Der Shiín im Wolfspelz

Die Heimat der Shiín.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Sa, 10. Mär 2012 20:24

Einer Puppe gleich ließ sich Cirdan von Janek auf den Rücken drehen. Einzig ein leises Stöhnen kam aus seiner Kehle als der Wüstenelf seinen Schenkel rund um die Wunde abtastete und somit noch mehr Blut durch den feinen Riss im Leder der Hose nach oben drückte. Schweiß perlte auf der Stirn des jungen Shiín und sein Atem ging schnell. Unruhig warf er den Kopf von einer Seite zur anderen, verengte immer wieder die geschlossenen Augen. Er begann sich wie unter Qualen auf dem Boden zu winden, geschüttelt von den Fieberträumen, die ihn quälten.

In dem Moment als sich die Arme seiner Mutter und seiner Schwester um ihn schlossen, wandelte sich das Bild. Er kniete noch immer, doch er befand sich nicht länger in der Wohnküche seiner Eltern. Stattdessen war er auf dem Festplatz Zhearins. Um ihn herum tobte das Chaos. Aber das nahm er kaum wahr. Alles was er sah, waren die Leichen seiner Mutter, neben ihr seine kleine Schwester und zu seinen Füßen lag der Kopf seines Vaters. Seine starren vor Angst geweiteten Augen starrten ihn an. Die Kleider der beiden Frauen waren zerrissen, ihre nackten Körper mit Wunden übersät und ihre Hälse endeten in blutigen Stümpfen. Der schwere Geruch von Blut lag in der Luft, Schreie hallten wider und ein Schatten näherte sich ihm von hinten. Instinktiv erhob sich er sich und duckte sich unter dem Schlag hin durch. Eine Klinge sauste dicht an ihm vorbei. Keuchend taumelte er und fiel, stolperte über den Torso seiner Schwester. Er schrie und fiel auf den toten Körper. Starke Arme packten ihn, zerrten ihn nach oben auf die Beine. Kalter Stahl legte sich an seine Kehle und schnitt ihm tief in die Haut als er sich versuchte gegen die Männer zu wehren, die ihn festhielten. Sein Gesicht traf ein heftiger Schlag und er schmeckte Blut in seinem Mund. Gegen seinen Willen zerrte man ihn weg. Als er zu schreien begann, spürt er einen heftigen Schmerz in seiner Seite und wie es warm an seiner Haut hinabrann. Ihm wurde schwarz vor Augen und er sank zu Boden.

Als er wieder zu sich kam, lag er in Ketten. Er war nackt und ein schmutziger Verband war ihm angelegt worden. Das Stroh auf dem er lag war modrig und feucht. Es stank erbärmlich und er konnte um sich herum nur Schemen erkennen. Leise und gequälte Seufzer drangen an seine Ohren. Vorsichtig hob er den Kopf und allein diese Bewegung jagte einen heftigen stechenden Schmerz durch seinen Körper. Keuchend verharrte er kurz ehe er sich mit zusammen gebissenen Zähnen weiter aufsetzte. Aber kaum hatte er sich aufgerichtet, hörte er schwere Schritte und Ketten klirren. Noch ehe er wirklich realisiert hatte wo er war, traf ihn ein Tritt gegen seine verwundete Seite. Er schrie auf und kassierte noch einen weiteren Tritt in den Rücken. Leise wimmernd blieb er liegen und spürte wie ihm eiserne Ringe um Hand- und Fußgelenke gelegt wurden. Mit einem kräftigen Ruck an den Ketten zerrte man ihn auf die Beine und er wankte halb benommen hinter den Wachen hinterher. Sie brachten ihn in einen kleinen Raum, nahmen ihm die Ketten ab, nur um ihn an die in Decke und Boden befestigte Eisenketten zu legen. In einem Kohlebecken unweit von ihm flackerte ein Feuer. Schüreisen und Stichel lagen auf einem Tisch daneben. Allmählich dämmerte Cirdan warum er hier war und er fing an zu schreien. So laut er nur konnte.


Schreiend wand sich der junge Mann auf dem Waldboden. Immer wieder warf er den Kopf heftig von einer Seite auf die andere. Er war klatschnass vor Schweiß. Sein Atem und Puls rasten förmlich.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mi, 14. Mär 2012 13:59

Irritiert blickte Janek auf, eine tiefe Falte war auf seiner Stirn entstanden. Er stolperte, und dabei schnitt ihm sein eigenes Katana ins Fleisch? Wollte sie ihn auf den Arm nehmen? Doch ihr Blick war arglos, sie schien es tatsächlich ernst zu meinen. Dass Cirdan derart tollpatschig gewesen sein sollte, war für Janek undenkbar. Er versuchte sich auszumalen, wie dieser Sturz wohl ausgesehen haben mochte, doch so sehr er es versuchte, so wenig wollte ihm einleuchten, wie eines der Katana den Weg an diese Stelle von Cirdans Körper hätte finden können. Der Shiín stöhnte leise, und Janek beschloss, später darüber zu grübeln und gegebenenfalls nachzufragen. Zunächst einmal galt es, sich um Cirdan zu kümmern, und so ließ er diese absonderliche Behauptung vorerst unkommentiert und nutzte stattessen nur die Information zum Ort der Wunde für sich. Vorsichtig tastete er erneut danach, und nun konnte er in all dem Shiín- und Menschenblut auch den kleinen Riss ausmachen, der nicht breit war. "Eine Stichverletzung", bemerkte er, mehr zu sich selbst als zu Yastara gewandt. Stiche waren meist schlimmer als Schnitte, denn sie gingen tiefer und ließen im Inneren des Körpers verborgen, was die Waffe angerichtet hatte. Das konnte böse Folgen haben. Die Wunde konnte harmlos aussehen, und trotzdem ging der Verletzte nach einer Woche am Wundbrand ein. Janek hatte das schon miterlebt, und weil er um die Folgen wusste, hatte er großen Respekt vor solchen Verletzungen. Yastaras beiläufige Bemerkung, sie hätte die Wunde noch nicht zu Gesicht bekommen, erfüllte ihn mit etwas Argwohn. Wenn sie sich doch so nahe standen, wieso hatte Cirdan dann nicht sie die Wunde versorgen lassen? Doch auch diese Überlegungen schob er vorerst beiseite.

Kurz darauf reichte sie ihm einen Dolch. Er sah ihn sich kurz an, dann schloss er die Hand um das Heft und durchtrennte mit einer flüssigen Bewegung das Leder der Hose, sodass er die Wunde bequem erreichen konnte. Die Beinkleider selbst wurden dadurch zwar nicht unbrauchbar, würden allerdings einen Einsatz mit Ahle und Faden nötig haben, wenn sie weiterhin ihren Dienst verrichten sollten. Janek entfernte den locker sitzenden Wundverband und wischte damit das Blut fort. Im Rhythmus von Cirdans Herzen pulsierte neuer Lebenssaft aus der sonst recht unscheinbaren Verletzung. Yastara besah sie sich ebenfalls, murmelte etwas. Janek seufzte leise und legte den blutgetränkten Verband beiseite. "Ja. Es wäre mir allerdings lieber, sie wäre unregelmäßig, dafür nicht so tief. Stichwunden sind tückisch." Mit gerunzelter Stirn betrachtete er Cirdans Bein, dann suchte er flink mit den Augen die nahe Umgebung ab, um anschließend Yastara anzublicken, die soeben ihr Hemd angeboten hatte. "Habt Ihr Wein? Kochender Wein wäre gut." Er konnte damit die Wunde auswaschen, was allemal besser war als Wasser. "Und wenn Ihr aus dem Hemd Streifen schneiden und sie auskochen könntet, wäre das ebenfalls gut." Es war wenig, aber besser als nichts. Die Wundversorger beim Zirkus hatten Tinkturen und Salben gehabt, aber Janek war nie in der Verfassung gewesen, nach den Inhaltsstoffen zu fragen, wenn er sie selbst benötigt hatte. Er kannte sich damit nicht aus. Janek sah die Shiín über Cirdans unruhigen Körper hinweg fragend an. Es würde wohl doch sehr danach aussehen, als wenn sie hier ein Feuer machen würden. Cirdan irgendwo anders hinzuschaffen, nur weil er den Anblick des Toten nicht ertrug, war indiskutabel. "Ich wäre Euch zudem sehr verbunden,wenn Ihr ihn zumindest abnehmen könntet", bemerkte er daher leicht bissig mit einem Nicken in die Richtung des baumelnden Leichnams.

Janek bemerkte wohl, dass Yastara jeden seiner Handgriffe beobachtete, doch ihm machte das wenig aus. Er selbst war schließlich ebenso wachsam. Nur, weil Cirdan in die Bewusstlosigkeit geglitten war, hieß das nicht automatisch, dass der Elf und Cirdans Gefährtin Frieden geschlossen hatten oder gar Freunde waren. Sie hatten einen gemeinsamen Grund, sich nicht an die Kehle zu gehen, aber das war, gelinde gesagt, auch schon alles. Vorerst nahm Janek den bereits getränkten Verband, drückte ihn mit einer Hand fest aus und presste ihn danach auf Cirdans Wunde, um zumindest die Blutung erst einmal unter Kontrolle zu bekommen, ehe noch mehr Leben aus ihm heraus rann. Cirdan indes war unruhig, warf immer wieder den Kopf herum und stöhnte leise und voller Pein auf. Janek hoffte für ihn, dass die Bewusstlosigkeit noch anhielt. Mit der freien Linken hielt er ihn an der Schulter nieder, während er selbst die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst hatte. Einmal hatte er so neben einem Mann im Staub gekniet, doch statt ihm helfen zu wollen, hatte er ihm einen schartigen Dolch in den Brustkorb gerammt, ehe er selbst umgekippt war. Das war einer seiner ersten Kämpfe gewesen. Janek hob den Blick wieder, um Yastara anzusehen und sich von den Erinnerungen loseisen zu können.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Sa, 17. Mär 2012 9:27

Kritisch musterte Yastara die frei gelegte Wunde. Offenbar war sie doch tiefer, als sie gedacht hatte. Kein Wunder, dass Cirdan das Bewusstsein verloren hatte, bei der Menge an Blut, die er allein in diesen Minuten verlor. Es war besorgniserregend. Jedoch hatte sie durchaus das Gefühl, dass Janek wusste, was er da tat. Der Friede zwischen dem ungleichen Gespann war trügerisch und keineswegs gefestigt. Aber dieser Waffenstillstand würde womöglich das Leben eines gemeinsamen Freundes retten.
Normalerweise hätte die Shíin keine Anweisungen von einem Elf angenommen. Nein, sie nahm noch nicht mal Anweisungen von jedem Shíin an. Doch jetzt nickte sie einfach, als er alles aufzählte, was er brauchte. Einzig bei der Erwähnung des toten Menschen hob sie eine Augenbraue. Es fiel ihr schwer, den Blick von Cirdan zu nehmen, um den Elfen anzusehen. “Ich habe weder Wein bei mir, noch ein Gefäß, in dem ich ihn kochen könnte. Aber ich glaube, die Menschen hatten einiges bei sich. Ich werde nachsehen und ein Feuer machen. Vielleicht solltest Du zunächst die Wunde abbinden, damit er nicht noch mehr Blut verliert. Es dauert eine Weile, bis Wein und Wasser kochen, geschweige denn abgekocht sind.” Abschließend zuckte sie mit den Schultern. “Den Toten muss ich sowieso abschneiden, er zieht sonst wilde Tiere an.” Und hungrige Wölfe oder Schakale waren wirklich das letzte, was sie jetzt gebrauchen könnten. Ein Wolf am Tag reichte Tara.
Es widerstrebte ihr, die beiden Männer allein zu lassen, doch hier konnte sie nicht helfen. Also stand sie auf und ging hinüber zu dem im Wind schaukelnden Leichnam. Noch im Gehen zog sie eines ihrer Katana aus seiner Scheide. Sirrend zischte die Klinge durch die Luft, als sie den Baum erreicht hatte und durchtrennte das Seil. Das Geräusch das der leblose Torso beim Aufprall auf den Boden machte, war wirklich widerlich, aber sie ignorierte es. Ohne großes Aufhebens packte sie das Seil und band die abgetrennten Gliedmaßen an den Torso. Sie konnte den Leichnam nicht hinter sich her schleifen, denn so würde sie nur eine blutige Spur über den Boden ziehen. Stattdessen schnürte sie alles zu einem kompakten Päckchen zusammen und konnte die sterblichen Überreste bequem tragen, indem sie einfach nach dem Seil griff. Bevor sie die Leiche jedoch weg trug, schichtete sie etwas Holz auf, nahm zwei Feuersteine aus einer kleinen Tasche, die an ihrem Waffengürtel hing und ließ einen Funken auf eine handvoll getrocknetes Gras überspringen. Nachdem sie die Glut weiter entfacht hatte, platzierte sie das qualmende Gras zwischen den Holzscheiten. Es dauerte etwas, aber schließlich begann der erste Ast Feuer zu fangen. Bis sie wieder zurück kam, würde das Feuer ausreichend lodern.
Nun packte sie den Leichnam und verließ die Lichtung in entgegengesetzter Richtung zu den beiden Männer, immer auf den kleinen Flusslauf zu, der in der Nähe in einem See mündete.
Dort am Ufer lag der andere Mensch der kleinen Reisegruppe. Außerdem standen auch noch die beiden Pferde der Menschen. Kurzerhand befestigte sie das kleine Bündel in ihrer Hand auf einem der Sattel. Schließlich durchsuchte sie die Satteltaschen und das Gepäck der Toten und kramte nach nützlichen Dingen.
Yastara hatte Glück. Unter den Sachen befand sich tatsächlich ein Weinschlauch und etwas Kochgeschirr. Außerdem fand sie noch ein paar Salben, die vielleicht brauchbar waren. Zufrieden band sie auch den zweiten Leichnam auf ein Pferd und gab den beiden Tieren einen anständigen Klaps auf das Hinterteil. Wiehernd setzten die beiden sich in Bewegung und trabten von Dannen. So konnte man Leichen auch los werden.
Als sie auf die Lichtung zurück kehrte, brannte das kleine Feuer schon lichterloh. Sofort kippte sie den Wein in einen der kleinen Töpfe und öffnete den zweiten Schlauch und goss das Wasser daraus in den zweiten Topf. Während der Wein schon langsam wärmer wurde, zog die junge Shíin ihr Hemd aus und begann damit, es in breiten Streifen zu zerreißen, sie in das Wasser zu legen und den Topf auch so zu positionieren, dass es kochen konnte.
Mit Besorgnis, die ihr nur ein wenig anzusehen war, schaute sie hinüber zu Janek und Cirdan. Innerlich verfluchte sie beide Flüssigkeiten, weil sie sich nicht damit beeilten, endlich heiß genug zu werden.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war beides dann endlich so weit. Vorsichtig brachte sie beides zu dem Elfen. “Wie geht es ihm?” Um ehrlich zu sein, war diese Frage überflüssig. Schließlich sah sie, dass es noch immer schlecht um den gemeinsamen Freund stand.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Sa, 17. Mär 2012 18:50

Cirdans Albträume wurden immer schlimmer. Er wand sich immer heftiger. Schlug mit dem Kopf von einer Seite auf die andere und stöhnte immer wieder gequält auf. Im Fieberwahn ballten sich seine Hände zu Fäusten und sein ganzer Körper spannte sich an. Schweiß rann seine violette Haut hinab und sammelte sich zu dunklen Flecken. Der junge Mann litt schreckliche Qualen, biss sich die Lippen wund und verzog das Gesicht unter Schmerzen. Mit einem Mal schrie er auf, drückt seinen Rücken durch und begann wild um sich zu schlagen. Der Shiín riss die Augen auf und war wie von Sinnen. Sein Blick war glasig und nahm nichts von dem wahr was sich um ihn herum befand. Weder erkannte er Janek noch Yastara. Seine grauen Augen war vor Furcht weit geöffnet, die pure Angst stand darin geschrieben. Abermals schrie er auf und warf sich auf die Seite.

In den Träumen, die er durchlitt bohrten sich heiße Stichel in seine Haut und brannten ihm die Linien seiner Tätowierung aus. Eine nach der anderen. Warmes Blut rann seine rechte Seite hinab und es roch nach verbranntem Fleisch. Cirdan wimmerte, weinte und schrie. Aber seine Peiniger kannten keinerlei Erbarmen mit ihm. Immer wieder trieben sie ihm die glühend heißen Eisen in seinen Körper und der junge Mann wand sich in seinen Ketten. Hand- und Fußgelenke waren schon wund gescheuert, aber dieser Schmerz war gering im Vergleich zu dem anderen. Heiße Tränen rannen ihm die Wangen hinab und versuchte sich fortzudenken, weg von den Qualen und der Pein. Vor seinem geistigen Auge sah er das junge Mädchen mit dem er immer zusammen den Umgang mit den Katana geübt hatte. Was wohl aus ihr geworden war? Er hatte ihr gegenüber nie den Mut aufbringen können ihr seine Gefühle zu gestehen. Nun war es zu spät. Wenn sie nicht tot war, hatten sie Yastara gewiss auch gefangen genommen. Inständig hoffte jedoch, dass sie hatte fliehen können. Mit einem Mal endeten die Schmerzen und die gnadenvolle Dunkelheit der Bewusstlosigkeit umfing ihn.

Cirdans Körper erschlaffte. Seine Schreie verstummten und er hörte auf sich zu winden. Die Fäuste lösten sich und er atmete noch immer stoßweise, aber deutlich ruhiger. Ein leises Stöhnen kam über seine Lippen als Janek die Blutung mit dem blutgetränkten Verband zu unterbinden versuchte. Das Fieber war noch immer hoch, aber die Träume hatte vorerst ein Ende gefunden und ließen den jungen Mann in Ruhe.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Do, 22. Mär 2012 20:28

Die Shiín nickte, und Janek tat es ihr gleich. Er hatte bereits halb damit gerechnet, dass sie misstrauische Rückfragen stellen würde, so interessiert wie sie zuvor jeden seiner Handgriffe verfolgt hatte. Doch die Fragen und Beschwerden blieben aus, was er als angenehm empfand. Ihre hochgezogene Braue ignorierte er, obgleich er sie eingehend musterte. Es war offensichtlich, dass sie diese Bitte seinerseits nicht guthieß, doch sie war klug genug, nichts darauf zu erwidern. Yastaras Verneinungen ließen Janek kurz darauf leise seufzen, doch relativierte sie ihre Worte einen halben satz später bereits. Ihm blieb nicht viel mehr übrig, als zu hoffen, dass der Mensch - er weigerte sich standhaft, im Plural zu denken, da er sonst über den Verbleib der Kameraden des Gehenkten hätte grübeln müssen - gut ausgestattet gewesen war. "Gut", kommentierte er wortkarg sowohl das von ihr beschriebene Vorhaben als auch die Worte über den Toten. Vermutlich würde sie ihn verbrennen wollen, überlegte er, es sei denn, sie hatte eine Schaufel. Das allerdings bezweifelte er, zumal sie ohnehin keine Zeit hatten, einen Toten zu begraben. Andererseits zog auch ein am Boden liegender Kadaver Tiere an, und die Fliegen waren immer die ersten. Sie umschwirrten den blutigen Torso bereits jetzt in wahren Wolken.

Yastara erhob sich, um ihre Aufgaben zu erledigen, während Janek Cirdan abermals niederdrücken musste, da er sich aufbäumen wollte. Er presste noch immer den blutigen Lappen auf die Wunde am Bein. Das war vermutlich effektiver, als Cirdans Oberschenkel damit zu verbinden, denn so konnte er einen größeren Druck konstant halten. Während Yastara den Toten vom Baum schnitt und dessen Körper ein dumpfes Geräusch im Gras verursachte, druckte Janek auf die Wunde und Cirdans Schulter und betrachtete seinen alten Freund eingehend. Die vertrauten Augen waren geschlossen, auch wenn es hinter den Lidern unkontrolliert zuckte und rollte. Dennoch schien sich der Shiín kaum verändert zu haben. Wie er dort lag, wirkte er in gewisser Weise freidlich, und doch waren die Züge angespannt und ließen den Betrachter einen Hauch des Schmerzes erahnen, den sie gesehen und selbst erlitten hatten. Janek seufzte leise. Entfernt klackten Yastaras Feuersteine einige Male aufeinander. Janek nahm es kaum wahr. Für ihn wandelten sich die Steine in Schwerter, der Wald in ein grünes Tal im Frühling. Cirdan und er übten mit Schwertern, am linken Knöchel miteinander verbunden. Hin und wieder segelten einzelne Kirschblütenblätter um sie herum ins sprießende Gras. Cirdan nahm sich nicht zurück, was die Hiebe anging. Die Schwerter waren stumpf, verursachten aber dennoch blaue Flecken und schmerzten, wenn sie mit voller Wucht trafen. Das war der erste Kampf gewesen, den Janek gewonnen hatte. Warum er sich nun ausgerechnet daran erinnerte, wollte sich ihm nicht erschließen. Doch es war, als wäre es erst gestern gewesen, dass er Cirdan mit einem gezielten Schlag schließlich entwaffnet und zu Boden geworfen hatte, keuchend und schwitzend. Doch noch am Boden liegend hatte Cirdan die Kette ergriffen und auch Janek mit einem Ruck zu Fall gebracht, sodass sie beide im jungen Gras lagen. Lachend nicht - es gab nichts zu lachen im Geheimen Zirkus - doch erfüllt von Brüderlichkeit.

Ein entferntes Wiehern riss ihn zurück auf den Waldboden. Er betrachtete Cirdan abermals, wandte dann den Kopf und versuchte, das Pferd zu entdecken, das eben gewiehert hatte. Auf einem Pferd ließ es sich weitaus angenehmer reisen als zu Fuß. Wie lange hatte er nun nicht mehr auf dem Rücken eines Pferdes gesessen? Er wusste es nicht. Vielleicht konnte er sich nicht einmal mehr oben halten. Er hoffte, dass Yastara das Wiehern auch gehört hatte und das Pferd einfing. Wenn es Cirdan schlechter ging, war das Tier vielleicht die einzige Möglichkeit, ihn schnell zu einem qualifizierten Heiler zu bringen. Sicher war das auch Yastara bewusst. Inzwischen roch es nach Flammen, von Yastara war immer noch keine Spur zu sehen. Cirdan war nun ruhiger, und Janek wagte einen Blick auf die Wunde, indem er das Tuch kurz anhob. Der blutstrom war nicht versiegt, doch weniger geworden. Immerhin, dachte der Wüstenelf bei sich.

Es dauerte nicht lange, da hörte er leise Schritte im Gras. Janek sah Yastara nun wieder, doch ein Pferd hatte sie nicht dabei. Er schürzte die Lippen und runzelte die Stirn, doch rief er ihr nichts zu. Sie hockte sich ans Feuer und werkelte. Ein leises Seufzen Cirdans lenkte seine Aufmerksamkeit zurück zu der Gestalt am Boden. nachdenklich befühlte Janek die Stirn des Shiín. Täuschte er sich, oder hatte er Fieber? Beim Fortnehmen hinterließ er einen roten Streifen Shiínblutes auf Cirdans Stirn, was aber angesichts des vielen übrigen Rots kaum ins Gewicht fiel. Janek begann, sich ernsthafte Sorgen um seinen Freund zu machen. Vor wenigen Stunden noch hätte er sich das hier nicht einmal im Traum vorgestellt, und nun war er schon mittendrin.

Wieder verging eine unendliche Zeitspanne, in der außer dem hin und wieder lauten Knacken nur das Reißen von Stoff und das Zwitschern der Vögel zu hören war. Janeks Geduld neigte sich schon fast dem Ende entgegen, als Yastara zu ihm kam, die beiden ungleichen Töpfe in den zum Schutz vor der Hitze umwickelten Händen. "Unverändert", erwiderte er. "Drückt hier drauf." Er deutete mit der freien Hand auf das Tuch auf der Wunde und erhob sich dann mit leicht steifen Gliedern, um ein paar Schritte weiter einen stabilen Stock vom Boden zu klauben. Den steckte er dem Bewusstlosen zwischen die Zähne, als er zurück kam, und dann nahm er sich den Fetzen, mit dem Yastara eine der heißen Schüsseln berührt hatte. "Vermutlich wird er wach werden, und was ich tue, wird ihm gar nicht gefallen. Ihr müsst ihn unter allen Umständen festhalten, sonst ist der Wein vergeudet", wies er Yastara an, Janek schnappte sich das Gefäß mit dem Wein, der eben noch gesiedet hatte, und nickte Yastara zu, damit sie das Tuch entfernte. Dann goss er die kochend heiße, desinfizierende Flüssigkeit quälend langsam in die blutende, offene Wunde Cirdans und suchte so, das Fleisch zu versengen und die Blutung zu stoppen.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Sa, 24. Mär 2012 17:57

Wie geheißen ging Yastara neben Cirdan in die Knie und übernahm es, das Tuch fest auf die Wunder zu drücken. Unwillkürlich fragte sie sich, in welcher Welt ihr ehemaliger Trainingsgefährte gerade war. Im Zustand der Bewusstlosigkeit konnte man an allerlei Orte gelangen. Die Bilder glichen Träumen, wirkten zugleich aber meistens viel realer.
Nur ungern nahm sie ihren Blick von seinem unruhigen Gesicht, doch automatisch ging sie wieder dazu über, jede Handlung und Bewegung des Elfes zu beobachten. Auf der einen Seite wollte sie so verhindern, dass er einen Fehler beging, der Cirdan das Leben kosten würde. Auf der anderen Seite beruhigte es sie irgendwie zu sehen, dass jemand etwas tat, um dem Shíin zu helfen.
Irgendwie ahnte sie, was er vorhatte. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob sie es gutheißen sollte. Verbrühungen waren langwierig und die Brandblasen neigten dazu, immer wieder aufzuplatzen. An seiner Stelle hätte sie wahrscheinlich viel eher eine Klinge erhitzt und die durchtrennten Blutgefäße damit verödet und so verschlossen. Und doch schwieg die junge Frau in der Hoffnung, dass Janek einen Plan hatte und wusste, was er tat. Es würde jetzt nichts bringen, darüber zu diskutieren. Vor allem würde es Cirdan nicht helfen.
Stattdessen nickte sie nur zustimmend, als der Elf sie anwies, den Mann unbedingt ruhig zu halten, damit die Behandlung Erfolg hatte. Sie verstand nicht jedes Wort Janeks, da er eine elfische Sprache benutzte, die ihr fremd war. Da Shindar den elfischen Sprachen stark ähnelte, hatte sie in den letzten Jahren ohne größere Probleme bergelfisch und Fetzen von waldelfisch lernen können. Damit kannte sie jedoch noch lange nicht jedes elfische Wort. Aber immerhin war es genug, um sich immer erschließen zu können, was Janek sagte.
Vorsichtig erhob sie sich und nahm eine andere Position neben Cirdan ein. So hatte der Elf wieder vollen Zugriff auf die Wunde und sie konnte problemlos dafür sorgen, dass der Verwundete beim aufbäumen nicht dafür sorgte, dass der Wein verschüttet wurde.
Yastara betrachtete wieder Cirdans ruheloses Gesicht und hoffte inständig, dass es ihm bald besser gehen würde. Ihr Vater hatte nach einer ähnlichen Bewusstlosigkeit einmal erzählt, dass er durch den dichten Nebel gelegentlich die Stimmen seiner Familie gehört hatte. Vielleicht würde Cirdan sie ja auch hören. Einen Versuch war es wert. “Wir werden Dir helfen. Bald geht es Dir besser.”, versicherte sie ihm mit ruhiger Stimme auf Shindar. Ob Janek die Sprache ihres Volkes verstand, wusste sie nicht. In diesem Augenblick war es auch nicht wichtig.
Schließlich suchte sie wieder den Blick des Elfen. “Ich bin so weit.”, verkündete sie. Nun konnte er endlich damit beginnen, die Wunde anständig zu versorgen.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Sa, 24. Mär 2012 18:32

Je mehr Janek an seinem Bein herumhantierte umso unruhiger wurde er und warf den Kopf immer wieder von einer Seite auf die andere. Seine Lippen waren schon ganz wund gebissen und sein kräftiger Brustkorb bebte förmlich bei jedem seiner Atemzüge. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt und die Hände zu Fäusten geballt. Schweiß rann seine violette Haut hinab, bildete dunkle Flecken auf seinem Hemd und sammelte sich am Bund seiner Hose. Als ihn dann der kochend heiße Wein traf, drückte er seinen Rücken durch und versuchte sich gegen den Griff, der ihn unten am Boden hielt zu wehren. Obwohl er die Kiefer so fest gegeneinander presste, dass man die Zähne deutlich knirschen hörte, gelang es ihm nicht ganz den Schrei zu unterdrücken. Die Schmerzen der Verbrennung raubten ihm den Atem und sekundenlang rang er einem Fisch auf dem Trockenen gleich um Luft. Cirdan riss die Augen auf und schrie aus tiefster Seele. Es war ihm in diesem Moment egal ob man ihn hörte oder nicht, aber er musste diesen Qualen ein Ventil geben, wenn er sich schon nicht befreien konnte. Die zu Finger seine zu Fäusten geballten Hände drückten sich so fest ins Fleisch, dass sie kleine blutige Kratzer hinterließen. Tränen rannen seine Wangen hinab und versickerten in seinen Haaren. Mit dem freien Fuß trat er um sich, den hatte Janek vergessen festzuhalten, was ihm nun zum Verhängnis wurde. Der Shiín trat wie ein wildes Tier um sich und versuchte den Fluss des immer noch siedend heißen Weines auf sein Bein zu stoppen. In diesem Moment war ihm die Freundschaft zu dem Mann gleichgültig. Einzig, dass er endlich damit aufhörte, zählte für ihn. „Aufhören!“, schrie er immer wieder und starrte Janek hasserfüllt an. Lieber verblutete er als sich noch einen Augenblick länger dieser Tortur auszusetzen. Es war ihm gleich, ob der Elf es gut mit ihm meinte oder nicht. In ihm waren es allein die Instinkte, die gerade sprachen und handelten. Sie beschützten den Geist und den Verstand, so wie sie es in all den Jahren getan hatten in denen die Pein so groß gewesen war, dass Cirdan oft an der Schwelle zum Wahnsinn gestanden hatte und nur noch ein einziger Schritt ausgereicht hätte um endgültig verrückt zu werden. So wie all die anderen in dem Kerker. Er war der Einzige gewesen, dessen Willensstärke und Stolz sie nicht hatten brechen können. Was ihn letzten Endes zum Geheimen Zirkus gebracht hatte...

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mo, 16. Apr 2012 8:49

Er tauschte noch einen kurzen Blick mit Yastara, versicherte sich, dass sie ihn hielt. Dann neigte Janek das irdene Gefäß in seiner Hand und goss die siedende Flüssigkeit direkt auf die ausgefaserte Wunde. Cirdan bäumte sich auf, bog den Rücken hohl vor Schmerz; und es dauerte kaum einen Herzschlag lang, bis er die Augen in seiner Pein aufriss und zu brüllen begann. Erst wild, dann immer wieder ein einziges Wort. Aufhören, schrie er. Aufhören, aufhören! Janek biss selbst die Zähne zusammen. Er kannte diese Prodzedur, hatte sie schon einige Male am eigenen Leib zu spüren bekommen. Manchmal hatte der Behandelte Glück und versank wieder in gnädiger Ohnmacht, so dass der Wein seine Arbeit beginnen und den tödlichen Wundbrand verhindern konnte. Wenn er doch nur Brotschimmel hätte. Doch sie hatten weder Brot noch Brotschimmel, und so musste er mit dem Vorlieb nehmen, was vorhanden war. Cirdan trat inzwischen um sich. Janek erkannte zu spät, dass er sich auf Cirdans Knie hätte setzen sollen. Der Shiín zappelte und fluchte, und dann traf sein kräftiges Knie Janek direkt unter dem Kinn, obwohl er den Kopf noch zurück riss. Wein schwappte zur Seite, ergoss sich ins Gras und besprenkelte Yastara mit feinen, aufgrund ihrer Größe kaum heißen Tröpfchen. Janek sah kurz helle Lichtpunkte, als auch sein Kiefer knackte. Er blinzelte irritiert, warf sich dann aber mit seinem ganzen Gewicht seitlich auf Cirdans Knie, um auch den letzten Rest des Weines nutzen zu können. "Halt still, verdammt!" brüllte er zurück. Auch sein Blick stand in Flammen, als sie sich ansahen; zwei Männer, die etwas verband - in jenem Moment jedoch hätten sie wohl aufeinander eindreschen können, ohne dass ihre Freundschaft oder die gemeinsame Vergangenheit oder auch Yastaras Eingreifen etwas daran hätte ändern können.

Janeks Kiefer schmerzte, da wo ihn Cirdan getroffen hatte. Es war schwierig für ihn, seine Beine mit Schulter und Gewicht unten zu halten und gleichzeitig den restlichen Wein der Wunde zuzuführen. Er schoss einen auffordernden Blick in Richtung Yastara ab, wurde dann wieder geschüttelt, als Cirdan unter ihm bockte wie ein ein wilder Hengst. Welche Kraft jemand in einer solchen Situation aufzubringen vermochte, war stets überraschend. Ganz besonders, wenn man dem etwas entgegensetzen musste. Gut vier Fünftel hatte Janek inzwischen verbraucht. "Gleich geschafft", murmelte er; und es war unklar, ob er sich selbst oder Cirdan zusprechen wollte. Ein dumpfer Schmerz, ausgelöst durch den Tritt, begleitete seine Worte. Dämlicher Shiín. Janek grollte insgeheim, wusste es aber doch besser. Vermutlich hätte er sich ebenso verhalten. Bei seiner ersten Auswaschung mit Wein hatte er einem Akolythen fast den Finger abgebissen, weil der vergessen hatte, ihm den Stock zwischen die Zähne zu legen. Cirdan hatte seinen inzwischen auch längst verloren, das war dem Brüllen geschuldet. Man konnte nur hoffen, dass er sich nicht die Zunge abbiss. Janek hätte vier Hände oder einen Mann mehr gebraucht, um auch darauf noch achten zu können, doch er hatte nur zwei Hände und Yastara, und das musste eben reichen.

Als der letzte Tropfen die Wunde benetzt hatte, ließ der Wüstenelf den Topf einfach zur Seite fallen. Jetzt galt es zu verhindern, dass Cirdan die Wunde mit Dreck in Berührung brachte, indem er sich drehte und Waldboden hinein rieb. Deswegen blieb Janek an Ort und Stelle liegen und presste Cirdans Knie auf den Boden. Der Schmerz durfte nun allmählich nachlassen. "Das Leinen", sagte er zu Yastara und nickte in Richtung des zweiten Topfes. "Wringt sie aus und legt sie straff an", wies er sie ruhig an. Bedauerlicherweise wusste er nicht gut genug über Waldkräuter Bescheid, um einen schmerzlindernden Brei herzustellen.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Mo, 16. Apr 2012 20:39

Yastara hatte große Mühe, den Oberkörper und die Arme des Shíin unter Kontrolle zu halten. Er war ein Mann und wurde von klein auf als Krieger erzogen. Damit war er um einiges stärker, als sie. Dieser Umstand wurde nur noch verstärkt durch die schmerzhafte Prozedur, die Cirdan über sich ergehen lassen musste. Keinen Moment verschwendete sie einen Gedanken an seine Beine. Immerhin hantierte der Elf dort und sie glaubte daran, dass er wusste, was er da tat und somit auch, dass er darauf achtete, nicht getreten werden zu können. Es waren Gedanken, die nicht im Vordergrund durch ihren Kopf schossen. Man konnte sagen, es war eine geahnte Gewissheit.
Umso überraschter war sie, als Janek von dem Knie des Shíin getroffen wurde. Mit dem Kopf durch die Wand, wie eh und je. So war ihr alter Freund eben. Oder vielmehr: mit dem Knie durch den Kiefer. Fast schon hätte sie bei diesem Gedanken leise gelächelt. Bisher hatte sie in diesem Mann nicht viel von dem jungen Krieger gesehen, den sie einst gekannt hatte. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag fragte sie sich, was diese beiden Männer wohl verband. Es musste ein einschneidendes Schicksal sein, denn Cirdan hatte sich verändert. Kein Wunder, wenn man die lange Gefangenschaft bedachte, die er angedeutet hatte. Ob ihr Bruder sich wohl auch derart verändert hatte?
Ihre Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück, als sie einige Tropfen des Weins abbekam. Einen Moment verfinsterte sich ihr Gesicht. Zum Glück war dieser See in der Nähe. Später, wenn die Männer schliefen, würde sie sich ein Bad genehmigen. Blut und jetzt noch Wein. Das musste sie dringend abwaschen.
Jetzt griff sie erstmal fester nach dem Körper des Shíin, damit der Elf seine Behandlung beenden konnte.
Als er ihr Anweisungen gab, wie sie weiter zu verfahren hatte, funkelte sie ihn kurz warnend an. Innerlich schnaubte sie. Bei allen Klingen, als ob sie nicht wüsste, wie man eine Wunde verband. Dass sie die Versorgung vorhin nicht übernommen hatte, lag allein am Stolz ihres Volkes. Wenn ein Shíin in der Lage war um Hilfe zu bitten, dann half man nur, wenn er darum bat.
Doch schließlich löste sie sich vorsichtig von Cirdan, um zu verhindern, dass der Elf gleich wieder abgeschüttelt wurde und griff schließlich zu den abgekochten Stoffstreifen, um sie anschließend fest um die Wunde zu wickeln. Diesmal ließ sie nicht zu, dass die Wunde schlecht versorgt blieb. Es dauerte nicht lange, bis sie fertig war. Schließlich ließ sie sich in der Hocke von den Zehenspitzen auf die Fersen wippen. “Das müsste es gewesen sein. Er sollte sich ausruhen. Ich war dabei, mein Lager hier aufzuschlagen. Das Feuer muss nur regelmäßig geschürt werden, dann bleiben die wilden Tiere fort und wir haben es recht warm. Sobald Cirdan gebettet ist, werde ich uns etwas essbares jagen.” In ihren Augen war es dringend Zeit, dass sie wieder das Zepter und damit die Führung in die Hand nahm. Sie konnte es nicht leiden, von jemandem, der nicht ihrem Volk angehörte Anweisungen entgegen zu nehmen. Egal, wie gut dieser Jemand es meinte.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Mo, 16. Apr 2012 22:14

Dass er mit seinem Knie das Kinn des Mannes traf, überraschte Cirdan selbst. Dennoch war der Selbsterhaltungstrieb in diesem Augenblick größer als das schlechte Gewissen oder der Gedanke Rücksicht seinem alten Kampfgefährten gegenüber zu zeigen. Als Knochen auf Knochen traf, hatte auch er kurz Tränen in den Augen, als zusätzlich der Schmerz von seinem Knie aus durch seinen Körper schoss und ihm kurzzeitig drohte schwarz vor Augen zu werden. Jeder Muskel in seinem kräftigen Körper war bis zum Bersten hin angespannt. Schweiß rann seine Haut hinab und sammelte sich zu dunklen Flecken auf seinem ohnehin schon schmutzigen schäbigen Hemd. Seine Kiefer pressten sich so fest gegeneinander, dass es schon schmerzte und er starrte voller Hass auf den Wüstenelfen. Jegliches rationales Denken war unmöglich. Hier und jetzt war nur noch der Krieger, der Mann, der so viel hatte durchleiden müssen, dass er nur noch aus Instinkten heraus in der Lage war zu handeln, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte. Dass man ihn nun gegen seinen Willen auf den Boden drückte und ihm kochend heißen Wein auf den Oberschenkel goss, kam einer Folter gleich. In seinen Augen war das keine Form von Hilfe.

Als der brennende Schmerz langsam verebbte, entspannte er sich etwas und sank nach hinten und schloss die Augen. Sein ganzes Bein zitterte vor Anstrengung und Anspannung. Nur ganz allmählich lösten sich die verkrampften Muskeln und er stöhnte leise auf als ihm ein fester Verband angelegt wurde. Ganz langsam kam er wieder zu sich und blinzelte vorsichtig in Richtung der beiden, die in Höhe seiner Beine saßen. Janek saß sogar auf seinem unverletzten Bein. „Wenn du die Güte hättest von mir herunter zu gehen, könnte ich versuchen aufzustehen und eigenständig zum Lagerplatz zu gehen.“, meinte er trocken und mit noch immer leicht brüchiger Stimme. Das Schreien hatte seine Stimmbänder angegriffen. Er brauchte dringend etwas zu trinken, am besten etwas Stärkeres als Wasser. Aber der gute Wein war auf seinem Bein gelandet, dass nun pochte unter dem Verband und sich warm anfühlte. Langsam stemmte er sich auf den Ellenbogen gestützt in eine halb sitzende, halb liegende Position und wackelte probeweise mit seinen Füßen. Dabei versuchte er den Wüstenelf erneut von sich herunter zu schieben. Allmählich begann sein Bein einzuschlafen unter dessen Gewicht. Immer wieder glitt der Blick seiner grauen Augen zwischen der Shiín und dem Elfen hin und her. Beide waren sie Teil seiner Vergangenheit, doch verband er mit jedem der beiden ein anderes Schicksal. Mit Yastara hatte er die glücklichen Tage seiner Kindheit und Jugend zusammen verbracht, Janek hingegen war ihm ein Anker in einer der schlimmsten Zeiten seines Lebens. Beide achtete und schätzte er als seine Freunde. Dennoch sah er die junge Frau mit anderen Augen als er es bei dem Wüstenelfen tat. Ihm war nicht bewusst, dass er Yastara eine Spur zu lange und zu tief in die Augen sah. Dabei vergaß er alles um sich herum. Die eben durchlittenen Qualen, die Leichen der Menschen und auch die Umgebung in der sie sich befanden. Mit einem Mal gab es nur noch sie und ihn, alles andere verlor an Bedeutung. Sein Herz schlug mit einem Mal schneller und ein Kribbeln machte sich in seinem Bauch breit.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mi, 25. Apr 2012 8:34

Janek bemerkte das Zucken der Shiín durchaus. Nun, an einem Spritzer Wein war noch niemand gestorben. Ihm machte es nichts aus, dass auch er etwas abbekam. Wegen des Blutes allerdings würde er sich später irgendwo säubern müssen. Den See hatte er jedoch noch nicht bemerkt, vielmehr gingen seine Gedanken in Richtung eines kleinen Baches, der mehr ein Rinnsal war, doch immerhin Wasser führte, das diesem zweck dienlich genug sein würde. Während er noch dort saß und Yastara betrachtete, verband diese mit geschickten Fingern die Wunde, halb über, halb unter der ledernen Hose, die Cirdan trug. Sie hatten sie ihm nach wie vor nicht ausgezogen, nur das Loch erweitert. Janek hoffte, dass sie, würde der noch vom gekochten Wasser nasse Verband sich lockern, nicht zu sehr scheuern würde. Für den Moment jedenfalls würde es reichen. Sie würden sehen, wie gut Cirdan überhaupt würde laufen können, wenn er ausgeruht war. Janek dachte an das Pferd, das er zuvor gehört hatte, und war dankbar, dass Yastara sie - hoffentlich! - irgendwo angebunden hatte.

Als Yastara dann verkündete, hier ihr Lager aufschlagen zu wollen, warf Janek nur kurz einen Blick über seine Schulter hin zu dem Baum, an dem der Mensch geschlachtet worden war. "Wenn Ihr das für eine gute Idee haltet, so nahe daran", bemerkte er zweifelnd und wies mit einem Nicken zu dem Blut, das bereits reichlich Fliegen und anderes Getier angezogen hatte. Etwas zu jagen gefiel ihm allerdings, denn erst jetzt spürte er seinen Hunger. Und Cirdan sollte sich ausruhen, damit hatte sie nun einmal Recht. Janek seufzte leise. "Vielleicht könnten wir zumindest ein paar Schritte weitergehen", schlug er kompromissbereit vor. Ruhen hin oder her, es war nicht gut, wenn sich das Ungeziefer im Schlaf über Cirdans Wunde hermachte, fand Janek. Er blickte auf zu Yastara, die inzwischen vor und zurück wippte und beinahe wieder so mürrisch und unbeherrschbar aussah wie zuvor. Janek lag es fern, irgendwem Befehle zu erteilen - aber sie musste doch einsehen, dass jeder Ort besser war, der nicht an dieses Blutbad erinnerte, das Cirdan hier veranstaltet hatte? Was seine Gedanken wieder eben darauf lenkte. Unweigerlich wandte er den Kopf zurück, um Cirdan anzuschauen, gerade, als dieser dazu anhob, etwas zu sagen. Janek blinzelte verdutzt, kam der Bitte dann nach und nahm sein Gewicht von Cirdans Beinen. Wäre die Situation nicht so grotesk gewesen, hätte er wohl über Worte und Tonfall gelacht. So aber musterte er den Freund nur kritisch mit leichtem Stirnrunzeln und fragte: "Schaffst du das?" Kein Zweifel lag darin, keine Häme, lediglich die einfache, ehrliche Frage, vielleicht gewürzt mit einigen Bedenken, ob es gut war, so kurz nach diesem Martyrium aufzustehen und durch die Wiese zu hinken.

Janek erhob sich, leise knackte ein Knie dabei. Dann streckte er Cirdan die Hand entgegen, um ihm auf zu helfen. Notfalls würde er ihn stützen, denn auch wenn er kräftig war, so vermochte er den Shiín wohl nicht zu tragen, ohne dabei hin und her zu schwanken. Der Blick, den Cirdan und Yastara tauschten, entging ihm vollkommen. Zu lange hatte er solcherlei Dinge verdrängt, zu lange nicht daran gedacht, als dass es ihm nun aufgefallen wäre, dass er mit seiner vorherigen Einschätzung gar nicht so falsch lag. Hinzu kam, dass es für ihn keinen Sinn machte, dass jemand so kurz nach einer solch schmerzhaften Behandlung an gewisse Dinge dachte, und so fiel Janek rein gar nichts auf. Er streckte Cirdan also die Hand entgegen und wartete. Sie hatten sich viel zu erzählen.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Yastara » Mi, 25. Apr 2012 21:47

Nahe dran? Yastara blickte hinüber zu der Lichtung, an deren Rand sie sich noch immer befanden. Zwischen dem kleinen, aber munteren Feuer und dem Baum, an dem der Mensch gestorben war und auf dessen Ast sie sich ausgeruht hatte, als Cirdan als Wolf aufgetaucht war, lag die ganze Lichtung, die gut zwanzig Schritte maß. Nah würde sie das nicht nennen, weswegen eine nachdenkliche Falte über ihrer Nase entstand. “Also um ehrlich zu sein würde ich die Lichtung ungern verlassen. Das Feuer brennt schon am Rand, aber weiter weg wollte ich nicht. So sind wir wenigstens von drei Seiten geschützt, denn man sieht dank der Lichtung sofort, wenn sich etwas oder jemand anschleicht.” Ein strategischer Vorteil, den sie ungern abgeben wollte, trotz ihrer guten Nachtsicht. Im Dunkeln würde sie wohl mehr sehen, als die beiden Männer und doch war es ihr so lieber. Für gewöhnlich reiste sie nachts und schlief am Tag und das meistens auf Bäumen. Ja, das war möglich. Man musste sich nur breite Äste, am besten Astgabeln suchen.
Hätte die Shíin gewusst, dass der Elf sie für mürrisch hielt, hätte sie sicher gelacht. Momentan war sie eigentlich eher darum bemüht die Oberhand zu gewinnen und recht gut drauf, jetzt da sich zeigte, dass es Cirdan besser zu gehen schien. Immerhin war er wach und konnte wieder große Töne spucken. Seinen trockenen Unterton kannte sie gut und ehrlich gesagt mochte sie ihn auch sehr. Es zeichnete ihn aus, wie keinen Zweiten. In diesem Moment sah er sie an und sein Blick traf sie bis ins Mark. Es war die unglaubliche Tiefe, die sie nicht von ihm erwartet hätte. Es löste etwas in ihr aus, aber sie konnte noch nicht einordnen, was es war. Ihre Augen blitzten kurz auf, ehe sie ihren Blick abwendete und scheinbar unbeteiligt in die Ferne sah. Wieso war sie auf einmal so verwirrt? Diese Reaktion kannte sie von sich gar nicht. Vorhin, als sie den ungezügelten Hass des Shíin auf die Menschen gesehen hatte, hatte sie das irgendwie erregt. Das kannte sie von sich. Aber das jetzt? Sie schob es einfach auf die Tatsache, dass er nun mal ein Freund aus ihrer Jugend gewesen war, den sie wirklich sehr geschätzt hatte. Bei der Erinnerung an den Unsinn, den sie gemeinsam angestellt hatten, musste sie unwillkürlich lächeln.
Als sie sah, wie Janek Cirdan aufhelfen wollte, schlich sich ein hintergründiges Funkeln in ihre Augen. Egal, was die beiden Männer bisher miteinander geteilt haben, sie glaubte ihn besser zu kennen. Allein schon, weil sie die Eigenheiten ihres Volkes kannte. Tara musste zugeben, dass die Shíin ungeheuer stolz waren. Wenn sie nicht gezwungen waren, dann nahmen sie keine Hilfe an und versuchten immer alles erstmal allein zu schaffen. So würde auch dieser Shíin hier wahrscheinlich allein aufstehen wollen. Sie war sehr gespannt, ob sie mit ihrer Einschätzung recht behalten würde.
“Nun, sieht so aus, als würdet ihr hier zurecht kommen. Ich begebe mich auf die Suche nach dem Reh von vorhin. Es schien sich verletzt zu haben, was die Jagd viel leichter macht.” Wieso sich unnötig Umstände machen, wenn es auch einfach ging? Das Tier hatte sich vermutlich ein Bein gebrochen. Unter anderem war es auch gerechtfertigt das Reh von seinen Leiden zu erlösen. “Ihr könntet das Feuer vergrößern, damit wir das Fleisch darüber garen können.”, waren ihre letzte Worte, ehe sie sich erhob und den Blick suchend schweifen ließ, um die Stelle auszumachen, an der das Reh im Wald verschwunden war. Leider gab es keine Blutspur, der sie folgen könnte und dennoch hatte das fliehende Tier deutliche Zeichen auf seinem Weg hinterlassen.
So verließ sie die Lichtung und die beiden Männer und ging auf die Suche. Yastara folgte ungefähr zwanzig Minuten lang den Spuren, ehe sie endlich auf das erschöpfte, halbtote Tier traf. Ihre Ahnung bestätigte sich, es hatte sich ein Bein gebrochen und war in seiner Panik vor dem Wolf auf der Flucht völlig verausgabt. Ein Glück. Das ersparte ihr viel. So war es für sie recht einfach einen ihrer Dolche zu ziehen und ihm die Kehle durchzuschneiden. Da sie trotz allen Trainings nicht in der Lage war das ganze Tier den ganzen Weg zurück zu schleppen und das ausweiden, ausbluten und zerlegen eine ganze Menge Dreck machte, beschloss sie, das Tuch zu nehmen das sie sonst immer nahm, um ihr weißes Haar zu bedecken, und es mit einigen großen Fleischstücken zu füllen, die sie aus dem Reh schnitt. Den Rest würde sie den Tieren des Waldes überlassen. So hatten alle was davon. Das Tuch würde sie hinterher gründlich auswaschen.
Eine halbe Stunde später - sie nahm einen kleinen Umweg, um ein wenig die nähere Umgebung zu erkunden, weswegen sie etwas länger brauchte - kehrte sie zurück auf die Lichtung und hielt direkt auf die beiden Männer zu.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Do, 26. Apr 2012 15:52

Es missfiel Cirdan sehr, dass die beiden in dem Versuch ihm das Leben zu retten seine einzige Hose derart ruiniert hatten. Auch wenn man den Riss wieder nähen konnte, würde sie nie mehr so sein wie vorher und er besaß kein Geld um sich eine neue zu kaufen. Alles was er an Besitz hatte, trug er am Leib. Daher sparte er sich Worte des Dankes. Ein leises Knurren kam über seine Lippen als er sich das Werk der beiden ein wenig genauer betrachtete. „Ihr schuldet mir eine neue Hose.“, meinte er nur knapp und stand eigenmächtig auf ohne auch nur auf die ihm gereichte Hand zu achten. Zwar brauchte er dafür etwas länger und es sah nur halb so elegant aus wie er es gerne gehabt hätte, dennoch schaffte er es irgendwie auf seine Füße zu kommen. „Wann habe ich je deine Hilfe gebraucht um mich wieder aufzurichten, mein Freund?“, entgegnete er nur grinsend und klopfte dem Elfen freundschaftlich auf die Schulter.

Dann sah er wieder zu Yastara, die im Begriff war auf die Jagd zu gehen. Nur allzu gerne hätte er sie dabei begleitet, aber sein Bein schmerzte zu sehr als dass er schnell hätte laufen können. Schon das langsame Humpeln in Richtung des kleinen Lagerfeuers verlangte ihm all seine Kraft ab. Aber trotz all der Schmerzen war er zu stolz und auch zu stur um nach einer stützenden Hand zu fragen. Lieber nahm er das Risiko in Kauf zu stürzen als dass er sich wie ein Schwächling von irgendwem stützen ließ. Darum hatte er noch nie in seinem ganzen bisherigen Leben gebeten und würde es wohl auch nie tun. Eher war er bereit zu sterben.

„Komm Janek, oder willst du dort wo du stehst Wurzeln schlagen? Das Feuer brennt nicht ewig und ich will mich ein wenig ausruhen.“, rief er dem Mann entgegen als er an dem kleinen Lagerplatz nicht unweit des Baumes an dem er zuvor noch den Menschen geschlachtet hatte, angekommen war. Begleitet von einem leisen Keuchen schaffte er es sich hinzusetzen und streckte das verletzte Bein dabei so gut es ihm möglich war aus. Dann nahm er einen größeren Zweig vom Boden auf und begann damit in der Glut herumzustochern um das Feuer noch mehr anzufachen. Schließlich sollte es hell genug brennen um Raubtiere abzuhalten. Einen Bären oder Berglöwen wollte er nicht unbedingt als Gast bei sich haben. Es würde eh ein Abenteuer und eine große Herausforderung für ihn werden auf einen Baum zu klettern um in den dessen Krone zu schlafen. Jedoch war es wahrscheinlicher, dass er am Boden blieb und dort Wache hielt oder zumindest eine übernahm. "Wir haben viel zu bereden. Zuerst verrate mir was du so getrieben hast in den letzten Jahren.", fing er das Gespräch an und kramte in seinem Rucksack herum, der neben dem Feuer lag. Nach einigem Suchen förderte er einen Kanten Brot hervor, der schon hart und einige Tage alt war. Meist jagte er um etwas zu essen zu gelangen, aber für den Fall, dass er einmal erfolglos blieb, hatte er immer einen kleinen Vorrat an Nahrungsmitteln mit dabei.

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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Janek » Mo, 30. Apr 2012 15:24

Angst, dass sich jemand anschleichen würde, hatte Janek nicht. Vielmehr missfiel ihm die unmittelbare Nähe zum Ort der Hinrichtung, den er am liebsten aus seinem Blickfeld verbannt hätte, um nicht mehr darüber nachdenken zu müssen, was dort geschehen war - und wer es getan hatte. Unweigerlich blickte er wieder zu Cirdan hin, der sich soeben aufrappelte und die helfende Hand kommentarlos ausschlug. Janek nahm sie fort, Cirdan war immer schon so gewesen. Er nahm keine Hilfe an, und darin waren sie sich zu Beginn, als ihre Freundschaft noch rein zweckmäßig gewesen war, sehr gleich gewesen. Zu Yastara sagte er nichts mehr, und da sie gleich darauf verkündete, ein Reh erlegen zu wollen, kam er nicht in die Verlegenheit, ihr nochmals zu widersprechen. Sinn hätte es wohl ohnehin keinen gehabt.

Während die Shiín nun also zwischen den Büschen verschwand, hielt Cirdan schwankend auf das kleine Feuer zu, dessen Flammen inzwischen nur noch glimmende Holzstücke waren. Bei seiner Verletzung hätte Cirdan kaum humpeln können, geschweige denn sein Bein voll belasten dürfen, doch der Kerl war stur und zäh. Und das musste er wohl auch sein, denn sonst wäre er schon längstens nicht mehr hier auf dieser Welt. Janek folgte ihm mit zwei Schritten Abstand, während Beklommenheit seine Kehle hinauf kroch. Das Weib war fort, es würde gewiss nicht mehr lange dauern, bis einer von ihnen beiden die Vergangenheit aufwühlte und aus dem klaren, unbedenklichen Quell wieder den trüben, aussichtslosen Morast machte, in dem sie beide gesteckt hatten - Janek deutlich länger als Cirdan. Letzterer ließ sich soeben im wadenhohen Gras nieder. Janek folgte ein wenig zögerlicher seinem Beispiel, achtete bei der Platzwahl jedoch darauf, dass er den Schlachtbaum im Rücken hatte. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Cirdan nach den letzten paar Jahren fragte, noch während sich Janek mühsam überlegte, mit welcher Frage an Cirdan er eben das vermeiden konnte. Der Shiín begann, in seinem Beutel zu kramen, und Janek schwieg einen Moment. Fast mochte es scheinen, als hätte er die Frage nicht gehört, doch dann setzte er doch dazu an, etwas zu sagen. Belegt war die Stimme und leicht kratzig, als er stockend antwortete. "Es... war nicht unbedingt leichter, als du.... fort warst", setzte er an, und wie aus dem Nichts nahm die Nacht ihres genialen Plans wieder vor ihm Gestalt an. Er blinzelte sie fort und starrte, scheinbar gedankenlos, in die tanzenden Flammen. "Blitz und Donner haben mich gerettet", fuhr er dann fort. Es hatte ein Unwetter gebraucht, um selbst diesem Martyrium entkommen zu können. Cirdan war nicht gekommen. Das hatte Janek immer wieder gehofft: Dass der Shiín einen Weg finden würde, um auch ihn auszulösen oder irgendwie dort herauszuholen. Doch mit jedem Tag, der mehr verstrich, war die Hoffnung kleiner geworden, bis sie schließlich so winzih geworden war, dass Janek sie nicht mehr gefunden hatte, wenn er sich abends im Käfig zusammengekauert hatte. Doch das sagte er nicht. Vorwürfe brachten niemandem etwas, erst recht nicht in ihrer Lage. So seufzte er nur und griff sich einen Stock, damit seine Hände etwas zu tun hatten. "Seitdem bin ich... allein." Er wandte den Blick zu Cirdan hin, der einen Brotkanten in der Hand hielt. Es fiel ihm alles andere als leicht, darüber zu sprechen. Er wusste nicht recht, wo er überhaupt beginnen sollte, was Cirdan interessierte. Und auch, was er im Stande war, zu erzählen. Jedes Wort wühlte die Vergangenheit noch weiter auf. "Du?" fragte er deshalb. Vielleicht fiel es Cirdan leichter, von sich zu erzählen. Und vielleicht würde es ihm selbst leichter fallen, zu erzählen, wenn Cirdan genauer nachfragte.

Doch es gab noch etwas, das ihn beschäftigte. "Sag mir, warum du das getan hast, alter Freund." Was er meinte, war wohl ihnen beiden klar. Die Antwort von zuvor genügte ihm nicht. "Vielleicht war es sein Volk, das etwas Unrechtes getan hat, doch dieser Mensch war vielleicht anders, hatte vielleicht Frau und Kinder. Es sieht dir nicht ähnlich." Auch wenn Janek den Schmerz, der vorhin in Cirdans Stimme gelegen hatte, nur allzu gut kannte.
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Re: Der Shiín im Wolfspelz

Beitrag von Cirdan » Di, 01. Mai 2012 13:00

Cirdan sah Yastara nach bis sie ganz zwischen den Büschen verschwunden war. Nur langsam wandte er den Kopf zur Seite und blickte zu Janek hinüber. Für ihn war es schwer zu sagen ob sie noch immer Freunde waren oder aber nur noch zwei Fremde, die sich nach all den Jahren wieder begegnet waren. Sie hatten viel zusammen erlebt, gekämpft und sich gegenseitig Mut gemacht. Aber was war von dieser Zeit geblieben? Jeder von ihnen hatte seitdem ein eigenes Leben gelebt, dass so unterschiedlich gewesen war wie sie es selbst immer gewesen waren. Er, der stolze Shiín, der mit hatte ansehen müssen wie seine Familie hatte sterben müssen und Janek, der geheimnisvolle Wüstenelf von dem er nicht wirklich viel mehr wusste als dessen Namen. Abschätzend leckte er sich über die Lippen und nahm in einer eher unwillkürlichen Geste das Amulett, das auf seiner Brust lag zwischen die Finger. Geduldig wartete er bis der junge Mann ihm antwortete und er hörte mehr als deutlich den stummen, aber dennoch überdeutlichen Vorwurf heraus. „Wann war es jemals einfach gewesen? Du hast überlebt, das ist alles was zählt.“, erwiderte er nur und es mochte für Außenstehende kalt und emotionslos klingen, dass er seinem Freund auf diese Weise antwortete. Aber es war nun einmal seine Art. Gefühle waren ihm fremd geworden. „Dieses Unwetter... man könnte meinen, dass es einzig geschickt worden war um dich zu befreien.“ Wieder umspielte ein Lächeln seine Lippen, doch es erreichte nicht seine Augen, die so kühl waren wie das Wasser des Baches, der sich nicht weit von ihnen leise gluckernd durch die Landschaft zog. „Wie lange ist es her, dass du entkommen konntest und du allein umher streifst? Tage, Wochen, Monate...?“, fragte er ehe er sich auf die Unterlippe biss als die Sprache auf ihn kam und sein Schicksal und ob er allein gewesen war. Auch wenn er die letzten Jahre auf dem Hof der Widerständler verbracht hatte, so war er nie wirklich ein Teil von ihnen gewesen. Im Prinzip war er schon vor dem Fund des magischen Amuletts ein einsamer Wolf gewesen, der sich immer am Rand des Rudels aufgehalten hatte. Cirdan hatte Probleme damit sich anzupassen und sich anderen unterzuordnen. Das war einer der vielen Gründe warum er die Einsamkeit einem Leben unter anderen seinesgleichen vorzog.

„Nachdem mir die Flucht gelungen ist, fand ich bei Shiín Unterschlupf, die sich gegen die Menschen formiert hatten und ihnen Widerstand leisteten. Du musst wissen, dass wir und sie einander bekämpfen.“, sagte er und deutete mit dem Kopf in Richtung des Baumes an dem er den Mann regelrecht hingerichtet hatte. „Wir sind im Krieg mit ihnen. Vor sieben Jahren starben durch einen Angriff der Menschen meine Eltern und tausende andere Shiín als sie unsere Heimat überfallen haben. Seitdem ist der Hass zwischen unseren beiden Völkern nur noch größer.“ Während er sprach, sah er den Freund unentwegt an, suchte dessen Blick und zeigte keinerlei Emotionen oder sonstige Regungen. Ein leises Schnauben war seine einzige Reaktion. „Vielleicht hatte er eine Familie, aber ich hatte auch eine und musste mitansehen wie sie von diesen Monstern abgeschlachtet wurde. Glaubst du allen Ernstes, dass ich das vergessen habe? Nein, das habe ich nicht und ich werde nicht aufhören zu hassen. Jeden einzelnen dieser elenden Kreaturen hasse ich bis aufs Blut und werde ihnen nach ihrem Leben trachten so wie sie es mit uns tun.“ Auch wenn seine eigenen Worte ihn innerlich aufwühlten, blieb er nach außen hin weiterhin ruhig und gefasst. Nicht einmal den pochenden Schmerz in seinem Bein nahm er wirklich wahr.

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