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Im Namen der Zwei

Das nördliche Nachbarland Mérindars, schon seit Jahrhunderten in Feindschaft mit jenem Reich. » Ortsbeschreibung
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Aelis von Avalé
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mo, 16. Jan 2017 19:33

Nachdem Eradis Devin gefragt hatte, was er von alledem hielt, wurde es mit einem Mal still im Raum. Auch Aelis ertappte sich dabei, dass sie merkbar den Atem angehalten hatte. Sie hob den Kopf für einen kurzen Moment, und sah, dass alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf Devin gerichtet hatten, einschließlich sie selbst. Alle warteten darauf, dass er den Mund öffnen, und seine Gedanken, oder sogar seine Entscheidung kundtun würde. Sie senkte den Blick wieder. Was immer er sagen würde, sie wollte ihm dabei nicht in die Augen sehen. Es schien ihm nicht leicht zu fallen, seine Entscheidung auszusprechen, oder aber er ließ sich absichtlich Zeit, um die Familie ein wenig zu ärgern. Die Vollstreckerin spürte die Anspannung im Raum, die auf sie übersprang und sie nervös machte. Sie kämpfte gegen den Drang an, ihre Nervosität in einem Fußwippen, oder Fingerklopfen zu entladen, und starrte krampfhaft auf ihre Füße. Schließlich erhob Devin endlich seine Stimme. „Ich werde Aelis heiraten!“ Man konnte regelrecht spüren, wie die Anspannung von allen hier Anwesenden fiel, doch bei Aelis stellte sich dieser Effekt nicht ein. Im Gegenteil. Gleichzeitig, als sich ihr Magen zu verkrampfen schien, schloss sie die Augen, und seine Worte hallten in ihrem Kopf wie ein Erdbeben wider. Der Herzog von Lanyamere war ihr kein wirklicher Begriff, aber wenn man Devins Worten Glauben schenken durfte, war dieser Mann von der übelsten Sorte. Und entgegen Devins Überzeugung, nicht heiraten zu wollen, hatte er nun sein Wort gegeben, sie zu seiner Frau zu machen. Erst vor wenigen Wochen hatten sie zusammen am Kamin in Aelis‘ Anwesen gesessen und sich gegenseitig das Herz ausgeschüttet, nicht für die Ehe geschaffen zu sein, und nun sollten sie einander heiraten? Die Geschwister waren grausam. Allerdings war der Herzog von Lanyamere der Beweis dafür, dass es für sie hätte denkbar schlechter kommen können. Fraglich war nur, wie Devin über diese Ehe dachte. Ganz sicherlich gab es dutzende Frauen, die sich besser dazu eigneten, die Gräfin von Tarun zu werden. Jüngere, hübschere, heiratswilligere Frauen. Solche, die sich gerne in der Rolle als Hausherrin, Ehefrau, Mutter oder sonst etwas sahen. Allein, alle diese Eigenschaften hatte auch Nirva besessen, genutzt hatte es ihr allerdings nichts. Erst die laut verkündende Stimme von Aelis‘ Vater holte sie wieder aus ihren Gedanken hervor. „Dann ist es beschlossen. Es wird noch heute verkündet werden“ Er verlor wahrlich keine Zeit, um Devin auf sein Versprechen festzunageln. War es erst einmal offiziell, war es schwer, sich da wieder herauszuwinden. „Darauf sollten wir anstoßen“ tönte es fröhlich und nur wenig später hatte jeder eines der wunderschönen mundgeblasenen und filigranen Weingläser in der Hand, von welchen Aelis sich sicher war, dass sie aus Elfenhand stammten, was jedoch niemand sonst wahrhaben wollte. Die Vollstreckerin kam sich vor, wie in einem schlechten Traum. War das alles Wirklichkeit? War das alles wirklich passiert? Sie hatte nur einen netten Abend mit Darion verbringen wollen, um zu reden, und als Devin dann dagestanden hatte, hatte es nicht nur die Höflichkeit geboten, ihn einzuladen. Sie hatte sich ja schließlich auch gefreut, ihn zu sehen. Entgleist war der Abend erst im ‚zerbrochenen Schild‘, und Schuld an der gigantischen Misere war Schlussendlich Pater Jeromo Auch, wenn sie im Grunde Schuld daran war, was sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht bereit war, einzugestehen. Und jetzt war sie Devin von Tarun versprochen, und im Frühjahr würde sie seine Frau werden und dann war Schluss mit der Inquisition.

Aelis war sogar ziemlich erleichtert, als er ankündigte, gehen zu müssen. „Ich werde noch ein paar Tage in der Stadt bleiben. Man findet mich in Millies Pension, falls es noch etwas zu besprechen gibt.“ Er blickte ihr bei diesen Worten fest ins Gesicht, bevor er ging, und sie verstand, dass dies eine stumme Aufforderung gewesen war. Natürlich würde sie kommen. Sie mussten sprechen! Sie mussten dringend miteinander sprechen! Zum einen musste sie aufklären, was sie zu Onkel Acardo gesagt hatte. Sie liebte ihn ja nicht. Das hatte sie nur gesagt, um einer harten Bestrafung zu entgehen. Was musste er nur von ihr denken! Dass sie sich wie ein dummes, naives Mädchen benahm, das sich unsterblich in den erstbesten Mann verliebte? Sie musste diesen Irrglauben unbedingt aufklären. Das war das Erste. Und dann musste sie mit ihm über diesen Vorfall hier sprechen. Der ganze Abend war völlig entgleist und die Konsequenzen doch deutlich schwerwiegender als je geglaubt. Oh, am liebsten würde sie Pater Jeromo den Hals umdrehen! Ganz sicherlich hatte er diesen Vorfall nicht nur vorgetragen, weil er so ein götterfürchtiger Mensch war. Nein, er erhoffte sich bestimmt eine angemessene Belohnung, vielleicht in Form einer Beförderung in ein besseres Amt, ausgetragen auf ihrem und auch Devins Rücken. Als Devin den Raum verlassen hatte, wurde die Stimmung innerhalb der Familie ein wenig gelöster. Man war ja nun unter sich. Ihre Eltern ließen es sich nicht nehmen, mit ihr anzustoßen, wobei die Initiative des Gläserklirrens eher von ihnen ausging, anstatt von Aelis. „Ich gratuliere dich herzlich, meine Aelis. Du musst überglücklich sein. Wo du ihn doch so liebst, dass du dich vergessen, und alles für ihn aufgegeben hast“ säuselte ihr Vater. Fast glaubte sie, er hatte sie durchschaut, dass es mit ihrer Liebe nicht allzu weit her stand, und sich nur von lüsternen Gefühlen hatte beherrschen lassen. Vielleicht tat er das auch. Aber das wollte Aelis nie und nimmer glauben. Denn das würde bedeuten, dass ihr Vater sie besser kennen müsste, als sie annahm. Und sie hatte bisher immer angenommen, er würde sie nicht kennen, weil sie im Grunde keine wirklich innige Beziehung zueinander hegten. Aelis blickte ihn wütend an. „Du gehst zu weit“ zischte sie. Dann ließ sie ihre Augen über alle Anwesenden schweifen. „Ihr geht alle zu weit! Wie konntet ihr euch nur so ungebührlich benehmen, Devin beleidigen, und seine Familie und sein Haus in den Dreck ziehen? Darüber hinaus sind eure Glückwünsche und euer Benehmen nicht angebracht! Das könnt ihr euch sonst wohin stecken!“ rief sie. Schroff stellte sie ihr Weinglas auf den Tisch zu ihrer rechten, und ohne noch ein Wort zu sagen, stapfte sie aus dem Raum. Nur ihre gute Erziehung verhinderte, dass sie die Türe ins Schloss warf. Draußen atmete sie tief ein und schnaubend wieder aus. Dann sah sie Darion in einem der Lehnstühle sitzen und trat auf ihn zu. Wo vor wenigen Augenblicken noch Devin gesessen hatte, ließ sie sich auf den Stuhl fallen und schnaufte erschöpft. Nun war der Augenblick gekommen, dass alle Anspannung auch von ihr fiel. Und zurück blieb nur Trauer und Resignation. Schweigend sah sie Darion an. Eine Eigenschaft, die sie sehr an ihm schätzte war, dass er stets wusste, wann es besser war, nichts zu sagen. Nach einer Weile, in der sie sich angeschwiegen hatten, begann Aelis „Das ist deine Schuld. Du hast mich in den letzten zwei Jahren zu sehr vernachlässigt. Ich war einsam, ich brauchte einen Freund, meinen besten Freund… und du warst nicht da. Devin war da am Schluss sehr willkommen. Ein Freund mit besonderen Vorzügen sozusagen…“ Erst jetzt gelang ihr ein neckisches grinsen, als Zeichen, dass ihre Worte nur ein Scherz waren. Doch in jedem Scherz steckte ein Körnchen Wahrheit. Natürlich gab sie ihm nicht die Schuld an alledem. Aber trotzdem hatte sie ihn sehr vermisst. „Erwachsen zu sein ist Scheiße…“ führte sie trocken fort. „Als wir Kinder waren, war alles so unbeschwert. Wir konnten beinahe machen, was wir wollten. Ich musste dich nicht mit deiner Ehefrau teilen, und keiner musste sich mit solchen Problemen herumschlagen, wie wir sie stets haben.“ Auch Darion hatte auf eine Art und Weise ein Problem. Er hatte diese Hure gebumst. So kannte sie ihn eigentlich gar nicht. Aber diese Nacht war wie keine andere gewesen, seit sie denken konnte. Aelis konnte in diesem Moment nicht wirklich beurteilen, ob sie ihn dafür verurteilen sollte. Zum einen konnte man sagen, dass Alkohol wirklich ein übler Geselle war. Doch eigentlich enthemmte er nur. Schließlich hatte sie sich ja mit Devin vergnügt und nicht mit Darion. Dieser Gedanke, dass es umgekehrt hätte sein können, war selbst im schlimmsten Suff absurd gewesen. Zum anderen, konnte sie nur vage sagen, wie es um seine Ehe bestellt war. Vielleicht vermisste er etwas, vielleicht war ihr Ehebett kalt. Sie wusste nicht, ob er glücklich war mit dieser Frau, ob es ihm egal war, oder ob es ihm nicht egal war. Vor anderen behandelten sich die beiden immer mit Respekt. Aber wie es aussah, wenn sie alleine waren, das vermochte Aelis nicht zu sagen. Sie besaß ja nun eine recht gute Menschenkenntnis. Doch Leria war ein Buch mit sieben Siegeln. Sie traute ihr gleichermaßen zu dass sie eine Furie war, wie sie auch glauben konnte, in ihr eine brave Ehefrau zu finden. Aelis beschloss, ihn nun dafür nicht zu verurteilen. Wenn Acardo dicht hielt, dann würde Leria es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin niemals erfahren. Vielleicht lösten sich seine Probleme so in Luft auf, ohne sich darüber einen Kopf mache zu müssen. Nein, sie hatte eindeutig die größeren Probleme von ihnen beiden, auch wenn dies kein Wettbewerb war. „Ehen wurden immer schon arrangiert. Natürlich könnte ich es weitaus schlechter treffen, oder? Er ist ein netter Mensch, und ich mag ihn wirklich sehr. Er entspricht meinem Geschmack, man kann wunderbar mit ihm reden und debattieren, und er ist gut im Bett“ grinste sie. „Na gut, bei den drei Malen, die wir miteinander mit Bett gelandet sind, war ich zweimal davon sturzbetrunken, so dass ich mich nicht wirklich erinnere. Aber das andere eine Mal war gut.“ Sie seufzte. „Aber nur, weil ich ihn mag, bedeutet das ja nicht gleich, dass ich ihn heiraten möchte. Ich bin einfach nicht zur Ehefrau geschaffen. Und Devin auch nicht. Er will nicht heiraten. Darum hat er es ja so lange vor sich hergeschoben. Es ist bitter für mich, dass ausgerechnet ich diejenige sein soll, die seinem Wunsch nach Freiheit und Ungebundenheit im Weg steht. Ich bin Vollstreckerin, mit Leib und Seele eine Dienerin der Zwei. Wenn man beides wenigstens kombinieren könnte. Dann würde ich morgens aus dem Haus gehen, meiner Pflicht nachkommen, und am Abend wieder nachhause kommen. So könnte ich beiden Pflichten gerecht werden. Und selbst wenn Devin als mein Ehemann es erlauben würde, so hätte Acardo wohl das letzte Wort in unserer Familie, als Wahrheitsbringer. Wenn er es nicht gestattet, dann kann Devin erlauben, was er mag… Was ich dich eigentlich noch fragen wollte… Warum, bei den Geschwistern, hast du einer Hure erlaubt, meinen Klappenrock anzulegen?“ Nach einer kurzen Weile verabschiedete sie sich von Darion. Hier im Stadthaus der Avalés zu bleiben war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Unweigerlich würde sie stets im Fokus der Eltern sein, und denen wollte sie jetzt nur mehr aus dem Weg gehen. Eigentlich zog es sie nach Arvia, zu ihrem Landsitz, wo sie ihre heilige Ruhe hatte. Aber sie musste noch mit Devin sprechen. Sie sagte Darion, wo er sie finden würde, und dann ging sie.

Eigentlich hatte sie vor, in die Silberzitadelle zu gehen. Aber sie musste dringend ein Bad nehmen. Sie musste ins Gebet gehen, und sie musste dringend schlafen. In genau dieser Reihenfolge. Aelis verwarf den Gedanken an die Silberzitadelle und suchte sich eine gehobene Absteige, wo für gewöhnlich nur der Adel verkehrte. Nachdem sie dort ein Bad und eine kleine Mahlzeit zu sich genommen hatte, ging sie auf ihr Zimmer. Im Gebet würde sie Trost und vielleicht auch Rat finden. Aber dieser gewünschte Effekt trat nicht ein. Sie war viel zu unruhig. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Zu Devin, und wie es ihm ging. Nach einer endlosen Anzahl an erfolglosen Versuchen, gab sie auf, aber auch, weil sie auf dem Bett, auf dem sie sich ausgestreckt hatte, eingeschlafen war. Als sie wieder erwachte, war es Abend. Eigentlich wollte sie Devin erst morgen aufsuchen. Aber sie wurde ja jetzt schon halb verrückt vor Ungewissheit. Sie wollte wissen, was er dachte, was er fühlte, und wie er das alles sah. So warf sie sich ihren Umhang über, und verließ ihr Gasthaus, um ‚Millies Pension‘ aufzusuchen. Es war klirrend kalt. Schneeflocken rieselten herab, und der gefrorene Schnee knarrte und krachte unter ihren Stiefeln. Es war kaum mehr jemand auf der Straße unterwegs, was Aelis nur Recht war. In Millies Pension angekommen, klopfte sie sich den Schnee vom Umhang, erkundigte sich nach Devin, und trat anschließend ihren Weg zu den Stufen an, die in den oberen Stock führten. Millies Pension war durchwegs gemütlich. Es war eine große, rechteckige und großzügig bemessene Schankstube, an deren Ende sich mittig ein Kamin befand, vor dem einige Sitzbänke platziert und mit Fell bespannt waren. Es war sauber, und es roch sogar gut, was zum einen an den Wohlgerüchen aus der Küche, aber auch daran lag, dass die Wirtin, wahrscheinlich Millie höchst selbst, auf dem Ausschank eine Räucherpfanne hingestellt hatte, aus welcher balsamische Rauchschwaden stiegen. In einer dunklen Ecke saß ein Spielmann und zupfte die Saiten einer schlichten geschnitzten Harfe. Mit der richtigen Stimmung im Herz konnte man hier sicher angenehme Stunden verbringen. Doch in dieser Stimmung befand sich Aelis nicht. Zielgerichtet stieg sie Stufe für Stufe hinauf, doch je näher sie dem Obergeschoss kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Ihre Blicke schweiften über den Flur, auf der Suche nach der Türnummer Sieben, wo sich Devins Quartier befinden sollte. Als sie schließlich davor stand, überlegte sie, was sie sagen sollte, und schalt sich innerlich selbst. Als sie Devin noch kaum kannte, war sie viel selbstsicherer ihm gegenüber gewesen. Doch dies war vorbei. Je besser sie ihn kennenlernte, desto schwächer, und auch verletzlicher fühlte sie sich, aber woran das lag, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. Vermutlich, weil es ihr nicht egal war, was er von ihr dachte. Mit der Erkenntnis, ohnehin nicht genau zu wissen, was sie sagen wollte, klopfte sie schließlich dreimal an der Türe, und wartete, bis die Türe sich öffnete.

„Guten Abend, Devin. Darf ich reinkommen? Wir müssen dringend reden“ begann sie, und Devin gab den Weg ins Zimmer frei. Ohne sich umzusehen, nahm sie den Umhang ab, legte ihn über eine Stuhllehne und setzte sich dann. Die Vollstreckerin räusperte sich. Was sollte sie nun sagen? Während Devin sie aufmerksam und abwartend anblickte, versuchte sie, sich Worte zurechtzulegen. Doch sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte. Eine Entschuldigung, fand sie, war kein schlechter Einstieg. „Es tut mir leid, Devin. Es tut mir leid, wie meine Eltern, und ganz besonders mein Vater, und auch Onkel Acardo sich benommen haben. Sie hatten kein Recht, so über dich und deine Familie zu urteilen, und das habe ich ihnen auch gesagt. Ich denke nicht so über dich, ich hoffe du weißt das. Ich habe viel nachgedacht. Aber ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, oder was du von mir hören willst. Ich weiß nur, dass du niemals heiraten wolltest. Und ich auch nicht. Meine Mutter hat mir, seit ich ein kleines Kind war, die Ohren vollgejammert, dass sie mich niemals vorteilhaft verheiraten werden können, da es mir an sämtlichen äußerlichen Attributen dafür fehlt, und ich mich nicht zur Ehefrau eigne, weil ich nicht jene Talente mitbringe, die von einer Frau erwartet werden. Schon aus diesem Grund wollte ich ein Leben im Dienste von Janus und Idalia wählen. Irgendwann glaubt man es, was man ständig zu hören bekommt. Aber wenn es sich nicht vermeiden lässt… wenn meine Eltern auf diese Ehe bestehen, dann werde ich dir keine lästige Ehefrau sein. Du kannst dein Leben weiterleben, wie bisher, ich werde dir nicht im Weg stehen. So viele Ehen in unserem Stand werden arrangiert. Vielleicht haben wir sogar Glück. Denn irgendwie verstehen wir uns ja ganz gut. Vielleicht könnten wir eine Ehe führen, in der jeder gleichberechtigt ist und tun kann, was er will. Aber eines muss ich dir noch gestehen… Dass ich dich liebe, das stimmt nicht. Ich habe das nur gesagt, um Onkel Acardos Zorn zu dämpfen. Das wäre auch ziemlich seltsam, denn wir sind uns ja erst viermal im Leben begegnet. Dreimal davon sind wir miteinander im Bett gelandet. Und zweimal davon war ich so betrunken, dass ich mich nicht einmal mehr daran erinnere. “ Jetzt musste sie lachen. „Ich hoffe, diese Beichte trifft dich jetzt nicht zu hart“ fügte sie neckisch „Aber ich kann dir sagen, dass ich dich sehr gerne habe. Vielleicht zu gerne…“ Aelis schluckte. Die letzten drei Worte hatte sie eigentlich nicht laut aussprechen wollen. Sie strich sich verlegen ihr Haar zurück und beeilte sich, das Thema zu wechseln. „Jetzt sag mir, was du zu alledem sagst…“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Do, 26. Jan 2017 16:14

Gnadenlos knabberte Darion an einem Fisch, während er ungeduldig auf und ab lief. Niemals im Leben hatte er dem Hausherrn widersprochen und auch wenn er Acardo bissig ignoriert hatte, fühlte er sich nicht wohl dabei Aelis einfach so zurück zu lassen. Immerhin hatte Devin seinen Mann gestanden, aber der kannte Graf Eradis ja auch nicht so wie Darion. Er konnte die Stimmen bis in den Flur hören und hegte keinen großen Wunsch nachträglich doch noch hinein zu stürmen. In der Küche wurde immer noch fleißig gewerkelt, immerhin sollte die halbe Familie verköstigt werden und da musste einiges aufgetischt werden, selbst wenn die Hälfte danach weggeworfen wurde. Darion schlich sich im allgemeinen Chaos kurz hinein und stibitzte sich still und heimlich ein Stück geröstetes Brot und eilte wieder hinaus, bevor es jemand bemerkte. Im Flur angekommen, stieß er mit jemandem, der es sehr eilig hatte zusammen. Nach halt suchend klammerte sich Darion an einem der Wandteppiche fest und riss den teuren Stoff samt Gehänge mit sich. Einem Leichentuch nicht unähnlich legte sich der Teppich über Darion, dem verborgen von der Welt, die Zornesröte ins Gesicht stieg. „Du verdammter Bauerntrampel.“, fuhr ihn eine nur allzu vertraute Stimme an. Darion seufzte und mit seinem Atem, wich auch sein Zorn. „Vorsicht Ariston oder ich schiebe dir meinen Stiefel in den Arsch.“, brummte Darion dumpf unter dem Teppich hervor. „Darion?“, hörte er nun Aduan fragen und ein Paar Hände befreiten ihn von dem Teppich und zogen ihn auf die Füße. Vor ihm standen Aelis' Brüder, die ein wenig gehetzt wirkten. „Was wollt ihr denn auch noch hier?“, fragte Darion, „Ist jemand gestorben?“ Aduan nickte Richtung Speisezimmer. „Ich hoffe noch nicht. Kann man nicht sagen wenn Alle auf einem Haufen sind.“ Darion musste schmunzeln. „Was machst du hier draußen?“, fragte ihn Ariston. „Euer Vater hat mich raus geschickt.“ Ariston grinste böse. „Bist ein braver Hund, Malistaer.“ Davor knuffte ihm Darion in die Seite und die beiden verschwanden in dem Zimmer, indem Aelis auf ihr Urteil wartete und überließen Darion wieder seinem Brot.

Eine gefühlte Ewigkeit später öffnete sich die Tür und Devin kam heraus. Darion war es inzwischen leid ständig hin und her zu laufen, also hatte er es sich in einem Sessel gemütlich gemacht. Neugierig wandte er sich Devin zu. „Es ist nicht so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hat.“, meinte dieser. „Aber ich kann mit Freude verkünden, dass wir nun wohl offiziell verlobt sind.“ Darion machte ein überraschtes Gesicht. „Meinen Glückwunsch?“, versuchte er es mit einem mitleidigen Lächeln. „Wie ist das so als verheirateter Mann?“ Darion überlegte kurz, bevor er antwortete, schließlich wollte er so ehrlich wie möglich sein. „Ich bin seit vier Jahren mit einer Frau verheiratet, die mich für etwas hasst, was ich nicht getan habe. Letzte Nacht habe ich mit einer Hure Ehebruch begannen und ich könnte dir nicht schwören, dass sie es nicht auch schon mal getan hat – also bin ich wohl der Falsche, wenn es um solche Fragen geht.“, meinte Darion verbittert. Von Anfang an hatte seine Ehe unter diesem Vorwurf zu leiden gehabt. Kein Wunder, dass das Ehebett kaum mehr als einmal im Jahr warm wurde und ebenso wenig wunderte es, dass er noch keinen Miniatur Darion auf dem Schoß sitzen hatte, der fragt wann Tante Aelis mal wieder zu Besuch kommt. Das Aelis ihr Amt niederlegen soll, hatte Darion erwartet, immerhin hatte es Acardo schon entschieden. Aber Devin hatte recht, es musste einfach eine Möglichkeit für Aelis geben. In der Geschichte der Inquisition gab es vielleicht eine Handvoll Frauen, da konnten sie nun nicht einfach die eine dieser Generation ins Exil der Ehe schicken.  „Ich muss gehen. Kümmere dich bitte um Aelis“ Darion nickte. Das verstand sich von selbst. Dann trat Devin aus der Tür und Kälte schlich sich in die warme Stube.
Kurz darauf stieß Aelis zu ihm und setzte sich dorthin, wo eben noch Devin gesessen hatte. Welch ein Zufall, dachte sich Darion. Er beschloss solange den Mund zu halten bis Aelis mit der Sprache rausrückte. Einen ersten Eindruck hatte er dank Devin ja schon, also eilte es nicht sonderlich. Irgendwann brach sie dann das Schweigen, mit einer Reihe von Vorwürfen, denen sie mit einem schelmischen Lächeln die Schärfe nahm, aber dennoch ärgerte sich Darion über ihre Worte. „Stimmt, alles meine Schuld. Ich hätte nicht davon ausgehen sollen das ihr Leichtgewichte so viel vertragt wie ich.“, brummte er missmutig und nach einem kurzen Moment des Schweigens, streckte er ihr die Zunge raus. „Erwachsen zu sein ist Scheiße…“, fuhr sie fort und Darion konnte er nur zustimmen. Als Fehler nur Rügen durch die Erwachsenen nach sich zogen war alles viel viel einfacher gewesen. „Als wir Kinder waren, war alles so unbeschwert. Wir konnten beinahe machen, was wir wollten. Ich musste dich nicht mit deiner Ehefrau teilen, und keiner musste sich mit solchen Problemen herumschlagen, wie wir sie stets haben.“, meinte Aelis und traf damit den Kern seiner Meinung. „So ist das nun mal.“, antwortete Darion resigniert. „Man wird älter, beginnt sein eigenes Leben und verliert Freunde aus den Augen. Wichtig ist nur, dass man sie irgendwann wieder findet. Selbst wenn es mit einer Sauferei und anschließender Verlobung endet.“ Er grinste, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumute war, aber sie konnten an der Situation nichts ändern, er am aller wenigsten. Auch wenn sie recht hatte, dass es sie weitaus schlechter hätte treffen können, verstand er ihren Unmut. „Ich bin einfach nicht zur Ehefrau geschaffen. Und Devin auch nicht.“ Da musste Darion kurz auflachen. „Nein, ich denke er wäre keine gute Ehefrau.“ Sie führte weiter aus und sprach dabei etwas ähnliches an wie zuvor Devin. Eine Vollstreckerin als Ehefrau passte in seinem Geiste zwar nicht zueinander, ebenso wenig eine Vollstreckerin als Mutter. Allgemein Aelis als Mutter kam ihm schier absurd vor. „Was ich dich eigentlich noch fragen wollte…“, hob sie an, „Warum, bei den Geschwistern, hast du einer Hure erlaubt, meinen Klappenrock anzulegen?“ Zornig starrte er sie an. „Ich hab es nicht erlaubt.“, sagte er streng. „Ich hab es nur nicht verhindert. Falls es dir entfallen ist, sind meine Erinnerungen ebenso wenig verlässlich wie die deinen. Keine Ahnung was mich da geritten hat – außer dieser verdammten Hure.“ Er massierte sich den Nasenrücken, denn allein bei der Erinnerung fürchtete er Kopfschmerzen zu bekommen. Laute Stimmen näherten sich ihnen, unverwechselbar war dabei Acardos Befehlsstimme. Aelis schien sich plötzlich gar nicht mehr wohl zu fühlen und ihr Blick huschte zur Tür. „Geh ruhig. Ich werde sie aufhalten.“, sprach Darion mit theatralischer Stimme. Sie sagte ihm wo er sie finden konnte und weg war sie.
Ariston und Aduan kamen zu ihm und stellten sich vor ihm auf, als wäre er nun dran, seine Anklage verlesen zu bekommen. „Malistaer. Wie konntest du unsere kleine Schwester zu so etwas bloß anstacheln?“, klagte ihn Ariston an, doch obwohl Darion nicht einmal aufsah, konnte er hören wie er grinste. „Lass mich daraus, Avalé. Ich hab nur meine Biere getrunken.“ „Und eine Hure gebumst.“, fügte Aduan noch hinzu. Darion richtete sich auf. Er war etwas kleiner als die Beiden, dafür aber breiter gebaut. Er kannte sie schon sein Leben lang und war sich sicher, dass er allen beiden eine gehörige Abreibung verpassen könnte, wenn er das wollte. Aber er wollte nicht, er würde es nie wollen. Nicht einmal wenn sie in drei Tage am Stück als Hurenbock beschimpften. Aber Drohungen, waren etwas ganz anderes. „Vielleicht sollten die Herren nicht so laut sein. Ich erinnere mich noch gut an eine Nacht in Lanyamere, wo die beiden Herren es sich richtig gut gehen ließen.“ Darion grinste schadenfroh, aber das schien den Beiden gar nichts auszumachen. „Wir“, begann Ariston und bohrte Darion den Finger in die Brust, „waren da aber nicht verheiratet.“ „Und wir waren nicht so dumm es unseren Onkel wissen zu lassen.“, nahm sein Bruder den Faden auf. Das stimmte, nicht mal Darion hatte es Acardo erzählt. Plötzlich grinste er böse. „Vielleicht wird es höchste Zeit.“ „Wage es ja nicht Darion. Wir haben heute schon eine Familienkrise hinter uns, wir brauchen keine zweite.“, mahnte ihn Aduan. Darion hob abwehrend die Hände. „War doch nur ein Scherz.“ „Ein schlechter. Ich sag es nicht gerne Darion, aber ich glaube du gehst besser. Vater und Onkel Acardo sind nicht gut auf dich zu sprechen. Sie suchen die Schuld bei allen außer sich selbst... Besser wenn es keinen alten Freund trifft.“ Darion klopfte ihnen Beiden auf die Schultern. „Ich habe auch noch Angelegenheiten zu regeln. Ich sehe euch dann beide spätestens bei der Hochzeit.“ Mit diesen Worten verließ Darion das Haus der Avalés.
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 26. Jan 2017 18:28

„Wo ist eigentlich dieser verdammte Leibwächter, wenn man ihn braucht?“ grummelte Devin, als er in seinem provisorischen Zuhause ankam und sich missmutig den Schnee von der Kleidung klopfte. Dabei war er es selber gewesen, der Varon gestern frei gegeben hatte. Schließlich hatte Devin nichts weiter vorgehabt. Er wollte ursprünglich einen gemütlichen Abend in seinem Zimmer verbringen. So ganz war dieser Plan wohl nicht aufgegangen.
Devin ließ sich ein Bad herrichten und dämmerte in der Wanne, bis das Wasser eiskalt und seine Fingerkuppen vollkommen schrumpelig waren. Frisch gewaschen, rasiert und in legerer, sauberer Kleidung fühlte er sofort besser. Nur sein Magen rebellierte noch immer. Devin schob es auf den Fisch. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ließ er sich Tee auf sein Zimmer bringen, wobei der Begriff Zimmer den Räumlichkeiten kaum gerecht wurde. Es waren zwei Räume, ein Wohnzimmer mit einem Kamin und ein Schlafzimmer mit einem Himmelbett. In einem Sessel vor dem Kamin sitzend überdachte Devin seine Situation. Es war jedoch nicht seine Art, lange zu grübeln, seine Gefühle zu erforschen oder sich gar zu bemitleiden, daher beschloss er, vorerst abzuwarten und die Dinge einfach laufen zu lassen. Devin trank einen Schluck Kräutertee und verzog gerade angewidert das Gesicht angesichts des faden und leicht muffigen Geschmacks, als es an der Tür klopfte.

Auch Aelis wirkte frischer und ausgeruhter als am Morgen. „Wir müssen dringend reden“, sagte sie, rauschte an ihm vorbei ins Zimmer und sah ihn erwartungsvoll an. Devin nickte zustimmend. Er wollte hören, was Aelis über diese komplizierte Situation dachte, in die sie so unvermittelt hineingeraten waren. Devin war froh, als Aelis zuerst das Schweigen brach. Es war sehr viel leichter, ihr zuzuhören als selber etwas dazu sagen zu müssen. Gebannt hörte er ihr zu und kräuselte leicht die Stirn, während sie darüber sprach, warum man sie zuvor für eine Ehe nicht geeignet hielt und wie sie sich die Ehe mit Devin vorstellte. Der entscheidende Punkt war jedoch: Sie liebte ihn nicht. Sie hatte es nur gesagt, um den Zorn ihres Onkels zu besänftigen. Und als sie mit Devin geschlafen hatte, war sie in zwei von drei Fällen meistens zu betrunken gewesen, um sich hinterher auch nur daran zu erinnern. Das war nicht gerade sehr schmeichelhaft für Devin und einen Moment wusste er nicht, was er dazu sagen sollte. Er sah sie einfach nur sprachlos an. Er war gleichzeitig enttäuscht und erleichtert, zwei widersprüchliche Gefühle, die nicht zueinander passen wollten und Devin verwirrten. Dass sie ihn dennoch sehr mochte (vielleicht zu gerne), aber gleichzeitig eine Ehe wollte, in der jeder tat was er wollte, machte es nur komplizierter. Oder einfacher? Ihr Vorschlag fühlte sich richtig und gleichzeitig irgendwie falsch an, wenn er ihn sich in der Umsetzung vorstellte. Er sollte sein Leben weiterführen wie bisher? Mit allen, wirklich allen Freiheiten? War das tatsächlich ihr Wunsch? Oder meinte sie das in Wahrheit ganz anders? Ging es ihr vielmehr darum, selber tun und lassen zu können, was sie wollte? Aelis brachte Devin völlig durcheinander. Er hatte manchmal das Gefühl, in ihrer Gegenwart überhaupt nicht klar denken zu können. Daher tat er das einzig Vernünftige und versuchte, seine Gefühle ganz auszuschalten und kopfgesteuert an die Sache heranzugehen.
„Gut. Es ist besser, wenn keine Liebe im Spiel ist. Eine freundschaftliche Basis erscheint mir für diese Art Ehe das beste Rezept zu sein. Liebe kann sich nur allzu schnell in Hass verwandeln. Nirva ist das beste Beispiel dafür. Du hast Recht, wir verstehen uns gut, ich mag dich auch und wir könnten eine Ehe führen, in der jeder gleichberechtigt ist und tun kann, was er will“, wiederholte er ihre Worte und setzte noch eins obendrauf: „ Mein Haus ist groß, du kannst einen ganzen Trakt für dich allein haben. Wenn man es darauf anlegt, kann man sich tagelang aus dem Weg gehen, obwohl man unter einem Dach zusammen lebt.“ Devin lächelte schief. Das klang doch gut, oder? Devin war sich unsicher, ob es das war, was Aelis hören wollte. So richtig begeistert sah sie gerade nicht aus. Eine unangenehme Stille breitete sich aus, die Devin dadurch überbrückte, dass er kurz aufstand und Aelis ein Glas mit einer bernsteinfarbigen Flüssigkeit reichte, das Aelis zögerlich entgegen nahm. „Keine Angst, das ist kein Alkohol. Es ist nur Tee.“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihr Gespräch. Nachdem Devin „Herein, es ist offen“ gerufen hatte, stand plötzlich Varon in der Tür und blickte entgeistert von Devin zu Aelis und wieder zurück. „Dann ist es wahr?“ fragte er. Devin erhob sich langsam. „Aelis, das ist Varon, mein Leibwächter, Diener und Freund." Varon verbeugte sich unsicher, wobei er Devin immer noch fragende Blicke zuwarf. „Wir reden später“, sagte Devin knapp, woraufhin Varon nickte und sich wieder entfernte. Devin wandte sich wieder Aelis zu, doch der Gesprächsfaden war unterbrochen und ließ sich nicht einfach wieder aufnehmen. Der Moment war verdorben. Eine gewisse Unruhe hatte von Devin Besitz ergriffen. Es drängte ihn, mit Varon zu sprechen, um ein paar Dinge zu klären. Aelis schien das zu spüren. Jedenfalls zog sie es vor, sich zu verabschieden. Mit wenigen Worten vereinbarten sie ein späteres Treffen.
Devin brachte Aelis noch zur Tür. Als er ihr so nah stand, dass er ihren Duft wahrnehmen und ihren Körper fast spüren konnte, wünschte er sich ein paar von Aelis‘ Erinnerungslücken, denn er erinnerte sich an manches zu gut und es brachte ihn aus dem Konzept. Bevor Aelis ging, hielt er sie am Arm zurück.
„Eines sollte du noch wissen, bevor du gehst, Aelis, sagte er und sah ihr sehr direkt in die Augen. „Deine Eltern und du, ihr habt keine Ahnung, wenn ihr meint, dass dir irgendwelche Attribute fehlen, um dich vorteilhaft zu verheiraten. Du bist schön, Aelis. Hat dir das nie jemand gesagt? Du bist etwas ganz Besonderes. Es stimmt, dass ich so schnell nicht heiraten wollte, aber wenn ich vor die Wahl gestellt worden wäre, dich oder Nirva zu heiraten…, hätte ich mich auch freiwillig für dich entschieden“ versicherte er ihr.

Nachdem Aelis gegangen war, rief er Varon zu sich, der die ganze Zeit auf dem Flur gewartet hatte und nun –ohne Aelis zuvor eines Blickes gewürdigt zu haben - das Zimmer betrat und die Tür schloss.
„Die Vollstreckerin? Ist das dein Ernst?“ fragte Varon und sah Devin an, als hätte dieser nicht alle Tassen im Schrank. „Wie konnte es dazu kommen?“ Devin hatte es ich wieder im Sessel bequem gemacht, die Beine lässig von sich gestreckt und blickte Varon über seinen Teebecher hinweg nachdenklich an. Dann erzählte er in groben Zügen, was sich seit gestern Nachmittag zugetragen hatte. Varon sah Devin betroffen an. „Das wird alles verändern.“ Devin wiegelte ab: „Vielleicht nicht. Es war ohnehin klar, dass ich eines Tages heiraten werde. Es kam nur früher als beabsichtigt.“ Varon schien dennoch nicht überzeugt. „Irgendjemanden zu heiraten ist nicht dasselbe wie die Vollstreckerin der heiligen Inquisition zu heiraten. Das wird unseren Freunden in Merridia nicht gefallen“, gab er zu Bedenken. „Es sind deine Freunde, nicht meine.“ Varon schüttelte den Kopf. „Es wird ihnen trotzdem nicht gefallen. Du warst für sie nützlich. Zwar nur in einer Nebenrolle, aber immerhin. Sie werden niemanden in ein Haus schicken, in dem Aelis von Avalé wohnt. Selbst wenn sie plötzlich die brave Ehefrau und Gräfin spielt.“ Devin zuckte nur mit den Schultern. Doch Varon war noch nicht fertig: "Außerdem kennst du mich und Dana. Dana ist nicht irgendwer. Sie hat Einfluss. Und du weißt einiges über sie" Das Wort „Zuviel“…stand unausgesprochen im Raum. Devin funkelte Varon finster an, stellte geräuschvoll den Becher ab, stand auf und ging vor dem Kamin auf und ab. „Ich bin dir ganz sicher keine Rechenschaft schuldig und auch sonst niemandem“ sagte er und wirkte plötzlich aufgebracht. Er hatte genug davon, dass anscheinend jeder eine Meinung dazu hatte, was er zu tun und zu lassen und wen er zu heiraten hatte. „Ich werde sie heiraten. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Sag das 'unseren' Freunden in Merridia. Ich habe weder Angst vor ihnen noch bin ich auf ihre Gefälligkeiten angewiesen.
„Ganz sicher?“ fragte Varon und sah demonstrativ zu dem Päckchen Starrkraut, das noch immer unangetastet auf dem kleinen Tischchen lag. „Und was ist mit Devon Bartholomäus Zercandor?“ Devin verstand nicht. „Mit wem?“ fragte er. Dann fiel es Devin wieder ein. Das war der Kaufmann aus Trimarcia, Devins Scheinidentität, falls er das Land verlassen musste. Devin schnaufte genervt. „Ich werde darüber nachdenken“, entschied er. Varon nickte nur und dachte sich seinen Teil. Man sah ihm an, dass ihm das alles nicht gefiel und es in seinem Kopf arbeitete. Aber er schwieg und verabschiedete sich lieber, um in sein eigenes Zimmer zu gehen. Mit kaltem Tee in der Hand blickte Devin nachdenklich in die glimmende Glut. Dann fluchte er und schüttete das Gebräu ins Feuer, das zischend erstarb.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Do, 02. Feb 2017 20:24

Aelis blickte Devin abwartend an. Er schien ihre Worte auf sich wirken zu lassen, ehe er zu einer Antwort ansetzte. „Gut. Es ist besser, wenn keine Liebe im Spiel ist. Eine freundschaftliche Basis erscheint mir für diese Art Ehe das beste Rezept zu sein. Liebe kann sich nur allzu schnell in Hass verwandeln…“ Für den Bruchteil einer Sekunde runzelte Aelis die Stirn. Freundschaft kann sich zu Gleichgültigkeit wandeln. Und Gleichgültigkeit ist Gift für die Seele… dachte sie bei sich, und blickte erst wieder auf, als er sagte „Mein Haus ist groß, du kannst einen ganzen Trakt für dich allein haben. Wenn man es darauf anlegt, kann man sich tagelang aus dem Weg gehen, obwohl man unter einem Dach zusammen lebt.“ Er lächelte, wenn auch nicht überzeugend, und der Vollstreckerin drehte sich der Magen um. Das war es, was er wollte? Ein unangenehmes Gefühl der Unruhe bemächtigte sich ihrer. Sie wollte ihm sagen, dass es nicht das war, was sie wollte. Doch sie konnte es nicht. Sie wollte nie heiraten, aber wenn sie sich in einem Moment der Sehnsucht nach Zweisamkeit vorgestellt hatte, wie es sein sollte, wenn es eines Tages doch passieren sollte, dann sicher nicht so, wie ihre Familie es beschlossen hatte. Man sollte sich gegenseitig lieben, und es sollte ein Herzenswunsch sein, sich einander das Versprechen zum Bund zu geben, und nicht von der Familie dazu gezwungen werden. Auch, wenn sie einsah, dass es falsch gewesen war, sich mit Devin einzulassen, und derartig zu sündigen. Devin unterbrach das eiserne Schweigen der Vollstreckerin mit dem Anbieten eines Bechers Tee. Sie nahm den Tee dankbar entgegen und wärmte ihre Hände an dem Becher, bevor sie davon trank.

Es klopfte, und Devin rief „Herein, es ist offen!“ Unsicher blickte die Arcanierin zur Tür. Wer mochte das sein? Sie schickte ein Stoßgebet zu den Geschwistern, dass es nicht Onkel Acardo oder gar ihr Vater oder sonst jemand von der Familie war. Auch Boten derer wären unerwünscht. Denn sie würden den Umstand dass Aelis sich hier bei Devin aufhielt, in Windeseile zu ihren Herren tragen, und das wollte sie auf keinen Fall. Doch es war weder Acardo von Avalé, noch Eradis von Avalé, und auch kein Bote von ihnen. Es war Devins Diener. Als er die Vollstreckerin erblickte, sprangen seine Blicke entgeistert von Aelis zu Devin, von Devin zu Aelis, und schließlich wieder zurück zu seinem Herren. „Dann ist es wahr?“ fragte er, und die Vollstreckerin verengte ihre Augen leicht als sie ihn von oben bis unten musterte. Natürlich wusste sie, wovon er sprach. Doch wie konnte er es wagen, mit solchen Worten herauszuplatzen? Es stand ihm in keiner Weise zu, so zu sprechen! Weder zu Devin, noch zu ihr! „So ist es…“ entschlüpfte es ihr spitz, und während Devin sich erhob, blieb die Vollstreckerin sitzen. „Aelis, das ist Varon, mein Leibwächter, Diener und Freund.“ Leibwächter, Diener und Freund. Das war also der Grund für sein unverschämtes Betragen. Schon damals, als Devin Aelis besucht hatte, und dieser Varon in der Eingangshalle auf ihn gewartet hatte, hatte er sie mit einem mürrischen Dreitageregenwettergesicht gemustert. Aelis war es nicht entgangen, und wenn es damals an ihr abgeprallt war. Man freundete sich nicht mit seinen Dienern an. Stets wurden solche irgendwann einmal dreist, fordernd oder legten ein Benehmen an den Tag, welches ihnen nicht zustand. Nein, Diener konnten keine Freunde sein. Und Freunde keine Diener. Freunde sollten sich auf Augenhöhe begegnen, weil sie demselben Stand entsprangen. So wie Darion und sie. Ein Niederer als Freund war unvorstellbar für sie. Unter anderen Umständen hätte Aelis vielleicht sogar gelacht, warum Devin sich einen Leibwächter unterhielt. Aber in diesem Augenblick dachte sie nicht im Geringsten daran. Varon verneigte sich leicht, was Aelis zwar zur Kenntnis nahm, jedoch nicht erwiderte. Stattdessen durchbohrte sie ihn weiterhin mit wachsamen Blick. „Wir reden später“ sagte Devin schließlich, und Varon schien mit dieser Antwort zufrieden, und verließ umgehend das Zimmer. Aelis trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte, und suchte nach Worten, das Gespräch wieder aufzunehmen. Doch das Erscheinen Varons hatte alles zerstört. Das vorangegangene Gespräch ließ sich nicht wieder aufnehmen. Auch Devin wirkte jetzt sichtlich abgelenkt und Aelis erkannte, dass es keinen Sinn mehr hatte, noch zu verweilen. „Es ist schon spät. Ich muss ohnehin zurück in die Silberzitadelle“ meinte sie. Solange ich dort noch ein- und ausgehen kann… dachte sie bei sich. „Ich glaube, momentan ist ohnehin alles gesagt.“ Dabei war sie der Meinung, es war eben nicht alles gesagt. Aber heute hatte es keinen Sinn mehr. Vielleicht konnten sie ein erneutes Treffen vereinbaren. „Ich werde die nächsten Tage in der Silberzitadelle verbringen. Aber zur Wintersonnenwende werde ich mich wieder alleine in Arvia aufhalten. Ohne meine Familie. Sie hält sich zum Wintersonnenfest immer in Avalé auf. Ich würde mich über deinen Besuch freuen. Ohne deinen Leibwächter…“ sagte sie zum Abschied unverblümt, und gab damit indirekt zu verstehen, dass sie von Varon nicht viel hielt. Sie nickte ihm zu, wandte sich um und legte ihre Hand auf den Türgriff, doch Devin hielt sie am Arm zurück und so wandte sich Aelis wieder um. „Eines sollte du noch wissen, bevor du gehst, Aelis. Deine Eltern und du, ihr habt keine Ahnung, wenn ihr meint, dass dir irgendwelche Attribute fehlen, um dich vorteilhaft zu verheiraten. Du bist schön, Aelis. Hat dir das nie jemand gesagt? Du bist etwas ganz Besonderes.“ Er sah ihr unverwandt in die Augen, und stand ihr so nahe, dass sie seinen Duft wahrnehmen konnte, der sie schier trunken machte. Unsicher erwiderte sie seinen eindringlichen Blick, und sah schließlich zu Boden. Sie wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Sie wusste nur, dass sich ihr Ärger, den sie über Varon empfunden hatte, augenblicklich ins Nichts aufgelöst hatte, und dass ihr bei Devins Worten ganz anders wurde. „Es stimmt, dass ich so schnell nicht heiraten wollte, aber wenn ich vor die Wahl gestellt worden wäre, dich oder Nirva zu heiraten… hätte ich mich auch freiwillig für dich entschieden.“ Ihre Knie wurden weich, und sie spürte, wie sich ihr Hals zusammenzog. Sie räusperte sich. Aber sie brachte keinen Ton heraus. Seine Worte verwirrten sie und trieben sie gleichermaßen auch zur Flucht. Als sie Devins Zimmer verlassen hatte, blieb sie vor der Türe stehen. „Warum sagt er so etwas?“ flüsterte sie. Bei den Geschwistern, was ging hier nur vor sich? Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es war, als fühlten sie sich zueinander hingezogen, doch gleichzeitig war da etwas, das sie voneinander fern hielt. Da erblickte sie Varon, der im Flur an der Wand lehnte, und genau auf diesen Moment zu warten schien. Auf den Moment, da sie gegangen war. Mit langsamen, beinahe bedächtigen Schritten ging sie den Flur entlang, und blieb vor ihm schließlich stehen. Doch er sah demonstrativ zu Boden. Obgleich sie ihn schweigend musterte, würdigte er ihr keines Blickes. Die Vollstreckerin musterte ihn noch einmal gründlich, und ging schließlich weiter. Langsam schritt sie Stufe für Stufe hinab, durchschritt den Schankraum und stand schließlich wenige Momente später wieder auf der verschneiten Straße.

Aelis schäumte über vor Wut. Wie konnte er es wagen, ihr mit derartigem Hochmut zu begegnen? Sie war Aelis von Avalé! Ein Spross einer der bedeutendsten arcanischen Familien, sie war eine Vollstreckerin! Und sie würde Devins Frau werden! Sie war die zukünftige Gräfin von Tarrun. Dass Varon es wusste, und offenkundig nicht von Devin, bewies, dass Aelis‘ Familie es bereits offiziell verkündet hatte, und dass es auch schon die Spatzen von den Dächern pfiffen! So eine Behandlung würde sie sich nicht gefallen lassen. Niemals! Schon gar nicht von einem dahergelaufenen, niederen Diener! Auch dann nicht, wenn er Devins Freund war. Sie atmete tief ein und wieder aus, die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. Aelis setzte sich in Bewegung, und stapfte mit finsterem Blick durch die menschenleeren Straßen, zurück zur Silberzitadelle.

In der Silberzitadelle, in ihrer Kammer angekommen, zog sie sich ihren Mantel aus, und holte aus ihrer Tasche die Zunderbüchse hervor, um in der Feuerstelle ein Feuer zu entfachen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis aus Zunder, Schlageisen, Feuerstein und Kleinholz ein Feuerchen entstand, das kräftig genug war, um es mit großen Holzscheiten zu nähren. Aelis starrte schweigend in die zuckenden und züngelnden Flammen, und hielt sie Hände vor die wohltuende Hitze, bis sie das Gefühl in ihre Gliedmaßen zurückbekommen hatte. Als sie noch einige kostbare Bienenwachskerzen daran entzündet hatte, stellte sie diese auf ihren Schreibpult und holte aus der Schublade Pergament, Tinte und Feder, sowie Siegel und Siegelwachs hervor. Nachdem sie einige Zeit nachgedacht hatte, tauchte sie die Feder in das Tintenfässchen und setzte die Feder schließlich an und kritzelte Buchstaben auf das Pergament.
Darion, mein teuerster Freund,

ich brauche Deine Unterstützung. In meinen eigenen Reihen kann ich nicht um Hilfe bitten, und ebenso kann ich nicht selbst handeln. Tyros ist dein verlässlichster Mann, soweit ich weiß. Er muss für mich Untersuchungen anstellen. Mein Gefühl täuscht mich selten, und so bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Devins Diener Varon etwas zu verbergen hat. Sein Verhalten kommt mir mehr als seltsam vor. Er scheint mich gleichzeitig zu fürchten und auf mich zu spucken. Ich will alles über diesen Mann wissen. Wer seine Eltern waren, wo seine Wiege stand, wo und wie er großgeworden ist und was ihn heute antreibt. Tyros soll keine Mühen und Kosten scheuen, er soll alles erhalten, was immer er braucht, und mehr noch.

Deine Dir ebenso treu ergebene Aelis
Die Vollstreckerin schob das Pergament von sich, und als die Tinte darauf getrocknet war, faltete sie das Schriftstück säuberlich und akribisch zusammen. Das Siegelwachs hielt sie in die Kerze und als es angeschmolzen war drückte sie es auf das Pergament um es zu verschließen, und drückte zu guter Letzt noch das Siegel hinein, das das Familienwappen der Avalés, sowie ihre Initialen A.v.A. trug. Auf der einen Seite erschien es ihr richtig, das zu tun, aber auf der anderen Seite wieder falsch. Vielleicht wäre es, in Anbetracht der Tatsache, dass sie Devin heiraten würde, das Beste, sich an ihn zu wenden, und sich ihm anzuvertrauen. Aber auf der anderen Seite wäre das noch unklüger. Wie gut kannte sie Devin eigentlich? Sie hatten eine Menge interessanter und vertraulicher Gespräche geführt, sie waren miteinander intim geworden, und sie fühlte sich unglaublich zu ihm hingezogen. Aber missachtete sie nicht genau aus diesen Gründen ihren gesunden Menschenverstand? Wenn Varon sein Diener war und ihr an ihm etwas seltsam vorkam, wer wusste schon, ob sein Herr nicht ebenso mit drin steckte? Aelis atmete geräuschvoll aus. Das war doch absurd! Das wollte sie nicht glauben… Sie musste gähnen. Es war schon spät, vielleicht sollte sie einfach über all das schlafen, und morgen aus einem neuen Blickwinkel betrachten…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 09. Feb 2017 10:08

Am nächsten Morgen zu früher Stunde bekam Devin unerwarteten Besuch von Acardo von Avalé. Devin war zwar bereits wach und hatte sogar schon in seinem Zimmer gefrühstückt, war aber noch nicht richtig angezogen. Es sollte unter Strafe gestellt werden, Leute um diese Zeit zu belästigen, dachte er und schloss gerade noch den Gürtel seines Morgenmantels, als Acardo auch schon -ähnlich energisch wie Aelis am Abend zuvor- in den Raum rauschte und sich unauffällig umsah. Zumindest versuchte er das. Unauffällig war es ganz und gar nicht. Er machte selbst vor dem Schlafzimmer nicht halt, in das er im Vorbeigehen einen kurzen neugierigen Blick warf, als erwarte er dort Aelis vorzufinden oder vielleicht sogar eine andere Frau. Weder mit dem einen noch dem anderen konnte Devin heute dienen.
„Was führt Euch zu so früher Stunde zu mir? Habt Ihr Angst, ich hätte es mir bereits anders überlegt und wäre außer Landes geflüchtet?“, scherzte Devin und lächelte süffisant, denn nur er allein wusste, dass diese Option theoretisch sogar existierte. „Ihr würdet mir nicht entkommen“, antwortete Acardo selbstgefällig arrogant und nahm unaufgefordert in einem der Sessel Platz.
„Bitte, fühlt euch wie zuhause“, sagte Devin, deutete auf die Reste seines Frühstücks und bot Acardo etwas an, was der Wahrheitsbringer Acardo allein mit einer Geste ablehnte.
„Ich wollte mit Euch unter vier Augen sprechen“, begann Acardo. Devin setzte sich ihm gegenüber in einen weiteren Sessel und war ganz Ohr. „Das Wohl meiner Nichte liegt mir noch immer sehr am Herzen. Mehr als sie selbst es wahrscheinlich ahnt. Die Hochzeit mit Euch ist nicht das, was ich mir für sie erhofft hatte. Sie dazu drängen zu müssen, schmerzt mich noch immer. Aber ihr ließet mir keine andere Wahl!“ Acardos Stimme war lauter geworden und sein finsterer Blick bohrte sich in Devins, als wäre es allein Devins Schuld, dass es so weit gekommen war. Das schändliche Verhalten, das Devin und Aelis an den Tag gelegt hatten, passte so viel besser zu dem widerlichen Lebenswandel des jungen Grafen als zu dem ansonsten untadeligen Benehmen seiner Nichte. Ihr Onkel ging deshalb davon aus, dass es nur Devins schädlichem Einfluss zu verdanken war, dass Aelis‘ Ehre derart befleckt werden konnte. So etwas hätte sie doch sonst niemals getan! Wenn Acardo es sich recht überlegte, hatte sich seine Nichte ohnehin in letzter Zeit verändert. Dieser unerwartete Rückzug vor einigen Wochen ins Exil nach Arvia passte ebenso wenig zu der Aelis, die er von klein auf kannte, wie die angeblichen Unregelmäßigkeiten, von denen Anginor Lepos ihn versucht hatte zu überzeugen. Damit war Lepos allerdings gescheitert, denn Acardos Ansicht nach verbiss sich Lepos nur allzu schnell in Dinge, die sich am Ende als völlig irrelevant oder harmlos herausstellten. Dieser Vollstrecker war vom Ehrgeiz zerfressen und hatte eine ganze Liste von Leuten, die er für verdächtig oder zumindest ‚auffällig‘ hielt. Sogar Darion stand auf Lepos` Liste . Darion! Aber das war eine andere Geschichte. Was Aelis betraf, konnte das Acardos Meinung nach nur eines bedeuten: Aelis war in letzter Zeit nicht sie selbst und das lag eindeutig an Devin und ihren Gefühlen für diesen Kerl. Bei dem Gedanken daran konnte der Wahrheitsbringer seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. „Die Inquisition verliert eine sehr fähige Vollstreckerin, was ebenfalls Eure Schuld ist“, polterte er in Richtung Devin.
„Wenn mich nicht alles täuscht, wurde eben diese Vollstreckerin auf mich angesetzt. Die heilige Inquisition trifft somit sogar eine gewisse Mitschuld an den Umständen, die sich daraus ergeben haben“, konterte Devin. Ein kurzer Moment des Erstaunens machte sich in Acardos Gesicht breit, bevor Devin fortfuhr: „Ich bin nicht dumm, Acardo. Ich darf Euch doch so nennen? Wir sind ja bald quasi verwandt.“ Acardo äußerte sich dazu nicht, sein Gesicht war grimmig verschlossen, aber er ließ Devin weiterreden. „Ich weiß von den unsinnigen Anschuldigungen, die Nirva von Sellin gegen mich vorzubringen gedachte und mir ist bewusst, dass die Inquisition jedem noch so fragwürdigen Hinweis nachgehen muss, selbst wenn er jeglicher Grundlage entbehrt. Daher liegt es für mich nahe, davon auszugehen, dass Aelis ein Auge auf mich werfen sollte. Was sie dann ja auch tat….“
Acardo grunzte mürrisch, lehnte sich jedoch neugierig geworden in seinem Sessel vor. „Und? Was sagt ihr zu den Anschuldigungen dieser Frau?“
„Es ist ganz offensichtlich, dass sie dem Hirn einer verschmähten Frau entstammen, die nun auf Rache sinnt. Wenn ihr mich fragt, sollte man das Ganze als Belanglosigkeit abtun. Die Inquisition hat doch sicher besseres zu tun als sich in die Liebeswirren adeliger Töchter einzumischen. Nirva ist naiv und harmlos. Eine eindeutige Warnung von oberster Stelle würde genügen, um sie zukünftig reuevoll schweigen zu lassen.“ Acardo war insgeheim vielleicht gleicher Meinung. Aber er hätte sich eher die Zunge abgebissen als das zuzugeben. Er ärgerte sich darüber, dass jemand wie dieser schnöselige junge Graf sich anmaßte zu beurteilen, was die heilige Inquisition tun sollte und was nicht. Entsprechend mürrisch fiel seine Antwort aus: „Aber man fragt Euch nicht, Devin von Tarun. Und Eure Meinung dazu ist nicht von Interesse. Die Inquisition handelt unabhängig und gerecht im Sinne der Zwei und ist über jeden Zweifel erhaben. Wenn ich es mir recht überlege, sollte man dieser Angelegenheit sogar verschärft nachgehen. Aelis war Euch gegenüber befangen. Jemand wie Anginor Lepos wäre tatsächlich vielleicht besser geeignet für diese Aufgabe. Er besitzt sehr überzeugende Argumente, wenn es um Befragungen geht.“ Acardo sah Devin direkt an und genoss es, die Wort auf Devin wirken zu lassen. Doch dieser tat ihm nicht den Gefallen, sich einschüchtern zu lassen.
„Ihr würdet Eurer Nichte keinen Gefallen damit tun, ihren Verlobten haltlosen Verdächtigungen und dem Gerede der Leute auszuliefern, wo ihr doch so um ihre Ehre besorgt seid...“, erwiderte Devin nach außen hin ruhig. „Es dürfte dem ein oder anderen ohnehin seltsam vorkommen, dass eine Vollstreckerin der Inquisition den Mann zu heiraten gedenkt, dessen vorherige Geliebte praktischerweise kurz zuvor aus dem Weg geräumt wurde.“
Das schien Acardo nachdenklich zu machen. Gleichzeitig wurde er wütend über die Art, mit der Devin sprach. Was bildete der Kerl sich ein!
„Ich warne Euch, Devin. Ihr haltet Euch für sehr schlau. Denkt, was ihr wollt. Eure Verflossenen und deren Schicksal sind für mich nicht von Interesse. Ebenso wenig wie Eures, wenn Ihr nicht zufällig der Verlobte meiner Nichte wäret. Was zählt, ist allein, dass Aelis‘ Ehre nicht in den Schmutz gezogen wird.“ Acardos Stimme war weniger hart, als er noch etwas hinzufügte: „Sorgt für Aelis! Es soll Ihr gut gehen bei Euch. Macht sie glücklich! Falls Ihr dazu überhaupt in der Lage seid. Ich werde euch im Auge behalten, auch nach der Hochzeit. Und ich warne Euch: Wenn sie auch nur den kleinsten Grund hat, sich über Euch zu beklagen, werde ich davon erfahren und Euch zur Rechenschaft ziehen. Dann wird es Euch leid tun, mich zu kennen.“ Mit diesen Worten erhob sich Acardo. Das Gespräch war beendet. „Wir sehen uns bei der Hochzeit“, sagte er noch und verschwand.

Noch am selben Tag reiste Devin zurück nach Tarunnath. Er hatte keine Lust auf eine weitere Begegnung mit jemandem aus der Familie von Avalé. Aelis würde er in gut zwei Wochen am Tag der Sonnenwende sehen. Er hatte ihr versprochen, nach Arvia zu kommen, bevor sie sich verabschiedet hatten und sie dann gegangen war, ohne noch etwas zu seiner letzten Bemerkung zu sagen, was Devin im Nachhinein zum Grübeln brachte.
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Devins Verwandtschaft war begeistert von der bevorstehenden Hochzeit. Fast jeden Tag kam irgendwer vorbei, um ihn darüber vollzuquatschen. Glückwünsche zur Verlobung trudelten ein. Sogar von Nirva. Er war erleichtert zu hören, dass sie wieder zuhause bei ihren Eltern war und sich reumütig zeigte. Ihr Bewunderer Aris von Ehrenfeld war das Bauernopfer, das dafür erbracht werden musste. Devin war der ganze Trubel um Verlobung und Hochzeit dennoch jetzt schon zuviel. Er ertrug das alles nur schwerlich. Natürlich wollten alle Aelis möglichst bald kennenlernen, aber Devin vertröstete sie auf die Hochzeit. Er sagte alles ab, wozu er eingeladen wurde und zog sich entgegen seiner sonstigen Art ganz zurück. Das Verhältnis zu Varon war schlecht wie nie zuvor. Sie redeten nur das Nötigste. Und so war Devin ganz froh, als er sich am Tag vor der Wintersonnenwende ganz allein auf den Weg zu Aelis nach Arvia machen konnte. Das Wetter hatte sich gebessert, die Wege waren frei. Trotzdem hatte er das Gefühl, halb erfroren zu sein, als er bei Aelis ankam. Man führte ihn direkt in ihre privaten Räume, wo Aelis ihn bereits erwartete. Sie erhob sich von ihrem Schreibtisch und kam ihm entgegen. Devin lächelte leicht. Der Raum weckte Erinnerungen und Aelis trug ein Kleid, das ihre Figur sehr vorteilhaft umschmeichelte. Devin schluckte. Er ging einem ersten Impuls folgend recht entschlossen auf sie zu, bremste sich dann aber und sah ihr sehr direkt in die Augen. Sie hatten sich länger nicht gesehen und die Sache mit der erzwungenen Hochzeit stand noch immer zwischen ihnen statt sie näher zu verbinden. Zu vieles war noch unausgesprochen und ungeklärt. „Aelis?“ fragte er sanft und setzte eine Art Dackelblick auf, der ihn unsicher erscheinen ließ. „Hier bin ich also. Allein, wie gewünscht….“

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Fr, 10. Feb 2017 22:54

Doch am nächsten Morgen sah alles nicht besser aus. Und so beschloss sie, den Brief an Darion zu übermitteln. Als sie das Schriftstück einem Kurier aushändigte, und dieser aus der Türe verschwunden war, war sie schon geneigt, ihm nachzulaufen und es wieder zurückzufordern. Sie stellte ja nur Nachforschungen an. Vielleicht gab es auch gar nichts zu ergründen. Und wenn doch...? Es klopfte an der Türe und die Vollstreckerin wurde aus ihren Gedanken gerissen. „Herein…“ sagte sie, und ein Kopf schob sich durch den Türspalt. Es war ein Diener der Inquisition, und er sagte „Verzeiht… Großmeister Amon schickt mich, euch an den Rat der heiligen Inquisition zu erinnern.“ Sie nickte „Danke, ich habe es nicht vergessen, ich werde mich unverzüglich auf den Weg machen.“ Der Diener verschwand, und Aelis seufzte. Sie fürchtete die Begegnung mit Großmeister Amon. Und nicht nur das. Auch die Begegnung mit den anderen Inquisitoren. Wahrscheinlich wussten sie schon alle Bescheid über diese so urplötzliche bevorstehende Hochzeit. Sie schickte ein Stoßgebet zu den Geschwistern, dass Anginor Lepos nicht anwesend war. Gerade ihn mit seinem stets süffisanten Gesichtsausdruck wollte sie am allerwenigsten sehen. Doch es half nichts. Die Tatsache, dass Großmeister Amon ausdrücklich nach ihr geschickt hatte, bewies, dass er sie zu sehen wünschte. Doch warum suchte er dann nicht ein privates Gespräch unter vier Augen mit ihr? Daraus wurde Aelis nicht schlau. Sie erhob sich langsam, und beschritt dann den Weg zur Ratshalle. Vor der Türe angekommen, zupfte sie noch ihre weiße bestickte Wolltunika zurecht, und atmete noch einmal tief ein und aus, bevor sie eine starre und ausdruckslose Miene aufsetzte, und schließlich in die Halle trat. Sie begrüßte die Runde mit einem gelangweilten ‚Guten Morgen‘ und setzte sich an ihren Platz. Hier und da steckten die Männer die Köpfe zusammen und raunten sich gegenseitig zu. Wie die Waschweiber… dachte sich die Vollstreckerin und fing einen neugierigen und gleichzeitig boshaften Blick von Anginor Lepos auf. Ein wenig ungehalten auf die Geschwister, weil diese ihr Gebet nicht erhört hatten, wandte sie den Blick auf Großmeister Amon, der ihr mit ernster Miene zunickte. „Willkommen beim Rat der Inquisition…“ begann er zu allen Anwesenden. „Wie ihr alle wisst, stehen die Zeichen auf Krieg im nördlichen Grenzviertel unseres Reiches. Dieser Tage hat die Inquisition alle Hände voll zu tun. In alle Städte und Dörfer wurden namhafte Männer geschickt, um die Lage zu überwachen. Man kann Freund von Feind kaum unterscheiden, und viele Spionen suchen ihr Geschick dort, um ihrem Vaterland zu dienen…“ Aelis konnte kaum die nötige Konzentration aufbringen, und so starrte sie abwechselnd in das Gesicht des Großmeisters, sowie auf Astlöcher der polierten Eschenholzplatte des Tisches. Eine Weile war sie in Gedanken versunken, bis Großmeister Amon sie direkt ansprach. Erst als sie ihren Namen vernahm, konzentrierte sie sich wieder auf den Redner. „… du bereits etwas herausfinden können?“ Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, doch es war denkbar schwer, zu wissen, was der andere wissen wollte, wenn man nicht zugehört hatte. „Verzeiht mir, Großmeister Amon… bitte wiederholt die Frage…“ bat sie ihn, doch bevor er das tun konnte, mischte sich die nasale Stimme Anginor Lepos‘ dazwischen. „Er will wissen, ob deine Nachforschungen bezüglich Devin von Tarun mehr ergeben haben, als ein Heiratsantrag… Wobei das ja schon eine ganze Menge ist, so meine ich“ lächelte er dünn. Anginor Lepos‘ Worte waren wie Gift, und eine allgemeine Erheiterung zog durch die Inquisitoren. Großmeister Amon strafte den Inquisitor mit einem strengen Blick und ermahnte die Runde zur Ruhe. „Das habe ich so nicht gesagt, Anginor… Doch ich nehme ja sehr an, dass du dich nicht mit einem Spion oder Verräter verlobt hast, Aelis?“ Die Vollstreckerin warf dem Großmeister einen beinahe beleidigten Blick zu „Selbstverständlich nicht…“ erwiderte sie klar. „Dann sind wohl Segenswünsche angebracht, Vollstreckerin Aelis?“ meinte einer der Vollstrecker gut gelaunt, und aus einer anderen Ecke murmelte jemand „Wie ichs gesagt habe, eine Frau hat in der Inquisition einfach nichts verloren. Irgendwann siegt doch der Nestbautrieb über jede Frau.“ „Ruhe! Ruhe! Rief Großmeister Amon. „Mir scheint, ihr seid heute nicht ganz bei der Sache, oder gelangweilt von euren eigenen Leben. Wie könnt ihr nur so respektlos sein? Dies ist eine offizielle Ratssitzung der heiligen Inquisition, und kein Frauenkreis! Ich weiß, ihr alle seid überrascht und neugierig, auch ich bin es. Aber dies ist allein Aelis‘ Angelegenheit und ich dulde nun keine weitere Störung wegen diesem Thema!“ Großmeister Amon schnaufte. „Zurück zum Wesentlichen! Aelis? Was haben deine Nachforschungen ergeben? Und was ist aus jener Nirva von Sellim geworden?“ „Nichts weiter, Großmeister Amon… Wie ich es gesagt habe, Nirvas Anschuldigungen resultierten einzig und alleine aus ihrer gekränkten Seele. Nichts von diesen Anschuldigungen ist wahr! Nirva von Sellim wurde scharf ermahnt, und nun sitzt sie bei ihrem Vater und tut Buße, was man so hört. Sie hat zugegeben, dass alles frei erfunden und völlig aus der Luft gegriffen war.“ „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, Aelis, dass Nirva von Sellim Devin von Tarun der Spionage und des Verrats anklagt, weil er sie nicht heiraten wollte, dich aber so urplötzlich sang- und klanglos. Ich wusste überhaupt nicht, dass ihr euch so gut kennt, dass ihr euch so aus heiterem Himmel verlobt und du die Inquisition verlassen willst. Ich wittere, dahinter steckt mehr, als wir wissen. Eine Zweckehe? Oder bist du schwanger, Aelis? Geht es um Nirva? Geht es allein um Devin? War es deine Entscheidung, oder die deiner Eltern? Das alles erscheint mir doch sehr seltsam.“ Er hatte Recht. Das alles klang für einen nicht Eingeweihten ziemlich seltsam, und es würde schwer werden, überzeugend zu argumentieren. Und Anginor Lepos hatte längst den Braten gerochen. Selbst wenn sie Onkel Acardo bitten würde, Lepos klar zu machen, dass er seine Nase da gefälligst raushalten sollte, das würde Lepos nur noch mehr bestätigen, dass etwas im Busch war. Aelis runzelte die Stirn. „Was soll das? Ich bin natürlich nicht schwanger, Anginor. Ich verbitte mir diese Respektlosigkeit die schon an Frechheit grenzt. Willst du meine Ehre in Frage stellen?“ „Natürlich nicht, Aelis. Ich würde nur zu gerne wissen, warum all das…Es war absolut nicht vorhersehbar…“ Die Vollstreckerin zuckte die Schultern. „Ich habe die Hälfte meines Lebens den Geschwistern, dem Militär und der Inquisition gedient. Noch bin ich jung, aber bald nicht mehr. Und jetzt wird es Zeit für ein neues Kapitel in meinem Leben. Ich kann den Geschwistern auch dienen, wenn ich nicht mehr in der Inquisition bin.“ „Und Devin ist einer der begehrtesten Junggesellen Arcanis‘… und du hast ihn für dich gewinnen können. Nein, du hast ihn eingefangen. Du musst sehr stolz sein, Aelis. Und was man so hört, scheint er sehr gute Liebhaberqualitäten zu besitzen, davon abgesehen führt er ein sehr ausschweifendes Leben, soll ein Trunkenbold und Lebemann zu sein. Das genaue Gegenteil von dir.“ „Das kann ich nicht beurteilen. Das Bild, das ich mir von ihm gemacht habe, ist ein ganz anderes. Das Gerede der Leute ist meistens falsch. Aber vielleicht könnten wir uns wieder wichtigen Dingen widmen. Wie Großmeister Amon bereits sagte, dies hier ist kein Frauenklatsch, sondern der Rat der heiligen Inquisition.“ Diesmal war es an ihr, süffisant zu lächeln. „Um dieses unleidige Thema abzuschließen, ich würde auf die heiligen Geschwister schwören, dass Devin von Tarun gesetzestreu, glaubensfest und untadelig ist.“

„Das hat sie getan? Aelis? Das kann ich nicht glauben!“ rief Acardo aus und in seinem Gesicht zeigte sich tiefstes Erstaunen. „Glaube es ruhig, Bruder…“ sagte Eradis von Avalé und schwenkte gemächlich den Wein in seinem Weinglas hin und her. Acardo schüttelte den Kopf. „Noch nie hat Aelis die Einladung zu einem Familienfest abgesagt, niemals. Ich kenne Aelis jetzt seit dreißig Jahren, doch jetzt glaube ich fast schon, sie nie wirklich gekannt zu haben.“ „Acardo. Jetzt beruhige dich! Das ist doch offenkundig nur Protest, weil wir beschlossen haben, sie mit Devin von Tarun zu verheiraten. Nur weil sie ihren Willen nicht bekommt, zeigt sie uns jetzt die kalte Schulter. Sie wird sich schon wieder beruhigen.“ „Ist es dir egal, dass deine Tochter zum Wintersonnenwendefest nicht anwesend ist?“ „Sagen wir so, es wird mich nicht umbringen. Zumindest leide ich nicht so, wie du das zu tun scheinst“ erwiderte Eradis spitz. „Ist es denn eine Schande, seiner Nichte zugetan zu sein? Ich liebe sie, als wäre sie meine eigene Tochter… Und ich finde…“ „Jaja, ich weiß, was du sagen willst. Ein Vater sollte auch die Interessen seiner Kinder wahren. Du kennst meine Meinung dazu. Aelis hat sich das selbst zuzuschreiben. Und auch du hättest einen anderen Weg gehen können, anstatt Wahrheitsbringer zu werden, wenn dir Kinder so am Herzen liegen. Wie auch immer. Aelis wird schon kommen, du wirst schon sehen…“ „Das wird sie nicht. Sie hat noch nie eine Einladung ausgeschlagen. Ich sage dir, das ist nur dem Einfluss von diesem Windhund zu verdanken“ ballte Acardo die Faust. „Du siehst ja. Sie wollte nicht aus der Inquisition austreten, und anstatt wie angekündigt die Zeit die sie dort noch verweilen könnte, zu nutzen, hat sie sich schon wieder beurlauben lassen! Das ist nicht sie! Was treibt sie überhaupt in Arvia?“ Eradis schmunzelte. „Vielleicht haben sie sich dort ein Liebesnest eingerichtet…“ „Mittlerweile kann ich mir schon alles vorstellen…“ murmelte Acardo, und beschloss, in Arvia nach dem Rechten zu sehen.

Aelis saß auf ihrem Lieblingsplatz im Erker auf einem Sitzpolster und auch wenn die Steinwände sie in sachte Kälte hüllten, saß sie schon eine geraume Zeit dort und starrte aus dem Fenster ins Schneetreiben. Die letzte Sitzung beim Rat der Inquisition hatte ihr gereicht und sie hatte erneut um Beurlaubung gebeten. Auch die Unterredung mit Großmeister Amon war sinnlos gewesen. Er hatte wissen wollen, unter der Betrachtung von Anginor Lepos‘ durchaus berechtigten Fragen, was Aelis zu diesem plötzlichen Schritt bewegt hatte. Doch was hätte sie ihm sagen, oder tun sollen? Hätte sie ihn auf Knien anflehen sollen, mit Acardo zu sprechen, der ja ein gewichtiges Wort als Wahrheitsbringer über Aelis‘ Leben war? Dann hätte sie ihm ja beichten müssen, dass sie mit Devin intim geworden war, und nicht zuletzt diesen peinlichen Abend, den Pater Jeromo beobachtet hatte. Außerdem war durch diese Verlobung ihr Ansehen bei der Inquisition sowieso schon beschädigt. Eine Vollstreckerin, die ihren Platz aufgab, um eine Ehefrau zu werden nahm sowieso niemand mehr Ernst. Auch wenn es traurig war, aber die Zeit bei der Inquisition war vorbei. Sie konnte jetzt nur mehr das Beste daraus machen, und wenigstens bei Devin alles richtig machen. Er war ihre Zukunft, so wie die Inquisition die Vergangenheit war. Und das Beste war, zu versuchen, diese seltsame Distanz die sich durch diese Zwangsverlobung ergeben hatte, niederzureißen. Aber wie? Dazu musste man schon eine ehrliche Aussprache anstreben. Eine ehrliche Aussprache gab Gewissheit, kostete aber auch Überwindung. Seit Tagen schon grübelte Aelis. Darüber hinaus wartete sie auf Antwort von Darion, aber wer wusste schon, ob diese Antwort auch kommen würde. Hauptsache er handelte. So oder so, Aelis saß auf glühenden Kohlen und alleine in Arvia.

Vor den Türen ihres Gemaches hörte sie plötzlich laute Stimmen. Die eine erkannte sie als ihre Zofe, und die andere war zweifelsohne die von Onkel Acardo. Sie verstand nur Wortfetzen, aber was sie verstand war, dass die Zofe darauf pochte dass Aelis ausdrücklich nicht gestört werden wollte, und dass Onkel Acardo darauf pochte, vorgelassen zu werden. Wie dem auch war, Onkel Acardo hatte eindeutig das größere Durchsetzungsvermögen, so dass er kurz darauf in Aelis Gemach trat, und die Zofe mit kläglicher Miene hinter sich ließ. „Guten Tag Aelis…“ begrüßte er seine Nichte und die Zofe piepste „Verzeiht… ich habe gesagt, dass ihr nicht gestört werden wollt…“ Aelis wachelte mit der Hand „Ist schon gut, Esmeda. Du kannst gehen.“ Die Zofe verschwand, nicht ohne vorher Acardos Umhang, den er salopp über den nächstbesten Stuhl geworfen hatte, mitgenommen zu haben. Aelis erhob sich vom Erker und trat ihrem Onkel entgegen. „Guten Tag, Onkel…“ begrüßte sie ihn ebenso. „Was verschafft mir die Ehre deines so unerwarteten Besuches?“ „Ich habe gehört, du hast die elterliche Einladung zur Wintersonnenwendenfeier ausgeschlagen?“ Aelis nickte „Das ist richtig, das habe ich.“ „Wieso?“ „Wieso nicht?“ „Seit dreißig Jahren nimwarst du stets ein Teil der Feierlichkeiten und auf einmal nicht mehr? Was hat du so wichtiges vor?“ „Nichts weiter, Onkel. Ich habe nur einfach keine Lust dazu. Ich werde hier in Arvia bleiben“ „Ist es wegen der Verlobung?“ „Vielleicht…“ „Also doch… Ich bitte dich, Aelis. Du wirst verstehen, dass mir keine andere Wahl blieb!“ Er packte sie sanft an den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. „Aelis… du hast dich deiner Jungfräulichkeit berauben lassen. Was denkst du, warum eine Frau in den Diensten der Zwei keinen Mann haben darf? Erstens, weil sie in andere Umstände kommen kann. Mit einem Kind ist ihr Bestreben nicht mehr bei den Geschwistern. Und zum zweiten ist die Liebe eine so starke Macht. Ob nun körperliche Liebe oder geistige Liebe. Wobei meist eins Hand in Hand mit dem anderen geht. Wer den Kopf voller närrischen Liebeleien hat, hat ihn nicht frei für die Geschwister. Das sind die Gründe. Und wenn du dich einem Mann hingibst, beschmutzt er deine Ehre. Devin ist sicherlich kein Idiot. Dass eine Dienerin der Zwei eine Unberührbare ist, musste auch er wissen. Das weiß jedermann. Dennoch hat er diese Grenze überschritten, und die Konsequenz ist, deine Ehre wiederherzustellen. Und dies geht nur durch eine Heirat. Wenn ihr Eheleute seid, könnt ihr tun und lassen was ihr wollt. Es ist eben so, dass du nicht Ehefrau und Vollstreckerin gleichzeitig sein kannst.“ Aelis entwand sich dem Griff des Wahrheitsbringers und fragt ihn ungeduldig „War das alles, Onkel Acardo?“ Er blickte sie ratlos an „Wie, war das alles? Was meinst du?“ „Ich meinte, wenn das alles war, dann ist es gut. Ich habe deine Worte zur Kenntnis genommen, und dann kannst du ja wieder gehen.“ „Du wirfst mich hinaus?“ „Nein, ich bitte dich lediglich, zu gehen. Du hast gesagt, was du zu sagen hast. Mehr gibt es nicht zu sagen. Ich habe darauf nichts zu erwidern.“ „Aelis… Ich liebe dich wie meine eigene Tochter. Alles, was ich getan und in die Wege geleitet habe, geschieht zu deinem Besten.“ Sie schüttelte den Kopf „Wenn du mich lieben würdest, hättest du mich nicht gezwungen, Devin heiraten zu müssen“ „Wie du das sagst… ich dachte du liebst ihn… und wenn du ihn liebst, so hoffe ich doch für dich, dass er das auch tut. Und wenn ihr euch liebt und einander hingebt, gibt es keinen Grund, nicht zu heiraten.“ „Aber ich liebe auch den Dienst an den Zweien. Und das nimmst du mir. Du und meine Eltern, ihr habt mir mein Leben weggenommen. Und das verzeihe ich euch niemals!“ Acardo dachte für einen Augenblick nach. „Ich kann dir die Ehe nicht ersparen, dein Vergehen ist zu schwer. Aber was sagst du, wenn ich einen Rat einberufe, der darüber entscheiden soll, ob du dennoch in der Inquisition bleiben darfst?“ Aelis schüttelte den Kopf. „Es ist zu spät, Onkel Acardo. Die Eltern waren gründlich. Ich glaube ganz Irukhan weiß es bereits, dass die Vollstreckerin Aelis von Avalé Devin von Tarun ehelichen wird. Vor einigen Tagen war ich bei der Ratssitzung der heiligen Inquisition. Von nichts anderem haben diese Idioten gesprochen als von meiner Vermählung. Niemand nimmt mich mehr für voll, mein Ruf bei der Inquisition ist nachhaltig gestört. Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Aber ich hatte ihn eingesehen. Ich hätte Buße getan für mein Vergehen. Ihr hättet mir nicht den Rücken zuwenden dürfen, ihr hättet mir helfen müssen, wir sind doch eine Familie. Ich wollte nichts anderes als in der Inquisition bleiben. Und ich wollte auch nicht, dass Devin mich heiraten muss Er wollte nicht heiraten, und jetzt zwingt ihr ihn dazu. Was ist denn das für eine Grundlage für eine Ehe? Ich habe mehr als fünfzehn Jahren in der Armee und Inquisition gedient, und ihr habt alles zerstört. Ich habe nun für mich eine Entscheidung getroffen. Und daran halte ich fest. Aber dir habe ich nichts mehr zu sagen, Onkel Acardo. Und meinen Eltern auch nicht. Nie wieder. “ Sie wandte ihm den Rücken zu und verschränkte die Arme. Nach einer Weile des Schweigens seufzte der Wahrheitsbringer und verließ wortlos das Zimmer, und schließlich das Anwesen…

Es war der Tag der Wintersonnenwende und Aelis war verrückt vor Aufregung. Würde er kommen? Sie zerrte sämtliche Kleider aus den Kleidertruhen, doch keines schien ihr angemessen und schön genug zu sein. Das Wetter war zwar beständig geworden, und es hatte seit Tagen nicht mehr geschneit, aber trotzdem war es klirrend kalt draußen. So entschied sie sich schlussendlich für ein dunkelgrünes Kleid aus Seidensamt, das hübsch anzuschauen, aber trotzdem warm war. Sie bürstete ihr blondes Haar, bis es glänzte, und entschied sich, es offen zu tragen, was ihr ein kleinwenig von der Strenge nahm, die sie oft umgab. Während sie auf ihn wartete, wechslte sie oft und unruhig den Platz. Von der Feuerstelle zum Erker, vom Erker zum Schreibtisch, wo sie schließlich sitzen blieb und mit der Schreibfeder spielte. Doch schließlich war es soweit, und ein Diener kündigte Devin an und führte ihn in ihre Gemächer. Als Aelis ihn sah, erhob sie sich, und ging auf ihn zu. Sie lächelte, und auch Devin lächelte. Zuerst wirkte er entschlossen, aber dann entschleunigte er seine Schritte, bis sie sich schließlich unsicher gegenüber standen. „Aelis? Hier bin ich also. Allein, wie gewünscht…“ „Ich freue mich, dass du gekommen bist, Devin. Der Weg hierher ist doch recht weit.“ Um die Stimmung ein wenig aufzulockern, ließ Aelis Tee, Gewürzwein und ein wenig Süßes bringen, und sie ließen sich, da Devin recht erfroren wirkte, auf dem Fell vor der Feuerstelle nieder. „Es ist einiges passiert seit unserer letzten Begegnung, Devin, und darüber möchte ich mit dir sprechen“ begann Aelis, während sie an einem Zimtplätzchen knabberte. „Es ist so viel Ungesagtes zwischen uns. Ich spüre, dass uns das voneinander entfernt, und ich will heute offen und ehrlich zu dir sprechen. Wir haben uns nun zwei Wochen nicht mehr gesehen, und ich muss gestehen, ich habe dich vermisst. Deine Worte beim letzten Abschied haben mich überwältigt. So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt, und ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Vielleicht hatte ich Angst, dass du es nicht so meintest, wie du es sagtest, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich habe viel nachgedacht, und ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Ich sagte dir, wir könnten eine Ehe führen, in der beide gleichberechtigt sind, und jeder tun kann, was er will. Aber in Wahrheit habe ich das nur gesagt, weil ich wusste, dass du nicht heiraten willst. Ich habe Angst, dass du, wenn du mich heiraten musst, meiner bald überdrüssig würdest und ich so eine lästige Ehefrau sein würde, wie man so oft von ihnen hört. Wenn ich mir eine ideale Ehe vorstelle, so wäre das eine Ehe auf Augenhöhe. Sich mit Respekt begegnen, sich lieben, und sich treu sein. Alles andere wäre mir ein Gräuel. Die Ehe ist etwas heiliges, und darum finde ich arrangierte Ehen so grundfalsch. Man sollte aus Liebe heiraten und nicht aus Kalkül, um die gesellschaftliche Stellung zu verbessern, oder seinen Besitz zu vermehren. Eigentlich will ich etwas ganz anderes, vielleicht etwas sehr egoistisches. Und wenn ich einen Ehemann habe, so soll er nur mir gehören, so wie ich auch nur ihm gehören will. Und wenn du mich fragen würdest, würde ich dir sagen, ich empfinde sehr viel für dich, Devin. Mir ging es immer nur um deine Person. Die Art wie du sprichst, und was du spichst, und wie du Scherze machst und lächelst. Dein Sarkasmus, und dein gutes Herz. Jede Frau, die dich kennenlernen dürfte, wie ich es durfte, könnte sich glücklich schätzen, deine Frau zu werden.“ Aelis starrte auf die Schüssel mit den Plätzchen, auf welcher die Schatten im Feuerschein zuckten und tanzten. „Ich habe vor einigen Tagen etwas sehr dummes getan. Aber ich konnte nicht anders. Onkel Acardo hat mich hier aufgesucht, weil ich nicht an den Feierlichkeiten meiner Familie teilnehmen würde. Ich habe ihm sehr deutlich gesagt, was ich von dieser Zwangsehe halte, warum sie mich nicht unterstützt haben, und auch, dass ich ihm und meinen Eltern nichts mehr zu sagen habe. Das bedeutet also, dass ich mit ihnen gebrochen habe. Meine Zeit hier in Arvia ist dadurch nun sehr begrenzt. Ich kann nicht mit meiner Familie brechen und gleichzeitig hier auf ihrem Anwesen bleiben. Und darüber hinaus habe ich erkannt, dass ich keinen Platz mehr in der Inquisition habe. Die Männer dort nehmen mich nicht mehr Ernst, seit meine Eltern die Verlobung offiziell gemacht haben und es selbst schon die Spatzen in Irukhan von den Dächern pfeifen. Im Grunde habe ich nichts mehr, und sitze hier vor dir mit völlig leeren Händen, und vor den Trümmern meines Lebens. Ich bin zu stolz, um zu Onkel Acardo zurückgekrochen zu kommen. Und wenn ich mit meiner Familie gebrochen habe, bedeutet das für mich irgendwie auch, dass dich das von deinem Versprechen entbindet… Also tu, was für dich das Richtige ist. Auch, wenn es für alle anderen falsch erscheinen mag. Und ich bin froh, dass ich dir all das nun gesagt habe. Von meiner Seite aus steht nichts mehr zwischen uns…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Di, 14. Feb 2017 22:43

Das Eis in Darions Bart knisterte, als er störrisch auf einem Stück Trockenfleisch – oder Leder – kaute, während er langsam einen sanften Hügel hinauf ritt. Hier im Windschatten hatte er langsam gemacht, damit er sich von der scharfen Böe, die aus Nordwesten peitschte, erholen konnte. Allgemein war er langsamer geritten, je näher er seinem Heim kam. Den Dreitagesritt hatte er erfolgreich auf vier Tage gestreckt und wenn es nach ihm ginge, würde er noch einen weitere Tag dran hängen. Aber es ging nicht nach ihm, auch wenn er allein war, niemand wusste das er kam und es eine ganze Weile dauern würde, bis irgendwer ihn auch nur ansatzweise vermisste. Sein schlechtes Gewissen und das Bedürfnis, die Sache hinter sich zu bringen, diese beiden Dinge zwangen ihn noch heute nach Hause zu kommen. Der Wind blies ihm Schnee ins Gesicht, als er über die Hügelkuppe kam. Sein Blick schweifte über die Flur, die er sein eigen nannte und wiedermal kam ihm der Gedanke, er sollte doch noch ein paar Hektar Land im Norden kaufen. Wenige Felsen stachen dort aus dem Boden und man konnte bestimmt ein wenig aus dem Boden herausholen und sei es nur Futter für das Vieh. Im Frühjahr würde es wieder grünen und dann würde der Preis wieder in die Höhe schießen. Diese Chance sollte er nicht ungenutzt verstreichen lassen. Die Frage war nur, woher er das Geld nehmen sollte. Das Vermögen des Hauses Malistaer war nahezu verbraucht, sein Vater hatte durch Misswirtschaft und Naivität Unmengen verschleudert. Und statt es wie gewollt wieder zu beschaffen, hatte Darion fast ebenso viel Geld aufbringen müssen um für die Söldner und Schadensersatz aufzukommen. Dieser Kleinkrieg zwischen ihm und seinen entfernten Verwandten hatte sein Land verheert und nun durfte er sich seit vier Jahren damit herumplagen und es war kein Ende in Sicht. Der Boden erholte sich nur schwerlich, aber immerhin waren die Erträge Ernte für Ernte gleich geblieben oder sogar gestiegen. Wenn er also mehr Land erwarb – womit auch immer – sollte alles Besser werden. Nur woher nahm er das verdammte Geld! Er konnte ja schlecht bei den Avalés im ein Darlehen bitten. Nicht das er es für so abwegig hielt, dass sie ihm eines gewähren würden, nur eben jetzt im Moment nicht. Vielleicht konnte er Devin fragen, jetzt wo Aelis und er heiraten würden, da hätte er bestimmt eine Chance und außerdem kannte Devin sich sogar aus, wenn Darion es recht verkaufte konnte er ihn mit Sicherheit überzeugen. Während Darion so in Gedanken versunken war, bemerkte er gar nicht, dass er schon auf dem Pfad zum zentralen Platz seines Guts war. Hauptstraße, konnte man es nennen, wenn es mehr als bloß ein breiter Trampelpfad gewesen wäre. In der Ferne konnte er schon die Hütten sehen, die von einem massiven Steingebilde überragt wurden. Das Herrenhaus der Familie Malistaer. Eine große Halle, die nur deshalb als groß zu bezeichnen war, weil es keinen echten Vergleich in dreißig Meilen Umgebung gab, vier Schlafgemächer, sollten sich mal edle Herren hierher verirren, Küche, Stall und noch drei Privaträume, von denen einer als provisorische Abstellkammer diente, vollgestopft mit dem Hab und Gut vorangegangener Generationen. Hunderte Schriften lagen da unordentlich auf einem Haufen, bestimmt auch die ein oder andere Abschrift der Lehren der Zwei. Darion hatte sich nie die Mühe gemacht, sich einen Überblick zu verschaffen. Nur ein halbes Dutzend Manuskripte lagen separat und fein säuberlich Verstaut. Diese Schriften enthielten Theorien über Krieg, Kampf und Taktik – mit anderen Worten das, was Darion immerhin soweit interessierte, dass er dafür freiwillig las. Doch etwas störte ihn an dem Anblick. Direkt neben dem Herrenhaus hatte sich ein großer dunkler Fleck breitgemacht, dort wo eigentlich nur Wiese sein sollte. Ein halbes Dutzend Zelte standen da. Unwillkürlich ließ er sein Pferd zunächst in schnellen Trab und dann in einen zügigen Galopp verfallen. Er war einerseits beunruhigt, andererseits neugierig wer das sein konnte. Niemand von Bedeutung, soviel stand fest – allein schon dem Zustand der Zelte zu urteilen. Darion zügelte sein Pferd im Dorfzentrum. Ein paar neugierige Blicke schauten zwischen Türspalten und verrammelten Fenstern hindurch. Ein paar Bauern kamen ihm sogar entgegen, ebenso wie einer, den Darion ganz sicher nicht sehen wollte. „Oh der edle Graf beehrt uns wieder.“, rief Ordillio, dieser feiste Drecksack. „Seid uns willkommen.“ Darion sah sich um und als er beschloss, dass genügend Leute anwesend waren erhob er die Stimme. „Ich habe morgen etwas zu verkünden. Ich bitte jeden der Ahnung von Ackerbau hat, morgen gegen Mittag zu mir in die große Halle zu kommen.“, rief er. „Ordillio? Du darfst auch kommen.“ Darion grinste böse in sich hinein, als sein Spott das Gesicht dieses Kerls zu einer wütenden Fratze verzerrte. Dann ritt er in den Hof seines Hauses hinein.
Der Stallbursche, gefolgt von Gerdas Sohn und in Eskorte von einem von Darions Hunden kamen ihm entgegen. Schwungvoll stieg er ab und übergab dem Knaben die Zügel. Väterlich zerzauste er den Beiden die Haare und ging dann, gefolgt von seinem Hund hinein. Die große Halle war leer, aber kurz nachdem die schwere Tür wieder zugefallen war, kam Darions Kämmerer neugierig angeschlichen. „Oh mein Herr Malistaer. Da seid Ihr ja wieder. Es ist so einiges passiert während Ihr weg ward.“ Darion nickte in die Richtung in der außerhalb die Zelte standen. „Sehe ich. Wer ist das?“ Sein Kämmerer wedelte abwegig mit der Hand. „Irgendwelche Söldner die Arbeit suchen. Interessanter ist woher sie kommen.“ Der schlanke Mann machte eine Pause und wartete offensichtlich darauf, dass Darion ihn fragte. „Arvid!“ „Ja ist ja gut. Nördliches Córalay. Einer von ihnen trägt einen extravaganten Dolch bei sich. Ein Löwe ziert den Griff.“ Darion warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Ja genau, das habe ich mich auch gefragt, mein Herr. Ich würde sagen: Ja.“ Darion verdrehte die Augen. Das konnte er ganz gewiss nicht brauchen. Nichts gegen die Menschen aus den gefallenen Reichen, aber mussten sie ausgerechnet aus dieser speziellen Region kommen? Und dieses spezielle Wappen mit sich führen? Darion massierte sich den Nasenrücken. Er war jetzt schon gestresst. „Und meine Frau ist wo?“, stellte er die wichtigste Frage überhaupt. „In ihrer Kammer, aber sie möchte nicht gestört werden.“ Darauf konnte Darion leider keine Rücksicht nehmen und so marschierte er geradewegs hinauf. Er klopfte der Höflichkeit halber und trat dann ein. „Oh Darion?“, hob Leria an. „Schön das du den Heimweg gefunden hast.“ Sie saß in ihrem seidenen Unterkleid vor einem Spiegel und kämmte ihr rostbraunes Haar. Darion nickte bloß. „I-ich.“, begann er zögerlich. „Ich muss dir was sagen.“

Geschickt wich Darion dem Kamm aus, der hinter ihm an der Wand zerbrach. Er musste eine wahre Kaskade von Flüchen und Verwünschungen über sich ergehen lassen, von denen er nur die Hälfte verstand. Anders als seine Familie, die jeden Kontakt und mit der Zeit jede Verbindung zu ihren südlichen Verwandten verloren hatte, hatte Lerias Familie sich immer gute Beziehungen aufrecht erhalten. So kam es das seine Frau zuweilen in einen komplett anderen Dialekt verfiel. Zwar war ihr Arcanisch einwandfrei, aber wenn sie sich mal Verwandte ins Haus holte, verstand Darion oft nur einen Teil von dem, was dort gesprochen wurde – so wie in diesem Moment. Sie sprach so schnell und laut und immer wieder hörte er einzelne Silben nicht, weil das Klatschen ihrer Ohrfeigen ihre Worte übertönte. Darion fand das beinahe schon komisch, es klang als spräche sie eine ganz andere Sprache. Die Ohrfeigen störten ihn kaum, er war schlimmeres gewohnt. „Uff“, grunzte Darion als sie ihm mit geballter Faust ins Gesicht schlug und er merkte, wie ihm warmes, klebriges Blut aus der Nase lief. Er sah ein, dass er das verdient hatte. Sei es für die Tat selbst oder für die Dummheit der Beichte. Schwer atmend machte Leria eine Pause. Mit glühendem Hass in den Augen starrte sie ihn an und er, er wusste nicht was er sagen oder tun sollte. „Leria...“, begann er doch sie unterbrach ihn mit einer weiteren Ohrfeige. „Raus.“, herrschte sie ihn an. Darion nickte und wandte sich um. In der Tür blieb er noch einmal kurz stehen. „Das hätte ich nicht erwartet.“, sagte er ruhig und sie starrte ihn verwirrt an. „Was denn sonst!“ „Ich habe eigentlich gedacht, ich sei dir egal.“ Für einen Moment sah sie so aus, als hätte er sie bei etwas sehr schlimmen ertappt. „Raus...“, zischte sie und Darion ging.
Ziellos lief er durch den Flur und blieb schließlich vor der kleinen Kammer voller Krimskrams stehen. Er trat ein und schloss die Tür hinter sich. Im Dunklen suchte er Kerzen und machte ein wenig Licht. Er zitterte, aber nicht vor Kälte und war kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Es mochte eine Stunde vergangen sein, in der Darion bloß im trüben Kerzenschein über einem Manuskript saß, ohne auch nur ein Wort davon gelesen zu haben. Vermutlich hatte er dieses Schriftstück schon ein paar Male gelesen, aber er wusste nicht was er sonst tun sollte. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass er ihr noch einen kleinen Schatz versteckt hatte. Unter einem Haufen Pergament entdeckte er das Objekt seiner Begierde, einen Tonkrug, randvoll mit süßem Apfelwein. Der Krug selbst hätte wohl mindestens für drei Mann gereicht, aber Darion würde ihn ganz sicher nicht teilen, nicht heute Nacht. Nachdem er seinen gröbsten Durst gelöscht hatte und der Alkohol die trübsten Gedanken verjagt hatte, widmete er sich wieder dem Manuskript.
In dar Wîgkonst kommet et an op Mûra, Porten, Felisen un Wege.
Den Dag wahrde Wîgs gwann un vurloren von di Kore det Wîgstat.
Nein, heute nicht mehr., beschloss Darion und trank lieber weiter.
Fürchtet den Silberlöwen

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Fr, 17. Feb 2017 18:26

Dankbar nahm Devin vor dem Feuer Platz, trank einen kleinen Schluck heißen Wein und versuchte, sich auf Aelis Worte zu konzentrieren ohne ständig daran denken zu müssen, was sie beim letzten Mal auf diesem Fell getrieben hatten. Warum hatte sie ihn auch schon wieder auf dieses verdammte Fell gelockt? An dem Tisch sitzend, der gar nicht weit entfernt stand, wäre ihm ein sachliches Gespräch sehr viel leichter gefallen. Außerdem hätte er dann besser gewusst, wohin mit seinen langen Beinen. Halb liegend positionierte er sich so, dass er Aelis ansehen konnte, knabberte an einer Art Keks herum und setzte eine konzentrierte Miene auf, die sich kaum von der unterschied, die er üblicherweise aufsetzte, wenn sein Verwalter ihm aus der Aufstellung der jährlichen Pachteinnahmen vorlas.
Währenddessen brachte ihm Aelis ihre Gedanken und ihre Vorstellung von der Ehe nahe. Sie hatte ihn vermisst, was Devin ein kurzes Lächeln entlockte und die Bemerkung seinerseits, dass er sie auch vermisst hatte. Ungeachtet dieser kleinen Unterbrechung sprach Aelis unbeirrt weiter und Devin hörte ihr interessiert zu, ohne sie ein weiteres Mal zu unterbrechen. Erst als sie alles gesagt hatte und schwieg, ergriff Devin das Wort. Dabei sah er ihr voller Verständnis in die Augen und ergriff sanft eine ihrer Hände.
„Du wünscht dir also eine Ehe auf Augenhöhe, einen Ehemann, der dir immer treu ist, der nur dir gehört, der dich liebt und den du liebst? Also eine Liebesheirat statt einer arrangierten Ehe?“ versuchte er ihre Worte zusammen zu fassen. Devin wartete ein zaghaftes Nicken ab, bevor er die Augenbrauen hob und sich langsam zurücklehnte, wobei er ihre Hand losließ. „Und stattdessen musst du mich heiraten….das muss hart für dich sein.“ Ein winziger Hauch Schalk blitze in seinen Augen auf, bevor er wieder ernst wurde und ihren Blick festhielt.
„Aelis, ich will auch ehrlich zu dir sein. Ich weiß nicht, ob ich so ein Ehemann sein kann. Ich habe eine Menge Fehler, von denen du gar nichts ahnst. Du kennst mich nicht sehr gut, sonst würdest du nicht so positiv über mich sprechen. Ich könnte dir genug Frauen nennen, die mich als egoistisch und kaltherzig bezeichnen würden. Ein „Ich liebe dich“ ist mir noch nie über die Lippen gekommen. Ich habe immer mehr genommen als gegeben und ein Leben im Übermaß geführt.“ Devin hielt kurz inne und überlegte, ob er das mit dem Übermaß noch näher erläutern sollte. Frauen, Alkohol und Drogen. Es war wohl besser, nicht alles gleich zu beichten.
Reumütig blickte er zu Boden, bevor er Aelis erneut ansah. „Aber ich kann versuchen, dir ein guter Ehemann zu sein. Für dich würde ich das tun. Ich verspreche, mein Bestes zu geben.“ Ob das reichen würde, konnte Devin nicht vorhersehen. Der Wille war zumindest da und er hatte es immerhin zwei Wochen lang geschafft, allen Versuchungen zu widerstehen. Zwei Wochen!
„Es tut mir ehrlich leid, Aelis“, sagte er schließlich schuldbewusst. „Du hast es nicht verdient, so viel zu verlieren, nur um mit jemandem wie mir verheiratet zu werden. Hätte ich bei unserer ersten Begegnung gewusst, wer du bist und wohin das führt, hätte ich wohl die Finger von dir gelassen. Das wäre sicher besser für dich gewesen. Aber nun ist es zu spät. Ich werde von meinem Versprechen dich zu heiraten nicht zurücktreten. Das will ich gar nicht. Es ist aber noch nicht zu spät für dich. Du könntest dich zumindest mit deiner Familie wieder versöhnen. Dein Onkel war bei mir um mit mir zu reden. Er liebt dich wirklich sehr. Du solltest nicht mit ihm brechen. Es mag sein, dass sich über ihn neue Möglichkeiten eröffnen.“ Welche Möglichkeiten das sein könnten, ließ Devin offen. Wahrscheinlich wusste er es selber nicht.

Dann fiel ihm plötzlich etwas ein, was er ganz vergessen hatte. Umständlich kramte er in seinen Taschen herum, bis er gefunden hatte, was er suchte.
„Also wenn du es jetzt noch immer trotz aller Widrigkeiten mit mir versuchen willst…oder musst, weil dir gar nichts anderes übrig bleibt“, fügte Devin grinsend hinzu, „dann habe ich hier etwas für dich.“ Er öffnete seine Faust und streckte ihr einen kostbaren Ring entgegen. Ein Smaragd, filigran eingefasst in kostbares Metall, das ganz offensichtlich von Elfenschmieden bearbeitet wurde. Handwerkskunst, die über menschliches Können hinausging. „Er gehörte meiner Mutter. Ich finde es angemessen, dass meine zukünftige Frau ihn trägt. Falls du ihn annehmen möchtest…?“ Er sah sie fragend an. Wenigstens hatten arrangierte Ehen den Vorteil, dass man vor seiner Zukünftigen nicht auf den Knien herumrutschen musste.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Sa, 11. Mär 2017 23:06

Lautes Pochen weckte Darion aus einem todesgleichen Schlaf. Sein Kopf schmerzte und er fühlte sich, als würde jemand versuchen, ihm die Innereien durch den Arsch herauszureißen. Das Pochen dröhnte laut in seinen Ohren. „Euer Gnaden? Ich weiß das ihr da drinnen seid.“ Das war Arvid der ihn da so penetrant zu wecken versuchte. Mit lautem Stöhnen hob Darion seinen Kopf ein wenig. Ein sehr anhängliches Pergament klebte an seiner Wange. Vorsichtig zog er es ab und legte es wieder zurück auf den Tisch, auf dem sich eine große Lache ausgekühlten Wachses breit gemacht hatte. Mit weichen Knien und unsicheren Schritten stakste er zu Tür, schob den Riegel zurück und öffnete sie einen Spalt. „Ja“, presste er mit kratziger Stimme hervor. „Graf Malistaer, die Söldner sind zurück. Sie wünschen Euch zu sprechen... Soll ich sagen Ihr wäret unpässlich?“, fragte er mit gespielter Sorge in der Stimme, aber seine Miene zeigte unverhohlen seine Schadenfreude. Darion bemerkte wieder einmal, wie viel er seinen Leuten durchgehen ließ. Ein Wunder, dass sie ihn dennoch respektierten. Jedenfalls die meisten seiner Leute. „Nein, nein.“, krächzte er. „Ich komme.“ „Da wäre noch etwas. Ein Bote hat diese Eilschreiben heute Morgen gebracht.“ Darion nahm den Brief entgegen. Er war von Aelis. Neugierig öffnete er ihn und musste ihn zwei Mal lesen, bevor er glaubte was da stand. „Ist der Bote noch da?“ Arvid nickte. „Sag ihm, er soll Aelis ausrichten: Mach ich.“ Arvid wartete kurz. „Ist das alles? Ein wenig … wenig oder?“ „Du kannst es ihm ja vorsingen, wenn es dir gefällt, aber Aelis braucht nur diese beiden Worte.“
Darion musste sich an der Wand abstützen, als er durch den Flur in seine große Halle lief. Bevor er die Tür aufstieß, sammelte er sich, schließlich wollte er sich nicht komplett zum Gespött machen. Er wies Arvid an, ihm ein ordentliches Frühstück zu bringen, auch wenn er bezweifelte, auch nur einen Bissen hinunterwürgen zu können. Mit einem schweren Seufzen betrat er die Halle. In ihr warteten neun junge Männer. Die Kleidung war abgetragen, dreckig, die Männer verströmten sauren Schweißgeruch und doch waren es sie, die Darion mit Mitleid und Entsetzen anstarrten, als dieser zu seinem Stuhl wankte und sich schwer auf diesen fallen ließ. „Graf Malistaer?“, fragte einer von ihnen unsicher. Darion reagierte nicht, sondern starrte die Männer an. „Ähm... mein Name ist Barlor. Ich... wir kommen aus Córalay.“ Darion blickte ihn weiter grimmig an, viel zu sehr darauf konzentriert nicht auf seine Stiefel zu kotzen. „Höre ich.“, brummte er. Ein unsicheres Lächeln huschte über Barlors Gesicht. „Wir sind ehemalige Diener Eurer Familie in den gefallenen Reichen. Ich selbst bin der Bastard eines Vettern von Euch, Vigor Malistaer. Hier ich habe seinen Dolch, wenn Ihr mir nicht glaubt.“ Ohne zu zögern zog der Bastard einen aufwendig verzierten Dolch, an dessen Knauf ein Löwe prangte. Das Wappentier der Malistaers. Darion nickte. „Und?“ Barlor blickte hilfesuchend zu seinen Kameraden. „Nun, wir sind hier um Euch unsere Dienste anzubieten. Wir sind allen Bastarde der Familie und Verstoßene und da dachten wir -“ „Und da dachtet ihr, gehen wir zu dem verstoßenen Familienzweig.“, unterbrach ihn Darion zornig. „Der wird uns Streuner schon unterbringen.“ Die Männer starrten Darion mit offenem Mund an. „Ich sag euch was, ich kann mir eure Dienste weder leisten, noch benötige ich sie. Und das ihr meine geächteten Verwandten macht es nicht besser für euch. Im Gegenteil.“ Darion stand auf und stützte sich schwer auf den Tisch. „Es gibt einen Grund, weshalb keinerlei Kontakt zwischen unseren Familien mehr herrscht und -“ Weiter kam Darion nicht, denn ein Schwall Erbrochenes schoss aus seinem Mund. Keuchend ließ er sich wieder auf den Stuhl fallen und wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel. „Ihr könnt bleiben so lange wie nötig, aber ihr reist wieder ab.“, meinte er müde und beendete das Gespräch.
Er hatte gerade damit begonnen sein Frühstück von einer Seite zur anderen zu schieben, ohne einen Bissen davon auch nur in Erwägung zu ziehen, als nach und nach seine Bauern eintrafen. Darion gefiel die Bezeichnung Leibeigene nicht, aber letzten Endes waren sie das. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran ihren Rat und ihre Meinung bei Fragen hinzuzuziehen, die über seine Kenntnisse und Erfahrung hinaus gingen. Auch sein hochgeschätzter Freund Ordilio hatte sich erbarmt zu kommen. Darion war Gerda in diesem Moment sehr dankbar, dass sie sein Malheur bereits beseitigt hatte. Die Söldner aus Córalay hatten sich am Rande der Halle zusammengefunden. Draußen war es kalt, da war es nur verständlich. Nun würden sie wenigstens zu hören kriegen, weshalb er sich diese kleine Leibwache nicht leisten konnte. Er brauchte jeden Jetsu seines schwindenden Vermögens. Als so ziemlich alle anwesend waren hob Darion die Hand und das Gemurmel erstarb. „Ich begrüße euch alle.“, sprach er laut und mit fester Stimme. Zwar brummte ihm immer noch der Schädel, aber immerhin konnte er sich wieder auf eine Sache konzentrieren. „Ich habe etwas wichtiges mit euch zu besprechen. Wie einige von euch vielleicht wissen, spiele ich schon eine Weile mit dem Gedanken, mehr Land im Norden zu erwerben. Die Preise sind im Moment noch niedrig, habe ich mir sagen lassen, aber die Zeichen stehen auf Krieg und schon sehr bald, werden sie in die Höhe schießen. Ich frage nun euch, was ihr davon haltet. Glaubt ihr damit könnten wir unseren Gewinn steigern? Zum Wohle aller von uns?“ Aufgeregtes Gemurmel erhob sich, dass mit der Zeit zu einem immensem Lärm anstieg. Es wurde laut diskutiert und gestritten. Manch einer war dafür, doch ließ sich zeitig von der Mehrheit überzeugen, dass Darions Idee nicht machbar war. Schließlich erhob sich einer der Männer. Ein alter, krummer Mann mit weißem Haar, dessen Name Walder war. „Euer Gnaden.“, hob er mit rauer Stimme an. „Euer Angebot ehrt Euch, aber unsere Erträge sind nicht so unbeständig, weil es uns an gutem Land mangelt. Die Ländereien der Malistaers sind schon seit Generationen von besonderer Qualität. Es liegt vielmehr daran, dass es uns an Arbeitsgeräten mangelt. Mein Klepper reißt den Acker besser auf, als der Pflug den er hinter sich her zieht. Die Ähren lassen sich leichter ausreißen, als mit einer stumpfen Sichel abzuschneiden. Wenn Ihr uns etwas Gutes tun wollte Herr, dann gebt uns Werkzeug.“ Damit setzte er sich wieder. Darion nickte. „Ich verstehe.“ „Das bezweifle ich.“, hob eine verhasste Stimme an. Ordilio stand auf und trat zwischen Darion und den Rest der Anwesenden. Offenbar war er wieder einmal übermütig, ob der Abwesenheit von Darions Hunden oder einfach aus Dummheit. „Ihr habt keine Ahnung von Ackerbau, wisst nicht eine Sense von einem Dreschflegeln zu unterscheiden.“ Darion lachte. „Und du hast keine Ahnung was eine Riposte ist. So hat jeder die Talente, die er zur Erfüllung seiner Aufgabe braucht. Meine Aufgabe ist es Euch zu schützen und Eure uns zu Versorgen.“ „Und wir haben unsere Aufgabe stets erfüllt, im Gegensatz zu Euch.“, konterte Ordilio. „Euer Vater hat uns vor über zehn Jahren ins Unglück gestürzt, während Ihr im Osten Ritter mit dieser Vollstrecker-Hure gespielt habt.“ Darion sah ihn einen Moment geschockt an. Wie konnte dieser Wicht es wagen! „Hüte deine Zunge.“, knurrte Darion, „Oder ich reiße sie dir eigenhändig raus.“ „Ich bitte um Vergebung.“, höhnte der Fettsack. „Aber ich weiß, Ihr werdet nichts dergleichen tun. Und ich weiß, dass ich Recht habe. Selbst als Ihr dann euch dazu herabließt, Euren Pflichten nachzukommen, wurde es nur schlimmer. Euer Kleinkrieg mit Euren Verwandten hat Euch und uns beinahe in den Ruin getrieben. Und jetzt? Jetzt kommt Ihr mit so etwas. Wir haben so viel Arbeit, wir suchen Tag für Tag die letzte Ähre im Heuhaufen und schreit nach mehr Heu, statt uns eine Forke zu reichen.“ Er machte eine kleine Pause und schien einen Moment an Darion vorbei zu sehen. Dann lächelte er bösartig. „Ich bin nur froh, dass Ihr Euren ehelichen Pflichten ebenso nicht nachkommt. Ein Malistaer mehr und und wir wären dem Untergang geweiht.“ Darion stand auf und ging betont langsam auf Ordilio zu. „Was kommt jetzt.“, höhnte der Bauer selbstsicher. „Hiermit“, begann Darion leise, „klage ich dich des Hochverrats an.“ Ordilio konnte gar nicht so schnell Luftholen, wie Darion ihm das Speisemesser von seinem Frühstück in den Bauch rammte. Der Bauer keuchte entsetzt. „Hiermit spreche ich dich schuldig.“ Darion rammte ihm das Messer zwischen die Rippen. „Und hiermit vollstrecke ich das Urteil.“ Darion rammte ihm die Stirn gegen die Nase und Ordilio fiel zu Boden. Er packte den hilflosen Bauern an den Seiten seines Kopfes und schmetterte diesen auf den harten Steinboden, immer und immer wieder, bis Ordilio nicht länger als solcher zu erkennen war. Schwer atmend stand Darion wieder auf. Seine Tunika war bis zu den Ellbogen blutverschmiert und er war über und über mit Spritzern von Blut, Knochensplittern und Hirn übersät. Mit einem wilden Funkeln in den Augen blickte er auf die geschockte Menge. „Ist jedem klar was gerade passiert ist?“ Atemloses Schweigen. „Hat jemand etwas dazu zu sagen?“ Wieder Stille. Darion war bereit jedem den Schädel einzuschlagen, der es wagte ihn herauszufordern. „Gut. Burkhard? Du hast hast bis Sonnenuntergang Zeit die persönlichsten Besitztümer aus seinem Haus zu räumen. Arvid wird dich beaufsichtigen. Sieh lieber zu das du mich nicht bestiehlst. Den restlichen Besitz dieses Verräters beschlagnahme ich. Die Werkzeuge, sowie der Erlös des Verkaufes des Besitzes wird gleichmäßig an euch verteilt. Ihr wolltet Werkzeug, hier habt ihr es. Das Haus stelle ich meiner neuen Leibgarde zur Verfügung.“ Darion suchte den Blickkontakt zu Barlor und nickte ihm zu. „Und jetzt alle RAUS!“, brüllte er. Als Ordilios Schwager sich aufmachen wollte, rief Darion ihn nochmal zu sich. „Burkhard! Du und deine Frau sollten diese Schweinerei aufräumen.“ Darion wusste wie grausam das war, immerhin war Burkhards Frau die Schwester des soeben Hingerichteten. Ohne ein weiteres Wort wandte sich Darion um und sah nun seiner Frau ins Gesicht. Leria starrte ihn mit ungläubigen Entsetzen an. Darion ging auf sie zu, machte den Mund auf ohne etwas zu sagen und stürmte dann an ihr vorbei. In seinem Privatgemach blieb er mit zitternden Händen stehen. Sein ganzer Körper versuchte die Aufregung, die nun ebenso schnell abklingen sollte, wie sie aufgekommen war zu verarbeiten. „Was war das?“, hörte er Leria hinter sich. „Das war schon lange überfällig.“, meinte er und drehte sich zu ihr um. „Er hat mich schon zu lange provoziert, mich zu oft in Frage gestellt und dann das!“ „Ich habe seine letzten Worte auch gehört, aber das rechtfertigt nicht was du getan hast.“ „Ich habe mich stets bemüht ein gnädiger und gerechter Herr zu sein.“, fuhr er Leria an. „Und was hat es mir gebracht? Meine Gerechtigkeit wurde in ständig in Frage gestellt, meine Gnade wo es nur ging ausgenutzt! Ich habe ein Gut das kaum Gewinn abwirft, eine Schatzkammer die stetig kleiner wird und eine Ehefrau die mich hasst!“ Sie verpasste ihm eine Ohrfeige, die ihn vollkommen aus dem Konzept brachte. „Hör mir jetzt ganz genau zu Darion Malistaer. Ich werde dir eine lange Zeit, vielleicht niemals verzeihen, aber du bist die letzte Familie die ich hier noch habe. Also wage es nicht deinen verdammten Verstand zu verlieren!“ Sie ohrfeigte ihn erneut. „Hast du mich verstanden?“ Darion nickte und sie wandte sich ab und ging. Er stand noch eine ganze Weile da und versuchte zu verstehen, was da gerade passiert war. „Kann es sein,“, meinte eine Stimme neben ihm, „das du eben das geschafft hast, was du seit vier Jahren erfolglos versucht hast?“ Darion nickte. „Unfassbar. Selbst wenn du was falsch machst, machst du noch was richtig.“ Darion sah den Sprecher an. Er hatte gar nicht bemerkt wie Tiros eingetreten war. Wortlos reichte er ihm den Brief, den Aelis ihm geschickt hatte.
„Sie hat meinen Namen falsch geschrieben.“, meinte er trocken. „Ich heiße TIros, nicht TYros.“ Darion blickte ihn amüsiert an. „Das ist alles was du dazu sagst?“ Tiros nickte. „Ich habe keine Ahnung wo dieser Varon sein soll. Und du kennst mich, wenn er so verklemmt ist wie ich befürchte, werde ich mich nicht mir ihm anfreunden.“ „Ihr sollt keine Freunde werden, du sollst etwas über ihn in Erfahrung bringen. Wirst du es tun?“ Tiros grinste ihn an. „Als ob ich eine Wahl hätte.“

Tiros seufzte. So langweilig hatte er sich die Beobachtung nicht vorgestellt. Seit zwei Tagen geisterte er hinter diesem Varon her, in der Hoffnung, dass er irgendwas in Erfahrung bringen konnte und sei es nur welche Sorte Hure der Kerl bevorzugte. Bis jetzt kam es ihm eher so vor, als ob er sich lieber selbst die Schlange würgte. Er saß in einem dunklen Raum und starrte hinaus in die Dämmerung, genau auf die kleine Taverne in der dieser Varon gerade saß. Seit Stunden saß er allein an einem Tisch, das konnte Tiros wunderbar durch das kleine Fenster sehen. „Oh ja.“, stöhnte er auf, als sich die Dame die vor ihm kniete ihre Bezahlung mehr als verdient hatte. „Ich hoffe wir sehen uns morgen nochmal Süße.“, verabschiedete er die Hure und zog sich die Hose wieder hoch. Es dauerte noch eine Weile, aber schließlich bekam Varon Gesellschaft. Eine hübsche Frau mit rötlichem Haar kam zu ihm. Es schien als würden sie ein paar Worte wechseln und schon stand Varon auf und ging. Schneller als er selbst gedacht hatte, war Tiros unten auf der Straße. Die Frau ging in die eine Richtung, Varon in die andere. Tiros entschied sich der Frau zu folgen, mal sehen was die zu sagen hatte. Er verfolgte sie ein paar Straßen weit, bis sie plötzlich auf einen anderen Mann zulief. Sie wechselten ein paar Worte, der Mann gab ihr etwas und dann trennten sich die Wege wieder. Tiros passte den Mann ab, als dieser durch eine dunkle Gasse verschwinden wollte. „Baik?“, stellte Tiros erstaunt fest. Baik war ein schlaksiger Kerl aus Merridia, den Tiros noch von seiner Zeit als Söldner kannte. „Tiros. Dich habe ich ja ewig nicht gesehen. Freut mich dich hier zu treffen.“ „Mich auch, ich wünschte nur es wären andere Umstände.“, meinte er mit ehrlichem Bedauern und hielt Baik eine Klinge an die Kehle.
Tiros wischte das blutige Messer an Baiks Hose ab. Der arme Kerl war über und über mit Blut besudelt, während Tiros, eine Zierde seiner Zunft, nicht mal einen verirrten Spritzer abbekommen hatte. „Wieso musstest du es dir so schwer machen? Am Ende hast du mir doch alles erzählt was ich wissen wollte und noch mehr! Was hat Loyalität für einen Wert, wenn man sie dann doch wegwirft? Wieso sich selbst quälen?“ Baik konnte Tiros vermutlich gar nicht mehr hören. Er war in einem Raum an einen Stuhl gefesselt. Der Besitzer des Hauses lag mit aufgeschnittener Kehle in einer Ecke. Tiros hatte keine Zeit gehabt zuerst eine gute Stelle für ein Verhör zu finden, also musste er improvisieren. „Über diese Dana wollte ich eigentlich gar nicht so viel wissen. Und jetzt weiß ich mehr über sie, als über ihren kleinen Bruder, obwohl ich etwas über IHN herausfinden wollte. Aber du warst so schön am singen, da wäre es einfach unhöflich gewesen dich zu unterbrechen.“ Tiros steckte das Messer wieder weg und stellte einen Fuß auf den Stuhl. „Tut mir ehrlich leid.“ Dann stieß er den Stuhl um. Er wartete einen Moment, bis sich Baiks Mund und Nase mit Blut füllten und er langsam erstickte. Dann ging Tiros, er hatte schließlich jemanden Bericht zu erstatten.

„WAS!“, rief Darion als er hörte was Tiros ihm da erzählte. Sein Freund nickte. „Sind diese Informationen auch sicher.“ Tiros zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Das ist das Problem bei Folter. Vielleicht sagen die Leute nur was man hören will. Aber Aelis ist bei der Inquisition, ihr wird egal sein, ob Baik die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Das ist gute Tradition bei der Zitadelle.“, erwiderte er zynisch. Aber er hatte recht. Darion entschloss sich Aelis diese Botschaft selbst zu überbringen, denn er vertraute sie keinem Anderen an. Außer Tiros, aber der hatte sich eine Auszeit verdient. Eilig packte er alles nötige zusammen. Er gab noch einige Anweisungen, wobei er darauf vertraute das Arvid seine Sache schon richtig machen würde, so wie immer und außerdem war Leria noch da. Man konnte sagen über sie was man wollte, aber dumm war sie nicht. Und obwohl das Verhältnis momentan etwas schwierig war, war Darion schon lange nicht mehr so erleichtert gewesen. Sie verabschiedeten sich ohne große Förmlichkeit.
Wenige Tage später hämmerte Darion gegen die Tür des Landsitzes bei Arvia. Ein Diener öffnete. „Die Dame des Hauses hat Besuch.“ Darion drängte sich hinein. „Mir egal, hol sie her. SOFORT!“, herrschte er den Diener an. Kurz darauf kam Aelis gehetzt angelaufen. Die Begrüßung musste ausfallen. Auf dem Weg hierher hatte sich Darion seine Worte sorgfältig überlegt. „Varon ist nicht das was er vorgibt zu sein.“, fiel Darion mit der Tür ins Haus. „Er hilft einer Gruppe, die sich weit mehr als bloßem Hochverrat schuldig gemacht hat. Ich weiß nicht wie weit er selbst daran beteiligt ist.“ Darion seufzte. „Aber seine Schwester hat etwas in dieser Gruppe zu sagen. Sie hilft Ketzern und Verrätern schon jahrelang aus dem Land zu fliehen und wer weiß was sonst noch alles. Ich weiß das ist jetzt viel auf einmal, aber vielleicht kann ich dich etwas beruhigen. Tiros hat nichts in Erfahrung bringen können, was Devin belasten könnte. Soweit ich es sagen kann, hat er damit nichts zu tun.“
Fürchtet den Silberlöwen

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » So, 26. Mär 2017 19:19

Aelis war, gelinde gesagt, entsetzt, als sie Devins Worten lauschte. Vielleicht hatte sie insgeheim gehofft, er hätte ähnliche Vorstellungen, und würde ihre, aus tiefstem Herzen kommende Beichte erwidern oder bestätigen. Aber alles was er hervorbrachte, waren halbherzige Ernsthaftigkeiten, Scherze, über die Aelis in diesem Augenblick alles andere als lachen konnte, und auch die eine oder andere sarkastische Bemerkung. Plötzlich sah sie ihn in einem ganz anderen Licht, und sie bereute, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben. Wieso hatte sie ihn nicht einfach auf dem Fell, auf welchem sie sich bereits geliebt hatten, verführt, so wie er es getan hatte? Das wäre die eindeutig bessere Möglichkeit gewesen, den Abend zu verbringen. Aber jetzt war die Stimmung dahin. Sie fühlte sich ernüchtert, und irgendwie auch dämlich. Die Vollstreckerin überlegte fieberhaft, wie sie diese gekippte Stimmung bei sich wieder geradebiegen könnte, doch ihr fiel nichts ein. Wenn Devin nicht jeden Moment lachen, und sagen würde, dass alles nur ein Scherz gewesen war und er genauso fühlte, dann gab es nichts, was diese Stimmung wieder aufhellen konnte. Am liebsten wollte sie Unwohlsein vortäuschen, aber Devin hatte einen weiten Weg hinter sich bei einem unwirtlichen Wetter, und es wäre mehr als nur unhöflich, diesen Abend abzubrechen und ihn fortzuschicken, auch wenn sie das nun am liebsten täte. Sie hatte im Geiste bereits mit ihrer Familie gebrochen, und das alles auf das Wissen gestützt, dass sie ohnehin bald verheiratet sein würde und ihre Familie nicht mehr brauchen würde. Aber mit so einem Ehemann war es sicherlich äußerst unklug, die Familie hinter sich zu lassen. Wer wusste schon, wie schnell er ihrer überdrüssig würde, weil ihm eine andere, schönere, jüngere, oder vielversprechendere Frau den Kopf verdrehen würde? Sie würde als verbitterte verschmähte Ehefrau enden, und war nicht genau das der Grund, warum sie sich gegen ein konventionelles Leben als Ehefrau entschieden, und sich für den Weg im Dienste die Zwei entschieden hatte? Dem Ganzen die Krone setzte dann ein Nachsatz Devins auf. „Hätte ich bei unserer ersten Begegnung gewusst, wer du bist und wohin das führt, hätte ich wohl die Finger von dir gelassen. Das wäre sicher besser für dich gewesen. Aber nun ist es zu spät. Ich werde von meinem Versprechen dich zu heiraten nicht zurücktreten. Das will ich gar nicht. Es ist aber noch nicht zu spät für dich. Du könntest dich zumindest mit deiner Familie wieder versöhnen. Dein Onkel war bei mir um mit mir zu reden. Er liebt dich wirklich sehr. Du solltest nicht mit ihm brechen. Es mag sein, dass sich über ihn neue Möglichkeiten eröffnen.“ Scheinbar war ihm das ganze sehr unangenehm. Wenn er gewusst hätte, dass sie eine Vollstreckerin, nein, das sie die eine Vollstreckerin, Aelis von Avalé war, dann hätte er sie nie und nimmer gevögelt. Da hatte sie ihre Antwort. Doch weil sie einen sehr überzeugenden Menschen hinter sich stehen hatte, nämlich Onkel Acardo, einer der einflussreichsten Wahrheitsbringer, da musste er ja wohl oder übel die Hand die ihm regelrecht an die eigene gekettet wurde, ergreifen. Auch wenn Devin behauptete, es wäre seine eigene Entscheidung, und an dieser würde er festhalten, in Wahrheit war es Onkel Acardos Entscheidung. Devin musste wissen, dass er alles verlieren konnte, wenn er sich der Entscheidung Acardos verweigerte. Devin nestelte etwas aus seiner Tasche, und als er seine Faust öffnete, offenbarte sich ein funkelndes Kleinod. „Also wenn du es jetzt noch immer trotz aller Widrigkeiten mit mir versuchen willst…oder musst, weil dir gar nichts anderes übrig bleibt, dann habe ich hier etwas für dich. Er gehörte meiner Mutter. Ich finde es angemessen, dass meine zukünftige Frau ihn trägt. Falls du ihn annehmen möchtest…?“ Sie mochte nicht. Aber wollte sie ihn brüskieren, in dem sie ihn zurückwies? Der Wind blies und pfiff um das Anwesen von Arvia, und füllte mit seinen unheilvollen Geräuschen das betretene Schweigen. Zögerlich hob Aelis ihre Hand und setzte tapfer ein Lächeln auf, als es plötzlich und unerwartet klopfte.

Sie zog sie Hand zurück, als hätte sie ins Feuer gefasst, und die Türe öffnete sich, durch dessen Türspalt sich der Kopf einer ihrer Diener steckte. Die Vollstreckerin wandte ihren Kopf und verzog ihre Miene zu einer konsternierten, obgleich sie in ihrem Herzen ein Stoßgebet zu den Zweien schickte, dass der Diener den Augenblick gerettet hatte. „Was ist?“ sagte sie ungnädig? „Ich habe doch gesagt, ich will an diesem Abend nicht gestört werden!“ Immerhin wäre es ja auch möglich gewesen, dass sie in diesem Augenblick gemeinsam im Bett lagen und den Abend besser nutzten als sie jetzt taten. „Verzeiht mir untertänigst. Ich habe gesagt, dass ihr nicht gestört werden wolltet. Aber er wollte sich nicht abwimmeln lassen.“ „Und wer?“ „Darion Malistaer…“ „Darion ist hier? Danke. Ich komme gleich.“ Sie nickte, und der Diener verschwand. „Verzeih mir, Devin. Bitte warte kurz. Ich beeile mich. Es muss etwas wichtiges sein, sonst würde Darion nicht so plötzlich vor meiner Türe stehen.“ Sie erhob sich, durchschritt den Raum und schloss die Türe. Was, im Namen der Zwei, war nur passiert? Sie beschleunigte ihre Schritte, und als sie Darion sah, lief sie ihm bereits entgegen. „Darion! Ich hatte dich nicht erwartet… was ist los? Ist etwas passiert?“ fragte sie ihn mit besorgter Miene. Darion kam sofort auf den Punkt „Varon ist nicht das was er vorgibt zu sein.“ „Was ist er dann?“ platzte sie heraus. „ Er hilft einer Gruppe, die sich weit mehr als bloßem Hochverrat schuldig gemacht hat. Ich weiß nicht wie weit er selbst daran beteiligt ist. Aber seine Schwester hat etwas in dieser Gruppe zu sagen. Sie hilft Ketzern und Verrätern schon jahrelang aus dem Land zu fliehen und wer weiß was sonst noch alles. Ich weiß das ist jetzt viel auf einmal, aber vielleicht kann ich dich etwas beruhigen. Tiros hat nichts in Erfahrung bringen können, was Devin belasten könnte. Soweit ich es sagen kann, hat er damit nichts zu tun.“ Aelis blickte Darion nur bestürzt an. Sie hatte zwar einen Verdacht gehegt, dass mit Varon irgendetwas nicht stimmte, aber mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Sie ergriff seinen Arm, als sie bemerkte, dass sie schwankte. „Bei den Geschwistern… Du hast dir den besten Abend ausgesucht, mir diese Nachricht zu überbringen. Devin ist in meinen Gemächern. Ich bereue, ihn eingeladen zu haben. Oder vielmehr bereue ich, dass ich ihm mein Herz ausgeschüttet habe. Ach, was ich ihm alles gesagt habe! Dass ich eine Ehe auf Augenhöhe will, eine Liebesheirat, und so weiter und so fort. Alles, was er dazu zu sagen hatte, war, dass ich so einen Ehemann nicht verdiene, und wenn er gewusst hätte, bei unserer ersten Begegnung, wer ich bin, dass er dann die Finger von mir gelassen hätte, und… und er Fehler hat, von denen ich noch nicht einmal etwas ahne…“ Sie hielt inne. Fehler, von denen sie nicht einmal etwas ahnte? „Vielleicht weiß er doch mehr über Varon, als du denkst…“ gab sie zu bedenken. „So oder so… ich freue mich, dass du gekommen bist, und mich gerettet hast…“ scherzte sie. „Er wollte mir gerade einen Ring schenken… Als ob ich ihn genommen hätte, unter diesen Umständen. Ich kann ihn nicht heiraten. Diese ganzen Gerüchte um Devin, sein Ruf… es stimmt alles… ich habe ihn zwar anders kennengelernt, aber das ändert nichts daran. Danke Darion…“ Sie ergriff seine Hand und drückte sie. „Du bist ja völlig durchfroren! Komm mit, wärme dich erst mal auf. Und warum du gekommen bist, das überlass mir.“

Sie führte Darion in ihre Gemächer. „Verzeih mir, Devin. Darion kommt in für ihn wichtigen Belangen. Normalerweise würde ich das Ganze diskreter behandeln, aber da wir in absehbarer Zeit ohnehin Eheleute sind, muss ich vor dir ja keine Geheimnisse haben.“ Sie schmunzelte dabei, denn dass Darion das alles nicht schmecken würde, war zu erwarten. Nach ein paar belanglosen Floskeln trat sie an ihren Schreibtisch heran und setzte sich. Aelis blickte Darion erwartungsvoll an und fragte ihn „Wieviel brauchst du?“ während sie aus der Schreibtischlade eine kleine Geldkassette hervorholte. Doch die Summe, die Darion ihr nannte, war weitaus mehr, als sie besaß. Sie schüttelte den Kopf „So viel habe ich nicht hier. Ich werde dir einen Wertbrief ausstellen. Damit kannst du in Irukhan zum Bankhaus gehen und dir die Summe auszahlen lassen.“ Sie öffnete das Tintenfässchen, legte sich Pergament und Feder zurecht und begann dann eifrig zu kritzeln.
Dies ist ein Haftbefehl im Namen der heiligen Inquisition. Das Geschwisterpaar Varon und Dana Torweger sind unverzüglich aufzufinden, aufzugreifen und in der Silberzitadelle in Gewahrsam zu nehmen. Sie haben sich des Verdachts auf Hochverrat schuldig gemacht, und es ist dringende Aufgabe der Inquisition, dies herauszufinden.
Aelis von Avalé
Sie faltete das Pergament, versah es mit „An die heilige Inquisition in Irukhan“ und drückte auf den Falz des Schreibens Siegelwachs in welches sie ihr Namenssiegel drückte. Dann holte sie einen weiteren Pergamentbogen hervor und blickte Darion an. „Wie man hört, steht Tiros‘ Weib kurz vor der Niederkunft, nicht wahr? Seine Familie soll nicht Hunger leiden in diesem schweren Winter, nur weil sein Lehensherr nicht haushalten kann…“ Sie schenkte ihm ein boshaftes Lächeln und kritzelte auch auf dieses Pergament einige Zeilen.
Tyros,

Vier Goldstücke für deine Dienste. Verprasse es nicht für die Huren, dein Ruf eilt dir weit voraus. Fünf Goldstücke hättest du bekommen, wenn du diesen Baik am Leben gelassen hättest. Ein dummer Fehler, wie ich ihn nur einem Anfänger zugetraut hätte. Tot nützt er der Inquisition gar nichts. Mein Dank sei dir dennoch gewiss. Ich stehe in deiner Schuld.
Aelis von Avalé
Sie holte aus ihrer Geldkassette vier schwere Goldmünzen hervor. Coryn. Wahrscheinlich hatte dieser Drecksack noch niemals in seinem Leben solche Münzen sein Eigen nennen können. Die Vollstreckerin erhob sich wieder, und händigte Darion das Schreiben an die Inquisition aus. „Dein Wertbrief. Verwahre ihn gut. Wenn du ihn verlierst, werde ich dir keinen neuen ausstellen.“ Danach hielt sie ihm noch den Brief für Tiros vor die Nase und händigte ihm die Münzen aus. „Für den neuen Erdenbürger.“ Dann ließ sie heißen Gewürzwein, sowie eine anständige Mahlzeit für Darion kommen, und als die drei zusammen bei Tische saßen, hatte sie sich wieder soweit gefangen, dass sie eine strahlende Miene aufsetzen konnte. „Wer hätte gedacht, dass wir drei wieder einmal an einem Tisch sitzen würden? Der beste Umstand daran ist, dass weder Pater Jeromo, noch Huren zugegen sind…“ lachte sie. Der Abend verlief dann doch noch besser, als zunächst erwartet. Es war Wintersonnenwende, und entsprechend gebührend wurde diese gefeiert. Feuchtfröhlich, aber nicht ausschweifend. Aelis war am nächsten Morgen heilfroh, dass sie in Devins Armen, und ohne Brummschädel erwachte, und auch nichts darauf schließen ließ, dass Darion mitgemacht hatte. Und ihrer linken Hand zu entnehmen, hatte sie den Smaragdring schlussendlich doch noch angenommen…

Zwei Wochen später, beinahe pünktlich zum Jahreswechsel, wurde Aelis in die Silberzitadelle gerufen. Die Häscher der Inquisition hatten das Geschwisterpaar aufgegriffen, und getrennt in der Silberzitadelle in Gewahrsam genommen. Da Aelis den Haftbefehl ausgestellt hatte, war es ihre Aufgabe, die Befragungen zu führen. Sie konnte nicht leugnen, dass es noch niemals zuvor einen Fall gegeben hatte, der sie derart brennend interessiert hatte, wie dieser hier. Natürlich, es gab ja auch Hintergründe. Sie zweifelte keinen Moment daran, dass das Geschwisterpaar schuldig war. Oder es zumindest berechtigte Ungereimtheiten gab. Doch dass Varon Devins Diener war, machte die ganze Angelegenheit erst so richtig interessant. Darion hatte gemeint, dass nichts darauf schließen würde, dass Devin Kenntnis davon besaß. Sie hoffte, dass er Recht hatte. Im neu angefertigten schwarzen Klappenrock, versehen mit dem Wappen der heiligen Inquisition, betrat sie schließlich das Kellergewölbe. Schließlich wollte sie würdevoll aussehen. Und wer wusste schon, was die Befragung ergeben würde. Auf weißem Wappenrock waren Blutflecken schließlich sichtbar. Ihr Folterknecht Bodo schien sie bereits zu erwarten. „Herrin Aelis…“ verneigte er sich. Sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln. „Guten Tag, Bodo, wir haben uns lange nicht gesehen, nicht wahr?“ Er nickte und legte den Kopf schief. „Scheint auch einiges passiert zu sein, was man so hört, Herrin Aelis…“ Sie schüttelte den Kopf. „Kein Wort davon, Bodo… Wo sind die beiden Gefangenen? Dieses Geschwisterpaar?“ „In den Zellen fünf und neun.“ „Danke. Ich brauche dich heute nicht, ich werde die Befragungen alleine durchführen. Du kannst einen von ihnen in den Befragungsraum bringen und dann gehen. Wenn ich dich brauche, dann werde ich zu dir kommen. Mögen die Zwei dich schützen.“ Er nickte. Wusste er schließlich, dass Aelis spätestens dann kein Wiederwort mehr duldete, wenn sie die Geschwister ins Spiel gebracht hatte.

Knarrend und mit quietschenden Angeln öffnete sich die Holztüre, und eine leichte Brise eines unangenehmen, wenn auch vertrauten Gestanks wehte der Vollstreckerin entgegen. Der Gestank von Schweiß, Urin und Exkrementen. Aelis blieb in der Türe stehen und leuchtete mit einer mit Tierhaut bespannten Laterne in den Raum. Jetzt sah sie Varon. Er saß, auf den Befragungsstuhl gefesselt da und hatte den Kopf gehoben. Die Vollstreckerin schloss die Türe und stellte die Laterne auf den Tisch. Mit langsamen Schritten trat sie an den Gefesselten heran und blickte ihn mit ihren kühlen Augen an. Schließlich öffnete sie den Mund. „Wer hätte gedacht, dass wir uns hier erneut begegnen werden, Varon?“ Er blickte sie finster an, erwiderte nichts dazu. „Ich habe mir schon gedacht, dass du keine Lust hast, mit mir sprechen. Aber letztendlich wird dir keine andere Wahl bleiben, wenn du diesen Raum lebend verlassen willst.“ Erneutes Schweigen folgte. „Wir können uns die Arbeit ersparen, und du unterschreibst einfach ein Schuldgeständnis. Aber so, wie ich dich einschätze, wirst du das ebenso nicht tun wollen, habe ich Recht?“ Varons Schweigen machte sie wütend. Sie trat an ihn heran, packte ihn am Kinn und riss seinen Kopf hoch. „Ich habe den ganzen Tag Zeit, wenn es sein muss. Früher oder später wirst du reden, jede Wette!“ Aelis wandte sich um und ließ ihre Blicke über die sorgfältig hergerichteten Folterinstrumente gleiten. Sie entschied sich für einen kleinen, aber schweren Hammer. Während sie sich zu Varon umwandte, wog sie ihn in der Hand und trat an den Gefangenen heran. „Mir sind schwere Anschuldigungen zu Ohren gekommen. Du sollst ein Spion aus Mérindar sein. Du, und deine Schwester. Ist das wahr?“ „Nein“ erwiderte er schließlich dumpf, und die Vollstreckerin ließ den schweren Hammer auf seine Finger herniedergehen. Er zog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. „Du lügst, Varon. Ich weiß, dass du lügst, und ich bin hier, um die Wahrheit zu erfahren. Ich frage dich also noch einmal: Bist du ein mérindarischer Spion?“ Er schwieg, und Aelis ließ erneut den Hammer auf seine Finger herniedergehen. Dieses Mal jedoch ein wenig fester. Er schrie auf, und im Schein der Lampe konnte man geradezu zusehen, wie die Finger anschwollen. An einer Stelle war die Haut aufgeplatzt, und Blut sickerte aus dem Hautriss. „Das ist für deine Lüge.“ Ein drittes Mal fuhr das Hämmerchen hernieder, begleitet von Varons Schmerzensschreien. „Und das für dein unflätiges Benehmen, mir gegenüber, bei deinem Herren.“ Varon blickte sie finster an, und seine malträtierte Hand zitterte. „Wieso er euch heiraten will, ist mir schleierhaft.“ Aelis überhörte diese Spitze. Sie legte den Hammer beiseite. So schien sie nicht weiter zu kommen. Irgendwie hatte sie es gehofft. Auch, wenn hier ein Spion saß, ein Volksverräter, so war er doch Devins Diener. Auf irgendeine Art und Weise war ihr dieser Umstand nicht egal. Doch musste es sein. Das war ihre Aufgabe, ihre Pflicht. Sie nahm die allseits beliebte Daumenschraube zur Hand. „Du kannst dir eine Menge ersparen, wenn du einfach gestehst“ sagte Aelis ruhig, während sie ihm die Daumenschraube anlegte und diese fest zog. „Ich aber werde erst aufhören, wenn ich dein volles Geständnis habe.“ Sie zog die Daumenschraube um eine Umdrehung fester. Die Schraube bohrte sich in seinen Daumen und er verzog schmerzerfüllt das Gesicht. „Sage mir, wenn du bereit bist, zu reden“ entgegnete sie ihm, während sie die Schraube immer fester um ihre eigene Achse drehte, und die Haut aufplatzte. Sie hörte für einen Moment auf und beobachtete ihn. Sein Blick war starrsinnig. Er war noch nicht so weit. Aelis haftete den Blick wieder auf die Daumenschraube und drehte weiter, bis der Daumennagel brach und das Blut hervorsickerte, begleitet von Varons Schmerzensschreien. Erst, als sich die Schraube tief ins Fleisch bohrte, und den Knochen brach, sank Varon in sich zusammen. Er atmete schwer und schnaufte. „Das waren erst deine Hände, Varon. Willst du nicht gestehen? Soll ich deinen Körper Glied für Glied malträtieren, bis du nur noch ein klägliches Häufchen gebrochener Knochen und Blut bist? Oder soll ich dir eine Pause gönnen, und mit deiner Schwester weitermachen? Vielleicht ist sie redseliger als du?“ Varon horchte auf, doch dann verzog er sein Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. „Meine Schwester? Die habt ihr nicht. Das weiß ich. Sie ist zu klug, sich erwischen zu lassen.“ Aelis erwiderte sein Grinsen. „Du unterschätzt die Inquisition. Wenn du dir so sicher bist, dann gehe ich ins Verlies zu ihr hinunter, und bringe dir ein Stück von ihr mit.“ Aelis wartete für einen Augenblick, dann zuckte sie die Schultern, und verließ den Befragungsraum. Auf dem Weg dorthin wischte sie sich einige Blutspritzer von ihrem Handrücken ab, und schritt Stufe für Stufe hinunter in das Kellergewölbe. Vor der Zelle Nummer neun blieb sie stehen. Was würde sie dort erwarten? Sie stellte sich eine Frau vor, ähnlich wie Varon. Groß, bullig, dunkles Haar… Doch Dana sah ganz anders aus als Varon. Sie hatte rotblondes Haar, sie war groß, und deutlich älter, als erwartet. Sie musste jenseits der vierzig sein. Eine hübsche Frau, der das Alter nichts anhaben zu können schien. Auch Dana saß in Ketten da. Aelis sprach kein Wort mit der Gefangenen. Auch dann nicht, als diese sie ansprach. „Ihr müsst Aelis von Avalé sein. Die Vollstreckerin. Habe ich Recht? Manche sprachen auch von der Vollstreckerin, die der einzige Mann in der Silberzitadelle sei.“ Aelis wusste nicht, ob dies Anerkennung, oder Spott sein sollte. Doch Spott und Häme war sie gerade in der Inquisition gewohnt. Viele Gefangene versuchten dies, bevor sie kleinlaut wurden, dank der Folter. Aelis zückte ein Messer, griff der Gefangenen in den Schopf und trennte mit einer raschen Bewegung den rotblonden zerzausten Zopf vom Resthaar. Dana trug ein Schultertuch, das Aelis ihr von den Schultern zerrte. Auf Fragen oder Protest ging sie gar nicht erst ein, sondern wandte sich ab, verließ die Zelle wieder und stieg die Stufen wieder hinauf, zurück in den Befragungsraum. Aelis wedelte mit dem Zopf vor Varons Gesicht hin und her. „Und? Kommt dir das Haar bekannt vor?“ Varon schien davon nicht beeindruckt zu sein. „Das kann jedermanns Haar sein“ gab er zurück, und Aelis atmete hörbar ein. „Es könnte auch jedermanns Ohr sein, jedermanns Finger, jedermanns Hand, jedermanns Auge. Soll ich deine Schwester Stück für Stück auseinandernehmen, bevor du mir glaubst? Auf so ein Spiel lasse ich mich gar nicht erst ein. Da, ihr Schultertuch. Oder könnte das auch jedermanns Schultertuch sein?“ fragte sie provokant und hielt ihm den Fetzen hin, der schon bessere Tage gesehen hatte. Beim Anblick dieses Tuchs weitete er seine Augen. „Nein… das Tuch war von unserer Mutter…“ Aelis Augen blitzten triumphierend auf. „Kommen wir jetzt ins Gespräch? Willst du deine Schwester retten?“ „Niemand verlässt die Folterkammer lebend… Das weiß jeder.“ Aelis schüttelte den Kopf „Das kommt ganz auf das Geständnis an. Ein ausführliches Geständnis hat schon so manchem den Galgen erspart. Es kommt eben auf den Inhalt an. Was du bereit bist, mir zu erzählen. Und wage es nicht, mich zu belügen, ich weiß einiges, was dich als Lügner entlarven würde. Also wage es nicht. Gestehst du? Um deiner Schwester Willen?“ Eine Träne bahnte sich an Varons Nase entlang ihren Weg, und wenn man ihn aufmerksam beobachtete, schien es, als würde ihn am meisten daran stören, dass er dieses Zeichen der Schwäche nicht wegwischen konnte. Aelis trat an ihn heran, und wischte ihm die Träne aus dem Gesicht. „Gestehe…“ forderte sie ihn sanft, beinahe mütterlich auf. Er schien eine Weile mit sich zu ringen, und als Aelis ihm das Schultertuch Danas um den Hals legte, da schien er gebrochen. „Es stimmt. Ich bin ein Spion aus Mérindar. Doch meine Schwester hat mit alledem nichts zu tun, das schwöre ich!“ Aelis runzelte die Augenbrauen. Sie legte ihre Hand auf seine blutige, und lehnte sich mit ihrem gesamten Gewicht darauf. „Du lügst. Ich weiß, dass deine Schwester ebenso eine Spionin ist. Tisch mir noch eine Lüge auf, dann wirst du es bereuen.“ Varon blickte sie an, als ob er abschätzen wollte, was die Vollstreckerin alles wusste, und was sie eigentlich wissen wollte. „Vielleicht ist es besser, wenn ich die Fragen stelle, Varon. Also. Ich möchte in erster Linie wissen, ob Devin ebenso in diese Geschichte involviert ist. „Das wäre furchtbar für eine arcanische Vollstreckerin, wenn sie die Beine für einen Verräter breit gemacht hätte, nicht wahr?“ Aelis versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Das war die falsche Antwort!“ fauchte sie. „Aber keine Lüge…“ hielt er ihr entgegen. „Beantworte meine Frage, Varon. Das ist meine letzte Warnung. Welche Rolle spielt Devin in euren verräterischen Machenschaften?“ „Ihr wollt wissen, ob Devin Victor Eric Ignatius, Graf von Tarun ein Verräter ist?“ Er schien für einen Moment zu überlegen. „Ja. Er ist ein Verräter. An dem Tag, an dem er mit euch ins Bett gestiegen ist, hat er mich verraten.“ Aelis war ein geduldiger, stets beherrschter Mensch. Sie zu provozieren war nicht leicht. Doch in diesem Moment verlor sie ihre Beherrschung. Sie ergriff das eiserne Tablett, auf welchem die kleinen Folterwerkzeuge lagen und Zangen, kleine Sägen, kleine Hammer, spitze Werkzeuge flogen durch den Raum, bevor sie ihm das Tablett ins Gesicht schlug. Ein kleines Blutrinnsal lief aus seiner Nase, die eine Schramme abbekommen hatte. „Ich habe genug von dir, Varon. Du kannst in deinem Drecksloch verrotten. Trink deine Pisse, friss deine Scheisse, denn das ist alles, was du noch bekommen wirst“ wurde sie ausfällig. Aelis bückte sich und sammelte die Folterinstrumente zusammen. Als sie alles eingesammelt hatte, streckte sie ihren Rücken durch und strich sich eine lose Strähne aus dem Haar. „Ich werde deine Schwester befragen. Und du wirst mir dabei zusehen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab und trat ihren Weg an, als Varon sie aufhielt. „Wartet! Ich werde gestehen!“ Aelis wandte sich noch einmal zu ihm um. „Vergiss es“ sagte sie. „Devin wusste es! Er wusste alles! Er ist unser Schirmherr!“ schleuderte er ihr entgegen. Diese Worte ließen Aelis‘ Herzschlag für einen Moment aussetzen. „Er wusste es?“ hakte sie noch einmal nach. Varon leckte sich über die Lippen, schmeckte sein Blut und nickte stumm. Die Vollstreckerin legte das Folterwerkzeug auf den Tisch, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Sie blickte ihn abwartend an. „Versprecht mir etwas“ forderte er. Die Vollstreckerin blickte ihn fragend an. „Versprecht mir, dass ihr meine Schwester unversehrt lasst. Ich weiß, dass keiner von uns das überleben wird. Aber Dana trägt ein Kind unter ihrem Herzen. Es kann nichts dafür. Ich erzähle euch alles wahrheitsgetreu, was ihr wissen wollt, aber schont Danas Leben und das ihres ungeborenen Kindes. Schwört es bei den Zweien“ Aelis blickte ihn verunsichert an. Entsprach das der Wahrheit? „Du bist nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Ich verspreche dir weder, deine Schwester zu verschonen, noch leiste ich einen Schwur auf die Zwei. Ich verspreche dir höchstens, dass ich darüber nachdenken werde, nachdem du dein Geständnis abgelegt hast. Mehr nicht. Und wenn mir dein Geständnis nicht gefällt, oder zu wenig ist, oder wenn sich herausstellt, dass du gelogen hast, dann verspreche ich dir, dass deine Schwester dafür bluten wird. Es liegt allein an dir. Also, ich höre.“ Und dann gestand Varon alles, was er wusste... Aelis hatte für heute genug. Sie war erschöpft, müde, und nicht zuletzt auch entsetzt. Das, was sie über Devin erfahren hatte, war mehr, als sie vertragen konnte. In ihrem Kasernenzimmer in der Silberzitadelle musste sie noch einen Bericht schreiben und legte einen Akt an, der auch Varons unterschriebenes Geständnis enthielt. Sich zu konzentrieren, fiel ihr schwer, und als sie sich daran machte, einen Absatz über Devin von Tarrun zu verfassen, hielt sie inne. Sie musste ihn ans Messer liefern. Sie hatte keine andere Wahl. Devin war nur ein Verräter. Ein Hochverräter. Er verdiente nur dasselbe Schicksal das Varon und Dana erwartete, wenn all die Untersuchungen abgeschlossen waren. Und dennoch hielt sie inne und beschloss, nichts davon in den Akt zu schreiben. Die Vollstreckerin setzte Großmeister Amon davon in Kenntnis, dass sie noch Untersuchungen anzustellen hatte, fern der Silberzitadelle, doch in Wahrheit wollte sie nur weg von der dort, um nachzudenken. Ihr Weg führte sie allerdings nicht nach Arvia, sondern zu Darions Anwesen…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mo, 27. Mär 2017 19:34

„Aelis…?“ Stirnrunzelnd betrachtete Devin die Vollstreckerin, während er ihr noch immer den Ring hinhielt und Aelis sichtlich zögerte, ihn anzunehmen. Anscheinend hatte er nicht das gesagt, was sie von ihm hören wollte. Aber was hatte sie erwartet? Er war ehrlich zu ihr gewesen, genau wie sie zuvor. Mit der Hochzeit bekam sie niemand anderen als ihn, Devin, so wie er nun einmal war und nicht den perfekten Ehemann, der ihrer Vorstellung entspringen mochte, aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht existierte. Devin konnte die arrangierte Hochzeit nicht durch schnulzige Worte in eine reine Liebesheirat verwandeln. Und er wollte es auch nicht. Aelis sollte wissen, auf was sie sich einließ. Wobei es aus Devins Sicht doch eigentlich ganz annehmbar war. Er mochte sie, sie mochte ihn und im Bett verstanden sie sich prächtig. Das war ein guter Anfang, der sicherlich ausbaufähig war. Alles andere würde sich schon fügen. Von Liebe war allerdings nicht die Rede gewesen. „Dass ich dich liebe, das stimmt nicht. Ich habe das nur gesagt, um Onkel Acardos Zorn zu dämpfen“, waren allerdings Aelis‘ Worte gewesen, die Devin noch im Ohr klangen. Devin glaubte daher nicht, dass Aelis von ihm erwartete, dass er über Gefühle sprach, über die er sich selbst gar nicht ansatzweise im Klaren war. Er wollte sich ernsthaft bemühen. Das war doch genug? Doch da irrte Devin wohl. Aelis sah ihn zumindest an, als hätte sie etwas anderes von ihm erwartet. Nur was? Devin konnte schließlich keine Gedanken lesen und er fand ihre Signale zu widersprüchlich. Zuerst sprach sie von Liebe. Dann stellte sie es richtig und sagte, sie liebte ihn nicht, aber sie mochte ihn und empfand etwas für ihn. Devin ging davon aus, dass Aelis ihn heiraten wollte, obwohl sie gegen ihren ausdrücklichen Wunsch, lieber weiterhin der Inquisition zu dienen, dazu gezwungen wurde. Sie aber wollte nicht, dass Devin zu dieser Heirat gezwungen wurde, obwohl es ganz offensichtlich war, dass die Ehe nun einmal arrangiert war. Es war Acardos Idee, nicht Devins. Daran ließ sich nicht rütteln, auch wenn es wenig romantisch war. Außerdem war Aelis zuerst der Meinung gewesen, jeder sollte sein Leben wie zuvor weiterleben. Aber dann relativierte sie auch das wieder und Devin sollte zum perfekten Ehemann mutieren, der ihr für alle Zeit liebend treu zur Seite stand. Wollte sie das von ihm hören?
Devin wusste schon gar nicht mehr, was er denken oder gar fühlen sollte. Lag es an ihm, dass er sie nicht verstand? Wollte er es nicht verstehen oder war ihre ganze Situation einfach zu komplex oder zu verrückt, um verstanden werden zu können? Vielleicht war auch alles ganz einfach und sie zögerte nur deshalb, weil er nicht vor ihr auf die Knie ging? Ein fragender und ansatzweise verwirrter Ausdruck erschien auf Devins Gesicht, während der vor sich hin wartende Ring in Devins Hand immer schwerer zu werden schien und langsam tiefer sank. Versteh einer die Frauen! Devin tat es offensichtlich nicht.
Daher war auch er nicht unglücklich, als sich diese leicht peinliche Szene auflöste, weil Darion überraschend mit einem dringenden Anliegen eintraf. Devin nickte verstehend, als sich Aelis entschuldigte und davon eilte. Als die Tür geschlossen war, drehte er nachdenklich den Ring in seiner Hand und steckte ihn dann wieder zurück in seine Tasche.

Nur wenig später kehrte Aelis mit Darion zurück. Devin begrüßte ihn herzlich. Als er jedoch merkte, dass es um eine Geldangelegenheit ging, zog er sich diskret ein paar Schritte zurück, soweit dies in dem überschaubaren Raum möglich war. Devin ging davon aus, dass es Darion unangenehm war, Aelis um Geld bitten zu müssen. Trotzdem kam er nicht umhin, alles mit anzuhören, obwohl er sich bemühte den Anschein zu erwecken, teilnahmslos aus dem Fenster zu schauen. Eine Summe dieser Höhe und noch dazu derart dringlich? Darion muss in ziemlichen Schwierigkeiten stecken, wenn er Aelis zu dieser Zeit darum bittet, dachte er und überlegte, worum es sich wohl handeln könnte. Spielschulden? Eine schwangere Gespielin? Erpressung? Jemand, der zum Schweigen gebracht werden musste? Devin fragte nicht nach, aber nachdem ein Wertbrief den Besitzer gewechselte hatte (oder etwas, das Devin dafür hielt) und ein weiteres Pergament, samt einiger Münzen in den Tiefen von Darions Kleidung verschwunden war, nahm er Darion kurz zur Seite und versicherte ihm, dass sich Darion vertrauensvoll auch an ihn wenden könnte, wenn die finanziellen Schwierigkeiten damit nicht behoben wären.

Das Thema wurde nicht weiter vertieft. Stattdessen gingen sie zum angenehmen Teil des Abends über. Aelis ließ Würzwein und Essen bringen. „Wer hätte gedacht, dass wir drei wieder einmal an einem Tisch sitzen würden? Der beste Umstand daran ist, dass weder Pater Jeromo, noch Huren zugegen sind…“, sagte sie lachend und darauf stießen sie gemeinsam an. Es wurde noch ein lustiger Abend, der deutlich machte, wie gut sie sich eigentlich verstanden, wenn man die Themen Ehe, Inquisition, Beziehung und Gefühle einfach ausblendete und gar nicht darüber nachdachte.
Aus Devins Sicht war alles wieder im Lot, als er mit Aelis im Arm am nächsten Morgen aufwachte. Das fühlte sich für ihn gut an, fast so als wären sie bereits verheiratet. Er begann, sich dieses Leben mit ihr vorstellen zu können. Die fahle Wintersonne schien schräg in den Raum. Der Smaragd an Aelis‘ Hand, die auf seiner Brust ruhte, glänzte wie frisch poliert und Devin lächelte bei dem Gedanken daran, wie er dort letztendlich hingefunden hatte. Der Hauch eines unbeschwerten Glücksgefühls begann sich in ihm auszubreiten, denn Devin war schon immer ein Meister darin gewesen, Probleme einfach auszublenden.

Am nächsten Tag reiste er zurück auf sein Gut. Nicht ohne Aelis vorher das Versprechen abzunehmen, ihn dort bald besuchen zu kommen. Schließlich sollte es ihr zukünftiges Heim werden und Devin hatte heimlich schon Vorkehrungen getroffen, einige Räume neu zu gestalten, damit sich die zukünftigen Gräfin von Tarun dort wohl und zuhause fühlen sollte.
Für die Jahreszeit war es ungewöhnlich still in Devins herrschaftlichem Landhaus. Normalerweise fand um diese Zeit immer der alljährliche Winterball statt und das Haus wimmelte vor Gästen und herum eilendem Personal. Derzeit war kaum jemand hier. Nicht einmal Varon war anwesend, denn er besuchte seine Schwester. Wo auch immer die sich aufhalten mochte. Devin wollte es gar nicht wissen. Unruhig wurde er erst, als Varon zum verabredeten Zeitpunkt nicht zurück kehrte. Devin wartete. Erst geduldig, dann weniger geduldig. Die Tage vergingen, aber er hörte nichts von Varon, was ungewöhnlich war, denn Varon war sehr zuverlässig und schickte immer eine Botschaft, wenn er sich verspätete. Devin wusste sich keinen Rat. Die Warterei war unbefriedigend, also beschloss er, sich in Irukhan auf die Suche zu machen. Er wusste zwar nicht, wo er Varon finden konnte, aber er kannte die Taverne, die Varon und auch Dana des öfteren besuchten, um gewisse Kontakte zu pflegen. Also mietete sich Devin in Irukhan wieder bei Millies ein und besuchte jene Taverne an zwei aufeinander folgenden Tagen. In unauffälliger Kleidung, damit niemand den Grafen erkennen konnte. Jedes Mal fragte er dort nach seinem Freund oder versuchte es mit dezent eingestreuten Hinweisen, dem Vermissten auf die Spur zu kommen. Doch jedes Mal ohne Erfolg. Keiner wusste etwas oder schien Varon auch nur zu kennen. Erst am dritten Tag, als Devin mit einem Fremden ins Gespräch kam, hatte er Erfolg. Eine energische, junge Schankmaid zerrte ihn auf dem Weg zum Abort in eine Nische und funkelte ihn böse an. „Bist du verrückt? Machst hier alle auf dich und Varon aufmerksam? Willst du uns um Kopf und Kragen bringen? Hier haben die Wände manchmal Ohren! Die Zeiten sind gefährlich. Verschwinde von hier und lass dich nie wieder blicken! Wenn du ein Freund von Varon bist, dann sprich nicht mehr von ihm. Er wurde inhaftiert. Auf Befehl der eisernen Jungfrau.“ Die Schankmaid rollte mit den Augen. „Die jetzt von irgendeinem Grafen wahrscheinlich mit der Brechstange geknackt wurde, wie man sich erzählt. Sie soll verlobt sein.“ Sie schnaubte gehässig. „Adelige Familie. Pff. Aber ich sach dir, die Freundin der Cousine meines Mannes arbeitet im Gebrochenen Schild und was die erzählt…“ Devin sah die Frau entgeistert an, wedelte abweisend mit der Hand und unterbrach sie unwirsch. Er wollte gar nicht hören, was besagte Cousine zu erzählen hatte. Er konnte es sich schon denken. Stattdessen fragte er ungläubig: „Aelis von Avalé? Aelis von Avalé hat ihn verhaften lassen? Bist du sicher?“ „So sagt man“, bestätigte die Frau und warf Devin einen Blick zu, in den man einiges hineindeuten konnte, aber kaum Mitleid für Varon. Devin versuchte, sich seinen Schock darüber nicht anmerken zu lassen. „Wenn du keine neugierigen Fragen mehr stellt, kannste noch hier bleiben“, bot ihm die Frau plötzlich an. Aber Devin hatte genug gehört. Er zahlte seine Zeche und verließ etwas kopflos die Taverne. Was sollte er jetzt tun? Was konnte er tun? In die Zitadelle gehen? Eine Befreiungsaktion planen? Das klappte allerhöchstens in irgendwelchen Geschichten. Die Realität sah anders aus. Niemand außer einem Vollstrecker höchst selbst konnte einfach in ein Verlies der Zitadelle hineinspazieren. Und niemand, wirklich niemand, konnte von dort jemanden herausholen, wenn es nicht im Sinne der Inquisition war.
Dana! Er musste sie finden. Sie würde wissen, was zu tun war. Aber Devin hatte keine Ahnung, wo er sie finden konnte. Das einzige, was ihm einfiel, war eine Nachricht an sie in der Taverne zu hinterlassen
Brauche deine Hilfe. Melde dich bitte dringend!
DVE
Wenn sie ihn erhielt, würde sie wissen, von wem er kam. DVE stand für Devin Victor Eric. Dana wusste, dass er das I für Ignatius gerne wegließ, weil sein ungeliebter Vater ebenso hieß.
Über seine Kontakte in der Silberzitadelle erfuhr Devin, was er zuerst nicht wahrhaben wollte: Die Schankmaid hatte die Wahrheit gesprochen. Sofort wollte Devin Aelis aufsuchen, um mit ihr zu sprechen. Oder besser: Um sie zur Rede zu stellen. Das war völlig überstürzt und reichlich unüberlegt, denn Devin wusste noch gar nicht, wie er es anstellen sollte, ohne sich verdächtig zu machen. In seinem ersten Gefühl von Enttäuschung, Wut und Ohnmacht war ihm auch noch nicht der Gedanke gekommen, dass Varons Aussage ihn längst belastet haben könnte. Zu seinem Glück war Aelis nicht mehr in der Stadt. Sie war abgereist mit unbekanntem Ziel.
Devin tat das einzig Vernünftige. Er kehrte auf sein Landgut zurück um nachzudenken und einen Plan zu fassen. Er dachte lange nach, versuchte seine Gefühle zu ordnen und einen klaren Kopf zu behalten. Er musste Aelis gar nicht finden. Sie würde zu ihm kommen. Und dann war Devin vorbereitet….

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Di, 28. Mär 2017 11:44

Der Ritt zu Darion war weitaus weniger beschwerlicher, als Aelis erwartet hatte. Die Straße dorthin war von Reisenden angenehm passierbar zu Pferde, denn der Schnee war von den Hufen und zu Fuß Reisenden festgestampft, so dass Aelis deutlich schneller dort ankam, als sie gewohnt war. Trotzdem dauerte es eine Woche, und viele Nächtigungen in Gasthöfen oder auch Bauernhöfen waren notwendig gewesen. Die Vollstreckerin hatte keine große Mühe, wenn sie um Quartier bat, denn die Bitte danach war eine reine Formsache. Niemand wagte es, einer Vollstreckerin die Gastfreundschaft zu verwehren, und ob sie ein gern gesehener Gast war, das war ihr vollkommen egal. In dieser Woche hatte sie ausreichend Zeit zum Nachdenken. Über ihre Gefühle war sie sich jedoch in keiner Weise im Klaren. Sie empfand Wut, Enttäuschung, Fassungslosigkeit und irgendwie auch Erleichterung, dass so viele Meilen sie und Devin trennten. Sie konnte nicht mit Gewissheit sagen, wie sie gehandelt hätte, wenn sie von Darion erfahren hätte, dass auch Devin in diese Angelegenheit involviert war. Vielleicht hätte sie ihn gleich in die Silberzitadelle überführen lassen. Doch es war anders gekommen, und so betrachtete die Dienerin der Zwei es als eine Art Prüfung der Geschwister. Eine harte Prüfung, die eigentlich keine andere Möglichkeit ließ, als das Richtige zu tun. Doch was war das Richtige? Das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

An Darions Hof war alles anders, als bei anderen Häusern. Er herrschte ein scheinbares Kommen und Gehen, direkt disziplinlos, und irgendwie alles so, wie es dem Ruf der Malistaers gerecht wurde. Dass hier eine Vollstreckerin ein und ausging, wie es ihr passte, schien hier niemanden zu bekümmern. Man kannte sie ja schon aus Kindertagen, als noch keine Rede davon war, dass sie einst in die Inquisition eintreten würde. Trotzdem, oder wahrscheinlich genau deswegen fühlte Aelis sich hier so wohl. Nicht einmal in Avalé hatte sie sich so zuhause gefühlt, wie bei den wenigen Besuchen, die sie hier absolviert hatte. Darion schien gleichzeitig überrascht als auch gefasst, als sie unangekündigt und mit ernster Miene in die große Halle marschierte. Sehr wahrscheinlich hatte er erwartet, dass sie hier baldigst aufkreuzen würde, oder ihm zumindest schreiben würde. Hunde zankten sich knurrend um einige Knochen, lehenstreue Männer saßen an den langen Bänken, tranken, würfelten und lamentierten, und nahmen keine großartige Notiz von der Vollstreckerin. Tiros saß ebenso bei den Männern. Ihm nickte sie zu, auch, wenn ihr an diesem Tag ein Grinsen nicht über die Lippen kommen wollte, wie sonst. Tiros war ein Drecksack, wortwörtlich, ein raubeiniger, schmutziger und unflätiger Hurenbock, der, wenn er sich einmal anständig wusch, frisierte und seine Kleidung öfters wechseln würde, ein durchaus passabler Mann sein könnte. Zumindest für einige Stunden… Auch Leria war zugegen. Darions Ehefrau, von der Aelis nach der langen Zeit, die sie schon an Darions Seite war, immer noch nicht wusste, was sie von ihr halten sollte. Aus Respekt Darion gegenüber machte sie sich wohl keine großen Gedanken um diese Frau, denn wenn sie es täte, käme sie wohl zu dem Schluss, dass sie weder mochte, noch dass sie fand dass es die richtige Frau für Darion sei. Aber das war seine Angelegenheit. Es stand Aelis nicht zu, diese Ehe in Frage zu stellen, mochte die Gerüchteküche um die dezimierte Familie und das Ausbleiben eines Erben des Hauses Malistaer noch so brodeln. Vielleicht stimmten die Gerüchte und Leria ließ ihren Ehemann wirklich nicht an sich heran, vielleicht aber stimmten die Gerüchte auch nicht, und Leria war einfach unfruchtbar. Oder Darion. Doch darüber verlor sie kein Wort, wenn Darion nicht selbst davon sprechen würde… Aelis begrüßte zuerst Darion, dann Leria. Die Vollstreckerin machte überhaupt keinen Hehl daraus, warum sie gekommen war. Sie wollte mit Darion sprechen. Unter vier Augen. Den pikierten Blick Lerias übersehend, ging sie Darion hinterher, welcher sie in die hinteren privaten Gemächer führte, wo sie an einem Tisch Platz nahmen. Für eine Weile blickte sie ihn schweigend an und wog ab, was sie bereit war, ihm zu erzählen. Er war ihr bester Freund, ihr engster Vertrauter, und vielleicht war es genau das, was sie zögern ließ. Vielleicht brauchte sie eines Tages seine Hilfe, wer wusste das schon? Und wenn sie ihn erst an diesem Tag mit der vollen Wahrheit konfrontierte, dann wurde er wieder rasend zornig, unflätig und beleidigt. „Ich hatte Recht. Ihr… Wir alle hatten Recht. Varon und seine Schwester sind Verräter. Hochverräter. Ich habe sie beide gefangen nehmen lassen und habe Varon befragt. Jetzt hocken sie beide im Loch. Angeblich ist Dana schwanger. Er hat mich angefleht, ihr Leben, und das ihres ungeborenen Kindes zu schonen. Unter diesem Aspekt hat er dann gestanden. Alles hat er gestanden. Auch Dinge, die ich gar nicht wissen wollte. Zum Beispiel haben Dana und Devin eine Affäre miteinander gehabt. Und das, obwohl sie anderwärtig liiert war. Sie hat ihn eiskalt ausgenutzt und ihre verbrecherischen Machenschaften stricken zu können. Sie hat ihm Starrkraut gegeben. Es ergibt sich ein komplett anderes Bild von Devin, als ich es kenne. Wie könnte ich es bei so einer verkommenen Schlampe auch nur in Erwägung ziehen, sie begnadigen zu lassen? Wofür? Sie sind Hochverräter und sie haben, wie alle anderen, nichts anderes verdient als den Tod… Und trotzdem… Varon ist Devins Freund… Ich weiß nicht, ob ich recht gehandelt habe…“ Sie trank einen Schluck von dem warmen, würzigen Stachelbier, und blickte Darion dann fest an. „Darion. Ich muss dir noch etwas sagen. Du bist mein längster, einziger, bester Freund und Vertrauter. Du weißt, ich liebe dich, als wärst du mein Bruder. Vielleicht sogar mehr als meine leiblichen Brüder. Das weißt du. Niemanden vertraue ich mehr, als ich dir vertrauen würde. Ich würde dir mein Leben anvertrauen.. Devin… Devin wusste von alledem. Devin ist der Schirmherr von Varon und Dana…“ schlug sie sich die Hand vor den Mund. Als diese Worte endlich heraus waren, fühlte sie sich befreit aber gleichzeitig auch beengt. „Nicht eine Sekunde habe ich daran geglaubt, doch Varon hat es behauptet. Die Geschwister stehen mir bei… Ich habe ihm auch noch unwissentlich geholfen, seine Machenschaften zu vertuschen, oder etwaige Anschuldigungen im Keim zu ersticken. Ich war völlig schockiert, als ich davon erfahren habe. Ich bin verwirrt und völlig ratlos… Das aus Überzeugung einzig Richtige, nämlich seine Auslieferung, finde ich falsch. Es macht mir nichts aus, Varon und Dana aufzuhängen, weil sie Hochverräter sind. Aber ich kann Devin nicht anklagen. Ich bin verrückt nach ihm… ich habe mein Herz an ihn verloren. Vielleicht liebe ich ihn, ich weiß es nicht. Aber ich kann ihn nicht ausliefern. Außerdem stecke ich da genauso mit drin. Ich habe wissentlich keine Untersuchungen über ihn angestellt, weil ich davon überzeugt war, ich kann ihm vertrauen. Und das Schlimmste für mich an alledem: Er wird mich hassen, wenn er erfährt, dass ich seinen besten Freund und dessen Schwester habe gefangen nehmen lassen. Ich fühle mich so alleine und hilflos, ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nur, ich kann ihn nicht ausliefern. Lieber klage ich mich selbst an. Darion, ich brauche deine Hilfe!“

Nach ihrem Aufenthalt bei Darion kehrte sie zurück in die Hauptstadt. Das Wetter in diesem Jahr spielte verrückt und es wurde anfang Februar so warm geworden, dass der ganze Schnee binnen weniger Tage geschmolzen war und die Flur in Matsch verwandelte. Von Irukhan aus reiste Aelis mit dem Schiff den Fluss hinunter, da es eine willkommene Abwechselung darstellte, und deutlich schneller ging, als zu Pferde. Vom Hafen in Tarrunath war es nur ein kurzes Stück mit dem Pferd zu Devins Anwesen Tarun. Als die Vollstreckerin in den Burghof von Tarun ritt, hielten die wenigen der Anwesenden in ihrem Tun inne. Ein Hufschmied, der gerade den Huf eines Pferdes beschlug, hielt inne, und starrte die Vollstreckerin an, eine Magd die mit einem Korb voller Winteräpfel über den Platz lief, blieb zuerst stehen, doch als sie Aelis erkannte, eilte sie sich, weiterzugehen. Ein junger Bursch, der einer Gans hinterherlief, blieb ebenso glotzend stehen, und nahm in Kauf, dass die Gans ihm entwischte. Die Vollstreckerin stieg vorsichtig von ihrem Pferd ab, tunlichst darauf bedacht, nicht in das von der Schneeschmelze aufgeweichte Erdreich zu springen, und als sie die Zügel ihres Pferdes in die Hand nahm und sich umsah, kam sogleich ein Knappe angelaufen. Er verneigte sich und nahm ihr sogleich die Zügel aus der Hand, um ihr Pferd in die Stallungen zu führen. Aelis versuchte erst gar nicht, ihren Reitmantel vom Spritzschlamm zu befreien, sondern ging zügig auf das Haupttor des Anwesens zu. Noch bevor sie die Hand hob, um an das eisenbeschlagene Tor zu klopfen, öffnete sich dieses, und ein Diener des Hauses erschien in der Türe. Er verneigte sich ebenso grüßend, und die Vollstreckerin erwiderte den Gruß flüchtig. Dann sagte sie „Ich wünsche umgehend zu Graf Devin geführt zu werden.“ Der Diener nickte, und führte sie in das großzügige Haus, wo er sie in einen gemütlich eingerichteten Saal brachte, der von einer großen gemauerten Feuerstelle beheizt wurde. Alles in allem war der Raum geschmackvoll eingerichtet, und Aelis, die noch nie zuvor hier gewesen war, blickte sich um. Der Diener nahm ihr den Mantel ab, versprach, diesen ausbürsten und reinigen zu lassen, und bat sie, am Kamin auf einem der beiden kunstvoll geschnitzten, und mit einem Sitzpolster drapierten Lehnstühle Platz zu nehmen. Er versprach ihr, den Herrn des Hauses sogleich über ihr Erscheinen zu informieren, und verschwand dann. Aelis streckte ihre von der Kälte klammen Hände dem Feuer entgegen und rieb sie gegeneinander, bis sie auf diese Weise die Kälte aus ihren Gliedern vertrieben hatte. Es dauerte eine Weile, bis sich die Türe öffnete und wieder schloss und Schritte durch den Raum hallten. Sie blickte sich nicht um, sondern starrte ins Feuer, und erst, als sich eine Gestalt in ihr Gesichtsfeld schob, hob sie den Kopf. Anders als sonst lächelte sie Devin nicht an, sondern blickte ihn ernst und regungslos an, und als sie in seine Augen sah, erkannte sie, dass er wusste, warum sie hier war. Keiner von beiden lächelte, beide starrten sie sich ernst an, und beide schienen zu wissen, was der andere wusste. Es musste nicht ausgesprochen werden. Umso schwerer fiel es Aelis, die passenden Worte zu finden, um ein Gespräch zu beginnen. Alle Dialoge die sie auf ihrer Reise hierher schon unzählige Male in ihrem Kopf durchgegangen war, waren wie weggeblasen. Sie wartete, bis er im Lehnstuhl ihr gegenüber Platz nahm, erst dann regte sie sich im Stuhl um eine bequemere Lage zu finden, schlug ihre Beine übereinander, und lehnte sich zurück.

„Du warst in mein Haus gekommen, um mich um einen Gefallen zu bitten…“ begann sie beherrscht und ruhig. Fast zu ruhig. „Nirva von Sellim wolle dich bei der Inquisition anschwärzen. Das waren deine Worte. Absurde Vorwürfe, die allein den Rachegelüsten einer verlassenen Frau entspringen würden. Das waren deine Worte. Und ich Närrin habe dir geglaubt. Ungeprüft habe ich dir vertraut und geglaubt! Ich saß beim Rat der Inquisition und habe allen erklärt, dass Nirva von Sellim sich ein Hirngespinst fabriziert hat. Dass ich dich überprüft habe. Dass du unschuldig bist. Das habe ich Großmeister Amon, und allen anderen Inquisitoren erzählt. Wie stehe ich jetzt da? Wenn nur einer, zum Beispiel ein missgünstiger Neider wie Anginor Lepos diesen Fall wieder aufrollte, was mich nicht verwundern würde, weil wir ja jetztverlobt sind… kannst du dir vorstellen, was die Konsequenzen wären? Sie würden uns beide drankriegen! Nichts habe ich mir je zu Schulden kommen lassen, und dann kommst du zu mir und ziehst mich eiskalt tief in den Dreck! Du bist wie ein Lamm, das seinem Schicksal entgegensieht zur Schlachtbank geführt zu werden, in mein Haus marschiert und hast mir dreist ins Gesicht gelogen! Du dachtest dir, wenn du den Stier an den Hörnern packst, würde sich alles in Wohlgefallen auflösen, ist es nicht so? Du dachtest, wenn du nur rechtzeitig zu mir kommst und von deiner rachsüchtigen, einfältigen Geliebten erzählst, die dir schaden möchte, dann wird niemand wahrhaftigen Anschuldigungen glauben, wenn sie einmal aufkommen. Und du hast augenscheinlich damit gerechnet, dass es eines Tages soweit kommen wird! Und wie du deinen Charme hast spielen lassen. Wie eine dumme, unerfahrene Göre habe ich mich von dir einlullen lassen! War das alles nur Berechnung? Die Vollstreckerin verführen, um ein mächtiges Werkzeug in Händen zu haben? So, wie die Dinge derzeit stehen, muss ich ja denken, dass alles, was zwischen uns vorgefallen ist, eiskalte Berechnung war. Die Angelegenheit im zerbrochenen Schild zum Beispiel. Warum sollte ein Pater genau an diesem Abend in diese Offizierstaverne kommen, und uns beobachten, wie wir uns volllaufen lassen, um es danach brühwarm und detailgetreu meinem Onkel zu erzählen? Was für ein unglaublicher Zufall…“ Sie funkelte ihn wütend an. „Ich bin nicht erst seit gestern Vollstreckerin. Es dauert vielleicht eine Zeit lang, aber früher oder später kommt stets alles ans Licht. Irgendwann machen sie alle Fehler. Und Varons Fehler war, dass er mich wie den letzten Dreck behandelt hat. Nicht, wie ein niederer Diener sich zu betragen hat. Erst dadurch wurde ich auf ihn aufmerksam.…“ Sie rutschte auf ihrem Stuhl umher. „Ich habe Varon lediglich beobachten lassen. Daran war meiner Meinung nach nichts Verwerfliches, denn ich war mir eigentlich sicher, dass das nichts ergeben würde, dass mir mein verletzter Stolz etwas vorgaukeln würde. Doch was mir dann berichtet wurde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Ich habe mir gesagt ‚Er ist ein Volksverräter, in Ordnung. Aber damit hat Devin nichts zu tun…‘“ Sie lehnte sich ein Stück weit nach vorne, und lehnte ihre Arme auf ihre Knie. „Ob es dir gefällt oder nicht, ich bin eine Vollstreckerin. Eine Dienerin der Zwei. Und dieser Berufung folge ich nun schon seit fünfzehn Jahren. Denkst du, ich kann und will meine Augen verschließen, wenn ich Verrat wittere? Vor den Zweien sind alle gleich. Ich mache keinen Unterschied, ob es ein Bettler aus der Gosse, oder der Priesterkönig höchst selbst wäre. Ich tue nichts anderes, als meine Pflicht zu erfüllen. Meine Pflicht vor den heiligen Geschwistern, vor dem Priesterkönig, vor der Inquisition und meinem Vaterland! Der Glaube ist keine Wissenschaft, sondern eine Tugend. Das solltest du, der die Heilige Schrift der Zwei so in- und auswendig kennt, dass er mich damit blenden konnte, wissen. Ich wollte es nicht glauben, dass auch du in diese Angelegenheit verstrickt bist. Ich wollte und konnte es nicht glauben. Doch Varon hat mir dann etwas anderes erzählt.“ Sie hob abwehrend die Hand. „Bevor du fragst… Er lebt und es geht ihm gut. Ich bin selbst im Befragungsraum kein Unmensch. Es reichte, ihm zu erklären, wenn er nicht redet, dass er mir dabei zusehen kann, wie ich seine Schwester zum Reden bringen werde. Oh, und wie er dann geredet hat! Mehr, als ich wissen wollte, und das ist in Befragungen eher selten. Er scheint auf dich genauso wenig gut zu sprechen zu sein, wie auf mich. Er sagte ‚Devin ist ein Verräter. An dem Tag, an dem er mit euch ins Bett gestiegen ist, hat er mich verraten.‘ Du magst dir selbst ein Urteil darüber zu bilden, ob er Recht hat, oder nicht. Aber ich vermute, nach deinen Worten in Arvia zu urteilen, hast du es längst bereut, dass wir einander begegnet sind…“ Aelis blickte auf ihre linke Hand, wo der filigrane Smaragdring im Feuerschein matt glänzte. Der Stein war an ihrem Finger nicht mehr ganz in der Mitte, weswegen sie ihn eher automatisch in die Mitte rückte. Es erschien ihr richtig und falsch gleichzeitig, den Ring zu tragen, oder auch nur zu behalten.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, still dazusitzen, und so sie sprang auf und lief unruhig auf und ab. „Sag mir, Devin, was ich jetzt tun soll. Wenn ich den rechten, den wahren Weg ginge, dann würde ich zur Inquisition gehen, gestehen, und dann würden sie uns beide exekutieren. Wenn ich jenen Weg ginge, weil mein Leben mir lieb ist, dann müsste ich dem Akt Varon und Dana Torweger noch ein Pergament hinzufügen, jenes über Devin von Tarun. Aber das erscheint mir falsch, wie du dir vielleicht denken kannst. Sonst wäre ich heute nicht alleine zu dir gekommen, sondern mit Männern der Inquisition.“ Aelis trat an das Fenster heran, legte die Hände auf den Rücken und blickte aus dem Fenster. Leise sprach sie weiter. „Vielleicht verstehst du es jetzt noch nicht. Aber Varon und seine Schwester jetzt zu verhaften war in Wahrheit der einzige Weg, dich zu schützen. Es war sehr einfach, etwas über Varon herauszufinden, und das wäre es auch bei dir gewesen, wenn die Inquisition es darauf angelegt hätte. Ich habe dir vertraut, weil ich dich mochte, und weil ich dir vertrauen wollte. Jener Devin, den ich kennengelernt habe, oder den du mir vorgespielt hast, hat mein Herz berührt. Und das tut er auch noch in dieser Stunde…Ich will dir nicht schaden… aber sag mir, was ich tun soll…“ Aelis wandte sich vom Fenster ab, Devin zu und wechselte das Thema. „Wenn es deiner Gastfreundschaft nicht zu viel abringt… Ich bin seit Wochen auf dem Pferd unterwegs gewesen. Ich würde gerne ein heißes Bad nehmen und mich umziehen. Danach können wir weitersprechen…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Di, 28. Mär 2017 23:10

Darion verzog sein Gesicht als Aelis erfundene finanzielle Schwierigkeiten vorschob. Gut, wenn sie Devin glauben machen wollte, dass er Geld brauchte, soll sie zahlen. „Wie viel brauchst du?“, fragte ihn Aelis und er konnte ihr ansehen, dass sie es etwas schadenfroh nahm. Darion grinste. „Einhundert Pfund Silber. Oder fünfzig Goldtaler, damit du es leichter verstehst.“ Natürlich hatte sie soviel nicht hier und auch Darion hieb sich ins eigene Fleisch, denn kurz darauf nahm ihn Devin beiseite und bot ihm Hilfe. Freundschaftlich legte Darion ihm die Hand auf die Schulter. „Dein Glück, dass du eine genügsame Frau heiratest.“ Den Rest des Abends sah Darion dem Treiben eher zu, als daran teilzunehmen. Der Wein wollte ihm nicht schmecken oder vielmehr wollte er sich den Wein nicht schmecken lassen, aber wie stets waren die Gespräche erheiternd, wie interessant. Nie im Leben wusste Devin etwas, dies passte nicht zu dem Bild, das Darion von ihm hatte. Am nächsten Morgen brach Darion früh auf und preschte in die Hauptstadt. Ein kurzer Wortwechsel mit Aelis' Onkel, ein Brief der den Besitzer wechselte und Darion hatte seine Aufgabe erfüllt. Nun konnte er sich wieder seinen eigenen Problemen widmen. Eine viel angenehmere Angelegenheit.

„Riposte!“, donnerte Darion über das Klirren der Schwerter hinweg. Zwei Männer seiner neuen Leibgarde übten sich mit stumpfen Schwertern im Zweikampf nach Darions Anweisungen. Der Innenhof seines Anwesens diente als Übungsplatz und der Reihe nach hatten alle seine Nachwuchsgardisten ihr Können gezeigt, nun waren Ieblis und Behl an der Reihe. Kurz gesagt – es war grauenvoll! In Darions Augen hackten die Beiden nur sinnlos aufeinander ein und das nachdem er ihnen lang und breit erklärt hatte, wie man anständig focht. Zwei Wochen lang. Eben lieferten Behl und Ieblis sich einen Schlagabtausch, der ein ständiges hin und her zwischen den ihnen, Hieb und Block, Hieb und Block. Darion schüttelte den Kopf. Eine Parade war etwas anderes als ein verdammter Block! Wie oft hatte er ihnen das wohl schon gesagt. Anscheinend konnte Ieblis seine Gedanken hören, denn gerade eben parierte er so wie es Darion inbrünstig gepredigt hatte. Er drückte Behls Klinge zur Seite, schwang sein Schwert hoch über den Kopf und stürzte zu Boden, als Darion ihm mit Wucht in den Rücken trat. „Nein, nein, nein!“ Darion stellte sich zwischen die beiden Kontrahenten. „Wir sind hier nicht in den gefallenen Reichen. Wir prügeln nicht auf den Feind ein, wie ein Bauer der sein Korn drischt.“, fuhr er Behl an, der ihm kaum in die Augen sehen konnte. „Und“, fuhr er fort und wandte sich eben so harsch an Ieblis, „wir sind auch nicht bei diesen Elfenfickern, die mehr an gutem Aussehen während und nach des Kampfes interessiert sind! Ihr lernt hier kein Theaterfechten wie irgendeine Bühnenschwuchtel! Ihr lernt wie ein wahrer arcanischer Ritter zu kämpfen. Und ihr habt die unverdiente Erde vom Besten ausgebildet zu werden.“ Tiros, der die ganze Szene schweigend beobachtet hatte, fing an zu lachen. „Bescheiden wie immer, was?“ Darion grinste zurück. „Ich gebe zu, meine Lehrer könnten mich immer noch ausweiden wie einen Fisch, aber die zählen nicht.“ Darion wandte sich wieder an seine, man könnte sagen Schüler. „Was aber zählt sind die beiden Regeln, die ich euch immer und immer wieder eingeprügelt habe.“ Er packte Behl am Kragen. „Die Spitze der zeigt immer auf die Körpermitte des Feindes.“ Jetzt blickte Behl ihn doch noch an und zwar zornig. „Selbst wenn er einen Harnisch trägt?“ Darion stieß ihn von sich. „Selbst wenn er hinter einer scheiß Steinmauer steht! Und die andere Regel?“ „Erst Schwert, dann Kämpfer.“, gab Ieblis kleinlaut hinter Darion von sich. Darion drehte sich mit gespieltem Stolz um. „Hast du anscheinend doch zugehört. Der Körper folgt der Klinge, nicht umgekehrt! Wenn ich noch einmal sehe, wie einer von euch sein Schwert um den Kopf führt, dann schlag ich eben diesen Kopf ab und pisse euch in den Hals.“ Darion warf einen flüchtigen Blick auf den Eingang seines Anwesen. Leria stand dort und warf ihm einen beinahe anerkennenden Blick zu. Seit er sich mehr wie ein Ritter, denn als Graf benahm, schien langsam die ehemalige Verbundenheit wieder aufzuflammen, so denn je welche vorhanden war. „Und jetzt macht ohne mich weiter.“, befahl Darion geistesabwesend. Leria war wieder hinein gegangen, immerhin war es hierzulande an manchen Tagen eisig kalt. Darion ging schnellen Schrittes hinein. Er wusste nicht was ihn erwartete oder was er vielleicht insgeheim und hoffnungsvoll erwartete, aber was sollte schon passieren. Im schlimmsten Fall fing er sich wieder eine. Die letzten Tage waren eine ständige Mischung aus Abneigung und verhohlener Lust gewesen. Ja Lust, anders konnte Darion die Blicke nicht deuten, die ihm Leria nach seiner Rückkehr aus Arvia oder vielmehr Irukhan zuwarf. Das letzte Mal, dass er etwas ähnliches in ihren Augen gesehen hatte, war vor knapp fünf Jahren gewesen. Eine Mischung aus Entsetzten und Erwartung, Abscheu und Faszination, als er das Duell gegen seinen Vetter – ihren Verlobten – ausgefochten hatte. Da bei den Kämpfen nun niemand starb, war sie glücklicherweise nicht entsetzt, dafür aber umso angeekelter, da er ja immer noch diese verdammte Hure gevögelt hatte. Aber sie wusste, sie konnte nichts tun. Eine Auflösung der Ehe wäre nur bei ihrer Untreue oder seiner Impotenz möglich. Sie war dafür zu stolz und Darion hatte in der Hochzeitsnacht definitiv seine Manneskraft bewiesen. Innen konnte er sie nicht finden. Arvid nickte nach oben und Darion lächelte ihn dankbar an. Seine Frau lehnte am Fensterbrett in Darions Arbeitszimmer. Sie drehte sich nicht um als er eintrat. „Wie schlagen sich deine Männer?“ „Grauenvoll. Ich weiß nicht ob sie hier sind um mich zu schützen oder verzweifelt Schutz suchen.“ Darion trat an den Tisch, auf dem ein paar der uralten Manuskripte über Kriegskunst und Schwertkampf lagen. Weniger als die Hälfte von ihnen, hatte er übersetzten können lassen. Seine Frau drehte sich um. „Du siehst müde aus.“ Darion blickte sie amüsiert an. Sicherlich war er müde und schweißgebadet, trotz der Kälte. Immerhin lernte man am besten das, was man sah, so führte Darion prinzipiell jedes Manöver vor, bevor er verlangte, dass man es ihm nachmachte. Wortlos stellte sie ihm einen Becher hin. Verwässertes Bier. Seit seinem Geständnis verschaffte sie sich eine kleine Genugtuung, indem sie ihm immer wieder Speisen und Getränke vorsetzte. Meistens kochte sie sogar eigenhändig und es war ihre volle Absicht, dass die Speisen ungenießbar waren. Darion war dann der Höflichkeit halber gezwungen es sich schmecken zu lassen, aber was Leria nicht bedacht hatte, war das Darion ein Knappe im Krieg war. Er hatte Haferschleim aus angeschimmeltem Hafer und dreckstarrem Wasser mit Genuss verzehrt. Doch bei Bier hörte die Freundschaft auf. Das war Folter. Wein und Bier, ja gerne, aber Wasser mit Bier war ein Graus. Er seufzte, nahm aber einen großen Schluck, denn durstig war er alle mal. „Was machen Burkhard und seine Frau?“, fragte Darion neugierig. Leria zuckte mit den Schultern. „Seine Frau hat nicht mehr gesprochen, seit du ihren Bruder gerichtet hast und er schimpft nur im Suff über dich.“ Darion nickte langsam. „Es sei ihm verziehen. Im Suff macht man Dinge die man später bereut.“ „Ach ja.“, gab sie zynisch zurück. „Sehr bereut...“, brummte Darion. „Dann sollte ich vielleicht öfter trinken oder Darion?“ Wortlos schob er ihr seinen Becher hin. Sie nahm ihn und nahm einen Schluck. Für einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke und Darion wusste nicht was über ihn kam, aber er gab ihr einen flüchtigen Kuss, den sie, so hoffte er jedenfalls, aus bloßer Überraschung nicht erwiderte. Einen Moment starrte sie ihn Fassungslos an, bevor sie übergab – direkt über seine Hose. Schockiert schlug sie sich die Hand vor den Mund. „Ich werde versuchen das nicht persönlich zu nehmen.“, meinte Darion trocken und mit einem Mal fingen sie Beide an wie Kleinkinder zu kichern, bis sich ein weiterer Schwall über Darions Tunika ergoss. „Ich ziehe mich mal um. Und wasche mich. Gründlich.“
In den folgenden Tagen ging es Leria nicht besser. Es gab schlechte und sehr schlechte Tage. Meistens war ihr morgens, mittags und abends übel, an schlechteren Tagen gab es keinen Moment, in dem es ihr auch nur annähernd gut ging und dann gab es Tage, an denen Darion dankbar war, genügend Kleider zum Wechseln zu haben. Die Übungseinheiten wurden unpräzise. Darion übersah offensichtlich falsche Bewegungen und ohne Tiros, der mit beinahe fanatischem Eifer Darions Lehren in seine Garde hinein schrie, wäre wohl jeder Fortschritt wieder zunichte gewesen. Soeben lieferte sich Tiros ein Scharmützel mit zwei Kontrahenten gleichzeitig um zu zeigen, wie schlecht diese immer noch waren, als Gerda hinaus gelaufen kam. „Euer Gnade... Eure Frau...“ Darion wandte sich um. „Tiros! Mach die Kerle zu Schwertkämpfern bis ich zurück bin.“ „UNMÖGLICH!“ Er eilte hinein und fand eine blasse Leria im Ehebett liegen. Ein Nachttopf voll erbrochenem lag in ihrem Schoß, während sie aufrecht da saß und sich von irgendeiner Frau des Dorfes untersuchen ließ. „Wie steht es um sie?“, fragte Darion ernsthaft besorgt. „Wann geht es ihr besser?“ Die Frau trat nahe an ihn heran. „Gar nicht Euer Gnaden. Zuerst wird sie aufquellen und in ein paar Monaten wird sie unter fürchterlichem Gestöhne und Schreien Eure Laken voll bluten.“ Darion wurde schwindelig bei diesen Worten und er fürchtete sich beinahe vor seiner nächsten Frage. „Und dann?“ „Und dann,“, sagte die Alte ernst, „dann seit ihr Vater.“ „Verfluchte schei – was hast du gesagt?“ Ratlos blickte er seine Frau an, die die Augen verdrehte. „Ich erwarte ein Kind Darion. DEIN Kind.“ Ungläubig starrte er sie an. „Wirklich?“ Diese Reaktion war wohl kein Paradebeispiel, wie sich ein werdender Vater verhalten sollte, wenn er erfuhr, dass er soeben zu einem werdenden Vater geworden ist. Also stand Darion nur dämlich grinsend im Raum, bevor er sich neben seine Frau setzte und sie eine ganze Weile im Arm hielt. Sie ließ es zu. Ein Fortschritt.

„Euer Gnaden?“ Es klopfte an die Tür und Arvid trat ein. „Ihr bekommt Besuch. Ohne Ankündigung.“ Darion nickte und Arvid entfernte sich. „Warte... ich mache mich nur schnell vorzeigbar...“ Das schnell war vielleicht etwas optimistisch, andererseits war Arvids Warnung ebenfalls etwas verfrüht. Ein paar der Männer aus den gefallenen Reichen waren von der Jagd zurück und hatten in der Ferne einen Reiter ausgemacht, der sorgsam beobachtet wurde. Darion konnte sich nur eine Person vorstellen, die da kommen könnte. Also wartete er in der Halle, Leria an seiner Seite, seinen Hunden hatte er einen Knochen zugeworfen, na ja eigentlich zwei, aber wie kleine Kinder, wollten sie natürlich beide den selben und Tiros würfelte mit den Anderen, während sie sich von den Übungen erholten und noch sich noch etwas darüber unterhielten. Es herrschte emsiges Treiben, denn Darion hatte zur Feier des Tages ein Festmahl angeordnet. Dann trat Aelis ein. „Welch Überraschung. Ehrenwerte Vollstreckerin, seid willkommen in meinem bescheidenen Heim.“ Aelis ging gar nicht auf seine Worte ein. Stattdessen verlangte sie ihn Privat zu sprechen. Leria gefiel das zwar nicht, denn sie hatte sich nun umsonst zurecht gemacht und zusammengerissen. Darion tätschelte ihre Wange. „Leg dich wieder hin.“
Hinter verschlossenen Türen räumte Darion die Manuskripte vom Tisch und wartete darauf, dass Aelis zur Sache kam. Schweigend hörte er zu als es aus ihr nur so hervor sprudelte. Er merkte wie aufgeregt sie war und bemühte sich daher, betont ruhig zu bleiben. Die Sache erforderte einen kühlen Kopf. „Ich fühle mich so alleine und hilflos, ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nur, ich kann ihn nicht ausliefern. Lieber klage ich mich selbst an. Darion, ich brauche deine Hilfe!“ Darion nickte. „Soll ich ihn für dich umbringen.“, fragte er tonlos, doch ihr entsetzter Blick war Antwort genug. Er lächelte mitfühlend und legte seine Hand auf ihre. „Dachte ich mir. Was soll ich machen? Als Arcanier bin ich verpflichtet dir zu raten, DEINER Pflicht zu entsprechen und ihn aufs Schafott zu bringen. Als dein Freund aber … Wenn du ihn Tod sehen wolltest, dann wäre alles einfacher. Deinem Onkel würde irgendwas einfallen. Es wäre von langer Hand geplant das du mit ihm vögelst und so weiter, nur um was gegen ihn zu finden. Aber so... ja so.“ Darion schwieg. Er starrte nach draußen, auf den Boden, auf die Pergamente. „Du musst etwas finden, dass sein Handeln rechtfertigt. Zunächst vor dir, damit du ihm wieder … vertrauen kannst ist de falsche Wortwahl. Jedenfalls erst musst du dich überzeugen, dann die Inquisition.“ Er dachte erneut nach. „Du sagtest sie gab ihm dieses Kraut? Ich habe davon gehört, Tiros – den du übrigens konsequent falsch schreibst – kennt sich da etwas aus. Es macht abhängig und ist schwer zu bekommen. Und es benebelt den Geist. Vielleicht war er nicht er selbst, als er etwas getan, was er nicht hätte tun sollen und nun war er dieser Dana auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie hatte ihn in der Hand.“ Darion packte sie bei den Schultern und blickte sie fest an. „Du kennst meine Meinung zu Folter. Jeder Mann würde alles sagen, wenn du ihn zwingst. Ich verstehe nicht, wie ihr bei in der Zitadelle auch nur ein Wort glauben könnt – wer weiß, vielleicht hat er das nur gesagt, um Devin mit sich ins Verderben zu stürzen... Ich will an seine Unschuld glauben, um deinetwillen Aelis. Aber wenn, er schuldig ist...“ Bring ich ihn um? Wollte Darion das eben sagen? Eher nicht. Eigentlich mochte er Devin, aber er konnte nicht riskieren den Namen Malistaer mit einem Verräter in Verbindung zu bringen. Nicht jetzt wo die Zukunft seines Hauses zum Greifen nahe war. Unangenehmes Schweigen breitete sich aus, bis Darion aufstand. „Komm, wir haben etwas zu feiern. Ich werde Vater.“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Di, 04. Apr 2017 8:53

Am schlimmsten war die Warterei. Devin saß auf seinem Landsitz und bekam dort nicht mit, wie sich die Dinge in der Hauptstadt entwickelten. Er wusste nur, dass Varon im Kerker saß. Ob sein Leibwächter dort etwas gestanden und ihn somit belastet hatte, wusste er nicht. Diese Ungewissheit brachte Devin fast um den Verstand. Schon über Jahre lebte Devin mit der Bedrohung, dass seine Machenschaften auffliegen und ihn die Verbindung zu Varon und Dana eines Tages den Kopf kosten könnte. Nicht umsonst hielt er sich ein paar erfahrene Söldner, die in seiner Schuld standen und ihm in der Not beistanden. Devin wollte eher im Kampf sterben als sich gefangen nehmen zu lassen. Er wusste, was einen in den Verliesen der Inquisition erwartete. Aelis…. Es fiel ihm immer noch schwer, sie sich dort vorzustellen. Er wollte nicht glauben, dass sie diejenige sein könnte, die Varon befragte. Folterte! Und von irgendwo her nahm Devin den Optimismus zu glauben, dass er sich vielleicht umsonst verrückt machte. Varon würde schweigen, niemandem würde etwas geschehen und er selbst würde weitermachen wie bisher. Er klammerte sich an diese vage Hoffnung.
Dennoch übertrug sich seine Nervosität auf den ganzen fürstlichen Haushalt. Er ließ die Wachen verdoppeln und trug ihnen mehrfach auf, nach Reitern Ausschau zu halten. Seine Laune war im Keller, was auch am Starrkrautentzug lag, denn mit Varon war seine Quelle versiegt. Er schnauzte grundlos das Personal an und vergrub sich tagelang in seinem Schlafzimmer, wo er niemanden an sich heran ließ. Es ging ihm schlecht, auch körperlich. Tage vergingen, bis er den inneren Kampf gewonnen hatte, es ihm besser ging und er schließlich wieder er selbst war. Nach Tagen der Verwahrlosung badete er, kleidete sich wieder vernünftig an und ließ den Barbier kommen. Nüchtern und mit einer bemerkenswerten Ruhe ausgestattet, die ihn seltsam gelassen in die Zukunft blicken ließ, wartete er ab. Dann kam Aelis. Allein. Ihre Miene verriet sofort, dass Varon geredet hatte. Es bedurfte keiner Worte. Er sah es in ihren Augen. Sekundenlang starrten sie sich nur schweigend an. Auch Devin wusste nicht, was er sagen sollte. Zu bizarr erschien ihm die Situation. Dann senkte er den Blick und wartete, bis sie sich gesetzt hatten und Aelis schließlich das Schweigen brach.

Sehr beherrscht fing Aelis an zu reden, aber ihre Finger waren leicht verkrampft und verrieten ihre Nervosität. Devin sah sie gefasst an und wich ihrem Blick nicht aus. Er hatte sich vorgestellt, wie er reagieren würde, wenn sie sich unter diesen Umständen wiedersahen. Jetzt war er überrascht, wie ruhig er doch war, trotz der widersprüchlichen Gefühle, die in seinem Inneren tobten. Devin ließ Aelis sprechen, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Er zeigte kaum eine Reaktion auf ihre Anklagen, obwohl manches absurd in seinen Ohren klang. Nur einmal zuckte er fast unmerklich zusammen, als sie Dana erwähnte. Sie haben Dana? Das war ihm neu. Damit war der Inquisition einen großer Schlag gegen die Widerstandsbewegung gelungen.
Während Aelis sprach, hielt es sie nicht mehr auf ihrem Stuhl. Unruhig wanderte sie im Raum umher. Es war deutlich, wie nah ihr das auch selber ging. Am Ende kam es Devin so vor, als fürchte sie seine Antwort, weil sie lieber ein Bad nehmen wollte als das Gespräch fortzuführen.
Doch Devin wollte ihr antworten. Er war nun ebenfalls aufgestanden und ergriff ihre Hand, um sie am Gehen zu hindern. „Du bist mein Gast und sollst alle Annehmlichkeiten bekommen, die einem Gast gebühren. Aber hör mir erst noch zu, bevor du ein Bad nimmst. Ich will versuchen, dir das ein oder andere zu erklären“, bat er sie und wartete dann ab, bis sie wieder Platz genommen hatte. Er selber blieb hinter dem Stuhl stehen, stützte die Hände auf die Rückenlehne und sah sie entschlossen an.
„Es stimmt. Ich bin ein Verräter. Ich habe wahrscheinlich so gut wie alle verraten: Das Volk, das Land, meine einstigen Ideale, den Adel, meinen Vater, Nirva, dich, und letztlich wohl auch Varon und alles, wofür er steht. Einiges davon bereue ich, anderes nicht.
Devin ließ die Worte einen Moment sacken, dann setzte er sich doch wieder Aelis gegenüber und beugte sich zu ihr vor. „Ich wollte dir niemals schaden, Aelis. Als ich sagte, es wäre besser gewesen nichts mit dir anzufangen, wusste ich im Gegensatz zu dir, welches Wagnis wir beide damit eingingen. Die fähigste Vollstreckerin der Inquisition auf dem Weg zu einer ruhmreichen Karriere und ein –wie nannte dein Vater es noch gleich?- ‚Schnösel‘ wie ich, der noch dazu ein Verräter ist… Das ist nun einmal nicht unkompliziert.
Es ist wahr, ich brauchte dich und habe es ausgenutzt, dass wir uns bereits kannten. Du hattest angeboten, mir einen Gefallen zu erweisen. Nirva wusste nichts Konkretes, dessen bin ich mir sehr sicher. Aber in ihrer verbohrten Eifersucht brachte sie mich in das Blickfeld der Inquisition und das hätte gefährlich für mich werden können. Ja, ich gebe zu, dass es berechnend von mir war zu dir zu kommen und dich um diesen Gefallen zu bitten. Mir ist kein anderer Ausweg eingefallen. Ich hatte gehofft, du könntest das unauffällig abwenden, ohne dass der Rat der Inquisition davon erfuhr. Ohne dass du oder Nirva dabei in ernsthafte Schwierigkeiten gerieten. Es ist aber wirklich nicht so, dass ich dich absichtlich verführt habe, um dich als Werkzeug oder was auch immer zu missbrauchen. Auch wenn du das glauben magst, es stimmt nicht. Du magst mich für einen Lügner halten, aber ich bin kein so guter Schauspieler, wie du denkst. . Vernünftig wäre gewesen, dir nicht so nah zu kommen. In jeder Beziehung nah, aber…ich konnte es dann nicht.“ Er sah Aelis eindringlich in die Augen und hoffte, dass sie ihm glaubte. „Und die Sache mit Pater Jeromo…“, fuhr er schließlich fort. „Aelis, ich bitte dich…das hätte ich mir niemals ausdenken, geschweige denn planen können!“
Nun seinerseits von Unruhe ergriffen stand Devin wieder auf. „Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich vom rechten Weg abgekommen bin und den ‚Verrätern‘ geholfen habe, einige Leute außer Landes zu bringen. Du wirst das nicht verstehen.“ Devin hielt kurz inne, als ihm etwas einfiel. „Oder vielleicht doch? An jenem Abend als ich mit der Bitte zu dir kam, fiel mir ein Pergament in die Hände, in dem man dich recht eindeutig aufforderte, einen Gefangenen freizulassen. Im Gegenzug würde man deine Schwägerin freilassen. Was dann auch geschah. Kann es sein, dass die ehrbare und stets unfehlbare Vollstreckerin auch ein kleines, unehrenhaftes Geheimnis hat?“fragte er und sah Aelis provozierend an. Bevor sie antworten konnte, redete er aber schon weiter:
„Wie dem auch sei, mir ist es egal, nur urteile nicht vorschnell über andere, bevor du deren Beweggründe kennst und sie Volksverräter nennst. Mag sein, dass ich das bin. Aber wer ist denn das Volk? Jemand wie du und ich? Ich habe nirgendwo so viele menschliche Abgründe gesehen wie gerade in unserem Stand. Beim Adel und selbst bei den höchsten Vertretern der Religion. Scheinheiligkeit, Intrigen, Korruption, Machtbesessenheit. Erzwungene Geständnisse Unschuldiger in den Kerkern der Inquisition. Warst du dir immer sicher, dass all jene, denen du die Daumenschrauben angelegt hast, die Folter und den Tod auch verdient hatten? Wenn nicht, ist das in meinen Augen der viel schlimmere Verrat am Volk.
Sicher waren auch Verbrecher und Mörder dabei, denen ich geholfen habe. Vielleicht war das falsch. Aber ich weiß, dass auch Unschuldige darunter waren. Elfen und Halbelfen, teilweise noch Kinder, die sich nur ihre Abstammung zu Schulden kommen ließen oder im Handwerk zu geschickt waren und deshalb von arcanischen Händlern aus dem Weg geräumt werden sollten, die diese Konkurrenz fürchteten. Oder Menschen, die es gewagt hatten, ihren Mund aufzumachen und sich zu beschweren, wenn sie sich zu Recht im Unrecht fühlten. Es hat sich verdammt gut angefühlt, sich bei einem Abendessen das Gejammer eines auch dir bekannten Barons über einen störrischen Leibeigenen anzuhören, dessen Ehefrau er zuvor vergewaltigt hatte und gleichzeitig zu wissen, dass ich dabei helfen konnte, die Familie in Sicherheit zu bringen. Aber das wirst du wahrscheinlich nicht verstehen. Als Vollstreckerin ist es deine Pflicht, eine andere Meinung zu vertreten. Für dich gibt es sicher nur schwarz oder weiß, Verräter oder Heiliger. Arcanier oder Nicht-Arcanier.
Allerdings muss ich einräumen, dass ich immer zu feige war, einen richtigen Verräter abzugeben und mich ganz der Sache anzuschließen, für die Varon und Dana kämpfen. Ein Teil von mir ist wohl tatsächlich durch und durch der adelige Schnösel, der seine Privilegien genießt und ein ruhiges Leben bevorzugt. Meine Rolle war daher nur klein, unbedeutend. Ich war nicht mehr als ein Handlanger. Man hat mir nie angeboten, mehr zu sein und man hielt mich von allem Wichtigen fern. Ich scheine wenig vertrauenswürdig zu sein, selbst aus Sicht der Merridianer.“ Devin hob nachdenklich die Brauen an. „Vielleicht sollte mir das zu denken geben“ gestand er sich ein und sein Mund zuckte als wollte er zu einem ironischen Lächeln ansetzen, das aber schnell wieder versiegte.. „Ohne Varon ist mein Kontakt zu diesen Leuten abgebrochen. Varon ist tot, egal was du mit ihm getan hast oder noch tun wirst. Ich weiß nicht viel über die Organisation, der er angehörte. Nur so viel, dass sie sich zum Schweigen verpflichten. Mit seinem Geständnis hat er sein Schicksal besiegelt. Selbst wenn er frei käme, würden sie ihn dafür töten, dass er geredet hat. Ich trauere um ihn. Er war mein Freund und einziger Vertrauter. Ich habe versucht dich dafür zu hassen, dass du ihn verhaften ließest. Ich habe es versucht. Es geht nicht. Ich kann dich nicht hassen, Aelis…“ Er sah sie sehr seltsam an, als wüsste er selbst nicht, wie er das einzuschätzen hatte.
Dann fasst er sich wieder und gab sich betont sachlich. „Das war mein Geständnis. Ganz ohne Folter und freiwillig gegeben. Tu damit, was du meinst tun zu müssen. Liefere mich der Inquisition aus! Ein Fang dieser Größenordnung würde dein Ansehen in den Reihen der Inquisition wieder steigern und dich vor einer Ehe bewahren. Du könntest weiter als Vollstreckerin arbeiten. Wolltest du das nicht? Ich würde allerdings nicht mehr hier sein, wenn du mit Männern der Inquisition zurück kommst. Meine Bereitschaft zu sterben ist nicht besonders ausgeprägt.“
Devins Stimme wurde weicher, als er weiter sprach: „ Oder du gehst einen anderen Weg.
Niemand außer dir weiß von Varons Anschuldigungen, oder? Niemand muss es je erfahren. Wir könnten das alles einfach vergessen und heiraten, wie es geplant war. Wir lassen unsere Vergangenheit hinter uns und fangen neu an. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen…“
Devin beobachtete Aelis‘ Reaktion auf seine Worte sehr genau. Wie auch immer ihre Antwort ausfallen würde, sie würde ihm zeigen, wie Aelis wirklich war. Welche Seite an ihr hatte die Vorherrschaft? Die Vollstreckerin oder die Frau, die er dahinter kennengelernt hatte? Jetzt würde sich zeigen, ob er richtig lag oder sich in ihr geirrt hatte.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 05. Apr 2017 15:37

Widerstandslos ließ Aelis sich, von Devin an der Hand genommen, zurück zu ihrem Stuhl führen, wo sie wieder Platz nahm. Er wollte ihr alles erklären? Dann sollte er das auch tun. Seine Erklärung begann gleich mit einem Geständnis. "Es stimmt, ich bin ein Verräter" sagte er, und der Vollstreckerin wurde übel bei diesen Worten. Sie stützte ihre Stirn in die Handfläche, so, als hätte sie unsägliche Kopfschmerzen, und sah Devin an, der nun wie ein Wasserfall zu reden begann. Nur einmal schmunzelte sie, doch war es eher ein aufkeimendes Schmunzeln, als ein wirkliches, nämlich dann, als Devin ihren Vater Eradis rezitierte, der ihn als Schnösel bezeichnet hatte. Ansonsten blieb Aelis ernst und schweigsam, und nur einmal, als sie sich erbost im Stuhl aufrichtete, weil Devin Kenntnis von diesem Erpresserbrief hatte, was nur bewies, dass er bei ihr umhergeschnüffelt hatte, wollte sie etwas entgegnen. Doch Devin ließ sie nicht zu Wort kommen. Er sprach einfach weiter. Für Aelis war diese Beichte eine schiere Ewigkeit, und es fiel ihr schwer, ihm in allem zu folgen, denn in ihrem Kopf drehten sich ihre Gedanken wild und zusammenhanglos umher. Erst, als er auf Varon zu sprechen kam, richtete sie sich im Stuhl ein wenig auf. „Mit seinem Geständnis hat er sein Schicksal besiegelt. Selbst wenn er frei käme, würden sie ihn dafür töten, dass er geredet hat. Ich trauere um ihn. Er war mein Freund und einziger Vertrauter. Ich habe versucht dich dafür zu hassen, dass du ihn verhaften ließest. Ich habe es versucht. Es geht nicht. Ich kann dich nicht hassen, Aelis…“ Er blickte sie seltsam an, und sie wartete darauf, dass er weiter ausführte, warum er das nicht konnte. Aber er tat es nicht. „Das war mein Geständnis. Ganz ohne Folter und freiwillig gegeben. Tu damit, was du meinst tun zu müssen. Liefere mich der Inquisition aus! Ein Fang dieser Größenordnung würde dein Ansehen in den Reihen der Inquisition wieder steigern und dich vor einer Ehe bewahren. Du könntest weiter als Vollstreckerin arbeiten. Wolltest du das nicht? Ich würde allerdings nicht mehr hier sein, wenn du mit Männern der Inquisition zurückkommst. Meine Bereitschaft zu sterben ist nicht besonders ausgeprägt.“ Aelis ließ sich müde in den Stuhl zurücksinken. Erst jetzt machte sie ihren Mund auf. „Das bedeutet also dass wir uns heute zum letzten Male sehen, denn in Wahrheit kannst du dir nicht sicher sein…“ stellte sie nüchtern fest. „Oder du gehst einen anderen Weg. Niemand außer dir weiß von Varons Anschuldigungen, oder? Niemand muss es je erfahren. Wir könnten das alles einfach vergessen und heiraten, wie es geplant war. Wir lassen unsere Vergangenheit hinter uns und fangen neu an. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen…“ Aelis war bestürzt. Nach alledem wollte er sie immer noch heiraten? Warum? Das alles ergab keinen Sinn… Er stellte sich das alles jedoch deutlich einfacher vor als die Angelegenheit war. Wie konnte er nur glauben, dass die Inquisition Devin in Ruhe lassen würde, nachdem zumindest durch seinen Diener Verbindungen zur Widerstandsgruppe bestanden hatten? Doch sie wollte und konnte nichts auf all dies entgegnen. Sie räusperte sich. „Devin… ich weiß nicht, was ich dir jetzt sagen soll. Ich bin auf ein solches Gespräch nicht vorbereitet gewesen. Ich hätte eher erwartet, dass du alles leugnen wirst. Entweder, weil du wirklich unschuldig bist, oder weil du dich aus dieser Affäre ziehen willst. Ich hatte viel erwartet, aber nicht, dass du alle Vorwürfe bestätigen wirst. Ich bitte dich, zwing mich jetzt nicht dazu, irgendetwas zu entgegnen. Ich bin müde, ich bin erschöpft, ich fühle mich schmutzig und ich möchte jetzt einfach nur ein Bad nehmen und einen klaren Kopf bekommen.“ Er nickte, und schickte nach einem Diener, dem er Anweisungen gab, alles für seinen hohen Gast vorzubereiten.

Als Aelis dann im Badezuber im heißen Wasser lag, schloss sie die Augen, und dachte an gar nichts. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie wollte sich zu keiner Entscheidung durchringen. Sie wusste nicht mehr, was richtig war, und was falsch. Aber das war leichter gesagt, als getan. Natürlich spukten unzählige Gedanken in ihrem Kopf herum. Aber letztendlich drehte sich alles immer nur um das eine. Dass er ihr gesagt hatte, dass er sie nicht hassen konnte. Und das, obwohl sie seinen besten Freund und engsten Vertrauten hatte inhaftieren lassen, was letztlich sein Todesurteil sein würde. Und sie? Sie konnte ihn ebenso wenig hassen. Obwohl er ein Hochverräter war. Zumindest von ihrer Seite aus war aus diesem leichten, ungezwungenen Kennenlernen mehr geworden, als einfach nur hin und wieder einige leidenschaftliche Stunden zu verbringen. Vollstreckerin und Hochverräter. Das konnte niemals gut gehen. Es war alles so furchtbar kompliziert! Als das Wasser schon abgekühlt war, und sich unangenehm anfühlte, wusch sie sich ihr Haar, schrubbte sich mit einer weichen Bürste den Körper ab, und stieg dann schließlich aus dem Badezuber. Ihre Gewänder hatte man mitgenommen, mit dem Versprechen, sie würden morgen Früh sauber und adrett bereitstehen. Also hüllte sie sich in einen von Devins Morgenmäntel und suchte Devin dann wieder in seinen Gemächern auf. Sie fühlte sich trotz des Bades furchtbar und elend. Doch das alles konnte das heißeste Wasser und die schärfste Seife nicht wegwaschen. Sie fühlte sich hilflos und klein, als sie ihm schließlich wieder gegenüber stand. Er erwartete jetzt vermutlich Antworten. Antworten, die sie ihm nicht geben konnte. Ihr Blick war traurig, als sie den seinen suchte. „Ich kann dir jetzt noch keine Antworten geben. Ich weiß es einfach nicht. Bitte, lass mich eine Nacht darüber schlafen. Morgen sieht alles ganz anders aus. Alles, was ich dir in diesem Augenblick sagen kann ist, dass ich dich auch nicht hassen kann, Devin… Ich könnte es nicht einmal versuchen…“ Wenn er sie so ansah, mit diesen Augen, dann wusste sie, dass sie ihm hoffnungslos verfallen war. Er machte sie weich und schwach und unfähig, klare Entscheidungen zu treffen. Ihre Lippen trafen sich, und verschmolzen zu einem innigen Kuss, während sie mit ihren Händen gegenseitig unter ihrer Kleidung nach nackter, warmer Haut suchten. Dieser Kuss hatte letztendlich nur zur Folge, dass sie erneut dort landeten, wo es schon so oft geendet hatte: Im Bett. Doch dieses Mal war es für Aelis ganz anders. Inniger, zärtlicher, intensiver. Es kam Aelis wie ein unausgesprochener Abschied vor. Als Devins ruhiger und regelmäßiger Atem sehr viel später verriet, dass er schlief, lag die Vollstreckerin immer noch wach, weil sie ihre Gedanken quälten. Sie konnte nicht einschlafen und fiel erst nach langem Grübeln in einen unruhigen Schlaf, und als sie wieder erwachte, war es immer noch dunkel, und Devin lag friedlich da und schlief tief und fest. Wie spät mochte es sein? Das Feuer in der Feuerstelle brannte nur noch niedrig, und die Vollstreckerin erhob sich, huschte an den Kamin und legte Feuerholz nach. Sie setzte sich schließlich an Devins Schreibtisch, suchte nach Pergament und Schreibzeug, und schrieb. „Devin, ich liebe dich…“ Das Pergament wurde zusammengeknüllt und auf den Tisch geworfen. Sie nahm ein neues zur Hand. Sie überlegte einen Moment und begann dann zu schreiben „Devin, ich habe noch nie einem Mann solche Gefühle entgegengebracht, wie ich es…“ Auch dieses Pergament landete verschwendet und zusammengeknüllt auf dem Tisch. Nein, so funktionierte das nicht. Sie rieb sich die Schläfen und die Augen und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Sie hatte ihre Entscheidung doch schon gefällt. Warum war es ihr nicht möglich, dies auf einen Bogen Pergament zu bekommen? Sie legte ein neues Blatt vor sich. „Devin, wenn du diese Zeilen liest, bin ich zurück in Irukhan. Ich wollte dir niemals schaden, aber das ist jetzt geschehen…“ Sie tat einen innerlichen Schrei und knüllte auch dieses Pergament zusammen. Sie blickte hinüber zum Bett, dann legte sie ihre Hände vors Gesicht, atmete tief durch und überlegte. Nach einer Weile nahm sie entschlossen einen neuen Bogen Pergament, tauchte die Feder in die Tinte und schrieb mit ihrer klaren, geschwungenen Handschrift
Devin,
Wir alle treffen unsere Entscheidungen. Nur eine Ehefrau zu sein und keine Aufgabe mehr zu haben, ist kein Leben für mich. Verlasse sofort das Land, denn wenn sie die Inquisition vorbeischicken, kann ich nichts mehr für dich tun.
Aelis
Es war am besten so. Auch, wenn das keine passenden, letzten Worte waren. Sie wollte ihm etwas ganz anderes schreiben. Dass sie ihn liebte, dass sie alles für ihn tun wollte, was in ihrer Macht stünde, dass es ihr Leid täte, wie alles gekommen war... Aber durch die Verhaftung von Varon hatte sie einen Stein ins Rollen gebracht, den sie nicht mehr Aufhalten konnte. Die Inquisition würde sich Devin näher ansehen. Und wer wusste was sie finden würden? Nein, alles was sie noch für Devin tun konnte, war, ihn gehen zu lassen. Gehen zu lassen und ihm die Gelegenheit geben, ein neues Leben zu beginnen. Da, wo man ihn niemals finden würde. Dieses Schreiben legte sie auf den Tisch, darauf legte sie den Smaragdring. Eigentlich wollte sie ihn als Andenken behalten. Doch es war nicht irgendein Ring, sondern der seiner verstorbenen Mutter. Es wäre falsch, ihn nicht zurück zu geben. Sie warf die verworfenen zerknüllten Pergamente ins Feuer und sah ihnen zu wie das Feuer sie auffraß und nichts davon übrig ließ, als helle Ascheflocken. Dann schlich sie hinaus, holte ihr Gewand, zog sich an, und verließ noch im Morgengrauen das Anwesen, um zurück nach Irukhan zu reisen.

Auf dem Hauptplatz in Irukhan versammelten sich einige Tage später viele Menschen, um dem Schauspiel beizuwohnen. Der Inquisition war ein Schlag gegen die Widerstandsbewegung gelungen, und eine der Anführer und ihren Bruder aufzuspüren und zu verhaften. Es würde eine Zurschaustellung werden. Eine unausgesprochene Warnung, was mit Verrätern geschah. Auf dem aus Stein gemauerten Schafott stand der Scharfrichter und stützte sich auf sein Richtbeil, wartete auf die Verurteilten und die hohen Herren der Inquisition. Der Hauptplatz war belebt wie ein Bienenkorb und viele Menschen sahen dem Ereignis aufgeregt und neugierig entgegen. Als dann laute Trommelschläge im Takt ertönten, teilte sich die Menge, und die Erwarteten traten wie bei einer feierlichen Prozession nach vorne. Allen voran Wahrheitsbringer Acardo Elhan von Avalé, hinter ihm seine Nichte und Vollstreckerin Aelis von Avalé, Bannerträger, und vier bis an die Zähne bewaffnete und gerüstete Soldaten, die jeweils rechts und links die Verurteilten flankierten. Einer nach dem anderen trat über die steinernen Stufen aufs Schafott und reihte sich neben dem anderen auf. Aelis trug ihre weiße Tunika, ihren kostbaren Gürtel und braune Hosen, das Haar zu einem strengen Knoten gedreht. In der Hand hielt sie einen Bogen Pergament, und stellte sich neben den Scharfrichter, während die beiden Verurteilten vorne aufs Schafott gestellt wurden, wo ein jeder sie sehen konnte. Eine Weile beobachtete die Vollstreckerin das Treiben. Ihren Onkel, mit welchem sie nur das notwendigste gesprochen hatte, und auch nur jenes, das die Inquisition betraf. Dana, diese berechnende, kaltblütige, oder kaltherzige Frau, Varon… wenn er sich unauffällig benommen hätte, hätte es gar nicht so weit kommen müssen… die Soldaten, die aufmerksam, aber gelangweilt da standen Schließlich hob sie ihre Hand und die Menge verstummte. Sie entfaltete den Bogen Pergament und verlas die Anklageschrift. „In dieser Stunde klage ich das Geschwisterpaar Dana und Varon Torweger des Hochverrats an. Sie wurden in vielen Vergehen für schuldig befunden. Verrat an unserem geliebten Vaterland, Verstoß gegen die geltenden Gesetze, erlassen von unserem hochwohlgeborenen Priesterkönig, Beihilfe zur Flucht von Verrätern und Landesfeinden, und mehrfachem Mord und Totschlag. Das Urteil lautet: Tod durch Enthauptung durch das Beil!“ Sie nickte einem der Soldaten zu, die schließlich Dana zum Richtblock zerrten und sie auf die Knie zwangen. „Irgendwelche letzten Worte?“ fragte Aelis sie kühl. „Ich habe keine letzten Worte, Vollstreckerhure“ spie ihr Dana entgegen. „Schön…“ Aelis nickte ungerührt und bedeutete dem Scharfrichter, seines Amtes zu walten. Das scharfe Beil ging hernieder und trennte sauber im Genick den Kopf vom Hals, der in den Auffangkorb unter dem Richtblock fiel, begleitet von Varons Schrei. Das Blut strömte aus der großen Wunde und besudelte den Richtblock und die Steinplatten des Schafotts, untermalt vom Gejohle der Menge. Varon riss sich aus der Umklammerung des Soldaten los, der ihn an den Handfesseln hielt, und stürmte auf die Vollstreckerin zu. „Du Mörderin!“ schrie er sie an „Warum nur ich und meine Schwester? Warum nicht auch Devin? Doch nur, damit er dich weiter ficken kann, du Hure!“ Aelis erbleichte, und die Soldaten hatten Varon bereits wieder gepackt und von der Vollstreckerin weggezerrt. „Auf den Richtblock mit ihm…“ knurrte Aelis, doch nun war es Acardo der einschritt. „Halt! Wartet!“ donnerte er. „Devin? Devin von Tarun? Was hat er damit zu tun?“ richtete er seine Worte an Varon. Diese warf einen gehässigen Blick zu Aelis. „Fragt doch die Vollstreckerin! Fragt sie, was sie mir bei der Befragung herausgelockt hat!“ Acardo’s Blick wanderte fragend zu seiner Nichte. „Ich bitte dich, Onkel! Glaubst du dem Geschwätz eines Verurteilten, der mich ganz offenkundig hasst?“ „Nein, aber…“ „Dann lass uns jetzt fortfahren, Onkel Acardo…“ „Die Folter hat es ans Licht gebracht, Onkel Acardo…“ spottete Varon. „Wage es nicht, so mit mir zu sprechen, du Abschaum!“ schrie Acardo und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht. „Was willst damit andeuten? Sprich!“ forderte er. „Dass Devin von Tarun ebenso aufs Schafott gehört, wie meine Schwester und ich. Aber eure Nichte hat nichts dergleichen getan, obwohl ich gestanden habe. Warum? Weil sie es genießt, sich von ihm ficken zu lassen, weil sie nicht darauf verzichten kann und weil sie mit ihm verlobt ist. Und weil er ihr tot gar nichts nützt, weil er sie dann nicht weiterficken kann!“ Onkel Acardo wurde rot vor Zorn. „Eine bodenlose Verleumdung! Ich schwöre bei den Zweien, meine Nichte ist eine anständige, reine Frau! Wie könnt ihr es wagen, öffentlich ihre tadellose Ehre zu beschmutzen?“ Er blickte die Soldaten und den Scharfrichter an. „Bringt es zu Ende“ befahl er barsch, und die Soldaten zwangen Varon vor dem Richtblock auf die Knie und seinen Kopf auf den blutigen Richtblock. Acardo nickte, und der Scharfrichter ließ sein Beil herniedergehen und enthauptete damit auch Varon. Um die Menge weiterhin anzuheizen, griff er in den Korb und zog beide Häupter heraus um sie der Menge zu präsentieren und sich in seinem zweifelhaften Ruhm zu sonnen. Aelis blickte zu Boden, besah sich das viele Blut, welches das Geschwisterpaar hinterlassen hatte, und entdeckte auf ihrer weißen Tunika Blutspuren, als wäre es eine Mahnung oder Warnung der Toten. Acardo verließ das Schafott und als er an Aelis vorbeiging raunte er mit einem Unterton in der Stimme, der keinen Widerspruch duldete….„Wir beide sprechen uns unverzüglich in meinen Gemächern in der Silberzitadelle…“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

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