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Im Namen der Zwei

Das nördliche Nachbarland Mérindars, schon seit Jahrhunderten in Feindschaft mit jenem Reich. » Ortsbeschreibung
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Devin
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mi, 26. Okt 2016 19:24

Als Devin und Varon in Irukhan ankamen, waren sie nass und durchgefroren. Ihr erster Weg in der Hauptstadt führte sie deshalb in eine der Tavernen, um sich aufzuwärmen. Die Gaststube war gut gefüllt. Nur mit Glück fanden sie einen freien Tisch, an dem sie sich niederließen. Devin hätte dort stundenlang sitzen können, die Hände gewärmt an heißem Wein und ein gutes Essen vor der Nase. Aber Varon schien plötzlich voller Unruhe zu sein. Immer wieder sah er sich in der Gaststube um, tippte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum, scharrte mit den Füßen oder ließ seinen Blick suchend umher schweifen. „Wolltest du dich nicht mit irgendwelchen Offizieren treffen?“ fragte Varon schließlich Devin, der daraufhin erstaunt eine Augenbraue hoch zog. „Willst du mich etwa loswerden?“ lautete die Gegenfrage, die anscheinend genau ins Schwarze traf, denn Varon schwieg daraufhin betroffen. Devin verstand. Er wusste, dass Varon ihre Reisen nach Irukhan nutzte, um ganz eigene Kontakte zu unterhalten. Angelegenheiten, die nur Varon etwas angingen und von denen Devin nichts wissen wollte. Mit Sicherheit auch nichts wissen sollte. Zuerst hatte Devin angenommen, dass Varon eine heimliche Liebschaft in der Hauptstadt hatte. Aber mit der Zeit war ihm klargeworden, dass keine Frau dahinter steckte, sondern dass es etwas mit den Merindarern zu tun haben könnte, mit denen Varon in Kontakt stand. Devin wusste davon, aber er ignorierte es. Dieses Thema war weitestgehend tabu zwischen ihm und seinem Freund und Leibwächter. Allem Anschein nach hatte sich Varon -mit wem auch immer- genau hier in dieser Taverne verabredet und Devin störte nun das heimliche Treffen. Er nickte verstehend. „Du hast Recht. Ich sollte mich langsam auf den Weg machen. Wir sehen uns später.“ Devin ließ ein paar Münzen auf dem Tisch zurück und steuerte auf die Ausgangstür zu. Den Türgriff schon in der Hand, drehte er sich nochmal um und lächelte, als er seine Vermutung bestätigt sah. Eine schlanke Gestalt huschte zu Varon an den Tisch und als sie die Kapuze vom Kopf nahm, erstarrte Devin. Es war doch eine Frau. Aber nicht irgendeine. Er sah sie nur von hinten, aber der Rotstich ihrer blonden Haare war unverkennbar. Dana! Devins Hände verkrampften sich um den Griff der Tür, dann trat er nach draußen und blieb im Schneetreiben einen Moment lang unschlüssig stehen. Dana war Varons Schwester. Daher schien es nicht ungewöhnlich, dass Varon sie traf. Wäre da nicht die Tatsache, dass Dana eine Gesuchte war. Es musste schon etwas Wichtiges sein, was sie in die Hauptstadt führte und sie dieses Risiko eingehen ließ. Devin fluchte. Er wünschte, er hätte sie nicht gesehen oder er könnte sich einreden, dass sie es nicht war. Er war wütend auf Varon und sich selbst. Warum hatte er auch unbedingt diese Taverne auswählen müssen? Warum musste Varon Dana überhaupt treffen? Und warum brachte ihn das so durcheinander? Aus den Gefühlen, die er einst für Dana empfand, war mittlerweile Hass geworden. Aber wie man es auch drehte und wendete: Ihre Gegenwart, und sei es nur aus der Ferne, ließ ihn noch immer nicht kalt.

Der Schnee auf seinem Gesicht sorgte ein wenig für Abkühlung. Es war ein gutes Stück Weg zur Zitadelle und es tat Devin gut, ihn zu Fuß zurück zu legen. Das kühlte sein Gemüt merklich herunter, so dass er sich schon wieder beruhigt hatte, als er dort ankam.
Devin traf sich in der Silberzitadelle mit einigen ranghöheren Offizieren. Es war hin und wieder unausweichlich, sich in Irukhan blicken zu lassen, Kontakte zu pflegen und wenigstens den Anschein zu erwecken, zum inneren Zirkel der Macht zu gehören. Devin machte sich allerdings nicht die Mühe, sich in die Angelegenheiten von Politik oder Militär einzumischen. Es gab so etwas wie eine stille Übereinkunft, mit der alle Beteiligten zufrieden waren: Devin hielt pro forma die Stellung, die seinem Stand entsprach, dafür mischte er sich nicht ein und spendete in regelmäßigen Abständen größere Summen, damit man ihn ansonsten in Ruhe ließ. Es kam vor, dass dieses Arrangement von irgendeinem aufstrebenden Ehrgeizling in Frage gestellt wurde. Aber Devin hatte in diesen Fällen mit Genugtuung feststellen können, dass dem Geld eine nicht unerhebliche Macht innewohnte, die man nicht unterschätzen sollte. Arcanis besaß weder fruchtbares Land noch Bodenschätze im Überfluss und da all die schönen Zitadellen, Burgen und der aufwendige Militärapparat finanziert werden mussten, war niemand mit Verstand daran interessiert, sich mit einem Geldgeber von altem Adel anzulegen. Selbst wenn man ihn für das ausgemachtes Arschloch hielt, als das sich Devin zuweilen präsentierte. Er hatte schließlich einen Ruf zu verteidigen.

An diesem Abend war Devin allerdings nicht danach, seinem Ruf gerecht zu werden, um dem Glücksspiel zu frönen oder sich im Hurenhaus zu amüsieren. Letzteres, weil ihm auch Aelis immer noch im Kopf herumschwirrte. Er hatte den gestrigen Abend wirklich genossen und selbst Devin brachte es nicht fertig, am Morgen aus dem Bett einer Frau zu steigen, die soeben ein heiliges Gelübte gebrochen hatte, um noch am gleichen Tag zu einer Hure ins Bett zu steigen. Einen Rest Moral hatte er sich diesbezüglich noch erhalten und ihm stand der Sinn auch gar nicht danach. So saß er in der kleinen Pension, die er gerne bewohnte, wenn er in der Hauptstadt weilte, einsam und allein mit einem gut gefüllten Glas schwerem Wein vor einem Kamin und starrte nachdenklich und ein wenig resigniert ins Feuer.

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Darion
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Fr, 04. Nov 2016 1:54

Darion faltete den Brief zusammen und legte ihn vorsichtig wieder auf den Tisch. „Raus.“, befahl er der Dienerschaft ruhig. Aelis ließ ihn nicht zu Wort kommen. Zähneknirschend ließ er sie gewähren, hörte ihren Bedenken zu. „ Ich stand unter Zeitdruck, das kannst du an dem Schreiben ja wohl erkennen. Mir blieb keine Zeit für lange Nachforschungen oder gar einen Familienrat.“, meinte sie. Darion schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Du hättest es mir sagen können.“, knurrte er und hatte große Mühe seine Stimme unter Kontrolle zu halten. Wenn er hier herum schrie wie von Sinnen, hätte er die Diener gar nicht erst hinaus schicken müssen. „Ich verstehe ja, warum du Acardo nicht eingeweiht hast oder das du keine Lust hattest, mit deinen Eltern zu reden, aber bei Janus! Du hättest es mit sagen müssen! Was glaubst du denn hätte ich getan? Dich verraten?“ Darion schnaufte zornig. „Ich könnte dir eine rein hauen.“ „Mir ist bewusst, was ich getan habe. Aber dafür stehe ich gerade, wenn es sein muss. Wenn es den Geschwistern gefällt, dass ich dafür bestraft werden muss, wie auch immer, dann bleibe ich aufrecht stehen und empfange meine gerechte Strafe. Und das ist jetzt kein Aschesängerunsinn, wie du es gerne nennst, sondern mein voller Ernst.“ Einer der Diener brachte Getränke. Darion war immer noch zornig, aber das Gröbste war vorerst überstanden. „Leck mich am Arsch, Aelis.“, sagte er und hoffte, dass sein Lächeln nicht zu angestrengt wirkte, denn in diesem Moment, wusste er nicht recht ob er einen Scherz gemacht hatte. Aelis schien das Thema nicht weiter besprechen zu wollen und wechselte stattdessen dazu, zu klagen wie schwer sie es hatte. Darion konnte nachvollziehen. Das Leben für die Zwei konnte kein angenehmes Leben sein und selbst wenn sie sagte, Foltern mache ihr nichts aus, war Darion der Meinung, dass so etwas Spuren hinterließ. Immer, auch wenn man es erst in vielen Jahren bemerkte. „ Idalia, steh mir bei, ich finde ihn wunderbar! Er ist ein geistreicher, kluger Mann, man kann sich wirklich gut mit ihm unterhalten… „ Darion hob abwehrend die Hände. „Und hat dich ordentlich durch die Laken geprügelt, ja ja, schon verstanden. Das will ich nicht wissen, ehrlich. „Oh, bei den Geschwistern, ich muss mich zusammenreißen.“ Darion nickte bestätigend. Dann erwähnte sie, das Nirva wohl vor hatte Devin dran zu kriegen. Jetzt ahnte Darion auch, weshalb er hier bei Aelis gewesen war, bevor es privat wurde. „Man kann doch nicht einfach in die Silberzitadelle marschieren und einen Meineid ablegen.“ Darion legte den Kopf schief und setzte eine Unschuldsmiene auf. „Aber wieso denn nicht? Man kann ja auch hinein gehen und einen Gefangenen befreien.“ Mit dieser letzten Spitze hatte er seinem Ärger vorerst genug Luft gemacht und stimmte zu, Aelis zu begleiten. Was sollte er hier auch schon groß tun? Gemeinsam machten sie sich fertig, wobei Darion eigentlich nur wartete bis die Dame bereit zur Abreise war. Ungünstigerweise stellte er fest, dass sein Pferd immer noch in der Stadt war, also musste er wohl oder übel laufen. Kurz bevor sie aufbrachen, nahm er sie noch einmal bei Seite. „Das Thema, ist noch nicht erledigt und das weißt du. Also wenn nochmal etwas ist, rücke besser gleich mit der Sprache raus.“

Aelis und Darion kamen gegen Mittag in der Stadt an. Obwohl sie ihn zu ein wenig Eile drängte, bestand Darion darauf, sich zu aller erst etwas zu Essen zu kaufen. Zwar hatte er eine Kleinigkeit bei ihr zu sich genommen, aber er kannte sich und seinen Magen gut genug um zu wissen, dass spätestens nach der Hälfte des Weges sein Magen alles übertönen würde. Außerdem war es für ein Landei wie ihn immer wieder eine angenehme Abwechslung durch eine Stadt zu stromern, auch wenn die Leute ihnen, also zumindest Aelis, bereitwillig Platz machten. Auf dem Weg zu den Ställen kam er an einem Bäcker vorbei, der aus einem kleinen Fenster dampfende Köstlichkeit verkaufte. Darion erstand ein mit Honig gesüßtes Stück Gebäck, bei dem er sich nicht zur Gänze sicher war, was das genau war. Er hoffte bloß, dass es nicht zu viel Honig war. Schließlich ließ er sich dann doch davon überzeugen, einen Schritt schneller zu gehen und kurze Zeit später waren sie auch schon bei den Ställen. Zu ihrer beider Missmut ließ sich aber kein Stallknecht finden, denn offenbar waren sie entweder wo ganz anders zugegen, mit anderen Worten, sie machten blau oder wurden von einem hochnäsigen Jüngling in Beschlag genommen.
„Sorge dafür das meine Stute genügend Wasser und Futter bekommt. Aber nicht zu viel! Ihr soll nicht schlecht werden, wenn ich sie hart reite.“, delegierte der Junge, den Darion nicht als Mann anerkennen wollte und Darion musste Grinsen, als ein paar der Stallburschen über den Kerl kicherten. Blondes Haar, einen ersten Flaum auf der Oberlippe, Kleidung am Leib, für die er sich glatt noch ein Pferd kaufen könnte, samt einem gerüsteten Kämpen als Geleitschutz. Einer dieser nervtötenden Adelsprösslinge, die glaubten jeder war nur dazu da, ihnen die Füße zu küssen. „Aus dem Weg Bursche.“, meinte er arrogant zu Darion und schob sich an ihm, nicht ohne ihm einen kleinen Stoß mit der Schulter zu geben. Hätten sie es nicht eilig gehabt, hätte Darion ihn von seinem hohen Ross herunter geholt und in den Pferdemist zu ihren Füßen gestoßen. „Elender Wichser.“, knurrte er und einer der Stallknechte lachte. „Der hat sich schon so benommen, da war er nicht mal abgestiegen, Herr. Meinte er wäre in wichtiger Mission unterwegs und hätte keine Zeit um sich mit unsereins herum zu plagen.“ Kopfschüttelnd schaufelte der Knecht Mist von einer Ecke in eine Andere, was Darion so gar nicht verstehen konnte. „Hat er auch gesagt was für eine Mission?“, fragte Darion, doch nun ein wenig neugierig. „Soll wohl irgendwen, für irgendwas anschwärzen.“ Da wurde er hellhörig. „Er hat nicht zufällig erwähnt, für wen er unterwegs war, oder doch?“ „Doch hat er. Aber ich hab mir den Namen nicht gemerkt. Seee...fimm oder so ähnlich.“ Darion drehte auf dem Absatz um und stürmte hinaus. Er winkte Aelis zu sie solle ihm folgen. „Wie hieß die Kleine nochmal mit Familiennamen? Sellim? Bist du sicher? Gut, dann lass den da nicht aus den Augen.“ Er zeigte auf den Jüngling, der sich durch die Menschen schlängelte und schnurgerade auf eine der besseren Tavernen zusteuerte. Vor dem Eingang blieb er stehen. „Ich mach das.“, sagte er bestimmt und ehe Aelis was sagen konnte drückte er ihr seinen Schwertgurt in die Hand, er wollte keinen Ärger machen. „Es gibt auch andere Methoden, als Fingernägel ausreißen oder ihm eine glühende Eisenstange in den Arsch zu schieben.“, meinte er lächelnd, dann trat er ein.
Ein erfreulicher Nebeneffekt daran, dass Aelis draußen wartete, war, dass keiner sich traute unter den wachsamen Augen einer Vollstreckerin die Taverne zu betreten. Auch Innen ging es nicht so geschäftig zu. Neben dem Jüngling und dem Wirt, waren noch ein grob aussehender und ein nicht ganz so grob aussehender Mann anwesend. Darion schätzte das es sich bei dem einen eventuell um einen ehemaligen Soldaten handeln könnte. Der Mann holte sich eben einen Krug Bier von der Theke und Darion bemerkte, dass er sein linkes Bein etwas nachzog. Mit einem fröhlichen Gesicht signalisierte er dem Wirt er solle ihm einen einschenken. Dann ließ er sich neben den Jüngling sinken und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Na Freund? So sieht man sich wieder.“ Der Junge warf ihm einen abfälligen Blick zu und zeigte ihm dann die kalte Schulter. „Sie muss sehr schön sein.“, meinte Darion. „Bitte was?“, gab der Junge entnervt zurück. „Na ja. Kein Mann bei Verstand würde freiwillig durch so ein Wetter reiten. Es sei denn, die Schenkel einer hübschen Frau warten auf ihn.“ Darion zwinkerte ihm zu und der Junge wirkte ein wenig angeekelt. „Hüte deine vulgäre Zunge. Ich bin im Auftrag der Familie Sellim unterwegs. Einer bedeutenden Adelsfamilie. Also, wärst du so freundlich mich in Ruhe zu lassen?“ Darion machte eine abfällige Geste. „Ach komm schon. Wir sind doch hier unter Männern, sag doch einfach das du zu deiner Liebsten willst, ich meine -“ „Belästigt Euch dieser Mann?“, mischte sich der ehemalige Soldat ein. Er und sein Freund hatten sich zu ihnen gesellt, offenbar willig und bereit, sich für ein kleines Entgelt nützlich zu machen. Wenn die nur wüssten, wer Darion war. „Nein, dieser Bauerntölpel, weiß nur nicht, wann er zu schweigen hat.“, giftete der Jüngling. Jetzt verschwand Darions Lächeln. Der Ton des Kleinen gefiel ihm gar nicht und dass die anderen Beiden auch noch mitmachen wollten, ging ihm gehörig gegen den Strich. Abwehrend hob Darion die Hände und widmete sich seinem Bier. Sein Schweigen dauerte genau so lange, bis die beiden Anderen sich wieder verzogen hatten. „Ich wollte nur nett sein.“, meinte Darion und verpasste seinem Sitznachbarn einen freundschaftlichen Klapps, wodurch dieser sich den teuren Wein, denn Bier wäre zu gewöhnlich, über die Hose kippte. Darion dachte dies wäre ein guter Trick, denn so konnte er schauen, ob der Knabe irgendwelche Dokumente bei sich hatte. Darion erinnerte sich noch genau daran, wie er so mal ausgenommen wurde, von so einem dürren Jungen unten in Lanyamere. Der hatte ihm auch sein Getränk übergekippt und während Darion glaubte er würde ihm behilflich sein, hatte der ihm den Geldbeutel stibitzt. Er wollte also grade beim Trocknen helfen, da sprang der Junge auf. „Sieh nur was du angerichtet hast!“, schrie er. „Diese Kleider sind mehr Wert, als dein ganzes verfluchtes Leben! Dafür wirst du bezahlen.“ Darion erhob sich ebenfalls. „Ganz ruhig. Ist nur eine Hose.“ Sofort waren die andern Beiden wieder zur Stelle. „Probleme?“, fragte der Große. Darion war es leid. Offensichtlich war er doch nicht so gewieft wie er geglaubt hatte, also rückte er mit der Sprache heraus. „Nein. Ich wollte dem Jungen nur erklären, wieso er lieber wieder nach Hause reiten sollte. Besser für ihn, er wird nicht in diesen Schwindel mit hinein gezogen.“ „Nennst du meine Nirva etwa eine Lügnerin!“, keifte er und Darion entging die Wortwahl keineswegs. Ebenso entging ihm nicht, wie der Junge seine Hand an den Schwertknauf legte. Ein schönes Schwert, dass Darion bis jetzt geflissentlich ignoriert hatte. „Ich warne dich. Glaub ja nicht du überstehst die Erfahrung dein Schwert gegen mich zu ziehen unversehrt.“ Darion war es sehr ernst. „Dir zeig ich es!“ Der Junge zog das Schwert etwa eine Handbreit hinaus, da war Darion schon bei ihm, packte ihn am Handgelenk, damit dieser das Schwert erst gar nicht weiter ziehen konnte und schmetterte ihm mit der anderen den Bierkrug ins Gesicht. Noch bevor er einen Schritt zurück taumeln konnte, krallte sich Darion in seine Haare und knallte seinen Kopf auf die Ausschanktheke. Kurz darauf hörte er ein dumpfes Geräusch hinter seinem rechten Ohr und auf magische Art und Weise kippte der Raum auf die Seite.
Darion lag der Länge nach auf dem Boden. Der ehemalige Soldat stand über ihm, einen der Hocker hoch über den Kopf gehoben, bereit zum Zuschlagen. Anscheinend hatte er Darion hinterrücks niedergeschlagen und wollte ihm wohl nun den Schädel einschlagen. Darion konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Ihm klingelten die Ohren, doch zu seinem Glück war er schon immer mehr Soldat als Graf gewesen. Seine Instinkte, wie es immer so schön hieß, übernahmen, denn sonst wäre er wohl nie auf Idee gekommen, dem Großen gegen das einstmals verletzte Knie zu treten. Der Mann knickte ein, der Hocker flog in hohem Bogen über Darion. Der rappelte sich auf und warf sich mit der Schulter gegen den Angeschlagenen. Dessen Kamerad schlug nach dem Grafen, der hatte dem nichts entgegen zu setzen und bekam den schmerzhaften Hieb in die Rippen. Er revanchierte sich mit einem Tritt in die Magengrube, bevor er dem Großen mit dem Ellenbogen gegen die Schläfe schlug. Der Mann kippte zur Seite und rührte sich vorerst nicht mehr. Nun auf sich allein gestellt, war der übrig gebliebene Mann unschlüssig was er tun sollte und entschied sich, sein Heil in der Flucht zu suchen. Hastig stürmte er aus der Taverne. Mit unsicheren Schritten tapste Darion zu dem Jungen am Ausschank. Er tippte ihn mit der Fußspitze an und hörte ein leises Ächzen. Es kam ihm komisch vor, dass der Wirt das alles so ruhig hin nahm. Als er den Mann ansah, sah Darion wie er entgeistert auf den Eingang starrte. Zwar konnte er sich schon denken, was los war, aber er sah trotzdem nach. Aelis stand im Eingang und schaute ihn fragend an. Darion deutete auf den Jungen. „Er hat angefangen.“

Ein weiterer Vorteil mit einer Vollstreckerin unterwegs zu sein, war folgender. Man bekam einfach immer ein ruhiges Plätzchen, um jemanden an einen Stuhl zu binden und darauf zu warten, dass man ihn verhören konnte. Es war immer wieder erstaunlich, wie Aelis mit wenigen Worten ihren Willen bekam. Darion ging es den Umständen entsprechend. Sein Schädel dröhnte und seine Seite schmerzte. Langsam kam ihr Gast auch wieder zu sich. Ihrem Gast ging es auch nicht besser. Auf der linken Wange, dort wo Darion ihn mit dem Krug getroffen hatte, war die Haut etwas aufgeplatzt und schwoll an und er hatte einen dicken roten Striemen quer über die Stirn. Darion war etwas stolz auf sich, wie genau er doch gearbeitet hatte. Dann war da noch, der abrupten Bewusstlosigkeit verschuldet, ein kleiner Fleck an der linken Oberschenkelinnenseite, der sich im Moment des Erwachen unwesentlich aber sichtbar vergrößerte. Mit weiten Augen starrte er Darion an. „Wenn du nochmal versuchst dein Schwert gegen mich zu ziehen, schlitze ich dich auf, von den Eiern bis zur Kehle. Klar?“ Er nickte ängstlich. Darion bedeutete Aelis, dass sie nun ihr Glück versuchen durfte, er hatte ganz offensichtlich versagt. „Warte bitte bis ich draußen bin, ich will kein Zeuge von irgendwas sein.“ Mit einem müden Lächeln verließ Darion den Raum. Eine Weile später stieß Aelis zu ihm. Er fragte nicht nach, aber er vermutete sie hatte wenigstens etwas herausgefunden, was ihr weiterhelfen konnte. Jetzt konnten sie endlich weiter nach Irukhan.
Am nächsten Morgen trudelten sie durch das Osttor der Hauptstadt ein. Darion schlug vor zu aller erst einen Besuch bei dem wiedervereinten Brautpaar vor, immerhin musste auch er seiner Gattin Rede und Antwort stehen, dass er wortlos verschwunden war. Eine unangenehme Sache. „Und?“, fragte Darion, nachdem er und Aelis wieder unter sich waren. „Was hat die große Vollstreckerin für Pläne und wie kann ein bescheidener Ritter wie ich zu Diensten sein?“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 16. Nov 2016 12:19

Es war beruhigend für Aelis dass Darion sie nach Irukhan begleitete. Die winterliche Reise an sich war schon mühsam und beschwerlich, doch mit Darion an ihrer Seite war das anders. Zumal es dennoch nie schaden konnte, einen solchen Haudegen an seiner Seite zu wissen. Das kurze Stück vom Anwesen der Avalés hier in Arvia lief Darion an der Seite der berittenen Aelis nebenher, wobei die Vollstreckerin sich wunderte, warum er sein Pferd in den Stallungen der Stadt untergebracht hatte, anstatt in den Hauseigenen Stallungen. Doch sie stellte keine Fragen. Schließlich war das Anwesen bei Arvia nicht allzuweit entfernt, beinahe ein Katzensprung, und so erreichten sie das schmucke kleine Städtchen nach nicht allzu langer Zeit, wo Darion sich sogleich daran machte, sich etwas zu essen zu kaufen. Aelis, die eigentlich sofort weiter nach Irukhan aufbrechen wollte, bedachte sein Tun lediglich mit einem trockenen „Freßsack…“ Geduldig wartete sie, bis ihr Freund nach geraumer Zeit wieder aus der Stallung kam, ohne sein Pferd, und sie nach dem Namen von Nirvas Familie fragte. „Wie hieß die Kleine nochmal mit Familiennamen?“ Aelis dachte einen kurzen Augenblick nach. „Nirva von Sellim. Ein verarmtes Adelsgeschlecht…“ „Sellim? Bist du sicher?“ „Ja, natürlich bin ich sicher!“ „Gut, dann lass den da nicht aus den Augen…“ deutete Darion auf einen hochgewachsenen Jüngling, der in Aelis‘ Augen noch ein halbes Kind war. Sie runzelte fragend die Augenbrauen, ergriff ihr Pferd an den Zügeln und folgte Darion durch die Menge, die dieses Mal weniger von der Vollstreckerin, als mehr von dem Hufgetrappel des Pferdes geteilt wurde. Aelis erntete den einen oder anderen empörten Blick, denn wo käme man denn da hin, wenn jeder sein Pferd quer durch die Stadt führte, doch der unter dem Mantel durchblitzende Waffenrock der heiligen Inquisition beließ es bei empörten Blicken, die sich dann meistens plötzlich geschäftig zu Boden neigten. Als der Jüngling in der Taverne verschwunden war, bedeutete Darion Aelis, hier vor der Taverne zu warten. Er würde sich der Angelegenheit annehmen, von welcher Aelis immer noch nicht wusste, was es für eine war. Die Vollstreckerin war nicht gerade begeistert. Es war kalt, um nicht zu sagen, arschkalt, mochte ihre Kleidung auch noch so gut sein. Und wenn sie sich nun schon in Arvia aufhielten, dann würde sich diese Zeit mit einem heißen Wein ganz sicherlich besser vertreiben lassen, als sich in der Kälte die Beine in den Bauch zu stehen. Doch Aelis wartete geduldig. Sie verschränkte ihre Arme unter ihrem Mantel, und ließ mit ausdrucksloser Miene ihre Augen über den Platz schweifen, über den Menschen emsig und geschäftig wie Ameisen liefen. Das ging eine Weile so, bis die Arcanierin begann, sich zu langweilen. Wo, zum Henker, blieb Darion nur? Er wollte etwas erledigen, was mit diesem Jüngling zu tun hatte. War er am Ende schon damit fertig, und vertrieb sich die Zeit mit einer Mahlzeit? Das sähe ihm ähnlich… Aelis beschloss, sich nun nicht mehr die Beine in den Bauch zu stehen, sondern wandte sich der Schenkentüre zu, und drückte diese auf, wo ihr gewohnheitsmäßiger Schenkengeruch, aber auch Wärme entgegenschlug. Doch was sie zu sehen bekam, war alles andere als erfreulich. Darion prügelte sich. Er prügelte sich wie ein halbwüchsiger Junge, während sie sich draußen den Arsch abgefroren hatte. Üblicherweise war einem Wirt daran gelegen, jede Schlägerei im Keim zu ersticken, denn Mobilar war teuer zu ersetzen. Doch dieser hier tat gar nichts, außer zuzusehenAuch, wenn Aelis in Arvia nicht bekannt war wie ein bunter Hund, der Wirt erkannte sie. Schließlich war er, der eine der besten Schenken Arvia besaß, damit betraut, den Sommersitz der Familie Avalé in Arvia mit Bier und Wein zu versorgen. Als er die Vollstreckerin erblickte, erblasste er. „Was, bei den Geschwistern, geht hier vor?“ murmelte Aelis zu sich selbst, und das allgemeine Stimmengemurmel, aber auch die Anfeuerungen und das Johlen, zwei Dinge, die eine jede gute Schlägerei stets begleiteten, verstummte allmählich, bis sich das raufende Männerpack aufgelöst hatte und einer davon kurzerhand aus der Schenke flüchtete. Es dauerte nicht lange, bis Darion sich zu Aelis umwandte, und auf ihren fragenden Blick reagierte. „Er hat angefangen!“

Nun kam Leben in die Vollstreckerin. Mit einigen schnellen Schritten trat sie an den Ausschank, während sie rief „Im Namen von Janus und Idalia! Raus! Alle raus! Wir sind im Auftrag der heiligen Inqusition hier!“ Dem Wirt warf sie einen strafenden Blick zu „Auch du, raus…! Niemand betritt die Taverne, bis wir hier fertig sind!“ Kaum, dass sie ausgesprochen hatte, stürmten die wenigen Schenkengäste samt Wirten ins Freie, zurück blieben nur Aelis, Darion und der Jüngling. Aelis deutete mit einem Kopfnicken auf den jungen Mann, danach auf einen der Stühle, und Darion wusste, was er zu tun hatte. Als der Junge an den Stuhl gebunden war, verließ ihn offensichtlich sein letztes Fünkchen Mut, denn er nässte sich ein. Ein Phänomen, das Aelis nur allzu gut kannte. Dennoch angewidert, wandte sie sich zu Darion um, der dem Jungen eben noch eine Drohung an den Kopf geworfen hatte. „Was, bei den Geschwistern ist eigentlich los? Was hat es mit dem Knaben auf sich, was hat Nirva von Sellim damit zu tun und wieso prügelst du dich?“ raunte sie ihm zu. Die Angelegenheit war schnell erklärt. Dieser junge Mann sollte bewerkstelligen, was die verschmähte Liebhaberin Devins angekündigt hatte. Wenn Aelis sich ehrlich war, so hatte sie nicht erwartet, dass Nirva ihre Drohung tatsächlich wahrmachen würde. Fände sie die Angelegenheit nicht derart ketzerisch, hätte Nirva sicherlich ihre stille Anerkennung dafür erhalten. Aber so war es nicht. Aelis schloss die Augen und schickte ein stilles Gebet und Dank für diese ungeahnte Fügung an die Geschwister, die dies bewerkstelligt hatten, was Aelis in ihrem Glauben nur mehr bestärkte. Darions Stimme drang an ihr Ohr und sie öffnete die Augen wieder. „Warte bitte bis ich draußen bin, ich will kein Zeuge von irgendwas sein.“ Er lächelte leicht. „Ich habe noch niemanden eine glühende Eisenstange in den Arsch geschoben!“ rief sie ihm noch nach, bevor er die Schenkentüre schloss. Aelis wandte sich wieder dem Stuhl zu und ihre graugrünen Augen ruhten stechend auf dem Jüngling. „Ich könnte es mir aber überlegen, es doch einmal zu tun. Wie lautet dein Name, Bursche?“ „Mein Name ist Aris von Ehrenfried, und ich entstamme dem edlen Geschlecht der Ehrenfrieds.“ Aelis nickte. „Mein Name ist Aelis von Avalé. Ich entstamme dem weitaus edleren Geschlecht der Avalés, und ich bin Dienerin der Zwei, und seiner Majestät dem Priesterkönig. Du weißt, was das bedeutet, oder wer ich bin?“ Ein Blick in sein Gesicht genügte, um festzustellen, dass dem nicht so war. Die Vollstreckerin räusperte sich. „Nun. Wie es aussieht, hast du dich ketzerischer Beihilfe schuldig gemacht, und meine Aufgabe als Vollstreckerin ist es nun, dem auf den Grund zu gehen. Wenn nötig, mit Hilfestellung. Mein Folterknecht ist zwar nun nicht anwesend, aber ich sehe keine Veranlassung, dich nicht nach Irukhan in die Silberzitadelle mitzunehmen…“ Der ahnungslose Blick verschwand und wich einem entsetzten. „Also. Was tust du hier? Was ist dein Auftrag und wem dient er?“ Sie starrte ihn durchdringend und ernst an, doch er begann bereits zu reden. Manchmal war es wirklich zu einfach! „Ich bin der demütige Diener von Nirva von Sellim… Sie hat mir erzählt, dass ein gewisser Graf Devin von Tarrun sich ketzerischer Verbrechen schuldig gemacht hat.“ Aelis neigte sich ihm leicht zu „Und welche Verbrechen sollen das sein?“ „Er soll ein Spion sein, und einer, der Feste feiert und sich dann dort mit anderen Landesverräterin umgibt. Sie sollen dort Pläne schmieden die das Regime des Priesterkönigs und der Zwei stürzen soll. Mehr weiß ich nicht!“ „Das ist doch schon eine ganze Menge…“ „Und was sollst du mit diesem ‚Wissen‘ anstellen, Aris?“ „Nirva hat mich gebeten, nach Irukhan in die Silberzitadelle zu reisen, sie würde es ja selbst tun, aber sie befürchtet, sich bei dem Wetter und dieser Kälte eine Lungenentzündung zuzuziehen, die Familie scheint dafür recht anfällig zu sein.“ „Soso… Was wäre deine Belohnung für diesen Gefallen?“ Aris seufzte. „Ich bin seit langem ein glühender Verehrer der liebreizenden Nirva. Sie hat angedeutet, meinem Flehen nachzugeben…“ Aelis nickte verstehend. „Und, hast du den Wahrheitsgehalt dieser schweren Anschuldigungen auch geprüft?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Ich schenkte Nirvas Worten Glauben. Ich kenne diesen Graf Devin ja nicht einmal. Nicht persönlich! Allerdings kenne ich seinen Ruf, der ihm weit vorauseilt.“ „Und welcher Ruf wäre das?“ „Er soll ein Hurenbock sein, ein Frauenverführer, nur ein reiches verwöhntes Kind, ein Rüpel, der nichts kann als vögeln, feiern, saufen und Starrkraut rauchen. Ja, das erzählt man sich über ihn!“ „Das klingt in der Tat abscheulich. Doch nicht so abscheulich, dass man ihn deswegen anschwärzt für Taten, die er nicht begangen haben könnte. Ich weiß nicht, ob es dir bekannt ist, aber ist man einmal im Visier der Inquisition, kommt man da nie wieder heraus. Das gilt auch für dich, Bursche. Denkst du wirklich, du könntest einen solchen Auftrag, der weder Hand noch Fuß hat, erledigen? In die Silberzitadelle reiten, die hohen Herren mit Lügen zu belangen… du weißt, dass du auf die Zwei hättest schwören müssen, einen Meineid! Obwohl du noch nichts getan hast, hast du dich bereits zahlreicher vorsätzlicher Verbrechen schuldig gemacht.“ „Es tut mir leid, es tut mir leid! Ich würde auf die Knie fallen und um Vergebung bitten, wenn ich könnte, doch ich kann es nicht…“ blickte er auf die Seile, die ihn an den Stuhl fesselten. „So. Würdest du?“ „Ich würde, ja!“ Aelis nickte, und löste schließlich seine Fesseln. „Jetzt kannst du…“ Aris von Ehrenfried warf sich auf den dreckigen Tavernenboden und bat die Vollstreckerin um Vergebung. Diese zog ihn schließlich auf die Beine. „Eine nette Vorstellung, aber das nützt dir nichts. Du kommst mit mir mit, um dich für deine Verbrechen verantwortlich zu machen.“ Sie packte ihn am Kragen und schob ihn vor sich aus der Taverne, wo Darion auf sie zu warten schien. Mit Aris von Ehrenfried wollte sie sich nicht bis nach Irukhan belasten, darum ließen sie ihn in Arvia in der Kaserne zurück, mit allen notwendigen Informationen, die sicherlich für eine Verurteilung reichen würden.

Am nächsten Tag erreichten sie, bedingt durch gutes Wetter, Irukhan. Zwar schlug Darion vor, zuerst Aduan und Estelle, und nicht zuletzt Leria, seiner Frau, einen Besuch abzustatten, aber Aelis war wohler bei dem Gedanken, zuerst zurück in die Silberzitadelle zu kehren. Schließlich musste sie Bericht erstatten. Sie vereinbarten, sich am Abend in jener Taverne zu treffen, die Treffpunkt der eher höhergestellten war. Dort traf man so manchen Soldaten, aber auch ranghöhere Offiziere, so dass das Erscheinen einer Vollstreckerin dort nichts Ungewöhnliches war. Aelis entließ Darion, nachdem sie ihm das scherzhafte Versprechen abgenommen hatte, keinen Unsinn mehr anzustellen, wie etwa sich zu prügeln, dann trennten sich ihre Wege. Als Aelis sich in der Silberzitadelle bei Großmeister Amon zurück zum Dienst meldete, hob dieser überrascht die Augenbrauen. „Ich habe nicht so bald mit deiner Rückkehr gerechnet, Aelis“ erwiderte dieser. Die Vollstreckerin senkte das Haupt „Ich habe viel Kraft und Trost im Gebet gesucht, und auch gefunden, Großmeister Amon. Darum bin ich wieder hier. Hier in der Silberzitadelle ist mein Platz. Hier gehöre ich hin, und der Dienst an Janus und Idalia macht mich glücklich.“ Großmeister Amon nickte zufrieden. „Das freut mich zu hören, Aelis. Allerdings gibt es diese eine Angelegenheit zu klären. Du weißt, wovon ich spreche?“ Aelis konnte es sich denken, immerhin hatte Darion ihr groß und breit erzählt, dass die Inqusition bereits ausgeschwärmt war, auch ihn befragt hatte, und eine große Verschwörung sah, in welcher sie, Aelis, beteiligt sein sollte. Das Herzstück dieser Angelegenheit war einzig und alleine jener Kollo Strumberg. Blieb dieser in der Versenkung verschwunden, gab es keine stichhaltigen Beweise, alles würde auf Mutmaßungen basieren. Da konnte noch jeder daherkommen und etwas von Briefen und verstorbenen Gefangenen und einer Entführung faseln. Mochte die Angelegenheit noch so seltsam sein, doch ohne Kollo Strumberg gab es keine Beweise. Aelis betete, dass dieser Kerl niemals gefunden wurde. So hob sie den Kopf und setzte ein fragendes Gesicht auf. „Nein, Großmeister Amon, ich weiß leider nicht, wovon ihr sprecht.“ „Nun, eine seltsame Angelegenheit. Ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll, denn es lässt dich in keinem guten Licht dastehen. Lepos hat sich in diese Sache verbissen, und fordert Aufklärung. Du weißt, dass ich viel von dir halte. Daher habe ich es zu meiner Aufgabe gemacht, dich zu diesen Vorfällen selbst zu befragen. Wie du wohl weißt, ist deine frisch angetraute Schwägerin am Tag ihrer Hochzeit verschwunden.“ „Das ist mir bekannt, Großmeister Amon. Eine tragische Angelegenheit. Auch dies war ein Grund, warum ich mich vom Dienst habe zurückstellen lassen. Ich habe es nicht ertragen, meinen Bruder in einem solch jämmerlichen Zustand zu sehen. Ich weiß, ich hätte ihm zur Seite stehen sollen, aber was hätte ich tun können?“ „Deine Familienangelegenheiten sind deine Sache, Aelis. Das geht auch Lepos nichts an. Allerdings war er alarmiert, hat Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass Estelle mit Darion Malistaers Frau Leria zuletzt gesehen wurde. Während sie wieder aufgetaucht ist, blieb Estelle verschwunden.“ Aelis runzelte die Augenbrauen „Wo soll hier ein Zusammenhang sein, Großmeister Amon? Leria Malistaer wurde gefunden, halb erfroren, verletzt, niedergeschlagen. Es ist nur den Geschwistern zu verdanken, dass sie überlebt hat. Lepos hat nicht das Recht, Darion Malistaer zu bezichtigen. Ich sehe hier keinen Zusammenhang. Seht ihr einen?“ Großmeister Amon schüttelte den Kopf „Da hast du Recht, Aelis. Es gibt keinen nachvollziehbaren Zusammenhang.“ „Vielleicht wurden beide Frauen entführt, doch nur Estelle war das Ziel, weswegen man Leria Malistaer bewusstlos in den Schnee geworfen hat.“ Amon nickte „Das könnte sein. Aber warum ist Estelle wieder aufgetaucht? Warum gab es keine Forderungen?“ Aelis zuckte die Schultern. „Wenn ich das wüsste, wäre ich wohl Idalia selbst, Großmeister Amon…“ „Doch bleibt noch die Angelegenheit um den Tod des Gefangenen 24601…“ „Darf ich offen sprechen, Großmeister Amon?“ Er nickte. „Lepos scheint sich wohl sehr zu langweilen, bei der Inquisition. Jedermann weiß, dass er ein über alles gesunde Maß sadistischer Mensch ist. Er hat die reinste Freude an Vollstreckungen, als geschähe dies alles nur zu seinem Vergnügen und seiner Unterhaltung, und nicht im Dienste der heiligen Geschwister. Wenn er mich bezichtigt, dass dies alles in einem Zusammenhang steht, dann ist offensichtlich, dass er mir schaden will. Was sollen diese Geschehnisse mit dem Tod eines Gefangenen zu tun haben? So oft sterben Gefangene. An den Folgen der Folter, Kälte, Mangelernährung, Krankheit… Niemals hat es Lepos interessiert, dass ein Gefangener in seiner Zelle verstorben ist. Warum gerade jetzt? Doch wohl nur um Zusammenhangloses zu einer närrischen Geschichte zusammenzuflechten, und meinen Ruf zu beschädigen. Und selbst an der üblichen Vorgehensweise, Verstorbene sofort zu verbrennen, um eine etwaige Ausbreitung von Seuchen zu unterbinden, hat er etwas zu kritisieren. Sollen wir denn künftig jeden Verstorbenen untersuchen? Ist es wichtig? Ich habe den Gefangenen in seiner Zelle tot aufgefunden. Nichts deutete darauf hin, dass nachgeholfen wurde. Keine äußerlichen Anzeichen. Jedermann weiß, wie tückisch eine Krankheit sein kann. Im nächsten Moment breitet sie sich aus und dann betrifft es alle. Nicht nur die Gefangenen. Es steht alles im Totenbuch. Es gibt an dieser Angelegenheit nichts Seltsames. Und wenn Lepos daran etwas Seltsames findet, und schlimmer noch, dass alle Ereignisse in Zusammenhang stehen, dann ist er ein Narr. Ich sage, es handelt sich hierbei höchstens um Zufälle.“ Aelis blickte Großmeister Amon selbstbewusst an, und dieser nickte zögerlich.“ „Und wenn ich aus den Schriften zitieren darf; Beredsamkeit, die nicht mit der Logik übereinstimmt, Wahrhaftigkeit, die nicht mit der Vernunft übereinstimmt, Mut, der nicht mit der Gerechtigkeit übereinstimmt, Gesetzlichkeit, die nicht mit der sinngemäßen Anwendung übereinstimmt, sind wie ein irrender Wanderer auf schnellem Rosse oder wie ein Wahnsinniger, der ein scharfes Schwert schwingt.“ Amon schien überzeugt. „Du hast Recht, Aelis. Ich werde mit Lepos sprechen. Er soll sich zurückziehen und im Gebet um Vernunft und Demut bitten.“ „Ich danke euch, Großmeister Amon“ verneigte sich Aelis. „Jetzt, wo du wieder da bist, Aelis kannst du gleich am Rat der Inquisition teilnehmen. Bis auf Drenndorf sind alle anwesend. Finde dich gleich in der Halle ein.“

Der Rat der Inquisition wurde in einer kleinen Halle der Silberzitadelle abgehalten. Rund um den Tisch standen in gebührlichem Abstand Feuerschalen, die Wärme spenden sollten, am Tisch selbst saßen einige Männer der Inquisition, mit Aelis als einziger Frau. Auch Onkel Acardo war anwesend. Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu, den die junge Frau nicht so gänzlich deuten konnte. Sie konnte es sich allerdings denken. Den Verwandten nur mit einem Kopfnicken grüßend, ließ sie sich auf einem der Stühle nieder, und wartete, bis Großmeister Amon den Rat eröffnete. Behandelt wurden die üblichen Angelegenheiten, und jeder der Inquisitoren konnte sprechen, wichtige und unwichtige Anträge abgeben, und was es sonst noch zu berichten gab. Aelis blieb nachdenklich. Sie wusste nicht, wie sie bezüglich Nirva weiter fortgehen sollte. Im Grunde war es keine große Sache, denn wie die übliche Vorgehensweise war, wusste sie. Jedoch war es dieses Mal etwas anderes. Devin steckte da irgendwie mit drin. Sie mochte Devin, und nicht nur wegen dem Versprechen, dass er ihr gegeben hatte, war sie dazu geneigt, den Mantel des Schweigens über die Angelegenheit zu breiten. Man konnte Nirva schließlich auch anders beikommen. Ein strenger Besuch bei dem Frauenzimmer würde wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen und dabei helfen, in Zukunft solche Anschuldigungen zu unterlassen. Sie blieb in Gedanken versunken, bis sie von Großmeister Amon angesprochen wurde. „Aelis. Du bist so abwesend. Gibt es etwas, das du uns berichten kannst?“ Sie blickte Amon an, unvorbereitet, und nickte. „In der Tat“ hörte sie sich sagen. „Ich bin derzeit in einer eigenständigen Angelegenheit unterwegs, und möchte dem Rat der Inquisition heute davon berichten. Unverhofft habe ich erfahren, dass Nirva von Sellim sich in einer schwerwiegenden Angelegenheit schuldig gemacht hat.“ „Nirva von Sellim? Wer, bei den Geschwistern ist das?“ fragte einer der Anwesenden. Aelis wedelte mit der Hand „Niederster Landadel. Beinahe eine Landpomeranze.“ „Und welchem Vergehen hat sie sich schuldig gemacht?“ fragte ein anderer. Aelis lächelte süffisant. „Wenn ihr mich aussprechen ließet, ich komme gleich auf den Punkt. Also. Jene Nirva von Sellim hatte ein Stelldichein mit einem gewissen Grafen Devin von Tarrun. Weil er sie nicht heiraten möchte…und welcher Mann aus gutem Hause bittet schon um die Hand einer leichtfertigen Frau… wurde sie in ihrem Stolz derart gekränkt, dass sie infame Lügen über ihn verbreitet. Sie behauptet, Graf Devin wäre ein Spion, ein Rädelsführer des Feindes. Sie hat einen ihrer Verehrer in die Angelegenheit mit hinein gezogen. Wir konnten jenen Aris von Ehrenfried aufgreifen in Arvia. Er hat bereits gestanden. Nirva von Sellim hat Aris von Ehrenfried dazu gebracht, einen Meineid zu schwören. Er wollte hier, in der Silberzitadelle, im Angesicht von Janus und Idalia, schwören, dass alles wahr ist, was Nirva gesagt hat.“ Ein Raunen ging durch den Raum. „Ich kenne diesen Devin. Er dient in der Kavallerie. Ein verwöhnter Schnösel, beinahe wie ein Kind, und was für einen Ruf er hat…“ rief einer der Inquisitoren. „Auch ich kenne Devin von Tarrun. Er ist ein gebildeter, belesener und höflicher Mensch. Ich habe schon einmal mit ihm gesprochen, und er kennt die Lehren der Zwei vielleicht besser, als manch einer hier. Nur, weil er ein Mensch mit einem…nun ja, unflätigen Lebensstil ist, darf man ihn dafür nicht verurteilen. Er ist fest im Glauben, und alles, was diese Angelegenheit ins Rollen gebracht hat, war das gekränkte Ego einer verschmähten Frau mit äußerst zweifelhaftem Ruf. Schließlich hat sie Aris von Ehrenfried versprochen, sein Flehen zu erhören. Ich weiß, dass schon mal das eine, oder andere Auge zugedrückt wurde, weil jemand eine reiche oder einflussreiche Familie hinter sich stehen gehabt hat. Aber darf sich die Inquisition davon Einhalt gebieten lassen? Können sich Menschen neuerdings durch Geld Absolution erkaufen? Die Schriften sprechen strikt dagegen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Ich danke für euer Gehör.“ Aelis setzte sich wieder und allgemeines Murmeln erscholl. „Danke, Aelis, für deine offenen Worte. Ich bin ganz bei dir“ begann Großmeister Amon. „Clemburg, Urbach, ihr beide nehmt euch der Angelegenheit Nirva von Sellims an. Aelis. Auch, wenn ich nicht an deiner Urteilsfähigkeit zweifle… Doch Gerüchte kommen nicht von ungefähr. Ich möchte, dass du ein Auge auf Graf Devin von Tarrun hast. Finde heraus, ob an der Anschuldigung nicht doch etwas dran ist. Wir werden Nirva von Sellim in Gewahrsam nehmen. Sie wird eingehend befragt und unter Arrest gestellt. Selbst, wenn sich die Anschuldigungen nicht bewahrheiten, du hast völlig Recht, sie hat sich der Lüge und des Verrats an den Geschwistern schuldig gemacht. Mit der Inquisition legt sich niemand leichtfertig an!“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mo, 21. Nov 2016 20:00

Es war schon weit nach Mitternacht, als Devin noch immer bewegungslos in seinem Sessel vor dem Kamin saß, dessen Feuer bereits heruntergebrannt war, so dass der Raum in tiefe Schatten gehüllt war. Millies Pension war ein kleines, aber sehr gepflegtes Haus. Neben den Räumen, die Millie selbst bewohnte und der Küche, in der die Hausherrin die köstlichsten Speisen zubereitete, gab es nur fünf Gästezimmer, ein Esszimmer und den Gesellschaftsraum (wie Millie ihn nannte) mit einem großen offenen Kamin, um den sich ein halbes Dutzend gemütlicher, plüschiger Sessel scharte. Devin war gerne hier. Millie, die ähnlich üppig ausgestattet war wie ihre ganze Einrichtung, legte Wert auf Sauberkeit und Verschwiegenheit und hatte etwas Mütterliches an sich, das Devin seine ganze Kindheit über vermisst hatte.

An diesem Tag waren Devin und Varon die einzigen Gäste und eben jener Varon kehrte nun zurück, schimpfte über die lausige Kälte und versuchte erfolglos, die klammen Hände an der nur noch schwach glimmenden Glut im Kamin zu wärmen. „Alles in Ordnung?“ fragte er Devin, dessen schlechte Laune sich deutlich in seinem Gesicht widerspiegelte. Dann fiel Varon etwas ein und er kramte in seiner Tasche nach einem kleinen Päckchen, das er Devin mit den Worten: „Das Zeug ist hier gar nicht leicht zu bekommen“ überreichte. Devin nahm es wortlos an sich und legte es auf den mit mehreren kitschigen Figuren überladenen Beistelltisch. „Und? Wie geht es deiner Schwester?“ fragte Devin mit einem finsteren Unterton und Varon erstarrte sichtlich. „Du hast sie gesehen?“ „Ja und ich denke, du solltest vorsichtiger sein. Sie hier zu treffen, öffentlich, noch dazu in einer gut gefüllten Taverne, ist für alle Seiten gefährlich. Die heilige Inquition hat ihre Augen und Ohren überall“, zischte Devin und funkelte Varon streitsüchtig an. Varon, dem eine Antwort dazu auf der Zunge lag, schluckte sie gerade noch rechtzeitig herunter und schwieg dazu. Er kannte seinen Herrn gut genug und wusste, wann Devin schlecht aufgelegt war und wann es besser war zu schweigen.
„Ich habe genug anderes am Hals und kann es mir derzeit nicht leisten, dass mein Leibwächter mit einer gesuchten Verräterin zusammen gesehen wird. Der kleinste Zusammenhang könnte uns den Hals kosten“, fuhr Devin ärgerlich fort und Varon nickte langsam. Da liegt also der Hund begraben, dachte Varon und ließ sich seufzend auf der Lehne des Sessels nieder, der dem von Devin gegenüber stand. Millie hätte ihn dafür wohl umgebracht. Sie hasste es, wenn sich jemand auf den gehäkelten Deckchen niederließ, die sie über die Armlehnen zu platzieren pflegte. „Ah, es geht um Nirva, oder? Die Sache lässt dich gar nicht mehr los, stimmt´s?“, fragte Varon in beruhigendem Tonfall, als hätte er einen Kranken oder Irren vor sich, den es zu besänftigen galt. „Wenn du mich fragst, glaube ich, dass sie harmlos ist. Ihre Drohungen sind sicher nichts als Geschwätz. Ich meine, wir reden über Nirva! Zu einer Intige ist sie doch gar nicht fähig. Du kennst sie natürlich besser, aber sie schien mir nie die Hellste unter der Sonne zu sein.“ Varon zuckte mit den Schultern. „Aber wenn sie tatsächlich Ärger macht, gibt es Wege, sie zum Schweigen zu bringen. Ein Wort von dir würde genügen.“ Wieder ein Schulterzucken und ein fragender Blick zu Devin, der finster zurück starrte. „Auf keinen Fall wirst du oder jemand anderes in dieser Sache etwas unternehmen“, sagte Devin bestimmt, den schon das Angebot mehr unter die Haut ging als er Varon gegenüber je zugeben würde. Devin hatte nie tiefere Gefühle für Nirva, von Liebe ganz zu schweigen, aber die Frauen, mit denen er nicht nur eine Nacht verbrachte, ließen ihn gemeinhin auch nicht gänzlich kalt. Devin und Nirva waren Monate zusammen gewesen und es gab (wenn man das ganze nervige Getue und das ständige Gerede ausblendete) durchaus auch schöne Erinnerungen. Selbst wenn es jetzt so aussah als ob Nirva sich gegen ihn wandte, hielt ihn ein sentimentaler Zug davon ab, ihr schaden zu wollen.
Devin hoffte, dass Varons leichtfertig dahin gesprochene Worte ohnehin nicht ernst gemeint waren. Oder würden sie ihn vielleicht auch eines Tages zum Schweigen bringen, wenn er Probleme bereitete? Devin blickte unbewusst zu dem Päckchen mit dem Starrkraut. Manchmal war er sich nicht sicher, ob man ihm mit dem Kraut einen Gefallen tat oder ihn damit nur unter Kontrolle hielt. Aber dies waren die schwarzen Gedanken eines übermüdeten Mannes, der in den letzten Stunden versucht hatte, seinen Ärger im Rotwein zu ertränken. Devin vertraute Varon blind. Er war Devins ältester und einziger Freund und er liebte ihn wie einen Bruder.
„Nein, du hast Recht. Ich denke auch, dass sie nichts unternehmen wird. Das würde sie selber in den Fokus der Inquisition bringen und so dumm ist sie auch wieder nicht“, überlegte Devin laut.
„Außerdem kann sie gar nichts wissen“, stimmte Varon ihm zu. Während der Zeit, in der sie bei dir ein und aus ging, gab es nur zwei Besucher. Einer war nur ein paar Stunden in deinen Stallungen untergebracht und die kleine Halbelfe hatte strikte Weisung, die Küche nicht zu verlassen. Sie wurde darauf hingewiesen, ihre Ohren stets gut unter dem Tuch zu verbergen, dass die Mägde gemeinhin tragen. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Nirva sie gesehen hat und noch unwahrscheinlicher, dass sie daraus irgendwelche Schlüsse ziehen konnte.“ Devin nickte langsam und fühlte sich durch Varons Worte sowohl bestätigt als auch beruhigt. „Wahrscheinlich hast du Recht. Und es gibt nichts, was sie sonst in die Finger bekommen haben könnte.“ In diesem Punkt waren Varon und Devin sehr gewissenhaft. Kein Brief, kein Papier oder sonst etwas, was Verdacht erregen könnte, wurde im Haus oder auf dem Grundstück verwahrt.
„Ich gehe ins Bett“, entschied Devin, steckte das kleine Päckchen ein und erhob sich langsam. „Wir werden noch einen Tag länger hier bleiben. Ich werde mich morgen vorsichtshalber noch ein wenig umhören. Und du solltest abwägen, in wessen Gesellschaft du dich begeben willst“, fügte er warnend hinzu. Dana war ein rotes Tuch für Devin und das wusste Varon sehr genau. Daher verstand er Devins Verärgerung.
„Ich habe sowieso noch etwas anderes zu erledigen“, antwortete Varon geheimnisvoll und Devin schnaubte kopfschüttelnd. Das wollte er gar nicht wissen, denn sicher würde sie das auch nur in Schwierigkeiten bringen. Trotzdem drehte er sich in der Tür noch einmal um und sah Varon neugierig an. „Es geht um einen Kaufmann aus Trimarcia, einen seltsamen Kerl, der neuerdings einiges an Vermögen in Merridia anhäuft. Sieht fast so aus als wollte er sich dort niederlassen“, erzählte Varon im Plauderton.
„Erzähl mir sowas nicht“, grummelte Devin, doch Varon grinste nur. „Ich glaube doch, dass dich das interessiert.“ „Warum? Wer ist der Kerl? Was habt ihr mit ihm vor?“ „Der bist du!“, antwortete Varon sichtlich amüsiert. „Devon Bartholomäus Zercandor. Die Papiere sind bereits in Arbeit. Aber es wird dich etwas mehr kosten als das, was du bereits gezahlt hast.“ „Was für ein scheußlicher Name!“ entfuhr es Devin entsetzt, aber ein spärliches Lächeln zeigte, dass ihm die Sache insgesamt gefiel. Eine zweite Identität hatte etwas Beruhigendes an sich, selbst wenn er sie nie brauchen würde.

Am nächsten Morgen besuchte Devin verschiedene Orte, die er auch für gewöhnlich aufsuchte, wenn er in der Stadt war, und hörte sich unauffällig um. Er erfuhr nichts Ungewöhnliches. Schon gar nichts zu seiner Person. Alles war wie immer. Allerdings hörte er die Geschichte von Estelles Entführung. Devin hörte sich das interessiert an. Angesichts der Tatsache, dass er durch Zufall den Brief an Aelis gelesen hatte, konnte er seine ganz eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Am Abend besuchte er die Taverne, die meist von Angehörigen der Zitadelle, Soldaten und Offizieren besucht wurde. Zu seinem Erstaunen sah er dort Aelis zusammen mit Darion Malistaer an einem der hinteren Tische sitzen. Und noch mehr erstaunte ihn, wie sehr er sich darüber freute, sie zu sehen. Devin ging zu ihnen und begrüßte die beiden. „Wer hätte das zu hoffen gewagt. So schnell sehen wir uns wieder….“, sagte er und lächelte Aelis charmant an, bevor er Darion höflich zunickte und den Moment abwartete, in dem sich durch einen Blick oder eine Gerste zeigen würde, ob er störte und sich zurückziehen sollte oder eingeladen wurde, sich zu ihnen zu gesellen. Aelis zögerte nicht lange und bat ihn, Platz zu nehmen. Zuerst sprachen sie nur über Belangloses wie das Wetter, den harten Winter, den Zustand der Straßen und das Rehgulasch, das nirgendwo so gut schmeckte wie hier. Allgemeines Blabla. Devin zögerte, nach Nirva zu fragen. Er wusste nicht, inwieweit Darion eingeweiht war. Daher wählte er zuerst das andere pikante Thema: „ Ich hoffe, Deine Schwägerin Estelle ist wohlauf? Ich hörte erst jetzt die ganze Geschichte ihrer Entführung. Die Dramatik der Ereignisse war mir während meines Aufenthalts auf Burg Ehrenfels gar nicht bewusst gewesen. Wahrscheinlich weil ich zu sehr mit mir selbst und Nirva beschäftigt war, fügte er gedanklich hinzu. „Und war nicht auch Eure Frau betroffen?“ fragte er weiter und sah von Aelis zu Darion. „Ich hoffe, sie hat es ebenso gut überstanden. Was für eine schlimme Sache! Aber sicherlich werden die besten Leute eingesetzt, um die zu finden, die das getan haben. Damit sie zur Verantwortung gezogen werden. Welch ein Glück, dass es so glimpflich ausging. Die heiligen Geschwister scheinen ihre schützenden Hände über die beiden gehalten zu haben“, sagte er ernst und blickte dabei betroffen und mitfühlend zwischen Aelis und Darion hin und her. Es kostete ihn etwas Mühe, den letzten Satz nicht ironisch klingen zu lassen, schließlich meinte er zu wissen, dass statt der Geschwister wohl eher deren Dienerin Aelis höchstselbst ihre Hände im Spiel hatte. Doch kein verräterischer Blick und nichts in seiner Stimme verriet diesen Gedanken.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Do, 24. Nov 2016 11:16

Aelis ging zu den Stallungen der Silberzitadelle, in welchen ihr Pferd stand. Immer noch in Gedanken versunken, sattelte und zäumte sie ihr Pferd selbst, nachdem keiner der Stallburschen zu sehen war. Von der Silberzitadelle, über den Fluss Aras, hinein in die Hauptstadt, war es nur ein Katzensprung, doch sie eilte sich, damit sie in die Stadt noch vor der Dämmerung kam, um nicht vor dem verschlossenen Stadtmauern zu stehen. Ihre Gedanken waren, während der silberweiße Schmmel schnaubend durch den Schnee trottete, nicht im Geringsten bei Nirva von Sellim. Denn die Vollstreckerin war im tiefsten Herzen davon überzeugt, das einzig Richtige getan zu haben. Niemand wagte es, die Inquisition an der Nase herumzuführen. Niemand. Und wenn doch, dann sollte jeder, der diesen Schritt gehen, die Konsequenzen am eigenen Leib spüren und erfahren. Gleich, ob er ein Bettler aus der Gosse oder der Priesterkönig höchst selbst wäre. Nein, ihre Gedanken drehten sich um Devin von Tarrun, und den Auftrag, welchen sie von Großmeister Amon erhalten hatte. Sie sollte ihn observieren. Bei den Geschwistern! Eine private Unterredung zwischen Devin und ihr, welche das eine oder andere Geheimnis und Gefallen betraf, war die eine Sache. Doch ein Auftrag der Inquisition war eine ganz andere Sache. Sie mochte Devin. Sie mochte ihn wirklich gerne. Und genau das machte es auch so reichlich kompliziert. Selbst wenn sie wollte, sie durfte sich ihm nicht anvertrauen. Jemanden zu beobachten und zu observieren war eine streng geheime Angelegenheit. Darüber durfte sie mit niemandem sprechen. Nicht einmal mit Darion. Auch, wenn er das vermutlich anders sehen dürfte. Das Unangenehme an der Sache war, dass Darion sie so gut kannte. Er wusste, wenn ihr etwas auf dem Herzen lag, oder wenn sie ihm etwas verheimlichte. Und ihr hätte gleich klar sein müssen, dass die Angelegenheit die Devin an sie herangetragen hatte, nicht so ohne weiteres vom Tisch sein würde, und das hatte sie Devin ja auch erklärt. Der Vorteil war, dass Großmeister Amon sie persönlich mit dieser Sache betraut hatte. Daher konnte sie alle Fäden ziehen, wie es ihr gerade passte. Der Auftrag an sich war ohnehin nur eine formelle Sache. Bei Devin würde sie nichts finden. Das war einerseits beruhigend, aber andererseits hinterließ diese Observation auch einen schalen Beigeschmack, weil sie Devin gegenüber nicht ehrlich sein konnte. Aelis seufzte, und eine dichte Dampfwolke stieg vor ihrem Gesicht in die Luft. Hatte sie nicht erst vor kurzem zu Darion gesagt, dass sie sich zusammenreißen müsse? Sie durfte sich von ihren Gefühlen nicht in die Irre führen lassen. Devin war nur ein Bekannter. Vielleicht ein angehender Liebhaber. Aber nicht mehr. Ihr Glauben und ihre Stellung verboten dies. Momentan war er noch ein freier Mann. Aber er hatte ihr erzählt, dass von ihm erwartet wurde, dass er baldigst eine Ehefrau fand. Somit hatte diese Beziehung, welcher Art auch immer, einen recht wackeligen Grund. Würde er erst verheiratet sein, galt es sowieso, ihm Lebewohl zu sagen. Denn eine Ehebrecherin war sie nicht. Der Bund der Ehe war eine heilige Angelegenheit, in welche sich niemand einmischen durfte. Die Geliebte zu sein wäre dann genauso schlimm wie die gehörnte Ehefrau, oder der gehörnte Ehemann zu sein. Dafür drohte einem die ewige Verdammnis. Aber vielleicht konnte sie diese kleine Liaison auskosten, bis es so weit war… Devin würde ja nicht bereits morgen ein verheirateter Mann sein. Aelis lächelte still bei diesem Gedanken, ganz gleich wie anrüchig er war. Sie ritt eine kleine Anhöhe hinauf und am Horizont tauchten die Umrisse der Hauptstadt auf. Mit der Zunge schnalzend trieb die Vollstreckerin ihr Pferd ein wenig an, und nach einer Weile fiel das Pferd durch die erneute Schräge talabwärts in einen etwas schnelleren Schritt.

Als sie die Stadtmauern passiert hatte, brachte sie ihr Pferd am Zügel in die Stallungen neben der Offizierskaserne. Nachdem sie den Stallburschen mit einer kleinen Münze dazu überredet hatte, sich besonders gut um den Schimmel zu kümmern, schritt sie durch die zweite Ringmauer in die eigentliche Stadt, auf dem Weg zum „Silberschwert“, jener Taverne, in welcher sie sich mit Darion verabredet hatte. Es war bitterkalt, und Aelis richtete den Kragen ihrer Uniform nach oben, um ihren Hals und Nacken vor dem scharf schneidenden Wind zu schützen. Die Arme vor der Brust verschränkt, beschleunigte sie ihre Schritte ein wenig, und die Aussicht auf einen heißen Gewürzwein taten ihr Übriges dazu. Nach wenigen Straßen, Ecken, und Gässchen, die sie hinter sich gebracht hatte, stand sie vor der Taverne „Das Silberschwert“, und betrat die Schankstube. Einige Tische standen dort, und auch einige lange Tische mit Bänken, an welchen sich hauptsächlich Soldaten und einige Offiziere aufhielten. Die meisten Offiziere kannte Aelis, und auch die Offiziere erkannten die Vollstreckerin. Man schenkte sich gegenseitig respektvolles Kopfnicken, doch Aelis, die Darion bereits an einem der Tische ausmachte, ließ es dabei bewenden und setzte sich sogleich zu ihm. „Guten Abend, Graf Malistaer. Ich hoffe, ich störe euch nicht?“ neckte sie ihn, während sie ihren Klappenrock auszog, da in der Schankstube durch den Kamin heimelige Wärme vorherrschte und ihr die Kälte aus den Gliedern vertrieb. Während sie den Klappenrock über die Stuhllehne legte, blickte sie sich um Schankraum um. Hier und da frönten einige Soldaten dem Glücksspiel, in dem sie mit Würfeln aus Knochen ihren Sold verspielten, oder in Bier oder Wein investierten. Sie mochte diese Taverne. Es war einer der wenigen Orte, an welchem der Vollstreckerin weder Angst noch Argwohn entgegen gebracht wurde. Aelis strich sich die darunter befindliche weiße Tunika glatt und rutschte mit dem Stuhl ein wenig näher an den Tisch heran. „Was trinkst du da? Bier?“ linste die Arcanierin in den Krug ihres Freundes und entschied sich dann doch für einen heißen Gewürzwein. Sie hob die Hand, um den Wirt heranzuwinken, und ließ sich dann noch zu einem Rehgulasch verführen, der ihr als Tagesspezialität nahe gelegt wurde. Sie hatte ohnehin das letzte Mal in der Früh etwas zu sich genommen, so dass sie kaum ablehnen konnte. Nachdem der Wirt ihr beides gebracht hatte, probierte sie zuerst von dem Gewürzwein, und dann widmete sie sich ihrem Gericht. „Also, du möchtest wissen, was meine Pläne der nächsten Zeit sind?“ hob sie mit gedämpfter Stimme den Faden ihres letzten Gespräches wieder auf. Gewohnheitsmäßig wandte sie sich um, um zu prüfen, ob nicht jemand unbemerkt lauschte, doch keiner schien sich um die beiden zu kümmern. „Ich habe den Stein ins Rollen gebracht…“ beugte sich Aelis, die auf dem Stuhl zu Darions Linken saß, näher zu ihrem Freund. „Heute, im Rat der Inquisition habe ich die Angelegenheit mit diesem Aris von Ehrenfried und Nirva von Sellim vorgebracht.“ Sie hob warnend die Hand „Misch dich da nicht ein, und behalte es gefälligst für dich. Du weißt, dass ich dir eigentlich nichts erzählen dürfte. Aber dann hätten wir ja gar nichts mehr zu besprechen, und darüber hinaus wärst du wieder einmal schwer beleidigt, weil ich dich nicht ins Vertrauen ziehe. Also… Zwei Vollstrecker wurden damit beauftragt, sich um Nirva zu kümmern. Aris sitzt bereits ein…“ Aelis konnte eine gewisse Genugtuung nicht verbergen. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie von Nirva nicht viel hielt. Und jetzt… Die ehemalige Geliebte von Devin, durch ihre eigene Schuld in den Händen der Inquisition… Das Schaf war selbst zur Schlachtbank gegangen. Aelis‘ Mitleid hielt sich jedenfalls in Grenzen. „Sieh‘ mich nicht so an. Das ist nichts Persönliches gegen Nirva. Hätte sie sich nicht versündigt gegen die Zwei, hätte ich keinen Grund gehabt. Du weißt, was ich bin, und warum ich es tue, und was ich tue, geschieht stets aus Überzeugung.“ Sie nahm einen Schluck vom Gewürzwein und schob den leeren Teller von sich. Sie sprachen noch über dieses und jenes Belangloses, als eine bekannte Stimme an ihr Ohr drang. „Guten Abend. Wer hätte das zu hoffen gewagt. So schnell sehen wir uns wieder…“

Aelis hob überrascht den Kopf und blickte in Devins graublaue Augen und erwiderte sein Lächeln. Und vergessen waren alle Vorsätze, sich diesen Grafen langfristig aus den Kopf zu schlagen. Schon sein Lächeln war einfach unwiderstehlich, von seinen geschickten Händen und anderen Körperteilen einmal abgesehen. Insgeheim ärgerte sie sich, dass sie sich in diesem Punkt nicht von Nirva und vermutlich noch vielen vielen anderen Frauen unterschied, die ihm ebenso verfallen waren. Sie fragte sich insgeheim, mit welchen Frauen er derzeit sonst noch verkehrte. Auch, wenn sie ihn eher als Freund mit besonderen Vorzügen sah, so konnte sie nicht leugnen, dass ihr dieser Gedanke nicht gefiel. Außerdem hatte sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Ahnung hatte, wohin sie dieses Spiel mit Devin treiben sollte. Zumal es ja auch ein gewisses Spiel mit dem Feuer war, was wohl der Grund war, warum sie sich auf ihn eingelassen hatte. „Ich habe es nicht zu hoffen gewagt. Guten Abend, Devin“ antwortete sie schmunzelnd seinem Gruß und als sie sah, dass er nicht in Gesellschaft war, machte sie eine einladende Geste. „Bitte, setz dich doch zu uns.“ Die klassischen Floskeln die stets Gespräche einleiteten, folgten. Über das Wetter, den harten Winter im Allgemeinen, und dergleichen. Doch Aelis, die den Neuankömmling eingehend musterte, erkannte an seinem Mienenspiel, dass ihm etwas auf der Seele lag. Es war naturgemäß naheliegend, dass es dabei um die Angelegenheit mit der Inquisition und Nirva ging. Ob er es schon wusste, dass Nirva ihre Drohung tatsächlich wahr gemacht hatte? Nein, so schnell drangen Neuigkeiten aus dem Rat der Inquisition nicht nach draußen. Selbst wenn Devin in der Kavallerie diente, so würde es wahrscheinlich noch einige Tage dauern, bis sich die Kunde verbreitet hatte. Jedoch hatte sich die Entführung von Estelle und das kurzzeitige Verschwinden von Darions Frau bereits herumgesprochen, denn Devin begann darüber zu sprechen. „Ich muss gestehen, ich weiß nicht, wie es meinem Bruder geht, ich hatte leider noch keine Gelegenheit, ihn zu besuchen. Ich hatte viel zu tun im Dienste der Zwei, und nicht zuletzt im Dienste der Inquisition, wie du dir sicher denken kannst“ deutete sie mit einem vielsagenden Lächeln an. Devin sprach weiter, und er tat dies mit einer derartigen Ernsthaftigkeit und einem regelrecht übertriebenen Bedauern, dass Aelis ihm seine Worte nicht abkaufte. Darum beschwichtigte sie ihn mit einer Handgeste. „Es ist schon in Ordnung, Devin. Du übertreibst ein wenig… Bis auf einige Blessuren an Darions Frau ist niemand zu Schaden gekommen…“ Sie deutete dem Wirt mit einer Handgeste, dass er noch drei weitere Gewürzweine bringen sollte, ehe sie Devin verstohlen und erneut musterte. Es war eine interessante Zusammenkunft. Beinahe zu viel des Zufalls. Natürlich war gewiss, dass sie sich in absehbarer Zeit wieder getroffen hätten, damit die Vollstreckerin ihn über seine Bitte am Laufenden hielt. Aber ihn heute und hier zu treffen, das hatte sie nicht erwartet. Eine wahrhaft knisternde Situation. Aelis war sich ziemlich sicher, dass Devin, wenn Darion nicht zugegen wäre, sich nicht scheuen würde, sich nach Nirva zu erkundigen. Und sie war sich auch ziemlich sicher, dass sie Devin, von dem sie wusste, wie weit er von seinem Zuhause in Tarrun entfernt war, ohne Darions Anwesenheit gefragt hätte, wo er wohl heute seine Nacht verbringen würde. Aber Darion war nun einmal da, was die Angelegenheit ein wenig verkomplizierte. Auch, wenn Darion Bescheid wusste, und es ihn im Grunde wohl nicht interessierte, so scheute sie sich, diese Worte auch vor ihm anzusprechen. „Und? Was macht die Kavallerie?“ fragte Aelis Devin, und sie konnte es sich nicht nehmen lassen, Darion einen amüsierten und irgendwie auch triumphierenden Blick zuzuwerfen. Sie konnte es immer noch kaum glauben, in dieser Offizierstaverne ausgerechnet Devin getroffen zu haben. Der Wirt brachte die drei gewünschten, heißen Gewürzweine, und die Vollstreckerin trank ihren bereits erkalteten halben Wein in einem Zug aus, um sich in Ruhe dem neuen widmen zu können. „Du möchtest sicherlich wissen, wie es um deine Bitte steht, nicht wahr?“ begann die Arcanierin plötzlich, und blickte Devin seelenruhig an. „Ich kann deine Bedenken zerstreuen. Darion ist seit Kindestagen an mein bester Freund und engster Vertrauter. Ich vertraue nicht einmal meiner Familie mehr, als ihm.“ Aelis überlegte sich für einen kurzen Moment, was sie bereit war, Devin zu offenbaren. Sie hielt es nicht für klug, ihm zu erzählen, was Nirva betraf. Sie wusste schließlich nicht, wie Devin für Nirva fühlte. Vielleicht würde er versuchen, sie vorzuwarnen, wenn sie ihm jetzt erzählen würde, dass die arcanische Inquisition in diesem Augenblick schon auf dem Weg zur Familie von Sellim war. Es war zwar unwahrscheinlich, dass diese Nachricht den Weg zu Nirva vor der Inquisition finden würde, aber dennoch… „Nirva hat ihre Drohung wahrgemacht. Ich hätte es ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten. Auch, wenn ich sie kaum kenne, aber sie hat doch den bleibenden Eindruck hinterlassen, dass sie eine solche Drohung zwar aussprechen könne, aber dass sie dir wirklich schaden wollte, das habe ich nicht erwartet. Du musst sie wirklich sehr gekränkt haben…“ entfuhr es ihr mit einem gewissen Schalk in den Augen. „…das sie sogar deinen Tod riskieren würde, um ihr verletztes Ego zu streicheln. Oder aber sie ist wirklich so grenzenlos dumm, dass ihr nicht klar war, was eine solche Anschuldigung bringen würde? Gefährlich dumm, wenn du mich fragst. Ein gewisser Aris von Ehrenfried, der ein Verehrer Nirvas sein dürfte, hat sich von ihr dazu überreden lassen, nach Irukhan zu reiten und die Anschuldigung vorzubringen. Dafür wollte sie seinem Buhlen nachgeben. Jedoch muss ich sagen, dass die Ehre in diesem Punkt nicht mir gebührt…“ Aelis beschrieb eine deutende Handgeste auf Darion, „…denn es ist Darions Aufmerksamkeit zu verdanken. Er wurde auf ihn aufmerksam, und er hat mir davon berichtet. Lange Rede, kurzer Sinn, Aris wurde bereits verhört und wartet nun auf sein Urteil.“ Über Nirva schwieg sie sich aus. Schließlich verfügte Devin über ausreichende Intelligenz und Vorstellungsvermögen, was eine Anstifterin zu erwarten hatte, wenn der Komplize schon hinter Gittern saß und einem Urteil entgegensah. „Das ist aber noch nicht alles. Die Inquisition möchte, dass ich dich befrage. Natürlich verlangt sie das, man möchte doch wissen, ob an der Geschichte nicht doch etwas dran ist. Aber wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu befürchten, wie ich immer sage. Außerdem kann das Ganze auch im privaten Rahmen stattfinden, so dass du dir um dein Ansehen keine Sorgen machen musst.“ Aelis legte ihre Hände aneinander und lächelte Devin diebisch an „Also… wann wäre es dir Recht?“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mo, 28. Nov 2016 20:41

„Nein, nein! Du reist umgehend ab.“ Darion befand sich in einem hitzigen Streitgespräch mit seiner reizenden Frau. Die Tatsache, dass er sie zurück zu ihrem Anwesen schicken wollte, ohne sie zu begleiten, schien ihr nicht zu passen. „Oh nein, werde ich nicht! Du kannst mich nicht einfach abschieben.“ Leria lief aufgeregt im Zimmer umher. Das Stadthaus der von Avalés bot genügend Freiraum für Gäste, wobei Darion bezweifelte, dass sie irgendjemand im Haus NICHT hören konnte. Er bemühte sich so ruhig zu bleiben wie er konnte, aber er verstand diese Frau einfach nicht. „Es ist doch nur für eine Weile. Ich hab hier möglicherweise noch was zu tun.“ „Oh ja und deshalb soll ich allein Zuhause herumsitzen.“ Darion lachte laut auf. „Seit wann schätzt du meine Anwesenheit dermaßen?“ Seine Frau warf ihm einen giftigen Blick zu. „Tu ich nicht. Aber die von deinem Kumpan noch weniger.“ „Tiros wirkt manchmal etwas grob,“, meinte Darion ruhig, „aber er ist eben kein Arcanier. Was erwartest du von ihm?“ „Soll mich das etwa beruhigen?“, fragte sie skeptisch und fing an, einen ihren Armreifen nervös von einer Hand zur anderen wandern zu lassen. Offenbar war ihr wirklich unwohl bei dem Gedanke „Du kannst die Hunde mitnehmen.“ „Wunderbar, die sabbernden Monster wuseln auch noch um mich herum.“ Darion verdrehte die Augen. Was hatte dieses Weibsbild nur? „Meine Güte Frau! Geh einfach!“, rief Darion wütend. „Leck mich!“ „Erst wenn du machst was ich sage.“ Sie warf ihn mit dem Armreif ab. „Schwein!“ Darion fing den Reif bevor der zu Boden fiel, auch wenn er sich etwas ungelenk bewegte, da seine Rippen schmerzten. Offensichtlich kam er ihr mit Besorgnis nicht weiter, also versuchte er sie zu umgarnen. Ein eigentlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, aber dennoch, er konnte sie hier nicht brauchen. Zwar glaubte er, man würde ihr nicht mehr nachstellen, aber je weiter sie von der Zitadelle fort war, desto beruhigter war er. „Irgendjemand muss sich um unser Einkommen kümmern, Leria. Unsere Leute sollen arbeiten, nicht faulenzen. Du bist die einzige Person die soviel Autorität hat wie ich. Also, wen sollte ich sonst schicken?“ Misstrauisch starrte sie ihn an. „Du könntest ihnen selbst Feuer unterm Hintern machen. Aber gut, du willst mich loswerden, bitte sehr. Aber wenn du dir irgendeine Krankheit einfängst komm ja nicht zu mir.“ Ungläubig blickte Darion seine Frau an. „Bist du etwa eifersüchtig? Seit wann schert es dich, was ich tue?“ Die Antwort blieb sie ihm schuldig, denn sie stürmte einfach hinaus, ohne ein weiteres Wort. „Die Hunde nimmst du trotzdem mit!“, rief er ihr noch hinterher.
Wenig später stampfte Darion durch die Straßen der Hauptstadt, den Kopf gesenkt und einen Umhang um Schultern und Kopf gewickelt. Zwar hatte es aufgehört zu schneien und zu stürmen, aber eine leichte Prise wehte dennoch und pfiff unangenehm in den Ohren. Die Taverne war ihm wohl bekannt, ebenso wie er dort wohl bekannt war. Kaum das er ins Warme getreten war, hörte er schon den Wirt. „Malistaer? Euch hab ich ja ewig nicht gesehen.“ Ein zwei Köpfe zuckten in Richtung Tür, aber Darion scherte sich nicht darum. Er war es beinahe schon gewohnt in diversen Offiziers und Soldaten Treffpunkten erkannt zu werden. Einer der vielen Nebeneffekte, wenn man als Knappe eines geselligen Wahrheitsbringers aufwächst. Nicht das sein Mentor sich jemals der Trinkerei hingegeben hatte, aber man begab sich nun mal immer wieder mit diversen wichtigen Militärs in eine etwas gemütlichere Lokalität, wie diese hier. Mit freundlichem Nicken grüßte er die Anwesenden und schob sich dann zum Tresen. „Ja war mal wieder ein der Zeit.“ „Da wartet wer auf Euch. Oben im Dachgarten.“ „Der ist bei dem Wetter offen?“ „Natürlich nicht, aber der Kerl wollte sich in Ruhe mit Euch unterhalten. Ich räume Euch einen Tisch frei und bring Euch das Übliche oder habt Ihr nun Wein lieber?“ „Sehe ich aus wie ein herzoglicher Schnösel?“ Damit war alles gesagt und Darion begab sich nach oben. Er fragte sich wer da wohl so unbedingt mit ihm sprechen wollte und vor allem, woher dieser jemand wusste, dass er hier sein würde. Unwillkürlich verlangsamte er seine Schritte und als er die Tür nach draußen erreichte, schob er sie ganz vorsichtig auf. Er ärgerte sich ein wenig, dass er es immer noch für übertrieben gehalten hatte, sein Schwert anzulegen. Die Stadt sah von hier oben so schön aus wie immer, erst recht, da sich dieser weiße Schleier über sie gelegt hatte. Für einen Moment war er dem Anblick ganz verfallen, als ihm plötzlich jemand eine Hand auf die Schulter legte.
„JANUS!“, rief Darion erschrocken und zuckte zusammen. „Nicht ganz, aber danke für das Kompliment.“, meinte eine vertraute Stimme. Tiros grinste ihn breit an. „Du elender, ausländischer Wichser!“ „He he! Kein Grund mich zu beleidigen.“ Zornig stieß Darion ihn von sich. „Was machst du hier? Wer passt auf meine Vasallen auf?“ „Ich bitte dich, das sind Bauern! Die wissen gar nicht was sie tun sollen, außer zu arbeiten. Bleib geschmeidig.“ „Trotzdem. Ich hatte dich angewiesen -“ „Nur bei wichtigen Angelegenheiten zu kommen. Dir wurde ein Brief geschrieben.“ Tiros nestelte an seinem Gürtel herum und gab Darion eine Lederrolle. „Ist leider schon offen.“, meinte Tiros mit gespielter Unschuld. Darion schnaufte entnervt. „Du weißt, dass ich dich dafür töten sollte.“ „Ja. Wenn du eine Chance gegen mich hättest.“ „Jetzt sag schon was in dem Brief stand.“ „Dein Onkel schreibt, seine Tochter sei Schwanger und er bittet um Geld.“ „Schon wieder?“, fragte Darion ungläubig. „Keine Ahnung, stand so im Brief.“ „Was habe ich nicht für eine tolle Familie oder? Mein Onkel der ritterlich Säufer, sein Sohn der masochistische Fanatiker und seine Tochter die Hure, die bereits den zweiten Bastard ausbrütet.“ „Und? Schickst du ihnen Geld?“ „Natürlich nicht.“

Darion saß bei einem Bier wieder unten an einem frisch gesäuberten Tisch und rollte geistesabwesend die Lederrolle in den Händen. Tiros hatte er verjagt, denn er wollte ungestört mit Aelis reden, wenn sie dann mal auftauchte und was auch immer sie zu berichten hatte. Sein Kumpan hatte sich frech an den Tresen gesetzt und warf ihm immer wieder mal einen Blick über die Schulter zu und signalisierte ihm, dass er noch einen auf Darions Wohl und Rechnung trank. Wie so oft fragte sich Darion wieso der diesen Arsch eigentlich so gut leiden konnte. Er bemerkte nicht einmal das Aelis geradewegs zu ihm kam. „Du und stören? Ist Janus Idalias Schwester?“, gab er grinsend zurück. Während sie es sich gemütlich machte, steckte er den Brief weg, am liebsten hätte er ihn ins Feuer geworfen.  „Was trinkst du da? Bier?“ „Ja natürlich. Bin ich ein von Avalé? Kann ich in Wein baden und Kindertränen trinken? Oder macht ihr das anders herum?“ Aelis bestellte sich etwas zu essen. Eigentlich müsste er auch hungrig sein, aber aus irgendeinem Grund war ihm gar nicht danach. „Gibt's was Neues?“, fragte er beiläufig. Sie erklärte ihm, dass die Inquisition bereits in Aktion getreten war und das er sich da ja raus halten sollte. Immerhin dürfte er von der ganzen Sache nichts wissen, eigentlich, aber aus Rücksicht auf seine Gefühle machte sie eine Ausnahme. „Diesmal begehst du ja keinen Verrat...“, nuschelte er in seinen Bierkrug und nahm einen ordentlichen Zug und sah sie wissend an, als sie meinte Nirva stand eine Böse Überraschung bevor. „Sieh‘ mich nicht so an. Das ist nichts Persönliches gegen Nirva. Hätte sie sich nicht versündigt gegen die Zwei, hätte ich keinen Grund gehabt. Du weißt, was ich bin, und warum ich es tue, und was ich tue, geschieht stets aus Überzeugung.“ "Ach und das deine Konkurrenz ausgestochen wurde, schert dich überhaupt nicht? Ist dir völlig gleich? Jetzt hast du deinen Liebhaber ganz für dich.“
Und kaum das von ihm die Rede war stand er auch schon vor ihnen, charmant und höflich, so wie Darion ihn auf der Hochzeit kennen gelernt hatte. Es verstand sich von selbst, dass er ihm die gleiche Höflichkeit entgegenbrachte und hielt sich freundlicherweise sehr zurück, damit Aelis das Gespräch aufnehmen durfte. Er erkundigte sich nach dem Wohl der kürzlich verschwundenen und wieder aufgetauchten Damen, wobei er ein wenig zu freundlich wirkte um ernsthaftes Mitgefühl zu hegen, fand Darion jedenfalls, aber das konnte er ihm nicht verübeln. Ihm waren die Angelegenheiten Fremder ebenso gleich. „Es ist schon in Ordnung, Devin. Du übertreibst ein wenig… Bis auf einige Blessuren an Darions Frau ist niemand zu Schaden gekommen…“ , tat Aelis dieses unleidliche Thema ab. Darion blickte sie etwas überrascht an. „Immer wieder wunderbar zu hören, wie viel dir an dem Wohl meiner Liebsten liegt.“ Darion schüttelte den Kopf, musste aber lächeln. Ihm kam es beinahe so vor, als sei Aelis etwas aufgeregter als zuvor und vermutlich wäre es ihr am liebsten, wenn Darion sich verziehen würde, aber diesen Gefallen würde er ihr nicht erweisen - noch nicht. Zuvor gebot es ihm die Freundschaft, diese Situation auszukosten.  „Und? Was macht die Kavallerie?“ fragte Aelis und Darion vergrub den Kopf in den Händen. „Janus steh mir bei...“, hauchte er. „Sie reitet Aelis. Es ist die Kavallerie, was soll die schon tun? Nichts für ungut Euer Gnaden, aber so ist es in Friedenszeiten.“ Er verstand nicht wieso Aelis so gut gelaunt über ihre Äußerung war. Das war ein unterirdischer Gesprächseinstieg. Zum Glück brachte der Wirt in diesem Moment Nachschub an Wein. Darion fackelte nicht lange und kippte das dampfende Zeug zu dem Rest seines Bieres. „Schaut nicht so, das schmeckt besser als ihr glaubt.“, rechtfertigte er sich, ehe jemand von ihnen seinen Geisteszustand infrage stellen mochte. Endlich kam Aelis auf den Punkt. Ein wenig amüsiert schnaufte er, als sie sagte wie sehr sie ihm vertraute, aber ansonsten hielt er sich zurück. Es war überaus interessant was er da hörte, sie hatte ihm nichts davon gesagt, das SIE nun IHN befragen sollte. Zwar bezweifelte er das Devin glühende Stangen rektal eingeführt bekommen würde, aber nichts desto trotz. „Also… wann wäre es dir Recht?“, fragte ihn Aelis mit einem eindeutig zweideutigem Lächeln. Darion seufzte theatralisch. „Bei den Geschwistern, Aelis. Frag ihn doch einfach, ob er bei dir schlafen möchte. Seine Gnaden hat eine weite Reise auf sich genommen um seinen Pflichten gerecht zu werden, wird dann auch noch in so eine missliche und delikate Lage gebracht. Es ist doch das mindeste, dass du ihn in euer Haus einlädst. Er hatte eine freundlich gesinnte Gastgeberin und ihr einen Ort zum reden.“ Darion hoffte das er die Worte nicht zu offensichtlich betonte und setzte das süßeste Lächeln auf, zu dem er im Stande war. Einen Moment ließ er seine Worte im Raum stehen, bevor er die Stille zeriss. „Entschuldigt mich, ich muss austreten.“ Schwungvoll erhob er sich und stolzierte zum Tresen, nicht ohne hinter Devins Rücken Aelis einen halbwegs schadenfrohen Blick zuzuwerfen. Nach kurzem Gedrängel stand er neben Tiros. „Und? Noch nüchtern.“, fragte Darion. „Sicher, ich vertrage einiges. Wer ist denn der Kerl da bei euch?“ „Graf Devin von Tarrun. Wieso fragst du?“ Tiros zuckte mit den Schultern. „Nur so.“ Etwas war komisch daran wie er es sagte, aber Darion hatte es aufgegeben auf Andeutungen seitens seines Vertrauten einzugehen, denn nur in den seltensten Fällen kam da bei was herum. Tiros sog an seiner Pfeife und blies Darion den Rauch ins Gesicht. „Bah“, raunte Darion und wedelte mit der Hand den Rauch fort. „Was ist das denn für ein Zeug?“ „Irgend so ein südlicher Knaster. Wirkt total entspannend. Auch mal? Keine Sorge ist nichts schlimmes.“ Darion schob die Pfeife von sich weg. „Nein danke, ich bleibe bei meinem Weinbier.“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » So, 04. Dez 2016 17:46

Aelis und Darion wirkten sehr vertraut miteinander und Aelis bestätigte diesen Eindruck. Die beiden kannten sich seit Kindheitstagen und waren beste Freunde. Was sie nicht daran hinderte, sich gegenseitig mit dem ein oder anderen leicht bissigen Kommentar zu necken. Devin fragte sich unwillkürlich, ob die beiden was miteinander hatten in all den Jahren, die sie sich kannten. Devin ging davon aus, denn er kannte Aelis nicht gut genug, um zu wissen, wie wenige Männer es tatsächlich bisher in ihrem Leben gegeben hatte.
„Was macht die Kavallerie?“, fragte Aelis Devin und noch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, kam ihm Darion zu Hilfe. „Sie reitet“, sagte er und entlockte Devin damit ein sehr ehrliches Grinsen. „Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Danke, Darion“, sagte Devin und wollte seinen Becher heben, um Darion dankend zuzuprosten, als er in der Bewegung innehielt. Geschockt musste er mit ansehen, wie Darion den heißen Wein in sein Bier kippte. Devin hätte nicht entsetzter gucken können, wenn direkt vor seinen Augen ein Mord geschehen wäre. Es war einem Mord ja auch nicht unähnlich: Der heiße Wein beendete sein köstliches Dasein in einer Pfütze schalen Biers. Dass diese Mischung auch noch gut schmecken sollte, konnte Devin nicht glauben. Er schaute mehr als skeptisch, als Darion davon trank.

Wesentlich dramatischer war allerdings das, was Aelis nun berichtete. Nirva hatte ihre Drohung in die Tat umgesetzt. „Ich hätte es ehrlich gesagt nicht für möglich gehalten“, sagte sie und Devin nickte zustimmend. Ihm ging es genauso. „Wie es scheint, habe ich sie doch nicht so gut gekannt wie ich dachte. Man sollte eine Frau wohl nie unterschätzen“, sagte er leichthin.
Seine Miene wurde jedoch stetig ernster je mehr Aelis erzählte. Der Name Aris von Ehrenfried sagte ihm rein gar nichts und Devin konnte sich einen Nebenbuhler, Verehrer oder was auch immer beim besten Willen nicht vorstellen. Vielleicht ließ sein Ego das nicht zu. Devin hatte das Gefühl, als würden sie gar nicht von der Nirva sprechen, die er kannte, sondern von einer völlig anderen Frau. Er hatte sich wohl mehr in ihr getäuscht als er dachte. Oder er hatte sie wirklich mehr verletzt als er vermutet hatte. In einer hilflosen Geste zuckte er die Schultern und blickte finster drein. Nirva und dieser Aris hatten es sich selber zuzuschreiben, wenn sie nun in Schwierigkeiten waren. Devin sorgte sich mehr um sich selbst. Er hatte ursprünglich gehofft, die ganze unliebsame Angelegenheit hätte verschwiegener gehandhabt werden können. Am besten, indem Nirvas Anschuldigung als unbedeutende Bagatelle abgewiesen wurde und somit das Problem schnell in der Versenkung verschwand. Aber so lief es nun einmal nicht bei der Inquisition. Allem und jedem musste nachgegangen werden. Sie waren wie Hunde, die von einer möglichen Beute nicht abließen, wenn sie einmal Witterung aufgenommen hatten. Und nun war sogar er selber unbeabsichtigt in ihr Sichtfeld geraten.
Devin merkte, dass Aelis es ihm leicht machen wollte. Eine private Befragung. Er hatte wahrscheinlich gar nichts zu befürchten, denn Devin hatte den Eindruck, dass Aelis ihn mochte und ihm sicher nicht schaden wollte. Eher im Gegenteil, wenn er den zweideutigen Blick richtig deutete. Trotzdem sah Devin den Ernst dahinter. Das war kein Spiel. Mit der Inquisition war nicht zu spaßen, auch nicht, wenn sie in weiblicher, außerordentlich netter Form vor ihm stand und es unter Umständen sogar gut mit ihm meinte. Er durfte nicht den Fehler machen und Aelis unterschätzen. Doch das war schwieriger als gedacht. Aelis war auf interessante aber gleichzeitig äußerst beunruhigende Weise komplizierter als die Frauen, mit denen er sich zuvor eingelassen hatte. Es war ein Spiel mit dem Feuer und Devin verbrannte sich nicht gern.
Darion war es, der als erster das Wort ergriff: „Bei den Geschwistern, Aelis. Frag ihn doch einfach, ob er bei dir schlafen möchte“, begann Darion. Seine Mimik und entsprechende Betonungen machten schnell deutlich, dass er über das intime Verhältnis zwischen Devin und Aelis bestens Bescheid wusste. Und es allem Anschein nach nicht billigte. Oder zumindest genervt davon war. Jedenfalls interpretierte Devin das in Darions Verhalten hinein. Die plötzliche Flucht zur Theke war recht offensichtlich. Devin hob verwundert die Brauen in die Höhe. „Er ist doch nicht etwa eifersüchtig?“ fragte er sehr direkt und sah Aelis fragend an. Wenn er schon bei Nirva einen stillen Verehrer übersehen hatte, so wollte er den gleichen Fehler nicht sofort wiederholen, sondern lieber gleich Bescheid wissen.

Da sie nun allein am Tisch saßen, schwieg Devin zuerst und sah Aelis nur an. „Nirva will mich also tot sehen und du willst mich im Namen der Inquisition befragen…“, fasste er die Tatsachen knapp zusammen und lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück. „Ich habe wohl echtes Glück mit den Frauen…“, sagte er trocken mit einem müden Lächeln. „Es hat mir besser gefallen, dich nicht in der Rolle der Vollstreckerin zu sehen“, gab er zu und für einen kurzen Moment flackerte echtes Bedauern in seinen Augen auf, bevor seine selbstzufriedene Miene wieder die Oberhand gewann. „Aber gut. Befrag mich! Hier, bei dir oder gerne auch bei mir, wenn du mir die Ehre erweisen und mein Gast sein möchtest. Ich stehe jederzeit gerne und ganz zu deiner Verfügung…“ Der süffisante und sehr zweideutige Ausdruck in seinem Gesicht verschwand, als sich Devin plötzlich vorbeugte und Aelis sehr direkt und mit kühlem Ernst ansah. „Ich gehe von einer harmlosen Befragung aus. Keinem Verhör. Würdest du es mir sagen, wenn sie dich auf mich angesetzt haben oder ich in ernsten Schwierigkeiten stecke, Aelis? Wir wissen doch beide, dass man auch wenn man wie ich unschuldig bin, schnell in derartige Schwierigkeiten kommen kann. Wie du dir denken kannst, liegt mir nicht nur etwas an meinem Ruf. Auch alle meine Gliedmaßen sind mir lieb und teuer…“ versicherte er ihr und sah ihr forschend in die Augen. Was genau wollte Aelis eigentlich von ihm? Devin hatte im Grunde nicht den Hauch einer Ahnung.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 07. Dez 2016 19:38

„Janus steh mir bei… Sie reitet Aelis. Es ist die Kavallerie, was soll die schon tun? Nichts für ungut Euer Gnaden, aber so ist es in Friedenszeiten.“ Aelis hob pikiert eine Augenbraue, erwiderte aber nichts. Als Darion schließlich seinen Gewürzwein in sein Bier kippte, und Devon ehrlich schockiert dreinblickte, da grinste sie und zuckte sie schließlich mit den Schultern. „Denk dir nichts dabei, Devin. Die Malistaers wissen es nicht besser, sie sind alle Kulturbarbaren. Darum schicken sie die Knappen auch nach Avalé, und nicht umgekehrt.“ Doch so ausgelassen das Gespräch begonnen hatte, es war nun an der Zeit, sprichwörtlich die Hosen herunterzulassen. Auch, wenn Devon leichthin darauf antwortete, seiner Miene war zu entnehmen, dass er wirklich davon überrascht war, und dass ihm selbstverständlich nicht gefiel, was er da alles hörte. Und Aelis musste bestürzt feststellen, dass ihr der Gedanke, dass ihn das kränken könnte, nicht gefiel. Als er mit finsterem Gesicht dasaß, versuchte Aelis, das Gespräch wieder in lockerere Bahnen zu lenken und stellte ihm eine private Befragung in Aussicht. Und wieder war es Darion, der dem Ganzen die Krone aufsetzte. „Bei den Geschwistern, Aelis. Frag ihn doch einfach, ob er bei dir schlafen möchte. Seine Gnaden hat eine weite Reise auf sich genommen um seinen Pflichten gerecht zu werden, wird dann auch noch in so eine missliche und delikate Lage gebracht. Es ist doch das Mindeste, dass du ihn in euer Haus einlädst. Er hätte eine freundlich gesinnte Gastgeberin und ihr einen Ort zum reden. Noch bevor Aelis zu einer Antwort ansetzen konnte, erhob er sich auch schon, entschuldigte sich, und verschwand.“ Zurück am Tisch blieben Devin und eine säuerliche Aelis, die bereits bereute, Darion von Devin erzählt zu haben. Es gab eben Dinge, die selbst der beste Freund nicht zu wissen brauchte. Darion hatte schließlich eben einen Präzedenzfall hierfür abgeliefert, und Aelis beschloss, ihm künftig nichts mehr über ihre privatesten Angelegenheiten zu erzählen. Schließlich durchbrach Devin die Stille „Er ist doch nicht etwa eifersüchtig?“ fragte er sie, und für einen Moment blickte Aelis Devin verduzt an, und wartete darauf, dass er seine Frage als Scherz entlarven würde. Doch er tat es nicht, also schien diese Frage Ernst gemeint zu sein. Plötzlich musste Aelis laut auflachen. Sie lachte, bis ihr die Tränen über die Wange liefen. Etwas, was bei der Vollstreckerin nicht allzu häufig passierte, doch irgendwie war es ein schönes Gefühl, sich völlig ungezwungen geben zu können. Mit den Fingern wischte sie sich das Lachtränchen von den Wangen und versuchte, Devin wieder mit dem nötigen Ernst entgegen zu treten. „Verzeih…“ japste sie. „Wir reden hier von Darion… Darion! Er ist mir wie ein Bruder… Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass er nicht eifersüchtig ist. Er ist nur… kompliziert… Ich muss zugeben, dass meine Frage an dich ziemlich eindeutig war, und ich denke, er ist davon einfach genervt, weil er davon nichts wissen will. Es ist ja auch nicht so, dass ich es ihm einfach so erzählt habe. Du musst wissen, als du von Arvia abgereist bist, stand er plötzlich im Torbogen. Er kam unangemeldet, niemand der Diener hat mich davon in Kenntnis gesetzt, und er hat es einfach mitbekommen…“ Sie winkte mit der Hand ab, da sie es irgendwie seltsam fand, selbst wenn es Devin betraf, mit Devin über ihr Verhältnis, oder was auch immer sie da hatten, zu sprechen. „Aber lassen wir das…“

Für eine Weile schwiegen sie, und es war Devin welcher die Stille zwischen ihnen durchbrach. „Nirva will mich also tot sehen und du willst mich im Namen der Inquisition befragen…“ Aelis schüttelte den Kopf und antwortete zögerlich „Nirva war sicher nicht bewusst, was sie da lostreten wird… und ich… ich will es nicht. Ich muss…“ Sie unterließ es, ihm die Pflichten die mit der Inquisition verbunden waren, näher zu erläutern. Letztlich war es ein Dienst an den Geschwistern, und nicht in Frage zu stellen. Sie tat ihre Pflicht schließlich gerne! „Ich habe wohl echtes Glück mit den Frauen…“ sagte er mit einem müden Lächeln. Aelis konnte dazu nichts sagen. Sie kannte ihn schließlich nicht gut genug, um sich darüber ein Urteil bilden zu können, außerdem wusste sie ja nicht, wie er mit anderen Frauen umging. Ob es ihm nur um Spaß ging oder ob er bei gewissen Frauen mehr suchte, als sie zu geben bereit waren. „Es hat mir besser gefallen, dich nicht in der Rolle der Vollstreckerin zu sehen…“ sagte er plötzlich und seine Augen strahlten eine solche Ernsthaftigkeit aus, dass Aelis‘ Magen sich plötzlich flau anfühlte. Doch bevor sie sich auch nur eine Antwort zurechtlegen konnte, wechselte er wieder zu einer leichtfertigen, saloppen Stimmung. „Aber gut. Befrag mich! Hier, bei dir oder gerne auch bei mir, wenn du mir die Ehre erweisen und mein Gast sein möchtest. Ich stehe jederzeit gerne und ganz zu deiner Verfügung…“ Doch Aelis‘ Stimmung war unwiederbringlich dahin. Das flaue Gefühl im Bauch blieb und sie schüttelte sacht den Kopf. Zum einen, weil sie in Devins Augen etwas sah, das ihr nicht gefiel, und zum anderen, weil sich alles plötzlich so seltsam anfühlte. Zum ersten Mal im Leben zog sie plötzlich in Erwägung, ihre Pflicht wissentlich nicht zu erfüllen. „Das ist nicht lustig, Devin…“ hob sie an, sprach aber nicht weiter. Sie musste vorsichtig sein. Die Inquisition war kein Volksfest. Devin beugte sich vor und blickte sie ernst an. „Ich gehe von einer harmlosen Befragung aus. Keinem Verhör. Würdest du es mir sagen, wenn sie dich auf mich angesetzt haben oder ich in ernsten Schwierigkeiten stecke, Aelis? Wir wissen doch beide, dass man auch wenn man wie ich unschuldig bin, schnell in derartige Schwierigkeiten kommen kann. Wie du dir denken kannst, liegt mir nicht nur etwas an meinem Ruf. Auch alle meine Gliedmaßen sind mir lieb und teuer…“

Aelis erkannte, dass an der körperlichen Nähe die sie miteinander genossen hatten, mit einem Mal ein Haken war. Er erhoffte… nein, er erwartete, dass sie ihn warnte, wenn es für ihn gefährlich wurde. Auch, wenn er sie fragte, und nicht eine Feststellung äußerte. Ein unflätiger Fluch wanderte durch ihre Gedanken. Es war eine Zwickmühle. Wie konnte sie ihm jetzt in die Augen sehen und zugeben, dass die Inquisition sehr wohl wollte, dass sie ihn observierte? Auch, wenn er unschuldig war, durfte er nichts davon wissen. Sie setzte ein Schmunzeln auf „Nun, wem wären seine Gliedmaßen nicht lieb und teuer?“ versuchte sie den Einstieg auf seine Frage. Sie nahm den Weinbecher und trank einen Schluck daraus, um einige Sekunden zu gewinnen, bevor sie ihm antworten musste. Aelis wählte ihre Worte mit Bedacht. „Nehmen wir an, es wäre so… Wenn es so wäre, dann könntest du von Glück reden, dass ich es wäre, und nicht… zum Beispiel Anginor Lepos… der ist nämlich ein weitaus unangenehmerer Zeitgenosse, als ich… Aber… du kannst mir glauben, dass du nichts zu befürchten hast. Ich würde dir nicht schaden. Ich bin nicht Nirva, denn ich verfüge, den Geschwistern sei’s gedankt, über ausreichendes Denkvermögen“ scherzte sie. „Aber lass dir eines sagen. Ich mag dich, Devin, ich mag dich wirklich gerne. Doch wenn du dich jetzt vor mir fürchtest, und, wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich das gerade, und mir aus diesem Grund nur Freundlichkeit vortäuschst, weil du glaubst, du musst das tun, um dich selbst zu schützen, dann lass es bitte. Ich möchte nicht, dass du nur freundlich zu mir bist, weil du mich fürchtest. Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die mich mögen und nicht mich fürchten. Doch ich würde niemandem aus verletzter Eitelkeit heraus schaden wollen. Nur, wenn er es verdient, weil er schuldig ist. Das schwöre ich bei den Zweien. Und glaub mir, auch mir wäre lieber, ich wäre nicht die Vollstreckerin, die ich nun einmal bin.“ Oder, dass sie sich nie kennengelernt hätten. Dann wäre nämlich vieles einfacher. Erneut trank Aelis einen Schluck des Gewürzweins. „Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich bin heute eigentlich hierhergekommen, um einen netten Abend zu verbringen. Doch Darion benimmt sich heute wieder ganz wie ein Malistaer sich zu benehmen pflegt, und mir wird wieder einmal ein Spiegel vorgehalten, wer ich bin. Aber das alles ist nichts, was ein ordentlicher Wein nicht wieder ins rechte Licht rücken könnte. Jedoch nicht hier. Hier halten sich, wie du siehst, viele Offiziere und Soldaten auf. Hier muss ich mich benehmen. Doch wir könnten das in eine andere Taverne verlegen…“ lächelte sie verschmitzt. Sie wandte ihren Kopf zu Darion um und suchte seinen Blick. Als sie seinen Blick eingefangen hatte, deutete sie mit dem Finger auf ihn nickte sie mit dem Kopf Richtung Tavernentüre und formte mit ihren Lippen tonlose Worte. Wir gehen…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mo, 12. Dez 2016 0:03

„Vögeln die beiden miteinander?“, fragte Tiros nach einer Weile gerade heraus. Darion antwortete nicht sofort. Er war gebannt von einem Würfelspiel, dass sich ein paar niedere Offiziere lieferten. Dabei faszinierte ihn weniger das Ergebnis, als vielmehr die Ignoranz der Spielenden. Man versuchte mit allen Tricks einen Wert zu erzwingen, zählte wie oft man schüttelte, benutzte einen gewissen Winkel, machte irgendwelchen Firlefanz im festen Glauben, dass würde die Würfel wirklich beeinflussen. Wie bei allen falschen Göttern konnten Männer die Erlaubnis, nein das Privileg bekommen, Soldaten in die Schlacht zu führen, die nicht wussten das es den verdammten Würfeln scheiß egal wie sie geworfen wurden. Es war und würde immer purer Zufall bleiben. Tiros knuffte ihm gegen die Schulter als er nicht reagierte. „Huh? Wer?“, fragte Darion beinahe erschrocken. Der Kahlköpfige nickte zu Aelis und Devin. „Die da.“ Darion sah seinen Kumpan an, als hätte dieser völlig den Verstand verloren. „Selbstverständlich nicht. Sie ist eine Vollstreckerin.“, mahnte Darion streng. „Du lügst.“, meinte Tiros. „Nein tue ich nicht.“ „Doch tust du.“ „Nein...“, sagte Darion gedehnt, um das Thema abzuschließen. „Das Spiel können wir den ganzen Abend treiben, bis du es zu gibst.“ Darion blickte ihn etwas verwundert an. „Was interessiert es dich?“, sprach er die Frage aus, die ihm durch den Kopf geisterte und nahm einen Schluck. „Ich würd's mit ihr treiben.“ Darion verschluckte sich an seinem Weinbier. „WAS?“ „Ich mein ja nur. Ist eine wunderbare Möglichkeit Frust abzubauen.“ Tiros nahm einen tiefen Zug an seiner Pfeife und Darion nahm sie ihm gewandt aus der Hand. „Du hast genug von dem Zeug, du redest ja schon wirres Zeug.“ „Da kannst du nicht mitreden. Deswegen guckst du immer so grimmig. Du musst deinen Pinsel öfter mal benutzen.“, meinte Tiros und hob belehrend den Zeigefinger. Seine Pupillen waren viel zu groß für seine kleine Augen, fand Darion plötzlich. „Was ist mit dir los? Nenne die Dinge doch beim Namen. Pinsel... Und außerdem, ich benutze ihn so oft ich das will.“ „Ach ja? Wann war das letzte Mal?“ „Letzte Woche.“ „Verarsch mich nicht! Ernsthaft? Mit wem?“ „Meiner Frau natürlich!“ „Mach Sachen... das war das erste Mal seit...“ „Der Hochzeit, ja ich weiß. Kein Grund darauf herum zu reiten.“ Tiros grinste. „Nein, nein,“, meinte er und winkte ab, „das reiten überlasse ich ganz ihr.“ Darion sah seinen Freund finster an. „Anderes Thema bitte.“ Tiros nickte, als sie aus der Ecke lautes Gelächter hörten. Darion hatte Aelis ewig nicht mehr so herzlich Lachen sehen, jedenfalls nicht in aller Öffentlichkeit. „Über was die wohl reden.“ „Warte.“, meinte Tiros und schien sich zu konzentrieren. Darion überlegte kurz, was er wohl vor hatte, als ihm einfiel, dass Tiros mal meinte, er könne Lippenlesen. „Sie unterhalten sich über... darüber welche Stellung sie heute Nacht ausprobieren.“ „Dafür habe ich ihnen nicht den Freiraum gegeben!“, brauste Darion auf und ärgerte sich noch im selben Atemzug darüber, wie dumm er doch war. „Erwischt.“, grinste sein Freund. Darion gab ihm eine ins Genick. „Geh und hänge dich auf du Arschloch.“

Kurz nachdem er Tiros mit Schweigen gestraft hatte, drängte das aufgewärmte Bier, respektive der Wein, wieder nach draußen und Darion suchte eilends die Latrinen. Hier unterschieden sich gute Lokalitäten von schlechten. Es lag nicht daran, wie viele edle Tropfen man anzubieten hatte, teuren Wein konnte sich jeder Wirt kaufen, nein es kam darauf an, was mit der Pisse und Scheiße geschah, die die Gäste von sich gaben. Das 'Silberschwert' hatte es da sehr gut. Die Fäkalien wurden nicht einfach in irgendeinen Hof gekippt, wo sich dann die Schweine darin suhlen konnten, nein alles plumpste ihn eine gekachelte Rinne, die vom Fluss gespeist wurde. Die ganze Scheiße wurde fortgespült, in die unterirdischen Kanäle, nur um dann in den ärmeren Viertel wieder in den Fluss geleitet zu werden. So vermied man, dass alles rund um die Zitadelle nach den Hinterlassenschaften der tausenden Bürger stank. Darion wartete gerade ungeduldig darauf, dass der Mann vor ihm, der unter lautem Gegrunze versuchte seinem Mittagessen zum Abschied etwas Nachdruck zu verleihen, endlich fertig werden mochte. Den unappetitlichen Geräuschen zu urteilen, konnte das aber noch dauern. Um sich die Zeit zu vertreiben, kramte Darion den Brief hervor, den ihm sein Onkel geschickt hatte, denn obwohl seine Entscheidung bereits stand, wollte er doch noch einmal die Zeilen überfliegen.
Darion,
mein teurer Neffe, viel zu lange ist es schon her, dass wir miteinander gesprochen haben oder uns auch nur gesehen haben. Ich mache mir Sorgen um dich, wie es sich für einen liebenden Onkel gehört. Die Unwissenheit ob bei dir alles beim Rechten ist, beschert mir schlaflose Nächte. Um aufrichtig zu sein, gibt es noch viele andere Gründe, weshalb ich des Nachts kein Auge zubekomme. Mein Sohn, dein Vetter Dorian hat sein Erbe eingefordert nur um es dann diesem Bauernpack zu geben! Kannst du dir das vorstellen? Dutzende Pfund an Silber und Gold in den Händen von diesem Pöbel. Und meine Tochter erst, die Hure ist, wie du vielleicht schon weißt wieder einmal unehelich schwanger. Was soll ich nur mit solchen Bälgern, ach wärst nur du mein Sohn Darion. Meine Brust würde vor Stolz nimmer mehr Abschwellen. Ich weiß nicht weiter und sehe keinen Ausweg, als meinen Stolz zu verpfänden und dich um Hilfe zu bitten. Ich weiß, ein Onkel sollte seinem Neffen helfen, nicht umgekehrt, aber dies ist eine Ausnahme, das schwöre ich bei den heiligen Geschwistern.
Dein dich liebender Onkel Deren Malistaer.
Darion faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen und zerriss ihn fein säuberlich in kleine Fetzen, als die Tür aufging. „Also ich weiß nicht wer die Schlacht gewonnen hat.“, lachte der Kerl, der eine herbe Note hinter sich her zog, von der Darion etwas mulmig wurde. Er musste sich ganz schön zusammenreißen, nicht in das Loch vor sich zu kotzen. Zuerst warf er die Brieffetzen hinein und pisste dann metaphorisch auf seinen Onkel. Wer brauchte noch Feinde, wenn er so eine Familie hatte. Es war eine Schande, dass solche Leute den selben Namen trugen wie er. Wenn man es ihm gestatten würde, würde er sie alle drei aufhängen und die Bastarde im Meer ertränken. Aber zu ihrem Glück, hatte er einfach nicht den Nerv dafür, zu fragen ob er das durfte. Die Leute würden bestimmt gucken und man will ja nicht, dass die Nachbarn schlecht von einem reden. Nachdem er sich zur genüge erleichtert hatte, stampfte er missgelaunt wieder zurück in den Schankraum. Tiros lehnte immer noch am Tresen und beobachtete wie Aelis und Devin immer noch miteinander plauderten. „Hab ich was verpasst.“, fragte Darion um das Gespräch wieder aufzunehmen. Tiros schüttelte den Kopf. „Mir ist langweilig weißt du das?“, meinte der Kahlkopf missmutig. „Soll ich dir was sagen?“, fragte Darion mitfühlend. „Was denn?“ „Ist mir scheiß egal.“ Tiros nickte langsam. „Wie findest du ihn?“, fragte er und deutete auf Devin. „Ganz nett.“ „Ganz nett? Die Einrichtung hier ist ganz nett. Die billigen Huren vor der Stadt sind ganz nett. Ich habe eine etwas genauere Beschreibung erwartet.“ „Das ist das zweite Mal, dass ich ihn spreche, was erwartest du von mir.“ „Sauf mit ihm.“ „Was?“ „Sauf mit ihm und du lernst ihn kennen. Klappt fast immer.“ Darion ignorierte diesen Vorschlag, als er Aelis' Blick auffing. Sie formte irgendwas mit dem Lippen, was Darion erfolgreich als 'Vier Ehen' identifizierte. Vier Ehen, dass hätte er Devin nie zugetraut, denn bei allem Respekt, hatte Darion so ein paar Gerüchte gehört, von wegen Weiberheld und auch die Tatsache, dass Nirva eine Abfuhr erlitten hatte, wirkte diesem Gedankengang entgegen. Aber wie hieß es so schön, es kam auf den Ritter an, nicht auf die Rüstung. „Ich hätte nie gedacht, dass Devin vier Ehen hinter sich hat.“, meinte Darion anerkennend und fing einen irritierten Blick auf. „Wir gehen. Sie sagte, wir gehen.“, lachte Tiros. „Oh. Aber du kommst nicht mit, damit das klar ist.“

„Nun edle Herrschaften, Zeit für einen Lokalwechsel oder wie? Womöglich dorthin, wo man einer Vollstreckerin noch die nötige Ehrfurcht entgegenbringt und sich nicht zwischen überfüllte Tische quetschen muss? Und natürlich, wo keine unliebsamen Kollegen Aelis in ihrem Tun... unterstützen könnten. Ich denke Aelis weiß ganz genau, wohin ich euch jetzt führen werde. Und falls nicht, wird es ihr peinlich bewusst werden, wenn wir da sind.“ Die Taverne zur der Darion sie führte, lag in einem nicht mehr allzu vornehmen Viertel der Hauptstadt, es tummelten sich zwielichtige Gestalten in den Seitengassen, die teilweise Hals über Kopf die Flucht ergriffen, als sie Aelis sahen. Die Taverne hatten Darion und Aelis zusammen entdeckt, als er sie, kaum dass sie ihre Ausbildung zur Vollstreckerin begonnen hatte, jene Zeit in der er hier Fechtunterricht genießen durfte, dazu überredet hatte Blau zu machen und die Stadt mal zu erkunden. Damals gab es ein paar Auflagen, die die Suche bestimmten, hauptsächlich jene, dass die Weine erschwinglich sein sollten und die Taverne möglichst nicht in Sichtweite der Zitadelle sein sollte. Am Tag darauf hatte Darion die Abreibung seines Lebens bekommen, die er Zeit seines Lebens nicht mehr vergessen würde. Das Haus sah, am Rest der Stadt gemessen, hoffnungslos überfordert aus. Ein Fenster verrammelt, das Schild über der Pforte hing schief und das Geländer an der kleinen Treppe war auf einer Seite weggebrochen, wohl unter dem Gewicht eines raufenden Paares idiotischer Soldaten. Denn während im 'Silberschwert' die Offiziere ein und aus gingen, handelte es sich beim 'Gebrochenem Schild' um das Pendant auf Soldatenebene. Der Schankraum roch etwas strenger als der Vorherige, es stank förmlich nach ungewaschenen Leibern, Bier, Wein, Rauch und im Gegensatz zum anderen, nach billigem Duftwasser. Darion drängelte sich zum Tresen vor, klopfte einem Mann, der eine Suppe löffelte kameradschaftlich auf die Schulter. „Das dir bei dem Gesicht da nicht speiübel wird Freund, dafür hast du meinen tiefsten Respekt.“, grinste Darion und schaute den Wirt hinter dem Tresen frech ins Gesicht. Dieser säuberte eben ein paar Krüge mit einem schmutzigen Lappen und hob fragend eine Braue. „Vorsicht kleiner Mann, sonst werfe ich dich hochkant wieder raus.“ Der Wirt war ein wahrer Bär von einem Mann, nicht nur wegen der übermäßigen Körperbehaarung, sondern auch wegen der stattlichen Körpergröße. „Vorsicht Deker, ich habe eine Vollstreckerin im Schlepptau.“ Der Wirt schaute an Darion vorbei und lächelte Aelis freundlich an. „Guten Abend Aelis. Schön dich wieder zu sehen.“ Als Darion und Aelis diese Taverne entdeckt hatten, war Dekers Vater der Eigentümer, aber der war in den letzten Jahren verstorben und nun hatte es eben der Große übernommen. Nichtsdestotrotz war er damals an jenem Abend ebenfalls anwesend gewesen und war in Darions verschwommenen Erinnerungen ein entscheidender Faktor gewesen, weshalb Darions Erinnerungen so verschwommen waren. „Du hast doch sicherlich eine etwas gehobenere Ecke für uns oder?“, fragte Darion und der Wirt grinste. „Lustig das du es so formulierst.“ Tatsächlich hatte die Taverne ein zweites Geschoss, in dem sich eigentlich nur Zimmer für Gäste befanden, jedoch auch eine kleine Ecke, exakt über dem Schankraum, so dass man diesen wunderbar überblicken konnte, eine kleine Ecke also, voller Sitzkissen und einem kniehohen runden Tisch. Auf dem kleinen Stück Gang zu dieser Empore fiel Darion eine fehlende Tür zu einem Zimmer auf, die stattdessen mit einem dicken roten Vorhang verhängt war. Als Darion Deker darauf ansprach, meinte dieser nur, dass das nichts für verheiratete Männer sei. Die drei machten es sich so weit gemütlich, gaben Bestellungen auf und Darion war überrascht, als Deker einfach eine kleine Trittleiter im Schankraum nutzte, um ihnen die Becher gleich nach oben zu reichen, statt die gewöhnliche Treppe zu nehmen. Unter ihnen wurde gespielt, gesungen, gelacht und gestritten. Es ging nicht annähernd so gesittet zu, wie in der Offizierstaverne, aber hier fühlte Darion sich sichtlich wohl.
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Sa, 17. Dez 2016 10:47

Nachdem also völlig ausgeschlossen war, dass Eifersucht der Grund für Darions Aufbruch zur Theke gewesen war, hakte Devin diesen Punkt gedanklich ab. Darion war also wirklich nichts weiter als ein Freund. Das machte es unkomplizierter, denn es konnte enorm anstrengend sein, sich mit einem eifersüchtigen Nebenbuhler herumschlagen zu müssen. Während Aelis sprach, beobachtete Devin sie interessiert, als sähe er sie zum ersten Mal wirklich an. Ihr Lachen hatte ihn mitgerissen und seinerseits lächeln lassen. Er mochte es, wenn sie lachte. Und jetzt offenbarte sie ihm auch noch zögerlich, dass sie ihn eigentlich gar nicht befragen wollte, sondern es musste. Die Pflicht eben. Devin verstand das und schüttelte innerlich den Kopf. Aelis, die Vollstreckerin. Je länger er sie kannte, umso weniger konnte er sie sich als harte Handlangerin der Inquisition vorstellen. Wäre diese Frau in der Lage, ihn zu foltern um eine Aussage zu erzwingen? Devin konnte sich das partout nicht vorstellen. Zu seinem Glück hatte er allerdings noch nicht viele Vollstrecker kennengelernt. Seiner Ansicht nach lachten diese Leute jedoch nicht so wie Aelis lachte. Sie waren nicht so menschlich, so …niedlich…kam es Devin in den Sinn. Allein wie sie ihn ansah, während sie nach den richtigen Worten suchte. Sie scherzte sogar mit ihm, um ihm seine Sorgen zu nehmen. Oder seine Furcht, wie Aelis vermutete. Aber das Beste war: Sie mochte ihn. Devin lächelte breit. Sie mag mich. Das gefiel ihm am meisten.
„Nehmen wir an, es wäre so…“, beantwortete sie zaghaft Devins direkte Frage, ob sie von der Inquisition auf ihn angesetzt war. „Wenn es so wäre, dann könntest du von Glück reden, dass ich es wäre, und nicht… zum Beispiel Anginor Lepos… der ist nämlich ein weitaus unangenehmerer Zeitgenosse, als ich…“ Devin nickte zufrieden. Damit hatte sie seine Frage im Grunde beantwortet. Was Verhörtechniken anging, war Devin wohl auch nicht schlecht. „Das glaube ich sofort“, antwortete er. Von Anginor Lepos hatte er tatsächlich schon gehört. Der Mann schien ein Sadist der schlimmsten Sorte zu sein. „Sollte es in deiner Befragung darum gehen, wen ich zum sympathischsten Vollstrecker wähle, hast du auf jeden Fall meine Stimme“, scherzte er mit einem Augenzwinkern. Galgenhumor mochte Devin schon immer.
Natürlich fürchtete er sich auch. Devin wäre ein Idiot, wenn er keine Furcht vor der Inquisition hätte. Aber Aelis irrte sich, wenn sie dachte, dass er sie fürchtete. Er sah sie längst nicht mehr als Gefahr. Es konnte sein, dass er Aelis unterschätzte und sie in Wahrheit zu einer tödlichen Gefahr für ihn werden konnte, aber Aelis tat alles dafür, ihm vom Gegenteil zu überzeugen: „Ich möchte nicht, dass du nur freundlich zu mir bist, weil du mich fürchtest. Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die mich mögen und nicht mich fürchten. Doch ich würde niemandem aus verletzter Eitelkeit heraus schaden wollen. Nur, wenn er es verdient, weil er schuldig ist. Das schwöre ich bei den Zweien. Und glaub mir, auch mir wäre lieber, ich wäre nicht die Vollstreckerin, die ich nun einmal bin.“ Devin hätte ihr nach diesen Worten beinahe tröstend die Hand getätschelt. Es unterstrich genau die Meinung, die er sich bereits von ihr gebildet hatte: Sie war nett und im Grunde ihres Herzens ein guter Mensch, der guten Menschen nichts zuleide tat. Denen, die sich immer an die Regeln hielten. Was Devin nicht tat. Er lächelte schief. Aelis schaute ihn erwartungsvoll an. Er musste jetzt etwas antworten. So etwas in der Art, dass er sie auch mochte. Was tatsächlich der Fall war, aber er brachte es schwer über die Lippen. „Wenn ich dich nicht mögen würde, wäre ich in dieser Nacht nicht geblieben. Und ich würde hier nicht sitzen…“, gab er zu Bedenken und weil zu viele neugierige Augenpaare sie beobachteten, unterließ er es, seine Hand auf ihre zu legen. Stattdessen berührte er wie nebensächlich mit seinem Knie das ihre unter dem Tisch. „Ich fürchte dich nicht, Aelis. Dafür gibt es keinen Grund. Ebenso wenig wie für falsche Freundlichkeit“, sagte er mit leiser, warmer Stimme und setzte eine Miene auf, die Nirva mal spöttisch „das fiese Welpengesicht“ genannt hatte. Aelis mochte dies als Unschuldsbekenntnis aufnehmen. In Wahrheit zweifelte er noch immer daran, dass Aelis auch über eine bedingungslos harte und unnachgiebige Seite verfügte. Er konnte und vor allem er wollte sich das nicht vorstellen. Daher war es gut, das Thema zu wechseln. Noch besser war die Idee, gleich das Lokal zu wechseln.

Darion gesellte sich wieder zu ihnen und es war, als wäre mit dem Malistaer die gute Laune zurückgekehrt. Devin folgte ihnen willig in eine schummrige und leicht zwielichtige Seitengasse, zu einer Taverne namens „Gebrochenes Schild“. Das Haus versuchte dem Namen alle Ehre zu machen. Es sah ziemlich heruntergekommen aus. Was aber nichts zu bedeuten hatte. Devin kannte in Tarunnath eine Taverne ganz ähnlicher Art, in der er sehr gerne zu Gast war, den Wilden Eber oder in Kennerkreisen auch Kotzender Eber genannt. Daher fühlte er sich im Gebrochenen Schild gleich heimisch. Es war warm, laut und stickig und es roch vertraut nach Bier und Tabak, vermischt mit einem Hauch billigen Parfüms und Erbrochenem. Devin setzte sich auf einen knarzenden Stuhl auf der Empore und bestellte einen Humpen Bier. Er hatte gelernt, die Getränkewahl den Gegebenheiten anzupassen. Womit er aber nicht gerechnet hatte, war, dass zu den Spezialitäten dieses Hauses eine Reihe unterschiedlicher selbstgebrannter Schnäpse gehörten. Sie hatten interessante Namen wie Elfenschleim, Drachenblut oder Orkpisse und mussten natürlich alle durchprobiert werden. Einige mehrfach, weil man den Unterschied gar nicht sofort herausschmecken konnte. Dabei wurden die drei mit der Zeit immer lustiger. Sah man von einer kleinen freundschaftlichen Rauferei zwischen Devin und Darion einmal ab, in der es bei einer Runde „Chimairentränen“ weitestgehend darum ging, ob und wie sich Chimairen eigentlich fortpflanzen und was das mit dem Paarungsverhalten der Menschen zu tun hat (mit hauchfeiner Andeutung Darions auf hier anwesende Personen), so wurde es tatsächlich einer der lustigsten Abende, die Devin seit langem erlebt hatte. Sie lachten und alberten herum, je mehr sie getrunken hatten. Irgendwann gesellte sich ein junger Priester hinzu, der heute erst in seinem Amt bestätigt worden war und dies nun ausgiebig zu feiern gedachte, bevor morgen der Ernst des Lebens für ihn begann. Im Nachhinein konnte sich Devin nicht mehr daran erinnern, wie es dazu gekommen war, aber im Laufe des Abends begannen sie Wetten abzuschließen. Wetten unterschiedlichster Art. Zuerst ging es nur um Getränke. Dann um den Raum hinter dem roten Vorhang, hinter dem Darion für kurze Zeit verschwand, um wenig später mit einer Brünetten wieder hervor zu kommen, die eine beachtliche Oberweite zur Schau stellte und merkwürdigerweise mit Kräuterkeksen zu handeln schien, von denen einem ganz schwindelig wurde. Devin wäre einmal fast von der Empore gefallen, als er sich zu tief zu den Getränken hinunter beugte, die ihnen der Wirt mit Hilfe eines Hockers nach oben reichte. Woraufhin sie die geniale Idee entwickelten, mit einem großen Korb und einem Seil eine Art Lastenaufzug zu entwickeln, der von da an im Minutentakt auf und ab zu fahren schien. Nur dem Wirt Deker war es zu verdanken, dass sie davon abgehalten werden konnten zu probieren, ob Aelis in den Korb passte. Devin hätte das zu gerne gesehen, wie sie auf und ab fuhr, aber dazu kam es dann doch nicht und Aelis konnte ihre Wette nicht einlösen. Der junge Priester allerdings schon, aber ab da verloren sich Devins Erinnerungen an den Abend.

Als er erwachte, lag er in einem ihm unbekannten Zimmer auf einem ihm unbekannten Bett. Sofort blickte er erschrocken neben sich. Eine Bewegung, die seinem Kopf nicht gut tat, aber dennoch beruhigend war, denn wenigstens war die Frau neben ihm keine Unbekannte, sondern Aelis. Sie lag auf dem Bauch und war nackt, soweit er das unter dem Laken erkennen konnte und ein weiterer Blick bestätigte ihm, dass er selber auch nicht viel anhatte. Das wäre nicht weiter seltsam oder anstößig gewesen, wenn sich nicht außerdem zwei weitere Personen in dem Raum befunden hätten. Darion lag ein Stück weiter auf dem Fußboden. Neben ihm schnarchte die Brünette. Die beiden hatten zum Glück mehr an, sahen aber dennoch reichlich mitgenommen aus. „Eins muss man den Malistaers lassen…sie verstehen es zu feiern“, brummte Devin und es klang krächzend aus seinem Mund. Devin hatte Durst. So schnell es sein Brummschädel zuließ, bewegte sich Devin aus dem Bett, tastete nach seiner Hose und zog sie an, bevor er zuerst einen halben Liter Wasser trank und dann zum Fenster wankte, um zu sehen, wo er war. Sie befanden sich noch in der Taverne. In einem der Gästezimmer. Devin konnte sich nicht mehr erinnern, wie sie in das Zimmer gekommen waren. Und was sie dort gemacht hatten wäre sicher auch interessant zu wissen. Devin warf der Brünetten am Boden, die halb auf Darion lag, einen mulmigen Blick zu. Er setzte sich neben Aelis auf das Bett und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Da waren diese Wetten…und die vielen Schnäpse….und dann? Devin zermarterte sich sein Hirn, aber er kam nicht drauf. Vage erinnerte er sich daran, dass der Priester eine Rolle gespielt hatte und Devin einen Moment lang echte Furcht empfunden hatte. Er schluckte trocken und hoffte jetzt im Nachhinein, dass er nichts Falsches gesagt hatte. Oder sich mit Irgendwas verraten hatte. Zu schnell konnte einem etwas herausrutschen, was man später bereute. Das war nicht gut im Angesicht einer Vollstreckerin. Verdammte Scheiße! Ich bin so ein Idiot!, schimpfte er mit sich selber und wünschte sich, Varon wäre bei ihm gewesen. Sein Leibwächter konnte oft das Schlimmste verhindern. Blieb nur zu hoffen, dass im schlimmsten Fall die anderen ähnliche Gedächtnislücken aufwiesen wie er. Sein Blick fiel auf ein Dokument, das halb zerknittert auf dem Boden lag, besudelt mit einer undefinierbaren Flüssigkeit. Devin hob es auf und erschrak zutiefst.
„Aelis!“ Er rüttelte an ihr, hatte aber Schwierigkeiten sie zu wecken. Entgeistert starrte Devin weiterhin auf das Dokument, auf die darauf enthaltenen Unterschriften und das amtliche Siegel, während Aelis langsam zu sich kam. Er hielt ihr das Papier vor die noch blinzelnden Augen. „Ich glaube, wir haben ein Problem…“,sagte er dann trocken und atmete geräuschvoll aus.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » So, 18. Dez 2016 17:38

Aelis erwachte, als sie ziemlich unsanft hin und her geschüttelt wurde. Devins Stimme drang an ihr Ohr, bevor sie sich, aufgrund der kühlen Luft, die sie umgab, der Tatsache gewahr wurde, dass sie völlig nackt war. Noch bevor sie sich entsinnen konnte, wo sie eigentlich war, setzten sich die Wortfetzen die Devin mit aufgeregter Stimme in den Raum geworfen hatte, langsam und allmählich zu einem verständlichen Satz zusammen. Wir haben ein Problem Oh nein… nicht Probleme, bereits am frühen Morgen, mit dieser furchtbaren Übelkeit in ihren Eingeweiden, und mit diesem äußerst schmerzhaftem Brummschädel, der sie quälte. Bei den Geschwistern… wieviel hatte sie nur getrunken??? Zaghaft hob sie, immer noch in der Bauchlage, den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder auf die grobe Strohmatratze fallen. Sie versuchte es anders, drehte sich auf den Rücken, und blieb dann schlapp liegen. „Was… was…ist…denn…los?“ stieß sie schwerfällig hervor, während sie in Gedanken bereits versuchte, zu eruieren, wo sie war, und was am gestrigen Abend eigentlich vorgefallen war. Sie erinnerte sich nämlich an kaum etwas. Sie wusste noch, dass sie mit Devin am Tisch gegessen war, als Darion sich kurzzeitig verzogen hatte. Sie hatte sehr nett mit Devin gesprochen. Über unselige und erfreulichere Themen. Ein warmes Gefühl bereitete sich in ihr aus, als sie sich daran erinnerte, dass er ihr, wenn auch durch die Blume, vermittelt hatte, dass auch er sie mochte. Zur Unterstreichung dieser Worte hatte er sie mit seinem Knie berührt, und auch, wenn diese Geste ja vielleicht nicht einmal gewollt gewesen war, für Aelis hatte es sich so angefühlt, als hätte er sie niemals zuvor intimer berührt. Obwohl dies in keinem Fall der Tatsache entsprach, Aelis empfand es so. Sie konnte sich zwar nicht erinnern, dass er sie heute Nacht angefasst hatte, aber aufgrund der erdrückenden Beweislast, dass sie nackt in einem Bett lag, und Devin zugegen war, musste es so gewesen sein. Ihre Augenlider zu öffnen, war in diesem Augenblick ein Ding der Unmöglichkeit. Sie strengte sich sehr an, und ihr gelang ein vages Blinzeln. Devin hielt ihr ein Stück Pergament entgegen. Sie kniff sie Augen zusammen, und nahm das Schriftstück entgegen. Doch es schien tonnenschwer zu sein, und so ließ sie ihren Arm auf die Matratze fallen, und rieb sich mit dem Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand die Augenlider, in der Hoffnung, es würde helfen, dass sie endlich die Augen aufbekam. Es glückte, sie schlug langsam die Augen auf. Ihr rechter Arm hob sich wieder, und schob das Pergament in ihrer Hand vor ihr Gesichtsfeld. Bevor sie die Zeilen las, huschten ihre Blicke über das Siegel, das ihr sehr vertraut war. Es war das Siegel der Kaste der Wahrheitsbringer, und darunter die schwungvolle Unterschrift Acardo Elhan von Avalé, Wahrheitsbringer im Dienste der heiligen Geschwister und seiner Majestät, dem Priesterkönig. Dann wanderten ihre Blicke zur Kopfzeile des Briefes. Dort stand ihr Name. Entsetzlich förmlich, mit vollem Namen und voller Anrede. Es wunderte sie, dass Onkel Acardo ein derart förmliches Schreiben an seine Nichte verfasste. Nun, nicht über die Maßen ungewöhnlich. Eine Angelegenheit in Sache der Inquisition war meist förmlich. Doch wenn man bedachte, dass Devin dieses Schreiben mit ‚Problem‘ kommentiert hatte, dann konnte es nichts Gutes sein. Aelis brauchte sehr lange, bis sie das Schreiben, welches nicht sehr viele Worte enthielt, bis zur Mitte durchgelesen hatte, doch als sie da angekommen war, stockte ihr der Atem. Mit einem Male fühlte sie sich nüchtern, und wie von der Tarantel gestochen, fuhr sie aufrecht in die Höhe und stieß einen geschockten Fluch aus.
An
Aelis Idalia Amelya von Avalé,
Vollstreckerin im Dienste der heiligen Geschwister, und seiner Majestät, dem Priesterkönig

Aelis, ich bin tief geschockt, und über alle Maße wütend und enttäuscht. Du hast dich vergessen und versündigt, wie eine Dienerin der Zwei es niemals tun darf. Ich erwarte dich zur Mittagsstunde in der Silberzitadelle in meinen privaten Gemächern, wenn du wieder klar und bei Sinnen bist, zum Rapport. Ebenso erwarte ich Graf Devin Victor Eric Ignatius von Tarun, um ihm…


Acardo Elhan von Avalé,
Wahrheitsbringer im Dienste der heiligen Geschwister und seiner Majestät dem Priesterkönig
„Scheiße… Scheiße… Scheiße!“ rief Aelis, und ließ das Pergament los, als würde es brennen, wo es zackig zu Boden fiel. Ein welliger Fleck und verschwommene Tinte ließen die Worte, die nach Devins Namen geschrieben standen, beinahe unsichtbar werden. Aelis hatte nicht einmal gewusst, dass Devin so mit vollem Namen hieß. Aber ihr Onkel wusste es, und das war sowohl charakteristisch, als auch beunruhigend. Sie sprang aus dem Bett und wäre beinahe dort auf Darion gestiegen, der dort am Boden lag. Glücklicherweise deutlich mehr bekleidet als sie, doch eine Brünette hatte ihren Kopf auf seiner Schulter gebettet, und schnarchte in aller Seelenruhe… und sie trug ihren Klappenrock… ihren Klappenrock!? Und so, wie es aussah, hatte Darion Devins Gewänder übergestreift, obwohl es so aussah, dass sie bei Darion etwas strammer saßen. Bei den Geschwistern, was war nur in dieser Nacht passiert? Nur für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie sich Sorgen darum machen musste, dass Darion in diesem Zimmer mit dieser offenkundigen Hure lag, obwohl sie hier mit Devin ganz offensichtlich gevögelt hatte. In Anbetracht der schweren Worte auf dem Pergament konnte nicht einmal der Umstand, dass er sie vielleicht nackt gesehen, oder ihnen gar zugesehen hatte, oder sie alle zusammen vielleicht miteinander intim gewesen waren, die Angelegenheit noch schlimmer machen. Nein, Aelis wäre vermutlich alles andere als begeistert gewesen, wenn Darion neben ihr nackt auf dem Bett gelegen wäre, oder ihr nur beim Beischlaf mit Devin zugesehen hatte, doch das alles wären Dinge gewesen, die man in einer guten Freundschaft, wie sie mit Darion unterhielt, durchaus hätte bereinigen können, da es ja einen relativ guten Grund gab, der dies gerechtfertigt hätte, sie waren alle stockbesoffen gewesen... In Aelis‘ Kopf liefen sämtliche Gedanken Amok. Sie wusste nicht, was sie zuerst denken sollte. Sie wusste nicht, was sie überhaupt denken oder glauben konnte. Was war nur passiert? Aelis versuchte, klare Gedanken zu fassen, während sie sich jene Kleidungsstücke überzog, welche die Hure nicht an ihrem Körper trug. Sie hatten einen feuchtfröhlichen Abend verbracht. Es war sehr ausgelassen, lustig, und durchaus völlig überzogen gewesen. Aber das machte der Alkohol aus Menschen. Irgendwann war dann noch jemand zu ihnen gestoßen. Aber wer? Ein junger Mann, und mehr wusste sie nicht mehr. Die Vollstreckerin musste glauben, dass es die Inquisition war, die diesen Mann geschickt hatte. Vielleicht war es aber auch nur völliger Zufall gewesen. Ein Blick aus dem kleinen Fenster verriet, dass es längst Mittag war, und Onkel Acardo sie sicherlich schon erwartete. Es blieb keine Zeit mehr, für ein heißes Bad. Sie mussten dem Wahrheitsbringer, ob es sie nun wollte, oder nicht, so unter die Augen treten. Auch, wenn es zuerst galt, Devin oder aber Darion neue Kleidung zu beschaffen…

Ohne Klappenrock, dafür mit ihrer weißen Wolltunika, verhallten die Stiefelschritte der Drei durch den langen Gang der Silberzitadelle. Sie hatten nur wenig gesprochen seit dem Aufstehen. Es machte auch keinen Sinn, sich irgendwelche Worte, Ausreden oder Erklärungen auszudenken. Wohl keiner von ihnen wusste aufgrund ihrer Gedächtnislücken, was wirklich vorgefallen war, und was Onkel Acardo von ihnen wollte. Daher half alles nichts, sie mussten sich unvorbereitet in die Höhle des Löwen wagen. Vor den Gemächern des Wahrheitsbringers blieb Aelis stehen, und blickte Devin fest an. „Sprich nur, wenn er dich direkt anspricht, und dir eine Frage stellt. Den Rest überlasse mir. Und ich entschuldige mich jetzt schon für alles, was da kommen wird. Ich habe keine Ahnung, was uns erwarten wird…“ sagte sie ein wenig zaghaft, bevor sie ebenso zaghaft klopfte, und dann eintrat. Acardo Elhar von Avalé stand in stoischer Ruhe in der Mitte des großes Gemaches, die Hände vor sich gefaltet, und strahlte eine derartige Gelassenheit aus, dass man annehmen musste, sie wären zum Tee geladen. Als sich ihre Blicke trafen, verneigte sich Aelis vor ihrem Onkel. „Die Geschwister zum Gruße…“ sagte sie. „Du kommst spät, Aelis…“ erwiderte er und ließ seine Blicke über die beiden Männer schweifen. „Ah, Darion ist der dritte im Bunde. Na, das hätte ich mir gleich denken können… Darf ich euch etwas anbieten? Vielleicht ein Gläschen Schnaps?“ sagte er scharf, und nur der Gedanke daran ließ in Aelis Übelkeit aufkommen. Wortlos schüttelte sie den Kopf, was sie nach dem darauffolgenden Schwindelgefühl und den alles begleitenden Kopfschmerzen sogleich bereute. Nachdem einige Momente des Schweigens verstrichen waren, richtete er schließlich seine Worte an Aelis. „Ich bin enttäuscht, Aelis. Ich bin schockiert, und ich kann es einfach nicht glauben. Was hast du zu all dem zu sagen?“ Wozu zu sagen? Sie hatte keine Ahnung, worauf er da anspielte, was er wusste, und sie würde sicherlich nicht anfangen zu beichten, ohne zu wissen, was er wusste oder was er erfahren durfte. „Onkel… es tut mir leid, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was du von mir hören willst. Ich…wir… haben sehr viel getrunken, und ich fürchte, uns fehlt jegliche Erinnerung an gestern Abend…“ „Ich verstehe. Nun… Pater Jeromo!“ rief er, und aus dem Schatten an der Wand trat ein junger Mann, der jenem, welcher sie gestern ein Stück weit des Abends begleitet hatte, sehr ähnlich sah. „Pater Jeromo… wollt ihr meiner Nichte erzählen, was ihr den gestrigen Abend beobachtet habt?“ Dann blickte er Aelis an. „Du bist so farblos im Gesicht… möchtest du dich nicht lieber setzen?“ Aelis nickte, und trat an den Tisch heran, der in der Mitte des Raumes stand, und ließ sich auf einem der Stühle nieder. Die Arme verschränkte sie auf dem Tisch, und wartete angestrengt, bis der Zeuge zu sprechen beginnen würde. „Nun…“ begann der Mann. „Gestern Abend suchte ich eine Schenke auf, um auf den heutigen Tag einen Becher Wein zu trinken. Ich wollte nicht feiern, nur ein Glas Wein auf die heiligen Geschwister, und danach wollte ich wieder zurück in meinen Orden gehen. Ich suchte also die erstbeste Schenke auf die sich da anbot, setzte mich bescheiden mit meinem Becher Wein an den Ausschank, und trank in stillem Gebet meinen Wein. Mir war aufgefallen, dass der Wirt an einem Korb mit Seil versehen, immer wieder Schnapsflaschen hochgezogen hatte. Ich dachte mir ‚Was ist das für ein seltsames Spiel, und für wen ist der Alkohol nur?‘ Die Empore dort ist von oben sichtgeschützt, also ging ich, neugierig geworden, die Stufen hinauf. Ich sah sie, die Vollstreckerin Aelis von Avalé. Sie ist ja, so hörte ich, die einzige Frau in der Inquisition. Und das Wappen am Wappenrock unverkennbar. Ich beschloss, ihr meine Aufwartung zu machen, vielleicht ergäbe sich ja ein interessantes theologisches Gespräch zwischen uns beiden. Sie war allerdings nicht alleine, das bemerkte ich aber nicht sogleich. Zwei Männer, die sich kurz zankten, und ihren Streit schließlich mit einem kräftigen Zug aus einer Flasche begruben. Nachdem ich mich vorgestellt hatte und jener Graf Devin sich überschwänglich bei mir vorstellte, als würden wir uns schon ewig kennen, luden sie mich ein, bei ihnen zu verweilen und mit ihnen zu trinken. Der andere Mann war da ganz anders, direkt ungehobelt, ich kenne seinen Namen jetzt immer noch nicht. Ich schlug die Einladung also nicht aus, erinnerte aber die Vollstreckerin die dem Alkohol ganz offenkundig schon reichlich zugesprochen hatte, daran, dass wir Geistlichen uns maßvoll im Umgang mit Alkohol benehmen sollten. Sie aber lachte nur, dass es dafür längst zu spät sei. Nun gut, ich sagte nichts dazu, und setzte mich in ein stilles Eckchen. Die drei beachteten mich nicht weiter, und spielten weiter ihre seltsamen Spiele. Wetten, oder dergleichen. Irgendwann brachte jener unbekannte Edelmann eine Hure dazu, die nun auch Teil dieses Abends wurde. Ich glaube, sie wollte mich auch verführen, aber den Geschwistern seis gedankt, ich konnte sie davon abbringen. Als sie die Vollstreckerin in ihren improvisierten Lastenaufzug stecken wollten, was wohl auch ein Teil des Spieles gewesen zu sein schien, griff ich ein, das konnte schließlich gefährlich sein. Ich machte den Wirten darauf aufmerksam, welcher dies schließlich unterband. Es schien, als könnte die Vollstreckerin ihre Wette nicht einlösen, und so schien sie in diesem Trinkspiel ein weiteres Glas trinken zu müssen. Sie lehnte dies aber ab, da sie beteuerte, keinen Tropfen mehr hinunter zu bekommen. Doch jener Graf Devin bestand auf die Einlösung der verlorenen Wette, und fragte sie, was sie ihm denn stattdessen anbieten könne. Die Vollstreckerin antwortete ihm mit einem wollüstigen Kuss, und damit uferte dieser Abend völlig aus. Die beiden konnten nicht mehr voneinander lassen, und sind dann beinahe im Laufschritt in das nächstgelegene Zimmer verschwunden. In diesem Moment beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen, denn ich bin der Meinung, dass eine Vollstreckerin sich so nicht benehmen darf. Ich öffnete die Türe einen Spalt weit, und dann konnte ich das sündige Tun mit meinen eigenen Augen sehen. Sie rissen sich förmlich die Kleider vom Leib, und wälzten sich nackt in dem Bett herum, sich wie von Sinnen küssend und sündig berührend….“ Der Pater machte eine kurze Redepause und wischte sich über die Stirn, während Aelis tiefer in den Stuhl sank, und die Hände vor ihr Gesicht schlug, und die Blicke des Wahrheitsbringers, der seine Nichte anstarrte, immer finsterer wurden. „Sprecht nur weiter, Pater Jeromo…“ „Nun… er kam über sie und nahm sie, und sie beide stöhnten lustvoll, während sie sich dem Liebesspiel hingaben. Die Geschwister mögen mir vergeben… ich wollte gehen. Ich wollte sogleich gehen um Euch, Wahrheitsbringer Acardo, Bericht zu erstatten. Aber ich konnte meine Blicke nicht von ihnen nehmen. Ich wollte all die Scheußlichkeit und Sündhaftigkeit mit eigenen Augen beobachten, um alles berichten zu können. Er…er… ließ schließlich von ihr ab, jedoch nur für einen Moment, um sie schließlich wie ein Hund der eine Hündin besteigt, zu nehmen. Ich war entsetzt! Und nach einer kurzen Zeit legte er sich hin, und sie setzte sich auf ihn und ritt ihn, wie ein Pferd zugeritten wird, in rasantem Galopp. Die beiden gebärdeten sich wie Tiere, sie schrien, und stöhnten und seufzten lüstern. Ich hielt es nicht mehr aus und beschloss, genug gesehen zu haben, und schloss die Türe wieder. Bevor ich meinen Weg zu Euch fortsetzte, sah ich noch jenen Rüpel, der sich dieser Hure ebenso lüstern zugewandt hatte. Doch darüber weiß ich nichts mehr zu berichten, denn ich nahm meine Beine in die Hand, und lief davon!“

Acardo räusperte sich verhalten. „Aelis… was hast du zu diesen schweren Vorwürfen zu sagen? Ist es wahr?“ Aelis nahm die Hände vom Gesicht. Die Schilderung des Paters hatte ihr einiges an Erinnerungen zurückgegeben. Sie hatte nicht angenommen, dass sie sich derart daneben benommen hatte. „Vermutlich ja…“ gab sie dumpf und kleinlaut zurück. Was sollte sie dazu auch schon sagen. „Gut… Nicht gut.. aber wenigstens bist du ehrlich… Pater Jeromo… Ihr werdet einen heiligen Schwur leisten. Auf die Geschwister. Niemals darf eine Menschenseele davon erfahren, habt ihr mich verstanden?“ „Ich schwöre es, bei Janus und Idalia…“ „Gut. Und jetzt geht…“ Pater Jeromo verneigte sich und verschwand eilig und mit hochrotem Kopf. Zurück blieben die drei und der Wahrheitsbringer. Dieser räusperte sich erneut. „Wie konntest du nur, Aelis? Aus den Schilderungen des Paters entnehme ich, dass dies nicht das erste Mal war, denn mir kommt nicht vor, als seist du sehr unerfahren… Also, wie lange geht das schon?“ Aelis hob den Kopf „Vor einem Jahr sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Aber nur sehr flüchtig. Vor einigen Wochen sind wir uns erneut begegnet, und irgendwie ist es dann passiert…“ „Warum, Aelis? Liebst du ihn?“ Aelis erstarrte. Was sollte sie dazu sagen? Nein, sie liebte ihn nicht, denn dazu kannte sie ihn nicht gut genug. Sie mochte ihn. Sie mochte ihn sogar sehr. Vermutlich war sie dabei, sich in ihn zu verlieben. Aber echte Liebe? Nein, davon verstand sie nichts. Wenn sie dies nun aber sagte, machte es die Angelegenheit nur schlimmer. Acardo würde sie als lüsterne Schlampe oder dergleichen bezeichnen. Er würde sie unehrenhaft aus dem Amt entlassen. Vielleicht würde er schonungsvoller mit ihr umgehen, wenn sie das sagte, was nachvollziehbar wäre. „Ja, ich liebe ihn, sonst hätte ich mich ihm nicht hingegeben.“ Aelis blickte auf den Boden. Sie wollte weder Acardo, noch Darion, von Devin einmal ganz zu schweigen, ansehen. Acardo seufzte. „Aelis. Ich habe gekämpft, um dir deinen Weg zu bereiten. Das weißt du. Ich habe mich deiner angenommen, ich habe mit deinen Eltern viele Streitgespräche ausgefochten. Das alles soll jetzt umsonst gewesen sein?“ Aelis blickte ihn fragend an. Doch da wandte sich Acardo Devin zu. „Graf Devin… Von euch habe ich schon einiges gehört. Nichts Gutes, wenn ich ehrlich sein soll. Ihr lebt in Saus und Braus, lasst euch alle heiligen Zeiten in der Kavallerie blicken, verprasst das Familienvermögen und seid auch in anderen Belangen eher ein Schandfleck für die Familie. Eure Eltern beklagen, dass ihr den Familienstammbaum nicht weiterführt. Ihr seid ein Tunichtgut. Doch jetzt habt ihr die einmalige Gelegenheit erlangt, eure Ehre wieder herzustellen, ein aufrechter Mensch zu werden und eure Familie stolz zu machen. Denn ihr habt die Ehre meiner Nichte beschmutzt. Ihr habt sie entweiht. Und deswegen werdet ihr sie heiraten.“ Aelis war ehrlich geschockt, als sie dies vernahm. „Onkel Acardo, das kann nicht dein Ernst sein! Ich habe überhaupt keine Zeit, zu heiraten und eine Ehefrau zu sein. Ich habe so viel zu tun, bei der Inquisition!“ „Gut, dass du es ansprichst. Natürlich wirst du Amt und Würden zurücklegen. Du wirst Graf Devin heiraten, und ihm die von seiner Familie langersehnten Erben schenken. Euch, die ihr euch wie die Tiere paart, sollte das bestimmt nicht schwer fallen. Wir werden es gleich offiziell machen. Aelis, ich werde mit deinen Eltern sprechen. Und ihr, Devin, solltet es auch in Eurer Familie bekanntgeben. Die Hochzeit wird im Frühjahr stattfinden.“ Aelis sprang von ihrem Platz auf und fiel vor dem Wahrheitsbringer auf die Knie. „Onkel Acardo… nein! Ich bitte dich, schließ mich nicht aus der Inquisition aus! Ich werde deinem Wunsch entsprechen, und Devin heiraten. Aber, ich flehe dich an, nimm mir nicht meinen Platz, den ich mir so hart erarbeitet habe! Ich wollte nie etwas anderes machen, als ein Diener der Zwei sein!“ rief sie. „Du kannst den Geschwistern auch dienen, wenn du nicht mehr Vollstreckerin bist. Das weißt du.“ „Es ist aber nicht dasselbe“ erwiderte sie bitter. „Meinetwegen, bleib in der Inquisition…“ Aelis Miene hellte sich auf… „Aber nach der Hochzeit im Frühjahr ist Schluss damit. Und das ist mein letztes Wort…“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » So, 25. Dez 2016 4:18

Darion lag schnarchend auf dem Boden, die Hure im Arm und er täte gut daran, für eine ganze Weile weiter zu schlafen, denn sollte er aufwachen, würde er den Brummschädel seines Lebens haben. Bier saufen ging ganz gut, aber Schnaps, das war eine ganz andere Angelegenheit. Schnaps vertrug er nicht allzu gut. Erst recht so viele verschiedene hintereinander und diese KEKSE! Diese Kräuterdinger hatten ihm den Rest gegeben, ab da war was ihn an ging, alles völlig aus dem Ruder gelaufen. Schließlich erwachten erwartungsgemäß zu aller erst die anderen Beiden, die sich ob trauter Zweisamkeit voreilig zurückgezogen hatten und Darion mit Getränk und Gebäck alleine haben sitzen lassen, was seinem geistigen Zustand nicht gut getan hatte. Zwar war da noch ein Priester gewesen, aber den hatte Darion von Anfang an nicht leiden können. „Trink Priester!“, hatte er lallend befohlen, aber der Knabe hatte sich so geziert, dass es Darion glatt die Stimmung zu verhageln drohte, nur das beherzte Einschreiten der Hure, die den Becher ohne abzusetzen leerte, konnte schlimmeres verhindern. Bei den Göttern dieses Teufelsweib, sie musste ihm mit ihren verdammten Keksen den Kopf verhext haben, sonst hätte er doch nie...
„Wach endlich auf!“, herrschte ihn eine wohl bekannte Stimme, die ganz weit weg zu sein schien, an. Er spürte einen tauben Schmerz am Fuß, als Aelis ihn trat um ihn endlich aufzuwecken. „Dieser Schnarchsack!“ Sie ließ von ihm ab und sammelte passende Kleidung auf. Darion schlug vorsichtig die Augen auf und sah genau zum falschen Zeitpunkt an den falschen Ort. Aelis bückte sich eben nach ihrer Hose oder einer Hose, die unglücklicherweise in der Nähe von Darions Kopf lag. „Aelis...“, keuchte er mit kratziger Stimme, „Ich sehe mehr als ich will... Könntest du dir einen Gürtel anziehen? Oder zehn...“ Darion richtete sich auf, ohne zu merken unter wem er sich da hervorzog. Eigentlich ging es ihm erstaunlich gut, abgesehen von leichten Kopfschmerzen und einem äußerst trockenem Mund. Er blickte an sich hinab, die Hose hing ihm etwas unterm Arsch, verdeckte aber das wichtigste, aber seine anderen Kleider waren ihm ein wenig zu klein, zu teuer und einfach nicht seine. Sie gehörten einem halb nackten Devin, der ebenfalls im Raum war. Vorsichtig stand Darion auf, hielt krampfhaft seine Hose fest und wurde von einem leichten Schwindelanfall überrascht. Offenbar ging es ihm doch nicht so gut. Nachdem er sich wieder gefangen hatte, stülpte er sich Devins Tunika über den Kopf und warf es ihm mit einem entschuldigendem Lächeln zu. „Ich fühle mich als hätte Janus mich gefickt.“, entfuhr es ihm nach einem weiteren Schwindelanfall. „Nein das war ich.“, ertönte eine Stimme und Darion blickte verwirrt auf die Hure auf dem Boden. Es dauerte eine ganze Weile bis er verstand das dort jemand saß und was dieser Jemand eben gesagt hatte. Danach dauerte es noch eine weitere Ewigkeit, bis er realisierte in welchem Kontext das Gesagte stand und was das Ganze mit ihm zu tun hatte. Nun wurde ihm aber zum Kotzen. Darion stürzte in eine Zimmerecke und erbrach sich lauthals gegen Wand und den Boden. Die Hure trug Aelis Klappenrock, der nur mit Mühe die pralle Brust bändigen konnte … ach was, der mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert war, denn wie sie sich auch drehte und wendete eine der beiden Schwester brach immer wieder hervor. Unter dem Rock trug sie nichts, was Darion, nicht ob des Anblicks, vielmehr ob der Bedeutung, erneut würgen ließ. Nachdem er sich wieder halbwegs ein gekriegt hatte, begab er sich auf die Suche nach seinen Kleidern, die er im halben Obergeschoss zusammen klauben musste. „Was ist nur passiert, Aelis?“, flüsterte er seiner alten Freundin ins Ohr. Sie reichte ihm bloß wortlos einen Zettel. Darion las die Zeilen und ihm wurde – erneut – schlecht. Die Hure hatte sich indes in ihr Reich hinter dem Vorhang zurück gezogen. Heimlich entfernte Darion sich von den anderen Beiden und schlüpfte ebenfalls hinter den Vorhang. „Oh du schon wieder. Hast wohl noch nicht genug.“, meinte die Hure verführerisch und wollte Darion ab Kinn entlang streichen, doch er fing ihre Hand ab und drückte fest zu. „Ich erinnere mich an nichts. Sag mir, hab ich … du.... haben wir?“, stotterte er und sie nickte bekräftigend. „Mehrmals. Na gut beim dritten Mal bist du dann eingeschlafen, aber davor. Bei den Geschwistern... und wenn eine wie ich das sagt, kannst du dir da was drauf einbilden.“ Darion musste erst einmal tief durchatmen bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte. Er machte einen Schritt auf sie zu und legte ihr seine Hand aufs Dekolletee. „Niemand wird davon erfahren.“, sagte er ruhig und fasste sie dann am Hals. „Niemand.“, knurrte er und sie schüttelte ganz gelassen den Kopf. Offenbar hatte sie schon schlimmere gesehen als Darion. „Der Klappenrock liegt da vorne.“ Darion lächelte etwas. „Kannst du behalten, ich bezweifle das sie den nochmal anfasst.“


Darion war so mit sich selbst beschäftigt, dass ihm erst aufging, wo sie bereits waren, als sie vor Acardos Tür standen. Die Begrüßung fiel erwartungsgemäß kühl aus, auch wenn der kleine Seitenhieb auf Darion nicht unbemerkt blieb und er würde das nicht auf sich sitzen lassen. „Vielleicht ein Gläschen Schnaps?“ Darion konnte es sich nicht verkneifen, wobei er sich noch im Moment des Aussprechens selbst ohrfeigen wollte. „Welche Sorte?“ Ein böser Blick brachte ihn sofort zum Schweigen. Dem darauffolgendem Gespräch hörte Darion nur mit halben Ohr zu, denn einerseits wollte er diverse Bilder in seinem Kopf verhindern, andererseits durchzuckten ihn immer wieder Bilder in denen er selbst vorkam. Erinnerungen, auch wenn er inständig hoffte nicht alle diese Bilder entsprächen den Tatsachen... er betete, dass die wenigsten auch nur annähernd der Wirklichkeit entsprachen. Langsam aber sicher wurde Darion immer wieder ein wenig mehr übel, je länger dieser elende Hund von einem Priester sprach. „Ich wollte all die Scheußlichkeit und Sündhaftigkeit mit eigenen Augen beobachten, um alles berichten zu können. Er...“ Darion schnaubte höhnisch. „Spanner.“, brummte er halblaut. „er... ließ nicht von ihr ab...“ Irgendwie kamen die folgenden Szenarien ihm etwas zu bekannt vor und für einen kurzen Moment fragte er sich eingehend, weshalb er im selben Zimmer aufgewacht war wie die Beiden, noch dazu mit vertauschen Kleidern. Er … sie... alle hatten doch nicht. Nein, so betrunken konnte er nicht... nein so viel Alkohol konnte man nicht brennen, damit das... undenkbar. Darion schloss die Augen und versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Ein paar Brocken kamen ihm in den Sinn, Brocken die er lieber vergessen würde. Nachdem der Priester das Weite gesucht hatte, war Darion auf die wunderbare Idee gekommen, nachzusehen was der Kerl da beobachtet hatte. Vor der Tür lag Aelis Klappenrock, von innen hörte man eindeutige Geräusche. Darion hob den Rock auf, warf ihn der Hure zu. „Was die... können, kön...nen wir auch.“
Darion glühten die Ohren als ihm die Erinnerung wieder kam. Wenn Devin eine Vollstreckerin bumste, bumste Darion eben eine Hure die wie eine gekleidet war. Schön war was anderes. Wie hatte er sich nur dazu herablassen können? Darion hörte nicht zu, sein Blut rauschte in seinen Ohren und seine Gedanken überschlugen sich, denn auf einmal kam, bis auf ein paar viele Ausnahmen, alles wichtige zurück. Jedenfalls alles was unmittelbar ihn betraf. „Onkel Acardo, das kann nicht dein Ernst sein!“ Da erwachte Darion aus seinem Grübeln. Was konnte nicht sein Ernst sein? Hatte er eben eine Strafe ausgesprochen? „Ich habe überhaupt keine Zeit, zu heiraten und eine Ehefrau zu sein.“ Darion glaubte sich verhört zu haben. Heiraten? Aelis? Aelis sollte heiraten? Wen? Da fiel Darion ein, dass da auch noch Devin im Raum war. Darion warf ihm einen Seitenblick zu. Er war schockiert darüber, wie Acardo seine Nichte behandelte, wusste er doch genau, dass das ihr Leben war, wie konnte er es ihr also nehmen? Da konnte er sie ja gleich von der Zitadelle werfen. Scheinbar erkannte er wie grausam er war, denn er schien wieder einzulenken. „Aber nach der Hochzeit im Frühjahr ist Schluss damit. Und das ist mein letztes Wort…“ Das durfte doch nicht wahr sein. Darion wurde zornig, wobei er kaum darauf achtete wie es Aelis ging. Acardo drehte ihnen den Rücken zu und offenbar war die Debatte tatsächlich beendet. „Gehen wir.“, murmelte Darion und Devin führte Aelis an den Schultern hinaus, während Darion die Nachhut bildete. Kurz bevor Darion entkommen wäre, ertönte die Stimme des Wahrheitsbringers. „Darion.“ Darion warf Aelis und Devin einen Blick zu der signalisierte, dass er gleich nachkommen würde... hoffte er. Nachdem die Tür zu war drehte der Wahrheitsbringer sich zu Darion. „Darion ich bin auch von dir sehr enttäuscht. Nicht das du nicht auf Aelis achtgegeben hast, das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Offengestanden, du warst schon immer auf deine eigene Art ein Unruhestifter, aber ein Ehebrecher? Ich dachte ich hätte dich zu Ehre und Anstand erzogen.“ Seine Stiefel waren dreckig fand er ganz plötzlich, vielleicht sollte er sie bei Gelegenheit mal putzen lassen. „Hast du auch...“, gab Darion kleinlaut zurück. „Deshalb schäme ich mich auch in Grund und Boden.“ „Solltest du auch, denn das ist unglaublich...“ Darion wandte sich wortlos um, hielt aber kurz vor der Tür inne und starrte Acardo trotzig an. „Wisst Ihr was, ehrenwerter Wahrheitsbringer, von Euch bin ich auch maßlos enttäuscht. Strafe muss sein, aber das! Acardo, das kann nicht dein Ernst sein! Tu nicht so als ob du unfehlbar wärst, du und deinesgleichen. Ich war mein halbes Leben dein Knappe und ich war weder taub, noch blind!“ Mit diesen Worten verließ Darion, beinahe fluchtartig den Raum.

Resigniert trottete die Truppe zu dem Stadthaus der von Avalés. Das einzige was nun noch halbwegs helfen könnte, wäre ein anständiges Frühstück, am beginnenden Nachmittag. Sofort wurde der private Speiseraum aufgesucht und Darion erklärte sich bereit, dass Essen zu holen. Es herrschte reges Treiben in der Küche. Eine kleine dralle Frau namens Hilde regierte hier mit eiserner Faust, scheuchte die Küchenmägde umher, dass jeder Ausbilder kleinlaut zur Seite getreten wäre. Darion räusperte sich, mehrfach, um sich Gehör zu verschaffen. „Verzeiht könnten-“ „Malistaer! Raus aus meiner Küche!“ „Ähm... aber-“ „Nichts aber! Raus mit Euch.“ „Aber könnten wir-“ „Jaja.“, scheuchte sie ihn hinaus und schob ihn förmlich aus der Küche. „Ich rieche Eure Fahne bis hier und jetzt raus.“ Damit schien alles geklärt zu sein und Darion schloss sich den anderen wieder an. Schweigend saß er bei ihnen, denn er wusste nicht was er sagen sollte. Er konnte nichts sagen, um die Situation irgendwie zu verbessern, weshalb er wartete bis eine gehetzte Magd hinein kam, die Platten beinahe auf den Tisch warf und eiligst wieder verschwand. Auf den Platten befand sich wirklich reichlich. Woher kam das so urplötzlich? Darion schnupperte etwas misstrauisch daran. Da gab es graues Brot, Schinken, Eier und Kompott, sowie einen Eintopf mit Zwiebeln, Karotten, Rüben und jeder Menge Knoblauch. Offenbar war es so besser, immerhin würde dass die Schnapsfahne überdecken. Dazu wurde eine Spezialität aus Avalé gereicht, ein kleiner Fisch der wochenlang in eine Mischung aus Apfelessig und Meerwasser eingelegt wurde, so jedwedem Eigengeschmack verlustig ging und kurz vor dem Verzehr in Butter ertränkt und scharf angebraten wurde. Komisch das er noch nie einen Namen für dieses Gericht gehört hatte. Darion nahm einen der fettigen Fische und verschlang ihn im Ganzen, denn immerhin musste man die Gräten nur gut kauen, dann passierte einem schon nichts. Während er so schweigend aß, fragte er sich woher das ganze Essen kam oder vielmehr, weshalb so große Hektik in der Küche herrschte. So ging es nur zu, wenn wichtiger Besuch angekündigt war. Er wischte sich die Finger am Saum seines Rockes ab, immerhin war der seit dem vergangenen Abend nicht länger in bester Verfassung. Sein Blick fiel auf die Tür und er erschrak fürchterlich. Sofort sprang er auf und neigte sein Haupt. „Euer Gnaden, welch unerwartete Ehre.“  Graf Eradis Adrion von Avalé, Aelis' Vater, stand in der Tür. „Malistaer.“, begrüßte er ihn knapp. „Ich würde mit meiner Tochter gerne allein sprechen.“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mo, 02. Jan 2017 14:16

Nachdem Devin und Darion jeweils wieder in ihre eigenen Klamotten hinein gefunden hatten, beeilten sich die drei, den ehrenwerten Wahrheitsbringer Acardo Elhar von Avalé aufzusuchen. Einen Mann wie ihn ließ man nicht warten. Seltsamerweise war Devin die Ruhe selbst und hatte weder ein schlechtes Gewissen noch ein ungutes Gefühl, dem Wahrheitsbringer gegenüber zu treten. Das mochte an den Nachwirkungen des gestrigen Abends liegen. Oder es lag daran, dass Devin an nichts anderes denken konnte als an die Frage, woher Acardo so schnell von ihrem Fehltritt gehört haben konnte. Anscheinend verfügten Wahrheitsbringer über ganz eigene Mittel. Vielleicht weiß er ja mehr von dem gestrigen Abend als ich…, kam es Devin in den Sinn und angesichts dieser Möglichkeit war er nun direkt etwas neugierig geworden, was sie erwartete. „Sprich nur, wenn er dich direkt anspricht, und dir eine Frage stellt. Den Rest überlasse mir. Und ich entschuldige mich jetzt schon für alles, was da kommen wird. Ich habe keine Ahnung, was uns erwarten wird…“sagte Aelis und sah Devin dabei fest an. Der wich ihrem Blick nicht aus und schwieg dazu. Er konnte ihr nicht versprechen, den Mund zu halten, aber nach großen Reden war ihm derzeit ohnehin nicht zumute. Vor die Wahl gestellt, sich rechtfertigen zu müssen oder zu schweigen, würde er immer den leichteren Weg wählen: das Schweigen.

Ihre Schritte hallten laut in der großen Halle wider, als sie Acardos Gemächer betraten. Devin neigte den Kopf zum Gruße und versuchte, möglichst unbeteiligt in der Gegend herum zu stehen. Anfangs hielt er sich sogar für unbeteiligt, denn Acardo bedachte ihn lediglich mit einem kurzen Blick und begann dann damit, seine Nichte zu maßregeln und seiner Enttäuschung über ihr Verhalten Luft zu machen. Von Devin wurde im Allgemeinen wenig erwartet, was den großen Vorteil hatte, selten jemanden zu enttäuschen. Als dann aber Pater Jeromo aus dem Schatten trat, war Devin überrascht und ihm wurde schlagartig vieles klar. Deshalb war Acardo also so gut informiert. Devin ballte die Hände zu Fäusten. Was für ein hinterlistiges, verlogenes Arschloch! dachte Devin und verspürte nicht wenig Lust, dem jungen Priester an die Gurgel zu gehen. Jeromo begann unterdessen aus dem Nähkästchen zu plaudert, was Devin zuerst für halbwegs harmlos hielt bis ihm klar wurde, wie weit Jeromos Erkundungen eigentlich gegangen waren. Sehr weit. Für Devins Geschmack viel zu weit. Devin hob überrascht die Augenbrauen und schwieg auch dazu. Aber ein halb belustigtes Schnauben ließ sich trotz allem nicht unterdrücken. "Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal Eintritt verlangen", murmelte er sarkastisch und schaute zu Aelis hinüber, die jedoch die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte, um dem finsteren Blick ihres Onkels zu entkommen. Acardo sah aus, als wäre er in eine dunkle Wolke des Zorns gehüllt. Devin nahm zu Recht an, dass dem Onkel die äußerst detaillierten Schilderungen nicht sonderlich gefielen. Devin schwor dem Priester insgeheim Rache. Er war froh, den Jeromo schließlich nicht mehr sehen zu müssen und auch erleichtert, dass der Priester zum Schweigen verpflichtet wurde. Somit gab es noch Hoffnung, dass man die ganze leidige Angelegenheit regeln konnte ohne dass es große Wellen schlug.
„Aelis… was hast du zu diesen schweren Vorwürfen zu sagen? Ist es wahr?“ fragte Acardo mit strenger Stimme. Devin sah zu Aelis. Er spürte Mitleid mit ihr und zum ersten Mal etwas wie Schuld an ihrer Misere. Er hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen. Auch wenn das ein oder andere noch im Dunkeln lag, blieben dennoch genug Eindrücke des gestrigen Abends übrig um zu wissen, dass sie viel zu weit gegangen waren. Mit einigem Bedauern beschloss Devin daher insgeheim, Aelis zukünftig in Ruhe zu lassen, damit sie nicht noch einmal seinetwegen in solche Schwierigkeiten geriet. Devin atmete einmal hörbar durch. Während er die Bilder zu verscheuchen versuchte, die ihm Jeromo so selbstlos in Erinnerung gerufen hatte, fixierte er einen Punkt auf dem Fußboden vor ihm und schaute erst wieder hoch, als Acardo eine wichtige Frage an seine Nichte stellte: „Warum, Aelis? Liebst du ihn?“ Wohl kaum, antwortete Devin für sie in Gedanken, bevor Aelis antworten konnte. Als die Antwort anders ausfiel als erwartet, starrte er Aelis mit halboffenem Mund entgeistert an und konnte den Blick selbst dann nicht von ihr lösen, als Acardo nun ihn direkt ansprach. Mit Worten, die Devin nicht gerade schmeichelten. „Graf Devin… von euch habe ich schon einiges gehört. Nichts Gutes, wenn ich ehrlich sein soll. Ihr lebt in Saus und Braus, lasst euch alle heiligen Zeiten in der Kavallerie blicken, verprasst das Familienvermögen und seid auch in anderen Belangen eher ein Schandfleck für die Familie. Eure Eltern beklagen, dass ihr den Familienstammbaum nicht weiterführt. Ihr seid ein Tunichtgut.“ Kühl blickte Devin den Wahrheitsbringer an. „Ganz so hart würde ich es nicht ausdrücken. Aber ihr habt natürlich allen Grund, zornig auf mich zu sein“, waren die ersten richtigen Worte, die Devin in diesem Saal über die Lippen kamen. Er würde sich entschuldigen und dann gehen. Aber so leicht sollte er nicht davon kommen, denn Acardo hatte noch nicht zu Ende gesprochen: „Doch jetzt habt ihr die einmalige Gelegenheit erlangt, eure Ehre wieder herzustellen, ein aufrechter Mensch zu werden und eure Familie stolz zu machen. Denn ihr habt die Ehre meiner Nichte beschmutzt. Ihr habt sie entweiht. Und deswegen werdet ihr sie heiraten.“ Devin war sprachlos. Das konnte nicht sein Ernst sein! Sicher sprach nur der Zorn aus ihm. Aelis war ebenfalls sichtlich geschockt. Devin stand wie erstarrt und musste die Worte erst einmal auf sich wirken lassen. Derweil plauderte Acardo schon munter weiter von einer Hochzeit im Frühjahr und einem zu erwartenden Erben. Hochzeit, Kinder….Devin sah im Geiste bereits eine Schar Kinder vor sich, wie die Orgelpfeifen aufgereiht, alle blond mit ähnlicher Frisur wie Aelis, und alle trugen kleine schwarze Klappenröcke in verschiedenen Größen. Ihn fröstelte plötzlich. Wie in Trance sah er zu Aelis, die verzweifelt darum kämpfte, der Inquisition weiterhin als Vollstreckerin zu dienen. Sie fiel sogar vor ihrem Onkel auf die Knie. Ihr Kummer erreichte Devin nicht. Er versuchte sich ein Leben als braver Ehemann vorzustellen und es wollte ihm einfach nicht gelingen. Das konnte nicht gut gehen. Er würde sie nicht glücklich machen und er mochte Aelis aus ihm völlig unerfindlichen Gründen jetzt schon zu gern, um ihr das anzutun.
Acardo hatte jedoch gesprochen und wandte ihnen allen nun den Rücken zu. Die Diskussion war beendet. Widerspruch war zwecklos. „Meine Meinung dazu ist wohl nicht von Belang?“, versuchte es Devin dennoch betont sachlich. Acardo drehte sich zu ihm um und ein einzelner Blick genügte Devin als Antwort. „Anscheinend nicht“, murmelte Devin und nickte. Nun, wir werden sehen…, dachte er sich, denn Devin war es nicht gewohnt, dass sein Schicksal über seinen Kopf hinweg entschieden wurde. Außerdem ging ihm das alles viel zu schnell. Sein erster Impuls war daher Auflehnung, selbst wenn es unsinnig war. Er musste in Ruhe darüber nachdenken. Nur war heute kein guter Tag dafür. Er hatte einen Kater und sein Schädel brummte.
Devin half Aelis auf, legte einen Arm um sie und führte sie aus dem Raum.
„Aelis, ich….“ Devin, der sonst so eloquent daher reden konnte, fehlten plötzlich die Worte. Er wirkte zerknirscht. „Wir werden einen Weg finden“, versprach er ihr schließlich und ließ offen, was er damit meinte. Einen Weg, die Hochzeit zu verhindern? Einen Weg, dass beide trotz Hochzeit ein zufriedenes Leben führen konnten? Oder dafür zu sorgen, dass Aelis trotzdem weiter für die Inquisition arbeiten konnte? Wie sollte er das bewerkstelligen? Es würde wohl kaum etwas bringen, ihr auf seinem Gut einen kleinen privaten Folterkeller einzurichten, damit sie sich Arbeit mit nach Hause nehmen konnte. Wirklich verwirrend für Devin waren aber Aelis‘ Worte. Immerhin hatte sie quasi in die Hochzeit eingewilligt und vor ihrem Onkel behauptet, ihn zu lieben. Devin wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Er sah sie skeptisch von der Seite an und wünschte sich ihre Gedanken lesen zu können oder besser noch ihre Gefühle.
Zum Glück spielte die Zeit für ihn. Obwohl sich die Ereignisse heute überschlugen, bis zum Frühjahr war es noch lange hin. Sehr viel konnte bis dahin geschehen.

Darion stieß wieder zu ihnen und sie machten sich gemeinsam auf den Weg zum Stadthaus der von Avalés, wo sie zusammen ein sehr spätes Frühstück einnahmen. Auch hier herrschte beim Essen bedrücktes Schweigen. Devin legte sich Worte zurecht und verwarf sie dann stets wieder. Wenigstens vertrieb der fette Fisch seinen Kater, so dass er wieder einen klaren Kopf bekam. Und damit die Stille um sie herum nicht zu erdrückend wurde, starteten Devin und Darion eine kleine sinnlose Diskussion darüber, wie lange man Fische einlegen konnte und woran man erkannte, dass sie trotz Gestank noch essbar waren.
Plötzliche Unruhe machte sich breit und durch die Tür trat ein Mann, der sich als Aelis Vater und somit der Hausherr entpuppte. Devin tat es Darion gleich. Er erhob sich und neigte sein Haupt zum Gruße. Graf Eradis von Avalé kam ohne Umschweife zur Sache: „Ich würde mit meiner Tochter gerne allein sprechen.“ Eine klare Ansage. Aber Devin war nicht bereit, ein zweites Mal schweigend daneben zu stehen, während über Aelis‘ und seine Zukunft entschieden wurde als wären sie lediglich Leibeigene. „Ich denke, es betrifft mich ebenso. Daher würde ich gerne bleiben“, sagte er entschieden und sah den Grafen herausfordernd an.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mo, 09. Jan 2017 14:26

Aelis und Devin warteten vor der Türe von Acardos Gemächern auf Darion. Die Vollstreckerin fühlte sich, als hätte sie jemand hart geohrfeigt. „Aelis… Wir werden einen Weg finden…“ drang Devins Stimme an ihr Ohr. Sie nickte stumm, ohne ihn anzusehen. Welchen Weg wollte er finden? Es schien eine ausweglose Situation zu sein. Onkel Acardo hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Devin sie zur Frau nehmen sollte, um die Schande, die sie beide über die Familie der Avalés gebracht, reinzuwaschen. Familie und ihr Ansehen standen für Acardo auf derselben Stufe wie Religion. Und in diesem Fall war beides untrennbares miteinander verknüpft. Gleichzeitig machte er keinen Hehl daraus, dass er von Devin nichts hielt. Das war nicht die übliche Art, jemanden in der Familie willkommen zu heißen. Doch Aelis hatte nicht viele Jahre hart gearbeitet und sich ihre Position in diesem patriarchalischen System erkämpft, um jetzt einfach so klein beizugeben und sich in ihr auferlegtes Schicksal zu ergeben. Nein. Auch, wenn sie höchst unangenehme Kopfschmerzen plagten, arbeitete ihr Verstand fieberhaft auf der Suche nach einer Lösung. Als Darion durch die Tür trat, beschloss sie, ihren Onkel noch einmal aufzusuchen. Noch war nicht das letzte Wort gesprochen! „Wartet…“ befahl sie kurz, und schloss dann die Türe hinter sich.

„Onkel Acardo…“ rief sie und sah ihrem Onkel unbeugsam in die Augen. „Du kannst mich nicht einfach aus der Inquisition entfernen.“ Dieser hob die Augenbrauen „Ach, nein? Und wieso, wenn ich fragen darf?“ Aelis zuckte die Schultern „Jeder Mensch, der mit ausreichendem Verstand gesegnet ist, erkennt, dass dies nicht so einfach ist, wie du mir das jetzt glauben machen willst. Was denkst du, wollt ihr den anderen erzählen? Dass ich plötzlich meinen Sinn für die Familie entdeckt habe, und selbst eine gründen will? Das glaubt euch niemand. Und die Gerüchteküche wird brodeln, wenn du mich aus der Inquisition nimmst. Also entweder zwingt ihr uns auf, Eheleute zu werden und lebt damit, dass ich Schande über die Familie gebracht habe, oder es wird der Schleier des Vergessens darüber gebreitet, was aber zur Folge haben muss, dass alles bleibt wie gehabt. Ich bleibe in der Inquisition und wir werden nicht heiraten. Es gibt keine Alternative!“ Die Vollstreckerin blickte ihren Onkel mit einer gewissen Genugtuung an. Entweder blieb alles so, wie es war, oder aber es änderte sich alles zu ihren Lasten. Dann aber würde sie ihre Familie damit in den Schmutz ziehen, und dieser Gedanke war auf eine seltsame Art und Weise befriedigend. Onkel Acardo runzelte die Stirn und presste zwischen den Zähnen hervor „Soll das eine Erpressung sein, Aelis?“ Sie blickte ihn unschuldig an. „Wo denkst du hin, Onkel? Ich lege nur die Fakten dar.“ „Soll ich einmal die Fakten darlegen? Wir können dich auch in einen geschlossenen Novizinnentempel stecken, wo du bis ans Ende deiner Tage nichts anderes mehr tun wirst als beten! Wir können deinen Grafen Devin mit der Kavallerie nach Andiriendar schicken. Wie es dir wahrscheinlich nicht entgangen ist, stehen die Zeichen dort auf Krieg!“ donnerte der Wahrheitsbringer ihr entgegen. Aelis erblasste und schwieg. Weder der eine, noch der andere Vorschlag war eine mögliche Option. „Plötzlich so still, liebe Nichte? Ich bin in erster Linie Wahrheitsbringer, vergiss das nicht! Auch, wenn du anscheinend deine Stellung vergessen hast.“ Die junge Frau senkte den Kopf. Sie wusste, wann es das Beste war, zu schweigen. „Vergib mir, Onkel Acardo. Ich werde mich deinem Willen beugen…“ sagte sie leise. „Darf ich mich entfernen? Ich bin müde und ich möchte ein Bad nehmen.“ Der Wahrheitsbringer wedelte mit der Hand. „Geh nur, Aelis. Schlaf eine Nacht darüber und geh ins Gebet. Danach wirst du die Sache mit anderen Augen betrachten. Mögen die Geschwister dir Weisheit schenken…“

Als sie schließlich im Stadtanwesen der Avalés bei einem Katerfrühstück saßen, herrschte weiterhin Schweigen. Unangenehmes Schweigen, das nur für kurze Zeit durch eine unsinnige Diskussion über den eingelegten Fisch zwischen Darion und Devin gebrochen wurde. Ihr lagen Worte auf der Zunge, doch diese wollte und konnte sie nicht ausprechen, solange Darion dabei war. Es betraf nur sie und Devin. Die Vollstreckerin hielt sich bei den Speisen zurück. Zum einen war ihr durch den vielen Alkohol recht flau im Magen, und zum anderen war ihr allerspätestens von Acardo der Appetit gründlich vergangen. Viel schlimmer konnte es heute auch nicht mehr kommen. Doch da hatte sich Aelis gründlich getäuscht, denn es kam noch viel schlimmer. Denn plötzlich öffnete sich die Türe und im Türbogen stand ihr Vater. Darion sprang schneller, als Aelis es ihm in seinem Zustand zutraute, auf die Beine, und Devin tat es ihm gleich. Aelis hingegen war so perplex, dass sie einfach sitzen blieb, und in ihrem Schreck nach einem der Katerfische griff. „Euer Gnaden, welch unerwartete Ehre“ sagte Darion, während Devin nur wortlos den Kopf neigte. „Malistaer…“ erwiderte er Darions Gruß knapp und ließ seine Augen für einen kurzen Augenblick durch den Raum schweifen. „Ich würde mit meiner Tochter gerne allein sprechen“ verlangte der Hausherr. Bei den Geschwistern… alles, nur das nicht! Jetzt war es Devin, der seine Stimme erhob. „Ich denke, es betrifft mich ebenso. Daher würde ich gerne bleiben“ Er musste verrückt sein! Aelis blickte Devin an, als hätte dieser nicht mehr alle seine Sinne beisammen, doch Eradis von Avalé schenkte Devin ein kühles Lächeln. „Nun, wenn dies Eurem Wunsch entspricht… wie könnte ich Gästen in meinem Haus einen solch bescheidenen Wunsch abschlagen? Ihr könnt bleiben, Graf Devin von Tarrun… Malistaer… raus…“ wandelte sich sein falsches Lächeln zu einer ernsten Miene, während er langsam einige Schritte weit in den Raum trat. Kaum, dass der Vater in den Raum getreten war, sah sie ihre Mutter, die sich an ihm vorbeischob, auf sie zu preschen, die Arme gen Himmel streckend. „Aelis Idalia Amelya! Wie kannst du uns das nur antun? Ich bin untröstlich!“ jammerte sie. Offenkundig wussten sie beide bereits, was vorgefallen war. Als Aelis dachte, es konnte nicht mehr schlimmer kommen, betrat auch Acardo noch den Saal. Aelis ließ ihre Augen über ihre Eltern und den Onkel schweifen, und befand, dass jetzt nur noch ihre Brüder in dieser illustren Runde fehlten. Dann hätte sie, so hoffte sie wenigstens, immerhin zwei Fürsprecher. Doch die Brüder blieben aus. Mit ernster Miene nickte Acardo seinem Bruder zu, und nach einer förmlichen Begrüßung, nahmen die beiden in der Nähe des Kamins Platz begannen zu debattieren.

„Es ist nun einmal passiert, Eradis. Wir können es nicht ungeschehen machen. Alles, was wir jetzt noch tun können, ist, das Beste daraus zu machen“ zeigte sich Acardo ein wenig versöhnlich. „Und was wäre das Beste, in dieser unseligen Lage?“ fragte Aelis‘ Vater. „Ich habe ihr schon gesagt, dass Graf Devin sie zu seiner Frau nehmen, und Aelis aus der Inquisition austreten muss.“ „Das nennst du, ‚das Beste daraus machen‘?“ Graf Eradis Adrion von Avalé klang aufgebracht. „Die Geschwister wissen, wir hatten schon vor vielen Jahren ganz andere Pläne mit ihr. Aber du und sie, ihr musstet eure Dickschädel ja durchsetzen. Und nun sind wir wieder genau an jener Stelle wir damals. Und wenn ich meine einzige Tochter nun doch verheiraten soll, dann wird sie nicht so einen blasierten Schnösel ehelichen! Die Familie Tarun war vielleicht einmal eine glorreiche Familie. Doch seit Heron gestorben ist, ist der Glanz verblasst. Und alles, was sie vielleicht noch haben, ruht auf der Hoffnung des einzigen Erbens, der es schon lange verabsäumt hat, sich eine anständige Frau zu suchen und Erben zu zeugen. Alles, was er macht, ist, seine Fruchtbarkeit an bedeutungslose Frauen wie Huren oder unbedeutende Töchter zu vergeuden. Wer weiß, wie viele Bastarde er schon gezeugt hat, aber nicht einen einzigen legitimen Erben! Die Avalés hingegen gehören seit Jahrhunderten zu den besten, wohlhabendsten und einflussreichsten Familien des arcanischen Adels! Ich habe andere Pläne, als ihre Hand einem solchen Taugenichts zu reichen, und wenn er sie hundertmal bestiegen hätte! Wir finden einen Gemahl für sie. Herzog Waladan von Lanyamere zum Beispiel ist erst vor drei Monden Witwer geworden! Dafür, dass seine Frau ihm nicht ein lebendiges Kind geboren hat, dauert seine Trauerzeit schon viel zu lange. Wir sollten ihn einladen und ihm Aelis vorstellen. Zugegeben, sie ist keine ausgesprochene Schönheit, das ist unsere Schwachstelle. Aber sie ist, sofern sie nicht mit unbedeutenden Grafen ihre Erziehung und ihren Glauben vergisst, eine streng gläubige und kluge Persönlichkeit. Sie ist gut genug für einen Herzog.“ Ein Poltern unterbrach den Grafen, und in der Türe standen Aduan und Ariston, Aelis‘ Brüder. „Wir sind so schnell gekommen, wie wir konnten!“ rief der Jüngere der beiden, und nach einer kurzen Verneigung ihrerseits, und einer allgemeinen Begrüßung, sprachen Graf Eradis und Wahrheitsbringer Acardo weiter. „Der Herzog von Lanyamere ist ein alter Mann von zweiundsechzig Jahren, Eradis. Trotz allem halte ich Graf Devin für die… bessere Wahl… Er ist jung, er ist ansehnlich und gepflegt, er dient immerhin in der Kavallerie, und Aelis empfindet etwas für ihn…“ gab Acardo zu bedenken, dem das Wohl von Aelis trotz allem am Herzen lag. „Na und? Seit wann kümmert uns all das? Es zählt nur die Macht und das Ansehen. Eine Verbindung mit Herzog Waladan würde die Familie stärken. „Was haben wir versäumt?“ hakte Aduan nun nach. „Nun, der Anlass für dieses Familientreffen ist euch ja wohl bekannt. Wir gehen jetzt nur alle Möglichkeiten durch, die uns zur Verfügung stehen.“ „Und die wären?“ erkundigte sich Ariston. „Euer Oheim wünscht, eure Schwester mit demjenigen zu verheiraten, welcher der Stein des Anstoßes ist, Graf Devin. Ich aber sage, wenn wir sie schon aus der Inquisition holen und verschachern, dann sollte es wenigstens ein angesehenes Haus sein, und nicht eines, an welcher die Fassade schon bröckelt.“ „Und was sagt Aelis zu all dem? Habt ihr sie schon gefragt, was sie möchte?“ „Wann haben wir schon jemals eine Frau gefragt, was sie möchte?“ schüttelte Eradis den Kopf. „Einmal haben wir ihren Wünschen nachgegeben, und sie auf die Inquisition losgelassen. Wie man sieht, zeigt sich, wenn nicht früher, dann später, dass eine Frau einfach am besten in der Ehe aufgehoben ist.“ „Aber Aelis hat so hart gearbeitet, um sich einen Platz in der Inquisition zu erkämpfen. Und sie gehört zu den besten Vollstreckern! Onkel Acardo! Wie kannst du das nur zulassen?“ „Ich muss handeln, wie ich es für richtig halte. Für eine verheiratete Frau ist in der Inquisition genauso wenig Platz, wie für eine, die sich wie eine Hure benimmt. Ihr wisst, was in den Lehren der Zwei steht. ‚Die Ehe soll von Allen in Ehren gehalten werden, die Unzüchtigen aber wird Idalia richten!‘ Uns bleibt also keine andere Wahl, als Aelis‘ Seelenheil zu erretten und die Familienehre wieder herzustellen!“ entgegnete Acardo. „Das mag richtig sein, aber was spricht dagegen, Aelis in der Inquisition zu behalten?“ Onkel Acardo schüttelte den Kopf „Das ist völlig absurd. Noch nie gab es in der Inquisition eine Frau, die verheiratet war. Verheiratete Frauen haben andere Pflichten.“ Aduan wandte sich seiner Schwester zu. „Wenn man dich fragte, Aelis, was würdest du wollen?“ Aelis hob den Kopf. Sie war dieser Diskussion schon müde. Alles, was sie in diesem Moment wollte, war ein heißes Bad und ein Bett um sich darauf auszuruhen. „Ich möchte Vollstreckerin bleiben. Das war alles, was ich schon immer wollte…“ sagte sie matt. „Ich füge mich in allem, was ihr mir auferlegt, doch ich flehe darum, bei der Inquisition bleiben zu können. Und bitte zwingt Graf Devin nicht, mich heiraten zu müssen.“ Ihr Vater blickte sie streng an „Es ist in unseren Kreisen seit jeher üblich, Ehen zu arrangieren, seit wann kann man sich denn aussuchen, wen man ehelicht, und wen nicht? Ich bitte dich, Aelis, das weisst du.“ Aelis senkte den Kopf. „Ich weiß es. Es ist nur… Erspart mir die Schmach, mich mit jemanden zu verheiraten, der mich nicht heiraten will…“ „Nun, wenn das so ist, dann spricht ja nichts dagegen, Herzog Waladan von Lanyamere unsere Aufwartung zu machen…“ Nun schaltete sich erneut Aduan ein „Herzog Waladan? Bist du von allen guten Geistern verlassen, Vater? Was soll Aelis mit so einem alten Mann? Ich wette, er bekommt nicht einmal mehr einen hoch, und dann fällt es auf sie zurück, wenn sie ihm keinen Erben schenken kann… Und überhaupt… Ist dir Aelis‘ so völlig egal? Was sagtest du, wenn man von dir verlangte, Gräfin Amtrud von Zabar zu besteigen? Sie könnte deine Großmutter sein! So wie Herzog Waldan Aelis‘ Großvater sein könnte! Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Vater, ich bitte dich inständig um Aelis‘ Willen… Du hast zwei Söhne, beide vorteilhaft verheiratet. Kommt es dir da auf Aelis an? Sie war ohnehin immer in der Inquisition, wo sie der Familie nur mit Ehre und nicht mit Familie gedient hat. Lass ihr ihren Willen, und verschacher sie, um der Geschwister Willen nicht an einen Herzog der schon mit einem Bein im Grabe steht!“ Graf Eradis schüttelte den Kopf „Du verstehst nicht, Aduan. Es geht mir nicht nur darum, ihr eine möglichst gute Partie zu ermöglichen. Es geht mir auch darum, dass sie sich schwer versündigt hat. Bei den Geschwistern, sie ist eine Dienerin der Zwei! Ihre Sünde kann nur reingewaschen werden, wenn sie den Bund der Ehe eingeht.“ „Aber dann doch wohl nicht mit einem alten Herzog, der rein gar nichts mit der Versündigung zu tun hat. Was sagst du, als Wahrheitsbringer dazu, Onkel Acardo?“ wandte sich nun Ariston an Acardo. „Das sehe ich wie du, Ariston. Darum sage ich auch, sie soll Graf Devin heiraten. Dann, und nur dann, kann sie Absolution erfahren! Mein Wort gegen das deine, Bruder. Doch sind die Interessen der Religion nicht gewichtiger als die der weltlichen?“ Graf Eradis schwieg, schließlich schnaubte er „So ist es wohl.“ „Aber Aelis hat doch ausdrücklich darum gebeten, nicht Graf Devin heiraten zu müssen…“ gab Aduan zu bedenken. „Nun. Man kann nicht auf jeden Rücksicht nehmen“ zuckte Eradis die Schultern. „Nun gut, meinen Segen als Vater habt ihr. Meinetwegen, vergessen wir Herzog Waladan. Aber, Graf Devin wurde schon zu lange übergangen. Immerhin wollte er doch hier und heute dabei sein, nicht wahr?“ Er wandte Devin den Blick zu. „Was habt ihr zu alledem zu sagen, Graf Devin?“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 12. Jan 2017 9:57

Eradis von Avalé schenkte Devin ein kühles Lächeln und gewährte ihm seinen Wunsch zu bleiben. Es dauerte allerdings nicht lange, bis Devin diesen Wunsch zutiefst bereute. Er dachte, es nur mit seinem potentiellen Schwiegervater aufnehmen zu müssen. Stattdessen versammelte sich nun die gesamte Familie derer zu Avalé in dem Raum, samt Brüder und Onkel Acardo, der im Gegensatz zu Aelis Vater geradezu harmlos erschien. Devin blickte sehnsüchtig zur Tür und beneidete Darion, der dieser Zusammenkunft gerade noch rechtzeitig entkommen konnte. Aber Devin hatte es ja so gewollt und musste nun mit anhören, wie sie über Aelis sprachen als wäre sie ein Stück Vieh auf dem Viehmarkt. Wesentlich schwerer aber trafen ihn die Beleidigungen, mit denen Eradis nicht nur ihn, sondern Devins ganze Familie in den Dreck zog. „Taugenichts“ war noch harmlos, der „blasierten Schnösel“ traf ihn schon härter, aber mit der dreisten Behauptung „Die Familie Tarun war vielleicht einmal eine glorreiche Familie. Doch seit Heron gestorben ist, ist der Glanz verblasst“ war Eradis wirklich zu weit gegangen. Devin konnte nicht glauben, dass Aelis‘ Vater sich traute, in seiner Gegenwart so etwas auszusprechen. Innerlich kochte er vor Wut darüber, nach außen hin hatte er sich aber perfekt im Griff. Seine Miene blieb kühl und undurchdringlich als beträfe ihn das nur am Rande. Nur die steile Falte über der Stirn, seine starre Haltung und seine geballten Hände verrieten Devins wahren Gemütszustand. „Die Avalés hingegen gehören seit Jahrhunderten zu den besten, wohlhabendsten und einflussreichsten Familien des arcanischen Adels“, schwadronierte Eradis weiter und Devin schnaubte. Das ich nicht lache…, dachte er sich, denn er wusste, dass sich seine und Aelis‘ Familie im Grunde nicht viel nahmen. Sie standen in etwa auf gleicher Stufe und wie in jeder Familie gab es unter ihnen schwarze Schafe und welche mit untadeligem Ruf. Wobei ein untadeliger Ruf noch lange nichts zu bedeuten hatte.
Schließlich zog es Eradis von Avalé allen Ernstes auch noch in Betracht, Aelis mit dem Herzog von Lanyamere zu verheiraten. Ausgerechnet mit dem! ging es Devin durch den Kopf und er fragte sich, ob noch jemand außer ihm hier den Herzog überhaupt persönlich kannte. Wenn ja, würde doch niemand mit Verstand diesen Vorschlag machen. Der Mann war nicht nur alt, er hatte den Ruf, Frauen zu verachten und zu quälen. In den Hurenhäusern der Oberschicht munkelte man so einiges. Unzählige Dienerinnen sollen auf geheimnisvolle Weise von seiner Burg verschwunden sein und seine junge Gemahlin hatte die arcanische Gesellschaft kaum zu Gesicht bekommen. Sie sei schwächlich, hieß es stets und nun war sie tot. Devin schüttelte unmerklich den Kopf. Eradis von Avalé schien nicht bei Verstand zu sein und Aelis allem Anschein nach auch nicht. Devin suchte immer wieder den Blickkontakt zu ihr. Wie konnte sie so dasitzen und sich das alles derart ruhig anhören? Man beleidigte sie, man verschachterte sie. Und sie schwieg. Erst als sie direkt angesprochen wurde, hob sie müde den Kopf. „Ich füge mich in allem, was ihr mir auferlegt, doch ich flehe darum, bei der Inquisition bleiben zu können. Und bitte zwingt Graf Devin nicht, mich heiraten zu müssen“, sagte sie kleinlaut. Devin konnte es nicht fassen. Wo war denn all das Kämpferische und Unerbittliche hin, was eine Vollstreckerin im Dienste der Inquisition ausmachen sollte? Devin sah nur ein Häufchen Elend vor sich, das nun den Kopf senkte. „Erspart mir die Schmach, mich mit jemanden zu verheiraten, der mich nicht heiraten will…“ bat sie leise und Devin schluckte. Gequält sah er sie an. Natürlich wollte er sie nicht heiraten. Aber das lag nicht an ihr. Er wollte überhaupt nicht heiraten! Und was war mit Aelis? War es ihr egal, ob am Ende Devin ihr Gemahl wurde? Würde sie allen Ernstes auch den Herzog heiraten? Das alles war schwer erträglich für Devin. Dennoch hielt er sich vorerst zurück und begnügte sich mit der Rolle des Zuhörers, der von einem Sprecher zum nächsten schaute, hin und her, als verfolge er ein interessantes Ballspiel. Nach einer gefühlten Ewigkeit richtete sich die Aufmerksamkeit schließlich auf Devin, den man nach langer Abwägung zwar nicht für den besten, trotz allem aber für einen akzeptablen Kandidaten hielt. „Nun gut, meinen Segen als Vater habt ihr“, sagte Eradis, nachdem Acardo und Aelis‘ Brüder ihn davon überzeugt hatten, dass Devin dem Herzog gegenüber auch Vorteile besaß.
„Was habt ihr zu alledem zu sagen, Graf Devin?“ fragte Eradis schließlich. Alle Augen ruhten auf dem jungen Grafen, der nach der langen Zeit, in der er vollkommen ignoriert wurde, diesen Moment jetzt auszukosten gedachte. Er ließ sich mit der Antwort Zeit. Dabei stand sein Entschluss längst fest. Niemals würde er tatenlos zusehen, wie man Aelis mit dem Herzog verheiratete. Eine Hochzeit mit Devin war somit unausweichlich. Der Gedanke an eine Ehe war zwar gewöhnungsbedürftig, aber er mochte Aelis. Sie hatte irgendetwas, was er nicht beschreiben konnte, was ihn aber ungemein faszinierte.
Mittlerweile war es totenstill im Raum geworden. Nur Aelis‘ Mutter schniefte leise im Hintergrund in ihr Taschentuch. „Ich werde Aelis heiraten!“, sagte Devin schlicht, aber mit fester Stimme und löste damit die Spannung im Raum, in der wohl der ein oder andere die Luft angehalten hatte.
„…auch wenn es mir missfällt, in eine Familie einzuheiraten, die mich ständig zu beleidigen versucht“, fügte er hinzu und warf Aelis‘ Vater einen snobistisch herablassenden Blick zu. „Ich gebe zu, dass mein Ruf nicht ohne Tadel ist, aber meine Familie steht der euren in nichts nach und ich versichere Euch, dass ich auf jeden Fall die bessere Wahl bin als Waladan von Lanyamere. Herzog hin oder her. Ich werde den weithin verbreiteten Gerüchten um den Tod seiner Frau keine neue Nahrung geben, aber -ganz abgesehen von seinem Alter- sagt man ihm doch…recht spezielle… Neigungen nach.“ Devin räusperte sich kurz und fuhr dann entschlossen fort. „Somit betrachte ich die Sache als beschlossen. Ich hatte ohnehin vor, in nächster Zeit zu heiraten, Aelis‘ Ehre wird gerettet, ihre…und wer weiß, vielleicht sogar meine?… Sünden werden fortgespült (Devin warf Acardo an dieser Stelle einen vielsagenden Blick zu, von dem er hoffte, dass er nicht allzu ironisch herüberkam), die Schande wird von der Familie abgewandt und wir handeln im Sinne der heiligen Zwei, in deren Schriften es heißt, dass ` derjenige, der sich mit sündhaftem Handeln einer Frau nähert, in der Pflicht steht, mit tugendhaftem Handeln diese zu höchster Ehre zu führen´. Devin dankte im Stillen Nirva, die ihm diese Textstelle immer vorgehalten hatte, da er sie entjungfert hatte und später nie von Hochzeit gesprochen hatte. Devin selber kannte die Schriften nicht halb so gut wie er eigentlich sollte und dies war eines von genau zwei Zitaten, die er auswendig zu zitieren wusste.
„Somit haben wir alle einen Gewinn davon“, resümierte Devin zufrieden als hätte er eben ein wichtiges Geschäft abgeschlossen. Denn nichts anderes war es. Alle, außer Aelis…musste er sich mit einem kurzen Seitenblick auf Aelis eingestehen, aber die wurde ja nicht gefragt, wie ihr Vater mehrfach deutlich gemacht hatte und wie es aussah, ergab sie sich ohnehin ihrem Schicksal. Einem Schicksal, das sie mit unzähligen Töchtern teilte, denn arrangierte Ehen waren in ihren Kreisen der Normalfall.
„Ich werde es übernehmen, die Hochzeit auszurichten“, meldete sich aus dem Abseits Aelis‘ Mutter. Sie tupfte sich mit einem bestickten Taschentuch imaginäre oder echte Tränen vom Auge und sah ihre Tochter mit einem Blick an, der keine Zweifel daran ließ, dass alles nach dem Geschmack der Mutter und nicht nach dem der Tochter arrangiert werden würde. Auch in diesem Punkt würde man Aelis kein Mitspracherecht einräumen.
Selbst wenn es jetzt noch Zweifel gab, der Pakt war geschlossen. Es gab kein Zurück.
„Dann ist es beschlossen. Es wird noch heute verkündet werden“, sagte Eradis von Avalé und wirkte nicht unzufrieden. Schließlich hatte er immer gewollt, dass seine Tochter heiratet und Devin war trotz aller Abstriche, die man da eventuell machen musste, eine gute Partie. „Darauf sollten wir anstoßen!“ Im Nu hatten alle ein Glas in der Hand und tranken auf das Brautpaar. Brautpaar! Devin konnte es immer noch nicht fassen, auf was er sich da eingelassen hatte. Er würde tatsächlich heiraten!!!! Ganz langsam sickerten alle Konsequenzen, die das beinhaltete, in sein Bewusstsein. Seine Familie würde sich freuen (oder sie würden zumindest so tun), aber für Devin würde das eine enorme Umstellung bedeuten. Wie groß die sein wird, konnte er noch gar nicht abschätzen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als wäre der Raum zu eng, als müsste er dringend hier raus, fort von dieser Familie, die ihn in Windeseile zu dieser so unfassbar weitreichenden Entscheidung gebracht hatte. Er wollte nur noch weg und in Ruhe über alles nachdenken. Aelis schien es ähnlich zu gehen. Die beiden wirkten ganz und gar nicht wie ein glückliches Paar. Sie vermieden es sogar, sich anzusehen.
Ich muss unbedingt mit ihr sprechen. Wir müssen darüber reden, nahm sich Devin vor. Aber dies war nicht der richtige Augenblick dafür. Dafür mussten sie allein sein, ausgeschlafen, mit klarem Kopf oder besser noch mit einer Prise Starrkraut im Blut.

„Ich werde noch ein paar Tage in der Stadt bleiben. Man findet mich in Millies Pension, falls es noch etwas zu besprechen gibt.“ Devins Blick wanderte über die anwesenden Gesichter und blieb schließlich an Aelis hängen. Wortlos, versuchte er ihr auf diese Weise zu sagen, dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt dort treffen sollten.
Devin entschuldigte sich und suchte dann beinah fluchtartig das Weite. In der Nähe der Eingangshalle traf er auf Darion, der gemütlich in einem Sessel saß und fragend zu ihm aufsah.
„Es ist nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hat“, antwortete Devin auf die unausgesprochene Frage, die Darion im Gesicht stand. „Aber ich kann mit Freude verkünden, dass wir nun wohl offiziell verlobt sind.“ Sehr erfreut wirkte Devin allerdings nicht darüber. Er ließ sich in den gegenüberliegenden Sessel fallen und blickte zerknirscht aus der zerknitterten Wäsche, die zusammen mit dem Bartschatten und den Ringen unter Devins Augen immer wieder an den gestrigen Abend erinnerte. „Wie ist das so als verheirateter Mann?“ fragte er und erwartete nicht wirklich eine ehrliche Antwort darauf. Darion war Aelis‘ engster Vertrauter. Somit war er sicherlich voreingenommen.
„Die Familie besteht darauf, dass Aelis ihr Amt niederlegt“, berichtete Devin weiter und wurde plötzlich nachdenklich. „ Aber wer weiß, darüber ist vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ihr Vater verliert seinen Einfluss, wenn sie erst mit mir verheiratet ist. Ich brauche einen Erben, aber ganz sicher keine Frau, die den ganzen Tag nur unglücklich über ihrem Stickrahmen hängt. An Personal herrscht kein Mangel. Sie muss sich um nichts in meinem Haus kümmern, wenn sie nicht will. Aus meiner Sicht spricht im Grunde nichts dagegen, dass sie weiter im Dienste der Zwei steht. Abseits der Folterkeller…“ schränke Devin ein, dem der Gedanke, dass Aelis abends frisch vom Foltern nach Hause kam, nun doch recht unmöglich erschien. Aber es mochte andere Aufgaben geben, die sie übernehmen konnte. „Man müsste Acardo nur davon überzeugen, dass es nicht unmöglich ist“, überlegte Devin laut und erhob sich dann. „Ich muss gehen. Kümmere dich bitte um Aelis“, bat er Darion schließlich und ging dann zur Eingangstür. Ein paar Schneeflocken wehten ins Haus, als er sie öffnete. Der Winter zeigte sich von seiner rauen Seite. Es war momentan ohnehin unmöglich, den Rückweg Richtung Tarunnath anzutreten. Devin wappnete sich für die Kälte udn trat dann ins dichte Schneetreiben hinaus.

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