Willkommen in Drachenblut!

Wir freuen uns, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Nach einem Forum-Update ist

Im Namen der Zwei

Das nördliche Nachbarland Mérindars, schon seit Jahrhunderten in Feindschaft mit jenem Reich. » Ortsbeschreibung
Benutzeravatar
Darion
Vagabund
Beiträge: 23
Avatar: Dieser Caradan
Alter: 29
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Arcanis
Waffen: Schwert

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mo, 18. Sep 2017 22:18

„Nein ist er nicht!“, fauchte Darion die Beiden an. Je mehr Aelis gesagt hatte, desto zorniger war Darion geworden, bis er schließlich aufgesprungen war. Er wollte sich nicht von ihr einfach anschnauzen lassen und dabei seelenruhig auf dem Boden liegen bleiben. Er war zornig auf Aelis, war zornig auf Devin, auf sich, auch den Boden, auf den Wald, auf Arcanis, auf die Inquisition … er war eben zornig. „Ich habe seinen Vater letzten Winter gehängt, weil er Land gestohlen hat. Das ist seine Wahrheit, das ist eure Wahrheit. Ihr versteht.“, stellte er ein für alle mal klar. „Aber lass dir eines noch einmal gesagt sein, wenn sich diese angespannte Stimmung nicht bald bessert dann schwöre ich, schlage ich hier Wurzeln. Dann bringen mich keine zehn Pferde mehr auch nur eine Meile weiter.“ Darion stampfte zu hier hinüber und baute sich vor ihr auf. Nicht dass er glaubte ihr Angst einzujagen, aber er selbst fühlte sich dabei einfach selbstsicherer. „Du hast keine Ahnung von Verlust.“, schnauzte er sie an und bohrte seinen Finger in ihre Schulter. „Gar keine!“ Er wusste, dass das ungerecht und nicht wahr war, aber er war zornig. „Er!“. Darion deutete auf Devin. „Er weiß was Verlust ist. Er hat einen Freund verloren. Ich weiß was Verlust ist. Ich hab Frau und Kind verloren. Aber du! Du hast keinen verloren. Du hast jeden weggestoßen, dem du etwas bedeutet hast, hast alle Verbindungen gekappt. Du kannst froh sein das wir beide einfach zu stur oder dumm sind um dich aufzugeben. Das wir zu … ich glaub dumm trifft es ganz gut.“ Darion schnaubte. Sein Ärger war verraucht, beinahe zumindest. Erstaunlich wie ehrliche Worte befreien konnten. Er würde nicht sagen, dass alles wieder gut war, aber zumindest konnte er den Beiden wieder in die Augen sehen. „Ich...“, begann er zögerlich, nachdem er einen Moment geschwiegen hatte. Sie hatte ja recht, aber das konnte er ja nicht einfach so eingestehen. „Du hast recht. Ich … bin ein Arschloch gewesen. Ich weiß ich habe gesagt ich gäbe euch keine Schuld, aber … das ist schwer. Ehrlich. Ich will es nicht, aber ich tu es. Mich selbst kann ich ganz einfach hassen, es ist bloß schwer NUR mich zu hassen.“ Darion sah zu Devin und zögerte einen Moment bevor er sich durchringen konnte. „Tut … mir leid.“, presste er widerwillig hervor. Mehr konnte man nicht von ihm erwarten, war er doch seit je her miserabel im Entschuldigen. Er hoffte, dass das erst einmal die Stimmung soweit entspannte, dass sie die Reise ohne größeren Zwischenfall überstehen konnten. Darion nahm den Wein wieder an sich, trank einen Schluck und hielt ihn Aelis hin. „Jetzt trink schon.“, forderte er sie mit flehendem Blick auf. Wenigsten dies sollte sich nicht geändert haben. „Die Chancen hier eine Dummheit anzustellen, sind sehr gering.“ Darion ließ sich am Feuer nieder und versuchte es mit etwas Herumgestochere wieder etwas in Gang zu bringen. Was ihn anging, so war die Sache noch nicht vom Tisch. Irgendwann würde er wieder zornig werden, das wusste er genau. Es war an der Zeit, dass er endlich seine Wut gegen jemanden richten konnte, der es auch verdient hatte. Es wurde Zeit, dass sie seine Verwandten erreichten.

Regen. Es pisste wie aus Kübeln, als wollten die Alten Götter vorsorglich das Feuer der Zwei löschen. Unter den Bäumen bekam man immer bloß ein paar Tropfen ab, die allerdings hundertmal so schwer waren, wie die kleinen Tröpfchen, jenseits der Baumwipfel. Es war bereits später Abend und die Reisegruppe näherte sich der Burg. Burg Melanaerá, einer der einfallslosen Namen, für die er seine Familie nicht beneidete. Darion hatte sich in seinen Mantel gehüllte, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Mit einem Mal hörte der Wald einfach auf, wo gerade noch dichtes Gestrüpp an den Kleidern zerrte, war nun Brachland. Vor ihnen lag ein kleiner Bach, an dem eine Mühle stand. Neben der Mühle standen ein paar kleinere Gebäude und weiter entfernt, konnte Darion in der Dunkelheit des späten Abend noch den Schein eines Feuers ausmachen. Offenbar war die Burg von ein paar kleineren Gehöften umgeben. Die Burg selbst war auf und an einem hohen Felsen erbaut worden. Sie kamen von Norden und ritten geradewegs auf die Burg zu. Direkt an die Felswand knüpfte eine hölzerne Palisade an, in der zur Nordseite hin ein Tor eingelassen war. Oben auf dem Felsen selbst, sah man eine steinerne Mauer, die fließend in und wieder aus einer Hauswand heraus kam. Darion bekam schon eine leichte Vorstellung was jedem Angreifer blühte, der auf die Idee kam die Burg zu erstürmen. Darion ritt zu dem Tor. Wind peitschte ihm Regen ins Gesicht. Ein Wachfeuer, warf Schatten gegen Palisade, die zu Darions großer Überraschung überdacht war. Ein überdachter Wehrgang, welch ein Luxus. „Heda!“, bellte er und sah wie ein paar Schatten hin und her huschten. „Ich kann euch sehen!“, brüllte er erneut. Plötzlich tauchte ein Gesicht zwischen zwei Balken auf. „Wer da?“, rief der Mann. Darion ritt noch ein paar Schritt näher. „Mein Name ist Darion Mallistaer.“ „Wer?“, rief der Mann zurück. „Mallistaer!“ Für einen Moment verschwand der Mann und tauchte dann an anderer Stelle wieder auf. „Sagtet Ihr Mallistaer?“ „Ja verdammt!“, donnerte Darion entnervt. „Welcher?“, fragte der Mann zurück. „Graf Darion Mallistaer, Ritter des Arcanischen Reiches! Im Namen der heiligen Geschwister und bei den Alten Göttern, öffne das scheiß Tor und lass uns ins Trockene!“ Die Zeit verstrich und nichts regte sich mehr. Bloß der anhaltende Regen. Darion kochte innerlich. Ärgerlich schnaubend, trieb er sein Pferd an und ritt näher zum Tor, als dieses mit einem Mal sich einen Spalt breit öffnete. Das Gesicht von vorhin erschien wieder. „Wie viele seid ihr?“ „Achteinhalb.“, knurrte Darion. Der Mann wirkte irritiert, doch öffnete er das Tor. „Macht mir ja keine Dummheiten.“, murrte er.
Als Darion durch das Tor ritt, erblickte er auf der anderen Seite einen kleinen Teich, der sich direkt unter der richtigen Burgmauer befand. Der Zwinger, also der Bereich zwischen den beiden Befestigungsmauern war kreisförmig und umschloss die ganze Westseite der Burg. Entlang des Wehrgangs befand sich ein Pfad, der breit genug war, dass drei Reiter nebeneinander Reiten konnten ohne zu nahe am Wasser zu sein. Darion musste neidlos anerkennen, dass diese Form der Befestigung gar nicht mal so übel war. Jeder Angreifer wurde gezwungen, den Pfad bis zum Tor zu nehmen, während er von Pfeilen und Bolzen getroffen wurde. Und das Tor war stark befestigt, dass konnte man selbst in der Dunkelheit, die nur schwer von den wenigen Fackeln vertrieben wurde, erkennen. Der Wehrgang selbst war nicht bloß überdacht, nein, er war sogar erweitert worden, denn hin zum Innern des Zwingers war noch ein Gerüst, dass den Wehrgang noch um einen Schritt breiter machte, damit dort mehrere Männer Stellung beziehen konnten. Interessanterweise waren die unter jenem Gerüst die Pfeiler mit Zeltplanen verhangen, sodass man nichts sehen konnte. Nur hie und da lugte mal ein Kopf hervor und musterte die Neuankömmlinge. „Leben da Menschen?“, fragte Darion den Mann, der sie unter den Augen der Wachmänner zum Tor führte. „Ja. In der Burg ist nicht genug Platz und die wollen nicht vor der Südmauer lagern, wie die Anderen.“ Beinahe hätte Darion nach den Anderen gefragt, denn er wunderte sich, weshalb hier so viele Männer lagerten oder wofür diese gebraucht wurden. Kurz vor dem Tor zum Inneren der Burg ging es ein paar Schritt steil bergauf, eine letzte Anstrengung für Karren, Pferde oder Träger … oder Rammböcke. Die Mauer hier maß eine Pferdelänge und als Darion nach oben sah, erkannte er ein massives Fallgitter. Das Tor selbst war mit Eisenplatten beschlagen und mit Nieten gespickt. Im Innern wurden sie von einem Dutzend Männern empfangen, mit Speeren und Spießen. Darion saß ab und stellte sich vor die Männer. Eine junge Frau trat vor, etwas jünger als Darion und mit einem ähnlichen Waffenrock bekleidet wie er. Sie hatte hellbraunes Haar, jedenfalls glaubte das Darion im Fackelschein erkennen zu können und ein hartes Gesicht. Nicht unweiblich, aber man sah ihr an, dass sie es gewohnt war, diesen Männern Befehle zu erteilen.
„Wer seid ihr?“, fragte sie gerade heraus. „Mein Name“, hob Darion langsam gereizt an, „ist Darion Malistaer.“ Du Frau musterte ihn skeptisch. „Das kann jeder behaupten.“ Da war natürlich was dran. Es war das erste Mal seit Generationen, dass ein Malistaer aus Arcanis nach Coralay gekommen war, da konnte man nicht erwartet, dass da viel Wiedererkennungswert vorhanden war. So langte Darion nach einem Gegenstand der in Leder eingeschlagen war. Er lüftete das es ein Stück und streckte der Frau den Griff eines Schwertes entgegen. „Aber nicht jeder der es behauptet, hat das Familienschwert der Malistaers.“ Die Frau zuckte unbeeindruckt die Achseln. „Malistaer kann auch im Wald verrotten. Ich finde nicht, dass du dem Mann ähnelst von dem ich gehört habe.“ „Er ist es.“, mischte sich Barlor ein, bevor Darion irgendetwas hatte sagen können. „Du kennst mich Elisia. Und die Anderen. Er ist es.“ Die Frau, diese Elisia, warf Darions Begleiter einen Blick zu und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Nun gut. Was wollt ihr hier?“, fragte sie und wurde wieder ernst. „Erstmal einen Ort, an dem wir uns aufwärmen können.“ Die Frau hob ihren Arm und deutete zum Tor. „Da ist eine Feuerschale.“ „Ist dies etwa die Gastfreundschaft, die der Graf seinem Neffen zuteil werden lässt?“, rief Darion ärgerlich und erntete ein amüsiertes Schnauben. „Du bist nicht sein Neffe. Du weißt ja nicht einmal wie er heißt.“, warf sie ihm vor. Darauf konnte Darion keine Antwort geben. Tatsächlich wusste er rein gar nichts über die Malistaers hier. Wusste nicht wie groß die Familie war, kannte keine Namen, noch wusste er welche Verbindungen sich über die Jahre ergeben haben. Darion war war ihr einen giftigen Blick zu, dass sie ihn einfach so vor aller Leute erniedrigte. Sie nickte. „Gebt eure Waffen ab.“, befahl sie. „Dann könnt ihr rein kommen.“ Sie wandte sich um und marschierte voraus. Die Gruppe gab ihre Waffen ab, bloß das Schwert seiner Familie gab Darion nicht aus der Hand. „Darion.“, flüsterte Barlor und schloss zu seinem Grafen auf. „Ich müsste Euch da noch was sagen.“ „Später.“, vertröstete ihn Darion und marschierte weiter. Direkt hinter dem Tor erhob sich ein knapp hundert Fuß hoher Bergfried, ein Bollwerk, das es zu überwinden galt, wollte man den Rest der Burg erobern. Rechts vom Tor befanden sich die Stallungen und das Herrenhaus schloss direkt an die Nordmauer an und war jenes Haus, dass die Gruppe schon vom Wald aus hatte sehen können. Die Pferde wurden in die Stallungen gebracht und die Menschen zum Haus, so wie es sein sollte. Elisia hielt ihnen sogar die Türe auf. „Also“, begann Darion, „wo ist der Graf?“ „Graf Ekarius Malistaer meinst du? Der liegt in seiner Gruft und vermodert.“ Darion warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Einfach so?“ Sie schüttelte den Kopf. „Er war seit Jahren krank und vor zwei Monden ist er am Fieber gestorben. Seit sein einziger Sohn von einem Eber aufgespießt wurde war er nicht mehr er selbst.“ „Wolltest du mir das noch sagen Barlor?“, zischte er wütend. Barlor gab kleinlaut zu, dass er es tatsächlich vorhatte und Darion packte ihn am Kragen. „Wir reiten seit Tagen durch diesen scheiß Wald!“, brüllte er ihn an. „Ein Wort! Ein Wort davon, wäre … nett gewesen.“ Er ließ von ihm ab und wandte sich wieder Elisia zu. „Der Graf und sein Sohn sind tot. Bring mich zu dem, der hier das Sagen hat.“, verlangte er. „Wie du wünschst.“ Sie führte sie einen Gang entlang und stieß dann eine große Tür auf. Der Geruch nach gebratenem Fleisch und Eintopf schlug ihnen entgegen, der Geruch nach verschüttetem Bier und Wein, nach Rauch, Schweiß und nasser Wolle. Etwa zwei Dutzend Mann saßen an und um drei Feuerstellen herum, aßen, tranken, johlten, doch als die Gruppe eintrat verstummten sie. Elisia ging wie selbstverständlich zum Ende des Raumes und wartete an einer langen Tafel. Die Männer die sie passierte senkten respektvoll die Köpfe oder erhoben ihren Bierkrug zum Gruß, dann musterten sie die Fremden. Darion folgte dem Pfad, den Elisia ihnen geschlagen hatte, bis sich ihm ein hochgewachsener, schlaksiger Kerl in den Weg stellte, mit Zahnlücke, pockennarbigem Gesicht und langem, fettigen Haaren. Man roch den Wein und Schnaps in seinem Atem. „Und wer seid ihr?“, fragte er und spuckte auf den Boden. „Zeig Respekt!“, brüllte Barlor und Darion warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Er meinte es gut, aber es verschlimmerte alles bloß. „Respekt?“, johlte der Trinker. „Wer seid Ihr schon, dass ich Euch Respekt zollen sollte?“ Er deutete auf das Wappen auf Darions Mantel. „Auch bloß 'ne Katze, die sich als Löwe ausgibt.“ Darion lächelte ihn müde an. „Besser das, als eine Ratte die sich hinter ihrem Pack versteckt.“ Einer der Männer bohrte seinen Doch in die Tischplatte, als eine Drohgebärde. Darion warf ihm einen Blick zu. „Vorsicht guter Mann. So wird die Klinge stumpf.“ Er schob sich an dem Trinker vorbei, doch der hatte noch was zu sagen. „Ich bin Dichter. Ich dichte ein Lied über Euch, na wie wäre das?“ „Wenn es mir gefällt“, rief Darion über die Schulter, „dann belohne ich dich.“
Hinter der Tafel gab es zwei weitere Feuerstellen, an denen sich die Neuankömmlinge ausbreiteten. Aelis, Devin und Darion mit Elisia an der einen, der Rest an der anderen. „So,“, begann Darion, als er seinen triefenden Mantel über einen Stuhl legte. „Wer erhebt nun Anspruch auf das Erbe?“ „Vier Katzen die sich für Löwen halten.“, meinte sie hasserfüllt. „Hör auf“, fuhr Darion sie an, „mit diesen Metaphern. Ich will eine klare Antwort.“ Elisia nickte. „Ekarius hatte einen Sohn Ewalt und fünf Töchter. Vier davon hat er verheiratet und ihre Ehemännern erheben nun Anspruch auf sein Erbe. Klar genug?“ „Wie kann das sein?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Jeder hat seinen eigenen Grund. Graf Bertholdäus von Gramsee ist der Älteste, was ihm den Vorrang vor den Anderen beschert, meint er. Graf Konlin Gemial hat die älteste Tochter Kwenn geheiratet und fordert nun IHR Erbe ein, aber natürlich nur für sich selbst. Graf Wilham Algard war der Erste, der sich in die Familie eingeheiratet hat – wer zu erst kommt und so fort. Graf von Karloth hat bereits einen Erben gezeugt, ein echtes Malistaer Kind wie er sagt. Also will er für seinen Sohn das Erbe unter seiner Regentschaft wissen. So hat jeder seinen Grund.“ Darion nickte langsam und musterte ihre Gastgeberin eine Weile. „Und die fünfte Tochter?“, fragte er, aber glaubte die Antwort schon zu kennen. Sie lächelte selbstsicher als sie antwortete. „Die verteidigt das Erbe gegen alle unwürdigen Heuchler. Und ich meine Alle.“ Nun ließ sich Darion endlich auf einen Stuhl fallen. „Wie gut das ich kein Heuchler bin. Ich habe echten Anspruch, legitimen Anspruch.“ Ihre Miene verzog sich zu einer zornigen Grimasse. „Aber“, lenkte Darion hastig ein, „deshalb bin ich nicht hier.“ „Wie auch,“, gab sie schnippisch zurück, „du wusstest nicht mal das mein Vater tot ist.“ Darion nickte zustimmend. „Ja aber nun weiß ich es und es verbessert meine Position erheblich, denn nun komme ich nicht länger als Bittsteller.“ Er deutete auf Aelis und Devin. „Ich möchte, dass du den Beiden ein Dach über dem Kopf gewährst.“ „Wieso?“, fragte sie gerade heraus. „Der Grund braucht dich nicht zu interessieren.“ Sie schnaubte amüsiert. „Du bittest mich also -“ „Nein.“, unterbrach sie Darion. „Ich bitte dich nicht. Ich verlange, dass du sie als Gäste aufnimmst. Sie sind von Stand und so werden sie behandelt.“ Elisia lehnte sich zurück und schlug die Beine über kreuz. Ihre Miene verriet nichts über ihre Meinung zu Darions Forderung, aber er glaubte, dass sie darüber grübeln musste. „Was hab ich davon?“, fragte sie schließlich. „Das Privileg guter, arcanischer Gesellschaft, was die Beiden angeht und Ruhe und Frieden, was mich angeht.“ „Du verzichtest also auf jeden Anspruch den du zu haben glaubst?“ Darion zögerte einen Moment mit seiner Antwort. „Du hast genug mit den Katzen zu kämpfen, da brauchst du keinen Löwen, der an deiner Tür kratzt.“, meinte er, ein wenig stolz auf sich, auch so eine bildhafte Metapher gefunden zu haben. Sie schwiegen sich einen Moment, einen langen Moment an, bis Elisia seufzte. „Gut.“ Darion war überrascht. „So einfach?“ „Du bist hier her gekommen, mit diesem Anliegen. Du hast keinen Brief geschrieben, keinen Boten geschickt, sondern wolltest persönlich kommen. Ich denke du gibst dich mit einem Nein nicht zufrieden und ich habe bei der Sache keinen Nachteil. Also, warum nicht?“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Darion erhob sich ebenfalls und schlug ein. „So und nun wollen wir sehen, wie viel Malistaer in dir steckt.“
Mit den anderen begaben sie sich an eine der besser besuchten Feuerstellen. „Macht Platz.“, befahl Elisia und sofort wurden ein paar Bänke verschoben und Tische zusammengerückt. Sie bekamen endlich was zu Essen und zu Trinken, geschmorter Hammel und Rübeneintopf oder zumindest so etwas in der Art. Sie wurden weiterhin misstrauisch beäugt, aber das war zu erwarten. „Wie kommt es, dass ihr alle auf ihr Kommando hört?“, fragte Darion in die Runde. „Weil sie mehr Eier hat, als die Ehemänner ihrer Schwestern zusammen!“, johlte einer und die anderen stimmten mit ein. Ein Anderer reichte Darion einen Tonkrug. „Ist selbst gemacht.“ Darion nahm einen Schluck. Es schmeckte süßlich, nach verschiedenen Beeren und brannte wie Feuer. „Ist gut.“, hustete er und die Runde lachte. „Gut?“, fragte Elisia skeptisch. „Das Zeug trink ich als Brechmittel, das würde ich nicht mal meinen Feinden anbieten.“ „Ihr vertragt eben nichts.“, meinte Darion und reichte die Flasche an Tiros weiter, der bemerkenswert still war bisher. Sein Freund gab die Flasche direkt an Devin weiter, ohne Schluck zu nehmen und sein Gesichtsausdruck, beunruhigte Darion sehr. Irgendwas passte ihm nicht und das war sehr alarmierend. Wer noch sehr still war, war der Dichter, der still und ungesehen abseits saß und scheinbar ein Selbstgespräch führte. Mit einem Mal jedoch sprang er freudig auf. „Ich bin fertig!“, jubelte er. „Das Lied ist gedichtet – fehlt noch ‚ne nette Melodie, aber sonst!“ Darion lehnte sich zurück und forderte ihn mit einer Geste auf. Der Mann räusperte sich eingehend, damit auch wirklich jeder zuhörte und hob dann laut und klar an und mit jeder Zeile, versteinerte sich Darions Miene.
„Wer seid Ihr schon, fragt ich voll Groll.
Das Respekt ich zollen soll?
Bloß ‚ne Fotze im Löwenpelz,
Nennt‘s Ruhig wie‘s Euch gefällt.
Ein Silberschwert und goldnes Haar,
Ist des kleinen Löwen Pracht.
Doch die Fotze hier, wär‘ ja gelacht,
Hat bei uns hier keine Macht.“
Fürchtet den Silberlöwen

Benutzeravatar
Aelis von Avalé
Vagabund
Beiträge: 27
Avatar: paracoma
Alter: 30
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Avalé
Waffen: Kurzschwert, Jagdarmbrust

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Do, 21. Sep 2017 10:30

Aelis verstand. Doch sie wollte Darions Worte nicht einsehen. Niemals würde sie mit dem Wissen, dass dieser kleine Junge Darions Sohn war, seine ‚Wahrheit‘ anerkennen. Als ihr bester Freund wütend auf sie zugestapft kam, rechnete Aelis mit Allem. Er war zu diesem Zeitpunkt nicht er selbst. Sie hätte ihm sogar zugetraut, dass er sie mit einem Schlag niederstreckte, oder ihr zumindest eine ordentliche Backpfeife gab. Unangenehm bohrte er seinen Finger in ihre Schulter, was Aelis dazu zwang, einen Schritt zurückzutreten. Malistaer begann, einen Vortrag über Verluste zu halten. Dass Devin und er weitaus mehr verloren hatten, und dass sie gar nichts verloren hatte. Was natürlich nicht stimmte. Hatte Aelis nicht alles verloren, was sie ausmachte, was sie war, was sie hatte…? Die Vollstreckerin runzelte die Stirn. „Du warst ein ausgemachtes Arschloch, Darion. Du bist ein ausgemachtes Arschloch… und unerträglich obendrein. Ich habe alles verloren, was ich habe, was ich bin und je hätte sein können. Nur weil ich keinen geliebten Menschen zu betrauern habe, bedeutet das nicht, dass meine Verluste leichter sind!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wandte sich beleidigt ab. Eine Weile schwiegen alle, dann ergriff Darion das Wort. „Du hast recht. Ich … bin ein Arschloch gewesen. Ich weiß ich habe gesagt ich gäbe euch keine Schuld, aber … das ist schwer. Ehrlich. Ich will es nicht, aber ich tu es. Mich selbst kann ich ganz einfach hassen, es ist bloß schwer nur mich zu hassen.“ Aelis nickte, und wandte ihm den Kopf zu. Noch bevor sie etwas sagen konnte, entschuldigte sich Darion bei Devin, was eine große Geste war, die Aelis sehr versöhnlich stimmte. „Ist schon in Ordnung, Darion“ murmelte sie. „Die Zeit wird alles heilen. Wir müssen uns diese Zeit nur geben…“ Als er ihr dann schließlich den Weinschlauch entgegen hielt und sie in regelrecht flehendem Ton bat, doch zu trinken, da grinste sie bereits wieder. Wenn der beste Freund einen anflehte zu trinken, dann war man loyal, und trank. „Die Chancen hier eine Dummheit anzustellen, sind sehr gering.“ Aelis setzte den Weinschlauch schließlich wieder ab und legte den Kopf schief. „Na, ich weiß nicht so recht…“

Schließlich und endlich erreichten sie die Burg von Darions Verwandten. Es war Nacht und es regnete schon seit Stunden stark. Da half auch der Wollmantel Aelis‘ nicht. Sie war bis auf die Haut durchnässt und fror fürchterlich. Die Aussicht auf einen Platz am Feuer und eine heiße Suppe hingegen war nun in greifbarer Nähe und das stimmte Aelis nach den letzten mühseligen Stunden wieder ein wenig besser. Doch so leicht, wie sie sich das gedacht hatte, wurde es ihnen nicht gemacht. Es dauerte eine ganze Weile, bis man sie durch das Tor passieren ließ. Aelis Pferd tänzelte nervös von einem Bein aufs andere und übertrug indirekt diese Nervosität auf seine Reiterin. Doch endlich ließ man sie in das Innere der Burg. Was trotz der Dunkelheit sofort ins Auge fiel war, dass diese Burg vornehmlich gut durchdacht und gebaut worden war. Aelis glaubte sogar, dass diese Burg uneinnehmbar war, und wenn die Vorratskammern gut gefüllt waren, würde sie einer Belagerung wohl so lange standhalten, bis ihnen die Vorräte ausgingen oder der Feind resigniert aufgab. Im zweiten Vorhof wurden sie von Männer mit Speeren und Spießen wahrhaft herzlich empfangen. Aelis beschlich allmählich ein ungutes Gefühl und als dann schließlich eine Frau vortrat und mit Darion diskutierte, verstärkte sich dieses Gefühl noch weiter. Was im Thronsaal folgte, waren nicht enden wollende Diskurse über Rechte, Ansprüche und unterschwellige Feindseligkeiten. Erst als Darion versicherte er erhebe keinerlei Ansprüche, solange sie die beiden aufnahmen und standesgemäß behandelten, entspannte sich die Lage wieder. Elisia, so hieß die Frau, und einzige unverheiratete Tochter des verstorbenen Grafen, stimmte zu.

Und endlich war es so weit, dass die Reisegruppe an die Feuerstelle und an einen der Tische gebeten wurde, wo ihnen Speis und Trank aufgetragen wurde. Hammelfleisch war nun nicht Aelis‘ Lieblingsspeise, doch nach den entbehrungsreichen Wochen aß Aelis sogar dies ohne sich zu beschweren. Schließlich reichte einer der Männer Darion einen Krug und pries den Inhalt dessen als selbstgemacht an. Darions Miene war zu entnehmen, dass der Inhalt alles andere als schmackhaft war, doch sagte er das Gegenteil davon. „Ist gut“ presste er hervor. Elisia bezeichnete den Inhalt als Brechmittel und schließlich erfuhren sie, dass es sich hierbei um Savusk handelte, ein Gebräu, das eigentlich nur bei den Wilden Menschen getrunken wurde. Aelis verspürte nicht den Wunsch, dieses Barbarengetränk zu probieren und so lehnte sie höflich ab, als der Krug an sie gereicht wurde. Der Dichter, der sich zuvor eifrig an einen Tisch gesetzt hatte mit dem Versprechen ein Lied auf Darion zu dichten, sprang schließlich auf. Er sei fertig, und würde nun sein Lied zum Besten geben. Die Menge im Saal verstummte, und sich die Aufmerksamkeit aller wissend, las der Dichter vor. Jede Zeile, die er verlas, ließ Darions Gesicht immer dunkler vor Zorn werden. Ein Spottlied, eine Beleidigung, ein Affront. Die Menge jubelte und gröhlte, als er fertig war und sich huldvoll verneigte. Nicht nur Darion war erbost, auch Aelis war es. Als der Applaus und die Zurufe verebbt waren, erhob sie sich geräuschvoll von ihrem Sitzplatz und trat auf den Dichter zu, begleitet von allgemeiner Alarmiertheit und Waffen, die versteckt gezogen wurden. Sie musterte ihn kurz geringschätzig und begann schließlich. „Wie kannst du dich erdreisten, ein derartiges Lied über Darion Malistaer zu schreiben? Dichter nennst du dich? Ich habe selten eine Weise gehört, die derartig schlecht und einfältig in Wort und Ausdrucksweise ist. Sieh dich an, du bist ein ungepflegter, niederer Mensch, der es noch nicht einmal geschafft hat, genügend in seiner Berufung zu sein.“ Er grinste dümmlich. „Und wer seid ihr? Noch so eine Fotze? Aber mir scheint, als hättet ihr mehr zu sagen als Darion Maalistaer.“ Das war zu viel für Aelis. Leider hatte man ihnen die Waffen am Eingang abgenommen. Andernfalls hätte sie nichts davon abgehalten, dem Kerl ihren Dolch in den Hals zu rammen um diesen Einfaltspinsel für immer zum Schweigen zu bringen. Aber sie hat keinen Dolch. Im selben Moment, da er diese Worte ausgesprochen hatte, schlug sie ihm mit dem Handrücken hart ins Gesicht, und den Überraschungsmoment nutzend, packte sie ihn an der Schulter und drückte ihn auf die Knie. „Bei den Geschwistern! Du entschuldigst dich sofort! Bei mir und auch bei Darion! Was ist das hier für eine lausige Gastfreundschaft in diesem Hause?“ schrie sie. Der Dichter, der sichtlich verblüfft war, brachte schließlich ein Wort der Entschuldigung hervor. Ob es ernst gemeint war, oder nicht, war Aelis in diesem Moment egal. Wichtig war nur, dass er es geta hatte. Damit war der Gerechtigkeit Genüge getan, und alles was jetzt folgen würde, eine Verkettung von nicht bedachten Konsequenzen. Eine Weile herrschte Todesstille im Raum, doch dann johlte einer der Männer auf, was die anderen dazu beflügelte, einzufallen. Allgemeines Gelächter schall durch den Raum, und Applaus. Etwas, mit dem Aelis nicht gerechnet hatte. Eher hätte sie damit gerechnet, vom nächsten Spieß durchbohrt zu werden. „Was für ein Frauenzimmer!“ „Eier in der Hose wie Elisia!“ „Wunderbar!“ klangen die Rufe durcheinander. Seltsamerweise lockerte dieser Zwischenfall die eher zurückhaltende Stimmung auf. Zwei Männeer begannen aufzuspielen, mehr Bier wurde gebracht und alle begannen sich wieder angeregt zu unterhalten. Am Ende des Abends wurden ihnen schließlich Zimmer zugewiesen. Sie waren einfach, doch jedes hatte eine Feuerstelle, und das war schon mehr Annehmlichkeit in einer Burg auf die man hoffen durfte.

Doch Aelis fand keinen Schlaf, so müde sie auch war. Zuviel ging ihr im Kopf herum. Gedanken über ihr Dasein und über ihre ungewisse Zukunft. Hier würde sie bestimmt nicht glücklich werden. Wie lange musste sie hier bei Darions Verwandten ausharren? Wie stand es nun zwischen ihr und Devin? So viel Unausgesprochenes und auch Trennendes stand zwischen ihnen. Sie wusste, sie mussten eines Tages darüber sprechen. Und warum nicht jetzt sofort? Wissend, dass sie ohnedies keinen Seelenfrieden finden würde, solange sie das Problem nicht anging, verließ sie ihr Gemach und schlich zu Devins. Sie klopfte kurz an, und trat schließlich ein, ohne dazu aufgefordert zu werden. Auch Devin war noch munter. Er saß an der Feuerstelle in einem großen hölzernen Stuhl und nippte an einem Weinbecher. Er schien überrascht, Aelis hier zu sehen, und die Arcanierin kam ohne große Umschweife auf das wesentliche Thema. „Devin, wir müssen reden. Ich halte das nicht mehr aus.“ Doch Worte zu finden, war schwer. Sie hatte sich keine großen Worte zurechtgelegt, was sie sagen wollte. Doch hatten Darions Worte über Verlust sie sehr nachdenklich gemacht. Sie ließ sich vor ihm auf dem Fell vor der Feuerstelle nieder und blickte zu ihm auf. „Ich bin, was ich bin, Devin. Ich bin streng gläubig erzogen worden und dies wurde auch meine Berufung. Wenn ich etwas tue, bin ich stets davon überzeugt, dass es das Richtige ist. Und es erschien mir auch, dass es das Richtige ist, Varon als der Verräter der er war, hinrichten zu lassen, so wie ich es stets mit Landesverrätern getan habe. Eigentlich wäre es nur gerecht gewesen, dasselbe mit dir zu machen…“ legte sie sie den Kopf schief und lächelte betreten. „…aber das konnte ich nicht. Weil ich viel für dich empfunden habe. Ich weiß nicht, wie wir nun nach all den Ereignissen zueinanderstehen. Aber ich weiß, dass ich nun nicht mehr die bin, die ich einmal war. Ich bin keine Vollstreckerin mehr, ich werde nie wieder eine sein. Mein Leben hat sich nun in eine neue Richtung entwickelt. Und ich weiß heute, dass es falsch war, Varon verhaften und hinrichten zu lassen. Ich hätte vorher zu dir kommen müssen und mit dir sprechen. Ich habe es nicht getan. Stattdessen habe ich dir deinen besten Freund genommen. Ich erwarte nicht, dass du mir vergibst. Aber ich bin hier um dir zu sagen, wie sehr es mir leidtut. Ich würde es rückgängig machen, wenn ich könnte. Aber das kann ich nicht. Alles was ich kann ist dir zu sagen, wie leid es mir tut…“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

Benutzeravatar
Devin
Vagabund
Beiträge: 26
Avatar: Avatarschmiede
Alter: 32
Rasse: Mensch
Heimat: Arcanier

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mi, 27. Sep 2017 9:33

Devin schaute zwischen Darion und Aelis hin und her. Ob der Junge, der sie begleitete, nun Darions Sohn war oder nicht, blieb offen. Devin war es ohnehin vollkommen egal. Er hatte genug eigene Probleme am Hals, die ihn beschäftigten und da war er nicht der einzige in der Runde. Darion war wütend. Das war schwer zu übersehen. Doch nach all der unterschwelligen Spannung, die in letzter Zeit zwischen ihnen geherrscht hatte, empfand Devin seinen zornigen Ausbruch als Erleichterung. Es war wie ein Gewitter, das nach einem schwülen Sommertag die Luft reinigte. Darion konnte sich sogar zu einer Entschuldigung durchringen, was für Devin unerwartet kam. Und weil Devin wusste, dass Entschuldigungen oft den meisten Mut erforderten, nickte er dankend und lächelte matt, bevor er Darion kumpelhaft auf die Schulter haute und etwas davon murmelte, dass es schon gut wäre und sie alle momentan eine Scheiß Zeit durchmachten. An der Diskussion darüber, wer nun den größeren Verlust erlitten hatte oder das größere Arschloch war, beteiligte sich Devin nicht. Bei ersterem sah er Darion weit vorn, bei letzterem gewohnheitsmäßig sich selbst. Wer konnte schon sagen, wer letztlich die Schuld am Tod von Darions Frau trug? In erster Linie natürlich Lepos, der die Klinge geführt hatte. Aber zum Teil auch Darion selbst, der Lepos provoziert hatte und seine Frau zu der Hütte gebracht hatte. Devin trug natürlich ebenso eine große Schuld, denn ohne ihn wäre niemand dort gewesen. Ohne Aelis aber auch keiner.
Die Frage nach der Schuld war also genauso unmöglich zu beantworten wie die, wer das ganze Schlamassel, in dem sie sich befanden, eigentlich verursacht hatte. Es war einfach zu verworren.
Devin war es langsam auch leid, darüber nachzudenken. Er war müde und fühlte sich ausgelaugt. Schweigend nahm er den Weinschlauch, der den neuen Frieden zwischen ihnen besiegeln sollte und trank einen großen Schluck, als hoffte er, dass der Alkohol, der in seinen Magen rann, auch das Loch in seiner Seele füllen könnte.

Die Weiterreise war beschwerlich. Der Dauerregen durchweichte ihre Kleidung bis auf die Haut und schien auch den letzten Funken guter Laune fortzuspülen. Devin versuchte zu ignorieren, dass seine Kleidung unangenehm kalt an seinem Körper klebte und sein Magen knurrte. Er hätte jetzt einiges für eine gute Prise Starrkraut gegeben. Auch wenn sein Körper keine körperlichen Symptome des Entzugs mehr zeigte, gierte sein Geist doch oft weiter nach der Droge. Besonders, wenn er sich schlecht fühlte wie in diesem Moment.
Nach Stunden, in denen Devin im Sattel vor sich hindämmerte, während sie durch einen schier endlos scheinenden Wald ritten, erreichten sie schließlich eine offene Landschaft. Aufmerksam sah sich Devin um. Die Burg war eine gut ausgebaute Festungsanlage, in die ein Feind schwer hinein gelangen konnte. Oder wieder hinaus…, ging es Devin unbehaglich durch den Kopf, während er unruhig im Sattel hin und her rutsche. Das lange Geplänkel am Tor darüber, ob sie nun eingelassen werden sollten oder nicht, strapazierte seine Nerven zusätzlich. Wenn er nicht bald aus diesen nassen Sachen kam, würden noch seine Eier abfrieren. Zum Glück wurden Darion seine verwandtschaftlichen Beziehungen letztendlich doch geglaubt und eine ziemlich herrschsüchtig erscheinende Frau ließ sie ein. Zögerlich gab Devin seine Waffen ab und folgte dem kleinen Tross ins Innere der Burg.
Wie es sich herausstellte, war das mit den verwandtschaftlichen Beziehungen dann komplizierter als gedacht. Der Burgherr war tot und die Nachkommen stritten um das Erbe. Elisia, die Frau, die sie eingelassen hatte, war die einzige unverheiratete Tochter des alten Grafen. Devin, der bis zu dieser Erklärung abseits still am Feuer gestanden und sich gewärmt hatte, drehte sich um und bedachte sie mit einem kurzem abschätzenden Blick, bevor er sich wieder dem Feuer zuwandte. Er fand es demütigend, auf das Wohlwollen dieser Frau angewiesen zu sein. Devin war es gewohnt, selber über ein Anwesen zu herrschen. Die Rolle eines Bittstellers war ungewohnt und behagte ihm nicht. Mit leicht gequältem Gesichtsausdruck verfolgte er, wie die Burgherrin sich erst überzeugen lassen musste, bevor sie schließlich einwilligte, ihnen Unterschlupf zu gewähren.
Als sie jedoch zu einer gemütlichen Feuerstelle wechselten und Devin spürte, wie dank des Feuers und des heißen Essens langsam die Wärme in seinen Körper zurück kehrte, legte Devin seine Bedenken vorerst ab. Er war am Verhungern und der Eintopf war das Beste, was er seit langem gegessen hatte. Was genau in der Schüssel schwamm, war ihm da schon fast egal.
Ganz entspannen konnte Devin trotzdem nicht. Vielleicht lag das an den Leuten um sie herum, die sie anstarrten als hätten sie lange keine Fremden gesehen. Neugierige, aber auch feindselige Blicke waren darunter. Devin blieb aufmerksam und genau wie Tiros verzichtete er auf das dargebotene, selbst gebrannte Gebräu. Er wollte einen klaren Kopf behalten. Was dringend notwendig war, denn das provozierende Gedicht, das der „Dichter“ der Burg ersonnen hatte, war sehr beleidigend und verärgerte nicht nur Darion. Devin griff diskret nach seinem Tafelmesser, der einzigen Waffe, die ihm zur Verfügung stand. Seine Finger umklammerten das Messer derart fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Aelis stellte den Mann zur Rede und Devin hielt sich bereit, nötigenfalls einzuschreiten. Der Mann grinste nur dümmlich. „Und wer seid ihr? Noch so eine Fotze? Aber mir scheint, als hättet ihr mehr zu sagen als Darion Maalistaer.“ Weil alle Augen auf Aelis ruhten, bekam kaum einer mit, wie Devin langsam aufstand. Er fand es an der Zeit einzugreifen. Doch das brauchte er gar nicht mehr, denn Aelis erwies sich als schlagfertiger als gedacht. Beeindruckt blieb Devin der Mund offen stehen. Das hätte er ihr gar nicht zugetraut. Aelis war stets für eine Überraschung gut. Als sich die Situation entspannte, sich die Anspannung in Gelächter entlud und das Bier wieder in Strömen floss, hatte sich Devin längst wieder beruhigt, saß still auf seiner Bank und nahm ein paar sparsame Züge aus seinem Bierkrug.
„Is ne scharfe Braut, die Lady“ wurde Devin plötzlich angesprochen von einem schmierig aussehenden Hünen mit beachtlicher Armmuskulatur, die er bewusst spielen ließ, während er lässig mit einem großen Dolch hantierte. Der Mann machte es sich ungefragt neben Devin bequem, warf einen verträumten Blick in Richtung Aelis und plauderte ungeniert einfach weiter: „Die braucht bestimmt mal einen richtigen Kerl wie mich zwischen den Beinen. Was meinste? Meinste, sie könnte auf mich stehen?“ Devin begutachtete seinen Sitznachbarn skeptisch.
„Na klar könnte sie das. Und ich auch. Mit dem Stiefel auf deiner Gurgel stehen, wenn du es auch nur versuchst“, antwortete er und fragte sich augenblicklich selbst, ob er von plötzlicher Todessehnsucht ergriffen war, so mit dem Kerl zu reden. Denn der war ihm ohne Zweifel überlegen, ein Muskelberg von Mann, dazu bewaffnet und umgeben von Freunden, während Devin abgesehen von einem bohrenden Blick nichts vorweisen konnte, was ihn auch nur halbwegs gefährlich erschienen ließ. So erwartete Devin insgeheim mindestens, dass ihm der Muskelberg die Faust ins Gesicht schmettern würde. An den Dolch mochte er gar nicht denken. Doch nichts dergleichen geschah. Dem Kerl zuckte es zwar in den Fingern, er starrte Devin aber nur finster an, fand dann wohl, dass Devin der Mühe nicht wert war und erhob sich lässig. Bevor er langsam davon trottete, spuckte er vor Devin auf den Boden und bedachte ihn mit einem Blick voller Verachtung und Mitleid. Devin hatte die Luft angehalten und nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, gesellte er sich nun lieber zu Darion, der einer beginnenden Schlägerei zusah, die sich zwischen zwei Betrunkenen entwickelte. Schon flogen die Fäuste, die ersten Bänke kippten um und die Kämpfenden wurden von den Umstehenden angefeuert. Devin und Darion betrachteten das Schauspiel mit verschränkten Armen mäßig interessiert.
„Ich bin froh, endlich hier angekommen zu sein und dankbar, dass wir bei deinen Verwandten vorerst Unterschlupf finden können“, begann Devin und zog mitfühlend scharf die Luft ein, als einer der Kontrahenten einen gut platzierten Treffer im Gesicht seines Gegners landete. „Trotzdem….Wenn du mich fragst, ist diese Burg ein dreckiges Loch angefüllt mit betrunkenem Gesindel. Diese Elisia scheint ihre Sache ganz gut zu machen. Aber hier braucht es jemanden, der Verantwortung übernimmt. Wie wär´s? Du könntest sie heiraten, jetzt wo du Witwer bist. Jemand wie du würde hier sicher für Ordnung sorgen“, schlug Devin mit einem verschmitzten Lächeln vor, das offen ließ, ob der Vorschlag ernst gemeint oder als Scherz zu deuten war. Bei näherer Betrachtung fand Devin seine Idee gar nicht so abwegig. Darion könnte diese Elisia heiraten und somit seine Ansprüche sichern oder sie umbringen und sich einfach nehmen, worauf er Anspruch hatte. Oder erst das eine, dann das andere…., ging ihm durch den Kopf und Devin wunderte sich selbst über diesen finsteren Gedanken. Wo war nur der Devin hin, der in seinem Salon gut gekleidet mit den Damen seichte Konversation betrieb? Er musste auf der Reise verloren gegangen sein.

Irgendwann wurde es Devin dann zu bunt und er zog sich auf sein Zimmer zurück. Kaum dass er es sich gemütlich gemacht hatte, klopfte es und Aelis stürmte zu seiner Überraschung ins Zimmer. „Devin, wir müssen reden. Ich halte das nicht mehr aus“, begann sie und setzte sich zu ihm ans Feuer. Sie sah ihm in die Augen, redete sich vieles von der Seele und endete mit der Beteuerung, dass sie in Bezug auf Varon falsch gehandelt habe und es ihr leid tue: „ Alles was ich kann ist dir zu sagen, wie leid es mir tut…“
„Ich weiß…“ antwortet Devin mit gequältem Gesichtsausdruck und wich ihren erwartungsvollen Augen für einen Moment aus. Er wusste, er musste jetzt schnell etwas antworten. Das erwartete sie. Aber er musste sich erst sammeln, bevor er ihr in die Augen sehen konnte und schließlich die richtigen Worte fand:„Die Sache mit Varon ist sehr schmerzhaft für mich. Das ist eine Wunde, die wahrscheinlich niemals ganz verheilen wird. Aber ich bin über den Punkt hinaus, nur dir die Schuld an seinem Tod zu geben. Das wäre ungerecht. Varon wusste immer, worauf er sich einließ. Welches Risiko er einging. Genau wie seine Schwester. Genau wie ich…“ Er sah ihr sehr direkt und lange in die Augen. Das Risiko, das er eingegangen war, umfasste nicht nur seine Tätigkeiten für den Widerstand, sondern auch die Tatsache, sich ausgerechnet mit ihr eingelassen zu haben. Mit der Vollstreckerin der Zwei, wohl wissend, dass sie diesen Titel nicht nur zur Zierde trug. Devin löste nicht den Blick von Aelis, aber etwas veränderte sich darin, wurde wärmer, als Aelis ihn weiter unverwandt ansah. „Es gibt nichts mehr zu verzeihen. Die Dinge sind geschehen. Keiner von uns kann irgendetwas rückgängig machen. Du genauso wenig wie ich. Wir sollten anfangen es hinter uns zu lassen und neu beginnen.“ Er sah auf ihre Lippen. Er wusste genau, wie es sich anfühlte, sie zu küssen. Ihre Nähe, dieses emotionale Gespräch und die ganze Situation erinnerten ihn daran, was er gefühlt hatte, als sie sich zuletzt geliebt hatten. Wie es war, sie zu berühren, ihre Leidenschaft zu wecken, sie zu schmecken und unter sich zu spüren. Devin kämpfte noch einen Moment dagegen an und ermahnte sich, nicht an all diese Dinge zu denken. Dies war ein wichtiges Gespräch. Sie hatten Probleme, die sie lösen mussten und eine Aussprache ging am besten, wenn sie es kopfgesteuert angingen. Doch es war längst zu spät. Ohne den Kopf noch weiter zu bemühen, überließ sich Devin seinen Instinkten. Er zog Aelis zu sich heran, um sie zu küssen. Und weil Aelis den Kuss hungrig erwiderte, brauchte man kaum bis drei zählen, bis sie übereinander herfielen, sich gegenseitig fast die Kleider vom Leib rissen und sich derart stürmisch vor dem offenen Kamin liebten, dass das Bärenfell auf dem Boden Feuer fing. Allerdings nicht angefacht von der Hitze dieser Begegnung, sondern von der Glut des nahen Kaminfeuers. Zum Glück konnte alles Entflammte zu aller Zufriedenheit gelöscht werden, so dass sie am Ende verschwitzt und engumschlungen zwischen den verkohlten Überresten des Fells auf dem Boden lagen. Devin neckte Aelis damit, dass ein Teil ihrer Haare verkohlt sei. Was zum Glück nur ein übler Scherz war, den Aelis nur mäßig lustig fand, denn sie war sofort aufgesprungen, um sich den nicht existierenden Schaden zu besehen.
Nachdem sie ein wenig später das Ganze (ohne brennendes Fell) im Bett noch einmal etwas ruhiger wiederholt hatten, hielt Devin Aelis im Arm und betrachtete sie nachdenklich. Es fühlte sich richtig an, hier mit ihr zu liegen. Devin fühlte sich so gut wie seit langer Zeit nicht mehr. Aber all die Zweifel, die ihn beschäftigten, ließen sich nicht lange zurück drängen. Zu ungewiss erschien Devin ihre Zukunft, um gemeinsame Pläne machen zu können. Er wusste nicht, was Aelis wollte. Er wusste ja nicht einmal, was er selbst wollte. Diese Nacht war bedeutungsschwerer als alle vorherigen, das spürte er deutlich. Nicht vergleichbar mit denen, als sie sich sturzbetrunken aufeinander eingelassen hatten. Dies hier wurde etwas Ernsteres und das machte Devin auch ein Stückweit Angst.
„Da ist etwas, das ich dir sagen muss“, gestand er ihr schließlich zögernd. „Ich weiß, dass wir froh sein sollten, hier in Sicherheit zu sein. Falls wir das tatsächlich sind…“, schränkte er ein und hob zweifelnd die Brauen an. „Eine Zeitlang sollten wir hier bleiben. Aber in absehbarer Zukunft werde ich wieder gehen. Auf Dauer liegt es mir nicht, mich irgendwo zu verstecken und untätig darauf zu warten, dass andere über mein Schicksal bestimmen. Ich will mehr als das. Mir zurück holen, was ich verloren habe. Oder etwas Neues beginnen. Ich weiß es noch nicht. Ich denke noch darüber nach. Es gibt ein paar Möglichkeiten, die ich noch nicht ausgeschöpft habe. Da ich immer damit rechnen musste aufzufliegen, habe ich ein paar Vorkehrungen für den Fall getroffen..“ Devin ließ offen, welche das waren. Das hatte Zeit. Erst musste sich Devin darüber klar werden, was er wollte. Er sah zu Aelis, die sich halb aufgerichtet hatte, um ihn anzusehen. „Was denkst du? Was willst du?“ fragte er und lächelte sie an.

Benutzeravatar
Darion
Vagabund
Beiträge: 23
Avatar: Dieser Caradan
Alter: 29
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Arcanis
Waffen: Schwert

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Sa, 14. Okt 2017 13:35

Darions Fingernägel bohrten sich schmerzhaft ins Fleisch, als er vor lauter unterdrücktem Zorn die Hand zur Faust ballte. So was, wie dieses Schandmaul da veranstaltete, musste und durfte er sich eigentlich nicht bieten lassen. Aber sie waren eindeutig in der Unterzahl und verwandt hin oder her, Elisia war eine Frau und er bezweifelte, ob sie ihre Männer wirklich so im Griff hatte, dass sie einen der ihren einfach so ungerächt lassen würden. So musste er es ertragen. Doch zu seiner Überraschung sprang plötzlich Aelis auf und verschaffte sich mit einer mutigen oder übermütigen Reaktion den Respekt, den eigentlich Darion erlangen wollte, indem er ruhig blieb und sich schon einmal darauf vorbereitet hatte, diesem elenden Wichser anerkennend zuzunicken. Er hatte die Größe beweisen wollen, aber anscheinend war das hier weitaus effektiver. Danach entspannte sich alles, die Stimmung wurde ausgelassener und Darion griff auch beherzt zu Wein und Bier, hielt sich aber vorsichtshalber von Schnaps oder Weinbrand fern. Darion hörte mehr zu als dass er sprach und beobachtete, wie zwei Kerle immer lauter und heftiger aneinander gerieten. Es bedurfte keiner zwei weiteren Beleidigungen und schon flogen die Fäuste. Grunzend stürzten sie sich aufeinander und versuchten sich in einem ersten Versuch gegenseitig zu Boden zu ringen. Devin gesellte sich zu Darion. „Ich bin froh, endlich hier angekommen zu sein und dankbar, dass wir bei deinen Verwandten vorerst Unterschlupf finden können“, meinte Devin und Darion lachte laut auf. Einer der Schläger wurde hart ins Gesicht getroffen und taumelte rückwärts gegen Darion, der es irgendwie schaffte sein Bier nicht zu verschütten und ihn mit einem kräftigen Arschtritt wieder in den provisorischen Ring zu befördern. „Sag das mal nicht zu früh.“, lachte Darion mit einem Nicken hinüber zu den beiden Streithähnen. „Aber immer noch besser als in den Zellen der Zitadelle.“ Offenbar war so ein Kampf hier nichts unübliches. Darion bemerkte wie schnell man Wetten abgeschlossen hatte und wie wenige sich eigentlich für die Prügelei interessierten. Die meisten Kerle hier waren eigentlich mehr hinter den Röcken der wenigen Mägde her, die sich aber ihrerseits ganz gut behaupten konnten. Anscheinend verrohte man in den gefallenen Reichen ziemlich schnell. „Trotzdem….“, fuhr Devin fort und Darion schaute ihn wieder an. „Wenn du mich fragst, ist diese Burg ein dreckiges Loch angefüllt mit betrunkenem Gesindel. Diese Elisia scheint ihre Sache ganz gut zu machen. Aber hier braucht es jemanden, der Verantwortung übernimmt.“ Darion gefiel nicht in welche Richtung dieses Gespräch ging und schwieg Devin an, als plötzlich ein heller Pfiff ertönte und Elisia, fast schon um Devins Worte zu unterstreichen, mit einem Befehl die Streithähne auseinander brachte. „Wie wär´s? Du könntest sie heiraten, jetzt wo du Witwer bist. Jemand wie du würde hier sicher für Ordnung sorgen“ Darion sah ihn fragend an und schmunzelte amüsiert. „Mit der eigenen Verwandtschaft ins Bett? Ich weiß ihr im Osten des Landes seit seltsam, aber das ist mir neu.“ Darion sah zu, wie man die beiden Kontrahenten zu entgegen gelegenen Stühlen brachte, die kleinen Blessuren versorgte und sie Beide gleichermaßen bejubelte. „Außerdem...“, meinte Darion schon beinahe wehmütig, „Raufen und Saufen, daran könnte ich Gefallen finden.“ Er grinste und prostete Devin zu. Irgendwie bekam er ein schlechtes Gewissen über seine gute Laune, es fühlte sich ein wenig wie Verrat an. In einer Ecke des Raumes sah er seinen Knappen sitzen der bereits mit hochrotem Kopf an einem Krug nippte. Darion bahnte sich einen Weg zu ihm, schubste ein paar Kerle zu Seite, die sich offenbar einen Spaß aus dem Zustand des Jungen machten und nahm ihm den Becher ab. Er nippte daran und schmeckte das ekelhafte Beerengebräu. Mit einem zornigen Schnaufen schüttete er es in die Ecke und packte den Jungen am Hemd. „Ab ins Bett du kleiner -“, herrschte er ihn an und winkte eine der Mägde ungeduldig zu sich. „Bring ihn weg.“, befahl er und die Magd schnappte sich den Jungen mit einem verängstigten Blick zu Darion und verschwand. Die Kerle die dem Jungen das Zeug gegeben hatten, lachten und stießen sich gegenseitig in die Seite. Darion wandte sich zu ihnen um und packte den einen, der der ihm am nächsten stand, am Kragen. „Wenn ihr dem Knaben noch einmal was zu saufen gebt,“, drohte er mit gefährlich leiser Stimme, die gerade so den Lärm der feiernden Meute durchdrang, „dann bring ich euch um. Verpisst euch!“ Darion ließ ihn wieder los und die beiden hatten es plötzlich furchtbar eilig an eine der Feuerstellen zu kommen. Die gute Stimmung der Anwesenden wurde dadurch nicht beeinträchtigt, aber Darion war die Feierlaune gründlich vergangen und er machte sich auch auf, um ins Bett zu kommen. Allein, wie er der Magd mehrmals verdeutlichen musste.

Darion erwachte am nächsten Morgen, weil ihn ein unbeschreiblicher Druck im Lendenbereich aus dem Bett trieb. Eilig machte er sich an der Türe zu schaffen, die hinaus auf einen kleinen Balkon führte, der einmal die gesamte Nordseite des Haupthauses zierte. So gesehen konnte man von einem Zimmer alle anderen erreichen. Aber das interessierte Darion jetzt herzlich wenig, selbst wenn Aelis in diesem Moment herauskäme. Wäre bestimmt nicht das erste Mal, dass sie ihn mit heruntergelassener Hose antraf. Darion seufzte genüsslich vor Erleichterung, als er über die Balustrade schiffte. Kaum das er fertig war, klopfte es an seiner Tür und Tiros trat unaufgefordert ein. „Herein.“, meinte Darion trocken, als Tiros zu ihm hinaus in die frische Morgenluft trat. Nebel waberte unter den Baumwipfel und der Anblick jagte Darion einen Schauer über den Rücken. Er wusste es war kindisch, aber diese Wälder hatten eine Macht in sich, die er nur schwer fassen oder beschreiben konnte. Sein Freund sah immer noch so aus, als hätte er einen hartnäckigen Stein im Schuh, denn er zog ein Gesicht, das verblüffende Ähnlichkeit mit dem Wetter hatte, dem sie die letzten Tage ausgesetzt waren. „Was ist? Du hast schlechte Laune seit wir hier sind.“, warf Darion ihm vor um gleich auf den Punkt zu kommen. Tiros schnaubte. „Im Gegensatz zu dir.“ „Was soll das heißen?“, fragte Darion und verschränkte die Arme. „Ich bitte dich!“, lachte Tiros bitter. „Ich war kurz davor dir Pilze ins Essen zu mischen, damit du aufhörst so eine Fresse zu ziehen.“ Er wandte sich um und bohrte Darion den Finger in die Brust. „Und kaum sind wir hier, bist du plötzlich bester Laune? Kaum wechselst du ein paar Worte mit dieser Frau und alles ist gut?“ Darion schlug die Hand beiseite. „Ich finde sie nett.“, knurrte er. „Oh ja das sieht man.“, neckte ihn Tiros, schon beinahe freundschaftlich. Darion verdrehte die Augen. „Nicht du auch noch. Wir sind verwandt verdammt nochmal!“ Tiros hob abwehrend die Hände. „He, ich sag ja nicht das dir einer abgeht. Aber wenn‘s schon zwei Leute sagen – denk mal drüber nach.“ Darion wandte sich von ihm ab und stützte sich auf die Balustrade. Er ließ seinen Blick über den Wald schweifen und bemühte sich, nicht weiter über diese Respektlosigkeiten nachzudenken. „Spätestens als das Lied kam,“, fuhr Tiros fort, „da dachte ich du verlierst die Beherrschung. Wieso nicht?“ „Weil“, sagte Darion gedehnt, „das ziemlich dumm gewesen wäre. Angenommen ich hätte diesen Bastard aufgeschlitzt, an wem hätte sich sein Rudel wohl vergriffen? An dem der bald wieder aufbricht? Ich denke nicht. Aber der Wichser ist dran, das verspreche ich dir.“ Darion hatte fest vor diesen Frevel nicht ungesühnt zu lassen. Aber er würde geduldig sein, ausnahmsweise würde er warten bis der richtige Moment gekommen war und ausnahmsweise würde er keinen kurzen Prozess machen. „Wenn du meinst. Aber ich würde sie trotzdem bumsen.“, grinste Tiros und Darion sah ihn verwirrt an. „Elisia. Wenn du sie nicht willst.“ Darions Schultern fingen an zu beben, als er versuchte einen Lachanfall zu unterdrücken. „Bitte!“, hustete er. „Aber wenn sie dir die Eier abreißt, sammele ich sie nicht auf.“ Die beiden Männer fingen an zu lachen, als es klopfte hörten sie abrupt auf. „Herein.“, rief Darion und eine junge Frau steckte den Kopf hinein. „Verzeihung euer Gnaden. Die Gräfin wollte, dass ich Euch Bescheid gebe, dass sie wach ist.“ Darion musste nicht zur Seite gucken um zu wissen, dass Tiros bis über beide Ohren grinste. „Weshalb?“, fragte Darion gereizt, wobei es im ein wenig leid tat, dass die arme Frau nun seine Wut abbekam. „Sie will mit Euch reden, glaube ich.“, sagte sie und verschwand wieder. Darion sah zu Tiros. „Halt die Klappe.“, meinte er mürrisch und wollte der Magd folgen, doch Tiros hielt ihn am Arm fest. „Moment. Ich bin nicht gekommen um mich über deine gute Laune zu beschweren.“ Darion verschränkte die Arme vor der Brust und blickte seinen Freund fragend an. „Ach nein? Sähe dir aber ähnlich.“ Tiros grinste ihn an. „Stimmt. Aber sie verheimlicht was.“ „Die Magd?“ Tiros rollte mit den Augen. „Nein. Elisia. Vier Männer streiten sich um etwas, das ihnen eine Frau verwehrt – würdest du das hinnehmen?“ Darion dachte über diese Worte einen Augenblick nach und schüttelte dann mit dem Kopf. „Nein. Ich würde mir das von niemandem hinnehmen.“ Tiros nickte. „Gut. Dann sollten wir mal mit ihr reden.“ „Nein. Ich werde mit ihr reden.“ Tiros grinste ihn an und Darion sah die pure boshafte Freude in seinen Augen blitzen. „Arschloch.“, murmelte Darion noch, bevor er sein Zimmer verließ.

Elisa lungerte allein an der hohen Tafel herum, auf dem selben Platz, an dem sie letzten Abend mit Darion verhandelt hatte. Darion grüßte sie und setzte sich ihr gegenüber. Die Tafel war gut gedeckt, nicht so verschwenderisch wie eine Tafel bei und das musste er einfach eingestehen, nicht so pompös wie bei den Avalés. Brot, Speck, Eier und ein paar getrocknete Beeren. Und Bier, wovon sich Darion auch etwas nahm. „Also“, begann er zwischen zwei Bissen, „du wolltest mit mir reden.“ Sie hob überrascht die Brauen und schüttelte mit dem Kopf. „Nein? Eigentlich nicht.“ Darion war verwirrt. „Aber deine Magd meinte, du wolltest mit mir reden.“ Elisia schnaubte amüsiert. „Sie sollte dir sagen, dass ich wach bin, mehr nicht.“ „Wolltest wohl nicht alleine essen?“ „Ich bin die einzige Frau unter Männern – die Mägde mal außen vor gelassen. Allein sein stört mich nicht.“ Darion nickte und spülte einen Brocken trockenes Brot mit einem großzügigem Schluck Bier herunter. „Jetzt nicht mehr.“ Sie sah ihn fragend an. „Du hast ihren Auftritt doch gesehen. Ihr werdet ich euch bestimmt gut verstehen.“ Die Magd brachte noch einen Krug Bier für Elisia und kaum, dass die Magd wieder verschwunden war, lehnte sie sich vor und sprach mit gesenkter Stimme. „Darf ich dich was fragen? Wie heißen die Beiden? Du bemühst dich ihre Namen nicht zu nennen.“ Darion nickte langsam. Wenn er ehrlich war, war ihm das gar nicht so bewusst gewesen. „Aelis und Devin. Das reicht.“, stellte er klar. „Verliebt, verlobt, verwitwet.“, fügte er noch bei und konnte sich ein bitteres Lächeln nicht verkneifen, doch Elisia fand das ganze wohl sehr amüsant, denn sie fing an zu kichern. „Dann haben sich meine Mädchen doch nicht verhört, heute Nacht.“ Darion sah sie überrascht an. „Du meinst wohl deine Spitzel.“ „Du kennst doch diese Waschweiber. Keine Tür ist zu dick für ihre Ohren. Vor allem nicht in der Nacht.“ Eine Weile aßen sie schweigend weiter, bis Darion wieder einfiel, was Tiros vorhin hatte andeuten wollen. „Erzähl mir von den Ehemännern deiner Schwestern.“, bat er sie. „Feige Arschlöcher.“, zischte sie zornig. „Mehr gibt es nicht zu sagen.“ Darion ignorierte die letzte Bemerkung. „Sind es eitle Männer.“ Elisia lachte laut auf. „Die tragen ihre Nasen so hoch, dass man bis in ihren leeren Schädel sehen kann.“ „Dann krängt es sie bestimmt, dass du die Herrin dieser Burg bist?“ Elisia blickte ihn schweigend an, die Augen zu engen Schlitzen zusammengekniffen. „Wenn du was zu sagen hast, dann mach!“, fuhr sie ihn an. Darion faltete die Hände auf dem Tisch und bemühte sich um eine entspannte Haltung. „Wie sicher sind Aelis und Devin hier, wenn die vier beschließen, dass ein Bündnis das kleinere Übel im Vergleich zu dir ist?“ „Du hast die Wehranlagen nur bei Nacht gesehen!“, fauchte sie. „Schau sie dir bei Tageslicht an und du scheißt dich ein.“ „Mag sein,“, meinte Darion mit erhobener Stimme, „aber wie stet es um die Vorräte? Der Winter war da.“ „Mach dir darum mal keine Sorgen. Die halten noch lange. Und bevor du fragst, ich habe mehr als genug Männer unter Waffen um die Mauern zu halten.“ „Und du bist dir sicher, dass die zu dir halten werden?“, fragte Darion skeptisch. Sie antwortete nicht, aber blickte ihn entschlossen an.
Gegen Mittag dann hatte Darion beschlossen etwas frische Luft zu schnappen und hatte sich die Burg etwas genauer ansehen wollen. Das Herrenhaus war das höchste Wohngebäude, eigentlich nur von dem beinahe doppelt so hohen Bergfried im Zentrum des Hofes überragt. Sollten Angreifer das Tor erstürmen, würde dieses Massiv wie ein Wellenbrecher fungieren. Wie ein Fels in der Brandung würde er standhalten, ganz egal was sich ihm entgegen warf. Weiterhin gab es ein Gesindehaus, in dem hauptsächlich die Mägde schliefen, teils des Standes wegen, teils um vor den Männern in Sicherheit zu sein, denn bis auf Elisia und ihre persönliche Zofe, ja ihn hatte auch überrascht dass sie eine hatte, hatte niemand den Schlüssel. Die Männer, auch Darions Leute, schliefen in den Baracken, die sich direkte beim Tor befanden, gegenüber den Ställen. Es gab sogar einen Tempel, der aber ziemlich verwittert aussah und bestimmt schon Jahre lang nicht mehr so genutzt wurde wie es ihm einst gebührte. Eigentlich konnte sich Darion nicht wirklich daran erinnern, ob man den alten Göttern überhaupt Tempel baute, aber wahrscheinlich gehörte es ebenso zum guten Ton, wie man in jedem arcanischen Dorf zumindest einen Schrein der Zwei fand. Da er gerade über die Zwei nachdachte, musste er breit grinsen, als er Aelis bemerkte, die sich anscheinend auch einmal die Beine vertreten wollte. „Gut geschlafen?“, begrüßte er sie neckisch. „Hab gehört, du warst sehr … unruhig.“ Er schloss sich ihrem Rundgang an und schwieg eine Weile. „Weißt du,“, begann er nachdenklich, „eigentlich habe ich es gar nicht so eilig, wieder nach Hause zu kommen.“ Aber er musste, das war Darion klar. Wenn er längere Zeit nach jenem Vorfall verschwand, dann würde man glauben er sei wie ein Verbrecher geflohen und sein ganzes Hab und Gut würde konfisziert werden und in den Besitz der Krone oder der Zitadelle übergehen. Und das durfte nicht passieren. „Seit ich denken kann, hab ich mich nirgendwo richtig heimisch gefühlt. Als kleiner Junge wurde ich nach Avalé gebracht, fort von Zuhause. Aber nach ein paar Jahren, war dein Heim, mein Heim. Dann kam der Krieg und ich wurde fort gerissen – du ja auch, ich weiß. Bald wurden die Heerlager und die Hauptstadt mein Zuhause und dann war der Krieg plötzlich vorbei. Man stieß mich wieder fort, schickte mich wieder in mein altes Zuhause, dort, wo man meine Familie ermordet hatte und mich nichts als Scherereien erwarteten. Ich habe gekämpft und viel gegeben, bevor ich dort meinen Frieden hätte finden können. Und dann wurde ich von der Verantwortung als Graf förmlich erschlagen. Erst durch Leria wurde es mein Zuhause, aber erst nach vielen Jahren, die Zeit die wir brauchten, um wirklich zusammenzuwachsen. Und jetzt? Jetzt nenne ich den Ort mein Zuhause, wo meine Frau und mein ungeborenes Kind getötet wurden und das nur wegen -“ Darion versagte einen Moment die Stimme. „Hier hatte ich sofort ein Gefühl der Heimat, als wäre es eine Rückkehr, nicht ein Besuch und dafür, ich weiß nicht, dafür schäme ich mich beinahe. Aber ich maule ihr wohl auf hohem Niveau oder? Immerhin kann ich mir aussuchen, wo ich mich nicht zuhause fühle, während ihr gezwungen seit euch mit eurem Los zu begnügen.“ Aber wenigstens hatten sie wieder einander, schoss es Darion durch den Kopf, auch wenn er das nie im Leben laut sagen würde. Auch beschloss er, nichts über seine Sorge zu erzählen, ob Devin und sie hier wirklich so sicher waren, wie er gedacht hatte. Andererseits, er kannte Aelis und auch Devin, die beiden würden sich bei Zeiten selbst einen Reim darauf machen, wie es um die Sicherheit der Burg stand. Vielleicht wäre ein Flucht ins Feindesland einen Gedanken wert, auch wenn Darion sich sicher war, dass das Aelis in den Wahnsinn treiben würde.
Fürchtet den Silberlöwen

Benutzeravatar
Aelis von Avalé
Vagabund
Beiträge: 27
Avatar: paracoma
Alter: 30
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Avalé
Waffen: Kurzschwert, Jagdarmbrust

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Di, 07. Nov 2017 9:58

Aelis lauschte Devins Atem, dem Schlagen seines Herzens und dem Knacken des Holzes im prasselnden Feuer im Kamin. Doch all das wurde von dem lauten Pochen ihres eigenen Herzens übertönt. Es schlug ihr bis zum Hals, es nahm ihr regelrecht die Luft zum Atmen, doch der Augenblick war vollkommen. Sie genoss die Wärme seines nackten Körpers an dem ihren, unter der wohlig warmen Bettdecke, und dachte genießerisch daran, wie lange es eigentlich her war, dass sie mit dem ihm das Lager geteilt hatte. Es war viele Monde her. Und nach all der langen Zeit, mit all ihren harten Entbehrungen und Geschehnissen, fand sie, hatte sie, oder hatten sie sich das auch redlich verdient. Auch, wenn sie ehrlich gesagt nicht damit gerechnet hatte, dass sie das je wieder tun würden. Umso bedeutungsschwerer erschien es ihr. Allerdings plagte sie ein wenig auch das schlechte Gewissen, wenn sie an Darion dachte. Er hatte seine Frau verloren, während sie und Devin sich noch hatten. Letzterer riss sie aus ihren Gedanken, indem er das Schweigen brach. „Da ist etwas, das ich dir sagen muss…“ begann er zögernd. Aelis richtete sich in seiner Umarmung ein wenig auf und sah ihn neugierig an. „Ich weiß, dass wir froh sein sollten, hier in Sicherheit zu sein. Falls wir das tatsächlich sind… Eine Zeitlang sollten wir hierbleiben. Aber in absehbarer Zukunft werde ich wieder gehen. Auf Dauer liegt es mir nicht, mich irgendwo zu verstecken und untätig darauf zu warten, dass andere über mein Schicksal bestimmen. Ich will mehr als das. Mir zurückholen, was ich verloren habe. Oder etwas Neues beginnen.“ Aelis hörte ihm aufmerksam zu. Wie, bei den Geschwistern, wollte er sich zurückholen, was er verloren hatte? Wahrscheinlich waren seine Besitztümer längst von der heiligen Inquisition beschlagnahmt worden. Vielleicht lebte längst ein neuer Emporkömmling der Inquisition oder ein Günstling aus Adelskreisen in Tarrunath. Und er, Devin, war ein angeklagter Verräter, gegen den wohl immer noch ein aufrechter Haftbefehl auflag, schließlich galt er nur als geflohen, nicht als tot. Ein wenig skeptisch blickte sie ihn an. „Und wie gedenkst du, dir alles zurückzuholen? Von der Inquisition? „Ich weiß es noch nicht. Ich denke noch darüber nach. Es gibt ein paar Möglichkeiten, die ich noch nicht ausgeschöpft habe. Da ich immer damit rechnen musste aufzufliegen, habe ich ein paar Vorkehrungen für den Fall getroffen.“ Aelis nickte verstehend. Es hatte also noch verborgene Hintertürchen, die er öffnen konnte. Das war auf jeden Fall ein kluger Schachzug gewesen. Sie, Aelis hatte nichts in der Hand. Sie hatte keine Möglichkeiten, keine Gelegenheit gehabt, irgendwelche Vorkehrungen zu treffen. Sie stand vor dem Nichts da und war gänzlich abhängig. Zu diesem Augenblick von Darion und seiner verkommenen Verwandtschaft. Ein scheußliches Gefühl, das Devins Überlegenheit erst so richtig hervorstrich. Er lächelte sie an. „Was denkst du? Was willst du?“ Aelis schwieg. Was wollte sie? Sie wollte alles, was sie bisher gehabt hatte. Sie wollte weiterhin im Dienste der Zwei stehen, zurück in die Inquisition kehren. Aber gleichzeitig hatte sie, seit sie Devin kannte, ein gänzlich neues Leben kennengelernt. Mit Devin könnte sie vielleicht glücklich und zufrieden leben. Das Kapitel Inquisition war ohnehin abgeschlossen. Sie war tot, für alle die sie kannten. Für die Inquisition, für ihre Familie. Zerschellt am Felsen in Arvia. Für sie gab es nichts mehr. Vielleicht war es an der Zeit, eine neue Seite aufzuschlagen. Aber dazu brauchte es Mut. Nicht der Mut der erforderlich war, damals bei der Schlacht von Candobar den Feind auszukundschaften. Auch nicht jener, als Frau inmitten von Fremden den Spielmann zu ohrfeigen, der den besten Freund beleidigt hatte. Nein, hier war anderer Mut gefragt. Jener, den man benötigte um sein Herz und seine Seele offenzulegen und sich verletzlich zu machen. Und das war verdammt schwer. Aber sollte es ewig so weitergehen? Er hatte gesagt es gäbe nichts zu verzeihen, und das gab der Hoffnung einen Raum. Aelis atmete tief ein und wieder aus. „Ich möchte ein Leben mit dir. Wenn du gehst, will ich mit dir gehen. Ich möchte mit dir zusammen sein und darin mein Glück finden. Wir beide sind nicht mehr dieselben, die wir einst waren. Wir haben beide viel erlebt und auch gemeinsam durchgestanden. Und trotz allen Widrigkeiten liegen wir hier beide nebeneinander. Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich finde, wenn das nichts zu bedeuten hat, dann hat nichts im Leben eine Bedeutung.“ Sie blickte ihn an. „Sag jetzt nichts dazu. Lass dir meine Worte durch den Kopf gehen, und wenn du dir im Klaren bist, was du willst, dann reden wir darüber.“ Das hatte sie wohl nur gesagt, weil sie sich vor der Antwort fürchtete.

Am nächsten Morgen hatten Aelis und Devin es nicht eilig mit dem Aufstehen. Eigentlich hatte sie vorgehabt, in der Nacht wieder zurück in das ihr zugewiesene Gemach zu gehen. So war der Plan gewesen, aber dann war ja schließlich alles unerwartet anders gelaufen, und schließlich war sie dann vor lauter Müdigkeit in Devins Armen eingeschlafen, und erst erwacht, als der Morgen schon recht weit fortgeschritten war und bereits in den Vormittag übergegangen war. Da sie nicht in den großen Saal gekommen waren, wo sich alle zum Frühstück versammelt hatten, hatte man schließlich eine Zofe geschickt, die Frühstücksspeisen gebracht hatte. Nachdem sie gefrühstückt hatten, fand die Arcanierin, dass es Zeit für ein Bad war. Während die Zofen und Mägde in Aelis‘ Gemach emsig das Bad bereiteten, beschloss sie, sich einstweilen die Beine zu vertreten und sich die Burg von Darions Verwandten bei Tageslicht näher anzusehen. Die Luft war kühl, aber mild. Man konnte schon das laue Lüftchen des herannahenden Frühlings erahnen. Es war dieser eigene, warme und milde Duft, der anders war als im Winter, anders als im Sommer, und auch nicht mit jenem des Herbstes zu vergleichen war. Der Bergfried ragte gewaltig in die Höhe, weit doppelt so hoch wie die anderen Gebäude. Wie ein einschüchterndes Mahnmal. Von ihm aus musste man einen Blick weit über das Land haben, sodass Feinde wohl keine Gelegenheit hatten, sich unbemerkt an die Burg heranzupirschen. Kaum, dass sie aus den weit entfernten Wälder ringsherum traten, würde man sie sehen und wäre wohl niemals überrascht, wenn nicht gerade Dunkelheit und Nebel herrschten, was hier in den sumpfigen Landen zumindest im Herbst mit Sicherheit keine Seltenheit war. Auch gab es hier einen Tempel. Doch sein Anblick und seine nahe Umgebung verrieten, dass er wohl nicht so häufig benutzt wurde, wie das in früheren Zeiten eigentlich angedacht war. Prunkvoll war er, doch ungepflegt und verwittert. Aelis überlegte im Stillen, ob es falsch wäre, in diesem, wohl den sieben Göttern von Mérindar und Coralay und Cathrad angedachten Tempel zu den Zweien zu beten. Lange hatte sie nicht mehr so inbrünstig gebetet, wie sie es vor all den Ereignissen getan hatte. Wohl hatte sie immer wieder Stoßgebete zu den Geschwistern geschickt, doch zu den Göttern sollte man stets sprechen, und nicht nur dann, wenn man in Nöten war oder ihren Segen erbitten wollte.

Schließlich erblickte sie Darion, der wohl dieselbe Idee gehabt hatte, einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie schlenderte gemächlich zu ihm, und nickte ihm zum Gruße zu. „Gut geschlafen?“ fragte er sie, und setzte diesen wissenden, schelmischen Blick auf, den sie nur zu gut kannte. Aelis nickte. „Natürlich, ich schlafe immer gut“ versuchte sie jeglichen Verdacht abzulenken und fügte hinzu „Ich hoffe, auch du hast gut geschlafen?“ „Hab gehört, du warst sehr … unruhig“, kam er schließlich zum Punkt und Aelis blickte ihn entrüstet an. Es war immer dasselbe, bei Hof, in jeder Burg, wo immer man verweilte, jeder wusste stets bestens Bescheid, was man tat. Privatsphäre gab es kaum, und zurück blieb das seltsame Gefühl, das in ihr aufgekommen war, kaum dass sie sich in Gesellschaft dieser Leute hier befanden. Ob es nur von neugierigen Zofen angetragen worden war, oder ob man gezielt gelauscht hatte? Aelis beschloss in diesem Moment, besonders wachsam zu bleiben, und keinen Stein des Anstoßes zu liefern. Sie fand, dass sie nicht besonders laut waren. Leidenschaftlich ja, aber laut, nein. Sie zog eine Grimasse. „Was geht dich an? Was schert es irgendjemanden? Scheinbar herrscht hier strenge Zucht und Ordnung, so, wie sie die Mägde und Mädchen wegsperren...“ nickte sie mit dem Kopf zu den Gesindehäusern, „Sodass es eine willkommene Abwechslung darstellt, zu lauschen. Wer hat dir das überhaupt erzählt, und mit wem sprichst du darüber, du altes Waschweib?“ zog sie ihn auf. „Ich sehe mir alles bei Tageslicht an…“ meinte sie schließlich, hakte sich bei Darion ein und gemeinsam schritten sie langsam weiter. „Weißt du, eigentlich habe ich es gar nicht so eilig, wieder nach Hause zu kommen“ begann er, und Aelis horchte auf. Aber er musste, und er würde. Die Hinreise hatte schließlich lange genug gedauert, und die Heimreise würde ebenso lange dauern. Mehr Zeit als sich ein Graf nehmen sollte, besonders nach den vergangenen Ereignissen. Blieb er zulange weg, was vermutlich bereits jetzt schon der Fall war, würde das Fragen aufwerfen. Vielleicht gab es sogar Dreiste, die versuchen würden, alles an sich zu reißen und Melanhál für sich erobern zu wollen. „Aber du musst…“ ergänzte Aelis und sie fühlte, wie ihr Herz dabei schwer wurde. Darion sprach darüber, dass er sich hier heimisch fühlte, so wie er es erst wieder in Melanhál empfunden hatte, als Leria eingezogen war. Frau, und schließlich die Aussicht auf einen Sohn hatten sein Haus ein Zuhause werden lassen. Und nun waren Leria und das Ungeborene tot und beerdigt. „Aber ich maule hier wohl auf hohem Niveau oder? Immerhin kann ich mir aussuchen, wo ich mich nicht zuhause fühle, während ihr gezwungen seid, euch mit eurem Los zu begnügen“ schloss er seine Worte. Aelis zuckte die Schultern und blickte sich um. „Devin hat gesagt, er wird hier auch nicht lange bleiben wollen. Was ich verstehen kann. Du fühlst dich hier wie in einem Zuhause. Aber er nicht, und auch ich nicht. Selbst wenn ich nichts mehr habe im Leben, möchte ich eigentlich auch nicht hierbleiben. Ich vermisse Arcanis, meine Heimat. Wie lange braucht es wohl, bis Gras über eine solche Sache gewachsen ist? Bis ich mich bewegen kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt oder enttarnt zu werden? Das wissen wohl nur die Geschwister.“ Aelis beobachtete Kinder, die im Burghof spielten, umherliefen, sangen, kreischten, und legte ihre Hände ineinander verschlungen in den Rücken. „Ich habe Devin gestern gesagt, dass ich, wenn er gehen wird, mit ihm gehen möchte. Dass ich ein Leben mit ihm will und mit ihm zusammen sein möchte. Bei den Geschwistern, ich hatte solche Angst vor seiner Antwort, dass ich ihn gebeten habe, jetzt nichts dazu zu sagen, sondern erst über meine Worte nachdenken soll und dass wir ein anderes Mal darüber sprechen. Ich weiß nicht, wann. Es ist so unglaublich schwer für mich, über meine Gefühle zu sprechen, das fällt mir so schwer.“ Sie wandte sich Darion zu und sah ihm direkt in die Augen. „Bitte geh noch nicht. Erst, wenn ich Antwort von ihm habe. Wenn seine Antwort nicht so ausfällt, wie ich mir das erhoffe, dann gibt es keinen Grund mehr für mich, hierzubleiben. Wenn er mich nicht liebt, dann möchte ich mit dir gehen… Oh, warum muss man denn nur ein Leben lang mit seinem Gesicht herumlaufen? Erinnerst du dich noch an meine Großmutter Perinna? Sie hat uns immer die heldenhaftesten, schrecklichsten und blutigsten Geschichten erzählt. Jene Geschichte mit den Gesichtswandlern hat mir am besten gefallen. Die vergesse ich mein Leben nicht. Das wärs, wenn das ginge…“ Sie rezitierte Großmutter Perinna „Und so nahm Egebrand das abgezogene Gesicht seines Feindes Lennis und legte es sich auf das Seine. Und durch wundersame Kräfte verschmolz die Haut mit seinem Antlitz und gab ihm das Aussehen Lennis‘. So konnte Egebrand aufrechten Hauptes zu Lennis‘ Eheweib gehen, direkt in ihr Schlafgemach, denn sie ahnte noch nichts vom Tod ihres Gatten, und wie könnte sie es auch ahnen? So zeugte Egebrand viele Söhne und Töchter mit der Gattin seines Erzfeindes, und so entsprang, unrühmlich und in Schande gezeugt, das Geschlecht des Volkes von Mérindar…“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

Benutzeravatar
Devin
Vagabund
Beiträge: 26
Avatar: Avatarschmiede
Alter: 32
Rasse: Mensch
Heimat: Arcanier

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mi, 29. Nov 2017 18:30

„Ich möchte ein Leben mit dir. Wenn du gehst, will ich mit dir gehen. Ich möchte mit dir zusammen sein und darin mein Glück finden.“
Wirklich…? war alles, was Devin spontan durch den Kopf ging, als Aelis ihm offenbarte, dass sie sich ihren weiteren Lebensweg an seiner Seite vorstellte. Die Überraschung war ihm anzusehen. In dieser Deutlichkeit hatte er ihre Antwort nicht erwartet. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass sie schon an diesem Punkt angelangt waren, an dem es um eine gemeinsame Zukunft ging. Oder Liebe. Aber es musste wohl Liebe sein, denn ihre Worte ließen Devins Herz schneller schlagen. Er fühlte es ganz deutlich. Seltsamerweise fühlte es sich nicht wie erwartet warm, leicht und angenehm an. Eher wie das altbekannte Gefühl, das ihn immer in Momenten wie diesen überkam, wenn von einer gemeinsamen Zukunft die Rede war: Panik.
Devin schaffte es dennoch, sich ein Lächeln abzuringen, während er noch nach den richtigen Worten suchte. Feinfühligen Worten, die zum Ausdruck bringen sollten, wie sehr ihn ihre Worte rührten. Denn das taten sie tatsächlich. Aelis bedeutete ihm etwas. Wahrscheinlich mehr als andere vor ihr. Aber…Es gab immer ein Aber. Vielleicht wäre es anders, wenn er auch nur einmal von sich aus den Wunsch nach mehr als einer losen Beziehung entwickeln könnte. Doch das war nie vorgekommen und die Worte gemeinsames Leben/Zukunft/Ehe waren stets der Schlüsselreiz, der Devin die Flucht ergreifen ließ.

Devin nahm sanft Aelis‘ Hände, sah sie lange an und öffnete den Mund, aber Aelis war schneller: „Sag jetzt nichts dazu. Lass dir meine Worte durch den Kopf gehen, und wenn du dir im Klaren bist, was du willst, dann reden wir darüber.“, sagte sie hastig, bevor er antworten konnte und Devin nickte langsam. Er wusste nur zu gut, dass er ewig darüber nachdenken konnte, ohne sich jemals darüber im Klaren zu sein, was er wirklich wollte. Seine Gefühle waren viel zu widersprüchlich. Aber er versprach, darüber nachzudenken. Später. Irgendwann. Der Morgen verstrich, dann der Vormittag, der Mittag kam und ging und als es schließlich wieder dunkel wurde, hatte sich Devin mit allerhand anderen Dingen beschäftigt, die ihm nicht eine Minute Zeit zum Nachdenken ließen. Die aber alle wahnsinnig wichtig waren, auch wenn er am Ende des Tages nicht sagen konnte, was er eigentlich Wesentliches gemacht hatte. Über Beziehungen grübeln gehörte jedenfalls nicht dazu. Devin war Aelis an diesem Tag kaum begegnet. Ob das zufällig oder absichtlich geschah, hätte er selber nicht beantworten können. Als er sie dann jedoch in der Abenddämmerung auf der Mauer des Bergfrieds sitzen sah, den Blick verträumt weit in die Ferne gerichtet, bekam Devin ein schlechtes Gewissen. Er hatte nicht getan, worum sie ihn gebeten hatte. Doch im Grunde wusste er die Antwort längst.
Devin setzte sich neben sie und folgte ihrem Blick „In dieser Richtung müsste die Silberzitadelle liegen.“, begann er nachdenklich. „ Eigentlich seltsam, dass wir uns dort nie begegnet sind. Aber es mag daran liegen, dass ich nie machthungrig genug war um mich in die politischen Geschehnisse einzumischen. Ich habe das lockere Leben stets vorgezogen“, gab er mit einem müden Lächeln zu. „Aber das ist jetzt vorbei. Alles hat sich geändert. Ich habe mittlerweile erkannt, was wirklich wichtig ist. Aelis…“ Er drehte sich zu ihr und sah sie etwas zerknirscht direkt an. „Ich habe darüber nachgedacht, was das Beste ist. Ein Leben im Verborgenen, versteckt bei irgendwelchen Verwandten anderer will ich nicht führen. Ich will mir zurück holen, was mir gehört. Noch bin ich auf der Flucht, ein Gesuchter unter Verdacht. Aber das kann sich ändern! Ich bin nicht irgendwer. Ich habe immer noch finanzielle Möglichkeiten und einflussreiche Freunde. Es gibt keine Beweise gegen mich, dessen bin ich sicher. Da ist nichts außer dem Wort eines toten Dieners und einer toten Verräterin, das gegen meines steht. Der Adel ist sicher beunruhigt, wenn das Gerede eines einfachen Angestellten die eigene Existenz derart bedrohen kann. Und dem Hof wird nicht daran gelegen sein, für Unruhe unter dem Adel zu sorgen.
Die Inquisition ist ohne Zweifel mächtig, aber sie besteht auch nur aus einzelnen Menschen. Menschen mit Schwachstellen. Lepos ist tot, mit den richtigen Mitteln könnte man ihm eine Intrige andichten. Oder jemanden unter Druck setzen. Mir kommt sogar eine Idee, wen man dafür nutzen könnte. Ich will dich jedoch nicht mit meinen Plänen langweilen, ich weiß nur, dass ich es versuchen muss. Ich werde vorsichtig vorgehen. Dafür braucht es Zeit. Entweder ich habe Erfolg, oder ich ende am Galgen, oder ich ziehe mich nach Merridia zurück. Die Vorbereitungen für Letzteres sind weit fortgeschritten. So oder so: Ich muss dasvorerst allein durchziehen. Nicht nur, weil ich dafür zurück nach Arcanis muss, sondern weil es zu gefährlich ist und ich nicht möchte, dass du meinetwegen in Gefahr gerätst. Darion steckt schon viel zu tief drin. Er hat mit Lepos nicht nur den höchsten Diener der Inquisition, sondern dazu noch etliche Soldaten des Königs getötet. Aber du hast noch alle Möglichkeiten, ein besseres, gefahrloses Leben zu führen. Du könntest zurück zu deinem Onkel gehen oder erst einmal bei Darion bleiben. Er wird besser für dich sorgen können als ich es kann. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit dir zusammen bist, glaub mir...“ fuhr er etwas eindringlicher mit leichter Verzweiflung in der Stimme fort. „Du bedeutest mir sehr viel. Viel mehr als ich anfangs dachte. Ich habe Gefühle für dich. Aber mein ganzes Leben, dieser ganze Mist, in dem wir stecken, lassen mich derzeit kaum atmen. Ich kann dir jetzt nicht geben, was du von mir erwartest. Ich bin nicht bereit dafür. Es tut mir leid…“
Stille folgte dem Gesagten. Ein unangenehmes Schweigen, in dem Aelis wie erstarrt wirkte.
„Ich werde morgen in aller Frühe gehen“, endete er schließlich und erhob sich. So schwer es Devin auch fiel, er empfand diesen Schritt als richtig. Sicherlich war es auch eine Flucht, aber die Entscheidung schien im richtig. Bevor er jemanden in sein Leben ließ, jemanden, der sich auf ihn verließ und `sein Glück bei ihm finden wollte´ musste er es erst selber in Ordnung bringen. Sie würden sich wiedersehen. Vielleicht in gar nicht so ferner Zukunft….

Benutzeravatar
Darion
Vagabund
Beiträge: 23
Avatar: Dieser Caradan
Alter: 29
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Arcanis
Waffen: Schwert

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mi, 29. Nov 2017 23:46

„… Von Elfenhuren Zaubermacht angelockt und verdorben, zogen Egebrands Erben gen Norden um den Aufrechten das teuer erkämpfte Land zu rauben. Mit Hass und Neid zogen sie aus, bis sie vor den Toren des silbernen Turms standen. Da kam der schönste aller Ritter, der edelste der Fürsten, der frömmste aller Priester geritten und schlug den Feind in die Flucht. Und sein Name war – verdammt, ich weiß nicht mehr.“, lachte Darion, als er nicht mehr wusste wie die Geschichte weiter ging. Schon ewig hatte er dieses alte Märchen nicht mehr gehört und konnte sich eigentlich nur noch daran erinnern, dass ein einzelner strahlender Held, ein ganzes Heer vernichtend schlug. Wenn Krieg nur so einfach wäre. Wenn das Leben nur so einfach wäre. Aelis hatte völlig recht. Es war eine Schande, dass man immer nur der war, der man war. Was gäbe Darion darum mal jemand anderes zu sein, jemand der nicht für den Tod der eigenen Frau verantwortlich war, jemand der sich keine Sorgen darum machen musste, in Ketten gelegt zu werden, sobald er wieder auf arcanischem Grund und Boden stand, nur weil er die Beherrschung über den Tod seiner Frau verloren hatte… und ein paar Flüchtige versteckt hatte.
„Wie stellst du dir das vor Aelis?“, fragte Darion und blickte sie ernst an. „Du kommst einfach mit zurück nach Arcanis und alles ist gut? Glaubst du dein Onkel wird dich einfach so wieder aufnehmen?“ Darion musste schmunzeln. „Gut, bei deinem Onkel besteht diese Chance, aber bei deinem Vater… Aber wenn du mich begleiten willst, werde ich dich nicht davon abbringen, nicht das ich dazu überhaupt in der Lage wäre.“, zwinkerte er ihr zu. Nein, wenn sie mitkommen wollte, sollte sie das. Einer Toten konnte schlecht einen Wunsch abschlagen. Er legte ihr die Hand auf den Arm und lächelte sie warm an. „Ich werde warten, bis du so weit bist. Aber nicht das ich hier wegen dir noch verrohe.“

Am selben Abend hockte Darion vor einer Feuerstelle, die Beine auf einem Schemel überschlagen und schaute bei einer sterbenslangweiligen Partie A- … Alqui … Alquionius zu, ein schlicht und ergreifend unaussprechliches Spiel. Man musste mit seinen Spielsteinen die des Gegners überspringen und wer am Ende keine mehr besaß, hatte verloren. Nach weniger als einer halben Stunde hatte Darion den Dreh durch zusehen raus, aber seine Lust wurde dennoch nicht geweckt. Ewig lange Pausen zwischendurch, während die Kontrahenten sich den nächsten Zug überlegten, gespannte Stille der Zuschauenden und zwischendurch immer wieder ein gelangweiltes Gähnen Darions, für das er missbilligende Blicke erntete, dominierten den Spielverlauf. Darion nahm einen Schluck von diesem Beerengesöff. Es schmeckte bestialisch, aber irgendwie gefiel ihm der Geschmack immer besser, je mehr er davon trank. Außerdem wärmte es ihn von innen und machte ihn wacher. Darion blickte im Saal umher. Es waren wieder Dutzende hier, nicht so überfüllt wie noch am Abend zuvor, aber dennoch. Aber zu seinem Erstaunen, sah Darion weder Aelis, noch Devin. Wenn er es sich so recht überlegte, abgesehen von dem mittäglichen Spaziergang, hatte er die Beiden den Rest des Tages nicht gesehen. Die Burg war nicht so groß, aber es gab durchaus die Möglichkeit, einander aus dem Weg zu gehen, wenn man das wollte. Allein die Tatsache, dass sich Darion hauptsächlich in der Vorburg aufgehalten hatte, um die Verteidigungsanlage zu inspizieren, hatte bestimmt dazu beigetragen. Bei Tageslicht wahr die Burg noch Eindrucksvoller und Darion beneidete keinen Angreifer, der sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, diese Burg einzunehmen. Ein weiterer Grund weshalb sich Darion außerhalb herum getrieben hatte, war um seiner werten Verwandtschaft aus dem Weg zu gehen. Es war nicht so, dass er sich in Elisias Gegenwart unwohl fühlte, es war vielmehr das Gegenteil der Fall und dies war auch der Grund, weshalb er ihr aus dem Weg ging. Er wollte sich hier nicht wohl fühlen, sonst würde es ihm noch schwerer fallen zu gehen. Am Beste wäre es eigentlich, wenn er noch heute früh gehen würde. Zwar hatte er Aelis versprochen zu warten, aber er wusste, je länger er fort blieb, desto wahrscheinlicher wäre es, dass es Zuhause ein böses Erwachen gab.
„So nachdenklich?“, riss ihn eine Stimme aus seinen Grübeleien heraus. Elisia schubste seine Beine von dem Schemel und setzte sich ihm gegenüber. Na wunderbar. „Ich plane meine Rückreise.“, antwortete Darion halbwegs wahrheitsgemäß. Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah ihn schief an, bevor sie einen Schmollmund aufsetzte. „Ist es so schlimm hier? Zu wenig Silberbesteck und Seidenlaken oder liegt es daran, dass wir hier etwas anderes als Milch und Honig kredenzen?“ „Na ja,“, grinste Darion, „Die Laken sind schon recht kratzig.“ Sie lachte laut auf. „Weichei!“, rief sie und schüttelte den Kopf. „Ich ahnte ja nicht, welch zarte Haut sich unter diesem Rock versteckt.“ „Weich wie der Arsch eines Neugeborenen.“, meinte er im Brustton der Überzeugung. „Wann wirst du aufbrechen?“ Darion ließ sich einen Moment Zeit ehe er antwortete, immerhin wusste er noch nicht so genau. „So bald wie möglich.“, antwortete er vage. Eigentlich wollte er so spät wie möglich hier weg, aber ein ungutes Gefühl im Bauch drängte ihn richtig, endlich seinen Hintern in Bewegung zu setzten. Vermutlich wäre es das Beste, wenn er am Morgen aufbrach, noch vor Sonnenaufgang. So würde er sich nicht verabschieden müssen, weder von ihr noch von Aelis oder Devin. Je eher er weg war und seine Angelegenheiten regeln konnte, desto eher konnte er wieder hierher um zu sehen, ob die Beiden wohl auf waren. Oder noch hier... Elisia lächelte. „Ich hoffe doch du bleibst wenigstens noch eine Nacht. Der Wald ist gefährlich in der Dunkelheit.“

In dieser Nacht schlief Darion wenig und war dennoch recht munter, als er in der kühlen Morgenluft über den Hof schritt. Die Tore waren geschlossen und die Burg lag Still da. Der einzige der Bescheid wusste und ihn begleiten würde, war Tiros, der bereits in den Stallungen die Pferde sattelte. Nicht einmal seinen Knappen nahm er mit, denn sie mussten zügig nach Arcanis reiten und außerdem, war der Junge hier sicherer. Wer wusste schon was Darion zuhause erwartete. „Das wirst du mir büßen.“, knurrte der Glatzkopf, statt einer Begrüßung. „Das ich so früh aufstehen muss. Das nächste Mal sattelst du deinen Gaul selbst.“ Darion knuffte ihn gegen die Schulter. „Sei ruhig.“ Er riss seinem Freund den Sattel aus den Händen und stampfte zu seinem Pferd hinüber. Das Pferd zuckte nervös mit dem Schweif und schnaubte laut. Er tätschelte dem Tier den Hals, schließlich sollte es nicht die anderen Tiere aufscheuchen. Nachdem die beiden Männer ihre Rösser gesattelt, sich in warme Umhänge gehüllt und ihren Proviant verstaut hatten, führten sie ihre Pferde hinaus und zum Tor. Dort erwartete sie ein überraschender Anblick.
Devin versuchte den Wächter mit guten Worten dazu zu bringen, ihm doch das Tor zu öffnen. Darion und Tiros näherten sich ihnen und Darion begrüßte Devin etwas irritiert. Er musterte ihn und stellte fest, dass Devin reisefertig war. Das war seltsam, immerhin hatte Darion niemanden außer Tiros Bescheid gegeben und wenn Tiros eines war, dann verlässlich. Es war ausgeschlossen, dass er es weiter erzählt hatte. Darion hielt nach Aelis Ausschau, konnte sie aber nirgend entdecken. Wollte Devin sich etwa ohne sie davon machen? „Du gehst?“ Es war weniger eine Frage an Devin, als vielmehr eine Feststellung Darions. Er gab Tiros die Zügel seines Hengstes und trat einen Schritt näher an Devin heran. Den Wachmann schickte er fort, dies ging ihn nichts an. „Ich … kann es dir nicht verdenken. Der Ort hier ist gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man auf der Flucht ist, kann man sich nicht immer aussuchen, wo man Unterschlupf findet. Da darf man -“ Etwas an Devin ließ Darion inne halten. Es lag etwas entschlossenes in seinem Blick, dass Darion bisher entweder nicht aufgefallen war oder schlichtweg erst seit kurzen da war. „Das ist es nicht...“, murmelte Darion. „Du hast es satt oder? Es geht nicht um den Ort hier sondern, um Alles.“ Darion senkte den Blick. Irgendwie schämte er sich, dass er einfach so über Devin und Aelis bestimmt hatte. Natürlich, er hatte es nur gut gemeint und war um ihre Sicherheit besorgt gewesen, aber er hätte ihnen trotzdem eine Wahl lassen sollen. Darion blickte Devin wieder an und lächelte mitfühlend. „Ich versteh dich und werde dich nicht aufhalten. Im Gegenteil, wenn du gehen musst, dann geh.“ Darion seufzte und nahm die Zügel seines Pferdes an sich. Er befahl dem Wachposten das Tor zur Vorburg zu öffnen und nach ein paar lauteren Worten und Drohungen gehorchte der Mann. Er reichte Devin die Hand und verabschiedete sich von ihm. „Lass dich nicht töten.“
Darion ließ Devin einen Moment Vorsprung. Er hatte sich ebenso wie Darion in der Frühe hinaus geschlichen, also hatte er alleine gehen wollen. Das wollte er ihm nicht nehmen, indem er ihm hinterher ritt. Irgendwie schmerzte es ihn, dass ihre Wege sich nun trennten. Natürlich war das absehbar gewesen, immerhin konnten sie wohl kaum ein Leben lang an ein und dem selben Ort zusammen sein, aber dass es sich nun gleich so änderte. Aelis ließen sie zurück und Devin und Darion ritten einer ungewissen Zukunft entgegen. Vielleicht würde es doch gar nicht so schlecht sein, wenn… Darion gab seinem Pferd die Sporen und stürmte durch das Tor hinaus. Er preschte durch das Tau feuchte Gras, bis er Devin eingeholt hatte, der ja zum Glück erst noch durch das zweite Tor durch musste. „Warte!“, rief er ihm hinterher und galoppierte an seine Seite. Eher symbolisch als ernstgemeint stoppte er sein Pferd direkt vor dem Devins und versperrte ihm den Weg zum ohnehin noch geschlossenen Tor. Einen Moment musste Darion verschnaufen, ehe er sein Anliegen vorbringen konnte. „Devin, komm mit mir. Ich weiß nicht wo du hin willst, aber ich bitte dich, komm mit mir. Ich habe es in deinen Augen gesehen, du hast es satt dich zu verstecken und ich hab es satt, davon zu laufen. Mag sein dass alles was wir kennen sich geändert hat, aber wir sind immer noch wir. Und wir sind wer!“ Darion war wild entschlossen Devin zu überzeugen, nicht allein irgendwo hin zu gehen. Wenn sie sich abstimmten, würde ihnen schon eine Geschichte einfallen, weshalb Devin hier das Opfer und nicht Täter war. Bloß weil sein Diener ein Verräter war, musste das nicht zwangsläufig heißen, dass er einer war und solange die Inquisition keine Beweise hatte, bestand immer noch die Möglichkeit durch Macht und Einfluss das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. „Du bist der Graf von Tarun und ich bin immer noch ein gesalbter Ritter des Reiches, verdammt. Wenn wir sprechen, haben die anderen zuzuhören und das werden sie! Scheiß auf die Inquisition. Die haben meine Frau ermordet und dir dein Leben ruiniert, dafür schulden die uns was und sei es nur die Gelegenheit ihnen vor die Füße zu pissen.“ Darion reichte Devin erneut die Hand, aber dieses Mal nicht zum Abschied. „Komm mit mir und mach diesem elenden Versteckspiel ein Ende.“
Fürchtet den Silberlöwen

Benutzeravatar
Aelis von Avalé
Vagabund
Beiträge: 27
Avatar: paracoma
Alter: 30
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Avalé
Waffen: Kurzschwert, Jagdarmbrust

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Di, 05. Dez 2017 11:22

Der Vorteil oder Nachteil, je nachdem wie man es betrachtete, ohne Aufgabe und totgeglaubt zu sein, war der, dass man alle Zeit der Welt zum Nachdenken und Grübeln besaß. Aelis unternahm viele Spaziergänge im Alleingang durch das Burgareal, besah sich alles ganz genau, suchte Schwachstellen in den Gemäuern, fand jedoch keine, beobachtete das Tun und Treiben, besah sich einen jeden einzelnen Mann, jede einzelne Frau und jedes einzelne Kind ganz genau, und versuchte, sich ihre Namen und Gesichter einzuprägen. Aelis besuchte den halb verfallenen Tempel der hier errichtet worden war, auch, wenn er wohl den Göttern dieses Landes geweiht war und betete zu den Geschwistern. Sie beobachtete die Natur in diesen Gemäuern, wie sie nach dem langen harten Winter wieder zum Leben erwachte, besah sich am Abend den Lauf der Sterne und des Mondes und alles in allem hatte dieses unselige Nichtstun doch auch irgendwie etwas Tröstliches. Denn es förderte das Bewusstsein der Arcanierin dass in allen diesen Dingen die Allmacht der Zwei steckte, und es stärkte ihren Glauben aufs Neue. Dennoch konnte all dies sie nicht ablenken von den wesentlichen Fragen die sie beschäftigten. Was würde mit ihr geschehen? Wie sah ihre Zukunft aus? All dies lag noch weit im Ungewissen, und das quälte sie. Darion und Devin ging sie beiden aus dem Weg, und so verbrachte eigentlich jeder für sich seine Zeit, wo sie einander doch vielleicht gebraucht hätten. Lediglich bei den Mahlzeiten sah man sich, führte eher belanglose Gespräche und ging sich danach wieder aus dem Weg. Aelis wartete geduldig darauf, dass Devin auf sie zukam, um ihr Antwort auf ihre Frage zu geben. Sie fürchtete sich insgeheim davor, denn sie ahnte, dass die Antwort nicht so ausfallen würde, wie sie erhoffte. Irgendwie spürte sie das, doch die Hoffnung, dass sie sich irrte, lebte.

Am Abend war es dann soweit. Aelis saß auf der Brustwehr des Bergfrieds zwischen den Zinnen, die Beine schlenkerten in den Abgrund, und sie kam ironischerweise nicht umhin zu denken, dass es ein leichtes wäre, sie jetzt in den Abgrund zu stoßen, genau so wie sie ihren eigenen Tod vorgetäuscht hatte. Ihr Blick lag in der Ferne, gen Osten und ein wenig wehmütig erkannte sie, dass dort, weit, weit hinter dem Horizont, Arcanis und die Silberzitadelle liegen mussten, die ihr stets mehr Heimat gewesen war als Avalé oder Arvia das jemals hätten sein können. Als sie Schritte vernahm, wandte sie den Kopf und erkannte Devin. Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, und blickte dann wieder in die Ferne, während Devin sich zu ihr setzte und aussprach, was sie kurz zuvor gedacht hatte. Ja, sie waren einander niemals dort begegnet, warum, das vermochte niemand zu sagen. Doch die Geschwister lenkten alle ihre Schritte und ihre Schicksale, und es mochte ganz gewiss einen Grund geben, warum sie sich erst auf der Hochzeit ihres Bruders Aduan wieder begegnet waren. „…Aber das ist jetzt vorbei. Alles hat sich geändert. Ich habe mittlerweile erkannt, was wirklich wichtig ist. Aelis…“ begann er und Aelis hob den Blick und lächelte ihn warm an. Ja, auch sie hatte erkannt, was wirklich wichtig war. Er, nur er. Doch sein Blick verriet, dass er nicht das sagen würde, was Aelis dachte. Er hielt eine lange Ansage, dass er das Versteckspielen satt hatte, dass er nicht länger auf der Flucht sein wollte, und sich wiederholen wollte, was die Inquisition, und damit auch irgendwie Aelis, ihm genommen hatte. Die ehemalige Inquisitorin hörte ihm aufmerksam Wort für Wort zu und versuchte in diesen Worten einen Hinweis zu finden, was das für sie beide bedeutete. Doch war nichts, und im Inneren wurde sie ungeduldig und unruhig. Sie konnte sich gerade noch zusammenreißen um ihn nicht damit zu bestürmen, endlich zum Punkt zu kommen. Dann kam es. Er musste das vorerst alleine durchziehen. Alleine. Ohne sie. Dann folgten weitere Erklärungen die ihr eher wie Ausflüchte erschienen, und wohlgemeinte aber irre Vorschläge, dass sie ja zu ihrem Onkel gehen könnte oder sogar Darion besser für sie sorgen könnte als er. Nein, er hatte sich entschieden. Er hatte sich gegen sie entschieden und war einfach nur zu feige, das klar und deutlich zu sagen. „Es ist nicht so, dass ich nicht gerne mit dir zusammen bin, glaub mir, du bedeutest mir sehr viel. Viel mehr als ich anfangs dachte. Ich habe Gefühle für dich. Aber mein ganzes Leben, dieser ganze Mist, in dem wir stecken, lassen mich derzeit kaum atmen. Ich kann dir jetzt nicht geben, was du von mir erwartest. Ich bin nicht bereit dafür. Es tut mir leid…“ Die üblichen Ausflüchte eines Mannes, der kalte Füße bekommen hatte. Er hatte ja Gefühle für sie, aber er sei momentan nicht bereit… Man kannte das. Wahrscheinlich gab es heimlich ein Buch, verfasst von Männern für Männer, in dem sie Ratschlag für jede erdenkliche Lebenslage fanden, und alle mussten sie es gelesen haben, denn sie brachten alle immer dieselben Sprüche. Aelis versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Auch, wenn sie es insgeheim geahnt hatte, so war sie auf so etwas nicht vorbereitet gewesen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie brachte kein Wort heraus. Nach einer Weile des Schweigens erhob er sich und schloss „Ich werde morgen in aller Frühe gehen.“ Dann verließ er sie. Aelis blieb auf der Mauer zurück, versuchte, an nichts zu denken, was ihr natürlich nicht gelang. Als der Wind auffrischte, an den Burgzinnen, erhob sie sich schließlich, ging in ihre Gemächer, warf sich auf das Bett und weinte sich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen, als Aelis erwachte, fühlte sie sich elend. Natürlich kreisten ihre Gedanken sofort um Devin. Nein, er konnte, er durfte nicht einfach gehen. Zumindest nicht, ohne ihm Lebewohl gesagt zu haben. Das war das Mindeste, nach allem, was sie miteinander erlebt und durchgestanden hatten. Ohne sich anzukleiden lief sie in ihrem Nachtgewand durch die kalten Mauern zu seinem Gemach. Sie klopfte, doch niemand reagierte. Also öffnete sie die Türe. „Devin?“ rief sie in den kalten Raum, in dessen Kamin die Glut nur noch schwach glomm. Von Devin war nichts zu sehen, das Zimmer lag verlassen da, seine Habe war verschwunden. Aelis starrte fassungslos auf das verlassene Bett, das verlassene Zimmer. Er war wirklich gegangen? Sie wirbelte herum und lief aus dem Zimmer. Zurück in das ihre, um sich anzukleiden. Dort lief sie zunächst unruhig auf und ab. All das Grübeln, wie es mit ihr weitergehen sollte, hatte nichts gebracht. Ja, Darion und sie waren sich einig gewesen, dass sie mit ihm gehen würde, wenn Devins Antwort nicht so ausfallen würde, wie sie sich das erhofft hatte. Aber verdammt noch eins, darauf war sie wirklich nicht vorbereitet gewesen! Was, bei den Geschwistern, sollte sie jetzt tun? Mit Darion gehen, und dann? Sich ihr ganzes Leben lang bei ihm verstecken? Das wollte sie weder, noch konnte sie das. Nichtsdestotrotz, jetzt, wo Devin gegangen war, hieß es, neue Pläne zu schmieden, und mit wem konnte sie das besser, als mit Darion, mit ihrem ältesten und treuesten Freund? Hastig zog sie sich an und verließ erneut ihr Gemach. Auf dem Gang begegnete sie zwei Zofen, die sich wohl gerade daranmachten, die Gemächer der hohen Herren und Damen herzurichten. Als sie die Arcanierin erblickten, begannen sie leise miteinander zu tuscheln. Aelis beachtete sie nicht. Die beiden hatten diese Nacht nichts Interessantes an der Tür zu lauschen gehabt, weder bei ihr noch bei Devin. Und nun, da Devin gegangen war, würde das wohl auch so bleiben. Kein Geflüster mehr über leidenschaftliche Liebe oder dergleichen. Dieser Gedanke machte Aelis wütend. Noch vor zwei Nächten war Devin ihre Gesellschaft noch sehr angenehm gewesen. Sie hatten sich zweimal geliebt. Und jetzt ließ er sie fallen, wie, wie… wie alle anderen Weiber davor. Er reihte sie zu all den anderen Verflossenen, die sich eine Ehe oder eine dauerhafte Liebelei mit ihm erhofft hatten. Sie war jetzt nicht besser, als all die anderen, jetzt, da sie ihm ihr Herz ausgeschüttet hatte und ihm ehrlich gesagt hatte, was sie wollte, als er sie danach gefragt hatte. Sie hätte nichts sagen sollen. Sie hätte ihre Gefühle für sich behalten sollen. Wahrscheinlich hätte das nichts geändert, aber zumindest hätte sie ihren Stolz und ihre Würde aufrechterhalten können. Nun war alles dahin.

Ohne zu klopfen, betrat sie Darion Gemach. „Darion!“ rief sie in die Dunkelheit. „Darion, wach auf! Devin ist gegangen!“ Ihr bester Freund schien einen festen Schlaf, wie so stets zu haben. Aber zum schlafen war jetzt keine Zeit. Sie musste ihr Herz ausschütten, das so schwer war von trübseligen Gedanken. „Darion, verdammt, wach doch auf!“ rief sie und ging entschlossenen Schrittes an das Fenster um die schweren dicken Vorhänge beiseite zu ziehen, die die nächtliche Kälte abhalten sollten. Als das Licht in den Raum fiel, sah sie, dass das Bett leer war. Sie wunderte sich, dass Darion schon so früh erwacht war, jetzt, da er momentan keine wirklichen Verpflichtungen hatte. Sie seufzte, und ging schließlich in die große Halle, wo alle beisammensaßen und das Frühstück einnahmen. Ihre Blicke schweiften über Tische und Bänke. Natürlich war Devin nicht da. Allerdings konnte sie auch Darion nirgendwo erblicken. Aber Elisia saß am Kopf einer der Tafeln und maß sie mit neugierigen Blicken. Entschlossen trat Aelis auf sie zu. Sie mochte diese Frau nicht. Irgendwie war sie ihr suspekt. Aber das war wohl nur eine Sympathiefrage. „Ich suche Darion, wo ist er?“ verlangte sie zu wissen. Elisia blickte sie verwundert an. „Er ist weg?“ antwortete sie, allerdings verriet ihr Ton, dass sie sich wunderte, dass Aelis das nicht wusste, so als sei es ein allgemeines Wissen, dass allen, nur nicht Aelis bekannt war. Als sie Arcanierin das hörte, fiel sie aus allen Wolken. „Was? Wie bitte? Was heißt, gegangen?“ „Nun, er ist gegangen, aufgebrochen, zurück nach Hause, nenne es, wie du willst…“ „Gegangen?“ wiederholte Aelis fassungslos. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. „Verzeih, aber ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt. Ich muss mit Darion sprechen, also, wo ist er?“ Elisia lehnte sich ungeduldig nach vorne „Wie ich bereits sagte. Gegangen. Wie mir die Wachen berichteten, zusammen mit eurem Freund… Devin ist sein Name, oder?“ Aelis blickte ungläubig drein. „Was? Darion und Devin sind zusammen weggegangen?“ Elisia nickte. „Tut mir leid, ich hatte angenommen, du weißt davon.“ „Nichts wusste ich“ murmelte Aelis und eine aufkeimende Wut bemächtigte sich ihrer. „Dieser elende Verräter! Darion hat mir versprochen, er bleibt…“ „Nun ja, ich hatte auch gehofft, dass er noch ein wenig länger bleibt. Er selbst hatte das ja gehofft…“ „Und sowas nennt sich mein bester Freund…“ brummte Aelis. Sie konnte ihre unbändige Wut und Enttäuschung nicht in Worte fassen, wollte diese aber natürlich nicht vor Elisia zur Schau stellen. Etwas, das sie von ihren Erzieherinnen schon Früh beigebracht bekommen hatte. Stets das Gesicht zu wahren, niemals ausfallend werden, oder seine wahren Gefühle zur Schau zu stellen. Diese hatte sich nun von ihrem Platz erhoben und blickte Aelis unverwandt ins Gesicht. „Wer bist du?“ Die Art und Weise, wie Elisia sie ansah und ihre Worte aussprach, riefen Unbehagen in der Arcanierin hervor. Trotzdem erwiderte sie ihren Blick fest. „Ich bin ein Nichts und ein Niemand“ sagte sie, und wandte sich schließlich um und verließ den Saal. Erst in ihrem Gemach ließ sie all ihrem Zorn und ihrer Enttäuschung freien Lauf. Leider gab es nichts, was an die Wand zu werfen sich gelohnt hätte. Von Devin einen Korb erhalten, von Darion im Stich gelassen, heimlich still und leise waren sie beide gegangen, und das noch gemeinsam! Was, zum Henker, sollte das bedeuten? Von Devin erwartete sie ja ohnehin nichts mehr, aber was hatte Darion sich dabei gedacht, sich einfach davonzustehlen? Was sollte sie hier? Sollte hier beten und ausharren, bis sie alt und grau war? Elisia indes hatte sich ebenso in ihr Gemach zurückgezogen. Erst ging sie eine Weile grübelnd auf und ab, bis sie sich an ihr Pult setzte, ein Stück Pergament hervorzog und Feder und Tinte zückte. Eifrig kratzte die Feder über das Pergament und als sie damit fertig war, faltete und verschloss sie das Schreiben mit Siegelwachs. Einem herbeigerufenen Boten übergab sie das verschlossene Pergament, der das dringliche Schreiben an seinen Adressaten überbringen sollte.

Einige Tage vergingen, in denen Aelis sich hauptsächlich in ihren Gemächern aufhielt, die Zeit mit Beten, Lesen der Schriften der Zweien, Baden, Essen und dem Grübeln totschlug. Doch eines Tages erwachte sie und beschloss, diesen Mauern ebenso den Rücken zu kehren wie Devin und Darion dies getan hatten. Zwar wurde dadurch das nervenaufreibende und langwierige Unterfangen, Aelis hier in diesen Mauern in Sicherheit zu bringen, sinnlos gemacht, doch sie konnte nicht hierbleiben. Nicht, wenn sie ihr Dasein alleine unter für sie völlig Fremden fristen sollte. Sie konnte ohnehin nur zu Darion nach Melanhál gehen. Aber dann! Dann sollte er sie kennenlernen! Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen, ging zu ihrem Pferd in die Stallungen, sattelte es und führte es zu den Toren. Doch als sie aufsaß und den Wachen nickend andeutete, dass diese die Tore öffnen sollten, da kreuzten sie ihre Spieße und schüttelten den Kopf. Aelis runzelte die Augenbrauen. „Ich verlange, dass ihr mir unverzüglich das Tor öffnet“ befahl sie ungnädig. „Nee, das geht nicht. Auf allerhöchsten Befehl bleiben diese Tore verschlossen“ war die kurze und knappe Antwort. Aelis sprang vom Pferd hinunter und stapfte zurück in die Halle, wo Elisia in Seelenruhe mit einigen Männern saß und über dies und das sprach. Als sie Aelis bemerkte hob sie den Kopf. „Was soll das? Deine Männer verwehren mir, die Tore zu öffnen. Auf allerhöchsten Befehl. Das wärest ja dann wohl du?“ Elisia verschränkte die Arme und reckte das Kinn. „Wohin willst du?“ „Weg, einfach nur weg, ich kann und will hier nicht bleiben, ich muss einiges klären und erledigen.“ „Ich habe Darion das Versprechen gegeben, dich und Devin aufzunehmen und Schutz zu geben. Ich habe keine Fragen gestellt, aber ich bin an das Versprechen gebunden. Du kannst und wirst nicht gehen, tut mir leid. Das Wort eines Malistaers ist eisenfest.“ So eisenfest das Wort eines Malistaers war, so war auch ihr entschlossener Blick Aelis erkannte, dass sie sie nicht einfach gehen lassen wollte. So wie es aussah, saß sie hier fest. Am Abend des nächsten Tages kam Antwort auf ihr Schreiben, welches sie verfasst hatte.
Elisia,

Aelis von Avalé, Inquisitorin des Königreichs Arcanis, ist tot. Wie meine Nachforschungen ergeben haben, hat sie sich höchstselbst in Arvia in den Tod gestürzt, am dreißigsten Tag des ersten Mondes des neuen Jahres. Ihre sterblichen Überreste wurden am zwöften Tag des zweiten Mondes in der Familiengruft in Avalé dem Fels und der Erde übergeben. Ihre Eltern scheinen diesen Verlust mit Fassung zu tragen, während der hohe Wahrheitsbringer Acardo von Avalé der Tod seiner Nichte bis in die Grundfeste erschüttert hat. So wurde mir berichtet.

Deren Malistaer
Aufmerksam las Elisia diese Zeilen, immer und immer wieder, dann ließ sie das Schreiben sinken und schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte sie zu sich selbst. „Aelis von Avalé ist nicht tot. Darion hatte seit jeher nur eine beste Freundin von Kindertagen an. Aelis von Avalé. Und beide haben sich verraten. Darion, als er mir ihren Vornamen genannt hat, und sie, als sie ihn als ihren besten Freund bezeichnet hat. Es gibt keinen Zweifel daran, Aelis lebt…“
Sie warf das Schreiben ins Feuer, setzte sich erneut an ihr Pult und verfasste ein neues Schreiben.
An Seine Gnaden dem ehrenwerten Acardo von Avalé in Arcanis.

Eure geliebte Nichte Aelis von Avalé ist nicht an jenem Fels in Arvia zerschellt.
Vielmehr befindet sie sich in unserer Obhut und erfreut sich bester Gesundheit und Wohlbefinden. Der Winter war lang, streng und hart. Schickt uns Gold, im Wert von fünfhundert Kilogramm Silber, dann sollt ihr eure Nichte wieder in die Arme schließen dürfen.

Elisia Malistaer, Herrin und Erbin von Karanhál
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

Benutzeravatar
Devin
Vagabund
Beiträge: 26
Avatar: Avatarschmiede
Alter: 32
Rasse: Mensch
Heimat: Arcanier

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 04. Jan 2018 18:25

Weder Devin noch Darion hatten damit gerechnet, bei ihrem frühen morgendlichen Aufbruch in ein bekanntes Gesicht zu blicken und zeigten sich deshalb beide gleichermaßen irritiert. „Du gehst?“ fragte Darion. „Ja, das habe ich vor“, antwortete Devin mit fester Stimme, die nicht darüber hinweg täuschen konnte, wie unwohl er sich in diesem Augenblick fühlte. Es fiel ihm schon schwer genug, sich nach dem kühlen Abschied von Aelis auf den Weg zu machen. Darion war so ziemlich der Letzte, dem er dabei begegnen wollte, denn Devin war sich sicher, dass Darion kein Verständnis dafür aufbringen würde. Es sah schließlich so aus, als wollte sich Devin einfach heimlich aus dem Staub machen, ohne Dank, ohne Reue und ohne Rücksicht auf Aelis und deren Gefühle.
„Es ist kompliziert…“, versuchte Devin eine halbherzige und mehr als dürftige Erklärung für seine Flucht aus der Burg, die er bereits als gescheitert ansah, denn zum einen ließen ihn die Wachen ohnehin nicht hinaus und zum anderen rechnete Devin damit, dass Darion ihn aufhalten wollte. Wahrscheinlich ist er sogar genau zu diesem Zweck hier, ging es Devin durch den Kopf. Eine andere Erklärung hatte er nicht, warum Darion ebenfalls zu dieser gottlosen Stunde am Tor erschienen war. Wohl kaum um einen morgendlichen Ausritt zu machen. Devins Blick fiel auf Tiros und die Pferde, die für eine längere Reise gerüstet waren. Devins linke Braue ging verwundert in die Höhe. Es sah aus als hätte Darion etwas ganz ähnliches wie er selbst im Sinn…
Devins Gesichtsausdruck musste irgendwo zwischen Verwirrung und Verstimmung gelegen haben. Jedenfalls schien er Bände zu sprechen, denn obwohl sich Devin äußerst wortkarg gab, zog Darion letztlich die richtigen Schlüsse: „Das ist es nicht...“, murmelte Darion. „Du hast es satt oder? Es geht nicht um den Ort hier sondern, um Alles.“ Damit hatte es Darion auf den Punkt gebracht. Devin sah einen Moment auf den Boden, seine sture Entschlossenheit kämpfte mit seinen Zweifeln um die Vorherrschaft, bevor er gefasst Darion ansah und nicke. „Es tut mir leid“, war alles, was er erwidern konnte. Wenn er sich vorher schon mies gefühlt hatte und dachte, es gäbe keine Steigerung mehr, so wurde er jetzt eines Besseren belehrt. Durch sein Verständnis erwies sich Darion wieder einmal als Freund und das machte es Devin noch schwerer. Sie reichten sich zum Abschied die Hände. „Danke. Für alles“, sagte Devin ernst und schwang sich auf sein Pferd, nachdem der Weg nach draußen nun frei war. „Lass dich nicht töten!“ rief ihm Darion noch hinterher und Devin drehte sich mit einem schiefen Grinsen zu ihm um. „Ich werde mich bemühen“, versprach er und setzte sich in Bewegung.

Wir sehen uns wieder. Wir alle…. Sich an diesen Gedanken klammernd, ritt Devin auf das zweite Tor zu. Überrascht stellte er fest, dass Darion ihm folgte, ihm schließlich sogar den Weg abschnitt. Hatte er es sich anderes überlegt und wollte ihn nun doch aufhalten? Devins Pferd tänzelte nervös und auch Devin wirkte angespannt, bis er in Darions Gesicht die gute Absicht lesen konnte.
„Devin, komm mit mir. Ich weiß nicht wo du hin willst, aber ich bitte dich, komm mit mir. Ich habe es in deinen Augen gesehen, du hast es satt dich zu verstecken und ich hab es satt, davon zu laufen. Mag sein dass alles was wir kennen sich geändert hat, aber wir sind immer noch wir. Und wir sind wer!“ Devin konnte kaum glauben, was er hörte: „Du bist der Graf von Tarun und ich bin immer noch ein gesalbter Ritter des Reiches, verdammt. Wenn wir sprechen, haben die anderen zuzuhören und das werden sie! Scheiß auf die Inquisition. Die haben meine Frau ermordet und dir dein Leben ruiniert, dafür schulden die uns was und sei es nur die Gelegenheit ihnen vor die Füße zu pissen.“
Darion reichte Devin die Hand. Dieser zögerte kurz, überrascht und überwältigt von Darions Worten. Dann ergriff er Darions Rechte mit festem Griff und lächelte plötzlich erleichtert. Devin hatte es sich nicht eingestehen wollen, aber die Trennung von Aelis und Darion fiel ihm schwerer als erwartet. Die Aussicht, Darion als Mitstreiter zu gewinnen, ließ alles gleich in einem besseren Licht erscheinen.
„Pissen wir ihnen vor die Füße!“ stimmte Devin zu und grinste breit „Und ich weiß auch schon, bei wem wir anfangen….“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück in ihre Heimat. Es gab viel zu besprechen. Natürlich hatte ihrer beider Wort ein gewisses Gewicht. Trotzdem war es klug, zuerst an Einfluss zu gewinnen und ein paar Leute (auf welche Weise auch immer) dazu zu bringen, für sie zu sprechen, bevor sie sich aus ihrer sicheren Deckung wagten.
Daher war es Devins Idee, nach Cerunis zu reiten und Ignatius Danbill aufzusuchen, der am Hof hin und wieder als Berater diente und von dem es hieß, dass selbst der König seinen Namen kannte. Zudem verfügte der Mann über viele Kontakte und war stets erstaunlich gut informiert. Devin wiederum kannte Ignatius` geheime Leidenschaft für das Glücksspiel und seine teilweise unorthodoxen Wege, an Geld zu kommen, was Ignatius bis zu einem gewissen Grad erpressbar machte. Trotzdem war der Mann gefährlich. Sie würden einen Handel mit ihm abschließen müssen. Das einzig Gute war, dass sich Ignatius innerhalb der Mauern der Stadt immer sicher fühlte und es daher leicht sein dürfte, in sein Anwesen vorzudringen und ihm ein Gespräch aufzuzwingen.

Der Weg dorthin war allerdings weit. Sie machten unterwegs noch andere Pläne, von denen sie einige im Hinterkopf behielten, andere wieder verwarfen. Im Grunde waren sie sich darüber einig, dass sie viel planen konnten, am Ende aber trotzdem auf ihr Improvisationstalent angewiesen waren, denn die weitere Zukunft war zu ungewiss und somit schlecht planbar.
Lange Wegstrecken ritten sie schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Immer wenn die Nacht herein brach, dachte Devin unweigerlich an Aelis. Je weiter er sich von ihr entfernte, desto schlechter fühlte es sich an, sie verlassen zu haben. Vielleicht war es falsch. Devin hatte ihr noch vieles sagen wollen, doch nun war es zu spät. Die Entscheidung war gefallen und nun gab es kein Zurück mehr. Es ist besser für sie, redete sich Devin dann jedes Mal ein und beruhigte sich mit dem Gedanken, sie eines Tages wiederzusehen und ihr dann das ein oder andere erklären zu können. Außerdem war Aelis eine starke Frau. Sie würde sich schon behaupten können, dessen war sich Devin sicher. Trotzdem ging es ihm ungewohnt nah.
Darion und Devin erwähnten Aelis mit keinem Wort während ihrer Reise. Keiner der beiden rührte das heikle Thema an. Devin vermutete, dass Darion ebenfanfall ein schlechtes Gewissen plagte, sie in der Burg zurückgelassen zu haben. Aber er fragte nicht nach. Über Gefühle zu sprechen fiel ihm ohnehin schwer.


Als sie das Stadttor von Cerunis erreichten, regnete es wie aus Kübeln. Ein glücklicher Zufall, der dazu führte, dass die Wachen am Tor kein großes Interesse an langen Befragungen hatten und sie schnell durchwinkten, so dass sie unbehelligt in die Stadt kamen und ohne Schwierigkeiten das großzügige Haus des Ignatius Danbill erreichten. Es war aus Stein gebaut und verriet schon auf diese Weise den Reichtum seines Besitzers. Sie blieben in einigem Abstand stehen und sahen sich um. Mittlerweile war es später Abend und die in Dunkelheit gehüllte Straße bot ein Bild trauter Gemütlichkeit. Hinter einigen Fenstern des Hauses war noch Licht erkennbar. In der Ferne bellte irgendwo ein Hund. Devin, Darion und Tiros ließen ihre Pferde außer Sichtweite zurück und gingen auf das Haus zu. Dort wollte man sie zuerst nicht einlassen, aber die drei Männer und ihre Waffen waren letztlich überzeugend genug. Tiros blieb bei dem verängstigten Personal zurück, während Devin und Darion das Wohnzimmer betraten, in dem Ignatius bei einer Tasse Tee saß und die Ruhe in Person war. Nicht einmal der Tee schwappte in der Tasse, als Devin und Darion hereingestürmt kamen. „Devin von Tarun und…“ Die Augenbrauen des älteren Mannes zogen sich nachdenklich zusammen, während er überlegte, wen er noch vor sich hatte „ Doran Graf Malistaer, habe ich Recht?“ fragte er seelenruhig und nahm noch einen Schluck Tee. „Darion“, kam es zeitgleich von Devin und Darion, die einen unsicheren Blick tauschten. Die Situation erschien ihnen recht bizarr, denn Ignatius‘ beinahe gelangweiltes Verhalten entsprach so gar nicht ihren Erwartungen. „Ich nehme doch an, dass in meinem Haus niemand zu Schaden gekommen ist?“ fragte Ignatius nun streng und stellte seine Tasse mit einem Anflug leichter Verärgerung auf dem Tisch neben sich ab, bevor er die ungebetenen Besucher eingehender betrachtete. Devin nickte. Er sah sich verhalten um. Dass sich Ignatius so ruhig und entspannt verhielt, wenn drei bewaffnete Männer sein Haus stürmten, konnte nur bedeuten, dass er Sicherheitsvorkehrungen hatte, die Devin noch nicht entdeckt hatte. Oder dass er verrückt war. Beides war möglich. Wie auch immer, Devin ließ einer spontanen Eingebung folgend seine Waffen sinken und setzte sich Ignatius gegenüber in einen der Sessel. Darion folgte seinem Beispiel, ließ die Hand aber nicht von seinem Schwertgriff. Sitzend aus ihrer neuen Position heraus konnten sie nun erst die offene Galerie erkennen, die sich oberhalb des Wohnraums befand. Der Bereich lag im Dunkeln. Es war gut möglich, dass sich dort jemand verbarg und eine Waffe auf sie richtete.
„Und was genau führt euch beide zu mir?“ wollte Ignatius wissen und lächelte. Die Augen, die auf Devin gerichtet waren, erinnerten an einen Falken, der seine Beute anvisiert. „Naja, wie du gehört hast, stecken wir in einigen Schwierigkeiten und ich hatte die Hoffnung, dass du uns helfen kannst. Indem du an geeigneter Stelle ein gutes Wort für uns einlegst, um die Verschwörung aufzudecken, die uns in diese missliche Lage gebracht hat. Ein Unrecht! Die Anschuldigungen gegen mich entbehren jeglicher Grundlage. Dahinter steckt ein Komplott nicht nur gegen mich allein. Ich vermute, dass Lepos dahinter steckte! “ Devin wich dem falkenhaften Blick seines Gegenübers nicht aus. Wenn er eines konnte, dann lügen ohne rot zu werden mit dem Ausdruck kühler Ehrlichkeit im Gesicht. „Soso“, gab Ignatius von sich und zuckte mit den Schultern. „Und warum sollte ich das tun?“, war eine berechtigte Frage seinerseits. Devin zögerte kurz mit seiner Antwort. Sein ursprünglicher Plan war es gewesen, Ignatius zu erpressen, ihn zu verängstigen und zu bedrohen. Doch davon waren sie meilenweit entfernt. Ignatius war nicht die Spur auch nur erschrocken sie zu sehen. Es war fast so, als hätte er sie lange erwartet um eine Tasse Tee mit ihnen zu trinken. „Wir könnten beide einen Gewinn daraus erzielen…?“, änderte Devin schnell seine Taktik. Ihm fiel nur nicht ein, wie das funktionieren sollte. „Jetzt, wo Lepos tot ist…“ Ignatius erhob sich plötzlich und schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Das könnt ihr mir später erzählen. Die Frage ist, was ihr für MICH tun könnt!“, sagte er bestimmt und lächelte kühl. „Da fällt mir nämlich spontan so einiges ein“, sagte er nachdenklich und seine Augen leuchteten in plötzlich aufflammender Begeisterung. „Ihr besitzt beispielsweise schöne Titel. Von Tarun! Malistaer ist auch ein hübscher Name. Ihr müsst wissen, ich habe drei unverheiratete Töchter und wenig übrig für eine große Mitgift.“ Devin tauschte mit Darion einen erschrockenen Blick. „WAS?“ entfuhr es ihm. Nicht schon wieder eine erzwungene Verlobung! betete er im stillen. „Wie ihr wisst, bin…oder besser war ich einer anderen versprochen….“ brabbelte Devin erschrocken. Ignatius bewegte den Kopf unwillig zum Ausdruck, dass er diese Ausrede nicht anerkannte. Dann sah er Darion fragend oder besser herausfordernd an, bevor er sich mit deutlich kühlerem Ausdruck die Weinkaraffe griff, die in der Nähe stand. „Nun, es gibt auch andere Möglichkeiten für Euch, sich für einen solchen Dienst erkenntlich zu zeigen. Nur wären die sicherlich weniger angenehm“, gab er zu bedenken, ohne mit der Sprache heraus zu rücken.Stattdessen schenkte er seelenruhig Wein in drei Gläser. „Überlegt es Euch. Mein Wort hat einiges an Gewicht. Am Hofe und selbst beim König. Ich könnte Euch von großem Nutzen sein. Wenn ich es will…“ sagte er und lächelte überlegen kühl. Auf einen knappen Wink hin traten fünf Bogenschützen aus dem Dunkeln der Galerie, die keinen Zweifel daran ließen, wer hier gerade die Fäden in der Hand hatte.

Benutzeravatar
Darion
Vagabund
Beiträge: 23
Avatar: Dieser Caradan
Alter: 29
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Arcanis
Waffen: Schwert

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mo, 05. Feb 2018 22:43

Regen hatte nur einen Vorteil, man wurde nicht beachtet oder komisch angeglotzt, wenn man mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze umher stromerte. In einer Stadt voller Weber, Färber und Schafficker gab es nur wenige Häuser aus Stein. Stein… den eigenen Reichtum zur Schau stellen einfach weil man es kann. Verschwenderisches Pack. Darion investierte jede Kupfermünze in sein Land, in seine Leute, zu deren Besten. Ihm widerstrebte es zutiefst diesen Ignatius, von dem Darion noch nie etwas gehört hatte, um Hilfe zu bitten. Na ja, sie würden ihn schließlich nicht bitten. Sie würden ihn zwingen, ihn notfalls bedrohen, ihm den fetten Wanst grün und blau prügeln. Außer Sichtweite des Hauses ließen sie die Pferde zurück und marschierten geradewegs zum Haus. Darion pochte laut an der Türe und als ein irritierter junger Bursche sie fortschicken wollte, warf sich Darion regelrecht gegen die Tür. Unter lautem Poltern fiel der Bursche zu Boden und wagte es nicht mehr aufzustehen, als Tiros ihm mit einer Geste zu verstehen gab, dass auch nur ein Mucks ihn töten würde. Mit ein paar gezischten Drohungen, Schubserei und Waffengefuchtel versammelten sie den Haushalt in der Küche und ließen Tiros dort, damit auch ja niemanden eine Torheit beging. Mit gezogenem Schwert stürmte Darion ins Wohnzimmer und fand einen fetten, aber seelenruhigen Mann vor. Eine Tasse in der Hand. EINE TASSE! Als ob man nicht auch so die verschwenderische Ader erkennen konnte. Die kleine Beleidigung berichtigten Devin und Darion im Chor, wobei Darion sich entschloss diese kleine Spitze vorerst zu ignoriren. Misstrauisch beäugte Darion eine in der Dunkelheit gelegene Galerie, folgte aber letzten Endes Devins Beispiel und steckte sein Schwert in die Scheide. Die Politik überließ er Devin. Darin lag nicht seine Stärke.
Darion wurde ganz anders, als Ignatius eine eheliche Verbindung auf den Tisch brachte und er konnte erkennen, dass es Devin ebenso ging. Heiraten! Würde sie dieser Fluch eigentlich immer verfolgen? Die Ehe war wie ein wildes Raubtier, dass ihren Opfern, in diesem Falle Devin und Darion, folgte und nur darauf wartete, bis die verwundeten sich niederlegten, nur um dann aus dem Unterholz zu preschen und über sie herzufallen. Es war zum Verzweifeln. Darions blick wurde einen Moment unstet, als er seine Gedanken zu Leria und seinem ungeborenen Kind schweifen ließ, doch fing er sich wieder und begegnete Ignatius‘ Blick stoisch. Erst als der Kerl die Bogenschützen auf den Plan rief, wandte sich sein Blick ab und mit unverhohlenem Schock starrte er auf die fünf Männer. Plötzlich schien ihm die kleine Beleidigung von vorher, umso gewichtiger.

Darion spürte den herausfordernden Blick des feisten Mannes auf ihm und beobachte grimmig, wie er ihm einen Becher mit Wein hin schob. Er wartete auf eine Antwort. Oder einen Gegenvorschlag, eine Idee, wie Darion oder Devin oder Beide ihm helfen konnten. So wie Darion es sah, wollte er eine verbindliche Zusage, deren Bedingungen nicht klar abgesteckt war, damit er irgendwann ihre Dienste einfordern konnte und sie keine andere Wahl hatten, als zur Stelle zu sein. Egal um was es ging. Nicht mit Darion, er würde sich niemanden einfach so verpflichten. Darion schnaubte verärgert. „Na schön.“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und hob den Weinbecher um es zu besiegeln. Ignatius, der immer noch Gelassenheit ausstrahlte, war für einen Moment ehrlich irritiert und musterte Darion einen Herzschlag misstrauisch, hob dann aber ebenfalls seinen Becher. „Auf den zukünftigen Gatten.“, lächelte er siegessicher und trank den Becher in einem Zug aus, während Darion seinen Wein nicht anrührte. Wortlos, nachdem Ignatius seinen Becher abgestellt hatte, schob er ihm den seinen zu und bedeutete ihm, weiter zu trinken. Mit zusammengekniffenen Augen griff er nach dem Becher und trank einen Schluck, aber Darion drückte mit einem Finger den Boden des Bechers weiter hoch, sodass Ignatius gezwungen war zu trinken. Als er ausgetrunken hatte, langte Darion nach Devins Becher und schob diesen seinem Gegenüber hin. „Genug.“, zischte Ignatius, doch Darion hob den Becher in die Höhe. „Trinkt.“, befahl Darion. Ignatius schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mir reicht es, vielen Dank Darion.“ Darion setzte eine verwunderte Miene auf. „Es reicht Euch?“, fragte er überrascht und knallte im nächsten Moment den Becher auf den Tisch, dass die anderen Beiden ob der Erschütterung umfielen. „MIR AUCH!“, brüllte er zornig. Er hörte das Knarren und Ächzen der Bogen und Bogensehnen. „Wir kommen in unserer Verzweiflung zu Euch, weil es heißt, Ihr habt Einfluss am Hof des Königs und was macht IHR? Ihr bedroht unser Leben und erpresst uns! Bitte sehr!“ Darion war aufgesprungen und hatte seinen Waffengurt abgelegt und den Bogenschützen vor die Füße geworfen. „Ruft Eure Töchter her. Ich ficke sie alle drei gleich hier auf dem Tisch und Ihr könnt Euch daran aufgeilen!“ Er wandte sich den Bogenschützen zu. „Nehmt die Waffen runter, wir sind keine Bedrohung mehr.“ Darion stampfte zu Ignatius und zischte ihm gerade so laut ins Ohr, dass Devin sie gerade noch hören konnte. „Ihr wollt mehr und mehr und bekommt den Hals nicht voll. Ich werde Euch verraten was passieren wird, wenn Ihr uns nicht helft. Darion Malistaer, wird keine Eurer Töchter heiraten. Darion Malistaer wird ein zweites Mal in Euer Haus kommen und Euch im Schlaf abstechen. Dann wird Darion Malistaer Eure Töchter vergewaltigen und an ihren eigenen Gedärmen durch die Stadt schleifen. DAS wird Darion Malistaer tun, wenn Ihr uns nicht helft. Also frage ich Euch. Werdet Ihr uns helfen oder soll ich ein zweites Mal in Euer Haus kommen.“

„Meinen Glückwunsch zur Verlobung.“, brummte Tiros beiläufig, als sie das Haus hinter sich gelassen haben. Ignatius hatte eingewilligt, nachdem Darion ihm so eindringlich dazu geraten hatte und hatte mit Devin die Details der Abmachung geklärt. In solchen politischen Dingen ließ Darion ihm nur allzu gerne den Vortritt, denn Darion war bei Weitem nicht so geschickt darin wie Devin. Natürlich konnte er sich behaupten, aber meistens nur durch Drohungen und die hatte er mehr als deutlich ausgesprochen. Ignatius hatte Devin und Darion zugesichert gewisse Maßnahemn zu ergreifen, wobei er jedenfalls in Darions Augen nicht allzu genau wurde. Darion misstraute ihm und wenn er ehrlich war, hatte er kein Interesse so schnell erneut zu heiraten, jedenfalls hatte er gehofft selbst die Umstände diktieren zu können. Immerhin durfte sich Darion die Braut aussuchen… „Hurra.“, knurrte Darion sarkastisch. „Das Haus Malistaer ist gesichert.“ Im prasselnden Regen lohnte es sich nicht weiter zu reiten und so kehrten sie in einer möglichst zwielichtigen Herberge ein, wo man sicher sein konnte, nicht mit unnötigen Fragen belästigt zu werden. Zum Abendmahl gab es schales Bier, Brot und irgendeine Gerstengrütze, also alles in allem nicht gerade Appetit anregend. Dennoch, es war heiß und wärmte. Darion starrte missmutig in seine Schüssel, während er an dem zähen Brot zu kauen hatte. „Schade das seine Frau nicht da war.“, murrte er zwischen zwei Bissen. „Wenn seine Töchter so aussehen wie er, dann muss einer von euch mir die Augen ausstechen.“ Im Verlauf des Abends schaffte es Devin wie durch ein Wunder oder eine glückliche Fügung der Zwei eine Flasche Wein aufzutreiben, die sogar gar nicht mal so schlecht war. Eine Flasche später schwenkte das zwanglose Gespräch zu einem ernsteren Thema um. „Gut.“, sinnierte Darion. „Einen Fürsprecher haben wir, aber reicht das?“ Darion bezweifelte es. Irgendwo hoffte er, dass dieser Ignatius, sein Schwiegervater in Spe, wirklich jenen Einfluss hatte von dem er selbst behauptete ihn zu haben. „Vielleicht sollten wir Acardo um Rat fragen. Oder um Hilfe bei ihm betteln. Ich habe mit ihm nicht gesprochen, nicht mal nach der Sache mit Lepos. Oder erst recht nicht nach dieser Sache. Ich habe beinahe Angst ihm unter die Augen zu treten. Vielleicht sollten wir doch nicht zu ihm.“ Darion fing an zu kichern. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, den man dabei erwischt hatte wie er in den Suppentopf pisste.
Fürchtet den Silberlöwen

Benutzeravatar
Aelis von Avalé
Vagabund
Beiträge: 27
Avatar: paracoma
Alter: 30
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Avalé
Waffen: Kurzschwert, Jagdarmbrust

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Do, 22. Feb 2018 13:10

Es war ein sonnig milder Tag des vierten Mondes des neuen Jahres und Acardo Elhan von Avalé saß in der Silberzitatelle an seinem Schreibpult und las diverse Schreiben, die wichtige und weniger wichtige Angelegenheiten behandelten. Die meisten behandelten ketzerische Belange, Protokolle über inquisitorische Angelegenheiten, Begnadigungsansuchen, Vollstreckungsbefehle, Haftbefehle, und in seinen groben großen Händen hielt er den Federkiel und kratzte in dennoch akkurater Manier Buchstaben auf Pergamente. Als er das Siegel der arcanischen Inquisition in den letzten Siegelwachsfleck drückte, sammelte er die verstreuten Briefe ein, stapelte sie fein säuberlich und schob sie weit von sich weg, als könne er sich damit von all der zeitraubenden bürokratischen Arbeit befreien. Er seufzte, und goss sich aus einer gläsernen Karaffe Rotwein nach, den er in einem Schluck runterstürzte. In dem Moment, als er beschloss, sich draußen auf dem Exerzierplatz ein wenig die Beine an der frischen Luft zu vertreten, pochte es an seiner Türe.

„Herein“ rief er, die Türe öffnete sich und ein Diener stand in der Türe und setzte zu einer Verbeugung an. „Verzeiht, Eure Gnaden, ein Bote ist gekommen. Aus Coralay.“ Acardo hob verwundert den Kopf „Aus Coralay? Was will er?“ Der Diener verbeugte sich „Das weiß ich nicht, Eure Gnaden. Er sagt, er trägt einen Brief bei sich, der nur für Eure Augen bestimmt sei, und für sonst niemanden. Er hätte den Auftrag, dass ihr den Brief in seiner Anwesenheit lest und er sei angewiesen, auf ein Antwortschreiben von Euch zu warten.“ „Soso..“ brummte Acardo unwillig. „Lasst ihn ein. Ich bin neugierig, wer da so ungeduldig ist. In Coralay“ fügte er schließlich noch hinzu. Hinter dem Diener schob sich ein Mann durch die Türe an ihm vorbei und beschrieb eine angedeutete Verbeugung. „Eure Gnaden…“ erwiderte er knapp und streckte dem Wahrheitsbringer ein versiegeltes Pergament entgegen. Acardo nahm es an sich, brach das Siegel, entfaltete es und begann es zu lesen. Seine Augen weiteten sich während sie das Schreiben überflogen und als er zu Ende gelesen hatte, ächzte er „Bei den Geschwistern…“ Sein Kopf ruckte hoch und er funkelte den Boten wütend an. „Ist das ein grausamer Scherz?“ herrschte er ihn an und seine Hände umklammerten das Pergament, dass er verknitterte. „Malistaer??? Elisia Malistaer? Wer, bei den Geschwistern ist Elisia Malistaer???“ Er betonte das letzte Wort mit Nachdruck und lies den Boten gar nicht erst zu Wort kommen. „Ihr überbringt mir ein Schreiben, in dem behauptet wird, meine Nichte sei nicht tot, sondern befände sich gesund und munter in Coralay? Und wer zum Henker ist Elisia Malistaer?“ Er wandte sich ab und setzte sich an sein Schreibpult, wobei er den Stuhl umdrehte, bevor er sich setzte, sodass er den Boten anblicken konnte. „Nun, Elisia Malistaer ist meine Herrin.“ „Das habe ich mir gedacht. Ihr seid wohl ganz ein Schlauer, was?“ Acardo hielt das zerknüllte Schreiben in die Höhe und wachelte damit herum. „Hier halte ich einen Erpresserbrief in Händen. Fünfhundert Kilogramm Silber für die Freigabe meiner Nichte Aelis von Avalé, die laut diesem Schreiben nicht bei einem Sturz in Arvia ums Leben gekommen sein, sondern sich in Coralay befinden soll?“ schrie Acardo und sein Gesicht wurde purpurrot. „Ich kenne keine Einzelheiten, Eure Gnaden. Ich bin lediglich der Bote.“ „Man wird euch doch wohl instruiert haben!“ donnerte Acardo. „Ich will Antworten! Ich will Beweise! Ich habe den Leichnam meiner Nichte gesehen! Sie ist in Arvia am Felsen zerschmettert. Sie ist tot! Und nun schreibt mir Elisia Malistaer, sie sei es nicht! Wo, bei den Geschwistern ist der Beweis? Ich will Beweise, andernfalls lasse ich euch an euren Eingeweiden vom höchsten Turm der Silberzitadelle baumeln. Haben wir uns nun verstanden???“ brüllte er, sodass der Bote einen Schritt zurückwich. „Habt ihr sie gesehen, meine angebliche Nichte, da drüben in Coralay? Könnt ihr mir sie genau beschreiben?“ Acardo wandte sich um und griff nach dem Weinbecher und der Karaffe und goss sich Wein nach, während er den Ausführungen des Boten lauschte. „Nun, ich habe sie gesehen. Aber ich kannte sie davor nicht. Niemand tat das. Sie ist ungefähr so groß…“ deutete der Bote mit einer Handbewegung an. „Ihr Haar war so hell und strahlend wie die Sonne, die Augen sind grün, ihr Gesicht ist feingezeichnet, die Nase markant, verzeiht mir den Vergleich, doch sie erinnert ein wenig an einen Raubvogel. Ihr Blick ist ebenso stolz wie der eines Raubvogels, sie trug eher zerlumpte Männerkleidung, als sie mit Darion Malistaer ankam. Sie…“ „Darion Malistaer? Darion Malistaer von Melanhál???“ hakte er nach und jegliche Gesichtsfarbe entwich ihm. „Darion Arrun Malistaer. Herr von Melanhál“ nickte der Bote „Egal… erzählt weiter…“ vollführte Acardo eine scheuchende Handbewegung. „Erzählt mir mehr von meiner Nichte…“

„Also, sie sah in ihrer Kleidung nicht aus wie eine Frau von Adel. Doch in ihrer Gestalt, in ihrer Sprache, ihr gesamtes Auftreten zeugte von keiner gewöhnlichen niederen Frau. Sie ist gläubig, sie geht täglich in den Tempel der Sieben, den niemand mehr nutzt. Ich habe gehört sie betet dort zu den Geschwistern, dass sie sagte es ist egal wem der Tempel geweiht wurde, der Glaube sei keine Wissenschaft sondern eine Tugend. Ihr generelles Auftreten war recht forsch, für eine Frau. Am ersten Abend ihres Erscheinens hat sie direkt einen Barden geohrfeigt und zurechtgerückt als dieser frech wurde.“ Da entglitt Acardo zum ersten Mal ein warmes Lächeln. „Das klingt in der Tat wie Aelis… Meine Nichte lebt…“ Acardo versteckte sein Gesicht hinter dem Weinglas und trank einen großen Schluck. „Es geht ihr gut, sagt ihr? Sie ist unversehrt und gesund, und es fehlt ihr an nichts in… in…“ „Karanhál…“ half der Bote ihm auf die Sprünge. Acardo nickte. „Ja, es geht ihr gut“ erwiderte der Bote. „Den Geschwistern sei gedankt… Nun lasst mich bitte alleine. Lasst Euch zum Gesindehaus führen. Dort sollt ihr Speis und Trank erhalten. Und sicherlich seid ihr müde, vielleicht wollt ihr auch ein Bad nehmen und euch nach eurer weiten Reise erfrischen. Ihr könnt gehen. “ Der Bote lächelte dankbar und verneigte sich. „Josur!“ rief Acardo und der Diener steckte seinen Kopf durch die Türe. „Eure Gnaden?“ „Bringt unseren Gast ins Gesindehaus, er soll sich stärken und erfrischen. Bereitet ihm ein Zimmer vor, meine Antwort erfolgt morgen. Und schick mir Darkon unverzüglich vorbei. Ich möchte mit ihm sprechen.“ Josur nickte und verschwand zusammen mit dem Boten hinter der Tür die er hinter sich schloss. Als Acardo alleine war, setzte er ein übermütiges Grinsen auf. „Aelis lebt… sie muss am Leben sein. Idalia, lass es wahr sein…“ Der Wahrheitsbringer setzte ein Pergament auf. Er schrieb nur einen Satz, bevor er das Schriftstück faltete und mit seinem persönlichen Siegel verschloss.
Lasst meine Nichte unverzüglich und unversehrt frei nachhause kehren, andernfalls werden wir Karanhál bis auf die Grundfesten niederbrennen.
Darkon erschien. Der Soldat war beinahe so groß und breit wie ein Bär. „Ihr habt nach mir rufen lassen, Eure Gnaden?“ „Das habe ich, Darkon. Bitte setz dich“ erwiderte Acardo freundlich und füllte ihm einen Weinbecher an. Nachdem er Darkon die ganze Angelegenheit geschildert hatte, fügte Acardo hinzu „Du bist der beste Soldat und Kämpfer, den es in Arcanis nur geben kann. Du hast an Aelis‘ Seite in Candobar gekämpft. Die Geschwister wissen, du hast ihr Leben mit dem deinigen bis aufs Blut beschützt und nur wenige kennen sie so gut wie du sie kennst. Ich vertraue dir und ich vertraue dir einen wichtigen Auftrag an. Reite nach Karanhál. Bring dieser Elisia dieses Schreiben. Lass dir zum eweis meine Nichte zeigen, ob sie es wirklich und wahrhaftig ist. Und anstatt einer Truhe mit fünfhundert Kilo Silber bringst du ihnen eine Truhe mit dem Kopf von diesem Boten. Sie haben sich mit den Falschen angelegt…“

Nachdem Darko gegangen war, ließ Acardo noch einen anderen Manne rufen. Er solle sich mit einem Trupp Männern auf die Suche nach Darion Arrun Malistaer machen. Lebend sollten sie ihn in die Silberzitadelle bringen. Bis Acardo von Darion erfuhr, wie sich die Angelegenheit verhielt, war Darion wegen Hochverrat an der Inquisition angeklagt.
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

Benutzeravatar
Devin
Vagabund
Beiträge: 26
Avatar: Avatarschmiede
Alter: 32
Rasse: Mensch
Heimat: Arcanier

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mi, 28. Feb 2018 18:29

Das lief ja alles andere als gut. Devin hatte zwar gewusst, dass Ignatius ein ausgemachtes Arschloch war. Ein äußerst gerissenes, ausgemachtes Arschloch. Aber was er da von ihnen verlangte, war nicht hinnehmbar. Devin überlegte krampfhaft, wie sie das Blatt noch wenden konnten, idealerweise indem sie sogar einen Vorteil aus der Situation zogen. Doch ihm fiel überhaupt nichts Gescheites ein. Es war, als hätte ihn der Gedanke an eine erneute Verlobung in eine Art Trance versetzt. Obwohl es in diesem Moment vollkommen unpassend war, musste er sofort an Aelis denken und unbewusst tastete er nach dem Ring, der sich noch immer versteckt in einer Tasche seiner Hose befand. Wie es Aelis wohl ging? Er dachte doch mehr an sie als gut für ihn war.Verdammt, konzentrier dich! ermahnte er sich. Dies war nun weder die Zeit, noch der Ort für Sentimentalitäten. Denk nach! Er überlegte gerade, ob er an genügend finanzielle Mittel kommen konnte, um Ignatius damit zu bestechen (oder wenigstens ein wenig zu imponieren), als Darion den Mund aufmachte und ein schlichtes „na schön“ von sich gab. Ignatius und Devin sahen daraufhin zeitgleich überrascht zu Darion, beide mit einem gewissen Grad an Skepsis in den Augen, ob das Zugeständnis tatsächlich ernst gemeint war. Doch Darion schien wild entschlossen und so folgte ein kurzer Trinkspruch, bevor Ignatius seinen Becher leerte. Devin wollte es ihm gleichtun. Nur die gute Erziehung hielt ihn davon ab, den edlen Wein einfach hinunterzustürzen wie Wasser. Aber bevor er auch nur einen tiefen Schluck nehmen konnte, bestand Darion aus einem für Devin nicht ersichtlichen Grund darauf, dass Ignatius gleich alle drei Becher trank. Vermutete sein Freund, dass ihr Wein vergiftet war? Devins Blick glitt zu den Bogenschützen über ihnen. Warum dann der Aufwand? Etwas wehmütig blickte er seinem Wein hinterher, der dem sichtlich überrumpelten Ignatius eingeflößt wurde und zuckte leicht zusammen, als Darion schließlich der Kragen platzte und er seinem Ärger deutlich Luft machte. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Devins Gesicht. Da hatte sich Devin eben noch den Kopf zerbrochen, welche eloquenten und gleichsam einschüchternden, wohl gewählten Worte er von sich geben sollte, um Ignatius aus der Reserve zu locken, und nun hatte Darion dieses Ziel viel einfacher erreicht. Diplomatie wird eben oftmals überwertet, stellte Devin fest und hob anerkennend die Brauen. In manchen Situationen konnte er von Darion wirklich etwas lernen, auch wenn Devin wohl nie ein Freund derartiger brachialer Zornesausbrüche werden würde. Devin war zwar nicht mehr der adelige Schnösel, den er noch vor kurzem gab, doch mache Verhaltensweisen ließen sich nun einmal nur schwer abschütteln.
Letztendlich zählte aber das Ergebnis. Und mit dem konnten sie zufrieden sein, wenn sich alle daran hielten. Zumindest hatte Ignatius es vorgezogen, mit ihnen eine Abmachung zu schließen, statt sie einfach gefangen zu nehmen und gegen ein Kopfgeld auszuliefern. Das war schon ein kleiner Erfolg. Sollte er sich daran halten, konnten beide Seiten Vorteile daraus ziehen. Devin setzte große Hoffnungen in Ignatius‘ Bemühungen, denn es hieß, dass Ignatius stets bekam, was er wollte. In diesem Fall auch einen Schwiegersohn, dessen Ruf wiederhergestellt war, wenn alles klappte. Nach ein paar kleineren Nachverhandlungen war die Sache geregelt.

Devin bedachte Darion mit einem mitfühlenden Blick. „Ignatius‘ Frau soll sehr schön gewesen sein“, tröstete er Darion, als sie später in einer miesen Spelunke bei schlechtem Essen beisammen saßen. „Und es sind drei Töchter. Eine bescheidene Auswahl, aber immerhin….“ Devin begegnete Darions Blick und schwieg dann lieber.
Von irgendwoher konnten sie noch eine gute Flasche Wein auftreiben. Zur Not muss er sie sich eben schön trinken, dachte Devin und seine Gedanken flogen zu seinen eigenen, stets schwierigen Beziehungen. Er wollte gerade anfangen, sich ein wenig in Bedauern und Selbstmitleid zu suhlen, als Darion einen Vorschlag unterbreitete: „Vielleicht sollten wir Acardo um Rat fragen. Oder um Hilfe bei ihm betteln. Ich habe mit ihm nicht gesprochen, nicht mal nach der Sache mit Lepos. Oder erst recht nicht nach dieser Sache. Ich habe beinahe Angst ihm unter die Augen zu treten. Vielleicht sollten wir doch nicht zu ihm.“
Devin atmete hörbar aus. Ausgerechnet Acardo. Das hieße, sich quasi sofort der Inquisition auszuliefern. Der Gedanke gefiel Devin ganz und gar nicht. Wozu hatte er eigentlich so viele Mühen auf sich genommen, um sich jenseits der Grenze eine neue, sichere Existenz aufzubauen, wenn er nun seinen Henkern direkt in die Arme lief? Freiwillig! Andererseits hatte er sich ja vorgenommen, ab jetzt das Richtige zu tun. Das Richtige, was immer das auch sein sollte. Natürlich würde es besser sein, seinen Ruf wieder herzustellen und seinen Namen rein zu waschen, um wieder ein normales Leben führen zu können ohne ständig auf der Flucht zu sein. Von den finanziellen Annehmlichkeiten ganz zu schweigen. Es bestand allerdings die gar nicht so geringe Möglichkeit, dass sie mit diesem Plan scheiterten und an die Folgen mochte er gar nicht denken.
„Das ist….nicht ungefährlich“, gab er zu bedenken. Verrückt traf es wohl eher. Aber vielleicht waren sie ja verrückt genug dafür. Devin lehnte sich zurück und verschränkte die Hände im Nacken. Wenn er es recht bedachte, war alles verrückt seit er Aelis und Darion getroffen hatte. Verrückt und doch auch, was seine Zeit mit Aelis betraf, schön? Devin konnte es weder in Worte noch in Gedanken fassen, was in ihm vorging. Aber was hatte er eigentlich noch zu verlieren? Außer seinem Leben…. Auf der anderen Seite konnte er auch sehr viel gewinnen. Da er ein Spieler war, stand somit die Entscheidung fest.
„Wir sollten es tun!“ sagte er und nickte bestätigend. „Scheiß egal.“ Eigentlich mochte Devin Aelis‘ Onkel sogar ein klein wenig und der Gedanke kam ihm, dass Acardo sicherlich noch gar nicht wusste, dass Aelis noch lebte. Das musste der Mann unbedingt erfahren. Wie er auf diese und alle anderen Nachrichten reagieren würde, bereitete Devin allerdings einige Sorgen. Doch der Entschluss stand. Es machte wenig Sinn, sich den Kopf über das Wenn und Aber zu zermartern.

Nach einer Nacht, in der sich Devin fast nur unruhig hin und her gewälzt hatte, machten sie sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Acardo.
Das letzte Mal, als Devin in dessen Haus gewesen war, geschah dies zusammen mit Aelis nach der schicksalhaften Nacht, die zu ihrer Verlobung geführt hatte. Dieses Mal war Devin sehr viel nüchterner, aber nicht weniger angespannt. Eine Dienstmagd ließ Darion und Devin ein. Adelstitel wirkten eben immer noch beeindruckend. Es stand ihnen zum Glück nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie gesucht wurden. Die Magd meldete sie an und sie warteten, bis sie vorgelassen wurden.
Als sie das Arbeitszimmer Acardos betraten, tigerte dieser schon unruhig im Raum herum. Sein Gesicht war rot und voller Zorn. „Was hat das zu bedeuten?“ verlangte er zu wissen. „Devin? Man geht allgemein davon aus, dass Ihr über die Grenze geflüchtet seid. Oder tot.“ Er sah Devin ungläubig an als hätte er einen Geist vor sich. Devin sah sich zu einer Erklärung genötigt: „Ich bin jedoch unschuldig und hier, um das Komplott aufzudecken, das vom Inquisitor Lepos ausging.“ Devin hatte sich auf dem langen Ritt hierher überlegt, was er zu seiner Verteidigung sagen wollte. “Ich bin unschuldig“, ging ihm daher ganz mühelos über die Lippen. Zu schade, dass er keinen Spiegel dabei gehabt hatte, um das passende Gesicht dazu zu üben. Devin wollte zu einer weitreichenderen Erklärung ansetzen, die auch Darion und Aelis mit einschloss, aber Acardo strafte ihn mit Nichtbeachtung und raufte sich die wenigen verbliebenen Haare. „Das ist später zu klären. Wichtig ist, was mit Aelis ist!“ Die Sorge um seine Nichte, gepaart mit der Hoffnung, sie lebend wiederzusehen, stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ihr wisst davon? Ihr wisst, dass sie noch lebt?“ fragte Devin verblüfft. „Ja“, war die knappe Antwort, denn plötzlich war Devin nebensächlich. Acardo beachtete ihn gar nicht mehr. Stattdessen wandte er sich Darion zu, baute sich vor ihm auf und ballte die Hände zu Fäusten als könnte er sie gerade noch daran hindern, Darion zu packen. „ DU! Darion Arrun Malistaer! Was hast du mit Aelis gemacht? Steckst du hinter all dem? Wer ist diese Frau, die auch den Namen Malistaer trägt und sie gefangen hält?“ Acardo griff hinter sich und wedelte mit dem Schreiben vor Darions Nase herum. „Erklär mir das!“

Benutzeravatar
Darion
Vagabund
Beiträge: 23
Avatar: Dieser Caradan
Alter: 29
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Arcanis
Waffen: Schwert

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Di, 20. Mär 2018 12:35

Wie ein kleiner Junge. Darion fühlte sich wie ein kleiner Junge, wie damals als er Arcados Pferd genommen hatte ohne ihn zu fragen. Als er mit dem Rappen über das Land geprescht war hatte er sich frei gefühlt, lebendig und mächtig, aber als Acardo ihn bei seiner Rückkehr empfangen hatte, war dieses Hochgefühl unter seinem zornigen Blick dahingeschmolzen. Wie in einer Pfütze aus Hochmut und Schuld, hatte Darion Acardos Standpauke gelauscht, mit Tränen in den Augen und glühenden Ohren. Dieses Mal glühten ihm weder die Ohren, noch hatten er Tränen in den Augen, aber ansonsten fühlte er sich ganz genau so wie damals. Eine angespannte Stille herrschte im Raum, zwischen Devin und ihm, als sie darauf warteten zu dem Wahrheitsbringer vorgelassen zu werden. Sie hatten sich darauf vorbereitet, aber wenn der Krieg Darion eine Sache gelehrt hatte, dann dass der Feind sich selten nach Plan verhielt. Aber Acardo war nicht sein nur sein Feind heute, heute war er sein erbittertster Widersacher, der schlimmste und fähigste Gegner, den Darion jemals gegenübergestanden hatte und er war sehr froh, ihm nicht allein gegenüber treten zu müssen. „Leck mich doch, was dauert da so lange.“, brummte er in seinen Bart und erschrak beinahe vor dem Klang der eigenen Stimme, nach einem so langen Moment des Schweigens. Die Erlösung offenbarte sich in dem verheißungsvollen Klang einer sich öffnenden Türe und Devin und Darion durften endlich eintreten.
Darion stand der Schock, der Unglaube und die Angst ins Gesicht geschrieben, als Acardo offenbarte, dass er um Aelis‘ wahres Schicksal wusste, dass er wusste, das sie am Leben und außerhalb seiner Reichweite war. Und kaum das Acardo ihn mit jenem Brief konfrontierte, überkam ihm Schuld. Eine Schuld lastete auf seinen Schultern, die mit jedem Wort das er las schwerer wurde, bis er glaubte unter ihr zu zerbrechen. „Fotze….“, hauchte Darion entgeistert und reichte den Brief an Devin weiter. „Acardo… ich schwöre dir bei allem was du verlangst, ich habe damit nichts zu tun.“ „DU hast sie dorthin geschafft!“, donnerte der Wahrheitsbringer und machte kurz den Anschein, als ob Darion eine verpassen wollte. „Doch… aber lass mich erklären.“ Darion suchte nach Worten. Wie sollte er es ihm erklären, was wusste er schon, was konnte er sagen, ohne sich und Devin noch weiter hinein zu reiten. „Was hättest du getan?“, fragte er mit flehender Stimme. „Was hättest du an meiner Stelle getan, wenn sie vor dir gestanden hätte und dich angefleht hätte ihr zu helfen? Hättest du die Kraft gehabt sie abzuweisen? Ich habe es versucht, ich habe sie fortgeschickt, nur um ihr hinterher zu reiten. Hättest du deine Pflicht getan?“ Nun änderte sich Darions Klang in der Stimme. Weniger bittend, mehr anklagend. Acardo war ein Haufen Elend gewesen, nachdem sie Aelis für tot gehalten hatten. „Hättest du sie ins Kloster gesteckt oder der Inquisition ausgeliefert, wo sie unter Schmerzen gestorben wäre? Oder hättest du sie in die Arme geschlossen und das getan, was du für das beste hieltest?“ Darion verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab getan was ich für das Beste hielte. Fort von Acarnis, von hier … von dir.“ „Von mir?“, zischte Acardo zornig. „Ja, ich fürchtete, dass es dich umbringt. Also hab ich sie weit weg gebracht, zu meinen Verwandten. Ich hatte ja keine Ahnung...“ „Das sie sie als Geisel nehmen?“, donnerte der Wahrheitsbringer. „Sonst hätte ich sie ja nicht da gelassen! Aber wo hätte ich sie hinbringen sollen, nach der Sache mit Lepos?“ Acardo wedelte wütend mit den Hände. „Lass Lepos aus dem Spiel, der hat mit der Sache nichts zu tun!“ „Oh doch.“, herrschte Darion seinen alten Mentor an. „Wie oft hat er gegen Aelis aufbegehrt? Gegen dich? Was hat er nicht alles getan um Devin zu diskreditieren und wie oft hat er mich beleidigt?“ „Und das rechtfertigte seinen MORD?“ „Es war kein Mord!“, brüllte Darion außer sich vor Zorn. „Lepos hat meiner Frau eine Klinge in den Leib gebohrt! Er sie und mein ungeborenes Kind ermordet! Was ich mit ihm gemacht habe war Gerechtigkeit!“ „Und die Soldaten? War das auch Gerechtigkeit?“ „Nein...“, flüsterte Darion plötzlich. „Das war ein Fehler, aber kannst du mich dafür verurteilen? Blind vor Hass und Trauer, weil meine Frau in MEINEN Armen gestorben ist, hab ich jeden als Feind angesehen. An dem Tag hätte ich selbst eure Chorknaben an ihren Eiern zu Tode geschleift. Ich bereue den Tod dieser Männer und werde mich dafür verantworten. Aber jetzt geht es erst einmal um Aelis.“
„Darum habe ich mich bereits gekümmert.“, meinte Acardo mit fester Stimme. „Ich lasse dieser Malistaerschlampe eine Botschaft zu kommen, die unmissverständlich ist.“ Darion blickte verwirrt zu Devin und wieder zurück zu Acardo. „Was hast du getan?“ „Ich werde ihr den Kopf ihres Mannes schicken.“ „Alter Narr!“, schrie Darion entsetzt. „Wieso bringst du deine Nichte um, gerade wo sie wieder am Leben ist!“ Hilfesuchend blickte er zu Devon, aber was sollte dieser schon machen. Sie hatte Aelis beide zurück gelassen, hatte sie beide in dem Glauben zurück gelassen sie in Sicherheit zu wissen und jetzt das. Sie mussten etwas tun, JETZT! „Wir müssen den Boten zurück holen, wir müssen zurück zu ihr.“, rief Darion aufgebracht. „Ihr geht nirgendwo hin. Alle Beide! Ihr seid Gesuchte! Verräter am eigenen Land.“ Darion blickte ihn ungläubig an. „Willst du uns etwa hinrichten?“ „Welche Wahl habe ich denn?“, fragte Acardo mit tiefer Trauer in der Stimme. Darion schüttelte den Kopf. „Dann war es gut, dass du Aelis Tod in die Wege geleitet hast. Das ist wahre Gnade.“ „Wie meinst du das?“ „Weil es sie umbringen wird!“, schrie Darion und deutete auf Devin. „Er hat nichts getan, wofür er dieses Schicksal verdient! Und ich sag dir noch was. Wenn du ihn umbringst, bringst du sie um. Devin liebt Aelis ebenso sehr wie wir sie, aber sie ihn weit mehr als uns beide. Er ist ein guter Mann, besser als du oder ich jemals sein werden. Und du verurteilst ihn? Wegen was? Den erzwungenen Aussagen verratener Verräter? Schande über dich!“ „Hüte deine Zunge Darion. Gebt mir etwas, gebt mir etwas, damit ich eine Anhörung abhalten kann!“ „Dafür ist keine Zeit! Komm Devin, erzähl ihm die Wahrheit.“ Darion nickte Devin zu und signalisierte ihm, dass er nun die vorbereitete Lüge zum Besten geben sollte. Vielleicht würde die Sorge um seine Nichte Arcado weniger skeptisch machen. Aber Devin wusste was er tat, da war Darion sehr sicher und er würde ihn brauchen, wenn er Aelis wieder sicher nach Hause bringen wollte. Es passierte einfach so viel in letzter Zeit, Darion wusste gar nicht mehr wonach ihm der Sinn stand.
Fürchtet den Silberlöwen

Benutzeravatar
Devin
Vagabund
Beiträge: 26
Avatar: Avatarschmiede
Alter: 32
Rasse: Mensch
Heimat: Arcanier

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 22. Mär 2018 16:39

Ungläubig starrte Devin auf das Papier, das Darion an ihn weitergereicht hatte. Sie verlangt ein Lösegeld füe Aelis? Wie kann sie es wagen?! Wütend hätte Devin die Nachricht am liebsten zerknüllt und ins Feuer geworfen. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen und legte das Papier auf einen Tisch. Doch seine Hände zitterten. Nicht allein aus Wut, auch aus einem tiefen Schuldgefühl heraus. Es war falsch, sie dort zurück gelassen zu haben. Er hatte das gleich gefühlt, dem Impuls aber nicht nachgegeben. Und da war noch ein anderes Gefühl: Angst. Devin hatte Angst, Aelis könnte etwas geschehen in den Fängen dieser Elisia, die hinterlistiger war als gedacht. Er musste sofort dahin zurück. Sofort!
Schweigend hörte sich Devin Darions Erklärungsversuche an und stimmte ihm zu, als Darion davon sprach, keine andere Wahl gehabt zu haben. Was hätte er auch tun können? Darion hatte wirklich alles gegeben, was in seiner Macht stand. Mit finsterem Blick schaute Devin zu Acardo und fragte sich, ob dieser Mann ihnen wirklich helfen konnte.
„Lepos hat Darions Frau kaltblütig umgebracht. Es war ein Angriff, dem er sich kaum erwehren konnten. Für Erklärungen blieb da nicht viel Zeit. Wie hättet Ihr gehandelt? Die Soldaten zu töten war reine Notwehr“, pflichtete Devin seinem Freund bei, als dieser sein Handeln rechtfertigte.
Devin schüttelte resigniert den Kopf. Warum machten sie sich überhaupt die Mühe, Acardo überzeugen zu wollen? Die Skepsis stand dem Wahrheitsbringer ins Gesicht geschrieben. Entweder konnte oder wollte er ihnen nicht richtig zuhören. Scheinbar stand seine Meinung bereits fest. Wahrscheinlich ist das Ganze sinnlos. Hierher zu kommen war ein Fehler. Wir stehen hier herum und reden, während Aelis…. Devin platzte langsam der Kragen. „Aber jetzt geht es erst einmal um Aelis“, mahnte Darion gerade und Devin gab ihm sowas von Recht. Acardo machte mit seinem unüberlegtem Handeln alles nur noch schlimmer. Und meinte dann allen Ernstes auch noch, sie als Verräter hinrichten zu können. Ohne eine Anhörung. Ohne dass sie sich rechtfertigen konnten. Devin war jetzt wirklich kurz davor, seinen Dolch zu ziehen und ihn Acardo an die Kehle zu halten. Allein Darions nächsten Worte, die er an Acardo richtete, hielten ihn davon ab: „Wenn du ihn umbringst, bringst du sie um. Devin liebt Aelis ebenso sehr wie wir sie, aber sie ihn weit mehr als uns beide. Er ist ein guter Mann, besser als du oder ich jemals sein werden. Und du verurteilst ihn?“ Devin atmete einmal tief durch und sah zu Darion, eine Augenbraue überrascht in die Höhe gezogen. Wie es aussah, steckte ein Romantiker unter der rauen Schale seines Freundes. Wer hätte gedacht, dass Darion zu derart warmen Worten fähig war? Devin hätte beinahe laut geseufzt. Zumindest war er zutiefst gerührt und setzte ein zerknirschtes Gesicht auf, das sein Innerstes ganz gut widerspiegelte. Es stimmte. Aelis liebte ihn und er…? vielleicht liebte er sie auch. Und er wollte das Richtige tun, ein guter Mann sein, wie Darion sagte. Dazu gehörte ganz sicher nicht, Acardo an die Kehle zu springen. Darion und Acardo sahen ihn erwartungsvoll an und Devin brachte ein gequältes Lächeln zustande. Seine Stimme war leicht belegt, aber er antwortet ruhig und beherrscht. Denn jetzt galt es, das Richtige zu sagen und seine schauspielerischen Talente zur Geltung zu bringen.
„Auch wenn Ihr noch nicht an eine Verschwörung von Lepos glauben wollt, so ist es doch wahr: Er hat im Hintergrund viele Fäden gezogen, um zu manipulieren, Leute unter Druck zu setzten oder sie in Misskredit zu bringen. Nicht nur mich, Darion und Aelis. Auch andere, deren Ruf von untadeliger Reinheit ist, können dies bestätigen.“ Devin machte eine theatralische Pause und fragte sich kurz, ob es nicht reichlich übertrieben war bei Ignatius von einem untadeligen Ruf zu sprechen, aber sei´s drum. Vielleicht könnte man sogar Beweise fälschen, um das ein oder andere zu belegen, überlegte Devin, bevor er wie aus dem Nichts plötzlich den Namen „Ignatius Danbill“ in den Raum warf, als wäre ihm dieser Name in einer plötzlichen Eingebung der Geschwister spontan zu seiner Rettung in den Sinn gekommen. „Ignatius Danbill. Fragt ihn. Vor einiger Zeit hörte ich davon, dass Lepos ganz ähnliche Beschuldigungen gegen ihn vorbringen wollte, um ihn damit zu erpressen, was ihm wohl nicht gelang. Bis Lepos andere Opfer fand….mich zum Beispiel. Es darf doch nicht sein, dass dem Machtmissbrauch eines Einzelnen Unschuldige zum Opfer fallen. Anerkannte Mitglieder der Gesellschaft wie Darion hier, wie ich oder selbst Eure eigene Nichte, deren Ruf makellos war! Dass in unseren Kreisen jeder fürchten muss, eines Tages von seinem Personal des Verrats beschuldigt zu werden. Wisst Ihr denn, wen Ihr alles beschäftigt und wie die Gesinnung Eures Personals ist? Wie sie denken und mit wem sie sich in ihrer Freizeit treffen? Was sie unter der Folter alles beschwören würden, um sich an Euch zu rächen?

Entschlossener ging Devin nun einen Schritt auf Acardo zu und sah ihm direkt in die Augen. „Darion, Aelis und ich sind durch die Hölle gegangen. Wir wurden verfolgt, seine Frau wurde getötet, ich wurde gefoltert, Aelis verlor alles, was ihr etwas bedeutete. Wir haben das alles nicht erduldet, um jetzt von Euch verhaftet und der Inquisition überstellt zu werden. IHR seid die Inquisition oder zumindest ein nicht unwichtiger Teil davon. Erinnert Euch endlich daran und helft uns bei den Geschwistern nochmal!“ brachte er zorniger hervor als beabsichtigt. Acardo wirkte angesichts der nun etwas bedrohlicheren Art Devins einen Momnet verunsichert und klappte den Mund für eine Erwiderung auf, aber Devin ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. „Geht in Euch und tut das Richtige! Geht von meiner Unschuld aus, bevor das Gegenteil zweifelsfrei bewiesen werden konnte. Nicht durch die Folter der Inquisition oder durch die Aussage zweifelhafter oder intriganter Personen, sondern durch Fakten. Und helft uns, Aelis sicher nach Hause zu bringen. Wir waren dort und haben die Burg gesehen, in der sie festgehalten wird. Es würde ein ganzes Heer und eine lange Belagerung brauchen, um sie mit Gewalt zu befreien. Aber wenn man einmal drin ist, gibt es Wege, Türen zu öffnen und ein paar Männer hinein zu lassen, die sich vorher in der Nähe versteckt hielten. Gebt uns ein paar gute Männer, schnelle Pferde und das geforderte Gold. Wir geben vor, auf die Lösegeldforderung einzugehen, befreien Aelis und töten die Frau, die es gewagt hat, sie festzuhalten. Oder was auch immer wir mit ihr machen…“ Devin sah zu Darion und zuckte die Schultern. „Es ist deine Verwandtschaft.“
Mit schräg gelegtem Kopf wartete er, wie Acardo auf seinen Vorschlag reagieren würde. Dieser hatte einen vor Zorn hochroten Kopf. „Du wagst es, so mit mir zu sprechen?“ donnerte er in Richtung Devin, wobei etwas Spucke den Zornausbruch begleitete, jedoch vor Devin ins Leere ging. „Und ihr verlangt allen Ernstes auch noch, dass ich Euch das Gold mitgebe?“ Ungläubiges, freudloses Gelächter folgte.
„Habt Ihr einen besseren Vorschlag? Überlegt es euch. Wir kommen morgen kurz nach Sonnenaufgang zurück. Dann brechen wir auf. Sorgt dafür, dass alles bereit ist.“ Mit diesen Worten wandte sich Devin eiskalt ab und marschierte aus dem Raum, die Augen leicht zusammengekniffen in dem unguten Gefühl, jederzeit von den Wachen aufgehalten zu werden, einen Speer in den Rücken gebohrt zu bekommen oder mit ähnlich Unerfreulichem konfrontierte zu werden. Aber nichts dergleichen geschah. „IHR….DU!!!“ donnerte Acardo, doch ihm fehlten eindeutig die Worte. Er brachte den Satz nicht zu Ende. Devin und Darion, der ihm folgte, konnten ungehindert durch die Tür gehen, die hinter ihnen mit lautem Krach zufiel.

Am nächsten Morgen lagen Darion und Devin lange vor Sonnenaufgang in sicherer Entfernung auf der Lauer und beobachteten die Lage rund um Acardos Haus. Sie rechneten eigentlich kaum damit, dass ihre Wünsche, Forderungen oder was auch immer erfüllt wurden, doch zu ihrer Verwunderung versammelten sich vor dem Haus ein paar Männer mit Pferden. Auf einem der Packpferde erspähten sie eine unscheinbare kleine Kiste, in der sich das Lösegeld befinden konnte. Nach Devins Einschätzung war sie zu klein für die geforderte Summe Gold. Aber man würde sehen. Darion und Devin sahen sich kurz an und nickten, dann entschlossen sie sich wortlos, sich zu zeigen und schlenderten mit einer Ruhe zu den Männern als planten sie lediglich einen gemütlichen Ausflug.
Einer der Männer stellte sich ihnen mit Namen vor und reichte ihnen eine Nachricht von Acardo, die Devin mit gemischten Gefühlen entrollte.
Bewährt euch und ich werde euch helfen.
Wenn ihr scheitert , wird es mir ein Vergnügen sein, euch sterben zu sehen.
Hastig war noch etwas auf die Rückseite hinzu gekritzelt worden:
Bringt mir das Gold wieder zurück!!!
Devin reichte die Nachricht an Darion weiter. „Klare Worte“, kommentierte er trocken das Gelesene und seufzte leicht, bevor er sich auf sein Pferd schwang, um aufzubrechen.

Benutzeravatar
Aelis von Avalé
Vagabund
Beiträge: 27
Avatar: paracoma
Alter: 30
Rasse: Mensch (Arcanier)
Heimat: Avalé
Waffen: Kurzschwert, Jagdarmbrust

Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Di, 17. Apr 2018 14:02

Aelis mangelte es an nichts. Wie Darion versprochen hatte, wurde sie standesgemäß behandelt. Und auch wieder nicht. Vor zwei Wochen hatte sie Anstalten gemacht, im Innenhof weit nach der Abenddämmerung die hohe, grobsteinige Mauer hochzuklettern. Um diese Festung zu verlassen, zu fliehen… wohin? Nur weg von hier. Man hatte sie entdeckt, und seitdem war alles anders. In den Innenhof ließ man sie nun nicht mehr, auch nicht, um die verlassene Gebetsstätte aufzusuchen, nur mehr innerhalb der Gemäuer durfte sie sich bewegen. Und wurde trotzdem immer beobachtet, war selten alleine. Ihr Gemach hatte eine Zofe bezogen, die bei ihr schlief. Sogar abends, wenn sie aus dem Fenster ihres Gemaches spähte, entdeckte sie unter ihrem Fenster eine postierte Wache, die vor kurzem noch nicht dort postiert gewesen war. Sie war nun also ganz offensichtlich eine Gefangene. Doch aus welchem Grund? Versuche, Elisia darüber auszufragen scheiterten an dem Unwillen der Burgherrin, ihr darüber Auskunft geben zu wollen. Das war keine standesgemäße Behandlung, so fand Aelis. Sie grübelte ständig, hatte sie doch auch nichts anderes zu tun. Dachte an Darion, dachte an Devin, dachte an Onkel Acardo. Sogar ihrer Eltern gedachte sie. Die Brüder… Anfangs hatte sie Verzweiflung über ihr Schicksal empfunden. Solange sie mit Devin nicht reinen Tisch gemacht hatte, war alles in bester Ordnung gewesen. Dann hatte er sie gefragt, was sie wollte, und Aelis hatte den Mut aufgebracht und ihm gesagt, was sie wolle. Und darüber hatte das Schicksal seinen Lauf genommen. Er hatte sie zurückgewiesen. War gegangen. So, wie auch Darion gegangen war. Ihm konnte man weniger einen Vorwurf machen, als Devin. Darion hatte Pflichten. Pflichten gegenüber seinem Haushalt, seinen Verwandten, die ihm seine Herrschaft abspenstig machen wollten, außerdem war es nur eine Frage der Zeit, bis die Inquisition ihm Fragen stellen würde, über den Verbleib von Lepos und seinen Soldaten, die alle getötet worden waren. Und trotzdem. Aelis hatte ihn gebeten, nicht abzureisen, bevor alles geklärt war. Wäre er nur wenige Stunden später gegangen, dann hätte sich wohl alles in Wohlgefallen aufgelöst. Sie hätte sich ihm anschließen können, gemeinsam mit ihm nach Arcanis zurückkehren können. Oder auch nicht nach Arcanis zurückkehren können. Aelis vermochte nicht zu sagen, ob sie sich einem ihrer Brüder hätte anvertrauen können, da sie nicht wirklich sagen konnte, wem deren Loyalität galt. So oder so, dieses Leben war auf Dauer so nicht zu führen gewesen, wenn sie also nicht ein Leben voll Versteck, Armut und Flucht wählen wollte, so wäre ihr ohnehin nichts anderes übriggeblieben, als sich zu stellen. Ganz sicherlich wartete ein hartes Schicksal auf sie. Aber ihre Hoffnung blieb, dass ihr Onkel bei der Inquisition ein gewichtiges Wort besaß, was dieses Schicksal wahrscheinlich gemildert hätte.

Aelis stand an der Waschschüssel, und tauchte ihre Hände in das kalte Wasser. Sie benetzte damit ihr Gesicht und trocknete es sich mit einem Tuch ab. Ihr Blick fiel auf ihr ein wenig verzerrtes Spiegelbild. Der Spiegel war kein guter. Man konnte sich gut darin erkennen, doch man merkte die schlechte Verarbeitung, außerdem war er längst in die Jahre gekommen und die Spiegelseite war hier und da abgeblättert, sodass überall dunkle Fetzen und Flecken unter dem Glas zu erkennen waren. In diesem Spiegel erschien ihr ihr Gesicht noch Greifvogelhafter. Die leicht gebogene Nase, die einmal gebrochen gewesen war, die kühlen Augen ihres Spiegelbildes, die ihr müde und resigniert entgegenblickten, die fahle blasse Haut, das ungekämmte, struppige und stumpf aussehende Haar... Aelis schluckte, als sie sich zum ersten Mal seit langem, genau im Spiegel betrachtete. War das wirklich sie? Ungläubig vollführte sie eine Bewegung, um sich zu vergewissern, dass das Spiegelbild dasselbe tat sie wie, und so davon zeugte, dass es wirklich Aelis von Avalé war, die ihr da entgegenblickte. Und so war es natürlich auch. Aelis stützte sich mit den Armen links und rechts neben der Waschschüssel und beugte sich ein wenig nach vor. „Kein Wunder, dass er dich links liegen gelassen hat. So wie du aussiehst…“ sagte sie ihrem Spiegelbild vor. „Verzeiht? Was habt ihr gesagt?“ unterbrach sie die säuselnde Stimme der blutjungen Zofe, die beinahe noch ein Kind war, und mit ihr das Gemach teilte. Aelis spitzte die Ohren, wandte sich aber nicht um. „Ich habe nichts gesagt, Alenna…“ erwiderte Aelis tonlos, ergriff den Hornkamm und hielt ihn dem jungen Mädchen entgegen. „Hier, kämm mir das Haar…“ fügte sie hinzu und nahm auf dem Hocker Platz der am Waschtisch stand. Das Mädchen löste die Haarnadeln aus dem Knoten und entwirrte zuerst mit den Fingern das Haar, bevor sie sich mit dem Hornkamm daran machte. Aelis sah ihr vom Spiegel aus zu. Nirva von Sellem, Margret von Arcecius, Philippa von Zabar waren nur einige der hochrangigen jungen Damen, die sich alle erhofft hatten, dass die Tändeleien mit Devin in eine Ehe mündeten. Und diese Frauen besaßen alle strahlende Schönheit und Vorzüge, die Aelis nie haben würde. Wie hatte sie auch nur annähernd hoffen können, dass sie und Devin eine Chance hatten? Sie war so töricht gewesen. Sie war nie mehr gewesen, als eine von vielen, mit der er sich die Zeit vertrieben hatte, bis es eines Tages Ernst wurde und er tatsächlich eine Gemahlin erwählen würde, die seine Linie sicherte. Für ihn hatte sie alles aufgegeben, alles riskiert, und der Lohn dafür war gewesen, dass sie alles verloren hatte. Für nichts und wieder nichts. Und es hatte nicht nur sie alles gekostet, nein, auch Darion hatte alles verloren, was für ihn zählte. Seine Frau, sein ungeborenes Kind… es war alles ihre Schuld. Eine Träne lief über ihr freudloses Gesicht und eine Fremde starrte sie aus dem Spiegel an. Plötzlich öffnete sich die Türe und zwei stämmige Wachen standen in der Türe. Sowohl Aelis als auch die Magd erhoben sich langsam und blickten die Männer argwöhnisch an, als diese den Raum betraten und langsam näher kamen. Sie umsäumten Aelis, nahmen sie in ihre Mitte und packten sie an den Armen. „Kommt mit…“ erwiderte einer von ihnen knapp, dann führten sie die hohe Frau aus Arcanis hinaus.

An den Toren von Karanhál stand Darko, umsäumt von seinen Männern, und hatte den Kopf in den Nacken gelegt, um den blaffenden Worten des Mannes, der Pfeil und Bogen auf ihn gerichtet hatte, zu antworten. „Wer seid ihr? Gebt euch zu erkennen!“ „Mein Name ist Darko Domenis von Irukhan. Soldat und ergebener Diener seiner Gnaden, Acardo Elhan von Avalé, Wahrheitsbringer seiner Majestät von Arcanis.“ „Und was wollt ihr?“ gab der Mann auf den Zinnen zurück. „Wie ihr sicherlich wisst, hat eure Herrin meinem Herrn geschrieben. Nun, ich bringe die gewünschte Botschaft und ein Geschenk meines Herren“ deutete er auf die Holztruhe, die einer seiner Männer hervorgeholt hatte, und in Händen hielt. Er wandte den Kopf wieder zu den Zinnen hinauf. „Wartet…“ blaffte der Mann zurück und sein Kopf verschwand. Die Kunde von den Männern aus Arcanis an den Toren verbreitete sich schnell in der Burg, bevor sie an Elisia herangetragen wurde. „Herrin, es stehen Männer aus Arcanis vor den Toren. Sie bringen Botschaft und ein Geschenk, so sagen sie. Wie sind eure Anweisungen?“ Elisia erhob sich von ihrem Stuhl auf dem sie saß. „Aelis bringt hinunter in das Kellergewölbe. Sperrt sie in eine Zelle. Wer weiß schon, was diese Männer im Sinne haben. Keine Verhandlung ohne dass gesichert ist, dass Aelis entfliehen kann. Die Waffen, so sie welche tragen, was ich stark annehme, lasst ihnen abnehmen, dann dürfen sie hinein.“ Der Wachmann nickte und trat seinen Weg durch die Burg zum Burgtor an. Durch eine kleine Klappe, die von außen mit einem Eisengitter gesichert war, blickte er hinaus. „Waffen ablegen, sonst dürft ihr nicht hinein.“ Darko setzte ein Grinsen auf. „Ich wäre sehr töricht, wenn ich mich in eine solche Wehranlage begebe, ohne meinen Leib und mein Leben zu schützen und gegebenfalls zu verteidigen. Wir kommen nicht, um Blut zu vergießen, sondern um zu handeln. Sagt eurer Herrin, wir kommen so, wie wir sind, in die Burg oder wir ziehen unverrichteter Dinge wieder ab, und bestellen unserem Herrn, dass die Herrin von Karanhál nicht bereit war zu verhandeln. Ich wiederhole, wir sind nicht gekommen, um Blut zu vergießen.“ Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Der Wachmann zögerte, dann lief er wieder zu Elisia, um ihr Bericht zu erstatten. Diese hob genervt die Augenbrauen in die Höhe. „Wie viele Männer sind es?“ „Sieben an der Zahl, Herrin“ Elisia nickte. „Bitte, wenn sie so an ihren Waffen hängen, dann sollen sie sie bei sich behalten. Lass die Armbrustschützen und die Schwertkämpfer in die Halle kommen. Alle verfügbaren. Das müssten wie viele sein? Dreißig?“ „Siebenundzwanzig, Herrin“ Elisia nickte. „Das genügt.“ Nachdem die bewaffneten Männer in der Empfangshalle postiert waren, ließ man die arcanischen Gesandten in das Innere der Burg. Sie verneigten sich knapp vor Elisia und stellten die mitgebrachte Truhe auf eine der Bänke. „Mein Herr schickt dies.“ Elisias Blick fiel auf die Truhe, und sie öffnete diese. Ihr Blick versteinerte, als sie darin den verwesenden Kopf ihres Boten erblickte. Sie warf den Deckel der Truhe wieder zu und barg ihr Gesicht in der Armbeuge, um sich vor dem Gestank zu schützen. Dann ging sie einige Schritte weit weg, bis sie aus der Reichweite des Verwesungsgestankes kam, dann senkte sie ihren Arm und blickte Darko und seine Männer zornig an. Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Armbrustschützen. „Was hielte mich jetzt noch davon ab, meinen Armbrustschützen Befehl zu geben, euch alle umzubringen?“ „Euer von den Sieben, oder zu welchen Göttern ihr auch immer betet, gegebener Verstand“ sagte Darko. „Ihr könnt uns alle umbringen. Ja. Doch was dann? Dann kehren wir nicht nach Arcanis zurück. Wahrheitsbringr Acardo schickt Euch noch etwas“ hielt Darko Elisia das versiegelte Pergament hin welches sie entgegennahm, das Siegel brach und die Zeilen las. Sie atmete hörbar ein, als sie die Zeilen erneut überflog und Darko dann konsterniert anblickte. „Diese Burg ist uneinnehmbar“ sagte sie, und schenkte ihm ein selbstbewusstes Lächeln. „Sie ist auch nur aus Stein. Nichts, gegen das die arcanische Kriegsmaschinerie nicht ankommen wird. Und war der Winter nicht hart? War das nicht euer geschriebenes Wort? Eure Felder werden brennen, bevor das Korn reift, euer Vieh verenden, und eure Burg in Trümmer zerfallen.“ „Ein großer Aufwand für eine einzelne Frau, findet ihr nicht?“ gab Elisia zurück. „Sie ist nicht irgendeine Frau. Sie ist Aelis von Avalé, Dienerin der Zwei, Vollstreckerin im Dienste seiner Majestät, dem Priesterkönig. Sie gehört der heiligen Inquisition an, die so eng verbunden ist mit den heiligen Geschwistern, das Herz von Arcanis. Wer das Herz Arcanis‘ bedroht, soll es bereuen.“ Elisia schwieg. Nach einer Weile sagte sie „Nun. Und jetzt?“ „Acardo hat mir befohlen, mich davon zu überzeugen, dass es seiner Nichte gut geht. Ich will sie sehen. Danach werden wir weitersehen.“ Elisia nickte und winkte einen ihrer Männer zu sich heran. „Führ ihn zu ihr. Danach werden wir weitersehen.“ Der Kerl nickte, und führte Darko aus dem Saal, durch einige Gänge, und schließlich stiegen sie Stufen hinab in die Kellergewölbe. Vor dem Verlies blieb Darko stehen und blickte misstrauisch drein. „Willst du mich verarschen? Aelis ist im Verlies?“ Der Kerl zuckte die Schultern „Ich befolge hier nur die Befehle. So, wie wir das alle tun.“ Er stieß die Türe auf. „Nach euch…“ brummte er. Die Hand am Schwertknauf, trat Darko durch die Türe. Er tat einige Schritte in die Dunkelheit die nur hier und da von Wandfackeln erhellt wurde. „Ganz hinten, rechts“ erklärte der Mann und führte Darko in die hinterste Ecke des Kellerverlieses. Hinter Gitterstäben eines kleinen Verlieses kauerte eine zusammengesunkene Gestalt. Darko kniff die Augen zusammen. „Gib mir die Fackel, Mann. Hier ist es stockdunkel!“ herrschte er den Kerl an. Dieser tat wie ihm geheißen und Darko leuchtete in die Zelle hinein. „Aelis?“ rief er. Da bewegte sich die Gestalt. Sie erhob sich nicht, sie wandte sich ihm nur zu. „Aelis, bist du das? Aelis, ich bin es, Darko!“ „Darko?“ Aelis kroch an die Gitterstäbe heran. „Ist es wirklich wahr? Was machst du hier?“ fragte sie sie ungläubig. „Dein Onkel schickt mich.“ Aelis lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter. „Was? Onkel Acardo schickt dich?“ Ihre Stimme zitterte. „Ja, so ist es. Aelis. Er schickt mich um sich davon zu überzeugen, dass es dir gut geht. Geht es dir gut? Haben sie dir etwas getan? Hat man dir Gewalt angetan?“ Da brach Aelis in Tränen aus. Sie konnte sich nicht mehr zurückhalten. Sturzbäche an Tränen, nichts im Vergleich zu den Tränen, die sie wegen Devin vergossen hatte. Onkel Acardo wusste, dass sie am Leben war. Und er hatte Darko zu ihr, hierher nach Coralay geschickt. Es dauerte eine Weile, bis Aelis sich wieder beruhigt hatte, während Darko, heillos überfordert mit diesem Gefühlsausbruch, sie schweigend beobachtete. Er streckte seine Hand zwischen den Gitterstäben nach ihr aus, und sie ergriff diese. Zeitgleich wandte er sich an den Wachmann, der ihn hier hinuntergeführt hatte. „Das nennt ihr standesgemäße Behandlung? Sie ist keine niedere Gefangene. Sie entstammt edlen Geblüts!“ Der Wachmann kratzte sich am Hinterkopf. „Ich darf sie nicht hinauslassen. Höchste Anordnung.“ Darko brummte unwillig und wandte sich wieder an Aelis. „Geht es wieder?“ Die Arcanierin seufzte. „Ihr Geschwister, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu euch, meine Götter, denn meine Missetaten sind über mein Haupt gewachsen, und meine Schuld ist groß, bis an den Himmel.“ Rezitierte die junge Frau aus den Schriften der Zwei. „Ich habe so viel Unrecht getan, oh, Onkel Acardo… wird er mir je vergeben?“ „Lasst mich zu ihr hinein!“ forderte Darko. „Meinetwegen…“ murmelte der Wachmann, und sperrte die Gittertüre auf, wo Darko sogleich zu Aelis eilte und sie in den Arm nahm. „Bereuen des Unrechts bringt Vergebung. Und dein Onkel grollt dir nicht, Aelis. Er spricht voller Liebe über dich. Immer. Und seit er weiß, dass du nicht tot bist, ist alles was er sich wünscht, dich wieder in seine Arme zu schließen. Er hat mir einen Brief für dich mitgegeben.“ Ungläubig riss Aelis die Augen auf. „Wirklich?“ Darko nickte. Und während er nickte, wurde die Gittertüre zugeworfen und der Schlüssel im Schloss umgedreht. „Das ging ja einfacher, als erwartet…“ frohlockte der Wachmann, zog den Schlüssel ab und schwang ihn am Schlüsselring um seinen Finger herum. „So wie ich Elisia kenne, sind deine Männer oben alle bereits tot.“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

Antworten