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Benutzername:
Caiwen
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Charakter

Name:
Caiwen
Alter:
19 Jahre
Rasse:
Mensch (Mérindar)
Heimat:
Merridia
Waffen:
Schwert, Dolch
Inventar:
Kleid, Umhang, Bürste, Wasserschlauch, Stück Kohle+Notizbuch, Geld, Dokumente und Karte

Steckbrief

Name: Caiwen
Alter: 19
Rasse: Mensch (Mérindar)

Aussehen
Caiwen ist eine hübsche und starke junge Frau, sagen alle. Und doch wirkt sie auf jeden anders. Bei Männern und trägt sie meistens ein verführerisches Lächeln auf und setzt ihre Reize ein, sodass sie Caiwen als attraktiv ansehen. Doch sie kann auch durchaus kalt und abweisend, gar furchteinflößend erscheinen. Sie versteht es, ihre Gefühle hinter einer Maske der Emotionslosigkeit zu verbergen, was sie älter macht, als sie ist. Ihre tiefe Stimme, ein Überbleibsel aus ihrer Zeit als Junge, wo sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, so zu sprechen; hat einen melodischen Klang und wirkt sehr angenehm auf andere, sodass Caiwen auch das zu ihrem Vorteil einsetzen kann.
Caiwen ist schlank, besitzt jedoch wohlgeformte weibliche Proportionen. Sie ist durchtrainiert und muskulös. Mit einer Größe von 1,71 m liegt sie zwar knapp über dem Durchschnitt, inmitten all der jungen Männer ist sie trotzdem immer die Kleinste.
Ihre goldblonden, gewellten Haare trägt sie meist in einem hohen Zopf, nur selten lässt Caiwen sie offen oder mit geflochtenen Strähnen verziert über die gebräunten Schultern fallen. Meist tut sie es, um einen Mann zu beeindrucken, denn ihrem Anblick kann man nur schwer widerstehen.
Und wenn Caiwen dann noch mit ihren eisblauen Augen durch ihre langen, schwarzen Wimpern hindurch blickt, ist wirklich jeder hin und weg von ihr. Ihre rechte Augenbraue, sie vermag es, diese oft spöttisch hochzuziehen, wird von einer kleinen Narbe geteilt, die sie vor Jahren in einem Kampf erhielt.
Ihre Wangen sind stets rosig und die Lippen, welche ihr einen Schmollmund verleihen, sind von einer kräftigen Farbe.
Wie alle Mitglieder der Legion Seberas besitzt Caiwen eine Lederrüstung, Arm- und Beinschützer und einen Vollhelm aus Stahl. Darunter trägt sie eine leichte beige Leinenbluse und eine hellbraune Hose aus dem gleichen Material. Sie besitzt niedrige Lederstiefel, die sie nicht am Laufen hindern.
Doch hat sie auch ein Kleid, auf das sie sehr stolz ist. Es ist körperbetont geschnitten und besteht aus zwei Schichten; die untere mit langen, weiten Ärmeln aus beiger, leichter Wolle und die obere Schicht aus Leinenmuss ähnlich einer Korsage zur Befestigung geschnürt werden und ist von einem dunklen Bordeauxrot. Über diesem Kleid trägt Caiwen meist noch eine bräunliche Schürze. Für andere wäre das Kleid nur ein einfaches Stück Stoff, nichts Besonderes. Doch Caiwen hatte nie etwas schöneres besessen, weshalb sie das Kleid nur selten anzieht, um es nicht zu ruinieren.
Wenn sie nicht erkannt werden oder ihre Waffen verstecken möchte, bedient Caiwen sich eines dunkelgrünen Woll-Umhangs mit Kapuze, der bis auf den Boden reicht.
Ihre Kleider sind zwar abgetragen und das Kleid an den Säumen schon schmutzig und teilweise durchlöchert, doch im Allgemeinen sind ihre Sachen in einem guten Zustand.
Durch die vielen Kämpfe ist Caiwens Körper von unzähligen kleinen Narben gezeichnet, was ihrer Schönheit jedoch keinen Abbruch tut. Große, lange Narben ziehen sich über ihren Rücken, Andenken an ihre Zeit bei den Sklavenhändlern.
Sie bemüht sich sehr um ihre Körperpflege, sodass ihre Haare stets glänzen und ihre Haut weich und glatt ist, doch meist hat sie dreckige Hände und etwas Schmutz im Gesicht und an den Sachen.
In einem ledernen Rucksack verstaut sie außer ihrem geliebten Kleid, der Bürste und dem Umhang nur einen halbvollen Wasserschlauch, ein Stück Kohle zum Schreiben und ein altes Notizbuch; außerdem einen kleinen Beutel mit einem Heller, vier Kupfermünzen und ein paar Jestu darin.

Waffen
Gleich allen „Falkenjungen“, bekam sie nach der Ernennung zum Legionär ein Schwert und einen Dolch, beides aus Rotstahl gefertigt. Das Schwert - etwa so lang wie ihr Arm, mit einem einfachen Heft aus Eichenholz und einer am Ende zugespitzten Klinge - steckt in einer Schneide, die sie mit einem Gurt meist über den Rücken trägt. Den unterarmlangen Dolch steckt sie in ein Halfter an ihrem Gürtel. Er hat ebenfalls ein Heft aus Eiche, dieses ist jedoch mit Lederstreifen umwickelt worden. An der Spitze ist der Dolch leicht gekrümmt.

Charakter
Disziplin und Gehorsam – die zwei großen Werte der Gilde. Auch wenn es Caiwen schwerfällt, sich immer diszipliniert, ruhig und ernst zu verhalten und alle Aufgaben zu erfüllen, ohne Widerworte zu geben, versucht sie doch, beides umzusetzen. Und sie hat sich, in Relation zu ihren ersten Wochen, deutlich verbessert. In der ersten Zeit war sie oft mit den Gedanken woanders, als sie eigentlich zu hören sollte, unterhielt sich leise oder lenkte sich anderweitig ab. Das passierte immer, wenn dem Mädchen langweilig wurde- und das ging schnell. Des Weiteren diskutierte sie früher öfters mit ihren Vorgesetzten, wenn sie den Sinn einer Aufgabe nicht verstand oder sie schlichtweg für unnötig hielt. Aber mithilfe von zusätzlicher Arbeit und Bestrafungen hatte man ihr das weitestgehend abgewöhnt. Doch trotzdem sagt sie meist offen und klar ihre Meinung, nimmt dabei keine Rücksicht auf Gefühle. Wenn ihr etwas nicht passt, spricht das Mädchen dies an und versucht, es aus der Welt zu schaffen, auch wenn sie damit nicht im Sinne der Gilde handelt. Auf den Mund gefallen ist Caiwen wahrlich nicht. Sie kann richtig stur sein, aber Caiwen weiß auch, wann es besser ist, klein bei zu geben. Gegen die ihr höhergestellten Gildenmitglieder würde sie nie die Stimme erheben. Ihre Gilde betrachtet sie inzwischen als Familie, auch wenn sie noch oft an Tante Variànn denkt. Seberas steht über allem, so hatte man es ihr bereits am Anfang ihrer Ausbildung beigebracht. Loyalität ist wichtig. Nur wenn die Gilde sich auf dich verlassen kann, kannst du dich auf die Gilde verlassen. Sie würde eher sterben, als die Gilde zu verraten.
Auch sonst spielt Ehre eine große Rolle in ihrem Leben. Wenn sie einmal stirbt, soll das im Kampf passieren. So und nicht anders hat ein Falke zu gehen. Und Verrätern der Gilde, die es leider immer noch gibt, begegnet sie mit großem Hass und Abscheu.Nie würde sie es wagen, gegen einen anderen Falken zu kämpfen, ihm wichtige Informationen vor zu enthalten oder zu manipulieren. Kleinere Flunkereien, um sich aus einer Situation heraus zu manövrieren zum Beispiel, sind für Caiwen aber weniger schlimm.
Im Kampf kennt sie keine Furcht. Es scheint fast, als hätte sie Freude daran, sich in die Schlacht zu stürzen. Doch kann Caiwen keine Gefahren abschätzen, was ihr früher oder später zum Verhängnis wird. Dabei wäre es nicht einmal das Schlimmste, wenn sie einfach nur geschlagen werden würde und einige Verletzungen davontrüge, so etwas passierte schon mal. Angst hat Caiwen davor, in einem Kampf so schwer geschunden zu werden, dass sie der Gilde danach nicht mehr dienen kann.
Caiwen ist sehr anpassungsfähig. Sie gewöhnt sich schnell an neue Situationen und findet den für sie vorgesehenen Platz. Sie denkt nicht nach dem Schema „Was wäre wenn…“, sondern versucht, mit den gegebenen Umständen klar zu kommen.Als Spion der Gilde kann sie sich in verschiedene Rollen hinein versetzen, auf Überraschungen gekonnt reagieren und so ihr Gegenüber beeinflussen, sie zu mögen oder zu fürchten. So umgarnt sie recht schnell Fremde und wenn das nicht zieht, trägt sie einen koketten Wimpernschlag auf, setzt ihre Rundungen vorteilhaft ein und wickelt so auch den letzten um den Finger. Denn Caiwen sieht durchaus schön aus und sie weiß das auch. Sie ist aber nicht eingebildet, es dient ihr nur als Hilfe, um jemanden zu „überzeugen“.
Provozieren kann man sie eigentlich nicht. Das einzige, was ihr gegen den Strich geht, ist, wenn man sie aufgrund ihres Geschlechtes nicht ernst nimmt. Das regt sie meist so sehr auf, dass sie die Fassung verliert und ihr Gegenüber anherrscht. Nur beleidigend wird sie dabei nicht. Jeder hat einen gewissen Stolz, der aufrechterhalten werden muss.
Fremden begegnet sie offen, sie sucht das Gespräch, ist aber darauf bedacht, nicht allzu viel über sich selbst bekannt zu geben. Sie hat keine Probleme damit, neue Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen. Doch ist sie nicht naiv oder leichtgläubig. Sie hält sich die Meisten auf einem gewissen Abstand, lässt kaum einen wirklich an sich heran. – Und hat stets im Hinterkopf, dass jeder noch so nette sich als Feind entpuppen könnte. Dass sie dabei etwas paranoid wird, kann man verstehen.
Zeit zum Träumen bleibt dem Mädchen keine. Sie sieht alles realistisch, manchmal geht ihr Realismus aber in Schwarzmalerei über. Doch das dient ihr meist nur als Ansporn, sich in eine Sache hineinzusteigern. Ihr Ziel ist, der Gilde guten Dienst zu leisten. Sie würde gerne später eine Dekarchin werden, eine Ausbildende oder Anführerin einer Legion. Der Rang der Kommandanten interessiert sie nicht so sehr, obwohl es natürlich eine große Ehre wäre. Doch Caiwen sieht sich lieber in einer Schlacht als in einem Rat.
Variànn lehrte Caiwen zwar den Glauben an die 7 Götter, doch so richtig glaubt das Mädchen nicht daran. Gäbe es die Götter, warum war ihr dann so viel Schlechtes passiert? Was hatte sie verbrochen? Aber nachtragend ist Caiwen nicht. Deshalb beruft sie sich manchmal auf die Götter, allein schon, um Variànn zu gedenken und zu ihrer Mutter zu sprechen. Einzig Arycon verehrt sie wirklich, denn er ist der Gott aller Söldner. Jeden Abend, vor jedem bedeutenden Ereignis in ihrem Leben schickt sie ein Gebet zu ihm, vertraut auf seine Hilfe bei Entscheidungen.
Natürlich ist Caiwen noch sehr jung und handelt deshalb oft überstürzt oder aus einer Intuition heraus, da sie die nötige Lebenserfahrung noch nicht hat. Sie merkt in dem Moment aber nicht, dass sie sich damit in Schwierigkeit bringen könnte, denn sie handelt immer aus völliger Überzeugung heraus und wenn sie einmal etwas gemacht hat, bleibt Caiwen auch dabei, genauso, wie sie aber auch alle zugibt und einsieht, wenn sie etwas nicht ganz so lobenswertes gemacht hat.
Seit ihrer Zeit bei den Sklavenhändlern hat sie eine panische Angst vor dunklen und engen Räumen entwickelt. Es reicht schon, wenn sie an den stickigen Planwagen denkt, mit dem sie damals umhergefahren sind, dass sie ein Schwindelgefühl überfällt.

Fähigkeiten
Ein wesentlicher Bestandteil von Caiwens Ausbildung ist der Kampf. Man lehrte ihr, wie man sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzt, gegnerische Angriffe abblockt und sich die Schwächen der Gegner zu Nutze macht. Und auch wenn Caiwen schwächer und kleiner ist als die meisten Männer, nutzt sie ihre Vorteile – unter anderem ihre Größe und Reaktionsgeschwindigkeit – um in einem Kampf als Sieger hervorzutreten. Auch mit dem Schwert und dem Dolch kann sie umgehen, obgleich sie den kleinen und handlichen Dolch oder das Kämpfen ohne Waffen dem Schwert vorzieht.
Gegen Frauen und Gleichaltrige hat sie eine reale Chance im Kampf, sofern diese keine außergewöhnliche Kampfausbildung hinter sich haben. Starken und großen Männern ist sie natürlich unterlegen, aber daran arbeitet Caiwen. Doch auch kleinere oder auf den ersten Blick schwächere Gegner unterschätzt sie keineswegs.
Aber es kommt natürlich darauf an, mit welchen Waffen Caiwen kämpft. Generell beherrscht ihr der Nahkampf am besten. Mit dem Schwert, ihrem eigenen Körper oder - ihr Favorit, da das Mädchen sich damit am besten verteidigen kann - dem Dolch kann sie sich auch gegen stärkere Gegner behaupten – den Umgang mit Distanzwaffen beherrscht sie aber nur im Ansatz.
Die Gilde trainierte sie in Ausdauer, Wendigkeit, Schnelligkeit, Stärke und allem, was sonst noch wichtig war. Besonders das Klettern hatte es ihr angetan. Viele Abende saß sie hoch oben in den Baumkronen, überwältigt von dem Blick, den man von hier aus hatte, der Weite und Freiheit.
Caiwens Ziehmutter legte Wert darauf, dass sie lesen und rechnen kann und die Händler auf dem Markt brachten ihr den Umgang mit Geld bei, auch wenn sie nie so viel hatte, dass sie den Umgang ausreichend üben konnte, denn alles, was Caiwen an Geld bekommt, spart sie.
Handwerklich ist Caiwen zwar einigermaßen geschickt, doch sie hat außer Nähen nie wirklich ein Handwerk erlernt. Dafür weiß sie aber, wie man ein Feuer macht, besitzt grundlegende Kenntnisse auf dem Gebiet der Jagd und kennt die Karten Mérindars in – und auswendig.
Caiwen spricht keine anderen Sprachen, kann sich aber im Notfall mit Händen und Füßen verständigen und würde, wenn es darauf ankäme, wohl auch recht schnell eine neue Sprache erlernen können.
Sie weiß viel über die gesellschaftlichen Normen der adeligen, hat eine gute Allgemeinbildung und auch in Sachen Politik weiß sie so einiges. Beim diplomatischen Geschick mussten die Söldner ihr gar nicht mehr allzu viel zeigen, da Caiwen schon von klein auf versuchte, zwischen Streitenden zu verhandeln. Außer natürlich, sie war selbst an einem der Streits beteiligt, dann wollte sie natürlich unbedingt ihren eigenen Kopf durchsetzen.
Auch brachten die Söldner dem Mädchen bei, wie man auf Pferden reitet, wobei sie aber kein überdurchschnittliches Talent zeigt. Genauso ist sie weder im Tanzen, noch im Singen sonderlich begabt. Dafür steht es außer Frage, dass sich in Caiwen ein großes schauspielerisches Talent verbirgt. Als Spionin muss sie die Leute dazu bringen, ihr zu vertrauen, sie gern zu haben. Sie weiß fast immer, welche Reaktion oder Worte angebracht sind, um ihrem Gegenüber ein sicheres Gefühl zu geben. Andererseits kann sie auch Druck auf ihn ausüben, wenn sie ihn geschickt manipuliert und sich seine Schwächen zunutze macht. Doch eines ihrer Probleme ist, sich richtig zu verhalten, wenn mal jemand nicht so reagiert, wie sie wollte. Dann ist sie meist so nervös, dass sie das Erstbeste sagt, was ihr einfällt, was nicht immer ratsam ist. Außerdem kann Caiwen sich, wenn sie wichtige Informationen erhält, nur schwer zurückhalten, direkt Seberas zu kontaktieren. Durch ihre plötzlich gehetzte Art merken viele, dass etwas komisch ist.
Magie/Zauber
Caiwen bleibt die Magie verwehrt.

Vergangenheit
„Die Schönheit hast du von deiner Mutter“. Caiwen selbst fand das zwar nicht, aber nachdem sie den Satz unzählige Male gehört hatte, glaubte sie irgendwann selbst daran.
Ihre Mutter Talya gelangte ins Armenviertel Merridias, nachdem das Haus ihrer Eltern abgebrannt war und diese bei dem Feuer umgekommen waren. Für Frauen des Armenviertels gab es nicht viele Wege, Geld zu verdienen, ohne zu betteln. Einer der wenigen war das Freudenhaus „Goldene Blüte“.
Schmeichler bezeichneten Talya selbst als so Eine, und obwohl ihre Herkunft bekannt war, herrschte großer Andrang im Freudenhaus, sobald man von Talya hörte. Sie verdiente gutes Geld damit, einsame Männer, neugierige Burschen oder unglückliche Ehegatten zu beglücken. In ihrer Welt fühlte Talya sich begehrt und glücklich. Nur wenn das Freudenhaus schloss, verließ sie zusammen mit den anderen ‚Goldenen Blüten‘ ihre kleine geheime Welt und kehrte in ihr armes Leben zurück. Und sie verschwendete keinen Gedanken mehr an die Stunden der Leidenschaft. Wäre Caiwen nicht gewesen, hätte Talya wahrscheinlich so weiter gemacht. Erst dachte die werdende Mutter, sie sei krank, doch ein anderer Gedanke beschlich sie, der zur Gewissheit wurde, als sie sich veränderte.
Eine Abtreibung kam ihr nie in den Sinn, da diese meist kein gutes Ende nahmen, außerdem wollte Talya das Kind behalten, auch wenn es in eine traurige Welt hineingeboren werden würde.
Die Schwangerschaft gestaltete sich in den letzten Monaten schwerer als gedacht. Der einzige Lichtblick war die Zeit im Freudenhaus. Talya konnte nicht sagen, welcher der zahlreichen Männer der Vater ihres Kindes war, zu viele hatte sie in ihrem Zimmer gesehen.
Die Wochen vor Caiwens Geburt verbrachte Talya im Bett, am Rande ihrer Kräfte. Nicht einmal der Blick durch ihr kleines Fenster half ihr, da man am Rande des Armenviertels nur auf die Stadtmauer sehen konnte, die ihren Schatten über die kleine Hütte warf. Sie wohnte nicht allein dort, sondern teilte sich das Häuschen mit Variànn, einer warmherzigen und gebildeten Frau, die Talya, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, bei sich aufnahm, als diese auf der Straße lebte.
In dieser schweren Zeit war Variànn der einzige Halt für Talya. Glücklicherweise beherrschte Variànn das Handwerk einer Hebamme, sodass sie ihrer Mitbewohnerin bis zur letzten Stunde beistehen konnte.
An einem Winterabend, die rissigen Scheiben von Eis überzogen, der Atem der beiden Frauen dampfte, brachte Talya ein gesundes Kind zur Welt. Doch der Winter und die komplizierte Schwangerschaft forderten ihren Tribut, und Talya schloss ihre Augen für immer, kaum dass sie einen Blick auf ihre neugeborene Tochter geworfen hatte. Obwohl Rhelun die frischgebackene Mutter mit sich nahm, konnte er das Lächeln nicht verwischen, das sie beim Anblick des in Tücher gewickelten Mädchens zeigte.
Obwohl die Zeiten schlecht standen und das Geld knapp war, überlebte das Kind – welches den Namen Caiwen - die Kämpferische - erhielt – die ersten Jahre und wuchs zu einem jungen, niedlichen Mädchen heran. Honigblonde Locken umrahmten ihr kleines Gesicht und wenn sie die Leute mit großen Augen ansah, erlagen sie sofort dem Zauber des Mädchens. Doch in ihren Augen blitzte auch der Schalk, aber sobald sie etwas Verbotenes getan hatte, tat es ihr wieder leid und sie entschuldigte sich.
Caiwen hatte unter den Kindern des Armenviertels viele Freunde, der beste aber war Linus.
Zusammen zogen sie durch die engen Straßen und erkundeten die Stadt. Den Männern der Südwache konnte man leicht Streiche spielen, wie die Beiden recht schnell entdeckten und bald gab es dort keinen mehr, der die Kinder nicht kannte. Die Streiche waren nie gefährlich, aber für alle, vor allem für Caiwen und Linus, sehr lustig. Natürlich hätte die Südwache sich lieber in Streitigkeiten oder Prügeleien eingemischt, anstatt sich mit Caiwen und Linus zu plagen, die zudem noch viel schneller waren und viele Verstecke kannten, sodass die Männer in ihren Rüstungen nicht mehr hinterher kamen.
Am liebsten war Caiwen mit Jungen unterwegs, denn die waren nicht so sensibel wie Mädchen. Von den Familien ihrer Freunde wurde sie herzlich aufgenommen, denn sie konnte nicht nur ein Wildfang sein, sondern auch sehr nett. Auch im Waisenhaus, in dem viele Jungen wohnten, war Caiwen gern gesehen. Inzwischen war es so etwas wie ihre zweite Heimat, sodass sie manchmal für die ein oder andere Mahlzeit dort bleiben durfte.
War das Wetter doch einmal zu schlecht zum Rausgehen, las Caiwen Variànn (Sie nannte die ältere Frau meist Tante, denn Caiwen wusste von ihrer Mutter)kleine Geschichten vor. Ihre Tante hatte Caiwen dies beigebracht, weil sie der Meinung war, dies wäre nicht nur für die Reichen wichtig. Sie wollte Caiwen auf ein besseres Leben vorbereiten, als sie und Talya es gehabt hatten. Auch zeigte sie Caiwen einfache Stiche, sodass das Mädchen seine Kleidung nähen konnte, wenn es wieder einmal gestürzt war. Da Caiwen sich recht interessiert zeigte, lehrte ihre Tante ihr die leichtesten Schnitte, damit Caiwen sich neue Kleidung nähen konnte, falls sie welche brauchte oder sich etwas Geld dazuverdienen konnte, indem sie die Kleidung auf dem markt verkaufte.
War das Mädchen jedoch an keinem dieser Orte zu finden, befand sie sich im Hospital. Es gab sicherlich keine Stelle auf Caiwens Körper, die noch nie aufgeschürft oder mit blauen Flecken gesäumt war. Und da Tante Variànn dort früher gearbeitet hatte, kannte sie die meisten Schwestern, die Caiwen für wenig Geld versorgten.
Alles, was Caiwen wissen musste, lernte sie von Variànn, auf den Straßen der Stadt und auf dem Bettelmarkt. Die Händler zeigten ihr, wie man mit Geld umging und die Zahlen auf den Münzen in Waren verwandelte.
Natürlich war das Leben im Armenviertel hart, so manche Zeit litten sie und ihre Tante an Hunger, vor allem im Winter. Die kalten Monate waren am schlimmsten, dann, wenn der eisige Wind durch jede Ritze pfiff, die Kinder immer dünner, blasser und schwächer wurden und der Gedanke nicht verschwand, dass man den Winter nicht eventuell nicht überstand. Dazu noch die allgegenwärtige Angst, die Steuern oder die Miete für das kleine Häuschen nicht mehr bezahlen zu können und auf der Straße zu landen. Und dann waren da noch die zwielichtigen Gestalten, die sich in den dunklen Gassen herumtrieben und nur darauf warteten, dass ein Mädchen sich dorthin verirrte.
Je älter Caiwen wurde, desto neugieriger wurde sie. Linus stand ihr in nichts nach und so wagten sie sich immer weiter aus den vertrauten Straßen des Viertels heraus. Am liebsten saßen sie auf der Brücke beim Bettelmarkt, unter der der gigantische Aras - Kanal hindurchfloss. Wenn die Zöllner einmal unaufmerksam waren, stahlen sich die Kinder durch die Beine der Erwachsenen hindurch und setzten sich auf das breite Geländer. Von hier aus hatten die beiden einen guten Blick zum Palast, der auf der Anhöhe der Nordseite stand, und oft wünschte sich Caiwen dort und nicht hier unten zu sein. Sie fragte sich nicht selten, welche Kleider die Menschen im Palast trugen und ob sich deren Tische wirklich unter Essen bogen wie es erzählt wurde.
Ein anderes Mal verfolgten Caiwen und Linus schwarz gekleidete, gruselig wirkende Männer. Sie kamen auf einen weiten Platz – den sie erst nach dem Durchqueren vieler kleiner Seitenstraßen erreichten und der – falls Caiwen es richtig im Kopf hatte - genau am Gegenüberliegenden Rand des Armenviertels war wie ihr Häuschen. In dem kalten Wind schaukelten einige starre Körper an den dort aufgestellten Galgen. Die Kinder hatten viele Geschichten gehört, die sich die Eltern erzählten, von den Verbrechern und auch davon, dass manchen für ihre Taten auf diesem Platz das Zeitliche gesegnet hatte. Keiner der Beiden hatte bemerkt, dass jene Männer verschwunden waren und sie hier allein waren. Caiwen, die sonst eigentlich nie Angst hatte, merkte, wie sich ihre Haare aufstellten und ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Wie auf ein geheimes Stichwort drehten die Kinder sich um und rannten zurück in die bekannten Gassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Viel Zeit verging, ehe sich die Beiden dem Feld wieder nährten.
Es war am Abend des 13. Laubfalls, den Caiwen erlebt hatte, als sie allein vom Markt zurückkehrte.
Variànn war älter geworden und verbrachte die meiste Zeit in der Hütte in ihrem Bett. Ihr Haar war inzwischen weiß geworden und Falten zogen Gräben in ihre Haut. Variànn hatte in weiser Voraussicht Caiwen mit allem vertraut gemacht, was sie zum Leben brauchte, damit diese nun für sich und für ihre Tante sorgen konnte.Sie hatte ihr das Kochen gelehrt sowie das Handeln und Lesen; und ihr Verschiedenstes gezeigt, womit Caiwen später einmal Geld verdienen konnte. Unter anderem war sie so auch in den Beruf der Hebamme eingeführt worden. Sie war schon früh dabei, wenn Variànn ein Kind auf die Welt brachte, und hatte sich genau abgeschaut, wie sie das Kind halten musste, was sie zu der Mutter sagen sollte und wie man das Neugeborene richtig pflegte. Und falls sie das nicht ausreichen sollte, blieb ihr noch das Freudenhaus. Doch das hatte Caiwen gegenüber Variànn nie ausgesprochen, da diese dem Mädchen stets eingeredet hatte, dass so etwas verwerflich sei.
Das Gerücht von Sklavenhändlern war wieder im Umlauf und Mütter warnten ihre Töchter, nicht mehr nach Sonnenuntergang nach draußen zu gehen. Caiwen hatte weniger Bedenken und löste das Problem auf ihre Art. Sie schnitt ihre langen Locken ab, sodass sie mehr nach einem Jungen aussah. Das verärgerte Variànn, vor allem, nachdem Caiwen sich auch noch weigerte, weiterhin ihr Kleid zu tragen. Ab was sollte ihre Tante anderes tun, als Jungensachen zu besorgen? Was Variànn nicht wusste, war, dass Caiwen sich zwar schämte wenn sie jetzt mit Hose, viel zu großem Hemd und der geflickten Jacke unterwegs war, aber wenigstens sah so niemand mehr ein Mädchen vor sich, wenn er Caiwen anblickte.
Caiwens Körperhaltung war schon immer aufrecht und die Jungen, die sie nicht genau kannten, aber auch ihre Freunde, hätten sich niemals mit ihr angelegt.
Caiwen fühlte, das etwas nicht stimmte. Der kühle Abendwind ließ ihre kurzen Haare wehen und Wispern der Böen flüsterten ihr Warnungen zu. Ein ungutes Gefühl beschlich das Mädchen, aber sie griff einfach nur das Brot fester und ging etwas zügiger. Sie bog eben in die Straße ein, die sie vom Schweineplatz wegführte, als sie im Schatten einer der Häuser eine Bewegung wahrnahm. Angespannt drehte sie sich um und sah einen Mann, einen Fremden, an einer der Mauern. Sie hörte sich selbst mit fremder Stimme sagen: „Was willst du?“
Doch zu mehr kam Caiwen nicht mehr. Eine Hand wurde auf ihren Mund gepresst, die andere hielt ihre Arme hinterm ihrem Körper fest, sodass sie sich nicht bewegen konnte. Ein harter Schlag traf sie gleich darauf auf den Kopf und sie entglitt ins Schwarze.
Blinzelnd wachte Caiwen auf und fand sich auf einer harten Pritsche in einem schwach beleuchteten Raum wieder. Sie richtete sich auf und bemerkte den Mann, der ihr gegenüber auf einem Holzstuhl saß und sie mit einem Grinsen im Gesicht abschätzend musterte. „Na, Bursche?“ Der Mann hielt sie anscheinend für einen Jungen. Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis kam noch eine weitere. Sie war als gefangen genommen worden, höchstwahrscheinlich von besagten Sklavenhändlern. Am liebsten hätte sie geweint wie ein Mädchen, das sie ja eigentlich war. Doch das wollte sie dem Mann nicht gönnen und so schluckte sie die Tränenrunter, atmete tief durch und streckte das Kinn herausfordernd nach vorne. Doch das brachte nichts, sie wurde ziemlich brutal hoch gerissen, nach draußen gebracht und mit der langen Kette – an der bereits ein halbes Dutzend andere Kinder jeden Alters gefesselt war – angekettet. Mit einem schnalzenden Laut machte sich die Kutsche auf ins Ungewisse.
Der Zeit bei den Sklaven dauerte Monate, so schien es Caiwen, doch es waren allenfalls ein paar Wochen. Die Händler reisten mit einem Planwagen, der von zwei alten Pferden gezogen wurde, umher und die Kinder – Caiwen war die Älteste von ihnen – mussten sich hinter großen Holzkisten verstecken, sodass sie durch die Öffnung nicht zu sehen waren, falls jemand den Wagen kontrollierte. Einmal hatte sie ein Geräusch von sich gegeben, während Männer den Inhalt des Wagens begutachteten. An dem Abend traf sie die Peitsche so heftig im Gesicht, dass sie mehrere Tage auf dem rechten Auge nur verschwommen sah. Heute erinnert nur noch die Narbe, die ihre Augenbraue teilt, daran. Sie war wie alle anderen hungrig und durstig, die Ketten an ihren Handgelenken und Füßen scheuerten die Haut auf. Essen und Trinken bekamen sie nur in der Nacht und das auch nicht immer – aber wenn doch, dann nur dreckiges Wasser und altes, steinhartes oder verschimmeltes Brot. Hier und dort kamen neue Kinder dazu, andere von Caiwens Mit - Sklaven wurden verkauft. Viele starben unter den schrecklichen Bedingungen. Nur ganz wenige der Kinder blieben bis zum Ende dabei, die meisten waren ruhig und verschreckt, doch Caiwen wurde nicht selten aufsässig und kam um Bestrafungen nicht herum und ihr Rücken zeigt heute noch die langen Narben.
Die ersten Tage dachte Caiwen beinahe jede Nacht an Flucht, doch langsam verlor sich dies – obwohl Caiwen ihren Widerstand nie aufgab. Aber die erkannte, dass es keinen Sinn hatte, dass sie es eh nicht schaffen würde. Außerdem brauchten die Kinder sie, die sich immer schützend vor die kleineren stellte und deren Strafe in Kauf nahm. Nicht selten weinte sich Caiwen in den Schlaf, wenn sie ganz sicher war, dass sie niemand hören konnte.
Immer, wenn sie in die Nähe einer Stadt waren, versteckten sie den Planwagen in kleinen Wäldern, zwischen hohem Gestrüpp oder dunklen Gassen, überall dort, wo man ihn nicht sehen konnte. Am Tag verschwanden dann alle Männer bis auf einen, der die Kinder beaufsichtigte, und kamen spät in der Nacht zusammen mit anderen zurück. Dann mussten sich alle Kinder in einer Reihe aufstellen und wurden begutachtet wie Marktvieh. Wenn jemand Caiwen zu nah kam, konnte es aber schon passieren, dass sie mal heftig zutrat oder biss, was ihr weitere Schläge einbrachte.
Es wäre wohl noch lange so weiter gegangen, wäre nicht eines Tages ein Legionär von Seberas aufgetaucht, der einige Jungen für die Legion kaufen wollte. Caiwen hatte bis dahin nur eine vage Vorstellung von der Gilde. In Merridia hatte sie öfters die Jungen darüber erzählen hören, doch so richtig hatte sie nie aufgepasst, wenn das Gespräch in diese Richtung abgedriftet war. Er nahm die offensichtlich stärksten und darunter befand sich auch Caiwen. Als kleine Rache an ihre Peiniger verließ sie, erhobenen Hauptes und ein kleines, gewinnendes Lächeln auf den Lippen, ohne einen winzigen Funken des Bedauerns den Ort der Qualen. Sie war bereit, für ihr weiteres Leben zu kämpfen und fühlte sich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder etwas erleichtert, als sie in der Legion Seberas aufgenommen wurde. Zusammen mit den anderen, die der Legionär kaufte, fuhren sie nach Nemáncan, ihrer neuen Heimatstadt, wo sie zu Söldnern ausgebildet werden sollten.
Diese Erleichterung hielt nicht lange an. Zusammen mit den anderen Falkenjungen, hatte sie zwar genug zu essen und trinken, sowie einen Schlafplatz, doch das harte Training zehrte an dem jungen Mädchen. Sie war ohne Frage eine ausgezeichnete Schülerin, lernte schnell was die Söldner ihnen zu vermitteln versuchten – und auch, dass man keine Widerworte geben sollte. Gerade in ihrer Anfangszeit wurde Caiwen oft bestraft, entweder musste sie putzen, oder bekam mehr Übungen auf als die anderen. Die Zeit der Falkenjungen war voll ausgeplant. Sie hatten drei Tage in der Woche Training, wo die Kinder lernten, wie sie sich verteidigten und angriffen. An jedem Tag mussten sie zum Unterricht, wo sie viel über Alvarania lernten – am meisten natürlich über die Nordreiche – Politik, Karten, Stützpunkte von Seberas. Aber auch allgemeine Sachen wie Rechnen und Resen, wurden ihnen beigebracht. Dort konnte sich Caiwen am meisten glänzen, da sie ein der wenigen war, die das schon konnten. Außerdem lernten sie noch die Tier- und Pflanzenwelt Alvaranias etwas genauer kennen. Der Unterricht machte Caiwen Spaß, auch wenn es ihrer Meinung nach ruhig etwas weniger sein könnte. Dann mussten sie verschiedene Botengänge unternehmen. Erst einmal trugen sie nur innerhalb der Mauern Briefe zwischen den Söldern umher, dann durften sich auch hinunter in die Stadt oder in nahegelegene Dörfer. Diese Arbeit erledigte Caiwen am liebsten, weil sie dann endlich aus den dunklen Räumen herauskam. Auf dem Weg zu den Leuten, an die sie etwas überbringen sollte, beobachtete sie die Menschen in der kleinen Stadt, die vom Aussehen zwar große Ähnlichkeit mit Merridia hatte, aber trotzdem ganz anders war. Es war viel ruhiger als dort, und außerdem sah Caiwen hier auch die wohlhabenden Leute und durfte auf den gleichen Wegen laufen wie sie. In ihrer Heimatstadt war immer alles getrennt gewesen. Dort hätte sie es nie in Erwägung ziehen dürfen, über die Brücke und somit raus aus dem Armenviertel zu gehen. Das junge Mädchen redete viel mit den Leuten, blieb dabei immer höflich und nahm viele für sich ein. Ja, die Botengänge waren wirklich das Beste an ihrer Ausbildung. Wenn doch alles so gut laufen würde. Aber die inzwischen 14jährige hing den etwas älteren Jungen deutlich hinterher, jeden Abend schmerzten ihre Glieder und nicht nur einmal glaubte sie, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Die anderen Jungen wollten nichts mit ihr, dem ‚Schwächling‘, wie sie sie nannten, zu tun haben. Sie musste unzählige Beleidigungen über sich ergehen lassen, Spott und Hohn verfolgten sie. Die älteren schubsten sie auf dem Weg zum Unterricht umher, stießen sie gegen Wände oder stellten ihr ein Bein. Mit Tränen in den Augen musste Caiwen die Gemeinheiten über sich ergehen lassen, wehren konnte sie sich nicht.
Doch Aufgeben, das kam dem Mädchen nicht in den Sinn. Während die anderen Jungen schon längst schliefen, schlich sie sich aus den Räumen, in denen je Sechs von ihnen untergebracht waren, um zu trainieren. Sie schlief nur noch selten und ein paar Mal brachte die Müdigkeit ihr mahnende Worte ihres Meisters ein. Doch das musste Caiwen zulassen, und es dauerte nicht lange, da zeigten sich die ersten Erfolge. Im Kampftraining schaffte sie es zum ersten Mal, einen der anderen Jungen zu entwaffnen, nach endlosen Übungen war sie es, die jemand anderen festhielt, sodass er sich nicht mehr wehren konnte, und nicht umgekehrt. Und das, dort verschwitzt barfuß im Gras zu stehen und die Hände des anderen Jungen hinter seinem Rücken festzuhalten, zauberte ein Lächeln auf ihre Lippen. Und ihre Glückssträhne war noch nicht zu Ende. Das nächtliche Training zahlte sich immer mehr aus, mit den vergehenden Wochen wurde sie zu einer der Klassenbesten.
Zu der Zeit war Caiwen einzige wirkliche Freundin eine der Köchinnen. Sie hatte Caiwen einen Abend weinend auf der Schwelle zur Küche gefunden und Mitleid mit dem kleinen Jungen, den sie sah, gehabt. Sie nahm ihn mit in die Küche und gab ihm etwas zu essen, dann sollte er ihr erzählen, was denn passiert war. Sie heiterte Caiwen auf und machte ihr Mut. Immer wenn Caiwen Probleme hatte, ging sie nun zu der Köchin, die so etwas wie eine Ersatztante für sie geworden war. Auch wenn diese etwas rundlichere Frau nur wenig mit Variànn gemeinsam hatte. Nur eines erzählte sie der Köchin nie – dass sie eigentlich ein Mädchen war.
Caiwen ging gerade den Flur herunter, in dem sich die Schlafzimmer der Falkenjungen befanden, als drei ihrer Mitschüler um die Ecke bogen. Am liebsten wäre sie sofort wieder umgekehrt. Diese Jungen waren ihre schlimmsten Peiniger, und auch jetzt, wo sie sich augenscheinlich besserte, ließen sie noch nicht davon ab, ihr Schmerzen zuzufügen. Warum sie das taten, war Caiwen immer noch ein Rätsel. Hätten sie ihre Überlegenheit zeigen wollen, hätten sie es doch nach einem Mal sein lassen können? Aber wer wusste schon, wie Jungen denken. Caiwen straffte die Schultern und ließ ihren Blick auf den Boden gerichtet. Ich darf keine Angst zeigen, dachte sie. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie die Drei näherkamen, schon waren sie gleich auf mit ihr, und dann vorbei. Gerade wollte Caiwen aufatmen, als sie hinter sich eine Stimme vernahm. „Schwächling, wo willst du denn hin?“ Sie drehte sich um, und die drei schauten sie grinsend an. „Mein Name ist Linus.“, erwiderte Caiwen mit verstellter Stimme. Als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, war das der erste gewesen, der ihr einfiel. „Entschuldigung, Linus. Ich wollte nur höflich sein. Und?“ Ludorr, der größte und stärkste von ihnen, und der gefürchtetste unter allen Falkenjungen sprach, das dümmliche Grinsen der anderen wurde noch breiter. Caiwen ließ sich nicht zu einer Antwort herab, wollte gerade umdrehen und weitergehen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie zwang, stehen zu bleiben. „Ich mag es nicht, wenn man mich ignoriert.“, sagte Ludorr wütend. Sie drehte sich gerade rechtzeitig um, um die Faust zu sehen, die auf sie zuflog. Instinktiv duckte Caiwen sich, sodass sein Schlag ins Leere ging, was ihn noch wütender werden ließ. Geistesanwesend packte Caiwen seinen Arm, zog ihn zu sich herunter und rammte ihr Knie in seinen Magen. Stöhnend fiel er zu Boden und fuhr seine Freunde an, dass sie ihm doch helfen sollten. Bevor Caiwen überhaupt daran denken konnte, wegzurennen, kam auch schon der nächste auf sie zu und holte aus, doch Caiwen konnte glücklicherweise auch seinen Angriff parieren, sie ballte ihre Hand zur Faust und ließ sie krachend auf seine Nase treffen. Der Junge heulte auf, Caiwen schubste ihn achtlos zur Seite und machte sich für den dritten bereit. Doch ihr Gegenüber war schlauer als die anderen beiden. Er täuschte einen Schlag an und trat dann so heftig zu, dass Caiwens Beine einknickten und sie hinfiel. Doch bevor er den nächsten Treffer landen konnte, rollte Caiwen sich zur Seite, sprang auf und schlug ihren Fuß zwischen seine Beine. Zitternd schaute sie sich die drei Jungen an, die vor ihr lagen. Bei den Göttern, was hatte sie nur getan? Man würde sie dafür aus der Gilde verbannen! Doch darüber konnte sie sich später Gedanken machen. Erst einmal musste sie hier weg. „Ich hoffe, nächstes Mal seid ihr schlauer.“, raunte sie den Jungen noch zu, dann drehte sie sich um und lief den Flur herunter und zum Essen, für das sie jetzt aber sowieso zu spät war.
Der Ärger, den ihr das bei den Ausbildern einbrachte, war enorm. Nur knapp konnte sie einem Rauswurf entgehen, und trotzdem fühlte Caiwen sich besser als je zuvor. Nicht nur, dass sie den drei Jungen – und vor allem Ludorr – endlich mal die Meinung „gesagt“ hatte, auch fand sie unter den Falkenjungen jetzt endlich den Anschluss, den sie sich gewünscht hatte.
Was sich auf dem Flur abgespielt hatte, sprach sich recht schnell herum, und da sie jetzt nun nicht mehr als Schwächling galt, nahmen die anderen sie endlich an.
Und schon bald bildete sich eine Gruppe, die zu Caiwens besten Freunden werden sollte: Arel und Lynht, Zwillinge, die aber nicht unterschiedlicher hätten sein können. Arel war groß, blass und grauhaarig; ein eher ruhiger und ernster Junge, der aber im Kampf kein Mitleid kannte. Lynht hingegen war etwas gefühlvoller, aber klein und schnell, ein guter Beobachter und sehr unauffällig. Und mit der gebräunten Haut und den dunklen Haaren, fiel er auch nicht so sehr auf wie sein Bruder. Kilan hatte zwar mehr Muskeln als Hirn, doch war er ein guter Freund und sorgte sich um die Gruppe. Aber man konnte ihn schnell verärgern, und dann schlug er schon mal zu. Und zu guter Letzt Leander. Ein witziger, netter Junge, doch irgendwie auch unnahbar. Er war wohl das, was Caiwen einen Frauenhelden genannt hätte. Nicht, dass er auf sie diese Wirkung hatte, aber er sah schon ganz gut aus.
Mit ihren neuen Freunden wurde ihre Schulzeit um einiges leichter, sie konnten zusammen üben und der Druck fiel von Caiwen ab, endlich irgendwo dazugehören zu wollen. So verging die Zeit, Caiwen unternahm viele Botengänge – einmal erwischten sie und Leander auf dem Weg durch das Schloss in einem Zimmer einen ihrer Ausbilder mit einer Magd, die etwas taten, was sich eindeutig nicht gehörte; ein andermal fanden sie und Kilan einen streunden Hund, den sie in der Nähe der Burg versteckte und aufpäppelten - , reinigte Waffen, durfte sich aber inzwischen auch schon selber im Umgang mit ihnen versuchen.
Die vergehenden Monate kräftigten nicht nur ihren Körper, der anfing, sich zum Verräter zu entwickeln, sondern auch ihre Muskeln. Um weiter zu verhindern, dass man sie als Mädchen entdeckte, umwickelte sie ihren Oberkörper mit straff gewickelten Binden und Tücher, hütete sich, allzu viel Zeit mit anderen zu verbringen und schob den Gedanken an den Augenblick, wenn ihr Körper das Jungensein aufgab und die Frau in ihr zeigte, weit von sich. Caiwen wusste selbst nicht, warum sie nicht einfach die Wahrheit sagte. Denn es gab auch Mädchen in der Gilde, das wusste sie. Wahrscheinlich war es die Angst, dass die Jungen sie nicht mehr ernst nahmen. Sie hatte so gute Freunde gefunden, was wäre, wenn sie sie nicht mehr mochten, wenn sie erkannten, dass sie sie angelogen hatte, dass sie ein Mädchen war? Außerdem hatte sie schon immer lieber Zeit mit Jungen verbracht und auch wenn die Mädchen hier anders waren, als die, die sie gekannt hatte, zog sie deren Gemeinschaft jedoch nicht vor. Doch irgendwann fiel es ihren Freunden auf, dass sie immer seltener bei ihnen war. Um nicht zusätzlich die Unterschiede zwischen sich und den Jungen aufzuzeigen, trug sie nur noch weite Oberteile und Hosen. Auch versuchte sie, tiefer zu sprechen, denn die anderen kamen allmählich alle in den Stimmbruch. Und wenn Caiwen doch einmal mit hoher Stimme sprach, konnte sie es einfach darauf schieben.
Ihr einziges wirkliches Problem waren die Waschgänge. Die Falkenjungen badeten oft im Fluss in der Nähe ihrer Unterkunft, nur Caiwen war dort noch nicht erschienen. Wollte sie sich waschen, so musste sie dies in der Nacht bei Mondschein tun. Eines Abends geschah es dann, dass Caiwen im Wasser stand und plötzlich die Stimmen ihrer Kameraden vernahm. Schnell duckte das Mädchen sich hinter einem Stein und beobachtete das Treiben. Es war zu dunkel, um den Einzelnen zu erkennen, und die Stimmen riefen alle durcheinander. Ihr Herz schlug und sie hoffte, dass man sie nicht bemerken würde und auch hoffentlich ihre Sachen übersah, die im weichen Gras lagen.
Nach einer kleinen Ewigkeit wurde den Jungen langweilig und sie wollten wieder nach oben gehen. Erleichtert seufzte Caiwen auf und innerlich fiel ihr ein Stein vom Herzen. „He, was ist denn das da?“, wurde die Stimme eines Jungen zu ihr getragen. Scheiße. Sie lugte über den Stein und sah die Jungen um ihre Kleidung herum stehen. Glücklicherweise trugen die Falkenjungen alle ähnlich aussehende Sachen, ein weißes Leinenhemd und eine rotbraune Hose, sodass man sie daran nicht erkennen würde. „Wer könnte das sein?“, „Wem gehören diese Kleider?“; Fragen über Fragen stellten sich den Jungen. Caiwen hoffte wirklich, dass sie es dabei belassen würden und wieder nach oben gingen, doch einer von ihnen versaute alles: „Linus war vorhin nicht im Zimmer.“ Die Worte kamen von Lynhth, seine Stimme erkannte Caiwen sofort. „Los, wir suchen ihn und erschrecken ihn mal vernünftig.“, rief Leander. Dieser Schwachkopf! Sie hörte das Gras unter den Füßen ihrer Kameraden rascheln, als sie zum Fluss zurück liefen. Caiwen ließ sich derweil auf die Knie sinken, sodass nur noch ihr Kopf aus dem Wasser schaute. Dann schwamm sie vorsichtig zum Ufer und achtete darauf, dass keiner sie bemerkte. Sie hatte schon über die Hälfte des Weges hinter sich, als zwei große Hände sich um ihre Hüften schlossen und sie nach oben zerrten. „Linus, hab dich.“, donnerte Kilan mit tiefer Stimme. Caiwen schrie und wehrte sich, versuchte, sich aus dem Griff des Giganten zu befreien. Doch ihr Geschrei lockte nur den Rest der Gruppe an. Kilan ließ sie indes laut lachend los, sodass Caiwen ins Wasser fiel, dann zog er sie hoch, sodass sie aufrecht stand. In diesem Moment hasste sie ihn. Caiwens Freunde hatten sich vor ihr versammelt und starrten sie allesamt geschockt und mit offenen Mündern an. Die Enttarnte bedeckte ihren Körper, so gut es ging mit ihren Händen und lief feuerrot an vor Scham. Zum Glück war es dunkel, sodass man nicht allzu viel erkennen konnte. „Linus..“, setzte Linht an, doch sie schnitt ihm das Wort ab. „Ich kann das erklären!“, sagte Caiwen, während heiße Tränen über ihre Wangen liefen.
Arel fasste sich als erstes wieder. „Dreht euch verdammt noch mal um wie Ehrenmänner und lasst das Mädchen erst einmal etwas anziehen.“ Er selbst wandte sich beim Sprechen schon ab, und die anderen taten es ihm gleich. Caiwen eilte zu ihren Sachen und zog ihr Hemd über den Kopf und schlüpfte in ihre Hose. Dann lief sie ohne anzuhalten den ganzen Weg bis in ihr Zimmer, rollte sich in ihrer Decke ein und weinte, bis sie vor Erschöpfung einschlief.
Am nächsten Morgen holten zwei der Söldner Caiwen ab und stellten sie vor den Söldnerrat. Caiwen hatte sich schon damit abgefunden, aus der Gilde austreten zu müssen. Aber nach langen Beratungen und der Unterstützung eines Mitglieds des Rates, ihr Ausbilder, der sich für sie einsetzte und meinte, dass Caiwen – sie musste ihren richtigen Namen sagen – eine gute Kämpferin und absolut vertrauenswürdig sei, kam der Rat schließlich zu dem Schluss, Caiwen zu behalten. Sie erklärten ihr, dass sie nach ihrem Abschluss, der in zwei Wochen war, nicht zum einfachen Söldner ernannt werden würde, sondern eine weitere Ausbildung erhielt und danach als Spion eingesetzt werden würde. Sie sahen großes Potential in dem Gedanken, eine junge Frau zu haben, die spionierte, denn so etwas erwartete bestimmt niemand. Überglücklich verließ Caiwen den Beratungsraum und kehrte in ihr Zimmer zurück. Auch wenn sie glücklich war, dass sie bleiben durfte, staute sich in ihr eine Wut auf. Sie warf den Jungen vor, sie seien Verräter und dass sie doch ihr Freund gewesen war. Doch sie erntete nur überraschte Blicke. Es stellte sich heraus, keiner von ihnen hatte sie verraten. Schließlich erinnerte Lynth sich, dass zusammen mit ihnen noch jemand nach draußen gegangen war, den sie dann aber aus den Augen verloren haben – Ludorr. Und dieser Schweinehund hatte sie eiskalt an die Obersten verpfiffen. So viel zur Ehre und Zusammenhalt der Falken. Irgendwann würde sich Caiwen an ihm rächen.
Obwohl Caiwen sich weigerte, musste sie ihre Sachen packen und zog zu drei anderen Mädchen in ein Zimmer. Aber es stellte sich heraus, dass Caiwens neue Mitbewohnerinnen – Eliasa, Narai und Ivet - eigentlich ganz nett waren. Der schlimmste Teil stand ihr noch bevor. Dass sie ein Mädchen war, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet und schon bald kamen Jungen und baten sie um einen Gefallen. Doch Caiwen war an derartigen „Gefallen“ nicht interessiert. Die einzigen, die sie in Ruhe ließen, waren ihre Freunde. Nach dem Schock an jenem Abend hatten sie etwas Zeit gebraucht, doch sie waren fast wieder ganz die alten. Sie behandelten sie etwas vorsichtiger als früher, was Caiwen störte, aber sie schwieg.
Die zwei Wochen vergingen wie im Flug, und mit ihren Freunden als Beschützer gelang es ihnen, die lästigen Kameraden loszuwerden. Am Tag der Aufnahmezeremonie sollten alle Rekruten in ihren besten Kleidern im großen Saal erscheinen und Caiwen war gerade dabei gewesen, das Hemd mit den wenigsten Schmutzflecken zu finden, als die Köchin in ihr Zimmer kam. Sie und Caiwen waren schon befreundet gewesen, als sie noch Linus hieß und als sie von Caiwen erfahren hatte, hatte die Köchin sie unter ihre Fittiche genommen. Nun stand sie in der Tür, mit einem fragenden Blick auf Caiwens Freunde und Zimmergenossen, die allesamt keine sauberen Sachen mehr hatten. Sie eilte zu Caiwen, umarmte diese einmal kurz und hielt ihr dann einen Haufen Stoff hin. Verwirrt griff Caiwen danach, doch bevor sie fragen konnte, war die Köchin schon wieder verschwunden. Als sie den Stoff auseinanderfaltete, erkannte sie das Kleid. Es war aus einem hellen Beige mit einem dunkelroten Überkleid. Caiwen verliebte sich auf der Stelle in das Kleid. Als sie aufstand, um es überzuziehen, fiel ein holziger Gegenstand heraus. Caiwen schaffte es irgendwie, den Kamm aufzufangen. Er war sehr einfach, aus hellem Holz ohne jegliche Verzierungen. Sie legte ihn auf die Truhe mit ihren Sachen und streifte das Kleid über. Es saß perfekt. Als sie sich vor die Jungs stellte und sich einmal im Kreis drehte, waren sie alle sprachlos. Caiwen grinste sie nur an und eilte zusammen mit ihnen nach unten zum Saal, aber sie waren eh schon zu spät. Leise reihten sie sich zwischen den anderen ein, den Anfang der Rede hatten sie verpasst. Caiwens Gedanken schweiften weit ab, sie hörte die lange Rede nicht, achtete nicht auf die Jungen, die sie begierig anschauten. Als ihr Name aufgerufen wurde, ging sie nach vorne zu den Kommandanten, und nahm ihre Waffen und ihre Lederrüstung entgegen. Der Gildenmeister blickte sie an, abschätzend und sprach die Worte: „Ein Mann blickt in die Sonne.“ „Und der Falke heißt ihn Willkommen.“, antwortete Caiwen erwartungsgemäß, lächelte und ging dann wieder zurück zu ihrem Platz, um auf die anderen zu warten. Zuhören konnte sie aber nicht mehr, zu sehr war sie in Freude versunken.
Wenn man Caiwen gefragt hätte, warum sie die Legion als ihre Familie betrachtete, würde sie sicherlich antworten, dass sie hier zwar schwere Zeiten durgemacht hatte, aber schon schlimmeres erlebt hatte. Anfangs war es Seberas gewesen, die sie aus den Fängen der Sklavenhändlern gerettet hatten, die sie aufgenommen und zu dem gemacht hatten, was sie heute ist. Außerdem hatte sie viele Freunde gefunden, Leute, die sie unterstützten und sie aufmunterten, wenn es ihr schlecht ging. Die Köchin, ihre Lehrmeister, Arel, Lynth, Kilan und Leander, und auch ihren neuen Mitbewohnerinnen sind ihr ans Herz gewachsen. Es waren alles Geschenke, Geschenke, die die Gilde ihr gemacht hatte. Und sie fühlte sich verpflichtet, ihr genau so etwas zurückzugeben.
Inzwischen waren ein paar Wochen seit Caiwens 16. Geburtstag vergangen und ihre Ausbildung zum Kämpen hatte begonnen. Caiwen hatte es sich gründlich überlegt, sie wusste, dass es viele Gefahren mit sich brachte, Leute auszuspionieren. Und dass es nicht gut ausgehen musste, falls sie einmal entdeckt werden würde. Doch stimmte sie der Gilde zu. Sie war für diese Arbeit besser geeignet als so manch anderer. Denn sie hatte Seberas ja auch davon überzeugen können, dass sie ein Junge war und das für mehr als zwei Jahre. Und die Gefahr hatte auch ihren Reiz. Und selbst wenn sie wollte, hätte sie eh nichts ändern können. Besonderen Wert legten ihre Lehrmeister auf die Kunst der Schauspielerei. Sie würde der Gilde als Spionin zur Verfügung stehen, aus diesem Grund musste sie mit allerlei verschiedenartigen Persönlichkeiten auskommen und sich bei ihnen beliebt machen. Also verbrachte Caiwen jeden Tag mehrere Stunden damit, durch die Gänge der alten Burg zu streifen und Menschen zu beobachten, um diese dann später vor ihren Ausbildern nachzuahmen. Sie erwies sich dabei als sehr geschickt, wurde oft von den Lehrern gelobt und sie selbst hatte auch ihren Spaß daran, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Ein weiterer wichtiger Teil ihrer Ausbildung war das Erlernen der wichtigsten Überlebenstechniken, sowie das Verbessern ihrer kämpferischen Fähigkeiten. Während ihre Freunde Botengänge unternahmen, kämpfte sie auf dem weitreichenden Feld gegen ihre Lehrer und die Holzpuppen mit der Zielscheibe auf dem Körper, die Caiwen immer gruselig vorgekommen waren. Außerdem hatte sie anders als die andern Jungen immer noch Unterricht, sie verbesserte ihre politischen Kenntnisse und lernte, wie man zwischen zwei Parteien verhandelte, ohne dass eine sich verletzt fühlte. Oder, wie ihr Lehrer sagte, mit schmeichelnden Worten um das herumredet, was eigentlich offensichtlich ist. Und immer, wenn die Gilde Besuch erwartete, war Caiwen mit anwesend, entweder saß sie im Stillen in einer Ecke und beobachtete, oder sie ging auf die Leute zu und schaute, wie sie auf ihre verschiedenen Gesichter reagierten, was sie wie besser machen konnte, damit man ihr ihre Rolle abkaufte.
Auch wenn die Allgemeinheit es aufgegeben hatte, sich an die junge Frau ranzumachen, blieben ein paar Jungen hartnäckig. Und irgendwann wies Caiwen sie nicht mehr ab. Sie wollte nicht so werden wie ihre Mutter es einst war, doch es sammelte sich eine Traube von Liebhabern um sie und da auch die junge Frau selbst dem aufregenden Gefühl nicht abgeneigt war, wachte sie ab diesem Zeitpunkt öfters in fremden Zimmern auf. Eines Abends war sie mit Leander allein am See, sie saßen am Ufer und unterhielten sich lachend. Warum die anderen nicht dabei waren, hatte Caiwen vergessen. Sie wusste nur noch, dass sie zuvor Honigbier getrunken hatten, das sie aus der Küche mitgehen ließen, und plötzlich beugte sich Leander zu ihr herunter, bis er mit seinem Gesicht dicht vor ihr war und ihre Nasenspitzen sich fast berührten. Dann legte er eine Hand an ihre Wange und legte seine Lippen auf die ihren. Zögerlich erst, dann fast fordernd und eng umschlungen küssten sich die beiden und wie durch Zauberhand lagen ihre Sachen plötzlich neben ihnen. – Am nächsten Morgen fand Caiwen sich im nassen Gras liegend wieder, von Leanders Armen umschlossen.
Sie hielten ihre Liebe geheim, denn beide dachten, dass die Legion es nicht begrüßen würde, wenn sie zusammen wären. Aber sie trafen sich fast jede Woche unten am See und verbrachten die Nächte dort. Immer, wenn Leander nun einen Auftrag bekam, sorgte Caiwen sich um ihn und konnte nicht schlafen, bis er wieder gesund zurückgekehrt war. Auch wenn sie nur nebeneinander lagen und in die Sterne schauten. Caiwen hatte sich an ihre Variànns Worte erinnert. Immer, wenn sie zusammen zu einer werden Mutter gerufen worden waren, hatte sie ihr eingebläut, dass Caiwen vorsichtig sein sollte. Würde sie das gleiche Schicksal ereilen wie diesen Frauen, wäre sie unfähig, ihre spätere Arbeit auszuführen. Damals hatte das junge Mädchen gelächelt und das für eine weitere Ansprache gehalten, um deren Inhalt sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Doch jetzt wusste sie, was ihre Tante gemeint hatte. Sie würde ihren Dienst bei der Gilde nicht mehr antreten können. Und das war das Schlimmste, was Caiwen sich vorstellen konnte.
Caiwen hatte nun schon 19 Winter kommen und wieder gehen sehen, und inzwischen war sie zusammen mit ihrem Ausbilder – einem Mann in den mittleren Jahren, dessen dunkles Haar von einzelnen grauen Strähnen durchzogen war – nach Merridia gezogen. Doch auch, wenn die junge Frau nun wieder in ihrer Heimatstadt war, war es wie eine andere Welt. Sie wieder am Rand der Stadt, doch diesmal auf der anderen Seite der Brücke. Sie und ihr Lehrmeister Sáhel bewohnten ein kleines Häuschen in der Altstadt. Eigentlich war es nur ein wenig größer als das Haus, was sie und Variànn bewohnt hatten, jedoch hatte es keine Löcher, durch die der Wind zog und es war nicht marode und alt. Caiwen gewöhnte sich schnell an ihr neues Heim. Trotzdem sehnte sie sich wehmütig zu ihren Freunden zurück. Sie alle hatte sie zurücklassen müssen - ihre Zimmergenossinnen, die Zwillinge, Kilan und Leander - Letzteren vermisste sie besonders, wobei sich Caiwen das nicht eingestehen wollte. Sie wollte wütend sein. Leander hatte, nachdem er von ihrer Versetzung erfahren hatte, beschlossen, dass eine Beziehung auf diese Entfernung nicht funktionieren konnte - und sie deshalb beendet. Aber Caiwen wusste, sie musste stark sein; wenn die Legionäre mitbekamen, dass sie eigentlich lieber zu ihren Freunden zurückwollte, würden sie sie bestimmt nicht ernst nehmen. Und sie wusste auch, dass ihre Freunde es verstehen würden Außerdem hatte es auch gute Seiten, nicht mehr in Nemáncan war - sie musste Ludorr nicht mehr sehen.
Sáhel war im Bereich des Personenschutzes tätig und bewachte eine Adelstochter. Es war nicht die interessanteste Arbeit oder nervenaufreibendste Arbeit, jedenfalls nicht für jemanden wie ihren Lehrmeister, doch er nahm die Aufgabe an, um Caiwen die Möglichkeit zu geben, sich etwas zu üben. Ihre Hauptaufgabe war aber nicht, den Schutz der jungen Frau zu gewährleisten, sondern so viel wie möglich über die politische Situation Mérindars herauszufinden und an Seberas weiterzuleiten. Wenn die junge Adelige also auf Feste ging, kam Caiwen mit und passte auf, dass der Frau nichts passierte. Und es gab ihr die Möglichkeit, mit anderen zu reden,sich darüber informieren zu lassen, was gerade passierte. Außerdem kümmerte sie sich um das kleine Häuschen und ging auf den Markt, um einzukaufen. Dabei hielt sie immer wieder nach Gesichtern Ausschau, die sie aus ihrer Kindheit wiedererkennen könnte. Oft dachte sie auch darüber nach, zu der Hütte ihrer Tante oder zu Linus´ altem Häuschen zu gehen, doch Caiwen konnte sich nicht dazu durchringen. Zu hart würde sie die Nachricht über den Tod ihrer Tante oder ihres ehemals besten Freundes treffen. Deshalb hatte sie einen Besuch bis jetzt immer vor sich hergeschoben. Aber sie wusste, ewig würde sie sich nicht aufhalten können.


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