Die Stadt der Diebe

Die zwei vor Jahrhunderten in Kleinkönigreiche zerfallenen Nordreiche östlich der Wilden Lande.
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Caradan
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Do, 11. Jul 2019 12:07

Es gefiel ihr nicht, das merkte Caradan sofort. Woran konnte er nicht sagen, vielleicht an dem unheilvoll schwangeren aber, bevor sie wissen wollte, woher er das Haus hatte. Vielleicht an ihrem Blick, der nicht voll Freude und Heiterkeit war. Vielleicht daran, dass sie sich nicht die Kleider vom Leib rissen und übereinander herfielen. So oder so, sie hatte es mehr als heilig aus dem Haus zu entkommen, faselte von Rickard und Tom und einer Leneja, an deren Namen sich Caradan noch wage erinnern konnte. Es waren so viele Worte in so kuzer Zeit und das in einer Geschwindigkeit, dass Caradan kaum mitbekam, wie er geistesabwesenden nickte und im nächsten Moment vor dem Haus stand. Sie schlenderten durch die Straßen Richtung Eisenschenke. Es war wirklich ein weiter Weg. Unterwegs trafen sie Thom, den Burschen der hie und da Caradan bei Diebeszügen unterstützte und den der Arcanier als eine Art Lehrling betrachtete. “Sei so gut und schick Rickard in die Eisenschenke.” “Warum?” “Frag nicht so blöd und mach was ich dir sage.”, schnauzte Caradan ihn an, grinste aber dabei. “Wieso muss ich immer die Drecksarbeit machen?” “Formt den Charakter und husch.” Thom tat wie ihm geheißen. Auf dem Weg erklärte Caradan, dass es sich bei dem Jungen um Thomas Wersen handele, der von allen aber nur bei seinem verhassten Rufnamen Thom gerufen wurde. Niemand nannte ihn Thomas. Der Junge war vor zwei Jahren von zuhause weggelaufen, was bedeutete, er hatte den Ondaras und den heimischen Hof verlassen, weil er die Ungewissheit, welches seiner Elternteile ihn schlimmer verprügelte, nicht länger ertragen konnte und war in den Gossen des Va’ileskas aufgetaucht, wo er den Fehler beging, sich beim Stehlen erwischen zu lassen. Ausgerechnet von Caradan, der ihn dann prompt unter seine Fittiche genommen hatte. Der Arcanier schikanierte den Kleinen bei jeder Gelegenheit und der Bursche quittierte das mit dem ein oder anderen Streich. Es war ein Geben und Nehmen zwischen den Beiden. Und das war gut so. In der Eisenschenke angekommen, herrschte große Freude darüber, dass das verlorene Kind wieder heimgekehrt war. Tom war geradezu überschwänglich. Die Wiedersehensfreude war groß, die Herzlichkeit über die Maßen. Tom ging sogar soweit einen seiner besten Tropfen aus dem Keller zu holen, ein Willkommensessen zu kredenzen. Nach und nach kamen immer mehr Gäste hinzu und es ging immer weiter so. Bald war es rappelvoll und Aen als feurige Jungfrau, hatte alle Hände voll zu tun...

Es war zum verzweifeln. Caradan wollte die Stellung halten, wollte nicht einen Zoll zurückweichen, doch wurde er von der schieren Übermacht überwältigt, fort getragen, ohne das sein Widerstand auch nur zur Kenntnis genommen wurde. Ehe er es sich versah hockte er in einer Ecke der Eisenschenke, nippte an seinem mit Unmengen an Wasser verdünnten Wein und sah dabei zu, wie Aen in der Luft zerrissen wurde. Jedenfalls, so in etwa. Kaum dass sich die Nachricht, dass die feurige Jungfrau zurückgekehrt war, verbreitet hatte, wie ein Lauffeuer wohlgemerkt, waren die Menschen aus der Gegend rund um die Eisenschenke in Scharen angelaufen gekommen. Womöglich war es alles wegen Aen, weil die Leute sie ins Herz geschlossen hatten und auf ihre Rückkehr sehnsüchtig gewartet hatten. Womöglich rechneten sie sich gute Chancen auf Freirunden von Bier und Wein aus. Womöglich war es aber auch einfach nur der Herdentrieb der Menschen, der immer dann überhand nahm, wenn mehr als zwei Idioten zur gleichen Zeit die gleiche Idee hatten. Letzten Endes blieb es sich gleich, Tatsache blieb, sie drängten sich alle zum Tresen wo Aen war und hatten ihn ins Abseits gedrängt. Zuerst war er ärgerlich, dann tödlich beleidigt, dass Aen es gar nicht bemerkte. Wie konnte sie nur? Ganz einfach, sie sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und Caradan konnte sich ein schadenfrohes Grinsen letzten Endes nicht verkneifen. Er nippte nochmals an seinem Becher und verzog angewidert das Gesicht. Wein war widerlich, stellte er überrascht fest. Selbst mit Wasser verdünnt. Oder gerade deshalb? Sollte er es vielleicht wagen, einen puren Becher zum Vergleich zu trinken? Was könnte das schon schaden? Seit einem Jahr hatte er keinen Tropfen mehr getrunken und war womöglich etwas aus der Übung, weswegen so ein Becher seine Sinne möglicherweise gehörig benebeln könnte, aber früher hatte er das Zeug becherweise gesoffen. Der Dieb wollte eben die Hand heben, da gesellte sich Rickard zu ihm. “Denk nicht mal dran, mein Junge.”, ermahnte er ihn und Caradan legte fragend den Kopf schief. Rickard trug ein edles, rostfarbenes Wams über einem weinroten Hemd, mit weiten Ärmeln und dazu einen breiten Gürtel quer über der Brust. Das Haar hatte er zurück geölt und einen Teil davon zu einem einfachen Zopf am Hinterkopf geflochten. Er hatte einen Becher Wein bei sich und einen ledernen Trinkschlauch. “Dir Wein zu bestellen, meine ich.”, erklärte der Alte. “Ich kenn den Blick, von genug anderen. Wenn du jetzt wieder trinkst, dann wirst du dich hemmungslos besaufen und das ganze restliche Jahr, war für die Katz.” Caradan runzelte die Stirn und hielt dem Alten seinen Becher vor die Nase. “Das ist nicht nur Wasser.” “Ja und bei dieser Ausnahme bleibt es, hast du mich verstanden?” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Ich mach schon keine Dummheiten.” Einen Moment schwiegen sie sich an, während Caradan mehrmals zu einem Schluck ansetzte, den er aber immer wieder unter Rickards, betont neutralem Blick, nicht nahm, bis er schließlich demonstrativ aufstand, den Becher zum Fenster trug und ihn hinaus kippte. Das wütende Gezeter von draußen, ob des überraschenden Regens, ignorierte er getrost und setzte sich wieder an den Tisch.
“Wie gefiel ihr das Haus?”, fragte Rickard, nichts ahnend welch empfindlichen Nerv er damit traf. Caradans Blick verfinsterte sich. “So schlimm?”, fragte der Alte, halb amüsiert, halb mitleidig. Mitleidig Amüsieren oder amüsiertes Mitleid, beides trug nicht gerade dazu bei, dass sich Caradans Mine aufhellte. “Ihr gefällt die Tür nicht.”, erklärte Caradan. “Was?” “Die Tür. Die Farbe der gefällt ihr nicht.” Rickard blickte ihn verständnislos an und wiederholte seine Frage abermals. “Was?” “Die Tür gefällt ihr nicht.”, wiederholte Caradan genervt. “Sie ist das erste was man sieht und dadurch hat das ganze Haus verloren, egal wie schön es von innen, oben, hinten, vorne, unten ist.” Es dauerte einen Moment bis die Bedeutung von Caradans Worten ins das Bewusstsein des Alten sickerten, dann zuckte Caradan erschrocken zusammen, als Rickards dröhnendes Lachen ihn überrollte. Der Alte lachte und lachte, japste nach Luft und ließ den ganzen Tisch erbeben. Auch Caradan musste widerwillig Grinsen, auch wenn ihm gar nicht danach war. Schließlich reichte es ihm und er trat Rickard unterm Tisch gegen das Knie. Der Alte brüllte auf, keine Spur mehr von Heiterkeit. “Du elender Hurensohn!”, schimpfte er. “Wie geht’s der Gicht?”, grinste Caradan zurück. “Ich reiß dir die Eier ab und stopf sie dir ins Maul, du mieses Schwein!” “Na ich würd ja sagen, dafür sind meine Eier zu groß, aber leider hab ich ein zu großes Maul.” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Hast du Verwendung für das Haus?”, fragte Caradan beiläufig und der Alte nickte, doch noch ehe Rickard was erwidern konnte, oder weiter schimpfen und zetern, kam Aen zu ihnen an den Tisch. “Aen!”, lächelte Rickard, nahm ihre Hand und drückte sie sanft. “Schön dich zu sehen, Liebes. Setz dich doch zu uns.” Er wies mit einer Hand auf einen freien Platz, doch Caradan ergriff ihre Hand und zog sie zu sich auf seinen Schoß. Besitzergreifend legte er ihr einen Arm um die Hüft und gab ihr einen Kuss auf die Schulter. Aen erkundigte sich nach Rickards Gesundheit und der winkte bloß ab. “Mal besser.”, meinte er und warf Caradan einen bösen Blick zu. “Mal schlechter, aber wie du sagtest, ich will den Fusel hier nicht mehr missen.” Er klopfte auf den Trinkschlauch und lächelte breit. Eine Weile unterhielten sie sich über die Vorzüge des Krautes, das Aen ihm Empfohlen hatte, belächelten die Inkompetenz des Heilers den Rickard aufgesucht hatte, bis der erklärte, dass Winfried der Bader, sich eher auf Knochenbrüche, Stichwunden und dergleichen verstand. Also alles, was Rickard im Laufe seines Lebens erlitten hatte, aber wenn es um Krankheiten ging, nun, da geriet der Bader an seine Grenzen. Aber statt zu einem richtigen Heiler zu gehen, blieb Rickard seinem alten Kumpanen treu. Schließlich beugte sich Caradan dicht an Aens Ohr, küsste sie hier und da und flüsterte. “Willst du spazieren gehen?”

Sie wollte. Oder zumindest verstand sie, worauf er hinaus wollte. Was zugegeben nicht schwer war, immerhin klopfte seine Männlichkeit an ihren Schoß, seit sie sich auf den seinen Gesetzt hatte. Arm in Arm stahlen sie sich aus der Eisenschenke und zumindest Caradan wäre jedes stille, halbwegs saubere Örtchen gut genug. Er sehnte sich nach ihrer Berührung, nach ihrem feuchten Schoß und konnte sich kaum noch beherrschen. Sie kamen keine drei Schritt weit. “He ihr Beiden!”, rief eine wohl vertraute Stimme. “Da seid ihr ja.”, stimmte eine identische mit ein. “Bitte nicht…”, hauchte Caradan verzweifelt und blickte flehend gen Himmel. Renard und Gerret kamen angelaufen und wirkten unverhältnismäßig fröhlich. “Wir haben euch schon gesucht.”, meinte Renard. Oder Gerret. Das war in der Dunkelheit schwer zu erkennen. “Ihr wart nicht im Haus.”, pflichtete Gerret oder Renard bei. “Wir dachten uns aber ihr seid hier.”, meinte wieder der Erste. “Und wir haben von der guten Stimmung in der Schenke gehört.” “Ja ist wohl viel los, was?” “Warum bist du dann hier draußen Aenchen?” “Hat Tom dich nicht gleich wieder zur Arbeit berufen?” “Oder habt ihr euch davon geschlichen?” “Oh verstehe ihr wollt…” “Das tun was Verlobte so tun.” “Tischdecken häkeln…” “Vorhänge klöppeln…” “Oh ne Klopperei wär auch was feines.” “Nein dafür haben wir noch zu wenig getrunken.” “Stimmt haben wir, aber das lässt sich ändern, wir-” Er verstummte, als ein Frauenschrei ihm das Wort abschnitt. Schon während die Beiden sich in Fahrt geplappert hatten, konnte man aus einer Seitengasse das Grunzen und Brüllen eines offenkundig Betrunkenen hören, der irgendwen, eine Frau, aufs übelste beschimpfte. Sie kamen gerade um die Ecke, als sich der Mann plötzlich umdrehte und der Frau eine schallende Ohrfeige verpasste. “Du dumme Fotze, gib mir keine Widerworte!”, brüllte er. “Wenn ich sage, wir gehen, dann gehen wir!” Er packte sie beim Arm, drehte ihr Handgelenk unsanft zur Seite und zerrte sie hinter sich her, ehe er gegen Caradan stieß, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war. Zu sehen, wie eine Frau geschlagen wird, war für den Dieb ihn ein rotes Tuch und als er das Klatschen der Ohrfeige hörte, wandte er sich aus Aens Arm und marschierte zum Ort des Geschehens.
Der Mann war einen Kopf kleiner als Caradan, dafür aber um einiges breiter gebaut und schwerer. Er hatte eine Halbglatze, trug einen dichten Schnauzer und einen Backenbart im feisten Gesicht. Seine kleinen Schweinsaugen schimmerten matt vom Wein, nach dem sein Atem stank und seine Haut glänzte vom kalten Schweiß eines Säufers. An den dicken Wurstfingern trug er insgesamt fünf Ringe, von denen einer der armen Frau eine gut zu sehende Kerbe in die Wange gerissen hatte. Sein Kleider waren dreckig, aber edel. Eine hellrote Pluderhose, ein Hemd, überraschenderweise aus dunkelroter Halbseide, so wie es sich anfühlte als Caradan den Mann von sich stieß und dazu eine offenes Wams aus dunklem Leder, dem eine Schnürung gerissen war. “Geh mir aus dem Weg Bürschen!”, keifte er und feine Speicheltropfen flogen durch die Luft. “Das reicht.”, knurrte der Dieb, packte den Mann am Handgelenk und bog es ruckartig nach hinten. Blitzschnell, viel schneller als Caradan es erwartet hätte von so einem Kerl, ließ er den Arm der Frau los, drehte sein Handgelenk und packte Caradans Arm stattdessen. Er riss den jungen Arcanier zu sich und zischte ihm mit stinkendem Atem ins Ohr. “Das geht dich einen feuchten Kehricht an, wie ich mit meiner Frau rede. Und jetzt verpiss dich.” Er stieß den Dieb von sich weg und Caradan stolperte zwei Schritte nach hinten. “Einen Scheiß werd ich.”, knurrte der Dieb und trat an den feisten Kerl heran, so dicht, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. “Ach so?”, grinste der Mann hämisch. “Du halbe Portion willst dich mit mir anlegen.” Caradan schüttelte mit dem Kopf. “Nein, ich seh schon, in einem ehrlichen Zweikampf hab ich schon verloren. Deswegen kämpf ich nicht ehrlich.” Das Grinsen des Mannes verschwand und als er was sagen wollte, stockte er. Er schluckte schwer und runzelte irritiert die Stirn, fasste sich an die Kehle, als hätte er einen Kloß im Hals. “Ich kann zwar ganz gut kämpfen, aber ich kann auch einen Mann abstechen, ohne das ers merkt.”, erklärte Caradan und hielt dem Mann seinen Dolch unter die Nase. Die Klinge schimmerte rot. Der Kerl blickte an sich herab und fingerte an einem Schnitt in seinem Hemd herum, seine Finger wurden feucht und klebrig von rotem Blut und entsetzt blickte er zu Caradan hoch. Er packte Caradan bei der Kehle und der Arcanier hatte Mühe sich gegen den Kerl zu wehren, ehe der ihm einen sprühenden Schwall Blut ins Gesicht spuckte. Dann brach der Kerl zusammen. Renard und Gerret johlten und applaudierten. “NEIN!”, schrie die Frau, stürmte an Caradan vorbei und warf sich neben ihrem Peiniger auf die Knie. Der Arcanier verstand nichts. Er konnte bloß die Frau ansehen, wie sie über der Leiche des Mannes wimmerte, der sie eben noch beschimpft und geschlagen hatte und das sicher nicht zum ersten Mal. Plötzlich wurde Caradan zur Seite gestoßen und Rickard kniete sich neben den Toten. Der Alte ließ den Kopf hängen. “Du dummer Junge…”, flüsterte er, erhob sich und blickte Caradan fest an. “Du dummer, dummer Junge. Weißt du wer das war?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Irgendein gewalttätiges Arschloch.” “Ich habe nicht gefragt was sondern WER er war!”, donnerte Rickard. “Na so wichtig kann er nicht sein, wenn ich ihn nicht kenne!”, gab Caradan trotzig zurück und fing sich eine Ohrfeige für seine Arroganz ein. “Das war der Rote Erik.” Caradan kicherte. “Was habt ihr hier nur mit euren Farben. Die Prinzen, der Rote Erik, was kommt als nächstes? Der grün-blau karierte Hans?” Dafür knallte Rickard ihm noch eine. “Erik war der Onkel vom Schlitzer.” “Oh…”, hauchte Caradan. Der Schlitzer, keiner der nicht zu den Witwenmachern gehörte, kannte seinen richtigen Namen, war das Oberhaupt eben jener Bande und bekannt dafür, seinen Opfern Zeichen in die Haut zu schlitzen, meist denen, die er am Leben ließ und die so sein Zeichen für ewig als hässliche Narben auf der Haut trugen. Schon wieder die Witwenmacher, dafür dass Caradan eigentlich gedacht hatte, dass er sie erfolgreich und galant losgeworden war, indem er Arne einfach ganz lieb und nett gebeten hatte sich darum zu kümmern, bekam er doch öfter als ihm lieb war Probleme mit denen. Und jetzt, da er einen Verwandten ihres Anführers vor der Eisenschenke abgestochen hatte… nun... “Das wird Ärger geben mein Junge…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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