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Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: So, 14. Feb 2016 13:55
von Yára
Heute fand der regelmäßige Markt auf dem großen Platz im Viertel statt und Leute wie Yára wussten, was dies zu bedeuten hatte. Ein überfüllter Markt ohne Langfinger war kein richtiger Markt. Die Diebin aus Avrabêth begnügte sich zuerst mit dieser einfachen Art des Geldverdienens. Diesen Fleck der großen Stadt hatte sie in den letzten Tagen häufig beobachtet, war immer wieder die angrenzenden Straßen auf und ab gelaufen und hatte sich so viele Einzelheiten wie möglich eingeprägt. Sie war zwar unerfahren, was Naradesh anging, aber das hieß nicht, dass sie es sich unnötig schwer machen musste. Es war immer gut, erst sein Beutegebiet genauer in Augenschein zu nehmen, um im Nachhinein keine bösen Überraschungen zu erleben und bestand diese auch nur aus einer unscheinbaren Sackgasse, die ihr im Notfall das Leben kosten konnte. Aufmerksam spähten ihre Augen unter der Kapuze hervor und suchten die Umgebung nach einem leichten Opfer ab. Ihre ohnehin wenigen Geldreserven waren fast aufgebraucht, sodass sie einen möglichst einfachen und schnellen Beutezug durchführen wollte. Vor den großen Fischen scheute selbst sie noch zurück, solange sie nicht in Erfahrung gebracht hatte, wie die Stadtwachen hier agierten. Yára blieb stehen und tat so als würde sie den billigen Schmuck begutachten, den eine ältere und ärmlich aussehende Frau anbot und den nicht mal sie stehlen würde. Der Schmuck war ihr natürlich egal, viel interessanter fand sie eine junge Frau, die nebenan ein paar feine Stoffe begutachtete und die ihr durch eine viel zu auffällige Geste aufgefallen war. Sie hatte den Händler nach dem Preis gefragt und gleichzeitig ihre Geldkatze aus der kleinen Tasche genommen, die sie über der Schulter trug, um sie dann wieder einzustecken, als wäre der genannte Betrag zu hoch, ohne jedoch dabei die Tasche wieder zu schließen. Schließlich hatte sie vor, den Stoff dennoch gleich zu kaufen und war nicht wirklich abgeschreckt. Yára vermutete, dass es ihre Art zu Feilschen war, aber auf jeden Fall war es ihre Art Diebe anzulocken. Sie hatte sich zwar vorgenommen, heute nicht mehr einzunehmen als sie musste, aber dieses so leicht zu erbeutende Geld einer Frau, die sich sogar gute Stoffe leisten konnte, war nun doch viel zu verlockend. Sie warf der Schmuckverkäuferin ein schwaches Lächeln zu, als könne sie damit ihre anpreisenden Worte vergelten, denen sie nicht mal zugehört hatte, und wandte sich in Richtung der Frau.

Wie zufällig stellte sie sich direkt neben sie an den Stand und begutachtete mit gespieltem Interesse ausgerechnet den Stoff, für den sich auch ihre Auserwählte interessierte. Wie gedacht nahm diese das zum Anlass, um Yára darin zu bestätigen, wie schön und elegant diese Ware war, wies sie aber auch im gleichen Atemzug auf den überteuerten Preis hin, wohl um diesen noch zusätzlich zu drücken. Yára stieg, wie es von ihr erwartet wurde, in das Gespräch zwischen ihr und dem Verkäufer ein, wodurch eine herzhaft diskutierende Runde entstand. Wie um ihn sich genauer anzusehen, nahm Yára den Stoff in beide Hände und glättete ihn vor sich. Während die anderen beiden unentwegt miteinander verhandelten, verschwand Yáras Hand unter dem Stoff, der wie zufällig ihre Tasche verdeckte und bekam mit fast enttäuschender Leichtigkeit die Geldkatze zu fassen, worauf sich ihre Lippen triumphierend verzogen. "Yamin, pass auf!" Ohne überhaupt zu sehen, wer diese warnenden Worte von sich gab, wusste Yára instinktiv, dass er gerade mit ihrem Opfer sprach. Ihre Finger krallten sich um die Geldkatze und während die Frau reflexartig Abstand von ihr nahm und nach ihrer Tasche griff, zog Yára noch im richtigen Moment das Objekt ihrer Begierde heraus, bevor es außer Reichweite war. Es dauerte keine weitere Sekunde, da rannte Yára los und drängte sich an den Leuten vor ihr vorbei, ohne dabei gerade umsichtig umzugehen, denn dafür fehlte ihr nun wirklich die Zeit. Sie lief eine ganze Weile durch das Getümmel, doch sie hörte auch, dass das Rufen hinter ihr nicht gerade leiser wurde. Verfluchter Mist, wer konnte denn ahnen, dass diese Freu mit einer kräftigen Begleitung unterwegs war, die sich just in dem Moment zeigte, als sie es am wenigsten gebrauchen konnte!?

Als Yára endlich eine größere menschenleere Lücke vor sich hatte, drehte sie den Kopf zurück und sah tatsächlich einen Kopf mit dunklem kurzem Haarschopf hinter sich her rennen. Es trennten sie zwar immer noch einige Meter und Menschen, aber wer ständig dazu aufrief, die Diebin zu halten, dem wurde bekanntlich großzügiger Platz gemacht. Unverhofft stieß Yáras Fuß gegen etwas Hartes, wodurch sie ins Straucheln geriet, bevor sie den Kopf wieder nach vorne gedreht und dort alles im Blick hatte. Reflexartig schaute sie sich nach etwas um, um wieder an Halt zu gewinnen, doch da war nur eine Gestalt mit dunklem Umhang, der sie ziemlich unelegant entgegen strauchelte. Alles war besser, als nun hinzufallen und sich irgendetwas zu brechen, also streckte sie die Hand aus und erwischte unter all dem Stoff einen kräftigen Arm. Sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde, sich wieder aufzurichten und wegzulaufen, ohne ihren Vorsprung einzubüßen, also nutzte sie den Verlust des Sichtkontaktes zu ihrem Verfolger und drehte sich geduckt um die Achse des Mannes, während sie gleichzeitig versuchte, dagegen zu halten, damit er nicht auch noch umfiel. Sie brauchte ihn schließlich als Sichtschutz und nicht um Aufsehen zu erregen, wenn sie über ihn herfiel. "Verzeihung der Herr, das heiße Wetter stieg mir wohl etwas zu Kopf", sprach sie, hörbar außer Atem und eine Spur zu gehetzt, während sie wie durch Zufall hinter ihm in Deckung blieb. Ein paar Meter weiter bahnte sich gerade ihr Verfolger den Weg durch die Menge, lief aber ungebremst weiter, was Yára für ein Zeichen hielt, dass er sie tatsächlich aus den Augen verloren hatte und weiter über den Marktplatz irren würde.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: So, 13. Mär 2016 19:53
von Azar
„Was soll das? Nennst du mich etwa gerade einen Dieb? Tust du das?!!“ Azar seufzte und verdrehte die Augen, was der sichtlich aufgebrachte Hazâm im Halbschatten unter der Kapuze, wie durch Azars geschlossenen Lider indes nicht sah. „Hazâm, hab ich jemals einen Dieb an die Stadtwache verraten? Ich nerve euch wohl damit, euch zu ehrlicherer Arbeit zu raten und es stimmt sogar, das ich den kleinen Mubarik von den Habirib fortgeholt habe. Aber die Habirib sind Menschenhändler und du weißt so gut wie ich, das sie den Jungen nicht in ihre Reihen aufnehmen wollten, sondern ihn vielmehr direkt in die Sklaverei verkauft hätten. Was hättest du denn da gemacht.“ Ein Rascheln von grobem Leinen und ein Schaben von verhornter Haut auf kurzen Stoppeln zeugten davon das Hazâm nicht nur beschwichtigt, sonder halbwegs überzeugt gar war. „Hazâm, du weißt, das mich eure Geschäfte nicht interessieren. Ich halte sie für falsch, ja. Aber jedermann ist die Freiheit gegeben eigene Fehler zu begehen – und schlimmstenfalls dann auch dafür zu zahlen.“ Azar schnalzte kurz mit der Zunge, dass ein leises Klicken sich aus seinem Munde löste, eine kleine Marotte, wie es schien und die man wiederholt an ihm beobachten mochte. Mit einer Sicherheit, die man dem blinden Azar, so man ihn noch nicht länger kannte, kaum zutrauen mochte, fand seine Rechte darauf die Schulter Hazâms, diesen wie beschwörend aufzurütteln. „Ich will nur nicht, das die Arbeiten am neuen Kanal in Mishúr immer wieder – zunichte gemacht werden. Hazâm!“ Doch der eben noch wankelmütig Scheinende schüttelte Azars Hand schroff ab und wandte sich um. „Und doch hast du mich gerade einen Dieb genannt.“ fauchte Hazâm und wandte sich fort. „Und wärst du kein blinder Krüppel, ich würde dich dafür glatt…“

Azar seufzte erneut und trat aus dem dunklen Hauseingang wieder heraus, folgte leise schnalzend, dem Weg Hazâms zurück zum Markt. Doch war der schon längst in der Menschenmenge verschwunden. Es gab drei Banden, die sich im Mishúr Viertel die Macht teilten. Da waren zum einen die Habirib, die aber schon bei der Erstellung des Bauplanes zum neuen Aquädukt die Planung gestört oder eher noch in ihrem Sinne voran getrieben hätten. Brutale Gewalt hoben die sich meist nur für ihre Ware auf, alles Andere lief bei diesen Unmenschen weit ‘zivilisierter’ doch ab. Dann waren da noch die Straßenkinder um den verwöhnten reichen Sohn des Pferdehändlers Ibraim. Sie hatten ihn nur ausgelacht und mit faulen Datteln beschmissen, als er sie daraufhin angesprochen hatte. Wären sie tatsächlich schuldig an den Zerstörungen gewesen, hätten sie viel eher alles Abgestritten und als quasi Gegenangriff die Verletzung ihrer Ehre ob solch haltloser Anschuldigungen beklagt. Sie hätten mit anderen Worten also vielmehr genau so reagiert, wie… wie eben Hazâm gerade!

Den Weg voraus mit der Weidenrute abtastend, stieß Azar, nachdem er den gut besuchten Markt hinter sich gelassen hatte, kaum mehr mit Anderen zusammen. Einem Blinden machte man halt Platz. Der Vorarbeiter an dem Wasserbauprojekt in Mishúr, ein Hüter des Wassers wie auch Azar einer war, hatte nach der dritten Sabotage in der dritten aufeinanderfolgenden Nacht beschlossen, dass Kalkül hinter diesen Anschlägen bestand und darum Azar gebeten Fragen zu stellen. „Du bist blind, Azar. Darum werden die Habirib in dir keinen Sklaven sehen, der mal eben in den Osten verkauft wird um so weiteren lästigen Fragen zu entgehen, und die Diebe können mit dir sprechen, ganz ohne dich als Augenzeugen dann fürchten zu müssen, während die Bande Ibn Ibraims grob ist, aber – verzeih – nun einmal keine Krüppel schlägt. Also, was meinst du?“ Nun, was hätte Azar dazu schon meinen können. Einem Mitbruder eine berechtigte Bitte auszuschlagen, wo er gerade erst in die Reihen der Hüter des Wassers aufgenommen worden war? Wohl kaum.

Außerdem wollte auch Azar das Wasserprojekt ja doch gelingen sehen. Wozu sonst hatte er die vergangenen Wochen an dem neuen Kanal denn arbeiten sollen? Also hatte Azar sich die Machtverhältnisse in Mishúr von seinem Vorarbeiter erklären lassen und wo er nach wem fragen musste. Der Mann von den Habirib hatte nur abfällig geschnauft und Azar empfohlen besser zu verschwinden und nie wieder dorthin zurück zu kehren, wenn ihm seine Haut denn lieb wäre. Die Kinder hatten ihn, wie gesagt mit Datteln beworfen, für den tollen Tip gedankt und versprochen es morgen Nacht gleich mal wo damit zu versuchen. Einzig Hazâm hatte seine gekränkte Ehre vorgeschoben und gemauert. Also musste Azar ganau da, irgendwie, nochmals ansetzen. Verdammt. Das der Dieb ihm sogar bekannt war, wenn auch bis zum heutigen Tage eher nur als Straßenverkäufer nicht zu frischen Obstes, war ihm wie eine Wink des Schicksals erschienen und Azar hätte schwören mögen, Hazâm schon fast überzeugt zu haben. ‘Vielleicht holt er sich ja nur erst Informationen über mich ein.’ versuchte Azar sich in Gedanken versunken selbst zu überzeugen, ‘…um dann etwa selbst mit mir zu reden, oder einen Anderen vorzuschicken, der –’ Mit der Wucht eines durchgehenden Kamels prellte Azar etwas zur Seite. "Verzeihung der Herr, das heiße Wetter stieg mir wohl etwas zu Kopf" Sich so erschrocken an der Fremden festhalten wie diese sich gab, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, konzentrierte Azar sich schnalzend nun erstmals wieder bewusst auf sein Umfeld und bemerkte sowohl die weit ausgreifenden schweren Trittgeräusche, wie auch nahe Keuchen eines im Nu an ihm vorbei wieder entschwindenden Mannes. Da er die Frau an seiner Seite im Reflex am Unterarm gepackt hatte, spürte seine Hand unabsichtlich ihren schier rasenden Puls, ehe er sich gewahrte, eine Fremde gerade unschicklich an deren Handfessel doch zu fassen. „Verzeiht!“ murmelte Azar entschuldigend, tastete dann aber doch noch alle seine Taschen unter seinem Umhang verborgen ab, ehe er die Hand der Frau entließ und sich herabbeugte, unsicher im Staub zu seinen Füßen nach der, ob des Zusammenstoßes fallen gelassenen, Weidenrute zu suchen, die die Fremde ihm freundlicherweise in die leere Linke drückte.

Wie er sich, so offensichtlich blind, hier in der Stadt denn nur zurechtfände fragte sie und schlug vor, doch einen Moment aus der so brütend heißen Sonne und in den Schatten jener Seitenstraße dort drüben zu gehen, wo eine leere Bank vor einem Haus stand und man sich von dem unerwarteten Zusammenstoß wie der Hitze doch kurz erholen möge. Azar und sich so platzierend, das sie von der Straße nicht gleich zu sehen wäre, spielte die willensstarke Yára gekonnt die neugierige wie naive Fremde, die die Mittagshitze wohl unterschätzt habe, als Azar den Kopf schief legte und lauschte. Eine fremde Stimme, ein Mann offenbar, fragte anscheinend alle paar Meter und ausgesprochen außer Atem, sämtliche Passanten, derer er angesichtig wurde, aus. Dann schließlich wurde die Stimme plötzlich lauter, vernehmlicher. Offenbar fand sich nun keine Häuserfront mehr zwischen ihm und Azar. „He, du da!“ Azar wandte den Kopf unter der Kapuze und deutete fragend auf sich. „Ja du, hast du eine Diebin gesehen, die grad wie von tausend Djinns gehetzt hier vorbei lief?“ Azar entschloss sich innerhalb eines Herzschlages, ehe er antwortete: „Ich? Nein, ich hab absolut nichts gesehen.“„Verdammt, dann ist sie mir wohl entkommen, diese Schakalin.“ Und damit entschwanden die Schritte wieder, derweil noch für eine kurze Weile die nun wieder unverständlichem Worte des offenbar Bestohlenen zu ihm herüber schollen. Vorgebend die leise Bewegung seiner Bank nicht zu bemerken, als die Frau lautlos aus dem nahen Hauseingang hervortretend wieder neben ihm Platz nahm, berichtete er der offensichtlich fremd hier seienden Frau auf deren Fragen hin von der Stadt Naradesh und insbesondere auch dem von ihr offenbar noch nicht besuchten inneren Ring, mit dessen Vierteln, den Tempeln und Badehäusern…

„Aber wenn Ihr gute Badekultur schätzt, dann »müsst« Ihr unbedingt die Halle des Wassers aufsuchen! Von den Reichsten bis zu den Ärmsten, ja selbst Sklaven und Dieben, ist dort jeder willkommen, und auch schon gesehen worden, der sich dort nur zu benehmen weiß. Und vor allen Dingen die steinernen Skulpturen und Springbrunnen, einige davon habe ich selbst erstellt, sind absolut sehenswert.“ Es war nur eine Idee: aber kaum das Hazâm der Dieb, unschlüssig ob er Azar trauen könne oder nicht, das Weite gesucht hatte, stieß dieser mit einer offenkundig in Not seienden Diebin zusammen? Azar kannte sich mit den Praktiken von Dieben nicht im Geringsten aus, aber gab es eine simplere Methode, die Vertrauenswürdigkeit eines Kontaktmannes zu prüfen, als ihm ein Schauspiel von der armen verfolgten Diebin vorzuspielen und zu schauen wie er reagierte? Nun, Azar wusste es nicht, aber was kostete es ihn schon dieses Spiel zu versuchen? Schlimmstenfalls hatte er einer Diebin beigestanden, die andernfalls ihre Hand verloren hätte – oder mehr gar noch. Und immerhin, erneut tastete Azar nach seinem Besitz, hatte sie zumindest ihn doch nicht bestohlen. Also bot er ihr an, ihr doch die schönsten Ecken der Stadt zu zeigen und würde aber bald, so sie das Angebot denn wahrnahm sich die Stadt von ihm zeigen zu lassen, auch auf seine beiden Lieblingsthemen dann zu sprechen kommen: Die Bildhauerei und die Arbeiten an den Brunnen und Aquädukten Naradeshs und wie er insbesondere jetzt, da er noch keine neue große bildhauerische Auftragsarbeit gefunden habe, an dem Wasserprojekt Sultan Amjad ibn Akin ibn Thaaqib al Farhaans mitwirkte, welches sich zum Ziel gesetzt hatte allen Vierteln, vom reichsten bis zum allerärmsten, den Zugang zu sauberem Wasser zu gewähren und wie aber aus ihm unerfindlichen Gründen die Diebesgilde Mishúrs jüngst mit Sabotageakten diese Arbeiten zu torpedieren schien, weswegen er heute, leider vergeblich, versucht hatte mit einigen Dieben in Kontakt zu treten. „Ich meine, was würdet Ihr denn tun, wenn Eurer Kind, ich meine Eure Arbeit immer wieder zuschanden gemacht würde, hm?“

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Mi, 16. Mär 2016 21:09
von Yára
Yára musterte den Mann neben sich. Sie konnte noch immer nicht ganz glauben, dass er blind war und nichts von seiner Umgebung sah. "Ihr seid.." "Blind, ja", hatte er ihren Satz beendet, als sie sprachlos nach diesem eigentlich einfachen Wort gesucht hatte, und das mit einer Leichtigkeit, die sie nicht nachvollziehen konnte. Sie kannte keine blinden Beraij. In dem Viertel, in dem sie aufgewachsen war, hatten Blinde keinerlei Chancen. Und er? Sie schätze ihn sogar etwas älter als sich selbst ein. Wie hatte er so lange überleben können? Seine Person hatte schnell ihr Interesse geweckt. Einzig das Plaudern auf der so frei einsehbaren Fläche bereitete ihr Unbehagen, stehen lassen wollte sie ihn jedoch auch nicht, weshalb sie froh war, dass er ihr Angebot annahm, auf die Seitenstraße auszuweichen. Wenn sie schon einmal einen Ortskundigen gefunden hatte, der zumindest keine offensichtlichen Hintergedanken hegte, wollte sie die Chance und das folgende Gespräch nutzen, das sich beinahe von selbst ergab. Sie wusste zwar, dass es nicht die feine Art war, ihn wortlos auf der Bank sitzen zu lassen, um sich vor dem lautstark nahenden Verfolger in Sicherheit zu begeben, aber eben jene hatte vor allem anderen Vorrang. Was nützte ihr die gespielte Höflichkeit, wenn sie hinter Gittern saß? Vielleicht meinte es das Schicksal gar nicht schlecht mit ihr, da sie ausgerechnet einem Blinden in die Arme gelaufen war. Sie hätte ihrem Verfolger am Liebsten den Kopf von den Schultern gerissen, da er sie so unverhohlen eine Diebin nannte und sich bei jedem nach ihr erkundigte, damit auch die gesamte Stadt darüber Bescheid wusste. Als er auch noch ausgerechnet den Blinden ansprach, hielt sie den Atem an und erwartete jeden Moment, dass dieser den Finger hob und zielsicher auf sie im verborgenen Winkel deutete, obwohl das völlig unmöglich war. Zu ihrer Erleichterung ging ihr Verfolger jedoch nach einem kurzen Wortwechsel seiner Wege. Einzig das Interesse an Azars Person hinderte sie in dem Moment daran, so spontan aus seinem Leben zu verschwinden, wie sie in dieses hinein gestolpert war. Sie kam sich zwar reichlich albern dabei vor, wieder genauso wortlos neben ihm Platz zu nehmen und rechnete jeden Moment damit, dass er ihren Arm packte und lauthals ihren Verfolger zurück rief, weshalb sie etwas Abstand zu ihm hielt und die ersten Momente angespannt verharrte, jeden Moment bereit dazu, wegzulaufen, doch er spielte nicht einmal ansatzweise auf die gerade erlebte Situation an. Yára nahm dies stirnrunzelnd zur Kenntnis und spielte indes ihre Rolle weiter. Wieso sollte sie auch darauf eingehen, sich selbst belasten und eventuell doch noch in Schwierigkeiten bringen? Zwar war er blind, aber sie hielt ihn für schlau genug, eins und eins zusammen zu zählen. Da blieb die Frage nach dem Warum. Schnell lenkte er das Gespräch auf ihre Eingangsfrage zurück und bot ihr an, ihr die Stadt zu zeigen. Sie hatte heute sowieso nichts mehr vor und von einem Ortskundigen würde sie sicher den einen oder anderen Geheimtipp erfahren. Wobei sie sich noch immer fragte, wieso er ihr dies anbot, aber vermutlich war er einfach nur hilfsbereit. Dass er wie nebenbei und doch so explizit erwähnte, dass selbst Diebe in dem von ihm hochgepriesenen Badehaus willkommen waren, ließ sie schmunzeln. Sie hatte ja schon gedacht, dass er nicht ganz so dumm wie eine Dattel war. Ob sie sich auch gerecht zu benehmen wusste, blieb wohl abzuwarten, denn so viel stand fest - nachdem er so beiläufig erwähnt hatte, dass er einige der dortigen Skulpturen erschaffen hatte, war ihre Neugierde vollends geweckt. Dieser Blinde wusste sie zu überraschen, als wäre es das normalste der Welt, mit seiner Einschränkung als Bildhauer sein Geld zu verdienen. Und das schien, wenn sie rein nach seinem äußeren Erscheinungsbild ging, nicht wenig zu sein.

Ihr Blick huschte von dem neben ihr gehenden Azar auf die Straße vor ihnen. Wie der Zufall es so wollte, schlugen sie die entgegengesetzte Richtung zu ihrem Verfolger ein. Yára versuchte sich so viel wie möglich von der Stadt einzuprägen, doch es war unmöglich, sich jeden Winkel zu merken. Anfangs hatte sie das Bedürfnis, sich bei Azar einzuhaken und ihn so zu führen, doch er machte einen seltsam selbstsicheren Eindruck, sodass sie es letztlich sein ließ. Dennoch versicherte sie sich ab und an mit Blicken, dass er nicht gegen irgendetwas oder irgendwen lief. Wie er es schaffte, sich so gut zu orientieren, blieb ihr jedoch ein Rätsel. Je länger sie liefen, desto mehr hatte sie das Gefühl, durch ein Labyrinth zu laufen, das viel komplexer als Avrabêth war. Sie ließ Azar bereitwillig über sich oder vielmehr über die Steinkunst reden, da sie gerne mehr darüber erfuhr und sich gleichzeitig als Person zurücknehmen konnte. Zwar wich sie Azars zu persönlichen Fragen, sollte er welche stellen, nicht direkt aus, aber ihr lagen bei einer so flüchtigen Bekanntschaft eher die oberflächlichen Themen. Ihre Heimat und Tätigkeit kamen daher gar nicht erst zur Sprache. Viel wichtiger in ihren Augen waren auch die Dinge, die er erzählte. Je mehr sie über Naradesh erfuhr, desto klarer wurde ihr, dass das Wasser hier im wortwörtlichen Überfluss vorhanden sein musste. Trinkwasser und Springbrunnen für die gemeine Bevölkerung, ein Badehaus für Gesindel wie sie.. wieso war sie eigentlich erst jetzt hier her gekommen?

Als sie schließlich die großzügige Halle des Badehauses betraten, umfing sie eine angenehm kühle Luft. "Willkommen! Willkommen in der Halle des Wassers!" Mit großen Schritten und strahlendem Lächeln kam ihnen ein junger Mann entgegen, der hier offensichtlich arbeitete und sie, trotz ihrer Erscheinung, die keinen wohlhabenden Eindruck weckte, begrüßte wie jeden anderen Besucher. Ihr Begleiter hatte also nicht zu viel versprochen. Ihr Blick glitt über die faszinierenden Figuren aus Stein und nun, wo sie diese sah, konnte sie sich noch weniger vorstellen, dass der Blinde sie geschaffen hatte. "Azar, schön dich wiederzusehen!", begrüßte der Mann dann ihren Begleiter, mit dem sie trotz des ziemlich langen Spaziergangs nicht auf ihre Namen zu sprechen gekommen war. Er umfasste sogar sein Handgelenk in einer freundschaftlichen Begrüßung, was bedeutete, dass Azar ein gut zahlender Kunde war, sehr oft vorbei kam oder einfach nur aufgrund seiner Arbeit sehr bekannt hier war. "Soll ich wieder einen separaten Bereich fertig machen?" Obwohl der Angesprochene es nicht sehen konnte, konnte sich der Angestellte nicht den vielsagenden Seitenblick auf Yára verkneifen. Diese wusste nicht, ob er einfach nur witzig sein wollte und sich einen Scherz erlaubte oder einfach nur unverschämt direkt war. Bevor Azar etwas erwidern konnte, sprang Yára für ihn ein. "Mag sein, dass Azar für gewöhnlich mehr Spaß zu zweit hat, aber darauf werden wir in dieser Runde heute lieber verzichten." Die Belustigung über die Frage spiegelte sich nicht nur in ihren Augen, sondern auch in ihrer Stimme wider. Der Angestellte bot ihnen an, dass sie ihn später ruhig ansprechen konnten, wenn sie etwas benötigten und verlor sich dann in einem Gespräch mit Azar, was Yára nutzte, um sich die Skulpturen genauer anzusehen. Sie verspürte nicht wirklich Lust, ein Bad zu nehmen - ob mit Azar allein oder in dem öffentlichen Becken - und war doch nur wegen den Figuren aus Stein hier her gekommen. Ihre Finger strichen über die Silhouette einer leicht bekleideten Frau, die einen Krug in den Händen hielt und im nächsten Moment das Wasser darin auskippen würde. Yára konnte es sich bildlich vorstellen. "Heiliger Dschinn, wie habt Ihr das nur angestellt?“, fragte sie, hörbar beeindruckt, als Azar wieder neben ihr stand. Auf die Anspielung des jungen Mannes ging sie hingegen nicht ein. Sie nahm an, dass es nur fair war, wenn sie dies ebenso unkommentiert ließ wie er die für sie unangenehme Situation vorhin.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Fr, 18. Mär 2016 17:09
von Azar
Auf Azars Rede von dem Problem mit den Dieben des Mishúr-Viertels ging die Frau an seiner Seite nicht im Leisesten ein. Sie war vielmehr vorsichtig und gab sich keine Blöße. Ja Azar wagte nicht einmal zu mutmaßen, ob sein Verdacht, sie könnte eine der Diebinnen Mishúrs sein denn nun stimmte. Mit ihr an der Seite ging er die die Straße entlang und fort von dem Platz, an welchem sie ihn beinahe über den Haufen gerannt hatte. Dabei plapperte er zuerst noch von seiner Arbeit, den Sorgen mit dem Aquädukt und wies auf die bekannteren Orte der Stadt hin. Das er dabei ein, zwei Umwege in Kauf nahm, weil die den Weg sicherlich abgekürzt hättenden kleinen Gässchen häufig mit Kisten und anderen Waren der Läden oder Lokale bestückt waren, an deren Rückseiten sie entlang liefen, sie schien es nicht zu bemerken. Entweder also stammte sie tatsächlich nicht von hier, oder...

Yára würde indes bemerken, das er an manchen Stellen mit der Zunge schnalzend stehen blieb und sich regelrecht umzusehen schien, wobei seine Augen, wann immer sie einen Blick in diese warf, geschlossen waren. Zwar bewegte Azar sich also alles in allem weit sicherer als man es von einem Blinden wohl erwartete, doch zeigte er an anderen Stellen ganz deutlich seine Blindheit, etwa als er plötzlich schnüffelnd stehen blieb und Yára beim Arm fassend bat, ihm am nahen Unrat doch bitte sicher vorüber zu führen. Und tatsächlich hatte scheinbar der Hund eines Naradeshi seine Notdurft mitten in der kleinen Gasse vor ihnen verrichtet. Jetzt wo sie darauf achtete, bemerkte auch Yára den Geruch deutlich und sah auch sofort den beinahe noch dampfend warmen Haufen mitten auf der Straße vor ihnen. Azar indes, konnte hier eindeutig nicht ohne ihre Hilfe erfassen, wo der Unrat sich befand ohne diesem ab dem Moment dann schon irgendwo an sich haften zu haben.

Doch bald nachdem Yára ihn unbeschadet an dem Unrat vorüber geführt hatte, löste sich seine Hand auch schon von Ihrem Arm und er schien wieder ganz der Alte zu sein. „Nur noch um die Ecke hier, und Ihr werdet wahre Bildhauerkunst erblicken!“ versprach Azar und tatsächlich, nur wenige Schritte jenseits der gerade passierten wie stark duftenden Hinterlassenschaft einer läufigen Hündin, öffne sich ihnen ein schier grandioser Anblick: „Die Halle des Wassers!“ sagte Azar, nicht ohne Stolz. Derweil sie das Kühle Innere der Eingangshalle betraten und Azar den Bediensteten erst freundlich begrüßte, um ihn anschließend dann ruhig, wenngleich doch auch scheinbar ernsthaft betroffen anzugehen, seine Begleiterinnen zukünftig doch bitte nicht noch einmal dermaßen anzüglich zu begrüßen, gleich mit welchen Absichten er auch immer herkäme, bemerkte Yáras geübter Blick beinahe augenblicklich den etwa Mitte Dreißigjährigen, der eben noch im Schatten vor dem Badehaus konzentriert mitten in einem Senet-Spiel gesteckt hatte und nun scheinbar gedankenverloren hinter ihnen die Halle gleichfalls aber doch betrat.

Der Fremde zeigte ein auffälliges Interesse an dem blinden Azar und nun auch an der ihn begleitenden Fremden und im ersten Impuls möglicherweise nur um den Blick möglichst unauffällig auf den Fremden hinter ihnen gerichtet halten zu können, wandte sich Yára zu einer eben passierten steinernen Skulptur hinter ihnen beiden um. „Heiliger Dschinn, wie habt Ihr das nur angestellt?“ Schnalzend trat Azar neben sie und tastete mit seinen Fingern nach der Figur. „Ah, die Wasserspenderin. Nein, die ist jetzt aber nicht von mir. Das ist eine von Sultan Amjad ibn Akin ibn Thaaqib al Farhaan höchstselbst gestiftete Statue und soll immer überquellenden Wasserreichtum für die Stadt und alle ihre Bewohner verheißen.“ sprach Azar, derweil echte Anerkennung dem Sultan gegenüber in seiner Stimme mitschwang. „Aber kommt, im Garten haben sie einige meiner Arbeiten stehen – und auch Erfrischungen.“

Während Azar also mit Yára an seiner Seite das steinerne Portal zum Garten hin betraten, bemerkte die Diebin wie ihr Beobachter eines der großen Handtücher die man vor dem Betreten des Badebereiches ausgehändigt bekam wieder zurück gab und ihnen in den Garten folgte. Der Verfolger, das es sich um einen Solchen handelte war sich Yára inzwischen gewiss, war definitiv hinter dem blinden Bildhauer her. Warum? Nun, das blieb wohl noch abzuwarten. Azar indes, den Verfolger ja nicht sehen könnend, wies Yára den weg in den Garten, wo gleich am Eingang zwei steinerne Sphinxen wachten. Auf die rechte der Skulpturen weisend, welche eindeutig weibliche Attribute auch aufwies, wo die Linke, kräftiger gebaut und mit einem bärtig markanten Gesicht versehen deutlich männliche Aspekte zeigte, verkündete Azar stolz diese Arbeit vollbracht zu haben und tatsächlich schien diese Sphinx im nächsten Moment die Flügel ausbreiten und davon fliegen zu wollen.

Um sie her spielten unzählige Kinder, scherzten Eltern, gesellten sich Fremde unbekümmert eingeladen zu der offensichtlich hier gerade stattfindenden Feierlichkeit. Zwei Priester traten auch auf Azar und Yára zu und reichten diesen zwei Becher mit Wasser. „Willkommen zum Weihetag Sah'meenas!“ Erstaunt öffnete Azar die Augen. „Aber die großen Feierlichkeiten beginnen erst…“„Heute Abend, ja!“ erwiderte die Priesterin und fügte nach einigem Zögern an: „ Ihr seid der Sklave Azar, nicht?“ Beinahe verlegen senkte Azar darauf wieder die Augenlider, die kurzzeitig so sichtbar gewesenen Pupillen seiner Augen wieder zu verbergen, oder vielmehr die an zwei runde Fenster zu einem fernen tiefen Sternenhimmel gemahnenden dunklen Flächen, wo die Pupillen doch sein sollten. „Kein Sklave!“ erwiderte er indes mit ruhiger Stimme. „Die Herrin Mira schenkte mir vor zwei Jahren bereits die Freiheit.“ Yára sah die Priesterin nicken. „Und dennoch sind heute alle einander gleich und die Herren, sind es, die die Niederen bedienen.“ Mit diesen Worten winkte die Priesterin einen der Familienväter her, der seinen Gewandungen nach ein hochgestelltes Ratsmitglied war, heute aber mit einem Tablett mit Wasser- und Honigmelonenscheiten umher ging, die Kinder und die Bediensteten mit Melonen zu versorgen. „Wünschen der Herr oder die Dame eine Melone?“ Azar neigte den Kopf. „ Eine Wassermelone bitte, falls ihr diese habt.“

Auch Yára wurde ein Melonenscheit angeboten, derweil die Priesterin erklärte das dem jährlichen Fest zu Ehren Sah'meenas – von dem Azar wusste – stets eine kleine mittägliche Zeremonie voran ging, von der Azar bisher noch nichts wusste. „Dabei wird ein Schlangenei, als Symbol der Wiedergeburt und Erneuerung verborgen und der Sklave, Diener, oder Niedere oder auch das Kind, dass das Ei findet, erhält eine Thûrrar-Münze! So können Sklaven sich frei kaufen, Arme sich eine Existenz aufbauen, Kinder sich eine Zukunft sichern und das Leben und Sah'meena so ehren!“ Das alles war Azar indes bisher gänzlich unbekannt. Hier nun war eben diese Suche scheinbar in vollem Gange, da die Priesterinnen in diesem Jahr das Schlangenei anscheinend hier verborgen hatte. Doch war der Besitz Azar einerlei, weswegen er Yára recht unbeeindruckt die verschiedenen Statuetten und Brunnen zeigte, wobei ein Springbrunnen und eine weitere Skulptur auch seiner Handwerkskunst ihre jetzige Form verdankten.

Immer wieder gingen scheinbar hohe Herren und Damen um und schenkten Wasser oder Wein aus oder reichten Teller mit leichten Speisen an die Diener und weniger begüterten Gäste. Als Azar schließlich am Rande des von ihm mit geschaffenen artesischen Springbrunnens auf einen der heute bedienenden wohlhabenden Väter stieß, der ihn wie einen alten Bekannten begrüßte und in ein kurzes Gespräch verwickelte, konnte Yára den sie beide noch immer verfolgenden Fremden dabei beobachten, wie der sich den Bauch und die Taschen vollschlug, eifrig bei der Suche nach dem Gold verheißenden Schlangenei mitmachte und einer der Wein ausschenkenden Damen recht geschickt ein Collier vom Halse noch stahl. „He, zur Seite ihr Trampel, heute sind wir hier die Herren.“ Eines der nach dem verborgenen Schlangenei suchenden Kinder stieß Yára grob beiseite um zu einer Statue zu stürmen, die er offensichtlich noch nicht nach dem Ei abgesucht hatte. Es war ein ein sehr rüpelhafter Junge, der auch die anderen Kinder auf seiner Suche nach dem Ei schon laut herumgeschubst hatte. Während Azars Sinne den Jungen nur als einen lauten, willensstarken und ausgesprochen selbstsüchtigen wie rücksichtslosen Jungen entlarvten, sah Yára anhand dessen Kleidung noch, das der Junge aus ausgesprochen reichem Hause zu stammen schien der das ihn lockende Gold von allen hier Suchenden mit am wenigsten wohl bräuchte.

Eben noch mitten im Gespräch mit dem reichen Familienvater vertieft scheinend, schoss der immerhin doch blinde Azar hinter dem Frechen Jungen her. „Hey du Bengel, du entschuldigst dich umgehend bei – oh, was haben wir den hier?“ Bei dem Versuch den Jungen zu fassen, war Azar scheinbar aus dem Tritt geraten und hatte mit der Hand, wie blind nach Halt suchend, jene gleichfalls von Sultan Amjad ibn Akin ibn Thaaqib al Farhaan gestiftete, aus einem Becher trinkende Statue eines Knaben gefunden, in deren steinernem Becher… „Gib her, das ist mein Ei, du dreckiger dummer Skla-“ KLATSCH! Die Mutter des Jungen war herbeigeeilt und hatte dem Kleinen in aller Öffentlichkeit eine gelangt, als der Azar das Schlangenei zu entreißen versucht hatte. Scheinbar selbst erschrocken über ihr Handeln, wie aber auch verschämt ob des Verhaltens ihres Sohnes stammelte die Frau nur mit hochrotem Kopf leise etwas, das ganz nach einer Entschuldigung klang und zerrte den wie erstarrt dastehenden Jungen fort.

„Möge Sah'meena dir, Azar…“ Eine der zwei Priesterinnen, welche auf ihn zutrat. wollte ihm die schwere Goldmünze gerade in die Hand drücken, als Azar beinahe erschrocken zurück trat. „Nein nicht für mich!“ sprach der Blinde beinahe erschrocken und winkte mit den beiden Händen vehement ab. „Nehmt das Gold für, für… für die – die Armenschule im Ifrit Viertel, ich will es nicht.“ Nein, er wollte es wirklich nicht, hatte er das Schlangenei doch überhaupt nur seiner naturmagischen Begabung wegen, vor Minuten schon, wie einen vagen kaum wahrnehmbaren Nebel in der Luft schwebend wahrgenommen, ehe ein leises Schnalzen ihm verraten hatte, das an jener Stelle eine Statuette wohl auch stand. Auch wenn es Zufall wohl nur war, das er dieses Schlangenei, respektive die schlupfbereite Schlange darin überhaupt hatte spüren können, so schwach war ihr Eindruck nur, hatte er es ignoriert und einem der Anderen den Fund überlassen wollen. Doch als ausgerechnet jener Rotzbengel kurz vor der Entdeckung des Eies war… Viele applaudierten zu dieser selbstlosen Entscheidung und sein vorheriger Gesprächspartner klopfte ihm auf die Schulter, ehe er sich wieder Anderem zuwandte. „Und, bei dir alles in Ordnung?“, wandte Azar sich mit geschlossenen Augen Yára wieder zu, als wüsste er ohne jeden Zweifel wo sie gerade stünde.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Do, 31. Mär 2016 22:24
von Yára
Fast war sie enttäuscht, dass Azar nicht diese lebensechte Statur geschaffen hatte. Verstohlen blickte sie sich daraufhin um, auf der Suche nach einer kleinen klobigen Skulptur, die nur grobe Konturen und keinerlei Details aufwies. Da er es selbst nicht sah, vielleicht hatte man ihm nur immer wieder erzählt, wie gut seine Künste waren, um ihn nicht zu kränken? Und hatte seine Arbeiten in eine dunkle Ecke gestellt, in der nur der wirklich suchende Beobachter blickte. Als er schließlich erklärte, dass seine Arbeiten im Garten standen, gab sie das Suchen auf und wandte sich interessiert mit Azar an ihrer Seite eben diesem zu. Allerdings ließ sie ihren auffällig unauffälligen Verfolger dabei nie lange aus den Augen. Für einen Moment schmunzelte sie, sich in ihrer Überlegenheit sonnend, ehe sie wieder die Fassade der Nichtsahnenden aufsetzte, um sich ihren Vorteil nicht zu verspielen. Hätte er sie verfolgt, hätte sie sich ein kleines Spielchen erlaubt, aber es war offensichtlich, dass er sich für Azar interessierte. Diesen ließ sie vorerst im Unwissenden. Sie schätzte, dass er nichts über derlei Dinge wusste und sich durch seine Mimik und Gestik nur verraten würde. Stattdessen verfolgte sie wiederum die Bewegungen des Verfolgers, in dem sie sich wie zufällig in seine Richtung drehte oder den Sichtkontakt aus den Augenwinkel suchte, und würde Azar höchstens voreilig warnen, wenn der Fremde im Begriff war, ihm zu nahe zu kommen. So lange ließ sie sich diesen Ausflug nicht verderben und genoss ihn. Statt einer verklumpten Gestalt blickte sie schon bald in das sehr realistische Antlitz einer Sphinx. Als Azar ihr mit berechtigtem Stolz auf diese seine erschaffene Skulptur hinwies, pfiff Yára anerkennend. "Auch wenn Ihr es nicht sehen könnt, muss ich sagen, dass sie deutlich mit der Statue Eures Sultans mithalten kann." Falls die Wahl ihrer Worte unbeabsichtigt kränkend waren, wusste sie dies durch den freundlichen und lockeren Ton auszugleichen, denn durch ihn wurde deutlich, dass sie seine Einschränkung nicht als Anlass dafür nahm, ihn als weniger wert als andere Menschen zu betrachten. Wenn sie nicht wüsste, dass die Sphinx nicht aus einem Stein gehauen worden war, würde sie jeden Moment damit rechnen, dass sie davon flog. Yára schaute hinauf in den Himmel, überlegend, wie es wohl sein würde, fliegen zu können, bis ihr eine Erfrischung angeboten wurde.

Blinzelnd, da sich ihre Augen von dem Blick in den grellen Sonnenhimmel umstellen mussten, nahm sie die Priesterin in Augenschein und das Wasser entgegen. Heute war also der Weihetag Sah'meena. Die Göttin des Lebens, die Frau von Shihab. Wie oft hatte Amir sie nach den Göttern gefragt, ihr das Wissen eingebläut und in den unmöglichsten Momenten ihr Wissen abgefragt, bis sie von den Göttern und wirren Kämpfen, die sie ausfochten, schon träumte. Sie kannte sie, aber sie glaubte nicht an sie, aber das sah man ihr zum Glück nicht an, auch wenn sie glaubte, dass die Priesterin sie einen Moment musterte und auf irgendetwas wartete. Yára trank von dem kühlen Wasser und schaute sich offenbar interessiert das Getümmel im Garten an, wodurch sie vorerst irgendwelchen Fragen entging. "Ihr seid der Sklave Azar, nicht?" Die Diebin verschluckte sich an dem Wasser, das gerade noch so wohlwollend ihre Kehle hinab geronnen war und nun einen brennenden Schmerz hinterließ. Ein Sklave?! Es brauchte keinerlei Worte, um ihre Überraschung darüber auszudrücken, denn das hatte sie unbeabsichtigt schon getan. Wie bei allen teuflischen Sandwürmern war dies möglich? Damit beschäftigt, das Kratzen im Hals zu unterdrücken und ihre Fassung wiederzugewinnen, entgingen ihr Azars sonderbare Pupillen. Sie hatte ja schon viele Überraschungen erlebt, aber Naradesh schien ihr plötzlich voll von sonderbaren Menschen. Die Priesterin erkundigte sich, ob alles in Ordnung mit ihr war – offenbar dachte sie, sie hätte sich nur zufällig verschluckt – und Yára presste ein gezwungenes "Alles bestens" hervor. Der Vorfall war ihr ziemlich peinlich, aber die Sklaven, die sie in ihrem Leben zu Hauf gesehen hatte, hatten nichts im Azar gemein. Sie besaßen nichts, geschweige denn waren sie in der Lage irgendwohin zu gehen, das ihrem freien Willen entsprach. Azar klärte jedoch nicht nur die Priesterin, sondern damit auch sie auf, dass er inzwischen frei war. Sie hatte den Eindruck, dass sie noch viel über Naradesh und seine Eigenarten lernen konnte. Bei Gelegenheit musste sie Azar nach diesem auf sie merkwürdig, da so befremdlich wirkenden Prinzip ausfragen. Sie wünschte jedem Sklaven seine Freiheit, denn nichts schätze sie mehr als die ihrige, aber dass die Halter der Sklaven - so pflegte sie die 'Herren' zu nennen, von denen die Priesterin eben sprach - diese einfach gehen ließen, hatte sie noch nie gehört. "Und dennoch sind heute alle einander gleich und die Herren, sind es, die die Niederen bedienen." "Und es waren wohl die Herren, die die Niederen zu eben das erklärten." Der Priesterin war anzusehen, dass sie irritiert über Yáras Einwurf war oder diesen zumindest für unpassend empfand. Sie lächelte sie kühl an, war es doch ein Thema, auf das sie empfindlich reagierte. Als würde sie sie damit von der Großzügigkeit der 'Herren' überzeugen wollen, winkte sie einen offenbar reichen Mann herbei, der ihnen weitere Erfrischungen anbot. Yára beschloss, dass sie keine Freundinnen werden würden und sie sich am besten mit einem Melonenstück abkühlte, bevor sie die ganze Feierlichkeit sprengte. Sie biss in das süße Fruchtfleisch, das sie wortwörtlich abkühlte und ließ sich den Ablauf der Feierlichkeiten erklären.

Während die Priesterin erzählte, beobachtete Yára den Fremden, der vom Essen und wertvollen Besitz der anderen zu abgelenkt schien, um Azar weiter so auffällig nachzustellen. Bei dem Wort Thûrrar wurde sie hellhörig und die Priesterin hatte schnell wieder Yáras Aufmerksamkeit. Sie musste zugeben, dass das wirklich sehr großzügig - und verlockend! - klang. Sie hatte heute schon einen ganz guten Fang gemacht, aber ein Thûrrar.. sie hätte für lange Zeit ausgesorgt. In Azars Gesicht erkannte sie nichts, was der Aufregung gleich kam, die sie bei so einer hohen Summe verspürte. Er schien beinahe desinteressiert und verlor sich in der Erzählung über seine Arbeit. Yára juckte es in den Fingern, nach dem Thûrrar in Form des Schlangeneis zu suchen und sie blickte sich immer wieder verstohlen um, dadurch allein hatte sie aber natürlich keine realen Chancen gegen die anderen Suchenden. Während sie Azars Worten zuhörte, den von ihm geschaffenen Brunnen musterte, nebenbei die unmittelbare Umgebung nach dem Ei absuchte und den Verfolger des Blinden im Auge behielt, sah sie gerade noch, wie dieser etwas aus dem Mantel eines Mädchens zog, das nicht älter als 12 Jahre alt sein konnte, und in seine eigene Tasche wandern ließ. Der zerfetzte Mantel des staubbedeckten Mädchens verdeckte weitere alte Kleidung, die im Zusammenhang mit ihrer dürren Erscheinung jedem aus mehreren Metern Entfernung klar machte, dass das Mädchen bedürftig war und kaum etwas besaß. Schlagartig war da Wut und Empörung in Yáras Augen zu erkennen und sie schnappte nach Luft, kurz davor, ihre Fassade aufzugeben und auf diesen dreisten Dieb zuzustürmen, als sie plötzlich zur Seite gestoßen wurde. "He, zur Seite ihr Trampel, heute sind wir hier die Herren." Daraufhin verlor Yára die Beherrschung und rief dem Jungen ein übellauniges "Wurdest du von Geiern großgezogen?!" hinter her. Der Raufbold war recht grob bei seiner Suche, aber zum Glück hatte sie sich dieses Mal an dem nahe stehenden Brunnen festhalten können, sodass sie einen weiteren Zusammenstoß mit einer Person oder gar dem Boden vermied. Bevor sie sich entscheiden konnte, wem von beiden - dem Rüpel oder Dieb - sie eine Lektion erteilen sollte, verlangte Azar von ersterem eine Entschuldigung, was sie positiv überrascht zur Kenntnis nahm, ehe er selbst hinzufallen schien, aber stattdessen plötzlich das Schlangenei in der Hand hielt. Yára fragte sich, ob sie früher auch so dreist wie dieser Junge gewesen war, wusste aber die Frage auch gleich zu verneinen. Selbst wenn sie mehr besessen hätte, sie war sich sicher, dass sie einen Blinden nie so respektlos behandelt hätte wie der ungestüme Junge. Als seine Mutter ihm Respekt lehrte, verspürte die Diebin so etwas wie Genugtuung.

Gleich danach schaute sie sich nach dem Verfolger um, der in der Nähe des Platzes stand, an dem er gerade das Mädchen beklaut hatte und nun zu ihnen hinüber sah. Die Suche nach dem Ei war beendet und Azar verschmähte das Siegesgold. Yáras Augen funkelten gierig und sie verspürte einen starken inneren Drang, der Priesterin das Goldstück aus der Hand zu entwenden und zu verschwinden. Aber dann wäre ihre erst vor kurzem erlangte Sicherheit mit einem Schlag zunichte gemacht. Zumal die Chancen, aus diesem völlig überfüllten Garten wegzurennen, ohne dass sie irgendjemand aufhielt, sehr gering waren. Azars Absichten waren wirklich ehrenhaft, kein anderer als die Armen brauchte das Geld mehr, dennoch war sie etwas enttäuscht, denn noch lieber hätte sie selbst das Gold entgegen genommen. Als sie den Blick erneut hob, sah sie, dass sich ihr Verfolger nach all dem Essen, Trinken, Stehlen und erfolglosem Suchen langweilte, denn nun näherte er sich ihnen langsam. Bevor Azar sie nach ihrem Befinden fragte, hörte sie ihn schon an seinem Schnalzen, das sie noch immer für eine Marotte hielt und die ihre Nerven ähnlich beanspruchte wie das Knacken, das Said ständig seinen Fingern entlockt hatte.

"Mir geht es gut, danke. Und dir? Nenn' mich doch Yára, das ist etwas persönlicher", schlug sie freundlich vor und drehte sich dann zu ihm herum, sodass sie mit dem Rücken zu dem sich nähernden Verfolger stand. "Sag mal, hast du irgendwelche Feinde hier?", fragte sie mit gesenkter Stimme, bevor sie ihn sogleich unterbrach, denn für lange Plaudereien war nun keine Zeit. "Egal. Zumindest hast du einen Verehrer, der dir schon die ganze Zeit unauffällig - wenn ich das sagen darf, ist er eigentlich ziemlich auffällig, fast wie ein staksendes Maultier.." Als sie merkte, dass sie abschweifte, kam sie wieder auf den Punkt. "Entschuldige. Jedenfalls möchte er wohl irgendetwas von dir, denn er schleicht schon die ganze Zeit um dich herum und kommt gerade auf uns zu." Sie beschrieb ihm mit knappen Worten seine Gestalt, die eher unauffällig war. Er hatte eine kantiges Gesicht mit einem Dreitagebart, dunkle kurze Haare und sie schätzte ihn auf Mitte 30 und fand, dass er mit seiner schlanken Statur und der lockeren leichten Kleidung wie ein klassischer Dieb aussah, was passte, da er sich auch nicht anders verhielt. Auch die letzten beiden Details sagte sie ihm offen. "Ich kann ihn für dich im Auge behalten, aber dafür lasse ich dich alleine. Tu' wenigstens etwas überrascht, wenn er dich anspricht." Es war besser, wenn sie seinen Verfolger nicht direkt in die Enge drängten. So blieb ihnen am Ende immer noch der Überraschungsmoment. Yára war sich sicher, dass er nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war, also lief sie an Azar vorbei, als würde sie sich eine Erfrischung holen wollen. Nachdem das Ei gefunden worden war, hatten sich auch die übrigen Leute verstreut und sich anderen Dingen zugewandt, sodass er nun in einem kleinen Umkreis für sich alleine war.

Bevor Yára die Halle des Wassers betrat, denn genau diesen Anschein erweckte sie zunächst, warf sie einen kurzen Blick zurück. Der Fremde war nun vollends auf Azar konzentriert und schien sie nicht weiter zu beachten, sodass sie einen Bogen schlug und sich nun im Rücken des anderen Diebes den beiden schlendernd wieder näherte. Ein paar Schritte hinter ihm blieb sie stehen, sodass sie, falls er nicht sehr leise sprach, hören konnte, was er sagte. Sie musterte ihn aus der Nähe und versuchte zu ergründen, was er wollte. Als ihr Blick über seine Kleidung glitt, fiel ihr etwas Glitzerndes ins Auge. Was hatte sie denn da gefunden? Aus seiner rechten Tasche, die in die Weste eingearbeitet worden war, hing an einem kurzen Strick ein kleiner dünner Ring, an dem ein Schlüssel und ein Plättchen befestigt waren. Beides war ungefähr so lang wie ihr kleiner Finger. Vermutlich war es dem Fremden aus Versehen heraus gefallen, als er seine eigene Beute in die Tasche gesteckt hatte. Und ich dachte immer, die Frauen tragen die Schlüssel, dachte sie hämisch, verwarf kurzerhand ihren eigentlichen Plan und näherte sich ihm auf leisen Sohlen, während sie das kleine Messer aus dem Gürtel zog. Sie legte die Klinge so in ihre linke Hand, dass die Rückseite des Messers an ihrem Zeigefinger lag. Sie lauschte noch ein wenig den Worten des Fremden, die keinen guten Eindruck weckten, bis sie der Meinung war, dass es genug war. "Azar, was brauchst du denn so lange? Ich warte die ganze Zeit auf dich! Oh, entschuldigt. Und Ihr seid?" Sie war einfach in das Gespräch reingeplatzt und hatte den anderen Dieb dabei unmerklich gestreift. Dabei hatte sie mit dem Mittelfinger nach dem Strick gegriffen, ihn zur Schneide des Messer geführt, an dem sie ihn durchschnitt, um den Ring samt Schlüssel und Anhänger in ihrer Hosentasche verschwinden zu lassen. Nun blickte sie mit einem vor Freundlichkeit strahlendem Gesicht den Fremden an, als würde sie in diesem Moment nichts anderes als seine Antwort interessieren. Dieser war sichtlich überrascht von ihrem plötzlichem Auftauchen und unhöflichem Dazwischen gehen. "Ich, äh.. ich.." Zu einer Antwort schien er nicht fähig. Entweder war schon alles gesagt worden oder er zog es vor, Azar ein anderes Mal zu sprechen, denn in jedem Fall war er nicht bereit, weiteres zu sagen, sondern suchte auf schnellen Schritten das Weite.

Yára grinste selbstgefällig. "Tut mir leid, habe ich euch beide gestört?", fragte sie rhetorisch, steckte das Messer zurück in den Gürtel und zog ihre Beute aus der Tasche. "Na, was haben wir denn da." Sie betrachtete den Schlüssel und das kleine Plättchen. Von der Farbe her würde es zu einer platt gedrückten Münze passen, allerdings hatte sie eher die ovale Form eines Eis und es waren verschiedene Muster eingraviert, die für Yára keinen Sinn ergaben. Für das Schloss eines Hauses war der Schlüssel viel zu klein. Vielleicht gehörte er zu einem Schmuckkästchen? Doch das war im Moment zweitrangig. Allein die Vorstellung, was passieren würde, wenn der Dieb bemerkte, selbst bestohlen worden zu sein, bereitete ihr Genugtuung. Sie hatte ja keine Ahnung, in welche Schwierigkeiten sie damit den anderen Dieb, geschweige denn sich selbst gebracht hatte. "Bei uns besitzen die Frauen die Schlüssel, aber vielleicht ist er die Frau in der Beziehung." Sie schmunzelte und schien sich dann wieder an Azar zu erinnern. "Vielleicht finden wir noch heraus, zu was dieser Schlüssel gehört.. Was wollte dein Verehrer denn?"

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Sa, 02. Apr 2016 17:31
von Azar
„Hör zu Azar, du verkommenes Stück Kamelscheisse.“ Angewidert wich Azar einen halben Schritt zurück und streckte den Arm abwehrend voraus, als der von Yára angekündigte Besucher den Abstand erneut verkleinern wollte, war dessen Mundgeruch doch schier unerträglich. „Wir wollen nicht das du uns hinterher spionierst, also vergiss besser dein verdammtes Abwasserprojekt oder wir sorge dafür, das du endgültig in irgend einem Jaucheloch verschwindest.“ „Wo-…“ begann Azar, doch der Andere unterbrach ihn, deinen Arm beiseite schlagend und ihm wieder näher rückend. „Woher ich das weiß? Wir haben so unsere Informationen!“ Azar neigte würgend den Kopf zur Seite. „Also wenn Hâzam das Beste ist, das ihr zu bieten habt, hab ich wohl nichts zu befürchten – außer vielleicht deinen Mundgeruch. Lass mich los, verdammt!“ wurde Azar zum Schuss laut um dann wieder leiser zu werden als der Dieb vor ihm ihn wie ein glühendes Stück Eisen wieder fahren ließ.„Ich warte schon seit über einer Stunde darauf, das wer eintrudelt. Oder hast du zwischendurch nach frischer Minze gegen deine furchtbare Mundfäule gesucht. Ich hätte dafür vollstes Verständnis.“ Azar grinste zufrieden. Der Griff des Anderen um sein Revers hatte sich bereits einen Sekundenbruchteil bevor Azar laut wurde um eine Winzigkeit gelockert, und zwar als Azar den Namen Hâzams genannt hatte.

"Azar, was brauchst du denn so lange? Ich warte die ganze Zeit auf dich! Oh, entschuldigt. Und Ihr seid?" Azar grinste breit als der Andere, so überrumpelt, stammelnd plötzlich das Weite suchte und schüttelte, immer noch breit grinsend den Kopf auf Yáras wohl auch kaum ernst gemeinte Frage ob sie denn störe. Irgendwas schien ihm regelrecht im Halse festzustecken und solcherart die Sprache zu rauben. Aber erst als Yára weiter in diesem so gekonnt beiläufigen Tonfall die Mannbarkeit ob eines anscheinend ergaunerten Schlüssels des fluchtartig verschwunden seinenden Mannes in Frage stellte, wurde ersichtlich was Azar so quer im Halse stak und sich nun aber Bahn schuf. Ein tiefes schallendes Lachen entrang sich Azars Kehle während der Dieb gerade mit einem letzten Besucher des Festes zusammenstoßend in der Halle des Wassers verschwand. Es brauchte eine gute Minute, ehe der sich zwischenzeitlich auf seine Knie abgestützt haben müssende Azar soweit beruhigt hatte, sich die Tränen aus den nach wie vor geschlossenen Augenwinkeln zu wischen und tief einatmend sich wieder Yára zuzuwenden. „Das war einfach köstlich Yára, köstlich!“

"Vielleicht finden wir noch heraus, zu was dieser Schlüssel gehört.. Was wollte dein Verehrer denn?" wiederholte die Diebin Yára ihre Frage, hatte Azar ob seines kürzlichen Lachanfalls Selbige nicht umgehend beantworten können, ja vielleicht noch nicht einmal gehört. Sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln wischend erwiderte Azar, nur langsam wieder ernst werden könnend, das der Dieb von jenen geschickt worden war die für die nächtlichen Zerstörungen am Aquädukt verantwortlich waren und das er Azar, nun sicher wüsste, das die Diebesbande des Mishúr-Viertels dafür verantw- „… und dann, du wirst es kaum glauben, aß er den halbverfaulten Aal, nur weil ich ihm gesagt hatte, das wäre in Menainon » d i e « Delikatesse!“ Diese letzten Worte waren den sich nahenden Priesterinnen geschuldet, welche in Azars Rücken aufgetaucht waren, ihn zu sprechen. Er erfuhr, das einer der Shihab-Priester unentgeltlich im Ifrit-Viertel zu unterrichten versprochen hatte, wenn das Schulhaus, ein kleiner Winkel in einem kaum mehr genutzten Warenlager hergerichtet und Lernmaterial, Griffel und Schreibtafeln etwa nur erst von der Münze bezahlt worden wäre. Außerdem gedachte man eine Hebamme zu bezahlen den Straßenkindern die Gefahren einer zu frühen Schwangerschaft, etwas Medizin und die Notwendigkeit häuslicher Reinlichkeit nahezubringen. Azar, hörte es gerne, winkte aber ab, als die Priesterinnen seine Entscheidung zu loben anfangen wollten. Um die Priesterinnen damit nicht gar zu sehr vor den Kopf zu stoßen, erfand Azar kurzerhand eine Mär, von wegen er seiner Begleiterin, die neu hier in der Stadt noch sei, unbedingt den alten Kartographen und Stadtkundler Ibrahim vorstellen wolle, ehe der seinen Laden schlösse um die abendlichen Feierlichkeiten auch zu besuchen.

„Tut mir leid Yára, aber ohne diese Ausflucht hätte ich mir wohl noch eine geschlagene halbe Stunde lang anhören dürfen welche Segensausschüttungen durch die Götter mir deswegen bis an mein Lebensende vergönnt wären.“ Mit einem „Darf ich mich bei dir unterhängen? So geht's schneller.“ hakte er sich ohne Hintergedanken bei Yára ein. Denn tatsächlich würde er, durch sie gelenkt, weit schneller noch durch die Stadt sich navigieren können. Vielleicht war die Diebin Yára tatsächlich noch ganz neu in der Stadt, vielleicht steckte sie aber auch einfach nur zu tief in eben jener Rolle drin. Eines aber wusste Azar inzwischen. Verglichen mit Hâzam oder gar der mundfaulen Schlüsselmeisterin wie Azar den zweiten Dieb inzwischen für sich tituliert hatte, war Yára einfach zu gut in ihrer Rolle. Nein, zu den Mishúr-Dieben zählte sie ganz sicher nicht. Und ihre Reaktion ob der Frage der Priesterin ob er nicht vielleicht der Sklave Azar wäre: Nein, zu den Habirib gehörte sie sicherlich auch nicht. Erstens hätten die keinen Dummkopf auf ihn angesetzt, der nichts über seine Zielperson wüsste und …irgendwie hatte Azar nicht den Eindruck eine Sklavenfängerin in der Gestalt Yáras vor sich zu haben. Andererseits: Die Habirib hatten die besten der besten aller Handlanger parat. Wenn die einen Lockvogel aussandten, würde er Azar es wohl als Letzter, wenn überhaupt, nur durchschauen.

‘Eine Fremde, eine Diebin oder eine Habirib? Was genau bist du, Yára, was genau bist du?’ Unausgesprochen trieben ihm diese Fragen durch den Kopf, als er an Yáras Seite, diese durch das Gewirr der Straßen Naradeshs lotste, immer mal wieder leise mit der Zunge dabei schnalzend. Etwa eine viertel Stunde Später standen Yára und er schließlich vor dem kleinen Kartenladen Ibrahims. Yára, um einiges schlauer bezüglich dessen was sich während ihrer Abwesenheit zwischen Azar und dem Dieb zugetragen hatte blickte gerade fasziniert auf eine große und detaillierte farbige Karte Naradeshs und mochte dabei aber weit faszinierter noch den Ausführungen Ibrahims über die verschiedenen Stadtviertel lauschen. Ibrahim war ein alter weißbärtiger Mann, der in früheren Jahren als Kartenzeichner für die renommiertesten Händler und, wie Azar ihr zuraunte, gar die Garde des Sultans persönlich gearbeitet haben sollte. „Ach, hör nicht auf den blinden Trottel, Kindchen. Die Leute erzählen viel, wenn ihnen langweilig wird. Aber es stimmt schon. Ich habe so einiges wohl schon gesehen.“ Der Mann war alt, schien Yára aber nicht halb so vertrottelt, wie er sich gab.

Doch nach kaum einer halben Stunde in dem kleinen Lädchen schmiss Ibrahim Yára und Azar tatsächlich, freundlich aber bestimmt, raus. Das Fest stand schließlich bald an. Und Azar, der gerne den Schlüssel ertasten wollte und Yára der Fairness aber auch warnen wollte, mit wem sie sich da angelegt hatte, wenn der Schlüssel dem Dieb etwa tatsächlich nur versehentlich aus der Tasche gefallen war, lud sie noch zu einem kleinen Mahl an einem nahen Straßenstand ein. Gebratenes Huhn auf kleinen Holzspießen gab es, dazu eine würzig scharfe Ananas-Sauce. Während des günstigen aber guten Essens erklärte Azar, etwas ab des Standes wie dafür aber zumindest recht ungestört, mit wem er sich da warum angelegt hatte. „Der Dieb wusste von Hâzam, von dem ich wiederum weiß, das er zu der Mishúr-Bande gehört. Und worum auch immer es ihnen geht: Sie meinen es ernst damit. Die Schlüsselmeisterin im Garten hat mich gewarnt das ich mit dem Gesicht nach unten in einer Jauchegrube mich wiederfinden würde, wenn ich nicht aufgäbe und das als Drohung ist für die Diebe aus dem Mishúr-Viertel eigentlich eine Nummer zu groß. - Ob nicht vielleicht doch die Habirib dahinter stecken?“ Verschluckte sich Yára wieder ob der Erwähnung der Sklavenjäger, scharrte unruhig oder hörte zumindest einen Augenblick das Schmatzen auf? Wenn ja, dann fiel es ihm Azar zumindest doch nicht auf. Also kein Spitzel der Habirib, der rausfinden sollte ob Azar ihnen Ärger bereitete? Oder doch einfach ein Gegenüber, zu gerissen für ihn? Er wusste es nicht. Aber die Stimme in seinem Inneren die ihn bisher eigentlich doch recht zuverlässig vor ernsten Gefahren gewarnt hatte, schwieg Yára gegenüber noch.

„Sag, was hältst du davon, wenn ich dir heute Abend noch die Orte zeige, wo man richtig gut feiern kann, hm? Ich muss nur noch schnell was erledigen, dann ins Badehaus und mich vorher einfach etwas frisch machen.“ Azar wollte einfach das Rätsel um Yára noch gelöst kriegen und da sie schon bewiesen hatte ihn zum Lachen bringen zu können, war das Nützliche mit dem Angenehmen so ja vielleicht auch zu verknüpfen?

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Di, 12. Apr 2016 12:48
von Yára
Grinsend verfolgte Yára Azars Lachanfall und stimmt dann selbst kurz mit ein, da seine Lache so offen und ehrlich war, dass sie gar nicht anders konnte. Die Tatsache, dass ihr ein guter Witz gelungen war, beflügelte sie zusätzlich. Azars Vermutung, die Diebesbande des Mishúr-Viertels betreffend, hatte sich also bestätigt. Doch auch jetzt blieb die Beraij, wie bei der Nennung der Bande vorhin, zurückhaltend und runzelte nur von Azar ungesehen die Stirn. Sollte sie wirklich Avrabêth verlassen haben, vor der Rache ihres alten Anführers flüchtend, nur um sich mit dem nächsten anzulegen? Andererseits hatte es dieser Hund einfach mal verdient, selbst bestohlen zu werden. Ihr Gespräch wurde schnell von den Priesterinnen unterbrochen, die scheinbar auch einen Sinn für Humor besaßen. Yára freute sich vor allem darüber, dass das Geld den Straßenkindern zugutekommen würde. Sie wusste am besten, dass diese Kinder es am meisten brauchten und zu schätzen wissen würden. Mit etwas mehr Glück wäre sie vielleicht in Naradesh geboren und alles wäre ganz anders gekommen, überlegte sie einen Moment.

Um den Gespräch mit den Priesterinnen zu entkommen, schob Azar vor, ihr die Stadt zeigen zu wollen. Yára lächelte die beiden Frauen unschuldig an und wandte sich dann mit Azar zum Gehen. Bevor er sich jedoch bei ihr unterhaken konnte, entschuldigte sie sich für einen Moment und tat etwas, das sie in der Vergangenheit nur sehr selten getan hatte. In der versteckten Tasche ihrer Tunika kramend, ging sie auf das vorhin bestohlene Mädchen zu, das verdrossen an der Seite des angelegten Weges saß. Das Mädchen sah sie mit großen fragenden Augen an, als sich die Diebin vor ihr hockte, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein, und Yára erkannte in den dunklen Augen so viele ihr bekannte Sorgen und Ängste, dass ihr für einen Moment der Atem stockte. "Das hier hast du vorhin verloren", meinte sie schließlich und deutete mit den Augen auf ihren Handrücken, über den sie einen Seyal von Fingerknöcheln zu Fingerknöchel wandern ließ und ihn schließlich dem staunenden Mädchen reichte. Diese nahm die Münze mit großen Augen entgegen und Yára erkannte ein kleines wissendes Lächeln auf den spröden Lippen. "Pass‘ auf dich auf und lass‘ dich niemals unterkriegen."

Wenige Minuten später verließ sie mit Azar an ihrer Seite den Garten und das Badehaus. Sie erwartete, dass er sie nun höflich, aber bestimmt sich selbst überlassen würde - Es hat mich gefreut, deine Bekanntschaft zu machen, aber ich habe noch eine Verabredung und darf nicht zu spät kommen. So etwas in der Art. Aber zu ihrer Überraschung lief er einfach immer weiter und nichts dergleichen kam ihm über die Lippen. Yára, die ihm gerne zuhörte und die Gebäude und Bewohner der Stadt musterte und beobachtete, ließ sich daher von dem Blinden durch die Stadt führen und von dem Gespräch zwischen ihm und der Schlüsselträgerin erzählen, während sie die feinen Korrekturen des Weges übernahm. Als er den Mundfaulen zum ersten Mal so betitelte, musste Yára vergnügt auflachen und gestand Azar zu, dass sein eigentlicher Name mit Sicherheit nicht an seinen neuen Taufnamen heran reichte.

Als sie stehen blieben, stellte Yára überrascht fest, dass er den Weg zum Kartographen nicht nur vorgeschoben hatte, sondern sie nun tatsächlich vor seinem Laden standen. Sie hatte wohl keinen allzu schlechten Eindruck bei Azar hinterlassen und freute sich ehrlich, etwas Zeit mit jemand wie ihm verbringen zu können und die Stadt besser kennenzulernen. Ibrahim war ihr direkt sympathisch und hatte allerlei zu erzählen. Flink huschten Yáras Augen über die Karte von Naradesh und sie versuchte krampfhaft ihren aktuellen Standort auf der Karte auszumachen, doch dafür war Ibrahim nötig, der wohl Gedanken lesen konnte und ihr mit jedem Fingerzeig einen neuen Ort Naradeshs und die Details dazu nannte. Er schien ein ungeheures Wissen zu besitzen, das sicher nicht nur Naradesh umfasste, da war sich Yára sicher. Nach ein paar Tagen in seinem Laden würde sie die Stadt wohl in und auswendig kennen, vermutete sie. Doch die halbe Stunde reichte aus, um ihren Kopf schwirren zu lassen, sodass sie sogar etwas froh war, wieder an die Luft zu treten, die zwar wärmer, aber frischer war als der Geruch nach alten Büchern und Karten im Inneren. Sie bedankte sich ehrlich bei dem alten Mann und wurde dann abermals von Azar überrascht, der sie zum Essen einlud.
Yára nahm die Einladung mit einem fast unsicheren Danke an, da sie so viel Offenheit gar nicht erwartet hatte. Genüsslich knabberte sie an dem Hühnchen, während sie Azar zuhörte und nun, da sie ihm direkt gegenüber stand, noch einmal eingehender musterte. "Hm", meinte sie unentschlossen zu der Drohung der Schlüsselträgerin, ehe sie das Stück Hühnchen zerkaut und runtergeschluckt hatte. "Weißt du was, Azar? Das Ganze stinkt doch bis zum Himmel. Wer so eine große Sache aus ein paar Fragen macht.. Ich wette, da steckt etwas Größeres hinter und was das angeht, da kann man sich auf meinen Instinkt verlassen." Zum einen war tatsächlich ihre Neugierde geweckt und zum anderen interessierte es sie brennend, zu welchem Schloss der Schlüssel gehörte. Und wer wüsste dies besser, als die Schlüsselmeisterin selbst. Wenn sie mit Azar an ihr dran blieb, würde sich dieses Geheimnis bestimmt lüften.

Bevor sie sich einen Plan überlegen und Azar vorschlagen konnte, lud dieser sie auch noch zu einem gemeinsamen Abend ein. Yára glaubte zuerst, sich verhört zu haben, auf ihrem Gesicht und kurz darauf in ihrer Stimme war die Begeisterung darüber jedoch klar erkennbar. Zwar kamen jetzt die fadenscheinigen Bemerkungen, dass er noch etwas zu erledigen hätte, die sie vorhin erwartet hatte, aber wenn er es nicht ernst meinte, wieso hatte er dann ein gemeinsames Treffen am Abend überhaupt vorgeschlagen? "Es würde mich sehr freuen, Azar. Dann kannst du mir alles zu den Mishúr-Dieben und diesen Habirib erzählen, denn scheinbar habe ich noch viel zu lernen", meinte sie mit einem Schmunzeln. Als sie den Namen der ihr unbekannten Organisation aussprach, drückten ihre Worte völliges Unwissen über diese aus. Sie ahnte nichts von Azars Misstrauen ihr gegenüber und hätte er ihr seine Bedenken offen geäußert, hätte sie sich wahrscheinlich darüber amüsiert, dass er sich so einen Kopf wegen ihr machte.

Später am frühen Abend stand sie erneut vor Ibrahims Laden und wartete auf ihre Abendbegleitung. Yára hatte diesen Treffpunkt vorgeschlagen, da sie glaubte, diesen auf jeden Fall wiederfinden zu können und sich nicht die Blöße geben wollte, sich an einem ihr bisher unbekannten Ort zu treffen, den sie dann womöglich nicht fand. Die paar Stunden bis zum Abend nutze sie zunächst einmal dafür, um den Rückweg zu ihrem Unterschlupf zu finden, wobei sie sich den Weg genauestens einprägte, auch wenn es sie ein paar Umwege und Nachfragen an ihre Mitmenschen kostete, bis sie endlich den Weg zurück gefunden hatte. Sie besaß für den Abend genug Geld, sodass sie die Zeit nutzte um sich etwas auszuruhen. Danach schöpfte sie Wasser aus dem Brunnen im Hinterhof und erfrischte sich damit, da sie sich bei einem Besuch des Badehauses vermutlich nicht sehr wohlfühlen würde. Sie hatte es Azar gegenüber nicht erwähnen wollen, aber Badehäuser kannte sie bisher nur von außen und aus Erzählungen. Es erschien ihr in ihrer Vorstellung zwar gemütlicher, aber auch komplizierter als der bewährte Weg des Frischmachens. Sie klopfte sich sogar den Staub und Dreck aus den Kleidern, die sie schon den ganzen Tag getragen hatte und versuchte einen nicht ganz so schmutzigen Eindruck zu hinterlassen. Dann machte sie sich früher als notwendig zu dem Treffpunkt auf, da sie zum einen nicht wusste, was sie sonst tun sollte und zum anderen die Zeit nutzte, um gemütlich durch die Straßen zu schlendern. Die Finger behielt sie dabei brav in ihren Taschen. An einem Straßenstand mit gläsernen Phiolen beobachtete sie eine Frau, die ein kleines Fläschchen vom Verkäufer entgegen nahm, ihre Handgelenke mit ein paar Tropfen daraus betupfte und an dem aufgetragenen Parfüm roch. Yára kam interessiert näher, doch als der Händler sie erblickte, scheuchte er sie mit einem "Scher‘ dich weg." und einer entsprechenden Handbewegung davon. Einige besaßen eben doch noch ein intuitives Bauchgefühl, vor dem sich Yára lieber in Acht nahm. Und so stand sie eine Weile später, ausgeruht, erfrischt, aber unparfümiert neben Ibrahims Laden. In der kleinen Straße herrschte im Gegensatz zu vorhin reges Treiben. Die Menschen sahen glücklich aus, viele trugen farbenfrohe Kleidung, hatten ihre Gesichter mit bunten Farben geziert oder trugen Masken, die das Götterpaar darstellen sollten. Der Menschenstrom bewegte sich in Richtung Westen, aus der aus der Ferne auch laute Musik zu vernehmen war, die von den rhythmischen Schlägen auf Trommeln begleitet wurden. Bald schon entdeckte Yára Azar an dem Rand der Straße und lief zu ihm hinüber um ihn gut gelaunt zu begrüßen.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Fr, 15. Apr 2016 14:59
von Azar
Auf dem Weg zurück zu seinem Mitbruder, er wollte wachend die Nacht am Aquädukt zubringen, spürte Azar plötzlich einen unvermittelten Druck auf Höhe des Bauchnabels und sah sich harsch ausgebremst. „Hier ist gesperrt Dummkopf, das siehste doch.“„Aeh, nein?“„Ach so, du willst mir dumm komme? Kannste haben, du…“„Nein, ich wollte nur sagen, das ich das nicht sehe, weil ich blind bin.“ Die sich um den Beschlag seines Umhangs gewunden habende Faust entspannte sich darauf wieder, und mit ihr auch Azar. „Oh 'tschuldigung, habbich nicht gesehn.“ Es zeigte sich das eine der Straßen, die Azar queren wollte, inzwischen für einen baldigen Festtagsumzug mit Seilen abgesperrt worden war. „Aber wenn du da hinten rechts abbiegst und dann die dritte Stra-...“ Als Azar aus ersichtlichen Gründen dem ausgestreckten Arm des ihn gerade eine Umleitung entlang weisen wollenden Mannes so gar nicht folgte, erkannte auch der Sprecher die Sinnlosigkeit seines Tuns. „Du kannst mich nicht einfach kurz durch die Absperrung lassen und –“ Doch der Andere, erst so vehement wie ungesehen den Kopf geschüttelt habend, erkannte wieder erst an Azars Nichtreaktion die Unsinnigkeit seines Handelns und griff diesem darum an die Schulter, Azars Redefluss zu unterbinden. „Die Priester haben den Weg bereits gereinigt, es wurden schon Rosenblätter ausgestreut und wenn ich auch nur einen Menschen durch lasse hat man mir 20 Stockhiebe versprochen.“ Azar zuckte bei den letzten Worten merklich zurück. „Du bist ein… Sklave?“„Ein Tempelsklave, ja. Aber es gibt schlimmere Schicksale.“ meinte sein Gegenüber erschreckend lapidar, rief dann aber einen Anderen herbei. „Hör mal, der blinde Mann hier muss auf die andere Seite der Straße und wenn ich dafür auch noch so viele Stockschläge krieg, ich kann dem ja wohl kaum zeigen wo er lang muss, wenn der nicht mal die Hand vor Augen sieht, nich'?“ Der Andere, auch nur ein abbestellter Tempelsklave, erklärte sich bereit ersteren Sklaven zu entschuldigen und meinte noch – sehr zu Azars Erleichterung – das die Priester das sicher sogar gut heißen würden, statt darob an Strafe etwa zu denken.

So kam es, das Azar nun endlich einmal so hilflos wie man es von einem Blinden erwarten durfte, oder doch zumindest beinahe, sich der Führung des Anderen anvertrauen musste. Eine Straße zurück, ging es in eine kleine Gasse, an deren Ende eine hölzerne Tür sich fand. Dahinter fand sich ein öffentlicher Hof, der mit Dattelpalmen, Feigenbäumen und gar einem kleinen Fischteich ausgestattet war. An dessen rechter Seite ging es eine geländerlose Treppe hinauf und über ebenfalls der Öffentlichkeit frei zugängliche Flachdächer. Erst als es über zwei breite Holzplanken gehen sollte, die gesperrte Straße lag gut drei Meter unter Ihnen, kamen Azar und der andere Sklave ins Stocken. Doch nach mehrmaligem Schnalzen was den Azar begleitet habenden Sklaven erstaunt fragen ließ, wie ein ehemaliger Sklave – Azar hatte im Gespräch auf dem Weg hierher ein wenig von sich erzählt – sich diese teure Schulung durch die Priester hatte leisten können, beschloss Azar es zu versuchen. Die Balken waren stabil und Kinder und Frauen liefen unbekümmert an ihm vorüber und über die Planken hin und her. Doch für Azar sorgte Firuz, der ihn führende Tempelsklave für Ruhe, das Azars Orientierung nicht durch unnötiges Geschnatter gestört würde, und hielt die anderen Passanten dazu noch an, abzuwarten während Azar die Straße querte. Man hörte mehrkehlig das plötzliche Ausstoß des bis dahin angehaltenen Atems der Beobachter, als Azar schließlich unbeschadet auf dem anderen Häuserdach ankam, drei weitere Häuserdächer querte und dann eine scheinbar fest verkeilte stabile Holzleiter hinab stieg. Firuz führte Azar noch zu der gesperrten Straße zurück, das der den weiteren Weg ab da wieder alleine dann fände und Azar bedankte sich nochmals ausgiebig bei den, einen ihrer Sklaven bereits vermisst habenden, Priestern. Doch war dies insofern gar nicht nötig, als dass die Priester ihrem Sklaven keinen Vorwurf machten, sondern vielmehr dessen Eigeninitiative in diesem Falle gar vollkommen gut doch hießen.

Dennoch blieb Azar noch gut fünf Minuten unbewegt an einer nahen Hauswand stehen und versuchte sich den Weg mittels einer Geschichte einzuprägen. Dann schließlich kam er reichlich atemlos bei seinem Vorarbeiter an und berichtete diesem von seinen bisher gesammelten Erkenntnissen. „Und die Diebin hat tatsächlich einem Kind etwas geschenkt, das sie gar nicht kannte?“„Einen Seyal, ja. Das sagte mir zumindest die Priesterin Fatach die neben mir stehend das beobachtete.“„Schade das sie eine Diebin ist. Sonst könnte man sie doch fast mal zu einer der Quellen hier einladen. So jemand gäbe sicher eine gute Mitschwester ab.“ Azar zuckte indes nur mit den Schultern. Zuerst einmal war noch gar nicht bewiesen, dass Yára, deren Beschreibung oder gar Namen er indes nicht genannt hatte, eine Diebin überhaupt war und zum Anderen: „Wo steht geschrieben, das es nur einen Weg gibt Gutes zu tun?“ Der Vorarbeiter lachte nur ob jener Worte und bat Azar weiterhin am Ball doch zu bleiben. Wieder hastete Azar so schnell gen seinem Zuhause, das er sich einmal verlief und nur dank einer Schar freundlicher Straßenkinder wieder auf den rechten Weg zurück fand, erst zuhause bemerkend, das sein Geldbeutel ob des Zusammentreffens einen sauberen Riss erhalten hatte, durch den gut sieben Seyal die Flucht in die Freiheit wohl gelungen zu sein schien. Erleichtert, nie alles Geld am Mann und selbst da nicht in nur einer Tasche zu tragen, prüfte er die in seinem Umhang noch befindlichen zwei Taschen. Doch der Besitz war erfreulicherweise nicht einmal auch nur angerührt worden. „Feiert schön!“ grinste Azar und ging zu einem weit ärmlicheren aber dafür im Ifrit-Viertel beheimateten kleinen Badehaus. Er musste etwas warten, bis einer der Heißwasserzuber frei, gereinigt und neu befüllt war. Dort fand er die alte Fathil am Eingang, die Besucher empfangend, vor und als er den aufgeschnittenen Beutel vorsichtig hervor holte, das nicht noch mehr Münzen die Flucht in die Freiheit gelang und für den Besuch des Bades bezahlte, sah Fathil den Schnitt und bot umgehend an den Riss zu nähen während er badete. So verließ Azar nach einem ausgiebig langen Bad, sauber und mit ebenfalls gereinigten Kleidern, sowie mit feinem Zwirn geflickter Geldbörse schließlich das Badehaus. Für eine Massage der verspannten Muskulatur hatte es zeitlich zwar dann nicht mehr gereicht, aber so schlenderte er nichtsdestotrotz, gut gelaunt mit einen Miswāk-Zweig noch die Zähne sich putzend, gen Ibrahims Laden.

Den Weg über die Häuserdächer fand er indes dennoch wieder nur mit fremder Hilfe, da allüberall inzwischen bereits laute und von wiederkehrenden Pauken- und Trommelschlägen begleitete Festlichkeiten stattfanden, dass sein Schnalzen beim besten Willen nicht mehr den leisesten Nutzen ihm brachte. Doch schließlich hörte er seinen Namen rufen und Yára fand sich plötzlich neben ihm ein. Wenig andere Wahl hatten die Beiden, denn dem Feststrom zum Tempel hin zu folgen und derweil Azar sich dieses Mal wieder bei Yára einhakte und in der Menge wie eh und je erstaunlich sicher sich doch zu bewegen schien, bemerkte Yára doch, das er anders als am Tage immer wieder einmal Yára darum bat, die gegenwärtigen Örtlichkeiten zu beschreiben, ehe er etwas zu diesem oder jenem Bauwerk, respektive Straßenzug zu berichten wusste. Auch hatte Azar den Yára schon negativ aufgefallen seienden Tick allüberall mit der Zunge zu schnalzen, fürs Erste scheinbar aufgegeben. Indes bat Azar Yára aber darum, doch einen Blick auf etwaige Verfolger zu haben. „Aber lass dir den Spaß darüber nicht verderben, heute ist ein Tag, der gefeiert gehör-“„Hey Azar, wie kommt's, das das du uns deine Freundin noch nicht vorgestellt hast?“ Schallendes Gelächter von einer, die gut 20-jährige, wie offensichtlich wohlhabende Frau begleitenden Schar junger Männer und Frauen scholl Azar und Yára entgegen. „Verzeihung, mein Lästerschwein, aeh Schwesterlein, will sagen meine Spielgefährtin und Herrin aus Kindheitstagen, hatte schon immer einen recht konfrontativen Humor.“ sprach Azar vernehmlich an Yára gewandt. Seine Worte die, anders als bisher Yára gegenüber, kalt und gelehrig gesetzt waren, brachte die Begleiter Mirjams mit einem Schlag zum Schweigen. Kalt, herablassend und abweisend blickten ihm die Kinder aus reichen Häusern entgegen, doch Mirjam schenkte ihm nur eine herzliche Umarmung. Lachend meinte sie sie nur: „Nein im Ernst, Azar. Wer ist die schöne Frau an deiner Seite?“ Als einige ihrer Begleiter ob der offensichtlich ärmlichen Kleidung Yáras wieder eine böse Spitze vermutend zu lachen ansetzten, wandte sich Mirjam indes nur mit einem eisigen Blick zu diesen um.

Da Azar ob des Verhaltens der Anderen auch ihm gegenüber gerade etwas überfahren schien, was ihn wiederum selbst merklich erstaunte, wandte sich Mirjam mit einem offenen und freundlichen Lächeln an Yára und stellte sich selbst als Mirjam und, wie Azar eben erklärt hatte, Spielgefährtin aus Kindheitstagen vor. „Azar hat während seiner Kindheit in unserem Hause gelebt, ist mit mir zusammen groß geworden und ist auch heute noch immer bei uns willkommen. Und was für ihn gilt, gilt in meinem Falle auch für alle seine Freunde. – Wir reden später noch mal in Ruhe, Azar, ja? Im Tempel…“ und hier flüsterte Mirjam so leise, das nur Azar und situationsbedingt die neben stehende Yára noch verstehen würden. „Im Tempel werden wir nach Familien“, hier blickte sie andeutend mit den Augen zu der Gruppe hinter sich, als wenn sie vergessen hätte, das Azar diese Geste nicht würde bemerken können. „…aufgeteilt, uns dem letzten Festakt widmen. Wenn du, wenn ihr“, hier lächelte sie Yára neugierig an. „wollt, seid hiermit herzlich eingeladen. – Avar würde sich freuen.“ meinte Mirjam nun wieder keck und Azar, die Augen innerlich verdrehend, meinte nurmehr seufzend. „Du fieses, kleines Lästerschwein…“ Doch Mirjam, die Blicke zwischen Yára und ihren eigenen Begleitern sehr wohl bemerkt habend, verabschiedete sich indes rasch wieder, wollte die allgemeine Stimmung offenbar nicht noch weiter kippen lassen. „Mirjam ist schon in Ordnung,“ wandte sich Azar an Yára. „ein fieses Biest manchmal, aber immer da, wenn man sie wirklich braucht.“ Erst langsam begriff er was ihn eben so aus der Haut hatte fahren lassen, zumindest gemäß seines gewöhnlichen Verhaltens. Es war, weil dieses mal nicht ihm der Spott der Freunde Mirjams galt, sondern jemand Unbeteiligtes indirekt in der eigenen Ehre sich möglicherweise gekränkt fühlen mochte und das wiederum auf Azar dann zurück fiel. „Ich entschuldige mich dafür, sollte deren Verhalten dich verletzt haben.“ Mirjam meinte es nicht wirklich böse, die sie begleitet Habenden aber dafür umso mehr. Und dennoch: Er brauchte ganz offensichtlich eine Auszeit, ging es doch nicht an, das er Anderen derart Paroli zu bieten wagte. „Ah, schau her!“ zog er Yára dann aber wieder weiter, zu einem Geschichtenerzähler, der gerade ein Rätsel vortrug, für dessen Lösung der Erste der diese heraus fand, wahlweise einen elfenbeinernen Kamm oder aber ein mit einem ebensolchen Griff versehenes kleines Rasiermesser zu gewinnen vermochte. Viele solcher Aktionen fanden heute wohl allüberall in Naradesh statt, wobei die Gewinne und/oder Geschenke meistenteils von wohlhabenden Gönnern stammten, die sich darob das Wohlwollen der Götter, respektive Priesterschaft für das kommende Jahr zu garantieren versuchten.

„Also noch einmal: Die schöne Kräuterfrau Kaala, von der ja bekannt ist, das sie eine alte und böse Winddämonin, eine Djinna ist, war eines heißen Tages auf den Weg zur Akademie der Heiler, einige ihrer magischen Tinkturen dort zu verkaufen. Als sie jedoch auf der großen Brücke über den Furat kurz anhielt, mit einer dort zufällig angetroffenen Freundin über den starken Borakäferbefall in der Oase zu reden, preschte ein Bote des Sultans eilig vorüber und ein Fuß seines Dromedars verfing sich versehentlich in einem Riemen des von ihr kurz abgestellten Sackes und wirbelte diesen über die Brüstung hinweg und in den Fluss. Der Bote, bemerkt habend wem er da gerade Schaden zugefügt hatte, hielt erschrocken inne, bat um Entschuldigung und versprach selbstverständlich im Namen des Sultans, in dessen Auftrag er gerade unterwegs war, sämtliche zerstörten Flaschen zu bezahlen. Doch Kaala brodelte vor kaum unterdrückter Wut, ob der viele Monde gedauert habenden, wie nun so gänzlich vergeudeten Zeit des Brauens. »Gut,« sprach sie darum wütend. »Aber ich weiß nicht mehr genau wie viele Flaschen in dem Sack waren.« Ich weiß nur das ich sie während des Reifens mehrmals von einem Sack in den Anderen sortierte und das wann immer ich sie zu Zweien, zu Dreien, zu Vieren, zu Fünfen oder zu Sechsen umsortierte, am Ende eine einzelne Flasche übrig blieb. Erst als ich zuletzt jeweils sieben Fläschchen von einem Sack in den Anderen tat, blieb keine Flasche mehr übrig. Bezahlst du mir nun für jedes Fläschchen 10 Seyal, dann will ich dir vergeben und verspreche sogar noch, alle Borakäfer der Oase in die Wüste mitzunehmen. Zahlst du nicht, oder zahlst du mir zu wenig, dann soll mein Zorn die gesamte Stadt treffen.« Der Bote hat die richtige Summe bezahlt und damit Kerker oder Tod umgangen. Wenn auch nur einer von euch die richtige Antwort mir gleichfalls weiß, so soll“ Der Geschichtenerzähler wies auf den teuren Kamm und das nicht minder wertvolle Rasiermesser. „… eines dieser Präsente aus den Privatgemächern des Sultans Amjad ibn Akin ibn Thaaqib al Farhaan höchst selbst, fortan Euer nun sein. Nur zu, wer mir die Antwort weiß, der Trete vor. – Also noch einmal: Die schöne Kräuterfrau Kaala, von der ja bekannt ist, das sie eine alte und böse Winddämonin, eine Djinna ist, war eines heißen Tages auf den Weg zur Akademie der Heiler, einige ihrer magischen Tinkturen dort zu verkaufen, als sie…“

Azar, vielleicht auch weil er der ausgestellten Kostbarkeiten nicht gewahr war, grübelte kurz einen Moment, befand die Aufgabe dann aber für doch zu schwer und schickte sich an, sollte Yára sich nicht dort noch beweisen wollen, weiter zu gehen. Da er nicht, wie viele Andere dort, wild drauflos raten mochte und die Lösung indes anscheinend nicht wusste, würde er, sollte Yára noch bleiben wollen, versuchen zu ergründen, ob er nicht trotzt seiner sehr beschränkten Sinne etwaige Verfolger vielleicht bemerkte. Doch sollte die Schlüsselmeisterin etwa wieder in der Nähe sein, so beteiligte sie sich nicht an dem Gerate, glaubte Azar jene Stimme doch wiedererkennen zu können, noch schien sie dann nahe genug, sich durch ihren überwältigenden Mundgeruch etwa zu verraten.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Do, 05. Mai 2016 17:51
von Yára
Leuchtend beobachteten Yáras Augen ihre Umgebung, die bunt gekleideten Menschen, die geschmückten Häuser und Straßen, die Musiker, die bald in der Ferne zu erkennen waren und viele weitere Details. Begeistert erzählte sie ihrem Begleiter davon, der bald den Eindruck bekommen musste, dass Yára so einen Straßenzug wie diesen hier bisher nicht oft oder sogar niemals erlebt hatte. Obwohl sie sich kaum kannten, war die Diebin in seiner Nähe ziemlich entspannt und stellenweise euphorisch ob dem bunten und fröhlichen Treiben, das um sie herum herrschte. Daran konnten auch die Gedanken an die Schlüsselmeisterin nichts ändern. Ganz Naradesh war heute auf den Straßen, eine zufällige Begegnung war auszuschließen. Und dass er sie verfolgt hatte und immer noch verfolgte, bezweifelte sie stark. Sie war sich sicher, als er mitbekommen hatte, dass der Schlüssel fehlte - falls es ihm bis jetzt überhaupt aufgefallen war -, waren sie schon längst über alle Straßen gewesen. Azars Bitte, einen Blick auf etwaige Verfolger zu haben, wollte sie daher wörtlich abwinken, sobald er zu Ende gesprochen hatte, doch soweit kam es erst gar nicht.
"Hey Azar, wie kommt's, dass du uns deine Freundin noch nicht vorgestellt hast?" Yára nahm die Frau vor sich, die plötzlich aus der Menge vor ihnen aufgetaucht war, in Augenschein und spätestens als ihr Blick auf die Männer fiel, die sie begleiteten, meldete sich ihr Instinkt, was allein Azar wahrnehmen konnte, da sich ihre Muskeln unweigerlich und völlig unbewusst anspannten, als würde eine Gefahr von der Gruppe ausgehen oder zumindest Vorsicht nun angebrachter als Nachsicht sein. Auch als Azar die Beziehung zwischen sich und der Frau aufklärte, ruhten Yáras Augen allein auf dieser und ihren Begleitern. Der Tonfall seiner Stimme bestätigte indes ihren ersten Eindruck und als Mirjam ihren Bruder umarmte - noch nie hatte sie gehört oder miterlebt, dass ein Sklave so von jemanden aus dem Haus seiner Herren behandelt wurde - verfinsterte sich Yáras Blick als sie sah, wie die Männer in diesem Augenblick Azar betrachteten. Das entsprach schon eher den Reaktionen, die sie kannte.
"Nein im Ernst, Azar. Wer ist die schöne Frau an deiner Seite?"
Yára musste sich wahrlich Mühe geben, die Worte so aufzunehmen, wie sie vom Tonfall ausgehend vermutlich gemeint waren. Mirjams Worte waren herzlich gesprochen, aber wie ihre Begleiter, deren Gesichtsausdrücke ihr natürlich nicht entgingen, vermutete auch sie eine Anspielung dahinter. Allein Mirjams anschließender eisiger Blick zu den Männern ließ sie an dem Scherz zweifeln und schließlich antworten: "Yára ist ihr Name."
Es gelang ihr kaum die Unbefangenheit Mirjams anzunehmen, stattdessen trat sie unruhig von einem Fuß auf den anderen. Die tuschelnden Männer im Hintergrund schien sie mit ihren starren Blicken nur zusätzlich zu amüsieren und jede Faser ihres Körpers schrie danach, hier endlich zu verschwinden. Entsprechend froh war sie, als die Gruppe ihrer eigenen Wege ging und sie nicht noch auf die Idee kamen, sich ihnen anzuschließen. Sie fragte nicht nach, wer Avar war, aber nur, weil sie sich das schon allein wegen Mirjams Tonfall denken konnte. Jemand, der sich sehr über eine weibliche Begleiterin des Blinden freuen würde - und da kamen nicht besonders viele in Frage. Wenn sie Glück hatte würde sie dies wohl auch nie mit Sicherheit erfahren - denn eigentlich konnte sie gut auf ein weiteres Zusammentreffen mit diesen Männern und vor allem mit Azars vor falscher Erwartung fröhliche Familie verzichten. Doch ihm gegenüber ließ sie dies unerwähnt, wollte sie doch nicht unnötig unhöflich erscheinen.

Azar spürte, dass sie sich nur allmählich wieder entspannte und als er sich für das Verhalten der Gruppe entschuldigte, erwiderte sie nur ein trockenes: "Deine Schwester hat interessante Freunde." Doch nicht nur das Wort 'interessant' sprach sie dabei mit einer eigentümlichen Betonung aus, sondern auch das 'Schwester'. Es war ihr deutlich anzuhören, dass sie große Zweifel an diesem Bruder-Schwester-Ding hatte, und sie versuchte auch nicht, daraus einen Hehl zu machen. Jemand aus reichem Haus, der einen Sklaven so begrüßte wie Mirjam es getan hatte - Yára war sich ziemlich sicher, dass zwischen den beiden mehr war oder früher gewesen sein musste. Azar schaffte es, sie sowohl von diesen Gedanken als auch von der Begnung mit Mirjam und ihren Begleitern abzulenken, indem er sie einfach zu einem Geschichtenzähler zog, der ein Rätsel für die Menge vorbereitet hatte. Yára blieb einige Augenblicke überlegend stehen, beschloss dann aber, dass sie so schnell wohl nicht auf die Lösung kommen würde. Mit Zahlen konnte sie sowieso nicht recht umgehen und obwohl sie für viele Wettkämpfe zu haben war, musste sie einsehen, dass sie das Rätsel wohl kaum würde lösen können. Viel mehr als des Rätsels Lösung reizten sie die beiden Preise aus dem Besitz des Sultans, die zu recht so hoch angepriesen wurden. Doch das hier war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit dafür. Vielleicht, wenn sie sich hier erst richtig eingelebt hatte und sich den Sultanspalast näher angesehen hatte, überlegte sie in einem kurzen Moment des Größenwahnsinns, ehe sie sich mit Azar zum Weitergehen wandte.

Immer wieder kamen sie an Leuten vorbei, die am Straßenrand Essen und Trinken verkauften. Darunter auch ein besonderes Getränk aus Rosenwasser, Sultanien, Aprikosen, Nüssen und Zucker, das stets zu diesem Ehrentag zubereitet und von der Bevölkerung getrunken wurde, wie sie erfuhr. Auf einem Platz an dem sich mehrere Straßen kreuzten, führte eine Gruppe aus sechs hübschen und freizügig gekleideten Frauen einen eindrucksvollen Tanz aus flinken und gelenkigen Bewegungen auf. Zu dem rhythmischen Finale kamen ebenso viele Männer in die Mitte und tanzten zunächst leidenschaftlich mit den Frauen, die sie dabei fast schon akrobatisch in die Lüfte hoben und wieder sicher auf den Boden absetzten. Später traten die Tänzerinnen in den Hintergrund und überließen die Fläche den Männern, die nun Säbel aus ihren Hüllen zogen und mit den sirrenden Klingen einen ganz besonderen Tanz darboten. Schnell und zielsicher wirbelten sie mit den Schwertern in ihren Händen über den Platz und ernteten begeisterten Beifall und Zurufe. Yára versuchte zuerst Azar in Worte zu fassen, was sie dort sah, doch die Begeisterung über das Spektakel ließ sie schließlich das Reden vergessen. Nachdem der Tanz geendet und die Menge halbwegs beruhigt war, kündigte die Gruppe eine kleine Pause an. Daraufhin traten unter tosenden Applaus jüngere Frauen mit kleinen Schalen in der Händen in die Zuschauerreihen, um sich die Darbietung zusätzlich mit Münzen entlohnen zu lassen.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Sa, 07. Mai 2016 17:17
von Azar
"Yára ist ihr Name." Mirjam betrachtete Yára aus berechnend kalten Augen, doch ihre von einem süffisanten Lächeln und einem leichten Neigen des Kopfes begleitete Erwiderung „Mirjam“, klang erstaunlich sanft. "Deine Schwester hat interessante Freunde." Azar zuckte auf Yáras Feststellung hin nur gleichmütig mit den Schultern. „Sie ist ein Biest und ihre Freunde nur ihr Spielzeug. Männer und Frauen, die glauben sie für ihre eigenen Machtspielchen missbrauchen zu können.“ Azar lachte lieblos, nicht ahnend mit dieser Äußerung möglicherweise Yáras Verdacht gerade bestärkt zu haben, das zwischen ihm und Mirjam etwas gelaufen sein mochte und er nur darum so bitter über ihre ja auch männlichen Begleiter wie aber auch sie selbst geurteilt hatte. „Ich mag ihren Umgang nicht, noch ihre Spiele. Aber sie hat das Herz schon am rechten Platz.“ Mit diesen Worten schien für Azar die Sache erledigt und wenn man es nüchtern betrachtete, waren er und Yára sich einander ja auch recht fremd, insofern seine Familienangelegenheiten wohl tatsächlich nicht so wirklich ein angemessenes Thema doch waren. Zwar hatte er Yára daraufhin auch schnell abgelenkt, indem er sie zu dem Geschichtenerzähler hinübergezogen hatte, doch schien er ab da mit den Gedanken stets halb in weiter Ferne wo zu weilen. Zuerst einmal hatte ihn die Abfälligkeit ihrer ‘Freunde’ getroffen, auch wenn er sich das nicht anmerken lassen wollte. Er hatte schon vielfach mit Mirjam über ihren Umgang gestritten, wie wohl kaum ein Sklave, ob nun freigelassen oder nicht, je mit einer Herrin zu streiten gewagt hatte. Doch letztendlich hatte er eingesehen, das sie im Recht und er im Unrecht war. In den Kreisen, in denen sie gefangen war, ob ihres Standes keinen Deut freier denn er, gab es nur zwei Alternativen. Entweder du warst der Jäger oder aber du bist das Futter. Und wenn Mirjam nicht zu einer unselbstständigen Haupt- oder gar Nebenfrau irgend eines bedeutungslosen Edelmannes oder Händlersohnes verkommen wollte, musste sie schlicht besser sein, denn alle Anderen und… Nun ja, das es ihr dermaßen Spaß auch machte besagtes Spiel zu spielen, es musste ihm ja nicht gefallen. Aber gut war sie wohl in jenem Spiel. Auch versuchte sie ihn wohl von Ihren Freunden gemeinhin fern zu halten, da sie zu gut wusste wie sehr deren Verhalten ihn doch verletzten und auch wie sehr ihrer beider Freundschaft ihrem Renommee wiederum aber auch schadete. Doch scheinbar war ihre Neugierde, Yára gegenüber, in diesem Fall zu groß gewesen. Aber ob dessen, war er sich sicher, hatte sie seiner Mimik, seiner Stimmung, seinen allgemeinen Reaktionen wohl entnommen, dass Yára ihm tatsächlich nur eine seiner ‘guten Taten’ war, die er im Namen der "Wasserträger" so häufig doch verübte, wie sie schon oft gespottet hatte.

Und dann waren da die Artisten gewesen, deren Übungen die Umstehenden so sehr begeisterten und deren Kunst ihm jedoch auf ewig verwehrt bliebe, ihm, dem armseligen blinden Krüppel, für dessen Bekanntschaft sich Mirjam vor ihren Freunden so sehr geschämt hatte. Von einem Moment zum Anderen war ihm schier zum Weinen zumute und nur mühsam vermochte er die Tränen zurückzuhalten und weiter den kundigen Stadtführer zu mimen. Das ihn seine Blindheit, wo er es anders doch eigentlich gar nicht kannte, dermaßen mitnahm, war ihm in seiner Zeit als Sklave vermutlich zuletzt so drastisch widerfahren. Warum also jetzt? Er wusste es nicht und mimte darum weiterhin den kundigen blinden Stadtführer. Nur einmal, als sie kurz innehielten, an einem Getränkestand sich Nachschub zu verschaffen, mochte Yára seine tatsächliche Stimmungslage, je nach ihren eigenen diesbezüglichen Kräuterkenntnissen, erahnen. Denn Azar kramte erneut seinen Geldbeutel hervor, an welchem die frische und neue Naht so deutlich von der kürzlichen Begegnung mit einer scharfen Klinge zeugte. und holte einige kleine Münzen für ein Getränk hervor. Das er den Artisten nur eine sehr bescheidene Spende überlassen hatte, mochte Yára indes dieses Mal besser verstehen, waren doch nicht mehr viele Münzen übrig und die Nacht aber doch noch lang. Leise bestellte er einen ‘Sklaventee’, einen gekühlten Trunk aus stimmungsaufhellenden Kräutern, den viele Sklaven sich auch das restliche Jahr über gönnten, wenn die Last ihres Schicksals ihnen aus irgend einem Grunde zu schwer denn wurde. Der erstaunte Blick der Verkäuferin dauerte indes nur einen Augenblick. Dann schenkte sie ihm einen Tee in einen tönernen Becher ein, drückte ihm selbigen in die Hand, Yára daraufhin mit unbewegter Miene anblickend. Ein jeder mochte diesen Trunk bestellen. Doch außer Sklaven tat dies kaum wer, da die Freien, wie die Edlen wirksamere Medizin mit weniger Nebenwirkungen gemeinhin doch kannten und nutzen, würde Azar morgen doch guter Dinge zwar sein, aber mit erheblichen Kopfschmerzen dafür den restlichen Tag wohl überdauern müssen. Und wenn er ein unglücklicher Sklave war, wer anderes als seine boshafte Herrin mochte Yára dann wohl sein? Wobei der Blick auf Yáras Kleidung die Verkäuferin dann doch wieder zum Zweifeln brachte. „Und was wünscht Ihr, Herrin?“ wagte die Verkäuferin von einer von Antipathie getragenen Stimme zu fragen. Azar, den Klang verstehend, schüttelte in Richtung der Verkäuferin leicht den Kopf. Einerseits wollte er Yára nicht offenbaren, was er warum gerade bestellt hatte, weswegen er ja gerade so leise die Bestellung der Verkäuferin ins Ohr nur gewispert hatte. Andererseits wollte er der Verkäuferin aber auch kein falsches Bild seiner Begleiterin vermitteln. Doch mehr als dieses vage Kopfschütteln mochte er vor Yára dann aber auch nicht von sich geben.

So kam es, das sie die letzten zweihundert Meter zum Tempel schweigend sich von der Masse der Besucher mittragen ließen. „Die Feierlichkeiten im Tempel sind nur für geladene Gäste also geht gefälligst zur Seite.“ Ob ihrer Aufmachung hatte der Wächter an der Tempelpforte kurzerhand geschlossen, das weder Azar, noch Yára ernstlich geladen sein konnten. Doch Azar lächelte nur ein unergründliches Lächeln. „Ich bin Azar, Sohn der Avar aus dem Hause Var-Shim.“ Der Wärter stutzte kurz, lächelte dann aber freundlich und blickte in eine lange Schriftrolle. „Geladen auf Geheiß der Herrin Mirjam. Ja hier steht's. Aber von einer Begleitung kann ich hier nichts lesen.“ meinte der Wärter mit einem bedauernden Kopfschütteln an Yára gewandt. Doch noch ehe diese oder Azar darauf auch nur ein Wort zu verlieren vermochten, tönte eine sanfte Stimme hinter ihnen beiden auf. „Dann schau unter meinem Namen nach, Hazim. Ich werde doch wohl noch weitere Begleitung mitbringen dürfen?“ „Herrin Affar!“ erscholl es darauf aus Azars und des Wächters Munde, derweil beide eine ehrerbietige tiefe Verbeugung begannen. Doch während die wüstenelfische Wassermagierin, wie selbst Yára unschwer an deren seidenen wie von Goldfäden durchwirkten Gewandung erkennen mochte, Azar mit einem Griff an der Schulter von der Verbeugung abhielt, ließ sie den Tempelwächter diese Ehrerbietung vollführen, der sie, ihren Begleiter, Yára und Azar darauf in den Tempel einließ. „Du bist mein Mitbruder, also verbeuge dich nicht vor mir.“, sprach die den Rang einer Lehrerin unter den Hütern des Wassers inne habende Dame, mit der Azar bisher indes noch kaum ein Wort je gewechselt hatte und spätestens hier mochte Yára an der Verwendung der Begriffe ‘Bruder’ und ‘Schwester’ in dieser Stadt – oder zumindest aber doch in Azars näherem Umfeld zu zweifeln beginnen. „Elarasin!“ sprach sie sich verabschiedend noch an Yára gewandt, ehe sie mit ihrem elfischen Begleiter in den Trubel vor sich eintauchte. Doch eingedenk der hohen Herrschaften die sich gegenseitig mit den teuersten Gewändern zu übertrumpfen beliebten, mochte es ganz in Yáras Sinne gewesen sein, das Azar sie nicht etwa dort hinein zog, wo sie und er extrem schäbig erschienen wären, sondern sie vielmehr zu einer steilen Wendeltreppe zu deren Linken führte. Gefühlte drei Geschosse über dem Tumult dort drunten fand sich eine um den weiten Saal unter ihnen herumreichende Balustrade. Einige wenige Reiche, aber auch Sklaven, Diener und weniger Privilegierte, sprich normales Volk fanden sich hier. Zwar nicht im direkten Tumult dort unten, hatte man von hier doch einen guten Blick auf das Geschehen dort unten. Bald fand Azar eine Gruppe freundlicher Städter, Arme wie Reiche, wie Priester und allesamt Hüter des Wassers, was Yára aber nicht wissen konnte. Nachdem er sie als neu hinzugezogen in der Stadt vorgestellt hatte, kümmerten sich die Anderen rührend um sie. Azar nutze darauf die Gunst des Augenblickes, sie gut aufgehoben wissend, und entschuldigte sich kurz, waren es doch noch gut zwei Stunden bis zur Tageswende und mithin dem Höhepunkt der Feierlichkeiten.

Eine weitere Wendeltreppe schlich er hinauf, öffnete eine Deckenluke und dann, nach einer weiteren Leiter, noch eine und war daraufhin endlich auf dem Dach eines der höchsten Türme des Tempels. Hierhin hatte er sich immer geflüchtet, wenn es in der Schulung seiner Wahrnehmung mittels der Klicklaute durch den hiesigen alten Priester mal wieder nicht weiter gehen wollte. Mit dem Rücken auf der Dachschräge liegend, wissend, das ein kleiner Mauervorsprung einen jeden Abrutschenden noch abfangen könnte, öffnete er seine Augen und blickte dennoch in die Schwärze des sternenerfüllten Nachthimmels über sich. Seine Augen sollten diesem so unbeschreiblich gleichen staunten alle fasziniert, die je einen Blick in dieselben geworfen hatten. Doch er würde weder diese, noch die von ihnen widergespiegelten Sterne jemals mit eigenen Augen zu sehen vermögen. Und Tränen rannen ihm still die Wangen hinab. Es würde wohl noch ein, zwei Stunden brauchen, ehe der Sklaventrunk seine volle Wirkung entfaltete. Verdammt, was war nur mit ihm los? Müde wischte er sich die Wangen trocken und atmete die kühle Nachtluft ein, derweil die Dachziegel noch immer eine kaum erträgliche Wärme abgebend seinen Rücken wärmend die aufgestaute Hitze des Tages abgaben. Ruhig war es hier und friedlich. Azar versuchte ein zaghaftes Lächeln, doch statt dessen schossen ihm nur erneut die Tränen in die Augen. „Was ist nur los mit mir?“ murmelte Azar leise, wischte sich die Augen und versuchte ein erneutes Lächeln. „Schon besser!“ lächelte er traurig und atmete mehrmals tief durch. Was auch immer grad mit ihm los war, es mochte warten. Heute galt es immerhin zu feiern! Ja, der Trunk schien langsam zu wirken. Yára und das Fest warteten. Azar erhob sich und wandte sich zur Rechten, der Dachluke zu.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Mi, 08. Jun 2016 11:06
von Yára
Von Azars Stimmungsumschwung bemerkte Yára nichts. Zu sehr lenkten sie die ganzen Eindrücke ab, von der ihr mit jeder Ecke, die sie passierten, eine neue entgegen schlug. Daher bemerkte sie auch nicht, was genau sich Azar an einem der Stände bestellte und selbst wenn, hätte sie mit dem Namen des Getränks nichts in Verbindung bringen können, da sie es einfach nicht kannte. Die Anrede der Verkäuferin irritierte sie zwar schon, doch auch darüber machte sie sich keine Gedanken, sondern hielt sie nur für höflich - auch wenn sie dafür etwas zu unfreundlich klang. Doch Yára würde sich diesen Abend nicht verderben lassen - nicht von Mirjams Freunden, nicht von der Verkäuferin und auch nicht von dem Tempelwächter. Als dieser ihnen den Einlass verwehrte, blieb sie gelassen, da sie erwartete, dass Azar ganz bestimmt in den Tempel gelassen würde, und damit auch sie. Doch da hatte sie die Rechnung ohne den Wächter gemacht. Yára wollte eben zu einer gewinnenden Erwiderung ansetzen, als eine elfische Fremde ein gutes Wort für sie einlegte. Die Beraij war zu überrascht von der Reaktion der anderen beiden auf das Auftauchen der Wüstenelfe, sodass sie gar nicht dazu gekommen wäre, sich ebenfalls zu verbeugen. Andererseits kam sie nicht ernsthaft auf diese Idee, schließlich kannte sie die Frau nicht. Sie überlegte, ob sie sich überhaupt schon einmal vor jemanden verbeugt hatte, aber außer vor ihrer Famil.. den Dieben - wie sie sich schmerzlich erinnerte - hatte sie niemals so viel Respekt und Loyalität empfunden, dass es eine Verbeugung rechtfertigen würde. Sie würde sich nicht einmal vor dem fetten Sultan verbeugen. Bei dem Gedanken grinsend, was wiederum der Wächter, der sie nun doch einließ, fälschlicher Weise als Spott ihm gegenüber aufnahm, folgte sie der Wüstenelfe und ihrem Mitbruder Azar in den Tempel. Irgendwann musste sie Azar fragen, was es mit diesem Bruder- und Schwester-Ding auf sich hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man hier in Naradesh seine Beziehungen so bezeichnete. Andererseits kannte sie die Gepflogenheiten dieser Stadt nicht und ihr waren im Leben schon so einige eigenartige Sachen begegnet, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Das beste Beispiel dafür war der blinde Azar selbst.

Staunend blickte sie sich in dem vollen Tempel um, der so hoch gebaut war, dass man trotz den vielen Besuchern einen freien Blick auf die hellen Mauern, Steine und Säulen hatte sowie auf die bunten Bilder, goldenen Verzierungen und den Statuen. Yára hatte einen Ort wie diesen noch nie zuvor gesehen. Den Kopf gen Decke gerichtet drehte sie sich um ihre eigene Achse und bestaunte den Anblick, der sich ihr bot. Überall waren Leute, Gläubige und sicherlich auch andere Nichtgläubige wie sie, die nur hier waren, um sich das Spektakel von innen anzusehen. Trotzdem war sie froh, dass Azar sie nicht mitten ins Getümmel führte und damit auch nicht zu seiner Familie, wie sie bald feststellte und zuvor schon etwas befürchtet hatte. Stattdessen führte er sie eine Wendeltreppe hinauf, wodurch sie der eindrucksvollen Kuppel des Tempels noch näher kamen. Glücklicherweise war die Diebin schwindelfrei.

Freundlich, wenn auch etwas zurückhaltend, begrüßte sie Azars Bekannte, die er ihr vorstellte. Mirjams Freunde hatten ihrer Extrovertiertheit einen kleinen Dämpfer verpasst. Doch als sie bemerkte, dass man sie trotz ihres Aussehens - immerhin hatte sie sich viel Mühe gegeben einen akzeptablen Eindruck neben Azar zu machen - tolerierte und mehr noch freundlich im Kreis der Redenden aufnahm, entspannte sie sich wieder und kehrte zur offenen Freundlichkeit zurück. Als sich Azar entschuldigte, nickte sie ihm lächelnd zu, bis ihr wieder einfiel, dass er es nicht sehen konnte und ein "Bis gleich" hinter her schob. Dass er gar nicht so schnell zurückkehrte, wie sie zuerst angenommen hatte, fiel ihr aber erst später auf. Zuerst nahm sie an, dass er seine Familie suchen und begrüßen wollte. Die Personen, die er ihr vorgestellt hatte, waren allesamt nett und nahmen sie zuvorkommend in ihre Runde auf. Yára führte erheiternde Gespräche mit ihnen und fand unter Azars Freunden sogar einen, der ihren Humor teilte. Sie scheute sich nicht davor, ihn aus Neugierde über seine Person auszufragen, während sie auf die Fragen, was sie in Avrabêth getan hatte und was genau sie hier her trieb nur ein abwinkendes "Dies und das" erwiderte, ehe sie geschickt auf ein anderes Thema lenkte. Das schien Yassir jedoch nicht weiter zu stören. Schließlich erzählte auch er nichts von dem Geheimen Bund, dem er angehörte und behielt sicherlich auch abseits davon das ein oder andere für sich. Nach einiger Zeit und einige Becher voll süßem Wein später, die ihr Gesprächspartner den Männern und Frauen abgenommen hatte, die die Becher für die Besucher auf einem großen runden Tablett durch den Tempel trugen, fiel ihr auf, dass Azar immer noch nicht zurück war. Ihr Blick glitt über die Balustrade, an der sie mit Yassir stand, nach unten über die Menschenmenge. Sie vermutete, dass seine Familie ihn in ein längeres Gespräch verwickelt oder er unterwegs noch ein paar Freunde getroffen hatte. Yassir fiel Azars Abwesenheit hingegen positiv auf, was Yára schmunzelnd hinnahm, nachdem er schon so erfreut reagiert hatte, als sie richtig gestellt hatte, dass sie zwar mit Azar gekommen war, ihn aber auch erst an diesem Tag kennen gelernt hatte. Yassirs Schmeicheleien waren eine willkommene Abwechslung für ihr Selbstwertgefühl und davon abgesehen fand sie seine Gesellschaft wirklich angenehm.

Je mehr Zeit verging und je mehr sie über Yassir, den Teppichhändler erfuhr, desto gelassener wurde die Stimmung zwischen ihnen. Zusammen verfolgten sie das Geschehen, das unten von statten ging und das hauptsächlich Priester des Götterpaares bestimmten. Oft wurde die ausgelassene Stimmung unterbrochen und gläubige Verse vorgetragen oder Geschichten über Sah'meena erzählt. Nach diesen eher trockenen Ritualen, wie Yára fand, folgten wiederum künstlerische Darstellungen, die zu dem Festtag passten und natürlich ebenfalls die Götter thematisierten. Nachdem mehrere dieser Predigen und Aufführungen gehalten wurden, kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass Azar vielleicht gar nicht vorhatte, zurück zu ihr zu kehren. Vielleicht hatte er sie mit Absicht hier hochgeführt, immerhin Leuten vorgestellt, von denen er wusste, dass sie nett waren, und hatte sich dann zu seiner Familie zurückgezogen. Ohne sie, die ärmliche Yára, die er kaum kannte und die das genaue Gegenteil zu Mirjam aus reichem Hause sein musste. Yára gefiel dieser Gedanke nicht und sie spülte ihren verletzten Stolz mit Wein hinunter, während ihr Blick auf Yassir ruhte, der diesen fast erwartungsvoll erwiderte. In der folgenden Pause beugte er sich zu ihr hinunter, um sie leise etwas zu fragen, doch dann hielt er in der Bewegung inne und etwas veränderte sich in seinen Augen. Yára folgte seinem Blick, der etwas hinter ihr fixierte und erblickte den wieder aufgetauchten Azar.

Nachdem ihr Blick nach all dem Wein Azar zu fassen bekam, fiel ihr auf, wie blass er war und dass er schwankte. Dabei wirkte er nicht so, als hätte er wie sie getrunken, sondern wirkte plötzlich seltsam kränklich. Sie entschuldigte sich bei Yassir, der seine Enttäuschung nicht verbergen konnte, und trat an Azar heran. "Azar, ist alles in Ordnung?" Doch statt einer Antwort erhielt sie nur undeutliches Gestammel, das sie nicht verstand. Sie griff nach seinen Händen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und bemerkte, dass diese eiskalt waren. "Azar?", wiederholte sie, doch er erwiderte nur wirre Worte, die keinerlei Sinn ergaben. Als sie bemerkte, dass er begann, sich orientierungslos zu bewegen und dabei drohte zu Boden zu fallen, sah sie sich Hilfe suchend um und blickte auf Yassir, der gerade zwei andere Männer aus Azars Bekanntenkreis zu ihnen führte, da auch ihm nicht entgangen war, dass es Azar nicht gut ging.

Die Männer konnten ihn zumindest besser als sie stützen, da er offensichtlich unter Gleichgewichtsstörungen litt. Ihre Nachfrage, ob er dies öfter hatte, wurde verneint, wodurch sich nun ernsthafte Sorgen um ihn entfaltete. Was war nur los mit ihm? Die anderen drei schienen immerhin eine Ahnung davon zu haben, was am besten zu tun war, und führten Azar, der nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein schien, die Wendeltreppe hinab. Yára folgte ihnen überfordert und zitternd, während sie sich einredete, ruhig zu bleiben. Sie verstand nicht, was mit Azar passiert war und hoffte inständig, auch wenn sie ihn kaum kannte, dass es nichts Lebensgefährliches war. Ihre Begleiter besaßen zum Glück eine hohe Autorität oder gute Kontakte, da sie schnell Gehör bei einem der Wächter und wenig später bei dem auftauchenden Priester fanden. Dieser führte sie durch eine abseits gelegene Tür in das Innere des Tempels, das nur selten jemand zu Gesicht bekam. Die Diebin hatte das Gefühl, dass die Zeit still stand, obwohl sie objektiv betrachtet relativ schnell bei dem Heiler des Tempels angekommen waren, nachdem sie endlich die Menschenmasse hinter sich gelassen hatten.

Unruhig wippte ihr rechtes Bein auf und ab, während sie angestrengt den Heiler beobachtete, der Azar untersuchte. "Nun…", sprach er schließlich nachdem sich gefühlte Stunden dahin gezogen hatten. "Euer Freund wurde offenbar vergiftet." "Was?!", sprach Yára mit den anderen drei wie aus einem Munde. Der Heiler nickte bestätigend und nannte eine Reihe von Symptomen, die er bei Azar festgestellt hatte. "Ich kann die Symptome lindern, aber dennoch können sie Stunden oder gar Tage anhalten. Er sollte viel ruhen und auf keinen Fall alleine bleiben." Yára nickte verstehend und bot sogleich an, bei ihm zu bleiben, wenn keiner von den anderen etwas dagegen hatte. Zwar hatte er sie vorhin ewig stehen lassen, sodass sie schon gezweifelt hatte, ob er seinen Vorschlag, den Abend zum gemeinsamen Feiern zu nutzen, wirklich ernst gemeint hatte. Aber er war wiedergekommen und sie würde es sich nicht verzeihen, wenn er starb, weil keiner bei ihm bleiben würde. Die anderen beiden boten zwar ebenfalls ihre Hilfe an, waren dabei aber zurückhaltender, da sie wohl Familie hatte, zu der sie zurückkehren mussten. Trotzdem boten sie an, am morgigen Tag nach Azar zu schauen. Zuerst jedoch versorgte der Heiler seinen Patienten auf verschiedene Wege und mit unterschiedlichen Mittelchen. Er schien zwar sehr viel zu wissen, was er ihnen nicht verheimlichte, aber dieses Wissen hatte ihn augenscheinlich viele Lebensjahre gekostet, die ihn besonnen und langsam gemacht hatten. Schließlich verließ sie zusammen mit Yassir und einen der beiden anderen den Tempel. Die beiden Männer konnten den Vergifteten zur Not tragen und wussten vor allem, wo er wohnte. Vor dem Tempel war Platz für einen Gang geschaffen worden, der von brennenden Fackeln gesäumt wurde und die tiefe Nacht erhellte. Als sie hinaus ins Freie traten, blickten sie in erwartungsvolle Gesichter, bis die Menge erkannte, dass es sich nur um ein paar Menschen der allgemeinen Bevölkerung handelte. Das große Finale des Tages würde schon bald stattfinden und zu viert schritten sie durch die Menge, als wären sie ein Teil davon. Stattdessen würden sie es nicht einmal als Zuschauer erleben können.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Sa, 25. Jun 2016 15:49
von Azar
Azar fühlte sich elend. Auf dem Weg nach unten traf er schließlich auf Yára und entschuldigte sich für dein langes Fortbleiben, doch sie verstand ihn nicht und erwiderte nur etwas in ihm unverständlichen Zungen und dann verlor sich alles in einem Wirbel aus Bildern und Farben, Gesichtern, stimmen und Eindrücken. Das all diese bildhaften Sinneserfahrungen eigentlich nicht sein konnten, es kam ihm nicht einmal in den Sinn. Es war wie in einem seiner gekegentlichen Träume, in denen er als normal Sehender unter anderen Sehenden sich bewegte und erst nach dem Erwachen ihm einfiel, das er ja nun aber blind wie eine Kellerassel doch war. Erst als er von zwei Seiten gestützt durch die kalte Nachtluft torkelte kam er kurzzeitig wieder zu sich und fragte halbwegs verständlich, was denn geschehen sei, nur um augenblicklich danach wieder eine etwa längere Gedächtnislücke zu haben, während derer er in den Nachthimmel hinaufblickend beklagte die Sterne sehen zu wollen und mal rasch zum Straßengraben geschleift wurde, wenn ersichtlich war, das er sich wiederholt erbrechen würde. Nein, es war wahrlich kein angenehmer Heimweg und einzig, das er seine krampfbedingten Schmerzen nur durch verbissenes zusammenbeißen der Zähne bezeugte, statt etwa auch dessentwegen lauthals zu wehklagen, mochte für ihn sprechen. Doch sein Gemüt schien jenseits jeglicher Kontrolle. Mal weinte er hemmungslos und beklagte seine Blindheit, mal brabbelte er stumm vor sich hin oder erlag aber, scheints grauenerregenden, Visionen und Gesichten von abstrusen Geistern und Dämonen.

Es dauerte so eine gute Stunde, den Vergifteten zu seiner Wohnstatt zu schaffen. An einem Weg, nördlich des Tempels, aber von diesen durch den breiten Ringkanal und die innere Mauer abgeschottet im ärmlichen, aber nicht heruntergekommen wirkenden Ifrit–Viertel gelegen, fand sich in der linkerhand steil aufragenden Felswand plötzlich eine hölzerne runde Türe mit ornamental verziertem steinernen Rahmen. Yassir, der Yára erklärt hatte, das der Weg nur noch zu zwei höher gelegenen Armen-, bzw. Weisenhäusern führe, um dort dann schließlich zu enden, schloß die Türe auf und – fluchte sich hörbar den Kopf im Dunkeln anstoßend über eben jene. Erst nach mehreren Minuten, in denen Yára und Hussijim, der zweite Begleiter, Azar im Engang stehen stützten, glomm einleiser Funken von einem Feuerstein abgeschlagen auf und verglühte nahe einer kleinen Oellampe. Doch bereits der zweite Versuch brachte einen Funken auf dem Doch zum Ruhen und vorsichtiges Anblasen bald darauf die Oellampe zum Brennen. Eine kleine Höhle fand sich hier, die sscheinbar aus dem Felsen heraus gehauen worden war. Yassir erklärte, das dies einer der Zugangsschächte zu einem tief unten fließenden Aquädukt sei, welches die tiefen Brunnen des Ifrit–Viertels mit Wasser versorgte. An eben der Stelle brabbelte Azar dann schwer verständlich etwas wie „Aquifer,  - f e r !“, was Yassir mit einem „Wie? Ach so, ja ... richtig, richtig!“ antworten ließ. „Da siehst du den Schachtdeckel. So hat der Gute zumindest einen Zugang zu immer frischem Wasser und dem Aquädukt dort unten.“ Beinahe schien es, als wollte Yassir damit der eher ärmlichen Eindruck entschuldigen, die diese Bleibe in seinen Augen offensichtlich darstellte.

Doch mochte Yára, weit unvoreingenommener, die vielen kleinen steinernen Ornamente hie und da an Ecken der aus dem Fels herausgehauenen Arbeitsflächen oder auch Nischen erahnen. Im Durchgang zu einer zweiten und weitaus kleineren Höhle, oder großen Nische, wie auch immer, erkannte Yára die unvollendete Skulptur einer scheinbar unbekleideten, wie auf einem Felsen hockenden Frau und dahinter offenbar ein Abbort und eine, gleichfalls wieder unvollendeten Badewanne. Doch alles schien sauber und – ja, fast schon gemütlich mit Decken und Fellen ausgestattet. Rasch war Azar in eine Schlafnische in der ersten Höhle untergebracht und für Yára, die ja bleiben wollte, wurden einige Felle und Decken in die unvollendete Badewanne gelegt. Yassir versprach am frühen Nachmittag nach ihnen schauen zu wollen und hatte bei diesen Worten indes nur Augen für Yára, was seinen Kumpan leicht schmunzelnd sich verabschieden ließ. Doch wenn Hussijim Yassir damit eine Gelegenheit bieten wollte, so nahm der diese nicht an. Nach einer kurzen Verlegenheitspause verabschiedete sich Yassir schließlich und ließ Yára und Azar alleine. Letzterem hatta Hussijim ein Mittel verabreicht, das ihm einen ruhigen und tiefen Schlaf schenken sollte. Zwar verfiel Azar auch tatsächlich in einen raschen und zuerst auch tiefen Schlaf, doch alsbald schienen Albträume ihn zu quälen, das er teils aus tiefster Kehle leidvollst zu schreien begann, teil sinnlos brabbelnd ins Leere blickte, teils zusammengekauert in die tiefste Tiefe seiner Nische sich verkroch. Es war alles in allem erbärmlichst und nicht gerade das Verhalten, mit denen man zukünftige potentielle Liebschaften vielleicht zu beeindrucken vermocht hätte.

Erst gut zwei Stunden vor der Morgendämmerung wurde sein Schlaf ruhiger und nur noch gelegentlich von Krämpfen unterbrochen, so das Yára unbesorgt ihrerseits nun Ruhe zu suchen vermochte. Das dann schließlich die Sonne draußen aufging, man bemerkte es in diesem Fensterlosen Raum nicht und auch die Wärme des Felsens, die Yára am Abend noch so wohlwollend zur Kenntnis genommen hatte, war inzwischen einer über die Nacht in den Felsen aufgesogenen Kühle gewichen. So spärlich diese Bleibe von außen wirkte, so angenehm und durchdacht schien alles auf den zweiten Blick gestaltet. So kam es, das als kurz vor der Mittagsstunde Yassir gegen die verschlossene Außentür hämmerte, Yára und Azar noch fest im Dunkel der Höhlenwohnung schliefen. „Yára, Azar, seid ihr wohlauf? Ich habe ein Frühstück vom Markt für euch mitgebracht, hallo? Mach schon auf Yára – bitte!“

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Di, 06. Sep 2016 15:32
von Yára
Die kalte Nachtluft tat Yára sehr gut. Zuerst war ihr selbst schwindelig und etwas schlecht, doch je länger sie durch die staubigen Straßen liefen, desto sicherer wurde ihr Schritt und desto weniger wankte die Welt vor ihren Augen. Im Nachhinein war sie selbst überrascht, wie gut sie in ihrem Zustand auf die Situation reagiert hatte und dass sie so schnell erste Hilfe für Azar gefunden hatten. Trotzdem war es wohl angebracht, sich vorzunehmen, das nächste mal nicht ganz so viel zu trinken, auch wenn der Wein gut gegen den Frust und für ihren Stolz gewesen war. Auch wenn die Sorge um Azar überwog, war sie doch enttäuscht, das große Finale des Festes zu verpassen. Es war das erste große Fest, dem sie in Naradesh beigewohnt hatte. Zwar hatten die religiösen Rituale sie gelangweilt, aber die Inszenierungen dazwischen hatten sie dafür entschädigt. Azars Zustand ließ sie sorgenvoll immer wieder einen Blick auf den Blinden werfen, den Hussijim und Yassir nach Hause schleppten. Die plötzliche Wendung des Abends hatte jegliche Gedanken Yassir gegenüber, welcher Natur auch immer, völlig in den Hintergrund gerückt, was diesen weit mehr als Yára selbst störte, auch wenn er versuchte gute Mine dazu zu machen, dass er nun Azar in den Armen hielt.

Yára war froh, als sie endlich bei Azars Haus angekommen waren. Sie merkte die Anstrengungen des abwechslungsreichen Tages in den Gliedern und konnte nun selbst eine kleine Auszeit gebrauchen. Außerdem konnte es in der nächtlichen Wüste nun mal verdammt kalt werden, sodass sie sich nach dem warmen Unterschlupf sehnte, vor dem sie schon bald standen. Die Diebin blinzelte, als Yassir ihnen mit der brennenden Öllampe entgegen kam und endlich in das wohlig warme Innere führte. Erst jetzt, als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, erkannte Yára, dass Azars Haus vielmehr eine Höhle war als alles andere. Sie hatte vorher noch nie so etwas wie das hier gesehen. Entsprechend beeindruckt und beinahe ehrfürchtig schritt sie durch die im Stein freigelegten Räume. Wüsste sie es nicht besser, würde sie denken, dass er in die fertigen Räumlichkeiten eingezogen war. Doch die Statue im Badehaus hatte sie eines besseren belehrt, vorausgesetzt, Azar hielt sie nicht zur Närrin.
"Das ist beeindruckend." Der ungewöhnliche Unterschlupf mit seiner noch ungewöhnlicheren Einrichtung hatte sie wieder wacher gemacht. Erstaunt glitten ihre Augen über den Stein um so viele Details wie möglich aufzunehmen. Yassir indes schien weniger beeindruckt zu sein und es schien ihr fast so als würde er es für nötig halten, sich dafür zu entschuldigen. Doch Yára ging nicht weiter darauf ein.

Wenig später lag sie auf weichen Fellen in der halb fertigen Badewanne. Azar und sie waren nun alleine und so langsam entspannte sie sich. Es dauerte nicht lange bis ihr die Augen zufielen und sie in den gewöhnlich leichten Schlaf fiel. Am nächsten Tag erwachte sie gerädert und alles andere als ausgeschlafen. Bei dem ersten klagenden Schrei Azars war sie aus dem Schlaf aufgeschreckt und hatte im Halbschlaf beinahe panisch reagiert, bis sie realisiert hatte, dass es die Wirkungen des Gifts waren und nicht etwa nächtliche Besucher, die sie heimsuchten. Es hatte lange gebraucht, ehe sie sich wieder beruhigt hatte und annähernd so etwas wie Schlaf fand, da sie jeden Augenblick mit einem neuen Ausbruch rechnete. Schließlich war es das Hämmern an der Tür und Yassirs Stimme, die sie aus dem Schlaf rissen, der sie irgendwann doch noch übermannt hatte. Sie schlug die nun mehr wärmenden Felle zurück, in die sie sich irgendwann eingekuschelt haben musste und schlurfte schlaftrunken zur Tür. Der wenige Schlaf und Restalkohol sorgten für morgendliche Kopfschmerzen und einem übermüdeten Gesicht samt Augenringe.

"Sind die Höllenkamele hinter dir her?" Oder wieso bei alles Geistern hämmerst du wie ein Verrückter und verbreitest hier Lärm - meinten ihre Worte tatsächlich als sie Yassir die Tür öffnete und ihn herein ließ. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er schon minutenlang klopfte und es einfach seine Zeit gedauert hatte, bis es zu ihrem Kopf vorgedrungen war.
"Dir auch einen schönen guten Morgen", wünschte er ihr unbeeindruckt fröhlich und mit einem Schmunzeln. "Wie ich sehe, lebt ihr beide noch und habt die Nacht zur Erholung genutzt." Yára war viel zu müde um seinen verletzten Stolz aus den Worten herauszuhören, den er ihr scheinbar gerne mit Sarkasmus zurück zahlte, auch wenn es ja im Grunde nicht ihre Schuld war, dass Azar seine Absichten durchkreuzt hatte.
Bald schon verbreitete sich der Duft von frisch gebackenem Brot in der Höhle. Dazu hatte Yassir verschiedene Gemüseaufstriche, Datteln, Nüsse und Fleischbällchen für sie mitgebracht.
"Und hattet ihr eine schöne Nacht zusammen?", fragte er bald grinsend, während er ihr beim späten Frühstück zuschaute. "Oh ja, du hättest hören sollen, wie er die Wände zusammen geschrien hat. Die Kinder im Waisenhaus haben die Nacht bestimmt kein Auge zugemacht." "Gut, das nächste mal mime ich also lieber den Vergifteten statt den Ehrenmann." Nach einer kurzen Pause mussten dann beide darüber lachen und Yáras Stimmung hellte sich langsam auf. Yassir war nicht nur in Begleitung eines guten Weins eine angenehme Gesellschaft, stellte sie bald fest.
Irgendwann machte sich auch Azar bemerkbar. Yassir hatte einen Trunk für ihn mitgebracht, da er sich nicht sicher war, ob er schon genesen genug war, um feste Nahrung zu sich zu nehmen. Es war eine Mischung aus eingedickten Obstsaft, Tee und Zucker, der seine Lebensgeister beleben sollte. Außerdem hatte er etwas von dem Gegenmittel untergemischt.

Irgendwann war es für den Teppichhändler an der Zeit zu gehen. "Könntest du mir noch einen Gefallen tun und nachher noch einmal vorbei schauen?", fragte sie ihn, was ihn sich erwartungsvoll ob der Einladung nach späterer Gesellschaft herum drehen ließ. "Ich würde später gerne kurz nach Hause gehen, damit ich nicht mehr wie eine mit Alkohol getränkte Leiche herum laufe." Als ihm klar wurde, dass sie ihn also brauchte, damit er auf Azar aufpasste, war seine Enttäuschung darüber nicht zu verkennen. Dass er dafür etwas gut bei ihr haben würde, wie sie schnell hinzufügte, ließ ihn zumindest eine Zustimmung abringen, nach der sich Yára strahlend bedankte, um seine Laune zu heben. Sie wusste nicht, wie Azars und Yassirs Verhältnis zueinander war. Da Ersterer ihm Letzteren vorgestellt hatte, hatte sie angenommen, dass sie gute Bekannte waren. Für Yára stand es daher außer Frage, dass er ihm half, schon allein, da sie das gleiche tat und sie kannte Azar immerhin erst seit einem Tag.

Sie schloss die Tür hinter Yassir und atmete erschöpft aus. Im nächsten Moment vibrierte das Holz in ihrem Rücken als gegen die Tür geklopft wurde. "Du kannst es wohl gar nicht erwarten", öffnete Yára mit einem Grinsen die Tür, doch als sie sah, dass nicht wie erwartet Yassir, der etwas vergessen hatte, vor ihr stand, gefror ihre Mine.
"Aaah, Ihr seid doch.." Yára unterbrach ihn, bevor sie weiter den schlechten Atem der Schlüsselträgerin einatmen musste. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit diesem Kerl. "Nein, ich bin nicht die Angetraute des Bildhauers", fuhr sie ihm dazwischen. Aber nicht nur um dem Mundgeruch zu entkommen, sondern auch um ihn aus dem Konzept zu bringen und von seinen Gedanken abzulenken - nämlich dass sie sich schon einmal begegnet waren und er kurz darauf den Schlüssel verloren hatte. Sie konnte nur hoffen, dass die Worte ihr Ziel erreichten.
"Genau zu dem wollte ich. Ich konnte ja nicht ahnen, dass er Besuch hat." Mit diesem Worten wollte er wie selbstverständlich das Haus betreten, doch Yára trat unvermittelt einen Schritt nach vorne.
"Das würde ich lassen." Jegliche Freundlichkeit war aus ihrer Stimme gewichen und alle Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. "Wenn er eines nicht mag, dann ist es unangekündigten Besuch in seinem Haus. Es gibt nur eines, das er noch weniger mag: Besuch von Euch."
Yára stellte erleichtert fest, dass die Schlüsselmeisterin nicht ganz unbeeindruckt von ihrem Auftritt war. Er sah schmächtig aus, aber Yára war klug genug, ihn dennoch nicht zu unterschätzen. Sie kannte das harte Leben auf der Straße und sie war sich sicher, dass das auch mal ein Teil seines Lebens gewesen war.
"In Ordnung… gut.." Er blickte sich überlegend um und sie hatte schon Sorge, dass er handgreiflich werden würde. Vielleicht war es die Gruppe von Männern und Frauen, die gerade plaudernd die Straße entlang schlenderten, die ihn von dieser Überlegung Abstand nehmen ließ. "Richte ihm doch aus, dass ich bald wieder vorbei schauen werde. Und wenn er nicht öffnet, werde ich ihn schon finden. Ihr beide solltet vorsichtig sein." Yára erwiderte nichts auf diese letzte Drohung, sondern war nur froh, endlich die Tür schließen zu können.

Die nächsten Stunden nutzte sie, um sich Azars Heimstatt genauer anzusehen - immer wieder einen verstohlenen Blick zur Tür werfend - wobei sie die Wohnung im Hellen noch beeindruckender fand als am gestrigen Abend. Viele persönliche Dinge fand sie auf den ersten Blick nicht, die ihr mehr über Azar verraten hätten, und sie besaß genug Anstand, nicht in den Schubladen zu wühlen, auch wenn sie sehr neugierig war. Am frühen Nachmittag kam endlich Yassir zurück. Sie erzählte ihm nichts von der Schlüsselmeisterin, sagte ihm aber, dass er gut auf Azar aufpassen sollte, der den Tag über immer mehr zu sich gekommen war und den Eindruck machte, dass er bald auch wieder körperlich erholt sein würde. Sie versprach Yassir, sich zu beeilen, ehe sie geschwind in den Straßen Naradeshs verschwand.

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Fr, 09. Sep 2016 16:44
von Azar
„ Erst stellst du mir freimütig das süßeste Ding von ganz Naradesch vor, dann vermasselst du mir die Tour ohne selbst was von der Nacht mit Yára zu haben und als wäre das nicht genug, darf ich jetzt auch noch Kindermädchen für dich sp- Neiiiiiin ,nicht schon wieder!“ Hastig griff Yassir nach dem bereit stehenden Eimer, in den Azar sich nun zum gefühlt 13. mal erbrach. Der Heiler hatte ihn gewarnt das Azar zu späterer Stunde auch den Trunk aus eingedicktem Dattelsaft, Schwarztee und den aus einer süßen Abart der Sumpfmvendua des südlichen Menainons gewonnenen Melasse wohl wieder erbrechen würden. Zuerst sollten Azar lebenswichtige Nährstoffe wieder zugeführt werden und auch die verordnete Medizin in seinen Körper gelangen können. Danach dann würde die Melasse, oder besser deren unverdauliche Bestandtteile einen heftigen Brechreiz auslösen der letzte Giftstoffe aus seinem Magen spülen sollte. Doch bei dem alten Heiler hatte das nach ein oder zwei Mal heftigem Brechen geklungen, und nicht nach ein bis zwei Stunden und mindestens ebenso vielen bereits geleerten Eimern voll Erbrochenem. „Dafür schuldest du mir was Azar, hörst du? Dafür schuldest du mir aber sowas von was!“ Angewidert wischte Yassir das nun nur mehr wässrige Erbrochen von den Mundwinkeln Azars, ehe er den Blinden wieder zurück auf dessen Lagerstatt legte, den Eimer griff und mit dem Eimer zur Tür dieser erbärmlichen Behausung ging. War es all das überhaupt wert, nur um in den ach so erlauchten Kreis der Hüter des Wassers aufgenommen zu werden? Immerhin kannte er Azar nicht einmal sonderlich gut, hatte ihn nur auf einigen Treffen, die auch er als Anwärter hatte besuchen dürfen, getroffen. Azar war nicht einmal ein sonderlich hohes Tier in der Hierarchie, grade auch mal erst ein paar Monate dabei. Aber wenn Yassir sich gleich den höheren anzubiedern versucht hätte, hätte man wohl doch zu schnell vermutet, das es ihm nur um seine Geschäfte hierbei ging. Also putze er weiter dem Blinden den Sabber aus dessen Mundwinkel und entsorgte die zum Glück immer noch alle im rechtzeitig hingehaltenen Eimer gelandeten Überreste dessen, was der Magen Azars denn noch her gab. Also trat Yassir zum er wusste nicht wievielten Mal mit dem Eimer aus der Tür, goss ihn etwas abseits in einer Rinne am Wegesrand, durch den alle sechs Stunden etwas Wasser aus den Aquädukten hin umgeleitet wurde, bis dahin sich dort angesammelt habenden Unrat mit sich fort zu reißen. In den besseren Vierteln waren diese Abwasserrinnen abgedeckt, aber hier... abfällig rümpfte Yassir die Nase. Wäre Azar keiner der Hüter des Wassers... Nein, es war nicht so, das er etwa generell etwas gegen Sklaven und Arme hatte, immerhin hatte unter als dem Schmutz der Bettlerin ja auch die Schönheit entdeckt, die er sich zum Gefallen zu formen gedachte, bis auch die Anderen in ihr die Blume sahen und ihn darob um sein Glück beneideten solch eine Kostbarkeit gefunden und sich gesichert zu haben.

Die Tür hinter sich zuschlagend und sorgsam verriegelnd, sprach er nochmals mehr zu sich, denn zu irgendwem Anderen: „Dafür schuldest du mir was, Azar, dafür schuldest du mir aber sowas vo-…ahhhhhhh!“ Unbemerkt von Yassir waren zwei eindeutig zwielichtige Halunken in die Höhle eingedrungen, als der den Eimer wohl etwas gar zu sorglos in den Straßengraben hinein entleert hatte. Die an der Kehle des ob dessen plötzlich hellwach wirkenden Azars befindliche Klinge eines großen Rebmessers machte sehr deutlich klar, das dies keine Freunde des Hüters waren. „Ah, wo waren wir stehen geblieben?“ wandte sich der messerbewehrte Mann Azar erneut zu, der angewidert die Augen verdrehte, als wehe ihm ein pestilenzartiger Odem aus dem Munde seines Gegenübers entgegen. „Wenn ihr eure scheiß Baustelle nicht endlich aufgebt, gibt es bald Tote, hörst du? Das war die letzte Warnung!“ Angewidert musste Azar die Nähe seines Gegenübers ertragen, dessen suchende Finger in den Taschen seiner Gewandung er sehr wohl gewahrte, obgleich diese mit der Geschicklichkeit eines Taschendiebes doch dabei vorgingen. Auch hatte Azar den Eindruck, das all diese Prahlerei nur Fassade waren, so von Yassir, aber auch dem zweiten Banditen unbemerkt die Taschen Azars zu filzen. Auch Azars Umhang, vor Yassirs Austreten noch fein säuberlich an einem Haken nahe des Höhlenausgangs angebracht, lag wie achtlos hingeworfen am Boden. Erstaunt riss Azar die Augen auf, als sich die Puzzleteile plötzlich zu einem Bild fügten. All diese Drohung waren so überflüssig wie verschimmelter Kameldung, hatte der Giftanschlag ihm all das Gesagte doch schon mehr als deutlich gesagt. Dazu das beinahe perfekt, aber eben doch nicht ganz verhohlene Zittern in der Stimme der Schlüsselmeisterin, wie auch den unter seiner Kleidung suchenden Fingern und das Bemühen dieses Tasten nicht nur vor Yassir, sondern vielmehr auch (oder gerade?) dem eigenen Mitverschwörer zu verbergen! Die Schlüsselmeisterin suchte das von Yára gefundene Kleinod und wagte es dabei offensichtlich nicht der Bande gegenüber diesen Verlust zuzugeben. Darum wohl diese Farce einer Drohung unter vorgehaltener Klinge, einer Drohung die mit seiner Vergiftung doch schon längst und eleganter gar an ihn herangetragen worden war. Er hatte nicht gewusst, wer ihn wo vergiftet haben könnte, aber nun? Es musste wichtig sein, den Schlüssel wiederzuerlangen, wenn der Dieb vor ihm einen so guten ersten Plan umwarf, nur um ihn persönlich befingern zu können. Wobei... es dauerte einen Augenblick, ehe Azar das Fehlen der Berührungen der einen Hand an seinem Körper, wie der Klinge der anderen Hand an seiner Kehle bemerkte.

„Bei allen Djinnen der Wüste, was – bist – du ?!“ Erahnend was den Dieb vor ihm gerade zusätzlich so verstört zu haben schien, schloss er die ob der jüngsten Erkenntnis so plötzlich aufgerissenen Augenlider wieder und antwortete leise und mit einem plötzlichen Triumph, der der jüngsten Erkenntnis geschuldet war, von den Dieben aber vermutlich auf das Zurückweichen vor seinen Augen fehlgedeutet werden dürfte: „Ich? Ich bin nur ein blind geborener Schützling Sah'meenas!“ Nun verstand er auch die Schwäche der Präsenz, die seine blinden Augen dort wahrnahmen, wo die Schlüsselmeisterin stand. Während ihrer ersten Begegnung im Badehaus, hatte ihm die überhebliche Arroganz einer voll und ganz von sich überzeugten Persönlichkeit entgegen gestrahlt, wohingegen er die Schlüsselmeisterin ohne diesen bestialischen Mundgeruch kaum wiedererkannt hätte. Einzig dieses Ausbundes von hündischer Verzweiflung und schierer Todesangst, den er anders als Andere doch ‘sah’, hatte ihn wohl auch das kaum merkliche Zittern der Hände wie auch der Stimme der schlüssellosen Schlüsselmeisterin überhaupt erst erahnen lassen. Azar hörte zurück taumelnde Schritte, ein kurzes überraschtes Keuchen, das Geräusch eines gerade noch einen Sturz verhindernden Ausfallschritt, das Rascheln von Stoff und dann klatschte ihm auch schon der Umhang um die Ohren. Doch war Azar sich sicher, das weder das Stolpern echt war, noch aus Verärgerung oder Furcht vor dem Anblick seiner Augen ihm der Mantel um die Ohren gefegt wurde. Nein, dazu hatte der vermeintlich Gestrauchelte den Umhang, dem leise vernehmlichen Rascheln nach, einfach zu lange in Händen gehalten, ehe er ihn dem Blinden schließlich um die Ohren schmetterte. Wenn die suchenden Finger nicht ein letztes Mal nach einem sich möglicherweise bei einem Gerangel im Badehaus in des anderen Kleidung verfangen habendem kleinen Schlüssel gesucht hatten, wollte er nicht länger... „Dafür schuldest du mir was, dafür schuldest du mir was, dafür...“ Schwach erhob sich Azar auf seine Beine, tastete sich zum schockstarr neben der Tür stehenden Teppichhändler und langte mit dem flachen Handrücken einmal in Richtung das panisch sich wiederholenden Geschnatters. Mit einem Klatschen traf Azars Linke Yassirs Wange. Erst da bemerkte Yassir das der zweite Dieb, dessen Rebmesser sich kurz nach seinem Eintreten wie ein kalter Hauch um seine Kehle gelegt hatte, fort war. „Dafür–“

„... schulde ich dir was, ja – ist angekommen.“ Leise ließ Azar die Tür ins Schloss zurück gleiten und legte den Riegel vor. Totenbleich schien er und hielt sich mehr als nur orientierend an der Wand fest, ehe er zu seinem Lager zurück schlurfte, den Umhang zusammengefaltet ans Kopfende legte und sich schließlich erschöpft nieder ließ. Der Dieb hatte nicht einmal die Gelegenheit genutzt die Münzen in Azars Umhang bei der Gelegenheit mitgehen zu lassen. Was mochte für ihn wohl alles an diesem Schlüssel hängen fragte sich Azar stumm um dann, den Gedanken fortspinnend, an Yassir gerichtet zu fragen wo Yára eigentlich sei, dabei einen Hauch von Sorge in seiner schwachen Stimme mitklang!

Re: Auf den Spuren der Stadt

Verfasst: Do, 22. Sep 2016 17:11
von Yára
Yára genoss die kurzweilige Freiheit, unabhängig von allem und jeden durch die Straßen Naradeshs zu laufen. Viele andere hätten die bisher verbrachte Zeit mit Azar nicht als besonders einschränkend empfunden. Doch sie war fast den gesamten letzten Tag bei ihm gewesen und auch wenn sie seine Behausung faszinierend fand, war die enge Gesellschaft doch auch irgendwie beengend für die Diebin, die es gewohnt war, tun und lassen zu können, was sie wollte. In der Vergangenheit hatte sie zwar sogar mit mehreren Personen in einem Haus gelebt, aber diese waren ihr weitaus vertrauter und es hatte immer einen Rückzugsort gegeben. Seit sie der Bande von Amir nicht mehr angehörte, war sie bald darauf mehr denn je auf sich alleine gestellt gewesen. Sie ging zwar mit schnellen Schritten und zielgerichtet zu ihrem eigenen kleinen Häuschen - andere würden es wohl eher als heruntergekommene Bude bezeichnen -, aber allein das Gefühl, sich wieder allein und selbstbestimmt auf den Straßen zu bewegen, beflügelte sie.

Sie brauchte eine Weile, um den Weg zurück zu ihrer Unterkunft zu finden. Wie immer schaute sie sich schon Straßen vorher nach etwaigen Verfolgern um. Das hatte sie zwar schon beim Verlassen von Azars Haus und Straßen später erneut getan, um sicher zu gehen, dass sie nicht verfolgt wurde, doch man konnte nie vorsichtig genug sein. Flink betrat sie schließlich das kleine Haus, aus dem der Geruch des Todes, den seine Vorbesitzer in der unteren Etage verströmt hatten, noch immer nicht ganz verflogen war.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich wirklich nur schnell frisch zu machen, um Yassirs Geduld nicht zu überstrapazieren - was sie ja unwissend schon allein mit ihrer Bitte, auf Azar aufzupassen, getan hatte. Doch nun, da ihr wenn auch altes, durchgelegenes und etwas muffiges Bett so in direkter Nähe stand.. es sprach ja nichts dagegen, wenn sie ein paar Minuten die Ruhe genoss und nur mal kurz die Augen schloss, die ihr vor Müdigkeit schmerzten. Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, erkannte sie sofort, dass die Mittagszeit schon vorbei war. Sie war aufgebrochen, nachdem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte und vermutete, dass sie etwa eine Stunde geschlafen hatte. Der Schlaf war verhältnismäßig kurz, doch im Vergleich zu dem der vergangenen Nacht sehr wohltuend gewesen. Nun beeilte sie sich aber wirklich, wusch sich ausgiebig mit kaltem und wohltuenden Wasser und machte sich dann auf den Rückweg.

Sie war mehr als zwei Stunden weg gewesen, als es an Azars Tür klopfte. "Hier ist Yára", kündigte sie sich im Falle eines misstrauischen Yassirs an, der kurz darauf auch die Tür öffnete. Doch statt sie hinein zu lassen, machte er ein paar Schritte nach vorne, die sie ihrerseits zurück wich, sodass sie schließlich beide vor der angelehnten Tür standen. Yára blickte zu ihm auf und sah, dass er offensichtlich unzufrieden war. Sie wollte gerade ein paar aufmunternde und beschwichtigende Worte an ihn richten, da sie davon ausging, dass er sich ärgerte, dass sie so lange fort gewesen war, doch er ließ ihr keine Gelegenheit.
"Hör’ mal Yára." Mit seinem ersten Ton verschwand das angedeutete Lächeln von ihren Lippen und sie runzelte die Stirn. "Ehrlich gesagt hielt ich Azar schon vor den letzten Stunden für einen seltsamen Kauz. Aber unabhängig davon, solltest du seine Gesellschaft fürs Erste meiden."
Oh, war da jemand eifersüchtig? Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, Yassir bei Azar zu lassen. Aber sie hätte auch nicht damit gerechnet, dass die beiden sich als Konkurrenten ansehen würden. Doch wieder ließ Yassir der spitzen Zunge der Beraij keine Gelegenheit, etwas von ihren Gedanken zu verraten.
"Er scheint einige seltsame Geschäfte zu treiben, anders kann ich mir die Rüpel, die uns - oder vielmehr ihn - vorhin besucht haben, nicht erklären. Ich meine, ich komme damit klar und konnte mich gegen seinen zweifelhaften Besuch wehren.. aber eine Frau wie du sollte sich nicht unnötig in Gefahr bringen."
Yassirs Schmeicheleien trafen dieses mal nicht auf offene Ohren, vielmehr taten dies seine Worte zuvor. Als sie genauer nach diesen Rüpeln fragte, machte Yassir noch einmal deutlich, dass der Besuch derer nicht gerade von guter Natur gewesen war und der Blinde nun vermutlich mit mehr körperlichen Einschränkungen zu tun hätte, wenn Yassir nicht auch dort gewesen wäre. Eines musste man dem Händler lassen, selbst Unwahrheiten konnte er bestens verkaufen.

Wenig später betrat Yára allein die Höhle. "Azar.. Azar?! Geht es dir gut?" Yassir hatte noch etwas 'zu erledigen' gehabt und die Beraij hatte sich bereitwillig von ihm verabschiedet. Sie konnte sich denken, wer Azar den Besuch abgestattet hatte. Jetzt hieß es nur noch zu prüfen, welche Folgen dieser für den Blinden gehabt hatte. Und das besprachen sie wohl lieber ohne ein zusätzliches Paar Augen und Ohren.