Seite 11 von 11

Re: Eine persönliche Angelegenheit

Verfasst: Fr, 27. Apr 2012 17:28
von Sortan
Es war zwar immer noch befremdlich für ihn, die Sklavin jeden Tag um sich zu haben, aber er genoss ihre Nähe auch. Es machte ihm auf gewisse Weise spaß, ihr all diese Dinge beizubringen, sie das Handwerk des Krieges und des Mordes zu lehren. Die Tage vergingen schnell und wie im Flug und sie lernte einiges dazu. Manchmal gewann sie sogar, was ihn durchaus überraschte. Sie hatte mehr Potential, als er erwartet hatte und lernte auch schnell dazu. Es bestätigte ihn einerseits in seinem tun, andererseits war er vorsichtig denn sie sollte nicht besser werden als er selbst. Nach einigen Tagen und unzähligen Stunden fasste er dann jedoch immer mehr Vertrauen in sie. Eona war ihm immer hörig und unternahm keinen Fluchtversuch mehr, weshalb er langsam anfing ihr zu vertrauen und sie sogar alleine in dem Haus ließ, wenn er etwas zu erledigen hatte. Es gab nicht viel was er ihr aus seinem Leben erzählen konnte, oder wollte, weshalb sich das meiste auf Aufträge bezog. Er erklärte ihr viele der Ziele und wie man sie am besten tötete und machte einige davon auch zu ihrer Prüfung. Ein paar mal musste er dabei sogar zugeben das ihre Lösung besser war als seine, andererseits standen ihr als Frau auch ganz andere Wege zur Verfügung. Das Ganze gehörte zu dem Training mit dazu und sie machte ihre Sache gut, Sortan war sichtlich zufrieden mit ihr.

Neben dem Training verheilten seine Wunden in den drei Wochen um ein gutes Stück und ließen ihn ein wenig positiver werden. Aber auch ihre Geschichten heiterten ihn manchmal auf und interessierten ihn eindeutig. Er fand es irgendwie spannend ihr Leben zu erfahren, ihre Vergangenheit zu kennen und ihre Beweggründe. Sicher hatte sie ihm längst nicht alles erzählt, das wusste er eindeutig, aber es war doch immerhin mehr als nur ein Anfang. Sie vertrieben sich einige Stunden damit und wenn sie Lust hatten liebten sie sich irgendwo in dem Haus. Von mal zu mal lernte er sie so besser kennen, innerlich und äußerlich. Er genoss es jeden Tag etwas mehr sie in seiner Nähe zu haben, von ihr zu bekommen was er wollte und sie zu trainieren. Langsam aber sicher keimte dabei diese kleine Glut in seiner schwarzen Seele auf und mittlerweile musste er nicht mehr nach ihr suchen. Sie war einfach da, gut sichtbar für ihn selbst, und repräsentierte die wenigen Gefühle die in ihm aufkeimten und sich um die junge Sklavin rankten. Er war nett zu ihr und respektierte sie, etwas das er nur selten machte aber es gefiel ihm. Sie dankte es ihm auf ihre Weise und er befand das es sich nicht geziemte seine zukünftige Frau zu etwas zu zwingen und erst recht nicht, da sie bald eine Raquiiah werden würde.

Die Familie schickte ihm hin und wieder einen Brief oder eine kurze Notiz, um ihn auf dem Laufenden zu halten. Dadurch stellte sich bald heraus, das Mendereas Kontakt der letzte auf der Liste gewesen war und somit bald auch tot war. Eona wusste von den Briefen, aber der Assassine sprach nie mit ihr über deren Inhalt oder was er ihnen zurückschrieb, denn selbst sein Vertrauen kannte noch harte Grenzen. Selten, vielleicht zwei mal in der Woche, erledigte er sogar einen sehr kleinen und einfachen Auftrag um sich wieder an sein Leben zu gewöhnen. Seine Arbeit war sauber und er selbst war zufrieden mit sich. Auch darüber verriet er nichts, denn er merkte das irgendetwas an ihr sich verändert hatte. Vielleicht lag es daran, das sie den gesamten Tag im Haus verbringen musste und nicht rausgehen durfte, denn das war die einzigste Regel die er ihr gemacht hatte.

Der Tag begann routiniert und er ließ seiner Partnerin zeit sich etwas auszuruhen. Die letzten Tage war das Training etwas anstrengender geworden und sie waren immerhin noch nicht wieder ganz Gesund. Es war schon seltsam wie schnell die letzten Wochen vergangen sind und wie sie sich immer mehr an sein Leben angepasst hatte. Er saß mit einer Wasserflasche vor sich an dem Tisch in der Küche und genehmigte sich einen Schluck, als sie herunterkam. Sie war angezogen, als ob sie das Haus verlassen wollte und er runzelte die Stirn als sie dann ihre Bitte herausbrachte. Er selbst trug ebenfalls die braune Kleidung und die Lederstiefel und hatte vor später noch ein paar Dinge zu erledigen. Es passte ihm eigentlich gar nicht, das sie raus wollte, aber was sollte er schon groß sagen? Es ihr verbieten, sie wieder einsperren und damit bei null anfangen? Andererseits konnte er es sich nicht leisten sie umzubringen und erst recht nicht das sie eingesperrt wurde. Die Situation war schlecht für ihn, aber es blieb ihm ja kaum eine Wahl. Zumindestens die Gefahr durch die Wachen war vermindert, sie hatten wohl einen anderen gefunden. Nachdenklich stand er auf und trank noch einen Schluck, ehe er ihr den Schlauch zu warf, "Na gut... Aber du hältst dich von Wachen fern und gibst nicht mein ganzes Gold aus." Zusätzlich zu dem Schlauch folgte noch ein kleiner mit Gold gefüllter Lederbeutel und der Assassine lächelte ihr sacht zu, "Das ich mit dir komme, brauch ich wohl nicht zu sagen..." Dann schnallte er sich, nach einigem suchen, das kurze Krummschwert um und steckte einen Dolch in seinen Stiefel. Dann klopfte er sich etwas Staub ab und blickte zu ihr hin, er hoffte das Beste und das sie heil wieder nach Hause kommen würden. Vor allem aber das sie niemand erkennen würde.

Re: Eine persönliche Angelegenheit

Verfasst: Fr, 27. Apr 2012 20:21
von Eona
Eona zog einen Flunsch.
Eigentlich hatte sie vorgesehen, ohne Sortan nach draußen zu gehen. Die letzten Tage war sie auch oft allein in dem Haus des Assassinen gewesen, ohne zu fliehen oder irgendwelchen Unsinn anzustellen. Sie war gehorsam und fleißig gewesen. War das wirklich zu viel verlangt, mal auf Alleingang zu gehen?
Die junge Frau klappte den Mund auf und im nächsten Moment wieder zu. Schließlich schnaubte sie nur. Den Wasserschlauch und die Geldbörse fing die Sklavin geschickt auf und schnaubte noch einmal. Das kann ja wohl nicht wahr sein.
Natürlich würde sie sich von den Wachen fernhalten und sich hauptsächlich in Gassen und Schatten bewegen. Sie war ja schließlich nicht dumm oder unvorsichtig. Das rote Haar war gut unter der Kapuze versteckt und so wie es aussah, war es auch nicht windig draußen. Ihre Kapuze würde somit nicht weggeweht werden. Der Dolch war bereit und sie fühlte sich fit. Was konnte also schon passieren? Gut, vieles konnte passieren. Eona wusste über ihr Glück bescheid. Irgendetwas könnte immer geschehen und wenn Sortan nicht auf sie aufpassen würde...
Die Sklavin stutzte. Brauchte sie wirklich schon einen Aufpasser? Skeptisch sah sie ihrem Lehrer in die Augen und seufzte dann nur. Kurz war sie davor die Augen zu verdrehen, doch unterließ es.
"Na gut", antwortete sie kühl und öffnete seit langem wieder die Tür. Das letzte Mal hatte sie die Sonne auf ihrer Haut gespürt, als sie vor Sortan geflohen war. Die Verfolgungsjagd durch die Stadt. Zuerst blieb Eona auf der Türschwelle stehen, zögerte kurz, doch trat dann auf die Straße hinaus. Sofort schlug ihr die Wärme entgegen, das trockene Klima und verschiedene Gerüche. Endlich roch sie etwas anderes, als verschwitzte Bettlaken, den Nadelwald-Geruch Sortans oder das Sandelholz ihrer Öle. Es war befreiend. Ein breites Lächeln setzte sich in Eonas Gesicht und sie schloss kurz die Augen, bevor die Sklavin die Straße entlangschlenderte.
Sie blieb an Sortans Seite, damit er nicht die Angst haben muss, sie würde ihm weglaufen und dort fühlte sie sich auch sicherer. Wenn ihnen Wachen entgegenkamen, senkte die junge Frau den Blick und sie überprüfte immer wieder, ob ihre Kapuze weit genung ins Gesicht gezogen war. Auch rote Strähnen durften nicht zu sehen sein und sie vermied es, Vorübergehenden direkt anzusehen. Ihre Hand umschloss die Geldbörse, die der Assassine ihr gegeben hatte und sie schien sich beinahe daran festzuhalten. So viele Möglichkeiten der Flucht. Dort war eine Gasse, dort eine Menschenmenge, in der sie untertauchen konnte. Eona musste sich nur losreißen, die Beine in die Hand nehmen und schnell und schlau genug sein ihrem Herrn zu entkommen. Aber warum?
Kurz sah sie zu dem jungen Mann auf, der seit einigen Wochen ihren Lehrer verkörperte und musterte ihn von der Seite.
Eigentlich war er nicht ihr Herr und sie auch nicht seine Sklavin. Sie waren ein Team. Er hatte ihr etwas beigebracht und sie hatte fleißig von ihm gelernt und das theoretische gut umgesetzt. Eona fühlte sich wohl in seiner Nähe. Er war geduldig, hatte abgewartet, bis sie sich ihm automatisch geöffnet hatte und das Erzählte so aufgenommen, wie es eben geschehen war. Sortan hätte sie auch rauswerfen oder töten können. Jeden Tag, jede Stunde. Aber er hat es nicht getan sondern sich ihr angenommen. Er war sanft zu ihr gewesen, auch wenn der Assassine eine etwas ruppige Art besaß, die ihr aber gefiel und zu ihrer eigenen kühlen Ader gut passte.
Warum sollte sie vor etwas fliehen, wo sie sich bereits wohl und geborgen fühlte? Eona hatte etwas zu Essen, ein Dach über dem Kopf und so viel Liebe wie sie nur wollte. Ob diese Liebe nun gespielt war oder nicht, war weniger von Interesse. Das konnte sie ertragen.

Es war früher Nachmittag und der Markt war rappelvoll. Menschen tummelten sich auf dem breiten Marktplatz und von überall her drangen Stimmen der Marktschreier, die ihre Ware anboten oder die der Bewohner Naradeshs. Die Stände waren durch schwarze, weiße und bunte Gewänder, brauner Haut und schwarzen Haaren gerade noch so zu erkennen.
Jetzt erst fiel Eona wieder ein, warum sie überhaupt nach draußen wollte. Der wahre Grund. Erstens, wollte sie sich endlich mal wieder die Beine vertreten und mehr oder weniger frische Luft atmen. Zweitens, war ihr doch glatt die Flasche mit dem Sandelholzöl ausgegangen und die durfte in ihrem Hygiene-Beutel nicht fehlen. Die Wachen der Stadt waren kaum zu übersehen und Eona dachte daran ihr Gesicht gesenkt zu halten. "Ich brauche etwas Öl für meine Haut und möchte mich nach einigen Salben umsehen", sagte sie zu Sortan, damit er wusste, wo sie überhaupt hin wollte. Das war wichtig. Wenn sie sich aus den Augen verlieren würden, wäre das fatal. Würde das schlimmste Szenario eintreffen und eine Wache würde die Sklavin erkennen, müsste Sortan wissen, wo sie hin ging oder nicht. Außerdem war das immer noch eine blöde Angewohnheit, die schnellstens abgewöhnt gehört.
Lass dich bloß nicht unterkriegen!, dachte sie bei sich und zwängte sich tapfer durch die Menge.

Re: Eine persönliche Angelegenheit

Verfasst: Sa, 28. Apr 2012 19:29
von Sortan
Er schloss hinter ihr die Tür und verschloss sie gut. Ein kurzes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er ihren Gesichtsausdruck sah. Sie war glücklich und froh wieder draussen zu sein, oder über die Chance endlich fliehen zu können? Nein der Gedanke war absurd, sie hatte dazu in letzter Zeit so viele Möglichkeiten gehabt und war noch immer bei ihm. Sie schlenderten durch die Stadt und begegneten dabei vielen Menschen, von denen Sortan sich die meisten nachdenklich ansah. Sie verbarg sich aber gut vor den Wachen und ließ ihnen keine Gelegenheit sie zu erkennen. Er war schon fast ein wenig Stolz auf sie, denn diese Eigenschaft war schlussendlich eine der Wichtigsten für einen Auftragsmörder. Lächelnd verschob er diese Gedanken wieder und spürte kurz ihren Blick. Er tat so als ob er es nicht bemerkte und genoss diesen schönen Tag und ihre Nähe an seiner Seite. Es war als hätte er nur diesen einen Auftrag, sie zu beschützen und ihr alles beizubringen. Schmunzelnd musste er zugeben das ihm die Entlohnung dafür durchaus gefiel und er sie dem Gold vorziehen würde. Kurz darauf war sein Gesicht wieder unnahbar und ausdruckslos, sie war ihm wichtiger als Gold, wichtiger als so manche Dinge. Es schien als würde er sie lieben... Aber er wusste es besser, Liebe gab es ihn seinem Wortschatz ja überhaupt nicht. Trotzdem kamen diese Gefühle für sie doch sehr nahe dran. Sie schwiegen die ganze Zeit über, es war nicht nötig zu reden und die Lautstärke der Menschen um sie herum war sowieso viel zu laut. Ab und an genoss er ein paar Sekunden die Sonne, oder ihre Nähe, ehe er wieder wachsamer wurde und versuchte alles im Blick zu haben. Er hatte ein ungutes Gefühl, wenn er nicht alles im Griff hatte und die Situation komplett überblickte. Das Problem war nur, das genau dies auf einem Marktplatz oder in einer größeren Stadt eher schlecht realisierbar ist.

Als sie an dem Markt ankamen, erhöhte sich der Pegel des Geschreis, des Stimmengewirrs und anderer Geräusche ins Unermessliche. Er mochte es nicht besonders, aber er war daran gewöhnt, schließlich war es seine Arbeit. Er war in letzter Zeit wieder öfter hier gewesen und sah das ein oder andere bekannte Gesicht herumlaufen. Eigentlich mochte er die Arbeit als Kräuterhändler, aber das Reisen und Sammeln gefiel ihm eindeutig besser als das Verkaufen auf großen Märkten. Dörfer und Oasen waren da so viel einfacher, leiser und persönlicher. Letzteres gefiel ihm zwar auch nicht unbedingt, aber es hatte geholfen den Sortan zu erschaffen den die meisten Menschen nun kannten. Stirnrunzelnd schob er die Gedanken beiseite und sah zu Eona, hier waren noch viele Wachen und sie wollte wahrscheinlich ganz zum anderen Ende des Marktes. Dann hörte er ihre Worte, na gut es war nicht das andere Ende, aber es war nah dran. Grummelnd folgte er ihr und stieß hier und da mit jemandem zusammen, passte gut auf seinen Geldbeutel auf und versuchte mit ihr Schritt zu halten. Irgendwann waren sie ziemlich nah an den Rand des Marktes gedrängt worden, denn hier war eindeutig weniger los und sie kamen besser durch die Menschenmenge vorran. Sie hatte noch immer einen kleinen Vorsprung und war ein paar Schritte vor ihm, aber er fixierte sie und würde sie nicht aus den Augen verlieren. Sie kamen an einer Gasse vorbei und Sortan versäumte sie zu inspizieren, da er sich zu sehr auf die Sklavin konzentrierte.

Zwei paar Hände griffen heraus und zogen ihn in das Dunkel der schmalen Seitenstraße, natürlich unbemerkt von den anderen Menschen. Vielleicht hatte es der ein oder andere gesehen, aber man wollte ja nicht selbst sein Leben riskieren und dazwischen gehen oder ähnliches. Er reagierte instinktiv und knallte dem ersten seinen Hinterkopf in die Visage. Durch den Schlag geschwächt, riss er seine linke Schulter los und drehte sich zu den Männern um. Er verschwendete keine Zeit und zog mit der linken wuchtig sein Schwert heraus, was zur Folge hatte das der Knauf den anderen in die Magengegend traf. Kurz darauf folgte ein Schlag in dessen Gesicht und er machte einen Schritt zurück, betrachtete die Männer kurz. Fließend wechselte er das Schwert in die andere Hand, denn seine Schulter begann wieder zu brennen und ausserdem war er mit der rechten besser. Sie waren braun gekleidet und trugen Mundtücher, aber das war erstmal Nebensache. Sein Krummschwert klirrte auf den Stahl eines anderen Schwerts und mit einer kleinen Finte riss er erneut seine Faust hoch und brach ihm die Nase zum zweiten Mal. Leicht keuchend zog er dem ersten die Beine weg und schlug ihm erneut den Knauf gegen die Schläfe. Der andere war bereits bewusstlos und Sortan zog scharf die Luft ein. Allmählich wandten sich ein paar der Menschen hinter ihnen zu der dunklen Gasse um und so blieb ihm keine Wahl als diese Sache unerledigt zu lassen. Er schob das Schwert schnell zurück in die Scheide und riss beiden Männern einen Lederbeutel vom Gürtel, bevor er komplett in der Gasse verschwand. Er schlug ein paar Haken, sprang über einen Zaun und rannte durch einen Garten, ehe er den Markt umrundet hatte. Die Beutel verschwanden an seinem Gürtel und er ging betohnt lässig und leicht keuchend wieder auf den Marktplatz. Jetzt erst stellten sich ihm die Fragen wer sie waren und was sie wollten, aber das hatte Zeit er musste zuerst Eona wiederfinden und drängte sich in die Richtung vor in der er sie vermutete.

Re: Eine persönliche Angelegenheit

Verfasst: Sa, 28. Apr 2012 20:59
von Eona
Eona hasste Menschenansammlungen, seit sie bei den Zigeunern untergekommen war.
In der Menge hatte sie immer und überall Angst, von jemanden betatscht oder verletzt zu werden. Besonders von ihrem damaligen Meister Eowhan, der sie wochenlang in der Stadt suchen ließ oder selbst gesucht hatte. Immer auf der Flucht. Gut, Menschenmengen waren der erste Anhaltspunkt, wenn man flüchten wollte, denn hier herrschte keine Übersicht und man verlor sich schnell aus den Augen.
Doch das war auch der große Nachteil: Die Übersicht fehlte. Man wusste plötzlich nicht mehr wer Freund oder Feind war und man musste wachsamer sein als zuvor. Vielleicht erwartete man sie schon am Ende dieser Menge und wollte sie abfangen? Oder der nächste mit dem die Sklavin zusammenstieß würde sie an den Haaren packen und an einen dunklen Ort ziehen. Dunkle Orte waren zur Zeit eh ihre größte Angst. Sortan hatte gute Arbeit geleistet...

Eona vermied es, mit anderen Leuten zusammenzustoßen und tänzelte geradezu durch die Menge. Leider konnte sie es nicht gänzlich verhindern, von einem Rüpel oder geschäftigen Leuten angerempelt zu werden. Hauptsächlich hielt sie ihren Kopf gesenkt und sah nur manchmal auf - stellte sich sogar auf die Zehenspitzen - um den Stand am anderen Ende im Auge zu behalten und die Richtung nicht unnötig zu ändern.
Endlich kamen sie an einen Teil des Marktes, wo es etwas ruhiger war und die Leiber, die sich in der Masse zusammendrückten, lösten sich langsam von der Sklavin und sie atmete merklich aus. "Das war vielleicht eine Tortur", sagte sie und mit weiterhin gesenktem Kopf lief sie über den Platz zu dem Stand, zu dem sie letzendlich wollte.
Es gab mehrere dieser Stände die überall auf dem Markt verteilt waren. Meistens hatten sie ein blaues Tuch als Dach, das etwas Schatten spendete und verhinderte, dass die Öle zu sehr überhitzten. Keiner wollte warmes Öl kaufen, obwohl es nicht unüblich war, einige davon vor dem Gebrauch zu erhitzen. Die Geldbörse lag noch sicher zwischen ihren Händen und sie gestattete sich ein kleines Lächeln, als der Händler sie ins Visier nahm. "Ich wünsche einen guten Tag, gute Frau. Was kann ich ihnen denn verkaufen? Öl für die Haut oder eine Gesichtssalbe? Sie schützt sogar vor der Sonne..." "Ich möchte eine Flasche Sandelholz. Nicht mehr und nicht weniger." Wissentlich hatte Eona den Händler unterbrochen, denn sie wusste nur zu gut, dass dieser Redeschwall erstmal nicht aufhören würde und so viel Zeit hatte die Sklavin nicht. Der Einkauf sollte nicht zu viel Zeit beanspruchen, obwohl sie gerne noch etwas herumgeschlendert wäre. Das war zu riskant, das wusste sie. Außerdem kannte sie den guten Mann hinter dem Stand und er kannte sie. Die junge Frau war sozusagen Stammkundin bei ihm und würde nur eine rote Haarsträhne herausfallen, wäre sie erledigt. Somit verstellte sie auch ihre Stimme etwas und versuchte nicht zu viel von ihrem Gesicht preiszugeben, aber doch soviel, dass er nicht misstrauisch wurde. "Sehr wohl", antwortete er etwas kühler als zuvor und begann die Flasche hervorzukramen. Sie war mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt, die in einem kurzen Lichtstrahl, der durch das lichte Tuch fiel, aufleuchtete.
Doch bevor der Händler die Ware weiterreichen konnte und Eona ihm den angemessenen Preis zahlen konnte, ertönte eine dunkle Stimme hinter ihr und eine Pranke legte sich auf die zarte Schulter der Sklavin. Leider war es die falsche Schulter und der Finger des Mannes bohrte sich bei dem Druck etwas in ihre Wunde. Zischend saugte die junge Frau die Luft zwischen ihre Zähne ein und wollte sich umdrehen, doch wurde ihr diese Bewegung verwehrt. Das war nicht Sortan. Er wusste das diese Schulter verletzt war und würde nicht so grob mit ihr umspringen. Wo war er eigentlich?
"Tut mir Leid, Euren Handel zu unterbrechen, doch ich glaube, dieses Öl brauchen Sie nicht, wo Sie jetzt hingehen werden." Noch kurz konnte die Sklavin den verständnislosen Gesichtsausdruck des Händlers erfassen und dann wurde sie schon mit den Wachen mitgerissen.

Wo war Sortan? Warum habe ich nicht besser aufgepasst?

Komisch war, dass Eona sich sehr an ihren Begleiter gewöhnt hatte, doch kaum war sie an der frischen Luft, war seine Anwesenheit wie weggeblasen gewesen. Sie war frei, konnte den Blick geradeaus richten und sah mehr als nur eine Wand oder eine Tür. Sie hatte den strahlend blauen Himmel gesehen und die heiße Sonne! Da war der Assassine plötzlich Nebensache, auch wenn sie ihn im Hinterkopf behielt.
Die Wache behielt seine grobe Hand auf der Schulter der Sklavin und führte sie durch einige Gassen. Einige Bewohner verdrehten ihr Köpfe und viele tuschelten hinter hervorgehaltener Hand, was Eona in den Wahnsinn trieb.
"Wie haben Sie mich gefunden?" Es war eine unwichtige Frage, auf die Eona eigentlich schon die Antwort wusste und nicht noch einmal eine Bestätigung haben wollte. Doch sie musste diesen Kerl beschäftigen. Ihr war kurz die Kleidung und die Waffen der Wache aufgefallen, als sie einen Blick darauf erhaschen konnte und wusste sofort, dass man sie erwischt hatte.
Wo war dieser verdammte Assassine?
"Uns wurde vor einigen Wochen berichtet, dass ein Kräuterhändler mit einer Sklavin gesichtet wurde mit roten Haaren. Wir konnten die Spuren bis zu seinem Haus verfolgen und warteten nur noch, bis ihr herauskommt. Ein Überfall auf das Haus wäre uns zu aufwendig gewesen." Faules Pack!, zischte es durch ihren Kopf und sah sich nach den weißen Haarschopf ihres Begleiters um. Er muss hier irgendwo sein! Bitte, Sortan! "Wie geistreich von Euch", sagte die Sklavin kühl, obwohl in ihrem Innern das reine Chaos ausbrach. Jetzt war sie dran! Sie würde büßen müssen, für das, was sie nicht einmal getan hatte! Doch eigentlich war sie selbst schuld, nicht war? Hätte sie den Fluchtversuch nicht unternommen, der von Anfang bis Ende sinnlos gewesen war, wäre es niemanden aufgefallen, dass sie bei dem Raquiiah untergekommen war. Niemand hätte Verdacht geschöpft. Aber sie musste natürlich so stur sein!
"Wo bringen Sie mich hin?" Sich zu wehren war zwecklos. Die Wache schien zu wissen, dass Eona verletzt war und drückte manchmal fester zu, wenn sie etwas zu schnell ging oder versuchte zur Seite hin auszuweichen. Der Schmerz war unvorstellbar.
"Ins Gefängnis. Wohin sonst?"

Das war zu viel für die junge Sklavin. Das Gefängnis stellte sie sich schrecklich vor. Dunkel. Feucht. Kalt. Niemand konnte sowas aushalten. Niemand mit einem Verstand im Kopf. Und davon besaß sie noch erstaunlich viel.
Eona schlug mit ihrem Ellbogen nach hinten aus und traf etwas Weiches und sie hoffte inständig, es würde wehtun. Der Griff an ihrer Schulter lockerte sich und mit einem Schrei riss sich die Sklavin los und fing an zu rennen. Wie schon vor Sortan, lief die Frau um ihr Leben udn würde nicht eher anhalten, bis sie sich in Sicherheit wog. Nicht zurücksehen!, mahnte sich Eona in Gedanken, doch diesmal wäre es besser gewesen. Etwas schnellte hervor und wickelte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit um ihre Beine. Der Länge nach fiel Eona in den Staub, die Kapuze löste sich von ihrem Kopf und die roten Haare blitzten in der Wüstensonne auf. Verblüfft wollte sie herausfinden, was sich da um ihre Beine gewickelt hatte, um es lösen zu können. Doch die Wache war schneller und streckte die Hand nach ihr aus.