Fremde Sonne

"Die Stadt der Wasser" am Fuße der Ruwayd-Berge. Bekannt für ihren Wohlstand und der Akademie der Heiler.
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Eona
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Fremde Sonne

Beitrag von Eona » Mi, 26. Feb 2014 21:33

Sandkörner schienen sich einzeln Schritt für Schritt in ihre Fußsohlen zu bohren. Sie fühlten sich an wie Scherben, die so heiß waren, wie die Scheibe am Himmel. Jeder Schritt war eine Qual. Und jeder Atemzug trocknete ihre Kehle weiter aus.
Sie war eine Düne hinaufgewandert, um vielleicht einen Blick auf irgendetwas oder irgendjemand zu erhaschen... Ihr rechter Fuß sank tief in den Sand.

Eonas Schweiß, die wie funkelnde Perlen ihren Körper hinunterwanderten, bekamen aufmerksame Beobachter, welche um die Sklavin herumsaßen. Ihre Hüften bewegten sich zu einer Musik, welche sich nur in ihrem Kopf abspielte und im Takt bewegten sich ihre Arme, um die aufschlagenden Wellen ihres glänzenden Haares zu unterstreichen. Sortan saß nicht unweit von ihr - misstrauisch blitzten seine Augen aus den Schatten und beobachteten die schreienden und pfeifenden Wachen um die Sklavin herum. Sie...

...hatte solchen Durst. Ihre Muskeln spannten sich, während sie einen Hustenanfall unterdrückte, der Sand in ihre Kehle wirbelte. Diese fremde Sonne, war so erbarmungslos wie ein Assassine in der Nacht. Diese Sonne kannte sie nicht - sie war ihr gänzlich fremd. In ihrer Heimat brachte das Tageslicht leben, Wärme ... und hier in diesem Meer aus Sand und Wind brannte sie alles Lebendige nieder.

Ihr Tanzen und helles Lachen hatte sogar den Magier angelockt, der aus seinem Anwesen herausgetreten war und aus sicherer Entfernung die Sklavin betrachtete. Sortans Augen fixierten in genau, aber unauffällig, während Eonas Tanz immer anzüglicher und schneller wurde.
Mit ihren Reizen und der nackten Haut wollte sie ihn herauslocken aus seinem Versteck, um jede Möglichkeit eines Angriffs wahrnehmen zu können. Denn hier draußen bewegte er sich ohne seine Leibwachen...


Diese Erinnerungen bohrten sich schmerzhaft in Eonas Herz und bereiteten ihr mehr Schmerzen, als der Sonnenbrand. Oh, wie hatte sie getanzt. So wie die Schlangen auf dem heißen Sand. Alles hatte sie um sich herum vergessen. Genauso wie die Wachen.
Den letzten Blick, den sie Sortan zugeworfen hatte, war ein intensiver gewesen. Sie hatte auf Anweisungen gewartet. Auf ein Nicken, ein Blinzeln, auf eine Regung seiner schönen Gesichtszüge.
Ein trockenes Schluchzen schüttelte die junge Frau und ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Alles schmerzte. Die Füße, der Hals, die Lippen und die Haut, die sich immer enger spannte. Obwohl kein Tropfen Flüssigkeit mehr in ihrem Körper sein dürfte, rann eine Träne aus ihrem Augenwinkel. Sie öffnete die Augen und das trübe Grün starrte in das wolkenlose Blau.

Der Clan hatte sie einfach überrannt. Sie waren den beiden gefolgt und hatten einen guten Augenblick abgewartet. Man hatte sie benutzt. Es waren nicht viele gewesen, aber ihre Wut und der Kampfgeist hatten das Fort erbeben lassen.
Sie hatte nur einmal nicht aufgepasst. Nur einmal in sich selbst und in die Zeit verloren... da hatte das Schicksal sie von Sortan fortgezerrt.
Egal was passiert und wenn wir auch getrennt werden - bring dich in Sicherheit.


Ihre roten Haare flatterten im aufkommenden Wind, der Eona schließlich zu Fall brachte. Sie hatte einfach das Gleichgewicht verloren und es war ihr egal. Die Träne verdunstete in der Hitze.
Ihr Körper rollte beinah leblos wie eine Puppe die steile Düne hinab. Wunden platzten auf und sammelten sich auf der gepeinigten Haut. Nach einer endlosen Ewigkeit schien die Welt endlich still zu stehen. Sie lag auf der Seite, das Haar wirr um ihren Kopf und in das Gesicht geschlagen. Sie schluckte, schluchzte, weinte... nur ein letztes Mal. Nur noch eine Träne. Ja, dann würde es vorbei sein. Endlich.
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Cem
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Re: Fremde Sonne

Beitrag von Cem » Sa, 01. Mär 2014 22:41

Aufmerksam suchte der Beraij den Horizont ab. Sein schwarzer Hengst Shaytaan, ein reinrassiger Jenâka, stand neben ihm und schnaubte leise. „Ich weiß, mein Freund. Ich habe es auch gespürt.“ Die beiden standen auf einer Düne, am Rande der Wüste. Nur noch ein Tagesritt in östliche Richtung und sie würden Naradesh, das Ziel ihrer Reise, erreichen. Für gewöhnlich reiste er von Demera nur in südlicher Richtung nach Avrabêth durch die Wüste. Diesmal hatte er eine Ausnahme gemacht, um für einen Freund eine wichtige Nachricht zu überbringen.
Die heiße Wüstenluft strich über das Gesicht des ehemaligen Pferdezüchters, während er die Umgebung genau beobachtete. Man nannte ihn nicht umsonst den 'Sohn der Wüstenwinde'. Er verfügte über eine gute Beobachtungsgabe, was unerlässlich war, wenn man regelmäßig die Wüste bezwang. Cem strich seinem Hengst sanft über den Hals, ohne den Blick vom sanften Schwung der Dünen zu lassen. Nachdenklich ging er in die Hocke und griff in den Sand. Langsam ließ er die feinen Körner durch seine Finger rinnen. Sie waren schon so nah am Ziel und mussten sich bald einer wahren Naturgewalt stellen. Es gab einen Stamm von Wüstennomaden, die behaupteten, ein Sandsturm diente der Wüste dazu, sich von allem zu reinigen. Seiner Meinung nach musste man die Wüste stets mit Respekt behandeln. Sie war wie ein großes, lebendiges Tier. Auch, wenn sie zumeist leblos und alles andere als lebensbejahend wirkte. Begegnete man diesem Tier ehrerbietig, gab es keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten.
„Etwas weiter südlich befindet sich eine kleine Oase. Dort stand in früheren Zeiten ein kleines Haus. Dort sollten wir Schutz suchen.“ Es würde noch etwa eine Stunde dauern, ehe der Sandsturm aufziehen würde. Doch man sollte die Anzeichen sehr ernst nehmen. Selbst wenn dort nur noch eine Ruine stehen sollte, was sehr wahrscheinlich war, würden die Mauerreste ihnen guten Schutz bieten. Cem legte sich sein schwarzes Tuch über Nase und Mund und schwang sich auf Shaytaans Rücken. Langsam setzte sich der tiefschwarze Hengst in Bewegung.

Sie hatten den halben Weg zur Oase hinter sich gebracht, als der schöne Jenâka urplötzlich stehen blieb und sich weigerte, weiter zu gehen. Cem kannte das Tier gut genug, um zu wissen, dass es sich dabei nicht um irgendeine Laune handelte. Schnell ließ er die Zügel locker. „Zeig mir, was mir entgeht, mein Freund.“, bat er den Hengst leise, denn auch, nachdem er sich umgesehen hatte, fiel ihm nichts auf, was das Tier zu stören könnte. Shaytaan hatte auf dem nachgebenden Sand einen sicheren Tritt und führte seinen Reiter auf die nächste Düne. Hier sah der Beraij, weshalb sein Pferd angehalten hatte. Obwohl der Wüstensand ständig in Bewegung war, sah sein geübtes Auge, dass auf dem Dünenkamm eine oder mehrere Personen ihr Unwesen getrieben hatten. Hier war der Sand aufgewühlt, als hätte jemand der Länge nach Bekanntschaft mit dem harten Sandboden gemacht. Mit gerunzelter Stirn saß Cem ab und sah sich suchend um. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihm breit und ließ ihn eine Hand an seinen Säbel legen. Doch schnell sah er die Ursache all dessen. Am Fuß der Düne lag eine zierliche Frauengestalt...
Der kleine Körper war von Sandstaub bedeckt, hier und da schimmerten Wunden durch den Dreck und ihr Haar lag ausgebreitet um ihren Kopf herum, wie eine Krone. Sie gab ein seltsames Bild ab. Die zarte Gestalt stand im krassen Gegensatz zu den Wunden , der aufgeplatzten Haut und den Tränenspuren auf ihren Wangen. Er verlor keine Zeit, lief und rutschte die Düne hinab und kniete sich neben die junge Frau. Vorsichtig suchten seine Finger den Puls an ihrem dünnen Hals. Das leichte, flatternde Gefühl unter seinen Fingerspitzen machten ihm nur wenig Mut. "Wie kommt Ihr bloß hierher?", fragte er in die Stille hinein. Das Mädchen schien schwer dehydriert zu sein. Erschöpfung und ihre Verletzungen hatten wohl ihr übriges getan. Jetzt musste er handeln. Er stieß einen Pfiff aus, woraufhin sein treuer Hengst zu ihm trabte. Vorsichtig hob er seinen neuen Schützling hoch und legte sie so auf den Rücken des Pferdes, dass sie nicht rutschte und es doch möglichst bequem hatte. Nachdem er sich zu ihr auf den Sattel geschwungen hatte, wollte er nun keine Zeit mehr verlieren. Die Wüste wurde langsam unruhig und das Leben des Mädchens stand auf dem Spiel. Allein mit Shaytaan hätte er den Sandsturm auch auf freier Fläche überstehen können. Aber jetzt stand mehr auf dem Spiel.

Es war letztendlich ziemlich knapp gewesen. Cem war wirklich froh, als er sah, dass von dem kleinen Haus noch genügend übrig geblieben war, um ihnen Schutz zu bieten. Mehr noch. Stellenweise war auch noch das Dach intakt und in einer Ecke fand er noch alte Tonkrüge, die er an der Quelle in der kleinen Oase ausspülte und mit frischem Wasser füllte. Noch bevor der Sturm sie erreichte, hatte er in dem halb verfallenen Häuschen ein kleines Lager errichtet.
Zuerst benetzte er die rissigen Lippen der Frau mit Wasser. Sie musste dringend trinken, was kein leichtes Unterfangen zu werden schien. Es war, als hätte sie bereits mit allem abgeschlossen, einschließlich ihrem Leben. Neben der Sorge um ihr Leben, ging ihm die Frage durch den Kopf, was ihr wohl zugestoßen war. Möglichst gründlich reinigte er ihre Wunden. Weil ihre Haare so rötlich schimmerten, wie der Wüstensand im Licht der aufgehenden Sonne, nannte er sie kurzerhand 'Tyrellian'. Das Wort stammte aus dem elfischen und bedeutete 'Sonne'. Er fand diesen Übergangsnamen passend.
Vorsichtig behandelte er Tyrellians Wunden und flößte ihr immer wieder schlückchenweise Wasser ein, ehe er befand, dass er sein möglichstes getan hatte. Jetzt brauchte sie ein wenig Ruhe, immer wieder ein bisschen Flüssigkeit und – was am Wichtigsten war – den Willen zu überleben.
Erst jetzt nahm er sich die Zeit, Shaytaan das Gepäck abzunehmen, sein Fell vom Wüstenstaub zu reinigen und seine eigenen Sachen aus zu klopfen. Der Sandsturm hatte das Haus schon vor einigen Minuten mit voller Wucht getroffen. Glücklicherweise hielt das alte Gemäuer, was es augenscheinlich versprochen hatte. Dort, wo sie sich befanden, waren sie recht sicher vor den scharfkantigen Sandkörnern, die mit großer Geschwindigkeit durch die Luft peitschten. Endlich nahm er auch das Tuch ab das Mund und Nase bedeckt hatte. Gierig griff er zu seinem Trinkschlauch und genoss jeden Schluck des warmen Wassers. Würde er seine Lippen und jedes unbedeckte Stück Haut nicht regelmäßig mit Kamelbutter einschmieren, hätte er jetzt wohl auch aufgerissene und Wunde Haut. Jetzt nahm er sich sogar die Zeit sein Gesicht zu waschen. „Wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man erst das Wasser.“, murmelte er eine alte Weisheit vor sich hin, als er aus seiner Tasche einen Beutel getrockneter Datteln holte. Datteln sollten in keinem Reiseproviant fehlen, wenn man durch die Wüste wollte. Sie nährten Mensch und Tier gleichermaßen und versorgten mit allem, was man so brauchte.
Nachdenklich strich er Shaytaan über das Maul und überlegte, wen er in Naradesh kannte. Das Mädchen brauchte einen Ort, an dem sie in Ruhe wieder gesund werden konnte. Es gab dort doch diesen Heiler... Wie hieß er noch gleich?
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Re: Fremde Sonne

Beitrag von Eona » So, 02. Mär 2014 17:10

Sand, so weich wie die Seide Naradeshs, umschmeichelte ihre Haut und fegte darüber hinweg wie der Wind. Die Sonne ging auf und blendete die junge Frau, jedoch breitete sie nur die Arme aus und empfing jeden einzelnen Sonnenstrahl, welcher sich in ihrem roten Haar verfing.
Ihr Körper fühlte sich leicht an. So ganz anders als... ja, seit wann? Seit wann war sie hier... in dieser Wüste.

Der Sand war cremig weiß und wogte hin und her, während sie einen Fuß vor den anderen setzte.
Hier war die Ewigkeit. Sie war schon immer hier gewesen. Rastlos und ohne Leid.
Niemand war hier. Nur sie und die Sonne und der Sand. Ihr war nicht heiß oder kalt. Sie spürte auch keinen Hunger oder Durst.
Ihr einziges Ziel war die brennende Scheibe am Horizont, welche immer tiefer sank und letztendlich hinter den Dünen verschwand. Es wurde dunkel um sie herum. Doch der Mond, der Bruder, schob nun seine bleiche Scheibe den schwarzen Himmel hinauf und zog dabei einen Schweif blinkender Sterne hinter sich her. Traurig schimmerten sie auf Eona herab.

Und während der Mond immer höher und höher stieg, bemerkte sie, wie sich der Sand bewegte. Er wogte nicht mehr. Er sank.
Ihre Füße rutschten ab, wie schon... wie schon einmal zuvor.
Ein Schmerz riss ihren Körper entzwei. Ihre Haut begann zu brennen und etwas kratzte in ihren Lungen, als wolle ein Monster daraus entsteigen. Eona wollte davon laufen, nein, sie rannte um ihr Leben! Sand wurde zu kaltem Erdboden. Stimmen erfüllte die Nacht und sie sah, wie die Horde der Clankrieger sie überrannte. Noch einmal blickte sie in die Augen ihres Geliebten...


Eonas Geist begann, sich nicht mehr aus ihrem Körper winden zu wollen. Die Verletzungen waren zwar klein, aber viele und der Sonnenstich trug sein übriges bei. Doch ihr Wille zu Überleben war stärker und so zog sich ihr Geist zurück.
Ihre rissigen Lippen flüsterten Sortans Namen und ihre Hände suchten die seine... doch da war nur Leere. Und Kälte. Es war windig... ein Sturm... Mit aller Kraft versuchte Eona ihre Augen aufzuschlagen, jedoch gelang es ihr nur für einen Spalt. Verschwommene Schatten verbargen die wahre Gestalt dessen, was sie erblickte. Sie spürte etwas. Jemanden. Jemand war bei ihr.
Plötzlich benetzte Wasser ihre Lippen und sie öffnete ihren Mund so weit sie konnte, um gierig zu trinken. Sie hustete. Erinnerungen quollen auf. Die junge Frau erinnerte sich an die Wüste und an die Hitze. Sie war fortgelaufen... fort von Sortan. Wo er wohl steckte?
Das Wasser gab ihr Kraft und klärte ihren Geist. Zudem klarte ihr Blickfeld auf und sie sah in ein fremdes Gesicht. Es war von dunkler Hautfarbe und eine auffällige Gesichtsbemalung durchzog eine Gesichtshälfte.
Ein Sklavenhändler... sie wusste es. Sie hatte es im Gespür. Jemand hatte die Sklavin aufgegabelt - gefunden, mitten in der Wüste und wollte sie zurück bringen. Nach Naradesh... zurück in ihr altes Dasein!
Dieser fiebrige Gedanke schoss ihr so schnell durch den Kopf, das sie auf einmal neue Kraft besaß. Fahrig tasteten ihre Finger nach ihrem treuen Dolch und fanden ihn. Ungeschickt wie ein Kind riss sie ihn aus der Scheide und hielt ihn vor die Nase des Fremden. Zugleich robbte sie mit ihrem Körper einige Zentimeter von ihm fort.
"Wer seid Ihr... lasst mich zufrieden! Ich gehe nicht mehr zurück... nicht mehr...!" Zwar war ihre Angst, irgendwohin fortgeschleppt zu werden, sehr groß, doch die Erschöpfung nahm sich ihren Preis. Ihren Fingern entglitt der Dolch und suchten auch nicht mehr danach. Zuerst kippte ihr Kopf wie der einer Puppe in den Nacken und schon lag sie wieder schlaff und kraftlos da. Ihr Bewusstsein wollte wieder abtauchen in die erholsame Dunkelheit, jedoch wollte Eona auf keinen Fall ein Opfer dieses Sklavenhändlers werden. So kämpfte sie dagegen an. Ihre Lider flatterten, während sie ihre Umgebung verschwommen wahrnahm.
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Re: Fremde Sonne

Beitrag von Cem » Mo, 17. Mär 2014 21:56

Kaum hatte er drei Datteln gegessen, wandte sich Cem wieder Tyrellian zu. Anhand ihres Äußeren versuchte er heraus zu finden, woher sie wohl kam. Sie glich keinem der Wüstenvölker, die er kannte. Obwohl sie einander nicht ähnlich sahen, so erinnerte die junge Frau ihn doch an seine Schwester. Sie war von der gleichen zarten Gestalt, wie Tahia. Der Wüstenführer verspürte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Sogleich zogen Bilder seiner Geschwister vor seinem inneren Augen vorüber. Bilder von Amir, der immer ein zartes Kind gewesen war. Bilder von Tahia, die so ein hübsches Mädchen war und der die vergangenen Monate und Jahre deutlich in den Augen geschrieben standen. Die letzten drei Jahre waren an keinem der drei Geschwister spurlos vorüber gegangen. Cem vermisste die beiden an jedem einzelnen Tag und war glücklich über jede Minute, die Abas Djadi, der Sklavenhändler, ihm mit ihnen schenkte. Es würde wohl noch zwei weitere Jahre dauern, ehe er die horrende Summe beisammen haben würde, um die beiden aus zu lösen. Jeden Morgen, wenn die Sonne am Horizont wiedergeboren wurde, galten seine ersten Gedanken seinen Geschwistern. Und wenn der Mond am Abend seine Schwester Sonne abwechselte, waren die letzten Gedanken des Tages bei ihnen.
Nachdenklich benetzte er die Lippen seines Schützlings mit etwas Wasser. Plötzlich regte sie sich und zog seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Mühsam versuchte sie ihre Augen zu öffnen und ihre Lippen öffneten sich, um gierig zu trinken. Etwas zu gierig, wie sich heraus stellte, denn sogleich verschluckte sie sich und musste husten. Cem war dankbar für jedes Anzeichen von Leben und gesunden Reflexen. Anscheinend schien etwas sie zu mobilisieren.
Was auch immer in ihr vorging, auf einmal geschahen viele Dinge zugleich. Er sah, wie Tyrellian nach ihrem Dolch tastete, den er ihr absichtlich gelassen hatte (immerhin war sie nicht seine Gefangene) und ihn ungelenk aus der Scheide riss. Langsam lehnte er sich etwas von ihr weg, denn eine erschöpfte und verwirrte Frau, gepaart mit einem scharfen Messer war eine gefährliche Kombination, egal, wie geschickt oder ungeschickt die betreffende Person mit einem Dolch umgehen konnte. Tatsächlich war Tyrellian in diesem Moment sogar gefährlicher, als ein geübter Kämpfer in bester Verfassung. Letzterer war wenigstens berechenbar.
Im gleichen Atemzug versuchte sie sich von ihm fort zu bewegen. Cem sah die blanke Angst in ihren Augen und ließ sie erst mal gewähren. Er wusste, dass er dieser Panik für den Moment nichts entgegen zu setzen hatte. Momentan war sie rationalen Erklärungen nicht zugänglich. Ihre Worte machten ihn wieder nachdenklich. Wohin wollte sie nicht mehr zurück? Und wieso glaubte sie, er würde sie dahin zurück drängen wollen? Und wieder fragte er sich, was ihr wohl widerfahren war und wer dafür verantwortlich zu machen war.
Schließlich schien die Kraft sie wieder zu verlassen und ihre Muskulatur verlor an Spannung.
Als ihr der Dolch entglitt griff er langsam danach und legte ihn bedächtig beiseite. Nur so weit entfernt, dass er in ihrer Sichtweite blieb und sie ihn im Notfall wieder ergreifen konnte, aber nicht nah genug, dass sie sich damit selbst verletzen konnte. Obwohl der Beraij nicht wusste, ob sie ihn in ihrem Dämmerzustand noch hören konnte, sprach er mit ruhiger Stimme auf sie ein. „Ganz ruhig, Tyrellian. Hier wird dir kein Leid geschehen. Komm in aller Ruhe wieder zu Kräften. Dann sehen wir, wohin der Wüstenwind dich bringt.“ Vorsichtig griff er nach ihrem Kopf und ihren Schultern, um sie wieder bequem zu positionieren. Aufgrund ihrer abwehrenden Reaktion legte er sie diesmal nicht hin, sondern versuchte sie halbwegs aufrecht und gemütlich gegen die rückwärtige Mauer zu lehnen. Das sollte ihr das unterschwellige Gefühl vermitteln, die Situation unter Kontrolle zu haben.
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Re: Fremde Sonne

Beitrag von Eona » Fr, 21. Mär 2014 15:13

Eona wehrte sich mehr oder weniger gegen die Berührungen des Fremden. Ihr lief es kalt den Rücken hinunter, obwohl ihr immer noch so heiß war. Verschwommen nahm sie wahr, dass dieser Mann der Wüste entsprungen war. Seine Haut war dunkel, so wie seine Augen. Dazu trug er typische Kleidung, auch wenn das Tattoo in seinem Gesicht sehr auffällig und ungewöhnlich war.
Er hatte sie freundlicherweise in eine bequemere Position gebracht, jedoch bemerkte sie schnell, dass er damit den Abstand zwischen ihr und dem Dolch erweitert hatte. Sie war wehrlos.
Die Sklavin atmete tief ein und ignorierte dabei den Schmerz in ihrer Brust. Dabei sah sie an sich herunter. Ihre Kleidung war zerschlissen und darunter versteckten sich mehrere Verletzungen. Dazu kam noch der Sonnenbrand. Leicht fuhr sie mit dem Finger über ihren Arm. Es brannte höllisch.

"Lügt mich nicht an", flüsterte die Rothaarige und warf dem Mann einen vernichtenden Blick zu. "Wer sonst teilt Wasser mit einer Fremden, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen." Vom Regen in die Traufe. Aber sie würde erstmal keinen Muskel rühren, bis die Erschöpfung nachgelassen hat. Außerdem schien ein Sturm aufgezogen zu sein, denn es rauschte laut außerhalb dieser Mauern.
"Aber ich versichere Euch", fuhr sie fort. "ich werde kein Nutzen für Euch sein. Als Sklavin bin ich nutzlos für Eure gierigen, alten Männer geworden..." Immer noch funkelten ihre grünen Augen den Fremden an, in der festen Überzeugung, er sei ein Sklavenhändler. "Tötet mich am besten jetzt, bevor es die Menschen in Naradesh tun."
Es war sinnlos. Sortan würde sie nie wieder finden. Er würde nach ihr suchen, daran bestand kein Zweifel. Jedoch wusste sie nicht einmal selbst, wo sie war. Wie weit war sie nach dem Überfall gelaufen?

Doch der Wüstenmensch machte keine Anstalten sie von ihrem Leid zu erlösen. Nicht einmal Fesseln oder ihre Waffen hatte er ihr abgenommen. Das empfand sie nun sofort als seltsam. Jedoch hatten solche Händler verschiedene Maschen. Sie hatte schon so vieles gesehen, als dass sie auf einmal Vertrauen in einen fremden Sklavenhändler haben würde... Sie waren alle gleich.
"Wo habt Ihr mich hingebracht?", fragte sie und sah sich ein wenig um. Es war ein altes Haus, welches gerade noch dem Sturm stand hielt. Durch einige Ritzen wirbelte der Sand, kühlte den Raum jedoch spürbar ab.
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Re: Fremde Sonne

Beitrag von Cem » Sa, 12. Apr 2014 17:55

Wenn es um verängstigte und verletzte Wesen ging, war es völlig egal, ob es sich dabei um Menschen, Elfen oder Pferde handelte. Im Grunde verhielten sie sich völlig gleich. Es war ein grundlegender Instinkt, der alle Wesen, was sie auch sein mögen, dazu brachte, in verwundetem Zustand alles zu tun, um sich zu schützen. Um sich schlagen oder treten, kratzen, beißen, niemandem vertrauen und sich abschotten, um auf den richtigen Moment zu warten, in dem man genug Kraft gesammelt hat, um zu fliehen. Tyrellian tat genau das, was er in so einer Situation erwartete. Sie war verletzt und hatte sichtlich Angst. Also schlug sie im übertragenden Sinne mit Worten um sich und versuchte sich mit allen Mitteln vor der imaginären Gefahr zu beschützen. Cem ließ ihr ein wenig Freiraum und ließ sich einen halben Meter entfernt von ihr, neben Shaytaan nieder.
'Wer sonst teilt Wasser mit einer Fremden, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen.' Ihre Worte machten den Beraij nachdenklich. Zum einen sprach dieser einfache Satz wahre Bände von dem, was sie bisher erleiden musste. Hilfsbereitschaft oder gar Freundschaft schien sie in ihrem bisherigen Leben nicht oft erlebt zu haben. Zum anderen wusste sie anscheinend wenig über die ungeschriebenen Gesetze der Wüste. In den sandigen Weiten waren alle Wesen gleich. Das war das erste der Gesetze. Die Wüste würde niemals jemanden bevorzugen, weil er zum Beispiel von angeblich besseren Blut war, als andere. Ein anderes Gesetz besagte, dass man jedem, der Hilfe benötigte, diese anbieten musste. Die Hitze der Sonne war unerbittlich und tötete jeden, der sich zwischen den unendlichen Dünen nicht auskannte. Gerade dieses Gesetz war die Grundlage der Berufsstandes der Wüstenführer. Sie kannten die Wüste besser, als jeder andere. Die Wüstenführer wussten, wie man mit dem Ungetüm aus Sand umzugehen hatte und wie man es bändigen konnte. Es war die erste Regel ihres Codex und im Allgemeinen hielt man sich daran. Sicher, die einen taten es nur, um dann im Gegenzug etwas verlangen zu können. Aber es gab sie, jene, die halfen, weil es das Richtige war. Natürlich war es immer besser, an einen solchen Wüstenführer zu geraten.
Cem gehörte zu jenen, die aus reiner Freundlichkeit halfen. In der Wüste musste man zusammen halten. Allein konnte man schnell den Verführungen der sandigen Schönheit erliegen. Trugbilder, Erschöpfung, Durst, Wahn... Es gab mehr, als eine Gefahr.

Ihre weiteren Worte waren voller Verbitterung, Zorn und Angst. Es machte ihn wütend, dass ein junges Mädchen das ihr ganzes Leben noch vor sich hatte, schon Dinge hatte erleiden müssen, die sie so verbittert machten.
Nachdenklich warf er ihr einen Trinkschlauch mit Wasser auf den Schoß und fütterte seinen Hengst anschließend mit Datteln. „Jeder, der die Wüste achtet, teilt jeden Tropfen Wasser, ohne etwas dafür zu erwarten. Irgendwann kommt immer der Moment, in dem man selbst Hilfe benötigt. Dann ist man dankbar für jemanden, der einem beisteht, ohne eine Bezahlung zu verlangen.“ Sein Vater pflegte stets zu sagen 'Wer Gutes schenkt, dem widerfährt auch Gutes.'.
„Ihr scheint mich für einen Sklavenhändler zu halten. Ich weiß, dass es schwer fällt, aber glaubt mir, wenn ich sage, dass ich in meinem ganzen Leben nur Pferde verkauft habe.“ Doch etwas ließ ihn nicht los. Sie sprach davon, dass es Menschen gab, die sie töten wollten. Wer bei allen Sandstürmen würde eine junge Frau töten wollen, die augenscheinlich keiner Fliege etwas zu leide tun konnte? Nun gut, manchmal trog der Schein. Selbst das unschuldigste Mädchen konnte ein Verbrechen begehen. Trotzdem, Cem hasste es, wenn Frauen Gewalt angetan wurde. Das war einfach eine Sache des Prinzips. Unwillkürlich richtete er seinen Oberkörper auf und setzte sich gerade hin. „Sagt, wer will Euch töten und warum? Was wird Euch vorgeworfen?“ Er versuchte seine Worte so zu wählen, dass sie hörte, dass er nicht an irgendeine Schuld glaubte. Erst mal galt es heraus zu finden, was geschehen war. Dann konnte er überlegen, wie er Tyrellian helfen konnte.

Cem lehnte sich an die rückwärtige Wand und versuchte sich ein wenig zu entspannen. Aktuell konnten sie hier nicht weg und er konnte sowieso nichts tun. Also hieß es: Zeit aussetzen.
„Wir befinden uns einen Tagesritt östlich von Naradesh, in einer Ruine nahe einer Oase. Wenn ich Euch so zuhöre, sind wir vermutlich nicht weit genug von der Stadt entfernt.“, schlussfolgerte er.
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