Das Spiel des Windes

Gebiete der Orks und wilden Menschen, und die Gebiete der Clans westlich von Arcanis und Mérindar. » Ortsbeschreibung
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Rahela
Neeskia
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Alter:33
Rasse:wilde Menschen
Heimat:Faernach Clan
Waffen:Dolch
Inventar:Gift, Ritualdolch, Runen
Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Mo, 22. Okt 2012 17:00

Rahela saß am Tisch in ihrem Haus. Ihre verschränkten Arme lagen auf der Tischplatte und ihr Kopf ruhte darauf. Sie schlief, wie schon seit mehreren Nächten, an dem unbequemen Tisch, doch sie störte sich nicht daran. Solange sie leistungsfähig blieb, war es ihr egal. Und das war sie. Sie kümmerte sich unermüdlich um Arn, um Asa und um den Rest des Clans. Sie fand sich plötzlich in den Lager wieder, als sie gegen die Orks aufmarschiert waren. Ihr gegenüber saß Arn und sie unterhielten sich. Vielmehr er sprach, sie hörte zu. Er erzählte ihr gerade von seiner dunklen Seite. „Bevor du zum Clan kamst, gab es eine junge Frau im Clan. Sie hieß Finna. Ich spielte ihr eine dunkle Weise vor, und sie litt Schmerzen und blutete. Es war ein Wunder, dass sie das Kind nicht verloren hatte, welches sie unter ihrem Herzen getragen hatte…“ Rahela fuhr auf und war hellwach. Sie sah sich verwirrt um und erkannte, dass sie in ihrer Hütte war. Es war nur ein Traum gewesen… nein… es war kein Traum! Er hatte ihr diese Geschichte damals im Clan wirklich und wahrhaftig erzählt, doch sie hatte sie als unwichtige Geschichte, die lange vor ihrer Zeit gewesen war, verdrängt und vergessen, es hatte damals keine Bedeutung. Doch nun hatte es das. Finna und Arn kannten sich… und sie Närrin hatte Finna zurück in den Clan geholt… aus Unwissenheit… oder aus Ignoranz? Wieso hatte sie all diese so offensichtlichen und auffälligen Aspekte nicht zusammengezählt? Arn wusste noch nicht, dass sie hier war. Und doch konnte sie Finna nicht zurück in den Geldren-Clan schicken, diese Tür war nun verschlossen. Sie hatte ihr Wort als Schamanin gegeben, sie auszubilden. Bei den Göttern, nun war sie hellwach, und sie brauchte so dringend ihren Schlaf… Sie ging an ihren Kräuterschrank und holte sich Schlafmohn daraus. Sie träufelte davon ein wenig in einen Becher und goss ein wenig Wasser dazu. Sie ging zurück an den Tisch und legte sich wieder in ihre bereits gewohnte Schlafposition bei Tisch. Es dauerte nicht lang und sie fiel wieder einen Schlaf, der, den Göttern wars gedankt, tief und traumlos war…

Am Morgen war Rahela wie gerädert. Es waren einerseits die Nachwirkungen des Schlafmohns und andererseits forderten die Nächte allmählich ihren Tribut. Sie hatte sicher schon einmal besser ausgesehen… sie hatte die letzten Tage wenig gegessen, dafür mehr getrunken, doch nicht Wasser sondern Alkohol und sie fühlte sich müde und matt. Sie saß am Bett bei Arn, der schon seit Tagen immer wieder beinahe nur schlief. Immer wieder schien er Fieberträume zu haben, obwohl er kein Fieber hatte. Sie schnitt seinen Verband ab und nickte zufrieden. Seit Tagen hatte es nicht mehr nachgeblutet und die Wunde war sauber, die Haut darum war weich und zeigte keinerlei Entzündungserscheinungen. Sie hatte ihm starke Schmerzmittel verabreicht, und solche, welche eine mögliche Sepsis unterdrücken würden, solange sein Körper zu schwach war, sich selbst gegen Erreger zu wehren. Dies forderte den Tribut, dass er viel schlief. Doch es würde seiner Genesung förderlich sein. Sie bestrich seine Wunde mit der Kräutersalbe und legte ihm schließlich einen neuen Verband an. Sie gab ihm nun keine Schlafmittel und entzündungshemmende Essenzen. Sein Körper würde nun alleine damit fertig werden. „Asa?“ murmelte er und Rahela runzelte unwillig die Augenbrauen, dann flüsterte er erneut..“Maéve'ja!“ Noch ein Name einer Frau, wie es schien… „Ich musste gehen…“ murmelte er. Rahela beobachtete ihn. Er schien wahre Kämpfe auszufechten in seinen Träumen und er wirkte gequält. Seine Hände wanderten zu seinen Ohren und pressten sich auf diese, als hielte er sich die Ohren zu. Vorsichtig ergriff Rahela seine Hände und legte sie wieder übereinander auf seine Brust. „Schhh… es ist alles gut…“ raunte sie ihm zu. „Du Bastard!“ rief er. Rahela zog sich erschrocken zurück. Meinte er sie damit? „Ich werde Dich finden. Und dann werde ich Dich töten…“ knurrte er und Rahela beobachtete ihn verständnislos. Was, bei den Alten, träumte er da nur? „Rahela…“ murmelte er. Unwillig beobachtete sie ihn. Was sollte das? Was faselte er von finden und töten und im selben Moment murmelte er dann ihren Namen? Ihr wurde ein wenig unbehaglich zumute.

Sie warf einen Blick zur Tür, als sie bemerkte, wie diese sich öffnete und Finna sich mit ihrem dicken Bauch hineinschob, dicht gefolgt von Benwick. „Bist du immer noch nicht niedergegangen?“ brummte Rahela. Es hatte einstweilen noch keinen Sinn, mit ihrer Ausbildung zu beginnen. Sie war kurz vor der Geburt und danach war sie im Wochenbett. Eigentlich war sie momentan zu überhaupt nichts nütze, aber sie konnte sie ja schließlich auch nicht immer wegschicken unter dem Vorwand, sie sollte sich ausruhen… „Guten Morgen, mein Ruka…“ murmelte sie ein wenig freundlicher und nickte Benwick zu. Er musterte sie. „Dir tut Deine Arbeit momentan nicht gut, Du siehst furchtbar aus, Rahela... ruh Dich einmal aus…“ „Danke… das hört man gerne… hab ich Dich vielleicht um Deine Meinung gefragt?“ murrte sie ihn an, ohne ihn dabei anzusehen. Dann warf Benwick einen Blick auf Arn. „Wird er sterben?“ „Nein, wird er nicht…“ fauchte Rahela. „Dafür trage ich immerhin seit Tagen und Nächten Sorge…“ „Der Totenhorcher wird bald eintreffen…“ meinte Benwick schließlich „Der Ru’Naak…“ hauchte Rahela. Seit Tagen dachte sie an nicht anderes. Im Skerôingur Clan hatte sie nie mit ihm zu tun gehabt, und doch wollte sie unbedingt dabei sein, wenn er im Faernach Clan die Toten rufen würde… Rahela sprach mit Arn, erklärte ihm, was es mit dem Totenhorcher auf sich hatte. Er murmelte jedoch nur „Ich habe Blut an meinen Händen…“ „Was meint er damit?“ fragte Benwick. „Ich weiß es nicht, er sagt es bereits seit Tagen… Wir werden sehen, was der Ru’Naak dazu zu sagen hat…“ meinte Rahela. „Meinst Du, Du kannst noch einmal zu Asa gehen?“ Rahela spürte, wie sich alles in ihr wiedersträubte. Seit Tagen riss sie sich auch für Asa den Arsch auf. Und wenn Asa wieder erwacht und gesundet war, würde Asa sich nicht daran erinnern was Rahela geleistet hatte. Sie würde sie mit derselben Verachtung behandeln wie vor dem Vorfall und sie ärgerte sich schon jetzt darüber. „Finna, bleib Du bitte bei Arn und achte gut auf ihn… ich gehe mit dem Ruka zur Rukaja… Ich werde nicht lange wegbleiben…“ Sie lächelte ihr aufmunternd zu und verließ dann mit Benwick das Haus.

Rahela überlegte. Sie musste Asa aus diesem Dämmerzustand befreien… doch wie würde Benwick reagieren, wenn sie einen Blutzauber auf Asa wirkte? Sie würde es zunächst mit einem Riechsalz probieren. Sie hatte einmal daran gerochen… einmal und nie wieder! Dieses Zeug konnte wahrlich Tote wieder aufstehen lassen! Da würde es bei Asa, dieser Schlange, doch hoffentlich auch seine Wirkung zeigen. „Geh schon vor, Voruad…ich habe etwas vergessen…“ meinte Rahela und machte auf dem Absatz kehrt. Benwick nickte und stapfte davon. Als Rahela die Türe öffnete, sah sie Finna, die sich über Arn gebeugt hielt, ihn auf die Lippen küsste und flüsterte „Ich habe Dich vermisst…“ Sie erstarrte und blieb fassungslos in der Türe stehen. Ohne sich einigermaßen zu fangen, schlug sie die Türe zu und rauschte in das Haus und ging an ihren Kräuterschrank. „Was soll das, Finna? Als ich sagte, Du sollst Dich um Arn kümmern, habe ich nicht gemeint, auf diese Art!“ rief sie ihr zornig im vorbeigehen zu. Sie wühlte aufgebracht zwischen den Töpfchen und Döschen auf der Suche nach dem vermaledeiten Riechsalz, bis es ihr schließlich förmlich in die Hände fiel. Finna hatte sich währenddessen erschrocken von Arn zurückgezogen. „Ist das Deine Vorgehensweise bei Verletzten, Kranken und Schutzbedürftigen, ja? Ich gebe Dir einen Rat, und ich hoffe, Du beherzigst diesen. So wird man keine Schamanin, nicht einmal ein dummes Kräuterweib. So kannst Du es lediglich zur Dorfhure bringen… Nicht sehr ehrenhaft. Du wolltest doch Deiner Sippe nicht erneut Schande bereiten, oder liege ich da falsch?“ „Nein, ich will meiner Sippe keine Schande bereiten… und ich will Schamanin werden…“ flüsterte Finna betreten. Rahela wühlte in Ihrer Truhe nach dem Ritualdolch, bis sie ihn schließlich fand. Sie zog den Dolch aus der Scheide und betrachtete ihn prüfend. Das wertvolle Metall schimmerte und die Klinge war scharf wie frisch geschliffen. Unbändiger Zorn schwelte in Rahela, während sie den Dolch in der Hand hielt. Dann wirbelte sie herum zum Tisch und stieß den kostbaren… diesen für Rahela so heiligen Ritualdolch…mit dem sie bisher nicht einmal ein Gänseblümchen von einer Wiese abgeschnitten hatte, wütend in die dicke Tischplatte, wo die wundervolle Damaszenerklinge surrend und singend im harten Eichenholz stecken blieb. „So wirst Du keine Schamanin! So nicht! Das verspreche ich Dir, Finna!“ schrie sie und zog den Dolch wieder aus dem Tisch heraus, wo er eine tiefe Kerbe hinterließ. „Ich will, dass Du gehst! Verlass sofort mein Haus und betrete es nie wieder, wenn ich nicht dabei bin!“ Sie lief zur Tür, stellte sich an diese, hielt den schmiedeeisernen Türgriff dabei fest und sah Finna erwartungsvoll und ungeduldig an, bis sie sich mühsam erhoben hatte und aus dem Haus gewatschelt kam. Rahela ließ ihre Blicke düster über ihren dicken Bauch huschen, dann schloss sie unsanft die Türe hinter sich und Finna, ließ sie einfach stehen und ging schnellen Schrittes Richtung Benwicks Hallen.

Ein unbändiger Hass hatte sich ihrer bemächtigt, während sie zu Benwicks Hallen lief. Ungünstig für einen Besuch bei Asa, fand sie. Also waren sich die beiden doch so vertraut, wie sie befürchtet hatte… dann hatte Jodis wirklich die Wahrheit gesprochen… und dafür hatte sie sie umgebracht?… Sie wünschte sich, sie hätte Jodis am Leben gelassen und Finna wäre nun an ihrer Stelle, mit samt dem Bastard in ihrem Leib, der Bastard, der vielleicht sogar Arns war. Mit wem würde sie nun künftig streiten, wenn nicht mit Jodis? Mit Finna? Wahrhaftig… Eine Stimme der Vernunft schaltete sich in Rahela ein. Es war doch vor ihrer Zeit gewesen, was hatte dies schon für eine Bedeutung? Natürlich hatte Arn vor ihr Frauen gehabt, und das vermutlich nicht zu knapp. Ebenso wie sie bei einigen Männern gelegen hatte. Und hatte sie bis vor kurzem nicht noch gedacht, sie würde nie einen anderen Mann lieben können, als Arjun…? Und doch war es dann anders gekommen… Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Was war denn nur los? Sie waren sich doch gegenseitig zu nichts verpflichtet! Er war nicht ihr Besitz, er war nicht ihr Mann… nichts von alledem… und dennoch tat es weh. Morachs Fluch holte sie erneut ein… Gerade zu der Zeit, als sie für einen leisen Moment dachte, dass er sich endlich verflüchtigt hatte, war er zurückgekommen und traf sie mit voller Wucht. „Reiß Dich zusammen!“ fauchte sie sich selbst zu und kniff die Augen zusammen. Sie hatte sich derart nicht unter Kontrolle gehabt, dass sie ihren wertvollen Ritualdolch förmlich entweiht hatte… ‚Halt ihn auf Distanz… das ist endlich die Gelegenheit, sich endlich aufs Wesentliche zu konzentrieren… Du bist die Schamanin, Rahela und keine Hure wie Finna…‘ dachte sie sich. Oh doch, das war sie… sie war nicht besser als Finna, es drehte sich sogar um denselben Mann… Gab es in diesem Clan nicht genug Männer? Warum musste sich Finna ausgerechnet an Arn hängen? Oder wieso hatte sich Rahelas Herz nicht einen anderen auserkoren den sie nicht haben konnte? Das Herz hatte nun einmal Gründe, die die Vernunft nicht kannte… Konnte sie Finna einen Vorwurf daraus machen? Nein, sie wusste schließlich nicht, was Rahela für Arn empfand. Sie wusste gar nichts… Und doch hatte dies keine Bedeutung für Rahela. Seit vielen Tagen schon kümmerte sie sich unermüdlich um den Barden… er schlief in ihrem Bett, sie schlief nur mehr im sitzen. Sie war müde und erschöpft und ihr ganzer Körper schmerzte…und dann so etwas! Ja, sie hatte es sich selbst ausgesucht, niemand hatte sie um diese Opfer gebeten… sie wollte es nicht anders haben und trotzdem spie sie Gift und Galle vor dieser Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Schicksals. Bevor sie zu Benwick ging, lief sie noch zu Gudrun, der Hebamme. „Kümmere Dich um Finna, wir rechnen täglich mit ihrer Niederkunft…“ meinte sie zu ihr. Gudrun wunderte sich. „Wolltest Du das nicht machen?“ „Nein!“ zischte Rahela ungehalten. „Um was soll ich mich denn noch alles kümmern? Mir scheint, dass in den nächsten Wochen ohnehin keine Frau im Clan ein Kind bekommen wird, also hast Du wohl alle Zeit der Welt. Geh zu ihrer Sippe, stelle Dich Ihnen vor, bereite alles vor für die Geburt und das Wochenbett. Ich muss Dir doch hoffentlich nicht Deine Arbeit erklären“ meinte sie giftig. „Im Übrigen könntest Du die nächsten Male in die anderen Clans gehen und die Kinder auf die Welt bringen… ich bin nicht mehr gewillt, ständig Deine Arbeit zu machen. Ich bin nicht die Hebamme… nicht nur… Ich habe keine Zeit für Finna, ich betreue den Barden und vor allem unsere Rukaja.“ Gudrun sah sie mit großen Augen an. Rahela erwiderte ihren dummen Blick mit Verachtung, dann wandte sie sich ab und ging in Benwicks Hallen. „Brings hinter Dich, danach hast Du für heute Deine Ruhe…“ flüsterte sie sich zu und trat durch das große Tor.

Sie lief durch die Halle. Seit Asa verletzt war, hatten sich einige Dinge verändert. Weitaus weniger Menschen waren in Benwicks Hallen willkommen. Er nahm Rücksicht auf Asa und verzichtete aus diesem Grund auch weitestgehend auf Feste am Abend. Nur ab und an öffnete er seine Hallen des Abends. Wohl nur, um nicht von seiner Gunst des Clans einzubüßen. Sie trat in die Nebenräume, wo Asa lag. Sie betrachtete sie. Sie war ein wenig abgemagert in letzter Zeit. Ihre Haut wirkte fahl und grau und sie schien um Jahre gealtert, wie sie so da lag. Die Hörigen waren dazu angewiesen, ihr, wann immer es ging, ein wenig Wasser einzuflößen, damit sie nicht verdurstete. Neben dem Versorgen der Wunde war dies das Einzige, das man für sie tun konnte. Rahela kniete sich an ihr Bett, begleitet von Benwick. Er sah sie forschend an „Was ist los? Du bist so blass… Du hast vorher besser ausgesehen als nun…“ Rahela lächelte schief „Vorhin hast Du aber gesagt, wie schlecht ich aussähe… und nun sehe ich noch schlimmer aus?“ „Du weißt, was ich meine, Rahela. Was ist los? Ist etwas vorgefallen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist alles in bester Ordnung…“ log sie und senkte den Blick, um sich Asa zuzuwenden. Er beobachtete akribisch, was Rahela tat, vermutlich wollte er sich vergewissern, ob sie alles in ihrer Macht stehende tat. Sie betrachtete die Wunde. Sie war gut verheilt. Doch warum erwachte sie nicht? Sie zog das Töpfchen mit dem Riechsalz aus ihrer Tasche und hielt es ihr unter die Nase. Unruhig drehte diese den Kopf zur Seite, als ihr die stechenden Dämpfe die Nase umwaberten, doch es zeigte keine Wirkung. Schulterzuckend wandte sie sich an Benwick. „Mein Ruka…“ begann sie ein wenig zögerlich, da sie nicht wusste, wie er auf ihren Vorschlag reagieren würde. „Ich könnte einen Blutzauber wirken… ähnlich dem Ritual der Götterweihe, als wir in den Krieg gegen die Orks zogen… sieh es als ein Blutopfer an die Götter an, dass sie Asa wieder zurück ins Leben holen. Sie haben aufgehört, an ihrem Tuch zu weben… und dieses Ritual soll sie daran erinnern, sich der Arbeit wieder zuzuwenden…. Bei Arn hat es schließlich und endlich funktioniert… Bist Du damit einverstanden, mein Charaid?“ Er nickte. „Lass nichts unversucht, Rahela, ich vertraue Dir…“ Sie nickte. „Doch ich bitte Dich, verlasse den Raum…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte dabei sein…“ Sie wiegte den Kopf doch vermied es, etwas zu sagen. Er war Asas Mann, er war der Fürst und sein Wort war Gesetz. Sie kramte in der Tasche nach dem Ritualdolch. Sie hatte keine halluzinogenen Essenzen bei sich. Egal, es würde auch ohne gehen. Es war ihr sowieso lieber, sie würde im Beisein von Benwick alle ihre Sinne beisammen haben, sie war die letzten Tage nur noch müde und unkonzentriert, und die Sache mit Finna hatte ihr schließlich den Rest gegeben. Das würde ihr gerade noch fehlen, dass sie einen Fehler beging, weil sie nicht bei der Sache war… Sie nahm ihren Ritualdolch und schnitt sich in den Finger. Sie würde das Ritual dezenter machen, aus Rücksicht auf Benwick. Sie malte eine blutige Rune auf Asas Stirn, während sie Gebete zu den Göttern murmelte. Es war die Rune Kenaz. Sie symbolisierte Lebensenergie, Veränderung, Lebenswillen und Regeneration. Sie betete weiter und malte noch eine Rune auf Asas Stirn, Raidho… sie stand für Neuanfang, einen neuen Weg und Versöhnung… vielleicht würde diese Rune die Zwistigkeiten zwischen Asa und Rahela eindämmen… Als Rahela das Ritual beendet hatte, schob sie den Dolch wieder zurück in die Scheide, nicht, ohne mit Bedauern zu bemerken, dass die Dolchspitze leicht verbogen war. Sie würde sie zum Schmied des Clans bringen müssen… „Jetzt können wir nur mehr beten, mein Ruka…“ meinte sie zu Benwick zu erhob sich wieder. „Alles wird wieder gut…“ sagte sie zu ihm, und strich ihm vorsichtig über die bärtige Wange, als sie die Trauer in seinen Augen sah. „Wenn Du etwas brauchst, ich bin jederzeit da…“ meinte sie und nickte ihm aufmunternd zu. Dann verließ sie die Hallen und ging zurück nach Hause.

Während der nächsten Tage war Arn wieder nur in Dämmerschlaf. Rahela war enttäuscht, sie hatte eigentlich erwartet, dass er nun über dem Berg war. Den Göttern wars gedankt, dass im Clan so gut wie keiner ihre Hilfe benötigte, so dass Rahela trotz des schönen Wetters meistens bei Arn im Haus blieb. Thargôn ließ sie viel frei fliegen, meist war er den ganzen Tag über draußen und kam erst abends zurück. Er sprang hierbei dann meistens durch die obere Dachklappe zurück ins Haus. Unbekümmert schwatzte sie den ganzen Tag mit Arn, ob er sie nun hören konnte oder nicht, war ihr einerlei. Und sie nahm sich endlich einmal Zeit für Dinge, die sie schon längere Zeit erledigen wollte. Zum Beispiel das Ausbessern ihres zerschlissenen Mantelsaumes. Den Umhang würde sie nun erst wieder im Winter brauchen. Nachdem er ausgebessert war, ließ sie den Wollstoff tagelang in der Sonne lüften. Sie war damit schneller fertig geworden als gedacht und holte schließlich den Stoff hervor, den sie von Asis gekauft hatte. Dieser wunderbare rote Stoff… sie würde daraus ein Kleid nähen, welches sie sich schon immer gewünscht hatte. Ein Teufelsfensterkleid… Dies war ein Kleid mit recht weiten Armausschnitten. Es bot ziemlich freche Einblicke auf das darunterliegende recht körpernah geschnittene Unterkleid. Es war ein wahrhaft frivoles Kleid, gemessen an ihrem Stand, doch war es ein Kleiderschnitt, den sie sich als einzigen für die warme Jahreszeit vorstellen konnte. Ärmellos und mit weiten Armausschnitten.. Das dunkelgrüne war einfach zu warm. Was interessierte sie, was andere darüber denken mochten! Den ganzen Vormittag über rutschte und kniete Rahela auf dem Boden um den Schnitt auf dem Stoff zu erstellen. Sie durfte keine Fehler dabei machen. Mit Kreide zeichnete sie alles auf den Stoff, hob dann den ganzen Stoff wieder an, hielt ihn sich an den Leib, drehte sich damit, probierte, besserte aus und als sie das Gefühl hatte, es würde passen, schnitt sie den Stoff schließlich an um die Schnittteile auszuschneiden. Dann griff sie zu Nadel und Faden und begann zu nähen. Sie schwieg nun, sie wusste gerade nicht, was sie Arn noch so erzählen sollte. Wäre er wach gewesen, wäre er sicher schon lange schreiend durch das geschlossene Fenster gesprungen, soviel hatte sie die letzten Tage ohne Pause geredet und geschwatzt. Sie wusste ja nicht, wie sein Geisteszustand war, doch sie nahm an, trotz allem war es am Besten, den Alltag ganz normal zu leben, als all zu viel Rücksicht zu nehmen und seinen Geist der Ruhe und Einsamkeit zu überlassen. Während sie nähte, dachte sie an Finna. Sie hatte nun schon tagelang nichts mehr von ihr gehört. Sie hatte weder nach ihr schicken lassen, noch hatte sie sie in ihrer Sippe aufgesucht. Er herrschte Ruhe und Schweigen zwischen den beiden Frauen und Rahela genoss es. Sie hatte ihr Gudrun geschickt, das war mehr als sie von Rahela zu erwarten hatte nach dieser Sache. Wann mochte dieses Balg endlich auf die Welt kommen? Doch es war Gudruns Sache. Rahela hatte sie mit dieser Aufgabe betraut und war somit aus dem Schneider, fand sie. Sie war nicht die Hebamme des Clans. Nicht, solange es Gudrun gab. Sie hatte ihr genug Geburten abgenommen die letzte Zeit und damit war nun Schluss, hatte sie beschlossen. Nach vielen Stunden des Nähens schmerzten ihre Finger und ihre Handgelenke, doch sie war nun fertig geworden. Stolz betrachtete sie das fertige Kleid. Sie zog ihr dunkelgrünes Kleid aus und probierte das neue rote. Zufrieden betrachtete sie es. Es war ihr wahrlich gut gelungen. Es ging nichts über Fertigkeiten, die man besaß. Sie machten unabhängig und Unabhängigkeit war so wichtig für Rahela. Sie sammelte die Stoffreste zusammen, verstaute die Nadeln, Garn und Schere wieder an Ort und Stelle. Kaum war sie fertig klopfte es an der Türe. Verwundert öffnete sie die Türe. Es war eine Hörige. „Neeskia…“ verbeugte sie sich. „Mich schickt die Hebamme des Clans. Finna liegt in den Wehen…“ Rahela kniff die Augen zusammen. „Ja und? Was habe ich damit zu schaffen?“ Die Hörige wurde unsicher. „Ich bin nur hier, um die Nachricht zu überbringen, Neeskia… Die Hebamme erwartet Euch…“ „Soso, tut sie das… ich bin ja auch ihre Leibeigene, die springt, sobald sie schickt, nicht wahr?“ Rahela stieß diese Worte ungerührt aus, ohne sich darum zu kümmern, wen sie vor sich hatte, nämlich eine Leibeigene…“ „Danke, Du kannst wieder gehen…“ meinte sie schließlich zu der Hörigen und warf ihr die Türe vor der Nase zu. In aller Seelenruhe ging sie zuerst zu der Feuerstelle, über der Wasser simmerte und sie holte sich aus ihren Kräutervorräten Minze und brühte sich erst einmal einen Tee auf. „Nun bekommt sie also doch noch ihr Kind…“ sinnierte sie vor sich hin, während sie den Tee trank und strich über den roten Stoff ihres Kleides. „Hoffentlich dauert es recht lange, und hoffentlich wird es recht schmerzhaft…“ flüsterte sie boshaft. Nach einer Weile bequemte sie sich doch auf. Sie trat noch an Arns Bett heran. „Ich muss gehen…“ meinte sie zu ihm, während sie ihn betrachtete und sich seine Brust langsam und regelmäßig hob und senkte. Eine Haarsträhne war verrutscht. Sie strich diese mit zwei Fingern zurück und verspürte plötzlich das unbändige Verlangen, ihn zu berühren. Doch dann tauchten vor ihrem inneren Auge wieder die Bilder von Finna auf, wie sie sich über ihn gebeugt hatte, und sie zog ihre Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Sie wandte sich ab und verließ das Haus.

Sie betrat das Haus von Finnas Sippe und das Erste was sie vernahm, war Finnas hysterisches lautes Geschrei. Rahela schmunzelte, als sie es vernahm. Einige Angehörige der Sippe standen herum und beteten zu den Göttern oder liefen geschäftig umher um Finna etwas zu bringen. Im hinteren Teil des Hauses lag Finna in ihrem Bett, hatte die Hände in die Laken gekrallt und wand sich unter den Geburtsschmerzen. Sie war hochrot im Gesicht und schwitzte stark und ihr sonst so schönes blondes Haar hing ihr strähnig und feucht ins Gesicht. Ihre Miene hellte sich zwischen den Wehen kurz auf, als sie Rahela erblickte. „Rahela.. wie schön, dass Du es noch rechtzeitig geschafft hast…“ keuchte sie und begann eine erneute Wehe zu veratmen. Rahela betrachtete Finna irritiert. Wieso freute sie sich so, sie zu sehen? Sie hatten sich doch unmissverständlich getrennt, nach der Sache mit Arn. Dachte sie ernsthaft, die Sache war vergeben und vergessen? „Wie schön, dass Du es noch nicht geschafft hast…“ meinte Rahela boshaft, während ihre Blicke über die nahezu nackte Finna wanderten und wandte sich dann Gudrun zu. „Wie weit ist sie?“ Gudrun trat heran. „Der Muttermund ist bereits verstrichen. Es wird nicht mehr lange dauern.“ „Und wie lange liegt sie nun schon in den Wehen? Ich meine richtig heftige…“ Gudrun überlegte kurz… „Hmm… seit den frühen Morgenstunden…“ Ein boshaftes Lächeln huschte über Rahelas Gesicht. „Wirklich, so lange schon? Das sind ja bereit mindestens zwölf Stunden!“ Gudrun nickte. „Ja, die Arme… sie ist schon total entkräftet… darum habe ich nach Dir schicken lassen… sie wollte Dich unbedingt dabeihaben…“ „Aha...“ meinte Rahela. Sie trat an Finna heran und setzte sich zu ihr und wandte sich dann an Gudrun. „Gibt es hier Schnaps?“ Gudrun nickte und holte die Flasche. „Hier, halte Deine Hände auf, ich träufle Dir ein wenig davon darauf.“ Rahela schüttelte den Kopf. „Doch nicht dafür… ich meinte in einem Becher… zum trinken… für mich!“ Verblüfft blickte Gudrun sie an. „Ach so…“ „Aber wenn Du mir einen Becher gebracht hast, kannst Du mir auch damit die Hände reinigen…“ meinte sie gönnerhaft. „Geh, ruh Dich aus, ich werde hier weitermachen…“ Damit rieb sie sich ein wenig von dem starken Branntwein in die Hände bis dieser getrocknet war. Finna schrie und keuchte, denn sie wurde von einer erneuten starken Wehe übermannt. „Ruhig… Ruhig Finna… atme… atme einfach…“ versuchte Rahela sie zu beruhigen. „Verspürst Du den Drang, zu pressen? So, als müsstest Du…“ sie überlegte kurz… „Naja, hast Du das Gefühl als müsstest Du scheißen…?“ fragte sie derb und gerade heraus. Finna lachte keuchend auf zwischen den Wehen „Ja… ja… ich glaube schon!“ „Dann press, als ob Du genau das tun möchtest… aber nicht hinten, sondern vorne…“ Besser konnte sie es nicht beschreiben. Sie hatte ja noch nie ein Kind bekommen und musste sich hierbei auf die Erfahrungen und Erzählungen anderer Frauen verlassen. „Ja… gut so, Finna… weiter… weiter… Du hast es bald geschafft!“ ermunterte Rahela die junge Frau als sie den Kopf des Säuglings sah. Finna schrie auf, als der Kopf schließlich gänzlich heraus trat. Es war das schmerzhafteste an der Geburt, den Kopf herauszupressen und Rahela half mit ihren Händen vorsichtig nach. „Komm schon, Finna, einmal noch kräftig pressen, dann hast Du es geschafft!“ Finna legte all ihre Kraft in diese letzte Presswehe und Rahela ergriff den Säugling an den Schultern und zog ihn schließlich vorsichtig heraus. Blut schwappte auf die unter Finna ausgebreiteten vorbereiteten Leintücher. Rahela hielt das Neugeborene in den Händen und ließ die Nabelschnur auspulsieren. Dann schnitt sie sie durch und übergab das Kind Finnas Mutter, die sich mit angewärmten Tüchern daneben gestellt hatte und es entzückt in Empfang nahm. Rahela ließ ihre Blicke über Finna gleiten, die weiterhin stöhnte. Wieso war der Bauch nicht flach? Vorsichtig tastete sie darüber. „Es ist noch eins da!“ stieß sie überrascht hervor. „Gudrun, wusstest Du davon? Wieso hast Du mir nichts davon gesagt?“ fragte sie die Hebamme. Diese war herangeeilt und glotzte abwechselnd Finna und Rahela an. „Ich hatte keine Ahnung!“ „Hast Du ihren Bauch nicht gründlich abgetastet? bohrte Rahela nach. Gudrun schüttelte den Kopf. „Ich hielt es nicht für notwendig… gab diese kläglich zu. „Was bist Du eigentlich für eine Hebamme?“ wunderte sich Rahela und runzelte die Augenbrauen. „Geh weg… geh mir aus den Augen… wir sind hier noch nicht fertig wie Du siehst…“ wachelte Rahela unwillig mit der Hand und wandte sich wieder Finna zu. Einige Presswehen später war dann auch das zweite Kind geboren. Das Erste war ein Mädchen, und das Zweite ein Junge. Beide waren so blond wie ihre Mutter. Rahela nahm nicht an, dass es sich um Arns Kinder handelte, doch wie sicher konnte man sich sein? Rahela erhob sich und trank ihren Becher aus. „So, meine Arbeit hier ist getan.“ meinte sie. Sie hatte Finna nach ihrem Wunsch begleitet, und nun war es an der Hebamme, die Kinder und Finna weiter zu versorgen. Sie wollte damit nichts mehr zu tun haben, sie hegte immer noch Groll gegen Finna, und dieser würde so bald nicht verebben, sie kannte sich…„Schick nach einer Amme… Finna wird sich anfangs schwer tun, beide Kinder zu stillen…“ meinte Rahela zu Gudrun. Dann verließ sie grußlos das Haus. Es war schon Abend und Rahela war müde.

Am nächsten Tag war Rahela in Benwicks Halle. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie Benwicks Stimme vernahm. „Arn? Du bist erwacht!“ Erfreut lief sie zu ihm und musterte ihn von unten nach oben, bis sie sich gewahr wurde, dass sie sich geschworen hatte, Abstand zu ihm zu halten. Da kam es ihr gerade Recht, dass sie Thargôn auf seiner Schulter sitzen sah. „Ah... und meinen Raben hast Du auch mitgebracht…“ bemerkte sie finster. Zumindest ließ der treulose Vogel sich dazu herab, sich doch auf Rahelas Schulter zu begeben. Sie bedachte auch den Raben mit einer bissigen Bemerkung, als er „Arn..“ krächzte. Sie hatte keine Lust mehr, sie wollte am liebsten nachhause gehen, sich hinlegen, und einfach nur schlafen… sie war so unsagbar müde… Und doch musste sie verweilen. Yoren, Benwicks Bruder war gekommen und ein Botenrabe war erschienen und brachte Kunde vom Ru’Naak, dass dieser in zwei Tagen im Faernach-Clan eintreffen würde. Sie unterhielt sich mit Yoren und Arn und wieder schaffte es der Vogel, Rahela durch das Wort „Hexe“ in Verlegenheit zu bringen. Sie hatte sich von Arn entfernt, als dieser nachbohrte und sie bedrängte, was denn los sei mit ihr und sie war zu Asa gegangen. Im Grunde starrte sie sie nur an, ohne dabei an sie zu denken oder etwas zu fühlen. Ihre Gedanken drehten sich um den Ru’Naak. Sie würde alles dafür geben, dieser Totenbeschwörung beizuwohnen. Alles… sie würde in diesem Moment sogar den treulosen Vogel opfern, der Arn doch ohnehin lieber zu haben schien als sie… Mit Bitterkeit dachte sie an Thargôn. Er war eigentlich alles, was sie hatte, und nicht einmal dieser schwarze Vogel war ihr vergönnt… Vermutlich lag sogar dies an Morachs Fluch… Nach einer Weile verließ sie Asas Quartier und ging wieder zu Arn. „Ich habe nachgedacht…“ meinte sie schließlich. „Du hast es zu Verschulden, dass ich Thargôn von dem Ru’Naak fernhalten muss, weil wir es nicht riskieren können, dass er mich vor ihm ‚Hexe‘ nennt, also wirst Du Dich auch um ihn kümmern, solange der Totenhorcher da ist. Du bist nun wieder wohlauf, also kann ich Dich ja nun wieder unbesorgt in Deine Hütte schicken. Den Vogel kannst Du gleich mitnehmen, damit ihr Euch noch gut aneinander gewöhnen könnt…“ Mit dieser Bemerkung gab sie Thargôn einen kleinen Schubser und er flatterte auf und ließ sich auf Arns Schulter nieder. Arn blickte Rahela verständnislos an, doch sie erwiderte nichts und blickte die beiden nur finster an. Sie schwieg einen Moment und meinte schließlich. „Übrigens… Finna hat es endlich überstanden, sie hat Zwillinge bekommen…“ „Finna?“ wiederholte er verwirrt. „Ja doch, Finna… Du weißt schon, lange üppige blonde Haare, süßes hübsches Gesicht, eine Figur zum niederknien… ungefähr halb so alt wie ich… sie war doch aus dem Clan verbannt, weil sie ihrer Sippe Schade bereitet hatte… Sie war Vebjorn versprochen… doch empfing sie ein Kind von einem anderen… Jetzt wissen wir, es sind sogar zwei Kinder von einem anderen… sie habe sie im Geldren Clan kennengelernt, das habe ich Dir doch erzählt, weißt Du nicht mehr? Ich habe sie in den Faernach Clan zurückgeholt um sie zum Kräuterweib und vielleicht später noch zur Schamanin auszubilden, wegen ihren vielversprechenden Fähigkeiten. Da wusste ich allerdings noch nicht, dass ihr Euch kennt… „ gab sie zu. „Und ihr kennt Euch doch ziemlich gut, nicht wahr…?“ Arn sah sie weiterhin seltsam an, und Rahela vermutete, dass er immer noch nicht wusste, wovon sie sprach. „Ach Arn! Finna! Die, die dich so sehr vermisst hat… Finna, die dich vor zwei Tagen geküsst hat…“ „Wovon sprichst Du bitte?“ fragte Arn sie misstrauisch. „Besuch sie doch in ihrer Sippe… Glückwünsche zur Geburt sind ohnehin angebracht. Besuch sie, wünsch ihr alles Gute, und frag sie doch selbst…“ meinte sie und wandte sich ab. „Leb wohl, Thargôn, bis bald…“ murmelte sie. Dann ließ ihn Arn stehen und verließ Benwicks Halle und ging nachhause.

Dort angekommen suchte sie ihre Pfeife, stopfte ein wenig Pfeifenkraut hinein und holte aus dem Kräuterschrank den berauschenden Pilz. Sie brach ein ordentliches Stück davon ab und stopfte es zu dem Pfeifenkraut in die Pfeife. Das war jetzt genau das Richtige, um zu entspannen. Sie entfachte einen Kienspan in der Glut der Feuerstelle und entzündete damit die Pfeife. Sie zog an der Pfeife und blies den Rauch tief aus und seufzte auf. Dann suchte sie in ihrer Vorratskammer den ‚Rewin‘… doch er war nicht da. Irritiert verließ sie die Speisekammer und sah dann die Flasche auf dem Tisch stehen. Sie holte sich einen Becher um sich einzuschenken, hob die Flasche an und schüttelte sie. „Leer…“ murmelte sie. Sie überlegte einen Moment. Sie hatte ihn sicher nicht ausgetrunken. „Arn…“ dachte sie. Mit einem Schulterzucken stellte sie die leere Flasche wieder auf den Tisch. Er konnte den Wein ruhig haben, er hatte ja nun auch ihren Vogel. Sie holte aus der Speisekammer eine der Flaschen, die sie bei Bodo erstanden hatte. Dann würde sie sich diese bittere Stunde eben mit einem Likör versüßen…
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Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Mo, 22. Okt 2012 19:26

Bildoren hatte Adraéyu nachdenklich gestimmt. Seiner Ansicht nach würde es für alle besser sein, wenn er einfach den Clan verlassen würde. Der Ru'Naak würde alle Geheimnisse ergründen und offen legen. Er würde die Wahrheit aus den Toten heraus lesen. Wie ein Seher, welcher in den Eingeweiden eines Hasen oder dem Blut eines schwarzen Hahns liest, welches zusammen mit Runen und Knochen in einer Schüssel als Kupfer oder Zinn schwamm. Doch wie viel steckte wirklich hinter der Macht des sogenannten Totenhorchers? War seine Macht wirklich? Konnte er wirklich mit den Geistern oder Seelen der Lebenden und denen der Toten sprechen? Wer konnte prüfen ob die Worte des Ru'Naak wahrlich die der Toten waren, und nicht seine eigenen? Es gab nur eine Antwort auf diese Frage: Niemand. Dies war es wohl, was Yoren damit gemeint hatte, als er sagte der Totenhorcher sei mächtig.

Yoren hatte sich schließlich von Adraéyu entfernt und ihn alleine und nur in Gesellschaft mit seinen düsteren Gedanken stehen lassen. Adraéyu war geistesabwesend. Er sinnierte über die Macht und das Götterblut, welches laut den Legenden der wilden Lande in Rahelas Adern fließen soll. Floss auch Götterblut in den Adern es Totenhorchers? Zweifellos glaubten dies die Menschen. Sonst würden sie ihm nicht mit solcher Demut begegnen. Während Adraéyu seinen Gedanken nachhing, trat Rahela wieder an ihn heran. Sie schien aufgebracht zu sein und drängte ihm ihren Raben auf. Er sollte den schwarzen Vogel so lange hüten, während der Totenhorcher zugegen sein würde. »Was soll ich mit ihm anstellen? Er ist doch dein Vogel.«, maulte Adraéyu, doch Rahela winkte nur ab. »Du hast mir diese Suppe eingebrockt, also wirst du mir auch helfen sie auszulöffeln. Verstanden?« Rahela blickte Adraéyu streng und ernst an und er verzichtete darauf zu widersprechen. Er würde den Raben schon irgendwie beschäftigen. Er kraulte dem Vogel ein wenig geistesabwesend den Bauch, als dieser sich auf seine Schulter gesetzt hatte. Rahela hatte ihn so überrumpelt, dass ihm erst jetzt aufgefallen war, dass sie ein neues Kleid trug, welches er bisher noch nie an ihr gesehen hatte. Eigentlich war dieses Kleid kaum zu übersehen. Es war bordeauxrot und hatte tiefe Ausschnitte auf den Seiten, die ihr bis zur Hüfte gingen und sehr viel ihres naturbelassenen Untergewandes aus Leinen offenbarten. Das eng anliegende, blasse Kleid schaute beinahe neckisch und zugleich herausfordernd unter dem Kleid hervor, dass Adraéyu nicht umhin kam zu vermuten, dass sie dieses Kleid bewusst angezogen hatte, um damit aufzufallen. Doch gerade als er sie auf das Kleid ansprechen wollte, da fuhr sie ihm schon ins Wort, bevor er auch nur den Mund auf gemacht hatte.

»Übrigens … Finna hat es endlich überstanden. Sie hat Zwillinge bekommen …«, sagte Rahela plötzlich. Adraéyu fühlte sich von diesem plötzlichen Themenwechsel ein wenig überrumpelt. Welche Finna? Wovon sprach sie? »Finna?«, hakte Adraéyu verwirrt nach und Rahela erzählte ihm beinahe die halbe Lebensgeschichte dieser Frau. Doch vergingen viele ihrer Worte in seinem Geist, ohne dass er sich ihrer gewahr wurde. Wie eine Seifenblase, die vor seinen Augen zerplatzte. Eben noch schwangen die Worte durch den Raum, und schon im Nächsten waren sie fort. Aber so langsam dämmerte es Adraéyu, doch fehlte noch das letzte Bindeglied und er sah Rahela nur seltsam und vielleicht auch ein wenig geistesabwesend an. »Ach Arn! Finna! Die, die dich so sehr vermisst hat … Finna, die dich vor zwei Tagen geküsst hat …« In Rahelas Stimme schwang ein anklagender Unterton mit. Geküsst? Finna? Die Worte schossen Adraéyu durch den Kopf. Er erinnerte sich dunkel. Doch war das nicht ein Traum gewesen? Die seltsame, fremde Stimme. Er hatte ihre Lippen auf den Seinen gespürt. Dies war wahrhaftig geschehen? Es hatte sich so fremdartig angefühlt, so fern dass er angenommen hatte, er hätte geträumt. »Wovon redest du bitte?«, hakte Adraéyu nach. »Ich kenne nur eine Finna, und ich bezweifle, dass sie mich vermisst.«, sagte er, doch trafen seine Worte auf taube Ohren, denn Rahela hatte sich bereits von ihm abgewandt und stob aus der Halle davon. Wie eine Etáín, die erhaben aber zornig über das Wasser glitt, ohne auch nur eine Welle auf das Wasser zu zeichnen.

Skeptisch und verwirrt blickte er Rahela nach. »Versteh' einer diese Frau.«, murmelte Adraéyu ungehalten und wandte sich seinerseits auch zum Gehen. Er warf einen letzten Blick zum Thron, welcher einsam und verlassen in der Halle des Stammesführers Benwick stand. Er stand etwas abseits und sprach mit Yoren. Sie waren in ihr Gespräch so vertieft, dass sie weder bemerkten, dass Rahela gegangen war, noch dass er sich abwandte. Und so schickte sich Adraéyu an den Hof des Fürsten hinter sich zu lassen und auf den Dorfplatz zu treten. »Warum ist Rahela nur so schwierig?«, murmelte er geistesabwesend. Er überlegte für einen Augenblick und erwog sich davon zu überzeugen, ob es wirklich jene Finna war, von welcher Rahela gesprochen hatte. Jene Finna, welche er vor einem halben Jahr zuletzt gesehen hatte. Oh, sie hatten sich im Bösen von einander getrennt. Er hatte ihr versprochen bei Benwick ein Wort für sie einzulegen. Dafür zu sorgen, dass sie Schamanin würde. Und er hatte sie betrogen. Sie musste rasend vor Wut gewesen sein, als sie zu dem Mann geschickt wurde, welchen ihr erboster Vater für sie ausgesucht hatte. Krampfhaft versuchte Adraéyu sich an den Namen des Clans zu erinnern, zu welchem sie geschickt worden war, doch er wollte ihr nicht einfallen. Hatte sie ihn überhaupt erwähnt? Doch hatte Rahela nicht gesagt, sie würde sie zur Schamanin ausbilden? Irgendwie hatte er damit doch sein Wort gehalten. Wenn auch um ein Jahr verzögert. Er musste breit grinsten, ob dieser Erkenntnis und schüttelte sogleich den Gedanken an Finna und auch Rahela beiseite. ›Sie wird noch immer zornig sein.‹, dachte sich Adraéyu. Er hatte kein Interesse dieser Frau über den Weg zu laufen. Schon genug, dass Rahela wegen ihr so schlecht gelaunt war. »Sollen sie die Alten holen. Alle beide. Mir ist es gleich.« Er lachte und Thargôn begann zu krächzen. »Ja, Recht hast du.«, pflichtete er dem Raben bei.

Aus einem inneren Drang heraus wollte er nun ein Lied über den Totenhorcher dichten, um es in der Halle Benwicks vorzutragen. Er hatte sich, von all dem, was er heute über diesen Mann gehört hatte, bereits ein Bild von ihm gemacht. Und dieses Bild wollte ihm nicht gefallen. Es war ein alter, archaischer Mann, der nicht Adraéyus Respekt verdiente, sondern nur seinen Hohn und seinen Spott. Mit Thargôn auf seiner Schulter ging er zu seinem Haus um sich seine Laute zu besorgen. Er wollte sich auf den großen Baumstumpf am Rand des Dorfplatzes setzen. Jenen Stamm, auf welchem er immer sein Lied den Etáín darbot, wenn der Wind ihn dazu drängte. Er hoffte der Wind würde ihm Muse sein und ihm zu einem guten Lied verhelfen. Er schnappte sich noch einige Nüsse und steckte eine davon Thargôn zu, welcher sich mit der Nuss im Schnabel sogleich in die Lüfte erhob. Er schraubte sich immer höher, bis er sich auf einmal fallen ließ und die Nuss gezielt auf den Runenstein, welcher in der Mitte des Platzes stand, fallen ließ. Augenblicklich brach die Schale auf und Thargôn landete auf der Wiese und hüpfte zufrieden zu der Nuss hin. Adraéyu kam nicht umhin die Schläue dieses Vogels zu bewundern.

Indes legte sich Adraéyu sein rechtes Bein auf das Linke und legte dann die Laute auf die so entstandene Stütze. Er schlug einige Akkorde an, und nickte zufrieden. Sie war nicht verstimmt, und er konnte sogleich loslegen. »Es war einst ein Mann, der sprach mit den Toten …«, begann Adraéyu, doch schüttelte er kurz darauf den Kopf. »Nein.«, murrte er. »Es ist doch kein Märchen.« Er überlegte für einen Augenblick. »Der Totenhorcher, ein weiser Mann. Dem niemand ein Geheimnis verwehren kann.« Adraéyu schüttelte den Kopf. »So geht das nicht.«, grummelte er. Er erhob sich von dem Baumstumpf und lehnte dann die Laute dagegen. Missmutig stapfte er davon und begab sich in das Haus, welches Benwick ihm erst vor wenigen Wochen geschenkt worden war. Zielstrebig steuerte er auf den kleinen Schrank zu, in welchem Fenris immer seine Kräuter verstaut hatte. Er öffnete die Tür und zog sich einen der vielen Tontöpfe heraus. Dann nahm er den Deckel ab und griff hinein. Kurz darauf förderte er eine kleine Menge Tabak daraus hervor. Er stellte den Tonkrug a und nahm sich sogleich die Pfeife zur Hand, welche auf dem kleinen Tisch neben dem Schrank lag. Er begann ein einfaches Lied vor sich hin zu summen, während er den Tabak in den Kopf der Pfeife stopfte. Als dies vollbracht war, legte er die Pfeife beiseite und verschloss dann den Tonkrug um ihn darauf hin wieder in den Schrank zu stellen. »Mit einem Pfeifchen, da dichtet es sich doch gleich besser.«, flötete Adraéyu ein wenig in Freudiger Erwartung. Er nahm die Zunderbüchse zur Hand und streute etwas von dem Zunderpulver über den Tabak. Dann schlug er die Feuersteine einige Male zusammen und wartete, bis die Funken den Zunder in Flammen aufgehen ließen. Augenblicklich zog er an der Pfeife, und fachte so die schwelende Glut weiter an, bis der Tabak schließlich rauchte.

Zufrieden legte er die Steine in die Zunderbüchse zurück und verließ rauchend das Haus. Er wandte sich wieder dem Baumstumpf zu, und fand seine Laute dort vor, wo er sie zurück gelassen hatte. »Nun denn.« Begann Adraéyu mit neuem Élan und sog kräftig an der Pfeife. Der dunstige Rauch hüllte ihn regelrecht ein und er wartete bis er sich verzogen hatte. Dann widmete er sich dem geplanten Lied. »Einst war ein Totenhorcher, mächtig und schlau. Er hatte keine Kinder, aber eine Frau. Sie konnte ihm keine Kinder schenken, doch wollt er es ihr nicht verdenken.« Zufrieden nickte Adraéyu. Er zog schließlich sein Tintenfass, den Federkiel und auch etwas Pergament aus seiner Rolle hervor, und begann die Worte nieder zu schreiben. Als Thargôn von seinem Nuss Festmahl zu ihm zurück kehrte und sich auf den Lautenkasten hockte, da blickte Adraéyu kurz auf. »Ah, du bist zurück.«, begrüßte Adraéyu den Raben. »Was hältst du von diesem Lied?«, fragte er ihn, und schlug sogleich die Laute an.
Einst war ein Totehorcher, mächtig und schlau.
Er hatte keine Kinder, aber eine Frau.
Sie war bildschön und edel anzusehn',
doch sollt' sie bald aus seinem Leben gehen'.

Kinderlooos.

Aber erst sollte ihr Bruder das Leichentuch hissen,
doch keiner würde ihn vermissen.
Er war ein Lüstling und ein Flegel,
Schon am Morgen trunken. Er kannte keine Regel.

Der Lump, der Lump, der Lump!

Er versoff das Gold und kaufte Dirnen,
doch nur jene, mit den großen Birnen.
Wo hatte er nur ihr Gold versteckt?
Warum war er nur so früh verreckt?

Ins Gras gebissen, total verschissen!

So trank der Totenhorcher sein Blut,
opferte einen roten Hahn, jung und gut.
Doch ein Schwarzer, alt und gediegen,
war Vonnöten für die Seel' zu fliegen.

Der arme Tropf.

Sogleich er war besessen, von des Bruders Geist,
und dieser, als wär er nie gestorben, ganz dreist,
rannte sogleich zu des Müllers Weib',
Und trieb ihr sein Hartholz in den Leib.

Und wie sie schrie!

Zu den Huren und Dirnen und allen Frauen gereist,
Bier und Schnaps und Wein er sich erdreist',
hemmungslos und zügellos zu trinken.
Er nahm sie von vorne, er nahm sie von hinten.

Dieser Bock! [18]Dieser H-u-r-e-n-bock[/18]

Sein Weib ward rot, von der Zornes Wut.
In ihr kochte schon die Glut. Die Glut.
Er war ein Lüstling, ein Betrüger.
Kein Totenhorcher, nur ein Lügner.

So ihre Worte …

Doch glaubt nicht diese, eifersüchtige Mär.
Die Weiber rannten ihm alle hinterher.
Von Norden und Süden, sie alle kamen,
Und suchten Liebe, nicht nur in seinen Armen.

Alle wollten frönen seiner Lust.

Der Totenhorcher er hurte und soff.
Er pfiff schon aus dem letzten Loch.
Als endlich des Bruders Geist verging,
und er wie tot in den Seilen hing.

Ausgelaugt und ausgesaugt.

Und als die Frau voll Gram dann starb,
weinte er an ihrem Grab.
Er wollte ihren Geist nicht rufen.
Denn ihr Zorn scharrte mit den Hufen.

So ein feiger Sack!

Und ihre Nichte behauptet stock und steif,
Ihr Vater, alt und überreif.
Soll auch ein Totenbeschwörer sein,
Das fänd' des Bruders Geiste fein!

So rufe ihn! So rufe ihn!
Thargôn schnarrte und flatterte mit den Flügeln, doch ließ er sich nicht zu einem Wort herab. Adraéyu lächelte den Raben an. »Ja, was sollst du schon dazu sagen?« Er griff in die Tasche und warf dem Vogel eine Nuss hin. Es war wieder eine Walnuss, und er schnappte sie und flog damit davon. Wogegen er sie wohl dieses Mal werfen würde?

Als Adraéyu schließlich seine Pfeife ausgeraucht, und an dem Baumstumpf ausgeklopft hatte, schulterte er seinen Lautenkasten und trottete über den Dorfplatz. Er erwog für einen Moment zum Haus von Thorors Sippe zu gehen, nur um sich zu vergewissern, ob Rahela wirklich von jener Finna gesprochen hatte. Thorors Tochter. Doch er verwarf den Gedanken. Inständig hoffte er dass es eine andere Finna war. Dieser Name war schließlich nicht so außergewöhnlich, es konnte viele Frauen mit diesem Namen geben. Bei dem Gedanken an Finna, schlug Adraéyu unbewusst den Weg zu Rahelas Haus ein. Und eh' er sich's versah', stand er vor Rahelas Tür. Ohne zu Klopfen trat er in Rahelas Hütte ein und sah die Schamanin an einem Becher voll Likör nippen. Kaum hatte er das Haus betreten, da flatterte Thargôn von seiner Schulter und landete auf dem wohlbekannten Tisch. Sie hatte noch immer ihr aufreizendes, rotes Kleid an und lehnte ein wenig leger auf ihrem Stuhl. »Aha, ertränkst du deinen Frust in süßem Vergessen?« Er legte den Kopf etwas schief und sah Rahela herausfordernd an. »Was bildest du dir ein?«, zischte Rahela doch Adraéyu ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. »Was ist denn dein Problem?«, fragte er und erntete nur einen finsteren Blick von ihr. Er war wohl ihr Problem, so schien es ihm. Er grub in seinen Erinnerungen und Gedanken und er fand nur eine logische Antwort. »Ich habe Finna doch nicht in den Clan geholt, das warst du.« Während er sprach, trat er auch an den Tisch heran und nahm die offene Flasche, welche vor Rahela stand, zur Hand und roch an dem offenen Flaschenhals. Es roch süß und ein wenig nussig. Wie Marzipan. »Warum hockst du in deiner finsteren Stube und bläst Trübsal, betrinkst dich und benebelst deinen Verstand mit dem Geist dieses Zuckergesöffs?« Er hielt ihr fragend die Flasche hin. »Was ist das überhaupt?«, hakte er sogleich nach und roch noch einmal daran. »Mandellikör.«, blaffte Rahela nur wenig überzeugend. Adraéyu verzog das Gesicht. Er roch gut, doch war er wohl viel zu süß. »Süß und verführerisch. Kein Getränk für Männer.«, stichelte Adraéyu und stellte die Flasche ab. Dann setzte er sich auf den anderen Stuhl und legte eines seiner Beine auf den Tisch und erntete dafür einen missbilligenden Blick von Rahela. »Du vergisst dich, Neeskia. Hast du nicht einen Ruf zu wahren? Ist es Aufgabe der Schamanin sich zu besaufen?« Er zog ihr den Becher aus der Hand und demonstrativ trank er ihn auf einen Zug aus. Augenblicklich verzog er seinen Mund und rang mit seinem Magen. Er hatte einen süßen, leichten Schlummertrunk erwartet, doch seine Kehle brannte wie Feuer und seine Zunge loderte, als ob tausende, kleine Feuerteufel darauf tanzten und mit Messern darauf einstechen würden. »Verdammt!«, hustete Adraéyu zwischen den Zähnen heraus, während sein Magen für einen Moment gegen den unerwarteten Schwall Nussgeist aufbegehrte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Rahela diebisch und schadenfroh grinste. »Nur für Frauen, wie?«, ätzte Rahela belustigt. »Was für ein bissiges Miststück, in ach so süßem Gewand.«, flötete Adraéyu wortgewandt um sein Leid ein wenig zu kaschieren und warf Rahela einen zweideutigen Blick zu. Doch um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen flüsterte er die nächsten Worte. »Nur dass dieser Likör kein rotes, anrüchiges Kleid trägt …« Rahela sah Adraéyu böse an. »Gefällt es dir etwa nicht?«, doch er winkte nur ab. »Es ist schön, es passt zu dir.«, er wählte bewusst diese zweideutige Anmerkung. Sollte sie nur glauben, dass er sie für eine Dirne hielt, die sich mit ihrem Kleid anbiederte. Tatsächlich war das Kleid wirklich schön, und betonte ihre Figur sehr vorteilhaft. Das gespannte Unterkleid ließ ihren straffen Busen dezent andeuten, und die tiefen Schlitze, welche beinahe bis zu den Hüften hinab reichten, deuteten eine Aussicht auf mehr an.

»Was willst du hier?«, brummte Rahela beleidigt. »Hast du Finna schon deine Glückwünsche überbracht.«, hakte sie nach. »Wenn du vernarrt in Finna bist, warum gehst du nicht selbst zu ihr, anstatt mich an deiner statt zu schicken?«, murrte Adraéyu. »Ich hege kein Interesse daran Finna zu sehen, wenn sie jene Finna ist, von der ich glaube, dass sie es ist.« Bei diesen Worten schien Rahela aufzuhorchen. »Aber Finna hat dich geküsst …«, begann sie ein wenig verwirrt. » Ja und? Ich habe geschlafen … und was regst du dich so auf? Warum hast du mich nicht geküsst? Wolltest du mich küssen und sie ist dir zuvor gekommen?«, stichelte Adraéyu, doch erwartete er von ihr keine Antwort. »Ich wurde schon von vielen Frauen geküsst. Sogar Asa hat mich schon geküsst …« Er biss sich bei diesen Worten unweigerlich auf die Zunge und schnell fuhr er fort, als er ihren überraschten und fassungslosen Blick auffing. Er wusste, dass Rahela Asa nicht sonderlich leiden konnte. Er fragte sich in diesem Moment, ob sie wohl Mitleid mit Asa hatte, wie sie verletzt und gedemütigt in ihrem schwarzen Traum gefangen war. Er entschied sich seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, indem er gerade heraus ihr den stechenden Finger sprichwörtlich auf die Brust setzte. »Finna hat mich übrigens nicht das erste Mal geküsst. Wir kennen uns, das ist richtig. Doch das wusstest du ja schon.« Adraéyu redete schnell und ohne viele Pausen. »Du scheinst ohnedies sehr viel von mir zu wissen. Fliegen dir diese Worte und Geheimnisse nur zufällig wie ein Schwarm Raben zu, oder hast du selbst deine Raben ausgesandt?«, er klopfte sich innerlich selbst auf die Schulter für diese gelungene Metapher und gedachte in diesem Moment Thargôn mit einem verschwörerischen Blick. »Doch anscheinend hast du nicht vernommen, dass wir uns nicht gerade im Guten getrennt hatten. Ich habe sie benutzt, um meine Haut zu retten, und als es darum ging, die Schuld bei ihr zu begleichen, habe ich den Clan verlassen und sie im Regen stehen lassen. Ihr Zorn kann unmöglich schon verraucht sein.« Dass Finna nach ihm wohl nur bei ihrem verhassten Mann gelegen hatte, und sie ihn vielleicht deshalb vermisst hatte, verschwieg er aber lieber. Adraéyu hatte vor vielen Jahren, als er noch mit Rudgar, seinem Lehrmeister durch die Lande gezogen war, gehört, dass Frauen, die gesegneten Leibes wandelten, zuweilen sehr ausgehungert waren, sehr zum Gefallen seines alten Meisters. »Frauen, welche kurz vor der Niederkunft stehen, sind oft so lüstern, dass sie jede Hure und jede Dirne der Stadt in den Schatten zu stellen vermögen.« murmelte Adraéyu in Gedanken versunken. Adraéyu hatte Rudgars Weisheiten immer belächelt, doch wusste er um die Leidenschaft seines Meisters. Für ihn waren schwangere Frauen ein honigsüßer berauschender Liebestrunk. Wie göttlicher Wein für einen Priester oder Skaldenmet für die Einherjer. Adraéyu gewann hochschwangeren Frauen nur wenig ab, auch wenn er zugeben musste, dass sie einen gewissen Reiz verströmten. »Gravide Frauen scheinen von Gefühlen überwältigt zu sein, und zugleich oftmals hysterisch sind. Ich kann trächtigen Weibern nur wenig abgewinnen.« Als Adraéyu eine kurze Pause einlegte schwieg Rahela, wohl nachdenklich. »Das ist Unsinn.«, widersprach Rahela schließlich ein wenig ungehalten. »Du willst doch nur vom Thema ablenken.«, warf sie ihm daraufhin vor. Adraéyu wusste nicht so recht ob sie Finna oder Asa damit meinte, und fiel Rahela wieder schnell ins Wort. »Warst du schon einmal schwanger? Selbst gelehrte Männer in den großen Städten glauben es. Ob du es glaubst oder nicht!«, lamentierte Adraéyu ein wenig beleidigt, dass sie seinen Worten keinen Glauben schenkte.

»Die Bader und Hebammen in den Städten der Elfen sind der Ansicht, dass unverheiratete hysterische Weiber unbedingt zu verheiraten sind, damit ihnen der Mann ihre Hysterie aus dem Leib treiben kann.«, bei diesen Worten grinste Adraéyu ein wenig frivol. «Fand man keine, so wurde sie vom Bader zu einer Krise zu gebracht, indem er sie …«, er suchte das passende Wort, ohne dabei zu derbe zu sein. »… fingerte?«, half ihm Rahela auf die Sprüche und er lächelte. »Genau.« »Krise. Seltsame Namen gebrauchen die verrückten Elfen für so schöne Dinge«, warf Rahela ein. »Ich war einmal in einem Badehaus zugegen, als eine solche Frau behandelt wurde. Sie hat lauter geschrien und gestöhnt, als alle Dirnen zusammen, die dort zugegen waren.« »Die Heiler in den großen Städten leben mit Huren und Buhlerinnen unter einem Dach?«, fragte Rahela ein wenig überrascht. »Selbst die Priester arbeiten mit Hetären unter einem, sogar heiligen, Dach.« Adraéyu grinste verstohlen. »Hetären?« »Das sind Tempeldienerinnen, die den Göttern huldigen und sie ehren, indem sie sich in den heiligen Hallen ihres Tempels [18]ficken[/18] lassen.« Rahela sah Adraéyu ungläubig an. »Du erzählst mir Lügengeschichten! Wie alle Skalden, welche Benwick in seinen Hallen hofieren. »Nein. Es ist wahr! Sie huldigen so den Göttern, und empfangen den Samen des Mannes, als Symbol der Fruchtbarkeit.« »Wie der Beltane.«, murmelte Rahela und Adraéyu zwinkerte ihr neckisch zu. »Doch natürlich erhalten sie auch oft eine fürstliche Entlohnung. Also ganz uneigennützig geben sie ihren Körper den Göttern auch nicht her. Viele von ihnen entstammen sogar dem Adel, doch dürfen nur Frauen, deren Vater oder Gatte nicht den Ritterschlag erhalten haben, so den Göttern dienen.«

Rahela winkte genervt ab. »Ja, ich habe wirklich genug davon gehört.« Adraéyu klopfte sich nun zum zweiten Mal innerlich auf die Schulter. Er hatte das Thema erfolgreich von Asa abwenden können. »Also du solltest dir Finna nicht so sehr zu Herzen nehmen. Mir wäre es lieber, du hättest sie nicht mitgebracht.« »Damit du dich besser Asas sinnlichen Lippen widmen kannst?«, hakte Rahela bissig nach und Adraéyu schalt sich einen Narren. »Es wird dich betrüben, dass Asa wohl niemals mehr mit ihrem Mund einen reizvollen Kuss verschenken kann.« Adraéyu entging der diebische Hohn, welcher in Rahelas Stimme mitschwang nicht. Sie war offensichtlich nicht betrübt darüber was Asa zugestoßen war. »Ich sollte jetzt besser gehen.«, murmelte Adraéyu. »Der Totenhorcher kommt bald, und ich muss noch ein Lied singen.« Auf Rahelas fragenden Blick hin antwortete er nur mit einem geheimnisvollen Lächeln. Er hatte keine Lust über Asa zu reden. Am Ende würde sie ihn noch fragen, ob er wirklich ihr Blut an seinen Händen hatte. Er stand ohne ein weiteres Wort auf und verließ Rahelas Hütte. Den Raben ließ er bei ihr. Sollte sie sich doch selbst mit dem Vogel rumschlagen, wenn der Totenhorcher kam. Sie wollte dem Zauberer wohlgefallen, nicht er.

Es dämmerte bereits, als er Rahela in ihrer dunklen Hütte zurückgelassen hatte. Kurz verharrte er vor ihrer Tür und lächelte wie ein Schelm, bevor er sich auf den Weg zu Benwicks Halle machte. Heute waren viele Männer und Frauen zugegen, denn Benwick ließ ein Fest ausrichten. Zuerst glaubte Adraéyu, weil Asa erwacht war, doch es stellte sich heraus, dass er nur die Gunst des Clans nicht verspielen wollte, indem er ihnen jede Freude versagte. Außerdem würde bald der Totenhorcher kommen, und dann würde genug Trübsal geblasen werden, solange er da war. Also genossen die Menschen die Musik der Skalden und tranken Bier und aßen Hirschfleisch, welches eigens zu diesem Fest im Wald geschossen worden war. Als Adraéyu die Halle betrat, schwall ihm eine Mischung aus verschiedenen Gerüchten und Tönen entgegen. Schweiß, Bier, Erbrochenes, Rauch aus einer Pfeife und noch mehr Bier. Der Geruch des gebratenen Hirsches schwängerte die ganze Luft und vermischte sich mit beinahe jedem Geruch. Selbst der Gestank der ungewaschenen Männer war erträglich, wenn er von dem Duft dieses Braten begleitet war. Männer und Frauen sangen, Instrumente erklangen und hier und da wurde ausgelassen gelacht. Und so schnallte sich Adraéyu seinen Lautenkasten vom Rücken und nahm die Laute zur Hand. »Lasst mich euch ein Lied singen!«, rief er laut in die Menge. Jene, welche ihn gehört hatten, wandten ihm ihre Blicke zu, doch die Skalden spielten weiter ihre Weisen. Und so musste Adraéyu mit der seinen, gegen die ihren anfechten. Doch er war zuversichtlich, dass sie unterliegen würden. »Es war einst ein Totenhorcher …«, begann Adraéyu und schlug die ersten Akkorde an. »… mächtig und schlau. Er hatte keine Kinder aber eine Frau.« Je weiter das Lied voranschritt, desto mehr Menschen klatschten im Takt und wippten mit den Füßen. Sogar einige der Skalden stimmten ihre Lauten an, da die Melodie eine recht einfache Weise war, welche sich immer wiederholte, wenn ein neuer Reim begann.

Als Adraéyu mit dem Lied geendet hatte, wurde er mit ausgelassenem Lachen belohnt. Viele lachten auch Benwick, wenn auch nur kurz. Er hob die Hand und innerhalb weniger Augenblicke herrschte Stille im Raum. »Kein Wort dieses Liedes wird eure Lippen verlassen, wenn der Ru'Naak eintrifft, oder ich werde euch allen die Zungen heraus schneiden!«, mahnte Benwick. »Ich wünsche keine Zwischenfälle!« Er blickte finster in die Runde, und am finstersten blickte er Adraéyu an. Doch als er seine Hand wieder senkte und kurz damit wachelte, löste sich die Anspannung aus der Luft, welche seine Worte geschaffen hatte. »Spielt weiter! Singt, und speist!«, forderte er die Männer und Frauen auf, und zaghaft, doch unaufhaltsam schwoll der Lärm und die Ausgelassenheit der Menschen wieder an. Adraéyu war es gleich, ob Benwick ihn dafür rügen würde. Er wollte mit seinem Lied zeigen, was er von der Furcht vor dem Totenhorcher hielt. Und er hoffte er hatte seinen Standpunkt ausreichend zum Ausdruck gebracht. Er legte seine Laute wieder in den Lautenkasten und bediente sich sogleich bei dem Braten und dem Bier. Vorzüglichem Bier und einem wahrlich saftigen Braten. Wer Benwicks Hörigen wohl dabei geholfen hatte? Denn Asa war ja verhindert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Mo, 22. Okt 2012 22:18

Nicht wenig erstaunt blickte Rahela drein, als sich die Tür öffnete und Arn einfach so ihr Haus betrat. Er benahm sich ziemlich dreist, wie sie fand, und Rahelas Vorsatz blieb eisern. Sie würde ihn nicht mehr an sich heranlassen. Entsprechend kühl und reserviert war sie. „Ja… ich habe Finna in den Clan zurück geholt … wenn ich das geahnt hätte, dann hätte ich das bestimmt nicht getan … ich hätte sie an Ort und Stelle in der Wildnis zurücklassen sollen, wo sie mir von Eurer eigentümlichen Begegnung erzählte. Sogar der Erilar hat sich eingemischt. Was muss das nur für eine seltsame Begebenheit gewesen sein, wenn der Runenmeister höchst selbst mitgewirkt hat?“ fragte sie eher rhetorisch und sah ihn dabei eindringlich an. Sie winkte ab. „Aber was geht mich das an!“ Als er sie fragte, warum sie hier hockte und sich betrank, wusste sie zunächst nicht, was sie sagen sollte. Sie zuckte die Schultern und nahm einen Schluck von dem wunderbaren Mandellikör. „Was sollte ich denn sonst tun, Deiner Meinung nach? Ich habe keine andere Gesellschaft als die der hochprozentigen Geister und die des Raben …“ Lässig lümmelte Arn sich auf den Stuhl und legte ein Bein auf den Tisch, was Rahela mit einem missbilligenden Kopfschütteln bedachte. Doch sie sagte nichts, sondern wartete ab, was er sonst noch so zu sagen hatte. „Du vergisst dich, Neeskia. Hast du nicht einen Ruf zu wahren? Ist es Aufgabe der Schamanin, sich zu besaufen?“ „Vor wem muss ich mich rechtfertigen? Ich tue immer, wonach mir der Sinn steht. Ich passe so auch ganz gut zu all den Saufköpfen in Benwicks Hallen …“ funkelte sie ihn an und verschränkte demonstrativ die Arme vor ihrem Körper, als er ihr den Becher aus der Hand nahm und ihn an die Lippen setzte. Was, bei den Alten, machte ihn gerade so selbstbewusst, dass er sich derart dreist benahm? Sie schalt sich eine Närrin, dass sie ihn einfach so gewähren ließ und im selben Moment umspielte ein boshaftes Lächeln ihre Lippen, als sie in seinem Gesicht ablesen konnte, wie sich der süße doch starke Alkohol seinen Weg brennend in seinen Magen grub und in ihren Augen blitzte der Triumph auf, als er hustete und fluchte. Sie überging seine Spitze, sie verstand sehr wohl, was er ihr andeuten wollte. Sie wusste, dass das Kleid kein Anständiges war. Doch sie war sich ihrer weiblichen Reize durchaus bewusst und sah nicht ein, warum sie diese nicht ausspielen sollte. Niemand im Clan würde sich ernsthaft daran stören … niemand außer vielleicht Asa, und Asa war … verhindert … „Was willst Du eigentlich hier? Bist Du nur gekommen, um mir erneut meinen Alkohol wegzutrinken und mich darüber hinaus zu beleidigen? Hast Du schon Finna Deine Glückwünsche überbracht?“ funkelte sie ihn beinahe feindselig an. Doch sie sah ihn irritiert an, als er durchscheinen ließ, dass er kein Interesse daran hegte, sie aufzusuchen. Rahela erwiderte „Ich bin nicht in sie vernarrt, und ich habe ebenso kein Interesse daran, sie zu beglückwünschen. Immerhin habe ich ihre Bälger auf die Welt geholt, und nicht Gudrun. Wer beglückwünscht mich denn dafür?“ Sie lauschte seinen Worten und hing an seinen Lippen. Sie wollte schon sagen, dass es ihr fernlag, ihn zu küssen, während er nicht bei Bewusstsein war, dass es respektlos gewesen wäre, bis sie jäh in die Realität zurückgeholt wurde von seinen Worten „ ... sogar Asa hat mich schon geküsst … “ Fassungslos starrte sie ihn an „Was?“ flüsterte sie. "Du ... Du hast Asa geküsst? Wann? Und Wieso? Bist Du verrückt? Was, wenn Benwick davon erfährt?" Er schien peinlich berührt, doch dann sprach er unbekümmert weiter und auch davon, dass Finna ihn nicht zum ersten Mal geküsst hatte. Was sollte das? Hatte er es derart nötig, mit seinen Eroberungen zu prahlen? Rahelas Zorn schwelte innerlich. Sie verspürte großes Bedürfnis, ihn am Kragen zu packen und hinauszuwerfen … mit einem Tritt in den Arsch… Er begann von schwangeren Frauen zu sprechen. Wenigstens teilten sie diese Ansicht, dass sie beide schwangeren Frauen nichts abgewinnen konnten. „Bei den Alten, nein, ich war noch nie schwanger, ich bin doch keine Närrin! Und mögen es die Götter verhüten, dass es soweit kommt… ich hasse Kinder! Naja, ich hasse sie nicht direkt, ich kann ihnen nur nichts abgewinnen … sie sind so laut und frech und eigensinnig … Ich habe so meine Mittel und Wege, solche anderen Umstände zu verhindern… ich hege kein Interesse daran, mir durch eine Schwangerschaft meine Figur ruinieren zu lassen …“ Sie lachte „Ich wäre die schlechteste Mutter in den wilden Landen … ich kann ja noch nicht einmal anständig für den Raben sorgen und bin froh dass er sich selbst versorgt …“

Interessiert lauschte sie seinen Geschichten über die großen freien Städte. Doch dann erhob er sich, wie immer, wenn es gerade interessant wurde, und murmelte irgendetwas über den Totenhorcher und ein Lied und verließ die Hütte ebenso unerwartet, wie er sie betreten hatte. Rahela blieb sitzen. Plötzlich kamen ihr die wilden Lande so klein und unbedeutend vor. Sie wollte die Welt sehen, das Meer, die Wüste, und Wälder, die keine Kiefernwälder waren … Sie wollte in die großen Städte gehen … und all die Völker und Wesen sehen, von denen sie bislang nur dürftige Geschichten und Gerüchte gehört hatte… Arn hatte all dies anscheinend schon gesehen … und zum ersten Mal, seit er diese Geschichte über die Huren und Badehäuser erzählt hatte, wurde ihr klar, wie wenig sie eigentlich wusste, und wie viel er schon gesehen haben musste. Ihr Wissen drehte sich allein um die wilden Lande und sie hatte sie noch nicht einmal verlassen. Sie dachte kurz nach. Heute gab Benwick ein Fest in seinen Hallen. Sie hatte keine Lust darauf, Benwick war nicht mehr derselbe seit Asa in diesem Tiefschlaf lag, doch sie wollte ihn auch nicht mit ihrer Abwesenheit brüskieren. Seufzend erhob sie sich und betrachtete den Raben. Wieso hatte er ihn ihr wieder mitgebracht? Dieses Vieh würde ihr alles verderben und es wäre seine Schuld. Immerhin hatte er dem Raben dieses blöde Wort beigebracht. Und doch war sie froh, dass er wieder hier war. Sie stand auf und holte ihm ein Stück Trockenfleisch. Sie hatte ihn vermisst … Und sie hatte auch Arn vermisst. Solange war er nicht bei Bewusstsein gewesen, und kaum hatten sie wieder miteinander gesprochen, lagen sie sich wieder einmal in der Wolle. Der eiserne Vorsatz erstarb. Er hatte kein Interesse an Finna? Wunderbar. Asa war ohnehin tabu. Und trotzdem wusste sie nicht, woran sie bei ihm war. Das nagte ziemlich an ihr. Sie erhob sich und lief hinüber zur Fürstenhalle. Wie immer stand der schweigsame Walder am Tor. Sie nickte ihm zu und ging hinein. Gerade, als sie sich ein Bier zapfte, begann der Barde, ein Lied anzuschlagen. Ungläubig lauschte sie den Reimen. Sie handelten vom Ru’Naak, vom Totenhorcher, und er kam dabei nicht gerade gut weg … es war eine ähnliche dreckige Weise, die er ihr und ihrem Bären zugedacht hatte. Sie starrte Arn mit offenem Mund an. Wie konnte er nur derart respektlos vom Ru’Naak singen? Doch, sie musste zugeben, dass die Reime ziemlich komisch waren. Als er über die Dirnen mit den großen Birnen sang, brach sie ebenso in schallendes Gelächter aus wie der restliche Clan. Als er das Lied beendete, liefen ihr die Tränen herunter und sie hielt sich den schmerzenden Bauch. Sie wischte sich die Tränen weg und fühlte sich von Benwick ertappt, der Ruhe geboten hatte und seine unwilligen Blicke durch die Menge wandern ließ. Sie hatte am lautesten von allen mitgelacht und selbst jetzt noch, als es totenstill war, zuckten ihre Mundwinkel immer wieder verräterisch, bis sie sich nicht mehr zusammenreißen konnte. Erneut hallte ihr alleiniges Gelächter durch die Stille. Du liebe Güte, sie war die Schamanin, sie durfte nicht mitlachen, es war eine ernste Angelegenheit, dass der Ru’Naak in den Clan gerufen wurde… sie musste an etwas Trauriges denken… doch nichts fiel ihr in dem Moment ein, was sie so mit Trauer übermannen konnte, dass sie diese Reime vergaß … „Kein Wort dieses Liedes wird eure Lippen verlassen, wenn der Ru'Naak eintrifft, oder ich werde euch allen die Zungen heraus schneiden! Ich wünsche keine Zwischenfälle!“ rief Benwick und ein zustimmendes Gemurmel ging durch die Menge.

Nach einer kurzen Weile schwoll der Lärm wieder an und alles nahm wieder seinen gewohnten Lauf. Rahela wandte sich ab, um Benwicks Blick zu entgehen. Dabei fiel ihr Blick auf Arn, der sich mit einem Humpen Bier und einem Stück des Bratens niedergelassen hatte. Sie ging auf ihn zu und nahm neben ihm Platz. „Ich war noch nicht fertig mit Dir …“ meinte sie und stellte ihren Humpen ab. „Ein großartiges Lied, nebenbei bemerkt…“ lachte sie. „Ich weiß nicht, wen Benwick finsterer angesehen hat, Dich oder mich?“ grinste sie. Frech zupfte sie sich ein Stück von seinem Fleisch ab und schob es sich in den Mund. Sie nickte anerkennend mit dem Kopf. „Vorzüglich… und dabei hat Asa nicht mitgekocht … vielleicht schmeckt es deswegen so lieblich und nicht so vertrocknet und bitter…“ ätzte sie grinsend und zupfte sich noch ein Stück ab. „Ich koche mindestens genauso gut…“ Sie leckte sich den Bratensaft von den Fingern. Doch dann wurde ihr Blick ernst und sie nahm einen großen Schluck von dem Starkbier. Dann rückte sie ein Stück näher an ihn heran und begann leise „Ich möchte die wilden Lande verlassen … Wenn nicht jetzt gleich, dann irgendwann … vielleicht noch in diesem Jahr … oder nach dem Winter … Ich will die Welt sehen, ich möchte mich davon überzeugen, dass die Geschichten stimmen, die Du mir erzählt hast. Und ich möchte, dass Du mich begleitest.“ Er sah sie mit großen Augen an, erwiderte aber nichts.
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Di, 23. Okt 2012 1:05

Bildachdenklich hatte Adraéyu an einem der vielen Tische gesessen und sich an dem Hirschbraten, sowie dem Bier gütlich getan. Er hatte immer wieder über Rahelas Worte in ihrer Hütte nachgedacht. Worte zu denen ihm so spontan keine Antworten eingefallen waren. Er hasste diese Momente. Gerne würde ihnen zuwinken, wenn sie vorüber fliegen, doch hasste er sie, und würde sie am liebsten erwürgen, damit sie länger verweilen, damit er mehr Zeit hätte. Sie hasste also Kinder? Diese Worte hätte er von der Schamanin nicht erwartet. Kinder waren doch ein Segen. Nunja, eigene Kinder. Fremde Kinder betrachtete Adraéyu öfters auch als lästig und störend. Besonders jene, welche an seiner Laute herumfingerten, oder mit ihren dreckigen Fingern den Lautenkasten betatschten. Er sinnierte noch so über andere Worte, als sich schließlich Rahela zu ihm gesetzt hatte. Sie hatte sich ihm demonstrativ gegenüber gesetzt und auch noch in seinem Mahl gewildert. Immer wieder hatte sie etwas von dem Hirsch abgezupft und es in ihrem Mund verschwinden lassen, und sogar vor seinem Bier hatte sie nicht halt gemacht, als ihr eigenes sich dem Ende geneigt hatte. »Ich war noch nicht fertig mit dir.«, hatte sie trotzig gemeint. »Nicht? Ich war aber fertig.«, brummte Adraéyu ein wenig beleidigt, weil sie sich einfach an seinem Fleisch, ungefragt und dreist vor seiner Nase, aus seinem Teller bediente. Und just in diesem Moment, schalt er sich erneut einen Narren. ›Was rede ich da?‹, fragte sich Adraéyu. Er war noch nicht fertig. Seine Gedanken rotierten, und so hörte er das Lob für sein Lied gar nicht so richtig, denn seine Gedanken kreisten um andere Dinge. Fieberhaft versuchte er eine Lösung für die verzwickte Lage, in welcher er sich befand zu finden. Wenn er doch nur die Gedanken seines schwarzen Ichs kennen würde. Hatte er Asa etwas angetan? Oder waren dies nur niederträchtige Worte gewesen, die er im Fieberwahn gesprochen hatte? Was wenn Asa erwachte, und sich erinnerte? Sein Leben wäre verwirkt. Und selbst wenn Asa nicht erwachen würde, der Totenhorcher würde alle Geheimnisse ergründen.

Rahela riss ihn mit einem Lob über den saftigen Braten aus den Gedanken, während sie ihre Finger ableckte. Es hatte eine befremdliche Art von Sinnlichkeit an sich, die Adraéyu nicht näher erläutern konnte. »… vielleicht schmeckt es deswegen so lieblich und nicht so vertrocknet und bitter …«, ätzte sie. »Ja, ich habe verstanden. Du und Asa, ihr werdet wohl nie wahre Freunde. Oder, wer weiß? Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.« Adraéyu dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern. »Vielleicht hat ihr ja gefallen, was du am Beltane mit ihr gemacht hast, und liebt dich dafür heiß und innig.« Nach diesen Worten lachte Adraéyu dreckig und kichernd und erntete dafür einen missbilligenden Blick von ihr. Erneut tat sie einen Schluck aus seinem Humpen. »Du säufst wie ein Loch.«, murmelte Adraéyu. »Ja ich weiß, du tust wonach dir der Sinn steht, und passt so auch gut zu den anderen Saufköpfen hier …« Erneut funkelte sie ihn an, wie kurz zuvor in ihrer Hütte auch. »Schmecken dir meine Worte nicht?«, nun war er es, der sie anfunkelte. »Mein Braten scheint dir ja immerhin zu schmecken.«, stichelte er und blickte sie herausfordernd an. Doch eigentlich wollte er nicht mit ihr streiten. Er hatte eigentlich keine Ahnung warum sie sich stritten. Er verharrte einen Moment um ihren Ausflüchten zu lauschen, oder ihrem Schweigen bevor er seine Gedanken in Worte fasste. »Warum streiten wir?«, fragte er sie schließlich. »Wegen Finna? Oder wegen ihrer Bastardbälger? Ich verstehe dich nicht.«, murmelte Adraéyu. »Oder woran liegt es?« Doch da erinnerte er sich wieder an ihre ungefähren Worte, über Fenris und Finna und ihn selbst. »Was hat sie erzählt?« »Wer?«, hakte Rahela ein wenig verwirrt nach. »Na Finna. Was hatte sie dir in der Wildnis erzählt?« Da erzählte ihm Rahela von ihren Gedanken und was sie glaubte zu wissen. Und bei jedem Wort weiteten sich Adraéyus Augen. Sie glaubte Finnas Bälger entsprangen seinem Samen? Wie kam sie nur darauf? Adraéyu kratzte sich am Kopf. »Und Jodis hat auch davon gesprochen.«, endete sie ihre Erzählungen. Sofort horchte er hellhörig auf. »Was hat die alte Hexe gesagt?«, knurrte Adraéyu und er sah, dass Rahela kaum merklich zurück zuckte, ob seiner Reaktion. »Sie deutete an, dass Finnas Bälger die deinen sind. Und Fenris seine Finger im Spiel hatte, wohl um die ganze Sache zu vertuschen. Daher wurde sie auch weggeschickt und …« Adraéyu hob die Hand, um Rahela in ihren Erzählungen zu unterbrechen. Er senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Nicht so laut.«, herrschte er sie an. »Fenris hat all dies nur getan, damit mir keine Schwierigkeiten drohen.« Bei diesen Worten sah Rahela ihn schief an. »Also ist es wahr?« Abscheu und Zorn flammten in ihren Augen merklich auf. »Nein!«, zischte Adraéyu. »Hör' mir doch mal zu.», murrte Adraéyu. »Ganz gleich, was diese Hexe dir gesagt hat, vergiss es gleich wieder.« Er sah sich misstrauisch um »Wo ist sie überhaupt? Ich habe sie schon seit Tagen nicht gesehen«, murmelte er. Rahela wich seinem Blick aus, und er räusperte sich, um ihre Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. »Seit wann gibst du etwas auf die Worte dieser alten Vetteln, oder auf Worte von jungen Dingern, hochschwanger noch dazu?«, hakte er nach. »Du, als Frau des Clans, die schon so vielen trächtigen Weibern ihre Bälger aus dem Leib gezerrt hast, müsstest doch wissen, dass Frauen voller Gefühle und Emotionen stecken. Sie schwanken von einem Extrem zum anderen. Finnas Worte sind nur Schall und Rauch.«, murmelte er. »Du willst wissen, was wirklich geschehen ist?«, flüsterte Adraéyu und Rahela nickte kaum merklich, aber neugierig.

»Als ich Finna kennengelernt hatte, da war sie bereits schwanger. Ihre Bastarde stammen also nicht von mir.« »Aber was hat es mit Jodis und Finnas Worten um dich und Fenris auf Sich?« Adraéyu unterbrach Rahela wirsch. »Wenn du mich einmal ausreden lassen würdest, dann wüsstest du es.«, brummte er im Flüsterton. »Damals war die Frage, wer deinen Platz einnehmen würde nicht geklärt. Finna wollte Schamanin werden, doch Fenris hatte dich empfohlen.« Er bemerkte ein stolzes Funkeln in ihren Augen. Fenris war ein hochgeehrtes Mitglied des Clans, und auch wenn sie ihn nicht gekannt hatte, so hatte sie dennoch von ihm gehört. »Und so wollte Finna mich umgarnen, damit ich mit Fenris reden würde.« Rahelas Blick verfinsterte sich, nach diesen Worten merklich. »Es ist nicht das passiert, was du glaubst.«, sagte Adraéyu und verdrehte seine Augen. »Meine schwarze Seele …«, begann er ein wenig zaghaft. »Sie hatte von mir Besitz ergriffen und ihr eine düstere Weise vorgespielt. Sie hatte Schmerzen und geblutet, und sie wollte mich ans Messer liefern. Man hätte mich aus dem Clan verstoßen, bestenfalls.« Adraéyus Blick wurde ein wenig schwermütig, nach diesen Worten. Er dachte darüber nach, was wohl gewesen wäre, wenn es je dazu gekommen wäre. Doch schnell besann er sich des eigentlichen Themas. »Jedenfalls … Fenris hat sich dem Problem angenommen. Er hat für mich alles zum Besten geregelt. Doch es kam drastischer als von mir oder gar Fenris gewollt. Finnas Schwangerschaft hatte Vebjorn brüskiert. Als er davon erfahren hatte, wurde die Verlobung gelöst und Finna hatte somit dem Ruf ihrer Sippe geschadet. Ihr Vater war so erbost darüber, dass er sie an den erstbesten Mann verschachert hatte, und sie niemals wieder sehen wollte.« »Und da bringe ich sie zurück.«, murmelte Rahela seufzend. »Ja, Ironie des Schicksals nicht wahr?« Adraéyu spürte Rahelas Gefühle. Sie grübelte zweifellos über Finna und ihn und auch sich selbst nach. Zweifellos kam ihr, nach seiner Geschichte der Gedanke, dass Finna nicht würdig war Schamanin zu werden und so schalt sich Adraéyu in ihre Gedankenwelt ein. »Falls du daran denkst, Finna zu verstoßen, so sollte dir bewusst sein, dass dies ihr Todesurteil wäre. Ihres, und auch das ihrer Kinder.« Er sah Rahela eindringlich an. »Die Ehre Schamanin zu werden, ist alles was ihr geblieben ist. Es ist der einzige Grund, warum ihre Sippe sie hier wieder willkommen heißt. Ohne dich, wird sie in ihrer eigenen Sippe keinen Rückhalt finden. Niemand kümmert sich um ihre Bastardkinder, von denen jeder in ihrer Sippe weiß, dass sie eben diese sind, Bastarde. Sie wird entweder verstoßen, oder wird sich irgendwann vor lauter Verzweiflung das Leben nehmen. Keiner wird sie haben wollen. Und ihr Vater kann sie mit den Bälgern auch niemandem mehr als Braut anbiedern.«

Er sah Rahelas Blicke, und spürte fast ihr Hadern und Abwägen. Doch als Rahela ihm anvertraute, dass sie die wilden Lande verlassen wollen würde, da wurde sein Blick ernst. »Wenn du die wilden Lande mit mir verlässt, bevor der Totenhorcher eingetroffen ist, dann kann es gut sein, dass du niemals mehr zurück kehren darfst.« Rahela sah ihn verwirrt an. »Vielleicht wird Benwick uns auch jagen, und sogar die Fehde dafür vergessen.« »Du sprichst von Asa und deinen seltsamen Träumen, nicht wahr?« Adraéyu nickte auf Rahelas Frage nur und als Rahela sagte, dass sie die Welt sehen wollte, die Wunder schauen und den Wahrheitsgehalt seiner Geschichten ergründen wollte, da sah er sie mit großen Augen an. »Ja, die Welt hat viel zu bieten, doch woher kommt dieser plötzliche Wunsch nach der Ferne?«, hakte Adraéyu ein wenig misstrauisch nach. »Willst du wirklich deiner Heimat den Rücken kehren. Wegen eines Heimatlosen, und eines in allen Landen verfluchten Raéyun?« Er versuchte ihrer Antwort zu lauschen, doch warf er sogleich seine Meinung dazu in den Raum. »Menschen glauben immer die Welt halte ungeahnte Wunder für sie bereit, doch wenn sie sie dann suchen und zu ergründen versuchen, dann merken sie bald, wie kalt und hart die Welt ist, und sind nur enttäuscht, dass sie außer Schmerz und Schande nichts gefunden hatte, was diese Welt zu bieten hatte.« Er blickte Rahela eindringlich an. »Ja, die Welt hat viele wundersame Dinge und auch Völker zu bieten, doch scheinst du keinen Begriff davon zu haben, wie groß diese Welt doch ist. Wenn du alle ihre Wunder erfahren willst, und alle ihre schönen Dinge mit eigenen Augen sehen willst, dann muss dir klar sein, dass du die wilden Lande wohl niemals wieder sehen wirst. Und die meiste Zeit wirst du nur damit zubringen zu laufen und zu wandern und unter freiem Himmel zu schlafen.« Er versuchte aus Rahelas Blick zu ergründen was sie wohl dachte, doch fiel es ihm schwer, ohne die Gefühle zu lesen, und das hatte er nicht vor. »Kein wärmendes Bett mit Bärenfellen, kein prasselndes Feuer zu Wein und Käse, Nüssen und Trauben, keine Männer und Frauen, die dir mit Ehrerbietung begegnen und dich Neeskia nennen. Man wird dich dumme Wilde nennen, und viele Männer und Frauen werden dich mit Verachtung oder Ignoranz strafen, während andere nur daran interessiert sind, was du unter deinem anrüchigen Kleid da trägst. « Bei diesen Worten zupfte Adraéyu an den Ärmeln des Kleids und blickte Rahela eindringlich an. Er wusste ja was sich unter diesem Kleid für Kleinode befanden, und bei dem Gedanken daran musste er zufrieden schmunzeln. »Und das nur, weil du aus den unzivilisierten, ungebildeten, wilden Landen stammst.«, fügte er noch an, bevor er noch auf dumme Gedanken kam.

Sie verbrachten noch einige Zeit gemeinsam in der Halle und redeten über dies und das, bis die illustre Gesellschaft sich schließlich langsam auflöste. Rahela war schon gegangen, als Adraéyu seinerseits sich ebenfalls dazu entschlossen hatte und zur Tür ging. Doch da trat Walder ihm in den Weg. »Was ist los?«, fragte Adraéyu misstrauisch. »Benwick will dich sehen.«, murmelte Walder nur monoton. Es fiel Adraéyu schwer irgend einen Hinweis in seiner Stimmlage zu hören. »Gut.« Mit einem etwas mulmigen Gefühl ging er dann zu Benwick.

Benwick saß neben Asa am Bett. Er hatte seinen Kopf in ihren Schoß versunken und schien zu trauern. Seine Kinder saßen entweder ebenfalls beim Bett, oder spielten in den Ecken des Zimmers. »Du hast nach mir geschickt, Charaid?«, räusperte sich Adraéyu. Benwick richtete sich auf und blickte Adraéyu mit ein wenig glasigen Augen an. »Ah, schön dass du gekommen bist.« Adraéyu nickte Benwick ehrerbietend zu. »Was kann ich für dich tun?« »Spiel für Asa. Hol sie ins Leben zurück, wie einst Yoren.« Sogleich blieb ihm ein dicker Klumpen im Halse stecken. »Rahela hat bereits alles in ihrer Macht stehende getan, um sie zu wecken, doch sie liegt noch immer da.« Benwick tat ihm so unendlich leid. Doch fürchtete sich Adraéyu vor dem Tag an welchem Asa erwachen würde. So Schade es auch um Asa wäre, ihm wäre es wohl lieber sie würde sterben, so er etwas mit ihrem elendigen Zustand zu schaffen hatte. »Und wie du das hast.«, zischte eine gehässige Stimme in seinem Kopf. Er zuckte unmerklich zusammen, als sie in seinem Geist aufflammte. »Ich werde mein Bestes geben Benwick.«, sagte Adraéyu und erntete dafür ein anerkennendes Nicken von Benwick. »Das wirst du.«

Adraéyu ließ den Lautenkasten von seiner Schulter gleiten und stellte ihn auf dem Tisch, nahe des Bettes, ab. Während er die Verschlüsse an dem Kasten öffnete, hörte er Benwick vor sich hin murmeln. »Ich wollte sie überraschen. Und nun dies.« »Womit wolltest du sie überraschen?«, hakte Adraéyu neugierig nach. »Sie hatte immer wieder darum gebeten, Fenris Platz als Erilar einnehmen zu dürfen. Doch ich hatte mich immer wieder dagegen gestellt. Fenris war unersetzlich. Doch hatte sie Recht. Und sie ist gebildet. Sie kann besser Lesen oder Schreiben als jeder andere im Clan. Doch hatte ich mich immer dagegen gesträubt, da schon unsere Neeskia eine Frau ist. Wenn der Erilar nun auch eine Erilya werden würde …« Benwick sprach die Worte nicht aus. »… es würde für Unmut sorgen.«, vollendete Adraéyu seinen Satz. »Ganz genau.«, nickte Benwick. »Und dennoch. Ich hatte meinen Entschluss gefasst. Ich wollte sie damit überraschen, vielleicht auch um sie wegen der ärgerlichen Geschichte mit dem Beltane zu besänftigen. Und nun … nun liegt sie danieder, und niemand kann ihr helfen.« Adraéyu blickte zunächst Benwick, und dann Asa betreten an.
Schließlich nahm er seine Laute zur Hand und ließ sanft einige süßen Klänge aus ihrem Bauch erklingen.
Webet ihren Faden fein,
fest in ihr Tuch hinein.
Heilet ihres Lebens Schmerz.
Lodert an, die Flamme im Herz.

Wir sind Schatten, wir sind Licht,
dass sich aus der Erde bricht.
Die Spindel spinnt mit Leid und Qual.
Das Tuch es fällt tief in ein Tal.

Die Götter lenken deine Fäden,
sie zeigen dir den Weg zum Leben.
Der Göttervater wacht über Schicksal,
Er ruft die Namen, einmal, viermal.

Civá, spinne deine Fäden!
Finlir trag das dünne Leben.
Brânwil, webe das Schicksalsband
Raeslif gib das Tuch in ihre Hand.
Als Adraéyu sein Lied geendet hatte, da regte sich Asa. Benwick hielt sogleich seine Hand, doch sie schlug nicht die Augen auf. Sie bewegte ihren Kopf und ihre Lippen formten Worte, doch entkamen sie ihnen nicht. »Wasser.«, befahl Benwick einer Hörigen, und sie stürzte sofort von Dannen. Als sie Benwick das Wasser schließlich darreichte, da träufelte er Asa einiges davon auf ihre Lippen und benetzte sie anschließend mit einem sanften Kuss. »Dafür wirst du sterben, Raéyun!«, zischte Asa aufgebracht. Doch niemand verstand sie. Weder Benwick, noch ihre Kinder, und schon gar nicht die Hörigen, welche etwas Abseits standen. Ihre Zunge war stark verbrannt gewesen, und sie konnte keine deutlichen Worte formen. Sie zischte und lallte. Alles was Benwick verstanden hatte, war sterben. »Wer wird sterben?«, hakte er nach, und Adraéyu schluckte hart. Denn er hatte, im Gegensatz zu Benwick, das letzte Wort verstanden. »Asa!«, rief Benwick, doch hatte es keinen Sinn. Sie war wieder ins Reich der Träume versunken. »Spiel nochmal!«, befahl Benwick, nein er bat Adraéu darum.»Charaid. Das wird nichts nützen.«, begann Adraéyu. Doch er war sich seiner Worte gar nicht so sicher. Er hatte etwas bewirkt. Vielleicht würde ein längeres Spiel helfen. Doch er wollte nicht, dass Asa erwachte. Er musste unbedingt verschwinden, noch bevor der Ru'Naak eintreffen würde. »Sie ist zu schwach. Sie kämpft einen Kampf mit sich selbst. Ich konnte ihr nun Lebenswillen spenden. Doch kämpfen muss sie alleine.« Benwick nickte und winkte Adraéyu fort. »Du kannst gehen. Vielen Dank für deine Hilfe« Das ließ sich Adraéyu nicht zwei Mal sagen. Er packte seine Laute zusammen und verschwand. ›Die schwarze Seele hat die Wahrheit gesagt.‹, schoss es ihm durch den Kopf, während er über den Platz huschte. ›Sie hat Raéyun gesagt. Sie weiss noch alles, während mein Wissen tief in mir vergraben liegt.‹ Adraéyus Gedanken kreisten wild. Als schließlich zwei tiefe, lange Hornstöße ertönten. Dicht gefolgt von einen helleren, kürzeren.

Menschen strömten aus ihren Häusern und sahen aus den Fenstern, sofern ihre Häuser eines hatten. Doch diese Hornstöße konnten nur eines bedeuten, das war Adraéyu klar. Der Ru'Naak war eingetroffen. Nun war alles zu spät. Und da sah Adraéyu schon die Männer durch das Tor schreiten. Es waren acht großgewachsene Kerle, Berserkern gleich und mit grimmigem Blick. Einige gingen starr voraus, während andere den etwas älteren Ru'Naak geschickt abschirmten. Jeder Angreifer musste erst einmal die Leibwachen überwinden, bevor sie an ihn heran kommen würden. Der Hornstoß hatte auch sowohl Benwick, als auch Rahela aus ihren Häusern gelockt. »Ist er endlich gekommen?«, fragte Benwick hoffnungsvoll. »Ja, dort kommen sie.«, rief Rahela ein wenig aufgeregt. Warum freute sie sich so? Sie kannte ihn doch nicht, oder doch? ›Wo hatte Rahela noch einmal gelebt, bevor sie zurück in den Faernach-Clan gekommen war?‹, versuchte sich Adraéyu zu erinnern, bis es ihm schließlich einfiel. »Du kennst ihn!«, sagte er an Rahela gewandt, doch diese sah ihn nur verständnislos an. »Nein, wie kommst du denn darauf.« »Du hast doch einige Jahre im Skerôingur-Clan gelebt. « Rahela lächelte wissend. »Der Clan lebt in den Bergen, nahe des großen Passes, welchen auch die Händler nutzen um zu uns zu kommen. Ihre Häuser sind verstreut und viele wohnen sogar in den Höhlen, nahe der Dörfer. Ich habe all die Jahre, in denen ich bei ihnen gelebt hatte, nie die Ehre und das Vergnügen gehabt, ihn kennenlernen zu dürfen.«, erklärte sie ihm schließlich. »Und darum hauchst du seinen Titel so ehrfürchtig?«, murmelte Adraéyu doch sie reagierte nicht, vielleicht hatte sie ihm nicht zugehört. Doch was macht das schon? Er musste sich eine Lösung einfallen lassen, wie er den Mann entweder täuschen konnte, oder sich einfach aus dem Staub machen.

Benwick trat an den Ru'Naak heran und verbeugte sich leicht. »Es ist mir eine Ehre, dich im Faernach-Clan Willkommen zu heißen.« sagte Benwick ehrerbietend. »Es wurde bereits alles veranlasst, für deinen Besuch.« »Gut. Ich habe Hunger, und meine Männer sind am Verdursten. Bring uns gefälligst in deine Hallen, bevor ich mir die Beine in den Bauch stehen muss.«, herrschte er Benwick ungehalten an. Doch Benwick verzog keinen Mundwinkel. Er konnte äußerst diszipliniert sein, wenn er denn wollte. »Hoffentlich schmeckt das Essen besser als deine Gastfreundschaft.«, murmelte der Totenhorcher. Adraéyu verzog seine Augenbrauen ein wenig skeptisch. Um wie viel freundlicher hätte Benwick sonst schon sein können? »Misch ihm Gift unters Essen.«, zischte er Rahela zu »... dann haben wir es hinter uns.« Doch erntete er nur Schweigen. Benwick folgte dem Totenhorcher, und auch Rahela und Adraéyu taten es ihm gleich. Rahela wohl wegen der Neugierde, vermutete er. Doch Adraéyu folgte aus anderem Interesse. Er wollte wissen ob er den Mann zu fürchten hatte. »Können wir irgend etwas für dich erledigen? Was brauchst du für deine Rituale?«, erkundigte sich Benwick bei ihm. Wenn es nach ihm ginge, müsste er sofort damit beginnen. Und natürlich bei Asa. »Das geht dich nichts an.«, herrschte ihn »meine Rituale gebe ich nur an meinen Gesellen weiter.« »Wie du wünschst.«, brummte Benwick ein wenig unbeholfen, doch wagte er kein Aufbegehren.

Bei diesen Worten trat Rahela einen Schritt vor. »Mein geehrter Ru'Naak. Vielleicht kann ich dir helfen? Ich bin Rahela, Neeskia tu Nemia Faernach.« Sie stellte sich förmlich mit ihrem Titel vor, doch zuckte der Totenhorcher nur mit den Achseln. »Wie könntest du mir schon helfen, Weibstück?« Er sah Rahela ein wenig abfällig an. »Kein Wunder, dass ihr die Gunst Hjegdans sucht. Wer ein Weib zur Neeskia hat, ist wahrlich von den Göttern verlassen.« Rahela konnte ihre finsteren, schwarzen Blicke zweifellos kaum verbergen, doch konnte Adraéyu sie nicht sehen, denn er stand etwas Abseits hinter ihr und beobachtete mit wachsendem Unbehagen das groteske Schauspiel welches sich ihm hier bot. Sowohl Benwick, als auch Rahela rangen wohl um Worte, denn Adraéyu hörte niemanden von ihnen aufbegehren. Dieser Mann war ihm zuwider. Alles in ihm sträubte sich gegen ihn und er wollte am liebsten sein Lied zum Besten geben, oder zumindest Rahela zur Seite stehen, oder Benwick den Rücken stärken. Doch Adraéyu schwieg. Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Jeder könnte sein letzter sein. Und mit diesen Rukh Nemia'tor, war alles andere als zu Spaßen. Ihre Blicke waren ernster als der Tod, und entschlossener als jeder Blick eines Selbstmörders nur sein konnte. Nur würden diese Krieger nicht sich selbst töten, wenn sie erst vom Totenhorcher entfesselt werden würden. »Rahela ist eine weise und mächtige Schamanin.«, entkam es Adraéyu dann doch und er biss sich auf die Zunge. ›Warum kann ich nur nie meinen Mund halten?‹, verfluchte er sich selbst. ›Da kann ich doch auch noch gleich sein Lied zum Besten geben, denn den Groll des Totenhorchers hatte er nun zweifellos auf sich gezogen. Doch er hütete sich diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. »Ach. Ist sie das?«, hakte der Totenbeschwörer nach, und trat mit seinen alten, gebrechlichen Knochen einige Schritte näher an Adraéyu heran. »Alle Frauen sind falsch und schwach. Nicht würdig den Göttern zu dienen. Und wer bist du, der glaubt so viel über Schamanen und die wilden Lande zu wissen?« »Das ist Arn, der Zaubersänger.«, mischte sich nun Benwick ein. »Ich habe den Skalden gefragt.«, herrschte der Alte und ein belustiger Blick mischte sich mit dem ungehaltenen Missfallen auf seinem Gesicht. Adraéyu war in seinen Augen ein Nichts. Ein Sänger und Dichter. Kein Krieger. Er würde zu Staub zermalmt werden, wenn seine acht Krieger über ihn hinwegfegen würden. Benwick knirschte mit den Zähnen. Adraéyu sah in seinen Augen, dass er sich dies keineswegs mehr lange gefallen lassen würde. Sein Stolz hatte Grenzen. Und wenn diese ausgereizt waren, dann würde das erstrebte Bündnis mit dem Skerôingur-Clan unbesiegelbar werden. Vielleicht würde es sogar mit Benwick sterben, wenn die acht Sippentöter sich auf ihn stürzen würden, sobald der Ru'Naak mit seinem knochigen Finger auf den Ruka deuten würde.

Der Ru'Naak wandte sich von dem Raéyun ab. Er war müde von der Reise, und des Streitens überdrüssig. Nach einigen Schritten aber blieb er plötzlich stehen und hob seine linke Hand. »Doch. Etwas kannst du machen, Benwick. Bring mir die Leiche der Frau, die so einladend vor euren Toren baumelt.« Benwick starrte den Totenhorcher ein wenig angewidert an. »Und nimm die da mit.«, damit deutete er auf Rahela.

Als Benwicks Hörige die tote, von Krähen und Raben zerhackte, Arcanierin vom Baum geschnitten hatten und sie in der Halle Benwicks auf einem Tisch aufgebahrt hatten, trat der Ru'Naak, an die Leiche heran. »Weg mit euch.«, herrschte er die Hörigen an. »Keiner von den Niederen, darf die Rituale sehen! Schickt sie weg, oder sie werden sterben.«, befahl der alte Totenhorcher und sie stoben bei diesen Worten schon davon. »Und kein Weibsvolk!«, setzte er noch nach. Nun gingen auch die meisten der freien Männer und Frauen, bis am Ende nur die acht Rukh Nemia'tor, Benwick und seine Hersen, sowie Adraéyu verblieben war. Da der Raéyun sich in die Schatten gedrückt hatte, war er dem alten Leichenfledderer nicht aufgefallen, denn er hätte ihn, zusammen mit den Leibeigenen und den Weibern, wohl ebenso fortgeschickt. Sei es, weil er als Barde kein richtiger Mann in seinen Augen war, oder weil er ein Außenstehender war.

Der Ru'Naak begann rituelle Totenlieder zu singen, und die Acht stimmten mit ihren tiefen Stimmen in den Gesang ein. Jeder sang mit einer eigenen Stimme, und jeder begann etwas später. So schwall der Kanon zu einem mitreißenden Lied an, welches so gewaltig klang, obwohl es so leise gesungen wurde, dass Adraéyu das Gefühl hatte, seine Seele würde aus ihm gezogen werden. Machtvolle Magie war hier am Werk, das spürte Adraéyu und sein Unbehagen wuchs ins unermessliche. Er musste hier raus. Er musste ein Lied singen, oder den Etáín eine Weise vortragen. Irgend etwas … diese tiefe, unheimliche Musik, und dieser finstere Raum, und diese dunklen Rituale, weckten die schwarze Seele, welche in Adraéyu eingesperrt war und tobte.

Und während Adraéu gegen sich selbst einen Kampf ausfocht, und stumm ein Lied vor sich hinsummte, um sich davor zu bewahren, sich selbst zu verlieren, da begann der Ru'Naak damit, den Schädel der toten Arcanierin zu häuten. [18]Er zog ihr akriebisch und präzise die Haut vom Schädel, und entfernte die Ohren und die Nase. Die Augen musste er nicht entfernen, denn das hatten bereits die Seelenvögel für ihn erledigt. »Ihre Seele aus den Klauen der schwarzen Todesboten zu reißen wird schwer.«, murmelte der Alte und setzte indes einen spitzen Nagel in die Augenhöhlen der Leiche, während die Acht noch immer im Kanon sangen. Mit einem Hammer trieb er der toten Hörigen in jede Augenhöhle diesen dicken Nagel, bis das Gehirn dahinter freigelegt war. Dann ging er zum Feuer und zog einen dünnen Schürhaken daraus hervor. »In Feuer sollst du vergehen, möge deine Seele brennen, und all ihre Geheimnisse offenbaren.«, murmelte der Totenhorcher und trieb der Leiche das glühende Eisen durch die Augen in den Schädel. Es stank bestialisch und rauchte stinkend. Indes drehte er den Spieß in den Augen und verquirlte so das Gehirn zu einer matschigen Masse bis es aus den Augen hinauslief. Dann trat er zur Seite und einer der Acht zog seine Axt und schlug der Leiche sogleich den Schädel ab.[/18] »Hängt sie wieder an den Baum. Ich habe was ich brauche.« Benwick ließ sich nicht zwei Mal bitten. Ihm war deutlich anzusehen, dass ihm dieses Ritual alles andere als geheuer war. Während er, zusammen mit einem der acht Krieger, die Leiche hinausschleppte, drückte Adraéyu sich ein wenig tiefer in die dunkle Ecke. Nun waren nur noch er, der Ru'Naak und sieben der Acht in Benwicks Halle. Und im Nebenzimmer lag allein und schlafend die Rukaja, Asa.

Wie Rahela auch, schnitt sich der Totenhorcher mit einem eleganten, geschwungenen Dolch die Handflächen auf und ließ das Blut in die Augenhöhlen laufen. »Dein Blut, und mein Blut …« Dann zog er ein kleines Fläschchen aus seiner Ledertasche, stöpselte den Korken heraus und goss dessen Inhalt ebenfalls in den Schädel der Toten. »… und das Blut der Götter.« ›Blut der Götter?‹, schoss es Adraéyu durch den Kopf. Irgendwo hatte er diese Floskel bereits einmal gehört. Diese Essenz musste ein berauschender Trank sein. Kaum hatte Adraéyu diesen Gedanken zu Ende gedacht, da hob der Totenhorcher schon den blutigen und auch leicht wesenden Schädel an seine Lippen und ließ das widerliche Gemisch, welches aus dem Schädel heraustropfte, auf seine Zunge laufen. Da konnte Adraéyu nicht mehr an sich halten. Er trat aus den Schatten heraus, um die Halle zu verlassen. Ihm war egal, ob er dies hätte sehen dürfen oder nicht. Er wünschte er hätte dieses dunkle Ritual nicht gesehen. Es konnte nichts Gutes sein, und er wollte nur so schnell wie möglich aus dem Clan verschwinden, bevor der Totenhorcher alle Geheimnisse aus den tiefsten Schatten der Seelen jener Unglücklichen gerissen hatte, welche er nun dieser Tage heimsuchen und quälen würde. Kaum war er aus den Schatten getreten, da sah ihn schon der Totenhorcher und schrie ihn an. »Was suchst du hier? Hinaus!«, herrschte er ihn an. »Ja, ich wollte ohnehin gerade gehen.«, murrte Adraéyu. »Die Geister sind erzürnt! Sie schwinden! Du bist nicht würdig die Geister zu sehen!«, schrie der Alte, als ob es Adraéyus Schuld war, dass er sein Ritual verdorben hatte. Von welchen Geistern auch immer der Alte gesprochen hatte, Adraéyu hatte keine gesehen. Und doch waren sie da gewesen. Das Ritual war unterbrochen worden …
Zuletzt geändert von Adraéyu am Di, 23. Okt 2012 17:21, insgesamt 1-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Di, 23. Okt 2012 8:12

Es war zur Zeit der Eisheiligen, als der Totenhorcher in den Faernach Clan gekommen war. Die Tage waren kühl und regnerisch und die Nächte frostig. Es war ein letztes Aufbäumen des Winters, lange nachdem der Frühling bereits Einzug gehalten hatte. Passend zur Stimmung im Clan, wie Rahela fand. Seit der Totenhorcher, der Ru’Naak, in den Clan gekommen war, herrschte eine seltsame Stimmung. Die meisten hatten Furcht vor diesem Mann, er sprach zu den Toten. Wie alle Menschen, die unehrenhaften Berufe, die mit dem Tode behaftet waren, sei es Henker, Scharfrichter, Abdecker oder Totengräber. In den wilden Landen wurde zwar jeder Beruf als nützlich und daher nicht verwerflich angesehen, denn alle Menschen im Clan wirkten zusammen und jeder leistete mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag. Mit Ausnahme jener, die mit Magie zu tun hatten, dazu gehörte der Schamane in gewisser Weise ebenso wie der Totenhorcher. Rahela saß am Feuer der Feuerstelle und verbrannte ein Stück Tuch zu Ehren der Götter und der Etáín. Sie betete zu den Göttern, bat um Weisheit, Vorsicht und Erfolg mit der Begegnung des Ru’Naak und den acht Kriegern. Sie wollte dem Clan zumindest auf diese Weise dienen, wenn sie schon keine Beachtung bei dem Ru’Naak fand, ergo an diesem Ritual nicht teilnehmen durfte. Sie war nur halbherzig bei der Sache, weil sie maßlos enttäuscht war. Es war immer dasselbe. Sie wurde missachtet weil sie eine Frau war. Wäre sie ein Mann, mit denselben Fähigkeiten, würde sie erheblich mehr Respekt genießen. Sie dachte an Arns Worte ‚Man wird dich dumme Wilde nennen, und viele Männer und Frauen werden dich mit Verachtung oder Ignoranz strafen‘ Als sie damit dem Gebet fertig war, erhob sie sich. Sie war so unruhig, dass sie es in ihrer Hütte nicht aushielt. Es war bereits Nachmittag, und das Ritual war sicher schon vorbei, wie sie knirschend feststellte. Sie trat vor die Türe und ein leichter Nebel war aufgezogen… wie Geister legten sich die Nebelschwaden über den Clan. Sie starrte von der leichten Anhöhe auf die anderen Häuser hinunter. Plötzlich sah sie Angus, den Wachmann von den Palisaden. „He Angus!“ rief sie ihm zu. Er winkte ihr und sie lief zu ihm „Erzählt man sich schon etwas über die Totenbeschwörungen?“ fragte sie ihn. „Nein… das Ritual wurde abgebrochen…“ Rahela war irritiert. „Abgebrochen? Bei den Alten, warum?“ „Der Barde… er war unbemerkt anwesend, und der Ru’Naak hat sich von ihm gestört gefühlt, er meinte, er hätte die Geister vertrieben, es wird später noch einmal versucht…“ Rahela nickte. „Ich danke Dir, Angus…“ meinte sie. „Entschuldige mich bitte, Neeskia… ich muss heute noch wohin… wo hinein…“ grinste er dreckig. „Viel Spaß…“ meinte sie und zwinkerte ihm zu während er sich wieder in Bewegung setzte. Rahela wusste nicht ob sie schmunzeln oder sich fürchten sollte. Benwick war sicher wütend auf Arn. Doch Rahela witterte eine neue Möglichkeit, es erneut zu versuchen.

Als sie gerade im Begriff war, zurück in ihre Hütte zu gehen, sah sie Arn, der aus seinem Haus kam. Es war schon eine Absonderlichkeit, dass sie sich ständig begegneten, fand sie. „Arn?“ rief sie leise. Er blickte auf. Er wirkte wie ein gehetztes Tier. Irgendetwas stimmte hier nicht… Sie lief auf ihn zu und musterte ihn. So bepackt hatte sie ihn noch nie gesehen. Er hatte seinen Lautenkasten geschultert, nebst voll bepackter Tasche und seinem Langbogen. Sie musterte ihn kurz und war bestürzt, als sie verstand, was er vor hatte. „Du willst uns verlassen...“ flüsterte sie. Er schwieg, und dies war Rahela Antwort genug. „Aber… aber warum?“ rang sie um Fassung. „Ich kann es Dir nicht sagen…“ meinte er leise. „Bei den Göttern, was ist nur passiert, dass Du den Wilden Landen den Rücken kehren willst? Was kann so schlimm sein, dass Du nicht darüber reden willst?“ Sie wusste nicht wieso, aber sofort kam ihr Asa in den Sinn, und der Tag, an dem sie verletzt wurde. Irgendwie ergaben alle kleinen Steinchen, die sie in der Hand hatte, kein wirkliches Mosaikbild, und doch konnte man erahnen, was passiert sein musste. Jetzt erst recht wollte sie dem Ritual beiwohnen. Sie musste als Erste erfahren, was passiert war, nur so konnte sie vielleicht noch in das Schicksal eingreifen. „Arn… wenn Du mir nur ein wenig vertraust, dann geh nicht… noch nicht… Warte noch bis morgen… Wenn Du bei Tagesanbruch nichts von mir gehört hast, dann geh …aber bis dahin, bitte bleib… Du musst nicht hier im Dorf warten, wenn Du Dich hier nicht sicher fühlst… geh meinetwegen in den Wald… vielleicht zu dem dicken Eichenstumpf, wo Du für die Etáín immer Deine Lieder spielst, dann weiß ich wenigstens, wo ich Dich finden kann… Aber geh nicht einfach, ohne Lebewohl zu sagen... “ Sie wusste mehr von ihm, als er dachte, und beinahe musste schmunzeln weil sie an seine Worte dachte, ob sie ihre Raben ausschickte. Doch aufgrund der Lage, wie siehier nun einmal war, gelang es ihr nicht,ihre Lippennach oben zu verziehen. Ihm war nicht wohl dabei, worum sie ihn bat, das konnte man deutlich erkennen. Doch er nickte schließlich. „Ich gehe jetzt in Benwicks Hallen und sehe nach dem Rechten“ meinte sie und nickte ihm zu. Als sie ging, wandte sie sich noch einmal um. „Was immer ich tun werde, ich tue es für Dich… denk daran, was auch immer passieren wird…“ Dann ging sie zu Benwicks Hallen.

Die Stimmung in Benwicks Halle war nie getrübter gewesen. Die Hersen lümmelten missmutig um Benwick herum, der noch missmutiger da saß. Sie sah sich um. Der Ru’Naak saß abseits mit seinen acht Kriegern. An ihrer Körperhaltung konnte man einiges ablesen, am deutlichsten Missbilligung. Es schein also wahr zu sein, was Rahela von Angus erfahren hatte, das Ritual schien nicht vollzogen worden zu sein. Rahela lief zu Benwick. „Mein Ruka… was ist geschehen?“ fragte sie ihn. Benwick sah sie an und brummte „Arn hatte die Hallen nicht verlassen… dieser verdammte [18]Hurensohn[/18] hat sich in eine Ecke gedrückt und hat dem Ritual beigewohnt. Doch dann wurd‘s ihm wohl zu viel, diesem Weichei und er wollte aus den Hallen verschwinden. Dabei hat der Ru’Naak ihn entdeckt und einen Mordsaufstand gemacht und das Ritual abgebrochen. Wenn er schon so neugierig war, dann hätte er Manns genug sein müssen, und bleiben, bis es vollzogen war…“ Rahela erwiderte: „Oh, mein Charaid… das tut mir leid… ich weiß, wie sehr Du Dir Aufklärung wünschst… lass mich es versuchen, ich rede mit dem Ru’Naak?“ Benwick sah sie an und zuckte mit den Schultern. „Du hast doch mitbekommen, was er über Frauen denkt… besonders, wenn sie Schamanin ist… aber es ist ohnehin schon verschissen… was kannst Du da noch groß anrichten, oder ausrichten… versuch es...“ meinte er und winkte gönnerhaft ab. Rahela nickte. „Danke, Voruad…“ meinte sie und wandte sich von ihm ab. Sie straffte ihren Oberkörper, atmete tief ein und aus und ging dann an den Tisch, wo die Männer mit dem Totenhorcher saßen. Er musterte sie von oben herab, obwohl er saß. „Was willst Du, Weib?“ Sie wusste, dass sie mit Säuseln bei ihm nicht weiterkommen würde, schon gar nicht im Beisein seiner Krieger. „Ich bin kein Weib… ich bin die Neeskia des großen Faernach Clans… und ich erwarte vom Ru’Naak des Skerôingur Clans denselben Respekt, wie er mir auch von diesem und meinem Clan entgegen gebracht wurde und wird.“ Der Ru’Naak schwieg und musterte sie. Sicherlich hatte er nicht erwartet, dass man so frech mit ihm sprach, schon gar nicht, wenn es sich dabei um eine Frau handelte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Du wagst es…“ begann er doch Rahela unterbrach ihn. „Ich wage sogar noch mehr… komm heute Abend in meine Hütte…“ Sie musterte seine Krieger. „Alleine…“ „Ich gehe nie wohin, ohne mindestens einen meiner Rukh Nemia'tor…“ Rahelas Mund umspielte ein spöttisches Lächeln. „Alle Frauen sind schwach und falsch… Fürchtet sich der große Ru’Naak etwa vor einer schwachen Frau?“ Er spuckte aus und brummte verächtlich „Natürlich nicht…“ „Wunderbar…“ meinte Rahela und lächelte. Im Grunde waren beinahe alle Männer gleich. Man konnte sie herausfordern in dem man sie am Stolz packte oder am [18]Schwanz[/18]… beides funktionierte beinahe immer. Als Rahela im Begriff war, die Halle zu verlassen, lief ihr Benwick nach. „Was hast Du gesagt? Was ist los? Wieso grinst Du so selbstgefällig?“ fragte er sie neugierig. „Warte ab, Charaid, warte ab… ich muss auch abwarten…“

Am frühen Abend stand der Ru’Naak wirklich alleine vor Rahelas Tür. Er brummte, als er eintrat. „Ich warne Dich, Weib… wenn ich hier nicht lebend rauskomme, haben meine Krieger die Anweisung erhalten, den gesamten Clan abzuschlachten… Männer ebenso wie Frauen und Kinder…“ „Aber, aber…“ erwiderte Rahela beschwichtigend „Niemand hier ist Dir feindlich gesonnen… im Gegenteil, Du bist unser hoher Gast…“ meinte sie mit honigsüßer Stimme. „Und im Haus der Schamanin werden die hohen Gäste nicht minderer als Fürsten behandelt… möchtest Du einen Wein?“ „Was wird das schon für Essigwasser sein…“ meinte er verächtlich. Sie nickte vielsagend mit dem Kopf. Er war wirklich eine harte Nuss. Doch sie würde sie brechen… wie Thargôn seine Walnüsse… Sie holte eine Flasche Wein aus der Speisekammer. Es war eine Flasche, die sie für Arn ausgewählt hatte. Sie bedauerte es ein wenig, dass sie diese Flasche nicht mit ihm trinken würde, doch sie nahm nicht an, dass der Ru’Naak einen süßen Likör mochte. Sie füllte die Becher und reichte ihm einen davon. Sie betrachtete ihn im tanzenden Feuerschein. Er war deutlich älter als Arn. Sie kannte Arns Alter eigentlich gar nicht… wieso hatte sie ihn nie danach gefragt? Doch der Totenhorcher war schwer einzuschätzen. Er sah bestimmt älter aus, als er war, doch er schien mindestens fünfzig zu sein. Keiner mehr von den Jungen… und doch war sein Bart und sein Haar noch dunkel. Nicht schwarz, aber dunkel, und seine erschlaffende Haut darunter wirkte ein wenig fahl. Die Augen waren graublau, nicht wässrig, sondern klar und scharf wie Stahl und schlau wie die von Thargôn. Er war ein wenig größer als Rahela, nicht viel, vielleicht zwei Zoll. Seine Kleidung war dunkel. Sie musterte sein dunkelbraunes Haar. „Wie kommt es, dass jene, die den Clans dienen so oft dunkel sind… eine göttliche Vorbestimmung?“ fragte sie und spielte damit nicht nur auf sein Haar an sondern auch auf ihres. Er zuckte die Schultern. „Vielleicht…“ Er wirkte sehr zugeknöpft, bemerkte Rahela. „Du hast den Wein noch nicht probiert, mein Ru’Naak…“ meinte sie. Zweifelnd blickte er auf den Becher. „Ist er vergiftet?“ Rahela lächelte und nahm ihm den Becher ab. „Natürlich nicht… „ meinte sie und nahm einen Schluck davon. „Er ist sehr gut, mein Ru’Naak, Du musst ihn unbedingt probieren…“ Sie leckte sich über die Lippen, um auch den letzten Tropfen, der ihre Lippen benetzt hatte, zu erhaschen. „Er ist etwas ganz besonderes, er stammt von den fahrenden Händlern… ein echtes Kleinod. Ich habe ihn mir für einen besonderen Abend aufgehoben, und ich glaube, heute ist ein solcher Abend…“ meinte sie vielsagend. Er probierte den Wein und er nickte anerkennend. „Nicht schlecht… zumindest, was das betrifft, scheinst Du eine gute Hand zu haben…“ „Ich habe noch viele andere Fähigkeiten, und Qualitäten, mein Ru‘Naak…“ meinte sie und zwinkerte. „Wieso sollte ich ein schlechterer Diener der Götter sein, nur weil ich eine Frau bin?“ „Frauen sind schwach und falsch…“ „Hast Du so schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht, dass aus Dir eine solche Verbitterung spricht?“ meinte sie und nahm noch einen großen Schluck des Weines. Er tat es ihr gleich. „Ach was… ich bin nicht interessiert am Weibsvolk…“ „Wirklich?“ fragte sie mit ehrlich gemeintem Interesse und schenkte die Becher nach. „Bist Du eher Männern zugeneigt?“ fragte sie gerade heraus. „Nein, nein, bei den Göttern… nein!“ schüttelte er heftig den Kopf und sein langer dunkler Zopf schwang dabei hin und her und blieb auf seiner Schulter liegen. Rahela ergriff den Zopf, und warf ihn sacht nach hinten zurück. „Das ist gut…“ meinte sie. „Rauchst Du? Ich habe ausgezeichnetes Pfeifenkraut…“ „Warum nicht?“ erwiderte er. „Wie heißt Du eigentlich?“ fragte sie ihn, während sie das Pfeifenkraut in die Pfeife stopfte. Zuerst griff sie instinktiv zu den Pilzen, doch sie beließ es dabei… sie wollte ihn nicht benebeln… „Gunnar…“ erwiderte er zögerlich. Langsam taute er auf… bemerkte Rahela. Sie entzündete einen Kienspan im Feuer und entfachte dabei die Pfeife und setzte sich auf eines der Felle an der Feuerstelle. „Möchtest Du nicht Deinen Umhang ablegen? Ist Dir nicht warm?“ erinnerte sie ihn, dass er noch seinen Umhang trug. Er brummte und nahm seinen pelzverbrämten Umhang von den Schultern und legte ihn über die Stuhllehne. Sie legte ihre Hand neben sich und bedeutete ihn mit einer Geste „Setz Dich doch zu mir, Gunnar…“ Er tat es und sie reichte ihm die Pfeife. Er zog daran und stieß wohlig aus. „Es muss anstrengend sein, immer den düsteren Mann zu mimen, nicht wahr?“ schmierte sie ihm Honig ums Maul und lächelte ihn herausfordernd an. „Du kannst hier ganz Du selbst sein… ich erzähle niemandem, dass der Totenhorcher eigentlich ein netter Mann ist…“ „So nennt man mich also im Faernach Clan, ja? Totenhorcher?“ „Es ist keine Beleidigung… es ist, wie manche mich Schamanin nennen und die anderen wiederum Neeskia…“ meinte sie. Sie nahm ihm die Pfeife ab und zog daran. Zart blies sie ihm den Rauch ins Gesicht. „Und warum sitze ich hier? Du hast mich sicherlich nicht hierher bestellt, damit ich Deinen Wein trinke und Dein Kraut rauche…“ „Oh, ganz gewiss nicht.. nicht nur.. Du bist ein schlauer Mann, Dir kann man nichts vormachen, nicht wahr?“ säuselte sie. „Nun denn… ich möchte dem Ritual beiwohnen… wie ich hörte, wurde es nicht vollzogen oder? Es ist also noch nicht zu spät dafür…“ „Frauen sind nicht geduldet dabei…“ „Und wer bestimmt diese Regel?“ „Ich…“ meinte er. „Oh, ich bin mir sicher, wir finden einen Weg, diese Regel zu umgehen…“ meinte sie und sah ihm in die Augen. „Und wie?“ „Sag ja… lass mich daran mitwirken… und ich bereite Dir einen unvergesslichen Abend…“ meinte sie und ließ ihre zarten Finger sanft durch seinen Bart streifen. „Was bist Du, eine Hexe?“ brummte er, doch er wehrte sie auch nicht ab. „Nein, ich bin nur eine Frau, die weiß, was sie will, und die bereit ist, entsprechende Gegengabe zu leisten…“ Er schien abzuwiegeln und sie nahm ihm den Becher aus der Hand und legte die Pfeife beiseite.

[18]Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. Noch nie hatte sie einen derart alten Mann verführt… Sie schob ihm vorsichtig die Zunge in den Mund, doch er schmeckte nicht so widerlich, wie zunächst angenommen. ‚Umso besser‘ dachte Rahela und legte ihm die Hand in den Nacken. Als sie seine Zunge liebkoste, wanderte ihre Hand gen seinem Schritt. Sie spürte, wie es sich in der Hose regte und sie lächelte. Sie löste sich von seinen Lippen. „Willst Du mehr?“ flüsterte sie. „Bei den Göttern, ja…“ murmelte er, beinahe sanft wie ein Kätzchen. Nun gut… meinte sie. Sie zog sich ihre Kleider über den Kopf und saß nun gänzlich nackt vor ihm. „Dann versprich es! Versprich es bei den Göttern, dass ich dem Ritual beiwohnen darf!“ forderte sie von ihm. „Meinetwegen… Du darfst zuschauen…“ „Nicht nur zuschauen… ich will Dir dabei zur Hand gehen… mitwirken!“ „Es wird kein Spaziergang…“ wendete er ein. „Das ist mir egal… versprich es! Bei Thargôn!“ „Also gut, ich verspreche es… Du Hexe…“ Sie seufzte. Jedermann sah sie als Hexe… vielleicht war sie es ja wirklich… Sie machte sich an seiner Hose zu schaffen, öffnete den Gürtel und zog ihm das Hemd über den Kopf. Er erhob sich leicht und zog sich die Hose aus. Sie ließ ihre Blicke über seinen Leib huschen. Er war kein schöner Jüngling, doch sie hatte schlimmeres erwartet. „Leg Dich hin, gleich hier auf die Felle!“ Auf keinen Fall würde sie ihn in ihr Bett lassen… dieses Bett würde sonst wahrlich entweiht… dort hatte sie wundervolle Stunden mit Arn verbracht… vielleicht brachte es ja Unglück, mit dem Ru’Naak das Lager zu teilen… Sie setzte sich auf seine mittlerweile harte Männlichkeit und begann sich auf ihm zu bewegen. Er stöhnte lustvoll auf. Rahela fühlte nichts. Doch sie würde ihre Rolle gut spielen. Sie würde ihm vermitteln, er sei heute der einzige und beste Liebhaber den es nur geben konnte. Als sie mitten drin waren, zog er sie an sich heran, legte seine auf ihre Lippen, suchte sich den Weg mit der Zunge in ihren Mund und wühlte damit in ihrem Mund herum. Sie versuchte, sich ihn zu entziehen. Doch es gelang ihr nicht denn er hielt sie eisern fest. Erneut versuchte sie, sich von ihm zu lösen. Er verließ ihren Mund und leckte ihr übers Gesicht. Rahela war angewidert und entzog sich ihm. Er fasste an ihre Brüste, zog sie daran zu sich heran und leckte ihr erneut über das Gesicht. Empört gab sie ihm eine schallende harte Ohrfeige. Im selben Moment erschrak sie und hielt in ihren Bewegungen inne. „Entschuldige!“ schlug sie die Hand vor den Mund und sah ihn erschrocken an. Doch er grinste wollüstig. „So eine bist du also? Schlag mich noch einmal!“ Rahela blickte irritiert drein. Hatte sie sich verhört? War er betrunken? Von zwei Bechern Wein? „Wie bitte?“ fragte sie irritiert. „Schlag mich…“ widerholte er. „Schlagen?“ fragte sie nach, während sie sich wieder auf ihm zu bewegen begann und leise keuchte. „Ja doch!“ Sie schlug ihm mit der Hand ins Gesicht… sie hatte ihn ziemlich hart getroffen, es hatte laut geklatscht. Sie erschrak. „Verzeih!“ „Nein, nein, das war gut! Schlag mich nochmal!“ Rahela schüttelte innerlich den Kopf. Was war das denn? Es gefiel ihm, wenn sie ihn schlug? Erneut schlug sie ihn, diesmal auf die andere Seite. „Oh ja…“ raunte er. Dann drückte er sie von sich, legte sie auf den Boden und kam über sie und drang erneut in sie ein. Sie ließ ihre Hand auf seinen Hintern niederfahren und er stöhnte aus vollster Kehle auf. Rahela erschrak innerlich. Er musste ihren roten Handabdruck auf seinem Po haben, und das gefiel ihm? Gegen ein wenig beißen, kratzen und klopfen hatte sie selbst nichts einzuwenden, aber das hier war doch ein wenig anders. In ihrer Reichweite lagen die Holzscheiter für die Feuerstelle. Sie ergriff eines der Hölzer und schlug ihm damit auf den Hintern. „Gefällt Dir das auch?“ raunte sie und seine Antwort war ein raues lautes Stöhnen und er begann sich schneller zu bewegen. Sie widerholte die Schläge einige Male und plötzlich schrie er auf. Rahela erschrak. Hatte sie ihn verletzt? Sie ließ das Holzscheit fallen und er rief „Nein, hör nicht auf…“ Rahela schlug ihre Fingernägel in seinen Rücken und fuhr hart darüber. Schmerz war schließlich Schmerz. Sie konnte es förmlich spüren, wie sie ihm die Haut abwetzte, doch er stöhnte beglückt auf und begann zu zucken und zu beben. Nach einigen Sekunden ermattete er und blieb auf ihr liegen. Rahela war ein wenig froh, dass es vorbei war. Das hatte wenig mit „lieben“ zu tun… aber jeder hatte offensichtlich andere Vorlieben… Sie frohlockte innerlich. Sie hatte den Ru’Naak gevögelt und sie hatte ihn geschlagen… und dafür war er ihr sogar noch dankbar…[/18]

Noch am selben Abend drängte Rahela den Ru’Naak, das Ritual noch einmal zu vollziehen. Benwick blickte ungläubig drein, als er vom Ru’Naak selbst erfuhr, dass das Ritual noch heute Abend wiederholt würde, und noch fassungsloser war er, als er sagte, Rahela würde dem Ritual beiwohnen. Rahela lächelte dabei triumphierend. „Was hast Du nur gemacht? Du bist wirklich eine Hexe…“ flüsterte er ihr erstaunt drein. „Das bleibt mein Geheimnis, mein Ruka… Du weißt, ich tue alles, um den Clan zu dienen…“ wisperte sie ihm zu, was zumindest die halbe Wahrheit war. Der Ru‘Naak befahl, dass die Arcanierin erneut vom Baum geholt werden sollte. Walder wurde die Aufgabe zuteil, die Leiche zu bringen. „Zuerst schlägt er ihr den Kopf ab, dann soll ich sie wieder aufhängen… ohne Kopf… und dann soll ich sie noch einmal herunterholen?“ brummte er grimmig, während er das Seil durchschnitt an dem die Leiche der Arcanierin, die an den Füßen zusammengebunden an einem dicken Ast des knorrigen Apfelbaumes baumelte, durchschnitt. Es war keine ehrenvolle Aufgabe, die da dem ersten Hersen von Benwick wiederfuhr. Doch irgendjemand musste es ja machen. Erneut wurden die Hörigen und alles Weibsvolk bis auf Rahela hinausgeschickt. Die Hersen und Benwick hatten sich bereits dezent zurückgezogen. Nach der heutigen ‚Kostprobe‘ des Rituals hatte niemand wirkliches Interesse daran, dem Ritual beizuwohnen. Sie würden ohnehin im Nachhinein erfahren, was passiert war, sofern die Geister sprachen, und somit waren Rahela und der Totenhorcher alleine in Benwicks Hallen. Der Ru’Naak öffnete der Arcanierin eine der Pulsadern. Die Verwesung war schon einge Tage im Gange und sie war schon ziemlich blutleer, und es erforderte viel Gewalt, um ein wenig Blut aus dem tiefen Schnitt am Gelenk zu pressen. Er forderte Rahela auf, sich ebenfalls aufzuschneiden und ein wenig ihres Blutes in die die Opferschale laufen zu lassen. Er selbst tat es ihr gleich und träufelte noch ein wenig des Götterblutes dazu… was immer es auch war… Rahela konnte es sich nicht einmal ansatzweise vorstellen. Nachdem er dieses Gemisch in den halbierten Schädel der Arcanierin, in der sich noch etwas von der verquirlten Hirnmasse befand, gegossen hatte, hielt er Rahela diesen hin. „Trink davon…“ forderte er sie barsch auf, doch Rahela wies es zurück… „Nach Dir, mein Ru’Naak…“ hauchte sie demutsvoll, doch in Wahrheit war sie entsetzt… Er nickte und setzte den halbierten Schädel an seine Lippen und trank. Rahele grauste es ganz fürchterlich davor … Nein, das konnte sie unmöglich trinken… und doch, blieb ihr eine andere Wahl? Sie musste es tun… sie hatte schon so vieles getan, weil sie es ‚musste‘… kam es ihr da auf das bisschen Blut und Hirn an? Vermutlich nicht… Der Schädel stank, und als Rahela ihn an ihre Lippen setzte, musste sie sich alleine von dem Gestank schon beinahe überlegen. Beherzt kippte sie schließlich das Blut hinunter. Als es ihre Zunge und somit die Geschmacksknospen berührte, überkam sie ein widerliche Übelkeit. Sie spielte mit dem Gedanken, es wieder auszuspucken, doch würde sie dann auch die Geisterstimmen vernehmen können? Wohl kaum... Nur mit großer Überwindung schluckte sie es runter und kaum war es ihre Kehle hinab in den Magen gelaufen, spürte sie, wie ihr Magen sich umdrehte. „Mein Blut, Dein Blut und Ihr Blut…“ raunte der Totenhorcher unheilvoll und Rahela spürte förmlich, wie sich die Atmosphäre in der Halle veränderte… als würde ein leichter Wind aufkommen, durchfuhr ein Hauch den Raum und es wurde kalt in den Hallen. „Sind das die Geister?“ hauchte Rahela und sie verbarg ihr Entsetzen. Er sollte nicht denken, dass sie zuerst unbedingt beiwohnen wollte und sich dann anpisste vor Angst. Er nickte. Der Ru’Naak erhob sich und streckte die Hände in die Höhe. „Ich habe Dich herbeigeholt, um uns einzuflüstern! Was ist passiert in jener Nacht?“ rief er. Ein Raunen ging durch die Halle. Es war ähnlich dem Ahnenritual, und doch war es so anders, es war dunkel, bedrohlich und unheilvoll… „Eine unheilvolle Musik hat mich dazu getrieben… ich war willenlos… ich bekam den Auftrag, alle umzubringen… den Barden… die Fürstin und die Hörigen…“ Rahela lauschte ungläubig. War das wirklich der Geist der Arcanierin, die sie so deutlich hören konnte? Der Ru’Naak und Rahela lauschten, doch es kam nichts mehr. „Was weißt Du noch?“ herrschte er sie unwillig an. „…das ist alles, was ich darüber weiß…“ raunte die Stimme und verebbte… Der Hauch verschwand so plötzlich wie er gekommen war. Rahela war wie berauscht. Es musste an dem Götterblut liegen… sie fühlte sich beinahe wie von Tollkirschen berauscht, nur war es nicht so heftig… „Die Fürstin noch…“ murmelte sie.

Sie gingen hinüber in den anderen Raum, wo Asa lag. Sie warf sich unruhig im Bett hin und her. Hatte sie die Anwesenheit des Geistes spüren können? Auf jeden Fall war sie nicht mehr in diesem Dämmerschlaf, aber weckbar war sie auch nicht. Sie brauchten auch von ihrem Blute. Wie würde sie reagieren, wenn sie geschnitten wurde? Rahela wollte es tun… „Lass mich das Blut entnehmen…“ bat sie ihn. Er nickte. Ihm war es egal. Rahela schnitt zuerst sich an der anderen Hand auf und ließ das Blut in eine Kupferschale laufen. Der Ru’Naak hielt ihr sein Armgelenk hin und sie schnitt auch ihn auf, und beobachtete berauscht, wie das hellrote Blut sich mit ihrem in der Schale vermischte. Zuletzt schnitt sie Asas Handgelenk. . „Mein Blut, Dein Blut und Ihr Blut…“ raunte der Totenhorcher erneut, als Asas Blut in die Schale lief und er träufelte auch hier etwas von dem geheimnisvollen Götterblut hinzu. Rahela trank erneut mit einer gehörigen Abneigung das Blut, und er tat es ihr gleich. Als würde plötzlich das Leben zurück in Asa dringen, fuhr sie mit einem Schrei im Bett hoch und öffnete die Augen. Wütend doch leer starrten sie Rahela und den Totenhorcher an. Rahela blickte den Ru’Naak verwirrt an. „Beruhige Dich!“ herrschte er Asa an und wie eine Marionette sank sie zurück in die Kissen. „Sie ist nun bei uns, doch achte auf ihre Worte, die Geister lügen gerne, es ist oft zweifelhaft, und Du musst Die Wahrheit selbst finden, achte auf jedes Wort …“ erklärte er Rahela und sie nickte. Er kniete neben ihrem Bett. „Was ist passiert, Asa, Rukaja tu Nemia Faernach?“ raunte er ihr ins Ohr. Asa murmelte. Ihre verbrannte und verkrüppelte Zunge bewegte sich in ihrem vernarbten Mund, doch waren die Worte nur sehr schwer zu verstehen. „Lausche nicht dem Körper. Lausche dem Geist.“ riet ihr der Totenhorcher und Rahela konzentrierte sich auf Asas Geist, welcher wie von Asas Körper gelöst über ihr zu schweben schien. „Es war der Barde… es war Arn, der Barde… er hat mich mit seiner Musik verführt… er hat mir glühende Kohle in den Mund geschoben… danach hat er mich vergewaltigt und hat mit seiner dunklen Weise mein Kind aus dem Leib getrieben… schließlich hat er der Arcanierin befohlen, mich zu töten…“ Ungläubig lauschte Rahela und sah den Totenhorcher bedeutungsvoll an. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte… sie konnte nicht glauben, dass er dies wirklich getan hatte… das konnte er nicht getan haben… Was nun? Asa war wieder bei Bewusstsein, sie würde reden, irgendwie… sie würde es Benwick und den Hersen erzählen und dann würde es der gesamte Clan wissen. Sie würden Arn jagen, wie ein Tier, bis sie ihn zur Strecke gebracht hatten. Sie würden ihn bei lebendigem Leib häuten, und dann, neben den geköpften Leichnam der Arcanierin an den Apfelbaum nageln, bis er qualvoll gestorben war, sofern er die Häutung überhaupt überleben konnte, was Rahela stark bezweifelte… Doch wollte sie Arn unter diesen Umständen überhaupt helfen? Er hatte Asa vergewaltigt… bei jeder anderen Frau wäre es Rahela egal gewesen… es hatte sie nicht nur geküsst, wie er gesagt hatte letzten Abend. Nein, er hatte sie auch genommen… er hatte Rahela nicht vertraut, er hatte sie belogen… Hätte er es ihr erzählt und sie wäre darauf vorbereitet gewesen, wäre die Sache vielleicht anders verlaufen… doch nun… was sollte sie tun? Doch auch all das änderte nichts an den Gefühlen, die sie für Arn hegte. Er hatte seine dunkle Seite, hatte er ihr erzählt… war dies seine dunkle Seite? Sie beobachtete, wie Asa sich wieder beruhigt hatte und wieder in einen Schlaf gesunken war. Rahela ergriff ihren Dolch… es war ihr Ritualdolch… der heilige Dolch, er war für Rituale da, nicht zum morden… er war schon entweiht worden, als sie ihn wütend in die Tischplatte gerammt und ihn dabei verbogen hatte… Doch der Ru’Naak wusste zu viel… er musste verschwinden… doch wenn ihm etwas zustieß, was würden seine Krieger dann tun? Rahela konnte nicht mehr klar denken, und stieß dem Ru’Naak, als er sich ihr wieder zuwandte, den Dolch in den Hals und riss ihn zur Seite. Ungläubig starrte er sie an… er gurgelte kehlig und das Blut schoss ihm aus der Halsschlagader in schwallartigen Sturzbächen heraus. Man konnte förmlich zusehen, wie das Leben aus seinem Gesicht wich. Er umklammerte seinen Dolch, den er immer noch in der Hand hielt. Er fiel hart und leblos auf den Boden von Benwicks Halle. Nun Asa… sie dachte an Benwick, als sie ihren Dolch umklammerte. Sie konnte Asa nicht umbringen. Es wäre völlig unglaubwürdig, wenn sie erzählte, dass der Totenhorcher Asa erstochen hatte und Rahela schließlich ihn umgebracht hatte… sie würde heute noch an den Scheiterhaufen gebunden…oder schlimmer… Nein, und sie konnte das Benwick nicht antun… er liebte Asa heiß und innig… sie war sein Leben… wie konnte sie ihm dies nehmen, nur weil sie Asa so sehr hasste? Rahela ließ den Dolch fallen und stieß ihren Zeigefinger in ihren Schnitt am Armgelenk, der immer noch blutete. Sie murmelte Beschwörungsformeln und malte ein Zeichen auf Asas Stirn. Es war keine Rune… es war ein Zeichen für die Lenkung… Rahela betete zu den Göttern und murmelte ihre Lenkung… „Vergiss alles, was Du erlebt hast… Du wirst nichts mehr wissen von dem was in jener Nacht mit dem Barden passiert ist…“ wisperte sie. „Es war die Arcanierin, die im Auftrag Bhelors gehandelt hat…“ raunte sie in Asas Ohr. „Es passierte alles im Sinne Bhelor und für seine Blutfehde… Bhelor hatte dies alles eingefädelt, selbst, dass der Sklavenhändler sie verkaufte. Er wollte Benwick sein Liebstes nehmen… Dich, Asa… Du hast nun alles vergessen, der Barde hat nichts damit zu tun, Asa…“ Sie murmelte noch einmal bekräftigend die Beschwörungsformel für die Lenkung. Dann ließ sie von ihr ab.

Rahela stand auf und öffnete die Türe. „Nur der Fürst darf eintreten…“ sagte sie eindringlich. Benwick nickte und trat ein und verriegelte die Türe wieder. „Benwick… der Ru’Naak ist tot…“ Ungläubig starrte er sie an. „Warum? Was bei den Alten ist passiert?“ „Mein Charaid, Du musst mir glauben und vertrauen… ich habe es für Dich getan… er ist in seinem Blutrausch wahnsinnig geworden… er wollte Asa erstechen… als er den Dolch anhob, wusste ich mir anders nicht mehr zu helfen und ich habe ihm in den Hals gestochen… Benwick… ich stand noch komplett unter dem Einfluss der berauschenden Totenbeschwörung… ich wollte einen Zauber wirken, um ihn zu Vernunft zu bringen, doch dazu reichte die Zeit nicht… es tut mir so leid Benwick, ich wollte nur Asa retten…“ sank sie vor ihm in die Knie. Benwick murmelte „Es ist gut, Rahela… ich glaube Dir… ich danke Dir, dass Du mein Weib gerettet hast… ich stehe tief in Deiner Schuld…“ „Benwick, ihr müsst Euch um die acht Krieger kümmern… sie haben den Befehl, den gesamten Clan abzuschlachten, wenn ihm etwas wiederfährt…“ Benwick grollte. „Das soll nicht Deine Sorge sein… um diese Berserker kümmern wir uns schon…“ Rahela wankte, während sie auf den Knien rutschte. Benwick half ihr auf. „Geh nachhause, Neeskia… ruh Dich aus, geh schlafen… kümmere Dich nicht um dies hier, das lass nur die Sorge von mir und den Kriegern sein.“ Rahela nickte und verließ die Halle. Sie lief jedoch nicht nachhause… sie musste zu Arn… sie hoffte, dass er wie verabredet bei dem Eichenstumpf auf sie wartete. Sie lief zu der Lichtung, die vom Mondschein beschienen wurde. Sie wusste nicht, was sie denken sollte, sie wusste nicht, was sie von Arn halten sollte. Sie hatte kopflos alles für ihn riskiert… ihr Leben und auch das vieler Menschen im Clan… sie würden nun nicht nur Bhelors Blutfehde gegenüber stehen, sondern wahrscheinlich lagen sie nun auch mit dem Skerôingur Clan in der Fehde, wenn nicht sogar im Krieg… Als sie die in bleiches Mondlicht getauchte Lichtung betrat, war sie erschöpft. Sie war müde und völlig am Ende mit ihren Nerven. Diese Totenbeschwörung war entsetzlich gewesen, nie wieder wollte sie so etwas beiwohnen…Doch im Nachhinein betrachtet, war es das einzig Richtige gewesen. Nur so hatte sie die Wahrheit erfahren, und nur so hatte sie Arn auch helfen können. Sie hatte es für ihn getan, und so war es gut. Sie durfte nun nicht kopflos sein, sie musste Arn erzählen, was sie erfahren hatte, sie musste ihm die Gelegenheit geben, alles zu erklären. Rahela spürte, wie ihr übel wurde. Das Blut in ihrem Magen war wie ein Fremdkörper für sie. Sie zitterte und sank auf dem Waldboden und kniete nieder.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Di, 23. Okt 2012 14:44

Bilderade als Adraéyu das Haus verlassen wollte, lief ihm ausgerechnet Rahela über den Weg. Er hatte all sein Hab und Gut, ja sogar die Weine und das Pfeifenkraut, in seine Taschen gestopft und seine Laute, sowie seinen Bogen geschultert und wollte dem Clan den Rücken kehren. Sobald der Totenhorcher das Ritual vollendet haben würde, würden sich Abgründe aus Adraéyus Seele offenbaren. Er würde verfolgt werden, wie es den Raéyun seit jeher widerfuhr. Doch dieses Mal würde es seine eigene Schuld sein. Nicht bewusst, sondern die seiner schwarzen Seele. Er wusste, irgend etwas hatte er getan. Doch was? So sehr er sich auch bemühte, er kam einfach nicht dahinter. Er versuchte in seinem Geist nach der Antwort zu suchen, doch alles was er fand waren Schatten und Schemen. Undeutliche und verschwommene Erinnerungen und Schmerz, begleitet von höhnendem, boshaftem Gelächter . Doch er wollte nicht dabei sein, wenn Benwick oder gar Rahela die Wahrheit über ihn erfuhren. Und nun machte ihm dieses Weib einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Sie sah, wie er verschwinden wollte. Wenn sie sich nun entschließen sollte, ihn zu verachten, wegen den Dingen die der Totenhorcher zu Tage fördern würde. Sie wüsste welche Richtung er eingeschlagen hatte, und sie würden ihn finden. Was machte er sich vor? Sie würden ihn in jedem Fall finden. Er brauchte ein Pferd. Er brauchte ein Wunder.

Als sie an ihn herangetreten war, und sein Vorhaben erkannt hatte, da wirkte sie bestürzt. »Du willst uns verlassen?« Er schwieg auf ihre Frage hin. Er konnte es ihr nicht sagen und ihr dabei in die Augen sehen. Es würde ihm lieber sein, dass er weit weg wäre, wenn sie es erfahren würde. »Ich kann es dir nicht sagen.«, murmelte er nur, doch war ihm klar, dass sie sich damit nicht zufrieden geben würde. Doch er erkannte, dass sie irgend etwas vor hatte. Ein wenig verwirrt, aber auch ein wenig neugierig, folgte er ihren Worten und als sie ihn schließlich darum bat, auf ihn am Waldesrand zu warten, da nickte er, obwohl ihm äußerst unwohl bei dieser Sache war. Sie konnte ihm nicht helfen. Der Ru'Naak würde alle Geheimnisse finden, und wenn auch nur eines davon auf Adraéyu, Arn den Barden, hindeutete, würde Benwick toben, wie der Bär, dessen Wappen er auf den Schilden und Bannern trug.

Nachdenklich schritt er den einsamen Weg vom Dorfplatz zum großen Tor. Kein Mensch war zugegen, und dies war Adraéyu nur Recht und Billig. So würde kaum einer sein Verschwinden bemerken, bis es zu spät war. Er dachte kurz an Rahelas Worte. Doch sie konnte ihm nicht helfen. Der Ru'Naak, hatte sie wie alle anderen Frauen aus Benwicks Hallen gejagt. Es war ausgeschlossen, dass er seine Meinung ändern würde. Während er so nachdachte, kam er schließlich beim Tor an, und wurde sogleich von Angus, dem Torwächter aufgehalten. »Heda! Arn!«, rief er von seinem hölzernen Turm herunter. »Wohin des Weges? Wieder mal singen?« Adraéyu nickte, doch vermied er es, Angus anzusehen. Einer mehr, der sein Gehen bemerkte. Er musste vorsichtig sein. »Richtig, Angus«, murmelte Adraéyu ein wenig zurückhaltend. Nach dem Austausch dieser Floskeln, wandte er sich wieder seiner Aufgabe zu. Zwar war bekannt, dass er stets eine Flasche Schnaps auf dem Turm hatte, doch wirkte er nie betrunken. Er hatte sich wirklich gut im Griff. Man nannte Angus unter den Männern auch »der Seher«, da er anscheinend Dinge zu sehen vermochte, die sonst niemand bemerkte. Darum saß er auch stets oben in seinem Turm und hielt den Rand des angrenzenden Hrikmóarwaldes stets im Auge. Gerade bei Tagen wie diesen, war stets höchste Aufmerksamkeit gefordert. Eine Fehde bahnte sich an. Bhelor hatte den geforderten Tribut nicht gezahlt, und stattdessen den Kopf des Zöllners zurück geschickt. Seither herrscht eine angespannte Stimmung. Nicht nur wegen der Arcanierin, welche beinahe die Rukaja Asa getötet hatte. Nein auch wegen dem Ru'Naak, welcher eigens wegen dieser Sache gerufen worden war. Ja, die Lage war alles andere als rosig, und überall brodelte es, wie in einem Hexenkessel. Es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis die Suppe überkochen würde. Angus beachtete Adraéyu nicht weiter, und so schlug er den Weg nach Norden ein. Er würde in den Wald gehen, und erst wenn er außer Sichtwiete war, den Weg Richtung Süden einschlagen. Keiner sollte ihn allzu schnell finden, wenn Angus berichten würde, dass der Skalde, den es zu häuten galt, in den nördlichen Wäldern verschwunden war.

Adraéyu schlug sich durch das Dickicht und schlug mit seinem Langmesser störende, lästige Äste von den Bäumen, wenn diese ihn am Vorwärtskommen hinderten. Doch nach längerem Fluchen und Straucheln kam er endlich an der Lichtung an, auf welcher jener Baumstumpf in der Erde ruhte, von dem Rahela gesprochen hatte. Nur wenige Meter von dem Baumstumpf lag auch der große Brautstein mitten im Gras. Nun, da das Beltane lange vorbei war, lag er unscheinbar und ungeschmückt einfach da. Wie ein ewiger Monolith, dem weder Wind noch Wetter noch Schnee oder Regen je dazu bewegen könnten zu weichen. Adraéyu setzte sich auf den Baumstumpf und spielte den Etáín eine einfache Weise, ohne dabei zu singen. Und so verging die Zeit, doch auch Adraéyus Unbehagen wuchs. Was wenn Rahela nichts ausrichten konnte? Ein wenig unsicher legte er die Laute wieder in den Lautenkoffer und schulterte sich den Kasten auf den Rücken. Er musste weg. Er hatte keine Lust mehr auf Rahela zu warten, und damit seinen Kopf und Kragen zu riskieren. Er musste Land gewinnen. Er hatte kein Pferd stehlen können. Also war er auf seine Füße angewiesen. Kaum hatte er die Laute verstaut, da schickte er sich bereits an, zwischen den Bäumen zu verschwinden. Rahela würde ohnehin nicht kommen. Er kämpfte sich durch das Dickicht doch egal in welche Richtung er sich wandte, es wurde irgendwann immer unwegsamer, dass er umkehren musste. Das ging so einige Stunden, bis er schließlich wieder auf der Lichtung eintraf, und nahe des Brautsteins Rahela auf ihn warten sah. »Arn, da bist du ja.« Ihre Miene hellte sich auf als sie ihn die Lichtung betreten sah. Er sah sie erwartungsvoll an. Was hatte sie ihm wohl zu berichten?

»Und? Hat der Ru'Naak alle Geheimnisse aus den Geistern der Toten gestohlen?«, fragte er sie ein wenig matt. Sie nickte vorsichtig. »Ja.«, doch sagte sie sonst nichts. »Muss ich nun fliehen?«, »Müsstest du dir diese Frage nicht selbst beantworten können?«, hakte Rahela nach. »Ich weiß nicht was ich an jenem Tag gemacht hatte. Ich erinnere mich an sehr wenig.« »Nein, Fliehen musst du nicht.« Adraéyu seufzte ob dieser Worte erleichtert auf. »Also war alles nur eine Lüge, von meinem verwirrten Geist.« Doch da hakte Rahela ein. »Nein. Du hast fürchterliches getan.«, murmelte sie, und Adraéyu erkannte eine aufkeimende Abscheu in ihrem Blick. »Wie kommt es dann, dass ich nicht besser fliehen sollte?«, hakte er ein wenig misstrauisch ein. Sollte sie ihn bei der Lichtung halten, bis Benwick und seine Hersen, sowie diese acht fürchterlichen Rukh Nemia'tor ihn erreicht haben würden? Er trat vorsichtig einen Schritt vor ihr zurück. Und da erzählte Rahela ihm was geschehen war. Und je mehr sie erzählte, desto unglaublicher schien es für Adraéyu. Sie war während ihrer Erzählungen von dem Baumstumpf aufgestanden und lehnte sich statt dessen gegen den Wachstein. Diese unterschwellige Geste, war Adraéyu nicht entgangen. Und auch wenn sich vieles in ihm dagegen sträubte ›Flieh! ›Glaube ihr kein Wort! Versteck dich.‹, trat er bald wieder einen Schritt auf sie zu. Diese Worte waren nur Schall und Rauch. Er trat näher an sie heran, und ließ seinen Lautenkasten sanft auf den moosigen Waldboden gleiten. Ebenso die schwere Tasche und den Langbogen. »Das hast du für mich getan?«, fragte er ungläubig und sie nickte nur beiläufig.

Sie hatte ihr Leben für ihn riskiert. Nicht nur das. Ihrer Taten wegen, könnte der Faernach-Clan fallen. »War es das alles wert, nur für einen Raéyun? Einen ehrlosen Mann, der dich im Stich lassen wollte, als sich langsam eine Schlinge um seinem Hals zusammenzog?« Er sah ihr tief in die Augen, als er ihre Antwort erwartete. Und während sie noch sprach, da nahm er sanft ihren Kopf in seine rechte Hand und zog diesen näher zu sich. Während er sie mit seinem Körper dagegen näher an den Wachstein drückte. Die Zeit schien endlos verlangsamt, als er langsam seine Lippen zu ihrem Mund führte. »Danke.«, flüsterte er aufrichtig, bevor sich die Lippen zu einem Kuss vereinen konnten. Dann drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn und zog sich wieder von ihr zurück. Er ließ ihren Kopf los, und trat bereits mit seinem linken Bein einen kleinen Schritt nach hinten. Und während er ihr noch so nah war, da hörte er ihr Herz in ihrer Brust rasen und die Wärme, welche direkt von ihr ausging. Und während er sich noch langsam von ihr entzog, da glitten ihre Hände hervor. Sie hatte sie die ganze Zeit in ihrem Kleid vergraben. Doch nun hielten sie ihn einfach fest. Ihre rechte Hand schnappte seine linke, welche sich gerade von ihrem Kopf zurückzog am Handgelenk und drückte ein wenig zu. Sie hielt seine Hand bei sich, und mit ihrer freien Hand schnappte sie ihn am Kragen und zog ihn wieder zu sich. »So leicht entkommst du mir nicht. Du schuldest mir nun etwas.« Und als sie ihn zu sich zog, da schlossen beide unweigerlich ihre Augen. Blind für alles was sie umgab, fanden sich ihre Lippen. Zuerst zögerlich, und dann fordernder. Sie hielt ihn fest, streichelte ihn, und er tat es ihr gleich. Er hatte seine rechte Hand wieder an ihren seitlichen Hals gelegt, und strich ihr sanft über Hals und Wange. Indes streichelte sie über seine Seite und zog mit jeder Bewegung an der Tunika, während sie fordernd an seinen Lippen saugte, als ob sie sich so sehr nach ihm verzehrte, dass sie ihm am liebsten das Leben aussaugen hätte wollen.

[18]Adraéyus Küsse wurden nun ebenfalls fordernder, und während seine rechte Hand ihren Kopf hielt, und ihr immer wieder Strähnen aus dem Gesicht strich, da rutschte seine linke Hand auf ihrem Kleid langsam bis zu ihrer Scham hinab. Sie seufzte wohlig und er sah, wie sich eine leichte Gänsehaut auf ihrem Leib ausbreitete. Liebevoll und zärtlich schob er mit seiner linken Hand ihre Röcke hoch und legte so ihre dunkle, wollüstige Scham frei. Sie war völlig willig und öffnete bereits, halb auf dem Brautstein liegend, ihr rechtes Bein um ihm tiefere Einblicke zu gewähren. Und wie sie das tat! Seine Männlichkeit richtete sich in seiner Hose auf, und er ließ Rahela langsam und vollends auf den Stein gleiten, während er sich mit der linken Hand den Gürtel von der Hose löste umständlich an der Schnürung zerrte Doch bekam er sie mit einer Hand nicht auf. Er grummelte ein wenig ungehalten, bis Rahela sich leicht erhob. »Lass mich dir helfen.« flötete sie verführerisch. Und sie rutschte von dem Stein herunter und ging vor Adraéyu leicht in die Hocke. Sie hatte nun ihren Blick auf das Wesentliche gerichtet und hatte binnen weniger Handgriffe die Bundhose geöffnet und zog sie langsam herunter. Kaum hatte sie die Hose halbwegs herunter gezogen, da sprang bereits sein bestes Stück aus der Hose und ohne auf Adraéyus Handeln zu warten, umfasste sie seine harte Männlichkeit und küsste sie. Sanft ließ sie ihre Zunge über seine Eichel kreisen, und brachte ihn damit beinahe um den Verstand, bevor sie schließlich den ganzen Schaft in den Mund nahm.

Nun war es an Adraéyu lustvoll zu stöhnen. Er schloss die Augen und genoss jede ihrer Berührungen und wie sie an ihm saugte und leckte und ihn zärtlich küsste. Nach einiger Zeit ließ sie von ihm ab, und erhob sich, und ihre Lippen suchten erneut die seinen. Sie küssten sich beide fordernd und innig, bis Adraéyu wieder ihren Kopf mit der rechten Hand hielt und sie langsam auf den Brautstein nieder drückte. Er bedeckte ihren Hals mit Küssen, und wäre das unsägliche Kleid nicht gewesen, hätte er auch ihren Busen liebkost. Doch auch sie wollte mehr. Sie umfasste sein Gemächt und zog ihn sanft daran näher zu sich. Sie lag nun rücklings auf dem Stein und er stand genau vor ihr, als sie seine Männlichkeit langsam in ihrer Scham versinken ließ. Als sie sich auf diese innige Weise vereinten, entkam beiden, Rahela und Adraéyu, ein zufriedener Seufzer. Dann nahm sich Adraéyu ihre beiden Schenkel und zog sie ein wenig an sich heran, bevor er sich in ihr zu bewegen begann. Schneller und rhythmischer wurden seine sanften Stöße, und sie räkelte sich unter ihm und suchte stets mit ihren Händen nach etwas, woran sie sich festhalten konnte. Bis sie schließlich ihr Hände in ihr Kleid krallte und daran zog. »Ja.«, hauchte sie zufrieden, und Adraéyu schenkte ihr dafür alle Wonne, die er zu vergeben hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit die in Wahrheit wohl nur wenige Augenblicke – Wimpernschläge der Götter – gewesen waren, begann sie sich unter seinen Bewegungen aufzubäumen. Bis sie beide schließlich in einem einzigen, gemeinsamen Gipfel der Lust zusammen vergingen. Ihre Schreie schallten durch den Wald, und Adraéyu war sich sicher, dass man sie bis zum Tor des Dorfes hatte hören können.[/18]
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Di, 23. Okt 2012 18:27

Rahela saß auf dem Eichenstumpf und wartete auf Arn. Es war schon einige Zeit vergangen und allmählich zweifelte sie daran, dass er noch kommen würde. Hatte sie nun alles umsonst getan? Doch er hatte gesagt, er würde da sein. Also wartete sie. Vielleicht musste er nur schnell mal wo hin… sie hielt ihn für merkwürdig genug, dass er zu diesem Zweck all sein Hab und Gut mitnahm, obwohl die Lichtung ohnehin verlassen war des Abends. Ihre Blicke glitten zu dem Wachstein. Einmal im Jahr wurde er zum Brautstein. Sie war am Beltane nicht darüber gerutscht. So gläubig sie auch war, sie hielt diesen Brauch für Unsinn, es war ein Brauch für junge dumme Mädchen, doch nichts für sie. Man bekam keinen Mann nur weil man nackt über einen albernen Stein sprang… Ihre Gedanken wurden unterbrochen als Arn die Lichtung betrat. Ihr Herz machte einen Sprung und ihre Miene hellte sich auf, und ein kleines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, sie konnte es gar nicht verhindern. „Arn, da bist Du ja…“ sagte sie leise.

Sie fackelte gar nicht lange und begann ihm zu erzählen, was vorgefallen war. „Ich habe den Totenhorcher förmlich herausgefordert mit frechen Sprüchen, ihn in mein Haus eingeladen, und er ist tatsächlich gekommen. Eine meiner besten Flaschen Wein hab ich geopfert, eine von den Händlern. Ursprünglich war sie für Dich gedacht, als ich ihn probierte kamst Du mir dabei sofort in den Sinn und ich dachte, Du würdest ihn mögen.“ Sie zuckte die Schultern. „Egal… dann habe ich ihn verführt… ich musste es tun, es war die einzige Möglichkeit, ihn dazu zu bringen, sich umstimmen zu lassen, was hätte ich sonst tun sollen? Als ich meine Kleider ausgezogen hatte, versprach er mir, mich bei dem Ritual beiwohnen und sogar teilnehmen zu lassen… Nur gab es dann kein Zurück mehr, also Augen zu und durch, sagte ich mir“ meinte Rahela beinahe entschuldigend. Allein, es gab doch nichts zu entschuldigen… „Du kannst Dir nicht vorstellen wie verrückt er war… er hat mich im Gesicht abgeleckt…“ schüttelte sie sich bei der Vorstellung daran. „Dann hab ich ihm eine geknallt, und es hat ihm gefallen, er wollte dass ich ihn weiterhin schlage…“ kicherte sie. „Ungewöhnlich…aber es hat mich zum Ziel geführt, ich war die Einzige, die an dem Ritual teilnehmen durfte und wollte… und das als Frau…“ meinte sie stolz. „Sogar Benwick und die Hersen wollten sich das kein zweites Mal antun… obwohl ich mittlerweile nachvollziehen kann, wieso…“ fügte sie hinzu. „Das Ritual war widerlich, ich hätte mich beinahe übergeben… ich musste ein Gemisch trinken, sein Blut, mein Blut und das Blut der toten Arcanierin… vermischt mit Hirnmasse und irgendeinem Götterblut, was immer das war, ich weiß es nicht… getrunken aus dem halbierten verwesenden Schädel der Arcanierin…“ Ihr Magen drehte sich beinahe um nur bei dem Gedanken daran… „Doch ich konnte wirklich und wahrhaftig die Stimme der toten Arcanierin vernehmen… sie erzählte von einer unheilvollen Musik, die sie zu all dem verführt hatte… Da ahnte ich schon etwas… Danach war Asa an der Reihe. Sie sprach nicht, ich glaube sie kann es nicht mehr… nie mehr, nicht mit diesem verbrannten Klumpen in ihrem Mund, der einmal ihre Zunge gewesen ist… sie war in meinem Kopf… Sie hat erzählt, dass Du es warst… dass Du sie mit Deiner Musik verführt hast… ihr glühende Kohle in den Mund geschoben hast… sie vergewaltigt und hat mit Deiner dunklen Weise ihr Kind aus dem Leib getrieben hast und dann der Arcanierin befohlen, sie zu töten… Ich wollte es nicht glauben, ich konnte es nicht glauben, es hieß, die Geister lügen gerne und doch hat irgendwie alles zusammen gepasst. Und wenn Asa, die nun wieder bei Bewusstsein ist, Benwick diese Version erzählen würde, wäre es egal ob es eine Lüge oder die Wahrheit wäre, Benwick würde dich, ohne mit der Wimper zu zucken, bei lebendigem Leibe häuten und an den Apfelbaum vor den Toren annageln… Und das konnte ich doch nicht zulassen… ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wusste nur, dass zwei Menschen nun wussten was passiert war. Ich hab den Ru’Naak umgebracht… ich habe ihm meinen Dolch in die Kehle gerammt… ich wollte auch Asa umbringen, doch ich konnte es nicht tun, ich konnte es Benwick nicht antun, er liebt sie doch so sehr… Ich habe sie mit einem Fluch belegt, dass sie alles vergisst. Doch ich bin nicht so mächtig, dass der Fluch für immer anhält… ich weiß nicht, wie lange er anhält… am besten wäre es doch, wenn sie stirbt…“ brummte sie. „Morach war mächtig… sie hat mich einmalig verflucht und der Fluch hält nun schon zwanzig Jahre an… zwanzig Jahre… Ich wünschte, ich könnte Asa einmalig so lange verfluchen…“ flüsterte sie. „Benwick habe ich erzählt, dass der Totenhorcher durchgedreht ist und Asa umbringen wollte, und dass ich sie beschützen wollte und deswegen den Ru’Naak getötet habe… er glaubt mir und nun wird es Folgen haben. Die acht Krieger werden es nicht ungestraft lassen, dass der Ru’Naak nun tot ist. Doch Benwick und seine Hersen sind gewarnt und können nun handeln… denn der Ru’Naak hat gesagt seine Krieger würden sofort den gesamten Clan abschlachten, wenn ihm etwas passiert…“ Rahela musterte den Barden, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte. „Ich glaube, wir stehen nun mit Bhelor und dem Skerôingur Clan im Krieg… seit ich zurück in den Faernach Clan gekommen bin, habe ich nur Unheil und Zwietracht gesät…“

Rahela wirkte ein wenig mutlos. Sie war unruhig aufgestanden und lehnte sich schließlich an den Brautsein, Wachstein, wie auch immer er hieß… Arn ließ seine Laute und seine anderen Dinge, die er geschultert hatte, auf den Boden gleiten und fragte sie ungläubig „Das hast Du alles für mich getan?“ Rahela nickte, während er auf sie zukam. „War es das alles wert, nur für einen Raéyun? Einen ehrlosen Mann, der dich im Stich lassen wollte, als sich langsam eine Schlinge um seinen Hals zusammenzog?“ „Natürlich war es das wert, und das weißt Du… sicher nicht für den Clan, doch für mich… und ich tue immer das, was letztendlich am Besten für mich ist…“ meinte sie ehrlich. „Und auch für Dich… ich würde alles für Dich tun, das weißt Du auch…“ meinte sie und erwiderte seinen Blick. Er nahm ihren Kopf in seine Hand, und zog sie an sich heran, während seine Lippen näher kamen. Rahela schloss die Augen und spürte, wie er seinen Leib gegen ihren presste und ihr Herz schlug wie wild. „Danke“ hauchte er und küsste sie auf die Stirn. Dann zog er sich zurück und Rahela öffnete irritiert die Augen. Das war alles? Nein, ganz bestimmt nicht… nicht nach diesem Abend… „So leicht kommst Du mir nicht davon!“ meinte sie, hielt ihn fest und zog ihn an sich heran. „Du schuldest mir nun etwas…“ murmelte sie und schloss die Augen. Und es dauerte nicht lang, da spürte sie seine auf ihren Lippen. Sie küssten sich zunächst zärtlich, dann immer fordernder, Rahela wollte mehr, sie wollte ihn, und sie bekam ihn auch!

Als sie vom Stein rutschte und sich einfach ins Gras fallen ließ, keuchte sie schwer „Damit ist Deine Schuld noch lange nicht beglichen, Zaubersänger…“ Sie grinste als sie laut dachte „Ob Angus uns gehört hat?“ und blickte in den klaren Sternenhimmel. Der Abend hatte eine gute Wendung genommen. Sie schwieg, während sie Sternbilder suchte. Sie fragte sich, ob die Ahnen, die nach ihrem Tod als Sterne den Einzug in den Nachthimmel hielten, auch über sie wachten. Sie hoffte manchmal, sie würden es nicht tun, wenn sie dabei wirklich all ihre Taten verfolgen konnten, die sie so verübte… Sie lächelte wohlig. Noch immer spürte sie wie ihr Körper kribbelte, pochte und sich warm anfühlte. Sie wandte sich an Arn, der sich ebenfalls ins Gras gesetzt hatte, und dann wurde ihr Blick Ernst. „Du hast es wirklich nicht in Deiner Hand, wann Deine dunkle Seite sich zeigt, nicht wahr? Als Du mir davon erzählt hast, hielt ich es für Unsinn… ich hätte sogar geschworen, dass es eine faule Ausrede wäre, um immer tun und lassen zu können, wonach Dir gerade der Sinn steht… doch ich hatte ja keine Ahnung, wie düster diese Seite ist… Ich muss zugeben, mein Mitleid für Asa hält sich in Grenzen, und ich müsste lügen, wenn ich sagte, ich bedaure es, dass sie nun besser daran hielte, ihr hochmütiges Mundwerk zu halten… Doch hast Du wirklich keinerlei Erinnerung an diesen Tag? Es muss doch irgendetwas passiert sein, dass Deine dunkle Seite derart ausgerastet ist?“ Sie überlegte einen Moment und meinte, wieder in den Sternenhimmel blickend „Ich weiß nun, ich kann Dir alles sagen… unsere Schicksale sind nun auf irgendeine Art und Weise miteinander verknüpft… Ich verurteile Dich nicht, für das, was Du bist, oder was Du tust… egal ob Du Dir darüber im Klaren bist oder ob es Deine dunkle Seite ist, die dafür verantwortlich ist. Ich bin nicht besser als Deine dunkle Seite. Vielleicht bin ich sogar schlimmer als diese. Denn meine Taten übe ich mit dem einen Bewusstsein aus und ich handle dabei meist egoistisch… ich denke nur daran, was gut ist für mich, oder höchstens was dem Fürsten oder dem Clan zugute kommt, nur damit es dann später wieder ein gutes Licht auf mich wirft. Ich glaube, Du bist der Erste, für den ich etwas getan habe, weil ich es für Dich tun wollte, damit Du nicht zu Schaden kommst… und wie ich es auch drehe und wende… wahrscheinlich habe ich es auch getan, damit ich dabei nicht leiden muss, in dem ich Dich verliere… ich bin hoffnungslos egoistisch und doch finde ich nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin, doch das können nur andere beurteilen… ich glaube, dieses mein Schicksal habe ich nur mir zuzuschreiben. Es ist nicht Sache der Götter oder Etáín, sondern nur alleine durch mein eigenes Verschulden… Ich habe Jodis umgebracht… als ich ins Hochmoor gegangen bin, wollte sie unbedingt mit, ich wollte es nicht, aber sie ließ sich nicht abschütteln. Sie hat die ganze Zeit gestichelt und Lügen verbreitet… Vermeintliche Lügen, die sich im Nachhinein doch als Wahrheit erwiesen haben… Sie hat mir von Dir und Finna erzählt, dass Du ihr eine dunkle Weise vorgespielt hättest, dass sie deswegen beinahe ihr Kind verloren hätte, und dass Du es mit Absicht getan hättest, weil es von Dir gewesen wäre. Doch die Kinder sind nicht von Dir, oder?“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen und sie ballte die Faust und schlug damit immer und immer wieder in die Luft, um damit ihre Tat zu bekräftigen. „Ich habe sie durchlöchert mit dem Dolch… für jede Lüge, Lästerlichkeit oder für jedes Gerücht, die sie mir seit ich im Clan war an den Kopf geworfen hat oder in die Welt gesetzt hat, hab ich mindestens einmal zugestoßen… und es waren viele Lügen und Gerüchte… so viele, dass ich sie am Schluss gar nicht mehr zählen konnte… [18]Nun liegt sie ja hoffentlich bei ihrer Schwester am Himmel und leckt ihr dort die Möse[/18] Ich habe sie im Moor versenkt… Denke nicht schlecht über mich, Arn… mir wurde noch nie etwas geschenkt… es ist so schwer, sich als Frau alleine zu behaupten, meine Macht als Schamanin ist alles, was mir bleibt, und ich genieße das… ich kann mich nicht an meine Sippe wenden, sie stehen nicht zu mir, wie sie es sollten, ich bin die Hexe, die Hure, die Schande der Sippe, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich verstoßen und ich völlig alleine da stehe… Ich habe über Deine Worte nachgedacht, ich weiß nicht, ob ich den Clan verlassen möchte, ich weiß nicht, ob ich es wage, diesen sicheren Ort zu verlassen, ob ich es aushalte, als dumme Wilde zu gelten. Und dennoch muss ich an Jodis‘ Worte denken, ob sie nun wahr sind oder nicht… Sie sagte, Du bist ein Blatt im Wind… du würdest mir höchstens ein paar Nächte das Bett wärmen und dann wärst Du wieder weg, weil es Deine Natur ist… Ist es so? Wenn es so ist, dann nimm mich mit, wenn es so weit ist, denn der Faernach Clan ohne Dich wäre so trist…“ Die Nacht war recht frostig, und langsam wurde Rahela dies gewahr. „Ich friere… lass uns zurück in den Clan gehen, bevor jemand Dich sieht und dumme Fragen stellt, wieso Du mit all Deinem Hab und Gut durch den Clan wanderst…“
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Mi, 24. Okt 2012 3:03

Bildahela und Adraéyu saßen am Waldesrand auf dem moosigen Boden und sahen in den Sternenhimmel. Adraéyu besah die Sterne und fühlte sich mit einem Mal so beobachtet. In den wilden Landen glaubte man, dass die Ahnen sich zu den Sternen erhoben, und über ihre Nachfahren wachten. Adraéyu blickte ein wenig misstrauisch in den Himmel, doch tief in seinem Innersten konnte er sich schwer vorstellen, dass die Ahnen wirklich über sie wachten, oder gar beobachteten. Er erinnerte sich an jenes Ritual, welches Rahela zusammen mit ihm durchgeführt hatte, um mit dem Geist Fenris‘ zu sprechen. Es waren so viele Dinge zu beachten, Riten, Tränke und neben den nötigen Quent Magie und Erfahrung auch ein nicht unerheblicher Anteil an Schicksal, um nicht Zufall zu sagen. Die Rituale waren schwer und glückten nicht immer. Rahela hatte gesagt, dass die Ahnen nicht immer die Wahrheit sprachen. Man musste auf jedes Wort achten, um die wenigen Sandkörner Wahrheit in dem vielen Sand, welcher durch die Sanduhr der Seelen rann, zu finden. Das alles klang für Adraéyu eher danach, dass die Ahnen nur sehr wenig Einfluss auf die Welt nahmen. »Ob Angus uns gehört hat?«, durchbrach Rahela zum einen die Stille und auch Adraéyus Gedankengänge. »Ich hoffe doch nicht.«, murmelte er ein wenig verlegen. »Wer weiß, was er während dessen getrieben hat?« Bei diesen Worten musste Adraéyu spitzbübisch Schmunzeln.

Als Rahela ihn auf seine dunkle, oder eher schwarze, Seele ansprach, da lauschte er ihren Worten doch äußerte sich zu keinem Kommentar. Er nickte nur und wollte nicht weiter darüber sprechen. Er hatte manchmal das Gefühl, dass schon das Sprechen darüber dem bedrohlichen Geist in ihm Macht verlieh. Doch Rahela ließ nicht locker. »Doch hast Du wirklich keinerlei Erinnerung an diesen Tag? Es muss doch irgendetwas passiert sein, dass Deine dunkle Seite derart ausgerastet ist?« Adraéyu dachte einen Augenblick darüber nach. Da waren Schatten und verschwommene Schemen, wie Nebelschwaden im Nirgendwo. Doch irgendwo ganz tief in seinen Erinnerungen begraben, lag die Antwort auf Rahelas Frage. »Ich erinnere mich nur an Asa …«, begann Adraéyu. Als er den Namen der Rukaja nannte, verzog Rahela ein wenig den Mundwinkel, doch Adraéyu ignorierte es. Sie war eine erwachsene Frau, sie sollte Asa weniger Aufmerksamkeit beimessen. Nun da sie niemals mehr dieselbe sein würde wie zuvor, ohnehin. Doch er behielt diese Gedanken für sich. Vorerst. »Sie schrie. Ich soll sie mit meiner Musik verhext haben.« »Und hast du?«, hakte Rahela nach. Doch wie sehr Adraéyu sich auch daran zu erinnern versuchte, es gelang ihm nicht Möglicherweise hatte sein Verstand diese Dinge verdrängt, als er im Schattenreich seiner Selbst gefangen gewesen war. »Nein, an mehr kann ich mich nicht erinnern.«, seufzte er. »Würdest du dich gerne erinnern?«, fragte Rahla ein wenig eindringlich und machte ihn damit ein wenig neugierig. Was meinte sie wohl damit? Ihr Blick wurde eindringlicher und sie rutschte etwas näher an ihn heran. »Würdest du?«, fragte sie mit einer sanften Stimmlage und einer rauchigen Stimme. Dabei sah sie ihm tief in die Augen. Wie Eis. »Ja.«, flüsterte Adraéyu. Ihr tiefer Bick, mit dem sie ihn bedachte, war ihm nicht entgangen. Sie nutzte ihre Macht. Er konnte es zwar nicht direkt spüren, aber in ihrem Blick hing ein unheimlicher Schleier. Und sie starrte ihm so tief in die Augen, dass er sich dieses Gedankens einfach nicht erwehren konnte. Doch es störte ihn nicht. Wenn jemand die Barrieren in seinem Geist überwinden konnte, dann sie. Und er öffnete seinen Geist für den ihren. Es würde eine völlig neue Erfahrung werden, das wusste Adraéyu. Er erinnerte sich noch daran, wie Fenris‘ Geist den seinen berührt hatte, als dieser , während des Rituals, seine Seele an das Auge gebunden hatte. Nie war er Fenris näher gewesen. Er hatte seine Gedanken gespürt, und seinen Herzschlag, und den eisigen Hauch seiner schwindenden Seele. Wie würde es wohl dieses Mal werden? Rahelas Seele schwand nicht. Sie brannte lichterloh in ihrem Herzen. Und als ihr Geist ihn berührte, da erfüllte ihn ein helles Leuchten. Es war so vertraut und zugleich so fremd. Ihre Stimme murmelte coreonische Formeln. Auch wenn ihre Zauberbindung in dieser Sprache geknüpft wurde, so verstand Adraéyu doch kein einziges Wort davon. Er sah nur wie sich ihre Lippen bewegten, sich öffneten und schlossen, sich kräuselten und schürzten und hin und wieder ihre Zunge dazwischen hervorlugte, um die Zunge zu befeuchten, oder um Laute zu formen. Mit jedem Wort, welches sie sprach, begann das Auge in Adraéyus Augenhöhle heller und heißer zu brennen. Es glühte förmlich und Adraéyu konnte für diesen Augenblick sehen wie ein Adler am Himmel. Er sah die feinen Härchen auf Rahelas Haut, und die kleinsten Narben auf ihren Unterarmen. So gestochen scharf, als ob sie ihre Arme direkt vor seine Nase halten würde. Er sah die Käfer, welche auf dem Baum hinter Rahela zwischen den Furchen der Baumrinde herumwuselten. Und als er seinen Blick aus dem Wald hinaus zum Dorf wandte, da sah er Angus, in seinem hölzernen Wachturm sitzen. Er trank gerade den Schnaps aus seiner Flasche. Sein Auge brannte so unbarmherzig, dass er kurz davor war, es sich einfach aus der Augenhöhle zu reißen. Während sie ihren Zauberspruch wob, führte sie ihre rechte Hand an Araéyus Gesicht. Sie legte ihm die Hand sachte an die Schläfe und drückte ihren Daumen gegen seine Stirn. Augenblicklich fühlte Adraéyu sich, als ob sie ihm einen spitzen Eiszapfen in den Schädel trieb. Doch kaum war dieser Zapfen in seinem Schädel da brannte es wie Feuer, als ob sie glühendes, geschmolzenes Gold in die Öffnung seines Schädels goss. Sie hatte, seit ihr Geist ihn berührt hatte, die ganze Zeit über ihre Augen geschlossen gehabt. Doch plötzlich riss sie ihre Augen auf und starrte ihn mit einem finsteren Blick an, der Adraéyu kurz einen Schaue rüber den Rücken wandern ließ. Ihre Pupillen waren stark geweitet, und verschlangen beinahe ihre heugrünen Iriden. Ihre Augenlider waren geweitet, als ob sie mit den Fenstern ihrer Seele versuchte all die Dinge, welche in Adraéyu verborgen waren in sich aufzunehmen versuchte. Und tatsächlich. Während Rahelas Geist in dem seinen herumwütete, da schossen ihm mit einem Mal all die Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf.

Doch urplötzlich, als ob Rahela einen empfindlichen Nerv getroffen hätte, sprang er aus dem Schneidersitz auf und schrie. Er hielt sich die Hände an die Stirn, als ob sie wie Feuer brennen würde. »Aufhören!«, rief er aufgeregt, und Rahela zog sich hastig aus ihm zurück, während sein Geist sie förmlich aus ihm herauswarf. Sie strauchelte und stürzte, und während ihr Geist ins namenlose Nichts hinab stürzte, fiel Rahelas Körper, überrascht von Adraéyus Ausbruch, einige Schritte zurück und kam schließlich am Rücken zum Erliegen. »Was war das?«, keuchte sie ein wenig aufgeregt. »Wie hast du das gemacht?«, fragte sie ihn ungläubig und besah Adréyu ein wenig erschrocken. Dieser hingegen starrte sie nur geistesabwesend an. Er erinnerte sich. An all die Dinge die Asa getan hatte. Doch wusste Adraéyu keine Antwort auf ihre jetzige Frage. Er wusste ja nicht einmal, was er getan haben sollte. Er sah sie nur am Boden liegen und half ihr sogleich auf die Beine. »Es hat funktioniert.« Er überhörte ihre ungläubige Frage nicht absichtlich. Doch da er keine Antwort darauf wusste, wollte er ihr lieber gleich erzählen, dass ihr Ritual gewirkt hatte. »Es hat funktioniert.«, sagte Adraéyu ein wenig zufrieden. »Ich erinnere mich an grobe Einzelheiten.«, er legte die Stirn in Falten und wurde ein wenig nachdenklicher. »Asa hat mich benutzt. Sie hat sich mir angebiedert, um mir eine Falle zu stellen.« Er fragte sich warum sie das wohl getan hatte. »Vielleicht habe ich sie in ihrem Stolz verletzt, als Thargôn ihren Hersen als Verräter benannt hatte. Vielleicht wollte sie es mich büßen lassen.« »Auge um Auge.«, murmelte Rahela und Adraéyu schloss für einen Moment die Augen. »Sie hat nach den Männern geschrien. Sie hatte behauptet ich hätte sie verzaubert, dabei hatte sie es nur heraus provoziert. Doch sie hatte mich unterschätzt.« Adraéyu unterbrach sich selbst. »Nein. Sie hatte meine dunkle Seite unterschätzt. Er gab einen feuchten Dreck auf sie.« Er sah Rahela mit eindringlichen Augen an. »Du weisst, was geschehen ist. Nicht wahr?« Rahela senkte ein wenig ihre Augen. Warum konnte er nicht erkennen. War sie entsetzt darüber was sie gesehen hatte? Oder beschämt? Oder gar angewidert und verängstigt? »Ich sehe es in deinen Augen. Du weisst es. Sag es mir! Ich muss es wissen.« »Manche Dinge sollten in Vergessenheit bleiben.«, murmelte Rahela. »So schlimm?« »Schlimmer.« »Erzähl‘ es mir trotzdem.«, verlangte Adraéyu beharrlich.

Als Rahela ihm schließlich ihre Erlebnisse mit dem Totenhorcher und Asas Geist erzählt hatte, da wurde Adraéyu ein wenig schwer ums Herz. Auch wenn Rahela nur wenig Mitgefühl für Asa fand, so etwas verdiente kein Mensch. Nicht einmal Asa. Rahela redete weiter doch Adraéyu hörte ihr nur mit halbem Ohr zu. Er war von schwermütigen Gedanken erfüllt. »… vielleicht bin ich sogar schlimmer als deine dunkle Seite …« ›Was redet sie da?‹, schoss es Adraéyu nur durch den Kopf. »… Ich denke nur daran was für mich gut ist …« Ihre Worte hallten in seinem Geist wieder, und wieder. »… nur damit es dann später ein gutes Licht auf mich wirft.« Ihm brannte eine Frage auf der Zunge, doch ließ er Rahela noch aussprechen. Er lauschte ihrer Beichte, und auch ihren Worten ihn betreffend. Dass sie ihm geholfen hatte, weil sie ihn nicht verlieren wollte. Aber auch dass sie die alte Jodis zu ihrer Schwester geschickt hatte, und wie sie diese Tat mit ihrer Faust beiläufig nachstellte, indem sie ihren Arm vor und zurück bewegte. Er konnte schon förmlich das rote Blut an ihren Händen herunterlaufen sehen, so bildhaft war ihre Erzählung. »Denke nicht schlecht über mich Arn.«, sagte Rahela und klagte über ihre Schwierigkeiten als Frau im Clan, und über den schwindenden Rückhalt ihrer Sippe. Adraéyu hatte mitbekommen, dass lediglich ihre beiden Vettern noch hinter ihr standen. Wie hießen die beiden noch gleich? Asmund und Kolgrim! Die Gesichter der Beiden erschienen ihm für einen Moment vor seinem geistigen Auge, nur um kurz darauf wieder in den Schatten zu verschwinden. »Nein, ich denke nicht schlecht von dir …«, begann Adraéyu. »Doch hast du noch deine Vettern. Sie stehen hinter dir. Und auch Benwick steht hinter dir.« »Ich habe den Totenhorcher getötet. Er hat Hjegdans Gunst verspielt und sieht sich bald Bhelor und Hjegdan gegenüber!«, begehrte Rahela auf. »Und doch bist du Neesika. Er wird immer hinter dir stehen.« »Außer er erfährt die Wahrheit. Er würde Hjegdan persönlich meinen Kopf und deine Haut zum Geschenk machen, wenn er davon erfährt.«, flüsterte Rahela unsicher, als ob Angus so gute Ohren hätte und sie von seinem Krähennest aus hören könnte. Er legte ihr seine Hand auf die Schulter und sah ihr tief in die Augen. »Du glaubst du bist schlecht? Nur weil du egoistisch handelst? Oder aus niederen Motiven getötet hast?« Adraéyu sah das rote Leuchten seiner Augen ihr Gesicht in blutrote Farbe tauchen und senkte die Augen. »Hat dir das Töten Freude bereitet? Oder gar Lust? Hast du schon aus Langeweile getötet, einfach weil du es konntest, und das Leben des Anderen dir nichts bedeutete? Selbst mit dem Wissen, dass er Vater von drei Kindern war. Kinder die du auch schon getötet hattest? Ergötzt du dich am Blut deiner Feinde?« Adraéyus unheilvolle Worte schwängerten die Luft und verliehen der Szenerie eine düstere Stimmung. »Du magst Dreck am Stecken haben, Rahela Nordlicht. Doch glaube nicht, dass du schlechter wärst, als das Schlechte in mir. Glaube nicht dass deine Taten schwerer wiegen.« Aus Adraéyus Stimme schallte der tödliche Ernst. »Wenn der dunkle Schatten meinen Geist verhüllt und umnebelt, dann denkt er nicht daran, ob er später im guten Licht steht, oder ob er egoistisch handelt, wenn er Schlechtes tut. Ich handle dann nicht aus Eigennutz. Nur Bosheit beherrscht mein Herz wenn der Schatten sich meiner bemächtigt. Du magst dich fragen, woher ich mir da so sicher bin, wenn ich mich an nichts erinnern kann.«, setzte Adraéyu seine Erklärung an. »Doch nun sehe ich klarer. Dank deinem Zauber habe ich erkannt, was in mir lauert. Und vor vielen Jahren, in Merridia, da erkannte ich auch etwas in mir. Damals hat mir jemand anderes die Augen geöffnet, dieses Mal warst es du.« Er gedachte Rahela mit einem dankbaren Blick. »Es stimmt. Alleine weiß ich nichts von all den Dingen. Welche Greul und welches Blut noch an meinen Händen kleben mochte, ich hoffe ich werde es nie erfahren. Oder dass meine Vergangenheit mich niemals einholt. Doch eins weiß ich genau. Du bist im Herzen gut, und mein Herz ist von Schwärze, dunkler gar als Tinte, erfüllt.« Adraéyu senkte die Stimme und auch den Blick. »Wenn ich einst aufgegriffen werde, und am Schafott ende, dann weil ich es zweifellos verdiene.« Rahela wollte etwas sagen, doch unterbrach er sie wirsch mit einer harschen Handbewegung. »Du willst mit mir gehen, wenn der Wind mein Herz ruft? Du willst mit dem Blatt im Wind tanzen? Du willst deine Heimat und deine Sippe, ja sogar Benwick, zurück lassen? Für einen heimatlosen Vagabund, der dir nichts zu bieten hat? Außer ein Strohfeuer im Herzen. Einem Raéyun, der in allen Landen verflucht wird und jederzeit dem Wahnsinn anheim fallen könnte? Glaubst du, du könntest die schwarze Macht bändigen, wenn sie entfesselt würde? Glaubst du sie würde dich verschonen, nur weil du mir etwas bedeutest? Oder weil du mir heute das Leben gerettet hast?« Er sah Rahela nicht in die Augen, doch er spürte schließlich ihre Hand auf seiner Schulter. »Ich will nicht dein Blut an meinen Händen wissen.« Er dachte an Asa. Was hatte er ihr nur angetan? Und dann sah er Rahela in die Augen. Er würde es sich niemals verzeihen können, wenn er ihr etwas ähnliches antun würde. Nein. So sehr sie ihn auch mochte, er würde eines Tages ohne sie gehen. Er würde einfach des Nachts verschwinden und niemals wieder kehren. So war der Wind. Und auch wenn er sie wohl vermissen würde, es würde besser so sein.

Als der kühle Wind auffrischte, da zogen sich Rahela und Adraéyu aus dem Wald zurück und gingen zurück in das Dorf. Angus starrte nur in die Ferne, als sie das Tor passierten. Als Rahela ihre Hand zum Gruße erheben wollte, drückte sie Adraéyu wieder herunter. »Psst. Er schläft.« Und tatsächlich. Wie zum Beweis konnte man kurz ein sanftes Schnarchen vernehmen. Heute hatte Angus wohl mit dem Schnaps übertrieben. »Ich werde in mein Haus gehen. Warte du hier, und wecke ihn dann. Dann hat jeder von uns ein Geheimnis, dass es zu Hüten gilt.« Rahela lächelte verschwörerisch und nickte schließlich. Und als Adraéyu in dem Schatten der Palisade die Richtung zu seinem Haus, welches Benwick ihm vor einiger Zeit geschenkt hatte, einschlug, da rief Rahela. »He Angus!« Sie hatte mit den Händen gegen die Stützpfeiler des Turms geklopft »Hattest du Weiberbesuch, oder warum schläfst du?« »Nein, heute keine Weiber.«, murrte Angus. »Und da tröstest du dich mit dem Geist der Flasche? …«, mehr konnte Adraéyu nicht mehr verstehen, da er zu weit entfernt war. Er huschte an den Häusern vorbei, bis er schließlich an seinem eigenen angekommen war. Er huschte hinein und warf sogleich alle seine Sachen in eine Ecke. Mit Ausnahme der Laute. Diese legte er vorsichtig auf den Sessel, welcher vor der Feuerstelle stand. Die Glut erhellte den Raum nur spärlich. Er hatte vergessen das Feuer zu löschen, als er sich dazu aufgemacht hatte den Clan zu verlassen. Die Hütte hätte Feuer fangen können! Ein wenig Schuldbewusst, schob er die Glut mit dem Schürhaken auf einen Haufen, und legte dann drei neue Scheite nach, bevor er sich schließlich Müde und erschöpft auf dem Sessel niederließ. Er nahm die Laute aus dem Koffer und spielte sich selbst eine beruhigende Weise. Bevor er sich schließlich zur Nachtruhe bettete.
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Am nächsten Morgen wurde Adraéyu durch einen langanhaltenden, beinahe nie enden wollenden Hornstoß geweckt. Er kämpfte sich benommen aus dem Bett und torkelte noch ein wenig schläfrig zur Tür. Als er sie geöffnet hatte, da sah er, dass sich eine gewisse Menschenmenge versammelt hatte. In der Mitte des Dorfplatzes stand Benwick und hielt eine Rede. Und so entschloss sich Adraéyu schnell dazu zu stoßen. Als er endlich in Hörreichweite gelangt war, erkannte er dass Benwick in voller Kriegsmontur vor seiner Sippe und den Familien des Dorfes stand. »Wir werden, so die Alten und die Etáín wollen, in acht Tagen wiederkehren.« Er hatte verpasst, worum es ging! Adraéyu ließ seine Blicke über die Menge schweifen. Er sah alle sieben Hersen, die die neun Familien des Dorfes vertraten. Der Kreis der Hersen wurde immer kleiner. Einen hatten sie an die Orks verloren, und einen hatten sie als Verräter hingerichtet. Ein Verräter, der seinem Ruka treu bis in den Tod gefolgt war. Und darüber hinaus. Der nur gestorben war, weil Adraéyu Rahelas Raben auf ihn abgerichtet hatte. Der nur gestorben war, weil seine Ehre es ihm geboten hatte, die Ehre seiner Rukaja zu wahren. Der nur gestorben war, weil Rahela den Kopf in der Schlinge hatte.

Walder stand direkt neben Benwick. Er war schweigsam und zugleich erhaben. Wie eh und je. Die verbliebenen sechs Krieger standen in einem leichten Halbkreis hinter Benwick. Vor jedem der Männer lag ein weißes Leinenbündel. Sie waren Mannshoch, wie Leichen. Als Adraéyu sie näher in Augenschein nahm, erkannte er dass es Leichen waren. »Wir werden ihre Körper in ihren Clan bringen. Und uns dann dem Urteil Hjegdan beugen. Für den Clan. Für euch!« Stille herrschte Niemand wagte auch nur ein Wort zu sprechen. »Wenn wir fallen, dann vergesst uns nicht.«, bat Benwick mehr, als dass er es forderte, und alle Anwesenden nickten ihm ehrfürchtig und ergeben zu. »Und wenn ich Falle, dann wählt einen Mann aus eurer Mitte der weise und tapfer ist. Ein Mann, welcher euch siegreich gegen Bhelor führen kann.« Bei diesen Worten legte er Walder die Hand auf die Schulter, wie um ihre Entscheidung dahingehend zu beeinflussen. Doch Walder würde mit Benwick gehen. Und wenn es sein müsste, bis in den Tod. »Da meine Frau heute endlich aus ihrem langen Schlaf erwacht ist, gebe ich folgendes bekannt.«, begann Benwick ein wenig feierlich. »Asa, Rukaja tu Nemia Faernach, bekleidet vom heutigen Tage an den Rang einer Erilya! Mit allen damit verbundenen Rechten, sowie auch Pflichten.« Ein Keuchen ging durch die Menge. Asa sollte der neue Runenmeister sein? Sie würde damit die Macht haben. Sie konnte den Clan führen, so lange Benwick nicht zurück war. Und wenn er fallen sollte, würde sie bis zur Wahl eines neuen Fürsten, weiterhin führen. Erst mit der Wahl eines neuen Fürsten, würden ihre Rechte an den neuen Ruka tu Nemia Faernach übergehen. ›Das wird Rahela gar nicht schmecken.‹, schoss es Adraéyu durch den Kopf. »Desweiteren erkläre ich, dass vom heutigen Tage an keine Hörige mehr in den Hallen meines Hauses erwünscht sind. Wer etwas von Benwick braucht, muss einen Freien Mann darum schicken. Asa hat alle ihre Hörigen weggeschickt.« › Vermutlich ohne Zungen, oder gefoltert und entstellt. Oder gar tot.‹, dachte sich Adraéyu insgeheim. »Sie wird jeder der neun Familien die Ehre erweisen, eine ihrer Töchter als Zofe zum Hofe des Fürsten zu berufen. Diese Frauen werden weiterhin alle Rechte einer Freien Frau genießen, und zusätzlich Asa bei ihrer Arbeit als Erilya zur Hand gehen. Aus unserer Sippe wird Basanya ihre erste Zofe sein. Sie wird in Zukunft für Asa sprechen und stets in ihrer Nähe sein.« Das war auch nötig, denn Asa konnte ihre Zunge kaum mehr gebrauchen. Es würde eine lange Zeit in Anspruch nehmen, bis die Zunge halbwegs verheilt sein würde, und Asa würde viel Geduld mitbringen müssen, bis man sie wieder mit ihren eigenen Worten verstehen werden würde.

Als Benwick mit seinen Worten geendet hatte, da entließ er sein Gefolge. »Entscheidet euch rasch, wer der Neunte sein wird.«, gebot er ihnen und langsam zerstreute sich die Menge, und nur Benwick und seine Hersen warteten in der Mitte des Dorfplatzes. »Charaid.«, setzte Adraéyu an, als er sich Benwick näherte. »Arn. Gut dass du da bist.« Adraéyu ließ seine Augen über die Leichen wandern. Er zählte neun Tote. Acht kräftigere, und einen Schmächtigeren. Dies musste der Leichnam des Totenhorchers sein, während die verbliebenen die Rukh Nemia’tor waren. »Wie ich sehe, habt ihr alle erwischt.« Benwick nickte mit ein wenig Stolz im Blick. »Ja wir konnten sie überraschen.« »Und nun willst du ihre sterblichen Überreste zu Hjegdan bringen, und dafür dann womöglich die Axt in die Brust getrieben bekommen?« »Wenn es denn der Wille der Götter ist, dann soll es so sein.« Bei diesen Worten schlugen die Hersen, einschließlich Walder, mit ihren Äxten oder Speeren gegen ihren Schild. Auf jedem Schild war der tote Baum des Faernach-Clans gemalt. »Ihr habt ein Problem.«, stellte Adraéyu fest und Benwick sah ihn ein wenig verwirrt an. »Und welches?«, hakte er nach. »Ihr habt neun Tote. Aber seid nur zu Acht. Wer trägt den neunten? Benwick seufzte »Im Grunde genommen fehlen uns zwei. Doch einen haben die Orks geholt, und den anderen der Rabe.« Adraéyu schluckte hart bei diesen Worten.

Adraéyu bemerkte, dass der Totenhorcher alleine auf der Wiese lag, ebenso wie einer der Krieger. Die übrigen lagen vor den Hersen oder Benwick. »Jeder von uns, wird einen von ihnen tragen. »Über den Pass, bis zum Gebiet des Skerôingur-Clans?«, fragte Adraéyu ungläubig, doch Benwick sah ihn nur ernst an. »Doch wie du bereits gesagt hast. Es fehlen zwei Krieger.« Benwick senkte den Blick und schien nachzdenken. Doch als er auf keine Lösung kam, da hob er wieder den Blick und sah Benwick in die Augen. »Einen der Krieger werde ich tragen. Das ist meine Bürde und in meinem Haus starb der Ru'Naak unter meinem Dach. Daher werde ich einen der Rukh zu Hjegdan tragen und ihn um Vergebung bitten. »Wird er sie gewähre?.« »Das wird er.«, sagte Benwick so sicher, dass Adraéu ihn überrascht ansah. »Wie kannst du dir da so sicher sein.« »Er ist ein Mann von Ehre. Er wird uns die Gnade eines schnellen Todes gewähren.« Adraéyu runzelte die Stirn. Eine derartige Vergebung war ihm natürlich nicht in den Sinn gekommen. »Gibt es keine andere Lösung?« »Nein.«, antwortete Benwick kurz und knapp. »Blut für Blut. Leben für Leben. So halten es die wilden Lande.«, antwortete Benwick ernst. »Entweder unsere acht Leben, oder der Faernach-Clan wird Fallen. Sei es durch die Axt, oder durch das Vergessen.« Adraéyu nickte verstehend. »Aber ihr braucht neun Leben«, begann Adraéyu und Benwick nickte. »Wer wird der Neunte?«, fragte Adraéyu und hoffte inständig, dass Benwick nicht ihn nennen würde. »Ich habe alle Familien aufgefordert einen unter ihnen zu finden, der den Platz des Neunten einnehmen soll. Wir warten auf ihre Entscheidung, und dann brechen wir auf.« Adraéyu nickte und sah nochmals auf das Bündel, in welchem augenscheinlich der Totenhorcher eingewickelt worden war. »Wer wird den Totenhorcher tragen?«, fragte Adraéyu ein wenig beiläufig. Nach diesen Worten murrte einer der Hersen. »Eigentlich müsste die Schamanin das.« »Schweig.«, befahl Benwick dem Mann. »Ich bin nicht bereit Neesika zu opfern. Hjegdan muss mit einem anderen für den Ru'Naak vorlieb nehmen.« Für Adraéyu erschien diese Konsequenz logisch, auch wenn er froh war, dass Benwick nicht so dachte. Zum Einen hatte sie den Tod des Totenhorchers verschuldet, und zum Anderen, war sie, wie er, ein Zauberer. Bei diesen Worten räusperte sich Walder. »Verzeih, mein Ruka.« Benwick wandte seinen Kopf an seinen ersten Krieger. »Sprich, Charaid.« »Ist das weise?« Benwick sah Walder verstehend an. »Nein.« Man konnte an Benwicks gequältem Blick sehen, wie sehr er mit dieser Entscheidung haderte.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Mi, 24. Okt 2012 15:36

Rahela war hart auf den Rücken gefallen, als sie von Arns Geist regelrecht hinausgeworfen wurde. Während Arn nachdachte und sprach, dachte sie ebenso nach. Sie wusste nicht, was sie von all dem halten sollte. Sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie viel für Arn empfand. Die Gefühle für ihn waren sicherlich stärker, als die, die sie Arjun entgegen gebracht hatte. Sie hatte bei Arn zumindest hin und wieder das Gefühl, dass er sie auch ein wenig mochte. Ein Gefühl, das sie bei Arjun gänzlich vermisst hatte, und was in ihr wiederum Gefühle weckte. Und doch war sie verwirrt. Sie war mit seiner ‚schwarzen Seele‘, wie Arn es nannte, noch nie konfrontiert gewesen. Sie konnte sich bislang leicht einreden, dass es sicher nicht so schlimm war, wie Arn ihr versucht hatte, zu vermitteln. Doch die Dinge die sie gesehen hatte, die er mit Asa angestellt hatten, waren schon hart an der Grenze gewesen. Es war ihr egal, was Asa zugestoßen war, doch es war ihr nicht egal gewesen, dass Arn es war, der diese Dinge getan hatte, egal ob dunkle Seite oder nicht. Bislang hatte Rahela ihn regelrecht auf ein Podest gestellt, doch seine schwarze Seele hatte ihn davon herunter gestoßen. „Asa hat bekommen, was sie verdient hat… sie ist eine hinterhältige, falsche Schlange… nur zu Benwick mag sie gut sein, doch zu allen ist sie genauso düster wie deine schwarze Seele… Du hast nicht gesehen, wie der Körper der Arcanierin mit dem Brandeisen geschändet war… das ist ein offenes Geheimnis, dass sie ihre schönen Hörigen entstellt, dass Benwick keinen Gefallen an ihnen findet. Asa ist die die wirkliche Böse im Clan…“ zischte sie wütend. Sie dachte eine Weile nach. „Ja, Asmund und Kolgrim stehen noch zu mir…noch… doch wer weiß schon, wie lange noch? Die beiden haben ebenso Weiber und Kinder, und sie müssen auf diese auch Rücksicht nehmen. Zu mir zu stehen, heißt auf wackeligen Beinen stehen. Kein Mensch will solche ein Risiko eingehen wenn er Familie hat. Auf Benwick kann ich nicht zählen, solange es Asa gibt, wird er immer wanken. In Wahrheit kann ich mich auf niemanden verlassen. Ich spiele manchmal mit dem Gedanken, den Faernach Clan zu verlassen. Ohne Dich hätte ich sicher schon meine Sachen gepackt, nach allem, was passiert ist, und vor allem was noch passieren wird. Was machst Du nur mit mir? Ich war immer so eine unabhängige Frau, und nun…“ gestand sie schließlich und schüttelte dabei den Kopf. Sie lauschte seinen harten Worten. „Ja… ich will mit Dir gehen… Du musst mir nichts bieten…“ flüsterte sie. „Alles, was ich will und brauche, steht vor mir. Was ist mir all die Ehrerbietung, die ich doch nur genieße, weil die Menschen misstrauisch sind und mich fürchten, was soll ich mit einer Sippe, auf die ich mich nicht rückhaltlos verlassen kann? All das ist mir nichts wert, wenn Du nicht mehr da bist.“ Sie sah ihn an. „Vielleicht kann ich die schwarze Seele bändigen… wer weiß…? Doch werden wir es nicht herausfinden, wenn wir es nicht versuchen. Ich habe keine Angst vor ihr… doch ich habe Angst, dass Du mich zurücklässt.“ Als ob sie seine Gedanken erraten hatte, suchte sie seinen Blick und sagte „Versprich mir, dass Du Dich nicht heimlich davon stiehlst, so wie heute Abend, wenn der Wind einst nach Dir ruft. Versprich mir, dass Du mich nicht hier zurücklassen wirst! Du musst es versprechen und Du musst Dein Wort dann halten. Genau das bist Du mir schuldig, nach allem, was ich heute für Dich getan habe… ich habe mein Leben und meine Stellung im Clan aufs Spiel gesetzt, und wenn ich dieses Spiel schließlich verliere, habe ich nichts mehr! Und wenn ich dann auch nicht mehr habe, weswegen ich es verspielt habe, nämlich Dich, dann ist mein Leben ohnehin nichts mehr wert.“ Vielleicht waren es dramatische Worte, doch für Rahela entsprachen sie der Wahrheit. Ein kühler Wind kam auf und sie gingen zurück zum Clan. Angus der Wächter schlief im Stehen. Nur wer nahe genug bei ihm stand, konnte erkennen, dass er schlief. Bevor sich ihre Wege trennten, hielt Rahela ihn am Ärmel zurück und sah ihm in die Augen. „Es tut gut, so offen mit Dir sprechen zu können…“ lächelte sie. „Schlaf gut…“ meinte sie. Dann wandte sie sich an den Wachturm und schlug mit der Hand darauf. „He Angus, hattest Du Weiberbesuch, oder warum schläfst Du?“ „Keine Weiber heute…“ murrte Angus unzufrieden nach einer Weile. „Du stinkst bis hier unten nach Schnaps… tröste Dich nicht mit dem Geist des Alkohols… Du hast bald sicherlich alle freien Weiber des Clans durch, was tust Du dann? Legst Du Dich dann etwas auf eine fest?“ lachte sie. „Danach hol ich mir die Schamanin…“ grinste er. Sie lachte. „Oh, wenn ich nur einige Jahre jünger wäre…“ Interessiert horchte er auf. „Wirklich?“ „Träum weiter, Angus…“ „Wieso nicht? Was man so munkelt, bist Du auch nicht so keusch, wie Dein Ruf…“ „Alle glauben es zu wissen, und doch weiß niemand wirklich etwas…“ meinte sie. „Und wie ist es nun?“ hakte er nach. „Das wirst Du niemals herausfinden…“ feixte sie und lief in den Clan und zu ihrem Haus zurück. Wer weiß, vielleicht, wenn Arn nicht wäre, wäre sie eines Tages mit einer Flasche Wein zu ihm ins Krähennest gestiegen…


Am nächsten Morgen saß Rahela bei Tisch und fütterte Thargôn mit Brotkrumen. Sie war schon früh erwacht und trank Kräutertee und aß ein wenig Brot und etwas Früchtekompott. Plötzlich ertönte ein lauter Hornstoß. Rahela wunderte sich. Sie hatte nur ihr kurzes Nachthemd, denn sie hatte heute Waschtag. Beide Kleider lagen in einer Sodalauge und sonst hatte sie nichts. Sie wollte nicht in dem dicken Wintermantel zum Clan hinaustreten und den roten Mantel hatte sie am Beltane getragen, konnte sie unmöglich anziehen, wenn sich nur einer an sie erinnerte, wusste es der gesamte Clan. Sie warf einen Blick bei der Türe hinaus. Sie konnte von weitem den versammelten Clan sehen, doch das war schon alles. „Verdammt! Wieso heute? Nie ist etwas los, und kaum wasche ich meine Kleider, gibt’s doch etwas…“ herrschte sie wütend den Raben an. Dann kam ihr eine Idee. „Flieg, Thargôn, such Arn… wenn Du ihn findest, bleib bei ihm, und wenn Du ihn nerven musst… bis er Dich zu mir zurückbringt.“ Es war die einzige Idee die ihr kam. Wenn der Rabe sich nicht abschütteln ließ, würde der Barde ihn früher oder später zurückbringen.

Thargôn flog in des über die Menge, während seine Augen suchend nach dem Barden über den Platz schweiften. Als er ihn entdeckte, schnarrte er, setzte zur Landung an und landete schließlich auf dessen Schulter. Verwundert blickte Arn ihn an, ließ ihr aber gewähren. Die Beiden waren ja mittlerweile so etwas wie Freunde, wenn man eine Beziehung zwischen Mensch und Tier als solches bezeichnen konnte. Auf dem Platz währenddessen wurden Stimmen laut. „Was ist denn nun mit dem neunten Mann? Wer geht nun, wenn nicht die Schamanin?“ Ein allgemeines Stimmengemurmel erhob sich. „Ja, genau, wieso sollte die Schamanin nicht diesen Platz einnehmen? Schließlich hat sie den Totenhorcher umgebracht und uns damit erst in diese beschissene Lage gebracht!“ rief einer der freien Männer aufgebracht. „Genau! Trontje hat Recht! Lass die Schamanin gehen, Ruka!“ pflichtete ihm ein anderer bei. Benwick hob die Hand „Schweigt!“ rief er. Als die aufgebrachten Männer schließlich verstummten, sprach er. „Die Schamanin wird nicht mitgehen! Denkt doch einmal nach, ihr Narren! Was soll sie als Frau schon ausrichten? Und wer kümmert sich dann um das Wohl des Clans, wer hilft Euren Frauen, ihre Bälger auf die Welt zu bringen? Wer kümmert sich um die Kranken und Verletzten, wenn nicht sie? Sie ist unverzichtbar für den Clan! Denkt an die beschissenen Wochen, nachdem Catara gestorben war! Wollt ihr eine solche Zeit noch mal erleben? Aber diesmal werden wir uns nicht so leicht eine neue Schamanin besorgen, das verspreche ich Euch! Denn es gibt weit und breit kaum welche und jeder Clan, der eine besitzt wird sie nicht so leichtfertig rausrücken! Ich sage, die Neeskia bleibt im Clan!“ Zustimmendes Raunen ging durch die Menge. „Doch wer nimmt ihren Platz ein?“ fragte einer der Männer. „Was ist mit ihrer Sippe? Soll ihre Sippe doch jemanden bereitstellen!“ Einige Männer blickten auf Asmund und Kolgrim, die unter der Menge standen. Nach einem kurzen Gespräch zwischen den beiden Brüdern schob sich Kolgrim durch die Menge zu Benwick nach vor. „Ich werde an Stelle meiner Base gehen…“ meinte dieser ruhig und selbstsicher und beugte vor dem Fürst das Knie. Benwick nickte und gebot ihm sich wieder erheben. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte. „So sei es also. Geh, und rüste Dich und komm dann wieder zurück.“ Die Ansprache war damit im Grunde vorbei. Benwick und seine auserwählten Krieger blieben am Platz, einige Angehörige blieben bei Ihnen, der Rest des Clans ging wieder in ihre Häuser zurück. Arn brachte den Raben, der sich nicht und nicht abschütteln ließ, zu Rahelas Haus zurück. Er klopfte und Rahela steckte den Kopf durch die Tür. Sie grinste. „Genau Dich wollte ich… gut gemacht, Thargôn!“ lobte sie den Raben und hielt ihm eine Walnuss hin. Dieser schnappte sie sich und schwang sich damit von Arn auf den Dachbalken, wo er begann, sie mit seinem Schnabel zu bearbeiten. „Ich habe meine beiden Kleider gewaschen, somit konnte ich nicht hinausgehen, meinte sie mit einem entschuldigenden Blick auf ihr kurzes Nachthemd, auch wenn es ihm dieses nicht unbekannt war. „Was ist da draußen los? Komm rein…“ meinte sie und zog ihn hinein.
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Fr, 26. Okt 2012 23:57

Bilddraéyu stand in der Türschwelle zu Rahelas Haus. Auf seiner Schulter saß Thargôn und hatte sich förmlich in seinen Umhang gekrallt. Was er auch versucht hatte, es war ihm nicht gelungen den Vogel abzuschütteln, oder gar dazu zu bewegen zu Rahela zurück zu fliegen. Er erinnerte sich daran, dass der Vogel damals, als er im Schnee beinahe gestorben wäre, sich auch so seltsam gebärdet hatte. ›Vielleicht war Rahela etwas zugestoßen?‹, dachte sich Adraéyu besorgt. Warum war der Vogel sonst so seltsam? Er hatte Benwick und die Hersen und freien Männer so schnell verlassen, wie es ihm möglich war um bei Rahelas Haus nach dem Rechten zu sehen. Und so stand er vor der Tür, hatte mit einem energischen Klopfen gegen die Tür geschlagen und wartete ob Rahela ihm die Tür öffnen würde. Vielleicht war ja alles in Ordnung, und sie würde die Türe selbst öffnen. Und wenn nicht, dann würde er die Tür eben selber öffnen und nach dem Rechten sehen. Doch es war nicht nötig. Rahela öffnete die Tür einen Spalt und lugte daraus hervor. Als sie Adraéyu vor ihrer Tür erkannte hellte sich ihre Miene merklich auf. »Genau dich wollte ich …«, flüsterte sie. Adraéyu war nicht entgangen, dass sie nur ihr knappes Nachthemd an hatte. Eben jenes, welches sie auch damals, nach dem Beltane angehabt hatte, als Benwick unerwartet vor der Tür gestanden hatte. Unweigerlich musste Adraéyu grinsen, als er an jene Tage zurück dachte. »Gut gemacht, Thargôn.«, lobte sie den Vogel und hielt ihm sogleich eine angeknackte Nuss entgegen. Man sah, dass sie bereits vorbereitet war, damit der Vogel sie leichter öffnen konnte. Er schnappte sich die Nuss aus ihrer darbietenden Hand und flatterte sogleich davon. »So ist das also.«, brummte Adraéyu. »Der Vogel war nur ein Lockvogel.« Rahela sah Adraéyu ein wenig entschuldigend an, und Adraéyu zuckte schließlich mit den Schultern. »Warum warst du nicht bei der Versammlung?«, fragte er Rahela und sah dabei ein wenig spitzbübisch an ihr herab. Man konnte wirklich viel ihrer Beine sehen, in diesem Nachthemd. Er fragte sich warum sie es trug. Und warum sie überhaupt ein derartig geschnittenes Nachthemd besaß. »Schau nicht so blöd.«, murrte Rahela und versuchte das Kleid ein wenig herunter zu ziehen. Adraéyu grinste verstohlen und fühlte sich, ob ihrer Geste, ein wenig ertappt. Sofort wandte er seine Blicke von ihren Beinen ab und widmete sich stattdessen wieder ihren Augen. »Warum hast du auch so ein kurzes Nachthemd?«, fragte Adraéyu grinsend. »Und dann öffnest du noch darin die Tür?« »Alles andere ist nass.«, brummte Rahela und Adraéyu legte ein fragendes und auch zweifelndes Gesicht auf. »Wieso nass?« »Ich habe meine anderen Kleider gewaschen, darum.«, antwortete Rahela ein wenig genervt, von Adraéyus einfältigen Fragen. Während sie so miteinander zwischen Tür und Angel redeten, kam sich Adraéyu ein wenig dumm vor. »Willst du mich nicht herein bitten?«, fragte Adraéyu ein wenig unwirsch. Und Rahela blitzte ihn mit herausforderndem Blick an, bevor sie die Tür etwas weiter öffnete um ihn herein zu lassen. »Fühl' dich wie zu Hause.« Adraéyu kam nicht umhin einen gewissen Hauch von Spott in ihrer Stimme zu erkennen, doch fasste er es als Spaß auf.

Als er das Haus betreten hatte, blieb er wenige Schritte nach dem Eintreten schon stehen. Da sah er Rahelas Wäsche von den Leinen hängen, welche um die Feuerstelle herum aufgehängt waren. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Wäsche, und dann auf Rahela, welche nur mit ihrem knappen Nachthemd bekleidet war. »Es ist ja wirklich alles nass.«, sagte er erstaunt. Er hatte es für einen Scherz gehalten. »Warum hast du das nicht auch gewaschen?«, fragte er neckisch und deutete auf das Nachthemd, welches Rahela anhatte. »Oh, vielen Dank. Was täte ich nur ohne deine Skaldenweisheit.«, stichelte Rahela, und stubste neckisch den Riegel an, welcher an der Tür hochgestellt stand. Mit einem schleifenden Geräusch von Holz auf Holz, rutschte er an der Tür entlang in die Verankerung. Adraéyu verfolgte Rahelas Handeln mit einem wachsenden, misstrauischen Blick. Kaum war der Riegel geräuschvoll ins Schloss gefallen, da überkreuzte sie schon ihre Arme, nahm das Nachthemd am Saum und so schnell konnte Adraéyu gar nicht schauen, da hatte sie sich das Nachthemd schon über den Kopf gezogen. Dann schritt sie mit einem leicht aufreizenden Schwung auf den Hüften zu ihrem Fenster. Nackt wie sie war, öffnete sie das Fenster und warf das Nachthemd hinaus in den Trog, der direkt darunter stand. Es fiel direkt in die Seifenlauge, welche mit dem Rest ihrer Wäsche in dem Trog schwamm. Kaum war dies erledigt, da schloss sie schon wieder das Fenster, damit die Laugendämpfe nicht in das Haus dringen konnten und legte einen herausfordernden Blick auf, während sie ihre Hände in die Hüften stemmte und ihr Gewicht auf eines ihrer Beine verlagerte. »Besser so?«, fragte sie spöttelnd und mit einem deutlich hörbaren Raunen in der Stimme. Adraéyu grinste von einem Ohr zum anderen. Diese Frau war einfach ein unvorhersehbares Weibsbild. »Kann schon sein.«, grinste Adraéyu lüstern und kam nicht umhin seine Blicke über Rahelas wohlgestalten Körper wandern zu lassen. Und er ertappte sich dabei dass seine Blicke stets auf ihrem dunklen Schoß haften blieben …
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Adraéyu und Rahela saßen zusammen auf dem Boden, umgeben von Fellen und Gewandung. Adraéyus Leinentunika lag irgendwo auf dem Boden. Seine Hose hatte er hingegen an und während Adraéyu langsam seine Stulpenstiefel anzog und Rahela dabei von der Versammlung am Dorfplatz berichtete, da fuhr sie ihm immer wieder durch das Haar, oder geistesabwesend über die beiden langen, verhärteten Narben, welche auf seinem Rücken verliefen. Sie rutschte ein wenig näher an ihn heran, und er konnte schon fast ihren Atem in seinem Nacken spüren. Sie lauschte den Erzählungen von der Versammlung die er zu berichten hatte. »Benwick wird zu Hjegdan gehen.«, sagte Adraéu schließlich. »Allein?«, hakte Rahela nach. »Nein, seine Hersen werden ihn begleiten. Neun Krieger für neun Tote.« Er wand seinen Kopf zu ihr um und blickte in ihr Gesicht. Er sah den Zweifel in ihren Augen und den angestrengten Faltenwurf auf ihrer Stirn. Sie dachte nach und Adraéyu schien zu wissen, woran sie dachte. Benwick hatte nur noch sieben Hersen. Er hatte noch keine Nachfolger für die zwei verstorbenen bestimmt. Ein Mann fehlte. »Ich weiß woran du denkst. Ich weiß nicht wie ich es dir am besten sagen soll …«, nach diesen Worten wandte er sein Gesicht von ihr ab und widmete sich dem zweiten Stiefel. Rahela nestelte immer wieder ein wenig nervös in seinem Haar. Vermutlich störte sie es, denn sie hatte mit einem Mal damit begonnen ihm einen Zopf in die Haare zu flechten. Vielleicht tat sie es auch um sich zu beruhigen und Adraéyu ließ sich davon allerdings nicht beirren. »Sag es einfach gerade heraus.«, forderte sie ihn auf. »Kolgrim, dein älterer Vetter …«, begann Adraéyu. »Was ist mit ihm?«, hakte sie nach, doch sie musste schon längst ahnen was er sagen würde. »Er wird deinen Platz einnehmen und an deiner Statt in Hjegdans Clan gehen, um sich seinem Urteil zu stellen.« Adraéyu hatte inzwischen den zweiten Stulpenstiefel angezogen und senkte seinen Blick ein wenig. »Deine Sippe steht hinter dir, Rahela. Ob du es wahrhaben willst oder nicht. Du solltest zu deinem Vetter gehen, bevor sie losziehen, bevor du ihn niemals wieder siehst.« Adraéyus Worte waren wohlgemeint und mit Bedacht gewählt, und er hoffte, dass er nicht zu maßregelnd geklungen hatte. Doch Rahela antwortete nichts. Selbst mit dem Flechten des Zopfes hatte sie zeitweise inne gehalten. Als sie schließlich am Ende angelangt war, fehlte ihr nur mehr ein Leinenstreifen um den Zopf zusammen zu binden. »Da ist noch etwas, dass du wissen solltest.«, begann Adraéyu. Er schluckte hart und überlegte für einen Augenblick wie er es am besten sagen sollte. »Du wirst es ohnehin früher oder später erfahren. Daher sage ich es dir, damit du keine böse Überraschung erlebst.« »Du klingst ja unheilschwanger und geheimnisvoll.«, sagte Rahela ein wenig misstrauisch. »Asa …«, begann Adraéyu gerade heraus, und sofort wurde ihm klar, dass er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. Ihre Hände hielten wie von Geisterhand gelähmt inne. »…Benwick hat sie …« Adraéyu wollte seinen Blick zu Rahela wenden, um ihr in die Augen sehen zu können, doch hatte sie ihre Hände um seine Haare gelegt, dass es ihm nicht gelang. »…er hat sie zur Erilya des Clans erhoben.« Wie ein kalter Schauer überkam ihm in diesem Augenblick die unfähige Wut Rahelas. Er konnte förmlich ihre versteinerte Miene spüren, obwohl er sie nicht sah. Und als ob Rahela die Worte, die Adraéyu soeben ausgesprochen hatte nicht glauben konnte, ließ sie die Haare Adraéyus los. Der Zopf löste sich langsam auf und zurück blieben nur einige verdrehte Haarsträhnen. Doch nun konnte Adraéyu sich vollends zu ihr umdrehen. »Ist das ein grausamer Scherz?«, fragte Rahela ihn mit einem bösartigen Blick. Ein finsterer Schleier schien über ihre Iriden zu huschen und Adraéyu rutschte instinktiv etwas von ihr zurück. »Leider Nein.« Er wägte seine Worte ab und überlegte einige Augenblicke. »Du weißt was das nun bedeutet?« »Natürlich!«, herrschte sie ihn schnippisch an. »Hältst du mich für eine Närrin?« Ihre Augen funkelten und sie bleckte ihre Zähne. Sie war sichtlich zornig. Gefühle wie Hass und Unverständnis überfluteten Adraéyu. Rahela sah Benwicks Entscheidung nicht ein. Er fühlte förmlich ihre Gedanken, die sich um sie und Asa drehten. Ihr widerstrebte der Gedanke vor Asa zu Kreuze zu kriechen. Doch Asas neue Stellung würde dies früher oder später nach sich ziehen. Adraéyu hoffte dass dies erst später der Fall sein würde, wenn sich die Wogen einmal geglättet hatten. Er nahm ihre Hände und legte sie in die seinen. Dann sah er ihr tief in die Augen und lenkte so ihren Zorn in andere Bahnen. »Versprich mir, dass du besonnen bleibst.« Er hoffte sie würde nicken, oder etwas sagen. Doch sah sie ihn nur an. Er erwartete nicht, dass sie nackt wie sie war aus dem Haus stürmen würde, doch früher oder später würde sie aus dem Haus gehen …
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
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Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Sa, 27. Okt 2012 12:32

„So ist das also, der Vogel war nur ein Lockvogel“ brummte Arn. Rahela grinste und lehnte sich gegen die Türe. „Ja, und er macht das großartig!“ schwärmte sie. „Er ist ein wirklich nützliches Tier!“ „Warum warst Du nicht bei der Versammlung?“ erkundigte er sich. „Ich habe doch bereits gesagt, dass alles nass ist…“ Seine Blicke glitten über ihre nackten Beine. „Schau nicht so blöd…“ meinte sie und zog sich das Nachthemd ein wenig tiefer, was ihr kaum gelang. Er ließ seine Blicke über ihre Beine und hinauf schweifen und sah ihr dann schließlich wieder in die Augen. „Warum hast Du auch so ein kurzes Nachthemd?“ „Für ein längeres hatte der Stoff nicht mehr gereicht, und für heiße Nächte ist es doch gut… oder für den Waschtag“ meinte sie. „Und dann öffnest Du darin noch die Türe?“ Rahela blickte ihn selbstgefällig an. „Thargôn ist ein schlaues Tier, ich wusste, dass Du es bist, der ihn zurückbringt, und Du hast mich schon wesentlich unbekleideter gesehen…“ meinte sie neckisch. „Willst Du mich nicht hereinbitten?“ fragte er schließlich nach einer Weile, die sie sich zwischen Tür und Angel unterhalten hatten. Rahela stieß die Tür auf und ließ ihn ein. „Sicher doch, ich habe schon vergessen, wie gern du mich besuchst… fühl Dich wie zuhause…“ meinte sie ein wenig spöttelnd. Als er eintrat, sah er auf die Wäsche, die tropfend auf einer Leine nahe der Feuerstelle zum trocknen hing. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Wäsche vor dem Haus aufzuhängen, aber über dem Feuer ging es sicher schneller. „Es ist ja wirklich alles nass…“ meinte er ungläubig. „Ja sicher, ich habe es Dir doch schon dreimal gesagt...“ Für einen Moment war sie überrascht, wieso er es nicht geglaubt hatte. „Wieso hast Du das nicht auch gewaschen?“ deutete er auf ihr Nachthemd. „Oh, vielen Dank. Was täte ich nur ohne deine Skaldenweisheit… Aber ich kann Dir doch nicht nackt die Türe öffnen, oder sollte ich das doch tun?“ Sie lächelte neckisch, verriegelte dann die Tür und zog dann mit einer schnellen Bewegung das Nachthemd aus. Sie öffnete das Fenster und ließ es in den Waschtrog fallen, der genau darunter stand, und schloss dann wieder das Fenster. Sie stellte sich herausfordernd vor ihm hin und fragte ihn: „Besser so?“ Sie schmunzelte diebisch, denn das hatte sie heute am allerwenigsten erwartet. Rahela ließ ihn seine Blicke über ihren Körper wandern und es entging ihr nicht, dass sein Atem ein klein wenig schneller ging und seine Augen sich unmerklich geweitet hatten. Sie trat an ihn heran. „Und Du? Soll ich Deine Kleider auch waschen?“ lächelte sie neckisch, und zupfte am Bund seiner Hose, unter der sich eine deutliche Regung erkennen ließ. Er schüttelte langsam den Kopf und sie zuckte mit den Schultern. „Muss ja nicht sein…“ murmelte sie, und öffnete langsam, Knopf für Knopf seines Mantels, bis sie auch den letzten Messingknopf durch das Knopfloch geschoben hatte und den schweren Mantel von seinen Schultern heben konnte. „So kalt ist es heute auch nicht…“ meinte sie und warf den Mantel über eine Stuhllehne. Der Stuhl kippte durch die Wucht und das Gewicht des schweren Mantels nach hinten, doch Rahela beachtete es nicht weiter. Sie widmete sich lieber der Schnürung seines Hemdes, lockerte sie und zog ihm mit einer raschen Bewegung das Hemd über den Kopf. Rahela legte ihre Hände auf seinen Hintern und schob seinen Körper an ihren. Sie konnte spüren, dass er erregt war. Sie suchte seine Lippen, während sie ihre Hand in seinen Nacken legte und ihn sanft zu sich heranzog. Sie seufzte leise und wohlig, als sie seine Lippen schmeckte. Sie fühlten sich einfach nur gut an, und sie mochte, wie er roch. Eine undefinierbare Mischung aus Pfeifenkraut, leichtem Schweißgeruch, nicht unangenehm, und eine besondere Note, die nur sein Körper verströmte und die sie unwiderstehlich fand. All diese Komponenten zusammen machten seinen unverkennbaren Geruch aus. Sie schob ihm ihre Zunge in den Mund und stupste sanft die seine an, lockte sie damit, bis sie auch seine Zunge in ihrem Mund spüren konnte und dann umspielte sie diese. Ihre Hand glitt von seinem Nacken über sein Gesicht und fuhr durch seinen Bart, der seit dem Beltane wieder nachgewachsen war. Ein wenig bedauerlich, wie sie fand, stand ihm doch der fehlende Bart gut zu Gesicht. [18]Sie ließ ihre Hände zu seinem Gürtel wandern und machte sich daran zu schaffen. Es dauerte nicht lange, bis der Gürtel zusammen mit der Hose auf den Boden rutschte. Rahela drückte Arn langsam zu Boden und zog ihm die Stiefel aus, und warf sie hinter sich und zog ihm schließlich noch die Hose aus. Er legte sich auf die Felle die um die Feuerstelle ausgebreitet waren und Rahela setzte sich auf ihn, während sie ihn küsste und seine Berührungen genoss. Seine Hände strichen über ihren Rücken, krallten sich in ihren Hintern, fuhren über ihren Bauch und ihre Brüste. Sie beobachtete ihn, als sie ihn vorsichtig und leise stöhnend in sich hineingleiten ließ. Er schloss die Augen dabei, bog seinen Kopf leicht nach hinten und stöhnte durch die zusammengepressten Lippen. Sie begann sich langsam auf ihm zu bewegen, während sie dem leisen Prasseln des Feuers lauschte. Der Feuerschein tauchte alles in ein vorteilhaftes Licht und sie betrachtete seinen schönen Körper, sein Gesicht, sein bernsteinfarbenes Auge und auch das Rotglühende. All ihre Sinne waren geschärft und sie sah ihm intensiv in seine Augen und beobachtete wie die glühenden Punkte hinter seiner Iris umhertanzten. Ein wenig bedauerlich war es, dass er ein Auge verloren hatte, doch sie störte sich nicht an seinem anderen, wenn dies am Anfang auch recht gewöhnungsbedürftig war. Sie richtete sich wieder auf und kam nicht umhin zu bemerken, dass ihm dies besser zu gefallen schien, als wenn sie sich zu ihm beugte. Sie krallte sich in seine Brust, um besseren Halt zu finden und bewegte sich ein wenig schneller. Sie schwitzte von dem heißen Feuer, und der Schweiß lief ihr in kleinen Rinnsalen zwischen den Brüsten über ihren Bauch. Als sie dies bemerkte und den Schweiß wegwischen wollte, ergriff er ihre Hände und hielt diese fest, als wollte er sie daran hindern. Er zog sie an sich heran und küsste sie, während sie in ihren Bewegungen kurz inne hielt. Sie spürte, wie ihr Unterleib begann, die wohlvertrauten leichten Wellen durch ihren Körper zu schicken und sie richtete sich wieder auf und begann sich umso schneller zu bewegen. Sie stöhnte wohlig auf, während eine Wärme ihren Schoß durchwallte und auch Arn schien soweit zu sein. Er keuchte und atmete schwer und ließ sich dann zurück auf die Felle sinken. Rahela sank matt auf seinen Körper und lauschte seinem raschen Herzschlag. Sie blieben eine Weile regungslos liegen, dann küsste sie ihn und löste sich von ihm ab.[/18]

Rahela stand auf. Sie verspürte Lust nach einer Pfeife, und wenn Arn schon einmal hier war, bot sich dies umso mehr an. In Gesellschaft rauchte es sich einfach besser. Sie holte den Beutel mit dem Pfeifenkraut hervor, stopfte davon eine kleine Menge in die Pfeife hinein und entfachte einen Kienspan an der Feuerstelle. Sie entzündete damit die Pfeife und sog den Pfeifenrauch tief ein. Erleichtert seufzend stieß sie diesen wieder aus. Arn indes hatte sich seine Hose wieder angezogen und saß an der Feuerstelle. „Möchtest du etwas trinken?“ fragte sie ihn und er nickte. Sie schmunzelte. Selten trank sie Wein bereits am Vormittag. Die angebrochene Flasche war jene, die sie für den Ru’Naak geöffnet hatte, dennoch war es Arns Wein, wenn man so wollte. Sie verteilte den Rest des wundervollen Weines auf zwei Becher und reichte ihm davon einen. Sie setzte sich zu ihm und er begann ihr von der Versammlung zu erzählen. Sie schwieg, während sie ihm zuhörte. Neun Krieger um die acht Toten und den toten Ru’Naak in allen Ehren in den Skerôingur-Clan zu bringen? Neun Hersen gab es nicht. Es gab nur sieben, denn zwei von ihnen waren bereits tot. Benwick hatte die zwei noch nicht mit Nachfolgern aus den Sippen derjenigen ersetzt. Es fehlte also mindestens ein Krieger. Sie wusste, worauf Arn hinauswollte. Den Tod des Ru’Naak hatte sie verschuldet. Es war an ihr, den Platz des neunten Kriegers einzunehmen. Sie fuhr ihm durch sein glattes Haar. Es war rabenschwarz und schimmerte im Schein des Feuers. Rahela kämmte es mit ihren gespreizten Fingern regelrecht durch. Sie teilte es ihn drei gleiche Strähnen und begann es zu einem dicken Zopf zu flechten. „Ich weiß woran du denkst. Ich weiß nicht wie ich es dir am besten sagen soll …“ meinte er während er sich seine Stiefel anzog. „Benwick wird Dich nicht gehen lassen…“ meinte Arn. „Sondern? Sag es schon…“ hakte Rahela nach und ein wenig Sorge schwang in ihrer Stimme mit. „Kolgrim, Dein älterer Vetter… er wird Deinen Platz einnehmen und an deiner Statt in Hjegdans Clan gehen, um sich seinem Urteil zu stellen.“ „Nein…“ flüsterte Rahela. „Deine Sippe steht hinter dir, Rahela. Ob du es wahrhaben willst oder nicht. Du solltest zu deinem Vetter gehen, bevor sie losziehen, bevor du ihn niemals wieder siehst.“ „Nicht die Sippe steht hinter mir, sondern nur Kolgrim und Asmund…“ meinte sie und ihre Stimme schien zu schwanken. „Wer hat diese Entscheidung getroffen, dass Kolgrim geht? Mein Oheim?“ „Nein, Kolgrim selbst … es war seine Entscheidung. Er ist der Ältere, und somit ist es seine Pflicht für die Ehre der Sippe einzustehen.“ erwiderte Arn zögerlich. „Na siehst Du…“ meinte Rahela während sie den fertig geflochtenen Zopf am Ende festhielt. „Ohne Kolgrim und Asmund bin ich nichts… und wenn Kolgrim geht und fällt… und er wird fallen…dann habe ich nur noch den einen auf den ich mich verlassen kann…“ Sie schwieg und wartete, dass Arn etwas erwiderte. Er begann „Da ist noch etwas, das Du wissen solltest.“ Rahela horchte auf. Was konnte denn noch sein? Dass Kolgrim ihrer Statt loszog, war schon schlimm genug… „Du wirst es ohnehin früher oder später erfahren. Daher sage ich es dir, damit du keine böse Überraschung erlebst.“ Rahela fühlte, wie sich eine Beklemmtheit ihrer bemächtigte. „Du klingst ja unheilschwanger und geheimnisvoll…“ meinte sie und räusperte sich. „Asa…“ begann Arn und Rahela blickte auf, auch wenn sie ihn nicht ansehen konnte. „Was ist mit Asa?“ hakte sie eindringlich nach. „Benwick hat sie… er hat sie zur Erilya Clans erhoben…“ Rahela fühlte, wie sie innerlich erstarrte. „Nein…“ flüsterte sie entsetzt und ließ seinen Zopf los, dessen geflochtene Stränge sich bis zur Mitte wieder auflösten. „Nein, das… das… kann er nicht tun… Sie ist absolut unfähig, eine Erilya zu sein… Sie kann eine dunkle Fürstin sein, aber keine Erilya… sie würde nie zum Wohle des Clans handeln…sie hätte den Clan ja bereits beinahe an den Abgrund getrieben, bevor deine schwarze Seele ihr Einhalt geboten hatte.“ Arn drehte sich zu ihr um und blickte ihr in die Augen. „Ist das ein grausamer Scherz?“ fragte sie ihn, doch an seinem Blick konnte sie erkennen, dass dem nicht so war. „Leider nein“ meinte er und eine düstere Miene legte sich über ihr Gesicht, sie konnte es förmlich spüren, und sie konnte es auch an Arn erkennen, der ein wenig Abstand von ihr nahm. „Du weißt, was dies nun bedeutet?“ fragte er vorsichtig. „Natürlich weiß ich, was das bedeutet, ich bin doch keine Närrin!“ fauchte sie ihn schnippisch an, ein wenig schnippischer, als sie gewollt hatte. Rahela fühlte, wie der Hass und eine unfähige Wut sie förmlich überrollten. Arn nahm ihre Hände und hielt sie fest. Es war ein wenig tröstlich, seine warmen Hände zu spüren, doch es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Nicht einmal eine Umarmung seinerseits hätte nun geholfen, ihre Gefühle zu besänftigen. Er sah ihr intensiv in die Augen und sprach eindringlich „Versprich mir, dass Du besonnen bleibst...“ Sie sah ihn nur an und erwiderte nichts. Nach einer Weile, in der ihre Hände einfach nur in seinen geruht hatten, begann sie. „Das kann ich Dir nicht versprechen… Wenn sie Erilya wird, verlasse ich den Clan, das schwöre ich bei den Göttern. “ Sie entzog sich seinen Händen „Oder sie muss sterben…“ fügte sie hinzu und erhob sich.

Sie ging an ihren Kräuterschrank und begann fieberhaft herumzuwühlen, bis sie schließlich gefunden hatte, was sie gesucht hatte. Sie kramte aus einem Beutel einen kleinen Gegenstand heraus, legte diesen auf den Tisch und ging dann zu ihrer Truhe wo sie den Ritualdolch aufbewahrte und die Kupferschale und holte beides heraus und legte beides zum Tisch. Rahela schien ein wenig neben sich zu stehen, ein wenig fahrig ging sie zu ihrem Kräuterschrank zurück und kramte nervös darin herum und zerrte schließlich einige der beschrifteten Kräutersäckchen hervor und holte von mehreren einige Mengen heraus. Anis, Lorbeer, Minze, Salbei und Thymian. All diese schutzbringenden Kräuter und Gewürze warf sie in eine Holzschale und ging damit zum Tisch. Sie mischte die Kräuter und legte diese auf ein kleines runde Leinenfleckchen. Dann griff sie zu ihrem Dolch und schnitt sich tief in ihr Fleisch. Sie ließ das Blut in die Kupferschale tropfen. Dann nahm sie den kleinen Gegenstand und ritzte mit der blutigen Klinge einige Runen hinein. Algiz und Eihwaz. Es war ein kleines Knochenstück eines Bären. Sie warf das fertige Knochenstück in die Kupferschale zu dem Blut, während sie einige Beschwörungsformeln murmelte. Dann fing sie das blutüberzogene Knochenstück heraus und legte es mittig auf die Kräuter. Sie raffte alles zusammen und band es zu einem kleinen Beutelchen zusammen. Dann erhob sie sich, und bemerkte erst, dass sie alles mit ihrem Blut besudelt hatte, welches immer noch stark aus ihrer Wunde lief. Sie fluchte und holte sich ein Stück Leinen und presste dieses auf ihr Handgelenk. „Ich hab keine Lust mehr auf diesen Blutzauber-Mist…“ murmelte sie leise. „Ich habe auch überhaupt keine Lust mehr auf diesen Schamanen-Mist… Ich will weg von hier…“ Als die Blutung gestoppt war, zog sie sich ihr halbnasses Teufelsfensterkleid von der Leine und schlüpfte unbekümmert hinein. „Entschuldige mich bitte, aber ich muss sofort zu Kolgrim…“ meinte sie zu Arn. „Danke, dass Du es mir erzählt hast…“ Arn hatte sich währenddessen gänzlich angekleidet und griff zu seinem Mantel „Was hast Du vor?“ Rahela zuckte die Schultern. „Was soll ich schon tun? Ich kann weder Benwicks Entscheidung bezüglich Asa ändern, noch kann ich Kolgrim davon abbringen meinen Platz einzunehmen, ich kann ihm nur dieses Mojo bringen und hoffen, dass die Götter gnädig sind und ihn zurückkehren lassen. Sie dachte an den Zwischenfall im Lager mit Ciran auf dem Weg zum Ork-Clan. Sie stand noch in seiner und seines Bruders Schuld und noch hatte sie ihre Schuld nicht beglichen und nun setzte er für die Sippe, für die Ehre, ja im Grunde für sie sein Leben aufs Spiel. „Kümmere Dich bitte um Thargôn…“ bat sie Arn. „Oder lass ihn fliegen…“ Dann stob sie aus dem Haus.

Sie lief zu den versammelten Kriegern am Platz. Sie konnte Kolgrim unter Ihnen nicht entdecken, doch Asmund. Sie ging auf Asmund zu. „Wo ist Dein Bruder?“ fragte sie ihn. „Er ist nachhause gegangen, er macht sich bereit…“ Sie nickte dankend und lief zu dem Haus ihrer Sippe. Kolgrim war alleine, während er dabei war, sich seine Rüstung anzuziehen. Er blickte auf, als Rahela das Haus betrat und auf ihn zukam. Er nickte ihr zu. „Ich habe es eben erfahren…“ meinte sie. „Geh nicht… ich will nicht, dass Du gehst…“ „Habe ich eine Wahl?“ erwiderte er, während er sein Schwert aus der Scheide zog und prüfend die Klinge betrachtete. „Ich kann gehen…“ meinte sie. Er lächelte, während er das Schwert langsam wieder in die Scheide gleiten ließ. „Das kannst Du nicht, und das weißt Du auch. Benwick hat sich vor dem gesamten Clan dagegen ausgesprochen. Er lässt Dich nicht gehen. Du kannst Dich seinem Befehl nicht widersetzen. Und selbst wenn Du eine Wahl hättest… Glaubst Du wirklich, Du könntest in einem Zweikampf bestehen? Nicht einen Schwerthieb könntest Du abwehren…“ Sie starrte betreten auf den Boden. „Du hast Recht. Und trotzdem… ich steh immer noch in Deiner Schuld. Ich habe es Dir und Asmund versprochen, dass ich es Euch vergelten werde… und nun stehe ich so tief in Deiner Schuld, dass ich mein Leben geben müsste, um es Dir zu vergelten…“ Sie holte den Beutel hervor. „Trag diesen Schutzanhänger… vielleicht sind Dir die Götter wohlgesonnen und Du kehrst zurück…“ meinte sie. Er nahm ihn und hängt ihn sich um den nackten Oberkörper. „Ich danke Dir, Base… Doch nimm es mir nicht übel, wenn ich nicht daran glaube, zurückzukommen.“ Rahela schluckte schwer. „Kann ich noch irgendetwas für Dich tun?“ fragte sie. Er schüttelte den Kopf. „Hast Du Angst?“ „Ein wenig schon…“ gab er zu. Sie umarmte ihn. „Danke…“ flüsterte sie. Er schob sie von sich weg. „Wir werden uns nie wieder sehen, nicht wahr?“ fragte er sie. „Ich bete dafür, dass es doch so ist…“ „Und doch wissen wir beide, wie es sein wird?“ Rahela schwieg. Wie konnte sie mit einem ‚Ja‘ ihre eigenen Fähigkeiten als Schamanin in Frage stellen? Außerdem würde sie sich damit den Unwillen der Götter zuziehen. Doch ihr Schweigen war ihm Antwort genug. „Dann verzeih mir…“ Noch während sie darüber nachdachte, was er damit meinte, drückte er ihr seine Lippen auf die ihren und küsste sie. Überrascht ließ sie ihn gewähren, ohne den Kuss zu erwidern, und während er sie umarmte und drückte ihn dann von sich. „Was tust Du da...?“ fragte sie ihn ungläubig. „Wir sind blutsverwandt…“ „Und doch entfernt genug, dass es keine Schande ist…“ Dies war Ansichtssache... Er hielt sie immer noch um die Taille und blickte zur Türe. Sie konnte in seinen Augen erkennen, wonach es ihm verlangte. Es bereitete ihr Unbehagen und Verlangen gleichzeitig. „Ist es wirklich das, was Du willst?“ fragte sie ihn. „Was ist mit Ersa?“ „Ersa konnte mir nie Söhne schenken, nicht einmal Töchter… Und doch blieb ich bei ihr und war ihr immer treu. Und bei den Göttern, einmal im Leben will ich etwas Verrücktes tun, wenn ich weiß, dass mein Leben ohnehin bereits verwirkt ist…“ Rahela überlegte kurz. Es würde nie jemand erfahren… Ihre Gedanken glitten zu Arn. Er hatte Asa besessen… auch wenn dies unter anderen Umständen passiert war, wenn sie seinen Worten glauben durfte… Und doch konnte jeder tun, was er wollte. Sie waren kein Paar… er machte keine Anstalten am derzeitigen Zustand etwas zu ändern. Sie waren Freunde, die ab und zu das Lager miteinander teilten. Bei den Göttern, er wusste, dass sie ihn liebte. Und doch erwiderte er diese Liebe nicht. Es sei denn, er war am Beltane so berauscht gewesen vom roten Bier, dass er sich an ihre Worte nicht mehr erinnerte. Und doch, es war, wie es nun einmal war. „So sei es, Vetter…“ murmelte sie und küsste ihn. Er war ein ansehnlicher Mann im besten Alter, und sie würde ihm einen letzten Wunsch erfüllen, bevor er sterben würde.

[18]Er öffnete seinen Gürtel, ließ seine Hose hinabgleiten und hob sie auf den Tisch. Eilig und zittrig schob er ihre Röcke hoch und drang begierig in sie ein. Sie stöhnten beide auf. Rahela fand es unglaublich erregend und aufregend. War es doch schließlich eine ganz neue Erfahrung. Während er sie hart und fordernd nahm, und sie dennoch unglaublich zärtlich küsste, krallte sie sich in seinen Rücken und saugte an seinem Hals. Sie war hochgradig erregt von dem Gedanken, dass sie gerade etwas Verbotenes tat, er war trotz allem ihr Vetter und er in ihrer beiden Adern floßen zumindest Teile des selben Blutes, und er besaß ein Weib... Dennoch war sie überrascht, dass dazu noch nicht einmal ein Blutzauber nötig gewesen war. Nicht, dass sie es darauf angelegt hatte. Sie dachte kurz an das Mojo... vielleicht war es daran beteiligt… Nein… es war lediglich zum Zwecke gemacht worden, ihn zu beschützen, und nicht, um in ihm unzüchtige Gedanken zu wecken. Er hielt inne in seinen Bewegungen und trug sie in das Ehebett hinüber. Sie zog sich ihr Kleid nun doch aus und dann liebten sich weiter. Es war ihr in diesem Moment egal, ob jemand das Haus betreten würde, oder nicht. Sie dachte an Asa und daran, dass Rahela den Clan, nun, da Asa Erilya wurde, so oder so verlassen würde. Sollte sich ihre Sippe ruhig von ihr abwenden, jetzt, da sie tiefer nicht mehr in der Schande stecken konnte, sofern die Sippe sich nicht schon ohnehin schon abgewandt hatte. Asmund würde trotz allem zu seinem Bruder stehen, und somit auch zu ihr. Rahela stöhnte, als er sich mit der Zunge ihre Brüste liebkoste, und schließlich den Weg über ihren Bauch, und schließlich zwischen ihre Beine suchte. Zärtlich und fordernd ließ er seine Zunge kreisen, saugte und küsste sie, bis er ihr einen Höhepunkt bescherte. Sie schrie laut und erleichternd, und als sie matt den Kopf zurück in die Kissen warf, drang er erneut in sie ein und stieß schnell und heftig zu. Rahela erlebte wenig später noch einen Höhepunkt, während auch er sich in ihr ergoss. Fast schien es perfekt zu sein... Erschöpft blieben sie in dem Bett liegen, während er keuchend, aber zufrieden hervorstieß „Das hat noch keiner aus der Sippe für mich getan“ meinte er. „Oh, für mich auch nicht und ich bin froh dass Du es warst, und nicht der Oheim…“ lachte sie matt. manchmal durfte man einfach nicht so sittsam und tugendsam sein, dann konnte man über solche Dinge hinweg und seinem Gegenüber trotzdem noch in die Augen sehen. Und Rahela war beinahe eine Meisterin in solchen Dingen. „Du wirst Deinem Ruf wahrhaft gerecht…“ grinste er anzüglich. Sie blitzte ihn böse an. „Ich meine es nicht böse, Rahela, das ist ein Kompliment… Welcher Mann will schon ein braves Frauchen? In Wahrheit wollen wir doch alle eine Hure zuhause haben.“ „Schon gut, Vetter…“ brummte sie „Ich habe verstanden…" Dann lächelte sie dennoch und meinte "Und manche wollen ihre Base zuhause im Bett ihrer Frau haben?" Er küsste sie erneut auf die Lippen. „Und wenn schon... Du bist wunderschön, Rahela… ich liebe Dich und das weißt Du…“ „Was sagst Du da?“ fragte sie ihn ungläubig. „Ich liebe Dich wie eine Schwester…“ Sie nickte verstehend. „Du hast ziemlich lange damit hinter dem Berg gehalten…“ meinte sie ein wenig bitter. „Jetzt ist es zu spät… Du und Asmund, ihr wart mir immer die einzigen aus der Sippe, die ich wirklich gemocht habe, und doch haben wir so wenig miteinander zu schaffen gehabt. Ich wusste ja auch nicht, dass Du mich als Schwester betrachtest… Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich bessere Beziehung zu meiner Sippe gepflegt... doch nun brauche ich diese auch nicht mehr...“ Rahela erhob sich aus dem Bett. Nachdem die Ekstase nun vorüber und sie wieder am Boden der Realität war, war sie der Meinung, es brauchte niemand zu sehen, wie sie das Lager geteilt hatten. Auch Kolgrim erhob sich, kleidete sich wieder an, und zog sich seine Rüstung über. Ein letztes Mal küsste er sie und presste sie fordernd gegen die Türe, bevor sie aus der Tür traten. Beinahe wäre Rahela wieder schwach geworden und hätte ihn zurück ins Bett gezogen, doch dann siegte die Vernunft. Sie hatte ihm einen letzten Wunsch gewährt und er würde diesen mit in den Tod nehmen. „Ich liebe Dich auch, Kolgrim… wie einen Bruder… es tut mir so unendlich leid, dich nun verlieren zu müssen... “ flüsterte sie. Gemeinsam gingen sie dann zurück zu dem Platz, wo Benwick und die anderen Krieger sich versammelt hatten…[/18]
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Sa, 27. Okt 2012 23:55

Bildn kaum einem Haus herrschte noch Leben. Denn bis auf die gebrochenen Hörigen hatten sich alle auf dem Dorfplatz versammelt, um die Neun zu verabschieden. Alle Männer, Frauen und Kinder des Dorfes waren gekommen, um sich von den tapfersten der Tapferen zu verabschieden. Den ehrenhaften Männern, die niemals vergessen werden. Von Benwick, ihrem geliebten Ruka und Anführer, sowie von Walder, dem ersten Krieger des Nordens, und von den sieben adeligen Hersen, welche jeder für sich seine eigene Sippe aus dem Dorf repräsentierte. Die Sippe war alles. Ohne die Sippe war man nichts. Für die Sippe zu streiten, war die höchste Ehre. Für das Wohl der Sippe zu sterben, der höchste Lohn. Jeder von ihnen würde einen eigenen Runenstein - den sogenannten Ahnenstein - erhalten, welcher nach alter Tradition der wilden Lande vor dem Haus seiner Familie aufgestellt werden würde. Adraéyu hatte die vielen, kleinen und bunt bemalten Steine schon oft gesehen, aber nie gewusst was sie bedeuteten. Er hatte auch nie gefragt. Neben manchen Häusern standen unzählige dieser Runensteine. Lediglich der neueste wurde direkt neben der Tür aufgestellt. So ehrten die wilden Lande ihre Helden, dass sie niemals in Vergessenheit gerieten.

Der stille Walder stand für das Haus Benwicks. Das führende Haus. Die größte Sippe des Dorfes. Allein in Benwicks Sippe gab es über fünf Familien, die alle den Bären Benwicks als ihr Wappen trugen. Natürlich gab es noch in vielen anderen Dörfern und Sippen des Faernach-Clans, angehörige von Benwicks Sippe. In den einzelnen Dörfern gab unzählige Schwager und Enkel, Tanten und Basen, in vielen Sippen, welche alle dem Faernach-Clan Tribut schuldeten. Wie auch Bhelors Sippe, welche sich von Benwick abgewendet hatte. Benwick und Yoren hatten eine Schwester namens Ejya. Sie lebte nicht im Faernach-Clan, sondern im Maegar-Clan. Aufgrund ihrer Abstammung wurde sie von ihrem Vater schon in sehr jungen Jahren zum Zwecke eines Bündnisses verheiratet. Sie hatte dort einen Mann und Kinder und genoss hohes Ansehen denn ihr Mann war heute der Stammesführer. Auch im Skerôingur-Clan lebten entfernte Verwandte von Benwick, welche wie auch seine Schwester Ejya nur für Bündnisse in die Clans verheiratet worden waren. Selbst im Verraskad-Clan, welcher sich Gerüchten zufolge mit Bhelor verbündet haben sollte, lebte eine Base Benwicks. Er fürchtete, seit die Fehde begonnen hat, um ihr Leben und das ihres Mannes und ihrer Kinder. Benwick hatte noch eine Schwester. Sie war dreizehn Jahre alt, und noch keinem Mann versprochen. Auch wenn viele Familien ein Auge auf sie geworfen haben, um Benwick und sein Blut an sich zu binden.

Der mächtige Gjorden stand für die Sippe Skarl. Vernjorn für das Haus Thorjen, Wheøul würde für die Ehre der Sippe Jarl streiten. Bei ihm weinten wohl die meisten Frauen, denn er war ein Berserker und als solcher hatte er sich kein Weib genommen. Jede ledige Frau träumte insgeheim davon ihn an sich zu binden. Für die Sippe Horken stand die Walküre Dagrûn, eine kräftige und furchteinflößende Frau und Kriegerin. Benwick war ein eher unkonventioneller Fürst. Wenn eine Frau ihre Ehre bewiesen hatte, dann gab es für ihn keinen Grund dies nicht anzuerkennen. Aus eben diesem Grund war wohl auch stets eine Frau Schamanin im Faernach-Clan gewesen, so lange Benwick oder sein Vater geherrscht hatten. Und aus diesem Grund hatte es wohl auch nur wenige verwundert, warum Asa nun zur neuen Erilya ernannt worden war. Doch hatte diese Ernennung für einigen Unmut gesorgt. Viele Männer wollten nicht nur von Frauen beherrscht werden. Es gab schon sarkastische Stimmen, dass nach Benwicks Tod wohl auch eine Frau folgen würde. Doch hatte weder Rahela noch Asa die Macht über die Männer zu gebieten. Und doch wünschten sich viele Fenris zurück, welcher so lange Zeit den Stamm mit seiner Weisheit gelenkt hatte. Auf jeden Fall war der Zeitpunkt von Asas Ernennung zur Erilya von Benwick zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt gewählt worden. Der Unmut schwelte und Benwick brauchte Einigkeit, und keine Zwietracht, wenn er gegen Bhelor vorging.

Die letzten beiden Hersen waren Wulfgar und Bjornal. Sie fochten für die Sippen Sjegdan und Thorren, der Sippe, zu welcher auch die Familie und das Haus Norrsken gehörten. Rahelas Familie, und somit auch ihre Sippe. Adraéyu hatte Rahela nie mit Bjornal zusammen gesehen, woraus er schloss, dass sie kein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Sippenbruder pflegte. Rahela war immer nur unter ihrer Familie geblieben. Vielleicht war das von ihr nicht sehr weise gewesen, denn aus ihrer eigenen, doch recht kleinen Familie standen nun nur mehr Asmund und Kolgrim hinter ihr. Doch dabei bestand ihre Sippe aus drei Familien. Der Familie Norrsken, der Familie Thrae, und der Familie Thorren, dem Namensgeber der Sippe. Diese Familien waren durch Schwüre, Vermählungen und Blut eng miteinander verwoben.

Kolgrim war der neunte Krieger. Er stand für seine Familie. Die Familie Norrsken. Er konnte nicht für seine ganze Sippe stehen, denn Bjornal war der Herse, der die Sippe vertrat. Und doch war es gut, dass Kolgrim für Rahela einstand. So musste Bjornal nicht die Schande der Familie Norrsken auf seinen Schultern alleine tragen, welche Rahela der Sippe Thѳrren bereitet hatte. Die Sippen Saerägja und Rûkhja waren die letzten beiden, verbliebenen Sippen aus Benwicks Dorf. Ihre Hersen Théon und Røljf waren verstorben. Sie würden ihrer Sippe keine Ehre bringen. Aber auch keine Schande. Wobei Théon seiner Sippe schon genug Schande bereitet hatte, als er als Verräter hingerichtet wurde. Die Rûkhja grämten sich sehr und krochen vor Benwick beinahe zu Kreuze um ihre Schande zu bereinigen. Sie boten ihm ihre Töchter als freie Hörige an, nur um in seiner Gunst zu steigen.

Die Frauen weinten und klagten. Gute Männer waren gestorben. Doch nun mussten noch mehr gute Männer sterben. Wenn Benwick und die acht Krieger die Leichname zu Hjegdan bringen würden, und sein Urteil, der Tod, lauten würde. Jede Frau gab dem Krieger ihrer Sippe einen Kuss der Ehrerbietung auf die Wange oder Stirn. Manche waren aber auch ein wenig fordernder und küssten sie gar auf den Mund, und jeder Mann drückte seinem Hersen die Hand oder umarmte ihn. Die Männer und Frauen, welche ohne Hersen waren, da sie den Sippen Saerägja oder Rûkhja entstammten, verabschiedeten sich bei Benwick. Jeder der Neun hatte einen Leichnam auf dem Rücken gebunden, wobei Kolgrim hier das einfachste Los gezogen hatte. Er musste die Leiche des Ru'Naak tragen. Der alte Mann war dünn und gebrechlich gewesen, und wog weit weniger als all die schweren Krieger. Doch keiner von ihnen klagte. »Mögen die Götter und die Geister mit euch sein.«, rief Rahela den Männern zum Abschied. Ihr standen die Tränen in den Augen, und sie musste sich wahrlich beherrschen ihnen nicht freien Lauf zu lassen. Doch keiner konnte es ihr verdenken. Nicht nur weil ihr Vetter in den Tod für sie ging. Kaum einem Mann oder Frau ging dieser Moment nicht zu Herzen. Selbst Adraéyu, welcher nur wenig mit den Männern und Frauen des Clans zu schaffen hatte, war berührt. Er fühlte sich verantwortlich, wie wohl auch Rahela für ihren Teil. Das zumindest glaubte er. Wäre er nicht gewesen, müsste Benwick nicht in den Tod ziehen. Er fühlte so etwas wie Scham oder Trauer. Doch nicht sehr viel. Er war der Hüter des Windes. Der Wind war in ihm, und würde ihn eines Tages von hier fort tragen, und all das hier wäre dann vergessen. Schall und Rauch. Und dennoch konnte auch er sich einer Träne nicht erwehren. Sein gläsernes Auge hingegen zeigte keinerlei Regung. Selbst Thargôn, welchen er aus Rahelas Hütte mitgenommen hatte, als diese so schnell gegangen war, schwieg und krächzte nicht, wie er es sonst so gerne tat. Er kraulte den Vogel am Kropf und strich ihm sachte über das Gefieder. Kurz darauf hob sich der Rabe in die Lüfte, denn er hatte Rahela in der Menge entdeckt, und flatterte zu ihr herüber. Und so wandte Adraéyu sich von den Männern ab.

Als die Männer gehen wollten, sah Benwick, dass Adraéyu sich von der Menge entfernte. »Arn!«, schallte seine tiefe, gebieterische Stimme über den Dorfplatz. Jeder wandte sich zu dem Barden um und war gespannt, was der Ruka wohl zu sagen hatte. Die Stimme ließ Adraéyu für einen Moment zusammen zucken und er hielt inne. »Arn, komm zu uns!«, gebot Benwick und winkte ihn zu sich. Schweren Schrittes ging Adraéyu zu Benwick und senkte sein Haupt, als er ihn erreicht hatte. »Was kann ich für dich tun, Ruka tu Nemia Faernach?« »Lass den Unsinn.«, blaffte Benwick mit einem leichten Groll in der Stimme. Er war nicht böse. Er mochte es nur nicht, wenn man ihn bei seinem vollen Titel nannte. Besonders nicht Adraéyu oder Rahela. Denn beide waren für ihn Freunde. Ein Umstand der in Adraéyu ein besonders schweres, schlechtes Gewissen verursachte. Er war sein Freund. Und was hatte er ihm und seiner Frau nur angetan? Er konnte sich zwar, dank Rahelas Ritual, an einige Dinge erinnern. Doch nicht an alles. Aber er wusste, er hatte Benwick und Asa Schlimmes angetan. Asa mehr als Benwick, doch Benwick war der Stammesführer. Und nun würde er in den Tod gehen, wegen ihm. Benwick legte Adraéyu seine schwere Hand auf die Schulter. »Wie ich sehe hast du deine Laute nicht bei dir?« Bei diesen Worten legte Adraéyu seinen Kopf auf die Seite um sich über die Schulter zu sehen. Doch Benwick hatte Recht. Er hatte seine Laute nicht bei sich. »Nein. Es gibt nichts zu besingen, nur Trauer und der nahende Tod.« »Solch düstere, schwarze Reden stehen dir gar nicht gut zu Gesicht.«, meinte Benwick. »Hole deine Laute!«, befahl er Adraéyu und dieser sah Benwick ein wenig verwirrt und auch skeptisch an. »Aus welchem Grund?« » Du sollst ein Lied über diese acht Männer singen, auf dass sie niemals vergessen werden.« Bei diesen Worten legte sich Benwick die Hand in einer geballten Faust über die Brust. An jener Stelle, wo das Herz in seiner Brust schlug. Und die Männer und Frauen, die das sahen, taten es ihm gleich. Ein dumpfes »Uh.« ging durch die Menge, als Zeichen der Zustimmung. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Selbst Rahelas stechenden Blick konnte er förmlich im Nacken spüren. Benwicks Bitte auszuschlagen, wäre ein Affront gegen die Sitten und Traditionen, ja selbst gegen den Glauben der wilden Lande. Er würde alle beleidigen, wohl selbst Rahela. Er warf einen raschen Blick zu Rahela, bevor er sich wieder Benwick zuwandte und nickte. »Gerne, will ich ein Lied zu euren Ehren dichten.«

Benwick nickte zufrieden und legte Adraéyu erneut seine Hand auf die Schulter. Adraéyu nickte zustimmend und eilte sogleich in sein Haus um seine Laute zu holen. Als er wieder zurück kam, war er völlig außer Atem, und sein Kopf war etwas rot. Benwick und Asa küssten sich gerade innig zum Abschied. Auch sie hatte Tränen in den Augen, und anders als Rahela, hatte sie diese nicht zurückhalten können. In dicken Rinnsalen liefen ihr die Tränen über die Wangen und sie schien Benwick fest zu halten, in der Hoffnung, sie könnte ihn ewig küssen, damit er nicht gehen würde. Doch als Benwick sich schließlich von ihr gelöst hatte, da trat sie einen leichten Schritt zur Seite und gedachte sowohl Rahela, als auch Adraéyu mit einem finsteren Blick. Ihrer Ansicht nach, war es deren Schuld, dass sie nun ihren Mann verlieren würde. Dann nahm Adraéyu seine Laute aus dem Kasten und schlug einige kurze Akkorde an. Er musste nun ein Lied aus dem Stehgreif dichten. Dies erforderte seine ganze Konzentration. Das Lied sollte der Ehre der Männer zur Genüge gereichen. Und auch das nötige Maß an Respekt beinhalten. Eine schwere Aufgabe. Und als Adraéyu begann zu singen, da setzten sich die Männer in Marsch, begleitet von den Wehklagen der Frauen und dem stummen Gesang der Männer, die wie versteinerte Mahnmale zwischen den Frauen standen.
Raeslif halt' ihre Schicksalsfäden,
halte fest ihr wertvoll ' Leben.
Halt' es fest, mit deinen Händen,
sorg' dafür, dass sie nicht enden.

Ehre den siegreichen Toten!

Walder, erster Krieger im Norden.
Stark, größer als ein Baum, Gjorden.
Vernjorn, mit dem breiten Schwert,
und Wheøul bei den Weibern begehrt.

Ehre den siegreichen Toten!

Wulfgar, Narben hat er überall.
Jung und kühn, teuerster Bjornal.
Dagrûn, mit der schönen Stimm'.
Und der Neunte, war Kolgrim.

Ehre den siegreichen Toten!

Sie folgen ihrem Herrn, Charaid.
Benwick, kehr' heim zu rechter Zeit.
Ehre den Clan, ehre die Sippe,
du, der geboren aus unserer Mitte.

Ehre den siegreichen Toten!

Thargôn, wache über ihre tapferen Seelen,
mögst' du ihr Schicksal vor dem Tode verhehlen.
Schick' die Etáín auf ihren Weg über den Berg.
Ihr Sieg, möge sein, dein göttliches Werk.
»Ehre den siegreichen Toten!«, tönten die Stimmen der Frauen und Männer wie im Chor, während Benwick und die Acht langsam aus dem Blickfeld verschwanden. Und als Adraéyu den letzten Ton aus der Laute hatte entweichen lassen, da zerstreute sich langsam die Menge. Hin und wieder klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, doch Worte wurden keine gewechselt. Und zurück blieben nur er, Rahela und ihr schwarzer Rabe. »Ein schönes Lied.«, meinte sie gerührt. »Mögen die alten Götter über sie wachen …«, begann Adraéyu. »… und die Etáín ihren Weg leiten.«, beendete Rahela. Sie standen für eine Weile ein wenig unschlüssig nebeneinander, bevor sie sich, wie all die anderen, vom Platz entfernten. Da ihre Häuser in der selben Richtung lagen, gingen sie zunächst gemeinsam. Sie schwiegen und sahen nur auf den Weg, welcher vor ihnen lag. »Hast du dich von Kolgrim verabschiedet?«, fragte Adraéyu und er bemerkte wie ein seltsamer Schatten über Rahelas Gesicht huschte. Sie nickte nur und wandte den Blick ab, doch Adraéyu dachte sich nichts dabei. Er hatte die Tränen in ihren Augen gesehen, als die Männer ausgezogen waren. Es nahm sie vermutlich mehr mit, als sie sich oder gar vor ihm eingestehen würde.

Während Adraéyu und Rahela über den Platz gingen, bemerkte er einige Frauen, die über den Platz huschten. Es waren drei und sie trugen einen schweren, kopfgroßen Stein. Er beobachtete sie neugierig. Sie mühten sich sichtlich mit dem Stein ab, doch schienen sie schon am Ziel angelangt. Sie stellten den Stein neben der Türschwelle eines Hauses ab. »Das Haus der Familie Thorjen.«, raunte Rahela leise. Als die Frauen schließlich sich von dem Stein entfernten, folgte Adraéyu ihnen mit seinen Blicken, und ging zugleich in die Richtung des besagten Hauses. Die Frauen verschwanden in Benwicks Halle, und da ging ihm langsam ein Licht auf. »Asas Zofen.«, flüsterte Adraéyu. »Das muss einer der Ahnensteine sein.«, murmelte Adraéyu und hörte Rahela verächtlich schnauben. »Sie kann es wohl nicht abwarten, alle unter der Erde zu sehen.« Doch Adraéyu ging in die Knie und beugte sich zu dem Stein herab und begutachtete ihn. Er war wirklich schön verarbeitet und die Farben wirkten, selbst im Zwielicht des vergehenden Nachmittags sehr kräftig. »Ehre dem Haus Thorjen. Ehre für Vernjorn, den Göttern Wohlgefallen.« Adraéyu erhob sich wieder und sah Rahela an. »Es steht nicht dabei, ob er siegreich war, oder gefallen ist.« Er kratzte sich am Bart. »Hier ist noch eine freie Stelle.», deutete Adraéyu auf den Stein. Asa würde die fehlenden Worte wohl in den Stein meißeln, oder eher meißeln lassen, nachdem sie die Worte mit Kreide aufgemalt hatte, wenn sie Kunde von Benwick und den anderen acht Kriegern erhalten würde. Neun derart schöne Runensteine waren viel Arbeit. Asa hatte viel zu tun und so war es nicht verwunderlich, dass sie schon begonnen hatte. Auch wenn es durchaus auch genügt hätte, später zu beginnen. Doch sie wollte wohl ihrer neuen Stellung als Erilya gerecht werden. Er wandte sich von dem Stein ab, und ging wieder in Richtung seines Hauses. Auch Rahela schloss sich ihm an, und er bemerkte sie erst, als er vor seiner Tür angelangt war. Sie machte weder Anstalten zu gehen, noch etwas zu sagen. Und so zuckte Adraéyu die Schultern und öffnete die Tür. Er trat in das dunkle Haus und legte den Lautenkasten in den Sessel, welchen er neben der Tür aufgestellt hatte. Eigens zu dem Zweck, seine Laute darin ablegen zu können, wenn er nach Hause kam. Er ging zur Feuerstelle, schürte die vergehende Glut ein wenig auf, und legte zwei neue Scheite auf. Es war nicht sehr kalt, daher wollte er nur für etwas Licht sorgen, ohne den Raum zu sehr aufzuheizen.

Während er die Glut schürte, vernahm er wie die Tür geschlossen wurde. Rahela war ihm ins Haus gefolgt und hatte sich, als er die Scheite bereits auf die Glut gelegt hatte, bereits auf den Rand seines Bettes gesetzt. Dies mochte vielleicht seltsam klingen, doch hatte Adraéyu keinen freien Stuhl oder Sessel im Haus. Überall lagen Notenblätter und Pergamente mit Gedichten herum. Auf dem Tisch, auf den Stühlen und sogar vereinzelt, mit Steinen oder Flaschen beschwert, auf dem Boden. Thargôn hatte sich bereits einen gemütlichen Platz auf dem Dachgebälk gesucht, während sie ihre Fibel geöffnet hatte, und den Umhang von ihren Schultern gleiten ließ. Dann steckte sie die Fibel auf den Umhang, schloss diese und faltete den Umhang sorgsam zusammen, um ihn auf den Boden, vor dem Bett zu legen. Adraéyu hatte seine Fibel ebenfalls geöffnet. Seine Finger strichen über die drei Erhebungen, welche die eingefassten Bernsteine waren. Ein wenig schwermütig wurde ihm, als er über die beiden Löcher streifte. Die Steine fehlten hier schon viele Jahre. Er hatte nie die Gelegenheit gehabt die Fibel bei einem Goldschmied reparieren zu lassen, geschweige denn die Zeit dafür gefunden. Er war nicht ganz so sorgsam mit dem Umhang. Er warf ihn einfach über eine Stuhllehne, und legte die Fibel dann auf einen der Notenblätter Stapel, um diesen sogleich mit ihrem Gewicht zu beschweren. »Darf ich dir etwas zu Trinken anbieten?«, fragte er in der Hoffnung sie würde ja sagen. Sie war schon so lange nicht mehr bei ihm zu Besuch gewesen, und dabei hatte er auf dem Markt, als die Händler zu Besuch waren, eigens einige Kleinigkeiten gekauft und sie seither nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Eiswein und schöne, süße Herzkirschen, welche in Alkohol und Honig eingelegt waren. In diesem Moment ärgerte er sich, dass er nicht auch den Rum des Menai gekauft hatte. »Gerne.«, hatte Rahela ihm neckisch geantwortet. Und so hatte Adraéyu zwei Hörner aus dem Schrank geholt. Sie waren besser für den Geschmack des Weins, als die Becher aus Ton oder aus Holz, die er sonst hatte, und reichte ihr einen davon. Rahela sah ihn daraufhin ein wenig gespielt, empört an. »Luft?«, sie kehrte das Horn vor ihrem Gesicht um, um zu demonstrieren, dass nichts in dem Horn war. Adraéyu reagierte gar nicht erst darauf. Er ging zu der Bodenluke und öffnete sie. Es war eine schlichte Tür, welche etwas abseits von der Feuerstelle in den Boden gelassen war. Darunter war nur ein gähnendes Loch aus den lehmigen Boden ausgehoben worden. Doch es erfüllte seinen Zweck. Der Lehm hatte noch die Kälte des Winters in sich gespeichert, und so konnte man Speisen und Getränke auch im Sommer angenehm kühl halten. Adraéyu nahm die Flasche Eiswein hervor und ließ danach die Falltür achtlos zufallen. Der Kopf der Flasche war mit einem dicken Wachspropfen versiegelt und so stellte er die Flasche zunächst auf dem Tisch ab und suchte sich eine Kerze. Als er schließlich eine gefunden hatte, entzündete er diese mit einem Kienspan, welchen er aus der Glut gezogen hatte, und stellte diese ebenso auf den Tisch. Der wohlige Geruch von Bienenwachs erfüllte langsam den Raum und dann begann Adraéyu den Flaschenkopf in die Flamme der Kerze zu halten, um den Wachspropfen zum Schmelzen zu bringen. Als das Wachs im Hals der Flasche angenehm weich geworden war, steckte er schnell den Kienspan in das weiche Wachs und löschte danach die Flamme der Kerze. Und kaum war das Wachs leicht erkaltet, zog er den Wachsklumpen mit einem kräftigen Ruck heraus. Zufrieden roch er an der Flasche und der süßliche, fast blumige Geruch des Eisweins stieg ihm in die Nase. Er goss sich einen großzügigen Schluck in sein Horn, bevor er mit der Flasche zu Rahela ging, um auch ihres mit dem Wein aufzufüllen.

Sie stießen ihre Hörner zusammen und jeder nippte einmal an dem Wein. Rahela verzog die Augenbrauen erstaunt und nickte anerkennend. Der Eiswein schien ihr zu munden. Adraéyu stellte die Flasche wieder auf dem Tisch ab, und nahm sich stattdessen das kleine Döschen aus Messing mit, in welchem die wenigen Kirschen im Honig schwammen. Dann setzte er sich neben Rahela, und reichte ihr die Dose. »Magst du eine sündige Kirsche?« Bei diesen Worten setzte er sein spitzbübischstes Lächeln auf und zwinkerte Zweideutig …
Zuletzt geändert von Adraéyu am So, 04. Nov 2012 23:45, insgesamt 1-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » So, 28. Okt 2012 12:50

Rahela stand am Platz wo sich der Clan versammelt hatte und kämpfte mit zusammen gepressten Lippen gegen die Tränen an, während Arn die hinaus marschierenden Männer auf seiner Laute begleitet und ihnen mit seinem Lied eine Art letzte Ehre erwies. Thargôn hatte sie entdeckt und war zu ihr geflattert und hatte sich auf ihre Schulter nieder gelassen. Sie empfand es als ein wenig tröstlich. Ihr Kleid war immer noch feucht und sie fröstelte. Sie hatte sich als Frau ihrer Sippe von Bjornal und Kolgrim verabschiedet. Bjornal hatte sie mit ihren Fingern eine imaginäre Schutzrune gezeichnet und ihm die Stirn geküsst, so wie es sich geziemte, doch Kolgrim hatte sie, nachdem sie ihm ebenso eine solche Rune beinahe zärtlich auf die Stirn gemalt hatte, auf den Mund geküsst. Es war ihr egal, was die anderen davon hielten. Kolgrim stand ihr näher als Bjornal, das konnte niemand leugnen. Erst jetzt wurde ihr richtig gewahr, dass sie nicht nur ihren Vetter, der ihr gerade erst gestanden hatte, dass sie für ihn immer wie eine Schwester war, verlieren würde, sondern auch Benwick, der ihr ein so guter und treuer Freund geworden war. Sie beobachtete Asa. Es war ein seltener Anblick, dass diese hochmütige und edle Frau so gebrochen und elend aussah. Ihr Gesicht war rot und verschwollen vom Weinen und sie hatte sich in einen Umhang gehüllt und versuchte, ihr Gesicht mit der Kapuze zu verdecken. Und doch lüftete des Öfteren ein Windstoß diesen Schleier. Wenn der Anlass für Rahela selbst nicht so traurig gewesen wäre, wäre dies ein wahrhaft triumphaler Moment für sie gewesen… aber so… Dies war vermutlich das Einzige, das die beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, verband… die gemeinsame Trauer um Benwick. Viele Menschen hatten die Krieger bis zu den Palisaden begleitet. Rahela war stehen geblieben, wo sie sich platziert hatte. Als auch der Letzte der Krieger durch die Tore getreten war, senkte sie den Kopf und wandte sich ab, ohne sich noch einmal umzudrehen. Als sie wieder aufblickte, stand Arn noch da. Sie nickte ihm zu, und dann gingen sie gemeinsam nachhause, denn ihre Häuser lagen nahe beieinander und daher am selben Weg. „Hast Du Dich von Kolgrim verabschiedet?“ fragte Arn sie. Sie fühlte sich beinahe ertappt, doch sie schwieg für den ersten Moment und nickte. Nach einer Weile meinte sie. „Ja… ich habe mir Deinen Rat zu Herzen genommen, und habe mich gebührlich von ihm verabschiedet…“ meinte sie knapp und schwieg weiter.

Sie liefen weiter und erst als sie vor Arns Haus stand, wurde ihr dies gewahr. Er bat sie nicht herein, aber er schickte sie auch nicht weg. Es war zwar nicht weit zu ihrem Haus, aber da sie nun schon hier stand, konnte sie sich ja auch auf einen Sprung zu ihm einladen. Es war auf jeden Fall besser, als alleine zuhause herumzusitzen. Sie folgte ihm ins Haus und beobachtet ihn, wie er die Glut des Feuers auf schürte und zwei neue Holzscheite hineinlegte. Erst jetzt schloss sie die Türe hinter sich und er bemerkte sie. Sie sah sich in dem Haus um. Immer noch herrschte das Chaos vor. Überall lagen Pergamente und Papiere mit Notizen, Gedanken, Liedertexten und Noten. Es fand sich kein freier Stuhl, und sie wagte es nicht, seine Notizen zu berühren, geschweige denn sie beiseite zu legen, um sich Platz zu schaffen. Sie lächelte stumm in sich hinein und ließ sich dann am Rand seines Bettes nieder. „Darf ich Dir etwas zu Trinken anbieten?“ fragte er sie. Überrascht meinte sie „Gerne!“ Arn holte zwei Trinkhörner aus seinem Schrank und drückte diese in Rahelas Hände. Er überging ihren gespielten Scherz, sehr unhöflich, wie Rahela schmunzelnd fand, und kniete nieder bei der Bodentür, ein wenig abseits der Feuerstelle. Er zog sie an dem massiven Eisenring auf und griff mit der Hand hinein. Er holte eine kleine Flasche heraus sowie eine kleine Messingdose und ließ die Tür danach fallen, wobei sie laut krachend in die Angel fiel. Rahela beobachtete ihn dabei, wie er die Flasche öffnete und sich dann selbst einschenkte. Er schnupperte an den Wein und eine zufriedene Miene machte sich auf seinem Gesicht breit. Er goss sich ein und ging dann auf Rahela zu. Sie bedachte ihn mit einem neugierigen Blick. Er schenkte ihr ein und stieß dann mit ihr an. „Auf die Götter…“ meinte sie. „Auf die Etáín…“ Sie roch ebenso an dem Wein und nippte daran. Es war ein Eiswein. Süß und sinnlich, schwer und dennoch lieblich. Rahela mochte Eiswein sehr gerne, doch er war rar, und darüber hinaus schwer zu bekommen. Außerdem war er teuer und Rahela kaufte für denselben Wert des Eisweins lieber eine Flasche Schnaps und eine Flasche normalen Wein. Sie lächelte. „Der Wein ist wunderbar…woher hast Du ihn?“ „Von Bodo, dem Händler…“ Sie nickte. „Den hat er mir gar nicht gezeigt…“ Arn nahm vom Tisch die kleine Messingdose und setzte sich zu ihr. Er öffnete das Döschen und ein sinnlicher, fruchtiger Duft strömte heraus. „Magst Du eine sündige Kirsche?“ fragte er sie und lächelte spitzbübisch an. Rahela konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern. Es war wahrhaft ansteckend, und Rahela konnte sich dem Gedanken nicht erwehren, dass er dieses Lächeln gezielt einsetzte. Davon waren sicher schon viele Frauen schwach geworden. Doch bei Rahela war dies nicht nötig, solche Blicke aufzusetzen, sie wurde durch seine bloße Anwesenheit schon schwach. Sie lächelte belustigt. „Was ist an diesen Kirschen so sündig?“ „Sie sind es einfach…“ „Warum?“ „Es sind Herzkirschen…“ erwiderte er. „Ja, und?“ „Und sie sind mit Honig und Alkohol veredelt… sündig eben…“ versuchte er zu erklären. „Was wird das? Ein Versuch, mich zu verführen?“ zwinkerte sie zu, und dachte daran, dass sie erst heute Morgen miteinander das Lager geteilt hatten. „… denn das ist nicht nötig…“ Sie sah seinen Blick und meinte Ach, lass Dich nicht ärgern, nun lass mich schon eine probieren…“ lächelte sie neckisch. Dann griff sie mit den Fingern in die Dose und angelte sich eine der Herzkirschen heraus. Sie schob sie in den Mund und schloss ihre Augen und ließ ihre Zunge darum gleiten, kostete dieses aromatische süße Kleinod. Kirschen in den wilden Landen waren wahrlich eine seltene Kostbarkeit. „Wirklich sündig…“ meinte sie, als sie die Kirsche heruntergeschluckt hatte. „Beinahe so wie ich…“ Sie nahm ihm das Döschen ab und stellte es auf den Tisch. Dann setzte sie sich wieder zu ihm. Sie sah ihm eindringlich in die Augen. „Ich danke Dir, Du hast mich wirklich aufgefangen… und nicht nur heute… schon mehrmals…Du bist wirklich ein besonderer Mann… “ Sie beugte sich zu ihm, neigte ihren Kopf und küsste ihn. Sie verharrte, während sie ihre starken Herzschläge vernahm und wartete, dass er den Kuss erwiderte. Und er tat es. Sie schob ihre Zunge in seinen Mund und liebkoste seine Zunge. Zärtlich, und nur zärtlich, ohne jegliche Forderung. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände, sie wollte ihn einfach nur küssen und schmecken, leckte mit weicher Zunge über seine Lippen, saugte daran. Sein Duft, der von ihm ausging, vernebelte ihre Sinne. Während sie sich küssten, verließen ihre Hände seinen Kopf und widmeten sich seinem Gürtel.

[18]Sie öffnete diesen mit geschickten Händen und nestelte an seiner Hose, als Zeichen, diese herunter zuziehen. Er tat wie ihr geheißen. Mit Wohlgefallen sah sie, dass er erregt war. Sie ging vor ihm in die Knie, schob sich zwischen seine Schenkel und berührte seine erregte Männlichkeit. Sie mochte diese samtige Haut. Sie küsste ihn und nahm ihn in den Mund, begann daran zu saugen und er stöhnte auf. Er gefiel ihr, wie er sich ihren Liebkosungen bog. Sie ließ ihre Zunge kreisen, und nahm ihre Hand zur Hilfe. Er legte sich nach hinten und ließ sie gewähren. Rahela folgte ihm, ohne ihn dabei mit ihrem Mund zu verlassen. Sie schloss die Augen und genoss diesen Moment, und sicherlich genoss er ihn ebenso. Sie liebkoste ihn eine gefühlte Ewigkeit lang, streichelte dabei seine Hüften und er ließ seiner Lust freien Lauf, bis er sich schließlich in ihren Mund ergoss. Bereitwillig nahm sie dies auf, bis sie es schließlich hinunterschluckte. Sie legte sich zu ihm aufs Bett und legte sich in seine Arme, während er keuchend da lag. „Ich liebe Dich wirklich, Arn...“ raunte sie ihm zu. „Du brauchst nichts zu sagen… ich will nur, dass Du es weißt…“[/18]

Am nächsten Morgen erwachte sie mit fröhlicher Laune. Der vorhergehende Abend mit Arn war schön gewesen. Sie war in der Nacht kurz erwacht, in Arns Arm und war dann nachhause gegangen. Sie hatte es bedauert, doch es war besser so. Sie wollte den Gerüchten, die ohnehin schon im Umlauf waren, keinen Nährboden geben, wenn man sie morgens aus seinem Haus hätte kommen sehen. Nicht jetzt, die Lage im Clan war mehr als gespannt. Sie konnte einmal nach Finna sehen. Es war schon zwei Wochen her, dass diese ihre Kinder zur Welt gebracht hatte. Zuerst war Rahela einfach nur wütend auf Finna gewesen, und dann beschäftigt. Vielleicht sollte sie sie aufsuchen und mit ihr besprechen, wie es nun mit ihrer Ausbildung weitergehen sollte. Das war immerhin besser, als hier zu sitzen und Trübsal zu blasen. Sie wusch sich und zog sich ihr braunes Unterkleid und das dunkelgrüne Kleid an. Es war heute immer noch recht kühl, dafür, dass beinahe der sechste Mond des Jahres herangebrochen war. Sie verließ ihr Haus und ging zu jenem von Finnas Sippe. Ehrfürchtig ließ die alte Frau, die ihr geöffnet hatte, sie ins Haus. Wer mochte diese Frau sein? Die Großmutter? Wahrscheinlich, alt genug schien sie dafür zu sein. Sie ging durch das Haus, nach hinten, wo die Schlafbereiche sich befanden. Finna lag im Bett, an ihrer Brust lag ein Säugling und schlief, der andere war bei einer Amme, die ihn ebenfalls angelegt hatte. Finna lächelte erfreut, als sie Rahela sah. „Ich dachte schon, Du kommst überhaupt nicht mehr…“ meinte sie zu der Schamanin. „Und hier bin ich“ zwinkerte sie ihr zu. Sie war eigentlich überhaupt nicht in Stimmung für Geplänkel, doch Finna konnte ja auch nichts dafür. „Wie geht es Dir?“ erkundigte sich Rahela bei ihr. „Danke, mir geht es gut, ich habe hier alle Unterstützung, die ich nur bekommen kann…“ meinte Finna dankbar. „Das ist gut…“ meinte Rahela. „Ich wollte mich noch einmal entschuldigen…“ meinte Finna. „Ich wusste ja nicht, was Du für ihn empfindest…“ Rahela horchte auf. Im Clan machten die Dinge anscheinend schneller die Runde, als erwartet. Sie winkte ab „Vergiss es, daran denke ich doch schon längst nicht mehr…“ Rahela gab sich versöhnlich… Finna war noch so jung, und Rahela war in ihrem Alter auch nicht anders gewesen… Sie versuchte, das Thema gleich in eine andere Richtung zu lenken. „Wann können wir mit Deiner Ausbildung beginnen, was meinst Du?“ „Am liebsten sofort!“ strahlte sie. „Nein, frühestens wenn Du nicht mehr im Wochenbett bist. Ich hätte gesagt, wir lassen noch einen Mond verstreichen, und dann fangen wir an. Ist Dir das Recht?“ Finna nickte. Sie wirkte ein wenig betrübt. „Was hast Du?“ fragte Rahela, doch im selben Moment wie sie die Frage gestellt hatte, bereute sie es schon wieder. Finna begann jämmerlich zu schluchzen. Dies konnte man bei Wöchnerinnen sehr oft beobachten. „Es ist wegen der Krieger“ stieß sie hervor. Das verwunderte Rahela nun doch ein wenig, denn damit hatte sie überhaupt nichts zu schaffen. „Was ist damit?“ hakte sie nach. „Benwick wird nicht mehr zurückkommen…“ Rahelas Laune sank auf den Nullpunkt. „Ich weiß… hast Du noch mehr Neuigkeiten?“ brummte sie. „Allerdings…“ wimmerte Finna kläglich. „Die Zwillinge… sie sind Benwicks Kinder…“ flüsterte sie. Rahela glaubte, sich verhört zu haben. „Was?“ fragte sie ungläubig. „Es ist wahr!“ meinte Finna. „Und Du bist Dir absolut sicher?“ fragte Rahela. Finna nickte. „Und nun müssen die Kinder gänzlich ohne Vater aufwachsen…“ Rahela unterbrach sie harsch. „Sei keine Närrin, Finna, denkst Du wirklich, Asa würde das dulden? Wer weiß noch davon?“ „Niemand…“ erwiderte sie. „Gut, und so soll es bleiben. Niemand darf darüber Bescheid wissen. Wer weiß, so wie Asa momentan gelaunt ist, lässt sie die Kinder umbringen… ich traue ihr alles zu!“ flüsterte Rahela und sah sie beschwörend an. Finna nickte. Rahela erhob sich. „Ich muss nun gehen, Finna, ich besuche Dich bald wieder…“ Sie verließ das Haus und überlegte, ob sich mit diesem Wissen irgendetwas bewerkstelligen ließ. Spielte es überhaupt noch eine Rolle, dass Benwick zwei Bastarde mit Finna gezeugt hatte? Nur wenn er am Leben blieb und Asa sterben würde…
Zuletzt geändert von Rahela am Do, 01. Nov 2012 23:30, insgesamt 2-mal geändert.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Mo, 29. Okt 2012 1:37

Bildhne viele Worte hatten Adraéyu und Rahela noch lange auf dem Bett gelegen. Adraéyu dachte über Rahelas Worte nach. Sie liebte ihn? Er versuchte heraus zu finden, ob er ebenso wie sie empfand. Ja er mochte sie. Sehr gerne sogar. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf, während Rahela es sich auf seiner Brust gemütlich gemacht hatte, und ihn hin und wieder mit ihrer freien Hand über die einzelnen Bauchmuskeln strich. Sie waren sich die letzten Wochen näher gekommen. Das stand fest. Adraéyu hatte noch nie eine Frau so an seinem Leben teilhaben lassen, wie Rahela. Er war wie der Wind. Er kam und ging. Die Frauen auf seinen Wegen waren wie Blumen, und er war die Biene gewesen. Stets rastlos. Doch nun … Wie lange war er nun schon in den wilden Landen? Er hatte aufgehört die Tage zu zählen. Aber ein halbes Jahr auf jeden Fall. Der Wind hatte in all den Monaten nicht ein einziges Mal in ihm aufbegehrt. Eine erstaunlich lange Zeit lang. Die wilden Lande hatten eine ursprüngliche, unberührte Magie inne, die man sogar fühlen konnte, wenn man tief im Wald stand und den Atem lange einsog. Als ob man die uralte Macht des Landes einatmen würde. Und Rahela war ein Teil des Landes. Mehr als alle anderen im Clan. Sie hatte die Macht. Die ursprüngliche Macht der wilden Lande. Vielleicht war es das, was dem Wind so lange zu bändigen vermocht hatte?

Er nahm einen Arm unter seinem Kopf hervor und legte ihn Rahela auf die Schulter. Er strich ihr sanft durch die Haare oder ließ die Finger langsam über ihren Nacken gleiten. Doch sagte er kein Wort. Nicht weil ihm die Worte fehlten. Oder er ihre nicht erwidern wollte. Einfach weil er eingeschlafen war. Irgendwann schreckte er aus dem Schlaf hoch, und Rahela war nicht mehr da. Er seufzte und richtete sich im Bett auf. Wie lange würde sie ihn wohl noch erdulden? Jede Liebe kannte ihre Grenzen. Wann wäre Rahelas Grenze erreicht? Doch tief in seinem Innern brodelte eine boshafte, schwarze Macht. Er hatte keine Kontrolle über sie, und sie scherte sich nicht um das Wohl der Menschen, die Adraéyu wichtig waren. Würde er Rahela verschonen, wenn er die Kontrolle über sich selbst verlieren würde? Würde sie ihn noch lieben, wenn sie die schwarze Seele erst kennengelernt hatte? Würde er sich an sie erinnern, wenn er sich selbst verlieren würde? Er schüttelte diese Gedanken fort. Sie bescherten ihm nur Schuldgefühle.

Er stand aus dem Bett auf und schlurfte zum Wassertrog. Dort angekommen, schöpfte er sich, mit beiden Händen zu einem Schöpfer geformt, Wasser aus dem Trog und spritzte es sich ins Gesicht. Er musste es noch zwei Mal wiederholen, bis er das Gefühl hatte richtig wach zu sein. Und kaum hatte er die Augen geöffnet, da musste er erneut seufzten. Sein Blick war auf den Tisch gefallen, wo noch immer der gläserne Alambic lag. Er hatte ihn auf einem dicken Wolltuch abgestellt, damit ihm nichts passieren konnte. Und nun war die richtige Gelegenheit dafür erneut verstrichen, ihn Rahela zu schenken. ›Es sollte wohl nicht sein‹, dachte sich Adraéyu und fuhr sich mit der rechten Hand über das ganze Gesicht, um sich das Wasser herunter zu wischen.

Doch dann zuckte er mit den Schultern. »Was solls.«, murmelte er und schnappte sich den Alambic. Er klemmte sich das gläserne Ding unter den Arm und schnappte sich noch im Vorbeigehen seinen Umhang von der Sessellehne. Doch kaum hatte er die Tür zum Dorfplatz geöffnet, wurde seiner Euphorie ein jäher Dämpfer verpasst. Es war bereits tiefste und finsterste Nacht. Irgendwo heute, weit entfernt, ein Wolf und einer der Hunde des Clans antwortete ihm bellend. Er hörte irgendwo ein nahes Feuer einer Fackel knistern, doch mehr hörte er nicht mehr, denn er hatte die Tür schon wieder geschlossen. Er schlurfte zurück zum Tisch, stellte den Alambic wieder auf dem Wolltuch ab und warf dann schließlich auch den Umhang wieder über die Stuhllehne, bevor er sich wieder seinem Bett zuwandte. Wie ein Stein ließ er sich, auch ein wenig niedergeschlagen, in die Felle und Laken fallen, und war auch recht bald wieder eingeschlafen.

Adraéyu wälzte sich oft im Schlaf herum. Er hatte fürchterliche Alpträume. Er träumte davon wie Benwick und seine Hersen starben, und auch Kolgrim, Rahelas Vetter lag tot danieder. Der Clan brannte, und unter all diesem Chaos stand er, und spielte auf seiner Laute, und lachte gehässig. Asa lag nackt und tot zu seinen Füßen. Was hatte er ihr nur angetan? Doch als er sie genauer ansah, dann erkannte er, dass es nicht Asa war, welche da vor ihm lag. Es war Rahela. Sie war blutbesudelt und ihre Kehle war geöffnet worden. Das dunkle Blut sickerte ihr aus der Wunde, und ihr leerer, glasiger Bick sah ihn anklagend an. Ihr Busen lag still da. Er bewegte sich nicht. Sie atmete nicht! Doch mit einem Mal richtete sich der Leichnam Rahelas auf und deutete auf Adraéyu. Ihre blaugrünen Lippen formten harte und schmerzende Worte. »Du hast mich getötet!« Bei diesen Worten sah Adraéyu unweigerlich an sich herab, und da erkannte er erst, dass er keine Laute sondern ein blutverschmiertes Messer in den Händen hielt.
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Als der Morgen schließlich graute, da kämpfte sich Adraéyu wie niedergebügelt aus dem Bett. Doch es half nichts. Er musste aufstehen. Wieder schlurfte er zum Wassertrog, schöpfte sich Wasser ins Gesicht um aufzuwachen und wischte sich dann das Wasser mit dem Ärmel aus dem Gesicht. Als dies erledigt war, nahm er sich einen der kleineren Kessel und ging damit zur Tür und öffnete sie. Forschen Schrittes hielt er auf den Brunnen, welcher neben dem großen Runenstein, in der Mitte des Dorfplatzes stand. Viele Frauen standen bereits dort und schöpften Wasser, und hier und da gingen Männer, Frauen und Hörige von einem Haus zum nächsten. Doch herrschte ein allgemeines Schweigen. Nur wenige unterhielten sich in einem gedämpften Flüsterton. Ein bedrückendes, dunkles Tuch hatte sich über den Clan gelegt, und würde wohl mindestens die nächsten acht Tage lang verweilen. Er drückte sich durch die Traube der Frauen und erntete dafür auch hier und da einen empörten Blick. Doch er hatte weder die Lust, noch den Kopf, sich hinten anzustellen und dem Tratsch der Weiber zu lauschen. Er zog schnell den Eimer aus dem Brunnen hoch, und schüttete dessen Inhalt in seinen kupfernen Kessel. Und als dies geschehen war, da warf er den Eimer in den Brunnen und zog ihn noch ein zweites Mal herauf. Er wollte keinen völlig schlechten Eindruck hinterlassen, und deshalb stellte er den vollen Eimer auf den Brunnenrand, und trat für die nachfolgende Frau beiseite. »Habt Dank, holde Maiden.« Er deutete eine leichte Verbeugung an und grinste dabei dreist und unverhohlen. Dann ging er mit dem schweren Kupferkessel an der Hand wieder zurück in sein Haus. Vermutlich sahen die Frauen ihm noch eine ganze Weile lang nach, tuschelten, schüttelten die Köpfe und zweifellos würde die eine oder andere von ihnen seine kecke und unverfrorene Art auf die eine oder andere Weise sogar anziehend finden. Adraéyu musste bei diesem Gedanken lächeln.

In seinem Haus angekommen, stellte er den Kessel neben dem Wassertrog ab, und nahm sich dann das Trinkhorn, welches Rahela letzte Nacht neben das Bett gelegt hatte. Als er sich zu dem Horn herunter beugte, da bemerkte er, dass auch die Messingschachtel mit den Kirschen noch dort stand, wo sie sie hingestellt hatte. Er hob auch die Schachtel auf und brachte sie, zusammen mit dem Horn, zum Tisch. Er stellte die Schachtel auf dem Tisch ab, und wusch das Horn kurz mit dem Wasser im Waschtrog aus. Dann tauchte er das Horn in den kupfernen Kessel, welcher mit dem eiskalten Brunnenwasser gefüllt war und setzte sich, mit dem Horn und den Kirschen, an den Tisch. Lustlos aß er die Kirschen und trank das kalte Wasser, bis die kleine Messingdose leer war. Achtlos warf er sie in den Waschtrog und stürzte den letzten Schluck des Wassers herunter. Als er das Horn von den Lippen absetzte da fiel ihm erneut der Alambic ins Auge. Er starrte das gläserne Ding eine Weile wortlos und regungslos an, und verharrte so viele Herzschläge lang. Doch plötzlich richtete er sich auf, legte das Horn auf den Tisch und ergriff den Alambic. Erneut klemmte er ihn sich unter den Arm und warf sich auch den Umhang über. Doch dann stellte er nochmals den Alambic ab, nahm sich die Fibel von dem Pergamentstapel, auf welchen er sie am Abend zuvor gelegt hatte, und steckte sich damit den Umhang zusammen. Dann nahm er wieder den gläsernen Kolben auf und verließ schlussendlich das Haus.

Als er bei Rahelas Haus angekommen war und an der Türe angeklopft hatte, musste er ernüchternd feststellen, dass sie nicht zugegen war. Doch nun hatte er das unsägliche Ding mitgeschleppt. Er war nicht bereit, es wieder mit nach Hause zu nehmen. Und so nahm er auf der Bank vor ihrem Haus Platz, schlug sein rechtes Bein über das Linke und legte sich den gläsernen Apparat in den Schoß. Die Zeit verging, und Rahela kam nicht. Er hatte überhaupt kein Zeitgefühl. Wie spät war es wohl? Er wusste es nicht, doch eines wusste er: er hatte Hunger. Ein wenig missgelaunt verzog er den Mund. Wo war Rahela nur? Er sah sich um, doch weit und breit war niemand zu sehen, denn Rahelas Haus stand ja etwas abseits vom Dorfplatz. Und dennoch wollte er den Gegenstand, welcher in seinem Schoß lag, nicht einfach vor der Tür hinterlegen, oder gar unter der Bank verstecken. Also stand er kurzerhand auf, öffnete die Tür zu Rahelas Haus und trat einfach ein. »Hallo?«, rief er in die dunkle Stube hinein, doch erhielt er keine Antwort. Er trat an den Tisch heran und stellte den Alambic mitten auf den Tisch. ›Sie wird schon fragen, wozu er dient, wenn sie es nicht weiß.‹, dachte sich Adraéyu. Sie war nicht da und dennoch wurde er begrüßt. »Arn, Arn.«, krächzte Thargôn und landete vor ihm auf dem Tisch. »He du.«, begrüßte er den Vogel und bedauerte, dass er keine Nuss für ihn hatte. Doch hielt er ihm die Hand hin und der Rabe ließ nicht lange auf sich warten. Er sprang ihm auf die Hand, und seine Krallen bohrten sich unangenehm in seine Haut. Adraéyu hob die Hand schnell zu seiner Schulter und der Rabe sprang dann von der Hand auf eben selbige. »Schon besser.«, murmelte er. Rahela war ohnehin nicht da, und da der Vogel auch allein zu Hause hockte, würde sie ihn wohl auch nicht vermissen.

Und so ging Adraéyu, mit Thargôn auf der Schulter, aus Rahelas Haus. Er hatte ein fröhliches Lied angestimmt, um sich die düsteren Gedanken zu vertreiben, welche in seinem Geist herumspukten. Der Vogel krächzte immer wieder doch blieb er eher ruhig auf seiner Schulter sitzen. Adraéyu schlug zunächst den Weg zu seinem Haus ein. Er öffnete die Tür und trat mit einem Bein in das Zwielicht des Zimmers. Doch er musste nicht weit hinein gehen. Zweifinger lehnte nahe der Tür an der Wand. Und auch seine Ledertasche, worin die Sehne, und allerlei nützliche Dinge verstaut waren, sowie der Köcher. Er schulterte sich die Tasche quer über die Brust und hängte sich den Köcher, versteckt unter dem Umhang, an den Gürtel. Schließlich nahm er dann den Langbogen, welcher den meisten Blicken wie ein gewöhnlicher Wanderstab erschien, in die rechte Hand. Mit dem Stab in der Hand und dem Vogel auf der Schulter, verließ er wieder sein Haus, schloss die Tür und wandte sich dem großen Tor zu.

Angus war heute nicht da. Vermutlich hatte er erst später Wachdienst. Statt ihm, war ein älterer Krieger anwesend. Er kaute auf einem Stück Wurzel herum, welche Adraéyu nicht näher benennen konnte. »Die Fünf mit dir.«, grüßte er den Krieger, doch dieser brummte nur. »Alles in Ordnung?«, hakte Adraéyu nach, denn der Mann hatte einen schmerzerfüllten Blick aufgesetzt. »Nein.«, blaffte ihn der Mann an und Adraéyus Blick fiel erneut auf die Wurzel. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Als ob er sie bereits schon einmal gesehen hatte. »Was kaust du da eigentlich?«, fragte er gerade heraus und der Wächter sah ihn mit schmerzverzerrtem Blick, aber grimmigen Augen ausdruckslos an. »Was geht’s dich an. Schleich dich!«, zischte er. Adraéyu zuckte die Schultern und wandte sich um. Doch da fiel ihm der Name der Wurzel wieder ein. Alraune. »Wenn du Schmerzen hast, geh doch zur Neeskia.«, schlug er dem Mann vor, doch dieser schnaubte nur verächtlich. »Ha. Und wer hütet das Tor?«, fragte er. »Du?«, setzte er sogleich nach und als er Adraéyus freundliches Zwinkern sah, da winkte er sogleich ab. »Nein. Geh' lieber.«, brummte er. Adraéyu zuckte die Schultern. Er konnte niemanden zu seinem Glück zwingen.

Irgendwann kam Adraéyu schließlich am Waldrand an. Erst hier zog er die Sehnen aus der Tasche und stellte den Bogen auf den harten Boden. Dann hängte er die Sehne zunächst am unteren Ende des Bogens ein und nahm das andere Ende in die linke Hand. Dann umfasste er mit beiden Händen den starken Bogen und drückte ihn herunter. Er drückte so fest, dass sich der Bogen leicht in den harten Boden eingrub, und er endlich nachgab und sich unter dem Druck verbog. Mit der rechten, stärkeren Hand hielt er den Bogen fest, während er mit der linken Hand, welche noch immer die Sehne hielt, hervor schnellte und sie in die Einkerbung einhängte. Nun war sein Bogen fertig gespannt. Nun zog er sich einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf die Sehne. Seine Finger der rechten Hand umgriffen das Ende des Pfeils, während seine linke Hand sich regelrecht um den Bogen verkrampfte.

Schleichend stieg er durchs Gehölz des Unterholzes und versuchte dabei so wenig Lärm wie möglich zu machen. Er irrte sehr lange umher, und immer wieder schnarrte Thargôn und Adraéyu ermahnte den Vogel zur Ruhe. Er ärgerte sich nun, dass er ihn mitgenommen hatte, denn sein Schnarren und Krächzen verjagte die ganzen schreckhaften Tiere, welche ihn kommen hörten. Doch je tiefer er in den Wald kam, desto ruhiger wurde Thargôn. Vielleicht mochte er die Umgebung nicht? Oder es war ihm zu finster? Doch Adraéyu dankte es ihm, als er schließlich und endlich ein stattliches Wildschwein nahe eines kleinen Tümpels entdeckte. Augenblicklich ging er in die Hocke und legte den Pfeil auf die Wildsau an und schon nach einem kurzen, tiefen Atemzug, flog der Pfeil schon auf das Tier zu und bohrte sich unerbittlich in den Hals des Tieres. Es drehte durch, rannte auf Adraéyu zu, doch strauchelte es sehr schnell und erlag schließlich an dem Blut, welches seinen Hals so sehr füllte, dass es keine Luft mehr bekam. Adraéyu trat aus dem Gebüsch heraus, und als er an das Schwein herangetreten war, da legte er seinen Bogen auf den moosigen Boden, ging vor dem Tier in die Hocke und zückte sein Langmesser. Mit einem geschickten Stich, fuhr er dem toten Tier mit der Spitze der Klinge in das linke Auge und durchtrennte so den Sehnerv. Dann hebelte er geschickt den Augapfel heraus und zog ihn anschließend mit der anderen Hand aus der Augenhöhle. Das gleiche tat er kurz darauf mit dem rechten Auge. Und als er beide Augen in den Händen hielt, da warf er sie auf den Boden. »Da.«, sagte er und der Rabe stürzte sich schon auf das Festmahl.

Adraéyu lehnte sich für einen Augenblick im Gras zurück. Sein Magen knurrte zwar schon, doch musste er erst ein Feuer schüren und das Tier häuten, bevor er sich daran machen konnte es zu braten. Außerdem hatte er keinerlei Gewürze oder Kräuter, um den Braten zu verfeinern. Der Magen musste warten. Er würde das Tier, sobald Thargôn die Augäpfel verspeist hatte, auf dem Rücken schultern und nach Hause tragen. Dort würde er es abdecken, ausbluten lassen und schließlich das Fleisch von den Knochen trennen. Angesichts der Tatsache, dass dies zweifellos einiges an Zeit in Anspruch nehmen würde, war dies kein besonders erbauender Gedanke. Er musste jetzt etwas essen. Doch rohes Fleisch war widerlich. Und es war nicht nur roh, sondern auch noch blutig. Und die Sau roch nicht gerade angenehm. Angewidert wollte Adraéyu seinen Blick von dem Tier abwenden, um zu sehen, ob er nicht vielleicht einen Apfelbaum oder dergleichen entdecken würde. Auch wenn es noch viel zu früh war, um Obs zu ernten. Doch konnte er den Blick von dem Tier nicht abwenden. Denn über der Brust loderte eine kleine Flamme. Sie hing buchstäblich in der Luft, und Adraéyu starrte sie ungläubig an. Woher kam dieses Licht? Er richtete sich langsam auf und streckte seine Hände danach aus. Doch kurz bevor er die Flamme berührte, da krächzte Thargôn ganz aufgeregt und flatterte mit den Flügeln. Adraéyu wandte den Blick von der Flamme ab und sah zu dem Raben. Verwirrt und verunsichert blickte Adraéyu sich um »Was geschieht hier?«, murmelte er misstrauisch. »Wir sollten gehen.«, entschied Adraéyu und erhob sich von dem moosigen Grasboden um das Wildschwein aufzuheben. Doch kaum wandte er seinen Blick wieder dem toten Tier zu, da erkannte er wieder die kleine Flamme. Sie leuchtete rötlich. Viel rötlicher, als ein Feuer normalerweise brannte. Und während das kleine Feuer tanzte, und die langen Schatten, die es warf, ebenfalls mit ihm tanzten, da wandelte sich die Farbe langsam in ein mattes Grün und dann in ein pulsierendes weiß. Und mit einem Mal war die ganze Lichtung voll dieser Lichter. Überall erschienen sie wie aus dem Nichts. Hier brannte eine Flamme, und dort loderte ein schwebendes Feuer. Die meisten von ihnen waren rötlich oder weiß. Doch wenige hatten ein blau loderndes Herz, und waren von weißen Flammen umrundet. Sie begannen zu tanzen und sich zu drehen. Und immer wenn Adraéyu sich einem von ihnen näherte, da stob es davon und verglühte im Nichts. Die Flammen entschwunden langsam und zurück blieben nur kleine, leuchtende Punkte. Sie schwebten vor seinen Augen und wogten, wie in einem lauen Abendwind, hin und her. Und mit jedem Schritt den Adraéyu tat, entwunden sie sich weiter seiner Nähe.

Thargôn krächzte und schnarrte, doch Adraéyu hörte ihn nicht. Er folgte den seltsamen Lichtern. Und plötzlich waren sie alle verschwunden. Adraéyu sah sich verstört um. Was war geschehen? Seine Füße waren nass, und er bewegte sich, ohne sein Zutun. Er versank! Panisch sah er zu Boden, und erkannte, dass er bereits bis zu den Knien im Morast versunken war. »Nein!«, rief er panisch und versuchte sich aus dem Morast zu befreien. Doch jede Bewegung, die er tat, hatte nur zur Folge, dass er noch schneller versank. Panisch sah Adraéyu sich um, doch gab es nichts, was ihm helfen konnte. Nur eine Wurzel, welche aus dem Morast herausragte. Er krallte sich in das feste Holz und es bog sich unter seinem Gewicht. Doch es hielt stand. Doch für wie lange? »Flieg! Hol Hilfe!«, rief er dem Raben zu, doch dieser legte nur den Kopf schief und schnarrte »Arn.« »Nein! Nicht Arn! Rahela! Flieg zu Rahela.« Als der Rabe diesen Namen hörte flatterte er aufgeregt, doch erhob er sich noch immer nicht in die Luft. »Ach du dummer Vogel!«, fluchte Adraéyu verzweifelt. »Flieg zu deiner Hexe!«, zischte er und ließ die Wurzel mit einer Hand los. Er grub sie in den Morast und förderte eine Handvoll Schlamm und Dreck zu Tage. Diesen warf er nach dem Raben. Und es hatte funktioniert. Der Rabe erhob sich in die Luft und schnarrte. »Hexe. Hexe. Arn.« Adraéyus Herz raste. Er sandte den Etáín ein Stoßgebet. »Leitet den Vogel zu Rahela!«, bat er die Geister des Windes. Doch den Geistern der Erde schickte er nur seine grollende Wut. Ihnen und den Irrlichtern …
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Mo, 29. Okt 2012 11:55

Rahela ging zurück zu ihrem Haus. Bislang war niemand zu ihr gekommen oder hatte jemanden geschickt, der ihre Hilfe benötigt hätte. Sie zuckte die Schultern. Auch solche Tage musste es geben. Die Sonne schien und die Zeit der Eisheiligen waren vorbei. Man spürte, wie es nun wieder deutlich wärmer wurde. Sie ging ins Haus und tauschte ihr wärmeres grünes Kleid gegen das rote, welches für die wärmeren Tage besser geeignet war. Sie schnallte ihren Gürtel um, an welchem ihr Lederbeutel baumelte, in dem sich die wichtigsten Gifte und Essenzen für den Notfall befanden, sowie der Allzweckdolch. Es passte nicht wirklich zu dem Höllenfensterkleid, doch schon einige Male, wo sie bei diesem Kleid darauf verzichtet hatte, hatte sie es im Anschluss bald bereut weil sie erst Recht wieder zu ihrer Hütte laufen musste, um etwas zu holen. Thargôn war nicht da. Wahrscheinlich war er ausgeflogen. Dann stutzte Rahela kurz, hatte er sich etwa durch die Dachluke gezwängt? Seltsam... doch wer wusste schon, was in diesem Tier vorging? Klug genug war er ja. Sie würde den heutigen Tag dazu nutzen, die Hütte ein wenig aufzuräumen und gründlich auszufegen. Seit dem Winter, als Rorins Hörige dies erledigt hatten, hatte sie diesbezüglich keinen Finger mehr gerührt. Nicht, dass es ihr persönlich wichtig war, aber im Schamanenhaus sollte es einigermaßen ordentlich sein. Nicht so, wie bei Arn… Sie musste schmunzeln. Plötzlich fiel ihr Blick auf den Tisch, wo ein seltsames Gerät stand. Sie ging darauf zu. Es bestand aus einer Art gläsernen Kugel, die auf einem metallenen dreibeinigen Konstrukt saß. Über diesem bauchigen Gefäß war in zweites ähnliches Gefäß gestülpt, nur stand es auf dem Kopf, und eine immer dünner werdende, gläserne Röhre war darin eingearbeitet, die am Ende offen war und deren Ende in ein Gefäß aus Zinn mündete. Skeptisch beäugte Rahela dieses seltsame Ding. Was war das, und wie war es in ihr Haus gekommen? Vorsichtig und beinahe ehrfürchtig berührte sie das Glas, welches sich glatt und kalt anfühlte. Dieses Ding musste sehr wertvoll sein, immerhin war es aus Glas… was immer es auch war… Sie überlegte. Vielleicht wusste Runjar darüber Bescheid… er war schon öfters außerhalb der wilden Lande gewesen. Wenn einer wusste, was das war, dann er. Doch vielleicht wusste auch Arn Bescheid. Immerhin war er schon viel in der Welt herumgekommen. Es bot sich direkt an, zuerst ihn zu fragen. Gleich jetzt. Sie war ungeduldig, sie war neugierig. Sie wollte sofort in Erfahrung bringen, was es war und wofür es gut war. Sie verließ ihr Haus und lief zu Arns. Irgendwie hatte sich diese Unart eingeschlichen, dass sie nie anklopfte, wenn sie Arns Haus betrat. Wenn sie klopfte, dann höchstens, um ohne abzuwarten doch sofort einzutreten. Er tat dies ja auch oft. Doch Arn war nicht zu sehen. Nur seine Unordnung. Die Glut in der Feuerstelle schwelte schwach. Anscheinend war er nicht zuhause. „Arn?“ rief sie, doch es blieb still. Rahela zuckte die Schultern und verließ wieder das Haus. Vielleicht ging sie doch zu Runjar…

Als sie durch den Clan lief, kam Thargôn angeflogen. Er wirkte aufgeregt. „Hexe… Hexe...“ schnarrte er. Dieses Wort konnte Rahela schon lange nicht mehr aufregen. „Willst Du eine Nuss, Du Rabenbraten?“ fragte sie ihn, während er sich auf ihren Arm niedergelassen hatte. Doch er schien überhaupt kein Interesse an einer Nuss zu hegen, was schon sehr ungewöhnlich war. „Arn... Arn...“ krächzte er. „Arn ist nicht da… ich komme gerade von seinem Haus… Du musst mit mir Vorlieb nehmen, komm, wir gehen Nachhause. Ich hab noch ein Stück Kaninchen für Dich.“ Doch Thargôn stob von ihrem Arm in die Luft und krächzte. „Arn… Arn…“ Rahela war verwirrt. „Was hast Du nur, Du störrisches Tier? Wenn Du zu Arn willst, dann musst Du eben warten, bis er wieder da ist…“ Sie wandte sich zum gehen, und plötzlich tat der Vogel etwas, das er noch nie getan hatte. Er flog auf Rahela zu und grub seine Krallen in ihr Haar und ihre Kopfhaut und krächzte „Arn… Arn… Arn...“ Rahela wurde wütend, und griff nach ihm und zog ihn von ihrem Kopf, was recht schmerzhaft war, weil er seine Klauen recht fest in ihre Kopfhaut und ihr Haar vergraben hatte und einige Haare dabei daran glauben mussten. „Was ist nur in Dich gefahren du dummes Tier? Wieso greifst Du mich an?“ rief sie ihm recht aufgebracht entgegen und sah ihn dabei forsch an. „Was willst Du? Ich begreife nicht, was Du plötzlich hast!“ Erneut stob er in die Luft und krächzte „Arn… Arn…“ Plötzlich kam es Rahela reichlich seltsam vor und sie dachte an die Winternacht, wo er sich ähnlich gebärdet hatte, als Arn im Schnee gelegen hatte. „Ist etwas mit Arn?“ fragte sie ihn und eine seltsame Unruhe stieg in ihr auf. Thargôn flog auf und flog zu den Palisaden. Darauf ließ er sich nieder und wandte sich ihr zu. „Arn… Arn…“ schnarrte er. Er schien auf sie zu warten. ‚Irgendetwas stimmt nicht…‘ dachte sie bei sich und lief Thargôn zu den Palisaden entgegen.

Im Wachturm saß Jorund. Als er Rahela sah, winkte er ihr zu. „Heda, Neeskia! Dich schicken die Götter!“ meinte er. „Tun sie das? Was ist passiert?“ Sie dachte dabei an Arn und Thargôn. Jorunds Gesicht war von einer Leidensmiene überzogen. Er schien nichts über Arn zu wissen …Trotzdem fragte sie "Ist der Barde hier vorbeigekommen?" "Joh, schon vor einer ganzen Weile... hat mich genervt, mit seinen Ratschlägen..." „Was ist los, was hast Du?“ fragte sie ihn, während sie besorgt den Raben beobachtete. „Zahnschmerzen, und das nicht zu knapp…kannst Du mir helfen?“ klagte er und hielt sich seine Backe. „Bin ich der Schmied? Geh zu Ivarr!“ meinte sie. „Meine Wache ist erst bei Dämmerungsanbruch zu Ende. Willst Du, dass ich mich vorher umbringe?“ „So schlimm?“ fragte sie. Sie nestelte in ihrem Lederbeutel. Wie gut für Jorund, dass sie diesen nun doch dabei hatte… Sie holte eine kleine Phiole mit Mohnblumensaft hervor. Sie legte es an den Fuß des Wachturms. „Hier, trink das, das wird helfen… doch geh zu Ivarr, wenn Deine Wache vorbei ist!“ ermahnte sie ihn eindringlich. „Die Götter mögen Dich beschützen, Neeskia, Du meine Lebensretterin!“ rief Jorund. „Mögen sie Dich ebenso beschützen, Jorund, machs gut… ich muss nun weiter…“ meinte sie und beobachtete den Raben, der nun schon ein beträchtliches Stück weitergeflogen war und auf einem Tannenwipfel auf sie zu warten schien, während er aufgeregt schnarrte.

Sie lief dem Raben hinterher und noch bevor sie bei ihm angekommen war, flog er weiter. Der Wald wurde immer dichter und Rahela tat sich schwer, dem Vogel zu folgen. Nur sein Gekrächze war zu vernehmen, bis sie an eine kleine Lichtung kam. Die Sümpfe? Warum um alles in der Welt hatte Thargôn sie zu den Sümpfen geführt? Arn war doch sicher nicht so dämlich und war hier her gegangen. Hier war es mitunter tückisch, beinahe wie im Moor… wenn man sich hier nicht auskannte, konnte dies verheerend sein. „Thargôn?“ rief sie, weil sie ihn nicht mehr entdecken konnte. Dann fand sie ihn. Er hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen durch aufgeregtes Flügelschlagen und Krächzen. Was tat der Vogel da nur? Dann konnte sie die Gestalt sehen, die bis zu den Schultern im Morast steckte. Sie lief hinüber. Es war Arn… „Arn! Bei den Göttern, was machst Du hier?“ rief sie aufgebracht und lief zu ihm. Es war eine dumme Frage, er nahm wohl kaum ein Schlammbad. Er hielt sich an einer dicken Wurzel fest. Ohne dieser Wurzel wäre es vermutlich schon längst im Schlamm versunken. Sie versuchte die Situation kurz zu erfassen. „Oh Arn…« Sie kniete sich zu dem Sumpf herunter und drückte vorsichtig in den moosigen Torf. Sie konnte sogar einige seiner Fußabdrücke im Morast sehen. Doch Arn war zu weit weg um ihn zu erreichen. Sie suchte nach einem Stock oder etwas ähnlichem. Sie öffnete ihren Gürtel, damit er sich daran festhalten konnte. Doch er war zu kurz. Es würde nicht reichen Ihn nur an diesem Stück Gürtel rauszuziehen würde nicht gelingen. Missmutig warf sie ihn zu Boden. Da fiel ihr Blick auf den Arns Bogen, wecher im Moos lag. Sie trat so nah an den Sumpf heran, wie es ihr möglich war und streckte den Bogen zu ihm entgegen. Als er den Bogen umfasste, da zog sie so kräftig sie konnte. Der Morast war gar nicht so widerspenstig, doch scheinbar hatte sich seine Kleidung mit der Flüssigkeit angesogen, was ihn ziemlich schwer machte. Das und die Tatsache, dass er anscheinend mit seinen Füßen keinen Halt fand, hatte zur Ursache, dass sie ihn keine zwei Zoll hochziehen konnte. “ Verzweiflung stieg in ihr h0ch, als ihr gewahr wurde, dass sie ihn nicht so einfach rausziehen könnte, und es ließ ihren Humor versagen. „Was soll ich nur tun?“ flüsterte sie. „Arn… sag mir, was ich tun soll…“ Ihre Stimme klang schrill vor Angst. „Mich herausziehen?“ erwiderte er matt. „Aber wie? Ich hab kein Seil, und die Zeit wird vermutlich nicht reichen, um ein solches, oder Hilfe zu holen… . Sie überlegte eine Sekunde, dann hatte sie eine Idee. Sie musste nun schnell handeln.

Sie zog ihr Höllenfensterkleid aus und holte den Dolch der an ihrem Gürtel befestigt war. „Ich glaube nicht… was ich da jetzt tue…“ murmelte sie ein wenig bitter zu sich, als sie den Dolch am Saum ansetzte, und in fußbreiten Abständen Schnitte in den Saum machte. Sie riss die Schnitte ein, um so lange dicke Streifen zu erhalten. „Die gute Wildseide…“ jammerte sie leise, doch hatte sie eine andere Wahl? Schnell und den herrlichen Stoff dabei ignorierend, ging sie dabei zu Werk, bis das ganze Kleid in rascher Zeit völlig zerschnitten und zerrissen war und davon nur mehr dicke Stoffbahnen übrig waren. Sie verknotete diese Stoffbahnen und fädelte diese, zu einer Schlaufe zusammen. Sie lief damit zu einem nahegelegenen Baum und verknotete die Enden um den Stamm. Dann warf sie das andere Ende dem Raéyun entgegen. Sie musste es einige Male probieren, bis es endlich weit genug geflogen war, damit er es zu Fassen bekam. Dann zerrte sie mit Leibeskräften an dem behelfsmässigen Seil. Langsam bewegte er sich doch nach oben. „Versuch mitzuhelfen“ keuchte sie. Und es schien, als würde er mit den Beinen strampeln, doch dabei bemerkte sie, wie er wieder tiefer sank. „Nein, nein, beweg Dich nicht… lass es...!“ rief sie, während sie weiterzog. Doch es war viel zu schwer, dies schien auch Arn bemerkt zu haben, und er zog sich selbst auch an dem Seil ans Ufer.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, kurz bevor sie auch ihre letzten Kräfte verließen, hatte sie ihn aus dem Sumpf gezogen. Sie konnte im Nachhinein nicht mehr sagen, wie sie das geschafft hatte, Arn war ein bedeutendes Stück größer und schwerer als sie... Sie keuchte schwer, als sie neben ihm lag. Sie zitterte vor Anstrengung und auch von dem Schrecken. „Was machst Du nur immer für Sachen? Dich kann man kaum alleine lassen… “ stieß sie schwer hervor. „Mein Kleid... mein wunderschönes Kleid…“ lachte sie leise und atemlos und schlug die Hände vors Gesicht. „Der kostbare Stoff des Menai… ich bin dafür zu Kreuze gekrochen und habe Benwick dafür eine Goldmünze abgeleiert… und ich habe mich beinahe angepisst vor Angst und Anstrengung...!" kicherte sie weiter und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Es hatte alles keine Bedeutung, gerne hatte sie das Kleid für diesen Zweck geopfert. Sie hatte sich ohnedies gewundert, dass dieses seltsame Vorgehen erfolgreich gewesen war. Wie hätte sie sich geärgert, wenn sie das Kleid umsonst zerrissen hätte! Arn lag schweigend neben ihr, über und über schlammig, nass und dreckig. Sie beugte sich zu ihm, strich ihm sacht das schlammige Haar aus dem Gesicht und nahm seinen Kopf zwischen die Hände. „Schon wieder stehst Du in Thargôns Schuld… und auch in meiner…“ Sie bemerkte seinen Blick und fühlte sich ein wenig schuldig. Es musste ihm sicher unangenehm sein… „Ach, vergiss es, ich rede nur Unsinn… Du bist mir nichts schuldig, gar nichts … bei den Alten… was, wenn Thargôn nicht gewesen wäre?“ Woher wusste er es nur? Er war wahrhaftig ein Götterbote. Eigentlich war ihr zum Heulen zumute, doch die Erleichterung über den guten Ausgang wog wesentlich stärker. Sie lagen eine Zeit lang nur da und schwiegen, während sie sich ausruhten. Nach einer Weile sagte Rahela „Nun ist doch Waschtag für Deine Gewänder… für mich allerdings auch… dabei hab ich das erst gestern gemacht…“ Sie lachte und setzte sich auf. „Komm, wir gehen nachhause…“ Er nickte. Beim zurückgehen stießen sie auf die tote Wildsau, in deren Brust ein schwarzgefiederter Pfeil steckte. „Bist ja doch zu etwas nütze…“ neckte sie ihn und stieß ihm in die Rippen. Er grinste und schulterte die junge Wildsau. Sie hob den Langbogen auf, der daneben lag. „Spätestens jetzt musst Du ein Bad nehmen“ rümpfte Rahela die Nase über die penetrant riechende Sau. Sie rief Thargôn und er flatterte zu ihnen. Doch er ließ sich nicht auf Rahelas dargebotenen Arm nieder, sondern auf der Sau und begann, in den leeren Augenhöhlen herum zu picken. Sollte er doch. Langsam gingen sie zurück zum Clan, begleitet vom rötlichen Licht der allmählich untergehenden Sonne. „Was ich Dich schon länger fragen wollte… es war Dein Pfeil, beim Weiher… Wieso hast Du es mir nie erzählt?“

Sie gingen zurück zu seinem Haus. Er warf die Wildsau vor der Bank auf den Boden, dann betraten sie das Haus. „Hol Wasser für den Badezuber…“ bat sie ihn, während sie die beinahe erloschene Glut schürte und mehrere Holzscheite hineinlegte. Ein Bad wäre jetzt perfekt… Sie ging zu Fenris‘ Kräutern und suchte etwas davon für Tee heraus. Viel war nicht da. Ein Schnaps wäre Rahela jetzt auch lieber gewesen. „Ich bin gleich wieder da… „ meinte sie und verließ Arns Haus. Sie lief hinüber zu ihrem und holte ihre Flasche Schnaps. Ihr Magen knurrte und sie holte aus ihrer Speisekammer noch Brot, ein Stück geräucherten Schinken und einige Trockenfrüchte des Menai. Dann zog sie sich das schlammverdreckte Unterkleid aus und warf es unbekümmert auf den Boden. Sie zog ihr dunkelbraunes Unterkleid an sowie ihr grünes Kleid darüber. Ein wenig Bedauern machte sich in ihr breit, ob des Höllenfensterkleides. Sie angelte noch den Nussbeutel vom Haken und lief dann zurück zu Arn. „Ich wusste nicht, ob Du Hunger hast, aber ich habe etwas mitgebracht…“ meinte sie. Sie stellte die Flasche Schnaps auf den Tisch, legte Brot, Schinken und die Früchte daneben und holte zwei Becher und goss einen großzügigen Schuss hinein. Sie kippte den Becher in einem Zug runter und schüttelte sich. „Schon besser…“ meinte sie ein wenig atemlos, als der Schnaps in ihrem Magen brannte. "Also... was, bei den Alten, hat Dich in die Sümpfe getrieben? Doch wohl nicht diese unsägliche Wildsau?" Sie war neugierig auf seine Erzählung, während sie dem Raben mehrere Nüsse und ein Stück von dem Schinken hinlegte.

Während sie aßen meinte Rahela „Es weiß bislang niemand außer mir, doch Du errätst nicht, wer der Vater von Finnas Bälgern ist…“ Sie machte eine dramatische Pause in der er sie fragend anblickte. Dann sprach sie weiter. „Es sind Benwicks Bastarde!“ Er sah sie verdutzt an. Sie senkte ihre Stimme und flüsterte verschwörerisch „Ich weiß, es tut momentan nichts zur Sache, doch wenn Benwick zurück käme, dann wäre es schon relevant… Finna könnte sein neues Weib werden… Mit Finna hätten wir eine wahrlich bessere Fürstin als Asa. Sie wäre leichter zu lenken, und vielleicht wäre sie auch auf unserer Seite, und früher oder später wird sie auch Schamanin werden. Wenn sie die Fürstin des Faernach Clans würde, müsste sie nicht wie versprochen in den Geldren Clan zurück. Ich werde diesen Platz als Schamanin nicht ewig innehalten. Und Du weißt hoffentlich so gut wie ich, dass ich Asa nicht ewig zum Schweigen bringen kann. Auch wenn sie nicht mehr sprechen kann, irgendwann wird die Erinnerung zurückkommen, ich kann ihr nicht täglich zur Seite sitzen und darauf warten, sie erneut zu lenken, falls sie Erinnerungen sie wieder einholen. Hast Du gestern ihre Blicke gesehen, die sie uns zugeworfen hat, als die Krieger abmarschiert sind? Sie wird uns die Schuld daran geben, und als Erilya ist sie momentan das Oberhaupt des Clans, wir hätten es nicht schlechter treffen können! So oder so… Asa muss verschwinden! Sonst war alles umsonst! Asa muss sterben... sonst habe ich Dich umsonst rausgehauen, und die acht Krieger und Benwick, unser Charaid, sind umsonst in den Skerôingur Clan gezogen!
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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