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Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mi, 05. Apr 2017 19:26
von Darion
Sie freute sich für ihn. Jedenfalls glaubte Darion, dass sich Aelis für ihn freute. Vielleicht freute sie sich auch nur, dass in ein paar Jahren ein kleines Kind hier herum laufen würde und Darion mit der Frage, wann Tante Aelis mal wieder zu Besuch kam, löchern würde. Irgendwo war es ihm auch gleich ob sie sich freute oder nicht, denn bei ihm hatte sich eine Hochstimmung eingestellt, die er so noch nicht kannte und das schrie förmlich nach einer Feier. Gegen Abend versammelten sich dann allerlei Leute in der großen Halle, es wurden kleine Gaben überreicht – hauptsächlich Gemüse, welches in einem einzigen großen Eintopf wieder ausgeteilt wurde. Ein Eber wurde gebraten, denn auch wenn seine Garde im Schwertkampf bestenfalls dilettantisch waren, so waren sie hervorragende Jäger. Darion ließ hatte vier große Fässer Bier aus dem Keller hohlen lassen und alles in allem wurde ordentlich auf seine schwangere Frau angestoßen. Die Frauen überschlugen sich förmlich mit Ratschlägen, bis auf eine blonde Ausnahme. Aelis saß nachdenklich auf dem Ehrenplatz zu Darions Linken und machte ein ernstes Gesicht. Darion seufzte, stellte geräuschvoll einen Becher vor ihr auf den Tisch und stieß mit diesem an. „Auf mein Wohl.“, brummte er und leerte seinen in einem Zug. Den halben Tag drehte sich seine Gedanken um den Anlass dieses Festes. Er wurde Vater und was hatte er seinem Kind zu bieten? Einen Haushalt, den er bis zu Geburt wohl verschulden würde, einen Haufen Bauern, die gerade so über die Runden kamen, einen Großonkel, der gemeinhin als Säufer und Hurenbock bekannt war und seine Bastardkinder, die den Namen Malistaer weiter in den Dreck zogen, indem seine werte Kusine es wagte, ebenfalls zwei Bastarde in die Welt zu setzen. Seine Miene verzog sich zu einer zornigen Grimasse. Nie im Leben wollte er so weit kommen lassen. Seinen Entschluss hatte er bereits vor Stunden getroffen, doch nun war er sich sicher, dass er diesen durchsetzen würde. Dann wandte er sich Aelis zu. „Ich habe mir ein Ziel gesetzt Aelis und als meine Freundin, solltest du davon Kenntnis haben. Schau nicht so, ist halb so wild, wie das jetzt klingen mag. Meiner Familie wurde einiges an Unrecht getan und ich finde, ich sollte etwas dagegen unternehmen. Als Erstes werde ich das Erbe einfordern, dass die Inquisition seit vier Jahren unter Verschluss hält. Du weißt schon, weil die Todesumstände meines Schwiegervaters nicht gänzlich geklärt wurden. Wenn du wieder Abreist, werde ich nach Irukhan aufbrechen und mich mit deinem Onkel unterhalten. Und dann, mal sehen wann genau, werde ich meine Verwandten im Süden besuchen. Damals wurde mein ich glaube Ur-ur-urgroßvater um sein Erbe betrogen und nach Arcanis ins Exil geschickt, ja die Geschichte kennst du, ich weiß. Aber ich hab dir noch nie gesagt das mein Namensvetter der Erstgeborene war. Und ihm deshalb einiges zustand. Das will ich mir wieder holen.“ Darion grinste. „Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt trink endlich mit mir auf mein Kind.“

„Was soll das Darion.“, fuhr ihn Acardo an, als Darion ungefähr eine Woche später den edlen Wahrheitsbringer mit seiner Forderung überfiel. „Du kommst hierher und verlangst einfach irgendwas!“ „Ich verlange nicht irgendwas.“, antwortete Darion laut und bestimmt. „Ich fordere mein Recht ein. Leria ist die alleinige Erbin des Besitzes der Familie Barkes und als ihr Ehemann fordere ich dieses Recht nun in ihrem Namen ein. Das Land verrottet seit vier Jahren Acardo! Aber bitte, wenn die Inquisition es nicht herausrücken will, dann gebe ich mich mit einer Abfindung zufrieden. Eintausend Pfund in Silber und keinen Heller weniger.“ Acardo starrte ihn mit offenem Mund an. Darion starrte entschlossen zurück. „Da sind vier Jahre Zinsen mit eingerechnet.“, fügte Darion hinzu. „Das ist... ein Skandal, Darion! Wucher! Dieberei!“, rief Acardo zornig und Darion schlug mit der Faust auf den Tisch. Ihm riss langsam der Geduldsfaden, sonst nähme er sich so etwas nicht heraus. Aber er wusste immerhin, dass er dieses Mal im Recht war. „Das ist mein Recht!“ „Nicht solange die Untersuchungen noch laufen.“, gab Acardo zurück und hob mahnend einen Finger. „Ich habe ihn umbringen lassen.“, zischte Darion. „Willst das von mir hören? Ich habe eine Truhe zur Mördergilde geschickt. Darin waren der Kopf und die Hände eines Attentäters, gebettet auf Gold und er hatte eine Nachricht im Mund. 'Darion Malistaer übermittelt seine Grüße an den Gönner.' Ich wollte doch nur, dass sie mich in Ruhe lassen, nicht dass sie Lerias Vater ermorden.“ Darion atmete schwer. Niemand außer Tiros und er selbst, wussten davon. Es hatte gut getan dieses elende Gerücht, was ihn seit Jahren wie ein Rabe auf der Suche nach Aas umkreiste, endlich mit der Wahrheit zu bekämpfen. Acardo musterte ihn schweigend. „Du weißt, wenn ich das der Inquisition melde, wirst du dich einer Untersuchung stellen müssen und letzten Endes wird sie einen Grund finden, dir das Erbe vorzuenthalten.“ Darion stützte sich auf den Tisch und beugte sich ganz nahe zu dem Wahrheitsbringer herab. „Dann finde einen anderen Weg.“, knurrte er leise. „Diese eine Sache bist du mir schuldig, meinst du nicht?“ Acardos Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Wofür?“ Darion atmete einmal tief durch. „Dafür das ich den Mund gehalten habe und ihn halten werde. Dafür, dass ich nicht jedermann erzähle, wie oft Aelis ihre Beine schon breit gemacht hat.“ Acardo sprang auf. „Das würdest du nicht wagen!“ Darion nickte langsam. „Stimmt, würde ich nicht. Aber für meine Frau kann ich nicht bürgen. Also lass es dir durch den Kopf gehen.“ Mit diesen Worten verließ Darion die Kammer.

Vor den Toren der Zitadelle wartete Tiros auf ihn, der sich eben in aller Ruhe eine Pfeife stopfte und anzündete. Blaugrauer Rauch strömte aus seiner Nase und er nickte Darion freundlich zu. Darion schüttelte dankend den Kopf. „Hast du sie gefunden?“, fragte Darion unvermittelt. Tiros nickte. „Hab sie über Umwege in ein verlassenes Haus bestellt. Sie wartet da auf dich.“ Tiros führte ihn durch die Straßen der Hauptstadt, bis sie in einem heruntergekommenen Stadtteil, nahe er Mauer waren. Ein windschiefes, ansonsten aber recht passables Haus war ihr Ziel, vordem Tiros als Wache wartete. Im Obergeschoss wartete die Hure, mit der es Darion vor ein paar Wochen getrieben hatte. Sie war viel zu leicht bekleidet für diese Jahreszeit. Zu seinem Ärger, merkte er wie ihm das Blut zwischen die Beine floss, bei dem Anblick dieses Brustgebirges. „Euer Gnaden.“, sagte sein ein wenig erstaunt. Offenbar erinnerte sie sich an ihn, was ihn doch etwas überraschte. Als er sie mehr oder weniger bedroht hatte, war sie ganz gelassen gewesen. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Brust. „Mit Euch hätte ich niemals gerechnet.“ Ihre Hand rutschte nach unten und hielt zwischen seinen Beinen. Sie gab ein obszönes Stöhnen von sich, als sie merkte was da in seiner Hose vor sich ging und begann an seinem Hosenbund zu nesteln. „Wollt Ihr wieder etwas tun, was niemand erfahren darf?“, flüsterte sie ihm verführerisch ins Ohr. Darion legte ihr die Hand an den Hals. „Ja.“, stieß er hervor, schob sie durch den Raum zu einer Wand. Dort presste er sie dagegen und drückte zu. Zunächst blieb sie Ruhig, dachte es ginge ihm darum seine Lust anzufachen, aber als sie merkte, dass er ihm etwas ganz anderes im Sinn stand, begann sie sich zu wehren. Sie strampelte und schlug nach ihm, kratzte ihm einmal quer über den Hals, während er ihr die Luft abschnürte. Kurz bevor ihre Gegenwehr nachließ ließ Darion sie los. Hustend und nach Luft ringend fiel sie zu Boden und Darion stand schnaufend über ihr. Blut lief aus dem Kratzer an seinem Hals. „Dein Glück“, fauchte er, „dass ich noch einen Funken Ehre im Leib habe.“ Er stürmte hinaus. Unten sah ihn Tiros fragend an. „Ich konnte nicht.“, gab Darion tonlos von sich. „Gut.“, antwortete Tiros trocken. „Dann bist du wenigstens noch du selbst. Ich werde ihr klar machen, wie viel dir ihr Schweigen bedeutet. Du kannst ja derweil... keine Ahnung, dir fällt bestimmt was ein.“ „Ich, ich könnte nachfragen wie es um meine Rüstung bestellt ist.“, meinte Darion. „Mach das!“, rief Tiros. „Aber verpiss dich endlich aus dieser Gegend.“
„Es tut mir unendlich leid, Euer Gnaden, aber ich kann es nicht ändern.“, entschuldigte sich der Plattner. Darion war wahrhaft zornig. Vor über einem Jahr hatte einen kompletten Plattenharnisch in Auftrag gegeben und hatte ein kleines Vermögen bereits als Anzahlung hier hinterlegt. Ganz zu schweigen von den Kosten die noch anstanden. „Schieb dir deine Entschuldigungen sonst wo hin! Du bist bereits drei Monate im Verzug! Und jetzt wagst du es, den Preis für deine Faulheit zu erhöhen?“ „Euer Gnaden bitte. Die Krone verlangt in den letzten Monaten nach jedem Schmied. Die Inquisition nach den Besten unserer Zunft. So einen Kunden kann ich nicht warten lassen. Außerdem ist der Preis für Eisen gestiegen. Ohne Eisen keinen Stahl. Ohne Stahl keine Rüstung. Ich bin unschuldig.“ Darion nickte. „Gut. Mit der Inquisition legt man sich nicht an. Ich gewähre dir mehr Zeit. Aber für jeden weiteren Tag den du noch brauchst, ziehe ich dir eine Goldmünze ab. Beeil dich also lieber, sonst schuldest du mir bald etwas.“

Tage später gab es ein großes Spektakel in der Hauptstadt. Ein Geschwisterpaar, Hochverräter und Ketzer, wurde öffentlich hingerichtet. Der Pöbel schrie vor Blutlust und Darion fühlte sich davon geradezu angeekelt. Wo waren alle diese Leute, als Arcanis im Krieg mit dem südlichen Nachbarn lag? Wieso haben sie ihre Blutlust nicht auf dem Schlachtfeld befriedigt? Nein, sie schrien nur vor Aufregung, weil sie wussten, ihnen geschah nichts, sie mussten sich nicht die Hände schmutzig machen. Die Menge teilte sich als die Prozession die Gefangenen zum Schafott führte. Darion schwankte zwischen Zorn und Anerkennung hin und her. Wo war Devin? Sollte er nicht dabei sein oder war Aelis doch schwach geworden. Er konnte es ihr nicht verübeln oder doch? Auf der einen Seite war er Arcanier und als einer der wenigen Eingeweihten, konnte er nur kopfschüttelnd da stehen. Aber als ihr Freund, hoffte er, dass sie einen Weg gefunden hatten, dies alles zu überstehen. Er hörte wie Aelis die Anklage vorlas. Darion nickte zustimmend. Ein gerechtes, aber auch mildes Urteil. Schnell und sauber, so viel war sie Devins Liebsten wohl schuldig. Als man die Frau zum Richtblock führte, verkrampfte sich sein Magen. Aelis hatte doch gesagt sie sei schwanger, wie konnte sie zulassen, dass man sie nun umbrachte! Was war mit dem Kind. „Das ist nicht recht!“, knurrte Darion und ein paar Schaulustige drehten sich unsicher zu ihm um. Darion war in voller, offizieller Montur erschienen. Weißer Rock, Kettenhemd und lederner Waffenrock, mit dem Silberlöwen der Malistaers. Hohe Reitstiefel, robuste Hose und dicke Handschuhe. Schwert und Dolch am Gürtel und ein schmuddeliger Umhang um die Schultern. Sollte doch einer wagen, etwas zu sagen. Varon schrie als der Kopf seiner Schwester rollte. Er wollte sich scheinbar auf Aelis stürzen. Er schrie Vorwürfe hervor, die Acardo schnell unterband. Ein kurzer Wortwechsel und den niemand verstand und dann schrie Varon wieder lauthals. „Weil sie es genießt, sich von ihm ficken zu lassen, weil sie nicht darauf verzichten kann und weil sie mit ihm verlobt ist. Und weil er ihr tot gar nichts nützt, weil er sie dann nicht weiterficken kann!“ Selbst von seinem Platz aus konnte Darion erkennen, das Acardo rot wurde. Oder er bildete es sich ein, weil er den ihn kannte. „Eine bodenlose Verleumdung! Ich schwöre bei den Zweien, meine Nichte ist eine anständige, reine Frau! Wie könnt ihr es wagen, öffentlich ihre tadellose Ehre zu beschmutzen?“ Darion schnaubte verächtlich. Nicht das er Aelis dafür verurteilte, denn er hatte nie verstanden, wieso die Inquisition so auf Keuschheit bestand, nein. Er verurteilte Acardo, der wissentlich einen Meineid auf die Geschwister leistete. Jeder andere Mann würde dafür hängen! Dann wurde auch Varons Leben ein Ende gesetzt. Der Henker präsentierte Stolz die beiden Köpfe und suhlte sich in der Begeisterung des Pöbels, bevor er sie aufspießte. Zwei der Soldaten nahmen die Spieße und trugen sie hoch über ihren Köpfen durch die Menge. Lauter Jubel brandete auf und die Soldaten machten sich eine Freude daraus, den Jubel zu steigern indem sie die Köpfe hoch in die Luft stießen. Gerade als sie sie gleichzeitig hoch hinauf stießen, flogen die Köpfe hinfort. Eilig sprangen die Menschen zu Seite, Frauen kreischten, ebenso wie Männer und die beiden Soldaten standen mit offenen Mündern da. Die Köpfe blieben vor Darion liegen, der als einziger stehen geblieben war. Wortlos entledigte er sich seines Umhangs und bedeckte die Häupter. Er wickelte sie in den Umhang ein und drückte sie einem der Soldaten in die Arme. „Und jetzt zeigt RESPEKT vor den Toten!“, fuhr er ihn an und warf einen missbilligenden Blick zum Schafott, wo der ehrenwerte Wahrheitsbringer und die ehrenwerte Vollstreckerin dieses Verhalten toleriert hatten.

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Do, 06. Apr 2017 16:03
von Devin
Langsam ließ Devin das Pergament in seiner Hand sinken und sah aus dem Fenster nach draußen. Das war es nun also. Wie hatte ich je etwas anderes annehmen können? dachte er mit versteinerter Miene. Er zerknüllte Aelis‘ letzten Worte an ihn und warf sie ins Feuer. Den Ring steckte er ein. Seltsam, dass es schmerzte, eine Verlobung zu lösen, die man vorher nie gewollte hatte. Aber es war wohl besser so, redete er sich ein. Der Schmerz blieb dennoch.

Aber Devin hatte keine Zeit für Sentimentalitäten. Entschlossen ging er in sein Arbeitszimmer, um ein paar Dinge zu regeln und Überlegungen anzustellen, wie es nun weitergehen sollte. Er war noch nicht bereit, die neue Identität anzunehmen, die er sich für diesen Zweck in Merridia aufgebaut hatte. Das war sein allerletzter Ausweg, für den es noch zu früh war. Denn in dem Fall gab es kein Zurück mehr.
Bisher hielt man ihn immer noch für ein linientreues Mitglied der ehrenwerten arcanischen Gesellschaft. Er war nicht bereit, dies vorschnell aufzugeben, solange es nicht notwendig war. Devin hing an seinen Besitztümern. Allzu hektische Betriebsamkeit seinerseits oder gar eine überstürzte Flucht würde nur Misstrauen erwecken. Daher entschloss er sich zu einem etwas gewagten Schritt: Er tat, was er in der Vergangenheit besonders gern und gut gemacht hatte. Er gab ein Abendessen für die Edlen der arcanischen Gesellschaft. Oder zumindest für den Teil, der weniger als eine Tagesreise entfernt lebte. Das Fest sollte genau an jenem Tage stattfinden, an dem Varon und Dana dem Henker zum Opfer fielen. Es war nicht einfach. Es war sogar ausgesprochen schwer, aber Devin spielte seine Rolle vollkommen. Er gab sich als das Opfer, das auf einen verräterischen Diener hereingefallen war und außerordentlich schockiert war über die Ereignisse. Ausgerechnet jemand, der der Familie so nah stand wie ein Leibwächter! Zum Glück hatte seine Verlobte alles aufdecken können und war daher leider verhindert. Kein Wort davon, dass Aelis seinen Ring nicht mehr trug und die Verlobung somit gelöst hatte. Nun hatte der Schreck zum Glück ein Ende, die Inquisition tat natürlich das einzig Richtige und Devin wollte sich nach all der Aufregung für ein paar Wochen entspannen. Vielleicht an der See, man würde sehen. Das Wetter war ja vielversprechend.
Devin hielt den sehr gelungenen Abend tapfer durch. Er lächelte, machte Komplimente, hörte sich Ratschläge an, schüttelte Hände und versuchte, jedem noch so hohlen Gespräch zu folgen. Und als alle gegangen waren, betrank er sich bis zur Besinnungslosigkeit.

Am übernächsten Tag machte er sich schon früh auf den Weg. Alles war geregelt. Devin hatte dafür gesorgt, dass ihn niemand vermissen würde. Sein Verwalter war ein verlässlicher Mann, der alles in Devins Sinn regelte. Devins Vermögen war gesichert und so gut verteilt, dass er wahrscheinlich zu Lebzeiten nicht hungern musste, egal wo in Alvarania er zu leben gedachte. Außer einer Adresse in Lanyamere, zu der sein Verwalter ihm regelmäßig schreiben sollte, gab es keinen Hinweis auf Devins zukünftigen Aufenthaltsort. Die Adresse gehörte einem der besseren Hurenhäuser, was Aelis – falls sie ihn je suchen sollte- davon abhalten dürfte, die Suche weiter fortzusetzen. Es war also perfekt für seine Zwecke.
Der Abend brach gerade herein, als Devin in Lanyamere eintraf. Durch die Hafenanbindung war die Stadt schon immer ein Schmelztiegel verschiedener Völker, was für Arcanis ansonsten ungewöhnlich war. Hier in Lanyamere sah man vieles gelassener, was anderswo im Land verpönt war. Devin bahnte sich seinen Weg durch die engen Gassen, am Hafen entlang bis zu einem hübschen, hohen aber sehr schmalen Haus, das über mehrere Eingänge verfügte.
„Ich möchte zu Resa“, sagte Devin knapp, als er das Hurenhaus betrat und wie immer wurde ihm sein Wunsch erfüllt. „Devin? Du hast dich lange nicht blicken lassen“, tadelte ihn Resa und musterte ihn vergnügt. „Aber nun bin ich hier. Du musst etwas für mich tun, Resa.“ Die Hure lachte glockenhell. „Muss ich das nicht immer?“ lachte sie und ließ ihr Gewand wie zufällig von der Schulter gleiten. „Dieses Mal handelt es sich um etwas anderes…“, sagte Devin leise, zog ihr mit leichtem Bedauern das Kleid wieder zurecht, legte seine Geldbörse auf den Tisch und erzählte ihr, warum er zu ihr gekommen war.
Nur wenig später verließ Devin das Hurenhaus und überquerte die Grenze zu Merindar. Unweit der Grenze gab es einen Gasthof, dessen Besitzer er einst geholfen hatte. Unter falschem Namen bezog er dort ein Zimmer. Stetig mit Informationen versorgt, wartete er dort ab, wie sich die Dinge weiter entwickelten.

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Do, 06. Apr 2017 18:50
von Aelis von Avalé
Aelis stand mit anteilnahmsloser Miene am Schafott und sah dem Treiben zu. Die Menge jubelte dem Scharfrichter zu, welcher ihr die beiden Köpfe triumphierend entgegenhielt. Nachdem er seinen Triumph ausgekostet hatte, spießte er die Köpfe der Toten auf Speere, welche ihm von zwei der Soldaten abgenommen wurden, während die anderen beiden sich um die Beseitigung der Körper kümmerten. Sie würden später verbrannt werden. Wie auch die Ketzer – allerdings bei lebendigem Leib- brannten. Die Soldaten liefen mit den aufgespießten Köpfen durch die Mengen, einige versuchten, Blutstropfen zu erhaschen, aus irgendeinem seltsamen Aberglauben geboren, dass dies Glück bringen würde. Bedauerlicherweise kam es zu einem Zwischenfall, und die Köpfe wurden durch einen gegenseitigen Zusammenstoß von ihren Spießen gehebelt und kullerten in die Menge, die vergnügt und entsetzt gleichzeitig aufkreischten. Aelis beobachtete diese Peinlichkeit, und dabei fiel ihr Blick auf Darion, vor dessen Füße die Köpfe zu Fall gekommen waren. Mit einem Gefühl von Verwunderung, dass Darion hier war, und Neugierde, was er tun würde, beobachtete Aelis ihren langjährigen Freund. Er nahm wortlos seinen schmuddeligen Umhang von den Schultern und bedeckte die Köpfe damit. In den Umhang eingewickelt, drückte er sie einem Soldaten in die Hand. „Und jetzt zeigt Respekt vor den Toten!“ schnauzte er ihn an und warf einen missbilligenden Blick aufs Schafott, wo sich seine, und Aelis Blicke trafen. Sie blickte immer noch anteilnahmslos an. Was das hier betraf, so hatten Darion und Aelis völlig konträre Meinungen. Einem Ketzer oder einem Hochverräter gegenüber brauchte man keinen Respekt zu zeigen, schon gar nicht, wenn er ohnehin bereits tot war. „Du weißt, was du zu damit tun hast, Brado…“ rief Aelis dem Soldaten, welcher die eingewickelten Köpfe immer noch verdattert in seinen Armen hielt. Damit meinte sie, dass er die aufgespießten Köpfe auf der Mauer der Silberzitadelle zur Schau stellen sollte. So war es Brauch. „Und vergiss nicht, seiner Gnaden seinen Mantel wieder zurückzugeben“ fügte sie noch hinzu und funkelte Darion an. Ihr Blick sprach ‚Misch dich nicht in die Belange der Inquisition‘. Onkel Acardo hatte offenkundig genug von diesem Schauspiel. Er wandte sich ab und verließ das Schafott. Als er an Aelis vorbeirauschte, raunte er ihr zu „Wir beide sprechen uns unverzüglich in meinen Gemächern in der Silberzitadelle…“ Aelis schoss das Adrenalin in den Körper und ihr Herz begann schneller zu hämmern, aber es half nichts. Sie straffte die Schultern, trat die Stufen vom Podest herab und folgte ihrem Onkel in gebührendem Abstand durch die Menge in die Silberzitadelle.

Eigentlich hatte Aelis nicht vor, mit gesenktem Kopf vor ihren Onkel, den Wahrheitsbringer, zu treten. Doch es passierte einfach. Zwar ahnte sie schon, weswegen er sie zu sprechen wünschte, doch sie hütete sich, ihm zuvor zu kommen, und tat, als wüsste sie nicht wovon er sprach. „Was, bei den Geschwistern, war das eben?“ Mit Unschuldsmiene blickte sie ihn an „Was meinst du, Onkel Acardo? Ich habe zwei Hochverräter exekutieren lassen.“ Er schüttelte den Kopf und zeigte mit seinem Zeigefinger auf sie. Sie hasste das. „Ich meinte jene Worte des Verurteilten…“ „Ach so… bei den Geschwistern… jetzt tu nicht so, als wüsstest du nicht, was vorgefallen war. Aus eben diesem Grund hast du mich verlobt und ab dem Frühjahr aus der Inquisition ausgeschlossen, weißt du noch?“ erwiderte sie schnippisch. „Nein, Aelis. Du weißt ganz genau, was ich meine. Nicht, dass du mit Devins das Lager geteilt hast. Ich meine das andere. Dass Devin von Tarrun ebenso aufs Schafott gehört, und dass du nichts dergleichen getan hast, obwohl du es wusstest.“ Aelis blickte ihn mit gleichmütiger Miene an „Ich frage dich nochmal, Onkel Arcado… Glaubst du dem Geschwätz eines Hochverräters?“ Acardo lehnte sich hinter dem seinem Tisch mit den Händen auf die Tischplatte und blickte sie eindringlich an. „Wenn er mit solchen Anschuldigungen kommt, dann ist das zumindest ein Grund, es zu hinterfragen. Aelis… sieh mich an…Sieh mir in die Augen…“ Die Nichte hob den Kopf und tat, wie ihr geheißen. „Stimmt es, dass Devin von Tarun ebenso in diese verräterischen Machenschaften verstrickt war? Stimmt es, dass du es wusstest, und nichts getan hast?“ Aelis blickte ihn schweigend an, und fühlte, dass sie schwankte, obwohl sie fest mit beiden Beinen am Boden stand. Sie sagte kein Wort, aber das brauchte sie auch nicht, denn ihre Blicke sprachen unbeabsichtigt Bände. Acardo schlug mit den Fäusten auf den Tisch. „Ich wusste es!“ schrie er. „Was hätte ich denn tun sollen? Ich bin mit ihm verlobt! Soll ich meinen Verlobten aufs Schafott stellen und ihm den Kopf abschlagen lassen?“ schrie sie zurück. „Du deckst einen Verräter, Aelis? Einen Hochverräter? Hast du vollkommen den Verstand verloren?“ brüllte er sie an. „Ja, ich habe meinen Verstand verloren, Onkel Acardo… Ich liebe ihn! Ich liebe ihn wie verrückt! Und ich konnte ihn nicht anklagen! Ich konnte es nicht! Ich erwarte nicht, dass du das verstehst, aber es ist ja nun auch egal. Ich habe die Verlobung gelöst. Und Devin ist weg. Weg, außer Landes, ich weiß nicht, wohin. Wir werden uns nie wieder sehen! Ich stehe nun wieder voll und ganz der Inquisition zur Verfügung. Somit hat sich das Problem für dich gelöst!“ Acardo wurde dunkelrot vor Zorn. „Hörst du dir eigentlich selbst zu, Aelis?“ flüsterte er, und die Vollstreckerin blickte ihn fragend an. „Du hast einen Hochverräter gedeckt! Weißt du, was du bist?“ Aelis schwieg. „Das macht dich ebenso zu einer Hochverräterin! Dafür kann man dich hängen!“ „Und du? Du hast bei den Geschwistern geschworen, dass ich rein und unberührt bin! Ein Meineid! War das denn besser? Nein, du bist nicht besser als ich!“ schrie sie. „Es ist ja wohl kaum dasselbe, Aelis! Ich habe das für dich getan! Um deinen Ruf in der Öffentlichkeit nicht zu ruinieren! Du aber hast einen Mann, der sich gegen unser Land und gegen unser Volk und gegen unsere Götter verschworen hat, begnadigt! Ich erkenne dich nicht wieder! Und soll ich dir noch etwas sagen? Ich habe die Schnauze gestrichen voll! Darion Malistaer hat ebenso den Verstand verloren!“ „Ja, da bin ich deiner Meinung. Er hätte sich nicht in die Inquisition einmischen dürfen“ erwiderte sie trocken und Acardo wedelte unwirsch mit der Hand. „Das meine ich nicht. Aber er bildet sich jetzt irgendetwas ein, das ihm zusteht und erpresst mich damit, dass ich es ihm schuldig sei, weil er auch niemandem erzählt, dass meine Nichte ihre Beine nicht geschlossen halten kann!“ Aelis blickte ihn verdattert an „Wie bitte? Das hat er gesagt?“ „Genau das waren seine Worte! Ich will gar nicht wissen, was du stets getrieben hast, wenn ich dachte du bist pflichtgetreu und keusch. Du bist eine Hure Aelis! Eine verkommene Hure! Die Geschwister wissen, ich liebe dich wie meine eigene Tochter, und ich habe dich stets verteidigt und in Schutz genommen und wollte nur dein Bestes. Aber jetzt hast du es zu weit getrieben. Es reicht! Wenn dein Verlobter weg ist, dann gibt es für dich nur noch einen Weg: In den Tempel. Jawohl, ich stecke dich in einen Tempel. Eine befleckte Vollstreckerin und Hochverräterin kann nicht mehr in der Inquisition dienen. Du kannst bis an dein Lebensende im Tempel dienen, Buße tun und beten. Wir reisen noch heute ab! Und das ist mein letztes Wort!“ Aelis, deren Nervenkostüm ohnehin schon dünn wie ein seidener Faden war, brach weinend zusammen. „Nein, Onkel Acardo… Bitte nicht! Bitte tu mir das nicht an! Ich möchte nicht in einem Tempel eingesperrt sein! Ich schwöre dir, ich mache alles, was du willst! Alles! Ich werde die bescheidenste und aufrichtigste Dienerin der Zwei sein die du dir nur vorstellen kannst. Aber bitte schicke mich nicht in den Tempel! Das würde mich umbringen!“ Onkel Acardo schüttelte den Kopf und läutete eine Glocke. Nur wenige Momente später steckte ein Diener seinen Kopf durch die Türe. „Bereitet zwei Pferde vor. Decken, Proviant. Sagt dem Hafenmeister Bescheid, dass heute noch ein Schiff auslaufen soll nach Avalé!“

Es kam, wie es kommen musste. Aelis hatte keine andere Wahl, als sich dem Willen ihres Onkels zu beugen. Keine zwei Stunden später von da an, wo Acardo seine Entscheidung gefällt hatte, glitt ein Schiff auf dem Fluss dahin, flussabwärts Richtung Avalé. Onkel Acardo hatte extra jene Stadt ausersehen, wo die Familie Avalé wohnte. Wo Aelis nicht nur in einem Tempel eingesperrt sein würde, sondern auch ganz in der Nähe der wachsamen Familie sein würde. Während Acardo am Abend in Seelenruhe am Tisch in der Kajüte speiste, lag Aelis mit steinerner Miene auf ihrem Bett und würdigte ihm keines Blickes. Es war alles aus dem Ruder gelaufen. Sie hätte besser nachdenken müssen. Sie hätte niemals Varon und Dana verhaften dürfen, nein, sie hätte gleich zu Devin kommen und mit ihm reden sollen. Niemand wusste, ob er ebenso gestanden hätte. Vielleicht wäre er nur alarmiert gewesen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hätte er gestanden, und sie hätten gemeinsam eine Lösung finden können. Nun aber würde sie es nie erfahren, wie es hätte kommen können. Sie hatte ihn für immer verloren, obgleich sie ihn nie besessen hatte. Sie würde ihn nie wiedersehen. Und diese Gewissheit schmerzte sie mehr als alles andere, das sie je im Leben bedrückt hatte. Mehr noch als diese Tatsache schmerzte allerdings der Umstand, dass sie dies alles im Namen der Zwei getan hatte. Und was hatte sie nun von ihrem Glauben? Gar nichts. Ihr Leben lang hatte sie den Geschwistern gedient um ihnen zu gefallen. Doch die Geschwister waren nur grausam. Aelis wünschte sich, sie könnte die Zeit zurückdrehen. Dann würde sie alles anders machen. Doch man konnte die Zeit nicht zurückdrehen. „Willst du nichts essen, Aelis?“ drang die Stimme des ihr in diesem Moment so verhassten Onkels an die Ohren. Sie wandte sich demonstrativ der Kajütenwand zu und schloss die Augen. So fest, dass sie bald einschlief… Onkel Acardo weckte sie morgens. „Aelis, steh auf, wir sind da…“ Aelis, noch schlaftrunken, wunderte sich. Wie konnten sie in so kurzer Zeit in Avalé angekommen sein? Aelis kannte den Weg, so schnell ging es nicht, nicht in einer Nacht… „Wir machen einen kurzen Aufenthalt in Arvia. Ich muss noch einige Erledigungen machen. Komm, steh auf…“ Die Vollstreckerin erhob sich widerwillig, und folgte ihrem Onkel noch widerwilliger vom Schiff herunter, zu den bereits vorbereiteten Pferden, die sie ins Anwesen bringen sollten. Schweigend ritten sie die Anhöhe nach Arvia hinauf und immer wieder warf Onkel Acardo ihr Blicke zu. Schließlich seufzte er „Soll das jetzt die ganze Zeit so weiter gehen, Aelis? Es ist zu deinem Besten. Du bist gerade dabei, den rechten Weg zu verlassen. Das wirst du jetzt noch nicht verstehen, aber glaube mir, eines Tages wirst du es verstehen und mir dafür danken… Aelis schwieg eisern.

In Arvia bezog Acardo die Gemächer von Eradis und Adena, während Aelis sich in ihr Gemach zurückziehen durfte. Acardo dachte an alles. Er postierte Wachen überall, was eine Flucht auf dem direkten Weg unmöglich machte. Natürlich hatte Aelis Fluchtgedanken. Wann, wenn nicht jetzt? So allerdings könnte es nicht gelingen, und so verwarf sie den Gedanken daran wieder und zog sich einfach in ihr Gemach zurück. Das Frühstück, welches ihr eine Zofe ins Zimmer brachte, musste sie ebenso unangetastet wieder wegtragen, wie auch eine kleine Zwischenmahlzeit, sowie das Mittagessen. Aelis beachtete die Zofe nicht, und ebenso wenig verspürte sie den Drang danach, etwas zu essen. Sie lag nur auf ihrem Bett, starrte an die Decke und dachte an Devin. Die wissentliche Distanz zwischen ihnen, denn vermutlich war er längst außer Landes geflohen, schmerzte tief. Zwar hatte sie ihn schon öfters für zwei Wochen nicht gesehen, aber diesmal war es etwas anderes. Sie wusste, dass sie sich nie wieder begegnen würden, und nur der Gedanke daran war schier unerträglich. So vergingen die Stunden, bis Aelis die Knochen schmerzten, und sie sich endlich mühsam aus dem Bett erhob, um sich im Zimmer ein wenig die Beine zu vertreten. Auch, wenn ihr dazu eigentlich die Kraft fehlte. Ihr Blick fiel dabei auf ihre Abschrift der Zwei. Sie ging darauf zu und blätterte in dem Buch, bis sie an die Stelle kam, wo jener Erpresserbrief lag, welchen Devin erwähnt hatte. Sie nahm ihn, und warf ihn ins Feuer, bevor ihn noch jemand ungebeten zu Gesicht bekam. Aelis trat an ihren kleinen Balkon und trat ins Freie, wo ihr der Wind ins Gesicht schlug, und das Haar zerzauste. Sie blickte hinunter in das felsige Tal. Dreißig Fuß tief ging es hier hinunter. Wenn sie sprang, hatte sie alles hinter sich. Ein kurzer Aufprall, und ihr Körper würde zerschmettert sein. Sie würde vermutlich nichts spüren. Aber Selbstmörder blickten der ewigen Verdammnis entgegen, und davor fürchtete sie sich. Außerdem war sie dazu zu feige, das gab sie ganz offen zu. Seufzend trat sie wieder ins Zimmer und stand unschlüssig da. In das Buch der Zwei wollte sie nicht schauen. Sie wollte überhaupt nichts von den Geschwistern wissen, denn innerlich gab sie eine Teilschuld den Zweien. Aelis war so in Gedanken versunken, dass sie aufschreckte, als ihr jemand sanft die Hand auf die Schulter legte. So sanft, dass sie sich wünschte, es wäre Devin. Aber es konnte niemals Devin sein, das war ganz unmöglich. Sie wandte sich um, und blickte in die grünen Augen der Zofe. Als sie sie nun genau betrachtete, fiel ihr auf, dass sie sie noch nie zuvor hier gesehen hatte. Aelis musste das ins Gesicht gestanden sein, denn die Zofe lächelte. „Ja, ich bin neu hier in Arvia. Meine Eltern wünschten sich, dass ich meine Familie unterstütze, und so bin ich aus der Stadt hierher zum Arbeiten gekommen. Ihr habt heute noch nichts gegessen, Komtess. Ihr seid ganz blass und dünn.“ Aelis starrte sie an und die Zofe sank in die Knie. „Vergebt mir, es stand mir nicht zu…“ flüsterte sie. Doch Aelis schüttelte den Kopf und reichte ihr die Hand. Die Zofe erhob sich wieder und so standen die beiden Frauen sich für einen kurzen Moment schweigend gegenüber. „Zieh dich aus…“ forderte Aelis schließlich von ihr. Die Zofe starrte sie irritiert an „Wie bitte? Ich verstehe nicht…“ „Zieh dich aus. Gänzlich. Das ist ein Befehl…“ Die Zofe tat wie ihr geheißen, und zog sich bis auf die Haut auf, und Aelis tat es ihr gleich. Dann reichte sie ihr ihren immer noch blutbesudelten Klappenrock, die Hose, die Stiefel und ihr Unterhemd. Nur ihren Gürtel behielt Aelis.„Zieh das an…“ sagte sie knapp, während sie nach den Gewändern der Magd griff und ihrerseits diese anzog. „Ich verstehe immer noch nicht…“ stammelte die Zofe, zog aber Aelis‘ Gewänder an, um nicht länger gänzlich nackt dazustehen. „Ich werde es dir erklären. Wie heißt du?“ fragte Aelis sie freundlich. „Amalia, Komtess.“ Aelis nickte. „Amelia. Wir spielen ein Spiel. Ich bin die Magd, du bist die Vollstreckerin. Komm mit, ich will dir etwas zeigen…“ Immer noch irritiert ließ die Zofe sich von Aelis zum Balkon führen. „Hast du schon einmal so einen gewaltigen Sonnenuntergang gesehen, Amalia?“ Das erregte die Aufmerksamkeit der Zofe, und sie beschirmte ihre Augen mit der Hand. „Nein, er ist atemberaubend schön…“ flüsterte sie. Aelis nickte, und zögerte für einen Moment. "Vergib mir, Amalia..." flüsterte Aelis. Dann beugte sie sich hinunter, packte die Zofe an den Beinen, und warf sie über die Balustrade. Die junge Frau tat einen markerschütternden Schrei, und Aelis blickte ihr nach, wie sie fiel. „Niemand wird einen Unterschied bemerken können, man wird nur den zerschmetternden Kopf und Körper einer Frau von den scharfen Felskanten kratzen, die in den Gewändern der Vollstreckerin steckt…“ sagte Aelis sich selbst. Nach wenigen Momenten hörte man einen scheußlichen Aufprall, den der Wind in ihren Ohren verschluckte. Aelis schlug das Zeichen der Geschwister vor ihrer Brust. „Ruhe in Frieden, Aelis von Avalé…“ hauchte sie, dann wandte sie sich um. Sie wühlte in ihrer Schreibtischlade und holte die letzten Münzen hervor, die darin noch verwahrt waren, dann verbarg sie sich in einer dunklen Ecke ihres Gemachs.

Ein aufmerksamer Diener hatte etwas am Fenster vorbeifliegen sehen, und lief zum Fenster. Die Dämmerung hatte sich bereits in das Tal gelegt. Doch dass jemand aus dem Fenster gestürzt war, dessen zerschmetterter Körper dort unten lag, das konnte er erkennen. Sofort schlug er Alarm und Wachen wurden zu dem Felsen geschickt. Helle Aufregung legte sich über das Anwesen, und als sie sich dessen gewiss waren, in welcher Kleidung dieser zerschmetterte Körper lag, erblassten sie, und zogen sich in das Schloss zurück. Acardo saß an seinem Schreibtisch und kritzelte mit der Feder über Pergament. Sein Gemach lag auf der anderen Seite des Anwesens, und er hatte nichts bemerkt. Als es klopfte, und er „Herein“ brummte, standen die Wachen mit leichenstarrer Miene in der Türe. „Euer Gnaden… Eure Nichte ist soeben aus dem Fenster gestürzt und tödlich verunglückt…“
Aelis nutzte die Gunst der Stunde, dass beinahe alle sich an dem felsigen Abgrund versammelten, um das schreckliche Unglück zu betrachten, warf ihren Mantel über sich, und floh im Dunkel der Nacht aus Arvia…

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mi, 12. Apr 2017 19:33
von Darion
Darion fummelte, wie seit Tagen schon, an diesem Etwas herum, ohne zu wissen ob er es schlimmer machte oder besser oder ob es überhaupt noch schlimmer ging. Er wusste es ehrlich nicht. Alles mögliche hatte er in dieses Knotengebilde hinein geflochten und geknotet. Diverse Pflanzenfasern, Leder, Stoff und sogar Rosshaar! Woher er das Rosshaar hatte, das wusste er nicht mehr so genau, geschweige denn weshalb er es sein Eigentum nannte, aber die letzten Tage waren ihm nur verschwommen im Gedächtnis verblieben. Eine Mischung aus Trauer und Trauerbewältigung, also Trinken und Weitertrinken. Vor Darion war der Felsen an dem Aelis‘ Gesicht zerschmettert war. Getrocknetes Blut klebte an ihm, Knochensplitter und Zähne lagen verstreut herum und hier und da glaubte Darion Hirnmasse zu identifizieren. Vielleicht waren es auch andere Dinge, denn mittlerweile dürfte allerlei Getier sich bereits an den fleischlichen Überresten gütlich getan haben. Der Boden war zerfurcht von schweren Stiefeln und nun da die Sonne in das kleine Tal schien waren Darions Knöchel in seichtem Nebel verschwunden. Etwa eine Stunde stand er schon hier und starrte auf den Felsen, während er an dem Knoten herumbastelte. Hier unten war es angenehm still und er hörte kaum die entsetzlichen Geräusche des Leichenmahls. Er verstand das die Trauernden etwas Abstand gewinnen wollten, aber Graf Eradis von Avalé war alles andere als ein trauerndes Wrack. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder. „Was machst du hier?“, hörte Darion Acardos heißere Stimme. Darion gab keine Antwort. Acardo wusste genau weshalb er hier war. „Und was machst du da die ganze Zeit eigentlich?“ Der Wahrheitsbringer stand etwa zwei Schritt entfernt. „Hat meine Frau auch gemacht als ihr Vater gestorben ist. Ich weiß nicht ob sie sich nur ablenken wollte oder ob es ein Brauch aus der alten Heimat ist.“, krächzte Darion. Er legte das Knüpfwerk auf dem blutigen Stein ab und wandte sich zu Acardo um. Offenbar musste sein Gesicht ein Abbild seiner Gedanken sein den Acardo mache eine auffordernde Geste. „Sag was du zu sagen hast.“, forderte er ihn auf. Darion musterte den Wahrheitsbringer einen Moment. Er war unrasiert, die Augen verquollen und er wirkte blass und ausgezehrt. „Was sollte ich sagen?“, gab Darion schnippisch zurück. „Obwohl es mich wundert das du sie nicht verbrannt hast.“ Acardo sah ihn scharf an. „Wieso hätte ich das tun sollen?“ Darion zuckte mit den Achseln. „Macht ihr das nicht so mit Ketzern und Verrätern … oder Selbstmördern...“ Die letzten Worte konnte er kaum laut aussprechen. Zornig machte der Wahrheitsbringer einen Schritt auf Darion zu, blieb aber einen Schritt entfernt stehen. „Sie war nichts von alle dem!“, fuhr er ihn an und stieß im anklagend den Finger gegen die Brust. Darion schlug zornig die Hand bei Seite. „Du hast ihr alles genommen was ihr wichtig war!“, schrie Darion. „Wieso sollte sie so ein Leben weiterleben wollen?“ Acardo starrte ihn mit offenem Mund an, bevor er zurücktaumelte und auf einem Felsen zusammensackte. „Wieso hätte sie dir aus Vergeltung nicht das nehmen sollen, was dir am wichtigsten war?“, flüsterte Darion. Der Wahrheitsbringer ließ sprachlos den Kopf hängen und Darion kniete sich vor ihn. „Ich wollte nur ihr Bestes.“, hauchte Acardo. „Du wolltest das, wovon du geglaubt hast, es sei das Beste.“, stellte Darion es richtig. „Ich habe deine Fürsorge am eigenen Leib erfahren. Ich weiß das du gerne alles in der Hand hast, wenn es um unsere Zukunft geht. Als wir Kinder waren, waren wir dir dafür dankbar. Aber wir, sie und ich, sind seit Langem keine Kinder mehr. Wieso konntest du uns nicht loslassen?“ Darions Stimme zitterte. Acardo starrte ihn mit ausdruckslosen Augen an. „Sie hat sich nicht selbst getötet...“ Darion stand auf. „Wer weiß. Dennoch, diese Farce da oben. Ich könnte… ich könnte!“ „Du hast schon genug gekonnt.“, meinte Acardo streng.

Vor drei Stunden, etwa zur zehnten Morgenstunde, war ein Zug von Trauernden vom Anwesen der Avalés bis hin zu einer matten Wiese marschiert. Im Sommer blühten hier dutzende Blumen, in allerlei Farben. Aelis Leichnam war ganz in schwarz gekleidet und ihr zerschmetterter Schädel wurde von einem schwarzen Schleier bedeckt. Sie ruhte in einem steinernen Sarg, der ihr um einiges zu groß war. Darion vermutete er war eher für ihren Vater gedacht gewesen. Darion und sieben weitere Männer trugen Eisenstangen auf den Schultern, auf denen der sperrige und teilweise noch nicht fertig gemeißelte Sarg ruhte. Auf der Wiese hatte man in aller Eile eine Art Stollen angefertigt. Ein etwa zwei Schritt langer Schacht führte schräg nach unten, dort wurde der Leichnam samt Sarg mit dem Fußende zuerst hinab gelassen. Überirdisch würde ein kleiner Hügel zu sehen sein, mit einer Öffnung. Geschlossen wurde das Ganze mit einer zentnerschweren Steinplatte, auf der ein Steinmetz schnell den Namen der Verstorbenen eingraviert hatte, dazu noch das Zeichen der Zitadelle. Die Trauernden waren im hauptsächlich die Familie und der Haushalt. Darion hatte vor zehn Tagen durch Gerüchte davon erfahren und war eilends nach Arvia geritten. Und da er von solchen Gerüchten gehört hatte, so auch andere. So waren ein paar Bewohner Arvias gekommen, ein paar Adelige aus der Hauptstadt und ein Abgesandter der Inquisition. Darion hatte sich zur Beerdigung keine besondere Garderobe anlegen können. Er stand so unter den Trauernden wie er eigentlich immer unter jeder Art von Menschen stand. Nur hatte er Schwert und Kettenhemd weggelassen. Obwohl, eigentlich trug er ein Schwert, nämlich Aelis‘ Zeremonialschwert. Kurz nachdem sie den schweren Stein auf die Grabstätte gewuchtet hatten, trat ein junger Mann vor. Darion traute seinen Augen kaum und wäre dem Priester am liebsten an die Gurgel gegangen. „Aelis Idalia Amelya von Avalé“, begann Pater Jeromo, „war eine Frau des Glaubens. Für ihre Reinheit und Frömmigkeit, für ihren Eifer und ihre Tüchtigkeit wurde verehrt...“ Darion hörte kaum hin. Gebannt wartete er darauf das Pater Jeromo von einem Blitz getroffen wurde, sich selbst entzündete oder ihm immerhin die Schamesröte ins Gesicht stieg. Nichts davon geschah, so fuhr der Priester fort, Aelis so darzustellen wie sie allgemein bekannt war. Darions Blick huschte zu ihrem Vater, der immer wieder bestätigend nickte. Als die Rede zu Ende war, trat einer nach dem anderen vor und legte einen Stein auf das Grab. Im Sommer legte man Blumen auf das Grab, im Winter Steine oder im Allgemeinen eben immer das was gerade da war. Kornähren, Blumen, Steine oder einfach bloß Erde. Darion trat ebenso vor, den Stein in Hand. Er schluckte schwer und hatte Mühe die Tränen zurück zu halten, die ohne Vorwarnung hervorzubrechen drohten. Zögernd streckte er seine zittrige Hand aus. Der Stein fiel ihm aus der Hand. Entsetzt starrte er den Stein an, wie er zwischen seinen Beinen hindurch sprang. Ohne groß nachzudenken und um der Schmach zu entgehen, zückte er Aelis Schwert und rammte es in den Grabhügel. „Einer Vollstreckerin würdig...“, krächzte er. So sah es wenigstens geplant aus und im Nachhinein gefiel es ihm so, um einiges Besser. Immerhin hatte Aelis viel mehr verdient, als dies hier.
Das Leichenmahl wurde im Anwesen zu sich genommen. Bedrückte Unterhaltungen wurden geführt, den Hinterbliebenen das Mitleid und die Anteilnahme dargebracht. Voller Abscheu beobachtete Darion wie Eradis von Avalé mit Pater Jeromo sprach. „Im Sommer wird ihr Grab grünen. Sie mochte die Blumen schon immer.“, meinte Ariston, der plötzlich neben Darion auftauchte. Er schüttelte den Kopf. „Stimmt nicht. Sie fand sie unnütz.“, knurrte Darion. „Wäre es nach ihr gegangen, hätte man einen kleinen Wald gepflanzt, dann hätte man im Winter genug Feuerholz gehabt.“ Ariston legte Darion die Hand auf die Schulter. Was sollte er auch sagen. „Es gut jemand zu haben, der weiß was Loyalität ist.“, hörte Darion den Grafen von Avalé zu diesem elenden Hund von Priester sagen. „Darion...“, wollte Ariston ihn noch warnen, da stand Darion schon vor den Beiden. „Malistaer?“, kam es erstaunt von Eradis von Avalé. Darion verkrampfte sich vor lauter Wut. „Mein Beileid.“, presste er hervor. „Danke… Ich nehme an Ihr erinnert Euch an Pater Jeromo?“, gab Eradis misstrauisch zurück. Der Priester lächelte höflich. „Euer Gnaden, welch eine Ehre Euch wieder zu sehen. Wie geht es Euch?“ Darion durchbohrte den Priester mit hasserfüllten Blicken und öffnete den Mund um was zu sagen. Stattdessen spuckte er dem Priester ins Gesicht. „Viel besser.“, zischte er. „Danke schön.“ Ohne Aufforderung verließ Darion das Trauerfest, er wusste er war nicht länger erwünscht.

„Er hatte e verdient.“, rief Darion wütend. „Wie kannst du ihn hierher einladen?“ „Das war mein Bruder.“, antwortete Acardo ruhig. „Er ist der Meinung einen treuen Priester als Verbündeten zu haben ist… vorteilhaft.“ Darion schnaubte verächtlich. „Ihr macht mich krank, allesamt! Reicht es euch nicht das Aelis tot ist! Müsst ihr auch noch darüber spotten? Ich könnte euch alle -“ „Vorsicht!“, ermahnte der Wahrheitsbringer ihn. „Du hast mir schon einmal gedroht! Wage das nicht erneut.“ „Ach komm.“ Darion machte eine wegwerfende Bewegung. „Du weißt ich hätte nie meinen Mund aufgemacht. Es war nichts weiter als eine leere Drohung. Aber gut zu wissen das wenigstens einer von euch mich ernst nimmt.“ „Was soll das schon wieder heißen?“ Acardo legte Darion eine schwielige Hand auf die Schulter. „Für dich werde ich immer nur dein ehemaliger Knappe sein. Für deinen Bruder nur ein Emporkömmling, den man nur aus Formalität dem niederen Landadel zuordnet. Für Aduan und Ariston bin ich nur ein Freund aus Kindheitstagen. Nicht einmal Aelis hat mich für voll genommen. Für sie war ich immer nur Darion. Aber ich bin Graf Malistaer und als solcher will ich behandelt werden.“ „Dann benimm dich dementsprechend!“, fuhr ihn Acardo an. „Sein ein Graf, statt ein trotziges Kind.“ Darion nickte. Ja manchmal war er kindisch, obwohl er sich bemühte stets ein Sinnbild eines Ritters und Grafen zu sein. Sein Blick fiel auf den blutigen Stein. „War sie allein? Als sie gesprungen ist meine ich?“ „Sie ist nicht gesprungen.“, zischte Acardo. „Sie ist gestürzt. Man hat einen Schrei gehört, welcher Selbstmörder schreit schon?“ „Einer der es sich zu spät anders überlegt.“ „Nein. Sie ist gestürzt. Das Kind hatte seit Tagen nichts gegessen. Ihre Zofe sollte ihr Essen bringen.“ Darion wandte sich zu dem Wahrheitsbringer um. „Welche Zofe?“ „Eine junge Frau aus Arvia. Die Tochter des Korbmachers, sie wollte Geld verdienen. Ihr Vater meinte sie wolle eine Reise nach Lanyamere antreten, aber zuvor ihre Familie unterstützen.“ Darion nickte. „Und sie hat Aelis stürzen sehen?“ „Nun nein.“ „Hast du sie gefragt?“ „Konnte ich nicht.“, meinte Acardo ruhig. „Sie ist verschwunden.“ Darion starrte ihn einen Moment an. „Lässt du nach ihr suchen?“ Acardo schüttelte den Kopf. In seinem Geist überschlugen sich seine Gedanken. „Nur damit ich das richtig verstehe.“, zischte er. „Deine Nichte stirbt und eine Zofe verschwindet, drei Tage nachdem Aelis eine Führerin von Ketzern und ihren Bruder hingerichtet hat und du lässt nicht nach ihr suchen?“ Acardos Augen weiteten sich. „Niemals. Aelis hätte sich nie so leicht..“ „Sie hatte drei Tage nichts gegessen, Acardo! Wenn ich so geschwächt wäre, konnte selbst Aelis mich über die Brüstung werfen! Ich will diese Zofe sprechen. Und wenn ich sie an den Haaren hierher zerren muss!“ Zornig stampfte Darion davon. „Du kannst noch gehen. Das Trauerfest ...“ „Ich habe mich schon selbst ausgeladen.“, rief er noch über die Schulter.

Zwei Monate später saß Darion in seinem Anwesen. Die Suche nach dieser verdammten Zofe hatte nichts ergeben. Niemand hatte sie gesehen, noch von ihr gehört. Nichtmal ein absurd hohes Kopfgeld hatte geholfen. Gut, Darion hatte mittlerweile eine große Auswahl blonder Frauen bei sich zu Hause gehabt, wenn er weniger ehrenvoll gewesen wäre – oder betrunken, dann… Darion starrte ins Feuer als seine Frau sich zu ihm gesellte. „Ich war nie mit ihr befreundet.“, begann sie. „Aber ich trauere auch um sie.“ Darion schenkte ihr ein müdes Lächeln und streichelte ihren langsam größer werdenden Bauch. Immerhin etwas worauf er sich in baldiger Zukunft freuen konnte. Plötzlich kam Tiros hineingestürmt. „Darion. Da kommt wer.“ „Wer?“ „Keine Ahnung.“ „Wie viele.“ „Zwanzig, vielleicht mehr.“ „Zu Fuß oder Pferd?“ „Beides.“ Die Unterhaltung war während des Weges nach draußen abgeschlossen. Auf dem Hof seines Anwesens hatten sie seine neun Söldner Stellung bezogen. Geduldig warteten sie bis die Gruppe auf dem Zentralen Dorfplatz anhielt. Zwanzig Mann zu Fuß, in schwarzen Uniformen und mit Spießen ausgerüstet, stellten formierten sich. Dann ritt ein Mann im schwarzen Klappenrock der Inquisition vor die Reihe der Soldaten. Flankiert wurde er von zwei weiteren, jüngeren Männern zu Pferd. „Ehrenwerter Vollstrecker Lepos. Was verschafft mir die Ehre?“, rief Darion dem Mann zu Pferde zu, der ihn bösartig angrinste.

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mo, 24. Apr 2017 18:53
von Devin
Unruhig tigerte Devin in seinem Zimmer auf und ab. Mittlerweile hasste er sein selbst aufgezwungenes Exil. Bereits nach zwei Tagen hatte er begonnen sich furchtbar zu langweilen. Dieses Dahinvegetieren hier am Ende der Welt war so weit weg von allem, was sein Leben zuvor ausgemacht hatte. Von den Annehmlichkeiten und dem Luxus, den er gewohnt war. Von den Abwechslungen der arcanischen Gesellschaft. Von dem Kontakt mit anderen Menschen und den Informationen, die er daraus für sich ziehen konnte. Er vermisste sein Zuhause. Sogar die Intrigen und das heuchlerische Gequatsche seiner angeblichen Freunde und seiner Familie. Er war nicht dafür geschaffen, einsam in einem kleinen Kämmerlein zu hocken und irgendwann Furchen in die Bodendielen zu laufen. Und was am schlimmsten war: Er vermisste Aelis. Dafür hasste er sich selbst am meisten, denn was sie anging, hatten sich seine Gefühle im Laufe der letzten Tage dunkel umwölkt. Weit von ihr entfernt, ohne ihr in die Augen sehen zu müssen oder sie in seiner Nähe zu spüren, war es ihm viel leichter gefallen, sein Verhältnis zu ihr neu zu überdenken. Seit sie in sein Leben getreten war, hatte sich dieses rasant verändert. In genau eine Richtung: Abwärts
Jetzt hatte Devin so gut wie alles verloren: Seinen besten Freund, den er wie einen Bruder geliebt hatte, sein Heim, eine Menge Geld, seinen gesamten Starrkrautvorrat und große Teile seiner Selbstbeherrschung und seiner Geduld. Und wofür das? Für eine Frau, die ihn letztendlich mit drei kühlen Sätzen auf einem Pergament abgefertigt hatte. Weil er den Fehler gemacht hatte, ihr die Wahrheit über sich zu erzählen. Nachdem er zuvor bereits den Fehler gemacht hatte, sie in sein Bett zu lassen und sein Leben. Das waren eine ganze Menge Fehler. Mit einer Vollstreckerin, nein, DER Vollstreckerin der Inquisition sollte man nichts anfangen und sollte man sich nicht auch noch verloben . Mit dem nötigen Abstand betrachtet, den er jetzt hatte, war das im Nachhinein kaum zu verstehen. Was hatte ihn nur dazu getrieben? Eine Stimme in Devins Innerem wollte ihm daraufhin eine ganze Menge positiver Dinge aufzählen, die Devin dazu gebracht hatten, Aelis an sich heran zu lassen. Aber Devin wollte diese Stimme nicht hören und brachte sie unwirsch zum Schweigen. Er wollte Aelis hassen. Er hatte ihr gesagt, dass er das nicht konnte. Aber verdammt nochmal, er konnte es zumindest versuchen.
Natürlich war Aelis nicht allein Schuld an allem. Er war an vielem selber Schuld und Aelis hatte in vielen Dingen nicht anders handeln können. Auch das wusste Devin tief in seinem Inneren. Aber es war eben leichter, den Hass auf alles und jeden zu schüren und sich in dunklen Rachegedanken zu üben, als sich anderen Gefühlen hinzugeben, die er nicht zuließ. Darum zerfloss er bisweilen in Selbstmitleid, stellte sich vor, wie Aelis zurückgefunden hatte in den Schoß der Inqusition, gefeiert für die Aufdeckung einer Intrige gegen die heilige Inquisition und das Vaterland. Devin steigerte sich in diesen Gedanken regelrecht hinein. Vielleicht war sie sogar mit einer Auszeichnung dafür bedacht worden. Einer Art Orden. Oder dreien. Jeweils einer für den Kopf seiner Freunde, die auf dem Schafott fielen und ein weiterer dafür, dass sie sogar den eigenen Verlobten geopfert hatte für das hohe Ziel, dem Land und den Geschwistern zur Ehre zu gereichen. Devins letzten Informationen zufolge hatte bereits eine Durchsuchung seines Anwesens in Tarunnath stattgefunden. Wer, wenn nicht Aelis sollte das veranlasst haben? Devin kam zu keiner anderen Schlussfolgerung. Er wusste nichts von den Anschuldigungen, die Varon kurz vor seinem Tod gegen ihn erhoben hatte. Er hatte keine Ahnung davon, wie es Aelis seitdem ergangen war, geschweige denn dass er von ihrem Tod gehört hatte. Er wusste nichts von alledem, denn er vergrub sich mittlerweile lieber in seinem Zimmer statt sich bei Resa in Lanyamere mit wichtigen neuen Informationen einzudecken.

So konnte das nicht weitergehen. Ein Plan musste her. Entweder es war nun der Zeitpunkt gekommen, die Zelte in Arcanis endgültig abzubrechen und in Merridia ein neues Leben zu beginnen. Oder er musste etwas anderes unternehmen. Etwas, das seine Rachegelüste befriedigte. Devin dachte darüber nach und kam schließlich zu einem Entschluss. Er wollte das Wagnis eingehen und nach Arcanis zurückkkehren. Nicht nur kurz über die Grenze, sondern direkt nach Irukhan.
Er packte das Nötigste zusammen, tauschte sein edles Pferd gegen einen alten Klepper, versteckte sein Schwert unter dem einfachen, wollenen Umhang, dessen Kapuze er tief ins Gesicht zog und machte sich auf den Weg ins Zentrum der Macht von Arcanis.

Ein Schauer überkam ihn, als er an den verwesenden Köpfen vorbei ritt, die nahe des Stadttors für alle sichtbar aufgespießt waren. Einer davon musste Dana gehören. Ein anderer Varon….Devin schluckte hart und holte dann tief Luft, als er daran vorbei war. Er hatte unmerklich die Luft angehalten und einen näheren Blcik darauf tunlichst vermieden.
Als er durch die Straßen Irukhans ritt, blickte er etwas sehnsüchtig hoch zu den Fenstern von Millies Gasthaus. So viele angenehme und glückliche Stunden hatte er dort verbringen können. Sein Weg jedoch führte ihn weiter in ein Viertel, das weitaus weniger prächtig war. Wo die Straßen enger waren und bedeckt mit allerlei Unrat. Hier hoffte er jemanden zu finden, von dem ihm Varon einmal erzählt hatte. Ein Mann, dem man außergewöhnliche Fähigkeiten nachsagte. Oder der zumindest über außergewöhnliche Kontakte verfügen sollte.
Interessanterweise war auch Aelis mit dem Schicksal dieses Mannes verbunden, denn es handelte sich um niemand anderen als um den Mann, den Aelis im Austausch für ihre Schwägerin hatte laufen lassen: Kollo Strumberg
Nur wie fand man einen Mann, der nicht gefunden werden wollte? Während Devin seinen Klepper durch die Straße führte, sah er sich an den Türen nach unauffälligen Zeichen um. Varon hätte gewusst, wonach er suchen und worauf er achten musste. Für Devin war es nahezu aussichtslos, auf diese Weise Erfolg zu haben. Niedergeschlagen musste er aufgeben. Seine letzte Hoffnung war die Taverne am alten Turm, in der er hoffte, mit den Leuten vom Widerstand in Kontakt zu kommen. Dort hatte er von Varons Verhaftung erfahren. Vielleicht gab es hier neue Informationen für Devin. Oder zumindest ein Bett, das nicht von Flöhen bewohnt wurde und eine warme Suppe, die zwar nicht die Kälte in seinem Herzen, aber vielleicht die in seinen Gliedern mildern konnte.

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Do, 27. Apr 2017 16:55
von Aelis von Avalé
Wenn man eines behaupten konnte, dann, dass der Plan nicht ausgereift war, in keiner Weise. Erst jetzt, da Aelis aus Arvia geflohen war, hatte sich dies so wirklich und wahrhaftig gezeigt. Nach dem Vorfall war sie zuerst gelaufen und gelaufen, und als sie sich die Seite halten musste und nach Luft rang, fiel sie in ein gemächliches Schritttempo zurück. Wenn sie besser hätte planen können, wenn sie nicht in ihre Gemächer ‚gesperrt‘ gewesen wäre… dann hätte sie ihr Pferd in unmittelbare Nähe des Anwesens bringen können, dann wäre sie nun nicht zu Fuß unterwegs sein müssen. Auch, wenn eine berittene, einfache Frau, wie sie nun eine in den Gewändern der Zofe war, auffallen könnte, so wäre das doch deutlich angenehmer gewesen, als zu laufen. Sie hätte andere Vorkehrungen treffen können, wie etwa Geld beiseiteschaffen, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpacken und fortbringen. Aber nun war alles verloren. Aelis von Avalé war tot. Zerschmettert auf dem Felsgeröll an der steilen Nordseite des Anwesens Arvia. Sie konnte nicht mehr in die Silberzitadelle zurückkehren, oder nach Arvia, nach Avalé, auch Irukhan war besser zu meiden, und selbst Darions Anwesen Melanhál. So gesehen war sie wirklich tot. Nirgendwo konnte sie hin. Und was sie in ihrer Tasche trug, war alles andere als nützlich, vom Schlageisen, Feuerstein und Zunder einmal abgesehen. Ihre Schrift der Zwei konnte sie wohl kaum verspeisen. Auch das Fläschchen Neskunvá war eher nutzlos. Der Wasserschlauch, solange er leer war, ebenso. Und ihre Fähigkeiten, sich in der Wildnis zu behaupten, waren kläglich. Nichtsdestotrotz war ihr Lebenswille zu diesem Zeitpunkt ungebrochen. Sie würde durchkommen. Irgendwie. Solange sie sich von Dorf zu Dorf, oder Hof zu Hof durchschlagen konnte, würde es schon irgendwie gehen. Der Mond beschrieb eine halbe Scheibe, und immer wieder verdunkelten kleine Wolkenfetzen ihn für eine kurze Weile. Es war kalt, und Aelis war müde und auch hungrig. Momentan war sie recht planlos, wohin sie nun gehen sollte. Sie verschob dieses leidige Problem auf den nächsten Morgen. Nachdem sie gefühlte Stunden gelaufen war, und ihre Füße schmerzten, schlug sie sich an einer Heide in die Büsche, wo sie sich in ihren Mantel zusammenrollte und bald einschlief.

Nach einer unruhigen Nacht erwachte Aelis im Morgengrauen. Sie hatte noch nie unter freiem Himmel geschlafen. Ihre Glieder schmerzten, die Kälte war ihr in sämtliche Knochen gekrochen, aber tröstlich war, dass das Frühjahr sehr zeitig begonnen hatte. Wäre noch Schnee gelegen, es wäre ihr Tod gewesen, da sie wohl jämmerlich erfroren wäre. Eigentlich war es stets so, dass Dinge, wenn man eine Nacht über sie geschlafen hatte, am nächsten Morgen viel klarer waren. Aber nun war es nicht so. Eigentlich war sie jetzt frei. Eher Vogelfrei. Aber diese Freiheit machte sie nicht glücklich. Diese Freiheit war trügerisch, denn auch, wenn alle Welt annahm, dass sie tot war, es brauchte ihr nur ein Fehler unterlaufen, und alles war verloren. Aelis, die seit Tagen kaum etwas gegessen hatte, verspürte einen unsagbaren Hunger. Doch, das wusste sie, das nächste Dorf war weit entfernt. Und dort kannte man sie. Dort lebten viele Bauern die teilweise in Arvia ein und ausgingen. Nein, dieses Nest konnte sie nicht aufsuchen. Und das war schlecht. Denn die nächste Ortschaft lag weit über hundert Kilometer weit entfernt. Dafür brauchte sie Tage! Sie erhob sich und reckte und streckte sich. Dieses dämliche Kleid war aber auch zu unpraktisch! Wieso hatte sie sich nicht eine ihrer Uniformen mitgenommen? Weil… weil… weil… Genau hier lag der Hund begraben… Sie konnte diese nicht mehr anziehen! Keine Uniform der Inquisition mehr.. nie wieder… Als sie den Weg fernab der Straße Richtung Norden lief, versuchte Aelis darüber nachzudenken, was ihr an ihrem Leben, das sich nun um hundertachtzig Grad gewendet hatte, künftig gefallen könnte. Sie hatte sich von ihrer Familie losgelöst. Was ihre Eltern betraf, so war das gänzlich egal. Sie verachtete ihre Eltern, die sich nie wirklich um sie gekümmert hatten. Ihre Brüder würde sie sehr vermissen. Sie hatte die Inquisition verloren, sozusagen ihren Lebensmittelpunkt. Vor über fünfzehn Jahren war sie in die Inquisition eingetreten und diese hatte ihr ganzes Leben bestimmt. Dort hatte sie sich immer wohlgefühlt, die Inquisition und der Glaube hatten ihr immer Halt gegeben, und das Gefühl eine Aufgabe zu haben, für die es sich zu leben lohnte. Die Inquisition war schon weggebrochen, als die Sache mit Devin aufgeflogen war. Als verheiratete Frau hatte sie nach Onkel Acardos Meinung keinen Platz mehr in der Inquisition gehabt. Und als ehemalige Verlobte eines Verräters hatte sie noch weniger Platz in der Inquisition gehabt. Aelis versuchte zu ergründen, was ihre Gefühle für Devin betraf. Ja, sie liebte ihn. Sonst hätte sie ihn niemals laufen lassen. Ob Devin das bewusst war? Aber der Brief, den sie ihm hinterlassen hatte, war zu nüchtern gewesen, um als Wink mit dem Zaunpfahl gesehen werden zu können. Sie bereute, ihn mit diesen drei lieblosen Zeilen verlassen zu haben. Wahrscheinlich hasste er sie nun. Wegen Varon und Dana, und weil sie ihm alles genommen hatte, was ihn ausmachte. Aber sie war nun einmal eine Vollstreckerin. Es war ihre Pflicht, Landesverräter zu verurteilen. Wie konnte jemand von ihr erwarten, dass sie es nicht tat? Besonders, wenn er sie von vorne bis hinten belogen hatte. Ja, er hatte ein Geständnis abgelegt. Er hatte beteuert dass er hier und da nicht ehrlich zu ihr gewesen war, hatte aber auch beteuert, dass dieses und jenes keine Lüge gewesen war. Sie wollte ihm glauben. Aber sie konnte es nicht. Wenn sie diese Gefühle ausblenden könnte, wäre die Angelegenheit glasklar. Er war ein Verräter, und wusste wer sie war. Ein Verräter, der etwas mit dem Feind angefangen hatte und er hatte sie für seine Zwecke benutzt. Punkt. Aber über all dem schwebten ihre Gefühle. Diese einseitigen Gefühle. Er hatte ihr doch erst kürzlich gesagt, dass er noch nie Liebe für jemanden empfunden hatte. Wieso hatte sie bis zuletzt gehofft, dass es bei ihr anders sein könnte? Wahrscheinlich hatte sie in allem richtig gehandelt. Sie hatte zwei Verräter verurteilt, sie hatte einen davon verschont, der wahrscheinlich kaum involviert wurde, und sie hatte sich befreit von all den Problemen. Darion… ihn zurückzulassen und nie wieder zu sehen, schmerzte sie. Wie es ihm wohl ging? Aelis zweifelte nicht, dass er trauerte. Aber er hatte jetzt sowieso andere Dinge um die er sich kümmern musste. Leria erwartete sein Kind. Das war eine gute Nachricht. Es würde ihn ablenken, und einen echten Sinn im Leben geben. Nachdem sie so Stundenlang ihren Gedanken nachgehangen war, und die Sonne längst den Zenith überschritten hatte, erreichte sie dem Nebenarm des Janus-Flusses, wo das Wasser klarer war und langsamer floss als im Hauptarm. Nun endlich gestattete sie sich eine Rast. Ihre Füße schmerzten und sie hatte großen Hunger. Sie füllte ihren Wasserschlauch mit Wasser aus dem Fluss und gegen den quälenden Hunger zupfte sie einige Wildkräuter, die sie kannte, ab und verspeiste sie. Das hatte den Vorteil dass ihr bald schlecht davon wurde, und dies den Hunger vertrieb. Dann legte sie sich ins Gras und starrte in den Himmel, wo die Sonne strahlte. Ihr war schon aufgefallen, wohin ihre Beine sie unbewusst trieben. Sie konnte auch nur zu Darion gehen. Andere Möglichkeiten hatte sie nicht. Insgeheim fürchtete sie sich, ihm entgegen zu treten, doch auf der anderen Seite war er ihr bester Freund. Auf wen, wenn nicht auf ihn, konnte sie noch zählen?

Nach einigen harten Wochen hatte sie ihr Ziel endlich erreicht. Wenigstens der Frühling war mild, es hatte seit der großen Schmelze keinen Schneefall mehr gegeben, allerhöchstens Regen. In größeren Dörfern, wenn es eine Schenke gab, fand sie Unterkunft für eine, oder zwei Nächte, wo sie sich von den Strapazen des Tages erholte, da sie eigentlich dn ganzen Tag nur lief. Sie hatte merkbar an Gewicht verloren, das Kleid, welches vorher genau gepasst hatte, flatterte ein wenig am Oberkörper, und auch, wenn sie in Gasthäusern stets eine Waschschüssel fand, fühlte sie sich schmutzig und abgefranst wie ein Landstreicher. Ob sich die harte Zeit und der Kummer in ihrem Gesicht eingegraben hatte, vermochte sie nicht zu sagen, Spiegel gab es keine, und die Wasseroberflächen in denen man sich spiegeln konnte, waren trügerisch. Dass dieser Weg so steinig und beschwerlich sein würde, hatte sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen ausmalen können. Auch in ihrem Kopf hatte sich einiges verändert. Ihr Blickwinkel über das Adeltum. In Arvia, Avalé oder in der Silberzitadelle hatte sie stets alles gehabt, was sie gebraucht hatte, und mehr noch als das. Jetzt hatte sie nichts außer dem was sie in ihrer Tasche oder am Leib trug. Und mittlerweile, nach Wochen, vermisste sie kaum etwas, nicht einmal einen Badezuber. Wenn sie stank, roch sie das nicht mehr, und es war ihr auch völlig egal. Dass sie sich in einer dreckigen Taverne kein Ungeziefer eingefangen hatte, war wohl Glück, oder dem Dreck geschuldet. Es schien auch, dass die Geschwister sie vor Wegelagerern oder anderem Unglück bewahrt hatten. Dafür war sie dankbar, den Rest des steinigen Weges sah sie als Prüfung der Zwei. Und nun zeichneten sich vor ihr die Umrisse des Dorfes ab, hinter welchem Melanhál stand. Im Dorf würde sie niemand erkennen. Doch in Melanhál sah das schon anders aus. Das konnte sie nicht riskieren. Dennoch zog sie vorsorglich ihre Kapuze über den Kopf, bevor sie in das Dorf trat. Hungrig, wie sie war, suchte sie erst einmal die Dorfschenke auf, nahm Platz an einem Tisch in einer stillen Ecke, nahe der Feuerstelle, und ließ sich eine warme Mahlzeit kommen. Dazu einen Becher Wein. Und einen kleinen arcanischen Gerstenschnaps für die Nerven. Als sie gegessen hatte und ihren Wein getrunken hatte, überlegte sie sich, wie sie sich unbemerkt Zutritt in Melanhál verschaffen konnte. Aber das konnte sie vergessen. Darions Söldner würden sie schneller umstellt haben, als sie ‚Darion‘ hätte sagen können. Und dann würden sie sie dazu zwingen, sich zu erkennen zu geben, und die Kapuze abzunehmen. Und dann würden alle sie sehen. Das war ein Risiko, das sie unmöglich eingehen konnte. Dass alle Söldner Stillschweigen bewahren würden, das war unwahrscheinlich. Einer von ihnen würde zu Onkel Acardo laufen und sich für diese Information reich belohnen lassen. Und was dann folgen würde, das wagte sie sich nicht auszudenken. Ihr Blick fiel auf einen Jungen, der offenkundig zu den Wirtsleuten gehörte. Er mochte acht, bis zehn Jahre alt sein. Aelis kramte in ihrem Geldbeutel und zog eine kleine silberne Münze hervor und winkte ihn zu sich heran. Wie man wirklich mit Kindern umzugehen hatte, wusste sie nicht, doch sie gab sich alle Mühe, vertrauensselig zu wirken. „Junge, lauf nach Melanhál, und richte Graf Darion Malistaer, dass man ihn in der Dorfschenke erwartet. Merkst du dir das?“ Der Junge nickte eifrig und Aelis hielt ihm die Münze vor die Nase. „Wenn du deine Sache gut machst, und mir Nachricht von Graf Malistaer bringst, sollst du noch eine erhalten. In Ordnung?“ Er nickte wieder. „Sag ihm nicht, wer dich schickt. Sag, du weisst es nicht. Das ist sehr wichtig!“ Aelis händigte ihm das Geldstück aus sah dem davonstiebenden Jungen hinterher. Dann wartete sie geduldig, bis der Junge nach geraumer Zeit wieder zurückkam. „Und? Hast du die Nachricht überbracht?“ Der Junge, der allen Anschein nach nur das Nötigste sprach, nickte. „Und wird er auch kommen?“ Wieder nickte er. „Er hat gesagt, er wird sich unverzüglich auf den Weg machen.“ Aelis nickte. Unverzüglich hieß, sobald er dazu geneigt war. „Das hast du gut gemacht, Junge. Hier, die versprochene zweite Münze“ sagte sie und legte ihm die zweite kleine Münze in die Hand. „Nun lass mich alleine…“ Der Junge trollte sich und Aelis blieb alleine an ihrem Eckplatz zurück. Ihr Herz klopfte hart gegen ihre Brust und so ließ sie sich noch einen Gerstenschnaps bringen. Nervös trommelte sie mit ihren Fingern auf der Tischplatte, stützte den Kopf in ihre Hände und wartete auf Darion. Nach einer Zeit, die ihr wie eine Unendlichkeit vorgekommen war, öffnete sich schließlich die Schenkentüre, und Darion stand darin. Unwillkürlich neigte sie ihren Kopf, um sich zu verbergen, wie sie das die letzten Wochen und Monde getan hatte, um nur ja niemandem aufzufallen. Aber schließlich schob sie ihre tief ins Gesicht gezogene Kapuze ein Stück weit zurück, und erhob sich, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie freute sich, ihn zu erblicken, aber die Umstände waren zu ernst, um ihm ein Lächeln zu schenken. So sah sie ihn ernst und schweigend an, als ihre Blicke sich trafen…

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Fr, 28. Apr 2017 17:28
von Darion
„Euer Gnaden.“, lächelte ihn Lepos arrogant an. Darion hasste diesen Kerl, er hasste ihn mit jeder Faser seines Körpers und würde diese Ratte nicht ständig in 'offizieller Mission' herumstolzieren, würde Darion ihn nur zu gerne windelweich prügeln. „Mein Besuch hier ist keinesfalls eine Ehrerbietung. Ich bin in offiziellem Auftrag seiner Majestät unterwegs.“ Darion verschränkte die Arme. „Was auch sonst, ehrenwerter Vollstrecker. Was auch sonst...“, höhnte er. Lepos' Augen wurden schmal. „Ich suche nach jemanden, der vor dem gerechten Zorn der Geschwister flieht. Einen Freund von Euch, wie man hört. Den Grafen von Tarun.“ Darion atmete scharf ein. Freund? Nie im Leben waren sie mehr Freunde, immerhin war Devin an allem Schuld! Hätte er Aelis nicht verführt, dann... dann wäre sie noch am Leben. Oh ganz gewiss, würde Devin hier auftauchen, würde er ihn mit Freuden erschlagen und seinen Kopf zur Zitadelle bringen. „Dieser Bastard ist nicht mein Freund!“, zischte er. Lepos zuckte mit den Schultern. „Dann versteckt Ihr den Verlobten Euer teuren, verblichenen Aelis etwa nicht?“ Ehe er es sich versah wurde Darion von zwei Wachen wieder zurück gestoßen, da er anscheinend versucht hatte Lepos vom Pferd zu reißen. So schnell hatte sein Verstand gar nicht reagiert, wie er die ersten Schritte auf den Vollstrecker zu gestampft war. „Natürlich nicht!“, donnerte er. „Wenn dieser Mann hier auftaucht, bringe ich ihn mit Freuden zur Zitadelle.“ Lepos gab seinen Soldaten einen Wink. „Ihr gestattet, dass wir uns selbst davon überzeugen.“, stellte Lepos fest, doch Darion dachte gar nicht daran. Er gab seinen Mannen ebenfalls einen Wink und sie verstellten den Soldaten den Weg. Unschlüssig was sie nun tun sollten, schauten sie fragend zu ihrem Kommandanten. „Ich gestatte nicht.“, meinte Darion schnell, bevor der Vollstrecker etwas sagen konnte. „Meine Frau hat sich gerade zur Ruhe gelegt. Ich kann nicht zu lassen, dass Eure Männer lärmend in meinem Haus herum poltern. Wenn Ihr Euch überzeugen wollt ob ich einen Verräter beherberge, dann steht es Euch frei abzusitzen und selbst nach zu sehen. Aber leise, ehrenwerter Vollstrecker.“ Der Vollstrecker schnaufte vor Zorn. „Ihr wagt es Euch einem Befehl des Königs zu widersetzen!“, rief er zornig. „Nein, ich widersetze mich nur Euch. Wenn der König mein Haus und Hof durchsuchen will, soll er jemanden schicken, der Autorität hat! Und nicht die stinkenste Ratte von allen!“ Hände wanderten zu Schwertern, Spieße wurden gesenkt und die Spannung die in der Luft hing, war beinahe greifbar. „Vorsicht Malistaer.“, zischte der Vollstrecker. „Auch eine Ratte, kann zubeißen.“ Darion grinste ihn frech an und pfiff dann. Sofort kamen seine Hunde in gemächlichem Trott angelaufen. Die Soldaten, an denen sie vorbei kamen, wichen eilig zurück. „Mögt Ihr Hunde Vollstrecker?“ Lepos starrte die beiden Tiere an. „An sich schon, aber nicht diese Monster. Ich hab gehört was sie in dieser Taverne angerichtet haben.“
Während Darion nach Aelis' vermeintlicher Mörderin gesucht hatte, war er nach langem ausbleibendem Erfolg, schließlich nach Irukhan geritten. Dort wollte er die gewöhnlicheren Spelunken abklappern, in der verzweifelten Hoffnung einen Hinweis zu erhaschen. Seine Hunde hatte er zu diesem Zeitpunkt stets bei sich. Als nun in einer Absteige einkehrte, bot sich ihm ein gar grotesker Anblick. Die Taverne hatte sich zu einem provisorischem Laientheater verwandelt in dem ein Stück zum Besten gegeben wurde. Ein schmächtiger Bursche mit blonden Haaren, war in einen schwarzen Klappenrock gekleidet und hatte sich etwas vor die Brust geschoben, sodass es aussah, als hätte er Brüste. Das sollte Aelis sein. Devin wurde von einer jungen Dame dargestellt. Auch Acardo, als greiser Mann kam zu genüge darin vor. Darion selbst, hatte nur ein, zwei Mal einen kurzen Auftritt, als der 'Hund der Avalés' und war ein auf allen Vieren kriechender, grobschlächtiger Kerl. Der Großteil des Theaters bestand daraus, dass Aelis aus den Schriften der Zwei predigte, bis Devin dazu stieß und sie übereinander herfielen, immer und immer wieder. Wie sich Acardo bei dem Anblick selbst befriedigte und Darion eigentlich nur immer wieder zur allgemeinen Belustigung, den anderen Figuren am Hintern schnüffelte. Schließlich kam es zum Ende. Aelis allein Zuhause, wie sie sich selbst die Finger in die Möse steckte und bei dem vergeblichen Versuch sie wieder herauszuziehen, in den Tod stürzte. Darion, der echte, war schlichtweg schockiert, was sich dieser Pöbel hier erlaubte. Der Jubel der aufbrandete als das Mannsweib Aelis in den Tod stürzte, war erschreckend. Gedankenverloren war er nach Vorne gegangen. „Und wen haben wir hier?“, hatte einer der selbsternannten Schauspieler, trunken vom Jubel, gerufen. „Malistaer.“, hatte Darion gefährlich ruhig geantwortet. Alle weiteren Worte waren dem Schauspieler im Halse stecken geblieben und kaum dass sein Name die Runde gemacht hatte, war es still in der Taverne. Keiner wagte es mehr zu klatschen, zu grölen oder auch nur zu furzen. „Beeindruckende Vorstellung. Erlaubt mir der meiner Figur noch etwas mehr Leben einzuhauchen.“ Dann hatte er gepfiffen und seine Hunde hatte sich auf die Laienschauspieler gestürzt. Natürlich war niemand zu Tode gekommen. Der Knabe der Aelis gespielt hatte verlor ein Auge, die Dame die Devon porträtierte verlor drei Finger der rechten Hand und im allgemeinen bekam jeder mehr oder weniger tiefe Bissspuren und Schürfwunden ab.
„Ach kommt Lepos. Diese Leute haben nicht nur den Adel beleidigt, sondern auch die Inqusition. Ich denke Ihr versteht, das ich diese Ratten so behandelt habe. Wenn Ihr nun nicht selbst nachsehen wollt, steht es Euch und Euren Männern frei Euch zu verpissen.“ Der Vollstrecker ließ seinen Blick über die elf Männer schweifen, Darion, Tiros und die neun Söldner aus den gefallenen Reichen. Dann musterte er seine Soldaten. Als letztes warf er noch einen abschätzigen Blick auf die Hunde und welch Unbehagen sie bei den Soldaten auslösten. Schließlich starrte er wieder auf Darion hernieder. „Das wird ein Nachspiel haben, Malistaer.“ Dann wendete er sein Pferd und stolzierte davon, die Soldaten in Reih und Glied hinter sich. Als sie die Grenzen des Dörfchens verlassen hatten, seufzte Tiros schwer. „Leck mich am Arsch, ich dachte das wird ernst.“ Darion warf ihm einen unsicheren Blick zu. „Ja und? Die hätten keine Chance gehabt. Oder hast du unseren Jungs etwa den ehrenvollen Zweikampf in meiner Abwesenheit gelehrt?“ Tirso grinste dreckig. „Die kämpfen so unehrenhaft und hinterhältig, da fühle selbst ich mich manchmal hintergangen.“ Das wollte was heißen. Die Männer marschierten wieder hinein und Darion wurde von seiner besorgt dreinschauenden Frau empfangen. Er lächelte sie an und streichelte ihren Bauch. „Alles ist gut.“

„Nein verdammt! Habt Ihr mir nicht zugehört?“, fuhr Darion den Mann an. „Ich sagte vierhundert Stämme. Mit vierzig können wir nicht einmal unsere Nordseite schützen!“ Direkt nach dem Lepos außer Sicht war, hatte Darion Vorkehrungen getroffen, um sein Heim gegen Übergriffe besser zu schützen. Eine Palisade musste her, selbst wenn sie nur dazu diente, feindliche Streitkräfte in einen engen Kanal zu treiben, wo weniger Männer mehr ausrichten konnten. Dazu wollte er Baumstämme aus dem Südwesten importieren, um dann Verteidigungsstellungen aufzubauen. Es waren keine drei Tage vergangen, da hatte ihn schon die Nachricht erreicht, er solle sich unverzüglich, bei dem ehrenwerten Vollstrecker Lepos entschuldigen. Darion bezweifelte, dass dieser schmierige Kerl es in einem Tag nach Irukhan geschafft hatte. Vermutlich war es eine gefälschte Nachricht gewesen, aber es wäre Darion auch so gleich gewesen. Nie im Leben würde er sich bei dieser Ratte entschuldigen. Vor ihm auf dem Tisch, lag ein Plan seines Anwesens, samt Dorf. Einer seiner Gardisten, konnte erstaunlich gut zeichnen. Darion beschrieb mit seinem Finger einen leichten Bogen an einer Seite des Dorfes. „Hier. Allein für diesen Abschnitt brauchen mir mindestens neunzig Stämme. Es müssen ja keine gigantischen Eichen sein. Neun bis elf Fuß hoch und knapp eine Elle breit, dass würde schon genügen.“ Der Mann nickte. „Ja das wäre möglich.“ „Gut, wie schnell könnt Ihr mir sie bringen?“ Der Mann lächelte falsch. „Kommt darauf an, wie viele Männer Ihr bezahlen könnt.“ Darion blickte ihn zornig an. „Hundert Tage. Vier Bäume am Tag sollte machbar sein.“ „Hundert Tage, inklusive Transport und Wachen und und und. Das wird teuer Euer Gnaden.“ „Macht Euch um Geld keine Sorgen. Ihr bekommt die erste Rate, wenn die ersten hundert Stämme eintreffen. Guten Tag.“ Mit einer herrischen Handbewegung entließ er diesen gierigen Aasfresser. Darion massierte sich den Nasenrücken. Er war erschöpft, hatte kein Lust mehr. Ab liebsten würde er sich einfach davon stehlen und auf unbestimmte Zeit nicht wieder auftauchen. Erdrückend waren die Pflichten und die Aufgaben die er sich selbst in letzter Zeit aufbürdete. Und dann noch jene Dinge, die auf ihm lasteten, für die er nicht verantwortlich war. „Darion?“, stieß Tiros zu ihm. „Bei Janus, was ist denn?“, fragte Darion entnervt. „Da ist ein kleiner Bengel. Der will das du in die Schenke kommst.“ Darion warf ihm einen irritierten Blick zu. „Wir haben eine Schenke?“ Tiros Blick war ein Musterbeispiel an Verständnislosigkeit. „Was glaubst du wo ich immer stecke?“ „Ziegen auf der Weide besteigen, keine Ahnung.“ „Ja“, grinste Tiros, „und danach besaufe ich mich bei Winfried.“ „Ich dachte der hätte so einen kleinen Krämerladen. Wo er alles mögliche verkauft, was er irgendwo ergattern konnte.“ Tiros nickte. „Ja hat er auch. Hinten ist eine Schenke. Oder wo denkst du schlafen die fahrenden Händler, die ihn beliefern.“ Darion zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, hat mich nie interessiert.“ Tiros schüttelte den Kopf. „Und du willst hier der Herrscher sein? Mann... was ist nun? Kommst du?“ Darion winkte ab. „Ja, ja. Gleich.“ „Ich sag ihm du kommst unverzüglich.“ Darion grinste. „Der Kleine versteht deinen Sarkasmus aber nicht.“
Etwa eine Stunde später betrat Darion die Schenke. Jetzt wo er mal tatsächlich hier war, fiel ihm auf, dass es tatsächlich eine Schenke. Das kam davon, wenn man immer nur in seinem eigenen Haus blieb. Der Schankraum war leer, bis einen Mann, der über einer Schüssel Eintopf hockte. Darion ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast mich gerufen?“ Der Mann machte große Augen und schüttelte ängstlich den Kopf. Darion blickte sich verwirrt um. Wer denn dann? Dann sah er noch eine Person, eine Frau mit Kapuze. Darion wandte sich ihr zu, aber seine Worte blieben ihm im Halse stecken, als sie ihre Kapuze etwas nach hinten zog. Die Frau sah aus wie Aelis. Es dauerte einen Moment bis Darion feststellte, dass die Frau nicht bloß so aussah, sondern tatsächlich Aelis vor ihm stand. Sein Mund klappte auf und er bekam noch Luft. Seine Finger krallten sich in Stuhllehne des Mannes und er starrte Aelis mit leerem Blick entgegen. Darion begann zu zittern und sein Atem ging flach. Immer wieder schnappte er nach Luft. „A-“, krächzte er. Seine Stimme versagte ihm den Dienst. Er versuchte es erneut, scheiterte aber wieder kläglich. Er räusperte sich. „Alle raus...“, flüsterte er heiser. Keiner außer der Junge reagierte. „ALLE RAUS!“, schrie Darion. Fluchtartig verließen die Anwesenden das Haus. Darion konnte Aelis nicht ansehen. Seine Schultern bebten vor Zorn. „Ich... Du...“, versuchte er mit erstickter Stimme zu sagen. Schwer stützte er sich auf den Tisch und starrte die Suppenschüssel an. Mit einem Mal schmetterte er die Schüssel gegen die gegenüberliegende Wand. „Zwei Monate!“, donnerte er. Wütend schnaufte er und zerschlug den Tonbecher auf dem Tisch. Scherben bohrten sich in seine Hand. „Zwei Monate.“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er zwang sich ruhig durchzuatmen. Darion hob den Blick und sah ihr in die Augen. „Wieso?“, hauchte er, da seine Stimme schon wieder brach. Sie erklärte ihm wie sie sich gefühlt hatte. Verraten von allen, alles wurde ihr genommen. Sie hatte keinen Ausweg mehr gesehen als sich umzubringen. Aber als es soweit war, da war sie zu feige gewesen. Als dann aber die Zofe herein kam, fasste sie einen Entschluss. Sie räumte ein, dass ihr Plan nicht ausgereift war. Mit einer zornigen Handbewegung schnitt er ihr das Wort ab. „Das will ich nicht wissen!“, zischte Darion. „Wieso, bist du hier?“ Sie starrte ihn verständnislos an. „Du hast mich trauern lassen!“, fuhr er sie an. „Hast du in deinem tollen Plan auch nur EINMAL an die Menschen in deiner Nähe gedacht? Hast du auch nur einen Gedanken an die verschwendet, die dich lieben? Du kommt hier her und zitierst mich in diese Absteige, als wäre nichts gewesen!“ Zornig stampfte er auf sie zu und packte sie am Kragen. Dass er ihre dreckstarren Kleider mit seiner blutenden Hand noch mehr besudelte, war ihm nicht einen einzelnen Gedanken wert. Beinahe gierig sog der Stoff Darion Blut auf. „Ich sollte dich... ich sollte...“ Eigentlich er wollte ihr noch so viel in Gesicht schleudern, doch plötzlich fühlte er sich schwindelig. Er stieß sie von sich, als ob er sich vor ihr ekeln würde. Betreten starrte er zu Boden und nestelte dann an seinem Gürtel herum. Er warf ihr seinen Geldbeutel, indem noch einige Münzen waren, vor die Füße. „Bleib eine Nacht hier.“, wisperte er und wandte sich zur Tür. „Aber wenn nicht vor Sonnenaufgang verschwunden bist, schleife ich dich höchstselbst vor deinen Onkel.“ Dann stürmte er hinaus, denn er spürte wie ihm heiße Tränen übers Gesicht liefen und die sollte Aelis auf keinen Fall sehen.
Später in der Nacht, saß Darion über einem Bogen Pergament. Darauf Zeilen an Acardo, betreffend Aelis. Aber die meisten Worte waren unleserlich, entweder weil Darion es nicht übers Herz gebracht hatte oder weil sie von Tränen verwischt waren. Seine Augen waren rot und geschwollen. Er hatte sich in seinem Arbeitszimmer eingesperrt und niemand konnte ihn dazu bewegen herauszukommen. Die ganze Nacht blieb er wach, unfähig einzuschlafen oder etwas zu tun. Erst als die Sonne auf ging kam wieder Leben in ihn. Er hatte einen Entschluss gefasst. Den Brief warf er ins Feuer und lief dann strammen Schrittes zur Schenke. Unsanft weckte er den Wirt. „Wo ist die Frau?“ Winfried sah in verwirrt an. „Schon fort Euer Gnaden.“ Darion packte ihn am Kragen. „WOHIN?“, brüllte er ihn an. „I-i-ich w-weiß es nicht... B-bitte.“, wimmerte der Wirt. Darion ließ ihn los und stürmte hinaus. Draußen stand Tiros. „Darion!“, fuhr er ihn an. „Ich weiß, wer da Gestern war und ich weiß, in welche Richtung sie davon ist. Ich hab sie beobachtet. Was ich aber nicht weiß, ist was du jetzt vor hast.“ Er packte Darion bei den Schultern, doch der stieß in weg. „Geht dich auch nichts an. Mach dich auf. Du hast was zu erledigen für mich.“

Kaum das Darion Tiros mit einer Aufgabe betraut hatte und dieser ihm die Richtung in die Aelis davon gegangen war gezeigt hatte, preschte Darion mit seinen Hunden über Feld und Wiese. Dem einen Hund hatte er ein Laken vorgehalten, auf dem Aelis mindestens ein paar kurze Stunden gerastet hatte und dem anderen seinen blutigen Verband, denn ganz egal wie gründlich Aelis es versucht haben mochte, ein wenig Blut musste noch an ihr haften. Den Geschwistern sei Dank, waren die Tiere sich aber einig, welcher Spur sie folgten. Darion wusste das sie einen Vorsprung hatte, aber sie war zu Fuß und er zu Pferd. Solange seine Hunde ihm den Weg wiesen, konnte sie ihm eigentlich nicht entkommen. Darion trieb sein Pferd hart an und nach ein paar Stunden hatte er Erfolg. Etwa eine viertel Meile vor ihm, sah er eine Gestalt etwas Abseits des Weges laufen. Das musste sie sein. Die Hunde schlugen an und Darion preschte voran. Ein paar Meter hinter der Gestalt zügelte er das Pferd und sprang ab. Er packte die Gestalt bei den Schultern und riss sie herum. Was auch immer er sagen wollte, war vergessen. Er war immer noch mehr als wütend auf Aelis, aber er war zur Einsicht gelangt, dass sein Zorn irgendwann verrauchen würde und wenn er dann feststellte, dass er seine liebste Freundin im Stich gelassen hatte, dann würde er sich das nie verzeihen. Aber im Moment war seine Wut noch sehr greifbar. So starrte er Aelis stumm an. „Steig auf.“, befahl er barsch und sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Er schwang sich hinter ihr aufs Pferd und trieb es nun zu einem gemächlichen Tempo an. Das Tier musste sich ein wenig schonen und außerdem war es nicht allzu weit und noch nicht einmal Mittag. Sie ritten schweigend, denn Darion weigerte sich ein Wort mit Aelis zu wechseln, bis sie da waren. Kurz nach der Dämmerung erreichten sie schließlich die kleine Jagdhütte, die Darion sein Eigen nannte. Er band das Pferd an und machte sich daran, ein Feuer zu entzünden. Kurz inspizierte er die Vorratskammer. Tiros hatte seinen Befehl befolgt und die Hütte reichlich mit Vorräten eingedeckt. „Diese Hütte gehört mir.“, erklärte er Aelis, als er wieder zu ihr stieß. „Niemand kennt diesen Ort, abgesehen von mir und Tiros. Du wirst hier Essen und Trinken finden, es sollte für mehr als eine Woche reichen.“ Darion schloss die Augen und atmete einmal tief durch. „Du wirst hierbleiben,“, stellte er klar, „bis ich weiß, was ich mit dir mache. Du wirst dich langweilen, aber du wirst sicher sein. Ich komme wieder, so schnell ich kann.“
Darion war noch in der selben Nacht wieder davon geritten und kehrte erst zweieinhalb Tage später, mit einem Sack Nahrung im Gepäck, zurück. Er stellte fest, dass er zwar immer noch wütend war, aber immerhin wieder einigermaßen normal mit Aelis reden konnte. „Setz dich.“, forderte er sie auf, nachdem sie sich etwas zu Essen zubereitet hatten. Darion ließ sich draußen auf einem Baumstumpf nieder und löffelte etwas lustlos in seiner Schüssel umher. Es wurde Zeit, dass er Aelis die neuesten Nachrichten, die er in Erfahrung bringen konnte, mitteilte. „Devin hat das Land verlassen, vermutlich jedenfalls. Manch einer sagt er erhole sich irgendwo am Meer, aber ich denke wir Beide wissen es besser. Ich habe Tiros damit beauftragt ihn zu suchen. Erst stürzt er dich ins Unglück und dann versteckt er sich... er hat eine Verantwortung dir gegenüber und ich werde dafür sorgen, dass er die erfüllt!“, knurrte Darion und massakrierte weiterhin seine Essen, das schon lange nicht mehr wie das aussah, was einmal war. „Ich weiß es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Tiros ihn findet, aber mein Freund kennt Leute, deren Rolle ich in unserer Welt lieber gar nicht wissen will. Sollte er ihn entgegen aller Erwartung finden, wird er ihn hierher bringen. Ich verspreche dir, ich tue ihm nichts... auch wenn ich ihn am liebsten umbringen würde. Dann sehen wir, was wir tun können.“ Darion stellte die Schüssel beiseite und massierte sich den Nasenrücken. „Für den Fall, dass er ihn nicht findet, werde ich dich zu meinen Verwandten in Córalay schicken. Dort wirst du sicher sein, vor der Inquisition, vor irgendwelchen Widerständlern, vor deiner Familie... vor meinen Launen. Du wirst standesgemäß behandelt werden.“ Der Schatten eines Lächelns huschte über Darions Gesicht. „Vielleicht kannst du dann endlich baden, du stinkst erbärmlich.“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mi, 03. Mai 2017 12:50
von Aelis von Avalé
Aelis kannte Darion so gut. Das wurde ihr in diesem Moment zum ersten Mal so richtig bewusst, als sie sah, wie er seine Fassung verlor. Er schien regelrecht in sich zusammenzusinken, und ihn so zu sehen, schmerzte. Er versuchte, etwas zu sagen, aber es gelang ihm nicht. Nur verhaltenes Krächzen kam aus seiner Kehle. Bis es ihm dann doch gelang und er „ALLE RAUS!“ brüllte. Ganz so, wie sie Darion Malistaer kannte, und ganz so, wie man Darion Malistaer fürchtete, flüchteten der Junge, der Wirt und der Alte der an seinem Tisch eine Suppe gelöffelt hatte, aus der kleinen Dorfschenke. Aelis atmete tief durch. Darion senkte den Kopf, als konnte oder wollte er sie nicht anblicken. Lieber schien er die Suppenschüssel am Tisch vor ihm zu fixieren, wo er sich am Stuhl abstützte, wie ein gebrochener Mann. Schließlich hob er zu Worten an „Ich... Du...“ Und mit einem Mal schmetterte er die Schüssel gegen die gegenüberliegende Wand. „Zwei Monde!“ donnerte er, und Aelis zuckte zusammen. Mit derselben Kraft der Wut zerschmetterte er den Tonbecher am Tisch. „Zwei Monde…“ drang es gefährlich leise zu der Vollstreckerin, die bereits den nächsten Wutanfall witterte. Doch er blieb vorerst aus. „Wieso?“ hauchte er und Aelis räusperte sich. „Ich habe nicht mehr gewusst, wie ich weitermachen soll. Onkel Acardo hat mir nicht nur meinen Platz in der Inquisition weggenommen, er wollte mich nach Avalé in den Tempel stecken bis an mein Lebensende. Er ließ nicht mit sich reden. Kein Bitten und Betten, kein Versprechen, kein Schwur haben geholfen. Ich fühlte mich von allen verlassen. Von allen. So wollte ich nicht mehr weiterleben. Doch als ich über die Balustrade blickte, da konnte ich auch nicht springen. Ich war zu feige, oder nicht lebensmüde genug. Dann kam die Zofe in mein Zimmer, und den Rest kannst du dir denken. Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe, aber ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Ich weiß, der Plan war nicht ausgereift, aber ich hatte keine Gelegenheit…“ „Das will ich nicht wissen! Wieso, bist du hier?“ Sie starrte ihn verständnislos an. „Du hast mich trauern lassen! Hast du in deinem tollen Plan auch nur EINMAL an die Menschen in deiner Nähe gedacht? Hast du auch nur einen Gedanken an die verschwendet, die dich lieben? Du kommst hier her und zitierst mich in diese Absteige, als wäre nichts gewesen!“ „Nein habe ich nicht! Wie hätte ich sollen? Dir einen Brief schicken und dich vorwarnen? Es wäre viel zu riskant gewesen, dieses Vorhaben schriftlich an dich zu schicken, außerdem hatte ich dazu keine Gelegenheit gehabt. In Arvia hätte niemand in Anwesenheit von Onkel Acardo meinen Brief zu dir gebracht ohne dass Acardo ihn vorher gelesen hätte. Gerade du solltest ihn doch kennen! Außerdem, so wirkte es wirklich echt, du hättest, wenn du eingeweiht gewesen wärest, niemals überzeugend sein können…“ meinte Aelis noch flapsig. Das war wohl zu viel für Darion, denn er preschte wie ein Berserker auf sie zu, dass sie sich unwillkürlich vor ihm duckte, da sie befürchtete, er wolle sie schlagen, als er seine Hand hob. Doch er schlug sie nicht, er packte sie nur am dreckstarren Kragen und schüttelte sie. „Ich sollte dich... ich sollte...“ Er unterbrach sich und stieß sie von sich weg. Aelis strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und blickte Darion fassungslos an. So hatte sie ihn noch nie erlebt. War das wirklich ihr längster und innigster Freund? Ja, er war ein Choleriker, das war allgemein bekannt. Aber verstand er sie nicht? Darion löste seinen Geldbeutel von seinem Gürtel und warf ihn ihr vor die Füße. Der dumpfe klingende Aufprall des vom Lederbeutel gedämpften Münzen zerriss die Stille. „Bleib eine Nacht hier“ sagte Darion und leise und wandte sich ab. „Aber wenn nicht vor Sonnenaufgang verschwunden bist, schleife ich dich höchst selbst vor deinen Onkel.“ Dann verließ er die Schenke.

Aelis blieb mit gemischten Gefühlen zurück. Fassungslosigkeit, Scham, Wut, Trauer… all diese über sie hereinbrechenden Gefühle ließen ihr heiße Tränen in die Augen steigen, die unbarmherzig über ihre Wangen perlten. Das war also übrig geblieben von dieser beinahe lebenslangen Freundschaft. In der höchsten Not dachte er nur an sich, und ließ sie im Stich. Das schmerzte. Außerdem gesellte sich zu all diesen hereinbrechenden Gefühlen noch eine Unruhe. Das Wissen, dass sie nur eine Nacht hatte. Dabei war sie so müde und konnte nicht mehr. Sie war ganz umsonst den langen Weg hier her gekommen. Unfähige Wut und Resignation erfasste sie. Dann setzte sie sich wieder, und legte ihren Kopf auf ihre verschränkten Arme auf der Tischplatte, wo sie sich in den Schlaf weinte, den sie schon so dringend brauchte. Als sie urplötzlich wieder erwachte, blickte sie sich um. Die Schenke war menschenleer, und das Feuer war gänzlich hernieder gebrannt, nur die Glut gloste schwach vor sich hin. Aelis sprang auf, lief zur Türe und öffnete diese. Es war noch dunkel. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, und wann die Sonne aufgehen würde. Aber sie wusste, dies war die Stunde ihres Aufbruchs. Sie ging langsamen Schrittes zurück zu ihrem Tisch, schulterte ihre Tasche und kramte aus Darions Geldbeutel eine silberne Münze, die sie auf den Tisch legte. Es war weitaus mehr, als sie dem Wirten für das Bier und die fade Suppe schuldete, aber das interessierte sie in diesem Augenblick nicht. Schneller, als sie in die Hütte zurückgegangen war, verließ sie diese und trat in die dunkle Nacht. Sie blickte sich kurz um, überlegte, wohin sie gehen sollte, aber ihr fiel nicht ein, wohin bei den Geschwistern sie jetzt noch gehen sollte. Darum ging sie irgendwo hin. Nur weg vom Dorf, weg von Darion Malistaer, den sie nun offenkundig auch zum Feind hatte. Wenn sie noch hoffen durfte, dann hoffte sie, dass er Stillschweigen bewahren würde. Sonst wäre sie bald eine Gesuchte, und irgendwann würde sie die Inquisition aufgreifen. Weiter wollte sie nicht denken. Sie lief und lief, bis die Sonne aufging. Und noch viel weiter. Der Tag war wolkenverhangen und kühl, ein Wind fegte über die weite Flur, zauste ihr von hinten Kleid und Mantel, trieb ihre Schritte schneller voran als sie selbst vermocht hätte zu laufen. Der Wind verschluckte jegliche Geräusche in ihrem Ohr, und als die leise donnernden Schritte eines Pferdes auf der Wiese vernahm, oder vielmehr das Beben spürte, war es schon zu spät. Und was hätte es gebracht, vor einem Reiter davonzulaufen? Aelis wandte sich nicht um. Hände legten sich auf ihre Schultern und rissen sie herum. Sie blickte in Darions Gesicht, das immer noch von Gram und Wut gezeichnet war. „Was? Was willst du noch von mir? Ich war längst vor Sonnenaufgang weg, Darion Arrun Malistaer!“ schimpfte sie. „Hast du es dir anders überlegt und bringst mich jetzt doch zu Onkel Acardo?“ „Steig auf“ befahl er ihr und ruckte mit seinem Kopf zu dem Pferd welches wenige Meter entfernt dastand, flankiert von Darions Bluthunden. „Nein, ich steige nicht auf. Ich hab schon verstanden. Lass mich in Ruhe, ich werde nicht mehr in dein Leben treten“ protestierte sie. Doch Protest und Borstigkeit halfen nicht. Erst recht nicht bei Darion. Letzten Endes saß sie doch auf seinem Pferd, er dahinter. Wohin er sie brachte verriet er nicht. Er verriet gar nichts. Er sprach nicht, er antwortete nicht auf Fragen, sodass Aelis schwieg. Immerhin, wenn er nicht sprach, so war das die Gelegenheit, sich erneut zu erklären. Ab und an wandte Aelis ihren Kopf und sprach zu Darion. „Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst, Darion. Aber lass dir wenigstens erklären. Versetz dich doch einmal in meine Lage. Ich weiß, das ist schwer, denn du bist ein Mann. Ein freier Mann. Du kannst tun und lassen, was du willst. Ich bin eine Frau, und auch wenn ich einmal meinen Willen durchsetzen und der Inquisition beitreten durfte, bedeutet das nicht, dass ich frei bin. Ich wollte nicht, dass du um mich trauern und durch mich leiden musst. Aber versteh doch, dass ich keine andere Wahl hatte. Du hast doch mitbekommen, was bei der Verurteilung der beiden Verräter geschehen ist. Onkel Acardo war rasend wütend auf mich. Er wollte mich unverzüglich sprechen und hat danach sofort alles in die Wege geleitet, ein Schiff auslaufen lassen, das uns nach Avalé zum Tempel bringen sollte. Nur weil wir in Arvia Halt gemacht haben, habe ich eine einmalige Gelegenheit bekommen, diesem Schicksal zu entfliehen. Hätte ich das alles von langer Hand planen können, wäre ich zu dir gekommen Darion, meinem engsten und liebsten Vertrauten. Aber das war mir nicht vergönnt. Zwei Monde, ja. Aber ich konnte zu Fuß nicht schneller sein. Ich habe mich sofort auf den Weg zu dir gemacht. Sofort. Nichts anderes hatte ich im Sinne, als sofort zu dir zu kommen. Nur zu dir, zu sonst niemandem. Hätte ich ein Pferd gehabt, hätte es lediglich einige Tage gedauert. Und dass ich nicht einfach nach Melanhál marschieren konnte, das muss dir auch klar sein. Darum hab ich dich in diese Absteige zitiert. Ich bin müde Darion, so müde. Ich habe keine Kraft mehr und es geht mir sehr schlecht. Ich habe die letzten zwei Monde nichts anderes gemacht als zu laufen und zu laufen. Ich habe wenig geschlafen, wenig gegessen… Ich spüre ich selbst kaum mehr. Ich erwarte nicht, dass du mir sofort verzeihst. Aber wenn ich dir noch etwas bedeute, dann verzeih mir irgendwann. Und versuche, mich zu verstehen…“ Es sprudelte regelrecht aus ihr hervor, aber selbst danach schwieg Darion noch.

Als es dämmerte, hatten sie ihr Ziel erreicht. Eine kleine, unscheinbare Hütte im Nirgendwo. Aelis und Darion stiegen ab und er brachte sie in die Hütte. Die Vollstreckerin blickte sich um, während Darion ein Feuer machte. Es sah aus wie eine kleine Jagdhütte. Ein Bärenfell und einige Geweihe hingen an der Wand. Ein Bett stand im Eck, auf der anderen Seite befand sich eine Feuerstelle über der ein Kessel hing, darüber ein Rauchfang, ein Tisch, vier Stühle in der Mitte des Raumes, eine Truhe an der anderen Seite gegenüber der Feuerstelle. Es war einfach und hölzern, aber es fehlte augenscheinlich an nichts. Darion verließ die Hütte und kam nach einer Weile wieder zurück. „Diese Hütte gehört mir. Niemand kennt diesen Ort, abgesehen von mir und Tiros. Du wirst hier Essen und Trinken finden, es sollte für mehr als eine Woche reichen. Du wirst hierbleiben, bis ich weiß, was ich mit dir mache. Du wirst dich langweilen, aber du wirst sicher sein. Ich komme wieder, so schnell ich kann“ erklärte er ihr. Er blieb noch eine Weile, wo sie schweigend zusammensaßen und aßen, dann ging er. Aelis legte noch Feuerholz nach, danach streckte sie sich auf dem Bett aus, und schlief alsbald erschöpft ein.

Es dauerte zwei Tage, bis Aelis sich in dieser Hütte zurechtgefunden und einigermaßen arrangiert hatte. Darion hatte Recht behalten, sie langweilte sich hier zu Tode. Aber die entbehrungsreichen vergangenen zwei Monde ließen es vorerst sowieso nicht zu, dass Aelis etwas anderes tat, als zu essen und zu schlafen. Sie war erstaunt, wie einfach das war. Erst nach zwei Tagen schlug Aelis ihre in Leder gebundene und kunstvoll punzierte Abschrift der Lehren der Zwei auf, um sich die Zeit mit Lesen zu vertreiben. Am Anfang der Welt stand das Geschwisterpaar Janus und Idalia in gleißend hellem Licht. stand da geschrieben, und Aelis schloss die Augen, um den Text, den sie in-und auswendig konnte, zu rezitieren. „Sie schufen die ersten Menschen nach dem Abbild ihrerselbst, hochgewachsen, kraftvoll und schön an Gestalt. Golden das Haar, wie von der Sonne geküsst, hell die Haut wie das Licht, das die Zwei stets umgab, die Augen blau wie der unendlich weite Himmel, so grün wie die saftigen Wiesen, so dunkel wie die nährende Erde. Im Geiste leidenschaftlich, untadelig und rechtschaffen. Das Land, das Janus und Idalia ihnen schenkten, nannten sie fortan Arcanis, das göttliche Wort, ‚das einzige Land‘…“ Aelis öffnete ihre Augen wieder, als sie ein Pferd draußen hörte. Nur wenig später trat Darion in die Hütte. Er war immer noch recht schweigsam und mürrisch, aber man konnte erkennen, dass er sich schon allmählich beruhigt hatte, was sehr angenehm war.

Nachdem sie gemeinsam einen Eintopf zubereitet hatten, setzte sich Darion draußen vor der Hütte auf einen Baumstumpf, und löffelte in seinem Eintopf herum, Aelis setzte sich in das Gras ein wenig abseits von Darion, aber ihm zugewandt, in den Schneidersitz. Ihre Schüssel ruhte in ihrem Schoß und während sie schweigend aßen, warf sie ihm immer wieder erwartungsvolle Blicke zu. Wann hörte er endlich mit dem Schmollen auf? So konnte das doch nicht weitergehen! Außerdem gab es viele Fragen, auf welche sie zu gerne Antwort erhalten würde. Stets dachte sie an Devin. Sie vermisste ihn schmerzlich, sie wollte wissen, wie es ihm erging, was er tat, wo er war, ob er an sie dachte, ob er sie ebenso vermisste, oder ob er sie verfluchte und verdammte… die letzten zwei Monde hatte sie nichts an Neuigkeiten erfahren können. In der Abgeschiedenheit des Landes, zwischen den Bauerndörfern verbreiteten sich Neuigkeiten, mochten sie auch noch so sensationell sein, kaum bis sehr, sehr langsam. Es war, als hätte Darion Aelis‘ Gedanken gelesen. „Devin hat das Land verlassen, vermutlich jedenfalls. Manch einer sagt er erhole sich irgendwo am Meer, aber ich denke wir Beide wissen es besser. Ich habe Tiros damit beauftragt ihn zu suchen. Erst stürzt er dich ins Unglück und dann versteckt er sich... er hat eine Verantwortung dir gegenüber und ich werde dafür sorgen, dass er die erfüllt!“ grollte er vor sich hin. Aelis versetzte es einen kleinen Stich ins Herz, als Darion diesen Namen aussprach, den sie so lange nicht mehr ausgesprochen und nur in ihren Gedanken rezitiert hatte. Aelis stellte ihre Schüssel neben sich ins Gras. „Nein, Darion du irrst“ begann sie ruhig. „Er hat mich weder ins Unglück gestürzt, noch ist er einfach abgehauen. Lass mich dir sagen, wie es wirklich war. Ich habe Devin aufgesucht, nachdem Varon gestanden hatte. Devin wusste, dass ich Varon verhaften habe lassen. Er wusste, dass ich ihn verhören würde, und dennoch ist er nicht abgehauen. Er hatte die Gelegenheit dazu, aber er ist geblieben, und hat auf mich gewartet in Tarrunath. Ich habe ihn mit all den Vorwürfen konfrontiert, und er hat mir die Wahrheit gesagt. Er hat nichts beschönigt oder versucht sich in Ausreden zu flüchten. Ein Teil von mir versteht jetzt sogar, warum er dies alles getan hat. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass er nicht einfach abgehauen ist. Er stand mir Rede und Antwort. Ich habe seinen engsten Vertrauten und Freund verhaften lassen. Er wusste das. Er wusste auch, dass, egal, was passieren würde, Varon sterben würde. Und dennoch hat er mir gesagt er kann mich nicht hassen, und hat mir vorgeschlagen, wir könnten dennoch heiraten und einen Neuanfang machen. Was er nicht bedacht hat, war, dass er durch Varon selbst ins Visier der Inquisition gerückt ist. Ich habe diesen Abend noch mit ihm verbracht, und im Morgengrauen habe ich ihn verlassen. Wirklich verlassen. Ich habe seinen Ring abgelegt und ihm einen Brief hinterlassen. Bei Idalia, ich habe ihm geschrieben, dass es mir zu wenig ist, nur eine Ehefrau zu sein, und wir alle unsere Entscheidungen treffen. Dass er das Land verlassen soll, weil ich nichts mehr für ihn tun kann. Er mag ein Verräter sein, aber er trotz allem ein Ehrenmann der zu seinem Wort steht. Ich habe ihn verlassen und dadurch Verrat an seinem Herzen begangen. Darion, ich liebe Devin. Ich habe noch nie einen Mann so geliebt, wie ihn. Vor zwei Monden habe ich mich gegen ihn entschieden, und für den Glauben. Aber nun, da er aus meinem Leben verschwunden ist, bereue ich diesen Schritt. Ich will nur, dass es ihm gut geht. Aber ich vermisse ihn jeden Tag schmerzlich. Ohne ihn bin ich nichts mehr. Ich will auch gar nichts anderes, als ihn, und mit ihm zusammen sein.“ Sie schloss die Augen und genoss die warmen Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht. In den letzten zwei Monden hat sich so vieles verändert. Ich bin nicht mehr dieselbe. Aelis von Avalé ist wirklich gestorben. Ich vermisse die Inquisition nicht, aber Devin vermisse ich…“ „Ich weiß es ist mehr als unwahrscheinlich, dass Tiros ihn findet, aber mein Freund kennt Leute, deren Rolle ich in unserer Welt lieber gar nicht wissen will. Sollte er ihn entgegen aller Erwartung finden, wird er ihn hierher bringen. Ich verspreche dir, ich tue ihm nichts... auch wenn ich ihn am liebsten umbringen würde. Dann sehen wir, was wir tun können.“ „Wenn Tiros ihn findet und ihm auch nur ein Haar krümmt, dann wird er mich kennenlernen. Und auch du, Darion Arrun Malistaer! Du wirst ihn weder umbringen, geschweige denn ihm sonst irgendwie schaden oder ihn beleidigen! Das würde ich dir nie verzeihen!“ grollte sie. „Aber auch wenn ich hoffe, dass Tiros ihn findet, ich glaube es nicht. Devin kann überall sein. Die Nordreiche sind so groß. Das ist wie eine Nähnadel im Heuhaufen.“ „Für den Fall, dass er ihn nicht findet, werde ich dich zu meinen Verwandten in Córalay schicken. Dort wirst du sicher sein, vor der Inquisition, vor irgendwelchen Widerständlern, vor deiner Familie... vor meinen Launen. Du wirst standesgemäß behandelt werden. Vielleicht kannst du dann endlich baden, du stinkst erbärmlich.“ Das entlockte Aelis ein Grinsen. „Bei den Geschwistern, ja! Aber ich rieche es schon längst nicht mehr. Wer hätte gedacht, dass ich je in so jämmerlichem Zustand sein werde! Meine Mutter würde einen Ohnmachtsanfall bekommen, von dem sie sich nie wieder erholen würde, wenn sie das wüsste… Die Tatsache, dass ich mich zwei Monde nicht vom Dreck befreien konnte, wäre schlimmer für sie als der Umstand erfreulich, dass ich noch am Leben bin.“ Sie schwieg für eine Weile und setzte dann an „Das ist eigentlich traurig. Ich habe mir immer ein innigeres Verhältnis zu meinen Eltern gewünscht. So wie sie es zu Aduan und Ariston pflegten. Aber ich war ja nur das wilde Mädchen. Ich vermisse die Eltern nicht, im Gegenteil. Aber meine Brüder vermisse ich sehr. Onkel Acardo… der kann mir gestohlen bleiben. Die Geschwister wissen ich habe ihn immer geliebt. Aber Liebe kann sich auch in Hass wandeln.“ Aelis wandte Darion ihr Gesicht zu. „Darion, ich stehe tief in deiner Schuld, und ich bin dir unendlich dankbar für das, was du für mich tust. Aber bitte, bring mir Seife und Hosen, anständige Stiefel, Tunika… eben etwas Anständiges zum Anziehen. Dieses Kleid da ist nur mehr gut genug, im Feuer zu vergehen…“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mi, 03. Mai 2017 19:36
von Devin
Eigentlich war es eine Schnapsidee, ausgerechnet in die Hauptstadt zu reisen, wenn man im ganzen Land gesucht wurde. Das wurde Devin schnell klar, als er in der Taverne ankam und sich die Schankmaid, die ihm damals von Varons Verhaftung erzählt hatte, mit angespanntem Gesichtsausdruck zu ihm beugte „Verschwinde besser von hier“, zischte sie. „Alles ist in Aufruhr seit die Todesurteile vollstreckt wurden. Soldaten patrollieren verstärkt hier im Viertel und es rumort überall. Wenn du ein Freund von Varon warst, bist du in der Stadt nicht sicher.“ Wie um ihre Worte zu unterstreichen, blickte sich die junge Frau nervös um und eilte dann davon. „Warte!“, rief ihr Devin hinterher, aber sie hörte nicht auf ihn. Devin reckte den Hals, um sie zwischen all den anderen Gästen in der vollen Taverne noch einmal zu sehen, aber sie blieb verschwunden und kam auch nicht mehr zurück in die Gaststube. Es war der Wirt höchst selbst, der einen Humpen Bier unsanft vor Devin auf den Tisch knallte und ihn dabei kritisch musterte. Länger als angemessen. Der Mann glotzte ihn regelrecht an und Devin schaute kühl zu ihm zurück, mit einem unguten Gefühl im Bauch und dem plötzlich aufkeimenden dringenden Wunsch, diesen Ort schnell zu verlassen. Der Wirt sagte kein Wort, zog nur demonstrativ etwas Rotze hoch und ging dann ohne Eile zurück zum Tresen.
Devin trank sein Bier und hatte es schließlich eilig, die Taverne hinter sich zu lassen. Als er im Hinterhof zu seinem Pferd wollte, stellten sich ihm plötzlich vier Männer entgegen. Worte waren da überflüssig, denn sie hatten schon ihre Waffen gezogen und näherten sich ihm entschlossen. Devin zog sein Schwert und konnte noch einen von ihnen unschädlich machen, bevor er von den anderen überwältigt wurde. Devin war zwar kein schlechter Schwertkämpfer, hatte sich aber allzu lange auf den Schutz seines Leibwächters verlassen. Einer Übermacht wie dieser war er nicht ansatzweise gewachsen. Das letzte, was er wahrnahm, war, wie sie ihm den Arm nach hinten bogen und auf ihn eintraten.

Er erwachte, als ihn ein Schwall eiskalten Wassers traf. Seine Lage war aussichtslos schlecht. Er befand sich in einem kalten, steinernen Raum mit einem vergitterten Fenster. Man hatte ihn gefesselt und an ein Seil gebunden, das von der Decke hing, so dass seine Arme weit überstreckt waren und er kaum noch Gefühl darin hatte. Und er war völlig nackt, übersät mit diversen Blutergüssen. Allerdings hatte er keine schweren Verletzungen, wie Devin nach einer schnellen Überprüfung erleichtert feststellen konnte. Nichts schien gebrochen. Außer seinem Stolz. Anscheinend wollte man ihn also nicht gleich töten.
Vor ihm stand ein Mann, dessen Gesicht er im Gegenlicht nicht erkennen konnte und zwei weitere standen etwas abseits.
„Wer seid ihr?“, fragte Devin heiser und blinzelte den Mann vor ihm an, soweit das möglich war, denn eins von Devins Augen war stark zugeschwollen „Die Frage ist eher, wer du bist“, erwiderte der Mann nachdenklich. Devins Gedanken überschlugen sich. Wo war er hier? In den Händen der Inquisition? „Ich will mit der Vollstreckerin Aelis von Avalé reden“, hörte sich Devin sagen und erntete schallendes Gelächter. „So, willst du das? Du bist wohl nicht auf dem Laufenden, was? Sonst wüsstest du, dass die Schlampe tot ist. Die ganze Stadt spricht davon. Du bist hier auch nicht bei der Inquisition. Noch nicht. Wir müssen erst sehen, welchen Preis wir für dich bekommen können.“ Der Mann kam Devin jetzt so nahe, dass Devin dessen fauligen Atem riechen konnte und nun erkannte Devin ihn auch wieder. Es war der Wirt.
Aelis ist tot…!? war trotz seiner eigenen Probleme Devins alles beherrschender Gedanke. Er versuchte, diese Information zu verarbeiten, aber in seinem augenblicklichen Zustand war das beinahe unmöglich. Er hatte das ungute Gefühl, er würde ihr bald folgen, wenn es ihm nicht gelang, seine Haut zu retten. „Ich bin ein Freund von Varon. Bringt mich zu Kollo. Er wird mich sehen wollen!“ versuchte er nun einen anderen Weg aus der Misere. Einen Moment lang glaube Devin Verunsicherung in den Augen des Wirtes zu sehen. Doch die legte sich schnell. „Sag mir deinen Namen“, verlangte der Mann und als Devin der Aufforderung nicht sofort nachkam, gab er den anderen Männern ein Zeichen zuzuschlagen.
„Mein Name ist Devin, Graf von Tarun“, beeilte sich Devin zu antworten, als er wieder Luft bekam. Er sah keinen Grund, ein Geheimnis aus seinem Namen zu machen. Die Schläge waren also vollkommen unnötig gewesen. Devin betrachtete seinen Peiniger mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Mann sah aus, als machte ihm das hier richtig Spaß. Devin sank jeglicher Mut. Diese Männer würden ihn nicht töten, wenn sie ihn noch an die Inquisition verschachern wollten. Angesichts der Dinge, die ihn dort erwarteten, wünschte sich Devin allerdings fast, er würde es schnell hinter sich haben.
Der Wirt machte eine Handbewegung, die die zwei Männer zurückweichen ließ, und schob sich wieder in Devins Gesichtsfeld. Er grinste zufrieden. Dann ging er wortlos hinaus und gab seinen Handlangern erneut ein Zeichen, worauf diese wieder zuschlugen. Ganz ohne Grund. Einfach, weil sie es konnten und ihnen Devins Gesicht nicht gefiel. Sie schlugen ihn so, dass sie keinen bleibenden Schaden anrichten konnten. Es sollte für die Inquisition noch genug übrig bleiben. Aber doch hart genug, dass Devin zwischendurch erneut das Bewusstsein verlor: Ebenso wie alle Hoffnung. Devin gab sich innerlich auf. Was gab es denn auch noch, wofür es sich zu kämpfen lohnte? Er hatte alles verloren. Alles, sogar Aelis.
Wenigstens schnitten sie ihn danach von der Decke los, so dass er kraftlos in eine Ecke sinken konnte. Seine Arme schmerzten, als das Blut wieder in ihnen zu zirkulieren begann. Devin dämmerte in einem Zustand zwischen Wachen und Schlaf dahin. Wie lange konnte er nicht abschätzen. Stunden? Tage? Wochen? Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Irgendwann hörte er Geräusche vor der Tür von seinem Gefängnis . Jemand kam und übergoss ihn erneut mit Wasser, bis er prustend wieder bei vollem Bewusstsein war. Er wurde unsanft hochgerissen. Man gab ihm Kleidung und zog ihm dann einen Sack über den Kopf, bevor man ihn hinaus führte. Dann war er draußen. Devin fühlte einen Windzug, atmete frischere Luft (soweit er das durch den Sack konnte) und hörte Pferde in seiner Nähe.

Aber anscheinend gab es ein Problem, denn jetzt vernahm er laute Stimmen, die miteinander stritten. Devin wurde fortgezogen und festgehalten. Dann eskalierte der Streit zu einem Kampf. Devin hörte das Klirren von Schwertern und das Ächzen von Männern. Neue Hoffnung flammte in Devin auf. Dies war der Augenblick zur Flucht! Leider kam er nur zwei Schritte weit, bevor er wieder ergriffen wurde. Diesmal wehrte sich Devin verzweifelt und versuchte, sich von seinen Fesseln zu lösen. Vergeblich. Er war zum Spielball unterschiedlicher Interessen geworden, die ihn als ihre Beute betrachteten. Der Kampf dauerte noch eine Zeit, dann wurde es stiller um ihn.
„Aufsitzen“ befahl eine fremde Stimme, die ihm auf ein Pferd half und ihm schließlich den Sack vom Kopf nahm. Devin fand sich in einer Gruppe Unbekannter wieder, von denen jetzt alle bis auf einen in unterschiedliche Richtungen davon ritten. „Was geschieht hier?“ fragte Devin seinen Begleiter und verzog vor Schmerz das Gesicht, als er auf das Pferd stieg. Anscheinend war eine seiner Rippen gebrochen.
„Später“ erwiderte der Mann barsch. „Wir müssen erst aus der Stadt heraus“.
Doch auch außerhalb der Stadt, als sie über weite Felder ritten, wurde der Mann nicht gesprächiger. Das einzige, was aus ihm herauszubekommen war, war dass der Mann Tiros hieß und ihn zu seinem Herrn führte. Als Devin dann den Namen Malistaer hörte, entspannte er sich sichtlich. Darion! Das war wirklich ein Lichtblick in all der Dunkelheit. Wenn ihm jetzt noch jemand helfen konnte, dann Darion. Obwohl…. Je länger Devin darüber nachdachte, desto weniger sicher war er sich da. Ein Stich schien ihm durch den ganzen Körper zu gehen, als ihm erneut klar wurde, dass Aelis tot war. Wollte Darion ihm wirklich helfen oder hatte er ganz eigene Interessen? Wollte er vielleicht sogar Rache? Devin gefiel das nicht, aber ein erneuter Fluchtversuch machte keinen Sinn. Devin war noch immer an den Händen gefesselt und sein Pferd wurde von Tiros geführt, Er musste darauf hoffen, dass Darion ihm helfen würde. Er vertraute darauf. Im blieb auch keine andere Wahl.

„Wie ist sie gestorben?, “fragte Devin seinen Begleiter nach langem Schweigen. Tiros sah ihn zuerst nur verständnislos an, dann aber verstand er und antwortete zu Devins Erstaunen sogar darauf. So erfuhr nun auch Devin in einer sehr knappen Kurzfasssung von Varons letzten Worten, Aelis‘ Verbannung und ihrem Sturz vom Turm. Devin schloss die Augen und schien auf seinem Pferd noch weiter zusammen zu sacken. Zu seinen Schmerzen im Brustkorb gesellte sich nun ein tiefes Gefühl der Reue. Er mochte alles verloren haben, aber das hatte Aelis ebenso und Devin gab sich die Schuld daran. Tiros sah ihn von der Seite an, als wollte er noch etwas hinzuzufügen. Dann überlegte er es sich jedoch anders und schwieg. Eine Plaudertasche war Tiros nicht.

Die Reise zu Darion gestaltete sich schwieriger als von Tiros erwartet. Sie sahen des öfteren kleine Gruppen Soldaten in der Ferne, so dass sich Tiros gezwungen sah, Devins Pferd frei laufen zu lassen. Er wollte nicht bereits aus der Entfernung den Eindruck zu erwecken, einen Gefangenen mit sich zu führen. Das wäre zu auffällig gewesen. „Wenn du abhaust, töte ich dich“, knurrte Tiros, ließ sich allerdings nicht erweichen, auch Devins Handfesseln zu lösen. So groß war sein Vertrauen dann doch nicht, obwohl ihm Devin mehrfach versicherte, auch freiwillig zu Darion zu folgen. Ein paar Mal versteckten sie sich abseits des Weges, als ihnen Soldaten zu nahe kamen. Tiros fluchte. „Bring ihn einfach her“, äffte er grummelnd die Stimme Darions nach. Als wenn das so einfach wäre. Das Gelände war offen und sie waren weithin sichtbar. Daher blieben sie vorsichtig.
Vorsicht allein genügte aber nicht. Nur kurze Zeit später kamen ihnen zwei Reiter entgegen, denen sie nicht ausweichen konnten. Soldaten. Sie kamen direkt auf sie zu. Devin warf Tiros einen Blick zu, in dessen Gesicht sich deutlich die Anspannung widerspiegelte. „Schneid meine Fesseln los und gib mir eine Waffe“, forderte Devin, sah jedoch sofort den Unwillen in Tiros‘ Miene. „Es wird zu viele Fragen aufwerfen, wenn du einen Gefangenen mit dir führst und zu zweit haben wir größere Chancen.“ Tiros zögerte noch immer. Die Männer kamen näher. Schließlich schnitt er tatsächlich Devins Fesseln durch. „Eine Waffe! Gib mir eine Waffe, Mann! Ich werde nicht fliehen"drängte er. In Tiros‘ Gesicht arbeite es erneut. Erst als deutlich das Abzeichen der Inquisition auf den Rüstungen der Männer erkennbar war, reichte er Devin einen kleinen Dolch. „Das soll eine Waffe sein? Das ist ein Brieföffner!“ beschwerte sich Devin kurz, ließ den Dolch aber schnell unter seiner Kleidung verschwinden.
Natürlich ging es nicht gut aus. Die Soldaten glaubten die Geschichte nicht, die Tiros erzählte. Sie nahmen Devin näher in Augenschein und am Ende zogen alle die Waffen. Devin konnte mit seiner Waffe nicht viel ausrichten, es reichte aber, um einen der Männer abzulenken, bis Tiros den anderen getötet hatte. Den zweiten erledigten sie gemeinsam. Allerdings wurde Devin dabei vom Schwert des Soldaten am Bein getroffen. Nur eine Fleischwunde zwar, aber die Blutung ließ sich auch durch einen Verband nicht stoppen.
Sie verscharrten die Leichen der Soldaten eilig am Wegrand und machten sich dann wieder auf den Weg. Mittlerweile befanden sie sich schon auf den Ländereien von der Malistaers. Der Tod der beiden Soldaten würde Darion in Schwierigkeiten bringen. Blieb zu hoffen, dass die Leichen nicht allzu schnell entdeckt wurden.

Es war nicht mehr weit bis zu der Hütte, zu der Tiros Devin bringen sollte. Dennoch warf Tiros Devin immer wieder besorgte Blicke zu. Sein Auftrag war, Devin lebend dorthin zu bringen. Momentan verlor der Graf zu viel Blut. Sein rechtes Bein war schon von Blut durchtränkt. Es sickerte bereits in seine Stiefel. Zusammen mit all den anderen Blessuren, die sich deutlich in Devins Gesicht abzeichneten, gab er einen sehr erbarmungswürdigen Anblick ab. Blass und zusammengesunken hockte er auf dem Pferd und konnte sich kaum mehr darauf halten.
„Wir sind da!“ sagte Tiros schließlich und sprang bereits vom Pferd, um dem Verletzten zu helfen. Devin hob müde den Kopf und blickte zu der Hütte vor ihnen „Das ist es? Ich hatte mir Darions Anwesen größer vorgestellt“ scherzte er noch, stöhnte dann aber laut auf, während er gestützt von Tiros zur Hütte humpelte. Tiros stieß die Tür zur Hütte auf und schleppte den Verletzten zu einem Bett. Devin verzog das Gesicht, genoss dann aber die Entspannung und Ruhe, die ihn plötzlich umgab, als Tiros die Hütte verließ. Vor der Tür waren Stimmen zu hören. Tiros sprach mit jemandem. Dann wurde die Tür erneut aufgerissen, ein Wassereimer polterte zu Boden und eine Frau beugte sich über Devin. „Aelis…?“ Devin streckte die Hand nach ihr aus. Das konnte nicht sein. Es musste ein Trugbild sein. Aelis war tot! Er war verletzt und fantasierte bestimmt bereits. Dennoch war es so real. Sie sah aus wie Aelis. Wunderschön wie eine Lichtgestalt. Vielleicht war er schon tot und jetzt bei ihr im Jenseits? Devin lächelte selig und als ihm Aelis entschlossen die Hose herunter zog, um sich voller Besorgnis seine Verletzung am Oberschenkel anzusehen, runzelte er die Stirn und grinste leicht dümmlich. Diese Geste kam ihm doch sehr bekannt vor. „Du bist das wirklich, oder? …“ flüsterte er, bevor es schwarz um ihn wurde.

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mo, 08. Mai 2017 1:19
von Darion
Darion verbrachte mehr Zeit draußen bei Aelis, als bei sich zu Hause. Eigentlich kam er nur wieder zurück, um ein paar Dinge zu holen. Hier mal ein Stück Seife, ein paar alte Kleider von ihm, die Aelis viel zu groß sein dürften oder andere Vorräte, wie Dörrfleisch oder auch mal eine Flasche Wein. Das fiel natürlich auf, dass der Herr des Hauses so selten zu Hause war, aber Darion ignorierte die Blicke und die halb geflüsterten Fragen. Auch versuchte er tunlichst seiner Frau aus dem Weg zu gehen. Es tat ihm leid, dass er ihr nichts sagte und er machte sich Gedanken darüber, was sie nun wieder von ihm halten möge, doch wie sollte er es ihr sagen? Gar nicht, das war die beste Lösung für alle. Immerhin hatte es weniger Fragen aufgeworfen, als er seine Hunde mit zur Hütte genommen hatte, denn wenn er unterwegs war, waren die Tiere stets seine Begleiter. Aelis und Darion waren ein paar Hundert Meter von der Hütte entfernt, nahe eines kleinen Teiches. Im Prinzip war es nur eine etwas tiefere Ausbuchtung in felsigem Untergrund, die nun ein paar Wochen nach der Schneeschmelze voll mit Wasser war. Wenn man etwa um die Mittagszeit hierher kam, war das Wasser sogar recht angenehm. Er saß mit dem Rücken zum Wasser und lehnte an einem kleinen Felsen. Von hier konnte er über das ganze brachliegende Land sehen und würde einen Reiter schon weitem erkennen können. Während Aelis badete, kaute er auf einem Stück Dörrfleisch herum und wurde dabei misstrauisch von seinen Hunden beäugt, die zu gerne etwas von der Leckerei haben würden. „Weißt du,“, rief er Aelis über die Schulter zu, „ich habe über deine Worte nachgedacht und ich verstehe es nicht. Du sagst du hättest ihn verraten, weil du ihn verlassen hast, dabei hast du bloß deine Pflicht und deine Ehre als Vollstreckerin verraten. Du hast ihm das Leben gerettet, auf Kosten deines Eigenen.“ Darion hielt für einen Moment inne, als er merkte, wie ihm bei der Erinnerung an ihren vermeintlichen Tod wieder diese hilflose Wut in ihm aufstieg. „Ich frage dich Aelis, was war der größere Verrat? Der Verrat an dem Mann den du liebst und von dem du glaubst, nein hoffst, dass er dich ebenso liebt oder der Verrat an allen, denen du etwas bedeutet hast? Mir, deinen Brüdern, deinem Onkel? Ich weiß du hasst ihn, aber du hast ihn nicht gesehen. Dein Tod hat ihn gebrochen und ich könnte nicht sagen, ob er sich davon erholt. Was ich aber sagen kann, sollte er herausfinden, dass du das alles nur vorgetäuscht hast, wird ihn das umbringen. Und das, ganz egal wie sehr ich ihn dafür verurteile, zu was er dich getrieben hat, das kann ich ihm nicht antun.“ Letzten Endes wurde Darion doch weich und warf seinen Hunden etwas von dem Fleisch hin. Sofort machten sie sich darüber her und Darion schloss einen Moment die Augen. Er genoss das milde Wetter und versuchte die Bauchschmerzen zu ignorieren, die ihn seit ein paar Tagen quälten. Ein schlechtes Gefühl hatte sich in ihm breit gemacht, aber er konnte nicht sagen, wo es herrührte. Vielleicht machte er sich Sorgen, dass es eine falsche Entscheidung war, Aelis zu helfen. Vielleicht war es auch nur seine Wut auf sich, wenn ihn solche Gedanken heimsuchten. Darion öffnete die Augen und sprang erschrocken auf. Zwei Reiter hatten sich unbemerkt der Hütte genähert und eilten auf diese zu. Er lief schnell zu Aelis, ihm war es egal, dass sie nackt war, immerhin war es nicht das erste Mal, dass er sie so sah. „Zieh dich an, da kommt jemand.“ Dann eilte er zur Hütte.
Eigentlich konnte das nur Tiros sein, aber so schnell? Er legte die paar hundert Meter in leichtem Trab zurück und trat in dem Moment an die Hütte heran, als Tiros aus ihr heraus kam. „Ist er es?“, rief ihm Darion zu. Tiros nickte und Darion schaute ihn irritiert an. „So schnell?“ Der Söldner nickte erneut. „Der Kerl war nicht schwer zu finden. Er war in der verdammten Hauptstadt! Hat sich gefangen nehmen lassen. Hat nicht lange gedauert, da hab ich von einem Verräter gehört, der an die Inquisition verkauft werden soll, da dachte ich mir, das guck ich mir mal an, vielleicht weiß der Verräter ja, wo ich unseren Grafen finde. Wusste ja nicht das ER es selbst war.“ Darion klopfte seinem Freund auf die Schultern. „Gut gemacht... Was ist das?“ Darion legte seine Hand auf einen großen Blutfleck an Tiros' linkem Bein. „Ist seins. Wir sind auf Soldaten getroffen, nicht weit von hier. Die haben mir meine Geschichte nicht geglaubt, also mussten wir... improvisieren.“ „Scheiße!“, donnerte Darion, als Aelis angelaufen kam. Er scheuchte sie förmlich hinein und folgte ihr dann. Am liebsten würde er Devin den Hals umdrehen, dafür welche Schwierigkeiten er mit sich brachte. Doch als er sah, in welch elendem Zustand sich der Graf befand, verflog sein Ärger. Aelis eilte zu Devin ans Bett und nach einem kurzen Wortwechsel, verlor dieser das Bewusstsein. Sie sprang auf und stampfte auf Tiros zu. Darion erkannte was sie vorhatte und ging dazwischen. Er packte sie bei den Armen und zerrte sie von seinem Mann weg. „Hör auf!“, brüllte er sie an. „Es war nicht seine Schuld! Soldaten patrouillieren durch meine Länder, der Zusammenbruch meines Lebens hat auch schon begonnen. Nur weil ich einmal zu oft aus kindlichem Trotz diesem Schwanzlutscher Lepos die Stirn geboten habe. Und das ich euch beiden helfe, setzt dem noch die Krone auf!“ Darion atmete schwer. „Aber ich hab mich dafür entschieden und nun stehe ich dazu, komme was wolle.“ Er ließ Aelis wieder los. „Selbst wenn Janus persönlich kommt um euch zu holen. Ich bin genau so ein Verräter wie ihr und das nur, weil ich dir treu bin! Also zeig etwas Respekt denen gegenüber, die mir treu sind!“

In hartem Galopp war Darion nach Hause geeilt. Devin hatte schon in kurzer Zeit das Laken voll geblutet und wenn sie die Blutung nicht nachhaltig stoppen würden, würde die Wiedersehensfreude nur kurz sein. Aelis war auf die geniale Idee gekommen die Wunde mit Feuer zu verschließen. Sie kannte sich damit aus, immerhin hatte sie schon dem ein oder anderen Verurteilten brennendes Eisen auf die Haut gedrückt. So hatten Tiros und Darion den Grafen festgehalten, während Aelis mit glühender Klinge zu Werke ging. Das Problem, welches sich nun unweigerlich ergeben hatte, war das eine Brandwunde eben auch nicht eben eine Genesung darstellte. Sie brauchten Verbände, Laken, Kleider, Medizin – einfach alles. Deshalb rannte Darion nun durch die Flure seines Anwesens und suchte alles hastig zusammen. Kurz bevor er das Haus wieder verlassen konnte, stellte sich ihm seine Frau in den Weg. „Leria?“, stieß er hervor. „Oh wie schön, du erkennst mich also noch.“ Darion schnaubte ärgerlich. „Dafür habe ich keine Zeit.“ „Wieso? Ist jemand wichtiger als die Frau die dein Kind trägt?“ Am liebsten hätte er sie mit einem simplen „Ja“ abgefertigt, aber er brachte es nicht über sich. „Natürlich nicht.“ Sie verpasste ihm eine Ohrfeige. „Ich dachte du wolltest mich nie wieder anlügen!“ Darion warf in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände in die Luft. „Ich kann es dir nicht sagen. Aber bitte glaub mir, es ist alles in Ordnung.“, log er und erntete einen skeptischen Blick. „Ich bin nicht dumm, Darion.“, zischte Leria. „Vielleicht solltest du noch mehr Verbände einstecken, dann musst du nicht so schnell wieder kommen.“ Darion blickte sie ungläubig an. „Woher...“, begann er irritiert. „Weil ich in einem Lazarett geholfen habe, in genau dem Krieg, indem du Ritter gespielt hast. Weil mein Vater dachte, das würde mir die Flausen austreiben. Weil ich mehr bin, als nur deine nutzlose Gattin!“ Darion starrte beschämt zu Boden. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass seine Frau zu so etwas in der Lage war. „Nun ...“, begann er erneut, „ich liebe dich und unser Kind. Und ich würde nie etwas tun, was euch gefährdet, das musst du mir glauben. Deshalb kann ich dir nichts sagen, aber bitte vertrau mir.“ Seine Frau blickte in scharf an. „Nimm mich mit.“ „Was?“, entfuhr es ihm. „Du hast mich schon verstanden. Du willst mich nicht gefährden, wieso lässt du mich dann schutzlos hier? Allein. Einsam. Mir könnte sonst was passieren. Außerdem kann ich mit dem Zeug da besser umgehen als du. Du willst das ich dir vertraue, dann musst du damit anfangen mir zu vertrauen.“ Darion deutete auf sie unsicher was er sagen sollte. „Aber, aber… aber in deinem Zustand!“ „Ich bin schwanger Darion! Nicht krank!“ Darion seufzte. „Es wird dir nicht gefallen.“, warnte er sie. „Schlimmer als hier zu bleiben“, entgegnete sie, „und nichts zu wissen, würde mir noch weniger gefallen.“
So hatte er sie mit genommen. Sie hatten das Pferd Lerias genommen, um sein eigenes zu schonen. Er konnte zwar nicht so schnell reiten wie zuvor, aus Rücksicht auf seine Frau, doch im Nachhinein war er erleichtert. Dieses Versteckspiel hatte an seinen Nerven gezerrt. Als sie ankamen dämmerte es bereits. Darion half seiner Frau beim Absteigen und führte sie hinein. Ungläubig riss sie die Augen auf, als sie die lebende Aelis und den flüchtigen Devin erblickte. Einen Moment herrschte betretenes Schweigen, dann räusperte sich Darion. „Devin ist fast verblutet. Aelis hat vorgeschlagen die Wunde mit Feuer zu schließen. Jetzt… haben wir andere Sorgen.“ Das riss Leria aus ihrer Lethargie. Sie nickte und begab sich zu Devin. Sie war nicht gerade zimperlich, als sie seine Wunde begutachtete. Darion hatte erwartet sie würde sich etwas zieren, aber anscheinend war das wirklich nicht das erste Mal, dass sie solche Wunden sah. Verdammte Elfenmagier, schoss es ihm durch den Kopf. So viele Soldaten waren unter den Flammen dieser Spitzohren gefallen – natürlich kannte jedes Lazarett und jeder Helfer in einem solchen Brandwunden. Darion und Tiros verließen die Hütte und überließen den Verletzten den Frauen. Sein Freund blickte ihn besorgt an. „Glaubst du das ist klug? Sie hier, meine ich.“ Darion zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich war ja auch dumm genug einen Verräter aufzunehmen.“


Darion hockte draußen auf dem Baumstumpf und hatte den Kopf in den Händen vergraben. Mit beinahe dreißig fühlte er sich mindestens doppelt so alt. Die letzten Tage hatten ihn beinahe noch mehr ausgelaugt, als die zwei Monde der vergeblichen Suche und Trauer. Er hatte das Gefühl, er säße vor den Trümmern seines Daseins, obwohl er bloß in der Abgeschiedenheit seiner Hütte zwei Hochverräter versteckte und sich somit selbst des Hochverrats schuldig machte. Doch niemand wusste von diesem Ort, niemand, es gab überhaupt keinen Grund sich Gedanken zu machen und dennoch, er konnte nicht anders. Seine Abwesenheit würde auffallen, auch wenn die Tatsache das Leria mit ihm hier war, einige Zweifel zerstreuen würde. Beinahe musste er bei dem Gedanken daran, dass manch einer meinen könnte, sie wäre hier um ungestört zu vögeln, lachen. Beinahe jedenfalls. Er spürte wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und er ergriff sie. Sie war klebrig von Blut und fettig von irgendeiner Salbe, die die Frauen gemeinsam angerührt hatten. Aelis kannte das Rezept wohl noch von ihrer Ausbildung zur Vollstreckerin. Die Salbe sollte gegen die Verbrennung helfen, denn wer solche Wunden zufügte, sollte auch dafür sorgen, dass die Gefangenen nicht vorzeitig das Zeitliche segneten. Nachdem Devins Wunde mit Feuer verschlossen wurde, hatte wenigstens die Blutung aufgehört, doch Brandwunden waren auch nicht ohne. Jeden Tag musste sein Verband gewechselt werden. „Der Schorf ist aufgerissen. Wir brauchen frische Verbände. Bald Darion, sehr bald.“ Darion warf seiner Frau einen Blick zu und nickte. Er stand auf und ließ sie sich setzen, dann schenkte er ihr einen Becher Wein ein, den sie dankbar annahm. „Ich sehe mal nach den Beiden.“ So leise wie er konnte betrat er die Hütte. Aelis saß am Bett und hatte den Kopf auf der Kante liegen. Es hatte den Anschein als ob sie eingeschlafen war. Darion konnte es ihr nicht verdenken, immerhin wachte sie Tag und Nacht über den verletzten Devin. Sie hatten ihm etwas gegen die Schmerzen gegeben, aber er war bei Bewusstsein. Darion ging vor ihm in die Knie, legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte zu, sodass Devin ihn ansehen musste. „Ich weiß nicht was du hiervon Verdienst.“, flüsterte er ihm zu. „Den Schmerz? Die Hilfe? Ganz egal, aber du wirst es ihr vergelten.“ Er nickte zu Aelis. „Ansonsten -“ „Darion!“, rief Leria von draußen. Darion sprang auf. Etwas in der Stimme seiner Frau alarmierte ihn. „Wach auf.“, stieß er Aelis mit dem Fuß an und eilte dann hinaus.
Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er eine Gruppe Reiter in scharfen Galopp näher kommen sah. Vermutlich hatten sie den Rauch des Feuers gesehen, dass seit Tagen ununterbrochen brannte, um den verletzten Devin warm zu halten. Darion zählte sechs Reiter, alle in schwarz gekleidet. Verdammt! Hatte ihn etwa die Inquisition hier gefunden? Der Gedanke war absurd, denn wieso sollten sie überhaupt nach ihm suchen. Aber wer sollte sonst so weit weg von allen Wegen zielsicher auf sie zusteuern? Wegelagerer lagerten, wie der Name schon vermuten ließ, in der Nähe von Wegen. Flüchtlinge? Verräter? Ihm wäre in diesem Moment alles lieber. Die Tür der Hütte ging auf und Aelis wollte hinaus kommen. „Rein mit dir.“, herrschte er sie an. „Euch darf keiner sehen!“ Er scheuchte sie wieder hinein und wartete dann mit Leria, dass die Reiter näher kamen. Zu seinem Schrecken stellte er fest, dass es sein verhasster Vollstrecker war. Lepos, diese Gossenratte von einem Vollstrecker. „Ihr seid schwer zu finden, Euer Gnaden.“, rief dieser ihm zu und Darion hörte die Bosheit in seiner Stimme. „Nicht schwer genug.“, knurrte Darion, als die Reiter nahe genug waren. Er ärgerte sich, dass er Tiros fortgeschickt hatte. Ein Mann seines Schlages mehr hier und es sähe um einiges besser aus. „Ich hoffte Euch in Eurem Anwesen aufzufinden. Zur Sicherheit habe ich ein paar Männer dort gelassen, solltet Ihr in meiner Abwesenheit zurück kommen, aber nun hat sich das erledigt. Darf ich fragen was Ihr hier draußen macht?“ Die Reiter schwärmten aus und umstellten die Hütte und Darion. Zwei Männer stiegen ab und brachten sich bei der Hütte in Stellung. „Was könnte ein Mann mit seiner Ehefrau hier wohl machen?“, gab Darions schroff zurück. Ihm brannte die Frage auf der Zunge, wie er diesen Ort gefunden hatte, doch er wollte diesem Mistkerl keinen Vorteil geben, indem er Unsicherheit zeigte. Lepos lächelte amüsiert. „Bestimmt nichts, was man nicht auch im eigenen Bett tun könnte.“ Darion schnaubte. „Im eigenen Bett kann jeder vögeln. Hier draußen ist nochmal etwas ganz anderes.“ Plötzlich stand Leria neben ihm und legte ihm die Hand auf den Schritt. „Hier draußen wirkt der Schwanz meines Mannes fast noch größer.“, warf sie ein. Darion warf ihr einen schockierten Blick zu. Manchmal überraschte sie ihn mit ihrer forschen Art. Lepos fasste sie scharf ins Auge. „So so. Sagt mir Gräfin, erregt es Euch auch wenn Euer Mann sein Schwert in einen anderen bohrt? Werdet Ihr feucht zwischen den Beinen, wenn er Soldaten tötet?“ Leria atmete scharf ein. „Wollen wir es heraus finden?“ Darion schob seine Frau hinter sich. „Eigentlich nicht.“, warf Darion ein. „Aber wenn der ehrenwerter Vollstrecker mir weiter Untaten vorwirft, dann -“ „Dann ende ich wie meine Männer?“, brüllte Lepos. „Wie die beiden Soldaten die nicht weit von hier am Straßenrand verscharrt wurden? Ich frage mich wen sie verwundet haben, Euer Gnaden, denn Euch scheint es gut zu gehen. Die Spuren waren eindeutig und deshalb frage ich Euch nur einmal. Wer ist in dieser Hütte?“ Darion antwortete nicht und einer der Reiter kam etwas näher und hielt ihm das gezückte Schwert unter die Nase. Darion blieb weiterhin stumm und starrte bloß den Vollstrecker an. „Durchsuche!“, befahl Lepos und die beiden die abgestiegen waren, brachen die Tür zur Hütte auf.
Darion reagierte instinktiv. Er stieß seine Frau zu Boden, damit diese in Sicherheit war und packte den Schwertarm des Soldaten, der ihn bedroht hatte. Mit einem Ruck, riss er den Mann vom Pferd und rammte ihm den eigenen Dolch, den er ihm behände aus dem Gürtel gezogen hatte, in den Hals. „Tötet ihn!“, schrie Lepos hysterisch. Lärm drang aus der Hütte, doch Darion hatte keine Zeit dort nach dem Rechten zu sehen. Darion zog sein Schwert und riss gerade noch rechtzeitig seine Deckung hoch, um den Schwerthieb eines Reiters abzuwehren. Hektisch blickte er sich um. Gegen drei berittene Feinde konnte er nicht bestehen, das war ihm bewusst. Er duckte sich unter einem weiteren Schwerthieb hinweg und hechte zur Seite, um den nächsten an preschenden Feind zu entgehen. Er musste etwas gegen die Pferde tun. Ohne nachzudenken machte er einen Satz zum Lagerfeuer und riss ein brennendes Holzscheit heraus. Er spürte den Schmerz der Flamme, da hörte er schon das Donnern der Hufe, als der nächste Angriff bevorstand. Darion schmiss dem Pferd das brennende Holz entgegen. Das Tier wurde am Kopf getroffen und gab einen markerschütternden Laut von sich. Es bäumte sich auf, warf seinen Reiter ab und trat wild aus. Was Darion nicht geahnt hatte, war das Lepos auch zu einer Attacke angesetzt hatte, doch das Pferd, welches blind vor Schmerz von Sinnen war, stellte sich dem an preschenden Lepos entgegen. Die Pferde prallten zusammen und begruben den armen Soldaten unter sich. Der Vollstrecker wurde zur Seite geworfen und der letzte Soldat, sprang von seinem Pferd und näherte sich Darion vorsichtig. Nur noch einen Feind vor sich, war Darion voll fokussiert. Er wandte sich dem näher kommenden Soldaten zu und machte sich bereit. Das Schwert in einer halbhohen Abwehr wartete er auf den ersten Schlag seines Kontrahenten. Dieser kam auf etwa auf Hüfthöhe von rechts. Darion werde den Schlag ab, doch der Mann hatte das erwartet. Flink schlug er um und hieb nach Darions linkem Arm. Auch diesen Schlag werde Darion ab, blieb aber mit der Klinge seines Kontrahenten in Kontakt und stieß mit seinem Schwer nach dessen Kopf. Die Klinge fraß sich durch den Kiefer, ins Gehirn und zum Hinterkopf wieder hinaus. Dieser Schlagabtausch hatte zwischen zwei Herzschlägen stattgefunden. Darion wandte sich um, nun konnte er Aelis und Devin in der Hütte helfen. Doch er blieb wie angewurzelt stehen. Statt in die Hütte zu eilen, blickte er seiner Frau in die vor Angst weit aufgerissenen Augen. Hinter ihr stand Lepos und hielt ihr eine Klinge an die Kehle. „IHR!“, schrie der Vollstrecker wie ihm Wahn. „Ihr habt ALLES verraten, wofür wir stehen! Ihr werdet hängen! ICH werde Euch hängen.“ Darion machte einen Schritt auf ihn zu, doch Lepos drückte die Klinge nur tiefer ins Fleisch seiner Frau. „Kommt mir nicht zu nahe! Ich werde gehen und glaubt mir ich komme zurück!“ „Du kommst keine hundert Schritt weit, wenn du ihr was tust!“, drohte Darion. „Das werden wir sehen!“, rief der Vollstrecker und rammte Leria die Klinge in den Bauch. „NEIN!“, schrie Darion entsetzt und eilte zu seiner Frau, während Lepos zu einem der gesunden Pferde eilte. Er schwang sich in den Sattel, doch kurz darauf brach das Pferd zusammen und zerquetschte dem Vollstrecker das linke Bein. Ein Schwert ragte aus dem toten Tier heraus, doch Darion nahm das kaum wahr. Er hielt seine Frau ihm Arm und versuchte das Blut zurück zu halten, dass aus Lerias Bauch sprudelte. „Nein, nein, nein...“, wimmerte er. „Tu mir das nicht an. Bitte, bitte!“ Sie wollte etwas sagen, doch mehr ein blutiges Blubbern kam nicht hervor. Darion wiegte sie sanft hin und her, unfähig etwas zu tun. Dann wurde ihr Blick leer und ihr Körper erschlaffte. Mit bebenden Schultern fing Darion hemmungslos zu weinen an. Er schluchzte und schrie seinen Schmerz hinaus, bis er keine Stimme mehr hatte. Sich immer noch hin und her wiegend, starrte Darion ins Leere. Dann hörte er ein Stöhnen. Ganz sanft bettete er Lerias Kopf auf dem Boden und stand auf. Mit unsicheren Schritten und schwindeligem Kopf stampfte er zu dem Pferdekadaver. Lepos versuchte sich unter dem Tier hervor zuziehen. Ehe er es sich versah, hatte Darion ihm so oft mit dem Schwert auf das Knie eingeschlagen, dass der untere Teil seines Beins, unter dem Pferd bleiben konnte, ohne Lepos weiterhin an diesen Ort zu binden. Mit ausdrucksloser Miene kniete sich Darion auf den Verletzten und rammte ihm das Schwert in den Bauch. [18]Er schnitt ihm die Bauchdecke auf und warf dann das Schwert zur Seite. Mit beiden Händen griff er in die Wunde und riss dem Vollstrecker buchstäblich die Eingeweide heraus. Der Mann schrie und Darion nutzte die Gelegenheit und stopfte ihm den eigenen Darm in den Rachen. Er zerfledderte ihn förmlich, selbst dann noch, als der Mann schon lange Tod war.[/18] Blutbesudelt ließ Darion von dem Vollstrecker ab und wandte sich der schockierten Aelis zu, die dort inmitten des Schlachtfelds stand. „Ich hab meine Liebe verloren...“, hauchte er tonlos, „um deine zu retten. Wieso bin ich nicht wütend auf dich.“ Er kam ein paar Schritte näher und brach vor ihr zusammen. Er krallte sich in ihre Kleider. „Hilf mir...“, bettelte er und wusste selbst nicht, wobei sie ihm helfen sollte. Er wusste nur eins, er konnte nicht mehr.

Ein paar Tage später saß Darion ihm Dorftempel, der Leichnam seiner Frau auf dem steinernen Tisch, immer noch in dem blutigen Gewand. Er hatte nicht erlaubt das sie jemand berührt. Er hatte Aelis und Devin mitgenommen, denn jetzt, wo die Hütte gefunden wurde, waren sie in seinem Haus weit sicherer. Vermummt und verkleidet hatte er sie in sein Anwesen schmuggeln lassen, direkt nachdem er seinen Wachen befohlen hatte, auch den letzten Soldaten der Inquisition abzuschlachten. Seinen Befehl rechtfertigte er mit dem Leichnam seiner Frau, die, so stellte er es ja eigentlich vollkommen richtig dar, von dem unehrenhaften, wahnhaften Vollstrecker Lepos ermordet worden war. Niemand im Dorf wagte es ihm zu widersprechen, im Gegenteil. Anteilnahme und Trauer hielten Einzug. Leria war beliebt gewesen, ein jeder hatte mehr oder weniger etwas für sie übrig gehabt. Vor dem Tempel häuften sich Grabbeigaben. Ein jeder gab etwas um der verstorbenen Gräfin zu huldigen. An Darions ungeborenes Kind, dachte kaum einer. Es wurde bereits ein großer Scheiterhaufen angelegt. Das Holz kam von überall, wo es zu finden war. Die Kosten waren völlig egal. Die Tür zum Tempel ging auf und Gerda kam mit einer Schale Wasser und einem Kleid über dem Arm hinein. „Euer Gnaden? Ich denke es wird Zeit.“ Darion hob den Blick und nickte. Ja, die Beisetzung konnte nicht länger warten. Gerda zog der Toten das blutige Kleid aus und begann sie ganz vorsichtig zu waschen. Darion verfolgte das ganze mit ausdrucksloser Miene. Er hatte keine Tränen mehr zu vergießen, keine Stimmte mehr zum Klagen, keine Wut mehr um zu toben. Er war leer.
Gerda war zärtlich zu der Toten. Darion musterte die Frau genauer. Eigentlich kannte er sie schon ewig. Als er noch als kleiner Junge hier war, lebte sie auch schon mit ihrer Familie hier und als Darion als Ritter und neuer Graf Malistaer zurückkehrte, war sie auch hier gewesen. Gerda war, so glaubte er, etwa zwei Jahre älter als er selbst, helles blondes Haar und trotz der harten Zeiten, durch die sie alle gegangen waren, ziemlich gut genährt. Er fühlte sich schlecht, wie er sie anstarrte und langsam ertrug er die Stille nicht mehr. „Wie alt ist dein Junge?“, kam es von ihm, da es das erste war was ihm einfiel. Sie hielt kurz inne und blickte ihn an. „Mein Junge? Ich denke Ihr wisst genau wie alt er ist.“, meinte sie, während sie mit ihrer Arbeit weiter machte. Darion wusste tatsächlich wie alt ihr Sohn war. Beinahe acht. Er wusste auch wie alt ihre Töchter waren. Vier und ein Jahr alt. „Ja.“, gestand Darion. „Ich weiß wie alt deine Kinder sind. Wie geht es ihnen?“ Gerda hielt erneut inne und starrte ihn, beinahe vorwurfsvoll, an. „Woher das plötzliche Interesse an meinen Kindern, Euer Gnaden? Weil Ihr ihnen den Vater genommen habt oder weil Ihr Eure Frau verloren habt?“ Erschrocken blickte sie zu Boden. „Verzeiht, i-ich weiß nicht -“ „Beides.“, unterbrach Darion sie ruhig. Er war nicht in der Lage noch zornig zu werden. „Berthol war ein guter Mann. Es tut mir leid um ihn.“ Gerda nickte. „Ja Berthol war ein guter Mann. Wir beide wissen was er war und was er nicht war. Er war ein guter Ehemann, ein treuer Untertan, aber er war einfach kein Vater.“
„Ich denke,“ begann Darion, „der Junge ist alt genug. Ich nehme ihn unter meine Obhut. Ich werde für ihn sorgen.“, flüsterte er und stand auf. Gerda sah ihn dankbar an, doch dann mischte sich Trauer in ihren Blick. „Und die Mädchen?“ Darion blickte betreten zu Boden. „Ich brauch nur einen Knappen.“ Es war nun mal eine Tatsache, dass Frauen keine Ritter werden konnten. Selbst die adeligen Damen die in der Kavallerie dienten, waren keine echten Ritter und wurden mit skeptischen Blicken begutachtet. Ähnlich wie die einzig wahre Vollstreckerin. „Und nur einen Erben oder Darion?“, fragte Gerda leise. Er antwortete nicht darauf und wandte sich ab. In der Tür hielt er inne. „Wie heißt er eigentlich?“ Gerda legte den Kopf schief. „Ardan.“

Die Begräbniszeremonie war schlicht. Arvid, Darions Adjutant und allgemeiner Dorfvorsteher, hielt eine kleine Rede, dann wurde Lerias Leichnam auf den Scheiterhaufen gelegt. Das Fundament dieses Gebildes bildeten die zwölf toten Soldaten, in Lampenöl getränkt und mit Reisig zugeschüttet. Darion entzündete das Feuer und sah zu, wie es seine Frau und sein ungeborenes Kind verzehrte. Zurück in seinem Anwesen, ließ er Ardan, Gerdas Jungen und Gehilfen des Stallburschen zu sich bringen. Der Knabe trat nervös von einem Fuß auf den anderen, während Darion ihn musterte. Darion stand auf und kniete sich vor den Jungen. Er blickte ihm in die hellblauen Augen. „In deinem Alter wurde ich fortgeschickt.“, begann Darion. „Fort von hier, fort von zuhause, nur damit ich ein Ritter werden kann. Ich finde du bist alt genug, um eine wichtige Entscheidung zu treffen.“ Der Junge nickte. „Ja Euer Gnaden.“, murmelte er halblaut. Darion bemühte sich um ein mildes Lächeln. „Ich werde dich nicht fortschicken, aber ich biete dir die gleiche Chance an.“ Der Knabe sah ihn mit großen Augen an. „Ist das ein ja?“ Eifriges Nicken beantwortete Darion Frage. „Gut, dann lauf nach Hause und sage deiner Mutter, sie soll dir alles mitgeben was du brauchst. Du lebst ab sofort in meinem Haus.“ Der Junge eilte zur Tür, aber blieb nochmal kurz stehen. „Und meine Mama und meine Schwestern?“, fragte er. Darion biss sich auf die Lippe. Es gehörte sich so nicht. „Die auch.“, murmelte er dennoch und der junge lief freudestrahlend davon. Es klopfte hinter ihm und als er sich umdrehte, standen da Aelis und Devin in der offenen Tür. Sie hatten es mitbekommen, aber das war nicht weiter tragisch. Offenbar wollten sie nun wissen wie es weiter gehen sollte. Darion hatte nicht mit ihnen gesprochen, seit er sie hierher gebracht hatte. Er räusperte sich. „Nun… Ihr sollt wissen, ich mache euch keinen Vorwurf. Was passiert ist, war genauso mein Verschulden, wie …“, er stockte. Einen Moment lang sammelte er sich. „Meine Entscheidung steht immer noch, Aelis. Hier ist es nicht sicher, deshalb schicke ich dich zu meinen Verwandten. Devin, für dich kann ich nicht sprechen, aber wenn du uns begleiten willst, darfst du das gerne tun.“ Darion atmete einmal tief durch. „Wir brechen auf, sobald du kannst Devin, denn egal was ist, du bleibst nicht in meinem Haus.“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Do, 18. Mai 2017 9:26
von Aelis von Avalé
Während Aelis in dem Weiher badete, und bedächtig das glitschige Seifenstück über ihre Haut rieb, verfolgte sie mit den Augen die kleinen und großen Schaumbläschen, welche es auf der Haut zurückließ. Die letzten Wochen waren für Aelis eigentlich recht entspannt gewesen. Sie hatte sich von all dem Strapazen, dem Aufruhr und der Anstrengungen erholt. Im Gegensatz zu Darion, der sie sehr oft aufsuchte, wenn es nicht Tiros war, und ihr Kleinigkeiten brachte, die sie sich erbat, oder ihr Gesellschaft leistete. Aelis war Darion unermesslich dankbar für das, was er für sie tat. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass er so oft bei ihr war, denn sie wusste, dass Leria mit seinem Kind hernieder ging und sicher nicht besonders erbaut sein würde, ihn so oft missen zu müssen. Nichts anderes hatte sie zu tun gehabt, als zu schlafen, zu essen, spazieren zu gehen, zumindest im unmittelbaren Umkreis und Wäldchens des Anwesens, und all das trug sehr viel dazu bei, dass sie sich bald wieder fast wie die alte Aelis fühlte. Fast. Die innere Unruhe, die ihr stets innewohnte, die konnte nichts und niemand vertreiben. Nur einer vermochte dies. Doch dieser war irgendwo in den Nordreichen, oder wussten die Geschwister, wo, und ihre Gedanken drehten sich nur um diesen einen Mann und Tiros, der beauftragt worden war, ihn zu finden. Täglich betete Aelis zu den Zweien, auch, wenn sie nicht sicher war, ob es nicht blasphemisch war, dass Tiros ihn finden, und wohlbehalten hierher bringen würde. Darion unterbrach ihre Gedanken, und sie ließ die Seife sinken. „Weißt du, ich habe über deine Worte nachgedacht und ich verstehe es nicht. Du sagst du hättest ihn verraten, weil du ihn verlassen hast, dabei hast du bloß deine Pflicht und deine Ehre als Vollstreckerin verraten. Du hast ihm das Leben gerettet, auf Kosten deines Eigenen.“ Aelis lauschte seinen Worten und schwieg. Eigentlich hatte Darion Recht. Sie hatte Devin nicht verraten. Auch, wenn Devin dies vielleicht nicht bewusst war, aber sie hatte nur sich und die Ihren verraten, um ihn zu schützen und zu bewahren. Aelis wurde von diesem Bewusstsein ergriffen, wie selbstlos Liebe war. Zu diesem Bewusstsein mischten sich Zweifel, das Richtige getan zu haben, aber auch die bittere Eitelkeit, die stets mitschwang, wenn man glaubte das Richtige getan zu haben ohne dafür Dank oder Anerkennung bekommen zu haben. „Ich frage dich Aelis, was war der größere Verrat? Der Verrat an dem Mann den du liebst und von dem du glaubst, nein hoffst, dass er dich ebenso liebt oder der Verrat an allen, denen du etwas bedeutet hast? Mir, deinen Brüdern, deinem Onkel? Ich weiß du hasst ihn, aber du hast ihn nicht gesehen. Dein Tod hat ihn gebrochen und ich könnte nicht sagen, ob er sich davon erholt. Was ich aber sagen kann, sollte er herausfinden, dass du das alles nur vorgetäuscht hast, wird ihn das umbringen. Und das, ganz egal wie sehr ich ihn dafür verurteile, zu was er dich getrieben hat, das kann ich ihm nicht antun.“ Aelis schloss die Augen, als ob das helfen würde, Darions Worte aus ihrem Kopf zu vertreiben. Aber sie konnte diese Gedanken nicht vertreiben, die immer stärker werdenden Schuldgefühle, wann immer sie an all die Geschehnisse dachte. Sie hatte rein aus egoistischen Absichten gehandelt, hatte nur an sich gedacht. Wenn man es nüchtern betrachtete, so hätte Devin nur ein Schicksal verdient für den Verrat, den er begangen hatte. Aber das hätte Aelis nicht ertragen. Doch sie hatte ihre Strafe von den Geschwistern für all das schon erhalten, dass sie Devin ihr Leben gelassen hatte, mit ihm sündig geworden war und ihn vor seiner gerechten Strafe bewahrt hatte. Sie hatte alles verloren. Ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Stellung bei der Inquisition, ihr Ansehen und ihren Ruf, Devin, und beinahe noch Darion. Darion war das einzige, das die Geschwister ihr nicht genommen hatten. Sie saß hier in Darions Jagdhütte, mittellos und einsam, und alles was sie noch hatte war ihr nacktes Leben, ein paar von Darions Gewändern, aus welchen er über die Jahre ein wenig herausgewachsen war, die ihr aber dennoch viel zu groß waren. Aber was zählten all die materiellen Dinge? Eins war ihr noch geblieben. Darions selbstlose und bedingungslose Liebe und Freundschaft. Die war über all den Zerwürfnissen und Ereignissen geblieben, und das war kostbarer, als alles andere. Aelis seufzte schwer auf. „Ich hasse Onkel Acardo nicht. Ich kann es nicht. Ich liebe ihn selbstverständlich noch“ sagte sie leise. „Er war für mich immer wie ein Vater, und ich habe ihm so viel zu verdanken. Ich wünschte, ich könnte ihn wieder in mein Leben lassen. Doch wie du sagst, das kann ich nicht…“ Aelis legte das Stück Seife ins Gras und spülte mit einigen bedächtigen Handbewegungen den Schaum von ihrem Körper.

Plötzlich wurden die Hunde unruhig und Darion sprang auf. „Zieh dich an, da kommt jemand.“ Aelis erschrak und kletterte aus dem Weiher, ergriff die Gewänder und zog sie sich eilig über ihren nassen Körper. Wer, bei den Geschwistern war das? Die beiden Reiter näherten sich der Hütte und sie erkannte Tiros. Ihr Herz wurde von Hoffnung erfüllt, als sie daran dachte, wer der andere Reiter sein könnte und so eilte sie zu Darion und Tiros. Darions Körperhaltung verriet Anspannung, der zweite Reiter war nicht zu sehen. „Was ist los?“ rief Aelis und warf abwechselnd Tiros und Darion einen fragenden wie auch fordernden Blick zu. Doch niemand antwortete ihr, stattdessen scheuchte Darion sie in die Hütte hinein. Beim hineinlaufen stieß sie einen Eimer Wasser um, der ihr im Weg stand. Aelis blickte sich um und sah jemanden am Bett liegen. Ihr Herz tat einen Sprung, denn sie wusste im selben Augenblick, dass es nur Devin sein konnte. Mit zwei Sätzen war sie am Bett, voller Liebe und Erleichterung war ihr Blick, dann prallte sie zurück. Devins Gesicht war schwer gezeichnet von Blessuren. Er hatte einiges an Schlägen einstecken müssen, getrocknetes Blut klebte verkrustet unter seiner Nase, sein linkes Auge war dunkel blutunterlaufen, Schrammen lugten zwischen den Bartstoppeln in seinem Gesicht hervor. Bei den Geschwistern, was war nur passiert? Dann entdeckte sie den dunklen, feucht glänzenden Fleck an seinem Hosenbein und all das vertrocknete Blut. Sie schluckte schwer und fiel vor dem Bett auf die Knie. Sie war fassungslos, aber Devin lächelte sie geistesabwesend an. Die Vollstreckerin zerrte an seinem Hosenbund, befreite ihn von den Beinkleidern. Eine böse aussehende Stichwunde klaffte da, und auch seine Beine waren voll von blauen Flecken und geronnenem Blut. Er lächelte immer noch. „Du bist das wirklich, oder?“ stieß er hervor. „Ja… ja.. ich bin es, Devin…“ beeilte sie sich zu sagen, und ergriff seine Hand. „Ich bin hier, jetzt wird alles gut, Devin…“ sagte sie, doch sie erhielt keine Antwort mehr, denn Devin hatte die Augen geschlossen. „Nein!“ flüsterte Aelis heiser und wurde von nacktem Entsetzen ergriffen. Eilig legte sie ihre Finger an seinen Hals um seinen Puls zu suchen. Erleichterung machte sich in ihr breit, als sie ihn fand. Er war nur ohnmächtig geworden, was in Anbetracht seines Blutverlustes und der sicherlichen Anstrengung nicht verwunderlich war. Aelis ließ schweigend ihre Augen auf ihm ruhen. Er sah so klein aus, nicht so wie der Devin, den sie kannte. Dann wurden ihre Augen dunkel und ebenso dunkle Gedanken umwölkten sie. Tiros. Was hatte er ihm nur angetan? Plötzlich kam Leben in die junge Frau. Sie erhob sich und wirbelte herum, ihre Blicke suchten Tiros. Er stand unbeteiligt da, und Aelis stürmte zornig auf ihn, zu allem bereit. Sie wusste nicht, was sie ihm antun wollte, aber sie wusste, sie wollte irgendetwas tun. Ihn Ohrfeigen, ihm an die Gurgel gehen, ihm einen Stoß versetzen, ihn anbrüllen. Doch Darion kam ihr zuvor und zerrte sie von Tiros weg, noch bevor sie etwas hatte tun können. Mit eisernem Griff hielt er sie fest. „Hör auf!“ brüllte er. Und erklärte ihr, wie die Sache sich verhielt und verhalten hatte. Er ließ Aelis wieder los. „Selbst wenn Janus persönlich kommt um euch zu holen. Ich bin genauso ein Verräter wie ihr und das nur, weil ich dir treu bin! Also zeig etwas Respekt denen gegenüber, die mir treu sind!“ Aelis starrte zu Boden und blickte Tiros schuldbewusst an. Dann legte sie ihm eine Hand auf die Schulter und drückte zu. „Entschuldige, Tiros. Ich bin dir sehr dankbar, dass du ihn hierher gebracht hast…“ sagte sie zerknirscht. „… Aber uns liegen doch schon allen die Nerven blank!“ rechtfertigte sie sich, mit einem Blick auf Darion und seinem Wutausbruch und wandte sich dann wieder Devin zu. Ein großer Blutfleck hatte sich auf dem Laken ausgebreitet. „Er verblutet, wenn wir nicht rasch handeln!“ meinte sie und begann unruhig im Raum auf und abzuschreiten. Was konnten sie tun? Ärzte waren sie alle keine, und Zeit, nach einem Arzt, noch dazu nach einem verschwiegenen, zu schicken, war keine. Ihr Blick fiel auf die Feuerstelle und den Schürhaken, und trat sie entschlossen an die Feuerstelle heran und steckte den Schürhaken in die Glut. „Wir müssen der Blutung Einhalt gebieten. Wir brennen die Wunde aus“ entschied sie. Doch nach längerem Nachdenken war der mit Ruß verdreckte Schürhaken nicht das Mittel der ersten Wahl, und so bediente sie sich Darions Dolch, denn Darion pflegte stets seine Waffen. „Hol Wasser, Tiros“ bat sie Darions Freund, während sie vor der Feuerstelle hockte, und den Dolch in die Flammen hielt. Tiros tat, wenn auch grummelnd, wie ihm geheißen und nach einer Weile, in welcher Devin wieder zu sich gekommen, und das Wasser im Kessel über der Feuerstelle warm geworden war, begann Aelis Devin vom Blut und Schmutz zu befreien. Niemand sprach ein Wort, und erst als Devin gesäubert war, flüsterte Aelis Devin zu „Du musst jetzt deine ganze Kraft zusammennehmen. Wir werden die Wunde ausbrennen und somit die Blutung stoppen.“ Darion und Tiros packten Devin an den Armen und hielten Devin fest, während sich Aelis seiner Verletzung annahm. Die beiden kräftigen Männer hatten ihre Mühe, den sich wie wild gebärdenden Verletzten zu bändigen, als Aelis ihm mit zusammengekniffener Miene die heiße Klinge auf die Wunde zu drücken.

Als es vollbracht war, musste Aelis die Hütte verlassen, um frische Luft zu schnappen. Den Geruch von verbranntem Fleisch und gestockten Blut ertrug sie nicht, nicht, wenn es Devin war. „Das ist ein Alptraum…“ murmelte sie sich selbst zu, schloss die Augen und lehnte sich gegen die Hüttenwand. Doch es dauerte nur eine Weile, bis Darion ebenso aus der Hütte hastete und zu seinem Pferd lief. „Wohin gehst du?“ rief Aelis ihm zu, und er antwortete ihr, dass er Salben und Verbände holen wollte. Als auch Tiros die Hütte verließ, nahm Aelis die Gelegenheit wahr, Zeit alleine mit Devin zu verbringen. Ganz sicherlich hatte er Fragen, und ganz sicherlich wollte er darauf Antworten. Die Vollstreckerin holte eine Schüssel mit kaltem Wasser, einige Streifen Stoff und legte Devin eine kühlende Kompresse auf die Wunde, bevor sie sich einen Schemel an das Bett heranzog, worauf sie sich niederließ. Eine Weile schwieg sie, auf der Suche nach den passenden Worten. Aber würde es diese geben? Was sollte sie sagen, was nicht? Sie räusperte sich „Ich habe Fehler gemacht, Devin. Große Fehler. Als ich Entscheidungen getroffen hatte, erschienen sie mit in dem Moment als das einzig Richtige. Aber jetzt, im Nachhinein betrachtet, erkenne ich, dass es Fehler waren. Ich hätte zu dir kommen müssen und mit dir sprechen, anstatt Varon gefangen nehmen zu lassen. Das weiß ich jetzt. Ich wollte dich eigentlich auch nicht verlassen, Devin. Aber mir wurde klar, dass das kein gutes Ende nehmen würde, seit Varon verhaftet wurde. Mir war klar, dass die Inquisition sich auch dem Herren Varons ansehen würde. Und das wollte ich dir ersparen. Daher hatte ich keine andere Wahl, als zu gehen und dir nahezulegen, das Land zu verlassen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt war ich nicht bereit, alles hinzuschmeißen, deinetwegen. Ich wollte dir nicht in drei schnöden Sätzen Lebwohl schreiben. Ich wollte eigentlich etwas ganz anderes schreiben. Aber ich konnte nicht. Dann kam Varons und Danas Vollstreckung. Ich wollte eigentlich nicht, dass du erfährst, was sich zugetragen hat, aber ohne dem fehlt der Zusammenhang für das Spätere. Varon hat dich am Schafott angeklagt. Laut und deutlich vor allen, vor dem Volk, vor den Soldaten vor meinem Onkel, hat er dich, und auch mich angeklagt. Warum du nicht auch hier stehst, bereit für das Beil. Aber dass es natürlich nicht so wäre, weil ich es genösse, mich von dir ficken zu lassen. Das waren seine letzten Worte. Mein Onkel wurde rasend wütend und danach hat er mich zu einem Gespräch unter vier Augen zitiert. Ich habe ihn noch nie so zornig erlebt. Er meinte, ich sei eine Hochverräterin und für mich gäbe es jetzt nur mehr einen Platz. In einem Tempel weit weg von Irukhan. Was ich auch gesagt habe, es hat nicht geholfen, er hat sofort ein Schiff auslaufen lassen, welches uns bis nach Avalé bringen sollte. Zu meinem Glück machten wir eine Rast in Arvia, und dort, quasi eingesperrt in meine Gemächer, habe ich keinen anderen Ausweg gesehen, als meinem Leben ein Ende zu machen. Ich dachte mir ‚Spring doch einfach‘, aber ich wagte es nicht. Ich war einerseits lebensmüde, und auf der anderen Seite wieder nicht. Als eine Magd kam, die mir Essen brachte, habe ich dann diesen scheußlichen Entschluss gefasst. Ich habe ihr aufgetragen, die Kleidung zu wechseln und dann habe ich sie über die Balustrade gestoßen.“ Aelis schloss die Augen und legte ihre Hand über diese. „Ich bin nicht stolz darauf, und ich bete täglich zu den Geschwistern um Vergebung. Aber ich habe keinen anderen Ausweg gesehen. Ich dachte, wenn Aelis von Avalé totgeglaubt ist, hat all das endlich ein Ende. Aber ich habe mich getäuscht. Ich habe alle Brücken abgebrochen, und gleichzeitig bin ich doch nicht frei. Wenn mich jemand je sieht und erkennt, ich weiß nicht, was dann sein wird. Danach bin ich zu Darion geflohen. Zwei Monde querfeldein zu Fuß, ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffe. Du kannst dir vorstellen, wie wütend auch er war, ich dachte, er will mich umbringen…“ schmunzelte sie. „Aber Darion ist eben Darion. Mein bester, treuester und teuerster Freund… Was er alles auf sich genommen hat, mir zu helfen, ich weiß gar nicht wie ich ihm das je vergelten kann. Ich hatte den Plan, mit Tiros loszuziehen, um dich zu suchen. Aber wie es scheint, ist das jetzt auch nicht mehr nötig.“ Ein leises Lächeln stahl sich in ihr Gesicht und sie ergriff seine Hand. „Es tut gut dich wieder zu sehen. Diese drei Monde erschienen mir wie eine Ewigkeit…“

Am Abend kam Darion mit Verbandsmaterial und diversen anderen Nützlichkeiten zurück. Doch nicht nur damit, sondern auch mit seiner Frau Leria. Ihrem Blick zu entnehmen, hatte Darion sie nicht darauf vorbereitet, was Leria in dieser Hütte vorfinden würde, doch sie sagte nichts, als sie sich gemeinsam mit Aelis daran machte, Devins Wunden zu versorgen. Sie ließ höchstens durchblicken, dass es nicht schlau gewesen war, die Wunde auszubrennen, anstatt einfach nur die Blutung zu stoppen, wie etwa das Bein abzubinden, oder einen Druckverband anzulegen, doch sowohl Aelis, als auch Darion und Tiros waren allesamt keine Ärzte gewesen, und als es galt, schnell zu handeln, war das ihr Mittel der ersten Wahl gewesen. Etwa eine Woche kümmerten sich die beiden Frauen, gleichzeitig, oder abwechselnd, um die Wundversorgung des verletzten Grafen, und es schien, als würden sie alles richtig machen, oder zumindest einfach nur Glück zu haben. Die Wundheilung ging ordnungsgemäß vonstatten, und Devin erholte sich gut in der Zeit. Eines Tages wurde sie von einem unsanften Fußtritt Darions geweckt. Sie war müde gewesen, und wohl eingeschlafen. Ein wenig verwirrt blickte sie sich um, aber Darion war schon nach draußen gehastet. Neugierig, und mit einer gewissen aufgeflammten Unruhe, trat Aelis ebenso nach draußen, aber Darion scheuchte sie sogleich in die Hütte zurück. „Rein mit dir, euch darf keiner sehen!“ warnte er sie, und Aelis zog sich mit einem stets wachsenden unruhigen Gefühl in die Hütte zurück und verriegelte die Türe. Was ging hier nur vor sich? Sie sollte ihre Antwort schnell erhalten, denn nach einer kurzen Weile hörte sie Hufgetrappel, und nach einer weiteren Weile, in der Aelis angestrengt gelauscht hatte, hörte sie das Brüllen von Anginor Lepos. Die Vollstreckerin erstarrte. Wie, bei den Geschwistern, hatte er sie gefunden? Dass Lepos Darion hier draußen in der Einöde nicht nur einen Anstandsbesuch abstattete, sondern es hier einen eindeutigen Grund für sein Kommen gab, das lag klar auf der Hand. Was sollten sie nur tun? Aelis lief unruhig auf und ab, kam aber auf keinen grünen Zweig. Unbemerkt aus der Hütte zu flüchten war unmöglich und darüber hinaus unglaublich riskant. Zumal sie die Hütte ohnehin sicherlich umstellt hatten. Plötzlich hörte die Vollstreckerin, wie sich jemand an der Türe zu schaffen machte, ein Rütteln, ein Hämmern, ein Knacken, und schließlich das Krachen von berstendem Holz. In der Tür standen zwei Soldaten der Inquisition, entschlossen zu allem, während Aelis geschockt wie angewurzelt dastand, unfähig sich zu rühren. Sie erwachte erst aus ihrer Lethargie, als sie jemand an den Schultern nahm, und beiseite schob. Es war Devin. Erst als die beiden Soldaten tot am Boden lagen, und Devin nicht, realisierte sie, was in etwa passiert sein mochte.

Jetzt hielt sie nichts mehr in der Hütte. Der Tumult, der vorher von draußen noch vernehmbar war, war erloschen. Ihren Augen boten sich grausige Anblicke. Verletzte Pferde, die nicht mehr fähig waren, aufzustehen, darunter begrabene Soldaten, tote Soldaten hier und da… Erst als sie Darion sah, über Lepos gebeugt, der Vollstrecker tot, ausgeweidet, und gefüttert mit seinen eigenen Gedärmen, nur unweit davon der Leichnam Lerias, schlug sie sich entsetzt die Hand vor den Mund. Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein! Zwar hatten die Hände der Geschwister nicht schützend über den Männern der Inquisition gelegen, doch auch nicht über Darion, der seine Frau und ihr ungeborenes Kind verloren hatte. Darions Blick fiel auf sie. Ein leerer, gebrochener Blick. Er erhob sich und schleppte sich augenscheinlich mit letzter Kraft zu ihr. Er war über und über mit Blut bedeckt und besudelt, und als Aelis ihn betrachtete, lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Doch es lag nicht daran, wie Darion aussah, sondern vielmehr wie er sie ansah, und was ihr er sagte. „Ich hab meine Liebe verloren, um deine zu retten. Wieso bin ich nicht wütend auf dich.“ Sie schluckte schwer, um den Frosch in ihrem Hals zu vertreiben, aber das gelang nicht. Das vermochte sie ihm auch nicht zu beantworten. Zum einen befürchtete sie Darions Zorn, um anderen wünschte sie ihn sich herbei. Als Darion bei ihr angelangt war, fiel er vor ihr auf die Knie, krallte sich in ihre Hose und riss daran. „Hilf mir…“ wimmerte er, und Aelis‘ Herz fühlte sich wie ein Stein an. Sie ließ sich ebenso auf die Knie sinken, umarmte Darion und zog ihn zu sich heran. Sie hielt ihn fest in ihren Armen, wiegte ihn tröstend wie ein Kind, und begann ebenso wie er hemmungslos zu schluchzen. Ihre Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Die stets unausgesprochenen Gedanken, dass er niemals Leria hierher hätte bringen dürfen, obgleich auch nicht gesichert war, dass Leria in Melanhál in Sicherheit gewesen wäre. So oder so, das alles hatte sie nicht gewollt. Sie gab sich die Schuld daran. Darion hatte alles für sie und auch Devin riskiert und darüber seine Frau und sein ungeborenes Kind verloren. Aelis bezweifelte, dass dieses Ereignis ihre Freundschaft nicht auf eine harte Probe stellen würde. Nach all den vergangenen Ereignissen, all den Dingen, die Darion für sie getan hatte und sie stets in seiner Schuld stand. Als Aelis von Darion abgelassen hatte, und dieses große Blutbad noch einmal betrachtete, gab es nicht mehr zu tun, als Lerias Leichnam mit einer Decke zu schützen, und die verletzten Pferde von ihrem Leid mit dem Schwert zu erlösen. Die Zeit hier in Darions Jagdhütte jedenfalls war abgelaufen.

Darion nahm Aelis und Devin mit nach Melanhál, wo sie eher versteckt und geheim die nächsten, eher dunkel angehauchten Tage ihr Dasein fristeten, bis Lerias Feuerbestattung von statten gegangen war. Aelis zog es vor, bei der Bestattung nicht anwesend zu sein. Natürlich gab es plausible Gründe, fernzubleiben, denn es war das klügste, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Aber in Wahrheit blieb sie fern, weil sie es einfach nicht ertrug, weil sie sie sich immer noch die Schuld daran gab. Darion war die letzten Tage sehr schweigsam gewesen, und sie hütete sich, ihm mehr als nötig war, zu begegnen, oder mit ihm zu sprechen. Er war von Trauer erfüllt, das war nicht von der Hand zu weisen. Er wusste, dass er stets zu ihr kommen konnte, wenn er wollte. Was Aelis betraf, so war sie die letzten Tage auch eher schweigsam gewesen. Sie hatte Devin bislang nichts über ihre Gefühle für ihn sagen können. Sie hatte nicht über ihre Lippen gebracht, was sie ihm an dem Tag, als sie ihn verlassen, und ihm den Ring zurück gegeben hatte, eigentlich hatte schreiben wollen. Dass sie ihn liebte, dass sie gerne seine Frau hätte werden wollen, unabhängig davon, dass dieses Heiratsversprechen nur auf Onkel Acardos Zwang hin vollzogen worden wäre, und wenn die Umstände es letztendlich zugelassen hätten. Aber auch so waren ihre Lippen fest verschlossen, wenn es um ihre Gefühle für Devin ging. Lerias Tod hatte letztendlich auch dazu beigetragen. Und Darions Worte. Dass er seine Liebe verloren hatte, um die Ihre zu retten. Das verlieh dieser Liebe, die sie stets für Devin gehegt hatte, einen recht schalen Beigeschmack. Plötzlich erschien ihr das alles nicht mehr richtig und gerecht. Wie konnten die Zwei zulassen, dass Darion, der stets Gerechte, Aufrechte und Getreue, seine Ehefrau und sein erstes legitimes Kind verlor? Nur, um ihr zu helfen? War es eine Strafe der Zwei für seinen Hochverrat? Aber warum hatte die zerschmetternde Hand nicht sie, Aelis, oder ihn, Devin, den Verräter, getroffen? Warum? Das alles ergab keinen Sinn! Und wie konnte, nein, wie durfte sie sich an Devins Unversehrtheit erfreuen, wenn ihrem besten Freund alles genommen worden war? Zumal sie auch nichts um Devins Gefühle für sie wusste. In der ersten Woche waren sie im Grunde nie wirklich alleine gewesen, um sich auszusprechen. In der zweiten Woche war in allen der Schock über Lepos Erscheinen, samt Lerias Tod tief im Leib gesessen, so dass es nahezu frevelhaft gewesen wäre, über seine persönlichen Belange zu sprechen. Geschweige denn, sich einander zu nähern. Außerdem stand für Aelis auch Varons Tod unausgesprochen zwischen ihnen. Doch allmählich, ganz langsam, löste sich dieser Schock- und Trauerzustand bei Aelis auf, und sie wusste, dass die Zeit drängte, und dass die Zeit kommen würde, wo sie mit Devin sprechen musste. Als Darion von der Bestattung zurückkam, ließ er einen kleinen Jungen zu sich in die Halle kommen. Aelis stand zusammen mit Devin in einem steinernen Torbogen und beobachtete im Stillen Darions Tun. Eigentlich hatte sie ihn zur Rede stellen wollen, was nun weiter geschehen sollte, aber nun, da dieser Junge da war, wollte sie nicht in diese Situation hineinplatzen. Er kniete sich vor den Jungen und sprach mit ihm auf Augenhöhe. Was, das konnte Aelis nicht so Recht verstehen, da die große Halle seine Worte verschluckte. Die Vollstreckerin betrachtete den Jungen, und fand, dass er Darion, als dieser ein kleiner Junge war, da, wo sie sich kennen gelernt hatten, sehr, sehr ähnlich sah. Alles in dieser Begegnung, die Art, wie Darion mit dem Kind sprach, die Umstände und die Ähnlichkeit mit Darion, ließen kaum Zweifel aufkommen, wer dieser Junge sein dürfte. Aelis war überrascht darüber, schließlich hatte Darion niemals ein Wort darüber verloren. Nach einer kurzen Weile lief der Junge vergnügt an ihnen vorbei, hinaus aus dem Anwesen, und Darions Blick fiel auf die Beiden. Er winkte sie zu sich her, und zögerlich folgten Aelis und Devin seinem stummen Ruf. Er räusperte sich „Nun… Ihr sollt wissen, ich mache euch keinen Vorwurf. Was passiert ist, war genauso mein Verschulden, wie …“ Er unterbrach sich und Aelis senkte den Kopf. Er musste es gar nicht aussprechen. Natürlich war Aelis Schuld an dem Ganzen. Hätte sie sich Onkel Acardos Willen gebeugt, wäre alles anders gekommen. Nein, sie war egoistisch gewesen, und hatte damit all das Unglück heraufbeschworen. Sie schwieg und wartete, bis Darion weitersprach. „Meine Entscheidung steht immer noch, Aelis. Hier ist es nicht sicher, deshalb schicke ich dich zu meinen Verwandten. Devin, für dich kann ich nicht sprechen, aber wenn du uns begleiten willst, darfst du das gerne tun. Wir brechen auf, sobald du kannst Devin, denn egal was ist, du bleibst nicht in meinem Haus.“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Di, 23. Mai 2017 9:16
von Devin
Devin wünschte, er wäre länger bewusstlos geblieben. Oder er würde zu denen gehören, die alle Schmerzen klaglos wegstecken konnten. Falls es diejenigen wirklich gab. Devin bezweifelte es angesichts des Schmerzes, der ihn beim Ausbrennen der Wunde durchfuhr. Er schrie und starrte dann entgeistert auf seinen Oberschenkel, von dem der Übelkeit verursachende Geruch verbrannten Fleisches aufstieg. Schwitzend und schwer atmend sah er zu Aelis und war erleichtert, als sie sich mit ihrem Werk zufrieden gab und darauf verzichtete, den Dolch ein zweites Mal ins Feuer zu legen. Darion und Tiros ließen ihn los, woraufhin sich Devin zurück in die Kissen sinken ließ. Die Verletzungen waren schmerzhaft. Aber alles war leichter zu ertragen als die Angst, die ihn Tage zuvor gelähmt hatte, als er fürchten musste, an die Inquisition ausgeliefert zu werden. Es war wohl Ironie des Schicksals, dass er nun trotzdem von einer Vollstreckerin mit einem glühenden Dolch malträtiert wurde. Devin hätte sich nie träumen lassen, dass er dafür einmal dankbar sein konnte. Er verstand nicht, warum Tiros und Darion so viel riskiert hatten, um ihn zu retten und er war sich auch was Aelis betraf, nicht sicher. Aber er war ihnen allen dankbar. Für den Moment wähnte er sich in Sicherheit. Sah man von dem verdammten Schmerz in seinem Bein ab, war das ein gutes Gefühl.

Man ließ ihn kurz in Ruhe, dann kam Aelis allein zurück zu ihm in die Hütte. Sie behandelte zuerst schweigend seine Wunde weiter. Devin sah sie dabei lange an. Es war so viel geschehen, was er nicht verstand. Mittlerweile wusste er nicht mehr, was er denken oder fühlen sollte und die Schmerzen ließen wenig Platz für tiefschürfende Überlegungen. Schließlich begann Aelis zu sprechen und ihm alles aus ihrer Sicht zu erklären. Einiges wusste Devin schon von Tiros, doch in der Ausführlichkeit, in der Aelis ihm von Varons Worten berichtete und von den weiteren Folgen für sie, hatte er es weder gehört, noch hatte er es so erwartet. Es traf ihn hart. Er wandte den Blick ab und schloss kurz die Augen, bevor er sie wieder ansehen konnte, um ihr schweigend bis zum Ende zuzuhören. Schließlich ergriff sie seine Hand. „Es tut gut dich wieder zu sehen. Diese drei Monde erschienen mir wie eine Ewigkeit…“ sagte sie und lächelte zaghaft.
Devin setzte sich mühsam auf seinem Lager aufrecht hin und sah ihr lange in die Augen, bevor er antwortete. „Mir kam es auch wie eine Ewigkeit vor“, sagte er und erwiderte ihr Lächeln. Doch in seinen Augen stand eine Traurigkeit, die sich auch durch ein Lächeln nicht vertreiben ließ. „Ich habe gedacht, dass du…“ Er konnte nicht aussprechen, was er tatsächlich angenommen hatte. Dass Aelis nach seinen Freund Varon letztlich auch ihn selbst an die Inquisition verraten hatte. Sei es nun bewusst oder unbewusst. Es war schwer zuzugeben, dass er in seinem Zorn und seiner Enttäuschung ein hartes Urteil über sie gefällt hatte. Beschämt senkte er den Blick. „Mir schien es, als habe die Vollstreckerin letztlich die Oberhand gewonnen“, gab er schließlich zu und lächelte sie gequält an. „Damit hatte ich rechnen müssen. Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen habe ich sicherlich nichts anderes verdient. Das ist mir bewusst. Aber nach all dem, was wir miteinander geteilt haben… Mein Gefühl hat mir immer gesagt, dass uns trotz aller Gegensätze etwas verbindet. Dass du mich nicht verraten wolltest.Und mir nicht schaden willst. Ich weiß, dass ich mich da nicht in dir täusche.“ Devins Blick wurde warm, dann verzog er schmerzhaft das Gesicht und blickte zu dem Wein, der auf einem nahen Tisch stand. „Gibst du mir etwas von dem Wein?“ bat er und Aelis erfüllte ihm den Wunsch. Devin trank ein paar Schlucke, bevor er weitersprach: „Es ist nicht leicht für mich, jemandem zu vertrauen. Varon war der einzige, dem ich wirklich vertraut habe. Aber was ihn angeht, habe ich mich letztlich wohl tatsächlich getäuscht.“ Verbitterung begleitete Devins letzte Worte. Zudem war ihm die Erschöpfung deutlich anzusehen. Der Blutverlust hatte ihn geschwächt und der Wein tat sein übriges. Als sich Devin wieder zurücklehnte, schloss er die Augen. „„Wenn ich darüber nachdenke, ist das alles ziemlich verrückt“, murmelte Devin. „Aber ich bin froh, dass du hier bist.“ Er öffnete noch einmal die Augen, ergriff erneut ihre Hand und lächelte matt.

Irgendwann musste Devin eingeschlafen sein. Als er erwachte, war Darion da und mit ihm seine Frau Leria, die etwas von Heilkunde verstand. In den folgenden Tagen erholte sich Devin erstaunlich gut. Die beiden Frauen leisteten Erstaunliches, hatten es aber nicht immer leicht mit Devin, der ein ungeduldiger Patient war und nicht einsah, warum er nicht ständig schon herumlaufen sollte oder sich den Verband selber wechseln durfte. Er war es schlicht nicht gewohnt, dass ihn jemand derart bemutterte oder sich gar um ihn sorgte. So manches Mal verdrehte Aelis die Augen angesichts seines trotzigen Verhaltens, dann wiederum fand man die beiden in schönster Eintracht sittsam umschlungen schlafend nebeneinander auf Devins Bett liegen. Die Tage vergingen wie im Flug. Einmal stand Darion plötzlich an ihrem Bett, um nach ihnen zu sehen. „Ich weiß nicht was du hiervon Verdienst.“, flüsterte er Devin zu. „Den Schmerz? Die Hilfe? Ganz egal, aber du wirst es ihr vergelten.“ Er nickte zu Aelis. „Ansonsten -“ Devin sah ihn etwas ratlos an. Er verstand jedoch, was Darion ihm damit sagen wollte und nickte verstehend. Ein warnender Ruf von Leria unterbrach sie. Darion stürzte nach draußen und Devin setzte sich alarmiert auf, während Aelis nach dem Rechten sah, um kurz darauf in die Hütte zurückgescheucht zu werden. Jetzt hielt es auch Devin nicht länger auf seinem Lager. Er humpelte zur Tür und versuchte herauszufinden, was dort draußen vor sich ging. „Lepos. Verdammt!“ sagte er nur schlicht mit ernster Miene und während Aelis noch nervös hin und her rannte, beeilte sich Devin, sich anzuziehen. Wenn es zum Kampf kam, wollte er ganz sicher nicht ohne Hosen dastehen. Außer dem Dolch gab es allerdings keine Waffen in der Hütte. Während sich jemand schon von draußen an der Tür zu schaffen machte, probierte Devin einige der Gegenstände in der Hütte, um herauszufinden, welcher sich am besten als Waffe eignete und entschied sich schnell für eine schwere Bratpfanne. Hinter der Tür versteckt hatte er das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Er donnerte dem ersten Mann die Pfanne über den Schädel, stach dann mit dem Dolch zu und entwaffnete ihn. Als der Zweite auf Aelis zuging, griff Devin ihn an und konnte ihn nach einem kurzen Kampf töten. So schnell wie möglich zog er Aelis aus der Hütte nach draußen. Dort bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Darion lebte und war unversehrt. Doch Leria war tot, ebenso wie Lepos und die Soldaten, die ihn begleitet hatten. Mit verzweifelten Worten klammerte sich Darion an Aelis, während Devin mit versteinerter Miene abseits stand und sich dann daran machte, die Pferde zu erlösen.

Eine gedrückte Stimmung, geprägt von Trauer und Schuld, beherrschte die folgenden Tage. Die Ereignisse warfen einen Schatten auf ihrer aller Beziehung. Als sich die Gelegenheit ergab, wollte Devin Worte der Anteilnahme an Darion richten, aber Darion wollte nichts davon hören, stapfte davon und war ganz und gar in seiner Trauer gefangen. Auch zwischen Devin und Aelis herrschte Schweigen. Devin wusste, dass er es war, der sie alle in Schwierigkeiten gebracht hatte. Es war nicht übertrieben zu behaupten, dass ihre Beziehung eine zerstörerische Wirkung hatte. Deshalb kämpfte er mit seinem Gewissen. Er fühlte sich schuldig, besonders Darion gegenüber, der seine Frau verloren hatte. Aber Devin fand, dass er sich noch viel mehr schuldig fühlen müsste. Oder Trauer über Lerias Tod empfinden müsste. Wenn er ehrlich war, war ihm die Frau aber völlig egal. Stattdessen beherrschte Aelis einen Großteil seiner Gedanken. Seit es ihm besser ging, machte ihm die Nähe zu ihr immer wieder deutlich, dass er sie vermisst hatte und seine Gedanken wanderten in eine Richtung, die er nicht angemessen fand angesichts der Umstände. Zu viel stand derzeit zwischen ihnen. Soweit das möglich war, ging er Aelis daher aus dem Weg.
Er suchte die Einsamkeit, um über alles nachzudenken, und fand sie an einem kleinen Weiher unweit des Dorfes, das zu Darions Anwesen gehörte. Dort setzte er sich hin und überdachte die jüngsten Ereignisse.
Sein ganzes Leben war aus den Fugen geraten, seit er Aelis auf der Hochzeit ihres Bruders wiedergetroffen hatte. Das schien gefühlt Jahre her zu sein. Damals war ihm sein Leben wie eine schillernde Seifenblase vorgekommen. Rauschende Feste, schöne Frauen, ein halbwegs sorgenfreies Leben und Drogen, die ihm das Glück, das in seinem Leben gar nicht existierte, zumindest für ein paar Stunden vorgaukeln konnten. Und nun? War die Seifenblase geplatzt. Die Ereignisse hatten sich überschlagen, angefangen von der Sache mit Nirva, über die merkwürdigen Umstände ihrer Verlobung bis hin zu der Tatsache, dass sie jetzt quasi vogelfrei waren und er als Verräter gesucht wurde. Die Verlobung… Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte Devin und er begann, hektisch nach der verborgenen Tasche in seiner Hose zu suchen. „Er ist tatsächlich noch da!“ lachte er erstaunt auf, als er den Smaragdring hervor holte. Das war ein Wunder, denn sie hatten ihn mehrfach durchsucht. Der Ring war überaus wertvoll. Es war pures Glück, dass sie ihn nicht gefunden hatten. Devin verstaute ihn wieder sicher in seinem Versteck.
Wieder zurück auf Darions Anwesen traf er auf Aelis, die ein Gespräch zwischen Darion und einem kleinen Jungen beobachtete. Wie es aussah, regelte Darion seine Angelegenheiten. Gemeinsam machten sie sich bemerkbar. Es war an der Zeit nach vorne zu blicken. Ihr Plan sah vor, Aelis zu Verwandten von Darion zu schicken, wo sie vorerst in Sicherheit sein würde.
„Ich werde euch begleiten. Wir können sofort aufbrechen“, antwortete Devin knapp. Sie packten schnell ein paar Dinge zusammen und brachen dann zügig auf. Nach einer Weile brachte Devin sein Pferd auf Darions Höhe. Da war eine Frage, die ihn permanent beschäftigte und die er dem Mann stellen musste, dem er seine Rettung zu verdanken hatte, von dem er aber immer noch nicht wusste, wie er eigentlich zu ihm stand. Handelte Darion aus Freundschaft? Oder aus einem Ehrgefühl heraus? Devin ging nicht davon aus, dass Darion es für ihn getan hatte. Er hatte es allein für Aelis getan. Aber um sicher zu sein, wollte er es von ihm selber hören. „Warum, Darion? Welchen Grund hattest du, mir zu helfen? Du hast viel riskiert und noch mehr verloren. Genau wie Aelis. Ich stehe tief in eurer Schuld. Wenn du es für besser hälst, dass ich euch verlasse und meiner eigenen Wege gege, damit ich euch nicht weiter in Gefahr bringe, dann sag es und ich werde mich deinem Urteil beugen. “

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Di, 30. Mai 2017 0:18
von Darion
Das Feuer knisterte und vor Darion. Er hatte es sich auf einer dreckigen Decke bequem gemacht und starrte ins Feuer. Mit einem Stock fachte er immer wieder die Glut und sah den Flammen dabei zu, wie sie immer wieder genährt vom abtropfenden Fett des Fasans oder was auch immer dieser Vogel gewesen sein mag, empor leckten und die Haut des Vogels langsam aber sich schwärzten. Allein beim Anblick lief ihm das Wasser ihm Mund zusammen. Sie waren bereits Jenseits der Grenze zwischen Arcanis und Córalay, seit etwa einem Monat waren sie unterwegs, da sie sich abseits der Wege durchschlagen mussten, aus dem einfachen Grund – es gab kaum Wege gen Westen. Es gab eine große Straße nach Süden, aber sie wollten nicht nach Mérindar. Natürlich hätten sie die verschlungenen Pfade nehmen können, die überall mehr oder weniger zu finden waren und es gab ja auch nur spärliche Vegetation die ihr Vorankommen behinderten, aber der Karren blieb auf den Wegen genau so oft stecken, wie querfeldein, also blieb es sich gleich, abgesehen davon, dass ihnen Abseits des Pfades niemand wichtiges entgegen kam. Am Horizont konnte man schon die weiten Wälder der gefallenen Reiche deutlich erkennen. Es war ein beinahe erhabener Anblick, diese gigantische Anzahl großer, kräftiger Bäume. Zwar hatte Darion schon größere Wälder gesehen, damals bei Candobar, aber im Rest des Reiches waren Bäume mehr als rar. So war dieser Anblick der sobald nicht enden würde, dies wusste er von den Karten, etwas besonderes. Auch die Tatsache, dass sie bald mehr als genug Feuerholz zur Verfügung hatten, war angenehm. Nun waren sie nicht länger gezwungen mühsam alles aus dem spärlichen Unterholz zu kratzen, nein, bald könnten sie im Vorbeireiten Äste abbrechen.
„Nicht mehr weit.“, stellte Tiros fest, der sich zu ihm gesellte um den Vogel einmal zu drehen. Der Söldner kannte diese Gegend weit besser als irgendwer sonst der Reisegruppe und er war es auch gewesen, der den Vogel mit einer kleinen Armbrust geschossen hatte. Darion nickte bloß stumm. Die ganze Reise über war er sehr schweigsam gewesen, was vor allem daran lag, dass er nicht gut schlief. Die ersten Tage nach Lerias Tod war er zu erschöpft, zu kraftlos, zu leer gewesen um zu träumen, doch nun… Nun da er wieder ein Ziel vor sich hatte das ihn antrieb, kamen die Alpträume. Es waren nicht mal wirklich schlimme Träume, es war nicht so, dass er seine Frau ein ums andere Mal sterben sah. Im Gegenteil, er sah das Leben wie es hätte sein können, hätte er sich gegen Aelis entschieden. Sich selbst mit seiner Frau und ihren Kindern. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, war das noch um einiges schwerer zu ertragen. Tiros blickte ihn forschend von der Seite an, unsicher ob er etwas sagen sollte. Darion wandte sich ihm zu und warf ihm einen fragenden Blick zu. Der Söldner strich sich durch den Bart. „Die Männer munkeln. Stellen Fragen. Ich weiß nicht was ich ihnen sagen soll.“ Darion warf einen Blick über die Schulter. Abgesehen von Aelis, Devin und Tiros, gehörten der Gruppe noch vier der Männer aus seiner blutjungen Leibgarde an und noch sein ebenso junger Knappe. Barlor, Behl, Garm und Ieblis waren mitgekommen, die restlichen fünf waren da geblieben, einerseits zur Sicherung des Anwesens, andererseits sollte die Gruppe nicht zu groß werden. Die vier Männer standen beisammen bei den Pferden und fütterten sie. Sechs Pferde, zwei zogen den Karren, auf dem die vier Männer und der Knappe samt Vorräten saßen, die anderen vier wurden von den anderen vier Reisenden geritten. Verstohlen schielte Behl zu ihnen herüber und zuckte förmlich zusammen, als er Darions Blick kreuzte. Der Graf seufzte. „Sag ihnen die Wahrheit. Wir schmuggeln Flüchtige außer Landes.“ Tiros sah ihn überrascht an. „Dein Ernst? Ich meine, bist du sicher?“ „Ja und nein.“, murmelte Darion. „Also ja, es ist mein Ernst und nein ich bin mir nicht sicher.“ Er warf den Stock genervt ins Feuer. „Sag ihnen was du willst. Hier draußen sind alle Gesetze aufgehoben.“ Tiros stand auf, doch Darion hielt ihn kurz an der Hose fest. „Sag ihnen, wenn sie Dummheiten machen, bring ich sie um. Das war es.“

Nachdem sie sich darauf geeinigt hatten, dass sie so schnell als möglich zusammen aufbrechen wollten, hatte sich Darion beeilt die wichtigsten Angelegenheiten zu regeln. Er übertrug Arvid beinahe uneingeschränkte Vollmachten über sein Hab und Gut, so dass der alte Mann alles wichtige selbst entscheiden mochte. Arvid war schon ewig in den Diensten der Malistaers gewesen, da war Darion noch ein kleiner Junge gewesen. Er vertraute ihm. Hastig packte er ein paar Habseligkeiten ein und rüstete sich selbst umfangreich aus, ganz so als ob er in den Krieg zöge. Kettenhemd und Waffenrock, Schwert und Dolch am Gürtel, dazu ein Messer im Stiefel. Doch das wichtigste war wohl das Schwert seiner Familie. Beinahe ehrfürchtig trat er vor den Kamin der großen Halle. Dort thronte es in einem Ständer aus geschnitztem Horn. Ironischerweise war es so ziemlich das Wertvollste in Darions Besitz und zugleich, war es das am wenigsten genutzte Objekt in seinem ganzen Haushalt. Selbstverständlich wurde es stets sauber gehalten, doch seine Vorfahren hatten es wohl nie für nötig gehalten, eine Scheide dafür anfertigen zu lassen. Vorsichtig hob es Darion von seinem Podest herunter, er musste aufpassen, denn die Klinge war so scharf wie sein Rasiermesser, obwohl es nur selten geschliffen wurde. Das Schwert war uralt, angeblich viel älter als das Haus Malistaer. Angeblich hatte es ein großer Schmied der Bergelfen geschaffen. Wie makaber es nun war, dass es sein Urahn und Namensvetter bei seiner Flucht nach Arcanis mitgenommen hatte. Ein von Elfenhand geschaffenes Schwert, als Wahrzeichen eines arcanischen Adelshauses. Darion betrachtete die makellose Schneide, die dezenten, aber durchaus prunkvollen Verzierungen an Parierstange, Griff und Knauf, er bewunderte die Details des Löwenkopfes. Jetzt erinnerte er sich auch wieder, warum er dieses Schwert so selten in die Hand nahm. Er hatte Angst, dass ausgerechnet er, etwas daran zerstören könnte. Vorsichtig legte Darion das Schwert auf das große Stück Leder auf dem Tisch hinter ihm und wickelte es sorgsam darin ein. Mit ein paar Schnüren verpackte er alles sorgsam, immerhin sollte dieses Zeichen seiner Familie Heil in Córalay ankommen. Denn zu seiner Schande hatte er nie Kontakt zu seinen Verwandten gepflegt, also konnten sie nicht wissen wer er war, also musste es so gehen.
„Euer Gnaden?“, klopfte es an der Tür zur großen Halle. Arvid trat ein und warf einen prüfenden Blick auf Darion und das Schwert. „Ihr reist ab?“ Darion nickte langsam und Arvid erwiderte es verstehend. „Verständlich. Ich frage mich bloß, ob Ihr bei Eurer Rückkehr auch noch Graf seid.“ Darion sah ihn verwirrt an. „Was sollte ich sonst sein?“ „Ein enteigneter Ketzer? Eine Geißel, so etwas.“, gestand er Darion. Der Graf seufzte. „Ich weiß… die Inquisition.“ „Nicht nur.“, warf Arvid dazwischen. „Auch die Krone. Es waren ihre Soldaten, die Ihr hingerichtet habt. Was soll ich ihnen sagen, sollten sie hier auftauchen?“ Darion stützte sich auf den Tisch. „Die Wahrheit? Der Mord an meiner Frau hat mich um den Verstand gebracht. Ich habe eine fatale Entscheidung getroffen und mich dann zurück gezogen… um den Kopf frei zu bekommen.“ Arvid packte ihn am Arm. „Und soll ich auch über Eure Gäste sprechen?“ Darion riss sich los. „Nein!“, fuhr er ihn an. „Wage es ja nicht!“ Mit diesen Worten packte Darion das Schwert und verließ eilig den Raum.
Sie ritten hauptsächlich schweigend. Tiros ritt voraus und erkundete den Weg, sodass sie nicht unverhofft an eine Grenzpatrouille gerieten. Darion ritt an der Spitze, Aelis und Devin ein paar Schritt hinter ihm. Am Ende war der Karren, beladen mit Proviant, Werkzeug und Material um ein kleines Lager aufzuschlagen, allerlei nützlichem Krimskrams – wie Tiros es genannt hatte und natürlich den vier Söldnern und dem Jungen. Darion hing seinen Gedanken nach, als er merkte, wie jemand neben ihm auftauchte. „Warum, Darion?“, fragte Devin gerade heraus, doch Darion blickte bloß stumm nach vorne. „Welchen Grund hattest du, mir zu helfen?“ Darion schnaubte. „Wirf einen Blick über die Schulter und sieh dem Grund ins Gesicht.“, knurrte er und war sich durchaus bewusst, dass Aelis direkt hinter ihnen ritt. Ob sie ihn hören konnte oder nicht, war ihm ziemlich egal. „Du hast viel riskiert und noch mehr verloren.“, fuhr Devin fort. „Genau wie Aelis. Ich stehe tief in eurer Schuld.“ Darion warf ihm einen undurchschaubaren Blick zu. Was sollte er darauf antworten? Ja tust du! - aber das würde er ihm nicht einfach so ins Gesicht spucken. Stattdessen schwieg er. „Wenn du es für besser hältst, dass ich euch verlasse und meiner eigenen Wege gehe, damit ich euch nicht weiter in Gefahr bringe, dann sag es und ich werde mich deinem Urteil beugen.“ Eine Weile starrte Darion ihn weiter stumm an. „Verpiss dich.“, zischte Darion und schwieg dann wieder einen Moment, um die Worte ihre Wirkung entfalten zu lassen. „Ist es das was du von mir hören willst? Geh weg, lass uns alleine, wir brauchen dich nicht?“ Darion wurde zornig. „Eben sagst du noch, du schuldest mir was – uns! Und dann willst du abhauen. Aber ich soll das entscheiden, damit du nicht das Gesicht verlierst und...“ Darion schluckte weitere Worte des Zorns herunter und wandte sich wieder nach Vorne. „Du bleibst.“, fügte er noch trocken hinzu.

Später am Abend, Jenseits der Grenze, hatte sich Darion zur Ruhe gelegt. Den Kopf auf dem Sattel und einen leeren Weinschlauch im Arm, lag er da und hatte die Augen geschlossen. Aber er schlief noch nicht. Er hörte wie sich zwei Leute zu ihm gesellten und er musste nicht einmal nachsehen um zu wissen wer. „In zwei Wochen erreichen wir die Burg meiner Verwandtschaft.“ Nun schlug er doch die Augen auf und sah Aelis und Devin an und wieder einmal drückte ihm die Wut im Bauch. Er rutschte etwas herum um eine gemütlichere Position zu finden und winkte den Jungen zu sich. „Ardan, komm her.“ Eilig kam sein Knappe angelaufen. „Weiß du was Loyalität ist?“, fragte er ihn und der Knabe nickte eifrig. „Wenn ich alles mache was Ihr sagt.“ Darion schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn du alles tust was ich Befehle, dann ist das Gehorsam. Loyalität ist, wenn du Dinge zu meinem Wohl tust, auch wenn es gegen meinen Willen ist. Verstehst du?“ Er nickte zögerlich und es war klar, dass er es nicht verstanden hatte. Vielleicht würde ein konkretes Beispiel helfen. „Bring mir mehr Wein.“, befahl er und Ardan beeilte sich um noch einen Weinschlauch zu holen. Darion nahm ihn entgegen. „Das war Gehorsam. Wenn ich dich zulalle und du mir Wasser statt Wein bringst, dann ist das Loyalität, klar?“ Wieder nickte der Junge bloß zögerlich und Darion wedelte abfällig mit der Hand. „Nicht so wichtig. Lernst du schon noch. Und jetzt trolle dich.“ Der Knabe verschwand wieder. Darion warf Aelis den Weinschlauch zu. „Da trinkt, sonst fühle ich mich armseliger als ich bin.“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mi, 14. Jun 2017 11:02
von Aelis von Avalé
Seit Tagen schon ritten Aelis, Darion und Devin mit dem Tross bestehend aus Darions Männern, in Richtung Westen, nach Coraláy. Die Gegend veränderte sich seit Arcanis zunehmend. Zwischen die Büsche und Hecken in Arcanis, die als Felderbegrenzung dienten, mischten sich seit Tagen schon vereinzelte Bäumchen, Laub- und Nadelbäumchen, und auch die Vegetation wurde grüner. Die Vollstreckerin genoss den Anblick. Das letzte Mal, dass sie einen richtigen Wald gesehen hatte, das war seinerzeit bei der Schlacht von Candobar gewesen, wo sie im Krieg gegen Mérindar gekämpft hatten. Natürlich waren damals die Bäume zweitrangig gewesen, aber seit jeher übten sie auf die junge Frau eine starke Faszination aus, denn in Arcanis suchte man Wälder, wie man sie in Mérindar oder Coraláy und Cathrad vorfand, vergeblich. Ebenso herrschte seit Tagen verstocktes Schweigen. Die Männer untereinander unterhielten sich, lachten, vertrieben sich die Zeit mit zotigen Witzen und Anekdoten, aber drei der Reisegruppe taten das nicht. Aelis, Darion und Devin. Aelis empfand das alles als furchtbar anstrengend, und einmal mehr bereute sie, Darion aufgesucht zu haben und damit all das Unheil herausbeschworen zu haben, welches eingetreten war. Darion war ja immer schon beizeiten nicht immer ein besonders angenehmer Geselle gewesen, etwa, wenn er einen seiner berühmten Wutausbrüche hatte, oder wenn er sonst seinen Sarkasmus, welchen nicht jeder verstand, an den Tag legte. Aber jetzt war Darion geradezu unerträglich! Natürlich hatte er allen Grund dazu. Aber nun Zeit mit ihm verbringen und seine Launen ertragen zu müssen, und das stillschweigend, war mehr Strafe als, wie Aelis fand, sie verdienten. Auch ihr Verhältnis zu Devin war angespannt, so fand sie. Als sie einander wiedergetroffen hatten, war alles gut gewesen. Doch als Darion seine Frau mitgenommen hatte in die Hütte, und die Inquisition nur wenige Tage später dort aufkreuzte, hatte sich alles naturgemäß verändert. Dabei war erst wenige Tage zuvor alles gut gewesen zwischen ihr und Darion, so fand sie. Sein Ärger auf sie war endlich verraucht gewesen, und nun das.

Der Vollstreckerin schmerzten die Glieder. Sie liebte das Reiten. Aber es war die eine Sache, an einer Beizjagd teilzunehmen, oder für einige Stunden auszureiten, oder aber seit Tagen nichts anderes zu tun, als zu reiten, wobei reiten noch angenehmer war, als zu Fuß zu gehen. Sie wollte sich nicht beschweren, also nahm sie alles stillschweigend hin. Wenn sie am Abend Lager bezogen, dann waren die meisten ohnehin müde, und da machte es kaum etwas aus, sich schweigend hinzulegen und die Augen zu schließen. Ob man dann schlief oder nicht machte keinen Unterschied. Als Aelis den Kopf hob und geradeaus schaute, sah sie, dass Devin zu Darion aufgeschlossen hatte, und die beiden miteinander sprachen. Aelis konnte nicht verstehen, was die beiden sagten, denn das Hufgetrappel der Pferde, die anderen Gespräche und Wortfetzen die an ihre Ohren drangen, verschluckten die Worte der beiden Männer. Sie verstand lediglich die Tonlage, und das genügte ihr bereits. Sie spürte, wie ihr Geduldsfaden dünner und dünner wurde. Es fehlte lediglich noch ein Quäntchen, und sie würde einen ähnlichen Wutausbruch wie Darion bekommen. Devin und Darion trennten sich wieder voneinander, doch jeder blieb nun für sich alleine. Devin suchte nicht wieder Aelis‘ Nähe, und so schloss Aelis daraus, dass das, was die beiden unter vier Augen miteinander gesprochen hatten, nicht unbedingt etwas Gutes gewesen war oder einen guten Ausgang genommen hatte.

Als es dämmerte, erreichten sie den Waldrand, den sie schon lange von weitem erblickt hatten. Der Wald schien keinen Anfang und kein Ende zu besitzen. Soweit das Auge blicken konnte, nur grüne Baumkronen und dichtes Stammwerk. Die Vollstreckerin sog bewusst den erdigen und waldigen Duft tief durch die Nase in ihre Lungen. Es hatte beinahe etwas Tröstliches. Außerdem bedeutete Lager aufschlagen Beschäftigung. Jeder hatte etwas zu tun und bekam Aufgaben zugeteilt. Aelis wurde damit betraut, Feuerholz zu sammeln, was sie nur zu gerne tat. Es bedeutete, zumindest für eine kleine Weile Abstand zu gewinnen und für sich alleine zu sein, ein Umstand der die letzte Zeit selten gewesen war. Doch irgendwann waren trockene Äste zusammengesucht, und diese brachte sie zur Lagerstelle, wo bereits eine Grube für das Lagerfeuer ausgehoben worden war. Man nahm ihr das Feuerholz ab und kümmerte sich sogleich um ein Lagerfeuer, denn der Abend und vor allem die Nacht waren trotz des milden Spätfrühlings noch recht frisch. Nun suchte Aelis Devin gezielt auf, und schlenderte langsam auf ihn zu. Man konnte sich ja schließlich nicht immer anschweigen. Er saß ein wenig abseits der Gruppe, und als sie ihn eine Weile anblickte, fand sie, er war sehr verändert. Das Haar längst nicht mehr adrett und gepflegt, wie sie ihn sonst kannte, es war strähnig und nach hinten zusammengebunden, ein Bart der längst kein Dreitagebart mehr war, war ihm gewachsen und alles in allem hatte seine Kleidung auch schon bessere Tage gesehen. Doch diese Veränderungen waren naturgemäß und optischer Natur. Hatte er sich auch im Inneren verändert? War er noch immer derselbe Mann wie einst? Sie alle waren durch die Hölle gegangen, jeder für sich und auf seine Art und Weise. Darion hatte sich wohl am meisten verändert. Aelis war ebenfalls nicht mehr dieselbe wie früher, aber wie, das wusste sie selbst nicht. Sie ließ sich neben ihm im Gras nieder. Nach einem kurzen und eher belanglosen Wortgeplänkel, das sie so mit Devin eigentlich nie geführt hatte, rief die Arcanierin sich selbst zur Raison. Was war nur passiert? Sie hatten sich doch stets immer etwas zu sagen gehabt. Warum jetzt nicht mehr? Vermutlich, weil alles so unausgesprochen im Dunkel verborgen lag. Keiner wusste, woran er bei dem anderen war. Das traf eigentlich auf Darion genauso zu, nur, Darion war derzeit alles egal. Aelis war es nicht egal. „Weißt du…“ begann sie schließlich, und blickte ihn eindringlich an „Ich vermisse dich. Du bist zwar da, aber eigentlich auch nicht. Verstehst du? Wir sind alle da, und doch lebt jeder abgeschirmt in seiner eigenen Welt. Nichts ist mehr, wie es einmal war, und dabei war es doch immer so gut gewesen.“ Alles war gut gewesen, gerade im letzten Winter hatte Aelis das Gefühl gehabt, sie stünde auf dem Höhepunkt ihres Lebens. Sie war erfolgreich in der Inquisition gewesen, sie hatte kaum Klagen von ihren Eltern gehört, sie hatte wieder regen Kontakt zu Darion gepflegt, es hatte sich eine unerwartete und auch aufregende Liebschaft entwickelt. Alles war so gut gewesen. Selbst Darion und Devin hatten sich wunderbar miteinander verstanden. Und plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, war alles mit einem Schlag anders geworden. Aelis warf einen kurzen Blick zu Darion, der ein wenig abseits vom Lagerfeuer dalag. „Er ist unerträglich geworden…“ meinte Aelis zu Devin. „Natürlich, er hat viel riskiert. Meinetwegen, deinetwegen. Aber an vielem ist er selbst Schuld. Ich habe ihn von Anfang an vor Anginor Lepos gewarnt. Ich habe ihm gesagt ‚Vor dem musst du dich in Acht nehmen. Reize und provoziere ihn nie, und mache ihn dir niemals zum Feind.‘ Aber Darion ist eben Darion. Es hat ihn provoziert und gereizt. Und Darion hätte auch niemals Leria zu dieser Jagdhütte bringen dürfen. Niemals. Ich kann es mir bildlich vorstellen wie das abgelaufen ist.“ Aelis imitierte Lerias Stimme, jedoch so, dass Darion es auf keinen Fall hören konnte. „Darion! Wohin gehst du schon wieder? Du bist überhaupt nicht mehr zuhause! Ich erwarte ein Kind von dir! Bedeutet dir das gar nichts?“ Dann äffte sie Darions Stimme nach „Ich habe Männerangelegenheiten zu erledigen, Frau.“ Und wieder Lerias Stimme „Echte Männer haben keine Geheimnisse vor ihren Frauen! Ich befehle dir, sage mir, was du in den letzten Wochen zu schaffen hast!“ Zum Schluss eine resignierte Darion-Imitation „Ich kann es dir nicht sagen, Frau, aber wenn du unbedingt willst, dann nehme ich dich mit und zeige es dir. Wir brechen morgen in der Dämmerung auf!“ Aelis verfiel wieder in ihre Stimmlage „Genauso wird es gewesen sein. Und was nun ist, wissen wir ja alle. Wie gesagt, es ist nicht so, dass Darion mir nicht Leid tut. Er hat viel für mich riskiert und er hat noch mehr verloren. Ich stehe auf ewig in seiner Schuld. Aber das bedeutet nicht, dass ich auf ewig meinen Mund halten muss, oder nur parat stehe, wenn er mir seine Stiefel nachwerfen will. Ich ertrage seine Laune nicht mehr. Und außerdem bin ich nicht blöd. Ich habe gemerkt, wie ihr die letzten Tage miteinander umgegangen seid. Vor allem Darion. So geht das nicht mehr, da mache ich nicht mehr mit. Und ich finde, das sollte ich ihm sagen. Komm mit…!“ sagte sie und sprang entschlossen auf. So gingen die beiden langsam aber entschlossen auf Darion zu, der immer noch mit geschlossenen Augen da lag. Eine Weile beobachtete Aelis ihn um zu erkennen, ob er wirklich schlief, oder nur die Augen geschlossen hatte. Dann sagte er „In zwei Wochen erreichen wir die Burg meiner Verwandtschaft.“ Schließlich öffnete er die Augen und sah die beiden an, und sein Blick verfinsterte sich. „Ich weiß. Das hast du uns gestern bereits gesagt“ erwiderte Aelis schnippisch auf Darions Blick hin. Darion rief den Jungen Ardan zu sich. Seinen Knappen. Seinen Bastardsohn. Er befahl ihm einen neuen Weinschlauch zu bringen und verwirrte ihn danach mit einem Vortrag über den Unterschied zwischen Gehorsam und Loyalität nach Malistaer Logik. Der Junge verstand gar nichts, und das zurecht. Er schien sichtlich erleichtert, als Darion ihn fortschickte. Zurück blieben die Drei und schließlich warf Darion den gefüllten Weinschlauch Aelis zu. „Da trinkt, sonst fühle ich mich armseliger als ich bin“ meinte er, doch der Weinschlauch flog sogleich wieder zu Darion zurück. Sie schüttelte den Kopf „Mit euch beiden zu trinken hat noch jedesmal Unglück gebracht“ erwiderte sie spitz. „Und überhaupt wird es nun einmal an der Zeit, offen zu sprechen, Darion. Ich ertrage das alles nicht mehr. Ich verstehe dich. Du hast viel durchgemacht in letzter Zeit, das meiste wegen mir. Aber dass deine Frau sterben musste, das kannst du mir nicht anlasten. Du hast selbst gesagt, du gibst uns keine Schuld daran, und ich sage, du hättest sie niemals mitbringen dürfen. Niemals. Aber das lässt sich nun auch nicht mehr ändern. Ich weiß nur, deine Miesepetrigkeit ertrage ich nicht mehr. Bei den Geschwistern, reiss dich zusammen! Du bist immer noch Graf Malistaer. Also benimm dich auch so. Sieh mich an! Ich habe auch alles verloren! Aber habe ich mich jemals beklagt dass es jetzt so ist, oder dir mit meiner schlechten Laune darüber das Leben vergällt?" Sie wies mit dem Kopf in Devins Richtung. "Auch er hat alles verloren. Auch von ihm habe ich keine Klagen gehört. Und ihr habt euch immer bestens verstanden. Und jetzt auf einmal seid ihr spinnefeind? Wir sind alle drei noch diesselben, es haben sich bei jedem nur gewisse Umstände geändert." Außerdem haben dir die Geschwister eine neue Aufgabe gegeben, die du niemals hättest bewältigen können, wenn Leria noch wäre. Behalte sie dir in bester Erinnerung Darion, das macht sie unsterblich... Aber...“ Ihr Blick wanderte in die Richtung in die der Junge geflohen war. „... Du bist sein Vater, und nicht sein Lehnsherr. Du brauchst ihn nicht so auf Abstand zu halten. Versuche, ihm ein guter Vater zu sein. Du wirst mehr zurückbekommen von diesem Kind als dir deine Frau je hätte geben können. Außerdem bist du der Malistaer. Du kannst ihn jederzeit legitimieren und zum Erben erklären. So, das waren nun die Ratschläge einer kinderlosen und unverheirateten Frau… Aber lass dir eines noch einmal gesagt sein, wenn sich diese angespannte Stimmung nicht bald bessert dann schwöre ich, schlage ich hier Wurzeln. Dann bringen mich keine zehn Pferde mehr auch nur eine Meile weiter.“

Re: Im Namen der Zwei

Verfasst: Mo, 19. Jun 2017 20:03
von Devin
Devin hob erstaunt die Brauen. Hatte er sich verhört, oder hatte Darion allen Ernstes „Verpiss dich“ zu ihm gesagt? Unschlüssig, wie er darauf reagieren sollte, ritt Devin einfach weiter neben Darion her, bis dieser weiter sprach: „Ist es das was du von mir hören willst? Geh weg, lass uns alleine, wir brauchen dich nicht?“ fragte Darion und Devin schüttelte ansatzweise den Kopf. Natürlich nicht! Das war es nicht, was Devin bezweckt hatte. Er wollte sich schon rechtfertigen, aber Darion war noch nicht fertig: „Eben sagst du noch, du schuldest mir was – uns! Und dann willst du abhauen. Aber ich soll das entscheiden, damit du nicht das Gesicht verlierst und...“ Darion war sichtlich wütend. WAS? Nein! dachte Devin, der sich vollkommen missverstanden fühlte. Dabei wollte er einmal nur das Richtige tun. Etwas Uneigennütziges! Nach langer Überlegung war Devin zu dem Schluss gekommen, dass ihm Aelis tatsächlich am Herzen lag. So sehr, dass er das Beste für sie wollte. Und das bedeutete, sie nicht länger der Gefahr auszusetzen, die seine Gegenwart mit sich brachte. Darion war besser für sie. Darion würde auf sie aufpassen. Malistaer konnte ihr eine sichere Zuflucht bieten, sie hatten gemeinsame Freunde, eine gemeinsame Vergangenheit, er stand ihr loyal zur Seite und konnte ihr vielleicht sogar helfen, wieder in ihr altes Leben oder ein neues, vielleicht sogar besseres hineinzufinden. All das konnte Devin nicht. Er war nichts weiter als ein Verräter auf der Flucht, dessen Ruf ruiniert und dessen Zukunft mehr als düster aussah. Jemand, der nur Unglück herauf beschwor. Aber wie sollte Devin Darion das begreiflich machen? Wie es aussah, hatte sich Darion bereits sein eigenes Urteil über ihn gefällt. Wahrscheinlich war es sinnlos, mit ihm zu diskutieren. Devin ballte unbewusst die Hände zu Fäusten. Wut machte sich in ihm breit. Dachte Darion wirklich, er wollte einfach abhauen? Wenn er es sich recht überlegte, hatte Devin nun sowieso keine Lust mehr, sich mit Darion zu unterhalten, geschweige denn sich zu rechtfertigen.
„Du hältst mich für ein ausgemachtes Arschloch, habe ich Recht?“ fragte Devin. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage und bedurfte keiner Antwort. Ein Blick genügte. Devin nickte in seiner Annahme bestätigt und lenkte sein Pferd zurück. Ein Stück hinter ihm ritt Aelis. Devin wusste, dass es Zeit war, mit ihr zu sprechen, doch jetzt war er zu wütend und fand den Zeitpunkt unangemessen. In Wahrheit steckte aber auch Feigheit hinter seinem Schweigen. Darion hielt ihn für ein Arschloch. Was, wenn Aelis mittlerweile zu einem ähnlichen Schluss gekommen war? Devin fühlte sich nicht in der Verfassung, ihr anklagendes Schweigen und ihre traurigen Blicke zu ertragen. Zuerst musste er mit sich selber ins Reine kommen. Daher ritt er meist allein und hielt sich abseits der anderen. Nur mit Tiros fanden einige längere Gespräche statt. Der Mann schien in Ordnung zu sein. Das Thema Darion wurde dabei allerdings stets ausgeklammert. Devin spürte, dass Tiros zu Hundertprozent loyal hinter Darion stand und wollte ihn nicht durch Fragen oder Äußerungen verärgern oder in Verlegenheit bringen.
Ansonsten blieb die Stimmung lange Zeit bedrückt. Etwas besser wurde es erst, als sie sich der Grenze näherten. Arcanis hinter sich zu lassen und statt der eintönigen Landschaft Wald um sich zu haben, hatte etwas seltsam Befreiendes an sich. Aelis musste das ähnlich empfunden haben, denn auch sie wirkte nun gelöster und suchte dann von sich aus das Gespräch zu Devin. Zuerst sprachen sie über Belanglosigkeiten. Devin empfand das fast schlimmer als das vorher herrschende Schweigen. Wenn sie über das Wetter sprachen, fühlte er überdeutlich, dass sie sich so fern waren wie nie zuvor.

Weißt du…“ begann sie schließlich, und blickte ihn eindringlich an „Ich vermisse dich. Du bist zwar da, aber eigentlich auch nicht. Verstehst du? Wir sind alle da, und doch lebt jeder abgeschirmt in seiner eigenen Welt. Nichts ist mehr, wie es einmal war, und dabei war es doch immer so gut gewesen.“
„Ich vermisse mich selbst hin und wieder“, gestand Devin und lächelte schief. „Es stimmt, nichts ist mehr wie es war, aber noch ist nichts verloren“ Er zwang sich zu mehr Optimismus als er eigentlich aufbringen konnte und schenkte ihr ein verhaltenes Lächeln. Dabei war es doch immer so gut gewesen….waren ihre Worte, die Devin schmunzeln ließen. Welchen Teil ihrer gemeinsamen Zeit meinte sie damit? Aus seiner Sicht war ihre Beziehung bisher ein einziges Chaos, das sie von einem unerwarteten Ereignis zum nächsten geführt hatte, von Verrat über Freundschaft, Leidenschaft, Hass, Verlobung und Tod so ziemlich alles beinhaltete und mindestens drei Existenzen in ihren Grundfesten erschüttert hatte. Und doch gab es diese Momente, die so perfekt waren, wie Devin es nie zuvor empfunden hatte. Er lächelte. Aelis‘ unerschütterlich optimistische Sicht der Dinge wirkte ansteckend. Sie schaffte es, dass er sich plötzlich besser fühlte. Als sie dann auch noch anfing, Leria und Darion zu imitieren, konnte er ein leises Lachen nicht mehr unterdrücken. „Wenn alles schief läuft, besteht zumindest noch die Hoffnung, dass wir angesichts deines Talents irgendwo weit weg eine Theatergruppe gründen können“, meinte er trocken und legte in einer vertrauten Geste seine Hand kurz über ihre. Es war das erste Mal, dass sie sich wieder berührten, nachdem sie sich lange aus dem Weg gegangen waren. Ihre Blicke kreuzten sich und verharrten, bevor mit dem Ende des Körperkontakts der Moment vorüber war und sich Aelis jetzt über Darion ausließ. Anscheinend war Devin nicht er einzige, der mit Darions düsterer Stimmung nicht gut zurecht kam. Allerdings war ihm nicht daran gelegen, das mit Darion auszudiskutieren. Was gab es da schon zu reden? Warum Frauen immer über die Situation und ihre Gefühle quatschen mussten, war ihm seit jeher schleierhaft. Auf Aelis‘ Aufforderung, ihm zu folgen, reagierte er daher mit einem unwilligen Grummeln und erhob sich schwerfälliger als nötig.

Wenig später saßen sie gemeinsam an der Feuerstelle, die längst erkaltet war. Zum Glück sorgte Darions Knappe für etwas Ablenkung, so dass sie den heiklen Themen vorerst noch ausweichen konnten. Darion erzählte Ardan etwas über Loyalität und Devin fragte sich die ganze Zeit über, ob das eine Anspielung auf ihn sein sollte oder nicht, kam aber zu keinem Ergebnis. Im Grunde war es ihm auch egal. Er war Darion zu Dank verpflichtet. Das beinhaltete aber nicht, dass er sich anbiedern wollte oder ihm in den Arsch zu kriechen gedachte. Wenn Darion den Rest seines Lebens wütend auf ihn sein wollte, konnte Devin damit recht gut zurecht kommen ohne in Trübsal zu versinken. Ein Weinschlauch wurde hin und wieder zurück geworfen, was Devin nicht mit ansehen konnte. Er fing ihn ab und nahm einen großzügigen Schluck. „Und überhaupt wird es nun einmal an der Zeit, offen zu sprechen“, sagte Aelis, nachdem sich der Junge entfernt hatte. Sie schaute streng von Darion zu Devin und wieder zurück, was Devin dazu veranlasste, noch einen Schluck von dem Wein zu nehmen. Diese Art von Gespräch verlangte eindeutig nach Alkohol.
Aelis richtete ihre Worte jedoch hauptsächlich an Darion. Dabei kam Überraschendes zutage. „Ardan ist dein Sohn?“ entfuhr es Devin, denn dies war ihm bisher entgangen. Oder er hatte es nur nicht mitbekommen. Das erklärte natürlich die Rede von vorhin. Die Belehrung über Loyalität war also eine Art väterliche Lehrstunde gewesen. Devin schaute zu Aelis, die Darion gerade ermahnte, den Jungen nicht so auf Abstand zu halten. Devin wusste nicht, ob er ihr zustimmen sollte oder nicht. Ihn ging das alles nichts an. Devin war nur froh, dass er selbst von keinem Bastard wusste, den er gezeugt haben sollte. In den Hurenhäusern wussten sie Schwangerschaften zu vermeiden und es hieß zudem, dass Starrkraut neben den stark anregenden Eigenschaften eines Aphrodisiakums auch den weiteren positiven Nebeneffekt besaß, ein paar Stunden verhütend zu wirken. Zumindest solange man sich noch unter der Wirkung des Krauts befand. Devin wusste nicht, ob das stimmte. Man hatte vor Jahren gemunkelt, dass der Sohn des Grafen Lafarret Devin ähnlicher sähe als seinem rechtmäßigen Vater. Unter dem Aspekt, dass Devin ein kurzes Verhältnis mit der Gräfin hatte, hatte ihn das kurzzeitig nervös gemacht. Aber das Gerede war dann irgendwann von selber verstummt. Entweder weil es Unsinn war oder weil der Adel es verstand zu schweigen, wenn es darauf ankam. Devin hatte es auch stets vermieden, sich mit der eigenen Dienerschaft einzulassen. Sein Vater, der ach so ehrenwerte Wahrheitsbringer und Bewahrer des Lichts Ignation Timotheos von Tarun hatte sich damals durch seinen gesamten Haushalt gevögelt, was Devin bereits als Kind abstoßend empfunden hatte. Ihm selbst blieb es durch seine strikte Haltung in dieser Frage somit erspart, im eigenen Haus in Gesichter zu blicken, die ihm verdächtig ähnlich sahen.

Als Darion schließlich antwortete, riss er Devin damit aus seinen Erinnerungen. Aelis hatte Darion angesprochen und Devin wartete nun gespannt dessen Antwort ab. Aber natürlich erwartete man danach auch von Devin, dass er irgendetwas sagte. Etwas, das geeignet war die Stimmung zu heben. Devin würde sich entsprechend äußern, denn auch ihm war daran gelegen, mit Darion wieder besser auszukommen. Jedenfalls bis sie ihr Ziel erreicht hatten und bei der Verwandtschaft Darions angekommen waren. Was danach kam, wusste Devin nicht. Aber er wusste bereits, dass er niemand war, der sich lange bei irgendwem verkroch. Außerdem hatte er bisweilen das ungute Gefühl, in die falsche Richtung unterwegs zu sein. All das, was ihn in seinem bisherigen Leben angetrieben hatte, sei es Geld, Vergnügungen, Streben nach Macht oder einfach nur Starrkraut, befürchtete er dort nicht finden, wohin sie ritten. Aelis war der einzige Grund, warum er hier war. Es gab außerdem immer noch die äußerst verführerische Option, in Merrida ein Leben in Wohlstand zu führen. Warum nicht gemeinsam mit Aelis? Devin warf Aelis einen kurzen Seitenblick zu. Wahrscheinlich war es zu früh für Pläne dieser Art. Noch waren viele Fragen offen. Devin beschloss abzuwarten, was die Zeit brachte. Er kratzte sich nachdenklich am Bart und beschloss, nach diesem Gespräch zuerst das Naheliegende anzugehen. Und in seinem Fall waren das eindeutig ein Bad und eine Rasur.