Der Shiín im Wolfspelz

Die Heimat der Shiín.
Benutzeravatar
Cirdan
verschollen
Beiträge:25
Avatar:(c) whitepanther
Alter:22
Rasse:Shiín/Gestaltwandler (Wolf)
Heimat:Hof nahe Zeaihn
Waffen:2 Katana, 1 Dolch
Inventar:Proviant, Feuerstein u. Zunder, Umhang
Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Sa, 18. Feb 2012 21:24

Cirdans Hass und Wut waren so groß, dass er nicht aufhören konnte auf die arme Seele einzuschlagen. Er registrierte in seiner Rage nicht einmal, dass er auf einen Leichnam einschlug und trat. Der Mann war in dem Moment gestorben als er ihm den Arm abgeschlagen hatte. Wenn der junge Shiín in der Lage gewesen wäre noch einen klaren Gedanken zu fassen, wäre ihm aufgefallen, dass sein Opfer nicht mehr schrie oder gequält stöhnte. Aber in dem Mann herrschte nur noch ein einziger Gedanke: Rache. Für ihn zählte einzig all seinen in sich aufgestauten Zorn an diesem einen Menschen auszulassen. Es war ihm gleich ob er nun Schuld an seinem Unglück, seinem Schicksal war oder vollkommen unschuldig. Einzig, dass er ein Mensch war, machte ihn schon zu einem Schuldigen in seinen Augen. Sein Volk hatte ihm seine Familie, seine Heimat und sein Leben genommen.

Immer und immer wieder holte er mit seinem vor Blut triefenden Katana aus und trieb seine Klinge in den Kadaver des Wanderers. Er zerstückelte ihn regelrecht und es spritzte nur noch in alle Richtungen. Überall auf Cirdans zerrissenen Kleidern und seiner Haut war das Blut seines Feindes. Mit einem gellenden Schrei führte er einen letzten, kraftvollen Schlag aus und hieb dem Mann den Kopf von den Schultern. Dessen noch im Tode vor Schreck geweiteten Augen wirbelten samt Schädel durch die Luft und kullerte wie ein Ball gleich durchs Gras bis zu einer kleinen Hecke.

Keuchend und schwer atmend sank der junge Mann vor dem kopflosen Torso in die Knie und musste sich auf seine blutige Klinge stützen, die sich in den aufgeweichten Boden bohrte und senkrecht stehen blieb. Gequält schloss er die Augen und presste die Kiefer fest gegeneinander. So fest, dass es ihm schon schmerzte. Aber der Schmerz brachte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Seine Hände lösten sich vom Griff seiner Waffe und er sank vornüber auf alle Viere. Weinen konnte er schon seit Jahren nicht mehr, daher schrie er. So laut er nur konnte um seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Erlösung brachte es ihm keine, aber es nahm ein wenig von dem Druck, der in ihm war und ihn zu ersticken drohte.

Benutzeravatar
Janek
verschollen
Beiträge:24
Avatar:TheMinttu
Waffen:schartiger Säbel
Inventar:nichts

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mo, 20. Feb 2012 10:02

Verborgen im Dickicht spähte Janek durch das satte Grün der Blätter. Mit jedem Herzschlag, den er weiter hinsah, wuchs das Eis in ihm an. Es mochte ein warmer Nachmittag sein für Frühherbstliche Verhältnisse, doch innerlich gefror Janek zu Eis. Er sah kaum mehr den rasenden Shíin, starrte vielmehr die bedauernswerte Gestalt an, die dort baumelte, und sah auch diese kaum noch, je länger er seinen Blick nicht abzuwenden vermochte. Die grün-bunte Umgebung verblasste allmählich. An ihrer statt trat das lockere Halbrund der Arena in den Vordergrund. Dumpfer Kampfeslärm drang auf ihn ein, seltsam hallend in der Erinnerung. Ein Kampf, der schlimmste, den er je zu überstehen gehabt hatte. Janek sah das Gesicht des anderen vor sich, vernarbt und dreckig. Den flehende Blick aus vor Furcht großen Augen, so tief wie schwarze Brunnen, in denen Janek zu ertrinken schien, als er ihnen das Leben nahm und der Blick des Kontrahenten brach...

Reglos, zu einer Statue erstarrt. So hockte er hinter dem Stechginster und war unfähig, den Blick von der Situation zu nehmen, die er ja doch nicht sah. Sein Atem ging stoßweise. Das letzte Mal, dass solche Bilder ihn in wachem Zustand gelähmt hatten, war Wochen her. Sonst suchten sie nur seine Träume heim. Es war einfacher, sie dann als Nachtmahr abzutun, einfach weiterzumachen. Kam die Erinnerung allerdings so, war es Janek schlichtweg unmöglich, sie wieder zurück in die hinterste Ecke seiner selbst zu drängen. Zitternd stieß er die Luft aus, bemerkte nicht, dass seine Hände zitterten. War es je so schlimm gewesen wie jetzt? Janek war gezielt jeglicher Möglichkeit aus dem Weg gegangen, diese Erinnerungen zu durchleben, überhaupt etwas zu fühlen. Und wenn es dann doch geschah, war es schlimmer als am Tag der Erinnerungsentstehung selbst. Es dauerte dann, bis Janek überhaupt wieder schlafen und die Erinnerungen wegsperren konnte.

Aus dem Gesicht in seiner Erinnerung formte sich ein anderes, aus einem Nordmann wurde ein Bergelf, aus jenem ein Mensch und aus diesem wiederum andere. Janeks Hände ballten sich ohne sein Zutun zu Fäusten, die Nägel gruben sich in die Haut und die Knöchel traten weiß hervor. Immer noch konnte er nicht blinzeln, flackerten die vielen Gesichter in immer schnellerer Abfolge vor seinem starren Blick. Und Janek erinnerte sich an jedes einzelne. Seine Brust schien anzuschwellen, bis sie schier bersten wollte - und dann landete der Kopf des Wanderers mit einem dumpfen Aufprall einige Schritt vor ihm im Gras, rollte träge noch ein, zwei Schritt weiter und blieb in Janeks Nähe liegen. Der Anblick der weit aufgerissenen Augen riss ihn aus seiner Lethargie, er sackte zusammen. Schwer atmend hockte er auf dem kühlen Waldboden, halb in den Stechginster gesunken, der leise raschelte. In seinen Handflächen hatten sich kleine Halbmonde gebildet, so fest hatte er die Fäuste geballt. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er fühlte sich, als hätte er einen Kampf hinter sich, ihm war übel und er konnte sich kaum rühren. Dann setzte der erstickte Schrei ein und löste in dem Wüstenelf den Fluchtreflex aus. Nur halbherzig leise trat er den Rückzug an, und nur der in den letzten Jahren eingetrichterten Vorsicht war es zu verdanken, dass er nicht kopflos davon stürmte. Er konnte diesen qualvollen Schrei nicht länger ertragen, musste fort. Gellend hallte er in seinem Schädel wider, als er um eine Hainbuchen stürzte und erst einige Schritte weiter merkte, dass er es war, der ebenfalls wund vor Pein schrie. Er brach blindlings durch einen Holunderstrauch und rannte dabei fast die Shíin über den Haufen, die dahinter kauerte. Reflexartig rollte Janek sich ab und kam federnd wieder auf die Füße. Wie eine gehetzte Beute starrte er die violette Gestalt an, die leeren Hände vor dem Körper und bereit, sich zu verteidigen, sollte es nötig sein. Die Erinnerung war fortgewischt. Was jetzt nur zählte, war das Überleben, wie so oft zuvor, und darin war er gut.
Besser, ich wär verrückt. Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. (Shakespeare)

Benutzeravatar
Yastara
verschollen
Beiträge:42
Avatar:prinzesser
Alter:21 Winter
Rasse:Shiín
Heimat:Hügelländern von Harrhy'in
Waffen:zwei Katana, sechs Dolche
Inventar:eine lederne Umhängetasche mit Proviant, einem langen Kapuzenumhang und einem schwarzen Tuch

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Mo, 20. Feb 2012 19:08

Ein Schrei, der aus den tiefen einen geschundenen Seele zu kommen schien, durchschnitt die Stille des Waldes. Auf dem Gesicht der Shíin spiegelten sich die verschiedensten Gefühle wider. Einige davon würde man als Angehöriger eines anderen Volkes niemals zu sehen bekommen. Verwirrung, Sorge und Verwunderung. Vor allem der alte Funken de Freundschaft war etwas, was man bei ihr selten zu sehen bekam. In den letzten Jahren hatte sie sich nicht mehr um Freundschaften gekümmert. Jene, die noch immer zu ihren Freunden zählten, waren jene, die den Fanatismus, mit dem sie in den letzten Jahren trainiert hatte, verstanden. Man konnte sagen, dass Yastara ausschließlich trainiert, geschlafen und hin und wieder Nahrung zu sich genommen hatte, wenn es sich nicht umgehen ließ.
Entschieden richtete sie sich auf, um zu Cirdan zu treten. Plötzlich ließ ein weiterer Schrei sie zusammen zucken. Diesmal gehörte die Stimme nicht zu ihrem Freund aus Jugendtagen. Misstrauisch und suchend blickte sie in die Richtung, aus der die Schreie kamen. Lange musste sich nicht warten, ehe auf einmal eine Gestalt aus den Büschen brach und auf die zu rannte. Reflexartig ließ sie das Holz fallen, trat einen Schritt beiseite, um dem Zusammenstoß aus dem Weg zu gehen und zog zunächst eines ihrer Katana. Gleichzeitig wich der Fremde aus und kam nach einer geschickten Rolle wieder auf die Füße. Augenblicklich legte sich ihre Klinge an seine Kehle. Sicher, war sicher. Immerhin wusste sie noch nicht, ob sie es hier mit einer ernsten Gefahr zu tun hatte.
Das alles war innerhalb von Sekundenbruchteile geschehen.
Glücklicherweise befanden sich die beiden im Schatten. Nur so konnte sie gut sehen, ohne von der Sonne geblendet zu werden. Mit der freien Hand zog sie sich das schwarze Tuch vom Kopf. Dabei ließ sie die fremde Gestalt nicht aus den Augen. “Tz, tz, tz... Wer hat es denn da so eilig?” Ihre grünen Augen, die im krassen Kontrast zu ihrer violetten Haut standen, musterten ihren Gegenüber. Ein undamenhaftes Schnauben entfuhr ihr. “Ein Elf.” Langsam ließ sie ihre Waffe sinken, steckte sie allerdings noch nicht weg. Auch ein Elf konnte gefährlich sein. “Naja, zumindest kein Mensch. Seid froh, sonst wärt Ihr jetzt tot.” Die junge Frau ließ dem Elf das Mindestmaß an Respekt zu Teil werden und sprach ihn in der höflicheren Form an. Fremden gegenüber war sie generell ruhig und reserviert, aber auch höflich. Im Grunde hatte sie nichts gegen andere Völker, wenn man von Menschen absah. Doch solange sie nicht davon überzeugt worden war, dass der Angehörige eines anderen Volkes kein Menschenfreund war, reagierte sie auch nicht freundlicher, als sie musste.
Ihr Blick blieb misstrauisch und jede Faser ihrer Muskeln waren auf das äußerste gespannt, um jederzeit reagieren zu könne.
“Cirdan!”, rief sie laut genug, damit der Shíin sie hörte, allerdings nicht so laut, dass sie jemand anderen auf die kleine Gruppe aufmerksam machen könnte. “Ich glaube, wir haben Besuch.” Nicht einen Moment lang wendete sie ihre funkelnden Augen von ihrem ‘Gast’. “Erweist uns doch die Ehre und bleibt ein wenig.” Dieses Angebot war mit Vorsicht zu genießen, denn ihre Stimme war keineswegs freundlich und einladend. Vielmehr sprach eine deutliche Warnung aus ihr. Der Fremde sollte sich nicht zu sicher fühlen. “Zumindest so lange, bis wir entschieden haben, was wir mit Euch anstellen.” Elfen waren allzu oft Verbündete der Menschen. Dreckige Verräter.

Benutzeravatar
Cirdan
verschollen
Beiträge:25
Avatar:(c) whitepanther
Alter:22
Rasse:Shiín/Gestaltwandler (Wolf)
Heimat:Hof nahe Zeaihn
Waffen:2 Katana, 1 Dolch
Inventar:Proviant, Feuerstein u. Zunder, Umhang

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Mo, 20. Feb 2012 20:17

Wirklich zu sich kam Cirdan erst als er einen Schrei hörte. Er brauchte eine Weile um die Schleier, die sich um seinen Geist und Verstand gelegt hatten ganz abzuschütteln. Keuchend verlagerte er sein Gewicht auf die Knie und wischte sich mit den Händen übers Gesicht. Erst jetzt bemerkte er das Blut und starrte auf das Rot an seinen Fingern. Langsam hob er den Kopf und wich augenblicklich zurück als er den kopf- und armlosen Torso sah, der leblos und triefend vom Baum herab hing. Sein Atem beschleunigte sich und er musste schwer schlucken. Was hatte er getan? Es war weniger der Tod des Mannes, der ihn schockierte als sein eigener Hass, der ihn so die Kontrolle hatte verlieren lassen. Hastig langte er nach seinem Katana, zog es aus dem Boden und wischte es an der Kleidung des Toten ab. In seinem Kopf rasten die Gedanken. Bilder kamen und gingen. Er hörte Stimmen, die auf ihn einredeten, ihn verhöhnten und die er nicht verstand. Dann rief eine dieser Stimmen seinen Namen. Ruckartig hob er den Kopf und drehte ihn in die Richtung aus der die ihm sehr vertraute Stimme kam. Sie gehörte nicht einem dieser elenden Rundohren. Es war jemand, den er seit Jahren für tot gehalten hatte und heute wiedergefunden hatte. Ein Funken Hoffnung, der ihm aus der ewigen Finsternis entgegen leuchtete, die ihn seit sieben Jahren umgab.

Wankend machte er ein paar Schritte und nahm seinen Rucksack auf, der noch immer auf dem Boden lag. Die Klinge behielt er in der Hand. Wer wusste schon zu sagen um welcher Art Besuch es sich handelte. Gewiss niemanden, der es wert war länger als die Spanne eines Tages zu leben. Durch all das was der junge Shiín hatte erdulden müssen, hatte er jedes Volk hassen gelernt. Einzig ein einziger Mann würde immer diesem Hass entgehen, auch wenn er kein Anhänger seines Volkes war. Aber Cirdan glaubte nicht mehr, dass dieser Elf noch lebte.

Langsam folgte er der Stimme Yastaras und schlug sich mit seinem Katana einen Weg durch das Dickicht. Es hinderte ihn zwar nicht in seinem Vorankommen, aber es machte ihm Spaß die Zweige und Blätter abzuhacken. Auf diese Weise konnte er die Aggressionen abbauen, die sich wegen seines Kontrollverlusts in ihm aufgestaut hatten. Das wurmte ihn sehr. Zum Glück hatte ihn niemand gesehen wie er ausgerastet war. Yastara sollte nicht auf diese Weise von seinem Sinnen nach Rache und seinem tief verwurzelten Hass erfahren. Wobei letztere wohl bei beiden vorhanden war und aus ähnlichen Beweggründen heraus entstanden war.

Als er den letzten Busch nahezu zerhäckselt hatte, kam er bei der jungen Shiín und ihrem Fund an. Er sah den unliebsamen Gast am Boden kauern und die Klinge in der Hand der Frau, die zwar gesenkt war, aber immer noch auf den Mann zielte. Mehrmals atmete Cirdan tief ein und aus ehe er neben seine alte Freundin trat und seine Waffe ebenfalls heben wollte. Doch dann sah er das Gesicht des Fremden und ihm stockte der Atem. Ein schmerzhafter Stich durchfuhr sein Herz und er ihm klappte der Kiefer herunter. Derartige Gefühlsregungen waren bei dem abgestumpften Mann selten geworden, eigentlich nicht mehr vorhanden außer er traf auf Personen, die ihm in seiner Vergangenheit beigestanden hatten und mit denen er befreundet gewesen war. Auch wenn sich die Gesichtszüge des Freundes verändert hatten, sich tiefe Falten in die Stirn und um den Mund herum in das Gesicht gegraben hatten, so waren die tief in ihren Höhlen liegenden Augen noch immer dieselben. "Janek?", flüsterte er ungläubig und sank vor dem Elf in die Knie. Er schlang seine Arme um den Mann und klammerte sich förmlich an ihn. Schluchzend drückte er ihn an seine Schulter und wusste nicht wie ihm geschah. In ihm trafen die verschiedensten Gefühle aufeinander, verbanden sich und lösten ein nie gekanntes Chaos aus, das sich darin äußerte, dass er nur noch weinen konnte. Wenn auch keine einzige Träne floss.

Benutzeravatar
Janek
verschollen
Beiträge:24
Avatar:TheMinttu
Waffen:schartiger Säbel
Inventar:nichts

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Di, 21. Feb 2012 16:46

Janek war noch nie jemand gewesen, den man leicht überrumpeln konnte. Noch weniger, seitdem er dem Zirkus erfolgreich entkommen war. Ständig war er auf der Hut, fürchtete, dass man ihn erneut aufgriff – selbst jetzt noch, beinahe ein Jahr nach seiner Flucht. Die Shíin mochte schnell sein, doch Janek war vorbereitet. Als sie ihr Katana zog, hatte er seine Fäuste bereits kampfbereit erhoben, um sich zu verteidigen. Die Klinge legte nicht einmal halb den Weg zu seiner Kehle zurück, da war Janek schon einen Schritt zurückgewichen und hatte sich damit außer Reichweite ihrer Waffe gebracht. Er war nicht so dumm, sie zu unterschätzen, immerhin war sie eine Shíin. Sein Vorteil würde das Sonnenlicht sein, denn dieses Volk sah in der Dämmerung besser. Zumindest kannte er diese Eigenschaft von Cirdan, und er übertrug sie auf alle Shíin. Zwar trug er einen Krummsäbel an seiner Seite, war sich jedoch sicher, dass sie ihn entweder mit einem gut platzierten Hieb sogleich entzwei schlagen konnte oder aber er bei einer Parade zu rostigem Staub zerfiel. Sein Rasiermesser bedachte er nicht einmal, es wäre ohnehin nicht zu gebrauchen. Er erwiderte nichts auf ihre überheblichen Worte hin. Solch ein Verhalten konnte ihn längstens nicht mehr provozieren. Es war, als hätte allein ihre Reaktion einen Schalter in Janek umgelegt. Er war jetzt ruhig und vorsichtig, doch bereit, sich augenblicklich zu wehren, sollte sie ihre Meinung ändern und ihn angreifen wollen. Federnd in den Knien und jede Bewegung taxierend, überlegte Janek, was er jetzt tun konnte, um einer Eskalation auszuweichen. Hier nutzte es nichts, überlegen zu wirken oder schlicht Reißaus zu nehmen. Beides würde die Fremde wohl nur anstacheln, ihre Waffe letzten Endes auch zu benutzen.

Als die Shíin ihren Kopf wandte und damit ihre Aufmerksamkeit ein wenig schleifen ließ, machte Janek einen kleinen Schritt zur Seite hin. Wenn es ihm gelang, sie – wenn es denn sein musste – im Sonnenlicht in einen Kampf zu verwickeln, hatte er vermutlich bessere Aussichten als hier im Dickicht. Auch, wenn er schnell war und ihm Büsche und Unterholz Deckung geben konnten, denn er wusste schließlich nicht, wie die andere kämpfte. Das Licht hingegen war ein Vorteil, der kein Vielleicht beinhaltete. Doch noch ehe er einen weiteren Schritt zum Waldrand hin machen konnte, rief die Shíin etwas. Einen Namen. Cir… Nein. Janeks Augen verengten sich, für den Bruchteil einer Sekunde nur wurde aus dem Gesicht der Frau das Gesicht eines Freundes. Janek gestatte sich nicht, weiter daran zu denken. Er presste die Kiefer aufeinander und besann sich auf sein Vorhaben. Die vermeintlich einladenden Worte der anderen waren eine Farce, und genau so fasste Janek sie auch auf. Er neigte lediglich den Kopf zur Seite und erwiderte: "Bedaure. Ich muss passen." Im nächsten Moment schon hatte er einen ersten Satz zum Waldrand hin gemacht.

Er konnte das saftige Gras am kühlen Rand des Gehölzes bereits sehen, als er das Knacken von Zweigen und Blätterrauschen hörte und die Richtung ändern musste. Seitlich kam ihm nun der andere Shíin entgegen. Ob die Frau ihn verfolgte, wusste er nicht, doch er ging davon aus. Janek schlug einen Haken und fegte um einen Baum herum - um urplötzlich stehen zu bleiben. Die Gestalt des anderen Shíin hob sich vor dem hellen Hintergrund des Waldrandes ab und Janek war vermutlich zwischen den beiden Shíin eingekeilt. Er blickte suchend nach links und rechts, doch außer dem massiven Stamm einer Lärche zur Rechten und einem dornigen Gestrüpp zur Linken gab es nur den Rückweg oder den Weg nach vorn, dem anderen entgegen. Das Spiel war aus. Aber kampflos würde er nicht dasselbe Schicksal wie die arme Kreatur erleiden, die entfernt in Sichtweite sachte an ihrem Baum schaukelte. Der Geruch von gerinnendem Blut lag in der Luft. Janek kannte diesen Geruch besser, als ihm lieb war. Er blendete ihn aus. Die beiden Shíin, die sich nun gemeinsam in seinem Sichtfeld befanden, waren hingegen nicht so einfach zu ignorieren, zumal der Mann plötzlich einen äußerst verwirrten Eindruck machte.

An dieser Stelle muss vielleicht angemerkt werden, dass es keinesfalls so war, dass Janek Cirdan nicht erkannte. Etwas in ihm reagierte sehr wohl auf dieses vertraute Gesicht, doch diese blutbesudelte Gestalt konnte unmöglich derselbe Cirdan von damals sein. Jahre war der gemeinsame Kampf nun schon her, und Janek hatte sich in seinen dunkelsten Stunden die verschiedensten Geschichten ausgedacht, die seinem Freund widerfahren sein mochten. Er hatte gesehen, wie sie seinen besudelten Leichnam verscharrt hatten, hatte gesehen, wie Cirdan sich eine Frau nahm und seine Kindern aufzog, doch auch, wie er allein und wie ein waidwundes Tier durch die Welt irrte. Ganz so, wie er selbst es getan hatte, und, wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch immer noch tat. Nein, dieser hier mochte denselben Namen tragen, doch nicht derselbe Mann sein. Niemals hätte Cirdan sich so gehen lassen wie dieser Shíin. Nicht Cirdan. Janek wusste, wenn er zuließ, dass er das Offensichtliche akzeptierte, würde er sich selbst verlieren. Und so schützte ihn sein Verstand vor der einzig möglichen Schlussfolgerung, indem er dem Herzen den Zugang zur Erinnerung an den Freund verwehrte, obwohl es merkte, dass dort etwas war.

Was jedoch keiner hätte erahnen können, war die Reaktion des Shíin. Er stand zunächst einfach nur da und starrte den Wüstenelf an, der sich mehr und mehr gehetzt fühlte und sich fieberhaft das Hirn nach einem Ausweg zermarterte. Statt das Katana in seiner Hand jedoch dann ebenso bedrohlich zu erheben wie seine kleine Freundin, tat er etwas anderes. Janek sah den Blick in den grauen Augen mit dem ungläubigen Blick. Keine Mordlust lag darin, sondern Schmerz. Panik breitete sich in Janek aus, die sich ins Unermessliche steigete, als der große Shíin seinen Namen flüsterte. Wie ein geschlagener Hund fühlte er sich innerlich, voller Entsetzen darüber, wem er da zufällig über den Weg gelaufen war. Äußerlich hingegen stand er da wie zur Salzsäule erstarrt. Nicht einmal zuckte er mit den Wimpern; es war, als hätte man ihn in Marmor gemeißelt. Auch, als Cirdan vor ihm auf die Knie sank und sich an ihn klammerte. Janek rührte sich nicht. Steif und unbeweglich starrte er dorthin, wo Cirdan eben noch gestanden hatte, ließ sich umklammern und mit Blut besudeln. Er war wie gelähmt. In ihm tobte ein Orkan. Da war der vage Hauch von Freude, eine Nuance erfüllter Hoffnung und der Gedanke daran, dass nun alles gut werden würde. Doch da war auch ein grauenvolles Entsetzen und eine bodenlose Panik, und jene war es, die ihn lähmte. In der Ferne schaukelte der Armlose.

Es kostete ihn eine unglaubliche innere Kraft, sich loszureißen und den Shíin von sich zu stoßen. "Ich bin nicht der, für den du mich hältst!" brachte er atemlos hervor. Janek machte ein, zwei wackelige Schritt rückwärts. Sein Gesicht war eine verzerrte Grimasse, die er nur mühsam im Zaume halten konnte. "Und du auch nicht!" fügte er unmissverständlich hinzu, um sich selbst zu überzeugen. Nur misslang das kläglichst. Um nicht vollends den Verstand zu verlieren, fixierte Janek hart Cirdans Blick mit dem seinen. Wenn er nun den Geschlachteten ansehen würde oder auch nur das Blut, das Cirdan anhaftete, würde er zerbrechen. Vor Willensanstrengung zitterten seine Glieder leicht.
Besser, ich wär verrückt. Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. (Shakespeare)

Benutzeravatar
Yastara
verschollen
Beiträge:42
Avatar:prinzesser
Alter:21 Winter
Rasse:Shiín
Heimat:Hügelländern von Harrhy'in
Waffen:zwei Katana, sechs Dolche
Inventar:eine lederne Umhängetasche mit Proviant, einem langen Kapuzenumhang und einem schwarzen Tuch

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Mi, 22. Feb 2012 18:40

Als der fremde Gegenüber einen Satz in Richtung der vermeintlich sicheren Weite machte, zuckte Yastara, bereit, ihm nachzusetzen. Doch irgendetwas ließ sie stehen bleiben. Es war eine Ahnung, ein Impuls. Auf der einen Seite war es eine bewusste Entscheidung. Ob er nun entkam, oder nicht, war ihr nicht wirklich wichtig, denn er war kein Mensch. Auf der anderen Seite sagte ihr etwas, dass er nicht weit kommen würde. Immerhin war sie sich der Unterstützung von Cirdan sicher.
Ihr Gesicht war kühl und ihre gesamte Haltung strahlte Stolz und Unnachgiebigkeit aus. Eigenschaften, die sie als Shíin pflegte. Tatsächlich umschrieb der Fremde einen Bogen und sah sich plötzlich förmlich umzingelt. Wenn man denn zwei gegen einen als Umzingelung bezeichnen konnte. Als Cirdan endlich in Griffweite stand, musterte sie ihn kurz, aber sehr aufmerksam. Sie konnte seinen Anblick beim töten des Mannes und den beinahe seelenlosen Schrei danach nicht vergessen. In seinem Gesicht versuchte sie etwas zu entdecken das eine Erklärung für all das sein könnte. Doch sie sah da nichts, was ihre viele Fragen beantworten könnte.
Stattdessen veränderte sich etwas in seinen Augen, als er den Elf ansah. Alles schien auf einmal so schnell zu gehen, dass es Yastara schwer kam, zu begreifen, was da eigentlich gerade geschah. Kannte Cirdan den Mann etwa? Zumindest nannte er ihn Janek und sank schließlich auf die Knie, um ihn heftig zu umarmen. Was bei allen Kriegern lief hier eigentlich? So hatte er ja nicht mal reagiert, als sie beide sich vorhin zum ersten Mal seit Jahren wiedergesehen hatten. “Kann mir mal jemand erklären, was hier läuft?” Verwirrt und irgendwie auch leicht säuerlich, weil sie die ganze Situation nicht verstand steckte die Shíin ihr Katana zurück in die Scheide und verschränkte die Arme vor der Brust. Skeptisch hatte sie eine Augenbraue erhoben und konnte es nicht verhindern, dass sich auch ein wenig Eifersucht unter ihre Gefühle schlich. Sie hatte Cirdan nicht so heftig begrüßt. Das konnte dann also nur heißen, dass sich die beiden Männer näher stehen mussten, als es die beiden Shíin als Kinder und Jugendliche getan hatten. Aber ein Elf und ein Shíin? Ein leises, undamenhaftes Schnauben entfuhr ihr bei diesem Gedanken. Treuloses, hellhäutiges Volk! Liefen den Menschen hinterher, wie räudige Straßenköter.

Für Außenstehende könnte die hiesige Situation sicherlich sehr markaber aussehen. Ein Elf, ein mit Blut verschmierter Shíin und eine ärgerliche Shíin. Im Hintergrund schaukelte einträchtig der tote Mensch im Wind. Die Brise erfasste Taras Haar und ließ die weißen Strähnen tanzen.
Als der Elf, der vielleicht Janek hieß und vielleicht auch nicht, ihren alten Jugendfreund von sich stieß, zuckte ihre linke Hand reflexartig wieder zu ihrer Waffe. Seine Bewegung war zu ruckartig, zu heftig gewesen, als, dass sie nicht reagiert hätte.
Angespannt, aber wesentlich langsamer und bewusster schlossen sich ihre Finger um den Griff des Katana. Die Worte des Elfs brachten nicht gerade Klarheit in die seltsame Sache.
Mit einem leisen Seufzen ergriff sie schließlich wieder das Wort und deute mit dem Kinn auf den anderen Shíin. “Also, wer er ist, weiß ich ganz sicher. Cirdan, Sohn des Alton. Und wenn Ihr nicht dieser Janek seid, von dem er glaubt, dass Ihr es seid, wer um aller Klingen Willen seid Ihr dann?” Langsam wurde sie ungeduldig. Um ehrlich zu sein war sie kurz davor, den Männern den Rücken zu kehren und zu verschwinden. So viel Wahnsinn konnte sie nicht gebrauchen

Benutzeravatar
Cirdan
verschollen
Beiträge:25
Avatar:(c) whitepanther
Alter:22
Rasse:Shiín/Gestaltwandler (Wolf)
Heimat:Hof nahe Zeaihn
Waffen:2 Katana, 1 Dolch
Inventar:Proviant, Feuerstein u. Zunder, Umhang

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Mi, 22. Feb 2012 19:44

Cirdan verstand nicht. Er konnte nicht verstehen warum ihn der Wüstenelf von sich wies und behauptete er sei nicht der Mann für den er ihn hielt. Verwirrt erhob er sich und taumelte zurück so als hätte man ihn geschlagen. Unverständnis lag in dem Blick seiner blauen Augen und allmählich begann das Blut auf seiner Haut und der Kleidung zu trocknen. Ein Zittern durchfuhr seinen kräftigen Körper und er musste sich mehrmals dazu zwingen zu blinzeln um es abzuschütteln. Schwäche war das Letzte was er gebrauchen konnte. Er hasste es schwach zu sein. Der einzige Moment in seinem Leben in dem er schwach gewesen war, hatte seiner Familie den Tod gebracht. Von diesem Tag an wollte er nie wieder hilflos sein, nie wieder jemanden verlieren, nur weil er nicht stark genug war. Das Zittern erreichte seine Kiefer und er presste diese fest gegeneinander. Entschlossen atmete er tief ein, erhob sich vom Boden und sah zu Yastara. "Du kannst deine Waffen weg stecken. Er ist... er war ein Freund. Wir haben zusammen in der Arena gekämpft.", erklärte er kurz und knapp. Dabei behielt er aus den Augenwinkeln heraus Janek im Blick.

Innerlich bereute es der junge Shiín wie er auf das Wiedersehen reagiert hatte. Derart heftige Reaktionen waren äußerst selten bei ihm und es war ihm unangenehm wie er sich verhalten hatte. Der Adrenalinrausch, der mit dem Töten von Menschen einher ging, aber auch mit der Verwandlung waren der Auslöser gewesen. Anders konnte er es sich nicht erklären. Es gab keine andere Erklärung. Cirdan war ein Mann, dem jegliche Gefühle abhanden gekommen waren. Die letzten sieben Jahre waren die Hölle gewesen, die er mehrmals durchschritten hatte. Alles fing mit dem Tag an als man ihn gefangen genommen hatte. Dann hatte man ihm seine Tätowierungen bei lebendigem Leibe ausgebrannt, ihn unendlich viele Male gefoltert um ihn dann wie einen Hund zu prügeln. Um das Ganze zu krönen hatten sie ihn gegen andere auf Leben und Tod antreten lassen, sich dadurch auf seine Kosten bereichert. Nein, in all diesen düsteren Jahren war kein Platz für irgendwelche Gefühle gewesen. Er war Stück für Stück gestorben. Jeden Tag war er mehr abgestumpft wie ein Stein, der durch die beständige Bewegung des Wassers immer weiter abgerundet wurde bis er am Ende ganz rund war. Alles was übrig geblieben war, waren der Hass und der Schmerz. Beides zusammen hatte ihn am Leben gehalten, ihm die nötige Willensstärke gegeben für die Erfüllung seine Rache weiter zu leben. Janek war ein bedeutender Teil, ein Licht in der Dunkelheit und der schweren Zeit gewesen. Doch nun schien es ihm als würde er ihn nicht mehr erkennen, nicht mehr wissen was sie alles zusammen hatten durchleiden müssen. Dieser Umstand schmerzte ihn sehr.

Aber wer wusste schon zu sagen was er alles erlebt hatte nach Cirdans Fortgang. Dank einer geschickten Finte war ihm die Flucht gelungen. Wie aber und vor allem wann hatte es der Elf geschafft? Welche Umstände hatten zu seiner Flucht beigetragen und was war alles danach geschehen? All diese Fragen schwirrten in seinem Kopf herum und er hatte Angst nach dieser Zurückweisung keine Antworten zu bekommen. Er zwang sich dazu tief ein und auszuatmen. Nur langsam wich das Chaos in seinen Gedanken und er konnte wieder klarer denken. "Yastara, das ist Janek. Uns verbindet dasselbe Schicksal, wenn man es denn so nennen will.", sagte er mit fester Stimme, die nichts mehr von seiner anfänglichen Verwirrung und seinem Schock über die forsche Zurückweisung erkennen ließ. Er war wieder der emotionslose Shiín, der den Menschen gemordet hatte. Allerdings entging ihm durchaus nicht, dass mit der jungen Frau Etwas nicht stimmte. Auch wenn er ihre genauen Gedanken nicht kannte, ahnte er wie ihre nächsten Schritte aussehen mochten. Es gab kaum etwas Schlimmeres als einen ungeduldigen Shiín und das war nur noch ein wütender Shiín. "Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Er ist harmlos. Oder war es zumindest als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Das ist vier Jahre her.", fügte er erklärend hinzu um seine gute alte Freundin zu beschwichtigen.

Benutzeravatar
Janek
verschollen
Beiträge:24
Avatar:TheMinttu
Waffen:schartiger Säbel
Inventar:nichts

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Do, 01. Mär 2012 15:16

Janek beachtete die Frau nicht. Sein Blick wich keinen Deut ab von Cirdans Gesicht, auch dann nicht, als jener sich wieder erhob und kurz mit sich zu ringen schien. So verwirrend das Spektakel für die Shíin vielleicht war, so sehr erschütterte es Janeks Grundfesten. Das Zucken ihrer Hand bemerkte er dennoch aus dem Augenwinkel heraus. Zu wichtig waren solche Dinge in seiner Vergangenheit gewesen, als dass er sie einfach ignorieren konnte. Seine Aufmerksamkeit mochte auf Cirdan liegen, und doch nahm er wahr, wie die leichte Brise in einem Moment leicht auffrischte, im anderen abflaute und die Blätter an Bäumen und Sträuchern sachte rascheln ließ. Vor dem Hintergrundmurmeln des idyllischen Wäldchens, in dem sie standen, war der hängende Mann einfach nur grotesk. Und obgleich es allenfalls der Jahreszeit entsprechend kühl, jedoch keineswegs kalt war, fröstelte Janek . Es war schwer, den Blick weiterhin auf Cirdan gerichtet zu halten, und ungleich schwerer wurde es, als die Frau auf Janeks Worte reagierte, indem sie zu ihrem Gefährten hin nickte und aussprach, was Janek tief in seinem Inneren bereits wusste. Cirdan, Sohn des Alton. Sie hatten nicht viel über ihre Vergangenheit geredet, für Janek war die Erinnerung zu schmerzhaft gewesen und Cirdan mochte andere oder ähnliche Gründe gehabt haben; Janek allerdings kannte den Namen des Vaters und wusste nun mit unumstößlicher Sicherheit, dass dies sein alter Freund war, und sein Verstand war nicht länger im Stande, sein Herz zu täuschen. Dennoch verlagerte der Elf seinen Fixpunkt hin zu der Shiín, starrte sie förmlich nieder, fährend sich im Reflex seine Rechte in abwehrender Manier hob und die Wahrheit davonzuschieben suchte. Janeks Lippen teilten sich in stummem Entsetzen. Dann klappte er den Mund zu, flog sein Blick zurück zu Cirdan.

Die Frage nach seinem Namen stand noch im Raum. Er sah sich außer Stande, etwas zu sagen. Er vermochte ja noch nicht einmal zu denken! Seine Gedanken waren ein Wirrwar von aufploppenden Erinnerungen, die, zuvor ordentlich verstaut, nun aus den Schubladen seines Geistes auf ihn eindrangen; und mit den Erinnerungen kamen auch die Gefühle zurück, wie Wärme in vom Schnee taube Finger. Und genauso schmerzten sie auch. Sie wieder zurückzudrängen und einzupferchen war als versuchte er, eine Herde Wildpferde zurück in einen Verschlag zu treiben: Ein hoffnungsloses Unterfangen. In geistiger Anstrengung ballte er die Hände zu Fäusten, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ja, sie waren Freunde gewesen. Doch war es immer noch so? Zeit brachte Veränderungen mit sich. Cirdan war nun schon lange in Freiheit. Er musste etwas aus seinem Leben gemacht haben, wenn er sich diese Frau so besah. Andererseits.... Der baumelnde Kadaver erzählte eine andere Geschischte. Janek sah ihn nun doch an. Das Blut war schon beinahe geronnen, die Rinnsale aus dem Rumpf fast versiegt. Schon umschwärmten Fliegen den Kadaver des Mannes, was immer er auch getan hatten, um dieses Schicksal zu verdienen. ...Janek. Uns verbindet dasselbe Schicksal, wenn man es denn so nennen will, sagte Cirdan soeben. Es kostete den Wüstenelfen einige Mühe, doch er riss den Blick von dem traurigen Anblick los und wandte ihn wieder dem Shíin zu. Verband sie dasselbe Schicksal? Janek sah den alten Freund nun mit anderen Augen. Sie hatten dasselbe erlebt, sich zusammengerauft und gemeinsam durchgeschlagen. Es war nicht recht, wenn er Cirdan vorwarf, dass er ihn alleingelassen hatte, doch in jenem Moment gestand er sich ein, dass er es tat. Ein wenig nur. Doch hätte der Shíin nicht mit Verbündeten kommen und die Machenschaften des Geheimen Zirkus unterbinden, die Gesellschaft zerschlagen können? Dann würde nun nicht nur Cirdan mit diesem Weib hier stehen, sondern auch Kelia.... Janek schluckte hart und wandte den Blick ab. Es war nicht recht. Schließlich hatte er den Shíin gedrängt, zu gehen. Es war dessen Idee gewesen, und er hatte es so gewollt. Nun nachtragend zu sein, brachte niemanden weiter. Und dennoch blieb ein bitterer Geschmack zurück.

Als Cirdan behauptete, Janek sei harmlos, schnaubte dieser leicht verächtlich, den Blick auf einen morschen Zweig gerichtet, der zu ihren Füßen lag. Es gibt viele, die anderes behaupten würde, so sie noch ihr Leben besäßen, mein Freund, dachte er. Janek sah müde auf. "Vier Jahre, drei Mondläufe und elf Tage", berichtigte er leise. Seine Kiefer mahlten aufeinander, er blinzelte gequält. Um ein Haar hätte er einem plötzlichen Impuls nachgegeben und Cirdan verspätet in die Arme geschlossen, doch jener stand inzwischen etwas entfernt und näher an seiner Begleitung als an Janek. ".....Cirdan." Der Name schmeckte fremd auf der Zunge. Unvertraut. Sein Blick huschte kurz zu der Frau neben Cirdan. Er würde ganz sicher nicht das fünfte Wagenrad spielen und sich selbst damit quälen. Nein. Also gab er dem Impuls nicht nach, nickte stattdessen mit aufeinander gepressten Lippen in Richtung des Toten. "Was hat er getan, um das dort zu verdienen?" fragte er Cirdan leise und ruhig. Kurz flackerte das Gemetzel wieder vor seinem Auge auf. Cirdan hatte es genossen. So hatte es auf Janek gewirkt. Er hoffte, dass er sich getäuscht hatte.
Besser, ich wär verrückt. Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. (Shakespeare)

Benutzeravatar
Yastara
verschollen
Beiträge:42
Avatar:prinzesser
Alter:21 Winter
Rasse:Shiín
Heimat:Hügelländern von Harrhy'in
Waffen:zwei Katana, sechs Dolche
Inventar:eine lederne Umhängetasche mit Proviant, einem langen Kapuzenumhang und einem schwarzen Tuch

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Fr, 02. Mär 2012 19:35

Yastara schaffte es einfach nicht, die Anspannung fallen zu lassen. In ihren Augen war die Situation einfach noch zu undurchsichtig. Erst, als Cirdan zu einer Erklärung ansetzte, schaffte sie es jedoch zumindest, die Hand von ihrem Katana zu nehmen und stattdessen die Arme vor der Taille zu verschränken. Ihr fiel durchaus auf, dass der... Elf? sie nicht beachtete. Das ärgerte sie. Immerhin war sie wohl kaum als Luft zu bezeichnen. Das ganze hier gefiel ihr irgendwie ganz und gar nicht.
Einen Moment ließ sie alles auf sich wirken. Es war eigentlich ein recht schöner Tag. Die Luft war lau und der aufkommende Wind nur eine leichte, frische Brise, die eigentlich recht angenehm war. Und an diesem schönen Tag hatte sie Cirdan wieder getroffen. Diese Begegnung war derart unerwartet gewesen, dass sie noch immer kaum glauben konnte, ihn hier neben sich stehen zu haben. Immerhin hatte sie ihn bereits seit Jahren für tot gehalten. Keine Minute hatte sie daran gedacht, dass sie ihm eines Tages wieder über den Weg laufen könnte. Allein dieser Umstand hätte ihr als Überraschung für Heute gereicht. Die Sache mit Janek, wie er anscheinend nun doch zu heißen schien, setzte dem ganzen eine äußerst verwirrende Krone auf. So ganz konnte sie sich noch keinen Reim auf alles machen. Auch die Erklärung des anderen Shíin half da recht wenig. Welches Schicksal verband sie? Und wie konnte ein Elf harmlos sein?
Die junge Shíin trat allen Elfen äußerst misstrauisch gegenüber. Für sie galten die Spitzohren zunächst allesamt als Menschenfreunde. Die Geschichte bewies, wie verräterisch diese Elfenvölker waren. Sie hatten sich mit den Menschen verbündet und versucht ihr Volk auszurotten. Diese elenden harfespielenden Baumfreunde.... Ja, das waren eine Menge falsche Klischees, doch sie halfen den Vorurteilen auf die Sprünge.
Doch es war ja nicht so, dass Yastara anderen keine Chance einräumte, die Vorurteile zu revidieren. Obwohl er ein Elf war, würde sie ihm die gleiche Höflichkeit zukommen lassen, wie allen anderen Fremden auch. Also wartete sie darauf, dass er sich zu Wort meldete. Als er das schließlich tat, hätte sie am liebsten entnervt die Hände in die Luft geworfen, doch sie unterließ es. Also erkannte der Elf seinen ehemaligen Gefährten doch. Aber die Shíin wusste, dass ihre Reaktion lediglich ihrer momentanen Ungeduld entsprang.
Anschließend beging Janek jedoch einen Fehler. Er fragte, was der Mensch getan hatte. Ungläubig wanderte eine ihrer perfekten Augenbrauen in die Höhe, schnaubte undamenhaft und sie stemmte ihre Hände in die Taille. Verständnislos und sprachlos blickte sie von Janek zu Cirdan, zurück zu Janek und schließlich wieder zu dem Shíin. “Meint er das ernst? Das ist doch eine rhetorische Frage, oder?” Hoffnungsvoll sah sie wieder zu dem Elf. “Das da”, sie zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf den leblosen Fleischhaufen, der noch immer, sanft vom Wind gewiegt, am Baum hängte. “Ist... war ein Mensch. Diese widerlichen Rundohren gehören ausgerottet! Allesamt. Ein Mensch muss nicht erst noch was getan haben, um den Tod zu verdienen.” Obwohl ihre Stimme ruhig war, konnte man doch deutlich die wachsende Ungeduld und pures Unverständnis heraushören.
Wo war sie hier eigentlich gelandet? Sie kam sie vor, wie im reinsten Kuriositätenkabinett. Fragend dreinblickend sah sie wieder zu Cirdan. “Du sagtest, euch verbindet etwas? Also seid ihr Freunde und ich darf nicht mit dem Elf spielen?” Selbstredend ging sie davon aus, dass er wusste, was sie mit ‘spielen’ meinte. Unter Shíin galt das ungeschriebene Gesetz, dass man sich nicht an den Freunden oder anderweitig guten Gefährten vergriff. Es sei denn, dieser Freund oder Gefährte stellte eine Gefahr für einen Shíin dar oder gefährdete ein höheres Gut. Das konnte unter Umständen, je nach Interpretation auch schon der Stolz eines Shíin sein.
Der kleine Anflug von Eifersucht war noch lange nicht vergangen. Dass Cirdan diesen Janek überschwänglicher Begrüßt hatte, als sie, nahm sie ihm persönlich übel. Resigniert verschränkte sie die Arme. “Wisst ihr was? Feiert euer kleines Wiedersehen in Ruhe und stottert euch noch ein wenig an. Ich gehe mein kleines Spielzeug und seinen toten Gefährten weg räumen und ein Feuer machen." Ihr Geduldsfaden hatte sein Ende erreicht. Sie hatte keine Lust mehr, sich das ganze länger, als nötig anzutun.
Kopfschüttelnd wandte sie sich ab. Es war besser so, denn ihre Ungeduld wandelte sich zusehends in leichte Wut. Worauf, das wusste sie selbst nicht so recht. Doch da sie den alten Bekannten ihres ehemaligen Jugendfreundes nicht in der Hitze ihrer Wut verletzen wollte, war es besser, wenn sie sich jetzt in Abstand zu ihm begab.

Benutzeravatar
Cirdan
verschollen
Beiträge:25
Avatar:(c) whitepanther
Alter:22
Rasse:Shiín/Gestaltwandler (Wolf)
Heimat:Hof nahe Zeaihn
Waffen:2 Katana, 1 Dolch
Inventar:Proviant, Feuerstein u. Zunder, Umhang

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Fr, 02. Mär 2012 22:44

Cirdan war noch immer verwirrt, hatte seine Gefühle aber weitestgehend im Griff. Nach außen hin sah man ihm nicht an was in seinem Innern vor sich ging und das war auch gut so. Sein Gesicht war so ausdruckslos wie immer und noch immer mit dem Blut des Toten verschmiert. Jeder, der nicht eben seinen heftigen Gefühlsausbruch miterlebt hatte, würde von dem jungen Shiín annehmen, dass er zu derartigen Gefühlsregungen fähig war. Stumm lauschte er den Worten, die gesprochen wurden und blickte von Janek zu Yastara und dann wieder zurück zu dem Elfen. Weder entging ihm das Entsetzen auf der einen Seite noch die Wut der anderen. Dennoch wollte er für keine der beiden Partei ergreifen. Es war weniger Egoismus als Selbstschutz. Allerdings überraschte es ihn, dass der Wüstenelf auf den Tag genau zu sagen vermochte seit wann sie sich nicht mehr gesehen hatten. Leicht hob er die Augenbrauen und öffnete den Mund leicht, so als wollte er Etwas sagen. Doch ehe er sich dazu durchringen konnte irgendetwas zu sagen, kam ihm Yastara zuvor.

Ein leichtes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen als sich seine alte Freundin über Janeks Frage echauffierte. Ihre Reaktion war durchaus amüsant, so wie sie die Hände in die Hüften stemmte und ihn anblickte. Yastara und er mochten denselben Hass auf alle Menschen teilen, doch für Außenstehende wie Janek war es einfach nur befremdlich und angsteinflößend. In der kurzen Zeit, die er mit ihm zusammen in dem Zirkus verbracht hatte, war nie die Sprache auf seine Vergangenheit gekommen. Keiner von ihnen wusste um das was dem anderen widerfahren war und wie er dort gelandet war. Es gab nur das Hier und Jetzt, das sie miteinander geteilt hatten und das war schon grausam genug gewesen. Sacht schüttelte er den Kopf und hob beschwichtigend die Hände um das Wort zu ergreifen. Er war noch nie sehr redselig gewesen, doch seit seinem Martyrium sprach er kaum. Mit wem auch? Meist war er allein mit sich selbst und seinen Erinnerungen. Dass er an ein und demselben Tag zwei Personen aus seiner Vergangenheit begegnete, überforderte ihn und er musste das Chaos in seinem Kopf erst einmal ordnen. "Er gehörte zu dem Volk, die meine Familie getötet und unsere Heimat zerstört haben.", sagte er leise und mit knappen Worten. Er sprach mit Absicht nicht laut, denn sie standen nahe genug beieinander um einander zu verstehen und er brauchte seine Kraft um gegen den pochenden Schmerz in seinem nur notdürftig verbundenen Oberschenkel anzukämpfen.

Ihm wurde zunehmend schwärzer vor Augen und er wankte leicht. Der Blutverlust forderte seinen Tribut und zerrte an ihm. Schweiß perlte ihm auf der Stirn und er biss die Zähne so heftig zusammen, dass seine Kieferknochen leise knackten. Es kostete ihn viel Mühe weiter zu sprechen: "Janek und ich, wir haben so viel zusammen durchgestanden, dass ich denke uns verbindet so etwas wie eine Freundschaft." Sein Blick suchte erneut den der sturen Shiín. Er machte ein paar Schritte auf sie zu um sich ihr in den Weg zu stellen als sie Anstalten machte zu gehen um die Leichen verschwinden zu lassen ehe sie Raubtiere anlockten. Als er vor ihr stand, packte der junge Mann sie an den Schultern und beugte sich leicht zu ihr vor um ihr ins Ohr flüstern zu können. "Es gibt keinen Grund eifersüchtig zu sein. Du bist ebenso ein Teil meiner Vergangenheit wie er und eine gute Freundin dazu.", flüsterte er. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, legte er ihr ein wenig unbeholfen seine Arme um die Schultern und umarmte sie ein wenig unbeholfen. Diese Geste war ihm vollkommen fremd und so lag auch wenig Wärme in dieser Umarmung.

Benutzeravatar
Janek
verschollen
Beiträge:24
Avatar:TheMinttu
Waffen:schartiger Säbel
Inventar:nichts

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mo, 05. Mär 2012 16:47

Die Frau machte unmissverständlich deutlich, was sie von Janeks Frage hielt: Sie schnaubte, scheinends entrüstet, und stemmte die Hände in die Hüften. Janek würdigte sie nur eines kurzen Blickes; ein solches Verhalten empfand er als bockig, arrogant und der Situation vollkommen unangemessen. Zumindest wollte er gerade wieder fort schauen, als sie dann weitersprach und anklagend auf den Toten am Baum deutete, als wäre er nicht mehr als ein Stück ausgeweidetes Schlachtvieh. Nun gut, diese Betrachtungsweise mochte im ersten Moment angesichts der Situation wohl durchaus schlüssig erscheinen, doch Janek erschloss sie sich ganz und gar nicht. Vorurteile hatte zwar jeder, doch dies hier war anders. Es ging tiefer, das spürte Janek selbst anhand dieser wenigen harschen Worte einer Fremden. Seine Brauen zogen sich kaum merklich zusammen, als er beschloss, dass er diese arrogante Shíin nicht mochte. Was noch hinzu kam, war dass sie so sprach, als wäre er nicht selbst im Stande zu denken. Als sei er Luft. Janek wandte den Blick wieder ab, besah sich Cirdans Reaktion auf diese Worte seiner Gefährtin und achtete selbst nicht weiter auf sie. Doch Cirdan reagierte anders als erwartet und zugleich genau so, wie Janek befürchtet hatte. Ein Teil Janeks hatte gehofft, dass die Mundwinkel alten Freundes missbilligend zucken, er ihr einen tadelnden Blick zuwerfen würde. Doch stattdessen hob der Shíin nur besänftigend die Hand, lächelte und bemerkte, dass ein Mensch das Schicksal seiner Familie besiegelt hatte. Janek schluckte. Sein Entsetzen über dieses Lächeln war im Hinblick auf die einschlagende Erinnerung an einen warmen Frühlingstag nur maues Beiwerk. Ein glückliches Lachen hallte durch seine Erinnerung, duftend schwarzes Haar kräuselte sich in der Brise...ehe jedoch Kelias Gesicht vor sein Inneres Auge rutschte, drängte Janek die Erinnerung fort. Ja - wenn er konnte, würde auch er denjenigen töten, der ihn in der Wüste aufgelesen hatte. Doch wäre es ein Beraij, würde er jeden Beraij töten - in der vagen Hoffnung, es ginge ihm danach besser? Janek starrte Cirdan an. Nein, das würde er nicht. Auf keinen Fall würde er das. Dieser arme Schlucker dort war zur falschen Zeit am falschen Ort, und das war ihm zum Verhängnis geworden. Janek wollte eben etwas Ensprechendes erwidern, als die Frau wieder das Wort ergriff. Wieder tat sie so, als stünde er nicht dort. Doch diesmal gefror Janeks Miene sichtlich zu Eis.

Sein Blick wanderte hart zurück zu der Frau. So fest presste er seine Kiefer aufeinander, dass seine Zähne leise knirschten. "Versuch es", knurrte er düster. Sollte sie mit ihm spielen! Janek war allmählich derart aufgewühlt, dass er einen Kampf beinahe willkommen hieß. Er mochte keine Waffe haben, doch er hatte nicht all diese Kämpfe überlebt, weil er keinerlei Erfindungsgabe besaß. Und dieser kalten Seele dort gehörte eine Lektion erteilt. Ohne es bewusst gesteuert zu haben, war Janek zurück in eine Kampfhaltung geglitten. Zu sehr waren die Bewegungen überlebensabhängend gewesen, zu oft hatte er sich verteidigen müssen, und die vielen Figuren waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Die Shiín tat jedoch etwas Unerwartetes: Sie verschränkte die Arme vor dem Körper und wollte sich zurückziehen, natürlich nicht, ohne zuvor noch einmal zu spotten. Janeks Nasenflügel bebten. Allmählich wurde es ihm zu viel. Das Wiedersehen, die Begrüßung, die damit verbundenen Erinnerungen und das Chaos in ihm - er kam damit nicht klar. Verzweifelt versuchte er, sich innerlich zur Ruhe zu mahnen, doch kam er kaum gegen sich selbst an. Von außen indes war nichts davon zu bemerken außer den geballten Fäusten und dem Zähneknirschen, wenn er die Frau anblickte.

So gesehen war es klug von jener, sich abzuwenden und die Situation mit ihrem Fortgehen zu entschärfen. Janek war verwegen genug, sie trotz des Katanas an ihrem Gürtel anzugehen. Erst als Cirdan sich nun auch in Bewegung setzte, um seiner Gefährtin den Weg abzuschneiden, konnte der Wüstenelf den Blick von ihr abwenden. Stattdessen konnte er nun gut die mit blutigem Stoff verbundene Wunde sehen. Dieser Anblick kühlte seinen Verstand ein wenig, und er hatte sich wieder im Griff. Jetzt sah er auch die Begleiterscheinungen; den Schweiß auf Cirdans Haut und das Wanken, das an seinem alten Freund zerrte. Janeks Augen verengten sich ein wenig. Es verband sie etwas wie Freundschaft, ja - doch war es immer noch so? Janek vergaß nicht den Anblick des Gefolterten, noch das amüsierte Lächeln bei den Worten der Shiín. Ihrer beider Leben war grausam gewesen - zweifellos. Doch während Janek davor wegzulaufen versuchte, schien Cirdan sich der Grausamkeit ergeben zu haben. Der Wüstenelf schluckte, fuhr sich mit der Zungenspitze benetzend über die Lippen. Die vertraute Zweisamkeit dort vor ihm machte ihn nervös. Ihm war unbehaglich zumute; noch mehr, als Cirdan seine Freundin umarmte. Janek wandte den Blick ab, er konnte es nicht ertragen, auch wenn er nicht hörte, was Cirdan ihr zu sagen hatte. Wie oft hatten Kelia und er Vertrautes ausgetauscht? Wie oft hatte er ihr geflüstert, wie wunderschön sie aussah? Janek schwankte zwischen zwei Dingen: Sich zurückzuziehen oder sich um Cirdan zu kümmern, um seine Wunde. Denn er sah alles andere als gut aus. Wieso war es ihm zuvor nicht aufgefallen? Und wieso kümmerte sich Cirdans Gefährtin nicht darum? Janek riskierte einen letzten Blick aus den Augenwinkeln. Dann war er es, der sich leise zurückziehen, die Vertrauten nicht länger mit seiner Anwesenheit stören wollte. Es stand ihm nicht zu, Cirdans Wahl zu beurteilen. Leise raschelten die Blätter, knackte ein Zweig.
Besser, ich wär verrückt. Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. (Shakespeare)

Benutzeravatar
Yastara
verschollen
Beiträge:42
Avatar:prinzesser
Alter:21 Winter
Rasse:Shiín
Heimat:Hügelländern von Harrhy'in
Waffen:zwei Katana, sechs Dolche
Inventar:eine lederne Umhängetasche mit Proviant, einem langen Kapuzenumhang und einem schwarzen Tuch

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Mo, 05. Mär 2012 21:09

Cirdans Worten entnahm sie, dass der Elf nicht viel von ihrem Volk wusste. Seine Erklärung fand sie im Hinblick auf die Unwissenheit jedoch unzureichend. Wie sollte jemand, der nichts von den Shíin wusste denn einen Reim darauf machen, weswegen sie Menschen so hassten? Mit einer einzigen Familie hatte das nichts zu tun. Wesentlich versöhnlicher schaute sie zu Janek. “Die Konflikte zwischen unserem Volk und den Menschen bestehen seit vielen Jahrhunderten. Die Menschen versuchten uns auszurotten, was sie fast schafften. Unser Volk ist noch heute recht klein. Dieser Krieg überdauerte die Jahrhunderte und schwelt bis heute. Sie greifen uns an, wir greifen sie an, wenn sie unseren Gebieten zu nahe kommen. Jeder Mensch, der eine Waffe halten kann, ist ein potenzieller Angreifer. Beinahe jeder Shíin hat durch die Hand eines Menschen Familie verloren. Wir wachsen mit dieser ewigen Schlacht auf. Wir kennen nichts anderes, als den Hass gegen die bleichen Rundohren.” , erklärte sie geduldig, was im harten Gegensatz zu ihrer vorherigen Ungeduld stand. Yastara erwartete nicht, dass Janek es verstand. Wie sollte er auch? Wahrscheinlich verstand niemand die Gründe, wenn er damit nicht aufgewachsen war. Dass sie und anscheinend auch Cirdan ein bestialisches Vergnügen beim töten der Menschen verspürten, unterschlug sie erstmal. Wenn der Elf die Konflikte zwischen den Völkern nicht verstehen sollte, würde er dies erst recht nicht verstehen. Warum sie wollte, dass er den Hass verstand, wusste sie selbst nicht so recht. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur, dass er sah, dass alles einen guten Grund hatte.

”Versuch es!” Sein Knurren weckte in ihr den Wunsch ihre beiden Katana zu ziehen und sich mit ihm zu messen. Doch Cirdan hatte von einer tiefen Verbindung gesprochen, die er für Freundschaft hielt. Damit würde sie den Elf niemals angreifen, solange er nicht verbal oder körperlich einen Shíin angriff. Auf der einen Seite war da der Ehrenkodex und auf der anderen Seite tat sie es ihrem Jugendfreund zuliebe.
Als Cirdan sich ihr schließlich in den Weg stellte, schwankte ihr Entschluss, den Elf einfach zu ignorieren. Als er sie bei den Schultern packte und sich vorlehnte, um ihr etwas zuzuraunen, wankte auch noch ihr Entschluss, die beiden allein zu lassen. Das Wort ‘eifersüchtig’ hätte er dann wohl aber besser nicht in den Mund genommen. Auf der einen Seite beruhigten sie seine Worte. Ihre Vermutung, dass er sich wohl einfach schwer damit tat, Gefühle zu zeigen, sah sie bestätigt. Seine folgende Umarmung wirkte steif und wenig herzlich. Relativ schnell löste sich Tara deswegen von ihm und trat einen Schritt zurück. Mit erhobener Augenbraue musterte sie kurz seine Verwundung. Eigentlich hatte sie gedacht, er hätte sich besser um die Wunde gekümmert. “Wie kommst Du darauf, dass ich eifersüchtig sein könnte?”, schnappte sie leise. Dass er dieses unbestimmte stechende Gefühl in ihr benannt hatte, bevor sie hatte begreifen können, um was es sich handelte, wurmte sie.
Seufzend nahm sie sich noch einen Moment, in dem sie die Augen geschlossen hielt. Auch für sie wurde diese Situation langsam zu viel. Um zu begreifen, was hier eigentlich geschah bräuchte sie sehr viel mehr Zeit. Schließlich ließ sie ihre noch immer verschränkten Arme fallen, trat einen deutlichen Schritt von dem Shíin zurück und wandte sich nach dem Elf um, der gerade gehen wollte.
“Janek... Kennt Ihr Euch in der Versorgung von Wunden aus? Ich glaube, Cirdan könnte Eure Hilfe gebrauchen. Ich würde unterdessen ein Feuer machen und etwas essbares auftreiben. Ihr seid ein Freund von Cirdan, also seid Ihr willkommen, uns Gesellschaft zu leisten. Ich glaube, wir beide hatten einen schlechten Start. Auf Fremde, die mich umrennen reagiere ich immer so. Man nennt mich Yastara oder einfach nur Tara.” Erst jetzt war ihr aufgefallen, dass sie sich noch gar nicht vorgestellt hatte. Ihr Tonfall war weitaus freundlicher, höflich und versöhnlich. Anders wusste sie sich nicht zu entschuldigen. Oder zumindest in diesem Moment. Doch offenbar war Cirdan der Elf wichtig, also würde sie ihn mit dem gleichen Respekt und der gleichen Höflichkeit behandeln, wie einen Shíin. Naja, oder wenigstens annähernd.

Benutzeravatar
Cirdan
verschollen
Beiträge:25
Avatar:(c) whitepanther
Alter:22
Rasse:Shiín/Gestaltwandler (Wolf)
Heimat:Hof nahe Zeaihn
Waffen:2 Katana, 1 Dolch
Inventar:Proviant, Feuerstein u. Zunder, Umhang

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Mo, 05. Mär 2012 22:03

Der junge Shiín lauschte Yastaras Worten, aber er hörte nur ihre Stimme. Sein Kopf vermochte jedoch nicht die Bedeutung dessen was sie sagte zu entschlüsseln. Ihm wurde zunehmend schwärzer vor Augen und er kam ins Wanken. Schwäche... er war dabei Schwäche zu zeigen. Das konnte und wollte er nicht zulassen. Doch so sehr er sich auch dagegen wehrte, der Schmerz in seinem Bein übernahm die Oberhand und er konnte nicht mehr klar denken. Gerade als er einen Schritt auf Janek zumachen wollte, kam er ins Stolpern und spürte wie er im Fallen noch das Bewusstsein verlor. Den Aufprall spürte er nicht mehr. Dunkelheit umfing ihn und der letzte Gedanke galt seinem elfischen Freund. Dass er gern mehr über ihn und sein Leben erfahren hätte und ob er auch einmal geliebt hatte, so wie er Yastara liebte.

Wirre Träume stürmten auf ihn ein. Er war wieder in seiner Heimat, auf dem Hof seiner Eltern. Es war Tag und die Sonne stand hoch am Himmel. Seine Schwester spielte auf dem Hof mit dem Hund der Familie während sein Vater war auf dem Feld beschäftigt. "Cirdan! Elandrae!", hörte er seine Mutter rufen und er blickte sich um. "Kommt Kinder, das Essen ist fertig!" War das wirklich real oder nur ein Traum? Der junge Mann sah sich intensiver um. Er erkannte die alte Scheune in der das Heu von den Wiesen lagerte. Hinter ihm stand das Haus seiner Eltern in dem er und seine Schwester geboren worden waren und bis zu jenem schrecklichen Tag vor sieben Jahren gelebt hatten. Ihm stieg der Duft von Mutters selbstgekochter Suppe in die Nase. Als Kind hatte er immer das Fleisch herausgepickt und das Gemüse an den Rand seines Tellers geschoben gehabt. Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen und er erhob sich. Langsam bewegte er sich in Richtung Haustür als seine kleine Schwester an ihm vorbei jagte. "Achtung!", rief sie lachend und rannte in die Küche hinein direkt in die Arme ihrer Mutter. Tränen stiegen dem jungen Mann in die Augen. Tief in sich wünschte er sich, dass das alles hier kein Traum war. Dass er nicht aufwachen mochte und die schrecklichen Bilder der vergangenen sieben Jahre in denen er Folter, Gewalt und Tod hatte erleben müssen wieder auf ihn einprasselten. Weinend brach er auf dem Boden zusammen und spürte wie sich die Arme seiner Familie um ihn legten. "Es ist gut. Warum weinst du, mein Sohn?", flüsterte seine Mutter und wiegte ihren Jungen in ihren Armen. Cirdan vermochte ihr keine Antwort zu geben...

Benutzeravatar
Janek
verschollen
Beiträge:24
Avatar:TheMinttu
Waffen:schartiger Säbel
Inventar:nichts

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Di, 06. Mär 2012 15:07

Ihren kurzen Ausflug in die Geschichtsbücher hatte Janek nicht weiter kommentiert. Die Wandlung von bissigem Tonfall hin zu verständnisvollem Gebaren war für ihn zu schnell gegangen, um zur Gänze aufrichtig zu wirken. Er traute der Shiín nicht. Und leiden mochte er sie ebenso wenig. Etwas nagte an ihm, und er wusste nicht zu sagen, was das war. Bis er begriff, dass es Enttäuschung war, sollte noch einige Zeit ins Land streichen. Janek hatte sich bereits einige Schritt weit entfernt, als er sich doch noch einmal umwandte und zurück blickte, gerade rechtzeitig genug, dass ihm das schnelle Entwinden Yastaras nicht entging. Er verhielt im Schritt, verengte die Augen und versuchte zu begreifen, was dort vor sich ging. Hatte er die Situation falsch eingeschätzt? Sie überbewertet? Oder mochte Cirdans Freundin ihre sanfte Seite nur nicht vor ihm zeigen? Janek runzelte die Stirn, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen. Er war längstens nicht mehr sicher, was die Beurteilung zwischenmenschlicher Beziehungen betraf, und wie hätte er das auch sein können?

Die Shiín riss ihn aus seinen Erwägungen, indem sie ihn unvermittelt ansprach. Und wieder waren die Worte höflich, ja gar freundlich. Janek blickte ihr in die grünen Augen und suchte dort nach Anzeichen der Täuschung, doch entweder war dort nichts oder aber sie verbarg sie gut. Was er von ihren Worten halten sollte, wusste er nicht so recht. Wollte sie ihn nun schlicht zum Bleiben überreden oder hatte sie etwas im Hintersinn? Sicherlich würde sie sich selbst um eine Wunde kümmern können - wer ein Katana trug, kannte sich meist auch ein wenig mit den Verletzungen aus, die es zufügte. Janek hätte die Shiíhn eher so eingeschätzt, dass sie ihn schnell loswerden wollte, am liebsten mit einem schnellen Zug ihres Katanas an seiner Kehle. Aber nicht, dass Yastara, wie sie sich vorstellte, ihn an ihr Feuer einladen würde. Wie stellte sie sich das vor - gemütliches Beisammensitzen im Schein der Flammen, und im Hintergrund wiegte die laue Abendluft sachte die stinkende Leiche hin und her, während sich die Maden bereits an ihr labten? Ja, Janek war sarkastisch. Vielleicht tat er ihr damit Unrecht. Aber, um etwas zu seiner Verteidigung vorzubringen, schließlich hatte die Shiín ihm bisher keinen Grund gegeben, etwas anderes von ihr zu denken. Sie versuchte sogar, etwas Witz in ihre Worte zu legen, doch Janek registrierte das gar nicht. Er sah stattdessen Cirdan an, der eben merklich schwankte, sich aber wieder fing. Vielleicht, überlegte er, sollte er tatsächlich hier bleiben. Nicht lange. Nur, um Cirdans Wunde anzuschauen und besser zu versorgen, als das gerade der Fall zu sein schien. Er wirkte doch recht blass um die Nase, wenn man das beim bläulichen Ton seiner Haus überhaupt so nennen konnte. Janek wandte den Blick wieder Yastara zu, betrachtete sie einen Moment nachdenklich. Er wägte ab: Blieb er, würde ihn das womöglich in ein noch größeres Gefühlschaos stürzen. Ging er, hätte er am Ende Schuldgefühle wegen des ungewissen Ausgangs für Cirdan. Vielleicht aber war er doch nur das fünfte Wagenrad. "Ich bin...Janek", sagte er zunächst, wobei er einen winzigen Moment lang zögerte, der kaum weiter auffiel, wenn man nicht um die Hintergründe wusste. "Einfach Janek." Es klang resigniert, und genauso fühlte sich Janek in diesem Moment auch.

Viel Zeit blieb ihm indes nicht, sich zu überlegen, ob er bleiben oder gehen sollte, denn just diesen Moment suchte sich Cirdan aus, um einzuknicken und zu Boden zu gehen. Er fiel nicht etwa gegen Yastara, die näher an ihm stand als Janek, sondern ging sprichwörtlich in die Knie und kippte dann nach vorn, mit wehenden Haaren und dem Gesicht voran dem Waldboden entgegen. Janek reagierte reflexartig und hatte schon einen halben Schritt gemacht, doch natürlich war es zu spät, er hätte ihn keinesfalls erreicht, wo nicht einmal Yastara, die ja neben ihm stand, schnell genug gewesen wäre. Selbiger war Janek einen erschrockenen Blick zu, und vergessen waren Vorsicht und Argwohn, als er zu Cirdan hastete, nach seiner Schulter griff, um ihn herumzudrehen, und gleichzeitig eine Frage an Yastara richtete. "Woher kommt das Blut?" Er ahnte ja nicht, dass auch Cirdan und Yastara sich vor Kurzem erst getroffen hatten. Sie musste demnach wissen, was ihm widerfahren war. Er traute ihr durchaus zu, ihn aus Versehen verletzt zu haben, so gern, wie sie offensichtlich ihr Katana präsentierte. Ihm lag ebenfalls die Frage auf der Zunge, warum sie Cirdan nicht geholfen hatte, doch er sparte sich den Atem und wuchtete den Shiín auf den Rücken. Tastend befühlte er die abgewetzte, lederne Hose, in der kein Loch zu sehen war. Doch dort war Blut, sie war regelrecht durchnässt davon, und es schien so, als sei es nicht nur das des Gefolterten, den Janek um ein Haar vergessen hätte. Er kniete inzwischen neben Cirdan und blickte auf. "Euren Dolch", verlangte er und unterstrich die Forderung mit einer Geste. Dass sie keinen hatte, glaubte er nicht. Sie war eine Kämpferin. Und er musste das Leder von Cirdans Bein schaffen, um zu sehen, was darunter lag. Zum Heraufschieben war sie zu steißf und vollgesogen, und Cirdan zu entblößen, widerstrebte ihm. Janek wartete.
Besser, ich wär verrückt. Dann wär mein Geist getrennt von meinem Gram, und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre Bewußtsein seiner selbst. (Shakespeare)

Benutzeravatar
Yastara
verschollen
Beiträge:42
Avatar:prinzesser
Alter:21 Winter
Rasse:Shiín
Heimat:Hügelländern von Harrhy'in
Waffen:zwei Katana, sechs Dolche
Inventar:eine lederne Umhängetasche mit Proviant, einem langen Kapuzenumhang und einem schwarzen Tuch

Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Sa, 10. Mär 2012 17:56

Keinen Wimpernschlag, nachdem Yastaras letztes Wort zwischen den Bäumen des Waldes verklungen waren, brach Cirdan zusammen. Da sie gerade mit Janek sprach, bemerkte sie die Bewegung des anderen Shíin zunächst nur aus dem Augenwinkel. Als sie sich fragend zu ihm umwandte, war es schon zu spät. Die Zeit schien plötzlich sehr viel langsamer zu verrinnen. In quälend langsamer Geschwindigkeit sah sie, wie Cirdan zu Boden ging, unfähig, schnell genug zu reagieren, um ihn vor dem Aufprall zu bewahren. Erst, als er am Boden lag, gewann die Zeit ihr normales Tempo zurück. “Cirdan!” Ihre Stimme klang atemlos. Zeitgleich mit dem Elf ging sie neben ihm in die Knie. Das sich langsam legende Misstrauen gegen den Fremden schien vom aufkommenden Wind davon getragen worden zu sein. Wie unwichtig manche Dinge doch wurden, wenn ein gemeinsamer Freund Hilfe brauchte.
Cirdan hatte mehr Blut verloren, als sie dachte. Verdammt! Sie hatte doch gesehen, wie er die Wunde versorgte. Offenbar hatte er den Verband nicht fest genug angelegt. Auf Janeks Frage hin musste sie kurz nachdenken. Die Wunde selbst hatte sie nicht gesehen. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wo genau die Verletzung gewesen war. Dazu musste sie den Augenblick der Verwundung rekonstruieren. “Er stolperte, dabei lösten sich seine Katana. Als er fiel muss ihm eine der Klingen ins Fleisch geschnitten haben.” Sie presste die Augen kurz zusammen, was ihr manchmal beim erinnern half. “Die Wunde müsste unterhalb der Hüfte sein. Seitlich. Er hat die Verletzung selbst versorgt, deswegen habe ich sie noch nicht gesehen.” Yastara hoffte inständig, dass es kein Fehler war, nicht selbst nach der Verletzung gesehen zu haben. Wieso hatte sie es nicht einfach getan? Die Antwort auf diese Frage war einfach. Es hatte nicht den Eindruck gemacht, als hätte er Hilfe gebraucht. Im Gegenteil. Er schien mit der Wundversorgung bestens klargekommen zu sein. Man sollte eben nie von offensichtlichen ausgehen. Der Schein war meistens trügerisch.
Als Janek sie um einen Dolch bat - oder vielmehr einen forderte - sah sie auf und war kurz versucht zu fragen, welchen er denn haben wollte. Im hinteren Teil ihres Waffengürtels befanden sich allein fünf Dolche. Ein weiterer und drei Messer waren gut verborgen. Stattdessen reichte sie ihm jedoch einfach stumm einen der Dolche. “Wenigstens ist es eine saubere Wunde. Unsere Katana sind wahrlich scharf. Daher sind die Wunden immer glatt und nicht ausgefranst.”, murmelte sie. Es war Vorteil, wenn man eine Verletzung behandeln wollte, die durch die Klinge eines Shíin verursacht worden war, was selten genug vorkam. Die meisten, die Bekanntschaft mit einem Katana machten, überlebten es nicht. Natürlich wurden die jungen Shíin trotz allem auch in der Wundversorgung unterrichtet. Bei den Übungskämpfen kam es nicht selten vor, dass man sich verletzte. Einfache Verletzungen zu versorgen gehörte quasi zum Handwerk der Shíin. Auch, wenn Yastara nicht direkt als Kriegerin ausgebildet worden war, hatte sie an den Lektionen teilgenommen. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie ihr Talent mit den Klingen nicht wegwarf, nur, weil sie lieber Diebin wurde, als Kriegerin.
“Braucht Ihr noch was zum verbinden der Wunde? Ich habe noch ein Hemd übrig.” Wie die meiste Zeit trug sie ihre üblichen schwarzen Beinkleider aus Leder, die in ebenso schwarze Stiefel übergingen, deren Sohlen besonders dünn waren. Ihre Kleidung wurde von einem ärmellosen Oberteil aus ebenso schwarzem Leder komplettiert. Damit entsprach sie nicht gerade der üblichen Shíin, was ihre Kleidung betraf. Heute trug sie jedoch eines der weiten Hemden, die der traditionellen Kleidung entsprach. Immer wieder trug sie eines dieser Hemden über ihrem Oberteil. So fror sie wenigstens nicht, jetzt, da die Winde recht kühl waren.
Fragend blickte sie Janek an und beobachtete jeden seiner Handgriffe genau. Ihr war bereits der Fehler unterlaufen, nicht darauf geachtet zu haben, wie Cirdan seine Wunde versorgt hatte. Jetzt würden sie nicht einen ähnlichen Fehler begehen, in dem sie nicht darauf achtete, was der Elf tat.

Antworten