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Das Drachengrab

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 08. Feb 2015 14:37

Bildie Gelehrten der Nordreiche wissen nur wenig über die Drachen, welche einst über Alvarania herrschten. Allein die Gebeine, die sie an den südlichen Ausläufern der Mauern der Drachen fanden, bezeugen von ihrer einstmaligen Existenz. Und nur aus diesen Funden schöpfen die wenigen Gelehrten ihr Wissen. Dieser Tage ranken sich allerlei Geschichten über Drachen, oder ihre geheimnisvollen Gebeine, so dass die Gelehrten, welche sich dem Studium dieser einst wohl mächtigen Kreaturen verschrieben haben, an gerade einmal zwei Händen abzuzählen sind. Und viele dieser Gelehrten, welche sich diesem belächelten Studiengebiet widmen, gelten unter den Weisen und Belesenen der Nordreiche als verschrobene Exzentriker. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese ihr Wissen nur mit wenigen Auserwählten teilen, da sie den Hohn und den Spott anderer Gelehrter vermeiden wollen.

Bildelbst von diesen, wenigen Drachenforschern, wissen nur wenige um das Drachenei, welches die Bergelfen vor beinahe einem Jahrtausend in ihren Bergen fanden. Und noch weniger Gelehrte wissen überhaupt, dass es ihnen einst gelang, dieses Ei auch auszubrüten. Die gierigen Elfen hüten dieses Geheimnis wie ein Drache seinen Hort und heute gleicht dieses Wissen wohl, selbst bei den Bergelfen, mehr einer Legende. Doch jedes Geheimnis wird irgendwann ans Tageslicht gezerrt. Und jede Legende birgt einen wahren Kern. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass dieses vage Wissen dem bekanntesten Drachenforscher der Nordreiche in die Hände fiel, welcher seither, allem Hohn und Spott zum Trotz, alles Wissen, welchem er habhaft werden konnte, in seinen Aufzeichnungen niederschrieb. Man munkelt, dass Emerald von Aramad, einstiger Hofgelehrter des Herzogs von Aramad, vor vielen Jahren ein altes Drachengrab gefunden haben soll, in welchem er uralte und vergessene Geheimnisse entdeckte.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 08. Feb 2015 18:41

Bildies also war Brisangen. Es hatte sich kaum verändert, seit sie die Stadt das letzte Mal hinter sich gelassen hatten. Der schwarze Drache hielt inne und betrachtete das kleine Städtchen, welches sich in der Senke, an dessen Anhöhe er stand, unter ihm erstreckte. Ein kurzer Blick zur Sonne genügte ihm, um zu erkennen, dass sie wohl noch vor dem Einbruch der Nacht die Stadt erreichen würden. Er warf seiner kleinen Drachenerbin einen flüchtigen Blick zu. Die letzten Monate waren nicht gut mit ihr umgesprungen. Die kräftezehrende Reise war ihr mehr als deutlich anzusehen. Und der Winter hatte sein Übriges getan. Dem Winter war es auch zu verdanken gewesen, dass ihre Reise so viel länger gedauert hatte, als er ursprünglich angenommen hatte. Natürlich hätte er sie hetzen können und sie gnadenlos dazu anzutreiben vermocht die letzten Kräfte aus ihrem zierlichen Körper zu pressen. Doch Assija war nicht irgendeine dahergelaufene Drachenerbin, die er als sein devotes Eigentum betrachtete. Nicht mehr. Einst, als er sie in diesen Landen gerettet hatte, da hatte er noch so gedacht. Und hätte er geahnt, dass sein Weg ihn wieder hierher zurück führen würde, hätte er wohl nur müde gelächelt. Damals hätte er wohl alles getan, wenn er gewusst hätte, was er nun wusste. Doch damals galt es die Bibliothek zu erreichen. Nun sah alles anders aus. Damals hätte er sie bis zur Besinnungslosigkeit angetrieben, wenn er mehr von dem Ritual gewusst hätte. Ihm hätte selbst eine zerschundene und am Zahnfleisch daher kriechende Drachenerbin mehr als nur ausgereicht, um sein Ziel zu erreichen. Immerhin glaubte er, dass sie das Ritual ohnehin nicht überleben würde, und von daher war der Zustand in welchem sich das Opfer befand relativ unbedeutend. Doch mit Assija war dies anders.

Die ersten Tage ihrer Reise waren noch einfacher gewesen. Doch mit dem Voranschreiten ihrer Reise in den Norden kamen die unvermeidlichen Verzögerungen. Assija konnte mit jedem Tag, der vergangen war, immer weniger mit ihm Schritt halten. Sie benötigte immer mehr Ruhe und das Ungeborene unter ihrem Herzen zehrte immer mehr an ihren Kräften, dass dem Dämon nicht nur einmal der Gedanke gekommen war einen dieser verrufenen Schindheiler aufzusuchen, um ihr das Kind aus dem Leib zu treiben. Dabei gab es sogar recht milde Wege um das Kind loszuwerden, ohne es ihr aus dem Leib zu schneiden oder gar zu reißen. Mutterkorn, war eines dieser unheilvollen Mittel. Doch angeblich verlor man dabei viel Blut. Und Assija war alles andere als die Art zierliches Wesen, welche einen solchen Blutverlust einfach so wegzustecken vermochte. So war es dem schwarzen Drachen beinahe wie ein Wink des Schicksals erschienen, als ihnen eines Tages ein fahrender Händler über den Weg lief. Oder vielmehr fuhr. Der schwarze Drache verlor keine sinnlose Zeit mit einlullendem Geplänkel. Als der fahrende Händler sie freundlich begrüßt hatte, war der schwarze Drache kurzerhand an den Wagen des Mannes herangetreten und hatte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, vom Kutschbock seines Wagens herunter gezerrt. Die beiden Wachen, welche der Händler gedungen hatte, um ihn bei seiner beschwerlichen Fahrt in den Südosten der Nordreiche zu beschützen, standen schon lichterloh in Flammen, bevor sie auch nur einen Gedanken daran hatten verschwenden können, ihre Klingen zu zücken. Er hatte um sein Leben gefleht und vermutlich war es nur Assijas beruhigender und einlenkender Worte zu verdanken, dass er es auch behalten hatte dürfen. »Sija.« Er erinnerte sich noch gut an ihre und seine Worte. »Wenn wir ihn am Leben lassen, wird er der Wache verraten, wohin wir mit seinem Wagen gezogen sind. Sieh ihn dir doch an.« Mit diesen Worten hatte er den Wagen gemeint, welcher alles andere als unauffällig war. »Nein. Er muss sterben.« Der Händler war, wie ein Käfer auf dem Rücken vor ihm davon gekrochen. Der schwarze Drache hatte nur grimmig gelächelt, doch hatte er ihn, als er sich schließlich aufgerappelt hatte, ziehen lassen.

Es hatte nur einige Zeit in Anspruch genommen, alle Dinge, für die sie keine Verwendung fanden, vom Wagen zu werfen. Proviant, wertvolles Geschmeide, Gewürze, Decken und eine beträchtliche Anzahl an Salz in Unmengen an Tontöpfen hatten sich auf dem Wagen befunden. Und als er einen Tontopf nach dem anderen vom Wagen warf, so dass diese klirrend in unzähligen Scherben zerbrachen, hatte er genug Platz geschaffen, so dass Assija auch auf dem Wagen schlafen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von dem Gerümpel, welches der Händler dort gehortet hatte, erschlagen zu werden, sollte der Wagen über ein Schlagloch fahren. Vermutlich würde niemals wieder auch nur Unkraut auf dem Weg wachsen können, wenn man bedachte wie viel Salz der schwarze Drache auf dem Boden verstreut hatte. Doch dies war ihm ebenso einerlei, wie die Tatsache, wie viel Silber dieses Salz wert gewesen war. Er behielt lediglich den Proviant, die Decken und das Geschmeide. Immerhin war dies einfacher zu veräußern und nahm auch viel weniger Platz ein, als das Salz und die Gewürze. Im Nachhinein betrachtet wäre es vermutlich klüger gewesen, etwas davon zu behalten. Doch der Dämon war alles andere als ein geborener Koch. Und ob sie nun Gewürze oder Salz hatten, oder nicht, war einerlei. Er würde nichts kreieren können, dass auch nur annähernd genießbar war. Er war kein Wesen das erschaffen konnte. Nur zerstören. Und wann hatte er jemals für etwas bezahlt, wenn der Hunger ihn getrieben hatte?

Die Reise war seit jenem Tag viel einfacher vonstattengegangen. Assija hatte auf dem Wagen geschlafen, wenn die Müdigkeit sie übermannt hatte. Und wenn dies passierte, war Ajun stets vom Kutschbock gesprungen und hatte das Maultier an dem Zuggeschirr geführt, anstatt den Wagen zu lenken. So konnte er den Wagen gezielter lenken, falls die unebene Straße zu unwegsam wurde, um einen erholsamen Schlaf zu ermöglichen. Doch der Wagen hatte auch andere Vorzüge. Denn nun waren sie nicht mehr gezwungen gewesen, des Nachtens zu Rasten, wenn er der Müdigkeit anheimfiel. Dann tauschten Assija und der schwarze Drache die Plätze und er gönnte sich den dringend benötigten Schlaf, während sie die Zügel des Wagens übernahm.

Und so waren sie, mit mehr oder weniger nennenswerten Unannehmlichkeiten schließlich bis zu den nördlichen Ausläufern der Zuhandal Kette vorgedrungen. Die Sonne stand tief und warf einen matten, rötlichen Schein auf das weite Land unter ihnen. Es hatte beinahe den Anschein, als ob das Gras aus Kupfer bestehen würde, während der sanfte Regen, welcher schon seit zwei Tagen vom Himmel fiel, den Anschein erweckte, die Wolken würden bluten. »Wir sind da, Sija.«, murmelte der Dämon und schenkte der zierlichen Drachenerbin ein bedeutungsvolles Lächeln. Sein Blick hingegen glitt unweigerlich von ihrem Gesicht zu ihrem Bauch, welcher das Gewand, dass sie inzwischen trug, so sehr spannte, dass die Nähte zu reißen drohten. Er hatte nie ein sonderliches Zeitgefühl besessen. Vielleicht war dies ein Wesenszug seiner Art, der er nun einmal angehörte. Doch anhand des stetig anschwellenden Bauches, welchem die dunkle Brut seines Schoßes innewohnte, wurde er stets von der vergangenen Zeit eingeholt, welche sie bereits hinter sich gelassen hatten. Dies, und der Schnee, welcher sie viele Wochen aufgehalten hatte. Die Zeit in diesem Dorf, nahe der Berge, hatte ihn schier an den Rand des Wahnsinns getrieben. Doch die Straßen waren vereist und völlig zugeschneit gewesen. Jeder Versuch, den er unternommen hatte, um sie weiter voran zu bringen, war jäh zum Scheitern verurteilt gewesen. Und er hatte nicht riskieren wollen, den Schnee mit seinem Dämonenfeuer zu schmelzen. Denn jeder Funke der Magie, welchen er heraufbeschwor, hatte irgendwann zur Folge, dass das zweite Gesicht in ihm erwachte und er von der Magie überwältigt wurde. Und nun, da Assija derart behände war, dass sie kaum vor ihm davonkriechen konnte sollte er die Kontrolle verlieren, wollte er es nicht riskieren, sie erneut in eine derartige Gefahr zu bringen wie einst, in dem verlassenen Tempel des Friedhofs. In jenem Dorf hatten sie das Geschmeide verkauft, um Assija davon neues Gewand und einen wärmenden Umhang zu kaufen. Und nicht nur dies. Auch dicke Handschuhe, ein dickes Kissen, damit die Nächte auf dem Wagen weniger unbehaglich sein würden und eine einfache Laterne, damit die Nächte nicht allzu dunkel sein würden. Von dem Rest erstanden sie Proviant und auch ein paar Schuhe für den schwarzen Drachen, welcher schon seit ewigen und unzählbaren Zeiten in den gestohlenen Schuhen umherwanderte. Die Schuhe waren unbequem gewesen, da sie von ihrem Vorbesitzer bereits eingelaufen waren und er hatte Schwielen an den Füßen bekommen, wofür er den Söldner, der einst den Besitzer dieses Wagens eskortiert hatte, mehr als nur einmal verflucht hatte. Doch seine neuen Schuhe saßen wie angegossen. Und die dicke, lederne Hose, die er nun trug, rundete seine Erscheinung, in Kombination mit der ledernen Schuppenrüstung nun gänzlich ab. Er fühlte sich fast wie ein neuer Mensch, als er auf der Anhöhe stand und seine Blicke über das Dorf in der Senke schweifen ließ. Unzählige Menschen liefen durch die Straßen und auf dem großen Marktplatz, welcher dem schwarzen Drachen nur zu gut in Erinnerung war, als er das letzte Mal hier gewesen war, standen so viele Wagen und Käfige, dass der schwarze Drache es bald schon aufgab, sie zählen zu wollen. »Wie es scheint ist heute Sklavenmarkt.«, murmelte der Drache und deutete auf die Käfige, die auf robusten Wagen standen und von starken Bullen gezogen wurden. Und in diesen Wagen befanden sich Menschen, Elfen und Andersartige von jedem Winkel der Welt. Die Rufe, mit welchen die Händler ihre Waren offerierten, drangen in dem gewaltigen Stimmenmeer bis an sein Ohr heran, auch wenn er nur die Stimmen vernahm, ohne die Worte dahinter zu verstehen. Erneut warf er der kleinen Drachenerbin einen vielsagenden Blick zu. Sie wirkte müde. Und auch wenn die vielen Decken und Kissen die Fahrt auf dem Wagen annehmlich machte, so ersetzten sie keineswegs ein gutes, weiches Bett. Und als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, da nickte er und zog das Maultier unvermittelt am Zuggeschirr, um in eine der vielen Herbergen dieser Stadt einzukehren.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » So, 08. Feb 2015 23:02

Bildenn sie, am Anfang ihrer anderen Umstände, gewusst hätte, wie es sein würde, guter Hoffnung zu sein, dann hätte sie es vielleicht in Erwägung gezogen… Nein. Sie hätte es nicht getan. Niemals. Es war Ajuns Kind, welches unter ihrem Herzen wuchs. Sie liebte es mindestens genauso, wie Ajun. Gute Hoffnung. Warum nannte man es guter Hoffnung sein? Vielleicht, weil man stets hoffte, es würde besser, oder schnell vorüber sein? Am Anfang kam die Übelkeit. Wie eine übermächtige Macht, die einen niederrang, und förmlich zu Boden drückte. Das Gehen fiel ihr in dieser Zeit am schwersten, und so waren es auch fast nur leise Proteste gewesen, als Ajun den Kutscher vom Kutschbock gerissen, und die beiden Söldner, die zu seinem Geleitschutz anwesend waren, in Flammen hatte aufgehen lassen. Sie war froh, und erleichtert gewesen, den beschwerlichen Weg durch den Schnee nicht mehr zu Fuß bewältigen zu müssen. Als sie die ersten Schneeflocken vom Himmel hatte fallen sehen, war sie regelrecht entzückt gewesen. Diese kleinen, filigranen Kunstwerke die vom Himmel fielen, waren einzigartig. Sie setzten sich auf dem Wollmantel der Drachenerbin ab und sie konnte sich an ihnen kaum sattsehen. Und auch, als sie mit ihren Füßen den Schnee niederdrückte, fand sie das knirschende Geräusch spaßig. Doch als der Schnee dann kniehoch war, und sie erbärmlich fror, und ohne der Hilfe des Drachen kaum mehr weiterkam, da fand sie den Schnee nicht mehr ganz so reizend, sondern lästig und unter anderem auch gefährlich. Mit dem Wegen des Händlers hatten sie wirkliches Glück gehabt. Er hatte alles geladen, was man sich nur wünschen konnte, nur keine Kleidung und Schuhe. Dafür Unmengen an Salztöpfen, haltbare Lebensmittel, und einige kostbare Schmuckstücke. Eine zarte, goldene Kette, mit einem Sonnenanhänger, hatte die kleine Drachenerbin für sich zurück behalten, als eine Art Ersatz für ihre verlorene Silberkette, das andere hatte der Drache veräußert und von dessen Erlös warme Kleidung gekauft. Auf einigen Decken im Wageninneren gebettet ließ es sich schon deutlich besser aushalten, auch, wenn Assija jeder Knochen im Leib schmerzte, ganz gleich, auf welcher Seite sie lag, oder auf dem Rücken. Als die Übelkeit vorbei war, kam der Appetit, und die Drachenerbin erkannte sich kaum wieder. Sie, die immer wie ein Vögelchen gegessen hatte, vertilgte Unmengen von Trockenfrüchten, Trockenfleisch, Zwieback, Sauergemüse, und bald gesellten sich zu dem wachsenden Bauch auch ansehnliche Rundungen an ihrem sonst so dünnen Leib. Die kleine Drachenerbin schlief viel. Meistens des Tages, weil eine schwere und bleierne Müdigkeit sie erfüllte, und in der Nacht, in welcher sie immer wieder von plötzlichem Harndrang geweckt wurde, und ohnehin aus unerfindlichen Gründen schwer schlafen konnte, übernahm sie die Zügel des Wagens, damit Ajun sich auch ausruhen konnte. Nein, diese Schwangerschaft war alles andere als leicht. Assija hoffte, dass sie Ajun nicht allzu sehr auf die Nerven ging, und noch mehr zur Last fiel, als sie es ohnehin schon tat. Seit vielen Monden hatte sie schon keinen Krampfanfall mehr erlitten, und sie war heilfroh darüber. Wenn man schon nichts Gutes über diese Schwangerschaft sagen konnte, aber wenn sie diese Krampfanfälle verhinderte, dann war dies zumindest ein gerechter Ausgleich für die sonstigen Leiden, die die Drachenerbin tapfer versuchte, zu verbergen. Doch vor Ajun konnte man nichts verbergen. Wenn er sie mit seinen dunklen Augen musterte, wusste sie, dass er wusste, wie es ihr ging. Und sie war ihm endlos dankbar für alles, was er für sie getan hatte, und tat. Und sie ahnte, oder wusste vielmehr, dass dieser Umstand, den beide wohl nicht herbeigesehnt hatten, auch an seinen Kräften und Nerven zehrte.

„Wir sind da, Sija“ drang eines Morgens die Stimme des Drachens an ihr Ohr und weckte sie aus ihrem ohnehin leichten Schlaf. Sie setzte sich ein wenig mühselig und umständlich auf ihrem Lager im Wagen auf, und blickte den Drachen an. Wie war sie froh, als sie diese Worte vernommen hatte. Die Reise wäre schneller vonstattengegangen, wenn sie es nicht gewesen wäre, die beide für mindestens zwei Monde in einem kleinen Dorf am Fuße der wilden Lande, in den Nordreichen festhielt. Assija ertrug in dieser Zeit stumm und duldsam die mitunter wilden und ungefesselten Launen des Drachen. Doch nun waren sie da. Was immer das bedeutete. Brisangen. Assija hätte sich im Leben nicht vorstellen können, dass sie noch einmal in dieses kleine Städtchen kommen würde, wo das Schicksal seinen Lauf genommen hatte, und wo sie dem Drachen begegnet war. Ein wenig aufgeregt war sie schon. Sie erwiderte gequält das Lächeln Ajuns. Es ging ihr schon seit längerer Zeit nicht gut. Immer wieder überrollten sie Schmerzen, wie Wellen, die durch ihren Unterleib gingen. Assija hatte noch nie vergleichbare Schmerzen erlitten, und ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit über eine Schwangerschaft ließen Ängste und auch den einen, oder anderen Panikmoment aufkeimen. „Wie es scheint ist heute Sklavenmarkt“ bemerkte er, und Assijas Lächeln gefror wieder. Auch sie war einst so etwas wie eine Sklavin gewesen. Wenngleich auch ohne Sklavenring. Aber behandelt, und verschachert wie eine. Für ein paar Münzen, die sie heute noch daran erinnerten, wie wenig sie wert zu sein schien. Plötzlich hatte sie keine Lust mehr auf Brisangen. Aber das wagte sie dem Drachen nicht zu sagen. Sie wollte seine ohnehin so große Geduld und Nachsicht nicht überstrapazieren. „Möchtest du denn einen Sklaven kaufen, Ajun?“ scherzte sie, und im selben Moment überrollte sie wieder dieser heftige Unterleibsschmerz, und ließ sie sich auf dem Lager zusammenkrümmen. Sie versuchte ruhig und sich selbst beruhigend, zu atmen, aber selbst das Atmen schien ihr mehr Unannehmlichkeiten zu bringen, als Erleichterung. Sie hoffte, dass die Pein und die Schmerzen sich nicht allzu offensichtlich in ihr Gesicht gegraben hatten. Wenn sie so aussah, wie sie sich fühlte, dann musste sie wahrlich fürchterlich aussehen. Doch obgleich ihr Brisangen zuwider war, so stand doch die Aussicht auf eine warme Mahlzeit, einen stärkenden Wein, und vielleicht auch ein bequemes Bett im Raum, was schon sehr verlockend war. Sie blickte den Drachen nach diesen Gedanken unverwandt an, und es schien, als hatte er ihre Gedanken gelesen, oder zumindest erraten. Er nickte, und zog das Maultier an seinem Geschirr gen Brisangen.

Als sie zur nächstbesten Schenke gekommen waren, gaben sie das Maultier, samt Wagen in die Obhut eines Stallburschens. Assija ließ sich von Ajun aus dem Wagen helfen, und riss sich zusammen, aufrecht zu gehen. Doch es gelang ihr nicht so ganz, schmerzerfüllt und leicht gebeugt, dabei die eine Hand, die nicht die des Drachen zusammenpresste, auf den Bauch gelegt. Oh, wie gab sie sich doch Mühe, Ajun nicht zur Last zu fallen, und sich nichts anmerken zu lassen, doch es gelang ihr einfach nicht! Sie hatte manchmal Angst, dass der Drache ihr überdrüssig werden würde, nun, da sie nicht nur ein schwaches, sondern auch scwangeres, und damit völlig ihm ausgeliefertes Anhängsel war. Überhaupt hatte sie manchmal die Neigung, ohne es zu wollen, oder etwas dagegen tun zu können, heftig in Tränen auszubrechen. Zu groß waren ihre Ängste, Ajun zu verlieren, das Kind zu verlieren, oder gar ihr Leben zu verlieren. Manchmal hegte sie den Gedanken, dass das Kind in ihrem ein Junge war. Ajuns Sohn, mindestens zur Hälfte mit dämonischem Blut in den Adern, das ihm die Kraft und den Willen gab, schon im Mutterleib ein kleiner Tyrann und Kraftprotz zu sein. Die kleine Drachenerbin hatte schon viele feste Tritte in ihrem Bauch und in ihre Rippen einstecken müssen. Wenn das Kind mehr von ihrem Erbe besaß, dann müsste es wohl ein kleines, zartes, und schwaches Kind sein, von dem man im Mutterleib wenig bis gar nichts bemerkte. Wie es wohl aussah? Würde es wie Ajun, in seiner dämonischen Gestalt sein? Würde es ein reinrassiger Dämon sein? Oder würde es wie ein Drachenerbe aussehen? Oder einfach nur wie ein normaler Mensch? Wie, überhaupt, würde dieses Kind zur Welt kommen? Würde sie eine erfahrene Frau an ihrer Seite wissen können? Oder wäre sie allein auf Ajun angewiesen? Jonlai und Vai’leska…

„Ajun?“ presste sie zwischen ihren Lippen hervor, als sie schließlich in der Schenke saßen, und Assija auf dem unbequemen Stuhl saß, und ihre Hände auf dem gewölbten Bauch ruhen ließ „Wäre es denkbar, dass wir vielleicht einen Heiler, oder eine Heilerin aufsuchen, hier in Brisangen? Ich habe seit einiger Zeit starke Schmerzen, und ich halte es nicht mehr aus. Vielleicht stimmt auch etwas nicht, mit dem Kind?“ meinte sie, und da legte sich mit einem Mal eine schwere Hand auf ihre Schulter. Sie erschrak, wandte den Kopf, und wurde sich einer dicken Wirtin gewahr, die die kleine Drachenerbin argwöhnisch musterte. Zuerst glaubte Assija, es wäre dem Drachenerbe zuzuschreiben, weshalb sie so starrte, und obgleich sie sich in Anwesenheit Ajuns sicher fühlen konnte, so war dem nicht so. Doch die Wirtin schien von dem feuerroten Haar keineswegs aus der Ruhe gebracht zu sein, sondern starrte die Drachenerbin nur mitleidig an. „Du armes Ding, wie du nur aussiehst. Müde, geplagt und verhärmt. Das wird sicher ein Junge. Jungen quälen ihre Mütter schon im Leib, während Mädchen sie ihrer Schönheit berauben. Aber hübsch bist du allemal noch!“ Sie legte ihr ihre dicke Hand unters Kinn, und schnalzte mit der Zunge. „Wie alt bist du, Mädchen?“ hakte sie nach, und warf dabei einen argwöhnischen Blick auf den Drachen, der zwar sehr alt war, aufgrund seines dämonischen Daseins keineswegs älter als Mitte zwanzig wirkte, während die Drachenerbin ihres elfischen Erbes wegen beinahe noch wie ein Kind aussah, und ihr Blick sprach Bände. Als hätte ein uralter Sack eine blutjunge Frau geschwängert, die nun unglaublich darunter litt. „Vierundzwanzig…“ hauchte Assija, und die Wirtin blickte sie ungläubig an. „Siehst gar nicht so aus.“ Dann wandte sie den Kopf und schrie „Alma! Bring mal einen Becher von dem starken Schnaps, den Kelan unter der Budel versteckt!“ Damit wandte sie sich wieder Assija zu, und zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Der weckt verborgene Lebensgeister, glaub mir! Und was deine Frage betrifft. Am großen Markt, hinten, auf der Festwiese, haben viele des fahrenden Volkes ihre Zelte aufgeschlagen, da ist sicherlich ein Heilkundiger dabei.“ Erneut wandte sie sich dem Ausschank zu. „Kelan!“ brüllte sie „Wie hieß die nochmal? Da saß doch letztens einer, der ganz schwärmerisch von einer Heilerin gesprochen hat. Neu scheint sie hier zu sein, aber anscheinend sehr fähige Hände! Wie hieß die noch gleich?“ „Keine Ahnung, glaubst' ich merk mir sowas…?“ drang es ebenso laut vom Ausschank zurück. „So sind Männer halt… Fragt euch durch, scheinbar soll sie eine gute Heilerin sein. Aber frag mich nicht, woher sie kommt, wo sie ihr Zelt hat, und vor allem, was sie für ihre Dienste nimmt. Je besser die Heiler, desto tiefer muss man wohl in die Tasche greifen. Aber jetzt sagt mal, was darf ich euch bringen?“ In diesem Moment brachte die Schankmaid den von der Wirtin angeordneten Schnaps, und sie nahm diesen und drückte ihn Assija in die Hand. „Da, runter damit. Du wirst sehen, danach geht’s dir gleich besser.“ Damit wandte sie sich an den Drachen. „Also, was darf ich dir und deiner Frau bringen?“
Zuletzt geändert von Assija am Mo, 06. Apr 2015 19:35, insgesamt 1-mal geändert.
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Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Mo, 06. Apr 2015 12:27

Bilder schwarze Drache rollte mit den Augen, auf Assijas Frage hin. »Nein, Sija. Warum auch sollte ich einen Sklaven kaufen?« Er sah sie stirnrunzelnd an und sein Mund bildete nur einen dünnen Strich, welcher keine Interpretation seiner Worte zuließ. »Doch die Tatsache, dass heute Sklavenmarkt ist, bedeutet lediglich, dass heute mehr Menschen in diesem miesen Kuhkaff sind, als für gewöhnlich. Also müssen wir aufpassen. Besonders auf den Wagen.« Er umfasste die Zügel des Pferdes ein wenig strenger und zog den müden Gaul mit sich, welcher sich stumm dem Willen des Dämons beugte. »Komm. Hier Wurzeln zu schlagen wird uns auch nichts helfen.« Und so führte er den Wagen, und damit auch Assija, welche auf diesem saß, den Hang hinunter in die Stadt Brisangen.

Nach einiger Zeit hatten sie endlich einen Ort der Rast gefunden. Für gewöhnlich waren Dörfer und Städte, so weit im Norden und so fern der Zivilisation, nur eine Ansammlung von Wohnhäusern und einem Ratshaus. Doch Brisangen war anders. Hier herrschte ein reger Durchreiseverkehr verschiedenster Händler und Reisender. Allen voran die Sklaventreiber, welche Menschen und Anderlinge von ganz Alvarania zum Verkauf anboten. Hier, in Brisangen, gab es kein Gesetz, welches Sklavenhandel verbot. Und selbst wenn, dann waren die Sklavenhändler mit ihren Söldnern oft besser ausgerüstet und vor allem auch besser ausgebildet, als die mickrige Miliz der Stadt. Die Stadtwache, wenn man den kläglichen Haufen überhaupt als solchen bezeichnen konnte, verdiente ihren Lebensunterhalt vielmehr darin die Augen zu schließen und schweigend das Bestechungsgeld in Empfang zu nehmen, anstatt sich in die Angelegenheiten der vielen Fremden einzumischen. Und so florierte hier nicht nur der Sklavenhandel, sondern auch der Schwarzmarkt. Allerlei finstere Gestalten waren hier anzutreffen. Und so war es auch nicht ungewöhnlich, dass sich in Brisangen inzwischen beinahe genausoviele Schenken und Raststätten wie Wohnhäuser befanden. Sogar ein Geldwechsler hatte hier ein Haus gebaut, was für diese Region mehr als ungwöhnlich war. Immerhin waren Geldwechsler für gewöhnlich nur in den großen Städten anzutreffen und so weit im Norden gab es selten einen ihresgleichen anzufinden und wenn, dann mit einem eisenbeschlagenen Wagen und gedungenen Söldnern. Doch hier in Brisangen gab es Münzen und Währungen aller Herren Länder und ein Wagen war der steten Gefahr ausgesetzt, überfallen zu werden. Das Haus des Geldwechslers war beinahe so groß wie das des Schuldheiß. Es war vielmehr eine Bank als eine Wechselstube und wer wusste schon welche Reichtümer sich darin verbargen? Die schwer gerüsteten Wachen zeugten auf jeden Fall davon, dass es nicht wenig war.

Doch dem schwarzen Drachen stand nicht der Sinn danach Geld zu wechseln, oder Banken und Wechselstuben zu überfallen. Er hatte, Zeit seines Lebens, nie viel Geld besessen oder benötigt. Alles was er brauchte hatte er bei sich. Und dies war mehr als er für gewöhnlich hatte oder benötigte. »Die Gebühr für das Unterstellen des Wagens beläuft sich auf drei Kupfermünzen pro Tag. Das Pferd kostet eine weitere.« Der schwarze Drache verzog mürrisch die Augenbrauen. »Das ist kein Händel, das ist Wegelagerei.« Er brummte und verschränkte die Arme vor der Brust, was der Stallmeister ihm kurz darauf gleichtat. »Bitte. Mir ist es gleich. Lasst den Wagen doch vor den Stallungen stehen.« Er grinste mit dem Gesichtsausdruck eines listigen Wiesels. »Und kaum habt ihr euch umgedreht, wird er auch schon gestohlen sein.« Der schwarze Drache trat einen Schritt an den Mann heran, so dass diesem kaum entgehen konnte, dass der Dämon ihn um beinahe zwei Köpfe überragte. Doch er sprach kein Wort. Vermutlich würde der Stallmeister selbst den Wagen stehlen, denn er sah alles andere als vertrauensselig aus. Er warf einen flüchtigen Blick zu Assija, doch nicht um sie um Rat zu bitten. Ihr Zustand war alles andere als günstig. Sie wirkte entkräftet und müde, und so seufzte der schwarze Drache schließlich. »Hier. Acht Groschen.« Er kramte die Münzen aus dem Beutel des Händlers von dem sie sowohl das Geld als auch den Wagen gestohlen hatten. »Und wenn auch nur ein Nagel fehlt, oder dem Pferd auch nur ein Haar ausfällt, dann …« Der Stallmeister fiel ihm unwirsch ins Wort. »… Mein Stall ist der sicherste in ganz Brisangen. Unter meiner Obhut ist jedes Gut so sicher, wie mein eigener Augapfel.« Diese Worte bestätigten dem schwarzen Drachen lediglich eines. Dass dieser Stallmeister hier einen gewissen Einfluss hatte und vermutlich wirklich jeden Wagen und jedes Pferd stehlen ließ, welches herrenlos in der Stadt herumstand.

Ajun half Assija vom Wagen und gemeinsam betraten sie die Schenke, welche direkt an den Stall angrenzte. Es war voll. Beinahe zu voll, für Ajuns Geschmack. Doch sie fanden, nach einigem guten Zureden, einen freien Platz. Einige Männer waren so freundlich gewesen Assija ihren Platz anzubieten, nachdem der schwarze Drache sie am Kragen gepackt und durch den Raum geschleudert hatte. Und so saß er nun da, die Beine auf einen zweiten Stuhl gelegt und einen der Bierhumpen in der Männer in der Hand, welche ihnen den Platz überlassen hatten. »Ajun?«, brach Assija schließlich das Schweigen. Die anderen Gäste hatten nicht so lange geschwiegen, nachdem die Männer, die ihren Platz für Assija freigemacht hatten, sich noch einige beherzte Schläge in die Magengrube abgeholt hatten, nachdem sie dem Drachen, auf ihre bäuerliche Freundlichkeit, ihre Glückwünsche zu Assijas Umständen hatten geben wollen. Solcherlei Dinge waren keine Seltenheit in dem Norden. Und der Wirt war vermutlich einfach nur froh, dass kein Geschirr oder Mobiliar dabei zu Bruch gegangen war. Der schwarze Drache nahm den Humpen von den Lippen und sah Assija erwartungsvoll an. »Wäre es denkbar, dass wir vielleicht einen Heiler, oder eine Heilerin aufsuchen, hier in Brisangen? Ich habe seit einiger Zeit starke Schmerzen, und ich halte es nicht mehr aus. Vielleicht stimmt auch etwas nicht, mit dem Kind?« Er setzte den Becher auf dem Tisch ab. »Wenn es dir hilft. Wo Schenken und Märkte sind, gibt es auch den einen oder anderen Scharlatan, dessen kannst du dir gewiss sein.« Er nahm den Humpen wieder zur Hand, doch musste er feststellen, dass er leer war. »He! Wirt!«, rief der Drache daraufhin und hob seine freie Hand in die Höhe, um dem Wirt zu signalisieren, wer nach ihm gerufen hatte. »Du hast seit Tagen kaum was in den Magen bekommen. Du solltest etwas Warmes essen und vielleicht eine deftige Brotsuppe zu dir nehmen.«

Der Wirt entpuppte sich als eine feiste Wirtin, welche sich auch kein Blatt vor den Mund nahm. Sie legte Assija die Hand auf die Schulter und sprach ihr Mut zu. Doch als sie die Drachenerbin am Kinn ergriff, wurde der schwarze Drache unruhig auf seinem Stuhl und nahm die Beine von dem anderen. »Lass deine Finger von ihr.«, brummte er, doch die Wirtin schien ihn geflissentlich zu überhören. Stattdessen rief sie ihren Schankknecht nach einem starken Schnaps. Auch sprachen sie über einen Heiler und es stellte sich heraus, dass sich eine beim fahrenden Volk befinden sollte, welche ihr Lager unweit der Stadt aufgeschlagen hatten. Und so ließ sich der schwarze Drache wieder ein wenig entspannter auf dem Stuhl sinken, legte seine Füße wieder auf den anderen, freien Stuhl und beäugte die Wirtin mit mürrischen Blicken. Auf ihre Frage hin, was sie ihnen denn bringen konnte, da lächelte der schwarze Drache wölfisch. »Also zuerst einmal, einen zweiten Schnaps, für mich, Weib.« Er schob ihr die leeren Humpen auf dem Tisch zu, welche das letzte Überbleibsel der Männer waren, die zuvor an diesem Tisch gesessen hatten. »Und dann eine dicke Brotsuppe und einen Braten.« Die Wirtin lächelte und nickte dabei. »Wir haben verschiedene Braten. Huhn, Schwein, Lamm oder Kalb.« Der schwarze Drache machte eine abwertende Geste. »Mir ist’s gleich.« Er wandte den Blick zu Assija, bevor er wieder die Wirtin ansah. »Bring‘ uns das Fleisch, welches du deinen Kindern vorsetzen würdest, ohne fürchten zu müssen, dass sie morgen die Scheisserei haben, klar?« Und dann nahm er einen der leeren Humpen zur Hand und klopfte damit energisch auf den Tisch und gab ihr damit zu verstehen, dass er sie wieder gefüllt haben wollte.

Die Wirtin brachte einen Lammbraten mit Selleriebrei, welcher mit Wildkräutern, Rosmarin und Areskerbeeren eingerieben worden war. Das Fleisch schmeckte, trotz der herben Zutaten, sowohl herb als auch süß, was der schwarzen Drachen dem süßen Wein zuschrieb, in welcher das Fleisch offensichtlich eingelegt worden war. Das Bier war ein dunkles, sehr malziges Gebräu, welches ebenso herb wie auch süß schmeckte und dem der Geschmack der Areskerbeere anhaftete, ohne zu bitter zu schmecken, wie es die Eigenart der Areskerbeere war. Der schwarze Drache kam nicht umhin anerkennend zu nicken. Er stopfte sich gerade ein großes Stück Fleisch in den Mund, als er das Wort wieder an Assija richtete. »Also gut. Wenn du willst, gehen wir zu diesen Halunken des fahrenden Volkes. Aber lass dir keine Wundertinkturen oder Zauberwurzeln andrehen. Das sind alles Diebe und Betrüger. Einer schlimmer als der andere.« Er schluckte das Fleisch und spülte es mit einem tiefen Schluck Bier herunter. »Wir haben zwei Tage Zeit, dann sollten wir weitersehen. Das Geld wird nicht ewig reichen und der Wagen mit dem Pferd alleine kostet ein Vermögen in dem Stall.«
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Mo, 11. Mai 2015 21:21

Bildls sie die Schenke betreten hatten, mussten sie feststellen, dass alle Tische besetzt waren. Es war Ajun gewesen, welcher sich einen kurzen Überblick verschafft hatte, um danach sogleich zu handeln. Er trat an einen der Tische heran, und nach einem kurzen, rüden Wortwechsel hatte der Drache einen nach dem anderen am Kragen gepackt, von den Stühlen gezerrt, und in den Schankraum geworfen. Zwei andere der Anwesenden hatten sich sogleich ihre Bierkrüge gegriffen, und sich kurzerhand, wenn auch murrend, verzogen. Mit dem Drachen, gemessen an seiner Größe, wollte sich wohl niemand anlegen. Die kleine Drachenerbin schämte sich zutiefst. Doch sie zog nur den Kopf näher an ihre Schultern, und schwieg dazu, wie sie es stets zu tun pflegte. In den letzten Monden, während ihrer Reise, in welcher sie nur sich gegenseitig zur Gesellschaft hatten, bemerkte die kleine Drachenerbin, wie der Drache immer verdrießlicher wurde. Sie mutmaßte, dass er sich ihr zuliebe zurücknahm, und so konnte die dämonische Seite nicht auf ihr Recht pochen. Kein Streit, keine Pöbeleien, und darüber hinaus war sie als Herniedergehende eine erhebliche Last. War sie doch schon als Drachenerbin ein mühseliges Anhängsel. Sie hatte durchaus Verständnis für seine schlechte Laune, ihr erging es ja auch nicht besser in ihrer Situation. Auch seinen mürrischen Kommentar auf ihren Scherz mit dem Kauf eines Sklaven hatte sie wortlos zur Kenntnis genommen. Und ebenso, als er die beiden Söldner des Besitzers des Wagens, welcher sich nun in ihrer Obhut befand, in Flammen hatte aufgehen lassen, hatte sich die kleine Drachenerbin nur entsetzt und wortlos abgewandt. Es gab Dinge, an die gewöhnte man sich einfach nie. Menschen bei lebendigem Leib zu verbrennen gehörte dazu. So hatte sie nur versucht, die gellenden Schmerzensschreie, die langsam in ewiges Schweigen verebbten, zu ignorieren, ebenso, wie sie duldsam über den Streit mit dem Stallmeister hinweggesehen hatte. So ließ sie den Drachen sich eben selbst entfesseln, sich abreagieren und schwieg dazu, in der Hoffnung, es wäre für alle Beteiligten das Beste. Zumindest für ihre Beziehung zueinander war es das Beste. Er mochte Aufmüpfigkeit nicht, und was das betraf, ergänzten sich die beiden Drachen wunderbar. Die kleine Drachenerbin blickte Ajun aus ihren goldenen Augen ruhig an, während er sich auf einem Stuhl niedergelassen hatte, die Beine lässig übereinandergeschlagen auf dem dritten Stuhl, und sich an einem der zurückgelassenen Bierkrüge gütlich tat. Zeitgleich horchte sie in ihren Körper hinein, dessen Leibesmitte immer stärker anschwoll, und fragte sich, was die Zukunft bringen würde.

Während der Drache einen kurzen Wortwechsel mit der Wirtin über das Essen führe, starrte Assija auf die Tischplatte, und sprach kein Wort mehr. In diese Tagen war sie recht launenhaft, beinahe so, wie es dem Drachen stets zu Eigen war. Und Ajun benahm sich wirklich unverschämt, fand sie, und auch die Blicke der Wirtin sprachen schließlich Bände. Erst, als das von Ajun bestellte Essen, nebst Bier am Tisch stand und die Wirtin wieder weg war, brach er das Schweigen, welches sich herangeschlichen hatte. „Also gut. Wenn du willst, gehen wir zu diesen Halunken des fahrenden Volkes. Aber lass dir keine Wundertinkturen oder Zauberwurzeln andrehen. Das sind alles Diebe und Betrüger. Einer schlimmer als der andere.“ Assija hob den Blick, welchen sie kurz zuvor noch auf dem Becher Schnaps, welcher vor ihr stand, gehaftet hatte, und starrte ihn an. „Was denn sonst, Ajun? Wenn ich mir nichts andrehen lassen soll, dann können wir uns den Besuch gleichermaßen ersparen. Woher soll ich denn wissen, welche Medizin die Richtige ist?“ Sie nahm den Becher Schnaps in die Hand, hob ihn an ihre Nase, und roch daran. Der beißende Geruch des starken Klaren kroch ihr in die Nase und bereitete ihr Übelkeit, so dass sie den Becher angewidert wieder auf dem Tisch abstellte, und ihn Ajun zuschob. „Trink du ihn, ich möchte nicht, auch wenn es nett gemeint war, von der Wirtin…“ murmelte sie. Eigentlich verspürte sie kaum Hunger, am liebsten hätte sie sich einfach nur in ein weiches Bett gelegt, um ihrer Müdigkeit Raum zu geben, zu schlafen, und die Schwangerschaft für eine Zeit lang zu vergessen. Aber Ajun hatte Recht. Sie hatten in den letzten Tagen ihre letzten Vorräte aufgezehrt, und wenig gegessen. Das Kleid spannte sich trotzdem unangenehm über dem Bauch. Aber auch an ein neues Kleid war nicht zu denken, und als hätte er ihre Gedanken erraten, erwiderte er „Wir haben zwei Tage Zeit, dann sollten wir weitersehen. Das Geld wird nicht ewig reichen und der Wagen mit dem Pferd alleine kostet ein Vermögen in dem Stall.“ Assija nickte geistesabwesend. Wie groß würde der Bauch noch werden? Die kleine Drachenerbin drehte nachdenklich den goldenen Sonnenanhänger an der Kette, welche aus dem Nachlass des Händlers stammte, zwischen ihren zierlichen Fingerspitzen hin und her. „Dann verkaufen wir eben auch noch diese Kette. Einige Silberstücke wird sie gewiss wert sein…“ meinte sie schließlich. Nun doch von Appetit übermannt, griff sie nach dem Holzlöffel und der Schüssel mit der Brotsuppe, und tauchte den Löffel in die dampfend heiße, dicke Suppe und schöpfte sich davon heraus. Suppe tropfte schwer vom Löffel in die Schüssel zurück, und Assija blies den Dampf fort, und schob sich den Löffel in den Mund. Schließlich richtete sie den Löffel auf Ajun, blickte ihn unverwandt an und meinte „Darf ich dir etwas sagen, ohne, dass du beleidigt bist, oder wütend wirst?“ Doch ohne eine wirkliche Antwort abzuwarten, sprach sie weiter „Du benimmst dich wirklich unmöglich, seit wir hier sind, Ajun…“ meinte sie, und schüttelte leise den Kopf. „Was ist los mit dir? Bist du meiner überdrüssig geworden? Seit ich dein Kind in mir trage, hast du dich völlig verändert. Denkst du, ich sehe nicht die Blicke, mit welchen du bisweilen meinen Bauch betrachtest“ Assija senkte den Blick. „Entschuldige Ajun… Ich wollte nicht… ich meine… Ich habe einfach Angst, dich zu verlieren…“ Sie seufzte, und wandte sich dann wieder der Suppe zu, und fischte mit dem Löffel ein Stück Rübe heraus. Zumindest die nächsten beiden Tage würden ein wenig entspannter sein, da kurz hier verweilen würden, und so erhoffte sie sich ein wenig Ruhe für ihren Körper, der ihr immer mehr Unwohlsein bereitete. Aber sie kannte ihren Drachen, und ahnte, dass es wieder Reibereien geben würde, ebensolche, wie sie eben in der Schenke stattgefunden hatten. Und darauf hatte sie eigentlich wenig Lust, da sie ein völlig harmoniebedürftiges Wesen besaß. Seit der Begegnung mit Asìí hatten sie nicht mehr über das Ritual gesprochen. Er hatte ihr damals gesagt, er würde sie nicht opfern. Und dennoch beschritten sie die Reise auf der Suche nach einer dunkelhäutigen Frau, die zu Asìís Volk gehörte, und welche scheinbar einen Weg wusste, ein solches Ritual zu vollführen. Sie verstand es nicht. Und auch, wenn sie ihm ihr Leben angeboten hatte, an Asìís Stelle, so behagte ihr der Gedanke nicht, dass sie das Gefühl hatte, er würde etwas vor ihr Verschweigen, ein Gefühl, welches sie nicht Misstrauen nennen wollte, für welches es aber keine andere Bezeichnung gab. Doch der schwarze Drache war so unergründlich, wie ein tiefer Brunnen, in dessen schwarzer Wasseroberfläche man sich niemals spiegeln konnte.

Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, rutschte die kleine Drachenerbin unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Längeres Sitzen war genauso unangenehm, wie langes Gehen, langes Stehen, oder langes Liegen. Wie man es auch drehte, und wendete, sie fühlte sich in diesen anderen Umständen unwohl in ihrem Körper. Nur der stete Wechsel von Sitzen, Gehen und Liegen half ein wenig. Darum erhob sie sich, wobei sie beim Aufstehen beinahe mit ihrem kugelrunden Bauch an der Tischplatte hängen geblieben wäre, und meinte. „Dann lass uns das fahrende Volk suchen, bitte…“

Durch Brisangen zu laufen war seltsam für Assija. Hier und da kamen ihr Plätze noch bekannt vor, als sie von ihren Entführern durch Brisangen getrieben worden war, auf der Suche nach den Hintermännern des geheimen Zirkus. Nur, dass der geheime Zirkus dieses Jahr wohl nicht hier seine Zelte aufgeschlagen hatte. Was wohl aus diesem geworden war, nachdem der Drache alles hatte in Flammen aufgehen lassen? Im Grunde war es Assija egal, und auch, wenn die Wunden der Vergangenheit bereits geheilt waren, so fühlte sie sich dennoch unbehaglich hier. „Warum ausgerechnet nach Brisangen, Ajun, wenn die Nordreiche doch so groß sind?“ fragte sie ihn leise nach einer Weile, die sie durch die Straßen und Gässchen des Städtchens gelaufen waren, und sich nach den Wagen des fahrenden Volkes durchgefragt hatten. Nach einer Weile erreichten sie schließlich die Ausläufer der Stadt. Das fahrende Volk schien entweder den Kontakt zu den Stadtbewohnern zu meiden, oder aber sie wurden selbst hier nicht geduldet, Assija wusste es nicht so genau. Immer wieder hatte sie aufwallende Schmerzen, welche ihr das Gehen schwer machten, doch sie vermochte nicht zu sagen, woran das lag. Sie wusste ja nicht einmal, wie lange eine Schwangerschaft dauerte, und wie lange sie schon hernieder ging. Seit Herbst, so viel stand fest. Und nun war der fünfte Mond des Jahres herangebrochen. Wie lange sie diese Bürde noch zu tragen hatte, das stand für sie in den Sternen. „Ajun, darf ich dir eine Frage stellen?“ fragte die kleine Drachenerbin unverwandt, und blieb stehen, bevor sie das Lager erreichten. Sie nahm seine hand in die ihre, und blickte ihn aus ihren großen, goldenen Augen an. Doch bevor sie ihren Mund öffnen konnte, um die Frage zu stellen, die ihr so auf dem Herzen brannte, überrollte sie erneut eine Welle des Schmerzes, der in ihrem Unterleib zugrunde lag. Sie biss tapfer die Zähne zusammen, und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch vor dem Drachen konnte man nichts verbergen. „Ajun… irgendetwas stimmt nicht mit mir, oder dem Kind…“ stieß sie keuchend hervor, und krümmte sich zusammen, während sich ihre Hand um die seine verkrampfte. Ein aufmerksamer wie auch hilfsbereiter Schausteller des fahrenden Volkes kam angelaufen, und berührte den Drachen am Arm. „Komm, bring sie in das rote Zelt, gleich hier! Wir haben einen guten Heiler in unseren Kreisen, außerdem haben wir einige sehr erfahrene Frauen, die sich schwangeren Frauen gut auskennen!“
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bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 24. Mai 2015 13:46

Bilder Dämon lachte schallend. »Woher du wissen sollst, welche die richtige Medizin ist?« Er kniff seine Augen zusammen und besah Assija mit neugierigen, wie auch schalkhaften Blicken. Doch da Assija keine Anstalten machte ihre Aussage zu relativieren, verzog der hochgewachsene und hünenhafte Mann kurz seine Mundwinkel und das Lachen ebbte ab. »Ganz einfach, Sija. Jede Art von Wundertinktur, die entweder gut schmeckt, oder wahre Wunder vollbringen soll. Man muss nur seinen Verstand gebrauchen. Medizin schmeckt scheußlich. Bitter, sauer, widerlich. Medizin die gut schmeckt, kann nicht wirken. Und Medizin die über Nacht Linderung verschaffen soll, ist ausgekochter Humbug. Also lasse dir keine Wurzeln, Beeren, Absude oder irgendwelche Tinkturen andrehen, die solche Dinge versprechen.« Er nahm den Bierhumpen zur Hand und stürzte den Rest in einem Zug hinunter, und befand, dass er seinen Standpunkt mehr als klargestellt hatte.

Nach einer Weile des Schweigens, legte Assija den Löffel beiseite und fixierte den schwarzen Drachen mit beinahe tadelnden Blicken. »Du benimmst dich wirklich unmöglich, seit wir hier sind, Ajun.« Er räusperte sich und rutschte auf dem Stuhl in eine etwas weniger legere Haltung. »Ach, wirklich?«, hakte er mit einer Stimme die sowohl Neugierde als auch Erstaunen in sich trug. »Und wie kommst du darauf, kleine Drachenerbin?« Er sah an sich herunter, und dann ließ er seinen Kopf nach rechts und links wandern, als ob er den Grund für ihre Behauptung irgendwo in seiner Nähe finden könnte. »Also ich bin so wie ich immer bin.« Er zuckte mit den Schultern und lehnte sich dann ein wenig weiter vor, um seinen Ellenbogen auf den Tisch zu stellen, um seinen Kopf auf seiner Hand abzustützen. »Bist du meiner überdrüssig geworden?« Der Drache schwieg. Für gewöhnlich leitete Assija ihre Sätze stets mit solchen Fragen ein und er hatte sich inzwischen schon daran gewöhnt. Stattdessen ließ er sie lieber aussprechen und es kam ihm durchaus gelegen, denn ihm stand im Grunde gar nicht der Sinn nach nachhaltigen Gesprächen. »Seit ich dein Kind in mir trage, hast du dich völlig verändert.« Er grinste, wenn auch nicht wirklich wissentlich. »Natürlich, kleine Drachenerbin. So wie auch du.« »Denkst du, ich sehe nicht die Blicke, mit welchen du bisweilen meinen Bauch betrachtest.« »Und was für Blicke sollen das sein?« Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon sie da eigentlich sprach. Vielleicht hatte er auch ein oder zwei Bier zu viel und zu schnell getrunken. Doch alles in allem fühlte er sich weder hintergangen noch hinterhältig. Natürlich spukten ihm zuweilen gewisse Gedanken bezüglich des Balgs in ihrem Schoß durch den Kopf. Doch einen klaren Entschluss hatte er noch nicht gefasst, und daher war er sich auch nicht im Klaren, worauf Assija eigentlich anspielte. Aber seine Reaktion und seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Er hatte es schon öfter erlebt, wenn Assija ihre aufmüpfigen Momente hatte, nur um kurz darauf klein bei zu geben, oder sich zu entschuldigen. Und auch dieses Mal war es nicht anders, so dass er beinahe herablassend und zugleich besänftigend mit der freien Hand, auf welche er nicht den Kopf gestützt hielt, wedelte. »Ist schon gut, Sija. Dein Kopf ist voller Gedanken und den Herz voller Gefühle. Und nun trägst du nicht nur deine eigene Bürde deines Blutes mit dir, sondern auch noch die meine. Gräme dich nicht, denn alles hat irgendwann ein Ende.« Er legte die Hand wieder auf den Tisch und seufzte. »Aber wenn es dir soviel bedeutet, gehen wir zu diesen Herumtreibern vor der Stadt und sehen nach, was sie uns andrehen wollen.« »Dann lass uns das fahrende Volk suchen, bitte.« Ajun seufzte und nickte zugleich. »Wie du wünschst, kleine Drachenerbin.« Er verbeugte sich leicht, was man durchaus als spöttischen Hohn bezeichnen konnte. Doch auch wenn er sich in dieser Hinsicht ein wenig auf ihre Kosten lustig machte, so war dies kein böswilliger oder grausamer Akt von ihm. Es war seine Art mit ungewohnten oder leidlichen und unerwünschten Situationen umzugehen. Dies war nun einmal seine Art mit solchen Dingen umzugehen. Und wenn Assija Schmerz und Unbehagen erdulden musste, war dies für den Drachen sowohl unerwünscht als auch unangenehm. Nicht nur weil er die Drachenerbin die letzten Wochen lieb gewonnen hatte, sondern auch weil sie dann auch stets dazu neigte, ihm den letzten Nerv zu rauben. Die letzten Tage waren immer anstrengender geworden. Sowohl für Assija, welche sowohl unter den Strapazen der Reise, als auch unter den Beschwerden der Schwangerschaft litt. Als auch Ajun, welcher unter Assijas Last litt, die sie bedeutete. Er war es nicht gewohnt auf Menschen Rücksicht zu nehmen. Nicht einmal auf Assija, welche er nun doch schon länger kannte, als irgendeinen anderen Menschen oder Elfen. Er hatte sich daran gewöhnt, dass sie schwächer, langsamer und zierlicher als andere waren, doch wirklich daran gewöhnt dass sein gewohntes unabhängiges Leben, in welchem er völlig uneingeschränkt gewesen war, sich geändert hatte, daran nicht.

Auf dem Weg zum Stadtrand schlängelten sich Assija und Ajun durch die Menschenmenge und vermieden es in größere Ansammlungen zu geraten. Irgendwann suchte Assija wieder das Gespräch mit Ajun und fragte nach dem Grund für ihr Hiersein, in Brisangen, so weit im Norden. Der schwarze Drache hielt inne. »Hast du es schon vergessen, Sija?« Er bedachte sie eingehend mit erwartungsvollen Blicken bis er schließlich seufzte. »Unser Weg führt uns in den Westen. Und dorthin führen nur zwei Wege. Über Brisangen, oder durch die Passage der Zuhandal Kette.« Er sagte dies, als ob es eine Selbstverständlichkeit wäre, doch Assija war in ihrem bisherigen Leben noch nicht sehr weit gekommen. »Im Süden leben verrückte Elfen, die in den Bergen hausen. Und es gibt nur eine befestigte Handelsstraße, durch den Wald von Sieryan.« Er schloss seine Erklärung, denn er befand dass sie mehr als ausreichend war und setzte dann seinen Weg fort.

Und so erreichten sie schließlich das Lager des fahrenden Volkes. Aber noch ehe sie sich auf die Suche nach dem Zelt begeben konnten, in welcher angeblich diese ominöse Heilerin verbergen sollte, brach Assija zusammen und krampfte sich, mit schmerzerfülltem Gesicht zusammen. »Sija?« Der Drache wirkte mit einem Mal nicht mehr so sicher oder erhaben, wie noch zuvor. Er ging vor der Drachenerbin in die Hocke und hielt ihre zitternde und zierlichen Finger in seiner Hand. »Hast du einen dieser Anfälle?« Sie schüttelte nur den Kopf und presste die Worte zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ajun… irgendetwas stimmt nicht mit mir, oder dem Kind.« Tausende Gedanken flogen dem Dämon durch den Kopf, aber wie er es auch drehte und wendete, er konnte ihr nicht helfen. Er war bereits im Begriff, sie vom Boden aufzuheben, um das Zelt der Heilerin zu suchen, als bereits einige der Leute vom wandernden Volk sich ihnen genähert hatten. Einige hatten besorgte Mienen, andere zeugten eher von Neugierde. Doch einer von ihnen trat hervor und erkannte augenscheinlich sogleich, was hier gerade geschah. Er deutete auf ein scharlachrotes Zelt, welches wie eine Blume unter lauter Unkraut hervorstach. »Dort ist die Heilerin. Kommt, eilt euch!« Der Bursche rannte voraus und schlug die Zeltwand beiseite, um Ajun und Assija Platz zu machen, damit er die Drachenerbin sogleich hineintragen konnte.

Im Zelt angekommen, schwoll dem schwarzen Drachen ein ungewöhnlich süßlicher Duft in die Nase, welchem eine unangenehme, herbe Note anhaftete. »Legt sie dort auf die Felle.«, gebot eine beinahe gebieterische Stimme, die wie aus dem Nichts zu tönen schien. Der schwarze Drache erkannte eine dunkle Shilouette, die dort im Schatten des Zeltes hockte, doch ein Gesicht konnte er nicht erkennen. »Bist du die Heilerin?«, dröhnte Ajuns tiefe und ebenso gebieterische Stimme, woraufhin der Schemen sich nur leicht bewegte, als ob er nicken würde. »Die bin ich.« Eine schwache Glut flammte für einen Augenblick heller auf, als ob ein Leuchtkäfer für einen Moment in Flammen aufgegangen wäre, nur um kurz darauf wieder zu erlöschen. Dichter, weißer Rauch quoll aus den Schatten empor und die Heilerin atmete schwer aus. »Und nun legt sie dort hin.« Eine Hand kroch aus den Schatten hervor und das schwache Glimmen entpuppte sich als die Glut einer Pfeife, welche die Heilerin in der Hand hielt. Der schwarze Drache wandte den Blick in jene Richtung, in welche die Pfeife deutete und sah erst jetzt, dass dort einige Felle und Decken lagen und eine einfache Schlafstatt bildeten. Und so legte Ajun schließlich behutsam die kleine Drachenerbin auf das Lager und trat einen Schritt zurück. »Helft ihr. Na los.« Die Heilerin lachte mit einer rauchigen Stimme. Doch es war ein ehrliches, sichtlich erheitertes, aber auch gedämpftes und keineswegs spöttisches Lachen. »Gewiss.« Da erhob sich die Heilerin aus ihrer dunklen Ecke und als sich der schwarze Drache gewahr wurde, welchem Volk diese Heilerin angehörte, hätte er am liebsten die Drachenerbin wieder aus dem Zelt getragen, wenn Assija nicht just in diesem Moment ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich gegeben hätte. Vielleicht hatte die Heilerin den Blick der Abscheu in seinen Augen erkannt, als sie an ihn herantrat, ihm sachte die Hand auf den Unterarm legte und ihn bat, draußen, vor dem Zelt, zu warten. »Dies ist eine Sache unter Frauen.« Sie nickte in jene Richtung, durch welche das Licht des Tages in das Zelt herein schien, und gab zu verstehen, dass sie nicht mit sich verhandeln ließ.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Mo, 25. Mai 2015 21:23

Unzählige Jahre hatte Shaharií nun in den Bergen Menainons verbracht. Ihrer Heimat. Doch nun lagen etliche Monde zwischen ihr und eben dieser Heimat. Beinahe ein Jahr, sofern sie sich nicht irrte, war vergangen, seit sie ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. Die Nordreiche waren ihr Ziel. Dieses rohe, barbarische Land. Zwar bauten die Menschen dort massive Gebäude aus festem Stein, führten Universitäten, Akademien und Bibliotheken doch mit Zivilisation hatte dies für die Ruferin nichts zu tun. Trotz all des Fortschritts war dieses Land von Elend, Hunger und Leid gezeichnet. Ein Ort an dem man keinem als sich selbst trauen konnte und an dem Fremde unerwünscht wie schlechte Kunde waren – so hatte ihre Erfahrung es ihr bei ihrem ersten Besuch gelehrt. Weit über 50 Jahre waren seitdem Vergangen und doch schien sich daran kaum etwas geändert zu haben. Die Ruferin hingegen hatte sich verändert. Doch wie kam es nun, dass sie ihre herrliche Heimat für dieses düstere Land verlassen hatte? Nichts als ein Wink der Götter hätte sie noch einmal hier her führen können – und genau so war es auch: In Form einer Vision hatten die Götter ihr abermals ihr Schicksal gewiesen und abermals würde sie nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden, die Götter in Frage zu stellen. Feuer, Rauch, Ihr Bruder und eine düstere Gestalt. Das war es was die Götter ihr offenbart hatten. Im Norden, zwischen den steinernen Gemäuern, kalten Straßen und noch kälteren Herzen.

Wie schon damals schloss die Menai sich an den Grenzen Thasanis einer Handelskarawane an, die den beschwerlichen Weg in den Osten auf sich nahm. Wie schon damals sollte die Reise sich als alles andere als leicht herausstellen – auch wenn vieles anders war als einst. Keine zwei Tagesmärsche hinter der Grenze der Nordreiche sollte sich ihr Weg von dem der Karawane trennen. An einem kleinen Handelsposten waren sie auf das ‚fahrende Volk‘ gestoßen, wie die Händler sie nannten. Im Gegensatz zu den restlichen Nördlingen waren diese Nomaden anders. Ihre Kleider waren farbenprächtig, ihre Bräuche herzlich und amüsant und wie das Schicksal es wollte sollten ihre Fähigkeit ihr zur rechten Zeit am rechten Ort von Nutzen sein. Einen Heiler brauchten die Nomaden und einen Heiler bekamen die Nomaden – dass Shaharií anders war als man es im Norden erwarten würde spielte für das fahrende Volk dabei scheinbar keine Rolle, was der Menai mehr als gelegen kam. Schließlich verschlug es sie zusammen mit dem fahrenden Volk an einen Ort der genau das symbolisierte was die Ruferin am Norden verabscheute. Brisangen schimpfte sich dieses Drecksloch. Ein Sammelbecken für allerlei zwielichtige Gestalten, Räuber, Mörder, Sklavenhändler und anderen Abschaum den man Scheute wenn man die Wahl hatte. Doch es hatte auch seine Vorzüge. Den Nomaden war bereits auf ihrer Reise bewusst geworden welchen Nutzen sie an der Heilerin hatten und zwischen all dem Gesocks in Brisangen schienen ihre Dienste noch nützlicher. So nützlich dass man ihr ein eigenes Zelt stellte in dem sie frei schaffen durfte wie es ihr beliebte. Und die Bezahlung erst! Ob nun ein schnauzbärtiger Schmuggler der sich mit Syphilis rumschlug, oder aber ein Wegelagerer dem eine Pfeilspitze im Knie steckte – hier gab es mehr als genug Bedarf für ihre Dienste und jeder von ihnen war bereit ein stolzen Sümmchen zu zahlen um seine Gebrechen los zu werden – was der Menai zahlreiche Abende in den Schenken des Örtchens ermöglichte. Immerhin konnte kaum einer hier eine Seitenstrangangina von den Folgen einer Backpfeife unterscheiden. Ja es war ein Schandfleck, aber es war ein lukrativer Schandfleck!

Die Götter aber hatten sie nicht hier her gesandt um schnauzbärtige Schmuggler von der Syphilis zu befreien oder Wegelagerern Pfeile aus dem Knie zu ziehen. Auch nicht um entzündete Brandmale an Sklaven zu behandeln. Nein für sie hatten die Götter weitaus mehr vorgesehen, was sich nach knapp zwei Monden in diesem schändlichen Moloch bewahrheiten sollte:

Gemächlich kämmte Shaharií mit ihren schmalen Fingern durch ihr weißes Haar, um es schließlich zu einem Zopf zu binden und ließ sich daraufhin in einen mit einigen Fellen belegten Lehnenstuhl sinken. Auf einer kleinen Kiste die man ihr als Tisch gegeben hatte lag eine Pfeife die sie wenige Momente zuvor mit Cannabisblüten gestopft hatte. Ihre Lunge erschwerte ihr wieder das Atmen und nur wenig half ihr so verlässlich wie diese Blüten. Vorsichtig hielt sie einen Zündspan in die Flamme des Talglichts, direkt neben der Pfeife, griff eben diese und entzündete sie paffend. Augenblicklich erfüllte sich das Zelt mit einem herben süßen Duft. Die Menai ließ sich tiefer in den Stuhl sinken, da hallte von draußen schon hektische Unruhe in ihre Richtung. Nicht das Unruhe in Brisangen ungewöhnlich wäre, doch wenn keine Feierlichkeit anstand, blieb zumindest die Zeltstatt des fahrenden Volkes davon verschont. „Kommt, eilt euch!“ hallte eine ihr wohlbekannte Stimme herein, gefolgt von dem schmerzerfüllten Stöhnen einer zierlichen, weiblichen und ihr unbekannten Stimme. Unlängst später riss eine Hand den wallenden Stoff beiseite, der den Eingang zum Zelt verdeckte, so dass die Menai ihre braungrünen Augen zu einem schmalen Spalt verengen musste. Eine große Gestalt trat herein, von der Shaharií schon durch die schiere Größe behaupten konnte, dass sie ihr unbekannt war. Die Gestalt stützte eine weitere Gestalt welche sich durch ihr Stöhnen schnell als die zierlichere weibliche Stimme herausstellte. Selbst ohne den kugelrunden Bauch zu sehen, konnte eine solche Konstellation nur eines bedeuten, womit sich jede Frage erübrigte. „Leg sie dort auf die Felle.“ Wies sie den Fremden aus den Schatten heraus an. „Bist du die Heilerin?“ dröhnte die große Gestalt die sich im fahlen flackern des Talglichts als hochgewachsener und kräftiger Mann herausstellte. Natürlich war sie die Heilerin, man hätte ihn und sein Weib kaum zur Metzgerin geschickt, wenngleich das fahrende Volk nicht mal einen Metzger zu bieten hatte. „Die bin ich.“ Antwortete sie kühl und kurz. Ihr Hals kratze noch immer von den Pfeifenzügen von denen die restlichen nun ungenutzt in der Pfeife verglimmten. Ihre Hand deutete noch immer auf die Felle was der Hüne in seiner Überforderung erst verspätet zu bemerken schien. „Und nun legt sie dort hin.“ Wiederholte sie die Anweisung. Nun schließlich legte der Hüne das Mädchen auf die Felle. Augenscheinlich war es wirklich noch ein Mädchen. Keine zwanzig Jahre wenn die Menai hätte schätzen müssen. Ein Mädchen von ironisch zierlicher Gestalt wenn man sie in Relation zu dem Fremden betrachtete. Lediglich der von Schwangerschaft gezeichnete Bauch störte die proportionen. „Na los. Helft ihr!“ dröhnte die Stimme erneut, was Shaharií ein herzhaftes Lachen abgewann. Sie war es nicht gewohnt dass man so mit ihr umsprang. In ihrer Heimat begegnete man ihr stets mit Respekt und selbst hier kamen die meisten mit einer gewissen Ehrfurcht zu ihr – selbst wenn sie diese nur aufsetzten um ihre Leiden los zu werden. Doch wer war dieser Fremde schon, dass sein abwertender Blick oder seine unangemessene Wortwahl sie berührten, und so beließ sie es bei einem kurzen auflachen ob seiner Frechheit. Sie trat näher an den Hünen heran, legte ihre Hand auf seinem Arm und richtete den Blick empor zu seinen Augen. „Warte draußen, kühl dein Gemüt. Dies ist eine Sache unter Frauen.“ Dass er ihr nur im Weg stünde ergänzte sie nicht einmal mehr, sowohl ihre Stimme wie auch ihr Blick ließen keinen Zweifel daran, dass es keine Diskussion geben würde.

Anschließend beugte sie sich herab zu ihrer Patientin, welche sich noch immer schmerzlich stöhnend den Bauch hielt. Langsam musterte Shaharií die junge Frau. Als sie aber bei ihrem Haupt angelangt war, schreckte sie zurück, so dass sie fast den Halt in ihrer hockenden Position verlor. Rote Haare, blasse Haut die von Sprossen gezeichnet war. Und dazu noch die güldend leuchtenden Augen. Eine Drachenerbin? Unmöglich! So dachte die Menai im ersten Moment. Aber war es unmöglich? Die erste und letzte Drachenerbin die sie jemals zu Gesicht bekommen hatte, war einst im Tempel in Menainon. Aber hier? Jetzt? Wenn sie sich nicht gänzlich irrte dann musste dies das nächste Zeichen der Götter sein. Ein weiter Richtungsweis! „Beruhig dich…“ hauchte ShahariÍ leise mit ihrer schwungvollen Stimme und bemerkte dabei, dass der Blick des jungen Mädchens ähnlich erschüttert war wie ihr eigener einen Moment zuvor. Für Zögern und Haderei war dies aber nicht der richtige Zeitpunkt, so viel war klar. Das junge Ding litt schließlich mehr als offensichtlich. „Kau das.“ Wies die Menai die Schwangere an und hielt ihr dabei ein Blatt der Passiflora vor den Mund, dass sie kurz zuvor aus einem kleinen Beutelchen von ihrem Gürtel gezogen hatte. Kurz darauf zog sie das Kleid des Mädchens hoch, so hoch wie es mit dem gewölbten Bauch eben möglich war und schob schließlich eine Hand darunter um den Bauch abzustasten. „Hart und die Haut ist stark gespannt…“ kommentierte sie; „… etwa sieben oder acht Monde, richtig?“. Es war unschwer zu erkennen, dass der Körper des jungen Dings deutliche Probleme mit der Schwangerschaft hatte. Nicht unüblich im Norden wie sie bemerkt hatte, besonders wenn die Schwangerschaft durch den Winter verlief wo ausreichend und vor allem gutes Essen Mangelware war. Sollte sie wirklich eine Drachenerbin sein, so würde dieser Umstand ihre Probleme nur noch weiter verstärken. Der Blick der Ruferin verdüsterte sich. Sie musste dem Mädel einige Fragen stellen, was kaum möglich war wenn sie nur leidvolles Gestöhne hervorbrachte. Vorsichtig legte Shaharií also zwei Finger auf die Stirn der werdenden Mutter und just zeigte die Magie ihre Wirkung. Die Atmung wurde ruhiger und der Körper entkrampfte. Die Beeinflussung Lebender war vielseitig. Dem Geübten Magier war es damit sogar möglich nicht bloß zu ‚lenken‘ sondern auch Einfluss auf Körperfunktionen zu nehmen, die man selbst nie kontrollieren könnte.

Nun wo das Mädchen sichtlich ruhiger und entspannter war setzte die Menai sich auf den Knien neben sie und strich ihr dabei behutsam mit der Hand über den Kopf. „Du brauchst Ruhe und zwar viel. Ebenso Essen und wesentlich wichtiger noch ist Trinken. Schau dich an, dein Körper ist ausgezerrt…“ sie schwieg für einen Moment und formte dann vorsichtig die Frage die ihr auf der Zunge brannte; „… sag mir. Bist du eine Drachenerbin? Du brauchst dich nicht zieren, es ist wichtig um dich angemessen zu versorgen.“ Wo die Frage noch mit Vorsicht betont war, ließ der zweite Satz keinen Zweifel, dass diese Information äußerst wichtig war und einen gravierenden Unterschied machen konnte. Dazu strahlte Shaharií allgemein eine Autorität aus, der sich nur wenige widersetzten – selbst ohne jedwede Magie. Wahrscheinlicher war aber sowieso, dass die werdende Mutter sich bewusst war, dass sie nicht mehr Herrin der Lage war und mangelnde Kooperationsbereitschaft ihr lediglich zum Nachteil dienen würde. „Dem Zustand deines Begleiters nach hast du solche Probleme zum ersten Mal, nicht wahr? Hast du in den letzten Tagen etwas ungewöhnliches zu dir genommen oder dich besonders angestrengt? Auch Aufregung ist deinem Zustand nicht zuträglich.“ ergänzte sie. Ebenfalls hätte sie ergänzen können, dass ihr Zustand mit Sicherheit noch schlimmer werden würde, um so weiter die Schwangerschaft voranschreitet. Doch was brachte es das junge Ding jetzt verrückter zu machen als nötig. Erst einmal gab es wichtigere Dinge die es abzuklären galt.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Di, 26. Mai 2015 1:01

Bildie kleine Drachenerbin wurde von dem Dämon in das Zelt getragen, welches ein Mann des fahrenden Volkes als jenes der Heilerin bezeichnet hatte. Ajun war unwirsch, wie er das stets war, doch entweder fühlte sich die Frau, die sich in den Schatte verborgen hielt, nicht angepöbelt, oder sie ließ es sich nicht anmerken. Sie wies Ajun an, Assija auf die Felle zu legen, auf die Felle einer kleinen Lagerstatt, welche vermutlich der Heilerin als Schlafstätte dienten. Die Felle rochen muffig, doch sie fühlten sich weich an, was für die kleine Drachenerbin an sich schon eine Wohltat waren. Nach einigem Wortgeplänkel schickte die Frau Ajun kurzerhand aus dem Zelt, und Assija wunderte sich schier, dass Ajun sich ohne Proteste ihrem Willen beugte. Als der Drache das Zelt verlassen hatte, musste Assija einräumen, dass schon viel von der Hektik, die sie umwabert hatte, verflogen war, und so versuchte sie ruhig durchzuatmen. Doch es gelang ihr nur schwerlich, sich zu beruhigen, da die Schmerzen in ihrem Leib immer und immer wieder aufwallten. Die Heilerin näherte sich der jungen Frau, und schien sie aus den Schatten heraus zu mustern. Ein wenig argwöhnisch ruhten die goldenen Augen der Drachenerbin auf der Frau, die nun aus dem Schatten in den Lichtkegel trat, welchen eine mit Tierhäuten bespannte Laterne spendete. Und sie erschrak nicht schlecht! Die Frau war dunkelhäutig. Zweifellos musste sie dem Volk der Menai angehören. Doch dies war es nicht, was die kleine Drachenerbin so derart aus der Fassung brachte. Vielmehr war es der allgemeine Anblick, welcher sich ihr bot. Zwar hatte Assija erst einen Menai zu Gesicht bekommen, Asìí, der Dämonenjäger, doch hatte er eine normale Erscheinung geboten. Diese Frau jedoch unterschied sich völlig in dem Bild, das Assija vor ihrem geistigen Auge von den Menai hatte. Ihre langen Haare, welche sie zusammengebunden hatte, waren schlohweiß, und standen in völligem Kontrast zu ihrer dunklen Hautfarbe. Die Frau wirkte keineswegs so alt, dass ihr weißes Haar dies erklären würde. Sie war für eine Frau unüblich gekleidet. Unter einem dicken Schultertuch trug sie eine Tunika, und dazu eine warme Hose, was Assija noch nie an einer Frau gesehen hatte. Sie trug auffälligen Ohrschmuck, der hypnotisierend baumelte, so dass Assija ihren Blick nicht davon abwenden konnte. Baumelten doch kleine Totenköpfe von irgendwelchen Tieren, es mochten skelettierte Vogelköpfe sein, nebst Federn daran. Um den Hals trug sie eine Kette, die ebenfalls Knochen als Schmuck zierten, und alles in allem war diese Frau mehr als unheimlich. Wie eine menainonische Hexe! Durch ihre Gedanken spukten Ajuns Worte, über die Menai, diese schwarzen Teufel mit ihren roten Zungen, und obgleich Asìí nicht furchteinflößend auf sie gewirkt hatte, diese Frau tat es! Sie brachte Assija, welche angsterfüllt auf die Fremde starrte, derart aus der Fassung, dass sie ihr Herzschlag in unermessliche Höhen schoss, und Assija um Atem rang.

Mit ihrer melodischen, tiefen und beinahe angenehm beruhigenden Stimme raunte sie ihr zu. „Beruhige dich“ sagte sie, und hielt ihr ein Blatt vor die Nase. „Kau das“ forderte sie auf, doch in diesem Moment drangen erneut die Worte des Drachen über Medizin in Assijas Geist, und sie schüttelte höflich, aber bestimmt den Kopf. Unbeirrt lüpfte die Heilerin Assijas Röcke, und schob diese bis zu ihrem Bauch hoch. Die kleine Drachenerbin bedeckte ihre entblößte Scham mit den Händen, und ließ die Frau aber dennoch gewähren, als diese begann, ihren Bauch abzutasten. „Hart und die Haut ist stark gespannt, etwa sieben oder acht Monde, richtig?“ Da nickte die kleine Drachenerbin verhalten. Die verstrichene Zeit war so an ihr vorüber gezogen, so dass sie nicht zu sagen vermochte, wieviel Monde es waren. Aber es mochte in etwa so hinkommen. Da Assija die Medizin der Heilerin ausgeschlagen hatte, fühlte sie sich immer noch elend, und atmete heftig, während sie schamhaft an den Röcken zupfte, um ihre Blöße zu bedecken. Als sie dies vollbracht hatte, zog sie die Luft wieder schmerzerfüllt zwischen ihren Zähnen ein, und wurde dem feinen Schweißfilm auf ihrem Gesicht gewahr, welchen der Schmerz und die Aufregung heraufbeschworen hatten. Da legte die Heilerin zwei Finger auf Assijas heiße Stirn. Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte Assija zusammen. Zum einen hatte sie mit dieser Berührung nicht gerechnet, und zum anderen waren die Finger kühl, ja beinahe kalt, wenngleich auch ein wenig wohltuend.

Verwirrung machte sich in der Drachenerbin breit, als sie fühlte, wie sich ihr Körper unter der Berührung der Menai beruhigte und entspannte, und die Bauchkrämpfe merkbar nachließen. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, und so wurde auch ihre Atmung wieder ruhiger. Die Frau ließ sich neben Assija auf der Bettstatt nieder und strich ihr sanft über den Kopf, wobei Assijas Kapuze, die sie vorsorglich übergezogen hatte, herunterrutschte, und das flammend rote Haar darunter offenbarte. „Du brauchst Ruhe und zwar viel. Ebenso Essen und wesentlich wichtiger noch ist Trinken. Schau dich an, dein Körper ist ausgezerrt…“ sagte sie mit weiterhin beruhigender Stimme, und Assija nickte beipflichtend, wenn auch mit leicht schiefem Lächeln. De letzten Monde waren hart gewesen. Zwar hatte Ajun sich sehr bemüht, ihr einen Wagen als Reisegefährt besorgt, dafür gesorgt, dass regelmäßig etwas zu Essen verfügbar war, wenn es auch nur wenig gewesen war. Doch eine Schwangerschaft verlangte von einer Frau so einiges ab, und Assija spürte dies an ihrem Leib ziemlich deutlich. Natürlich brauchte sie Ruhe und Kraft, doch der Winter war hart und lang, und sie waren beinahe ständig unterwegs gewesen. Im Grunde erzählte die Frau ihr nichts Neues, aber es war wohl der Wille der Götter, dass die Dinge liefen, wie sie gelaufen waren. Aber plötzlich kam ihr diese wild anmutende Frau gar nicht mehr so bedrohlich vor, und beinahe war sie sogar froh, dass sie hier lag und Ruhe fand, die sie so dringend gesucht und gebraucht hatte.

Die Heilerin, die geschwiegen und sie gemustert hatte, brach ihr Schweigen. „Sag mir. Bist du eine Drachenerbin? Du brauchst dich nicht zieren, es ist wichtig um dich angemessen zu versorgen.“ Assija starrte die Frau überrascht an, als ob diese durch ihre Worte ein heiliges Geheimnis offenbart hatte und erneut schwangen Ajuns Ermahnungen in ihrem Kopf. Sie durfte nicht einfach erzählen, dass sie eine Drachenerbin war. Die Menschen hassten Drachenerben. Sie gaben ihnen die Schuld an vielem Übel der Welt, und sahen diese am liebsten tot. Und es war auch ihr Drachenerbe gewesen, das Schuld getragen hatte, dass ihre Familie nun tot, und sie in die Nordreiche verschleppt worden war. Sie lächelte bitter. Hätte sie damals gewusst, dass sie, nach einem Jahr wieder nach Brisangen käme, mit einem Dämon, der sie aus dem geheimen Zirkus befreit hatte, nun ihr Geliebter war, und sie mit seinem Kind hernieder gänge, sie hätte es nicht für möglich gehalten. Doch nun war es so, und es hatte sie schlussendlich auch zu dieser Frau hier gebracht. Doch war es nicht auch so, dass die Menai die Drachenerben beinahe gottgleich verehrten? Auch dies hatte Ajun ihr erzählt. Schließlich nickte die Drachenerbin resignierend. „Es ist wahr. Ich bin eine Drachenerbin.“ Wenn du mir darum ein Leid zufügen willst, schreie ich. Und Ajun wird kommen, und dich lehren, was es bedeutet, Hand an seine Drachenerbin zu legen. Diese Worte schluckte sie ungesagt herunter. Stattdessen lauschte sie den Worten der Frau, die Assijas Information entweder mit einer aufgesetzten Maske, oder mit völligem Desinteresse aufgenommen hatte. „Dem Zustand deines Begleiters nach hast du solche Probleme zum ersten Mal, nicht wahr?“ Assija schüttelte den Kopf. „Doch, im Grunde schon. Ich muss zugeben, dass diese Schwangerschaft von Beginn an eine Last war. Doch es wurde mit der Zeit immer schlimmer.“ „Hast du in den letzten Tagen etwas Ungewöhnliches zu dir genommen oder dich besonders angestrengt? Auch Aufregung ist deinem Zustand nicht zuträglich.“ Erneut lächelte die kleine Drachenerbin still. Es war nicht ihre Art, sich zu beschweren. Auch wenn die letzten Monde sehr hart gewesen waren. Darum erwiderte sie nur „Die letzten Tage waren wie immer. Ich habe nichts Außergewöhnliches zu mir genommen, und Ajun bemüht sich sehr, Anstrengung von mir fern zu halten.“

Sie blickte die Menai fest an. „Ich möchte mich für ihn entschuldigen, für sein rüdes Auftreten.“ Sie lächelte entschuldigend „Er ist manchmal sehr schwierig. Aber er hat ein gutes und großes Herz. Er ist alles, was ich habe.“ Sie schwieg eine Weile, und dann sprach sie weiter. „Ich habe Angst. Große Angst, vor dem, was noch kommen mag. Mein Körper vermag die Last schon jetzt nicht mehr zu tragen, das spüre ich, und ich weiß es auch. Wie soll ich denn ein Kind versorgen, wo ich nicht einmal für mich selbst sorgen kann? Ich hätte dieses Kind niemals bekommen dürfen. Aber ich habe nicht erwartet, dass ich überhaupt fähig bin, ein Kind zu empfangen.“ Tränen stiegen der kleinen Drachenerbin in die Augen, und sie wandte ihr Gesicht ab, um diese zu verbergen. Sie fühlte sich ob ihrer ehrlichen Worte schuldig. Das Ungeborene in ihrem Leib konnte nichts dafür. Und sie gab auch weder sich noch Ajun eine Schuld daran. Es war einfach passiert. Wahrscheinlich war es der Wille der Götter. Auch, wenn sie den Sinn dahinter noch nicht begriff. „Mein Name ist Assija…“ murmelte sie schließlich, als sie spürte, dass die Tränen ungeweint versiegten. „Was geschieht nun mit mir? Was fehlt mir?" fragte sie, mit einer nicht von der Hand zu weisenden Wissbegierigkeit. "Dürfte ich einen Becher Wasser haben?“ bat sie schließlich. „Und bitte hole Ajun wieder herein. Ich möchte ihn gerne an meiner Seite wissen…“
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » So, 31. Mai 2015 19:09

Mit überraschender Offenheit bestätigte die werdende Mutter den Verdacht der Menai. Es handelte sich wirklich um eine Drachenerbin. Und damit verfestigte sich auch die Vermutung der Ruferin, dass dies ein Zeichen der Götter war. Zu gering war die Wahrscheinlichkeit, dass sie so weit entfernt von ihrer Heimat einfach durch schieren Zufall auf ein heiliges Geschöpf wie dieses stoßen sollte. Es konnte kein Zufall sein, oder sie wollte schlicht keinen Zufall akzeptieren. Beides würde für sie letztlich aufs Selbe hinauslaufen. Ob die Drachenerbin wusste, dass sie für die Menai von höchstem Wert waren? Vermutlich denn warum sonst hätte sie sich so schnell offenbaren sollen? Rajan hatte ihr auf ihren Wegen hier im Norden oft davon erzählt wie unterschiedlich man hier mit den Drachenerben umging im Vergleich zu ihrer Heimat. Man ächtete sie, verfolgte sie und tat gar schlimmeres mit ihnen. Shaharií hatte sich während ihrer Lebzeit oft gefragt was die Drachenerben nun so heilig machte. Sie waren nicht im Ansatz so zäh wie das Volk der Menai noch hatte sie jemals davon gehört, dass ein Drachenerbe mit besonderer Begabung, Talent oder ähnlichem einherkam. Nicht einmal die heiligen Schriften die die Ruferin im Tempel von Koseye gelesen hatte, konnten ihr Aufschluss darüber geben. Möglicherweise würde ja diese Drachenerbin ihre Zweifel beseitigen können? Der Gedanke dass die Drachenerbin sich nur offenbart hatte um der Ruferin bei der Behandlung keine Hindernisse in den Weg zu stellen war damit schnell in den Hintergrund geraten und wurde von der Überzeugung ersetzt, dass die Menai auf der richtigen Fährte war.

Das macht es nicht besser“ überspielte sie die die Euphorie ihrem Ziel etwas näher gekommen zu sein mit einer Miene der Besorgnis. „Nach allem was ich über Deinesgleichen weiß seid ihr zwar von heiligem Blut aber…“ zögerliche schluckte die Menai und ließ ihren Blick nachdenklich über das junge Ding wandern, das noch immer mit einer Mischung aus Skepsis und Verwunderung in den Augen vor ihr lag. „Aber dafür sind eure Körper schwächer. Anfälliger für Probleme mit denen Andere sich nur wenig beschäftigen müssen“. Die Sorge dass die Drachenerbin ihren Umständen erliegen könnte, dass es ihr oder ihrem Spross das Leben kosten könnte, verschwieg sie vorerst und nicht ganz ohne ein gewisses Kalkül. „Ich möchte mich für ihn entschuldigen, für sein rüdes Auftreten.“ lächelte das junge Ding schüchtern; „Er ist manchmal sehr schwierig. Aber er hat ein gutes und großes Herz. Er ist alles, was ich habe.“ Die Menai lächelte sanft, ohne dabei Zähne zu zeigen. „Ich verurteile ihn nicht…“ begann sie mit leiser und melodischer Stimme; „Doch in seinem großen Herzen brennt auch großer Zorn“ sie beendete ihre Gedanken ohne das Gespräch weiter in Richtung des hünenhaften Fremden zu lenken, welcher sogleich der Kindsvater zu sein schien. Auch der Drachenerbin schien nicht daran gelegen zu sein das Thema weiter zu vertiefen und so offenbarte sie ihre Ängste und Bedenken bezüglich ihrer Umstände. Nicht ungewöhnlich, für keine Mutter egal ob Drachenerbin, Menai, Nördling oder Elfin. „Mein Name ist Assija…“ murmelte die Drachenerbin leise. In ihrer Stimme klang noch immer der Unterton heruntergeschluckter Tränen mit, was der Menai gewiss nicht entging. Auf ihren Wangen schimmerten im fahlen Lichtschein noch immer feuchte Rinnen von vergossenen Tränen, die sie in den letzten Momenten versucht hatte zu verbergen. Geschickt vermied Shaharií mit ihrem Blick zu erkennen zu geben, dass ihr dies ebenfalls nicht entgangen war, so gebot es ihr sowohl ihr Anstand wie auch vor allem ihr Verständnis für den Stolz der jungen Frau. „Was geschieht nun mit mir? Was fehlt mir?" fragte Assija schließlich nachdem sie sich wieder gefasst hatte. „Assija also. Ein schöner Name, aber nicht von hier, richtig?“ während dieser Worte erhob die Menai sich aus ihrer knienden Position. „Was nun mit dir geschieht ist einfach. Du bleibst hier. Du kannst dir auch eine Herberge in einer der Schenken suchen, wichtig ist, dass du viel ruhst. Wo auch immer dein Weg dich hinführen soll, es muss warten. In deinem Zustand ist dir keine Reise zuzumuten. Ich nehme an ihr seid auf der Durchreise?“ dieser Gedanke lag nahe. Das Kleid der jungen Drachenerbin war am Saum verschlissen und auch sonst deuteten die Spuren darauf, dass sie einen langen Weg hinter sich hatte. Ganz davon abgesehen, dass Shaharií sie in den Monaten die sie in Brisangen verbracht hatte noch nie zuvor gesehen hat. „Dir fehlt vor allem Kraft. Dein Körper ist geschwächt und jede Belastung ist eine Gefahr für dich und dein Ungeborenes“ ergänzte sie noch mit einem tiefen ernst in ihrer Stimme. Diese Anweisung nahm Assija, zumindest vorerst, schweigend zur Kenntnis und ließ nach einer kurzen Pause die Bitte um etwas Wasser verlauten, welche Shaharií wortlos entgegen nahm. Ihr Blick fiel auf eine kleine Tonkanne welche auf der hölzernen Kiste stand, die als Tischchen diente. Sie schüttete etwas aus der Kanne in ein flaches Schälchen und reichte es der Drachenerbin. „Kein Wasser aber Tee, der ist besser für dich“. Unterdessen hatte Assija darum gebeten Ajun hereinzuholen, was wohl ihr Begleiter war. Auch diese Bitte nahm die Menai wortlos aber mit einem kurzen nicken entgegen, worauf hin sie sich leichtfüßig nach draußen begab.

Kaum hatte Shaharií den dicken Stoff beiseite geschoben, der den Ausgang verhing, brannte das grelle Sonnenlicht in ihren Augen, welches im starken Kontrast zu dem fahlen Lichtschein im Zelt stand. Mit zusammengekniffenen Augen konnte sie einige Schritte entfernt Ajun erspähen, den griesgrämigen Hünen, der damit zugange war mit seiner Fußspitze im Boden herumzustochern. Sein Blick wie seine Haltung zeugten deutlich von Anspannung und Ungeduld, oder aber er hatte eine sehr eigenwillige Körpersprache. Der Boden unter den blanken Füßen der Menai war kalt. Unangenehm kalt und das obwohl die Sommersonnenwende nicht mehr weit entfernt war. Als würde dieses Land keine richtigen Sommer kennen. Verglichen mit Menainon tat es das wohl auch nicht. „Ajun, ja?“ sicherte sie sich die Aufmerksamkeit des Fremden während sie auf ihn zuging und sich dabei eine weiße Strähne hinters Ohr strich, die ihr in den Blick gefallen war. „Dein Mädchen fragt nach dir…“ fuhr sie fort, positionierte sich dabei aber demonstrativ vor dem Hünen und versperrte ihm damit den Weg ins Zelt. „Aber vorher habe ich etwas mit dir zu besprechen. Weißt du wie es um Assija bestellt ist?“ die Frage war rhetorischer Natur denn sie ließ dem Fremden keine Gelegenheit darauf zu antworten; „Schlecht. Ihr Körper ist schwach und ihre Andersartigkeit…“ womit sie diskret auf das Drachenerbe hindeutete; „… macht es nur noch schlimmer. Ich weiß nicht woher ihr kommt oder wohin ihr wollt, aber wenn dich ihr Wohlergehen und das eures Kindes schert, dann bleibt ihr hier. Setzt ihr die Reise in diesem Zustand fort, wird euer Ungeborenes und mit großer Sicherheit auch sie nicht überleben“. Der Blick des Fremden spie förmlich vor Verachtung und Abneigung. Nichts was der Menai neu wäre – meist ist es nur schwer zu sagen ob diese Gefühle daher rühren, dass sie eine Menai war oder daher, dass sie eine Heilerin war. Beides nichts womit man sich im Norden großer Beliebtheit erfreute. Doch damit seine persönlichen Gefühle gar nicht erst auf eine etwaige Entscheidung Einfluss nahmen, legte sie dem Kindsvater die Karten offen auf den Tisch. Sie mochte er verachten, doch für seine Familie würde sich wohl selbst jemand wie dieser hier zügeln. „Was aber noch wichtiger ist“ begann sie zu ergänzen; „… Ist das sie davon nichts wissen sollte. Sorge und Aufregung sind Gift für sie!“ ermahnte sie abschließend, bevor sie beiseite trat um Ajun den Weg freizugeben. „Sollte es euer Wunsch sein werde ich sie persönlich während ihrer Umstände versorgen. Andernfalls steht euch frei nach einem besseren Heiler zu suchen…“ warf sie noch zynisch hinterher, mit dem Wissen das der nächstbeste Heiler so weit entfernt war, dass die Drachenerbin den Weg dorthin kaum überstehen könnte.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Di, 02. Jun 2015 23:27

Bilds wurmte den Dämon, dass er wie ein Hund vor die Tür gesetzt worden war. Für den Anflug eines Herzschlages, hatte der unbändige Geist in ihm aufbegehrt. Er wollte sich widersetzen, seiner Natur zu Eigen sein. Doch letzten Endes hatte die Vernunft obsiegt, denn was hätte es genützt? Assija hatte Schmerzen und er konnte ihr keine Linderung verschaffen. Und in diesem Drecksloch gab es sonst nur Kurpfuscher und Metzger. Wenn er sich ehrlich war, wusste er auch nicht zu welcher Sorte er diese schwarze Hexe eingliedern sollte, die sich Heilerin nannte und in den Schatten ihres Zeltes hauste. Er empfand nichts als Verachtung für die schwarzhäutigen Menschen des Südens und doch hatte er sie mit Assija allein gelassen und stand vor dem Zelt, mit geballten Fäusten. Vielleicht lag es an der versteinerten und finsteren Miene, die er an den Tag gelegt hatte, dass ihn dieser Tagedieb vom freien Volk, wie sie sich selbst zu nennen pflegten, angesprochen hatte. Oder vielleicht auch einfach nur an dessen freundlicher und offener Art, wie sie ihnen angeblich zu Eigen war. Doch just in dem Moment, als der Drache seine Entscheidung getroffen hatte, doch wieder das Zelt zu betreten, um der Menai auf die Finger zu schauen, war er auf den Plan getreten, als ob er nur darauf gewartet hätte. »Du solltest sie nicht stören.« Der Bursche stand unweit des Zeltes und sah den schwarzen Drachen einfach nur an. Und nichts lag in diesem Blick, dass an Tadel oder Misstrauen erinnern mochte. Und doch schwoll in Ajun der unbändige Wunsch an, diesem ehrlichen Grinsen seine Faust ins Gesicht zu schmettern. Er zügelte sein Verlangen. Abermals. Und stattdessen wandte er sich zu dem Emporkömmling um und starrte ihm direkt in die Augen. »Ach, ist das so?«, spottete der schwarze Drache überzogen und nun wollte er erst recht in das Zelt eintreten, angespornt von den Worten des Burschen, die ihm nur Recht gegeben hatten, anstatt seine Zweifel zu zerstreuen. Der Jüngling trat einen Schritt näher an den schwarzen Drachen heran, bevor er wieder innehielt. »Sie mag es nicht, wenn man sie bei ihrer Arbeit stört.« Der schwarze Drache schnaubte verächtlich. »Kann ich mir vorstellen. Welche Hexe lässt sich schon gern dabei zusehen, wie sie Hexenkunst ausübt? Ein Scheiterhaufen ist schließlich schnell aufgeschichtet. Und so wie die aussieht, braucht sie nicht einmal Zauberei zu betreiben, um sie auf die glühenden Scheite zu bringen. Ein Wort genügt.« Der schwarze Drache hob den Zeigefinger seiner linken Hand beinahe mahnend in die Höhe. »Ein Wort und schon steht der Pöbel vor ihrem Zelt und schreit nach ihrem Blut.« Der Jüngling sah den schwarzen Drachen sichtlich verblüfft und mit einem Ausdruck überraschter Entgeisterung an, was den Dämon nur ein boshaftes Lächeln abrang. Doch hatte er derlei Dinge nicht zum ersten Mal gesehen. Viele unschuldige Weiber hatten schon den Feuertod gefunden, weil sie der Hexerei bezichtigt worden waren. »Aus dir spricht die Unwissenheit.« Erneut schnaubte der Drache verächtlich und abschätzig zugleich. »Wohl eher die Stimme der Vernunft.« Da trat der Bursche einen weiteren Schritt auf ihn zu. »Ich habe sie Dinge tun seh’n. Wundersame Dinge.« Er sprach die Worte mit einer derart übertriebenen Ehrerbietung aus, dass dem schwarzen Drachen beinahe schlecht davon wurde.

Er starrte den Burschen mit einer ausdruckslosen Miene an, bis er endlich wieder die Stimme erhob. »Hör mal, Bürschchen.« »Mein Name ist Jarre.«, fiel ihm der Jüngling ins Wort und brachte den schwarzen Drachen beinahe aus der Bahn. »Wie auch immer. Jarre.« Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ dann die Hand wieder sinken. »Du und deinesgleichen müssen doch am besten wissen, wovon ich spreche.« Jarre sah ihn mit einem Ausdruck an, der davon zeugte, dass er nicht wirklich verstand, worauf der schwarze Drache anspielte. Und so seufzte der Dämon neuerlich, bevor er weitersprach. »Ihr, das fahrende Volk, du Holzkopf.« Er machte eine ausladende Geste, um alle Männer und Frauen dieses Trosses mit einer einzigen Handbewegung einzubeziehen. »Wo ihr auch hingeht, begegnet man euch mit Verachtung und Misstrauen. Und du willst mich belehren und mir meine Unwissenheit vor Augen führen? Deine wundersamen Dinge, mögen für Gaukler und Beutelschneider wie euch ja beeindruckend sein, doch nicht jeder ist von Hexerei und magischen Zauberwurzeln so leicht zu beeindrucken, lass dir das gesagt sein. Und nun verschwinde, Bürschchen.«, zischte der schwarze Drache ungehalten, der dieses ermüdenden Gespräches langsam überdrüssig wurde. In Jarres Augen flammte für einen Moment beinahe so etwas wie Zorn auf, doch wurde er schnell von einem gefälligeren Gefühl überlagert. Misstrauen. Furcht. Abscheu. Dinge, die der schwarze Drache kannte. Die er schätzte und in diesem Moment erwünschte. Denn so führte es schließlich dazu, dass Jarre sich von ihm abwandte und ging. Doch Jarre wäre nicht Jarre gewesen, wenn er nicht noch einen klugen Spruch auf Lager gehabt hätte. »Du solltest sie nicht stören, nimm diesen gut gemeinten Rat.« Und dann war Jarre hinter dem Zelt verschwunden. Der schwarze Drache verzog seine Mundwinkel zu einer spöttischen und nachahmenden Grimasse, bis er wieder so ernst wie zuvor dreinblickte und verächtlich auf den Boden spuckte.

Doch irgendetwas hielt ihn dennoch davon ab, einfach die Zeltplane zur Seite zu schlagen und hineinzutreten. Sicher waren es nicht die mahnenden Worte des Hosenscheißers Jarre. Und zweifellos auch nicht die Furcht vor dem Unheil, welches ihm drohte, sollte er das Zelt betreten. Und schon gar nicht vor irgendeiner dahergelaufenen Menaihexe, die ihre Berge anrief und im Dreck nach Omen wühlte. Nein. Er würde es sich kaum eingestehen, und eigentlich war es ihm auch gar nicht bewusst gewesen. Doch es war Assija gewesen, die ihn davon abgehalten hatte einzutreten. Nicht unbedingt ihretwillen, doch ihre tadelnden Worte und ihre enttäuschten Blicke hatte er für einen Moment lang vor seinem geistigen Auge aufblitzen sehen, als er im Begriff gewesen war, das Zelt zu betreten. Und so stand er nun etwas abseits, scharrte lustlos im Staub des Platzes, welcher früher einmal, bevor das fahrende Volk sich hier breit gemacht hatte, sicher eine Wiese gewesen war, und harrte der Dinge. Bis die Menai schließlich aus dem Zelt getreten war. »Ajun, ja?« Als er diesen Namen aus ihrem Munde hörte, schnitt er eine mürrische Grimasse, doch antwortete ihr nicht. Ihr stand es nicht zu, diesen Namen zu nennen. Er streckte nur seinen Rücken durch und starrte sie erwartungsvoll an. »Dein Mädchen fragt nach dir…« Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da hatte sich der Hüne von Mann schon in Bewegung gesetzt. Doch weit kam er nicht, denn sie stellte sich ihm in den Weg und ließ ihn nicht passieren, was der Drache nur mit einer weiteren, finsteren Miene quittierte. »Aber vorher habe ich etwas mit dir zu besprechen. Weißt du wie es um Assija bestellt ist?« Er verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. »Ich nehme an, du wirst es mir sicher gleich erzählen.«, entgegneter er beinahe schnippisch. Und dies nicht nur, weil sie eine Menai war, sondern auch weil sie sich ihm dreist in den Weg gestellt hatte. »Also sprich!«, forderte er sie daraufhin auf und lockerte die Verschränkung seiner Arme, ohne sie gänzlich aufzuheben. Aber noch ehe er den Satz vollendet hatte, da hatte sie schon weitergesprochen, als ob sie sich gar nicht für seine Worte interessieren würde. Doch ihre Worte waren nur Schall und Rauch, denn sie erzählte ihm nichts Neues. Dass es Assija schlecht ging, sah ein Blinder mit Krückstock und dass sie anders war, als andere, war nicht schwer zu erahnen. Er verzog seinen Mundwinkel zu einer schiefen Grimasse. »Bist du da ganz alleine drauf gekommen, schwarze Hexe?«, fragte er eher gelangweilt als herausfordernd. »Denn du erzählst mir nichts, dass ich nicht wüsste.« Sie überging seine Spitze. »Ich weiß nicht woher ihr kommt oder wohin ihr wollt, aber wenn dich ihr Wohlergehen und das eures Kindes schert, dann bleibt ihr hier.« Und da wandelte sich das schiefe Grinsen zu einem bitteren Lächeln. Als ob ihn das Leben dieses Kindes in irgendeiner Weise scheren würde. Assija war es, die er brauchte. Das Balg konnte ihm gestohlen bleiben. Doch wenn es leben würde …


… er brachte den Gedanken zu keinem Ende. Er wusste, was dann sein würde. Nichts, woran er im Moment denken wollte. »Setzt ihr die Reise in diesem Zustand fort, wird euer Ungeborenes und mit großer Sicherheit auch sie nicht überleben.« Er beäugte die Menai kritisch und beinahe misstrauisch. Als ob er abwog, wie weit er ihren Worten Glauben schenken konnte, und wollte. Er brummte und löste die Verschränkung seiner Arme schließlich vollends. »Und was bringt dich zu dieser Erkenntnis? Haben es dir die Knochen gesagt, oder haben dir deine Berge das ins Ohr geflüstert?« Er knirschte ungehalten mit den Zähnen. »Warum es auch niemals einfach sein kann.« Mit diesen Worten ballte er die Fäuste und bedachte die Menai mit einem funkelnden Blick, als ob sie an allem Schuld wäre. An Assijas Zustand, an der Tatsache, dass sie hier fest saßen, und selbst daran, dass er zwar wusste, was er hier suchte, aber keinen blassen Dunst davon hatte, wo er zu suchen hatte. Es war frustrierend und stets wurden ihm neue Steine in den Weg gelegt. Die Menai sprach noch weiter, doch er hörte ihr gar nicht mehr zu. Stattdessen schloss er die Augen und kämpfte gegen den inneren Zorn in sich an, welcher bereits wallte und wogte, und darauf drängte freigelassen zu werden. Er atmete tief ein und aus, bis sich sein erhitztes Gemüt wieder abzukühlen begann und er schließlich tief ausamtete. Als er die Augen wieder öffnete, stand die Menai noch immer da, und er verzog abermals den Mundwinkel. Doch wenn ihn die Zeit mit Assija eines gelehrt hatte, dann dass man die helfende Hand nicht biss. Zumindest nicht, solange sie noch von Nutzen war. »Verzeih.« Er zischte dieses eine Wort beinahe wie einen Fluch aus, auch wenn er es weder spöttisch noch geheuchelt meinte. »Aus mir sprach die Wut.«, brummte er beinahe so leise, dass man es nur mit Anstrengung hören konnte. »Die Sorge um Assija. Ihr Leben liegt in meiner Hand.« Wie wahr diese Worte doch waren, und wie zweideutig, konnte man nur wissen, wenn man wusste, was er wusste. Die Worte kamen wie Gift über seine Lippen, an welchen er drohte zu krepieren, wenn er sie aussprach. Und genauso gebärdete er sich auch dabei. »Oder jetzt wohl in deiner...Meinetwegen.«, murmelte er und zuckte dabei mit den Achseln. »Kümmere dich um sie.« Noch während er diese Worte aussprach, trat er einen Schritt an sie heran. »Doch sollte sie unter deiner … „Heilkunst“« Er sprach das letzte Wort betont zynisch aus. »… zu Schaden kommen …« Er sprach die fehlenden Worte nicht aus, denn ein einzelner Blick genügte, um zu verdeutlichen, was dann geschehen würde, wenn seine Drachenerbin, sein Eigentum, sein Liebgewonnenes, sterben sollte. Flammen. Schemen von Flammen und Tod blitzten in seinem Geist auf, und zeichneten grauenvolle Bilder. Und eines dieser Bilder zeigte einen schwarzen Drachen, dessen Flammen Menschen mit schwarzer Haut zu Asche verbrannte. Unter ihnen ein kleines Kind, mit dem Namen Asìí, welches hilflos dabei zusah, wie sein Vater bei lebendigem Leib verbrannte.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Mi, 03. Jun 2015 10:50

Bildon heiligem Blut… Diese Worte waren wie ein Seelenbalsam für die junge Drachenerbin, die, seit sie aus ihrer Heimat entführt worden war, von den Menschen, die sie als solche erkannt hatten, nur Verachtung, Spott und böse Worte entgegengebracht bekommen hatte. Auch, wenn ihr die Bedeutung dieser Worte nicht ganz schlüssig war. Assija nickte bejahend, als die Heilerin beiläufig erwähnte, dass sie um die Schwäche der Drachenerben wusste. Ein großer Stein fiel ihr vom Herzen, als die Menai auf ihre entschuldigenden Worte „Ich verurteile ihn nicht“ erwiderte. Dass der Drache immer wieder für Ärger sorgte, der im Grunde vermeidbar war, war ihr bestens bewusst, doch auch sie verurteilte ihn nicht für seine Art, die dem Grundwesen der Dämonen wohl zu Eigen waren. „Was geschieht nun mit mir?“ erkundigte sich die Drachenerbin, doch die Heilerin ging zunächst nicht darauf ein. Stattdessen erwähnte sie „Assija also, ein schöner Name, aber nicht von hier, richtig?“ Da lächelte die kleine Frau dankbar und schüttelte den Kopf. „Nein, ich stamme aus der nördlichen Wüste. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Bei den Wüstenelfen in Aysibrir. Ein kleines, sehr schönes Dorf… aber man muss es nicht kennen. Wie nennt man dich?“ fragte sie schließlich. „Ich heiße Shaharií, erwiderte sie, und brachte nun endlich Licht ins Dunkel, auf die Frage, die Assija auf dem Herzen brannte: „Was nun mit dir geschieht ist einfach. Du bleibst hier. Du kannst dir auch eine Herberge in einer der Schenken suchen, wichtig ist, dass du viel ruhst. Wo auch immer dein Weg dich hinführen soll, es muss warten. In deinem Zustand ist dir keine Reise zuzumuten. Ich nehme an ihr seid auf der Durchreise?“ Die kleine Drachenerbin erblasste. „Hier bleiben? Das… das geht nicht… Oh, wir sind schon so lange auf Reise, und wir haben noch eine sehr lange Reise vor uns. Wir haben keine Zeit, hier zu verweilen. Wir müssen schnell nach Menainon. Wir müssen jemanden finden...“

Sie dachte bei diesen Worten an Ajun, und dass sie ihm im Zusammenhang mit dem rätselhaften Ritual ihr Leben angeboten hatte, wenn er Asìís Leben schonte. Zwar hatte Ajun ihr gesagt, er könne sie nicht opfern, und dennoch waren sie den weiten Weg von Hauptstadt Mérindars wieder zurück nach Brisangen gereist, nachdem sie dort erst wenige Tage verbracht hatten. Vom fahrenden Zirkus in Brisangen nach Merridia, und von Merridia sofort wieder zurück, um einer Frau hinterherzujagen, von welcher Asìí behauptet hatte, dass sie im Stande wäre, dieses Ritual zu vollziehen. Er wollte sie nicht opfern, aber er ließ zeitgleich auch nicht von der Idee ab, diese Frau zu finden? Vielleicht wollte er sie suchen, um eine Möglichkeit zu finden, dieses Ritual zu vollziehen, ohne dass die Drachenerbin geopfert werden musste. Doch das Ritual erforderte einen Drachenerben… Er wollte sie nicht opfern… Sie nicht... Als Assija nachdachte, drang eine scheußliche Idee in ihre Gedanken. Das Kind… War es möglich, dass er bereit war, das Kind zu opfern? Es würde schließlich zur Hälfte ein Drachenerbe sein. Er wollte Assija nicht für das Ritual verwenden, so sagte er, aber sie wusste, er hasste Kinder. Und nun war sie im Bgriff, ihm ein Kind zu gebären... Würde er so weit gehen? Sie wusste nicht, was in Ajuns Kopf vor sich ging, aber diese Möglichkeit nur in Betracht gezogen zu haben, beunruhigte die junge Frau sehr. Es war nicht so, dass sie sich auf dieses Kind über alle Maßen freute, aber sie verabscheute es auch nicht. Vielmehr war es die Sorge, um das Wohlergehen und die Fürsorge, die sie diesem Kind niemals entgegen bringen würde können, wie eine Mutter dies tun sollte. Sie konnte schließlich nicht einmal selbst für sich sorgen, und mit ihren Krampfanfällen und ihrer Schwäche war sie eine stete Gefahr für das kleine Kind, welches da in ihrem Leib heranwuchs. Mit dieser unguten Vermutung fühlte sich Assija noch elender, als zuvor. Sie hatte genug vom Reisen, sie war müde, und kraftlos. Und es war die Heilerin, welche eben diesen Gedanken auch Worte verlieh. „Dir fehlt vor allem Kraft. Dein Körper ist geschwächt und jede Belastung ist eine Gefahr für dich und dein Ungeborenes.“ Assija nickte ratlos, und als sie nichts besseres mehr zu entgegnen wusste, da bat sie um einen Becher Wasser, und um das Beisein Ajuns. Die Heilerin wandte sich ab, und goss aus einer Tonkaraffe in einen Becher, und reichte ihn der Drachenerbin. „Kein Wasser, aber Tee, der ist besser für dich“ entgegnete sie. Als Assija den Becher entgegennahm, berührten sich unweigerlich die Hände der beiden Frauen. Assija verzog ihre blassen Lippen zu einem kleinen Lächeln, und hauchte. „Vielen Dank, du bist sehr freundlich. Du erinnerst mich an einen Menai, dem ich vor vielen Monden begegnete. Er war ebenso freundlich wie du. Beinahe ehrerbietig. Ich bin das nicht gewohnt… aber… hab vielen Dank…“

Die Menai verließ das Zelt, um Assijas Wunsch nachzukommen. Vor dem Zelt hörte sie Stimmen. Eine davon war die tiefe und dröhnende Stimme des Drachen, die stets ihr Herz so aufwühlte. Und es war auch die Menai, die sprach. Zwar konnte sie nicht alles verstehen, aber Ajuns Tonlage ließ darauf schließen, dass er nur spottende Worte für die Heilerin übrig hatte, was die kleine Drachenerbin schwer aufseufzen ließ. Nach einigem Hin und Her hörte die kleine Drachenerbin den Satz, welcher ihr schier das Herz brach. Setzt ihr die Reise in diesem Zustand fort, wird euer Ungeborenes und mit großer Sicherheit auch sie nicht überlebe. Sie schluckte schwer. Tausende Gedanken schossen in diesem Moment durch ihren Kopf. Tausende Gedanken, die sie nicht im Stande war, zu erfassen. Sicherlich hatte sie die Drachenerbin mit dieser Gewissheit nicht belasten wollen. Aber Assija hatte nicht gedacht, dass es so schlimm um sie stand. Sie presste ihre Lippen aufeinander und atmete schwer. Ihre Kehle wurde trocken, und so trank sie noch einen Schluck des Tees. Erneute Worte zwischen den beiden vor dem Zelt ertönten. Ajuns Stimme. Worte, denen Dunkelheit, Verachtung und Hass anhafteten. Leise, aber gepresst und zischend ausgesprochen, dass Assija sie nicht verstehen konnte. Und selbst wenn sie hätte können, so waren ihre Gedanken, dass ihr Leben am seidenen Faden zu hängen schien, allgegenwärtig, so dass sie alles andere ausblendete.

Schließlich kam der Drache dem Wunsch seiner Drachenerbin nach, und betrat das Zelt. Sie lächelte, als sie ihn sah, wie sie dies stets zu tun pflegte. „Ajun…“ sagte sie leise, und streckte ihre müde Hand nach ihm aus. „Setz dich zu mir“ bat sie ihn, und blickte ihn aus ihren großen, goldenen Augen lange und abschätzend an. „Ich habe es gehört. Es steht nicht gut um mich, ist es nicht so?“ fragte sie ihn mit zittriger Stimme. „Es tut mir leid, Ajun…“ sprach sie weiter und dann brach ihre Stimme, und sie ergab sich in leisem Schluchzen. Die Tränen perlten einfach hervor. Sie konnte nichts dagegen tun, und es war ihr so, als würde ihr damit eine große Last abgenommen. „Ich bin dir nur eine Last. Seit wir uns begegnet sind, habe ich dir nur Mühsal und Anstrengung verschafft. Ich bin zu nichts nütze, und nun bin ich dir noch mehr eine Last. Verzeih mir, Ajun, ich wollte das nie… Ich habe dir ein Versprechen gegeben. Ich habe dir versprochen, dass ich immer an deiner Seite und bei dir bleibe, doch ich habe nicht daran gedacht, dass uns der Tod trennen könnte. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um auch mein anderes Versprechen einhalten zu können, dir zu helfen, ein wahrer Drache zu werden.“ So wie die Umstände schienen, würde das Kind sicherlich ohnehin nicht überleben. Dem Gedanken zum Trotz begann das kleine Leben in ihrem Leib heftig gegen ihre Rippen zu treten, was die kleine Drachenerbin sich zusammenkrümmen ließ. „Es ist, als wolle es mich bekämpfen… als würde es mich verachten…“ stöhnte sie leise auf. „Ajun, was werden wir nun tun? Ich vertraue Shaharií. Sie ist sehr freundlich und bemüht. Aber sie hat nur meinen Bauch abgetastet und mir Tee gegen den Durst gegeben. Ich brauche Ruhe, sagt sie. Aber was kann sie für mich tun? Durch Ruhe alleine kann ich dem Alltag nicht trotzen. Was verlangt die Heilerin für ihre Dienste? Und was wird sie noch tun? Sie sagte, wir sollen uns eine Herberge suchen. Doch verfügen wir über das nötige Geld? Sie griff nach ihrer goldenen Sonne. „Nimm das Kleinod, und verkaufe es. Es bedeutet mir nichts, aber es wird uns sicherlich einige Münzen bringen.“
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Mi, 03. Jun 2015 15:38

Bitter waren die Worte des Fremden und noch bitterer musste das Feuer in ihm lodern, das ihn zu diesen Worten veranlasste. Kommentarlos nahm die Menai Spott und Verachtung entgegen. „Und was bringt dich zu dieser Erkenntnis? Haben es dir die Knochen gesagt, oder haben dir deine Berge das ins Ohr geflüstert?“ feixte der Hüne schließlich und seine Gestik ließ nicht daran zweifeln, dass dieser Spott seiner tiefsten Überzeugung entstammte. „Sei nicht albern…“ funkelte sie den Fremden mit ihren braungrünen Augen an, die im Schein der Sonne noch einiges an Intensität gewannen; „Die Bäckerskatze hat es mir verraten. Und die wiederum hat es in den Gedärmen der Ratten gelesen.“ Grinste sie kühl und gestikulierte dabei, als würde sie den Spott Ajuns mit einem Handwisch beiseite fegen. „Für jemanden der Andere von oben herab beäugt, hätte ich dir mehr Weisheit zugetraut“. Sie zeigte kein Lächeln, nicht einmal eine Veränderung in ihrem schwungvollen Tonfall der bezeugen würde, dass auch sie den Sarkasmus erwidern könnte, den er ihr entgegen brachte. Es war schon beinahe Paradox welches Verhältnis die Menschen hier im Norden zu Heilern, Kräuterkundigen und Wissenden hatten. Die Menschen wussten dass sie auf ihre Hilfe angewiesen waren – schließlich vermochte die einfachste Krankheit schnell zu einem Todesurteil zu erwachsen. Buchärzte und Bader besaßen nur selten das nötige Wissen um ernsthafte Leiden zu behandeln und wenn sie es doch besaßen fehlte ihnen die praktische Erfahrung um es anzuwenden. Denen aber die sowohl das Wissen wie auch die Erfahrung besaßen, warf man Hexerei vor, gar als wäre es etwas Schlechtes. Als würden zum Preise dunkle Mächte sich des Nachts an ihren Eingeweiden laben. Schon während ihres ersten Aufenthalts in den Nordreichen konnte Shaharií nicht verstehen woher Rajan das Mitgefühl nahm um denen beizustehen die ihn so offensichtlich verachteten und nur aus schierer Not seine Hilfe in Anspruch nahmen. Ajun welcher offensichtlich mehr damit zugange war sich selbst zu zügeln als den helfenden Worten der Ruferin zu folgen, war genau ein solcher Mensch. Einer von denen der – würde die Not ihn nicht leiten – lieber einen Scheiterhaufen zusammentragen würde als hier in ihrer Nähe zu stehen. Letztendlich konnte er seinen Zorn dennoch herunterschlucken um ihr, zumindest obligatorisch, eine Entschuldigung entgegen zu fauchen. „Aus mir sprach die Wut.“ erklärte er sich. Eine Lüge wie Shaharií wortlos vermutete. War es doch mit Sicherheit der Hass und nicht die Wut die aus ihm sprach. „Die Sorge um Assija. Ihr Leben liegt in meiner Hand.“ Ob dieser Worte schlich sich ein sanftes Lächeln auf die Lippen der Menai. Kein Lächeln des Mitgefühls sondern des bloßen Wissens wie sehr er sich doch irrte und doch so fest davon überzeugt war. Was auch immer er dachte das es die beiden verband, würde auch er sich dem Schicksal beugen müssen, so wie es selbst Herrscher und Könige mussten. Das Lächeln wuchs noch weiter als der Hüne die nächsten Worte hervorpresste als würden sie zusammen mit Gift und Galle auf seiner Zunge liegen; „Oder jetzt wohl in deiner...Meinetwegen.“ während dieser Worte noch trat er näher an sie heran und bahrte sich beinahe bedrohlich vor der Ruferin auf. „Doch sollte sie unter deiner … „Heilkunst zu Schaden kommen …“ er beendete den Satz nicht, denn es war nicht nötig. Sein Blick verriet zweifelsfrei was dann wäre und mit diesen Worten verschwand auch das Lächeln auf ihren Lippen. Sie trat noch einmal näher an ihn heran, fast als würde sie ihm die folgenden Worte ins Ohr flüstern wollen, was lediglich wegen seiner Größe nicht möglich war, dennoch so nah das die Worte ihn und nur ihn erreichten; „Hör auf meine Worte Ajun, du bist einer der Menschen die ihr Leben und das Leben anderer stets mit Gewalt formten…“ eine dunkle Ernsthaftigkeit lag in diesen Worten die sie ihm in flüsterndem Ton entgegenhauchte; „… aber eines Tages wirst du dich in einer Situation wiederfinden in der Gewalt dich nicht retten wird. Und dann…“ das Lächeln kehrte auf ihre Lippen zurück, was der Fremde aber nicht sehen konnte, so nah stand sie vor ihm; „… dann wird die Ohnmacht dein Herr und du wirst um die Hilfe anderer flehen, die du zuvor mit Zorn und Verachtung gespien hast!“ die letzten Laute kamen freundlich, warnend und mit tiefster Ehrlichkeit aus ihr hervor. Schließlich gab sie Ajun den Weg vollends frei und er passierte um das Zelt zu betreten.

Kaum war der Hüne hinter der Plane verschwunden atmete die Menai erleichtert auf. Etwas dunkles, etwas sehr dunkles schien den Fremden zu umgeben und es legte sich wie die drückende Schwüle vor einem unerbittlichen Gewitter auf die Schultern der Ruferin. In Gedanken versunken fuhr sie sich mit den Händen durch ihr weißes Haar und zupfte dabei einige Strähnen gekonnt zurück in den Pferdeschwanz. Im Augenwinkel erblickte sie Jarre, einen Jüngling des fahrenden Volkes unweit entfernt zwischen zwei weiteren Zelten. Er erwiderte ihren Blick und seinen Augen war zu entnehmen, dass auch er dieses Dunkel spürte. Die beiden tauschten vielsagende Blicke aus. Die Menai zupfte noch einmal ihren Überwurf zurecht, blickte prüfend an sich herab und wandte sich dann wieder dem Zelt zu, das nach wenigen Schritten erreicht war. Von drinnen drang gedämpft die Stimme der jungen Drachenerbin hervor; „…doch ich habe nicht daran gedacht, dass uns der Tod trennen könnte. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um auch mein anderes Versprechen einhalten zu können, dir zu helfen, ein wahrer Drache zu werden.“ Auf diese Worte stocke Shaharií der Atem, als hätte sie ein Schlag direkt in die Magengrube getroffen. Wie vor Schreck schlug sie die Hand vor den Mund, als würde sie das Entsetzen festhalten wollen, dass ihrem Leib entfährt. Ein wahrer Drache? Eine Drachenerbin? Es benötigte keine Berge, keine Götter um diese Fragmente zu einem Bild zusammen zu setzen. Nach Menainon wollten sie, so hatte Assija zuvor beiläufig erwähnt. Nun war klar was genau diese seltsame Zusammenkunft in ihrer Heimat wollte! Nur ein einziges Wesen konnte anmaßend genug sein den Göttern so in’s Gesicht zu spucken und ein Vorhaben umzusetzen das von so epochalem Ausmaß war, dass die Götter selbst angeblich eingreifen würden um es zu verhindern. Die Drachenerbin war also nicht ein einfacher Fingerzeig der Götter, sondern das Ziel! Sie hatten die Ruferin nicht hier her gesandt um auf den richtigen Pfad zu kommen, nein, sie haben sie zu ihrem Ziel geführt. Der Herzschlag der Menai stieg für einen Augenblick ins unermessliche. Zweiundfünfzig Jahre nachdem diese düstere Geschichte begann, sollte sich also das nächste Kapitel offenbaren.

Mit einem kräftigen Ruck zog Shaharií die dicke Plane beiseite, die den Eingang verhing, so kräftig das die winzigen Staubpartikel einen hektischen Tanz im hereinfallenden Sonnenlicht begannen. Damit hatte sie sich auch sogleich die Aufmerksamkeit ihrer Gäste gesichert und erntete skeptische Blicke von diesen. Die Menai schluckte, denn ihr Herz schlug noch immer einen ungewöhnlich schnellen Takt, was vor allem darauf zurückzuführen war, dass ihre Gedanken sich in einer Mischung aus Wut und Euphorie überschlügen. Wut auf dieses Monster das ihr Leben schon zu oft beeinflusst hatte, ebenso wie Euphorie darüber, dass sie nicht länger zum Zusehen verdammt war, sondern aktiv in die Handlung dieser wirren Geschichte eingreifen konnte. Hätte sie nicht mehrere Lagen Stoff getragen, hätte man sehen können, wie ihre Brust sich vor Aufregung hob und wieder senkte. Am liebsten hätte die Ruferin direkt die Kontrolle über diese Kreatur ergriffen und ihr mit ihren eigenen blutbefleckten Händen das Genick gebrochen – doch ihr war klar, dass die Götter sie kaum hier her geschickt hätten nur um diese Geschichte auf blutige Art und Weise zu Ende zu schreiben, nein – die Götter hatten einen wesentlich subtileren Geschmack wenn es um Geschichten wie solche ging und so atmete die Menai ein letztes Mal tief durch, bevor sie das Wort an Ajun richtete, welcher noch immer mit mürrischem Blick neben der jungen Drachenerbin saß. „Ajun, so nennst du dich jetzt also?“ warf sie dem Hünen zusammen mit einem ebenso kritischen Blick entgegen. „Als du den heiligen Tempel entweiht und die Priesterin geschändet hast, war dein Name noch Negwenhó, nicht wahr?“ So wie diese Worte die Menai aufwühlten schienen sie auch an Ajun nicht spurlos vorbei zu gehen, so sprang der Hüne auf und verschränkte augenblicklich die Arme vor der Brust, der Blick sichtlich zornerfüllter als noch zuvor. „Ihr seid also auf dem Weg nach Menainon…“ fuhr sie fort und verschränkte dabei ebenfalls die Arme vor der Brust; „… damit du deinen verrückten Plan in die Tat umsetzen kannst und du diese aufgezwungene, enge Hülle endlich hinter dir lassen kannst.“ stellte sie fest, ohne wirklich eine Antwort von diesem Monster zu erwarten. Seine Miene verfinsterte sich unterdessen zusehends und ob es nun an seiner wahren Natur oder aber am unglücklichen Lichteinfall lag, so schien es das seine Haut sich Stellenweise schwarz verfärbte. Ironisch wenn man doch bedachte welche Reaktionen schwarze Haut in ihm hervorrief. Indes zeichnete sich auf dem Gesicht der Ruferin ein unheilvolles Grinsen ab, denn sie wusste das sie nicht lediglich nur recht damit hatte, was sie ihm vor dem Zelt gesagt hatte, nein sie wusste auch, dass sie die einzige war die jemals in der Lage wäre dieser Bestie ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. „Du magst dich aufbäumen wie ein mürrischer Hengst, meinetwegen kannst du auch deine wahre Fratze offenbaren! Doch dir sollte bewusst sein, dass ich Recht hatte. Du bist bereits dort angekommen, wo weder Gewalt noch dein dämonisches Feuer dir helfen kann. Du bist dort wo dir nichts bleibt als um die Hilfe anderer zu flehen, Negwenhó!“ ihr Grinsen wurde breiter und das Gefühl von Furcht verblich vollends in ihr, abgelöst von der Sicherheit das dies nicht ihr Ende wäre – und so trat sie näher an den Hünen heran, was dieser damit quittierte seine Haltung noch etwas bedrohlicher erscheinen zu lassen. „Warum bringst du mich nicht einfach um? So wie du es mit meinem Dorf, meinem Großvater, meinem Vater und auch mit meinen Brüdern getan hast? Wirklich!“ lachte sie beinahe freudig auf; „Es würde mir Genugtuung verschaffen zu wissen, dass die einzige Möglichkeit für dich verloren ist, jemals dieser Hülle zu entfliehen. Es würde mir Genugtuung verschaffen zu wissen, dass deine langwierige Existenz für alle Zeiten von einer unerfüllbaren Sehnsucht gezeichnet ist – eine Sehnsucht die selbst deinen Hass zu ersticken vermag. Hilfe hättest du nicht einmal verdient wenn du auf Knien darum flehen würdest. Kannst du dich noch an den ersten Menschen erinnern der dir beistand? Das erste Mal in deinem düsteren Leben das dir jemand Gutes wollte, sich um dich gekümmert hat? Mein Großvater hat sein Leben, seine Familie und sein Dorf aufgegeben, für die Hoffnung das du etwas besseres wärst…“ Shahariís Stimme wurde ruhiger und trug trotz der harschen Worte noch immer einen Hauch von Freundlichkeit und beinahe Mitleid in sich. „Mein Großvater war naiv. Er hat sich getäuscht, in dir. Denn für dich gibt es nichts was dir jemals wichtiger sein wird als du selbst und genau das macht dich trotz deiner hochnäsigen, störrischen Art so bemitleidenswert. Wie ein Gaul mit Scheuklappen lenkt dein Egoismus dich ins Verderben Monster. Dieses Mädchen hier…“ die Menai legte eine kurze Pause ein um Luft zu holen und deutete dabei mit ihrem Blick an dem Monster vorbei auf Assija die perplex hinter dem Hünen verborgen lag. „… Liebt dich von ganzem Herzen und doch würdest du eher ihr Leben opfern als einzusehen, dass du das größte Glück das einem Wesen wie dir zukommen kann, schon längst bei dir hast“. Erneut strich die Ruferin sich durch die Haare und bedachte ihre beiden Gäste mit einem mitleidigen Blick. „Spar dir deine Flüche und Drohgebärden. Ich bin nicht so dumm wie meine Familie und werde mein Leben sicher nicht für dich aufgeben. Was ihnen wiederfahren ist war ihre eigene Schuld und deshalb…“ sie legte eine Hand an ihren Kiefer, formte ein neckisches Lächeln und beäugte den aufgebrachten Drachen wie ein Gemälde in einer Galerie; „… werde ich dir auch helfen. Genau wie ich Assija helfen werde. Zu meinen Bedingungen, zu meinem Preis.“ Schloss sie mit einer kühlen Ernsthaftigkeit ab, die in starkem Kontrast zu ihrem vorherigen Tonfall lag. „Und nun…“ die Menai stemmte ihre Hände schließlich an die Hüfte und legte ihren Kopf dabei etwas schief; „… beruhige dein hitziges Gemüt. Mir scheint wir hätten vieles zu besprechen, ob es dir gefällt oder nicht. Dazu braucht die Kleine ein anständiges Bett und ich brauche weitere Ingredienzen für ihre Behandlung. Wärt ihr also so freundlich mich in die Herberge zu begleiten?“ die letzte Frage unterstrich sie mit einem Handzeig gen Ausgang, unsicher dessen wie die Reaktion ihrer unfreiwilligen Gäste ausfallen würde.
Some legends are told,
Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
Remember me for centuries!

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Inventar: eine Drachenerbin

Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Mi, 03. Jun 2015 23:55

Bildaum hatte der Dämon das Zelt betreten, richtete sich Assija auf der Bettstatt auch schon auf und schenkte ihm ein sehnsüchtiges Lächeln, was den schwarzen Drachen den Groll, welchen er gerade noch gehegt hatte, wieder vergessen ließ. Welchen Zauber sie auch auf ihn ausübte, er war stets aufs Neue erstaunt, was diese kleine, zierliche und so unscheinbare Drachenerbin in ihm zu erwecken, wie auch zu besänftigen, vermochte. »Ajun!« Schweigend trat er an das primitive Lager, welches nur aus Fellen und Decken zu bestehen schien und drängte die unschönen Gedanken, welche ihm im Kopfe herumspukten, als er an die Menai dachte, achtlos beiseite. »Setz dich zu mir.«, bat sie ihn und auch wenn er zunächst zögerte, ließ er sich schließlich, wenn auch schwerfällig, neben ihr auf dem Lager nieder. »Wie geht es dir, kleine Drachenerbin?«, murmelte er, obwohl er genau wusste, wie es um sie bestellt war. Doch er wollte es lieber aus ihrem eigenen Munde hören, als blind auf die Worte einer dahergelaufenen Menai zu vertrauen. Sie antwortete mit einer Gegenfrage, was der schwarze Drache nur mit einer missbilligenden Miene bedachte. »Ich habe es gehört. Es steht nicht gut um mich, ist es nicht so?« Er brummte unwillig und nahm dabei Assijas Hand in die seine. »Worte sind Schall und Rauch.« Er war nicht willens alles für bare Münze zu nehmen, was er von dieser schwarzen Frau gehört hatte. »Was denkst du, Sija? Am heutigen Morgen gab es noch keinerlei Anzeichen für diese Dinge, die diese Frau behauptet. Glaubst du ihre Worte?« Er warf einen misstrauischen Blick in jene Richtung, in welcher er die Menai wähnte, bevor er sich wieder Assija widmete, während seine Gedanken zu kreisen begannen. Und noch während er seine Gedanken sowohl mit Assija als auch der Menai teilte, wurde er von einer Woge der Vorahnung erfasst. »Sija?«, murmelte er dann schließlich, als seine Gedanken langsam ein Bild zu formen begannen. »Warum sind wir hier? Hier, in Brisangen. Erinnerst du dich?« Er erntete nur verwirrte Blicke von der zierlichen Drachenerbin. Dies war zweifellos eine Frage, die sie nicht erwartet hatte. »Wir folgen den Worten des Dämonenjägers. Unser Weg führt uns in das Land der Menai.« Bei diesen Worten schwieg er für einen Augenblick bedeutungsvoll. »Erinnerst du dich noch an die Worte, die er gesagt hatte? Ihren genauen Wortlaut?« Der schwarze Drache grübelte und eine dicke Falte auf seiner Stirn zeugte davon, dass er angestrengt versuchte sie sich in Erinnerung zu rufen. Doch er scheiterte. Doch dann schüttelte er den Kopf. »Es wäre des Zufalls zu viel, wenn ausgerechnet sie …« Erneut schwieg der schwarze Drache und begnügte sich damit, in jene Richtung zu nicken, in welcher die schwarze Hexe vor dem Zelt stand. Doch dann schüttelte er bestimmend den Kopf. Sie konnte es nicht sein, denn Asìí hatte von einer mächtigen Zauberin gesprochen. Einer Ruferin, wie die Menai sie nannten. Doch diese hier war nur eine vagabundierende Heilerin, die mit dem freien Volk umherzog. Keine Zauberin. Nur eine Heilerin, welche sich in die Reihen der Ausgestoßenen eingegliedert hatte, da sie niemand sonst haben wollte.

Assija verfiel in Ausflüchte, Entschuldigungen und Erklärungen, während der schwarze Drache noch seinen Gedanken nachhing. Wie sie es stets tat, wenn sie sich unwohl fühlte, oder glaubte sich vor ihm entschuldigen zu müssen. Und alles was der schwarze Drache tat, war milde lächeln. Zumal er ihr nur mit halbem Ohr zuhörte, wie er es stets zu tun pflegte, wenn sie in Selbstmitleid zu baden schien. Im Grunde genommen hatte sie zwar Recht. Doch er empfand ihre Gegenwart schon seit geraumer Zeit nicht mehr als eine derartige Last wie zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise. »Ich habe mich damit abgefunden, kleine Drachenerbin. Man kann deine Natur nicht ändern.« Er zuckte mit den Schultern. Es war bedeutungslos. »Ajun, was werden wir nun tun? Ich vertraue Shaharií. Sie ist sehr freundlich und bemüht.« Der schwarze Drache behielt seine Gedanken, was er von dieser Frau hielt, für sich. Stattdessen drückte er Assijas Hand, die er noch immer in der seinen hielt. »Ich habe all die Jahre gewartet. Was bedeuten da noch ein paar weitere Tage?« Vielleicht war es ihm wirklich einerlei. Doch da er noch nicht einmal einen Deut einer Ahnung hatte, wo er mit der Suche nach diesem heiligen Ort der Drachen, von dem er gehört hatte, beginnen sollte, blieb ihnen wohl ohnehin kaum eine andere Wahl. Und ein Gutes hatte es ja, dass die Heilerin ihnen ihre Hilfe angeboten hatte. So konnte er vielleicht von ihr erfahren, wo man jene mächtige Zauberin, von welcher der Dämonenjäger gesprochen hatte, finden konnte. Assijas Worte, von welchen er bis dahin kaum nennbare Notiz genommen hatte, rissen ihn von einem Augenblick auf den nächsten aus seinen Gedankenspielen. »Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um auch mein anderes Versprechen einhalten zu können, dir zu helfen, ein wahrer Drache zu werden« Er knirschte dabei hörbar mit den Zähnen. »Sht!«, zischte er ungehalten und funkelte Assija dabei erbost an. »Das geht niemanden außer dich und mich etwas an. Und schon gar nicht diese schwarze Hexe, draußen vor dem Zelt!« Er warf neuerlich einen verstohlenen Blick über die Schulter, doch als er die Menai ins Zelt eintreten sah, verfinsterte sich seine Miene augenblicklich.


»Ajun, so nennst du dich jetzt also?« Der Dämon funkelte die Menai an, bevor er Assija einen beinahe anklagenden Blick zuwarf. Ihr loses Mundwerk brachte nichts als Scherereien. »Als du den heiligen Tempel entweiht und die Priesterin geschändet hast, war dein Name noch Negwenhó, nicht wahr?« Da schnaubte der Drache verächtlich. »Das war nie mein Name.« Er ließ Assijas Hand los und erhob sich von dem Lager, nur um seine Arme demonstrativ vor der Brust zu verschränken. »Und was er in eurer Sprache bedeutet, weißt du nur allzu gut.« Wieder funkelte er die Menai zornig an, doch dieses Mal dachte er nicht im Traum daran sich für unfreundliche Worte zu entschuldigen, sollten sie ihm entfleuchen. »Es ist kein Name, sondern beschreibt lediglich was ich bin. Wer ich bin. Was ich in euren Augen war. Schwarzer Drache.« Er schnaubte und dabei entkam ihm ein kurzes, einzelnes und sehr bitteres Lachen. Die folgenden Worte der Menai prallten an seinem Geist ab wie Lanzen an steinernen Mauern oder Rammböcke an verschlossenen Toren. Aus ihrem Mund kamen nichts als Lügen und er wollte nichts davon hören, oder seinen Geist davon vergiften lassen, während er mit den Zähnen malmte, bei dem Versuch seine Wut zu zügeln, welche unaufhörlich darauf drängte entfesselt zu werden. Und ihre zynischen Worte, gepaart mit ihrer angriffslustigen Stimme tat ihr übriges zu seiner Stimmung. Er spürte wie sein dunkles Blut zu brodeln begann und im Schatten der Kerzen, welche das einzige Licht in dem Zelt spendeten, schien es, als ob seine Haut sich aschgrau färben würde. Seine Augen glommen bedrohlich, als ob eine schwache Glut in den Iriden entfacht worden wäre und wäre es nur ein wenig dunkler im Zelt gewesen, würden sie mehr Licht spenden, als die beiden kümmerlichen Kerzen, die nahe des Lagers flackerten. »Du magst dich aufbäumen wie ein mürrischer Hengst, meinetwegen kannst du auch deine wahre Fratze offenbaren! Doch dir sollte bewusst sein, dass ich Recht hatte.« Der schwarze Drache schnaubte verächtlich. »Recht? Welches Recht?«, hakte er mürrisch nach während er noch immer um seine Beherrschung rang. Er hatte nicht vergessen was geschehen war, als er das letzte Mal die Beherrschung verloren hatte. Und auch wenn ihm die Menai nichts bedeutete, so war noch immer Assija, die kleine Drachenerbin, zugegen. Und diese bedeutete ihm wiederum mehr als man sich vorstellen mochte. Und weitaus mehr, als diese Menai sich auszumalen glaubte. »Du bist bereits dort angekommen, wo weder Gewalt noch dein dämonisches Feuer dir helfen kann. Du bist dort wo dir nichts bleibt als um die Hilfe anderer zu flehen, Negwenhó!« Er hätte sagen können, dass er niemals flehte. Er hätte sagen können, dass man alles mit Gewalt nehmen konnte, wenn man nur die richtige Gewalt gebrauchte. Doch nichts davon hatte Bedeutung. Die Wut, die in ihm brannte rührte nicht von ihren Worten her. Oder ihrem Dasein. Nicht einmal daher, dass sie wusste, wer er war. Nur an dem Namen, den sie nun bereits zum zweiten Mal ausgesprochen hatte. »Nenne nicht diesen Namen.« Seine Stimme klang bedrohlich, finster und düster. Wenngleich er sie ruhig und scharf ausgesprochen hatte und keineswegs aufgebracht oder gebieterisch. Er hasste diesen Namen. Diesen Hohn von einem Namen. »Was weißt du denn schon, von den Dingen die du da sprichst?«, zischte er ungehalten. »Gar nichts.« Er spürte wie sich seine Fäuste ballten und sein Herz hämmerte wild und vor Wut rasend in seiner Brust. »Maße dir kein Urteil an, Menai. Denn es steht dir nicht zu.«

Sie trat näher an ihn heran und er konnte das unheimliche Weiß in ihren Augen sehen, welches von dem schwarzen Gesicht, in dem sie thronten, eingerahmt wurde. »Warum bringst du mich nicht einfach um?« »Wenn dies dein Wunsch ist.« Er bedachte die Menai mit einem kühlen Blick, aber sie sprach einfach weiter, als ob sie ihn nicht zu Wort kommen lassen wollte. »So wie du es mit meinem Dorf, meinem Großvater, meinem Vater und auch mit meinen Brüdern getan hast?« Da lachte der schwarze Drache, als er von der Erkenntnis, die ihre Worte ihm verliehen, erfasst wurde. »Deine Brüder? Dein Vater und deines Vaters Vater?« Er hatte so viele an jenem Tag getötet. Sie konnte jedermanns Schwester. Jedermanns Tochter und jedermanns Enkelin sein. »Ich erinnere mich an sie. Jeden einzelnen.«, murmelte er daraufhin und es mochte beinahe verwunderlich anmuten, wie wechselhaft er von diesem höhnenden Lachen auf die ruhige, fast beunruhigende Stimme wechselte. »Dreißig Tote, für dreißig verlorene Jahre.« Der Dämon war gereizt. Zu einer anderen Zeit und zu einem anderen Menschen hätte er vielleicht offenbart, wie es sich verhielt, wenn er der schwarze Drache wurde. Er hatte keine Kontrolle über die Dinge, die er tat, wenn die Magie von ihm Besitz ergriff. Assija hatte es am eigenen Leib erfahren, und er hatte ihr versprochen, ihr niemals ein Leid anzutun. Und dennoch war er über sie hergefallen, in der Absicht sie zu töten. Doch das war nicht er gewesen. Es war die Magie gewesen, welche von ihm Besitz ergriffen hatte und dem zweiten Gesicht die Macht. Doch die Magie scherte sich nicht um Versprechen oder Gefühle.

Gedanken kreisten dem schwarzen Drachen durch den Kopf. Wilde Gedanken. Düstere Gedanken. Doch keiner davon formte sich zu einer Silbe. Stattdessen sprach die Menai. »Mein Großvater hat sein Leben, seine Familie und sein Dorf aufgegeben, für die Hoffnung das du etwas Besseres wärst.« Und da traf ihn die Erkenntnis, wie ein gleißender Blitz. »Du bist diejenige.«, murmelte er und mit einem Mal fielen ihm die Worte des Dämonenjägers wieder ein, als ob er vor ihm stünde und sie erst jetzt sprechen würde. Er blinzelte und warf der Menai einen düsteren Blick zu. Shaharií schien ihn, wenn auch nur für einen Moment, verdutzt anzusehen, bevor sich ihre Miene wieder verhärtete und sie weiter von Dingen sprach, die er nicht hören wollte. Aber der schwarze Drache hörte ihr gar nicht mehr zu. Er verfluchte den Dämonenjäger. »Ihr seid ein Rachsüchtiges Volk. Doch haben sie nicht alle bekommen, was sie verdienten?« Dreißig lange Jahre, hatten sie ihn in dunklen Höhlen eingesperrt. Weil sie ihn gefürchtet hatten. Weil sie nicht wussten, wie sie ihn sonst behandeln sollten. Ihnen war nichts Besseres eingefallen und als er sich brennend den Weg ins Freie gekämpft hatte, ließen sie ihn nicht ziehen. Sie stellten sich ihm in den Weg und fanden so ihr Ende. Der schwarze Drache schien mit einem Mal unendlich müde zu werden. Seine große Gestalt sank in sich zusammen und das Aschgrau seiner Haut verschwand, zusammen mit dem Glühen in seinen Augen. »Gar nichts weißt du, Menschenweib. Nichts.« Er verzog seine Mundwinkel zu einer bitteren Miene. »Und nichts von dem, was du sagst, hat irgendeine Bedeutung.«

Shaharií deutete auf Assija, welche noch immer auf dem Lager lag und bedachte Ajun mit vorwurfsvollen Blicken. »Dieses Mädchen hier liebt dich von ganzem Herzen und doch würdest du eher ihr Leben opfern als einzusehen, dass du das größte Glück das einem Wesen wie dir zukommen kann, schon längst bei dir hast.« Das bittere Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Dämon und an dessen Stelle kehrte der Wissende Blick eines Mannes, der es besser wusste. Sie mochte glauben, dass er Assija bereitwillig dem Tode überantworten wollte. Doch Assija wusste, wie er wirklich dachte, denn er hatte ihr Angebot sich für ihn zu opfern bereits ausgeschlagen. Wenn es nötig war, würde er hundert Drachenerben opfern, nur um Assija zu verschonen. Doch davon verstand die Menai nichts. Denn sie sprach von Dingen die in ferner Vergangenheit geschehen waren. Assija kannte die Wahrheit und nur das zählte für den schwarzen Drachen, den diese Hexe bei seinem alten Namen genannt hatte, den er niemals wieder hören wollte. »Nichts weißt du, Shaharií.« Er sprach ihren Namen aus, als ob es ein dunkler Fluch wäre, der schwer auf seiner Zunge gelastet hatte. »Spar dir deine Flüche und Drohgebärden. Ich bin nicht so dumm wie meine Familie und werde mein Leben sicher nicht für dich aufgeben.« Er lachte hämisch. »So, wie dein Bruder es tat?« Er straffte seinen Rücken und sah sie herausfordernd an. »All die verschwendeten Jahre. Verlorene Jahre, in denen er blind der Rache folgte. Er hätte ein Weib finden können. Söhne zeugen. Frieden finden. Doch nichts von alledem. Nur Hass, Leid und Schmerz holten ihn ein.« Ajun löste die Verschränkung seiner Arme und trat nun seinerseits einen Schritt auf sie hinzu. »Wir sind ihm begegnet.« Er flüsterte beinahe und dabei sah er ihr tief in die Augen um von ihnen zu lesen, wie aus einem Buch. »Die letzten Worte, die er sprach galten dir.« Er kostete diesen Moment beinahe aus. Sie in dem Glauben zu lassen, er hätte ihn umgebracht, bereitete ihn just in diesem Augenblick unermessliches Vergnügen. Sie hatten ihn provoziert, indem sie ihn bei diesem verhassten Namen genannt hatte. Und indem sie Dinge gesagt hatte, die er nicht hatte hören wollen. Und nun wollte er ihr Dinge sagen, die sie vielleicht nicht hören wollte, auch wenn er bereits jetzt schon wusste, dass Assija ihr Schweigen schon bald brechen würde, und offenbaren würde, dass er ihn verschont hatte.

Shaharií schien jedoch gänzlich anders zu sein, als Asìí. Sie schien nicht von blinder Rache angetrieben zu sein, was sie auf ihre Weise weitaus gefährlicher machte, als es der Dämonenjäger jemals war. War sie ihm feindlich gesonnen, oder verfolgte sie andere Ziele? Zweifellos, denn sonst hätte sie ihm ihre Hilfe nicht angeboten. »Und nun beruhige dein hitziges Gemüt. Mir scheint wir hätten vieles zu besprechen, ob es dir gefällt oder nicht.« Der Dämon nickte stumm, während er sie misstrauisch aus seinen erneut glühenden Augen anstarrte. »Es scheint so.« Ihr Wunsch, die Herberge zu besuchen, erinnerte den schwarzen Drachen daran, dass dort auch noch ihr Pferd und der Wagen unterstanden. Und sie, wenn der morgige Tag vorüber sein würde, weitere Münzen in den Rachen des Stallmeisters werfen würden müssen. Doch kam er nicht umhin, die Frage, welche sich ihm buchstäblich aufdrängte, auszusprechen. »Ist dein Zelt etwa kein passender Ort, für die kleine Drachenerbin?« Er grinste boshaft und bedachte dabei die Kerzen und die seltsamen Dinge, die sie beleuchteten, mit einem abfälligen Blick, der schlicht und ergreifend erkennen ließ, als ob er diese Meinung teilen würde.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Do, 04. Jun 2015 16:05

Bewusst ging die Menai während der Zwischenrufe des Hünen nicht auf diese ein, zu sehr lagen ihre eigenen Gedanken auf ihrer Zunge und zu unbedeutend war, was sie sich gegenseitig zu sagen hatten. Sie kannten sich nicht persönlich und dennoch verband sie eine alte Geschichte die weder die eine noch die andere Seite hätte kalt lassen können. Als sie schließlich mit ihren Ausführungen fertig war, welche Großteils aus bitteren Anschuldigungen bestanden, ließ sie sich die Worte Negwenhós durch den Kopf gehen. „Ich weiß…“ antwortete sie schließlich, die Hände noch immer in die Hüfte gestemmt und den Blick auf den Hünen gerichtet. Seine Worte bezüglich ihres Bruders zielten gewiss darauf ab sie zu verletzen, doch so wie er sie beschuldigte nichts zu wissen, wusste auch er nicht. „Ich habe Asìís Leid gesehen. Doch er hat sein Schicksal selbst gewählt…“ lächelte sie kühl und freundlich, beinahe unheimlich in Anbetracht dessen, dass sie über ihren eigenen Bruder sprach. „Ich bin froh falls du seinem Leben endlich ein Ende gemacht hast, denn das was Asìí lebte, war schon lange kein Leben mehr. Und trotzdem irrst du. Nicht alle unseres Volkes verlieren sich in blinder Rachsucht. Es sind nicht mehr und nicht weniger als in jedem anderen Volke auch. Und du täuschst dich wenn du denkst, dass die Worte eines von Rache erblindeten Mannes mich interessieren. Die Trauer um meinen Bruder liegt schon lange zurück“. In diesen Worten lag keine Finte, nicht einmal der Wunsch dem schwarzen Drachen diesen Triumph nicht zu gönnen, lediglich die Wahrheit lag darin. Nitokris Familie starb bereits vor Jahrzehnten, als sie sich entschieden ihr Leben für den Tod eines anderen aufzugeben. Doch sie war nicht mehr Nitokri, in ihren Adern floss nicht einmal mehr das selbe Blut wie in den Adern Asìís, nein, sie war Shaharií und alles was sie noch mit Nitokri verband, war das geronnene Blut ihres vergangenen Körpers, welches sich in Pigmenten in den Tätowierungen verbarg, welche ihren neuen Körper zierten. Unterdessen wandte die Ruferin sich von ihren Gästen ab, nachdem Ajun ihr zugestimmt hatte die Herberge aufzusuchen. Rasch fiel ihr Blick auf ein ausgelaufenes Paar Stiefel, die Unweit von dem Stuhl standen, auf dem sie eingangs gesessen hatte. Sie verabscheute es Schuhe zu tragen und den Boden nicht mehr unter ihren Füßen spüren zu können. Hier im Norden und hier in Brisangen ganz besonders, waren sie allerdings unerlässlich. Die Straßen, wenn man das aufgewühlte und verdreckte Erdreich so nennen wollte, waren von Mist, Unrat und allerlei Abfällen geziert und diese Kloake barfuß zu durchqueren grenzte an den Gedanken in Jauche zu baden. „Ist dein Zelt etwa kein passender Ort, für die kleine Drachenerbin?“ hakte Ajun währenddessen nach, ohne dabei den Spott dahinter zu verbergen. Shaharií nahm Wortlos auf ihrem Stuhl Platz und bemühte sich in die engen Stiefelchen. Stiefelchen war noch eine Untertreibung, reichten diese Monströsitäten aus gehärtetem Rindsleder ihr schließlich bis zur Hälfte unter die Knie. „Du magst es nicht glauben, doch das wäre es. In den Herbergen, sofern du dort überhaupt das Glück hast eine Kammer zu beziehen, wimmelt es von Flöhen und Wanzen. Krankheiten und Seuchen soweit das Auge reicht. Doch du wirst dich gewiss weigern auf dem Boden zu schlafen, genauso wie ich…“ grinste die Menai, den Blick noch immer auf ihre Füße gerichtet. „Und ebenso bezweifel ich, dass du Assija guten Gewissens mit mir allein lassen würdest. Ein unberechtigter Zweifel wie du wissen solltest. Im Gegensatz zu dir fließt heiliges Blut durch ihre Adern und nichts läge mir ferner als einem hilflosen Geschöpf wie ihr Leid zuzufügen. Doch welche Rolle spielt das?“ mit diesen Worten erhob die Ruferin sich schwungvoll aus dem Stuhl, klopfte die Hose die sich unter dem Anziehen der Stiefel verzogen hatte zurecht und blickte abermals zu Ajun. „Du wirst mir ja doch nicht glauben, also beschaffen wir euch eine vernünftige Unterkunft“ lächelte sie freundlich und deutete gen Ausgang.

Nicht unbedingt begeistert aber doch freiwillig folgte der Hüne ihr und half dabei auch seinem Liebchen heraus, welche dank des Zaubers wieder wesentlich mobiler war als noch zuvor. Von dem Lager des fahrenden Volkes bis zum Ortskern Brisangens war es nicht weit, ein halber, höchstens ein dreiviertel Pfeilschuss entfernt vom Zelt der Ruferin. Weit genug das man seine Ruhe hatte, nahe genug dass der Weg sich nicht als beschwerlich beschrieben ließ. Unangenehmer war es, dass der Weg unweigerlich an den provisorischen Lagerstätten der Sklavenhändler vorbeiführte sowie an allerhand weiterem Gesocks, das gestohlene und gefledderte Waren feilbot. Den wenigsten die in Brisangen ihr Unwesen trieben, konnte man nachsagen, dass sie einer ehrlichen Arbeit nachgingen. Es war als hätte man diesen Ort aus dem Leid und dem Blut anderer erbaut und als würde er es schlucken wie ein Ofen die Kohlen. Vor vierzig Jahren noch hätte Shaharií keinen Schritt auf diesen Straßen gewagt, ohne ihr Gesicht hinter einer tiefen Kapuze zu verbergen, ihre Hände unter einem Mantel zu verstecken und unter allen Umständen zu vermeiden, dass jemand ihre Hautfarbe erkannte. Für die meisten Nordlinge schien schwarze Haut sich nur in Nuancen von Monstern zu unterscheiden, lediglich Händler und Gelehrte besaßen den Intellekt und das Wissen oder auch die Erfahrung, die dunkelhäutigen Menai als gleichwertig zu erkennen und zu wissen, dass ihre dunkle Haut genau genommen sogar einen biologischen Vorteil bot. Sie schützte vor der starken Sonneneinstrahlung im Süden und verhinderte Verbrennungen auch bei längerem Aufenthalt in der Sonne. Die hellhäutigen Nordlinge hingegen müssen sich vor der Mittagssonne verstecken oder sich in Stoffe hüllen um Verbrennungen zu vermeiden, was sie wiederum in ihrer Arbeit behinderte. Letztendlich war es also schieres Unwissen, gar Dummheit die überlegenen Menai als minderwertig zu betrachten. Natürlich war es aber nicht Shahariís Wissen ob dieser Umstände das sie ihrer Herkunft mit weniger Scham begegnete als vielmehr das Wissen, dass niemand dieser Vagabunden ihr etwas anhaben konnte. Die Menai, die das ungleiche Gespann anführte durchbrach schließlich die Stille als sie gerade einige Sklavenhändler passiert hatten, die mit Interessenten über den Wert ihrer Ware feilschten. „Wisst ihr, und vor allem du Ajun, dass unser Volk eines der friedlichsten auf diesem Kontinent ist? So etwas wie Sklaverei…“ ihr Blick deutete auf einige Käfige die wenige Meter neben ihnen am Wegesrand standen; „… gibt es bei uns nicht. Als ich zum ersten Mal hier, also in den Nordreichen war, wurde ich angespuckt, in den Dreck gestoßen und beschimpft.“ Nun fiel der Blick der Menai über ihre Schulter hinweg auf die Drachenerbin, welche ihr neben dem Hünen folgte; „Ein Schicksal das auch Drachenerben hier nicht erspart bleibt. Undenkbar in Menainon. Wir schätzen Fremde, ungeachtet dessen wie anders sie als wir sind…“ ihr Blick wanderte über die andere Schulter hin zum schwarzen Drachen; „… selbst jemandem wir dir haben wir eine Chance geboten. Denkst du das wäre hier genauso gewesen? Sie hätten dich mit Fackeln und Mistgabeln verfolgt, bevor sie auch nur ein Wort mit dir gewechselt hätten. Und trotzdem nennen sie unser Volk unzivilisiert“ lachte sie auf. Als die Ruferin mit ihrer kleinen Anekdote fertig war, zeichnete sich bereits die Schenke vor ihnen ab. Eines von wenigen Gebäuden in Brisangen mit steinernem Fundament. Über der Tür die den Eingang bildete, prangte ein schlichter Holzschnitt. ‚Grenzlandtaverne‘ stand schwer leserlich darauf. Sonne, Regen und Frost hatten ihr Bestes getan, um Leserlichkeit und schlichte Schönheit des Holzschnitts zunichte zu machen.

Hier herein“ ging Shaharií vor. Im Schankraum herrschte eine angenehme Frische, begünstigt durch die groben steinernen Wände. In der Mitte des Raumes thronte eine kleine Feuerstatt, in der einige Scheite nur noch kläglich vor sich hinglimmten. An den Wänden entlang waren etwa ein halbes Dutzend Tafeln so aufgestellt, dass sie in den Raum hereinragten. Auf beiden Seiten jeweils mit schlichten Bänken gesäumt, die aus halbierten Baumstämmen bestanden. Schlicht und Rustikal, eine bedrückend ungemütliche Atmosphäre wie die Menai fand. An den Tafeln saßen über den Raum verteilt etwa zwei Dutzend Gäste. An einem der Tische, der parallel zur Feuerstätte lag, saßen lediglich zwei Jünglinge, sich einander gegenüber Positioniert hatten. Zielstrebig schritt die Ruferin auf diesen Tisch zu und wies ihren Begleitern mit einer Geste ihr zu Folgen. An dem Tisch angekommen blickten die beiden Gäste sie verdutzt an. Augenscheinlich Mitte Zwanzig, die Haare von Hauben verdeckt und mit gebräunten Nacken. Einfache Arbeiter. Shaharií stützte sich mit beiden Händen auf das Ende der Tischplatte und blickte die beiden Jünglinge an. Diesen entging das ganz und gar nicht, was sie mit skeptischen Blicken unterstrichen, welche sie sich gegenseitig zuwarfen, bevor einer der beiden sich der Menai mit mürrischer Miene zuwandte „Hier is‘ kein Platz für Deinesgleichen! Verschwinde du schwarze Schnepfe!“ fauchte der, der sich ihr zugewandt hatte. Der Zweite quittierte dies mit einem schadenfrohen Kichern. Das kein Platz war, war mehr als eine offensichtliche Lüge, bot jede der Bänke doch problemlos genug Platz für acht oder zehn Mann, abhängig von deren Umfang. „Ihr müsst gehen“ sprach die Menai seicht und deutete den Beiden mit einer Geste Richtung Ausgang. Just in dem Moment als sie ihre Geste vollendet hatte schienen die Augen der jünglinge glasig zu werden und wie in Trance bestätigten sie einheitlich wie aus einem Mund „Wir müssen gehen…“ worauf hin sie sich wortlos erhoben und gingen. „Dieser Tisch ist gut“ stellte Shaharií fest und klopfte dabei mit der flachen Hand auf die Tischplatte als würde sie das Material beurteilen. Schließlich hatte die Gruppe Platz genommen und war damit einigermaßen unbehelligt von den weiteren Gästen. Gemütlich setzte Shaharií sich hin und legte ihre Beine angewinkelt neben sich auf die Bank. „Also…“ begann sie nach einem Augenblick des Schweigens; „Bevor wir über das Reden was dich wohl am meisten interessiert…“ maß sie Ajun mit ihren Blicken; „… würde es mich interessieren wie viel du inzwischen in Erfahrung bringen konntest. Dir ist sicher bewusst das du mit einem echten Drachen so viel gemeinsam hast wie ich, nicht wahr? Ihr Dämonen gehört nicht einmal zu den fleischlichen Völkern“ bei diesem Begriff deutete sie auf Assija und sich, als würde sie erklären wollen, was unter fleischlichen Völkern zu verstehen ist. „Bist du mit der Elementarmagischen Konjunktionstheorie des Schwarzmagiers Jeran aus der Zeit des ersten Drachenkrieges vertraut?“ die Menai stellte diese Frage als würde der Dämon ihr eine befriedigende Antwort darauf geben, schüttelte dann aber kurz den Kopf und fuhr fort. „Was frage ich dich das überhaupt, du bist ein vagabundierender Dämon und kein Gelehrter. Jedenfalls entstammt deine Art dem Magier Jeran und ihr seid letztlich das Ergebnis des Versuchs Elementarmagie zu einem Krieger zu manifestieren. Die Magie die uns immer und überall umgibt, gezwungen in eine fleischliche Gestalt und dennoch nicht rein fleischlich, wie dir sicher klar ist. Es wäre also dem Prinzip nach Einfacher dich in eine Kerze zu verwandeln, als in einen Drachen, denn im Gegensatz zu einem Drachen, basierst du auf der gleichen Energie wie eine Kerze. Deine Geliebte aber…“ lächelte sie freundlich zur Drachenerbin. „Besitzt die Gene der wahren Drachen. Verwässert über die Epochen und sicher nur noch zu Bruchteilen vorhanden, aber sie besitzt es wie ein jeder in dem sich das Erbe der Drachen zeigt. Genau das ist der Grund weshalb du ohne einen Drachenerben niemals an dein Ziel kommen kannst. Umso prägnanter das Drachengen umso besser. Sollte das Ritual also wirklich funktionieren, muss dir klar sein, dass du mit dem daraus entstehenden Wesen nichts mehr gemein hast außer deinem Verstand. Selbstverständlich ist das Ritual äußerst Komplex und Aufwändig und es wäre ums unermessliche Einfacher deinen Geist an den Körper eines Drachen zu binden. Den wirst du aber leider nicht in deinem Besitz haben?“ feixte sie Ajun an. „Ich will dich gar nicht länger mit Dingen behelligen die über deinem Horizont liegen, deswegen sag mir: Was weißt du bisher über das Ritual, oder besser, was glaubst du zu wissen?“. Bevor der schwarze Drache aber zu einer schnippischen Antwort ansetzen konnte, wandte Shaharií sich an Assija welche neben dem Hünen Platz genommen hatte. „Dass das Ungeborene in deinem Leib von ihm stammt, macht deinen Zustand ebenfalls um einiges komplexer. Du hast ohnehin schon gehört wie es um dich steht, auch wenn ich dir das gerne erspart hätte“. Andächtig stützte sie ihre Ellbogen auf die Tischplatte und faltete die Hände unter dem Kinn zusammen. „Das Drachengen in deinem Blut wird deinen Spross höchstwahrscheinlich verschonen. Es ist ungewöhnlich das zwei aufeinanderfolgende Generationen aktiv von dem Gen betroffen sind. Wenn es aber so ist, ist deine Situation sogar noch um einiges Schlimmer. Seine Gene werden definitiv zur Hälfte vertreten sein, was deinen, euren, Spross mit Gewissheit zu einem halben Dämon macht. Gemischt mit dem Drachenerbe wäre der Körper eures Kindes nicht Fähig der Magie darin stand zu halten. Ich könnte deinen Körper wohl stabilisieren, so gut, dass du unter normalen Umständen deine angeborenen Schwächen verlieren würdest, zumindest Zeitweise. Aber ich bin keine Elementarmagierin, für deinen Spross kann ich damit nichts tun. Ich kann deswegen nicht ausschließen das es bei der Geburt…“ bei diesem Gedanken stockten die Worte der Menai, denn sie hatte darüber gehört und gelesen was mit dämonischer Brut in einem Menschlichen Körper passieren kann. „Also…“ rang sie mit sich um die richtigen Worte; „… Hör zu. Ich will dir nicht dazu raten eine Totgeburt zu provozieren. Aber du sollst wissen dass alles andere mit hoher Wahrscheinlichkeit dein Leben kosten würde. Um deinen Spross steht es dafür weniger schlecht. Ajuns Erbe bringt eine viel größere Resistenz mit als ich eingangs vermuten konnte. Was ihr aus diesem Wissen macht liegt bei euch. Ajun wird mir ohnehin nicht glauben, du als Mutter solltest schon eher Spüren was dein Körper dir sagt…“ beendete sie ihre schlechte Kunde und verdunkelte dabei ihre Miene, nicht etwa aus Schadenfreude sondern aus Mitleid. Es war keine leichte Situation mit der die Drachenerbin sich konfrontiert sah und noch viel weniger hätte Shaharií in diesem Moment in ihrer Haut stecken wollen. „Ich kümmere mich um eure Unterkunft, ihr habt sicher ebenso wichtiges zu besprechen wie Ajun und ich“. Mit diesen Worten wandte sie sich von den beiden ab und Steuerte auf die Ausschank zu.

Einem einfachen Tresen der aus einigen dicken Brettern bestand, die mit dünnen Seilen zu einer Platte gebunden waren und auf alten Fässern ruhten. Dem Wirt entging es gewiss nicht, dass die Menai auf ihn zukam. Niemandem entging es wenn eine schwarzhäutige und weißhaarige Frau auf ihn zukam. „Du schon wieder…“ grummelte der Wirt mürrisch, noch bevor sie seine Ausschank erreicht hatte. „Freut es dich etwa nicht mich zu sehen?“ spottete die Menai. „Du hast meinem Sohn geholfen, dafür bin ich dir dankbar, glaub mir, aber du treibst Schindluder mit meinen Gästen und das gefällt mir nicht“ spuckte der Wirt aus. Eine Furchtbare Geste wie Shaharií empfand. Unangemessen, eklig und absolut unnötig diese Gebärden der Nordlinge. „Und außerdem bezahlst du nicht!“ diese Anschuldigung rang der Ruferin ein gehässiges Grinsen ab, woraufhin sie eine Hand auf den Arm des Wirtes legte und ihm tief in die Augen sah. „Was sind schon ein paar Gefälligkeiten für das Leben deines Sprösslings?“. Der Wirt brummte. „Was willst du diesmal Heilerin? Soll ich dir meine Tageseinnahmen schenken, oder willst du gleich den ganzen Schuppen haben? Soll ich zukünftig im Anbauen von Steckrüben machen?“ spuckte er erneut aus. „Sei nicht albern. Speis und Trank für mich und meine Begleiter, sowie ein Zimmer für die Beiden. Das Mädchen ist in anderen Umständen und sie wird diesen schönen Ort erst einmal nicht verlassen können. Zwei Monde, dann bist du uns für immer los“. Die Augen des Wirtes weiteten sich, als würde nicht mehr viel fehlen, bis sie ihm vor Erstaunen aus dem Kopf fielen. „Ein Zimmer für zwei Monde?! Du bist verrückt Weib, weißt du was mir da verloren geht? Das kann ich dir nicht bieten!“ – „Schön“ erwiderte Shaharií kalt. „Dann wird es dich auch nicht scheren wenn die Gedärme deines Jungen sich wieder verknoten und er schreiend auf sein Ende wartet, nicht wahr?“ ob dieser Worte lief der Wirt kreidebleich an und aus erstaunen entwuchs schieres Entsetzen. „Das kannst du nicht tun! Ich flehe dich an, tu das nicht! Bei den Göttern!“ – „Nicht die Götter haben dir geholfen, sondern ich. Ist es bei euch nicht üblich, dass man für einen Dienst auch bezahlt?“. Dem Wirt war bewusst, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte und so gab er, gelenkt von seinem Aberglauben, zähneknirschend und unfreiwillig klein bei. „Schön, du hast gewonnen. Speis und Trank auf meine Kosten, deine Schergen kriegen ein Zimmer! Aber das letzte Zimmer ist klein, hat nur ein schmales Bett. Ich kann keine Gäste verjagen die gezahlt haben…“ erklärte er und die Menai nahm nickend an. Der Dämon hatte Jahrzehnte in einer Höhle gehaust, was würden ihn da schon zwei Monde auf dem Boden scheren? So machte sie sich zurück an den Tisch, an dem Ajun und Assija mehr oder weniger auf sie warteten. „Für eure Unterkunft ist gesorgt. Für eure Verpflegung auch. Auch wenn es für euch nicht gleichermaßen angenehm werden wird…“ grinste sie mehr in Richtung des schwarzen Drachen als in die Assijas. „Und nun seid ihr dran, erzählt mir was ihr zu sagen habt“.
Some legends are told,
Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
Remember me for centuries!

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Assija
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Do, 04. Jun 2015 23:43

Bilder schwarze Drache hatte sich zu Assija gesetzt, und die kleine Drachenerbin, welche bislang auf der Pritsche gelegen hatte, erhob sich ein wenig von der Lagerstätte in eine bequeme Sitzhaltung, so gut es ihr Bauch eben zuließ. Er hatte sich über ihren Zustand erkundigt, doch Assija konfrontierte ihn damit, dass sie das vor dem Zelt Gesprochene gehört hatte, und um ihren Zustand Bescheid wusste. „Was denkst du, Sija? Am heutigen Morgen gab es noch keinerlei Anzeichen für diese Dinge, die diese Frau behauptet. Glaubst du ihre Worte?“ Assija setzte ein ratloses Gesicht auf, und zuckte die Schultern. „Von Tag zu Tag mehr spüre ich, dass ich diese Last bald nicht mehr zu tragen vermag. Ich habe keine Kraft mehr. Ich bin müde, so müde… Wenn es nun stetig so weiter geht, dann glaube ich ihr, dass ich es nicht schaffen werde.“ Sie blickte ihn wissend an „Du kennst doch meinen schwachen Körper, Ajun…“ Er schien in Gedanken versunken zu sein, und Assija war sich nicht sicher, ob er ihr wirklich zugehört hatte. „Sija?“ begann er schließlich „Warum sind wir hier? Hier, in Brisangen. Erinnerst du dich?“ Die kleine Drachenerbin blickte ihn fragend an. „Was meinst du?“ fragte sie ihn. „Wir folgen den Worten des Dämonenjägers. Unser Weg führt uns in das Land der Menai.“ „Ja…“ begann sie, und versuchte, aus seinen Worten schlau zu werden. „Erinnerst du dich noch an die Worte, die er gesagt hatte? Ihren genauen Wortlaut?“ Assija wühlte in ihren Erinnerungen. Noch heute holten sie Alpträume ein, als sich an diesem Schicksalshaften Tag die beiden Todfeinde gegenüber gestanden hatten, bereit, sich gegenseitig umzubringen. Es war Ajun gewesen, welcher die Gunst der Stunde genutzt hatte, und dem Menai völlig unerwartet sein Schwert ins Auge getrieben hatte. Sie würde diesen Anblick niemals vergessen. Auch jenen nicht, als er ihm noch die Hand abgehackt hatte. Diese verzweifelten, gellenden Schmerzensschreie, die ihr tief ins Herz gefahren waren… „Er sagte, ‚Shaharií, eine Zauberin meines Volkes‘…“ murmelte sie schließlich nachdenklich, und starrte den Drachen dann ungläubig an. Dieser schüttelte den Kopf und meinte „Es wäre des Zufalls zu viel, wenn ausgerechnet sie…“ Er unterbrach sich, und wandte misstrauisch den Kopf zum Zeltausgang. Als Assija sich schließlich in gramvollen Kummer bei ihm entschuldigte, da lächelte er. Sie liebte sein Lächeln. Er musste wölfisch und durchtrieben wirken, wenn man den schwarzen Drachen nicht kannte. Sie aber kannte ihren Drachen besser. „Ich habe mich damit abgefunden, kleine Drachenerbin. Man kann deine Natur nicht ändern.“ Da lächelte sie matt. „So wie die Deine, Ajun…“

Als Assija ihn an das Versprechen erinnerte, welches sie ihm gegeben hatte, da wandelte sich die Freundlichkeit des Drachen, wie ein plötzlich aufloderndes Feuer. „Das geht niemanden außer dich und mich etwas an. Und schon gar nicht diese schwarze Hexe, draußen vor dem Zelt!“ funkelte er sie wütend an, und die kleine Drachenerbin schlug erschrocken die Augen nieder. Sie fand nicht einmal ein Wort der Entschuldigung, und dann betrat die Heilerin das Zelt. „Ajun nennst du dich jetzt also?“ Assija hob den Kopf, als sie diese Worte aussprach, und begann sie, und als der Dämon sie anklagend anblickte, da schlug sie erneut die Augen nieder. Er ließ ihre Hand los, und vorbei war die traute Zweisamkeit. Die beiden begannen sich gegenseitig anzuklagen, niederzumachen und fochten einen Kampf auf der geistigen Ebene aus. Assija konnte nichts anderes tun, als diesem Schauspiel mit immer größer werdenden Augen Zeuge zu werden. „Dreißig Tote für dreißig verlorene Jahre“ ließen Assija den Drachen mit ganz neuen Augen zu sehen. Sie hatte stets die Augen geschlossen, wenn der Dämon auf ihrer Reise jemanden umgebracht hatte. Es waren einige an der Zahl, doch Assija erinnerte sich an alle. Doch dreißig zusätzliche Tote waren in diesem Augenblick zu viel für ihr Gemüt. Doch sie schwieg, da sich in diesem Augenblick wohl keiner der beiden für ihre Belange interessieren mochte und beobachtete den Streit mit wachsender Neugier. Immer wieder nannte die Menai den Drachen ‚Negwenhó‘. Assija wusste, dass er diesen Namen verabscheute. Sie schickte ein Stoßgebet zu ihren Göttern, während sie ihn genau beobachtete. Seine Augen glommen auf, seine Haut verfärbte sich zusehends. Schließlich erhob sie sich aus dem Bett, und legte ihm ihre Hand in den Rücken, um ihn zu beruhigen. Sie hoffte, dass sie immer noch sein Halt war, welcher ihn im Hier und Jetzt, und vor seiner Magie bewahrte. Und schlussendlich siegte dann doch die Vernunft, und ihrer beiden Gemüter schienen sich wieder abzukühlen. Shaharií schlug vor, eine Herberge aufzusuchen, und Ajun stimmte diesem Vorschlag zu. Assija fühlte sich nun bedeutend besser. Und sie hatte noch nicht einmal von diesen über sie hereinbrechenden mannigfalten düsteren Emotionen, welche das Zelt erfüllt hatten, zehren müssen. Assija wusste nicht was, aber irgendetwas, so hatte sie das Gefühl, hatte sie getan, was der kleinen Drachenerbin geholfen hatte. Sie hatte eine tiefe Entspannung und Ruhe gespürt. Innere Ruhe, die sie so sehr vermisst hatte, und so dringend brauchte. In diesem Moment, da sie ihr die Hand auf die Stirn gelegt hatte… Ob sie wahrhaft eine mächtige Zauberin war? Zumindest sah sie aus, wie eine Hexe, wenn gleich Assija nicht fand, dass sie schlecht oder verdorben wirkte. Im Gegenteil, Assija empfand diese Frau als angenehm, und freundlich. Nachdem sich Shaharií angekleidet, und ihre Stiefel angezogen hatte, verließ sie das Zelt, und Ajun und Assija folgten ihr.

Assija, von neuer Kraft beseelt, lief mit festen, wenn auch stets langsamen Schritten, neben dem Drachen einher, der seinerseits hinter der Menai ging. Nach einer Weile die sie durch das kleine Städtchen liefen, begann die Menai mit einer schwungvollen Handbewegung auf die Sklavenhändler zu deuten. Assija, die sich selbst einmal wie eine Sklavin vorgekommen war, erschauerte erneut bei diesem Anblick, welchen die auf sie furchteinflößenden Männer, denen Entschlossenheit, Brutalität und Geldgier beinahe ins Gesicht geschrieben stand, boten. „Wisst ihr, und vor allem du Ajun, dass unser Volk eines der friedlichsten auf diesem Kontinent ist? So etwas wie Sklaverei gibt es bei uns nicht. Als ich zum ersten Mal hier, also in den Nordreichen war, wurde ich angespuckt, in den Dreck gestoßen und beschimpft.“ Assija glaubte es ihr aufs Wort.. In diesem Moment fühlte sie sogar so etwas wie eine Verbundenheit zu dieser Frau, die in den Nordreichen eine ebenso Ausgestoßene war, wie sie als Drachenerbin eine war. Und als hätte Shaharií ihre Gedanken erraten, warf sie einen Blick über ihre Schulter auf die kleine Drachenerbin. „Ein Schicksal das auch Drachenerben hier nicht erspart bleibt. Undenkbar in Menainon. Wir schätzen Fremde, ungeachtet dessen wie anders sie als wir sind…“ In diesem Moment bedauerte Assija es, dass sie die gesuchte Frau hier am Rande der Nordreiche gefunden hatten. Sie wäre gerne einmal in dieses aufgeschlossene Land gereist, deren Mensche so freundlich und friedlich zu sein schienen. Hatte ihr doch schon Asìí erzählt, dass die Drachenerben bei den Menai gerne willkommen waren, und diese als heilig galten. Assija würde nie so weit gehen, sich als heilig zu sehen, doch die Worte der Frau aus dem so weit entfernten Land weckten schier Sehnsüchte in der Drachenerbin, dieses Land dennoch zu bereisen, ungeachtet dessen, was die Zukunft noch bringen würde.

Nur wenige Momente später standen sie vor dem Gasthaus, welches Shaharií als geeigneten Aufenthaltsort, fern der verwanzten und verflohten Gasthäuser und Schenken auserkoren hatte. In der Schenke herrschte eine gemütliche, wenn auch kühle Atmosphäre, auch wenn diese nur durch die Kühle der Steinmauern verursacht wurde. Die Menai steuerte auf einen der Tische zu, an welchem nur zwei Männer saßen. Doch ihre Blicke und Worte zeugten davon, dass sie keine Menai an dem Tissch, an welchem sie saßen, duldeten. Doch die Frau begegnete den Beiden recht souverän. Sie erklärte den beiden, dass sie gehen müssten, und nur wenige Wimpernschläge später erhoben sich die beiden Kerle auch schon, mit entrücktem und stumpfen Blick, und wiederholten Shahariís Aufforderung, zu gehen. Assija warf dem Drachen einen stummen, aber fragenden Blick zu. Wie hatte es diese Frau nur vollbracht, die beiden Männer, die sie erst wüst beschimpft hatten,, zum Gehen zu bringen? Durchaus vergnügt nahm die Menai Platz, und Assija und Ajun taten es ihr schließlich gleich. Shaharií begann mit einer recht aufschlussreichen Erklärung über die Dämonen. Assija hing ihr förmlich an den Lippen, als diese erzählte, woher die Dämonen stammten, und warum diese überhaupt geschaffen worden waren. Von Ajun jedenfalls hatte sie nie eine derartige Geschichte erzählt bekommen. Die Menai sprach, wie ihr der Mund gewachsen war, und sie vollbrachte es sogar, Assija zum kichern zu bringen, als sie meinte, dass sie Ajun nicht mit Dingen behelligen wolle, die jenseits seines Horizontes lagen. Die kleine Drachenerbin legte dem Drachen vorsichtshalber ihre Hand auf seinen Schenkel, und blickte die Menai weiterhin aufmerksam an. Diese wandte sich nun an Assija, und begann das Kind in ihrem Leib anzusprechen. Wie von der Ferne nahm Assija Shahariís Mutmaßungen auf. Das Kind würde mit Sicherheit ein halber Dämon sein. Nun, damit hatte die Drachenerbin gerechnet. Doch dass das Kind, wenn es ein Drachenerbe sein würde, mit der dämonischen Kraft nicht zurechtkommen würde, daran hatte sie nicht gedacht. Doch ob das Kind zur Hälfte Drachenerbe sein würde, das vermochte auch Shaharií nicht zu sagen. Die nachfolgenden Worte der Menai brachten die kleine Drachenerbin in eine melancholische Stimmung. „Hör zu. Ich will dir nicht dazu raten eine Totgeburt zu provozieren. Aber du sollst wissen, dass alles andere mit hoher Wahrscheinlichkeit dein Leben kosten würde. Um deinen Spross steht es dafür weniger schlecht. Ajuns Erbe bringt eine viel größere Resistenz mit als ich eingangs vermuten konnte.“ Diese Worte trafen Assija wie ein Schlag ins Gesicht, so dass sie sich unwillkürlich mit ihrer freien Hand, während die andere noch auf dem Schenkel Ajuns ruhte, an der Tischplatte festhielt. Sie senkte ihren Blick, als sie das Mitleid in Shahariís Augen sah. Sie wollte kein Mitleid. Sie wollte, dass man ihr sagte, was sie tun sollte. Immerhin hatte sie nicht mehr viel Zeit, denn so wie sie es verstanden hatte, war die Geburt ein hohes Risiko. Totgeburt… Dies bedeutete wohl Gift, welches das Kind in ihrem Leib tötete. Nur, damit sie selbst leben konnte. Die Menai erhob sich vom Tisch. „„Ich kümmere mich um eure Unterkunft, ihr habt sicher ebenso wichtiges zu besprechen wie Ajun und ich“

Assija nickte mechanisch, und blieb stumm, nachdem die Menai schon längst gegangen war. Schweigend blickte sie den Drachen an, während sie über die Worte der Menai nachdachte. Sie wusste, dass im Geiste bereits eine Entscheidung getroffen hatte. Sie würde es nicht töten lassen. Sie würde einen Weg finden, der beiden ein Überleben ermöglichte. Sie presste die Lippen aufeinander und räusperte sich. „Jonlai und Vai’leska… Wie könnte ich mein Kind töten lassen? Ein unschuldiges Kind…“ begann sie, und blickte den Drachen ernst an. Assija hatte sich nie als Mutter gesehen, dazu war sie viel zu abhängig vom Wohlwollen und der Hilfe anderer. Sie selbst war ja ausgesetzt worden, als sie ein Säugling war. Auch sie war ungewollt gewesen, so schien es. Sollte sie dieses Schicksal nun bei ihrem Kinde fortsetzen? Nein. Es hatte ein Recht zu leben. Doch selbst wenn beide die Geburt überstanden, so war dieses Kind von Ajun abhängig. Sie würde sich nicht so kümmern können, wie es jede normale Mutter konnte. Ajun jedoch hasste Kinder. Aber hatte er nicht gesagt, er denke nicht schlecht von dem Kind? Es war sein Fleisch und Blut, wie konnte er es hassen? Sie blickte ihn flehentlich an „Ajun. Sag mir, was ich tun soll. Du weißt immer, was das Beste für mich ist.“ Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch. „Was denkst du? Kann ich dieses Wagnis eingehen? Vielleicht irrt sie sich auch. Aber wenn sie sich nicht irrt...“ Sie würde ihre Versprechen brechen, wenn sie an den Folgen oder auch während der Geburt sterben würde. Sie würde ihm nicht mehr dabei helfen können, ein wahrer Drache zu werden. Und sie würde ihn verlassen, nicht mehr bei ihm sein, wie sie es ihm versprochen hatte. „Ajun, was soll ich tun? Bitte sage mir, wie ich mich entscheiden soll…“ flüsterte sie, und ließ ihre Hand von seinem Oberschenkel auf seine Hand gleiten. „Sag mir, was du denkst…“ Er schien eine Weile nachzudenken, und dann sprach er „Wenn dieses Kind einen Tod bedeutet, dann solltest du ihm zuvor kommen.“ Assija war es, als hätte eine kalte Hand sie an der Kehle gepackt, und zugedrückt. So sehr sie sich auch bemühte, dieses beklemmende Gefühl loszuwerden, es gelang ihr nicht. „So sei es…“ flüsterte sie und schloss die Augen bei diesen Worten. Als sie ihre Augen wieder öffnete, lag ein Schatten darauf. Assija sprach nichts mehr, bis die Menai wieder an den Tisch trat. „Für eure Unterkunft ist gesorgt. Für eure Verpflegung auch. Auch wenn es für euch nicht gleichermaßen angenehm werden wird… Und nun seid ihr dran, erzählt mir was ihr zu sagen habt“ plauderte sie sichtlich gut gelaunt dahin. Assijas Zunge war wie gelähmt. Außerdem erschien es ihr in diesem Moment so unsagbar schmerzhaft und schwer, gegen die aufsteigenden Tränen anzukämpfen. „Wir haben eine Entscheidung getroffen“ Ihre Stimme zitterte, und sie fühlte, wie ihre Hände kalt wurden. Sie wusste nicht, wie sie diese Worte formen sollte. Was sollte sie nur sagen? „Mach es weg…“ sagte sie schließlich zu Shaharií, mit einer Kälte in der Stimme, die niemand, der die kleine Drachenerbin kannte, je vernommen hatte. Plötzlich schämte sie sich so unsagbar. Am liebsten wäre sie aufgestanden, und einfach gegangen. Doch das hier war Brisangen. Ein Städtchen voller Gesindel, Huren, Sklavenhändlern, Dieben, und vermutlich noch Schlimmeren. Wohin hätte sie schon gehen sollen? So blieb sie sitzen, senkte das mit ihrer Kapuze stets bedeckte Haupt, und schwieg.
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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