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Avatar: Benjamin Giletti

Profil

Benutzername:
Yára
Gruppen:

Charakter

Name:
Yára
Alter:
20
Rasse:
Beraij
Heimat:
Avrabêth
Aufenthaltsort:
Wüste
Waffen:
kleines Messer

Steckbrief

Hauptaccount: Shandira

Name: Yára

Alter: 20 Jahre

Rasse: Beraij

Aussehen:
Yára ist schlanker und mit ihren etwa 1,60m auch kleiner als viele Gleichaltrige. Das liegt vor allem an den schlechten Lebensbedingungen in ihrer jungen Kindheit. In den letzten Jahren hat sie zwar etwas zugenommen, dennoch sieht man ihrem jungen Körper an, dass sie nicht in Wohlstand aufgewachsen ist und vermutlich oft hungern musste. Es ist ihr jedoch auch anzusehen, dass sie sich oft körperlich bewegt und faules Herumliegen weniger zu ihren Beschäftigungen zählt. Unter den Wüstenmenschen ist Yáras Erscheinung unauffällig, wenige erinnern sich später an die junge Frau. Das liegt zum einen daran, dass sie genau darauf bedacht ist, nicht weiter aufzufallen. Zum anderen hat sie - auf den ersten und oberflächlichen Blick - nichts Besonderes an sich. Ihre schwarzen Haare reichen ihr bis zu den Schlüsselbeinen, sind jedoch nicht sonderlich gepflegt. Oft hängt die ein oder andere Strähne quer über das Gesicht und an den Staub in ihnen hat sie sich schon lange gewöhnt. Aus ihrem oval geschnittenen Gesicht mit der schmalen Nase und schmalen Lippen stechen vor allem ihre mandelförmigen Augen von hellbrauner Farbe hervor. Ihre Haut ist von der Sonne dunkel gebräunt und in der meisten Zeit von einer Schicht aus Staub bedeckt, da sie viel Zeit im Freien verbringt.

Ihre Kleidung ist einfach und günstig, was sowohl den Schnitt als auch die verwendeten Stoffe angeht. Sie lief schon einmal erbärmlicher rum, aber es ist ihr anzusehen, dass sie kein Geld für die neuesten Kleider ausgeben möchte und ihr ihr Aussehen auch nicht wichtig genug dafür ist. Sie trägt eine einfache helle Tunika, die ihr bis zu den Oberschenkeln reicht und eine weit geschnittene, locker sitzende Hose von dunkler Farbe. Ihre Schuhe sind von der einfachsten Form und stellen nichts Besonderes dar. Da die Tunika keine Ärmel besitzt, trägt sie zusätzlich einen sandfarbenen Umhang mit tiefer Kapuze. An ihrem Gürtel trägt sie stets ein Messer sowie zwei kleine Beutel, in denen sich allerdings nicht ihr Geld, sondern Dietriche sowie kleinere Wertgegenstände, die sie erbeutet hat - wie Münzen oder Schmuckstücke - und andere Dinge befinden, von denen sie denkt, dass sie ihr noch einmal nützlich werden könnten. Ihre schmale Geldkatze indes versteckt sie in einer eingenähten Tasche am unteren Saum ihrer Tunika.

Sie trägt zwar gerne Schmuck, vermeidet es aber, zu viel auf einmal zu tragen. Zum einen wäre das zu auffällig für jemanden wie sie und andererseits verdient sie sich lieber etwas Geld damit. Im rechten Ohr trägt sie jedoch immer zwei einfache Ringe. Auf der Unterseite ihres rechten Handgelenks hat sie sich das Ebenbild einer Eidechse tätowieren lassen. Es ist jedoch erkennbar, dass das Tattoo bereits vor ein paar Jahren gestochen wurde und nicht von besonderer Handwerkskunst zeugt. Aus einer Mutprobe heraus und einer Spur Leichtsinnigkeit entstanden, entschied sie sich damals für eine Eidechse - ihr persönlich auserkorener Schutzgeist, da sie den ihrer Familie nicht kennt.

Waffen
Sie besitzt keine Waffen im klassischen Sinn, da sie keine Kämpferin ist. An ihrem Gürtel trägt sie ständig ein kurzes und gekrümmtes Messer, das sich für den Alltag, aber auch für das Beutelschneiden eignet. Wenn Gefahr droht, sind ihre Füße und ihre Geschicklichkeit allerdings ihre einzigen Waffen.

Charakter
Man merkt Yára an, dass sie ihr Leben lang unter Beraij lebte und das nicht gerade in hohen Gesellschaftskreisen. Sie besitzt die typischen Charakterzüge der Wüstenbewohner und trägt ihr Herz auf der Zunge. Viele sagten ihr schon ein loses Mundwerk nach, denn sie lässt selten etwas unkommentiert und beweist immer wieder ihre Schlagfertigkeit. Dabei kann sie, je nach Stimmung, gelassen scherzhaft und frech oder entsprechend bissig reagieren, wobei dies eher die Seltenheit ist. Genauso leicht wie sie sich provozieren lässt, kann sie andere durch ihre sture Art oder ihre Wortwahl provozieren. Sie lässt sich selten eine Chance entgehen, sich und ihren Mut unter Beweis zu stellen. Das führt dazu, dass sie sich leicht herausfordern lässt, vor allem wenn es ums Glücksspiel, Trinken oder andere Wettkämpfe geht. Ausgenommen davon sind Kämpfe und andere Situationen, die unmissverständlich die Gefahr mit sich bringen, gefangen genommen oder getötet zu werden. Denn davor schreckt selbst Yára zurück. Für persönliche Beleidigungen indes hat sie nur sarkastische Worte übrig. Sie hat schon viel erlebt und ihre harte Kindheit stärkte nicht nur ihren Willen, sodass sie sich davon allein weder beeindrucken noch unterkriegen lässt.

Die gut gestellten Bürger von Naradesh würden über ihre Wortwahl und Manieren wohl nur den Kopf schütteln. Yára ist unter Männern aufgewachsen und hat viele Flüche und Formulierungen in ihrer Kindheit gelernt, die gerade den verschleierten Damen in Naradesh nicht gut zu Gesicht stünden. Manieren sind ihr nahezu gänzlich unbekannt. Sie mag den lockeren Umgang in den Spelunken, in denen sie sich herum treibt. Auch wenn sie Fremden grundsätzlich misstrauisch begegnet und sich ihre Freunde in Zukunft sehr genau aussuchen wird, ist sie doch sehr freundlich, offen und gerne in Gesellschaft anderer. Dabei haben sie über die Jahre einige Laster ereilt. Sie trinkt gerne, und das genau genommen viel zu regelmäßig, und raucht hin und wieder, wenn sie einen guten Fang gemacht hat und sich den Tabak leisten kann - ansonsten greift sie zur Wasserpfeife. Auch wenn sie dem Glücksspiel wieder entsagen möchte, fällt es ihr unheimlich schwer, eine Aufforderung danach abzulehnen. Andererseits hat sie sich sehr daran gewöhnt, dass diese Dinge zu einem entspannten Abend dazu gehören.

Selbst Yára hat Prinzipien, nach denen sie lebt. Sie würde niemals jemanden töten oder jemanden bestehlen, der offenbar ärmer als sie ist oder das Geld dringender gebrauchen kann. Außerdem akzeptiert sie weder die Sklaverei noch Gewalt gegen klar Unterlegende. Mindestens würde sie den Mund aufmachen, wenn sie solch eine Ungerechtigkeit miterleben müsste und, je nachdem, wie die Chancen für sie stünden, lebend aus der Auseinandersetzung herauszukommen, dazwischen gehen. Davon abgesehen hält sich ihre Hilfsbereitschaft stark in Grenzen. Sie ist es gewohnt unter Menschen zu leben, die zu allererst auf sich selbst schauen, weshalb auch sie diesen Charakterzug angenommen hat und sich zuerst um ihre eigenen Probleme kümmert. Freunden gegenüber verhält sie sich allerdings anders. Sie ist sehr loyal und aufopferungsvoll, wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat. Allerdings wird dies so schnell nicht mehr geschehen, da sie erst in jüngster Vergangenheit Freunde verloren hat, die wie eine Familie für sie waren und sie noch immer unter diesem Vertrauensbruch zu leiden hat. Um also mehr als eine oberflächliche Bekanntschaft mit ihr zu führen, muss man entsprechend bedacht vorgehen. Am schlimmsten traf sie, dass die Grenzen ihrer eigenen Prinzipien so ungerührt überschritten wurden und das lange Zusammenleben damit einfach so verworfen wurde. Wenn man ihre Prinzipien teilt und auch in Extremsituationen zu ihr hält, hat man schon einen guten Schritt getan, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wie viele Beraij ist auch Yára abergläubisch und glaubt auch an die Bedeutung der Schutzgeister. Mit dem Glauben an die Götter hat sie allerdings nichts zu tun. Auch die Politik interessiert sie nicht. So lange sie ein halbwegs sicheres Leben führen kann, ohne mit der Angst leben zu müssen, dass Leute wie sie von den Straßen geholt und umgebracht werden, ist es ihr egal, welcher Mann es sich gerade auf dem Thron gemütlich gemacht hat. Für ihr tägliches Handwerk benötigt sie keine Diplomatie, weshalb sie weder diese beherrscht noch besonders redegewandt ist. Selbst wenn sie einmal Versuche unternehmen sollte, charmant zu sein, würden diese auch nichts weiter als unbeholfene Versuche bleiben.

Schon in jüngster Kindheit zerplatzten ihre Träume und Wünsche, wodurch sie erst ihre heutige pragmatische Ansicht auf das Leben entwickelte, das in ihren Augen sowieso ein falsches Spiel spielt und das sie daher so nimmt wie es kommt. Ein Ziel jedoch ist ihr geblieben, worüber viele wohl nur schmunzeln würden, wenn Yára ihnen Einblick darin gewähren würde. Sie möchte eine Meisterdiebin werden und sich einen Namen im Untergrund machen, der in die Geschichtsbücher und Mythen eingeht. Später möchte sie auf ein Netzwerk aus Auftraggebern und Kunden blicken, wie ihr früherer Anführer es tut. Ein kleiner Traum von ihr ist die Gründung einer eigenen Diebesbande, doch dies erst in weiter Zukunft, wenn sie in Naradesh Fuß gefasst hat und die Stadt sowie ihre Bewohner besser kennt.

Fähigkeiten
Für eine Diebin aus dem Armenviertel Avrabêth' kann Yára auf eine vergleichsweise gute Bildung blicken. Zwar verflucht sie die ewigen Lehrstunden noch heute, aber das ewige Stillsitzen und Aufgabenlösen hat sich schließlich ausgezahlt. Heute kann sie lesen und schreiben, obwohl sie dafür vergleichsweise lange braucht. Außerdem kennt sie eine Reihe von Zeichen, mit denen sie Nachrichten verschlüsseln und entschlüsseln kann - was ihr im Moment, da sie die einzige in ihrem Umfeld ist, die diese Zeichen kennt, nicht viel bringt. Yára kann einfache Rechnungen lösen, von einem Buchhalter oder Händler ist sie dabei aber weit entfernt, und nutzt ihre Kenntnisse eher um nicht über den Tisch gezogen zu werden, wenn sie sich Sachen kauft oder über den Wert ihrer Beute verhandelt. Unter den Dieben musste sie immer wieder eigene Ideen, Pläne und Strategien entwickeln, was sie sehr geprägt hat und heute sehr hilfreich ist, um sich auch aus brenzligen und ausweglos erscheinenden Situationen zu retten. Daher besitzt sie einen gewissen Einfallsreichtum, trifft Entscheidungen eher spontan und beweist sich oft als erfinderisch. Außerdem ist sie eine ganz gute Schauspielerin und war schon in vielen verschiedenen Ablenkungsmanövern involviert, in denen sie unterschiedliche Rollen mimen musste. Dadurch hat sie auch keinerlei Probleme mit dem Lügen.

Da sie nicht schwimmen und reiten kann, muss sie sich auf ihre Füße verlassen. Yára ist sehr schnell, ausdauernd und wendig sowie geschickt, wenn es darum geht, Fluchtwege zu finden und zu nutzen. Dabei hilft ihr natürlich auch ihr guter Orientierungssinn. Sie ist eine gute und geschickte Kletterin und hat glücklicherweise auch keine Höhenangst. Das hilft ihr nicht nur bei der Flucht, sondern auch auf ihren Beutezügen. Sie kann verschiedene Schlösser knacken und weiß sich beinahe lautlos durch Häuser zu bewegen und sie nach den wertvollsten Besitztümern abzusuchen. Das ist ihr fast lieber als die Beutezüge durch die Stadt, da sie aufregender sind. Offen getragene Geldbeutel abschneiden zählt natürlich zu den einfachsten Dingen. Aber sie versteht sich auch darin, andere abzulenken - durch das Verwickeln in belanglose Gespräche, Zusammenstöße oder andere Spitzfindigkeiten - während sie unbemerkt Habseligkeiten von ihren Taschen in die eigene wandern lässt. Ihr Vorgehen hat natürlich auch ihre Instinkte geschult, bei ihrer Arbeit geht sie immer sehr konzentriert vor und behält ihre Umgebung aufmerksam im Auge, auch wenn das nicht immer ersichtlich ist.

Alles in allem beruhen ihre Fähigkeiten auf ihre Tätigkeit als Diebin. Fernab davon kann sie kaum etwas wirklich gut. Sie hat keinerlei Ausbildung in der Waffenkunst und wird eine Flucht immer der direkten Konfrontation bevorzugen. Auch das Handwerk entzieht sich, bis auf das Diebeshandwerk natürlich, völlig ihren Kenntnissen. In der Stadt zu Überleben ist quasi ihr andauernder Kampf, den sie schon gewohnt ist. In der Wildnis würde sie alleine aber keine drei Tage überleben, da sie auch hierin, vom Feuermachen abgesehen, keinerlei Fähigkeiten besitzt. Guter Musik hört sie zwar gerne zu, würde aber nie auf die Idee kommen, selbst ein Instrument zu spielen oder gar zu singen. Selbst zum Tanzen wird man sie eher zwingen müssen, da man das, was sie in den Tavernen aufgeschnappt hat, kaum Tanzen nennen kann. Sie kann nicht kochen und isst alles, was aus mehr als drei Zutaten besteht aus anderer Hand, da es einfacher ist und vor allem besser schmeckt. Mit Geld kann und konnte sie noch nie umgehen. Wenn sie sich etwas verdient hat, gibt sie es auch gerne für ihr Wohlbefinden aus. Warum sollte sie auch ihr Geld horten, wo gerade sie doch am besten weiß, wie schnell es einem wieder genommen werden kann. Daher weiß sie auch nur allzu gut eine Weile lang mit wenigen Seyal zu überleben.

Magie/Zauber
Sie beherrscht keinerlei Magie.

Vergangenheit
Yára wurde in Avrabêth geboren, an ihre Familie kann sie sich jedoch nicht erinnern. Dieses Kapitel ihres Lebens ist wie ein dunkles Buch und sie wird nie die Gelegenheit bekommen, darin zu lesen. Sie weiß weder, wer ihre Eltern waren noch dass sie keine Geschwister hatte. Ihr ist nur gewiss, dass ihre Eltern tot sind. So berichtete man es ihr später im Waisenhaus, als sie alt genug war, um es zu verstehen - und doch irgendwie nicht. Sie fragte oft nach ihren Eltern bis sie irgendwann realisierte, was für eine Bedeutung im Tod steckte. Als sie vier Jahre alt war kam sie in dem lieblos geführten Waisenhaus unter und war als Vollwaise nichts Besonderes unter den anderen Kindern unterschiedlichen Alters. Auch im Waisenhaus wusste man nicht, was genau mit ihren Eltern passiert war. Niemand wird ihr jemals erzählen können, dass sich ihr Vater mit den falschen Leuten umgeben hatte und auf die irrsinnige Annahme kam, ihnen seine Schulden irgendwann wieder zurückzahlen zu können, nur um sich bei jedem Treffen neue Ausflüchte einfallen zu lassen und schließlich weder sich noch seine Frau vor den Konsequenzen bewahren zu können. Yára fand man schließlich mutterseelenallein und weinend vor dem leeren Elternhaus auf, das sich in keiner Weise von den heruntergekommenen Behausungen der anderen armen Taugenichtse im Viertel unterschied.

Auch die ersten zwei Jahre im Waisenhaus sind dem Mädchen nur in schwammiger und nicht guter Erinnerung. Es fehlte an allem. An Personal, Zeit, Interesse, Essen, Kleidung und nicht zuletzt an Fürsorge und Liebe. Natürlich gab es Ausnahmen, aber die meisten Beraij, die sich um die Kinder kümmern sollten, interessierten sich höchstens für die Entlohnung ihrer Arbeit. Die wenigstens waren mit Herz und Seele dabei. Was blieb waren die anderen Kinder, mit denen Yára, nachdem sie ihre anfängliche Angst und Zurückhaltung überwunden hatte, anfreundete. Stück für Stück blühte sie auf, schloss zwar keine tiefen Freundschaften, die für ewig halten würden, aber wurde von Tag zu Tag aufgeweckter und selbstbewusster. Außerdem galt schon immer: Nur der Stärkste überlebt. Das musste Yára in ihrer Kindheit und auch später immer wieder erleben und es ist noch heute ein wichtiger Grundsatz in ihrem Leben. Man muss sich durchsetzen und darf nicht locker lassen, um etwas zu erreichen.

Bald reichte ihr, wie auch schon anderen älteren Kindern, der Platz im Waisenhaus nicht aus. Seitdem sie etwa acht Jahre alt war, verbrachte sie den Tag vermehrt in Avrabêth' Straßen. In einer kleinen Gruppe mit anderen Kindern, die ungefähr alle in ihrem Alter waren, stellte sie allerlei Unsinn an. Was machte auch mehr Spaß, als die Straßen Avrabêth' zu erkunden, die Bewohner der Stadt zu veralbern und das kleine Stückchen Freiheit zu genießen. Im Waisenhaus wurde man selten satt und viel Hab und Gut besaß noch nie jemand von ihnen. Es bestand also von Anfang an der Reiz daran, das zu besitzen, was anderen schon gehörte. So entwickelte sich ihre Bande aus fünf Kindern in den folgenden Jahren von typischen Raufbolden zu Langfingern. Einige waren mutiger als andere, dazu gehörte auch Yára. Sie war leichtsinnig, blauäugig, gierig und schon damals voller Temperament. Sie ließ sich leicht zu gefährlichen Taten provozieren und wollte ihren Mut ständig unter Beweis stellen. Abenteuerlustig kletterte sie auf Häuser, überwand kleinere Lücken der Dächer mit großen Sprüngen, wand sich aus den Händen aufmerksamer Beobachter, suchte das Weite auf ihren flinken Füßen und amüsierte sich über empörte Ausrufe. Ins Waisenhaus ging sie eigentlich nur noch, um nachts oder bei schlechtem Wetter ein Dach über den Kopf zu haben und sich ihre regelmäßigen Mahlzeiten abzuholen. Der Leiterin des Hauses kam natürlich zu Ohren, was die Kinder trieben, doch Yára blieb unbeeindruckt von belehrenden Vorträgen. Sie hatte sich schon längst daran gewöhnt, dass ihr niemand etwas zu sagen hatte und tat lieber das, was sie wollte. Alle Versuche einer ernsthaften Erziehung scheiterten entweder an dem Interesse oder der Fähigkeit der Erwachsenen oder an Yáras Sturkopf. Selbst das Verbot, das Gemeinschaftszimmer zu verlassen, konnte sie nicht zur Vernunft bringen, selbst wenn es bedeutete, sich eine Tracht Prügel einzufangen, wenn sie sich dennoch aus dem Fenster schlich. Auch alle Versuche, sie in eine Lehre zu schicken, riefen nur Trotzreaktionen bei dem Kind hervor, was zu einigem Haareraufen bei dem Personal führte. Schließlich versuchte sie den Erwachsenen mit ihren harten und auch handgreiflichen Erziehungsmaßnahmen gänzlich aus dem Weg zu gehen.

Als sie 12 Jahre alt war trieb sie sich mal wieder auf dem Marktplatz herum. Ein älterer Mann, der schon eine ganze Weile auf dem Markt handelte und dessen Geldbeutel sich mit jeder Stunde mehr füllte, war in ihr Visier geraten. Inzwischen war sie eine Einzelgängerin bei ihrer Arbeit geworden. Die anderen stellten sich zu tollpatschig an, hatten kein Interesse oder gar ein schlechtes Gewissen dabei. Zum richtigen Zeitpunkt mischte sie sich unter die Menschenmenge und bewegte sich zielsicher und unauffällig in Richtung des Händlers. Hinter seinem Wagen voller Waren ging sie in Deckung und wartet darauf, dass er seinen Beutel öffnete und die Münzen in seiner dicken Hand auffing, um das Wechselgeld zurück zu geben. Als es endlich soweit war, schoss sie hinter dem Wagen hervor und zuerst lief auch alles nach Plan. Die aus der Hand geschlagenen Münzen flogen zu Boden, doch der Händler hatte sich schneller wieder gefasst als gedacht und war flinker als seine runde und alte Gestalt vermuten ließ. Anstatt sich um sein Geld zu scheren - so wie es für diese Leute doch eigentlich üblich war -, das Yára bereits aufgeschnappt hatte um damit das Weite zu suchen, packte er sie geistesgegenwärtig am Arm und zog sie ruckartig zu sich heran. Im selben Moment schrie er empört um sich, um die Wachen auf sich aufmerksam zu machen. Die umstehenden Personen hielten inne, erfassten die Situation schnell und fixierten die dreiste Diebin mit feindseligen Blicken. Die Leute hätten sie sicher gerne hängen sehen. Selbst Yára musste sich später eingestehen, dass ihr Vorhaben ziemlich leichtfertig gewesen war und sie den unerwarteten Folgen nur schwer hätte entgehen können. Während sie also trotz jeglicher Befreiungsversuche hilflos wie ein Fisch an der Angel hing, sah die ganze Situation ziemlich schlecht für sie aus. Bis plötzlich jemand unverhofft gegen sie und den Mann stolperte und sich mit theatralischen Worten entschuldigte. Durch den Zusammenstoß lockerte sich der eiserne Griff um ihren Arm - ein blauer Fleck an dieser Stelle sollte sie für längere Zeit an diesen Moment erinnern - und wie durch Zufall hakte sich ihr Retter in Sekundenschnelle bei ihr ein und rannte mit ihr, die nicht länger darüber nachdachte, sondern reflexartig so schnell wie möglich der Situation entfliehen wollte, durch die Menge bis sie eine ruhige Gasse, weit weg vom Marktplatz erreicht hatten. Schwer atmend konnte Yára erst jetzt ihren Retter ansehen und sich bei ihm bedanken. Sie schätzte, dass er drei oder vier Jahre älter als sie war. Seine kräftige Statur passte nicht ganz zu den ärmlichen Sachen, die er trug, auch wenn diese immerhin im besseren Zustand waren als ihre. Seine Augen waren so dunkel wie die schwarzen Haare, die ihm wirr bis zum Nacken fielen. Er hatte ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen, das aber gleichzeitig seine Überlegenheit ausstrahlte. "Ich konnte dich ja kaum von den Staubfressern aufschnappen lassen", kommentierte er die Frage in ihren Augen.

Said, so war sein Name, hatte sie schon öfter in der Stadt gesehen und bei ihren Taten beobachtet. Das schmeichelte ihr nicht gerade, wer wurde schon gerne verfolgt und ausspioniert. Bis klar wurde, dass sie ihm wegen ihren Fähigkeiten aufgefallen war. Zuerst wusste sie nicht, was er damit meinte, dass sie ihre Unterstützung wollten und war sehr misstrauisch, doch als sie erfuhr, dass er zu einer organisierten Bande aus Dieben gehörte, ließ sie sich auf ein Treffen mit seiner Gruppe ein. Die Gruppe wurde von einem Mann namens Amir angeführt, der schon Mitte zwanzig war, ziemlich alt also. Seit ein paar Wochen bestand die Gruppe nur noch aus sieben Mitgliedern, da einer von ihnen geschnappt und seitdem nie wieder gesehen worden war. Daher hatten sie sowieso überlegt, einen Ersatz zu suchen, der durch Zufall auch schnell in ihr gefunden worden war. Sie wäre das einzige Mädchen in der Gruppe und dazu die Zweitjüngste. Alle sechs Diebe der Gruppe lebten in einem kleinen Haus, das als geheimer Unterschlupf diente. Der Kopf der Bande nahm zwar die gesamte Beute an sich und verwaltete diese, aber er bot ihnen dafür ein eigenes kleines Haus mit bequemen Betten, gutem Essen und allerlei anderen Dingen, die für Yára bisher nur Luxus gewesen waren. Die Aussicht auf ein eigenes Zimmer und die besseren Lebensumstände überzeugten sie schließlich ziemlich schnell. Sie hatte das Leben im Waisenhaus satt und es würde ihr nie das bieten können, was Amir und seine Bande ihr anboten. Erst später sollte sie erfahren, dass Amir nicht nur der Kopf der Diebesbande war, sondern auch mit Sklaven handelte. Sein Netz aus Kontakten war weit gestrickt und er behielt die Fäden seiner kleinen Organisationen zusammen. Weder die Leute, die Sklaven in seinem Namen nach Izmaran verkauften noch die Diebe wussten von der Existenz der jeweils anderen Gruppe. Amir hielt sich ihnen gegenüber bedeckt, keiner wusste, wo er wohnte und was genau er außerhalb der Bande tat. In ihrer kindlichen Naivität gingen sie lange davon aus, dass er alles mit dem Geld aus dem Diebeshandwerk finanzierte. Bis zu diesem Zeitpunkt, der erst viel später kommen sollte, hielt Yára Amir für einen zwar strengen, aber gerechten Mann. Sie war ihm dankbar, dass er sie in die Gruppe geholt hatte und sie so den widrigen Umständen im Waisenhaus entkommen war. Sie hatte dort nie feste Freundschaften geschlossen, weshalb ihr die Kinder von dort auch nicht fehlten.

Die Gruppe von Amir wurde über die Jahre, die sie dort verbrachte, wie eine Familie für sie. Said war der Älteste unter ihnen und so etwas wie Amirs Vertrauter. Er sprach viel mit dem Kopf der Bande, er führte die Gruppe auf großen Streifzügen an und berichtete Amir so gut wie alles. Trotzdem war das Verhältnis der Diebe untereinander sehr angenehm. Es war eine lustige Truppe, die zwar viel Unsinn im Kopf hatte, aber sich alles in allem gut verstand. Sie hielten zusammen, auch wenn es mal Streitereien gab. Dazu ermahnte auch Amir sie immer wieder. Er unterrichtete sie sogar. Er legte viel Wert darauf, dass sie Lesen, Schreiben und Rechnen konnten. Er brachte ihnen über die Jahre sogar eine Form der Verschlüsselung bei, mit denen sie sich geheime Nachrichten schreiben und wieder entziffern konnten. Yára brauchte allerdings lange, um diese Texte zu entziffern oder gar selbst zu schreiben. Aber ums Lernen kam sie, anders als die letzten Jahre, nicht herum, auch wenn ihr das Stillsitzen und die Erziehungsmaßnahmen schwerfielen, weil sie so ungewohnt für sie waren. Amir wollte keine dahergelaufenen Beutelschneider, sondern professionelle Diebe, die ihm die wertvollsten Besitztümer aus den geheimsten Verstecken beschaffen konnten. Dazu lehrte er ihnen das Schlösserknacken und stellte sie vor theoretischen Aufträgen, zu denen sie sich als Gruppe einen Plan für dessen Erfüllung überlegen sollten. Von Said lernte sie das Schlösserknacken und schaute sich jede Menge Tricks und Kniffe bei ihm ab.

Mit 14 Jahren war sie bereits fest in der Gruppe integriert. Amir hatte sie die letzten zwei Jahre auf Streifzüge durch die Stadt geschickt, wo sie mit den jüngeren Mitgliedern verschiedene Beutezüge vornahm, während sie die anderen Stunden zum Lernen und Verfeinern ihrer Fähigkeiten nutzen mussten. Zu ihrem Repertoire gehörte eine Reihe von Ablenkungsmanövern, für die am Anfang vor allem Yára eingesetzt wurde. Schließlich war sie ein Mädchen, das einen ziemlich erbärmlichen Eindruck machte und meist schneller als die anderen Mitleid erregte. Doch schon bald protestierte sie dagegen, war sie es doch aus ihrer Zeit als Einzelgängerin gewohnt, die Beutel selbst abzuschneiden und Wertvolles aus den Taschen anderer unbemerkt hervorzuholen. Außerdem hielt sie sich für die schnellere und geschicktere Diebin. Das führte oft zu Streit unter den Dieben, aber Yára konnte sich, nachdem sie sich einmal bewiesen hatte, immer öfter durchsetzen. Nach ein paar weiteren Monaten war es dann endlich soweit und sie dürfte Said und zwei andere der älteren Jungs bei ihren Aufträgen begleiten. Dadurch hatte die ewige Theorie über das Ausspähen einer Person, das Schlösserknacken, Klettern, Fensteraufbrechen und all die anderen Lektionen endlich einen Nutzen. Amir erteilte ihnen die Aufträge und sammelte die Beute ein, die seine Diebe von Personen, aus Häusern oder Verstecken erbeuteten - meist handelte es sich dabei um Schmuck, Edelsteine, Geld und ähnliches, aber auch um Gegenstände, deren Wert sich Yáras Vorstellungskraft entzog. Was sollte man auch mit Masken, Vasen oder anderen Dekorationen anfangen. Woher Amir diese Geheimverstecke kannte, wusste keiner, aber mit der Zeit wurde allen klar, dass er viele Kontakte und Käufer in Avrabêth besaß. Doch sie alle wurden gut entlohnt und Yára war nun so lange dabei, dass sie über ihren inzwischen gerechten Anteil nicht zu murren brauchte.

Die erste Zeit war sie bei diesen Aufträgen vor allem dafür zuständig, Wache zu halten und, sobald sich irgendjemand dem Haus zu sehr näherte, die anderen mit Pfiffen oder anderen vereinbarten Lauten zu warnen, bevor sie selbst das Weite suchte. Denn egal was passierte, eine der wichtigsten Regel war, sich nicht schnappen zu lassen. Lange musste sie diese, in ihren Augen ziemlich langweilige, Aufgabe erfüllen. Immer wieder juckte es sie, den anderen dreien in die Häuser zu folgen, aber sie wusste ja im Prinzip, wie wichtig es war, dass sie ihre Augen und Ohren offen hielt. Daher begnügte sie sich damit, in der restlichen Zeit auf eigene Beutezüge durch die Stadt zu gehen. Über die Zeit warb sie sogar drei neue Mitglieder an, da ihre Gruppe aufgrund unvorhergesehener Zwischenfälle immer mal wieder schrumpfte. Darunter war auch endlich ein Mädchen, Nuray, die drei Jahre jünger als sie war. Mit dem Nachwuchs erreichten sie schließlich wieder eine Größe von sieben Mitgliedern und Yára, die immer noch ab und an mit den Vorurteilen ihr als Mädchen gegenüber zu kämpfen hatte, erarbeitete sich so wieder etwas mehr Anerkennung unter den Jungs. Manchmal war es hart für sie, sich durchzusetzen und oft ging sie als Verlierer aus diesen Wortgefechten heraus. Selbst Said, der sie in die Gruppe gebracht hatte, nahm sie oft nicht ernst, was sie zusätzlich frustrierte

Mit steigendem Alter kam es auch immer häufiger zu Streit innerhalb der Gruppe. Wenn sich die Gruppe in lauten Auseinandersetzungen verausgabte, die Türen zugeschlagen wurden und jeder grimmig seiner Wege ging, dann spielten ihre Hormone verrückt - so formulierte Amir es. Für Yára war es eine schlimme Zeit. Sie wuchs nun langsam zu einer Frau heran und entdeckte Gefühle, die sie vorher nicht kannte, auch wenn sie immer dachte, Jungs wären einfach nur die besseren Freunde - vermutlich weil sie es nicht anders gewohnt war und auch noch nie einen Gedanken darüber hinaus verschwendet hatte. Zuerst dachte sie, es lag daran, dass es ungewohnt war, alleine zu sein oder sie sich Sorgen um ihn wie um jedes andere Bandenmitglied auch machte, doch irgendwann - sie war inzwischen schon 16 Jahre alt - merkte sie, dass nicht nur das der Grund sein konnte, warum sie sich freute, wenn Said nach ein paar Tagen Abwesenheit endlich nach Hause kam. Zu ihrer Überraschung tat sich in ihr nach all den Jahren des Nebeneinanderherlebens, wie Bruder und Schwester es in normalen Familien auch taten, etwas, das sie bisher nicht gekannt hatte, wenn sie Said sah. Sie kam sich reichlich albern vor, ob der Eifersucht, die sie hingegen empfand, wenn sie Said mit anderen Mädchen sah und erst Nuray musste sie darauf hinweisen. Yára weigerte sich lange gegen diese befremdlichen Gefühle. Schließlich war es offensichtlich, dass Said, der auch viel älter als sie war, kaum genauso fühlen würde - sicherlich auch, weil sie sich davor hütete, ihn irgendetwas davon spüren zu lassen. Nur Nuray konnte sie nichts vormachen, dieser schärfte sie jedoch ein, jegliche Andeutungen zu unterlassen. Dadurch, dass sie ihr Geheimnis gut hütete, stand sich Yára jedoch nur selbst im Weg. Bald reagierte sie oft und aus für die anderen nicht begreiflichen Gründen unangebracht, wenn Said von seinen Tagesbeschäftigungen erzählte, die ihr nicht alle gefielen. In dieser Zeit wandelte sich ihre Stimmung oft schlagartig, womit die anderen bald nicht mehr umzugehen wussten. Immer wieder brodelte es innerhalb der Gruppe. Das betraf nicht nur sie und Said, der bald genervt von ihr war und ihr dies gegenüber auch deutlich äußerte, sondern auch die anderen hatten sich immer mal wieder in den Haaren. Es gab Phasen, da lief es besser, aber auch Phasen, wo sie es kaum mit den anderen im Haus aushielt und das Weite suchte. So besuchte sie immer öfter die Tavernen der Stadt und schloss, teilweise fragwürdige, Bekanntschaften. Während dieser schwierigen Zeit, die sich über viele Monate zog, forderten sich die pubertierenden Gruppenmitglieder zunehmend gegenseitig heraus. Als man sie einmal damit konfrontierte, dass sie als Mädchen sowieso schwach war und kaum so viel Mut wie die Jungs unter ihnen besaß, sah sich Yára schließlich dazu gezwungen, das Gegenteil zu beweisen und schlug vor, dass sie ihr eine Aufgabe stellen sollten, die sie bestehen würde. Damals hatte sie eher mit einer körperlichen Herausforderung und nicht mit einer Tätowierung gerechnet. Dennoch wollte sie natürlich nicht nachgeben und ließ die Schmerzen der unzähligen Nadelstiche tapfer über sich ergehen, wenn auch mit zusammen gebissenen Zähnen und Tränen in den Augen. Damals hatte sie nicht darüber nachgedacht, aber heute bereut sie es, zu einem der zwielichtigen Gestalten gegangen zu sein, um sich das Zeichen auf dem Handgelenk für nur wenige Münzen stechen zu lassen, anstatt mehr Geld auszugeben. Dann würde man heute nämlich noch die Form als auch die Qualität des Tattoos besser erkennen.

Während ihren Aufträgen konnten sie sich zwar eine gewisse Professionalität bewahren, aber Yára hatte selbst dabei manchmal das Gefühl, dass sich jeder profilieren wollte. Es war abzusehen, dass das alles nicht für immer gut gehen würde und als sie 19 Jahre alt war, eskalierte die Situation. Vorausgegangen war ein Streit mit Said, der sie förmlich zur Weißglut gebracht hatte. Inzwischen waren ihr natürlich auch andere junge Männer aufgefallen, die ihr Interesse weckten, im Gegensatz zu früher, wo ihr das Umwerben anderer zwar geschmeichelt, aber auch eher verunsichert hatte, sodass sie nie ernsthaft über etwas Festes nachgedacht hatte. Vor allem die Bemühungen von zwei Dieben aus ihrer Bande unterband sie unmissverständlich. Damals hatte sie nicht daran geglaubt, dass so eine Verbindung innerhalb der Bande überhaupt funktionieren würde. Heute weiß sie, dass die beiden einfach nicht die Richtigen waren und eben doch nur wie Brüder für sie. Nun hatte sich das Ganze gewandelt, Yára war erwachsen geworden. Zu ihrem Erstaunen ließ sich sogar der gelassene und manchmal überhebliche Said immer mal wieder anmerken, dass er nicht viel davon hielt, dass sie so glücklich bei anderen Männern war. An diesem Tag machte er seine Frustration darüber besonders offen kund. Yára, die sich schon lange damit abgefunden hatte, niemals von Said so gesehen zu werden wie all die anderen Frauen, konnte angesichts der Ironie des Schicksals nur sarkastische Bemerkungen darüber machen. Wiederum dadurch angestachelt warf Said ihr einige Worte an den Kopf, die nicht nur gegen sie, sondern vor allem auch gegen ihre damalige Bekanntschaft gerichtet waren. Gegen ihren recht lautstark geäußerten Willen befahl Amir ihnen trotzdem, den geplanten Einbruch am Abend in der gewohnten Besetzung durchzuziehen - schließlich waren gerade sie auch seine besten Diebe und der Plan bis ins kleinste Details immer wieder durchgesprochen worden.

Auf dem Weg zum Haus ihrer Begierde konnten selbst die anderen beiden nicht die Stimmung auflockern und die Wogen glätten. Zu ihrem Unmut war sie an diesem Abend für den zweiten Wachposten zuständig, allerdings hatte der Streit ihr Blut zum Kochen gebracht, sodass sie dieses eine Mail aus purem Eigennutz zur Einzeltäterin wurde. Sie verließ ihren Posten und schlich auf eigene Faust ins Innere des Hauses. Während sie darauf achtete, nicht von den anderen erwischt zu werden, fiel ihr auch nur durch Zufall das kleine Schmuckästchen auf, dessen Schloss sie mit viel Mühe knackte. Als sie endlich ihre Beute hatte, verließ sie das Haus und wartete eine Weile, ehe sie den vereinbarten Warnruf von sich gab. Erst später am Abend, als Amir seinen Frust über den gescheiterten Auftrag an ihnen ausließ, präsentierte Yára überheblich die wertvolle Halskette in der Runde. Dabei schlugen ihr die verschiedensten Emotionen entgegen. Said und seine beiden besten Kumpels reagierten mit purer Wut. Die anderen drei, die sie in die Gruppe geholt hatte und die ihr entsprechende Loyalität entgegen brachten, waren zwar ebenfalls sprachlos, aber sonst eher ruhig. Schließlich waren sie auch nicht dabei gewesen und nicht bloß gestellt worden. Und da war Amir, der ihr Vorgehen nicht billigte, aber schlussendlich froh war, dass der Auftrag erfüllt war. Dennoch bekam sie jede Menge Ärger wegen ihrer Einzelaktion, schließlich waren sie ein Team und sollten sich aufeinander verlassen können.
Von da an änderte sich die Situation schleichend. Nachdem die nach dem Abend herrschende Eiszeit langsam auftaute, entwickelte vor allem Said immer mehr Züge, die ihr missfielen. Er redete kaum noch mit ihr und wenn, dann hatte er keine guten Worte für sie übrig. Auch Amir brachte die Situation zu verzweifeln, er war jedoch zu barsch, um die Auseinandersetzungen sinnvoll zu schlichten.

Unerträglich wurde es, nachdem Yára vollkommen unbeabsichtigt und unwissend ein Gespräch hinter einer dreckigen Schenke belauschte. Sie hatte sich den Platz auf dem Dach ausgesucht, um ihre Ruhe zu haben, nachdem sie ziellos durch die Stadt geschlendert war. Erst nach ein paar Minuten realisierte sie, dass sie eine der Stimmen kannte, die auf dem Hinterhof miteinander redeten. Sie schlich zur Dachkante, spähte hinunter und erblickte Amir, der sich mit einer zwielichtigen Gestalt unterhielt. An diesem Abend erfuhr sie von seinen Geschäften in Izmaran und von den Sklaven, die er in Avrabêth versteckte, um mit ihnen zu handeln. Das war zu viel für Yára. Sie schlich das Dach hinunter und rannte so schnell wie möglich zu ihrem Versteck, wo sie glücklicherweise alle Diebe antraf. Sie konnte diese schreckliche Erkenntnis unmöglich für sich behalten und vor allem konnte sie nicht länger für diesen Mann arbeiten. Sie wusste, dass es nicht immer gerecht war, was sie taten, aber sie überließen Menschen nicht einem ungewissen Schicksal. Schließlich hatten ihre Opfer immer noch irgendwo ein Geheimversteck, von dem Amir noch nicht wusste und in dem noch mehr Gold lagerte. Doch hier ging es um Menschenleben! Zu ihrer Überraschung waren nicht alle so schockiert wie sie. Vor allem Said reagierte mit, in Yáras Augen trotziger, Gleichgültigkeit und machte sie damit fassungslos. Erst da realisierte sie, wie sehr er sich verändert hatte, nachdem sie ihn vor allen bloßgestellt hatte. Später mutmaßte sie, dass er Amir vermutlich noch viel mehr zu verdanken hatte als Yára, denn anders konnte sie sich seine Loyalität in dieser Situation nicht erklären.

An diesem Abend besuchte Amir sie in dem Haus, als hätte er etwas geahnt. Unverblümt platzte Yára mit der Wahrheit heraus und musste an sich halten, nicht auf ihn loszugehen, was sicherlich ein amüsantes Bild abgegeben hätte. Amirs Mine versteinerte sich, als er hörte, dass sie ihm nachspioniert hatte – was so natürlich nicht stimmte – und was sie ihm vorwarf, doch in seinen Augen tobte ein Sturm, der deutlich machte, was sie losgetreten hatte. Sie sah noch die kleine Bewegung seines Kiefers, als er mit den Zähnen knirschte, bevor er auf sie losging. Sie hatte ihn schon oft wütend gesehen, aber er hatte nie körperliche Gewalt ihnen gegenüber angewendet. Yára duckte sich, hob schützend die Hände und machte sich auf einen Schlag gefasst, doch stattdessen hörte sie die anderen dazwischen gehen und gleichzeitig auf Amir einredend, allen voran Said, der Amir wohl am ehesten zu beruhigen wusste. Diese kleine Unterbrechung reichte wohl, um Amirs Zorn soweit zu zügeln um sie nicht vor aller Augen tot zu schlagen. Yára schaute auf und ihr Blick fiel auf Said, der sie ebenfalls ansah. In diesem kurzen Moment hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass sie sich alles eingestanden und sie realisierte, wie sehr sie ihn noch immer mochte. Amir hielt einige Momente inne, ehe er klar machte, dass jeder, der ihrem Vorwurf glaubte und ihm so etwas zutrauen würde, sofort das Haus verlassen sollte. Er führte ihnen vor Augen, was er alles für sie getan hatte und wo sie heute ohne ihn stehen würden, doch Yára verspürte nicht den Hauch eines schlechten Gewissens.

Als sie kurz danach ihre wenigen Sachen packte und das Haus ohne ein Wort des Abschieds verließ, schlossen sich ihr immerhin Nuray und Khalid an, den sie ebenfalls in die Gruppe geholt hatte. Die erste Zeit schliefen sie auf der Straße, ehe sie auf einen alten unbewohnten Wachturm stießen, der ihnen fortan als Unterschlupf diente. Als ein großer Sandsturm darüber hinweg fegte, dachte sie, er würde jeden Moment einstürzen, doch er hielt glücklicherweise stand. Ihre kleine Gruppe verdiente durch ihre erworbenen Tricks nicht schlecht, aber sie mussten sich ein anderes Revier suchen und fühlten sich die erste Zeit alle nicht sehr wohl. Es war sehr ungewohnt wieder allein für seine Lebensumstände verantwortlich zu sein und der klapprige Turm war kein Vergleich zu dem Haus, in dem sie gelebt hatten. Die anderen beiden bestärkten sie darin, dass sie das Richtige getan hatte, doch mindestens Amir sah dies anders. Es waren nur wenige Monate vergangen und sie war inzwischen 20 Jahre alt, als sie der Dritte im Bunde aufsuchte, den sie damals von der Straße aufgelesen hatte und der bei Amir geblieben war. Nuray und Khalid hatten die ganze Zeit den Kontakt zu ihm aufrechterhalten. An diesem Tag berichtete er ihnen, dass Amir sich in seiner Ehre verletzt fühlte und diesen Schlag gegen ihn nicht einfach so hinnehmen würde. Alle nahmen an, dass er Angst davor hatte, dass Yára redete und das den Falschen gegenüber - nämlich den Personen, die Amir nicht bestochen hatte. Ihr unfreiwilliger Spion hatte zufällig ein Gespräch zwischen Amir und Said belauscht, in dem ersterer die Absicht geäußert hatte, der Stadtwache einen kleinen Tipp zu geben. Schließlich war es nie falsch, sich ein paar Freunde zu bewahren und die gemeine Bevölkerung liebte die Abschreckungen, allen voran die öffentlichen Auspeitschungen oder das Handabschlagen von vorlauten Dieben wie ihr. Ihr unverhoffter Freund aus Amirs Bande redete so eindringlich auf sie ein und schilderte ihr klar und deutlich, wie weit Amir gehen würde. Auch auf ihre beiden übrigen Mitglieder machten die Worte mächtig Eindruck. Es war abzusehen, dass sie ein ähnliches Schicksal erleiden würden, wenn sie den Kontakt zu ihr weiter pflegten, denn mit der Ehre eines Beraij war nicht zu scherzen und vor allem nicht mit Amirs, wie sich nun herausstellte.

Yára hatte keine Ahnung, wie weit Amirs Kontakte wirklich reichten, aber wenn er sogar so explizite Abmachungen mit der Stadtwache traf, was geschah, wenn einer ihrer Leute aus Angst plauderte und sie geschnappt wurde? Auch wenn sie ihnen das nicht wirklich zutraute, aber dumme Zufälle gab es zuhauf. Diese Erfahrung hatte sie selbst ja erst kürzlich gemacht. Sie dachte lange nach und kam schließlich zu dem Entschluss, dass es für sie nicht mehr sicher genug in Avrabêth war. Sie war 20 Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Selbst, wenn sie wieder das elende Leben von früher führte, war es doch immer noch erstrebenswerter als der Tod, der ihr von Grund auf zuwider war. "Du müsstest mal nach Naradesh gehen. Da liegen die Seyal auf der Straße." In diesem Augenblick fiel ihr ein, was Said einmal vor vielen Jahren zu ihr gesagt hatte, als ihr Verhältnis zueinander noch unbelastet gewesen war. Naradesh.. sie hatte ja keine Vorstellung, was das für ein langer Weg war und sie machte sich auch keinerlei Gedanken darum. In einer Nacht- und Nebelaktion packte sie abermals ihre wenigen Sachen und verließ ihren bis dahin sicheren Unterschlupf.

Mit Wehmut im Herzen ließ sie Avrabêth hinter sich und damit alles, was jemals zu ihr gehört hatte. Am Stadttor schaffte sie es sich unbemerkt in einem Karren zu verstecken, der zur Karawane gehörte, die am nächsten Morgen Richtung Naradesh aufbrach. Sie hatte einen Wasserschlauch und etwas zu essen bei sich, doch die Hitze der Wüste war unter der Plane kaum auszuhalten. Heute weiß sie, dass sie viel mehr Wasser hätte einplanen müssen. Sie hatte nicht einmal geahnt, dass die Reise so lange dauern würde. Bereits am dritten Tag bemerkte man die blinde Passagierin. Geschwächt und nicht ganz bei Sinnen lag die junge Frau unter den Planen und hatte seit vielen Stunden keinen Tropfen Wasser mehr getrunken. Es brauchte schon einen kühnen Mann um den hitzigen Wüstenführer annähernd zu beruhigen, der Yára fast in der Wüste ausgesetzt hätte als sie entdeckt wurde. Das ließ er sie auch deutlich spüren, nachdem sie wieder bei Sinnen und ansprechbar war und als sie zu trotzigen Widerworten ansetzte, überspülte sie ein wütender Wortschwall, dass selbst sie kleinlaut wurde und den Mund hielt. So kam es auch, dass sie von sich aus anbot, seine Bezahlung und ihr Proviant zu erarbeiten. Umzukehren kam zu ihrer Erleichterung nicht in Frage. Sie waren schon vier Tage unterwegs und der Wüstenführer hätte einen erheblichen Verlust gemacht, wenn er mit allen Kaufleuten und Reisenden hätte umkehren müssen. Auch das Zurücklassen der Frau, das er abermals in Betracht zog, hätte seinem Ruf nicht gut gestanden. Also machten beide das Beste aus der Situation. Yára stahl auf der Reise kein einziges mal. Auch wenn die Versuchung groß war, war sie doch nicht aus Avrabêth geflohen, um in der Wüste getötet und verscharrt zu werden. Der Wüstenführer fand Genugtuung darin, sie zu den unmöglichsten Zeiten zu wecken und sie kaum schlafen zu lassen. Stattdessen musste sie die Kamele versorgen, das nächtliche Feuer vorbereiten, die Zutaten für das Essen zerschneiden, nach Trinkwasser graben und viele andere unliebsame Aufgaben erledigen.

Als sie nach zwei Monaten in Naradesh ankamen, war zumindest der Wüstenführer wieder etwas besänftigt. Immerhin war ihm während der Reise kein böses Wort über sie zu Ohren gekommen. Alle Reisenden und Tiere hatten überlebt. Yára war froh, dass die Banu Bareŷah sie nicht überfallen hatten, denn das hätte man mit Sicherheit auch ihr angedichtet. Auf der Reise hatte sie viele Geschichten über Naradesh gehört, über die Stadt der Wasser, die in ihren Ohren sehr ausgeschmückt klangen. Doch als sie vor der Karawanserei stand und staunend auf die hellen gepflegten Häuser von Naradesh blickte, erkannte sie, dass die Erzählungen offenbar der Wahrheit entsprachen. Offenbar hatte sie die Gutmütigkeit eines älteren Ehepaares auf der Reise geweckt, denn diese luden sie dazu ein, sie nach Hause zu begleiten. Yára antwortete auf die Fragen über sie bedacht und so, dass sie keine Angst bekamen, sie in ihr Haus zu lassen. Am Abend boten sie ihr tatsächlich eine Unterkunft für die ersten Tage an und Yára dankte es ihnen, indem sie ihnen ihr Geld ließ. Zu ihrer Überraschung waren die Leute in Naradesh nicht so vorsichtig und misstrauisch wie die Beraij, weshalb sie einige gute Fänge machte. Dennoch hielt sie sich noch zurück, denn nun befand sie sich in einer ihr gänzlich unbekannten Gegend, die sie erst erkunden musste, bevor sie waghalsige Vorhaben begann.

Nach ein paar Tagen hörte sie durch Zufall von einem alten Haus im äußeren Ring der Stadt, in dem beide Besitzer dahin gesiecht sein sollen, ehe sie endlich vom Tod befreit worden waren. Aus diesem Grund traute sich keiner so recht hinein, was sich Yára zu Nutze machte. Das Haus hat zwar eher Ähnlichkeit mit den Häusern in Avrabêth‘ Armenviertel und ist kein Vergleich zu Amirs Haus, aber es bietet ihr immerhin eine zweite Etage, in der sich Yára zunächst einmal sicher fühlen kann, um ihre weiteren Schritte in Naradesh zu planen.

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