Morgenrot und Abendhitze

Lebensfeindliches Land unter glühender Sonne am Tage und dem eisigen Mondlicht in der Nacht...
Yeira Aaminah ad Mehtar
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Morgenrot und Abendhitze

Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Mi, 06. Aug 2008 10:09

Yeira saß vor dem Zelt ihres Vaters. Sie hatte viele kleinere und größere Schüsseln vor sich stehen, in denen kleine vergoldete und versilberte Blättchen lagen. Manche waren auch mit rötlichem Gold überzogen. Und in jedes dieser Blättchen hatte die junge Frau vor einigen Tagen ein winziges Loch gebohrt. Stunde um Stunde war sie mit ihrem kleinsten Dolch und ihrem Stein dagesessen und hatte sich darauf konzentriert, die Blättchen je nach Farbe in eine gewünschte Form zu biegen und anschließend an entsprechender Stelle mit der Spitze des Dolches ein feines Loch zu stechen. Versunken war sie in dieser Arbeit, auf dass sie keiner störte und sie keinen wahrnahm.

Heute machte sie sich daran, aus diesen unzähligen, verschiedenfarbigen Blättchen Ketten zu fädeln. Sie war in ihr langes Übergewand gekleidet, das ohne Schmuck in mattem Beige glänzte. Ihre flammenden Haare hatte sie geschickt versteckt und von ihrem Gesicht waren nur noch die Augen zu sehen. Wie die meiste Zeit waren sie auch heute von einem schwarzen Braun. Sonst waren nur ihre Hände zu sehen, deren Finger sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit und sonst nie hervorkommendem Geschick zwischen den einzelnen Schüsseln und dem Faden, auf den sie die Dinge auffädelte, bewegten.

Yeira bemerkte nicht, wie ihr Vater aus seinem Zelt trat und ihr dabei zusah. Er hatte eine hübsche Tochter, das konnte er nicht bestreiten. Sie hatte es in den letzten Jahren gelernt, sich schön zu machen und auch jetzt, wo sie nur einige Ketten herstellte, war sie vorzüglich geschminkt. Ihre Augen hatten an und für sich nichts besonderes, doch so, wie sie jetzt am Boden saß, die Füße unterschlagen, den Blick leicht gesenkt, zeigte die Schminke ihre Wirkung und eine gewisse Eleganz und Wärme ging von seinem wortkargen, oft abweisend wirkenden Kind aus. Sicher hätte sie viele Männer finden können, die sie wollten, allein auf Grund ihrer stillen Schönheit, doch Yeira hatte alle abgewiesen. Lautlos seufzte ihr Vater, ehe er sich aufmachte, seinem Tagesgeschäft nachzugehen. Noch war es früh am Morgen und die Luft kühl. Ein großer Vorteil, wenn man in der Wüste lebte, in der man kurz nachdem die Sonne richtig über den Rand der Welt geklettert war, kaum noch atmen konnte vor klirrender Hitze.

Die junge Nomadin hatte von all dem nichts mitbekommen. Unbeirrt formte sie Schmuck aus schmucklosen Blättchen und Fäden. Die fertigen Werke, teils für die Handgelenke, teils für die Fesseln und natürlich für den Hals, hingen über einer Stande, die mit vier gekreuzten Stäben über der Erde gehalten wurde. So konnte sie die Werke sehen, nach Größe sortieren und wollte jemand eine, konnte er sie betrachten, ohne in einem Stapel wühlen zu müssen.
Doch gewöhnlich war es nicht Yeira, die die Ketten verkaufte, sondern ihr Vater. Er verstand sich aufs Handeln und für Yeira bedeutete Geld ohnehin nicht wirklich etwas. Sie war zufrieden mit dem Leben, das sie jetzt führte, wo sie niemand belangte und sie in Ruhe ihrem Weg nachgehen konnte, den sie noch nicht gefunden hatte, aber von dem sie sicher war, dass sie darauf zulief.

Als sie die Blättchen und die Schnüre, die sie sich heute hergerichtet hatte, verarbeitet hatte, erhob sie sich in einem eleganten Schwung. Ihre Schüsseln stellte sie geschickt ineinander, so dass sie möglichst wenig Platz verbrauchten, und verstaute sie wieder im Zelt ihres Vaters. Ebenso trug sie das Gestell hinein, so dass niemand auf den Gedanken kommen würde, sich eine Kette zu nehmen, wenn sie weg war. Die ganze Sippe, die hier zusammen lebte, achtete das Zelt als heiligstes Eigentum und würde ein solches nie ohne Erlaubnis betreten. Dort war ihr Schmuck sicher.

Mit diesen Arbeiten fertig – und sie brauchte erstaunlich lange dafür, stellte sie sich doch so ungeschickt an, dass das Gestell im Zeltinneren fast auseinander fiel – nahm sie sich das Zaumzeug von Yasha, ihrer Kamelstute, und polierte es sorgfältig. Mit ganz wenig Ziegenfett machte sie das Leder wieder geschmeidig und mit einem kleinen Bürstchen reinigte sie die unzähligen Glückchen, die daran angebracht waren und bei jeder Bewegung Yashas hell und leuchtend klangen.

Erst jetzt machte sie sich mit bedächtigen Schritten auf den Weg zu den Kamelkoppeln. Sie wusste um ihre Tollpatschigkeit und dass sie doch dazu neigte, über ihre eigenen Füße zu fallen, doch heute war dies nicht der Fall. In der Nähe der Kamele stieß sie einen kurzen, melodischen Pfiff auf, auf den sie Yasha trainiert hatte. Die Kamelstute war noch nicht ausgewachsen, doch Yeira konnte sie mit ihrem Fliegengewicht bereits reiten, ohne ihr Schaden zuzufügen. Da sie die Stute mit der Hand aufgezogen hatte, war ein besonderes Band zwischen den beiden entstanden, das sie um nichts auf der Welt wieder aufgeben wollte. Auch hatte Yeira es gelernt, ohne Sattel auf ihrer Stute zu reiten. Zwar hatte sie mit dieser geübt, doch noch war sie nicht zu ihrer endgültigen Größe gewachsen und bevor dies nicht geschehen war, konnte kein Sattel nur für Yasha hergestellt werden, der ihr perfekt passen würde. Also hatte die junge Nomadin einen anderen Weg finden müssen, was sie auch getan hatte. Vielleicht würde sie nie einen Sattel benötigen.

Als Yasha das Zaumzeug sah, ließ sie sich auch sofort für ihre Besitzerin nieder und Yeira konnte sie mit sanften Bewegungen aufzäumen, während sie ihr leise Worte zumurmelte. Es war fast wie ein Ritual. Anschließend zog Yeira ihre Sandalen aus. Jetzt musste es schnell gehen, denn obwohl die Sonne erst seit kurzem über den Rand geklettert war, war der Sand schon sehr heiß. Die Koppeln der Kamele befanden sich am Rand der Oase, an der sie gerade rasteten, und nur der ein oder andere Büschel karges, trockenes Gras unterbrach die Sandfläche. Direkt in der Oase rastete diese Sippe selten, denn sie wollte das saftige Gras nicht zerstören. Schnell hängte Yeira ihre Schuhe über einen der Pfosten und schwang sich auf den Hals der Stute. Ein wenig oberhalb der Halsbeuge saß sie nun und stützte sich mit den Füßen am Hals ab. So würde sie ihre Yasha auch lenken: Mit den Fersen und den Zehen und nicht mit den Zügeln, die sie zwar in der Hand hielt, aber seltenst benutzte. Sie wollte das empfindliche Maul des Jungkamels nicht unnötig belasten…
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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » So, 10. Aug 2008 7:52

Natürlich hatte Yeira sich auch Trinkflaschen mit Wasser mitgenommen. Sie mochte ja nicht besonders intelligent sein, aber an das Leben in der Wüste hatte sie sich gewöhnt. Und kein Wasser mitzunehmen, war lebensmüde.

Mit einem leichten Fersendruck ließ sie Yasha aufstehen und antraben. Die Koppel war nur an drei Seiten eingezäunt, so dass Reiter einfach diese verlassen konnten, die Tiere aber dennoch einen gewissen Schutz hatten. Kurz darauf ließ die junge Frau das Kamel antraben und bewegte sich im gleichmäßigen Passgang durch die Wüste. Die beiden waren aufeinander eingespielt: Nur ein minimaler Druck von Yeira reichte, und Yasha machte, was die junge Frau wollte.

Diese Momente genoss Yeira besonders. Hier in der Wüste war niemand, der ihr sagte, wie sie sich benehmen sollte. Hier war niemand, der sie bedrängte, einen Mann zu nehmen, keiner, der mit ihr reden wollte. Hier konnte sie die Wüste genießen, die für die meisten sehr leise, für sie aber laut war, denn die Wüste erzählte ihr stets ihre Geschichten.
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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Fr, 22. Aug 2008 10:41

Yeira ritt einfach in den Morgen, der so herrlich kühl begann. Bald schon würde sie umkehren und die Kühle der Oase aufsuchen müssen, wenn die Hitze der Sonne richtig zum Vorschein kam und die Schönheit des Aufgangs vertrieb. Dann würde Yasha langsam müde werden und sie selbst schnell durstig. Doch noch war es kühl und die Sonne wärmte nur langsam die umgebende Luft.

Hier fühlte sie sich frei. Frei zu tun und zu lassen, was sie wollte. Nur war Yeira niemand, der das Bedürfnis hatte, etwas zu tun. Sie wollte einfach in diesen Morgenstunden alleine sein. Alleine in die Morgenröte reiten und anschließend zu ihren Aufgaben zurückkehren. Wie lange würde es noch dauern, bis ihr Vater sie an einen aus dem Lager verheiratete? So viele Männer schon hatten um ihre Hand angehalten, doch keinen davon hatte sie erwählt. Sie alle sahen nur ihr Aussehen, nicht aber ihren Kern. Was wollte sie mit einem Mann, der nur das eine wollte, nicht aber sie?

Sie war ihrem Vater überaus dankbar, dass er sie nicht zwang, doch wusste sie auch, dass er nicht jünger wurde. War er erst einmal zu alt, um ihren Schutz und Unterhalt zu gewährleisten, würde er sich dazu gezwungen sehen, sie einem Mann zu geben, der für sie sorgen konnte.

Ob ihrer trüben Gedanken verging die Zeit wie im Fluge und sie bemerkte, dass es zunehmend wärmer wurde. Mit einem leichten Zehendruck bewegte sie Yasha dazu, umzukehren und zum Lagerplatz zurückzukehren. Die junge Kamelstute kannte ihren Weg und so musste sich Yeira nicht um eine Lenkung kümmern.

In der Koppel angekommen, ließ sich Yasha nieder und die junge Nomadin glitt von ihrem Hals, zog sich schnell die Sandalen über und gab ihrer Stute noch ein Stück Zucker, das diese mit ihren weichen Lippen von Yeiras Hand aufnahm. Wortlos verabschiedeten sie sich voneinander, ehe Yeira ins Lager zurückkehrte.
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Beitrag von Unvorhersehbares » Fr, 22. Aug 2008 16:16

Es war fast Mittag, als Yeira zurück ins Lager kehrte. Es versprach ein heißer Tag zu werden, aber das war nichts Ungewöhnliches.
Als Yeira auf das Lager zuging, mussten ihr recht schnell zwei fremde Kamele auffallen. Als solche waren sie recht deutlich zu erkennen. Zum einen natürlich, weil sie die Kamele ihres Stammes kannte, zum anderen weil ihre Sätteln mit mehreren Taschen beladen waren und auf Reisende hindeuteten.
Ein dritter Indiz war, dass sie nicht wie gewöhnlich auf der Koppel standen, sondern direkt im Lager. Genau genommen vor dem Zelt ihres Vaters.

Die Tiere beäugten sie zwar misstrauisch, schienen aber alles in allem ruhig zu sein. Ein, zwei Mitglieder des Stammes grüßten sie freundlich und gingen dann weiter ihrer Wege.

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Fr, 22. Aug 2008 18:57

Yeira war langsam ins Lager zurückgeschritten. Jetzt lag die Aufgabe, das Mittagessen zuzubereiten, vor ihr. Den Leuten, die sie grüßten, nickte sie freundlich zu, doch wenige Meter vor ihrem Zelt und dem ihres Vaters blieb sie stehen. Die Kamele, die dort standen, kannte sie nicht, auch die Sättel und Zäume waren anders gearbeitet als in ihrem Lager üblich. Einmal holte sie tief Luft, ehe sie auf die Tiere zutrat und ihnen sanft die Hände auf die Stirn legte. Egal, was man über Yeira sagen mochte, mit den sanften Wesen kannte sie sich aus.

Erst, nachdem sie sich mit den Kamelen angefreundet hatte, kratzte sie kurz am Zelt, ehe sie aus ihren Sandalen schlüpfte und in das Zelt eintrat. Am Eingang kniete sie nieder, wie sie es gelernt hatte, verschränkte die Hände im Schoß und senkte den Blick. Ihr Schleier saß perfekt, obwohl sie gerade ausgeritten war.

Gegrüßt hatte sie nicht, denn sie durfte erst sprechen, wenn sie dazu aufgefordert war. Ihren Blick hob sie allerdings aus einem anderen Grund nicht: Sie war zu schüchtern, um zu erforschen, wer da gekommen war. Es konnten sowohl Geschäftspartner ihres Vaters sein als ein reicher Mann aus einem anderen Stamm, der um ihre Hand anhalten wollte. Sie würde es sicherlich gleich erfahren...
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Beitrag von Unvorhersehbares » Sa, 23. Aug 2008 20:13

Kaum kratzte sie ans Zelt, hörte sie, wie die gedämpften Stimmen im Inneren verstummten. Die beiden Augenpaare der Männer legten sich auf die Gestalt der jungen Frau und für einen Moment war es still.
"Yeira", ein Lächeln war aus der Stimme ihres Vaters heraus zu hören, "kennst du noch Jemal Sabih ibn Abdul Abd al Bari?"

Neben ihrem Vater, dem Eingang seitlich zugewandt, saß der Mann, der ihr soeben vorgestellt wurde. Er war ein guter Bekannter ihres Vaters, der jedoch nur selten vorbei schaute. Dennoch verband sie eine Art Freundschaft.
Er war etwas jünger als ihr Vater. Für viele stellte dies kein Hindernis dar, um um ihre Hand anzuhalten und so ihre Befürchtungen zu bestätigen, doch ihr Vater würde wohl nicht ernsthaft auf die Idee kommen, ihr solch einen Mann anzubieten.

Jemal grüßte sie mit einem Nicken und einem freundlichen Lächeln. Zwischen seinen schwarzen, kurzen Haare mischten sich einige grauen Strähnen, doch die braunen Augen wirkten so jung wie früher. Seine Haut war braun gebrannt und er trug ein sandfarbenes Gewand und neben ihm lag ein Turban, der hier drinnen nicht getragen wurde. Er stammte eindeutig aus der Wüste.

Wieder ergriff ihr Vater das Wort. "Nun, ich darf offen sprechen. Viele kamen schon baten dich zur Frau zu nehmen. Und Kind, du weißt, dass du einen Mann brauchst. Wenn dies auch nicht sofort von Nöten ist."
Sie hatten oft darüber gesprochen und sein Besuch schien darüber informiert, sonst würde er wohl auch nicht vor ihm so offen über das Problem sprechen, das ihn beinahe täglich beschäftigte.
Er wollte noch etwas sagen, doch Jemal unterbrach ihn mit einer Geste seiner Hand und beendete die Ansprache ihres Vaters.
"Es würde mich freuen, würdet Ihr meinem Sohn die Chance geben, sich Euch vorzustellen."

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » So, 24. Aug 2008 14:02

Schon als sie den Mann sah, wusste sie, dass der Besuch nicht aus Gründen eines Geschäfts gekommen war. Sie kannte Jemal Sabih ibn Abdul Abd al Bari aus ihren Kindertagen und ab und an war er auch danach noch gekommen. Er hatte gesehen, wie sie herangewachsen war, wie sie ihren ersten Schleier getragen hatte, wie sie gelernt hatte, sich zu schminken, Schmuck herzustellen und sich um die Kamele zu kümmern. Ihre Stute Yasha war der beste Beweis für ihr Geschick im Umgang mit den Tieren.

Erstaunlicherweise konnte sie sich noch an Khalis erinnern. Sie hatte ihn nicht oft gesehen, nur ein paar wenige Male. Und nur einmal hatte sie ihn ohne seinen Schleier vor dem Gesicht gesehen. Doch so sehr sie auch versuchte, sich an sein Aussehen zu erinnern, es gelang ihr nicht. Sie wusste nur, dass sein Name zu seinem Wesen passte. Er hatte nie die Stimme erhoben und war stets korrekt geblieben. Seine Erziehung ließ keine Wünsche offen und wenn sich sein Wesen in den letzten Jahren nicht gewandelt hatte, würde er sicher einen wunderbaren Mann abgeben, der keine Wünsche offen ließ. Wenn da nicht das Problem wäre, dass Yeira sich einbildete, aus Liebe heiraten zu wollen. Lange würde sie ihren Vater nicht mehr hinhalten können, dann musste sie entweder einen Mann nehmen oder den Stamm verlassen. In diesem Moment, in dem ihre Gedanken rasten, wünschte sie sich einmal mehr, sie wäre zu tiefen Gefühlen fähig, doch so richtig wusste sie nicht einmal, was sie da vermisste. Sie wusste nur, dass ihr etwas fehlte.

Sie schloss die Augen und ihre Hände verkrampften sich in dem Stoff, der ihre Beine verdeckte. Nach kurzer Zeit öffnete sie ihre Lider wieder und hob den Blick. Ungewöhnlich fest blickte sie Jemal in die Augen und nickte. "Es ist mir eine Ehre, Euren Sohn zu empfangen", antwortete sie. Ihr Vater sollte stolz auf sie sein. Selbst wenn sie Khalis nicht erwählen würde, würde sie alles in ihrer Macht mögliche tun, um ihrem Vater zu gefallen und ihm keine Schande zu bereiten. "Ich werde den Tee bereiten", meinte sie noch, nachdem sie den Blick längst wieder abgewandt hatte, und erhob sich in einer einzigen, flüssigen Bewegung, wobei die kleinen Steinchen und Metallblättchen an ihrem Schleier feine, klingende Töne von sich gaben, die sie auch begleiteten, als sie zum Kohlebecken ging und den kupfernen Teekessel aufnahm. Sie nickte noch kurz den beiden Herren zu, ehe sie das Zelt verließ und sich auf den Weg zur Oase machte, um dort Wasser zu holen.

Ihr war durchaus bewusst, dass ihr Vater immer einen gewissen Vorrat an Wasser in seinem Zelt aufbewahrte, doch für einen hohen Gast musste das Wasser frisch aus der Oase geholt werden, bestand diese Möglichkeit. Nur so würde man dem Besuch gerecht werden, denn das Wasser in den Beuteln war abgestanden und roch oft leicht muffig. Frisches, kühles Wasser aus der Quelle würde den Tee besonders aromatisch werden lassen.

Yeira beeilte sich nicht. Sie sah keinen Grund darin, würden die beiden Männer doch ausreichen Gesprächsstoff haben. Vielleicht planten sie auch schon die Hochzeit, die sie vor sich sahen. Aber noch war Yeira alles andere als überzeugt davon, dass sie Khalis, Jemals Sohn, heiraten würde. Zuerst musste sie wissen, ob er noch immer der sanftmütige junge Mann war mit der milden, fast zärtlichen Stimme. Wenn es so war, würde sie ihm sicher eine gute Frau sein können - wenn auch keine liebende.

An der Quelle angelangt, sah sie sich aufmerksam um. Noch nie hatte jemand aus ihrem Stamm sie nackt gesehen und meist wusch sie sich mit einem Lumpen und einer Wasserschale in ihrem Zelt. Doch um die Mittagszeit kam selten jemand zur Oase, da die Hitze jetzt am größten war und erst, wenn die Sonne sich gen Horizont bewegte, würde es wieder kühler werden. Bis dahin verbrachten viele Wüstenbewohner die Zeit mit Schlafen oder mit leichten Arbeiten im Schatten der Zelte.

Yeira wagte nun, was sie sonst nie wagte: Sie wickelte das Tuch ab, das sowohl Schleier als auch Schutz vor der Sonne war. Auch entledigte sie sich ihres Umhangs, so dass sie nun in einem eng anliegenden, hellgrünen Top und einem weiten Rock in gleicher Farbe an der Quelle stand. Es war wieder einmal an der Zeit, die Haare zu waschen, und die Gäste im Zelt würden warten. Das Zubereiten des traditionellen Gasttees dauerte ohnehin eine ganze Weile, da machte es auch kaum einen Unterschied, wenn sie sich nun noch wusch. Außerdem konnte sie immer noch sagen, dass sie sich vom Sand der Wüste befreien wollte, den sie während ihres Ausritts aufgenommen hatte, um für Khalis hübsch zu sein. Diese Begründung würde ihren Vater sicher freuen, denn es zeigte, dass sie sich ernsthaft bemühte, dem jungen Mann, der um ihre Hand anzuhalten gedachte, zu gefallen.

Kurz überlegte, ob Yeira sich im ganzen waschen sollte, doch ihre Scheu, entdeckt zu werden, überwiegte. Sie blickte ihr Spiegelbild im Wasser an und fand sich wie so oft schon nicht sonderlich hübsch. Denn ihre Haut war für eine Nomadin viel zu blass, ihre Haare zu rot und üppig. Langsam und bedächtig öffnete sie den Zopf, zu dem sie ihre Haare band, damit sie nicht unter dem Schleier hervorspitzten. In der Nähe der Quelle fand sie auch noch etwas Seifenwurzel, die sie auf einem Stein zerdrückte und mit etwas Wasser vermischte. Im Lager hätten sie auch fertige Seife gehabt, doch da sie sich kurzfristig entschlossen hatte, sich die Haare zu waschen, hatte sie keine Zeit und Lust, diese aus dem Lager zu holen. Sie kniete sich an die Quelle und tauchte ihre Haare so weit es ihr möglich war in das Wasser und befeuchtete diese. Mit Hilfe ihrer Hände schöpfte sie weiteres Wasser, um ihre Haare bis zum Ansatz zu befeuchten. Anschließend rieb sie den Saft der Wurzel in ihre Hände. Er reinigte nicht nur, sondern duftete angenehm aromatisch. Zwar war dieser Duft nicht zu beschreiben, doch er lag irgendwo zwischen würzig-harzig und blumig-süß. Nachdem sie ihre Haare wieder ausgewaschen hatte, wrang sie sie aus und wünschte sich, etwas Öl zur Hand zu haben, um sie richtig zum Glänzen zu bringen. Zwar war sie selten darauf bedacht, ihre Haare besonders hübsch zu machen, doch wenn ihr Gast darauf bestand, sie ohne Schleier zu sehen, wollte sie doch wenigstens hübsch sein.

Da sie aber kein Öl zur Hand hatte, zuckte sie mit den Schultern und flocht sich die Haare wieder zu einem Zopf. Dabei fing sie in ihrer Stirn beim Haaransatz an und nahm immer mehr Strähnen auf, bis alle Haare in einem Zopf zusammengefasst waren. Das Ende band sie mit einer dünnen Schnur zusammen. Anschließend zog sie ihren Umhang wieder über, der von einheitlich beiger Farbe war, band das Tuch wieder zu Kopfschutz und Schleier und füllte den Kupferkessel mit Wasser.

Anschließend ging sie erhobenen Hauptes aber dennoch völlig unauffällig zurück zum Zelt ihres Vaters. Doch bevor sie zurück in dessen Zelt trat, zog sie ihre Augen in ihrem eigenen noch schnell mit Henna und Kohle nach, so dass sie geheimnisvoll rot-schwarz wirkten und das triste Braun unterging.

Kurz kratzte sie am Zelteingang, ehe sie das Zelt betrat, aus den Sandalen schlüpfte und sich sofort schweigend an die Bereitung des Tees machte. Das Wasser im Kessel kochte auf dem Kohlebecken schnell und sie nahm zwei Handvoll einer Teemischung, die sie selbst bereitet hatte, und warf sie in das heiße Wasser, das sie schon wieder von der Kohle nahm. Nun würde es eine Weile dauern, bis der Tee gezogen war. Derweil richtete sie ein Tablett mit drei fein bearbeiteten Tassen her. Die drei Männer würden in Ruhe den rituellen Tee trinken, während sie sich im Hintergrund zum Auffüllen der Tassen bereit hielt. Nur, wenn sie extra aufgefordert wurde, würde sie es wagen, mitzutrinken.

Während sie darauf wartete, dass der Tee zog, nahm sie aus einem anderen Beutel eine Prise einer Kräutermischung, die sie selbst entworfen hatte, und streute sie auf die heiße Kohle. Sofort verteilte sich ein angenehm entspannender Duft im Zelt. Auch nahm sie den Zuckerstab zur Hand und klopfte einige kleine Kristalle mit einem Hämmerchen davon ab, die sie in den Teekessel gab. Etwa zehn Minuten später war der Tee fertig und sie schöpfte mit einem kleinen Sieb die Blätter aus dem Wasser, stellte den Kessel auf das Tablett und wartete mit unterschlagenen Beinen auf die Aufforderung, den Tee zu servieren.
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Beitrag von Unvorhersehbares » Mo, 25. Aug 2008 17:08

Ihr Vater lächelte zufrieden und erleichtert gleichermaßen. Es kam ihr zwar überhaupt nicht gleich, solch eine Bitte vor Gästen abzulehnen – Gott sei Dank hatte er sie zu einer anständigen Frau erzogen! -, dennoch hätte er es ihr wahrscheinlich auch nicht verübeln können, hätte sie es getan. Wie viele Männer hatten ihn schon ersucht und wie viele hatte er selbst schon zu sich bestellt, um ihr einen Mann ihrer Wahl vorzustellen. Vielleicht würde es mit Khalis klappen.

Auch Jemal schien über diese Zustimmung erfreut zu sein, schließlich ging es um seinen Sohn. Doch sein Lächeln sah sie schon nicht mehr, denn da verließ sie schon das Zelt, um das Wasser für den Tee zu holen, wie ihr Vater vermutete. Es erfüllte ihn immer wieder mit neuerlichen Stolz, wenn er sah, wie geflissentlich sie ihre Pflichten erfüllte und wie zuvorkommend sie war.

Beruhigt konnte er sich also wieder seinem Gast widmen. Doch es blieb nicht nur bei einem. Schließlich standen vor dem Zelt zwei Kamele und bald darauf sollte auch der Besitzer des Zweiten seines Platz im Zelt finden.
Glücklicherweise kam er, bevor Yeira erneut das Zelt betrat und sich mit dem frischen Wasser ans Werk machte und den Tee aufsetzte. Sonst hätte es wahrlich einen schlechten Eindruck gemacht, wäre Khalis zu spät gekommen.

Als die junge Frau ins Zelt trat, versuchte der junge Mann nicht allzu oft zu ihr hinüber zu sehen, doch ihre Bewegungen waren zu grazil und geschmeidig, um ignoriert zu werden. Außerdem ließen ihn immer wieder das Klirren kleiner Glöckchen aufblicken und nach deren Herkunft suchen.
Jamil räusperte sich kurz und warf seinem Sohn einen viel sagenden Blick zu, worauf dieser zu Boden schaute. Yeiras Vater schmunzelte nur still vor sich hin.
Während sie herum werkelte, unterhielten sich die Männer, vornehmlich ihre Väter, über allerlei Dinge, die überwiegend von Geschehnissen außerhalb dieses Lagers oder gar der Wüste erzählten.

Wenn Khalis etwas von sich gab waren es nur kurze Sätze. Seine Stimme klang nicht so tief und rau wie die der meisten Männer, sondern hatte eher noch etwas Jungenhaftes an sich. Wenn sie einen Blick auf ihn warf, erkannte sie auch, dass er knapp 20 Jahre alt war, wenn überhaupt. Eindeutig war er der Sohn des Mannes neben ihm. Ihn zeichneten die selben schwarzen Haare aus, obwohl die seinen weitaus fülliger waren. Er trug die schulterlangen Haare zu einem Zopf zusammen gebunden und hatte offensichtlich auch die braunen Augen von seinem Vater geerbt. Sein Gesichtszüge waren markant und dennoch nicht so stark ausgeprägt wie die eines Mannes.

Als eine kurze Pause entstand, schaute ihr Vater zu ihr hinüber und wie so oft lag ein gutmütiges Lächeln auf seinen Lippen. "Ich hoffe, der Tee wird Euch schmecken. Eine besondere Mischung meiner Tochter Yeira", kündigte er dann den Tee an, ehe er fort fuhr, "Ihr erinnert Euch, Khalis?"
Als wäre sie vorher nicht im Raum gewesen, wurde ihr Khalis nun vorgestellt. Etwas verunsichert wirkte sein Blick, als der junge Mann zu ihr hinüber sah und ihr freundlich lächelnd zunickte. "Es ist mir eine Ehre", meinte er und schien nicht zu wissen, wohin mit seinem Blick.

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Di, 26. Aug 2008 9:42

Yeira hatte den weiteren Besucher natürlich bemerkt. Khalis sah gut aus, soweit sie das beim Hereintreten gesehen hatte, denn es gebührte ihr nicht, die Gäste zu betrachten. Die Zubereitung des Tees war für sie so selbstverständlich, dass ihr die Handgriffe in Fleisch und Blut übergegangen sind. Dennoch konnte sie sich an diesem Tag nicht richtig darauf konzentrieren. Ein Kribbeln überzog ihren Rücken und ließ sie erschauern. Rührte es davon her, dass Khalis mit im Zelt war? Nein, er hatte nichts getan, die Blicke auf ihrem Rücken bekam sie ja nicht mit. Es musste einfach ein frischer Windhauch durchs Zelt gehen, ja, das musste es sein. Dass es momentan die größte Mittagshitze war und noch dazu windstill, interessierte Yeira in diesem Moment nicht. Sie hatte eine Erklärung für das seltsame Phänomen gefunden, auf der sie jetzt beharrte.

Als ihr Vater dann die Aufforderung zum Servieren gab, erhob sich Yeira gekonnt, während sie gleichzeitig das Tablett aufnahm. Ebenso grazil, wie sie sich zum Bereiten des Tees gesetzt hatte, setzte sie sich nun vor die drei Männer, stellte das Tablett in die Mitte und goss den Tee mit gekonntem Schwung in die kleinen Tassen. Bevor sie den Tee reichte, gab sie ihrem Vater allerdings eine Schüssel, holte einen kleinen Krug mit Wasser und goss ein wenig davon über dessen Hände. Dieser Teil der Teezeremonie diente nicht wirklich der Reinigung, denn dafür wurde das kostbare Wasser nicht verschwendet, sondern mehr der Kühlung und der Symbolik. So verfuhr Yeira auch bei Jemal und zuletzt bei Khalis. Die Reihenfolge war genau festgelegt. Zuerst kam der Besitzer des Zeltes, dann der älteste Besucher. Frauen bildeten gewöhnlich ihre eigene Runde.
Erst, nachdem sie das Wasser zur Seite gestellt hatte, gab sie nun in derselben Reihenfolge den Tee aus. Auf die Worte ihres Vaters hatte sie zwar gelauscht, aber sie nicht weiter beachtet. Frauen sprachen nicht während der Teezeremonie – zumindest hatte ihr Vater das immer gesagt. Ob es wirklich so war, wusste sie nicht, da sie noch nie einer anderen Zeremonie beigewohnt hatte.

Natürlich hatte sie aber bei der Vorstellung ihren Kopf gehoben und Khalis kurz angesehen. Doch sein Blick verwirrte sie. Er war nicht wie die der anderen Männer, die um ihre Hand angehalten hatten und die in ihr nur eine gute Frau gesehen hatten. Khalis’ Blick hatte irgendwie so etwas sanftes, liebevolles, etwas verletzliches, was Yeira nicht einordnen konnte. Wie sollte sie auch? Ihr Kontakt zu Männern beschränkte sich auf ihren Vater, Nadir, und die vielen Männer, die um ihre Hand angehalten hatten und mit denen sie sich selten länger als ein paar Minuten beschäftigt hatte. Sie merkte, dass Khalis anders war, konnte es aber nicht erklären, so dass sie ihren Blick rasch wieder senkte, ihre Hände im Schoß faltete und still wartete. Sie hatte es in den Jahren geschafft, ihr Sitzen so zu perfektionieren, dass nicht einmal die kleinen Glöckchen an ihrem Schleier, die Khalis nun auffallen mussten, einen Ton von sich gaben.

So ruhig Yeira nach außen hin aussah, so aufgewühlt war sie in ihrem Inneren. Sie war allein mit drei Männern – von denen sie nur einen annähernd kannte. Die anderen beiden hatte sie einige Male getroffen, aber der Grund für diesen Besuch war ein völlig anderer wie die bisherigen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte sich mit Yasha in die Wüste begeben. In die unendlich weite Wüste, wo alles möglich ist und doch nichts geschehen kann. In die Wüste, in der sie allein war, wo niemand sie bedrängte und belästigte, wo sie niemandem eine Erklärung schuldete, wo sie einfach still sein konnte, ohne zu reden, zu singen, zu tanzen. Da, wo niemand sie betrachtete, wo sie nicht vorgeführt wurde, wo sie keine Aufgaben hatten. Ja, da wäre sie jetzt gerne, anstatt hier zu sitzen, zu warten, bis der Tee getrunken war und dann wieder auf ihren Platz am Kohlebecken zurückzukehren, während die Männer sich über ihr weiteres Geschick unterhalten würden. Oder vielleicht musste sie auch mit Khalis irgendwohin gehen, musste sich mit ihm unterhalten, sich ihn ansehen. Wozu? Sie wusste schon jetzt, dass sie auch ihm gegenüber keine Gefühle entwickeln würde…
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Beitrag von Unvorhersehbares » Fr, 29. Aug 2008 20:52

Khalis wirkte weiterhin eher verlegen als wirklich selbstbewusst. Sobald Yeira zu ihm sah, lächelte er leicht, wandte dann aber schnell den Blick ab, als würde er erwarten, dass Schlimmeres auf einen längeren Augenkontakt folgen würde.
Beim Tee trinken ließen sich die Männer Zeit, wobei dem jüngsten Gast anzusehen war, dass er immer nervöser wurde und Geduld nicht gerade eine Tugend von ihm zu sein schien. Im Moment jedenfalls nicht.

In den nächsten Minuten schien es wieder so, als wäre die Frau gar nicht anwesend. Höchstens wenn der Tee alle war und man die Tasse etwas von sich weg stellte, um anzudeuten, dass nachgeschenkt werden dürfte, legte man Wert darauf, dass sie sich bemerkbar machte.

Nach einer Weile war der Durst jedoch gestillt und die Tassen leer von sich gestellt. Alles weitere galt es für Yeira zu erledigen. "Ein guter Tee", meldete sich Jemal zu Wort und nickte. Es war nur ein beiläufiger Kommentar, aber scheinbar steckte noch mehr dahinter.
Denn nach einer Weile meldete sich ihr Vater wieder zu Wort. "Wie du weißt, Yeira, werde ich dich nicht einfach so in die Hände eines Mannes geben, sei es auch der Sohn des geschätzten Jemal Sabih", begann er das alte Thema aufzugreifen. Danach deutete er ihr mit einer Geste, ebenfalls Platz zu nehmen.
Es war äußerst ungewöhnlich, da dies hier aber ein rein privates Gespräch war, dazu mit guten Freunden und es außerdem um sie ging, war dies wohl vertretbar.

Erst als sie saß, sprach er weiter: "Du würdest uns einen Gefallen tun, würdet ihr euch näher kennen lernen. Es würde unseren Gästen eine Ehre sein, wenn du Khalis für einen Tag nach Avrabêth begleiten würdest. Er würde dir gerne das Haus seiner Eltern zeigen und dich ein wenig in der Stadt herum führen."
Es folgte eine leicht angespannte Stille. Alle Augen lagen nun auf ihr, nur die Khalis' bewegten sich unentwegt hin und her. Er war sichtlich nervös, als fürchte er sich vor einer Ablehnung.
Alles weitere hing jetzt von ihr ab.

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Sa, 30. Aug 2008 16:51

Yeira nahm das Tablett mit und säuberte die Tassen wie auch die Teekanne mit einem weichen Tuch. Um sie mit Wasser auszuwaschen, war dieses zu kostbar und bislang hatte es noch nie irgendwelche Probleme mit den Tassen gegeben. Die Tücher wurden natürlich regelmäßig gewaschen.
Selbst hatte sie nichts vom Tee genommen. Als sie die Teemischung ausprobiert hatte, hatte sie natürlich immer wieder am frisch aufgebrühten Tee genippt, um die ideale Zusammensetzung herauszufinden, doch den meisten Teil hatte ihr Vater getrunken. Sie selbst war aber ohnehin genügsam und gab sich auch mit lauwarmem Wasser zufrieden.

Die Worte Jemals drangen nur am Rande in ihr Bewusstsein. Ihre Gedanken waren voll und ganz darauf fixiert, das Teegeschirr zu reinigen, die Blättermischung wieder zu verstauen und das Kohlebecken vorsichtig abzudecken, so dass die Kohle nicht ausging, aber auch keine große Hitze mehr in das ohnehin schon heiß-stickige Zelt zu entwich.

Als sie ihren Namen hörte, schreckte sie regelrecht auf und blickte ihren Vater an. Es war ja klar gewesen, dass so etwas kam. Immerhin war sie bereits 18 Jahre alt und es würde bald die Zeit kommen, da ihr Vater sich auf Grund seiner Gesundheit gezwungen sah, sie in die Hände eines Mannes zu geben. Mit einer geschmeidigen wenn auch schüchternen Bewegung ließ sie sich ein wenig abseits der Männer nieder, ohne dass es wirkte, als gehöre sie nicht in den Gesprächskreis. Den Blick hielt sie gesenkt auf ihre im Schoß gefalteten Hände, während sie den Worten ihres Vaters lauschte.

In ihr brach ein heftiger Streit los. Einerseits wollte sie ihren Vater nicht verletzen oder die Gäste vor den Kopf stoßen, andererseits wollte sie aber auch nicht alleine mit einem fremden Mann sein, egal, wie gut die Väter befreundet waren. Sagte sie zu, bedeutete das, dass sie mit Khalis nach Avrabêth reiten würden und einige Tage mit ihm verbrachte. Sicherlich würde er von ihr erwarten, dass sie sich mit ihm unterhielt, dabei verlor sie doch nie mehr Worte als nötig. Und sie fühlte sich doch jetzt schon unangenehm berührt von dem leichten Kribbeln, das sie erfüllte. Was sollte das alles bedeuten? Einige Frauen hatten an der Wasserstelle geredet. Wenn man sich verliebte, dann spürte man ein Kribbeln im Bauch und dachte nur noch an den gliebten Menschen, hatten sie gesagt. Aber ihr Kribbeln war doch nicht im Bauch, sondern mehr an der Wirbelsäule und sie musste auch nicht an Khalis denken...

Würde sie mitgehen, hatte sie auch die Möglichkeit, ihre Mutter wieder zu sehen, die nach wie vor in Avrabêth lebte. Allerdings war sie sich nicht so sicher, ob ihre Mutter sie überhaupt sehen wollte. Yeira wusste ob der Enttäuschung ihrer Mutter, dass sie so eine schlechte Drachenerbin war.

Wenn sie aber nicht mitging, würde sie den Zorn von Jemal auf sich laden und die Enttäuschung ihres Vaters. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als zuzustimmen und mit Khalis in die Wüstenstadt zu reisen. Sicher würde sich der junge, schüchterne Mann stets vollkommen korrekt verhalten und ihr nie näher treten als sie es wollte. Zumindest redete sie sich das für den Moment ein.

"Es ist mir eine Ehre", antwortete sie schließlich mit leiser aber fester Stimme ohne den Blick zu heben. Ihr innerer Streit hatte nur wenige Sekunden gedauert, so dass die Männer kaum merken konnten, was in ihr vorging. Sie selbst wusste es dafür umso mehr und wartete auf das Zeichen ihres Vaters, dass sie sich erheben und entfernen durfte... Sie wollte jetzt allein sein. Wenigstens ein bisschen an das Wasserbecken in der Oase gehen und über alles nachdenken. Vielleicht auch zu Yasha, das sah sie dann. Aber hier bleiben und den Planungen lauschen, wollte sie auf keinen Fall.
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Beitrag von Unvorhersehbares » So, 31. Aug 2008 12:29

Die Spannung verflog mit einem Mal. Erleichterung machte sich spürbar in dem Zelt breit. Khalis schaffte es gerade noch ein erleichtertes Aufatmen zu unterdrücken und gab seiner Freude statt dessen mit einem kleinen Lächeln Ausdruck. Hätte sie nein gesagt, hätte sie nicht nur ihren Vater enttäuscht und den seinen verärgert, sondern ihn selbst noch bloß gestellt. Niemand wollte abgelehnt werden, ohne vorher eine Chance bekommen zu haben.

Dennoch fragte er sich für einen Augenblick, als er sie so ansah, ob es wirklich ihr Wunsch war. Gezwungen sah sie in ihrer ganzen Haltung und Erscheinung zwar nicht aus, aber auch nicht übermäßig glücklich.
Khalis nahm sich vor, das zu ändern. Er wollte nicht, dass sie es für irgendjemanden tat, sondern bald in seiner Gesellschaft blieb, weil sie selbst es wollte.
Er war gespannt auf die nächste Zeit, und als er so darüber nachdachte, spürte er wie ihn die alte Nervosität ergreifen wollte und senkte wieder den Blick. "Eure Antwort freut mich sehr." Er lächelte kurz scheu, ehe er nach einer kurzen Pause hinzufügte: "Ihr werdet es nicht bereuen." Es klang wie Worte, die er ihr schuldig war.
Ob sie stimmten?

"Unsere Gäste werden noch über Nacht bleiben, bevor ihr euch morgen früh auf den Weg macht", erklärte ihr Vater und bedeutete ihr dann, sich zu erheben. Sie dürfte das Zelt verlassen. Er ahnte, dass sie jetzt Zeit für sich brauchte und hütete sich, Khalis hinter her zu schicken. Es würde reichen, wenn sie sich morgen früh wiedersahen.
Außerdem blieb ihrem Vater und ihr noch später Zeit, miteinander zu reden, falls dies ihr Wunsch war. Die Gäste würden in einem anderen Zelt schlafen und Nadir hoffte, sie würde wissen, dass sie jederzeit zu ihm kommen konnte.

Kaum hatte sie das Zelt verlassen, hörte sie die Männer angeregt weiter sprechen. Jetzt ging es wieder um Geschäfte, aber sicherlich würde bald ein Themenwechsel erfolgen. Ein Thema, bei dem es um Yeira und Khalis gehen würde.

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Mo, 01. Sep 2008 8:01

Yeira erwiderte nichts mehr auf Khalis’ Aussage. Sie glaubte nicht daran, dass es wirklich schön werden würde, aber sie wollte dem jungen Mann auch nicht seine Hoffnungen und Träume nehmen. Auch wenn sie nicht übermäßig intelligent war, wusste sie doch, wann sie einen Menschen vor den Kopf stoßen würde.

Sie war heilfroh, als ihr Vater sie in die „Freiheit“ entließ. Schnell erhob sie sich, nickte noch jedem zu, ehe sie sich rückwärts zurückzog. In ihre Sandalen schlupfte sie beiläufig, band sie aber erst außerhalb des Zeltes richtig fest. Tief sog sie die Luft ein, die heiß waberte und Trugbilder vor dem erscheinen ließ, der die Hitze nicht gewohnt war. Sie hatte noch einen halben Tag und eine ganze Nacht Zeit, um sich auf die Reise vorzubereiten.

Schnell ging sie noch in ihr Zelt und holte die Utensilien, die sie benötigte, um Yasha auf den Ritt vorzubereiten.

Lange hatte sie nichts mehr von ihrer Mutter gehört. Immer, wenn ihr Vater sie mit nach Avrabêth genommen hatte, hatten sie sie besucht. Doch die letzten Male war ihre Mutter abweisend gewesen. Sabra Abia hatte mittlerweile wieder ein Kind geboren – einen Jungen, den sie liebte. Yeira gehörte scheinbar nicht länger zu ihrem Leben. Dennoch – die junge Nomadin wollte ihre Mutter noch nicht aufgeben. Egal, ob diese wieder geheiratet hatte und ihren neuen Mann und ihren Sohn nun liebte, blieb sie doch ihre Mutter und auch die Frau, die ihr Vater liebte. Denn es hatte einen guten Grund, dass Nadir nie eine Frau an seine Seite genommen hatte: Sabra Abia war es, die er liebte und keine andere würde sich je in sein Herz schleichen – sah man von Yeira für die er sehr starke, wenngleich nur väterliche Gefühle hegte.

Yeira freute sich nicht auf den Ritt in die Stadt. Ganz im Gegenteil hatte sie bedenken, dass das ganze Yasha überfordern würde. Die Stute war nach wie vor nicht ausgewachsen und hatte noch kaum Kondition. Langsam setzte sich Yeira in Bewegung, nachdem sie bislang vor dem Zelt gestanden war. Von der Unterhaltung der Männer hatte sie dennoch nichts mitbekommen, war sie doch so in Gedanken versunken. Sie schritt sehr langsam aber auch sehr anmutig dahin. Die meisten Nomaden hielten um diese Mittagsstunde einen kleinen Mittagsschlaf oder saßen im Schatten ihrer Zelte und unterhielten sich. Yeira hatte diese Angewohnheit nie übernommen, sondern genoss die Stille an den Rändern des Lagers, wenn die Arbeit zum Erliegen kam und die Zeit still zu stehen schien.

Von weitem konnte sie schon sehen, dass Naji bei der Kamelherde war. Er war einer von denen, die nie still sitzen konnten. Nur bei den Tieren konnte er sich längere Zeit auf ein und dieselbe Sache konzentrieren.

„Yeira! Schön, dich wiederzusehen! Wie geht es dir? Ach, du willst bestimmt nur nach Yasha sehen“, grinste Naji seine Freundin an. Yeira verband mit dem Jungen nichts als ihren Lehrer im Umgang mit den Tieren, doch Naji hatte sich von Anfang an in das stille, zurückgezogene Mädchen verliebt. Sie war so das Gegenteil von ihm, dass er sie am liebsten den ganzen Tag um sich hatte – und er konnte sich mit ihr unterhalten, auf dem Zaun sitzend, in der größten Mittagshitze und der klirrendsten Kälte des Nachts. Auch wenn meistens er sprach und sie nur zuhörte – oder auch nicht, das störte ihn nicht.

„Ich werde morgen verreisen und muss Yasha untersuchen“, erwiderte sie leise, doch Naji hing ohnehin an ihren Lippen, so dass ihm keine Silbe entging. So selten, wie Yeira sprach, wollte er kein Quäntchen ihrer lieblichen Stimme überhören.

„Du warst heute schon mit ihr in der Wüste, hab ich recht? Sie war erschöpft, als ich heute kam. Willst du wirklich mit ihr verreisen und nicht eine der Stuten deines Vaters nehmen?“, fragte Naji nach. Er stand im Inneren der Koppel und lehnte sich lässig gegen die Umzäunung, während Yeira langsam um den Zaun herumging zur offenen Seite und dann wieder zu Naji kam. Auch wenn sie seine Nähe mit der Zeit immer nervöser gemacht hatte, hatte sie sich bei Naji irgendwie daran gewöhnt, dass dieser Schauer über ihren Rücken lief und sie gleichzeitig fröstelte und schwitzte. Am liebsten wäre sie weggerannt, jedes Mal, wenn sie dieses Gefühl übermannte, doch Naji war ihr Lehrmeister im Umgang mit den Tieren und er war auch irgendwie wohl etwas wie ein Freund für sie. Auch wenn sie die Bedeutung davon nicht begriff. Zu ihm konnte sie immerhin gehen, wenn sie Probleme hatte. Meistens redete er dann die ganze Zeit und vertrieb so ihre Sorgen, ohne, dass er eine Antwort erwartete. Wenn man irgendjemanden als Yeiras Freund bezeichnen konnte, dann Naji.

"Es wird eine gute Übung für sie sein. Und keiner erwähnte, dass wir in Eile sein werden. Ich kann ihr ausreichende Pausen gönnen", antwortete Yeira ruhig, nachdem sie bei Naji angekommen war. Sie setzte sich mit einem leichten Schwung auf den Zaun und blickte zu den Kamelen. Wenn jemand sie fragen würde, wie Naji aussah, würde sie es wahrscheinlich nicht wirklich beantworten können. Sie sah ihn nie an, wenn sie in seiner Nähe war. Von weitem, ja, aber da sah sie meist nur die langen, hellen Gewänder, aber aus der Nähe? Zu nervös machte sie sein Blick, den sie so schon genug auf sich spürte.

"Ich werde sie für dich noch einmal kontrollieren, Yeira. Ehrensache unter Freunden", zwinkerte er, wie sie aus dem Augenwinkel erkannte. Er war auf jeden Fall der einzige, dem sie Yasha anvertrauen würde, aber sie wusste genau, dass die Stute es nicht zulassen würde. Yasha war sehr extrem, was das anging. Yeira hatte sie mit der Flasche vom Tag der Geburt an aufgezogen und jeder, der ihrer "Herrin" zu nahe kam, wurde böse zurechtgewiesen. Naji hatte sie zwar mittlerweile an Yeiras Seite akzeptiert, doch behandeln oder untersuchen ließ sie sich deswegen noch lange nicht von ihm.

"Du weißt, dass sie das nicht zulassen wird", antwortete Yeira leise, ehe sie sich erhob und die Tasche nahm, in der sie ihre Sachen mitgenommen hatte. Ein kurzer, spitzer Pfiff brachte Yasha dazu, den Kopf zu heben und zu ihr zu trotten. Erst einmal beschmuste die Nomadin ihre junge Kamelstute, ehe sie das Putzzeug heraus holte. Der Sand der Wüste setzte sich im Fell der Tiere fest und sie genossen es, wenn man sie einmal richtig durchstriegelte. Und das tat Yeira mit Hingabe, konnte sie doch so die Umwelt vergessen und sich ganz auf ihre Yasha konzentrieren.
Als sie damit fertig war, untersuchte sie besonders genau die Hufe, um eventuelle Verletzungen und Dornen zu erkennen, sollte das Tier welche haben. Doch Yasha war putzmunter und gesund, was sich auch bei einer näheren Betrachtung ihrer Zähne, Augen und Ohren herausstellte.

Erst, als sie sich von Yashas Zustand überzeugt hatte, gab sie ihr gut zu trinken, immerhin würden sie durch die Wüste nach Avrabêth reiten, da war Wasser mehr als nötig.

Die Sonne neigte sich bereits gen Horizont und der Himmel färbte sich rot, als Yeira fertig war. Naji hatte sich wie er dies meistens tat, bereits zurückgezogen, kannte er "seine" Yeira doch und wusste, dass sie nicht mehr ansprechbar war, wenn sie sich so um ihre Stute kümmerte.


Zurück am Zelt ihres Vaters verstaute sie ihre Kamelsachen in ihrem Zelt und bereitete dann ein leichtes Abendessen zu. Sie aß erst, nachdem ihr Vater und die Gäste das Mahl beendet hatten, doch es war noch ausreichend für sie vorhanden, vor allem, da sie ohnehin keine große Esserin war. Anschließend säuberte sie das Essgeschirr und legte sich zur Nachtruhe. Sie wollte nur allein sein. Ein letztes Mal allein, ehe sie mit Kahlis in die Wüste ritt.


Am nächsten Morgen erwachte sie frisch und munter. Der Morgen war sehr kühl, aber genau das liebte sie ja am Morgen, so dass sie sich auf einen kleinen Teppich vor ihr Zelt setzte und den Tag mit ihrer seltsamen Röhrenflöte begrüßte, sie so gar nicht harmonisch aber dennoch sehr melodisch klang. Bald würde das Lager erwachen und dann würde sie mit Khalis auf die Reise gehen. Hergerichtet hatte sie schon alles, nur ihr Zelt musste sie noch abbauen, wenn es soweit war. Jetzt aber genoss sie die Stille des Morgens, in die sie ihre Klänge schickte.
Schweigen ist das einzige Argument, das nicht widerlegt werden kann.

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Beitrag von Unvorhersehbares » Mi, 03. Sep 2008 16:27

Mit der Zeit erwachte das Lager. Der Stoff vor den Zelteingängen wurde zurück geschlagen und der neue Tag von den Bewohnern des Lagers begrüßt.
Auch Nadir erwachte bald, streckte sich vor seinem Zelt erst einmal ausgiebig, ehe er sich auf und davon machte. Als er zurück kam, wirkte er gleich viel wacher und munterer. Vermutlich hatte er sich, wie einige andere auch, an der Oase erfrischt - meist die erste Tat, die die Wüstenbewohner am Morgen machten, bevor sie sich den bevor stehenden Aufgaben widmeten.

Seine führten Nadir geradewegs zu Yeiras Zelt. Gestern Abend hatten sie kaum ein Wort gewechselt, vor allem keines über Khalis und den heutigen Tag. Seine Tochter wirkte so unnahbar, dass er nicht fähig war, einzuschätzen, wie sie über all das dachte.
"Guten Morgen." Er lächelte sie an und umarmte sie väterlich. Dann trat er einen Schritt zurück und sah sie an. "Khalis hat den Wunsch geäußert, gleich los zu reiten. Dann seit ihr heute Abend in Avrabêth und frühstücken könnt ihr bei eurer ersten Rast." Er machte eine Pause und kratzte sich am Hinterkopf. Er beäugte sie eingehend, als wolle er ihre Gefühle aus ihren Augen lesen.
"Ich hoffe, das ist dir recht. Und dass er ein guter Reisegefährte sein wird." Er machte den Eindruck, als wolle er noch etwas sagen, doch erst nach einigen Anläufen brachte er seine Gedanken auch über die Lippen. "Ich habe gehofft, dass dir die Reise etwas Spaß machen wird. Das ist mal etwas anderes und dann siehst du auch mal mehr als nur das Lager."
Es machte ihn unglücklich, dass sie gestern nicht mit ihm darüber gesprochen hatte und er jetzt nicht wusste, wie sie zu all dem stand. Er fürchtete, sich Vorwürfe wegen dem ganzen Vorhaben machen zu müssen. Andererseits, beruhigte er sich, war es seine Aufgabe, einen Mann für sie zu finden. Noch konnte sie es sich aussuchen, doch er hoffte, dass sie nicht zu lange warten würde.

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Beitrag von Yeira Aaminah ad Mehtar » Fr, 05. Sep 2008 10:09

Yeira setzte ihre Flöte ab, als ihr Vater zu ihr trat. Es wäre unhöflich gewesen, weiter zu spielen, während er mit ihr sprechen wollte. Auch erhob sie sich, um nicht zu sitzen, wenn er noch stand. Fast glaubte sie, ein wenig Trauer aus seiner Stimme herauszuhören, doch da sie die Bedeutung von Trauer, von Glück, von Freude und Spaß mehr in der Theorie gelernt hatte als selbst empfand, war sie sich nicht sicher. War er etwa traurig, dass sie ging? Oder dass sie nicht mit ihm geredet hatte? Es hatte doch nichts zu sagen gegeben! Die Entscheidung war getroffen und sie hatte sich damit abgefunden. Wozu noch große Worte darüber verlieren?

„Vater“, begann Yeira, stockte dann aber wieder. Sie konnte ihm schlecht sagen, dass sie sich riesig auf diese Reise freute, denn das stimmte nicht und das wusste er auch, so gut kannte er sie dann doch. Stattdessen drehte sie sich langsam vom Anblick ihres Vaters weg zum Lager, das langsam erwachte. Einen Moment sah sie noch darauf, ehe sie es kaum noch wahrnahm. In die mit Kohle nachgefahrenen und betonten Augen schien ein roter Schimmer zu treten, der wie ein funkelnder Stern darin herumhüpfte. Ihre ganze Haltung straffte sie, sie schien ein anderer Mensch zu werden, ein Mensch, der wusste, was er wollte, der wusste, wie er das erreichen konnte, was er wollte.

„Die Zeit ist reif, einen Schritt aus dem Lager zu wagen“, begann sie mit einer erstaunlich melodischen Stimme, die man ihr gewöhnlich nicht zu getraut hätte, klang Gesang von ihr doch mehr wie ein Reibeisen, kratzig und rau. „Ehe die Sonne sich ein weiteres Mal senkt, wird der Moment gekommen sein, dem jungen Mann die Gunst zu schenken“, sprach sie weiter. „Es sind keine Sorgen mehr von Nöten, was die Zukunft bringt, keine Ängste werden mehr ausgestanden, ob es Sicherheit geben wird.“

Yeira holte tief Luft und ihre Haltung bekam wieder etwas Zurückgezogenes, Schüchternes, in sich Verkrochenes. Auch der rote Schimmer, über den man sich nicht einmal klar sein konnte, dass er da gewesen war, war wieder verschwunden, dafür löste sich eine Träne aus Yeiras rechtem Auge und hinterließ eine schwarze Spur auf ihrer Wange. Sie wusste, was sie gesagt hatte. Sie hatte es miterlebt. Von oben, von der Seite, irgendwie hatte sie gesehen, wie sie dagestanden und geredet hatte. Doch sie begriff nicht, WAS genau sie da gesagt hatte. Sie konnte nicht erkennen, dass sie gerade einer Heirat mit Khalis zugestimmt hatte. Aber das würde noch kommen. Irgendwann würde ihr das Licht aufgehen – aber was würde sie dann tun?

Die Träne war mittlerweile von ihrem Schleier aufgesaugt. Yeira ließ ihren Kopf hängen und drehte sich langsam zu ihrem Zelt um. „Verzeih“, murmelte sie leise, ehe sie darin verschwand, um die verwischte Kohle zu entfernen und ihr Auge neu nachzuziehen. Sie vergoss eigentlich nie Tränen. Trauer zu zeigen oder Angst, Liebe oder Hass, das war ihr völlig fremd. Umso mehr erschütterte sie diese eine Träne, die sie nun vergossen hatte, ohne den Grund dafür zu kennen.

Langsam begann sie, ihre Sachen zusammenzupacken. Am liebsten hätte sie ihren Wasserschlauch genommen, ihn an der Quelle aufgefüllt, sich auf Yashas Rücken geschwungen und wäre einfach losgeritten. Einfach in die Wüste und einfach immer weiter. Das war es, was sie jetzt wollte. Aber sie hatte ihr Wort gegeben, dass sie Khalis nach Avrabêth begleiten würde. Und das würde sie auch.

Mit wenigen Handgriffen hatte sie auch das letzte bisschen ihres Hab und Guts verstaut und trat wieder aus dem Zelt. Ohne irgendjemanden auch nur eines Blickes zu würdigen oder überhaupt wahrzunehmen, baute sie ihr kleines Zelt ab und packte es geschickt in den dafür vorgesehenen Sack. Dann rollte sie das Zelt in den Sitzteppich vor ihrem Zelt ein.

Mit hängendem Kopf und hängenden Schultern, ihr Hab und Gut auf ihren Schultern und in ihrer Hand machte sie sich auf den Weg zu den Kamelen. Sie ritt Yasha selten mit ihrem Sattel, doch um die Dinge zu befestigen, die ihr gehörten, musste sie das wohl oder übel für diese Reise wagen. Sie hatte immer Angst, dass die junge Kamelstute eine zu große Last hatte, doch Naji hatte ihr versichert, dass das Tier kräftig war und gut damit zurecht kam, wenn es keine tagelangen Ritte waren. Und Naji kannte sich damit aus, er musste es wissen.

Mit geübten Bewegungen legte Yasha der Stute den Sattel auf, befestigte ihn und band dann ihr Hab und gut an. Als sie damit fertig war, bekam Yasha noch ihren Zaum, den Yeira mit vielen kleinen silbernen, goldenen und kupfernen Blättchen verziert und kunstvoll aus Leder geknüpft hatte. Sie benutzte die Zügel eigentlich nie, wusste sie doch, wie empfindlich Yashas Maul war, doch nur so konnte sie auf die Reise gehen, nur so würde sie ihrem Begleiter zur Ehre gereichen. Als sie sich nun auf Yashas Rücken niederließ, zog sie schnell ihre Sandalen aus und knotete auch diese am Sattel fest. Mit einem sanften Druck und dem Klirren von vielen Reifen an ihren Fesseln und ihren Handgelenken, ließ Yeira das Tier aufstehen. Hoch oben wartete sie nun auf ihren Begleiter, den Blick in die Ferne auf den Horizont gerichtet, wo sie die Sonne abmühte, um darüber hinweg zu kommen und in ihrer ganzen Pracht zu erstrahlen.
Schweigen ist das einzige Argument, das nicht widerlegt werden kann.

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