiter geradeaus gegangen wäre, irgendwann in das Dorf Zynt gekommen wäre, der rechte Weg wäre um ein vielfaches länger gewesen. Er fand einen schmalen Gebirgspass, welcher zwischen den zwei großen Erhebungen hindurchführte. Der Pass war eng und steinig. Adraéyu rutschte oft auf den losen Schieferplättchen und Kieselsteinen aus, welche den Pfad über unzählige Jahrzehnte bedeckt hatten, und das Pferd fand kaum Nahrung. Hier wuchsen nur Silberdisteln und ungenießbares Unkraut. Seine Vorräte neigten sich langsam aber stetig dem Ende, und als er auf halber Strecke des Passes angelangt war, ging ihm auch noch das Trinkwasser aus. Hier war keine Quelle und auch kein Bergsee. Er begann an seiner Entscheidung zu zweifeln, den Weg durch das Gebirge gewählt zu haben. Doch ob der Weg durch die unwegsamen Wälder sicherer oder einfacher gewesen wäre, wagte er ebenso zu bezweifeln. Und zu allem Überfluss konnte er in den Nächten kaum schlafen. Nicht nur wegen des unbequemen Bodens, sondern auch wegen dem Wolfsgeheul, welches jede Nacht näher zu rücken schien. Adraéyu verfluchte seine Ahnen, und hoffte inständig dass dieser Berg der richtige war. Damit nicht all diese Mühen und die Plackerei umsonst gewesen sein würden.

Als er dann nach zwei Tagen das Ende des Passes erreicht hatte, halb verdurstet und ausgelaugt, und ihm die ersten Bäume ihre kargen Äste zur Begrüßung entgegenreckten, hörte er das leise Plätschern eines kleinen Wasserfalles. Mehr auf allen Vieren, als zu Fuß, kroch er zu dem Wasser und schöpfte sich das Wasser in die ausgetrocknete Kehle. Und während er sich den Staub aus dem Gesicht wusch, und sein Pferd sich an dem Wasser tränkte, nahte schon das Unheil.
Er hatte sie nicht kommen hören, denn sie waren lautlose Jäger. Diese Wälder waren ihr Zuhause, und er war leichte Beute. Erst als das markerschütternde Heulen einsetzte, rutschte Adraéyus Herz in die Hose. Ein siebenköpfiges Wolfsrudel hatte sich von mehreren Seiten an ihn herangepirscht, und ihre gelben Augen leuchteten förmlich im Zwielicht der Abenddämmerung. Panisch sah Adraéyu sich um, doch gab es kein Entkommen. Er musste auf sein Pferd aufsitzen und hoffen den einen oder anderen Wolf nieder zu reiten. Das Gelände war hügelig, und bewaldet. Zweifellos war der Weg unwegsam und der Wald für ein Pferd viel zu unwegsam. Doch was blieb ihm schon über? Gefressen werden, irgendwo am Fuß eines namenlosen Sees inmitten der wilden Lande, kam für Adraéyu keinesfalls in Frage. Und so schwang er sich so schnell er konnte auf sein Pferd, riss an den Zügeln und preschte los. Den einen Wolf konnte er so noch übertölpeln, doch der zweite wich dem heranpreschenden Pferd aus, und schnappte nach Adraéyus Bein. Hätte er es erwischt, wäre Adraéyu wohl vom Pferd gefallen, und wäre als Wolfsschmaus in den wilden Landen geendet. Doch das Wolfsrudel war stark, und hungrig. Gierig und heulend setzten sie dem Pferd nach, und Adraéyu trat ihm unbarmherzig in die Seiten. Doch der Wald wurde immer dichter. Tief hängende Äste versperrten Adraéyu mehr als einmal den Weg, und er riss sich sein Gewand auf, als die Äste seinen Umhang oder seine Kapuze zu fassen bekommen hatten. Viel schlimmer hatte es das Pferd zu ertragen. Dicke Wurzeln, große Felsen, umgestürzte, tote Bäume oder ähnliche Hindernisse sorgten dafür dass es nicht sonderlich schnell galoppieren konnte. Und das stetige Heulen und Knurren kam immer näher. Ein Paar scharfer, weißer Zähne schnappte nach dem Bein des Pferdes, und ein drahtiger, grauer Kopf tauchte neben Adraéyu auf. Er gab dem Wolf einen festen Tritt und das Tier verlor das Gleichgewicht und stürzte winselnd zu Boden. Schweiß rann dem völlig ausgehungerten Pferd aus allen Poren, und weißer Schaum troff aus dem Maul. Die Augen waren panisch geweitet, und es ritt um das nackte Überleben. Adraéyu hatte schon längst die Kontrolle über das Pferd verloren und klammerte sich vor lauter Angst nur mehr in die wallende Mähne des rasenden Pferdes. Doch das Rudel hatte den Vorteil auf seiner Seite. Es war schneller, es war flinker und es war kleiner. Das Pferd wurde immer langsamer, und schließlich kam es dazu, dass sich ein Wolf in eines der hinteren Beine des Pferdes verbeißen konnte. Panisch wiehernd stürzte es zu Boden und Adraéyu flog im hohen Bogen durch ein dichtes Dickicht aus Ästen und Brombeersträuchern. Dort blieb er bewusstlos liegen, und genau jene Sträucher, welche ihm war die gesamte Kleidung und auch ein wenig die Arme aufrissen, retteten ihm letzten Endes das Leben. Die Wölfe stürzten sich über das Pferd, und verbissen sich in dessen Kehle. Von alle dem bekam Adraéyu nichts mit. Auch nicht, als einer der jüngeren Wölfe versuchte zu Adraéyu in das Gebüsch zu kommen. Doch die Stacheln des Brombeerstrauchs waren dem Wolf zu scharf und so begnügte sich das Rudel mit dem Pferd, welches ohnehin mehr als genug Fleisch für alle abwarf.

Als Adraéyu erwachte, war es helllichter Morgen. Die Vögel zwitscherten und von den Wölfen war keine Spur zu sehen oder zu hören. Von dem Pferd war nur sehr wenig übrig geblieben, und die Aasfresser des Waldes, wie Krähen, Raben und Ameisen hatten sich schon an den Resten bedient, welche die Wölfe übrig gelassen hatten. Sein Schädel brummte und seine erste Bewegung wurde mit einem schmerzhaften Stich belohnt…es kostete ihn sehr viel Mühe, und noch viel mehr Schmerzen aus dem Brombeerbusch heraus zu kriechen, und als er sich endlich befreit hatte, da musste er sich zuallererst einmal übergeben, als er den abgenagten Leichnam seines Pferdes sah.

Als er sich schließlich beruhigt hatte, irrte er ein wenig ziellos durch die Gegend. Er rief sich in Erinnerung, dass er unbedingt vor Einbruch der kommenden Nacht einen sicheren Unterschlupf gefunden haben musste. Und so füllte er seine Wasserflasche neu auf und ging erneut seines Weges. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern aus welcher Richtung er gekommen war. Doch er entschied sich dafür den steilen Hang, an welchem er stand, einfach immer hinauf zu steigen. Er war sich sicher, dass er so auf diese Weise irgendwann wieder am Fuß des Berges ankommen würde. Und möglicherweise fand er dort ja eine Höhle oder etwas ähnliches, wo er sich verstecken könnte. An die Ruine seiner Ahnen dachte er gar nicht erst, wie hoch wäre schon die Wahrscheinlichkeit sie ausgerechnet jetzt durch puren Zufall zu finden?

Der Tag verging, und die Sonne stand schon im höchsten Zenit, als der Wald jäh endete, und er auf eine gerodete Lichtung trat staunte er nicht schlecht. Am Hang des Berges stand ein hoher Palisadenzaun aus dicken Holzstämmen. Dort, wo sich augenscheinlich der Durchgang befand, standen zwei schwer bewaffnete Nordmänner Wache, und als sie Adraéyu erblickten, stieß einer sogleich in sein Horn. Es dauerte nicht lange, da ritten einige, mit Speeren bewaffnete Männer zu ihm aus und verlangten von ihm zu wissen, was er hier suchte. Es hatte erst wenige Tage zuvor einen Orkangriff gegeben, und daher waren die Krieger noch nervös und misstrauisch, obwohl sie sonst sehr Gastfreundlich waren. Er versuchte sich zu erklären, doch schnitten sie ihm das Wort ab, und führten ihn geradewegs in das Dorf. Hier waren allerhand Nordmenschen jeden Alters und Geschlechts anzutreffen. Die meisten davon waren freie Männer und gingen ihrem einfachen Tagwerk nach, doch standen auch einige mit Kettenhemden, Lederrüstungen und natürlich scharfen Äxten vor Häusern wache, oder nahe des Tores. Und hier und da erblickte Adraéyu einige Männer und Frauen, welche ihre Blicke gesenkt hielten. Später erfuhr er, dass dies die Leibeigenen der wilden Stämme waren. Zumeist Gefangene oder Angeörige feindlicher Clans. Adraéyu staunte damals nicht schlecht, als er eine Frau mit einer wundervollen, violetten Haut erblickt hatte. Ein derartiges Wesen hatte er bis dahin noch niemals gesehen. Und ihm war nicht entgangen, dass in ihren Augen, obwohl sie diese gesenkt gehalten hatte, ein kalter und unbändiger Hass geglitzert hatte, dass es ihm kalt den Rücken herab gelaufen war.
Adraéyu war auch nicht entgangen, dass auf den angespitzten Stämmen der Palisade unzählige graue Köpfe aufgespießt worden waren. Die Gesichter jener Toten waren grobschlächtig und hässlich gewesen. Derartige Wesen hatte Adraéyu noch niemals zuvor gesehen. Er wurde vor den Dorfältesten oder Anführer geführt. Die genaue hierarchische Struktur dieser Wilden hatte er damals nicht wirklich gekannt. Er wurde befragt. Und als er ihnen den Grund seiner Reise erklärt hatte, nämlich dass er ein aufstrebender Barde sei, und die Ruine seiner Vorväter in den Bergen suche um dort die Ausbildung seines Erbes zu absolvieren, brachen sie alle in schallendes Gelächter aus. Auch wenn die Skalden, die Barden des Nordens, ein hohes Ansehen unter den Sippen der Clans genossen, musste Adraéyu sich dieses Recht erst verdienen. Adraéyu war sich nicht sicher ob sie sich nur über ihn lustig machten, oder dies der normale Humor eines Nordmanns war, oder sie ihm einfach nicht glaubten und seine Geschichte für so bescheuert hielten, dass sie nur ein Witz sein konnte. Doch als sie den beleidigten und ernsten Blick des jungen Mannes sahen, ebbte das Gelächter nach und nach ab, und sie sahen ihn mit verwunderten Blicken an. Einige davon zeugten eher von Belustigung, oder Ablehnung, während andere, aber wenige ihn mit Anerkennung bedachten. In den wilden Landen war man nur ein echter Mann, wenn man in den wilden Landen überleben konnte. Und dieser schwächliche Jüngling hatte sich bis ins Herz der wilden Lande durchgeschlagen. Er sah zwar ganz und gar nicht wie ein Krieger aus, aber er schien zumindest das Herz eine solchen zu besitzen. Es wurde beraten wie man mit ihm verfahren sollte, und man kam zu dem Schluss, ihn zu dem Runenmeister zu schicken. Er war ein belesener, weiser und sehr mächtiger Mann. Er kannte Geschichten, die kaum ein Mann in den wilden Landen kannte, und er wusste Dinge, die nur wenige wussten. Zumal der Jarl, der Fürst des Clans, zu diesem Zeitpunkt gerade auf der Jagd gewesen war und die Schamanin sich weigerte den Raéyun zu beurteilen. Das klingt jetzt natürlich alles sehr einfach und unspektakulär. Doch möchte ich die Geschichte nicht unnötig ausweiten, denn wer weiß, wie die Nordmannen ihre Dinge dort oben in den wilden Landen regeln, dem ist klar, dass diese Entscheidung sehr viel länger dauerte. Und mehr als genug Drohungen und Flüche ausgesprochen wurden.

Kurzum, als man Adraéyu zu dem Runenmeister des Faernach-Clans geführt hatte, und er diesem dem Grund seiner Reise erneut vorgetragen hatte, bedachte dieser Adraéyu nur mit einem finsteren Blick. Er ermahnte Adraéyu die Ruine nicht aufzusuchen, denn sie berge große Gefahren und eine uralte Wut schien in den alten Gemäuern zu hausen. Als Adraéyu diese Worte vernahm, frohlockte er innerlich. Sein Instinkt hatte ihn zu dem richtigen Berg geführt, und nun war er fast am Ziel! Bald würde er seine Ausbildung beginnen können. Er gab nicht viel auf das Gerede jenes Mannes und wollte am liebsten sofort aufbrechen. Doch so einfach, wie Adraéyu sich das vorgestellt hatte, ging das nicht. Er war in die Obhut des Runenmeisters übergeben worden. Das bedeutete, dass dieser über Adraéyus weiteres Schicksal entscheiden würde. Und sollte er sich entscheiden, dass Adraéyu nicht die Ruine betreten sollte, so würde niemand im Clan ihm dabei helfen. Man würde ihn vor die Palisade werfen, und entweder den Orks oder den wilden Tieren überlassen. Der Runenmeister blickte Adraéyu so eindringlich an, dass es ihm fast wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war. Der weise Mann war ein mächtiger Naturmagier, und benötigte den Augenkontakt um tief in die Seele Adraéyus zu schauen. Doch hatte er bisher noch niemals einen Raéyun getroffen, oder gar von diesen gehört. Und so wusste er auch nicht, was passieren würde, wenn dieser ihm in die Augen schauen würde. Und während die Beiden sich gegenseitig in die Augen starrten, erfuhren beide mehr voneinander. Adraéyu wurde von den vorherrschenden Gefühlen des Zauberers nahezu überwältigt. Er wurde von Neugierde, Misstrauen und Überraschung überflutet. Er erahnte, die Situation in welcher er steckte und wagte keinen Widerspruch zu geben. Auf keinen Fall wollte er so kurz vor seinem Ziel scheitern. Doch zugleich bemerkte er dass der Runenmeister scheinbar fasziniert von ihm war. Und auch der sah er Dinge in Adraéyu, die selbst er nicht von sich gewusst hatte.

Als der Mann, welcher den Namen Fenris trug, schließlich das Schweigen brach, glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen. Der Meister der Runen sagte zu Adraéyu, er habe das zweite Gesicht. Mit genug Übung und Disziplin wäre er eines Tages imstande alle Dinge zu sehen. Jene die waren, jene die sind und auch jene, die vielleicht noch sein werden. Und da war noch etwas anderes. Eine tief verborgene Gabe der Natur, die er noch niemals gesehen hatte. Als Adraéyu ihm sagte, dass er aus eben diesem Grund jene Ruine in den Bergen suchte, um diese Gabe zu Tage zu fördern, schien der Runenmeister nachdenklicher zu wirken. Er offenbarte Adraéyu, dass in seinem Clan die Ruine als verflucht galt. Er riet ihm sich vielmehr auf seine Gabe des Sehens zu konzentrieren, als auf jene verborgenen Talente, von denen niemand wissen konnte ob sie dem Guten oder dem Bösen angedacht waren. Er erkannte das Gute in Adraéyu, und den tiefen, sehnlichen Wunsch sein Glück in den Bergen zu suchen, und so ließ er ihn ziehen. Allerdings nur unter der Bedingung, wenn er versprechen würde zurück zu kehren, und mit ihm die Gabe des Sehens zu lehren. Adraéyu versprach dies aufrichtig und Fenris ließ ihn ziehen.

Sie stellten ihm einen Nordmann zur Seite, und dieser führte Adraéyu auf den Berg. Als sie schließlich die Ruine fanden, klopfte Adraéyus Herz voller Aufregung. Sorgsam, jeden Schritt bedenkend trat immer näher an die Ruine heran, dass sein Führer längst wieder gegangen war, hatte er gar nicht bemerkt. Und es war ihm auch herzlich egal. Er berührte die alten Steine und atmete die frische Luft tief ein. Doch irgendwie hatte er sich das alles ganz anders vorgestellt. In den Legenden der Raéyun, eben jener Legenden die ihm sein Vater einmal erzählt hatte, gab es Geister des Windes und der Erde. Doch er spürte rein gar nichts, als er die alten Steine berührte. Er fragte sich warum dieser Ort bei den wilden Menschen als verflucht galt, und trat missmutig einen losen Kiesel durch die Luft. Als der Stein mit einem schallenden Klacken gegen eine Mauer schoss und kullernd am Boden entlangschlitterte, heulte mit einem Mal ein markerschütternder Schrei durch die alten Gemäuer. Es klang wie eine tausend Jahre alte, gequälte Seele, welche durch die Mauerritzen der Ruine pfiffen. Erschrocken drückte Adraéyu sich gegen die Wand, und blickte sich panisch um. Hatte er die Geister mit seinem Unglauben verärgert? Er sank reumütig auf die Knie und blickte ehrfürchtig zum Himmel, als das Heulen sich mit einem mal in ein herzliches, und ganz und gar menschliches Lachen wandelte. Mit einem Mal trat ein Mann zwischen den Ruinen hervor, er trug einen zerschlissenen Mantel und alte, abgetragene Schuhe. Und in seiner Hand hielt er ein seltsames Musikinstrument. Später sollte Adraéyu erfahren, dass mit eben diesem Instrument jener geisterhafte Schrei entstammte, welcher ebenfalls dafür verantwortlich ist, dass die wilden Menschen diesen Ort verflucht haben.

Doch als Adraéyu das Gesicht des Mannes erkannte, blieb ihm einfach nur der Mund offen stehen. Da stand er, ein wenig älter, und ein wenig schmutziger, und seine ersten Worte an Adraéyu lauteten: »Da bist du ja endlich. Du hast dir ja ganz schön Zeit gelassen mich hier zu finden.«
Adraéyus Jahre der Lehre
Der Mann, dort oben auf dem Berg war kein anderer als Rudgar, sein alter Lehrer und Meister. Wieso er ausgerechnet hier oben auf ihn wartete, oder warum war Adraéyu ein Rätsel – zumindest war nun eines der vielen Rätsel um Rudgar gelöst. Das Buch »Zerwürfnis«, welches er Adraéyu empfohlen hatte, war ein gezielter Hinweis gewesen. Doch wer glaubt, Rudgar wäre, aufgrund der sorglosen Vergangenheit, nett mit Adraéyu umgesprungen der irrt. Mit zweiundzwanzig begann Adraéyu seine Lehre in den Künsten der Raéyun und die Lehrjahre waren hier oben in den Bergen wahrhaftig keine Herrenjahre. Rudgar erzählte Adraéyu viele Geschichten aus der Vergangenheit jenes Ortes. Viele Geschichten, wahre Geschichten, über die Raéyun und seiner Vorfahren. Und er musste jedes Mal schwören, dass er niemals mit einem Menschen, der kein Raéyun war, über diese Dinge oder Geschichten sprach. Niemals.

Rudgar verlangte viel von Adraéyu ab, doch je länger die Ausbildung fortschritt, desto mehr bemerkte er, dass die vielen Dinge, welche er während seiner Lehre als wandernder Barde von Rudgar gesehen oder gelernt hatte, ihn nur auf die wahre Lehre vorbereiten sollte. Und dennoch. Er verstand nicht, warum er all diese Dinge wusste. Wie konnte Rudgar die Laute derart spielen, dass der Wind für ihn tanzte, und zugleich waren seine Augen so grau wie Stein. Als Adraéyus Zweifel ständig wuchsen, und ihn daran hinderten die Lehren Rudgars wahrlich anzunehmen, nahm ihn sein Meister eines Tages zur Seite und Rudgar offenbarte Adraéyu das Geheimnis. Rudgar war zu mehr befähigt als die meisten Raéyun, er hatte die Gabe der Lenkung. Er konnte anderen vorgaukeln, was immer er wollte, denn durch die Magie der Natur wurde es Wirklichkeit. Seine grauen Augen waren nur eine Illusion, und als Rudgar eines Tages diesen Vorhang der Illusion für Adraéyu fallen ließ, blickte Adraéyu in zwei wundervolle, klare Augen, welche wie der reinste Bernstein schimmerten. Und da war noch mehr. Rudgar war weit älter, als er vorgab zu sein. Adraéyu wagte nicht zu schätzen wie alt und er hatte niemals danach gefragt. Doch Rudgar schien die Illusion der Wirklichkeit vorzuziehen. Und Adraéyu hat ihn niemals wieder mit diesen klaren, goldenen Augen gesehen. Als er Rudgar gefragt hatte, ob er diese Gabe auch erlernen könnte, wurde Adraéyu herb enttäuscht. Rudgar offenbarte ihm, dass er niemals die Gabe der Lenkung beherrschen würde.

Die Jahre vergingen, und Rudgar lehrte Adraéyu viele Dinge. Was die Macht der Raéyun anging, war Rudgar ein wahrer Meister, und Adraéyu war stolz dass er, wie einst sein Vater, diese Macht ergründete. Adraéyu zeigte gewisse Stärken in einigen Bereichen, und auch gewisse Schwächen in anderen. Doch Rudgar bestand darauf, dass Adraéyu jede Gabe, welche in ihm schlummerte, zumindest einmal zu Tage fördern müsse. Die Ausbildung eines Raéyun war niemals zu Ende. Man müsse ständig üben und lernen, bis man eines Tages starb. Und es oblag Adraéyu für welche Gaben er sich, während seines Lebensweges entscheiden würde. Doch hierfür musste er erst einmal alle möglichen Wege kennen. Und so entschied sich Adraéyu für die Laute und die Flöte. Es waren handliche Instrumente. Rudgar selbst beherrschte hingegen die Fidel und die Zither. Doch war die Zither sehr schwer zu spielen und auch sehr sperrig. Rudgar zeigte ihm wie man die Gefühle anderer gegen sie verwenden konnte, oder dazu nutzen konnte, sie für die eigene Sache zu gewinnen. Wie man mit der sinnlichsten Musik das Herz einer Frau gewann, oder wie man mit einem strengen Marschlied die Männerherzen zum Kampf motivierte. All diese Dinge, von denen normale Menschen nicht einmal zu träumen wagen würden.

Doch an die wahre Macht der Raéyun kam Adraéyu in seiner Lehre niemals heran. Rudgar konnte auf seiner Fidel spielen und der Wind tanzte mit den Blättern. Und wenn er die Finger auf seiner Laute tanzen ließ und dazu ein kraftvolles Lied sang, da war Adraéyu von wahrer Ehrfurcht erstarrt. Rudgar offenbarte Adraéyu, dass es einzig und allein auf die Wahl des Liedes ankam. Wählte man das falsche Lied, so war jeder Versuch die Menschen zu bezaubern zum Scheitern verurteilt. Mit dem Lied begann der Tanz um die Gunst der Menge. Und erst dann konnte man beginnen sie zu bezaubern.

Sechs Jahre waren schon ins Land gezogen, und Adraéyu lernte tagein, tagaus und er durfte die Ruine nie verlassen. Er musste stetig üben, lernen und lesen. Und wenn Rudgar den Clan besuchte, um dort Nahrungsmittel oder Felle zu erstehen, hatte Adraéyu die Aufgabe zu meditieren. Er musste tief in sich gehen um seinen eigenen Geist zu berühren. Doch war dies die schwierigste Aufgabe, welche Rudgar ihm aufgetragen hatte. Der Wind in seinem Innern drängte ihn tagtäglich fort zu gehen. Immer wenn er sich zur Ruhe setzte um in sich zu kehren, keimte in ihm der Drang auf Rudgar und die wilden Lande hinter sich zu lassen. Es gelang ihm einfach nicht zu der nötigen Ruhe zu finden, die für eine derartige Selbstfindung nötig war. Jeder Versuch Rudgars scheiterte schon an dem unzähmbaren Willen Adraéyus. Er war zwar wissbegierig aber konnte sich absolut nicht unterordnen. Immer wieder kam es zu Streit, oder endlosen Debatten mit seinem Meister. Und so wollte Rudgar ihm einen kleinen Vorgeschmack zeigen. Er wollte ihn wahre Ehrfurcht lehren, Respekt, und auch Angst. Doch dies erwies sich jedoch eines Tages als fatal. Denn Adraéyu, beflügelt von all der Macht die stetig in ihm wuchs entwickelte überdies einen selbstverliebten Wesenszug. Rudgar war dies nicht entgangen, und so wollte er Adraéyu helfen sein eigenes Selbst nicht zu verlieren. Denn er wusste, wie die Welt mit Raéyun verfuhr, die sich anmaßten sie beherrschen zu wollen, und da er den Jungen gern hatte, wollte er ihm dieses Leid ersparen. Er summte ein einfaches Lied und sank hinab in die Tiefe seiner Selbst. Er betrat den Geist Adraéyus und zeigte ihm Dinge zu denen ein Raéyun fähig war, wenn er nur Geduld und Zurückhaltung üben konnte. Doch der rebellische Geist lehnte sich gegen die Berührungen Rudgars auf, und auf diese Weise wurde etwas, tief in Adraéyu befreit, was weder er noch Rudgar jemals wieder dort unten einsperren hätten können. Als Rudgar die Gefühle Adraéyus berührte, begann dieser mit einem Mal so laut zu schreien, dass nach einiger Zeit Rudgars Geist förmlich aus dem Körper Adraéyus herausgeschleudert wurde. Ein wenig benommen lag Rudgar da, und konnte selbst nicht glauben was da soeben passiert war. Doch mit diesem Ausbruch wurde der Tod Adraéyus besiegelt. Ein neuer Adraéyu war geboren, doch blieb das sowohl Rudgar als auch Adraéyu selbst verborgen. Denn dieser neue, zwiegespaltene, böse Raéyun Adraéyu lauerte in den Schatten seiner Seele, und nagte an dem Bewusstsein…es würde noch viele Jahre dauern, bis die Anzeichen dieser Geburt zu erkennen sein würden.

Nach diesem Vorfall beschränkte sich Rudgar auf die anderen Gaben Adraéyus, in welchen er bessere Fortschritte gemacht hatte. Er entschied, dass Adraéyu noch zu jung und voller jugendlichem Feuer loderte, als dass er die wahre Macht der Raéyun ergründen sollte. Wehmut mischte sich mit der Vernunft des weisen Mannes. Denn Adraéyu hatte ein ungeheures Talent für die Gaben der Raéyun, doch konnte und durfte Rudgar nichts erzwingen, und vielleicht war es auch besser so, wenn Adraéyu nicht alles lernen würde. Denn Adraéyu begann sich zunehmend seiner Macht bewusst zu werden, und Rudgar fürchtete dass er eines Tages zu arrogant werden würde.

Als sich zwei Jahre nach diesem Ereignis das Ende der Lehre näherte, schenkte Rudgar Adraéyu einen kleinen silbernen Ring mit einem einfachen, ovalen Bernstein in der Fassung. Dies sollte bezeugen, dass Adraéyu seine Lehre abgeschlossen hatte, und fortan seine eigenen Erfahrungen in der Welt machen sollte. Zugleich war dies auch der Abschied, denn sie würden sich niemals wieder begegnen, denn dies war Rudgars Art. Fortan sollte Adraéyu seine eigenen Erfahrungen machen, und alles weitere aus eigener Kraft lernen.

Die Zeit in den wilden Landen:
Als Adraéyu wieder den Berg verlassen hatte, und in das Dorf des Faernach-Clans gekommen war, wurde er schon von Fenris, dem Runenmeister des Clans empfangen. Dieser erinnerte Adraéyu an sein Versprechen, welches er ihm vor seiner Abreise gegeben hatte. Und so blieb Adraéyu einige Zeit im Clan. Fenris lehrte Adraéyu die Gebräuche der wilden Lande und seines Clans, ihre Traditionen und ihren Glauben an die alten Götter. Anfangs fand Adraéyu nur weniges Interesse für all diese Dinge. Doch je länger er seine Zeit bei diesen wilden Kriegern des Nordens verbrachte, desto mehr schloss er sie ins Herz. Er begann sein Herz für sie zu öffnen. Doch die anderen Clan-Mitglieder hatten Adraéyu noch nicht als einen der ihren anerkannt. Sie waren dagegen, dass Adraéyu das zweite Gesicht gelehrt bekommen sollte, und so übte sich Fenris in Zurückhaltung. Er wollte nichts gegen den Willen des Clans unternehmen. Adraéyu musste erst den Clan für sich gewinnen, oder zumindest akzeptiert werden, bevor Fenris ihn in seine Geheimnisse einweihen würde. Natürlich sehr zum Missfallen Adraéyus.
Vielleicht war dies auch ein Wink des Schicksals. Der Clan und die wilden Lande vermochten auf diese Weise, Adraéyu etwas zu lehren, was Rudgar versagt geblieben war. Adraéyu lernte über viele Monate, die er beim Clan zubrachte, Demut und Geduld zu lernen. Während Adraéyu versuchte die anderen Mitglieder des Clans von sich zu überzeugen, entwickelte sich zwischen Fenris und ihm eine tiefe, innige Freundschaft, die selbst über Adraéyus seltsame Stimmungsschwankungen erhaben war. Fenris hatte eine Tochter namens Arya, welche sich stets in seiner Nähe aufgehalten hatte. Sie sollte einmal das Erbe ihres Vaters übernehmen. Zwar hatten sich bei ihr keine naturmagischen Begabungen gezeigt, doch war sie intelligent und wissbegierig. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass die beiden einander näher gekommen waren. Schließlich verbrachten sie viel Zeit miteinander und sowohl Adraéyu als auch die wilde Nordländerin waren alles andere als hässliche Menschen. Fenris war froh, dass Adraéyu sich langsam in dem Stamm zu Hause fühlte. Er sah die tiefen Krater auf Adraéyus Seele, und spürte dass ihm die wilden Lande gut taten. Und langsam freundete sich Adraéyu auch mit Benwick, dem Fürsten des Clans, und einigen wenigen aus dem Clan an. Doch bei keinem entwickelte sich eine derartige Freundschaft wie bei Fenris.

Dennoch war Adraéyu es Leid zu warten und zu hofieren. Er bat seinen Freund darum, dass dieser ihn freigeben würde. Doch Fenris wollte ihm dies nicht gestatten. Er wusste, dass es seiner Tochter das Herz brechen würde, und ebenso sah er voraus dass Adraéyu großes Leid widerfahren würde, wenn er die wilden Lande verlassen würde. Doch der Wind in Adraéyus Herzen war übermächtig. Adraéyu konnte sich ihm nicht auf ewig entziehen und früher oder später würde er den Clan verlassen. Bis zu jenem Tag, als der Bruder des Fürsten bei einem Kampf von Orks besiegt worden war. Fenris und die Kräuterweiber taten alles, was in ihrer Macht stand, doch lag es nicht an den Verletzungen, warum der Mann nicht erwachen wollte. Die Schamanin Catara offenbarte dem Dorfältesten, dass sein Sohn seinen Lebenswillen verloren hätte, doch dieses Urteil konnte der Dorfälteste nicht akzeptieren. Es war eine Beschmutzung der Ehre seines Bruders! Er war ein Krieger, ein wilder Nordmann. Er kannte keine Furcht, sie kannten keine Angst. Der Tod wurde begrüßend in die Arme genommen, denn wer ehrenvoll starb, dem wurde die Ehre zuteil, die Pfade des heiligen Berges zur Heimstatt der Fünf zu bewachen. Wie konnte sein Bruder seinen Lebensmut verlieren, wo er doch ehrenvoll im Kampf gefallen war. Die Schamanin und auch Fenris allerdings konnte dem Mann nicht helfen, und die Kräuterweiber beteten zu den Ahnen, flehten die alten Götter an und versuchten sich sogar an Tieropfern.

Als Adraéyu davon erfuhr, sprach er bei Benwick vor und bat darum sein Glück versuchen zu dürfen. Was sollte schon schief gehen? Wenn er versagen würde, dann wäre er für alle Zeiten bei dem Clan unten durch, und sie würden ihn zweifellos verjagen. Und wenn es ihm gelänge dem Mann seinen Lebensmut zurück zu geben, dann hätte er sein Ziel erreicht, und Fenris konnte ihm endlich das zweite Gesicht lehren. So oder so, er konnte nur gewinnen. Und so spielte und sang er seine besten Lieder. Ganze zwei Tage und Nächte wich er nicht von dem Bett des Mannes, und sang sich die Kehle heiser und spielte sich die Finger wund. Die Kräuterweiber schworen er rang mit dem Teufel um die Seele des Mannes, und sie beteten und sangen zu ihren alten Göttern um Adraéyu auf ihre Weise zu helfen. Als der Krieger schließlich am dritten Tage erwachte, hatte sich Adraéyu seinen Platz unter dem Faernach-Clan erobert und wurde von ihnen fortan Adraéyu, der Zaubersänger genannt. Benwick schenkte ihm zum Dank den Bogen, welchen Adraéyu auf den Namen »Zweifinger« taufte.

Die Lehren Fenris' erwiesen sich als zeitraubend und langatmig. Sie unterschieden sich sehr von denen Rudgars. Fenris war stets darauf bedacht die Götter zu ehren, und die inneren Kräfte des Menschen im Gleichgewicht zu halten. Gerade bei Adraéyu war dies nahezu unmöglich. Trotz seiner dreißig Jahre, welche er inzwischen verlebt hatte, war er kein Deut besonnener oder weiser geworden, als zu Beginn von Rudgars Ausbildung. Sein verwirrter Geist, und seine gespaltene Persönlichkeit machten es nahezu unmöglich miteinander in Einklang zu kommen. Das führte über kurz oder lang dazu, dass er stets daran scheiterte, das zweite Gesicht zu erfahren. Immer, wenn Adraéyu keine Lust mehr hatte, oder ihm die Lehren Fenris zu sehr zu Kopfe stiegen, verließ er das Dorf und übte mit dem Bogen in den nahen Wäldern. Manchmal begleitete er auch die Jäger, doch er erwies sich nicht als sonderlich geschickt, weshalb sie es vor zogen, wenn er alleine ging. Doch gab Fenris Adraéyu nicht so schnell auf. Er lehrte ihn seine Visionen zu deuten. Die Traumdeutung war ein wesentlicher Bestandteil des zweiten Gesichtes. Viele Lektionen des weisen Gelehren bestanden oft nur darin, dass Adraéyu ihm erzählte, was er letzte Nacht geträumt hatte, und Fenris ihm daraufhin versuchte zu erklären was dieser Traum wohl zu bedeuten hatte. Bald war Adraéyu in der Lage seine Träume von den Visionen zu unterscheiden, und ihm wurde klar, dass die meisten Träume, welche er früher für Visionen gehalten hatte, nur verworrene Träume gewesen waren. Und auch wenn er sich nicht oft an die Bilder erinnerte, welche er in den kurzen Momenten der Erkenntnis sah, war er doch endlich in der Lage das zweite Gesicht zumindest zu deuten. Für mehr reichte es dann doch nicht, denn ein Blick in die Zukunft, erforderte ein hohes Maß an Konzentration, welche Adraéyu einfach nicht aufzubringen vermochte. Fenris drang nur schleppend zu Adraéyu hindurch, und er scheiterte stets daran, das Adraéyu nicht in der Lage war seine innere Ruhe zu finden, indem er meditierte. Oder kurz vor einem Durchbruch, sich in die Wälder zurück zog um Pfeile in die Bäume zu schießen oder setzte sich auf einen Baumstumpf und spielte eine beruhigende Weise um sein aufgefühltes Gemüt zu beruhigen. Jene Tage waren sehr verwirrende Tage gewesen. Seine innere Ruhe wurde immer wieder durch die Meditationen gestört, und er fühlte, dass etwas Dunkles sich in ihm regte. Er wurde immer wankelmütiger und manchmal wurde er grundlos zornig. Ob dies nun an der gespaltenen Persönlichkeit lag, oder an dem Wind, welcher im Herzen Adraéyus nach Freiheit schrie, oder einfach nur die Erkenntnis, dass Fenris' Tochter inzwischen das Interesse an ihm verloren hatte, konnte wohl niemand sagen. Am Anfang waren Adraéyus Fremdartigkeit und seine geheimnisvollen Augen wohl noch sehr reizvoll und aufregend für sie gewesen, doch war er einfach kein wilder Mann des Nordens. Ihm fehlte das ungezügelte Temperament, er hingegen war wankelmütig. All diese Dinge führten eines Tages dazu, dass Adraéyu sich von Fenris und dem Clan verabschiedete. Er meinte, er müsse dem Ruf seines Herzens folgen, und dieses zog ihn unweigerlich in den Osten. Und auch wenn Adraéyu kaum Fortschritte gemacht hatte, hatte er zumindest Geduld gelernt.


Adraéyus Abstieg:
Sein Weg führte ihn zurück in die Zivilisation. Er war nun dreiunddreißig Jahre alt. Während er stetig nach Osten marschierte, und der Wind ihn immer weiter vorantrieb, übte er in der Einöde der wilden Lande an seinem Lautenspiel und seinem Gesang, er versuchte sich an der Jagd, doch musste er in den zivilisierteren Landen besonnener zu Werke gehen, denn auf Wilderei standen hohe Strafen. Und immer öfter, wenn er längere Zeit nicht spielte, fühlte er einen tiefen Groll in sich aufsteigen. Er merkte, wenn er sein Lautenspiel vernachlässigte, dass er dazu neigte dunklen Gedanken nachzuhängen oder grundlose Wut in ihm gärte. Der Weg aus den wilden Landen ging nur schleppend voran, denn er hatte kein Pferd und da er das Vertrauen des Clans nicht hatte missbrauchen wollen, hatte er sich auch keines gestohlen. Pferde waren wertvoll, und jedes Pferd, welches sie sie ihr Eigen nannten, war mehr wert als alles andere, das sie besaßen. Zumindest begegnete er dieses Mal keinen wilden Tieren, und so dauerte seine Reise Monate, bis er endlich im zentralen Córalay angekommen war. Hier hielt er sich in verschiedenen Dörfern und Burgen einige Wochen mit einfachen Volksweisen und dem Erzählen verschiedener Geschichten über Wasser. Sein Verstand war zwiegespalten. Während sein Geist frohlockte, dass er dem Wind folgte, vermisste sein Herz die wilden Lande und auch die warme Ehrlichkeit der Menschen dort. Hier in den südlichen oder östlichen Reichen der Menschen war dies nicht so einfach. Und je näher er dem Meer kam, desto mehr musste er darauf Acht geben, seine wahre Natur zu verbergen. Dies hatte er schon beinahe vergessen, da er die letzten Jahre völlig sorglos durch die Lande gezogen war. In den wilden Landen hatte sich niemand um seine Augen geschert gehabt, und als er das erste Mal in eines der Dörfer Córalays gekommen war, wurde er sogleich aus diesem vertrieben. Die Bauern waren ihm noch viele Meilen nachgelaufen, und er fürchtete schon dass ihn die Kräfte verlassen würden, als sie schlussendlich doch von ihm abgelassen hatten. Innerlich verfluchte er Rudgar hierfür. Warum hatte er die Menge nicht bezaubern können? . Er hatte ihm diese Kunst nicht ausreichend beigebracht! Und er wurde sich der Worte seines Vaters gewahr, welche er ihm vor so langer Zeit gesagt hatte. So lange er sich nicht von einer Gabe losgesagt hatte, würde er keine seiner Gaben wahrlich verstehen oder ihre ganze Macht ergründen. Doch wie sollte er sich von dem zweiten Gesicht lossagen? Die Gabe der Raéyun würde er niemals verleugnen! Das Erbe seines Vaters! Missmutig zog Adraéyu von Ort zu Ort, doch der Wind war noch immer nicht zufrieden, hier in dem zerfallenen Reich der Menschen gab es nur wenige Städte, und er zog immer weiter bis die Grenze nach Mérindar überschritt.

Als er in der großen Hafenstadt Merridia angekommen war, fühlte er sich zunächst unwohl. Die Fülle an Häusern, Gerüchen, Eindrücken und Menschen oder Elfen war oftmals so erdrückend, dass er sich mehr als einmal die tröstliche Einöde der wilden Lande, oder zumindest die ländliche Ruhe der zerfallenen Reiche zurücksehnte. Doch der Wind hatte ihn hier her geführt, und sein Säuseln war endlich verstummt und gab in seinem Herzen für einen Moment Ruhe. Zumal er viele Jahre in der Einöde der wilden Lande zugebracht hatte, und diese Fülle an Menschen war er nicht mehr gewohnt. Er mogelte sich mit kleineren Taschenspielereien und einfachen musikalischen Weisen durch die Stadt. Er wusste anfangs nicht so recht, warum der Wind ihn ausgerechnet in jene große Stadt geführt hatte, doch war er es bald Leid, sein kärgliches Brot mit niederer Musik zu verdienen. Er wollte zeigen was in ihm steckte, und schließlich war er besser als die meisten Menschen oder Elfen, welche sich in dieser Stadt tummelten.

Dies war die Zeit – wohl weil er sich in der großen Stadt sehr verloren vorkam – da die neugeborene, zweite Persönlichkeit immer wieder den Weg ans Tageslicht fand. Oft war dies nur für wenige Stunden, zumeist am Abend, wenn Adraéyu müde vom Tagwerk war, und in irgendeiner billigen Taverne schlief oder gar in einer dunklen Gasse vor sich hin döste. Doch je länger er sich in dieser chaotischen Stadt aufhielt, desto chaotischer wurde auch sein Geist. Die Phasen, in derer die zweite Persönlichkeit in Erscheinung trat, wurden länger, und jene war stolz und arrogant. Sie wollte die anderen Menschen nicht um sich haben. Es kam einige Male sogar vor, dass die Persönlichkeiten am helllichten Tage wechselten. Adraéyu spielte gerade auf einem großen Platz und sang ein fröhliches Lied. Er war gut gelaunt und war nur auf die wenigen, losen Münzen aus, welche die Leute ihm in seinen offenen Lautenkasten warfen, als die dunkle Persönlichkeit die Kontrolle übernahm. Sie war dieses Leben überdrüssig, und sie veränderte die Musik. Aus dem fröhlichen, sorglosen Lied wurde eine schnelle, zackige Weise, und er sang von Krieg und Tod. Er starrte einige Menschen an, und las ihre Gefühle. Angst, Wut, Verunsicherung und Misstrauen. All diese Gefühle weckte er mit seinem Lied, und so kam es dass ein Mensch den anderen damit ansteckte, bis der ganze Platz in Hysterie unterging, so dass die Stadtwache einschreiten musste um den Tumult zu beenden.

All dies blieb gewissen Augen allerdings nicht völlig unbemerkt. Als Adraéyu seine Laute zusammenpackte, um den Platz wegen der Stadtwache zu verlassen, trat ein elegant gekleideter Mann an ihn heran. Seine Züge waren ebenmäßig und fein, und Adraéyu glaubte ein solches Gesicht vor langer Zeit einmal gesehen zu haben. Ja, da war diese Elfe in dem Lager der Zigeuner gewesen. Misstrauisch kniff Adraéyu die Augen zusammen und musterte den Mann. Er hatte klare, rote Augen mit einigen goldenen Flecken auf der Iris, und seine spitzen Ohren verrieten seine Herkunft mehr als deutlich. Er bot Adraéyu eine lukrative Arbeit an, und versprach ihm neben Ruhm und Ehre – Dinge nach denen ein Spielmann normalerweise sehnte – auch ausreichend Geld. Dies klang natürlich alles sehr verlockend für Adraéyu, und er willigte ein, sich diese Arbeit einmal näher anzusehen. Hierzu sei erwähnt, dass jener Wüstenelf, welcher den Namen Forél trug, ein äußerst skrupelloser Mann war, der die Feuermagie meisterlich beherrschte. Er kannte die Raéyun und auch die Wirkung ihrer Musik. Und als er die Bernsteinaugen Adraéyus gesehen hatte, hatte er eine unvergleichliche Chance gewittert. Natürlich war Adraéyu zunächst sehr misstrauisch, und Forél ging sehr sorgsam zu Werke, um die Neugierde des Raéyun nicht wieder zu verlieren. Zusammen mit Forél waren da noch ein Mensch namens Hagen und eine Halbelfe, welche ihr Gesicht zunächst in einer weiten Kapuze verborgen hatte. Hagen war ein Meuchelmörder kaltblütigster Sorte. Er scherte sich weder um Moral noch um Skrupel. Für ihn zählte nur die bare, klingende Münze, und wenn er wehrlose Kinder häuten sollte, so tat er auch dies. Nicht umsonst trug er den Beinamen, der Kindermörder. Doch zu allem Überfluss beherrschte er die Macht der Lenkung. Fórels hatte noch viele Laufburschen und Straßenschläger unter seiner Fuchtel, aber diese Beiden waren seine Vertrauten. Eine wahrhaft tödliche Kombination. Die Elfe war sehr geheimnisvoll und mysteriös. Sie beherrschte das Element Luft meisterlich, und schien die Begabung zu haben überall und nirgendwo zugleich zu sein. Erst viel später, als Adraéyu schon sehr tief in die Machenschaften jener Gruppe verwickelt worden war, erkannte er sie als jene Elfe, welche ihm vor langer Zeit das Leben in dem Birkenhain gerettet hatte – und schlagartig wurde im klar, dass Forél ihn nicht zufällig gefunden hatte. Damals, als er sie erkannt hatte, und sie ihm die schmerzliche und harte Wahrheit über Forél gebeichtet hatte, fiel ihm alles wie Schuppen von den Augen. Wie blind er doch gewesen war!

Doch er hatte sich das zweite Gesicht nicht zu Eigen machen können, und so ahnte er nichts von all diesen Dingen, die ihm bevorstanden. Doch allein über jene Dinge zu sprechen, die dieses Quartett verbrochen hatten, ist gefährlich. Allein das Wissen um jene Vier wird mit dem Galgen bestraft! Ich kann euch nur so viel sagen; Adraéyu wurde von Forél mit Versprechungen und Gefälligkeiten geblendet, und zugleich machte Hagen Adraéyu ein wenig gefügiger. Adraéyus Gabe die Gefühle anderer zu lesen oder sogar in nötigen Situationen zu beeinflussen, verhalf ihnen zu so mancher Gräueltat.
Zu Anfang fand er seine Arbeit gar nicht so schlecht. Es war deutlich lukrativer als das Streunen durch die Straßen der Stadt, oder das Hausieren in den verschiedensten Schenken und Wirtshäusern. Zumal Adraéyu nur wenig von den Machenschaften hinter seiner Arbeit mitbekam. Adraéyu wurde von Forél zu einem Klienten geschickt, und sollte herausfinden was dieser für Gefühle hegte, während Hagen und die Elfe, deren Namen Adraéyu niemals erfahren hatte, vor der Tür warteten. Wenn Adraéyu dann den Raum verlassen, und berichtete was er erfahren hatte, war für ihn die Arbeit zumeist erledigt. Anfangs war ihm nicht klar, dass jene Menschen oft kurz darauf den Tod fanden, oder zu grausamen Dingen gezwungen worden waren. Erst über die Jahre entwickelte Adraéyu ein gewisses Gespür für diese Dinge. Doch schien es ihm damals weniger auszumachen. Jeder bekam letzten Endes was er verdiente; so dachte er zumindest in jenen Tagen. Er vermied es stets die Gefühle Hagens auch nur zu streifen. Es waren meist verstörende Erfahrungen, die Adraéyu lieber so schnell wie möglich verdrängte. Und bei den beiden Elfen war es sehr schwer gewesen überhaupt etwas zu spüren. Sie vermochten ihre Gefühle gut zu verbergen.
Als Adraéyu keine zwei Jahre später eines Tages, mehr durch puren Zufall, von den wahren Geschäften Foréls erfuhr, stellte er diesen sogleich zur Rede. Er war entsetzt und wollte mit diesen Dingen rein gar nichts mehr zu tun haben. Es kam zu einem fürchterlichen Streit und Adraéyu schwor dass er mit Forél brechen würde. Forél, welcher zum einen Adraéyu wegen seiner Gaben nicht verlieren wollte, und zum anderen fürchtete Adraéyu könnte ihn an die Stadtwache verraten, redete zunächst auf ihn ein. Doch der elfische Charme, der all die vielen Male zuvor so gute Früchte getragen hatte, prallte an Adraéyu ohne jede Wirkung ab. Und so ließ er Adraéyu ziehen. Zumindest ließ er diesen in diesem Glauben, denn kaum war Adraéyu aus der Tür heraus, da schickte er ihm schon Hagen und die Elfe hinterher. Er schmiedete ein Komplott um Adraéyu weiterhin an sich binden zu können. Und so kam es, dass Adraéyu von einem, durch Forél beauftragten Mob, gefasst wurde. Sie bespuckten ihn, und schlugen auf ihn ein. Sie nannten ihn einen dreckigen Raéyun und einen Gedankenschinder und Zauberlehrling. In diesem Moment brach seine schwarze Seele aus. Sie grollte und schrie, und zwang Adraéyus gute Seite in die Knie und sperrte sie in sich ein. Die Situation schien zu eskalieren, bis einer der Anwesenden ein Messer in den Händen hielt und androhte Adraéyu aufzuschlitzen. Adraéyu schrie um Hilfe, und versuchte sich verzweifelt aus den Klauen der vielen Hände, die ihn hielten, zu befreien. Doch es war zwecklos. Und so kam es dass die Klinge in sein linkes Auge fuhr. Der Schmerz war unbeschreiblich und qualvoll. Er rang mit Schwindelgefühlen und für einen Moment glaubte er sich übergeben zu müssen. Adraéyu brüllte aus Leibeskräften, und sie hielten ihm den Mund zu, denn er sollte durch sein Geschrei nicht die Stadtwache auf sie aufmerksam machen. Als Adraéyus Auge aufgeschnitten wurde, glaubte er, dass das goldene Leuchten seiner Augen aus ihm herauslaufen würde und seine Wange in bernsteinfarbenes Blut getaucht wurde. Ganz als ob die Macht seiner Ahnen und Vorväter aus ihm herausbrachen und unwiederbringlich verloren gingen. Fast glaubte er, einen klagenden Gesang zu vernehmen, als das Licht in seinem Auge erlosch und sich warm über seine Wange ergoss. Aus den Augenwinkeln des verbliebenen Auges sah er, wie das befleckte Messer kurz vom bernsteinfarbenem Leuchten erglomm, bevor auch dieses Licht schließlich erloschen war…

Damals war es Adraéyu wie ein Wunder erschienen, als auf einmal Hagen und die Elfe aufgetaucht waren, um ihm zur Hilfe zu eilen. Sie konnten den Mob sehr schnell vertreiben und brachten ihn sogleich zurück zu Forél. Durch die Ereignisse und den schmerzlichen Verlust seines Auges, und damit auch einem Teil seiner Macht, war Adraéyu zunächst sehr dankbar, dass Forél ihn gerettet hatte. Doch seine schwarze Seele brodelte innerlich vor Wut. Er wollte sie alle umbringen. Jeden Penner, jeden Bauern, jeden Mann und jede Frau und jedes Kind in Merridia. Wenn er nur gewusst hätte, dass dieser Elf hinter alldem gesteckt hatte! Forél versprach Adraéyu, dass er ihm ein neues Auge schaffen würde, wenn dieser dafür versprach, dass er weiterhin für ihn arbeiten würde. Und Adraéyu versprach es, denn seine dunkle Seite wusste, dass Forél den Menschen Leid und Tod brachte. Es gelang ihm ein magisches Artefakt zu beschaffen. Es war eine kleine Murmel aus Bernstein, in dessen Inneren ein loderndes Feuer wütete. Er hatte nie verraten, woher er es hatte, doch zweifellos musste es aus der Schatzkammer der Magiegilde entwendet worden sein. Forél behauptete, dass dies ein sehender Stein wäre, welcher von einem Zirkel mächtiger Feuermagier, vergangener Tage geschaffen worden war. Wer in das Auge sieht, der kann alles sehen. Selbst die Seelen der Sterblichen. Näher ging Forél nicht darauf ein, vermutlich weil er es selbst nicht wusste. Adraéyu glaubte nichts von diesen Sagen und Legenden. Doch Forél meinte, wenn die Murmel ein Stein des Sehens war, dann wäre es doch einen Versuch wert. Mit Hilfe seiner Feuermagie hauchte er der Murmel neues Leben ein und setzte sie in Adraéyus Augenhöhle. Und das Auge leistete Adraéyu gute Dienste. Er konnte damit sehen, wenngleich dies auch mit großen Schmerzen verbunden war. Adraéyu verbitterte zusehends. Immer öfter flüchtete sich seine gute Seite in ihn und seine dunkle trat in Erscheinung. Und immer wenn das Auge besonders heftig brannte, so dass er es am liebsten aus der Höhle gerissen hätte, linderte Forél die Schmerzen zusammen mit der wunderschönen Elfe. Forél erneuerte die elementarische Verbindung und verhinderte so, dass das Auge zu stark loderte. Was auch die Sehkraft des Artefakts stetig gemindert hätte.

Man kann heute nicht mehr sagen wie es dazu kam, doch die Schuldgefühle, welche die Elfe über all diese Dinge empfand, wurden immer stärker, bis Adraéyu sie eines Tages spüren konnte. Er ahnte dass etwas nicht stimmte, und als sie ihm all die Dinge gebeichtet hatte, glühte sein Auge regelrecht vor Zorn. Er schwor bitterste Rache. Forél sollte dreifach bezahlen für all das Leid und die Lügen, welche er Adraéyu angetan hatte. Es gelang ihm Hagen noch am selben Tag an die Stadtwache zu verkaufen, und er war sich sicher, dass dieser noch am selben Tage am Galgen baumelte. Doch Forél schien geahnt oder gar gewusst zu haben, dass er von der Elfe verraten worden war, und war verschwunden. Adraéyu brachte es nicht über das Herz die Frau zu töten, auch wenn er sie für sein Leid mitverantwortlich machte - er ließ sie ziehen. Er durchsuchte die halbe Stadt nach dem Elf, doch fand er nicht die geringste Spur. Und mit jedem Tag, der verging brannte das Auge heftiger in seinem Schädel. Auch die Sehkraft des Auges ließ stetig nach. Irgendwann war der Schmerz so unerträglich, dass er es aus der Augenhöhle herausnahm. Er verstaute es tief in seiner Tasche und legte sich einen Stoffstreifen über beide Augen. Er wollte niemals mehr als ein Raéyun erkannt werden. Nach einigen Tagen machte sich das fehlende Auge erst richtig bemerkbar. Er verlor sein räumliches Sehen. Er konnte nicht mehr zwischen Nah und Fern unterscheiden, und er tat sich sowohl beim Bogenschießen, als auch beim Einschätzen von Entfernungen sehr schwer. Sein eingeschränktes Sichtfeld erschwerte die Situation noch zusätzlich. Nach einigen Wochen ging er dazu über das Auge über einige Stunden in seiner Höhle zu lassen, und den Schmerz so lange zu erdulden wie er konnte, und es am Abend vor dem Schlafengehen heraus zu nehmen. Auch wenn das Auge immer dunkler wurde, und ihm kaum nutzte, bewahrte er sich auf diese Weise zumindest über lange Zeit das räumliche Sehen. Doch war es stets eine Tortur.

Er war zornig, traurig und ziellos irrte er umher. Zu anfangs versuchte er noch den Elf zu finden, doch fand er keine Spur von ihm. Er gab sich als blinder Bettler aus, und spielte für einen Kanten Brot und etwas verwässertes Bier in den schäbigsten Spelunken auf, während er zugleich nach verdächtigen Spitzohren Ausschau hielt. Immer wieder brach seine dunkle Seite hervor, und er verletzte Unschuldige Menschen oder spielte verdorbene und böse Musik. Er machte dem Ruf der Raéyun alle Ehre, und wohin er auch ging, konnte nie sehr lange verweilen. Er fürchtete sich schon vor sich selbst. Er reiste viel umher, wohin ihn der Wind auch trug, doch nirgends fand er so etwas wie eine Heimat, oder Frieden, oder den verhassten Forél. Bis er eines Tages entschied, wieder in die wilden Lande zu reisen. Er war nun schon beinahe sechsunddreißig Jahre alt, und befand sich buchstäblich am sprichwörtlichen anderen Ende der Welt. In den folgenden zwei Jahren bettelte und streunte er sich durch die Lande, stetig in Richtung der wilden Lande. Auf dieser langen Reise musste fast täglich für sich selbst spielen, nur um seinen eigenen Lebensmut nicht zu verlieren oder gar dem Wahnsinn anheim zu fallen. Als er endlich den Faernach-Clan erreicht hatte, erkannte ihn sein alter Freund Fenris beinahe nicht wieder. Er wurde freundlich in dem Haus des Schriftgelehrten aufgenommen. Seine Tochter war inzwischen zu einer wunderschönen Frau herangereift. Sie lebte nun mit ihrem Mann in ihrem eigenen Haus. Fenris goss einen heißen Gewürzwein auf und Adraéyu erzählte von den Widrigkeiten, welche er seit seinem Abschied erlitten hatte, hierbei ließ er die dunkle Vergangenheit aus Merridia außen vor, und erzählte nur von den Schicksalsschlägen und verschiedenen Dingen, die er die vielen Jahre erlebt und erlitten hatte. Als das Gespräch auf das fehlende Auge gelenkt wurde, zog Adraéyu sein gläsernes Auge aus der Tasche hervor. Es leuchtete in einem unheilvollen Rot, noch immer, auch nach all diesen Jahren. Und als Fenris es in die Hände nahm, um es zu untersuchen, verbrannte sich dieser dabei beinahe die Finger. Adraéyu warf das Auge in eine Ecke und wollte nichts mehr davon wissen. Er war froh, nach all den Jahren, wieder bei einem wahren Freund zu sein. Die letzten Jahre vergingen beinahe wie im Flug, und Adraéyu hatte wieder etwas Lebensmut gefasst. Seine Gefühle und seine Persönlichkeitsstörung wurden durch das tagtägliche Singen und Musizieren auf ein erträgliches Maß besänftigt, so dass er die Zeit in den wilden Landen sogar regelrecht genießen konnte. Er konnte die wilden Lande nun wahrlich seine Heimat nennen, und auch wenn seine Fähigkeiten, seit dem Verlust seines Auges eingeschränkt waren, half er so gut er konnte mit seiner zauberhaften Musik. Bis eines Tages Fenris an ihn herantrat, und ihm eine traurige Nachricht überbrachte. Er litt schon lange an einer unheilbaren Krankheit. Weder die Schamanin, noch die Kräuterweiber vermochten ihm zu helfen. Wie auch? Sie kannten die Krankheit nicht, die wir als Krebs kennen. Doch hatte es in der Vergangenheit ähnliche Fälle gegeben, und man schrieb dies einem Dämonenbiss oder einer Verwünschung zu. Man wollte nicht glauben dass der Erilar bei den Göttern in Ungnade gefallen war und sie mit einem Fluch straften. Die Schmerzen wurden tagtäglich stärker, dass er sie schon gar nicht mehr betäuben konnte. Er kaute auf Alraunwurzeln und trank Mohnsaft, zu viel Mohnsaft. Er würde sterben. Ob er nun an dem Gift des Mohnsaftes sterben würde, oder an den Schmerzen war einerlei. Adraéyu war wie gelähmt als er dies erfuhr. Es gab absolut nichts, womit dies aufzuhalten wäre, und Fenris wollte Adraéyu ein letztes Geschenk der Freundschaft machen. Er sagte, er könnte ihm helfen das Auge wahrlich an ihn zu binden. Ohne dass es täglicher Linderung bedürfe. Er sagte ihm, dass alles was er tun musste - um das Auge an ihn zu binden - war, dafür den Geist eines starken Bewusstseins an das Auge zu binden. Da er alt war, und ohnehin bald sterben würde, entschied Fenris, dass sein Geist dies sein würde. Es dauerte eine Weile bis Adraéyu die volle Tragweite dieser Worte bewusst wurde. Doch er lehnte entschieden ab. Er wollte nicht das Leben seines Freundes zugunsten seiner Sehkraft opfern. Doch Fenris hielt ihm eisern dagegen. Sein Leben war vorbei. Wenn nicht heute, dann in einer Woche oder allerhöchstens in zwei. Der Schmerz würde ihn irgendwann dazu bringen, sich selbst das Leben zu nehmen. Und dann wäre sein Leben vergeudet. Doch Adraéyu würde nicht nur das Leben eines Freundes opfern müssen. Um mit dem zweiten Auge sehen zu können, war es auch nötig das dritte Auge zu opfern. Wenn Fenris diesen Bund eingehen würde, dann würde Adraéyu seine Gabe des zweiten Gesichts verlieren. Und hier erkannte Adraéyu nun seine Gelegenheit enlich das zweite Gesicht abzulegen, um die Macht der Raéyun gänzlich ergründen zu vermögen. Nach einigem Hadern stimmte Adraéyu schließlich Fenris' Vorschlag zu.

Fenris leitete Adraéyu und ihrer beider Geister durch ein Ritual. Er betete zu den alten Göttern und den Etáín. Warf die Schicksalsscheiben und verbrannte einige rituelle Kräuter. Sie waren beide völlig in weißen Rauch gehüllt und nur das rote Auge glühte unheilvoll in diesem Nebel. Fenris hielt das Auge in den Händen und bewegte seine Hände so schnell durch den Rauch, dass er mit den Augen rote Linien in die Luft malte. Adraéyu starrte wie gebannt auf das Auge und war völlig benommen. Fenris sang kanonische Beschwörungen und drang, beinahe unmerklich, in Adraéyus Geist ein. Fenris sammelte und bündelte die Macht, welche in Adraéyu schlummerte und band sie an das Auge. Das zweite Gesicht würde dem Auge die Macht des Sehens verleihen, wie es Foréls Macht niemals hätte vollbringen können. Als Adraéyus drittes Auge, an das zweite gebunden wurde, um dem Artefakt - dem sehenden Stein - die Macht des Sehens einzuverleiben, band Fenris seinen Geist, an das Auge, um der Katalysator der Mächte zu sein, welche in dem Auge und in dem Raéyun toben würden. Sein Opfer würde erst ermöglichen, was Forél und Adraéyu bisher versagt geblieben war. Mit dem Auge zu sehen. Als dies vollbracht war, band Fenris seine eigene Seele an das Auge und an Adraéyus Geist, damit dieser mit dem Auge sehen könne. Und während er Adraéyu das Auge in die Höhle drückte, schnitt er sich die Pulsadern auf und starb.

Als Adraéyu wenige Stunden später aus seiner Ohnmacht erwachte, da konnte er wieder mit beiden Augen sehen, und das Bernsteinauge brannte nicht in seiner Aughöhle. Und das erste was er mit seinem neuen Augenlicht sah, war der Leichnam Fenris', und er vergoß Tränen ehrlicher Trauer für seinen Freund ...

Plötzlich endete der alte Mann mit seiner Geschichte, denn die Tür der Taverne schlug mit einem lauten Knall auf. Zwei Soldaten traten in das Wirtshaus ein, dicht gefolgt von einem dritten. Als der alte Mann den dritten Soldaten erkannte, stand er so unauffällig wie er es vermochte auf, und schlich sich langsam zum Fenster der Taverne. Alle Aufmerksamkeit galt den Soldaten, und während einer von ihnen die Tür zuhielt, begannen die anderen durch die Menge zu schreiten und rissen Kapuzen, Gugeln und Hauben herunter. Doch den Alten fanden sie nicht…denn er war längst in die kühle Nacht entschwunden…

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In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.