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Das Drachengrab

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Assija
Drachenblut
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Do, 08. Okt 2015 15:54

Bildu solltest etwas essen Sija. Damit du wieder zu Kräften kommst“ sagte der Drache und hielt ihr etwas von dem gebratenen Fleisch hin. Doch die kleine Drachenerbin verweigerte das Fleisch, und schüttelte nur ablehnend den Kopf. „Ich möchte nicht, Ajun…“ „Ich kann dir keine Linderung verschaffen. Auch keine Wiedergutmachung“ sagte er und Assija schlug die Augen nieder. „Das kann niemand, Ajun…“ entgegnete sie leise, während sie auf den Boden starrte. „Ich habe dein Leid, das dir durch diese Menschen wiederfahren wurde, dutzendfach gerächt. Sie haben mit Blut und Feuer dafür bezahlt was sie dir und dem Kind angetan haben.“ Sie hob den Blick wieder und sah ihm in die Augen „Das habe ich nie gewollt, Ajun. Ich wollte dies alles nicht…“ „Wer will so etwas schon, Sija?“ seufzte er, und die kleine Drachenerbin senkte erneut den Blick, da sie es in diesem Augenblick kaum ertrug, ihn anzusehen. Er hatte nicht einmal versucht, ihr Trost zu spenden, wie er es früher in weitaus harmloseren oder unwichtigeren Situationen so oft getan hatte. Als wäre es ihm gänzlich egal, und das machte sie in diesem Moment, wieviel Schmerz sie auch empfinden mochte, beinahe rasend wütend. „Du wirst zu Kräften kommen, ob du willst oder nicht. Und dann, wenn es soweit ist, wirst du entscheiden was du für Richtig hältst. Ich werde mich fügen und ich werde mich nicht dagegen wehren.“ Fragend blickte sie ihn an. Sie wusste nicht genau, worauf er hinauswollte. Doch selbst, wenn sie ihn danach hätte fragen wollen, er ließ ihre keine Gelegenheit. Ajun hatte sich in den Handteller geschnitten und ihr diesen gegen den Mund gepresst, damit sie von seinem Dämonenblut trank. Die kleine Drachenerbin wehrte sich heftig gegen diesen Schritt und versuchte, seine Hand von ihrem Mund wegzudrücken, und ihn in seinem Tun aufzuhalten. Zwar hatte sie einst einmal eingewilligt, von seinem Blut zu kosten, doch im Grunde war es ihr widerwärtig, und sie wollte es nicht. Schon gar nicht jetzt, wo sich ihr Mund voll mit dem dicken, dunklen Dämonenblut füllte, und es ihr Brechreiz verursachte! Ajuns Hand, die sich gegen ihre Mund presste, verhinderte, es auszuspucken, und doch zwang sie sich, es nicht herunterzuschlucken. Und der Dämon sorgte noch mit sanfter Gewalt dafür, dass sie es letztlich doch herunterschlucken musste. Wie eine Katze, die man mit Wasser übergossen hatte, sträubte sich alles in ihr, und wütend funkelte sie ihn an, bevor er sich von ihr abwandte. Doch es war zu spät, das magische Dämonenblut begann bereits seine Wirkung zu entfalten. Die Kraft, welche sie durchströmte, warf sie beinahe zu Boden, so dass ihr nichts anderes übrig blieb, sich auf die Knie sacken zu lassen und sich mit den Händen am Boden abzustützen. Ihre goldenen Augen weiteten sich leicht, und ihr Blut fühlte sich so heiß an, als würde es kochen, während sich jede Faser ihres Leibes zugleich stärker anfühlte, und das Dämonenblut ihr ungeahnte Kräfte zu verleihen schien. Die kleine Drachenerbin atmete heftig und stoßweise, und nach einigen Momenten war das Schlimmste überstanden. Von Wut beseelt starrte sie Ajun in den Rücken. Wie konnte er nur? Wie konnte er sie nur so behandeln, wie konnte er ihr nur sein Blut aufzwingen? Sie wollte weder sein Blut, noch wollte sie, dass er sich zum Sündenbock ernannte. Hätte er sie einfach nur in den Arm genommen, hätte dies mehr geholfen, als jedes Wort, das er gesagt hatte. Kannte er sie so wenig? Oder war es ihm einfach egal? „Du bist unmöglich! Du vergiftest jede Bindung, die es zwischen uns gibt…“ fauchte sie, während sie spürte, dass ihr Magen heftig rebellierte.

Sie richtete sich auf, wandte sich um und lief tiefer in den Wald, die Hand auf den Mund gepresst, um das Schlimmste zu verhindern. Als sie schließlich nicht mehr weiterlaufen konnte, blieb sie stehen. Ihr blieb keine Zeit mehr, nach Luft zu ringen. Auch wenn ihr Magen leer war, musste sie sich heftig übergeben. Sie spie und spuckte das Dämonenblut hervor, und die Anstrengung ließ ihr die Tränen aus den Augen quellen. Als es nicht mehr gab, das sie hervorspeien konnte, und ihr Magen sich wieder beruhigt hatte, rang sie keuchend um Atem. Sie ließ sich auf den Boden plumpsen, und schloss die Augen, während sie sich darauf konzentrierte, wieder ruhiger zu werden. Ein Specht klopfte gegen einen Baum, und obgleich kein Vogel sang, vernahm sie die flüsternden Stimmen des Waldes und der Natur. Unweit murmelte ein kleines Bächlein und die kleine Drachenerbin horchte hin. Es war weniger die Natur, welcher sie lauschte, nein, sie suchte ihr Herz und ihre Seele zu ergründen, um den Schmerz zu erfassen, und diesen zu bändigen. Doch es gelang ihr nicht. Schließlich erhob sie sich, und folgte dem Plätschern des Bächleins. Als sie dieses gefunden hatte, kniete sie sich hin, tauchte die Hände in das eiskalte Wasser und schöpfte sich davon in ihr Gesicht, um das Dämonenblut abzuwaschen und zu erfrischen. Das Wasser war so kalt, dass sich ihr Gesicht nach wenigen Schöpfern beinahe betäubt anfühlte. Dann hob sie ihre Röcke an, und wusch sich das Blut zwischen ihren Beinen weg, bis sie die Kälte nicht mehr ertrug. Könnte das eiskalte Wasser doch nur ihren Herzschmerz betäuben! Obgleich es ein sonniger, milder Sommertag war, fröstelte die kleine Drachenerbin bald. Ihren Mantel hatte sie bei dem Lager zurückgelassen, und so hatte sie nichts, was sie dem Frieren entgegensetzen konnte. Assija erhob sich schließlich, und ging weiter. Das trockene Laub und Ästchen brachen unter ihren Schritten. „Jonlai und Vai’leska…“ flüsterte sie. „Helft mir… helft mir diese Last zu ertragen, und daran nicht zu zerbrechen… Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll. Es tut so weh… Mein Leben wird nie wieder dasselbe sein… Ich wünsche mir nichts mehr, als dass es wieder so unbeschwert ist, wie früher…“ betete sie zu den Göttern, während erneut die Tränen zu fließen begannen. Zwar hatte das Dämonenblut ihre Müdigkeit und ihre Schwäche verdrängt, doch gegen den Trauerschmerz und den Schock, der ihr immer noch tief in den Knochen saß, hatte es nichts bewirken können. Sie fühlte sich auch schlecht wegen Ajun. Sie wollte ihm niemals Vorwürfe machen, und dennoch hatte sie es getan. Vielleicht war es seine Art, damit umzugehen und fertig zu werden, und sie tat ihm Unrecht. Sie sagte ihm, dass er sie trotz seines Versprechens vor diesem Leid nicht bewahrt hatte, und er hatte ihr darauf beigepflichtet, dass er versagt hatte. Hatte er wirklich versagt? Nein, er hatte sicher nicht wollen, dass es so kam, wie es gekommen war. Sie hatte ihm böse Worte an den Kopf geworfen, und ihn mit diesen Vorwürfen einfach so stehen gelassen. Vielleicht sah es in seinem Herzen ähnlich düster aus, wie in ihrem. Sie wusste, dass er sie liebte, und dass es ihm vermutlich fern lag, ihr wehzutun. Mit diesem Bewusstsein fühlte sie sich noch elender.

Assija erhob sich von dem Waldboden, und beschloss, wieder zu Ajun und Shaharíi zurückzugehen. Jeder Schritt, den sie tat, fiel ihr immer schwerer. Sie schämte sich und kam sich so niederträchtig vor. Doch nach einer Weile erreichte sie das Lager. Die kleine Drachenerbin gesellte sich zu dem schwarzen Drachen, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihren schmerzgeplagten Körper gegen den seinen. Sie fand keine Tränen in diesem Augenblick. Es war so, als hätte sie alle Tränen bereits vergossen, und die Tatsache, nicht weinen zu können, machte alles nur noch bedrückender und schlimmer. „Ajun… Es tut mir leid. Ich wollte dir keine Vorwürfe machen. Es gibt nichts, das ich dir vorwerfen könnte. Es ist nicht deine Schuld, und du hast auch nicht versagt. Du hast mich nicht alleine gelassen. Du musstest gehen, und ich habe dich gehen lassen. Du gingst, um niemanden in Gefahr zu bringen. Aber du wärest nicht gegangen, wenn du gewusst hättest, was passieren würde. Niemand konnte wissen, dass die Geburt so früh losgehen wird. Ich weiß, wie es in deinem Herzen aussieht, und diese Gewissheit grämt mich sehr. Lass mich für dich da sein. Einst sagtest du mir, dass ich dein Halt wäre. Dann lass mich auch jetzt dein Halt, und für dich da sein. Aber, Ajun… Auch du bist mein Halt, das weißt du, und ich bitte dich, lass mich nicht alleine mit diesem Schmerz. Du kannst mir sehr wohl Linderung verschaffen, dadurch, dass du der für mich bist, der du bist. Ich habe dich immer gebraucht, doch niemals so sehr wie jetzt. Ich flehe dich an, ajun amaláredia, bitte sei für mich da…“
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füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Do, 08. Okt 2015 20:32

Bildart drückte die unebene Rinde des Baumes in den Rücken der Menai. Keine Haltung die sie hätte annehmen können, wäre ihr in diesem Augenblick wohl genehm gewesen. Sie war erschöpft, müde und geschlagen und dennoch war es befreiend als ihre Atmung sich beruhigte und sie spürte wie ihre Lungen mit jedem weiteren Atemzug wieder mehr Luft aufnehmen konnten, ohne stechende Schmerzen mit sich zu bringen. Doch sie hatte keine Gelegenheit einmal wirklich tief durchzuatmen, denn Ajun hatte sogleich seine Hand um ihre Kehle gelegt, noch bevor sie überhaupt bemerkt hatte, dass er an sie heran getreten war und nachdem er Assija unweit von ihr an einem anderen Baum platziert hatte. Sie hörte noch wie der Dämon sie anzischte „Wage es niemals wieder in meinen Kopf einzudringen, oder du wirst den Tag verfluchen an dem wir uns begegnet sind.“ Dann aber wurde es schwarz um sie herum. Es wurde still. Kalt. Nur die Wärme an ihrem Hals verblieb, wo der Dämon sie gegriffen hielt. Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Wie Fingernägel die über Stein schabten und der ächzende Ton ging ihr durch Mark und Bein. Sie riss die Augen auf und doch blieb es finster. Hatte er sie getötet? Fühlte es sich so an zu sterben? „Ich sehe dich…“ begann eine Stimme aus der Dunkelheit zu kichern. Das Kichern klang irrwitzig, fast manisch und doch vertraut. Sie kannte die Stimme. Konnte das sein? Es war ihre Stimme! Nein, nicht wirklich ihre. Es war Talaniís Stimme. Die Stimme derer sie sich bediente. „Sieh dich an! Sieh was du mit uns gemacht hast…“ kicherte die Stimme weiter, wenngleich der makabre Humor dahinter sich Shaharií nicht eröffnete und sie schien dabei immer näher zu kommen. Doch dort war nichts. Nur Leere und die Wärme um ihren Hals. „Fühlst du sie? Die feinen Fäden die dich an mir halten? Sie sind dünn! Spröde! Gespannt wie die fleischernen Sehnen eines Muskels kurz vor dem Zerreißen!“ die Stimme wurde lauter, schneller, dunkler. Die Ruferin sah sie tatsächlich! Feine silbern glänzende Fäden, wie Spinnenseide im Morgentau zogen sich durch die Dunkelheit. „Lass los! Lass sie reißen. Lass mich zu dir…“ sie wurde schriller. Manisch. „Willst du dir dass von diesem Monster gefallen lassen? Mussten wir unser Leben dafür geben? Damit du dich dieser Kreatur beugst? Nein. Nein. Nein! Du bist zu schwach! Ich zerreiße seine Seele! In Tausende und Abertausende Stückchen. Nein. Nicht eine. Beide! Wir haben sie gesehen. Chaotisch. Verzweifelt. Durchtrenn die Fäden, gib mir meinen Körper zurück, Verräterin!“ schließlich war die Stimme so nahe und laut, als würde sie Shaharií unmittelbar ins Ohr schreien und ihr war als könnte sie den feuchten Atem an ihrem Ohr spüren. „Nur noch ein winziges Stück! Lass es zu! Du verschwindest und ich schenke dir sein Ende… Lass ihn leiden! Lass uns…“ die Stimme verstummte. Als wäre die Menai aus einem tiefen kalten Gewässer gerissen worden, schnappte sie nach Luft. Ajuns Hand hatte sich von ihrem Hals gelöst und er hatte ihr bereits den Rücken zugewandt. Die Wärme seiner Finger war noch immer zu spüren. Ihr Herz raste. Hatte er nicht mitbekommen was gerade geschehen war? Es war Talanií. Oder eher das, was noch von ihr übrig war. Oder ein Teil von ihr? Soweit an die Oberfläche war sie seit Jahren nichtmehr vorgedrungen. Beim letzten Mal klang Talanií verweifelt, traurig. Sie hatte sich verändert und doch hatte sie Recht. Die Ruferin konnte spüren wie dünn und spröde die Fäden waren, die sie an diesen Körper banden. Sie hatte einen Fehler begangen, als sie im Eifer des Gefechts in den Geist des Dämons vorgedrungen war. Sie hatte nur von ihrer eigenen Seele gezehrt, nicht von der Talaniís. Ein Fehler der ihr ihre Existenz hätte kosten können. So hatte sie noch einmal Glück gehabt. Die Fäden waren dünn, würden sich aber rasch wieder regenerieren. Könnte sie doch nur ihr Ritual erneuern! Es wäre selbst ohne den vorangegangen Kampf bald an der Zeit gewesen, eine solche Anstrengung kurz vor dem Ende des Zyklus zu riskieren war schier Wahnwitzig.

Den resignierten Blick den sie Ajun hinterherwarf, nahm dieser schon gar nicht mehr wahr. Seine Aufmerksamkeit war auf Assija gefallen, die noch immer regungslos dort lag. Es war schwer zu sagen ob es Schock, Angst oder der beißende Qualm war, der ihr in Brisangen das Bewusstsein geraubt hatte und wäre die Ruferin in besserer Verfassung gewesen, so hätte sie nach ihr gesehen. In diesem Zustand fiel es ihr aber schwer sich überhaupt wieder aufzurichten. Für den Moment jedenfalls. Ihr Blick haftete weiter auf dem Dämon und vereinzelt wandte auch er sich zu ihr, nur um ihr dann bittere Blicke zurückzuwerfen. Verdammter Bastard dachte die Menai sich. Sie hatte ihn gerettet. Sie hatte Assija vor ihm gerettet. Wäre seine Magie versiegt wäre er den Verbliebenen Menschen hilflos ausgeliefert gewesen. Und mindestens einer der Bauern hätte seine Gelegenheit genutzt um dem Monster die Mistgabel so oft in die Eingeweide zu rammen, wie es nur möglich gewesen wär. Was hatte er sich dabei gedacht? Das in was er sich dort am Anger verwandelt hatte, hatte nichts mehr von seinem eigentlichen Wesen gehabt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre Assija seiner Zerstörungswut zum Opfer gefallen. Dankbar sollte er sein, dass sie es lebend dort weg geschafft haben! Das Flüstern des Dämons konnte sie aus der Ferne nicht verstehen. Wollte sie aber auch nicht. Er würde ohnehin nur wahllos irgendwelche Vorwürfe in seiner Ignoranz vor sich hin nuscheln. Shaharií sackte tiefer in sich zusammen und atmete tief durch. Der Schmerz in ihren Lungen hatte sich gelegt. Stunden verstrichen in denen Shaharií einfach nur da saß und die erfrischende Waldluft in sich aufnahm. Bis die Gedanken sich lichten würden, würde noch etwas Zeit vergehen. So vieles hatte sie in ihrem langen Leben bereits erlebt, aber so etwas noch nie. Wäre sie doch nur verschwunden anstatt zu dem verdammten Anger zu rennen. Der Dämon hatte das Opfer nicht verdient, dass sie erbracht hatte. Und Assija? Nun sie wohl schon. Hätte die Ruferin ihr Leben für eine Drachenerbin geopfert, würden die Götter ihr dies gewiss nicht vergessen. Sie wären ihr zu Dank verpflichtet! „Danke…“ klang es plötzlich an das Ohr der Menai und sie richtete ihren Blick sogleich von den Baumkronen in die Richtung aus der es kam. Leise und kaum von dem Knistern des Feuers und dem Rauschen der Blätter zu unterscheiden. Der Dämon erhob sich und das Feuer mit dem er zuvor gespielt hatte wie ein nervöses Kind, war in der Zwischenzeit zu einer regelrechten Feuerstatt herangewachsen. „Sorge dafür dass es nicht ausgeht. Und sorge dafür dass es sich nicht ausbreitet.“ Wies er sie an. Oder? Wies er sie wirklich an? Seine Stimme klang lasch. Nachdenklich. Sie nickte, da verschwand Ajun schon im nahen Unterholz. Schwerfällig erhob die Menai sich von dem Baum an dem sie lehnte. Ihre Beine, ihr Arm und ihre Wange kribbelten. Sie heilten. Die Magie in ihr war schwach, gewiss aber noch stark genug um die Wunden zu lindern die ihr wiederfahren waren. Vorsichtig taste sie ihren Arm ab, der bei ihrem Sturz auf dem Stein aufgeschlagen war. Unbeweglich und mit ihrer Hand verhielt es sich kaum anders. „Ausgerenkt…“ stellte die Ruferin nüchtern fest. Haut und Fleischwunden konnte die Magie rasch verschwinden lassen, den Knochen konnte sie aber nicht beeinflussen. Als sie sich mit langsamen Schritten dem Feuer näherte durchfuhr sie ein kalter Schauer und ihre Augen fielen vom Feuer funkelnd auf Assijas reglosen Körper. Etwas dunkles, Bitteres umgab die Drachenerbin, wie eine Präsenz von der anderen Seite des Schleiers. Ihre Seele war geschunden, lädiert und voller Narben. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Magen breit, als sie daran dachte, was der kleinen Elfe in den letzten Stunden wohl wiederfahren war. Ihr ganzes Leben schon hatte sie mehr erdulden müssen als die meisten und dies war zweifelsfrei mehr als ein Schlag zu viel für ihren Geist. Das blutige Bündel war der Menai in dem Hexenkessel nicht entgangen. Unvorstellbar was es für die frischgebackene Mutter bedeuten musste gemeinsam mit dem Leichnam ihres Kindes auf diesen Scheiterhaufen gepfercht wurden zu sein. Anschließend wanderten ihre Augen auf die knisternden Flammen des Feuers. Es dämmerte bereits und Shaharií musste ihre Augen verengen um nicht von dem Schein der Flammen geblendet zu werden. Schließlich erspähte sie durch das flackernde Feuer einen kleinen Baum, der sich nur knapp oberhalb des Stumpfes gabelte. Sie seufzte und erhob sich aus der Hocke in die sie sich begeben hatte. Schritt für Schritt näherte sie sich dem Baum und wieder bildete sich ein feiner Schweißfilm auf ihrer Stirn. Als sie den Baum erreichte, hob sie mithilfe ihres rechten Arms die Hand des linken in die Astgabel. Ein bisschen drücken und rucken und die Hand war hinter der Gabelung verkeilt. Sie schluckte. „Oh verdammt…“. Ein Ruck mit ihrem ganzen Körpergewicht und ein widerliches Knacken durchflutete die idyllische Stille des Waldes, gefolgt von einem heisernen Schmerzensschrei. „Verdammte Scheiße!“ einige Tränen kullerten über ihr Gesicht und brannten scharf in der Abschürfung auf ihrer rechten Wange. Das unweigerliche Schluchzen unterdrückte sie so gut wie nur möglich indem sie sich kräftig auf die Lippe biss. Er war wieder eingerenkt, aber trotzdem geprellt. Selbst mit der heilenden Wirkung ihrer Magie würde es dauern, bis sie ihn wieder richtig verwenden könnte. Die Schritte zurück zur Feuerstatt wankte sie, benebelt von dem Schmerz der in ihrem Arm pochte. Als die Ruferin versuchte sich wieder in die Hocke zu begeben, wurde ihr erneut schwarz vor Augen. Der Versuch sich schnell wieder aufzurichten scheiterte und sie fiel schließlich nach hinten um. „Reiß dich zusammen!“ presste sie zwischen den Zähnen hervor als ihr Blick gen Himmel gerichtet war. Es war schwer sich zusammenzureißen. Unsäglich schwer. Ihr ganzer Körper schmerzte, sie war verdreckt, ihre weißen Haare standen kraus zu Berge und ihr wäre kaum etwas lieber gewesen als bis zum Kiefer in warmen Wasser zu versinken und den Dreck dieses Tages, den Dreck Brisanges von sich zu waschen. Stattdessen lag sie auf Laub und Ästen. Schmutzig und geschunden, fernab ihrer Heimat. Mit diesen Gedanken fiel sie nach einer schier endlosen Zeit in der sie lediglich in den sich verdunkelnden Himmel starrte in einen traumlosen Schlaf.

Das Unterholz das unter Ajuns Füßen knackte weckte sie und die Menai schreckte regelrecht auf. Es war dunkel und nur der kreisrunde Schein des Feuers erhellte die Gegend um sie herum. Nur die Götter wussten wie lange sie geschlafen hatte. Einige Minuten? Stunden? Jedenfalls fühlte sie sich ein Stück weit besser und hatte genug Kraft um sich aufzurichten während Ajun mit einer undefinierbaren Beute näher rückte. Kaltes Schweigen umgab die beiden und der Dämon präparierte unbeirrt seine Beute um sie auf einem improvisierten Spieß über den Flammen zu braten. Es sah nicht aus als hätte diese armselige Gestalt ein weiteres Mal gebraten werden müssen. „Was nun?“ durchbrach der Dämon anschließend die Stille. „Ich vermute dass du das Buch nicht mehr bei dir hast, oder?“ sie schüttelte nur leicht mit dem Kopf und strich sich dabei die weißen Strähnen glatt, wenngleich es hier draußen eh niemanden interessierte. „Alles umsonst. All die Zeit verschwendet…und wofür?“ fuhr er unbeirrt vor. Er interessierte sich gar nicht für sie. Nur mit seinen eigenen Gedanken war der Dämon beschäftigt. „Sei nicht naiv, Ajun…“ erhob sie sich unter leichtem schmerzstöhnen. Sie trat an den Dämon heran, der weiterhin vor dem Spieß hockte auf dem ein triefendes Stück Fleisch vor sich hin schmorrte. „Ersteinmal…“ begann sie ruhig und es war fast so als hätte ihre Stimme zu ihrem melodischen Klang zurückgefunden, wäre dort nicht noch der klang vorangegangener Tränen; „… wenn du jemals wieder gedenkst Hand an mich anzulegen, dann nutze deine Gelegenheit und töte mich…“ warf sie ihm mit einem aufgesetzten Grinsen entgegen. „Ansonsten werde ich deine Seele in abertausende Fetzen zerreißen, auf das kein Zauber sie jemals wieder zusammenfügen könnte! Und glaub mir, ich besitze die Macht dafür. Du hast ja nun gesehen wozu ich fähig bin…“ mit diesen Worten hockte sie sich neben den Dämon, der noch immer in die Flammen blickte. „Darüber hinaus ist dein Kopf der letzte Ort an dem ich gerne wäre. Ich habe das getan um Assija zu retten. Übrigens gern geschehen, dass ich dich davon abgehalten habe alles zu zerstören was dir etwas bedeutet…“ Sie seufzte abermals. „Dein Buch habe ich nicht mehr. Ich brauche es aber auch nicht. Ich kenne das Ritual genauso wie seine Bestandteile. Ob deine Zeit verschwendet war mag ich nicht beurteilen. Du bist jedenfalls keinen Schritt näher oder weiter von deinem Ziel entfernt als noch am gestrigen Tag…“ ihren Worten klang der vermeintliche Versuch bei, die Last auf den Schultern des Dämons zu lindern. Es war nicht zu verheimlichen das sie ihn nicht weniger verachtete als er sie und doch war ihr nicht daran gelegen Ajun über den Trümmern seines Seins zu wissen. Was mit Assija geschehen war, was mit seinem Spross geschehen war und das sie ihn gezwungen hatte vor den Menschen den Rückzug anzutreten, war wahrlich genug Strafe für einen Tag.

Es vergingen weitere Stunden in denen das Fleisch gemächlich vor sich hinschmorte und Assija war endlich aus ihrer Ohnmacht erwacht. Shaharií hatte sich in der Zwischenzeit etwas abseits der beiden niedergelassen, gerade noch nahe genug am Feuer, dass es sie zu wärmen vermochte. Ihr Kaftan war zerschlissen und jeder Windzug war reichlich unangenehm, doch gab es zwischen Ajun und Assija Dinge, in die sich die Ruferin nicht einmischen wollte, wenngleich sie nur zu gerne hervorgeilt wäre um die Elfe in den verbliebenen Arm zu schließen. Natürlich hatte auch die Menai ihre Wunden zu lecken, während sie nachdenklich einen kleinen Stein zwischen ihren Fingern auf und abrollen ließ. „Und du auch, Ruferin…“ klang Ajuns gedrückte Stimme in ihrem Ohr und riss sie aus den Gedanken. Sie hatte mitbekommen, dass er nur wenige Atemzüge zuvor etwas von Essen erzählt hatte und aller Wahrscheinlichkeit nach, war das Fleisch inzwischen durchgebraten, wenn es noch nicht selbst zu Kohle verschmort war. Nicht das die Ruferin auch nur im entferntesten Lust darauf gehabt hätte, verschmortes Fleisch von einem Tier zu essen, von dem sie hauptsächlich hoffte das es überhaupt ein Tier war. Doch der Hunger war stärker als die Zweifel und entgegen Assija wusste die Menai, dass sie jede Energie brauchen konnte, die sie bekam. Widerwillig zog sie sich ein Stück Fleisch von dem bereits glimmenden Spieß und zupfte Stück für Stück Streifen davon ab, die sie als essbar erachtete. Einige Augenblicke später, Shaharií hatte sich gerade zurück an ihren auserkorenen Platz begeben, wurde sie Zeuge einer grotesken Szene. Der Dämon hatte sich die Handfläche aufgeschnitten und seine Blutverschmierte Pranke in das Gesicht der Drachenerbin gepresst, fast als wolle er sie ersticken. Jetzt hat er völlig den Verstand verloren schoss es ihr durch den Kopf und als sie gerade aufspringen und dazwischen gehen wollte, hatte er seinen Griff von Assijas nun blutverschmiertem Gesicht gelöst. „Du spinnst doch…“ zischte sie an einem verbrannten Stück Fleisch vorbei, dass ihr noch aus dem Mund hing. Leise und eher für sich als für seine Ohren bestimmt. Was könnte sie schon tun wenn er wirklich den Verstand verloren hatte? Kurz darauf als Assija sich gerade wieder zu fangen schien, rannte diese davon und verschwand hektisch hinter den Bäumen. Man brauchte nicht die Gabe in die Zukunft sehen zu können, um zu wissen was gleich geschah. Sie hätte es selbst wohl kaum anders gemacht. Sie schluckte das letzte Stück wischte sich mit ihrem Unterarm über den Mund und erhob sich um sich zu Ajun zu begeben. „Ist dir bei der Jagd ein Ast auf den Kopf gefallen?!“ fauchte sie zwischen den Zähnen heraus, so leise das Ajun sie zwar mit Gewissheit hörte, aber nicht Assija sofern sie noch nicht wesentlich weiter gerannt war. „Warum tust du ihr sowas an? Drückt ihr Dämonen so euer Mitgefühl aus? Menschen und Elfen machen das nämlich anders...“ sie stand nun einige Schritte vor dem Dämon, der mit beinahe leerem Blick einfach nur da saß. Sie bemühte sich um eine wütende Geste, wurde aber von den Schmerzen in ihrem Arm davon abgehalten. „Ajun?“ ihre Stimme wurde wieder ruhiger. „Assija leidet auf eine Weise die wir beide uns nicht vorstellen können. Ich kann in ihrer Anwesenheit spüren wie zerrissen sie ist. Und du leidest ebenfalls, denn du bist Hilflos…“ schlug sie ihren Blick nieder und begab sich unweit vor dem Dämon in die Hocke, als würde sie versuchen seinen Blick auf sich zu ziehen. „Wenn ich dir sage ich wäre in der Lage das was ihr wiederfahren ist ungeschehen zu machen, was wärst du bereit dafür zu tun?“ Erst jetzt schien sein Blick den ihren im flackernden Licht des Feuers zu suchen. Skeptisch verzog er die Augenbraue; „Und wie willst du das Bewerkstelligen? Niemand kann ungeschehen machen was geschehen ist…“ Ihre Augen verengten sich. „Und wenn doch? Was wenn sie nie so gepeinigt worden wäre? Was wenn sie nie auf diesem Scheiterhaufen gestanden hätte? Was wenn sie einfach eine Fehlgeburt gehabt hätte? Ich bin angeschlagen, aber keine wirre Kräuterhexe. Die Götter an die du nicht glaubst gaben mir Mächte die das Vorstellbare übersteigen. Also…“ sie legte den Kopf schief. „Was wärst du bereit zu tun?“ Ajun wirkte nicht überzeugt, doch etwas in ihm schien den Worten der Menai glauben zu wollen. „Alles. Alles was nötig wäre um ihr Leid ungeschehen zu machen…“ – „Gut…“ Shaharií nickte. „Ich kann die Zeit nicht umkehren, aber ich kann die letzten Tage aus ihrem Geist tilgen. Wir müssten ihr erklären dass sie eine Fehlgeburt hatte. Fieber und Ohnmacht. Die Wahrheit werde ich versiegeln. Hinter einer Mauer versperren. Doch niemand darf an dieser Mauer kratzen, verstehst du was ich meine? Du wirst dich beherrschen müssen. Bis ans Ende ihrer Tage an der Geschichte festhalten und nicht einmal deine Gefühle sollten dich verraten. Sie ist eine Drachenerbin, sie nimmt Emotionen anders wahr als wir dies tun…“ sie erhob sich aus der Hocke und machte ein paar Schritte im Kreis; „… Aber ich kann es nicht in meinem derzeitigen Zustand. Das wäre zu gefährlich, die Mauer zu instabil. Ich brauche Macht und weißt du worin die Macht der Menschen liegt? In ihrem Blut…“ beantwortete sie die Frage bevor Ajun zu Wort kam, obgleich er die Rhetorik ihrer Frage sicherlich erkannte. „Ich brauche menschliches Blut um meine Kraft wiederherzustellen. Und ich brauche die Gewissheit dass du dich zusammenreißt, selbst wenn ich dafür in ihren Geist eindringen muss. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich so nicht nach Brisangen laufen und einen Freiwilligen suchen kann. Also hilfst du mir?“.

Als Assija zurückkehrte musste bereits tiefste Nacht gewesen sein. Shaharií hatte sich in der Zwischenzeit Laub zusammengerottet und es sich so bequem, wie es auf dem Waldboden nun mal möglich war, gemacht. Für die Worte die die Drachenerbin und der Dämon austauschten hatte sie kein Gehör mehr. Sie war Müde und brauchte den Schlaf um ihre Macht auf das nötigste zu regenerieren. Der Morgen brach früh an, denn die Vögel nutzten die ersten Sonnenstrahlen um ihren Gesang anzustimmen. Assija schlief noch, sie hatte den Schlaf von allen wohl am nötigsten gebraucht. Ajun hingegen war bereits wach. Wenn er denn überhaupt geschlafen hatte. Der Menai war es einerlei. Sie fühlte sich wie gerädert, im wahrsten Sinne des Wortes. Alles schmerzte ihr von dem harten Waldboden und das Bedürfnis sich zu waschen und sich in angemessenere Kleidung zu werfen, war schier erdrückend. Den Dämon störte dies offenbar kaum, er hatte die Nacht ohne Hose und Hemd überstanden. Selbstverständlich hatte er das, hat er doch auch Jahrzehnte in seinem steinernen Käfig überlebt. „Wohin ziehen wir weiter? Weißt du überhaupt wo wir hier sind? Das sind bereits die Wälder der wilden Lande, nicht wahr? Wir brauchen so schnell wie möglich wieder eine richtige Schlafstatt“ fiel ihr Blick auf Assija während die Worte an den Dämon gerichtet waren. Immerhin hatte sie noch mit den Nachwirkungen der Geburt zu kämpfen. Nichts wofür sich die Wildnis anbot.
Some legends are told,
Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Mo, 12. Okt 2015 3:11

Bildortlos und schweigend verharrte der schwarze Drache auf dem trockenen Waldboden. Kein Blatt raschelte und kein Zweig knackte. Lediglich das Feuer knisterte und hin und wieder stieben einige glühende Funken auf, welche auch schon kurz darauf wieder verglühten. Es war einige Zeit vergangen, während er nur stur auf die Flammen gestarrt hatte, welche ihm, wie schon so oft, ein Gefühl von Ruhe gab. Er war Feuer. Fleischgewordene Flammen. Er fühlte die Kraft jedes einzelnen Funken in den Flammen, welche nach und nach erwachten, aufstiegen und wieder verglühten. Und er fühlte den Ruf des Feuers, welches danach strebte zu wachsen, um sich zu greifen und alles zu zerstören. Und er sah dabei zu, wie das Feuer langsam seine Kraft verlor. Die Flammen wurden kleiner und die Lebensfreude begann zu versiegen. Nur glühend heiße Glut blieb zurück und ein einzelner, wehklagender Ruf, den nur der schwarze Drache hören konnte. Seine rechte Hand ruhte auf dem linken Oberschenkel und gelegentlich zuckte der kleine Finger, als ob er stets kurz davor war, seine Finger zu spreizen um dem Feuer seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Doch er tat es nicht. Stattdessen briet er das kümmerliche Stück Fleisch über der knisternden und knackenden Glut. Er war so tief in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie die Menai sich ihm genähert hatte. »Wenn du jemals wieder gedenkst Hand an mich anzulegen, dann nutze deine Gelegenheit und töte mich.« Er zuckte mit den Schultern und seufzte, auch wenn ein dünnes, beinahe niederes Lächeln für einen Augenblick über seine Lippen huschte. »Wenn ich deinen Tod gewollt hätte…« Er hob den Kopf und sah mit seinen tiefgoldenen Augen in deren Iriden, tief im Inneren als ob man auf den Grund eines Sees aus schwarzem Wasser blicken würde, ein schwaches Licht glimmte, in ihre schwarzen Augen die beinahe zwei polierten Obsidianperlen glichen. »…dann wärst du schon längst bei deinen Ahnen, Ruferin.« Er wandte den Kopf wieder ab und starrte wieder auf die Glut des Lagerfeuers. Ihre Drohungen über das Zerreißen seiner Seele ließ ihn kalt. So kalt es überhaupt möglich war, denn noch immer flimmerte und schwelte die Luft um ihn herum wie der Horizont in der Wüste. Zumal sie ihm ohnehin keine Gelegenheit gab darauf zu antworten, oder gar darüber nachzudenken. »Und glaub mir, ich besitze die Macht dafür. Du hast ja nun gesehen wozu ich fähig bin.« Er gluckste und erneut huschte ein dünnes, vielsagendes und doch nichtssagendes Lächeln über seine Lippen. »Ich glaube dir. Ruferin.« Selbst in Shahariís Zustand, und sie befand sich in einem jämmerlich erbärmlichen Zustand, mochte sie den winzigen Hauch von Zynismus in seiner Stimme zweifellos wahrgenommen haben. Er hatte gesehen wozu sie imstande gewesen war. Wozu sie in einer ganz bestimmten Situation imstande gewesen war. »Wir werden sehen … wir werden sehen.« Er stocherte mit einem bereits ansehnlich verkohlten Zweig in der Glut herum und erneut stieben einige Funken in den Himmel auf, und kleine Flammen leckten an dem Stock, begierig darauf in zu entzünden und zu verzehren. Und dabei stellte er sich vor die Menai wäre der Stock, während er den Platz der glühenden Kohlen einnahm. Während dieser Gedanke langsam Formen in seinem Geist annahm, flammte die Glut in den Iriden seiner Augen erneut auf und als er den Kopf hob, um Shaharií in die ihren zu blicken, erkannte er den glühend roten Schimmer seiner Augen in dem schwarzen Spiegel der ihren. »Dafür dass du so mächtig bist, scheinst du dich ungewöhnlich oft dazu genötigt zu fühlen, dies zu erwähnen.« Er lächelte dünn und für einen Moment wurde ihr schwarzes Gesicht in einen dunklen, rötlichen Schein getaucht, als die Glut seiner Augen für einen einzigen Herzschlag aufflammte. »Worte sind nur Schall und Rauch. Und nach jedem Feuer gibt es eine ganze Menge Rauch. Und was bleibt am Ende? Nichts als Asche.« Er zuckte mit den Schultern und stocherte wieder in der Glut. »Aber keine Sorge, Ruferin. Ich gedenke in keinster Weise Hand an deine schwarze Haut zu legen, solange dein Geist dort bleibt, wo er hingehört.«

Ja, sie mochte mächtig sein. Und sie mochte ihre Drohungen in die Tat umsetzen, wenn er ihr die Gelegenheit dazu gab. Doch dazu gehörten stets mehr als nur der Wunsch und die Begabung diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Doch wie mächtig würde die Menai schon sein, wenn er ihr keine Gelegenheit gab, sich auf seinen Geist zu konzentrieren? Konnte sie dem sengenden und flüssigen Feuer seines Odems entgehen, wenn sie es nicht kommen sah? Er runzelte die Stirn und verzog seine linke Augenbraue dabei. Er bezweifelte es. Und doch war da ein winziger, fein gesponnener Gedanke, welcher sowohl Neugierde als auch Respekt in dem schwarzen Drachen auslöste. Die Neugierde, ihre Worte auf die Probe zu stellen, und der Respekt davor, dass sie keinesfalls zu unterschätzen war. Sollte er ihrer jemals überdrüssig werden, dann musste er sie überlisten, oder im Schlaf überraschen. »Hat es dir gefallen, was du gesehen hast?« Shaharií blickte den schwarzen Drachen fragend an, als ob sie nicht genau verstand, worauf er hinaus wollte und er wandte den Blick von der Glut ab und sah ihr wieder in die Augen. »Die Finsternis. Die Flammen. Der Rauch?« Er sah Shaharií fragend an und zupfte an dem Fleisch, um zu prüfen ob es schon gar war. Doch dann schüttelte er den Kopf und hielt es wieder über die Glut. »Ich bin nur neugierig Ruferin. Ich hatte noch nie die zweifelhafte Ehre eines derartigen Besuches in meinem Kopf. Doch in gewisser Weise bin ich doch erstaunt.« Wieder schwieg er für einen Moment und ließ der Menai Zeit über seine Worte nachzudenken, oder gar darauf etwas zu entgegnen, bevor er weitersprach. »Aber sieh dich doch an. In deinem jetzigen Zustand könntest du wohl nicht einmal Assija gefährlich werden, wenn du das denn wolltest. Worte sind nur Schall und Rauch.« Er erhob sich vom Boden und sein, von der Glut geworfener, gehörnter Schatten wuchs bis zum Waldrand heran. Als er sich aufgerichtet hatte, klopfte er sich das Laub vom Hintern, welches sich erdreistet hatte einfach dort kleben zu bleiben. »Ich suche keinen Streit, Ruferin.« Mit diesen Worten wandte er sich dem nächsten Baum zu und drückte die glühende Spitze seines Fingernagels in die Borke des Baums um ein Symbol der Macht hineinzubrennen. »Lass mich dir etwas zeigen.« Er hob einen Stein vom Boden auf und ritzte ein exaktes Ebenbild des Symbols in den Stein und drückte diesen anschließend auf jenes Symbol auf dem Baum. Wortlos sah er sie an und verharrte für einen Augenblick, bis er den Stein wieder von dem Baum entfernte und damit zum Feuer ging. Zuerst geschah nichts weiter, als dass das Symbol heller und heller zu leuchten begann. Doch dann, als er den dritten Schritt getan hatte, flammte der Stein in seiner Hand plötzlich in einer hellen Flamme auf und das Symbol in der Borke begann zu zischen und zu knistern. Als der Dämon den Stein schließlich in die Glut des Feuers warf, zerbarst die Borke und hinterließ nur heiße Asche. »Es ist nicht nötig Seelen zu zerreißen, wenn man sie auch verbrennen kann.« Er ließ sich wieder vor dem Feuer nieder und nahm den Stock, an welchem das kümmerliche Stück Braten hing, wieder zur Hand. »Nun, da dies geklärt sein dürfte, Ruferin. Lass uns nicht mehr darüber sprechen. Ich habe meine Drohung ausgesprochen und du die deine.«

Die folgende Zeit hatten sie eher schweigend verbracht. Ajun suchte Ablenkung in der Glut, während Shaharií es vorzog eine halbwegs angenehme Haltung einzunehmen um ihrem Körper die nötige Ruhe zu gönnen, nach der er so sehr verlangte. Dies war so geblieben, bis Assija erwacht war und sie auch schon kurz darauf, wutentbrannt, verlassen hatte. Er hatte Assijas Ausbruch erwartet. Natürlich war sie ungehalten gewesen, dass er ihr einfach das Blut eingeflößt hatte. Doch war ein emotionaler Ausbruch dieser Art ohnehin zu erwarten gewesen, sobald das Blut seine Wirkung entfalten würde. Die Kraft, welche die Magie seines Blutes der zierlichen und geschundenen Drachenerbin spendete, würde auf die eine, oder andere Weise aus ihr herausbrechen. Ob sie nun ihren Gefühlen, oder ihrer feurigen Macht freien Lauf ließ, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass sie es tat, und dass sie wieder zu Kräften kam. Als Assija davongerannt war, seufzte der Dämon und schloss die Augen. Doch er schwieg weiterhin. Was sollte er auch schon groß sagen? Es war Shaharií, die das Schweigen brach. »Warum tust du ihr sowas an?« Sein Kopf zuckte wie der einer Schlange zur Seite und seine stechenden Blicke sahen sie scharf an. »Du verstehst davon nichts. Denn wenn du es verstehen würdest, dann wüsstest du es besser und würdest mich mit derlei Fragen verschonen.« »Drückt ihr Dämonen so euer Mitgefühl aus? Menschen und Elfen machen das nämlich anders.« Er schnaubte, doch dieses Mal sah er sie nicht an, denn er zog den Anblick der Glut ihren schwarzen Augen vor. Doch es war kein verächtliches Schnauben. Vielmehr eines jener Sorte, welches einem entkam, wenn man ein plötzliches Aufwallen von Belustigung unterdrückte. »Ich bin kein Mensch. Und schon gar kein Elf.« Doch dann tat die Ruferin etwas, was der Dämon nicht erwartet hatte. Ihre Stimme wurde ruhiger, ja beinahe sanftmütig. Und als sie in diese Tonlage wechselte schwand die Ablehnung aus seinem Blick und wandelte sich in Resignation. »Assija leidet auf eine Weise die wir beide uns nicht vorstellen können. Ich kann in ihrer Anwesenheit spüren wie zerrissen sie ist. Und du leidest ebenfalls, denn du bist Hilflos…« »Glaubst du das wüsste ich nicht?« Seine Stimme klang schroff, doch nicht scharf oder zornig, sondern viel eher wie die eines trotzigen Kindes, welches nicht hören wollte, was ihm gesagt wurde. »Doch wie soll ich ihr Leiden beenden?« Er hob seine Hände, in welchen just in diesem Augenblick zwei kleine, tanzende Flammen erschienen. »Meine Macht vermag kein Leid zu beenden.« Er führte die beiden Hände zusammen und als die Flammen aufeinandertrafen flammten sie für einen Augenblick lang auf, nur um kurz darauf zu erlöschen, als die Handflächen aufeinander traten. «Wenn ich dir sage ich wäre in der Lage das was ihr wiederfahren ist ungeschehen zu machen, was wärst du bereit dafür zu tun?« Er hob den Kopf und lachte, wenn auch nur kurz. »Dann würde ich dich eine Aufschneiderin und Lügnerin nennen. Wie willst du das bewerkstelligen? Niemand kann ungeschehen machen, was geschehen ist.« Doch sie blieb hartnäckig und es schien ihm, als wollte sie ihn ernsthaft davon überzeugen, dass dies möglich war. Aber alles, was er darauf entgegnete, waren skeptische Blicke, bis sie ihm offenbarte, wie sie sich dieses Ungeschehen machen vorstellte. »Du willst also in ihren Geist eindringen und ihr eine Lüge einpflanzen, damit sie die Wahrheit vergisst?« »Ich würde es nicht ganz so negativ bezeichnen.« »Aber so ist es.« Aber ihre gesäten Worte begannen bereits auf dem Boden seines Geistes zu keimen. »Was wärst du bereit zu tun?« »Alles.« Er nickte, mehr um es sich selbst einzureden, als Shaharií zu überzeugen. »Alles was nötig wäre, ihr Leid zu ungeschehen zu machen.« . »Gut.« Shaharií nickte ernst, ja beinahe feierlich und so gewann Ajun immer mehr den Eindruck, dass es ihr wirklich Ernst war. Und als sie ihn in seinen Plan einweihte, wurde dem Dämon langsam die Tragweite ihrer Macht bewusst. »Wofür brauchst du Blut?« Er sah sie skeptisch an und musste unweigerlich an die verrückten Kreaturen in den Katakomben denken, welche ebenso nach dem Blut der Elfenmagier, wie auch dem seinen und dem der Drachenerbin gelechzt hatten. Und er besah seine Hand, welcher er einen Schnitt beigefügt hatte, um Assija von dem seinen Kosten zu lassen. Doch als ob Shaharií seine Gedanken gelesen hätte, schüttelte sie sogleich den Kopf. »Es muss das Blut eines Menschen sein.« Da zog er den Beutel vom Gürtel und schüttete den gesamten Inhalt auf den Boden. Die Knochen eines Selbstmörders, das Schelmenbein des Barden der sich voller Gram selbst erhängt hatte. Die Alraune, die Vampirzähne, und die kleine Phiole mit dem dunklen Blut, welche er von dem Anführer dieser Brut aufbewahrt hatte. »Dieses Blut war in einem Menschen, bevor ich es ihm weggenommen habe.« Die Menai betrachtete das kleine, zerbrechliche Gefäß, doch schließlich reichte sie es dem schwarzen Drachen und schüttelte erneut den Kopf. »Dieses Blut gerinnt bereits. Es ist unbrauchbar.« Da seufzte der schwarze Drache und er wusste schon wohin dies führt. »Ich wüsste einen Ort, an welchem du dein Blut bekommen würdest.« Natürlich hätte er einfach nach Brisangen gehen können um einen armen Tropf von der Straße aufzulesen. Doch Brisangen war zu weit weg, und dort war zweifellos noch alles in heller Aufruhr, so dass es nur noch eine Möglichkeit gab. »Also hilfst du mir?« »Bleibt mir denn eine andere Wahl?« Er legte die Phiole neben die anderen Dinge, die er wahllos auf dem Boden ausgestreut hatte und raffte sie wieder in dem Beutel zusammen.

Als Assija wieder zurück kehrte, schien es ihr wieder besser zu gehen. Sie wirkte ausgeruht und gestärkt. Ein Umstand den Ajun dem Dämonenblut zuschrieb. Vielleicht war es gar nicht nötig der Hexe zu helfen, wieder zu Kräften zu kommen. Wenn er sich ehrlich war. Doch Assijas Zustand würde nicht von Dauer sein. Der Rausch des magischen Blutes würde irgendwann abklingen, und dann…Seine Gedanken schweiften in weite Ferne, als sich ihre zierlichen Arme sanft um seinen Hals legten. »Ajun… Auch du bist mein Halt, das weißt du, und ich bitte dich, lass mich nicht alleine mit diesem Schmerz.« Er legte seine unverletzte Hand auf einen ihrer Arme und strich ihr sanft über die Haut. »Ich verspreche es, kleine Drachenerbin.« »Ich habe dich immer gebraucht, doch niemals so sehr wie jetzt. Ich flehe dich an, ajun amaláredia, bitte sei für mich da…« Er schwieg, denn um sein Versprechen zu leisten bedurfte es keiner Worte. Sanft zog er an Assijas Arm, bis sie sich von seinem Hals gelöst hatte und zog sie dann zu sich herunter. Seine Hände schlossen sich um ihren Hals und langsam, als ob er eine zarte, gläserne Blüte in den Händen halten würde, die bei dem leichtesten Druck zerbrechen könnte, zog er sie an sich heran, bis ihre Lippen auf die seinen trafen.

Am nächsten Morgen war die wilde Magie in Ajuns Körper endlich so weit verschwunden, dass er es wagen konnte die Augen zu schließen. Die ersten Sonnenstrahlen tauchten bereits hinter dem Horizont auf, und als der Schlaf ihn endlich zu umgarnen begann, da erwachten Assija und Shaharií und er zwang sich wach zu bleiben. »Wir haben einen langen Weg vor uns.« Ajun rieb sich die Müdigkeit aus den Augenwinkeln und legte sich dann den ledernen Schuppenpanzer an, in welchem er zumindest nicht mehr gänzlich nackt herumlaufen musste. »Wohin ziehen wir weiter? Weißt du überhaupt wo wir hier sind?«, erkundigte sich Shaharií und der Dämon nickte nur. »In den wilden Landen, nordwestlich von Brisangen.« Wir brauchen so schnell wie möglich wieder eine richtige Schlafstatt.« »Da muss ich dich leider enttäuschen, Ruferin. Die einzige Schlafstatt in dieser Ggegend ist letzte Nacht in Flammen aufgegangen. Hier gibt es nichts. Nur Bäume, Sträucher und …« Eine Grube. Eine Grube mit einem Zelt und einem Archäologen darin. Einem Archäologen der bis zum Rand mit Blut gefüllt war… »Doch einen Ort gibt es, an den wir gehen können.« Er deutete in die vage Richtung, in welcher er das Drachengrab vermutete. Doch als er sich Assjia und Shaharií ansah, seufzte er. Die beiden Frauen waren alles andere als in einer Verfassung durch einen verwilderten Wald zu marschieren. Und beide zugleich konnte er nicht tragen. Aber zurück nach Brisangen konnten sie auch nicht gehen und so verzog der Drache mürrisch die Mundwinkel bei dem Gedanken daran sich mit zwei Weibern durch die Wälder schlagen zu müssen, die nach kaum zehn Schritten eine Rast brauchen würden.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Di, 13. Okt 2015 0:00

Bildahl drang das Licht der lodernden Flammen durch Sträucher und das Geäst und die langgezogenen Schatten der Bäume warfen sich wie knochige Gestalten auf den Boden. Von oben Betrachtet musste ihr Rastplatz wie ein kleiner illuminierter Fleck wirken, umringt von bedrohlich wankenden Speerspitzen die ins Zentrum zielten. In diesem Zentrum brannte unbedacht das Feuer welches Ajun entfacht hatte und wie steinern saß der Dämon vor diesem und starrte in die Flammen. Umrundet wurde er von der Menai die mit ihrer dunklen Haut geradezu in den Schatten versank. Nur ihr verschmutztes weißes Haar bildete einen Kontrast der unverkennbar aus der Dunkelheit herausstach. Unruhig schritt sie auf und ab. Die Spuren ihrer blanken Füße hatten bereits feine Laufrillen im Erdreich hinterlassen. Erst wenige Momente zuvor hatte sie ihre Drohung ausgesprochen. Eine fade Drohung, wie selbst Ajun im Morast seiner Gedanken erkannte. Zu gerne hätte sie ihm demonstriert dass in ihr noch immer der Kampfgeist brodelte. Doch ihr Stolz war stärker als ihre Macht und mit Stolz allein hatte sie dem Dämon wenig entgegenzusetzen, welcher nur so vor sich entladender Magie strotze. Unaufhörlich stiegen feine Rauchfahnen um ihn herum auf, als würde die Magie in ihm kleinste Partikel in seiner Umgebung verdampfen. Seine Reaktion triefte schier vor Arroganz, so wirkte es auf Shaharií und doch hatte er Recht. Hätte er sie töten wollen, wäre es in diesem Zustand ein Leichtes gewesen. Die Ruferin hatte kaum genug Kraft um den Dämon zu umkreisen, geschweige denn das ihr Körper es ihr erlaubte seinen magischen Angriffen auszuweichen. Der Schmerz der sich durch ihre Gliedmaßen fraß, hätte es ihr nicht einmal erlaubt einem gewöhnlichen Angriff zu entgehen und allein der Gedanke in diesem Zustand noch einmal in seinen Verstand einzudringen grenzte an Wahnsinn. Diese Erkenntnis beschämte die Menai. Es beschämte sie das er Recht hatte. Es beschämte sie das sie seiner Gnade ausgeliefert war, wenn sie nicht ihr Leben vergeuden wollte nur um ihm einen letzten Schlag zu versetzen. Die Scham stieg ihr mit Röte ins Gesicht und nur ihrer dunklen Haut und dem rötlichen Schein der Flammen war es zu verdanken, dass Ajun dies in der Dunkelheit kaum hätte erkennen können. „Dafür dass du so mächtig bist, scheinst du dich ungewöhnlich oft dazu genötigt zu fühlen, dies zu erwähnen.“ Lächelte er matt. Eine weitere Spitze die vor Zynismus nur so triefte, wenngleich seine Stimme ruhig und weniger provokant als üblich war. Arroganter Mistkerl! Dieser naheliegende Gedanke ging ihr durch den Kopf, welchen sie sogleich stolz aber ungeschickt zur Seite warf, wobei ihr die von Dreck verklumpten weißen Strähnen ins Gesicht fielen. Bevor sie sich fangen konnte um seine Spitze zu erwidern, fuhr er in aller Ruhe fort; „Worte sind nur Schall und Rauch. Und nach jedem Feuer gibt es eine ganze Menge Rauch. Und was bleibt am Ende? Nichts als Asche. Aber keine Sorge, Ruferin. Ich gedenke in keinster Weise Hand an deine schwarze Haut zu legen, solange dein Geist dort bleibt, wo er hingehört.“ Er philosophierte und sie schnaubte. Shaharií war nicht mehr danach ihre Stolze ungebrochene Fassade aufrecht zu erhalten. Sie war verletzt, hatte Schmerzen, war entkräftet und verdreckt. Für einen kurzen Augenblick hätte sie nur zu gerne ihre Contenance vergessen, nicht weiter gegen die Tränen angekämpft die ihr die Kehle zuschnürten und ihren Gefühlen einfach freien Lauf gelassen. Für einen kurzen Augenblick. Immer wieder behandelte er sie wie ein armseliges Kind. Immer wieder verwies er sie auf ihre Haut, als wäre es eine Krankheit die sie zu einer Aussätzigen machte. Weswegen ging es ihr denn so? Weil sie sein Leben gerettet hatte. Weil sie Assijas Leben gerettet hatte. „Du hast Recht…“ schnaubte sie leise und schluckte dabei die Tränen herunter wie ein trotziges Kind. „Aber warum wohl? Hast du mir einmal Dankbarkeit entgegen gebracht weil ich Assija davor bewahrt habe an deinem Spross zu krepieren? Warst du einmal Dankbar dafür, dass ich dir meine Macht zur Verfügung stelle um deinen egoistischen Traum in die Tat umzusetzen? Hast du mir einmal Respekt dafür entgegengebracht? Alles was ich von dir höre ist Spott, Beleidigungen und Drohungen!“ eine einzige Träne entzog sich ihrer Beherrschung und ronn langsam über ihre Wange herab, worauf hin die Ruferin sich ruckartig in die Schatten wandte. „Du bist so ein Idiot! Ich hab mein Leben für euch riskiert! Für dich. Für Assija. Dafür das sie deiner Wut nicht zum Opfer fällt. Du siehst immer nur das schlechte. Du verteufelst mein Volk dafür, dass sie dich weggesperrt haben. Aber wer waren die ersten die dir jemals Fürsorge entgegen gebracht haben? Wer war bereit dir zu helfen nach allem was du uns angetan hast?! Sei doch wenigstens einmal dankbar. Behandle mich wenigstens einmal nicht als wäre ich für dich nur ein Stück Dreck!“ fauchte sie wie eine getretene Katze und kämpfte dabei gegen das Zittern in ihrer Stimme an.

Schon ihr Großvater hatte diesen Fehler begangen. Er hatte etwas in Ajun gesehen, wovon der Dämon hundertfach bewies dass er es nicht besaß. Was veranlasste sie nur dazu so naiv zu sein? Für ihn war sie nicht mehr als ein Werkzeug. Ein Mittel zum Zweck um eines Tages einmal sein Ziel zu erreichen. Dabei brauchte er nicht sie, sondern ihr Wohlwollen. Und doch bemühte er sich nicht im Entferntesten seine Gesellschaft irgendwie erträglicher zu machen, wenngleich es ihr an diesem strapaziösen Tag einfach an Kraft mangelte sie von selbst zu ertragen. Eine Weile herrschte Stille die nur vom Knacken des Holzes in den Flammen unterbrochen wurde. Shaharií stand abseits der Flammen, in dem Schatten des Dämons welchen dieser in den Wald warf. Endlose Gedanken verwoben sich wie ein feines Spinnennetz in ihrem Kopf und mit jeder Minute die verstrich schrie jede Faser ihres Körpers umso mehr danach, ihre Maske fallen zu lassen und ihrem lädierten Geist die Freiheit zu lassen nach der er rang. Und gerade als sie nachgeben wollte und bereits die erste Silbe seines Namens über ihre Lippen kam, zerriss seine Stimme die Stille. „Hat es dir gefallen, was du gesehen hast?“ er blickte sie an. Sie blickte ihn an. In ihrem Blick lag Unverständnis und sie brauchte einige Augenblicke um ihre Gedanken soweit zu ordnen, dass sie verstand worauf er hinaus wollte. „Ich bin nur neugierig Ruferin. Ich hatte noch nie die zweifelhafte Ehre eines derartigen Besuches in meinem Kopf. Doch in gewisser Weise bin ich doch erstaunt.“ Erklärte er nachdem er ihr einen Moment zum Reagieren gegeben hatte. Shaharií schluckte. Versuchte das beklemmende Gefühl in ihrer Kehle zu vertreiben um eine möglichst sichere Stimme zu erringen. „Ja…“ antwortete sie schließlich leise, nur um ein etwas lauteres und sicheres „… in gewisser Weise…“ hinterherzuwerfen. Dann strich die Menai sich ihre weißen Haare aus dem Gesicht, so gut es mit einer Hand eben ging, legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch bevor sie fortfuhr. „Dein Geist ist anders als alles was ich bisher gesehen habe. Tief, verworren und Chaotisch. Aber dir ist schon klar, dass ich mehr als nur Finsternis, Flammen und Rauch gesehen habe, nicht wahr? Ich habe auch dein Leben, deine Vergangenheit, Hoffnungen, Ängste und Wünsche gesehen. Genau wie den Zorn und das Chaos das unaufhörlich von deiner zweiten Seele in deinen Geist dringt. Nicht das es irgendwas davon besser macht, aber es hilft immerhin zu verstehen wieso du so bist wie du bist…“ seufzte sie. „Aber keine Sorge. Was ich gesehen habe ist sicher bei mir. Und in deinem Geist zu sein ist kein Vergnügen. Er ist verworren und verwinkelt und mich durch verwinkelte Höhlen zu schlagen war noch nie mein Ding. Was erstaunt dich daran denn? Dachtest du niederem Gewürm wie einer Menai wäre es unmöglich in deinen Verstand einzudringen? Letzten Endes bist auch du ein Lebewesen unter Vielen…“ ein kläglicher Scherz bei dem sie sich selbst nicht sicher war, ob er den Dämon oder einfach ihr eigenes Gemüt beruhigen sollte. „Aber sieh dich doch an. In deinem jetzigen Zustand könntest du wohl nicht einmal Assija gefährlich werden, wenn du das denn wolltest. Worte sind nur Schall und Rauch.“ Philosophierte der Dämon weiter, als wolle er darauf verweisen, was es sie gekostet hat in seinen Geist einzudringen. Er konnte nicht wissen dass sie bereits vorher geschwächt war. Er konnte nicht wissen wie lange der letzte Zyklus ihres Rituals zurücklag, wie die Schmerzen an ihrer Konzentration genagt hatten und was sie in diesem Zyklus bereits an Magie aufgewandt hatte. Für ihn schien es als hätte sie all ihre Kraft verbraucht um sein magisches Wesen zu vertreiben, als wäre dies die Grenze dessen gewesen, was in ihrer Macht lag. Wüsste er doch nur wie er sich irrte, obgleich er weiterhin damit Recht behielt, dass sie im jetzigen Zustand für niemanden mehr eine Gefahr bot. All das hätte sie ihm sagen können, wäre es nicht irgendwie auch von Vorteil, dass er ihre Macht für geringer hielt als sie es war. Stattdessen fauchte sie nur giftig und warf ihm damit einen trotzigen Blick entgegen. „Ich suche keinen Streit, Ruferin“ erwiderte er kühl und unbeeindruckt, während er sich vom Boden erhob. Die Gestalt die er angenommen hatte mutete seltsam an und Shaharií hatte sich bereits seit seiner Verwandlung gewundert, wie es kam, dass er über eine weitere Form verfügte. Bücher wie das Animare Daemonicum cet Ellèn beschrieben ganz klar, dass ein Dämon nur über zwei Formen verfügte. Die Menschliche als Projektion dessen was Jeran sich unter einem Diener vorstellte und die wahre, die dämonische Gestalt die die Manifestation der Magie war. Eine Zwischenstufe oder eine Abstufung dessen wird in den meisten Werken sogar strikt verneint. „Lass mich dir etwas zeigen“ vertrieb seine Stimme ihre Gedanken und ihr Blick folgte seinem von Fell besetzten Körper. Mit den Hörnern und dem Bart den seine menschliche Gestalt entbehrte, hatte er etwas von einer dämonischen Ziege, ließ aber die Drachenhaften Züge vermissen, mit denen seine dämonische Seite nicht im geringsten geizte. Wortlos schritt er auf einen Baum zu der unweit von ihnen entfernt stand. Die Menai bemühte sich zwar, aber abgesehen von einem leichten Leuchten konnte sie nicht erkennen, was er dort in seinem eigenen Schatten tat. Erst als er sich von dem Baum abwandte, erkannte sie eine runenähnliche Zeichnung die wie lebende Glut in der Borke des Baumes pulsierte. Daraufhin ergriff er einen einfachen Stein vom Boden und wiederholte augenscheinlich was er zuvor mit der Rinde getan hatte. Mit jedem Schritt den er sich von dem Baum entfernte, glühten die Runen auf beiden Objekten kräftiger und als er den Stein schließlich in die Flammen warf, loderte die Rune am Baum auf, als würde ein ganzer Haufen Magnesium darauf verbrennen. Binnen eines Wimpernschlags hatte der Zauber ein glimmendes Loch in den Baum gefressen und daraus rieselte wie weißer Schnee die Asche hervor. Die Augen der Menai weiteten sich bei diesem Anblick da die Helligkeit der Entzündung sie gezwungen hatte die an die Dunkelheit gewöhnten Augen zu verengen. „Es ist nicht nötig Seelen zu zerreißen, wenn man sie auch verbrennen kann.“ Erklärte er. Seine Antwort auf ihre Drohung wenn man so wollte. Eine Drohung von vielen unter den seinen. Das Ajun über das Feuer gebieten konnte war naheliegend. Die Magie jedes Feuers pulsierte in seinen Adern. Dass er damit aber auch versierte und augenscheinlich anspruchsvollere Zauber wirken konnte, war der Ruferin neu. Rasch sponn sich der Gedanke, wie es wohl wäre aus seinem Geist heraus diese Magie zu wirken. Ob er daran gedacht hatte? Ob er es überhaupt für möglich hielt, dass sie aus seinem Geist heraus Zauber wirken könnte? Doch der Gedanke verflüchtigte sich so schnell wie er gekommen war. In diesem Moment war er nichts weiter als vergeudete Energie. „Deine Magie eignet sich jedenfalls besser zur Veranschaulichung…“ stimmte sie trocken zu. „… aber was mich mehr interessiert als die Möglichkeiten deiner Magie…“ deutete sie mit fragendem Blick auf ihn selbst; „Warum besitzt du drei gestalten? Ich habe noch nie davon gehört, dass Dämonen über drei Formen verfügen. Und warum unterscheidet sie sich so von deiner wahren Gestalt?“ Sie trat näher an ihn heran, fast als juckte es ihr in den Fingern seine Hörner nach Struktur und Beschaffenheit zu untersuchen. Ob sie wohl eher dem Horn eines Drachen oder tatsächlich dem einer Ziege glichen? Im Glanz des Feuerscheins jedenfalls offenbarten sie dies nicht.

Am Morgen des nächsten Tages kristallisierte sich früh heraus, wohin sie ziehen würden. Ajun hatte ihr offenbart das er wüsste wo sie an Blut gelangen würde und ebenfalls schien er ungefähr zu wissen wo sie waren. Es war ihr unangenehm, dass sie ihm nicht verraten hatte, dass selbst Tierblut ihr genügt hätte. Zwar redete sie sich ein, das Menschenblut sich deutlich besser auf ihre Magie auswirkte und das der Zauber den sie für Assija im Sinn hatte damit stabiler wäre, doch an Beweisen dafür mangelte es ihr. In Menainon griff sie regelmäßig auf Tierblut zurück ohne nennenswerte magische Einbußen. Menschenblut war schlicht reiner und gab ihr ein besseres Gefühl – was wiederum nach der Wirkungsweise von Naturmagie über verschiedene Aspekte positiven Einfluss auf sämtliche Zauber nehmen konnte. Die Sonne schien und der Himmel war von einigen dicken Wolken zerklüftet. Nur einige Wochen aber maximal zwei weitere Mondzyklen noch, bis der Herbst die Blätter verfärben und kalte feuchte Luft aus dem Landesinneren herbei wehen würde. Die Ruferin blickte an sich herab. Ihr Kaftan war ruiniert, teilweise ließen Risse Luft an ihren Rücken und die Rippen und der Saum war soweit zerfetzt, dass sie sich hüten musste das ihre Scham nicht hervorblitzte, während sie über einen entwurzelten Baum stieg. In dieser Kluft würde sie dem Herbst nicht trotzen können, ganz davon abgesehen, dass es ihnen hier draußen an allem mangelte was man sich vorstellen könnte. Ihr Lager war dementsprechend einfach abgebaut. Sie setzten sich auf und gingen. Die Menai selbst hatte lediglich ihr Kleid, ihr Khukari und ein ledernes Beutelchen an ihrem Gürtel. Assija trug nur noch was sie am Leibe hatte und Ajun mangelte es sogar daran, was die Ruferin alle paar Schritte erneut feststellte. Immer dann wenn der behaarte Schweif des Dämons, der aus seinem verlängerten Steiß hervorragte, vor ihr hin und her huschte. Der Dämon stützte die Drachenerbin auf ihrem Weg und ihn zu bitten seinen Schweif doch wo anders kreisen zu lassen, hätte nur zu unnötigen Diskussionen geführt. Teilweise schloss die Menai deswegen auf und ging neben ihren Begleitern anstatt hinter ihnen, so sehr störte sie das Gezappel weniger. Dafür hatte die Magie in Shaharií kleine Wunder gewirkt: die kleineren Verletzungen begannen bereits sich zu verschließend und der größte Schmerz kam nur noch von ihrem linken Arm, welcher deutlich angeschwollen und von dunkel bläulichen Blutergüssen übersät war. Doch sie klagte nicht und bemühte sich darum nicht auch noch zur Last zu fallen. Gelegentlich trennte sie sich von Ajun und Assija, wenn sie Kräuter zwischen Steinen und Wurzeln erspähte, die sie für nützlich befand. Zum Glück für die lädierte Drachenerbin war auch ein wenig wilder Salbei dabei. Eine ausgezeichnete Pflanze für die junge Elfe, denn er hemmte die Milchproduktion und wirkte leichten Entzündungen entgegen. Für einen Absud fehlten ihr hier draußen die nötigen Utensilien, aber selbst gekaut würde er seine Wirkung entfalten, wenn auch schwächer.

Als die Sonne gerade im Begriff war hinter dem Horizont zu versinken und die Bäume bereits erneut lange Schatten warfen, erreichten die Drei ihren finalen Halt für diesen Tag. Unter besseren Bedingungen wäre es sicher möglich gewesen weiter voran zu kommen, doch Assija brauchte häufig Pausen. Und selbst Ajun stieß an seine Grenzen wenn es darum ging die Drachenerbin über den unwegsamen Waldboden zu führen, die Richtung bei Dunkelheit im Auge zu behalten und dabei nicht gegen den nächstbesten Baum zu rennen. Der Dämon hatte die Drachenerbin behutsam an einen Baum gelehnt und war selbst wieder aufgebrochen um ihre Umgebung noch einmal bei Tageslicht zu erkunden und eventuell etwas Essbares für den Abend herbei zu bringen. Eigentlich hatte er nicht erwähnt was genau er im Sinn hatte – dies war aber naheliegend. Shaharií hatte sich unterwegs einige Wildbeeren zu Gemüte geführt und hatte derweilen wieder genug Energie um im Zweifel auch ohne einen verkohlten Braten auszukommen. So schloss sie zu der entkräfteten Drachenerbin auf und hockte sich behutsam vor sie. Ihr feurig rotes Haar war Matt vom Dreck und selbst das langsame Tempo mit vielen Rasten hatte ihr so viel Kraft gekostet, dass vereinzelte Strähnen an ihrer Stirn und den roten Wangen hafteten. Vorsichtig wischte die Ruferin die Strähnen beiseite und warf der Elfin ein mattes Lächeln zu. Erst jetzt merkte sie, dass dies der erste Moment seit ihrer letzten Kontrolle in Brisangen war, in dem die beiden Frauen wieder allein unter sich waren. Gerne hätte sie gefragt wie es ihr ging, doch die Frage erschien absurd. Fast schon spöttisch beleidigend. Es ging ihr furchtbar. Zwar hatte sie sich tapfer bemüht möglichst wenig zu klagen und nur selten um eine Rast zu bitten, aber sowohl Körper wie auch Seele waren entkräftet und am Ende. Die Kraft die Ajuns Blut ihr für den gestrigen Abend gegeben hatte, war bereits am Morgen wieder verklungen, so wirkte es zumindest. Statt sich nach ihrem Befinden zu erkundigen beugte die Menai sich einfach vor und umschloss Assija mit dem einzigen Arm mit des es noch möglich war. „Leise hauchte sie ihr zu „Du bist so tapfer, Sija…“ das Bedauern in ihrer Stimme entsprang tiefster Ehrlichkeit. „… es tut mir so unendlich leid dass ich nicht für dich da war…“ wieder kämpfte sie mit dem Zittern in ihrer Stimme, so sehr bedrückte sie der Anblick des Mädchens welches sie in den letzten Wochen ins Herz geschlossen hatte. Wäre sie nur bei ihr geblieben. Hätte es nur ein Anzeichen für das gegeben, was sich dort in Brisangen angebraut hatte. Das einer Drachenerbin solches Leid zugefügt wurde war eine Sache, aber einer Freundin? Einem so lieben und unschuldigen Ding? Wie konnten die Götter etwas derartig grausames nur geschehen lassen? „Hier, kau das…“ reichte sie Assija die Blätter von Salbei und wandte dabei den Kopf zur Seite. Wieder hatten die Tränen sich hervorgekämpft. Sie musste ihr doch helfen können! Irgendwie musste es möglich sein. Für einen Wimpernschlag ging die Ruferin in sich, schloss die Augen und ließ sich von der kühlen Dunkelheit umarmen. Die feinen silbernen Fäden hatten an Substanz gewonnen. Vereinzelt waren sie dick wie einfaches Garn, andere waren noch immer dünn. Über die Jahre hatte Shaharií gelernt was wie viel ihrer Magie kostete und wie viel Magie letztlich von der Substanz der Fäden zehrte. „Ich habe nicht mehr viel meiner Macht, aber dafür wird es noch reichen…“ wisperte sie sanft, wischte sich mit dem Unterarm über die Wange und legte Zeige- und Mittelfinger auf die Stirn der Drachenerbin. Leid. Trauer. Schmerz und eine alles verschlingende Müdigkeit. Die Seele der Drachenerbin pulsierte mit diesen negativen Emotionen, doch im Moment der Berührung entspannten sich ihre von Schmerz erfüllten Gesichtszüge deutlich. Ein Großteil der Schmerzen die ihren Leib plagten mussten gewichen sein, wie verbrannte Haut auf die man ein kühlend feuchtes Tuch legte. Keine Heilung. Nur Linderung. Für mehr reichte es noch nicht. Und auch nur für begrenzte Zeit. In den Augen der Drachenerbin keimte etwas auf das wortloser Dankbarkeit glich. „Wenn Ajun uns erst einmal… wissen die Götter wo auch immer er uns hinführt. Jedenfalls wenn er uns dorthin gebracht hat, wo Milch und Honig fließen, dann werde ich mich angemessen um dich kümmern. Wir müssen deine Verletzungen reinigen damit keine unschönen Narben bleiben. Ich verspreche dir Sija, dir wird es schon bald besser gehen, selbst wenn du das jetzt nicht glauben kannst. Ich verspreche es dir…“ die Menai hauchte die Worte. Leise und sanft. Noch nie hatte sie ein Versprechen so ernst gemeint wie in diesem Moment. In der ersten Stunde in der ihre Macht nach dem Ritual zurückkehren würde, würde sie Assija vergessen lassen. Sie würde ihr all das schlechte und schmerzhafte der vergangenen Tage aus ihrem Gedächtnis tilgen. Ob sie wollte oder nicht, sie würde ihre naive Lebensfreude zurückerlangen.

Ihre Reise setzte sich früh am nächsten Morgen fort und zur Überraschung aller besaß Assija scheinbar mehr Kraft um den beschwerlichen Weg fortzuführen als noch am Tag zuvor. Sie kamen nicht unbedingt rasch voran, aber rasch genug um Ajuns Ziel in der späten Abenddämmerung zu erreichen. Es war eine Lichtung. Keine Natürliche, dass verrieten gefällte Bäume und umgegrabene Erde. In der Mitte der Lichtung klaffte eine Aushöhlung und darin stand ein modernes weitläufiges Zelt aus hellem Leinen. Professionell aufgestellt und eindeutig der östlichen Kultur zuzuordnen. Aus dem inneren drang ein feiner Lichtschein hervor, der sich im Zwielicht der Dämmerung verlor. „Ich hatte gehofft du führst uns in ein Dorf, oder wenigstens zur Hütte eines Eremiten. Aber das…?“ seufzte die Menai und warf dem Drachen enttäuschte Blicke zu. Weit und breit war keine Wasserquelle zu sehen, es gab weder einen Unterstand noch ein Gerüst zum Ausbluten von erlegtem Wild. An einen Acker gar nicht erst zu denken. Wer auch immer hier sein Lager aufgeschlagen hatte bezog alles was er zum Leben brauchte von außerhalb oder er hatte umfangreiche Vorräte gehortet. Das Leinen der Zeltplane war weder von der Sonne gebleicht noch zu verwaschen vom Regen. Demnach stand das Zelt nicht allzu lange dort. Als die Drei sich dem Zelt näherten und Assija schmerzhaft aufstöhnte bei dem Versuch Ajuns sie behutsam in die Grube herunter zu geleiten, klang eine zittrige Stimme aus dem Zelt hervor. „W-wer ist dort?“ – „Zwei Hexen und ein Dämon…“ nuschelte die Menai für sich und zweifelsfrei unhörbar für jene im Zeltinneren. „K-kommt nicht näher! W-wir sind hier zu sechst…“ die Stimme geriet ins Stottern. „Nein zu siebt und bis an die Zähne bewaffnet! Also wer auch immer da ist, verschwindet! Außer Ärger gibt es hier nichts für euch zu holen!“ – Shaharií räusperte sich und legte die sanfteste Stimme auf, die sie mit ausgedorrter Kehle erreichen konnte; „Welchen Ärger habt ihr von zwei verletzten und verirrten Weibsbildern schon zu erwarten? Seid so frei und helft uns!“ Es war einleuchtend das ihnen keine Gefahr drohte, so viel konnte sie aus den vielsagenden Blicken schließen die Ajun ihr über die Schulter zuwarf. Ebenso verrieten die Schatten aus dem inneren das lediglich eine gekrümmt kauernde Gestalt im inneren wartete. Ein unabstreitbarer Nachteil wenn man sich im Inneren eines beleuchteten Zeltes befand. „So ist das also…“ die Stimme aus dem Zelt wurde ungleich offener und freundlicher und nur einen Augenblick später ragte eine von Staub bedeckte Hand zwischen dem Leinen hervor und zog dieses beiseite. Da offenbarte sich die Gestalt eines tattrig wirkenden Mannes im gehobenen mittleren Alter. Die dicke Schürze die er trug war ebenso von einer dicken Staubschicht bedeckt und als sein Blick unweigerlich auf die drei fiel, weiteten seine Augen sich so weit als würden sie jeden Moment aus seinem ergrauten und nun auch erblassten Schädel fallen. Sie mussten ein absurdes Bild abgeben. Der pechschwarze gehörnte Dämon stützte die bleiche Elfe mit den roten Haaren und mit den deutlichen blauen Flecken im Gesicht als wäre sie der Gewalt eines Ehegatten zum Opfer gefallen und daneben die weißhaarige Menai in ihrem zerfetzten Kaftan und mit einer breiten offenen Wunde auf dem Arm den sie stützend hielt. Dazu waren sie verdreckt als wären sie die letzten drei Tage durch das Unterholz des Waldes gekrochen und selbst dann boten sie noch ein erschreckend heruntergekommenes Bild. „Bei den Sieben!“ fluchte der Alte und machte dabei einen Satz nach hinten auf das er fast das Gleichgewicht verlor. Dabei gestikulierte er wild als wollte er das Gesehene mit dem Segen der Götter ungesehen machen. „Ihr seid Verrückte! Irre!“ sein juchzender Schrei schreckte die Vögel in den Bäumen auf. „Ich habe von solch absonderlichen Praktiken gelesen! Verschwindet, mit euren sodomistischen Bräuchen will ich nichts zu tun haben…“ es krachte. Er hatte das Gleichgewicht verloren und saß auf allen vieren im Zeltinneren, der Blick wie Versteinert auf die drei Gestalten gerichtet und die Hände offen nach vorn zur Abwehr gerichtet. „Das muss ein schlechter Traum sein! Ein läufiger Ziegenmann und seine Hexenweiber, oh Götter womit straft ihr mich…“ Mit diesen Worten fiel er nach hinten und wirbelte dabei eine kleine Menge Erdreich auf. Er hatte das Bewusstsein verloren. Vor Schreck, so viel erkannte selbst der Laie. „Wo er Recht hat…“ seufzte die Menai und schritt an dem reglosen Leib des Alten vorbei. „Er wird wohl keine Einwände haben wenn wir uns hier ein wenig ausruhen?“ Die Frage galt eher ihr selbst als ihren Begleitern welche ihr sogleich in das Zeltinnere nachfolgten. Als Shaharií ihren Blick durch das Zelt wandern ließ, brauchte es nicht lange bis sie sich gewahr wurde was hier vor sich ging. Eine Ausgrabungsstätte! Der sonderbare Kauz musste ein Archäologe sein, dass verrieten die Apparaturen, Zeichnungen, Karten und selbstredend die massiven Knochen die wie Stalagmiten aus dem Zentrum der Grabungsstätte herausragte. „Ajun?“ hakte die Ruferin scharf nach als sie sich über einen Tisch beugte auf dem etliche Karten wirr übereinander gerottet lagen. „Du wusstest was hier ist, nicht wahr? Das ist…“ sie verstummte. Unglaublich! Ihr Blick haftete auf einer Handteller großen Schuppe vor ihr. Drachen! Der Kauz hatte tatsächlich die skelettierten Überreste eines Drachen freigelegt. Die einzigen Knochen von Drachen die sie jemals gesehen hatte, hingen in den Tempeln hoch in den heiligen Bergen der Menai. Sie waren Heiligtümer, Reliquien. So alt das keiner mehr mit Gewissheit sagen konnte, wann und wo sie zutage gefördert wurden. Doch die Begeisterung für den Fund musste warten. Ihr Blick war auf die Schlafstatt des alten gefallen. „Leg Assija dorthin…“ sie schluckte; „…bitte. Es wird höchste Zeit das ich mich um ihre Verletzungen kümmere und die Wunden reinige bevor es zu Entzündungen kommt. Und danach…“ sie hatte den Archäologen im Blick, beendete ihren Gedanken aber nicht. Just darauf fand Assija sich auf der gut gepolsterten Schlafstatt wieder und die mit Stroh gefütterte Matratze schien geradezu Balsam für den geschundenen Körper der Elfe zu sein. Shaharií hockte sich neben Assija und begann direkt ihre Wunden mit dem saubersten Tuch auszuwaschen das sie auf die schnelle Gefunden hatte. Wasser gab es im Überfluss. Gleich fünf Fässer standen unweit der kleinen Aushebung die als Kochecke diente. Dem Geschmack nach war es klares Bergquellwasser. Womöglich aus einer Quelle unweit von hier. Hatte Ajun sich nicht geirrt müssten die Bergausläufer der wilden Lande in der nähe sein. Dort gab es etliche Quellen die kleinere Bäche speisten, welche wiederum den dichten Wald mit Wasser versorgten. Die Wunden auszuwaschen erwies sich mit nur einer Hand schwerer als gedacht und Assija zuckte regelmäßig heftig zusammen, wenn die Menai versuchte Verschmutzungen aus tieferen Schnitten zu holen. Sicher vom gesplitterten Holz des Scheiterhaufens, an welchem sie herabgerutscht war. Anschließend tastete sie vorsichtig den Unterleib der Drachenerbin ab. Keine ungewöhnlichen Schwellungen und die Gebärmutter hatte sich dem Anschein nach gut für die verstrichene Zeit zurückgebildet. Noch etwas Blut zwischen den Schenkeln fortwaschen, ein improvisierter Verband um das freiliegende Nagelbett und damit hatte Shaharií alles getan was sie für den geschundenen Leib Assijas tun konnte. Auch der Archäologe besaß keine Utensilien um fachgerechte Kräutermischungen, Absude oder antiseptische Salben herzustellen. Demnach blieb nur zu hoffen, dass ihr Körper nicht unter dem Zustand ihrer Seele litt und Entzündungen sich verbreiteten. Nun setzte die Menai sich neben Assija und begutachtete noch einmal ihr Werk. Sie nickte halbwegs zufrieden. „Hast du sonst noch irgendwelche Schmerzen? Ich will mir gar nicht ausmalen was sie mit dir angestellt haben, also wenn du irgendwas bemerkst das dich beunruhigt, dann lass es mich wissen. Für den Augenblick kann ich nichts weiter für dich tun… Sieh zu das du etwas Schlaf bekommst, ja?“ Mit diesen Worten erhob sie sich von der Schlafstatt und wandte sich Ajun zu, welcher abseits nahe dem Zentrum der Grube stand und dessen Inhalt argwöhnisch abschätzte. So nah war er dem was er einst sein will wohl noch nie gekommen und doch wirkte er nicht begeistert. „Assija ist versorgt…“ sprach sie ihm zu als sie sich ihm bis auf wenige Schritte näherte. Ihr Blick folgte dem seinen ins Innere des Grabes wenngleich sie das Wort weiter an ihn richtete. „Ich werd mich waschen gehen und nach meinen eigenen Verletzungen sehen. Es wäre doch witzlos wenn ich dich überlebe nur um an einer Infektion zu krepieren. Wärst du so gut den Alten um etwas seines Blutes zu erleichtern? Umso schneller wir das hinter uns haben, umso schneller kann ich Sija helfen. Mehr als eine kleine Phiole braucht es nicht, der Kauz braucht dafür nicht sterben…“ sie sah den Drachen mit schief gelegtem Kopf an, fast als wolle sie ihm eintrichtern den Alten nicht zu töten, sofern er ihrer Bitte nachkam. Danach verschwand sie nach draußen.
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But you will remember me -
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Assija
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Do, 15. Okt 2015 23:44

Bildie kleine Drachenerbin war ein wenig enttäuscht, dass der Drache auf ihre Worte so wenig zu entgegnete. Lediglich ein Versprechen gab er ihr. Doch dass sie ihm keine Schuld an den Ereignissen gab, ließ er unkommentiert. Assija war sich nicht einmal sicher, ob er ihr überhaupt zugehört hatte, so starr wie er da saß und ins Feuer starrte. Geistesabwesend streichelte er ihr über den Arm, was für die kleine, gemarterte Drachenerbin wie reiner Seelenbalsam war. Sie schloss die Augen, und beflügelt von dieser Tat sprach sie doch weiter, obgleich sie es schon fast aufgegeben hatte, den Drachen weiterhin mit Worten zu behelligen. „Ich habe dich immer gebraucht, doch niemals so sehr wie jetzt. Ich flehe dich an, ajun amaláredia, bitte sei für mich da…“ schloss sie ihre Bitte. Der Drache legte schließlich seine Hand an ihren Kopf und drehte diesen zu sich heran, um ihre Lippen mit einem Kuss zu verschließen. Es war ihr erster intensiver Kuss seit einer für Sija gefühlten Ewigkeit, und so genoss sie diesen über alle Maßen. Es war mehr noch heilsamer, als seine Berührung, und Assija erwiderte diesen Kuss beinahe wie eine Ertrinkende, die sich an einen Strohhalm klammerte. An diesem Abend schlief sie beinahe zufrieden ein.

Doch als sie am nächsten Tag erwachte, war die Stimmung der kleinen Drachenerbin wieder trüb und sie konnte an nichts anderes denken als an Brisangen, jener schicksalshafte Ort, an welchem sich bereits zum zweiten Mal ein furchtbares Schicksal erfüllt hatte. Einmal, als ihre Entführer sie hierher gebracht und an den geheimen Zirkus gebracht hatten. Dort war Ajun auf sie gestoßen, was zunächst ein Desaster für die Wüstenelfe gewesen war, doch die Zeit hatte ein Band zwischen den beiden gewoben, so dass es letztendlich ihrer Meinung nach das Beste gewesen war, was ihr in dieser Lage hätte passieren können. Nun hatte Ajun sie erneut nach Brisangen gebracht, und das Schicksal, oder vielmehr die Götter, waren erneut grausam gewesen. Immer wieder fragte sich Assija, ob sie die Götter erzürnt, oder etwas getan hatte, wofür sie nun so furchtbar bestraft worden war. Doch sie fand keine Antwort darauf. Das Einzige, was sie getan hatte war, dass sie einen Dämon lieben gelernt hatte, und wenn die Götter sie dafür bestraften, so wäre sie sogar geneigt, von ihrem Glauben abzufallen. Ihr neues Ziel war, so hatte Ajun gesagt, ein Ort in den Wäldern der Ausläufer der wilden Lande. Ihr Weg führte sie dafür allerdings abseits der Waldwege, und der kleinen Drachenerbin, die ohnehin schon mit ihrer schwachen Konstitution, die das Drachenerbe ihr bescherte, zu kämpfen hatte, fiel es schwer, in ihrem derzeitigen Zustand diesen Marsch zu bewältigen. Immer wieder fiel sie zurück, benötigte Ruhepausen und nur dem Drachen, der sie abwechselnd stützte und manchmal auch trug, war es geschuldet, dass sie überhaupt vorankamen. Aber auch Shaharií schien es nicht ganz so gut zu gehen, nach diesem Vorfall in Brisangen. Assija war ohnmächtig geworden, als der Drache sich in seine Drachengestalt verwandelt hatte, und so konnte sie, erfahren durch die früheren solcher Vorfälle, nur mutmaßen, was sich in Brisangen zugetragen hatte. Ajun hatte gesagt, dass er ihr widerfahrenes Leid dutzendfach vergolten hatte, mit Blut und Feuer. Sie versuchte, die Gedanken und Mutmaßungen daran abzuschütteln. Sie wollte nicht, dass er so etwas machte, wenn Unschuldige dabei getötet worden waren, was sehr wahrscheinlich war.

Bei Sonnenuntergang hielten sie an und beschlossen ihr Lager aufzuschlagen. Zumindest ein notdürftiges, denn hatten sie weder Decken, noch Proviant, noch irgendetwas nützliches, von dem Feuer des Drachen einmal abgesehen. Nachdem Ajun die kleine Drachenerbin unter einen Baum gesetzt hatte, und aufgehäufelte Äste entzündet hatte, ließ er die beiden Frauen alleine, um sich in die Wälder zu schlagen. Was er dort tat, Assija wusste es nicht. Beinahe würde sie annehmen, dass wieder etwas passieren würde, denn oft, wenn sie sich von ihm, oder er sich von ihr entfernt hatte, war das Schicksal grausam gewesen. Doch nun war etwas anders. Shaharíi war hier. Sie war hier, und nicht weit weg in einem Zelt, sondern nur wenige Schritte von der kleinen Drachenerbin entfernt. So empfand Assija nur wenig Furcht, als der Drache gegangen war. Shaharíi näherte sich ihr, ging vor ihr in die Hocke, und musterte sie mit ihren seltsam anmutenden Augen, die so gänzlich anders waren als jene ihres Bruders, welche beinahe tiefschwarz waren. Assija erwiderte Shaharíis eindringlichen Blick, doch ihre Augen blickten müde, resigniert und geistig erschöpft in das Gesicht der Menai. Sie hob die Hand und strich der kleinen Drachenerbin einige verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Doch Assija konnte dieses Lächeln nicht frohen Herzens erwidern. Sie hatte keinen Grund zu lächeln. Doch auf der anderen Seite wollte sie diese Frau, die stets so freundlich und auch herzensgut gewesen war, nicht vor den Kopf stoßen, und so drängte sie sich schüchtern und zwang ihre Munkwinkel zaghaft nach oben. Eine Weile starrten sich die beiden so unterschiedlichen Frauen nur an, und dann legte Shaharíi ihr ihren unverletzten Arm um und drückte sie zaghaft. „Du bist so tapfer, Sija… es tut mir so unendlich leid dass ich nicht für dich da war…“ Assija ließ es geschehen, und nach einem kurzen Moment schlang sie ihre Arme um die Menai. Ihr Lippen bebten bei diesem Gefühlsausbruch, welcher sie ereilt hatte, doch sie schluckte die Tränen tapfer hinunter, was das Leid allerdings nur noch größer machte, wenn es nicht hinausgeweint wurde. „Es ist nicht deine Schuld, Shaharíi, ebenso wenig wie es Ajuns Schuld war. Es ist einfach passiert, es war der Wille der Götter. Wir verstehen so oft nicht, warum die Götter so grausam sind, und es liegt nicht an uns, ihren Willen zu hinterfragen… aber… ich frage mich jede Sekunde lang, warum… warum es geschehen musste, warum sie mein Kind auf so bestialische Weise getötet haben… warum sie uns nicht einfach verjagt haben…“ Nun brach Assija doch in Tränen aus und begann hemmungslos zu weinen und zu schluchzen, ja, sie schämte sich noch nicht einmal dafür. Nach einer Weile, als die kleine Drachenerbin sich wieder einigermaßen gefangen hatte, drückte sie sich von der Menai ab. Sie zog die Nase hoch und wischte sich mit den Fingern die Tränen aus dem Gesicht. Es war wie verhext, wann immer sie an das Kind dachte und weinte, schien es, als würden auch ihre Brüste zu weinen beginnen. Sie schmerzten und waren geschwollen, und Sija legte ihre zierlichen Hände darauf, als ob sie damit irgendetwas bewirken könnte. Die Menai reichte ihr einige Blätter. „Hier, kau das…“ forderte sie die Drachenerbin auf, und Assija nahm diese entgegen. Sie betrachtete diese im Feuerschein, so gut das Feuer dies zuließ. Die weichpelzigen Blätter waren blassgrün, und Assija konnte sich nicht entsinnen, worum es sich hierbei handelte. Doch sie hinterfragte die Handlungen der Heilerin nicht, und steckte sich die Blätter in den Mund um diese zu kauen, wie Shaharíi sie geheißen hatte. „Ich habe nicht mehr viel meiner Macht, aber dafür wird es noch reichen…“ begann Shaharíi und legte Assija ihre kühlen Finger auf die Stirn. Was immer sie da tat, doch es half. Die Hände der Menai schienen wahrlich Zauberkräfte zu besitzen, denn wann immer sie sie berührte, da schien es, als würden Schmerzen, Kummer, Müdigkeit und all die anderen schlechten Zustände, welche die kleine Drachenerbin beherrschten, in den Hintergrund gedrängt werden. Assija fühlte, wie sich diese unerträgliche, sie zu zerreißen drohende Anspannung abfiel, und einer Entspannung, wie sie Assija höchstens von einer wunderbaren Liebesnacht kannte, wich. Immer noch war die Wüstenelfe erstaunt, wann immer Shaharíi ihre Kräfte, welche das auch immer waren, einsetzte. Und dass sie Kräfte besaß, das zweifelte die kleine Drachenerbin nicht an. Assija war in diesem Moment nicht fähig, zu sprechen, doch ihre Augen sprachen ganze Bände der Dankbarkeit. „Wenn Ajun uns erst einmal… wissen die Götter wo auch immer er uns hinführt. Jedenfalls wenn er uns dorthin gebracht hat, wo Milch und Honig fließen…“ Dies rang der kleinen Drachenerbin sogar ein belustigtes Kichern ab, und das Gefühl, ein wenig Freude zum Ausdruck gebracht zu haben, wenn gleich es auch nur ein kurzer Moment war, dieses war mit Gold nicht aufzuwiegen. „… dann werde ich mich angemessen um dich kümmern. Wir müssen deine Verletzungen reinigen damit keine unschönen Narben bleiben. Ich verspreche dir Sija, dir wird es schon bald besser gehen, selbst wenn du das jetzt nicht glauben kannst. Ich verspreche es dir…“ Assija wollte ihr glauben, auch, wenn sie, wie Shaharíi ihr eben gesagt hatte, es in diesem Moment noch nicht tun konnte. Doch schon einmal hatte ihr Assija diese Worte gesagt, und gerne würde sie sie wiederholen. „Ich vertraue dir, Shaharíi. Ich kann es in diesem Moment zwar noch nicht wirklich glauben, aber ich vertraue dir, und wenn du sagst, dass es so sein wird, dann will ich mich bemühen, dir Glauben zu schenken. Und ich hoffe, dass ich mich eines Tages bei dir erkenntlich zeigen kann, es ich es vermag…“ Es dauerte nicht lange, als der Drache von seinen Streifzügen zurückkam. In einer Hand baumelte ein angesengtes Etwas, was vor seinem Ableben vielleicht einmal Feldhase gewesen sein mochte. Assija konnte sich nicht der Tatsache erwehren, dass sie Hunger verspürte. Es war auch ihm geschuldet, dass sie sich kraftlos und matt fühlte, und als das Ding über dem Feuer einigermaßen gar war, lehnte sie von dem Fleisch, welches Ajun ihr darbot, nichts ab, besonders, das sie befürchtete, dass er ihr erneut sein Blut aufzwingen würde, wenn sie sich dem Essen verweigerte. Und etwas im Bauch zu haben, war in der Tat ein wenig tröstlich, wenngleich das ungewürzte, ungesalzene Fleisch ein wenig fade schmeckte, aber den bitteren Kräutern Shaharíis in jedem Fall vorzuziehen war. Die kleine Drachenerbin sehnte sich nach einer bequemen Lagerstatt, ein Bett, eine Strohmatte, und mochte es auch eine dreckstarre, flohverseuchte sein. Doch in diesem Augenblick gab es nichts außer dem harten Waldboden, und die kleine Drachenerbin hoffte, dass sie bald in ein Dorf kommen würden, wo es eine Schenke gab, auch, wenn sie kein Geld besaßen, um ein Bett und eine Mahlzeit zu bezahlen. So bettete sie ihren Kopf in Ajuns Schoß, wo sie alsbald in einen tiefen, und gnädigerweise traumlosen Schlaf fiel…

Am nächsten Morgen fühlte sich die Drachenerbin ein wenig besser. Der tiefe Schlaf und sicherlich auch die karge Mahlzeit hatten ihr ein wenig Kraft verliehen, und so schickten sie sich bald an, ihre Reise fortzusetzen. Erst am Abend, als die Sonne allmählich hinter den Bäumen versank, erreichten sie ihr scheinbares Ziel. Eine große Lichtung am Walde. Als sie die Lichtung betrachteten und in einer großen, von Menschenhand geschaffenen Mulde ein Zelt erblickten, war es Shari, die als erste etwas entgegnete. „Ich hatte gehofft du führst uns in ein Dorf, oder wenigstens zur Hütte eines Eremiten. Aber das…?“ Sie seufzte, und ihre Stimme klang so nüchtern und trocken, dass Assija sich eines kleinen Lächelns nicht erwehren konnte. Ajun half der kleinen Drachenerbin, die Mulde herab zu steigen, doch sie geriet an einer aus dem Erdreich ragenden Wurzel ins straucheln und wäre beinahe gestürzt, wenn der Drache sie nicht gepackt und festgehalten hätte. Dennoch schmerzte ihr Fuß, und leise und schmerzerfüllt stöhnte sie auf. Dies hatte die Aufmerksamkeit des Zeltinsassen erregt und eine Stimme drang heraus. „W-wer ist dort?“ Als die Menai zu einer leisen aber herausfordernden Antwort anhob, befürchtete die Drachenerbin, der Mann würde es hören. Doch dann müsste er ein Luchs sein, was abereher unwahrscheinlich war. „K-kommt nicht näher! W-wir sind hier zu sechst… Nein zu siebt und bis an die Zähne bewaffnet! Also wer auch immer da ist, verschwindet! Außer Ärger gibt es hier nichts für euch zu holen!“ „Welchen Ärger habt ihr von zwei verletzten und verirrten Weibsbildern schon zu erwarten? Seid so frei und helft uns!“ entgegnete Shaharíi und nur wenig später schälte sich, mit freundlichen Worten begleitet, ein älterer Mann aus dem Zelt. Doch seine Freundlichkeit dauerte nur solange an, solange er den Dämon nicht entdeckt hatte. Erst jetzt war es Sija aufgefallen, dass der Drache sich nicht in seine menschliche Gestalt zurückverwandelt hatte, und sie verstand nicht, wieso er dies nicht getan hatte. Ob es der Tatsache geschuldet war, dass er nichts am Leib trug, bis auf seine lederne Schuppenrüstung? Assija wusste es nicht, doch als der Mann sich ausgiebig Schimpftiraden, Fluchen und Wehklagen ergab, da verließ sie wieder der Mut. Mitnichten würde er ihnen helfen. Er würde ihnen vielleicht dann seine Gastfreundschaft anbieten, wenn er diese mit seinem vorletzten Atemzug anböte, während der Drache seine mächtige klauenbewehrte Pranke um seinen Hühnerhals schließen würde. Assija starrte den Mann verwundert an, und mehr noch, als dieser in einem plötzlichen Ohnmachtsanfall wie ein nasser Sack umfiel. „Wo er Recht hat…“ seufzte die Menai, und Assija wandte ihren Kopf zu Shari. „Läufiger Ziegenmann…“ wiederholte sie, und ihre Munkwinkel begannen leicht zu zucken, während ihre Augen aufblitzten, und dann begann sie leise zu kichern, und folgte dann Shari, begleitet von Ajun in das Zelt. „Ajun? Du wusstest was hier ist, nicht wahr? Das ist…“ Sie verstummte, und neugierig schob sich die kleine Drachenerbin nach vorne, um einen Blick zu erhaschen, und dann sah sie, was die Menai augenscheinlich meinte. Eine riesige Schuppe lag auf den Tisch, und Assija stockte beinahe der Atem. Konnte das möglich sein? War das… eine Drachenschuppe? Ihr Verdacht erhärtete sich, als sie aus dem Erdreich ragende, halb freigelegte und wahrhaft gigantische Knochen sah. Ein beinahe vertrautes Gefühl bemächtigte sich ihrer, und mit einem Mal verspürte sie den unwiderstehlichen Drang, zu den Gebeinen zu gehen, um diese zu berühren. Doch Sharis Worte rissen sie aus ihrer Starre. „Leg Assija dorthin, bitte. Es wird höchste Zeit das ich mich um ihre Verletzungen kümmere und die Wunden reinige bevor es zu Entzündungen kommt.“ Der Drache hob die kleine Drachenerbin hoch, und bettete sie auf die einfache, aber nicht unbequeme Lagerstatt. Es tat gut, auf dieser Strohmatte zu liegen, und sie schloss die Augen, wenngleich ihre Gedanken in ihrem Kopf immer wieder unruhig um die Anwesenheit der Drachenknochen huschten. Shaharíi setzte sich zu Assija und ließ keine unnötige Zeit verstreichen, sondern begann, sich um ihre Wunden und Blessuren zu kümmern. Obgleich sie vorsichtig zu Werke ging, konnte die kleine Drachenerbin ihre Schmerzen nicht verbergen, als die Menai Holzsplitter und Ascheverunreinigungen aus den Wunden pulte. Doch sie biss die Zähne zusammen und versuchte, den Schmerz zu umarmen, dass dieser nicht überhandnahm. Feiner Schweiß sammelte sich auf ihrer Stirn, und als Shari endlich damit fertig war, stieß Assija einen kleinen erleichternden, aber auch resignierten Seufzer aus. Danach glitt ihre Hand über Sijas Unterleib, tastend… was immer sie da versuchte zu ertasten, Assija wusste es nicht. Während die Menai die Röcke der kleinen Drachenerbin hochschob, um sie zwischen den Beinen zu säubern, da verkrampfte sie sich ein wenig verlegen. Natürlich war sie bei der Geburt dabei gewesen und hatte geholfen, das Kind aus dem Leib zu ziehen, doch war dies für Assija etwas anderes, als nun ihren Unterleib und ihre Schenkel vom Blut zu säubern, welches immer noch aus ihrem Schoß sickerte. Assija krallte sich unbewusst in die Matte, doch dann fuhr ihr der Schmerz des gemarterten Nagelbettes durch den Körper und sie zog zischend die Luft zwischen den Zähnen ein. Dies erregte Sharis Aufmerksamkeit für ihre Hand und so nahm sie sich noch dem kleinen Finger an und verband diesen, so gut die Möglichkeiten und Ressourcen es eben zuließen. Als sie fertig war, fragte sie „Hast du sonst noch irgendwelche Schmerzen?“ Da schüttelte die kleine Drachenerbin matt den Kopf. „Ich glaube nicht… Jedenfalls reichen mir die, die ich habe…“ Sie ließ ihren Kopf zurück auf die Strohmatte sinken, und faltete die Hände über ihren Bauch. „Ich will mir gar nicht ausmalen was sie mit dir angestellt haben, also wenn du irgendwas bemerkst das dich beunruhigt, dann lass es mich wissen. Für den Augenblick kann ich nichts weiter für dich tun… Sieh zu das du etwas Schlaf bekommst, ja?“ Assija nickte. „Danke, Shaharíi. Hab Tausend Dank. Ich weiß nicht, was ich ohne dich täte, und wie ich dir das je vergelten soll…“ lächelte sie sachte und hilflos. Sie schloss die Augen, um Schlaf zu finden, so wie Shari sie angewiesen hatte. Die Menai wandte sich an den Drachen, doch sie sprach so leise, dass Assija ihre Worte nicht verstehen konnte, und danach verschwand sie aus dem Zelt. „Ajun?“ richtete sie ihre leisen Worte an den Drachen. „Warum sind wir hier? Sind dies hierwahrhaftig Drachenknochen?“ hauchte sie ehrfürchtig und drehte ihren Kopf, um noch einmal einen Blick auf die Gebeine zu erhaschen. „Es ist ein eigenartiges Gefühl…“ Beinahe so, als hätte sie Frieden und ein Zuhause gefunden… „Ich bin so müde, aber zu erschöpft, um schlafen zu können…“ murmelte sie. „Ich wünschte, ich würde euch nicht so zur Last fallen… mehr noch, als es sonst immer der Fall war… Ajun… würdest du mir etwas Wasser bringen?“ bat sie ihn. „Und, setz dich doch ein wenig zu mir, ja?“ fügte sie noch hinzu. „Ich wünschte, dass alles wieder wie früher wäre… Unbeschwert, fröhlich.. Doch ich weiß, dass nichts je wieder so sein wird, wie es einmal war…“
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bin allem hörig, was mir gehört.
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füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Mo, 26. Okt 2015 23:45

Bildachdem der schwarze Drache den Baum gezeichnet hatte und das daraus resultierende Feuer verglüht war, schien es, als ob sich die Gemüter des Dämon und der Menai ein wenig abgekühlt hätten. Sie ließen sich sogar zu einem beinahe vertraulichen Gespräch herab. Ein wenig zu vertraulich, für Ajuns Geschmack. »Warum besitzt du drei gestalten? Ich habe noch nie davon gehört, dass Dämonen über drei Formen verfügen.« Shaharií stellte die Frage gerade heraus. Sie trat sogar einen Schritt näher an ihn heran, als ob sie ihn in Augenschein nehmen würde. »Nun…« Der Drache lächelte diebisch. »Entweder weißt du doch weniger als du glaubst zu wissen…« Er zupfte sich an dem kleinen Ziegenbart, welcher an seinem Kinn baumelte, und in welchem einige Perlen aus Knochen und Horn geflochten waren. »…oder ich bin schlicht und ergreifend eine Laune der Natur, die sich nicht dem Willen und den Gesetzen deiner Bücher und den Worten der Gelehrten beugt.« Bei diesen Worten grinste er beinahe aufmüpfig, wodurch eine Person, die den schwarzen Drachen besser kannte, als jeder andere, zu erkennen vermochte, dass kaum eines seiner gesprochenen Worte auf die goldene Waagschale zu legen war. Mehr entgegnete er nicht auf ihre Frage und ließ sie förmlich im Raum stehen, bis sie sich von ganz alleine verflüchtigen oder gar beantworten würde. Aber die Ruferin ließ sich damit nicht abspeisen. Sie trat noch einen Schritt näher und tat ihre Neugier kund. »Und warum unterscheidet sie sich so von deiner wahren Gestalt?« Der schwarze Drache seufzte. Er kein Interesse mit dieser Frau darüber zu sprechen. Nicht im Geringsten! Und schon gar nicht jetzt, in diesem Augenblick. »Man sieht, was man sehen will. Nicht wahr, Ruferin? Was siehst du, wenn sie so anders scheint? Ich sehe meine wahre Gestalt, wie ich wirklich bin. Die menschliche Hülle, wenn du es so nennen willst, ist nur ein Schatten. Ein bedeutungsloses Abbild. Sie ist mir ein Greul, und ich trage sie nur wenn es zwingend nötig ist. Diese Gestalt gehört mir. Mir allein!« Dass die Präsenz des zweiten Gesichtes und seine Einflüsse durch das ewige und begehrliche Flüstern, in dieser Gestalt geringer waren, als in der schwachen, menschlichen, offenbarte er ihr nicht. »Sieh mich an, Ruferin. Du kennst den Namen, den man meiner Art gibt. Und entspricht diese Gestalt nicht genau dessen, was man sich unter einem meiner Art vorstellt? Der schwarze Drache ist nur die Personifizierung meiner Selbst.« Bei diesen Worten strich er sich mit der rechten Hand über eines seiner Hörner, um zu verdeutlichen, wo die Parallelen zu seiner Drachengestalt lagen. Für ihn stellte sich diese Frage nicht. Seine Haut war dunkel, wie die des Drachen. Seine Augen brannten in der Dunkelheit, wie die des Drachen, und seine Hörner waren ebenso wie jene des Drachen geformt. Nach welchen Ähnlichkeiten suchte sie noch? Er rollte genervt mit den Augen. »Ich habe kein Interesse, weiter darüber zu sprechen, Ruferin. Frage mich ein anderes Mal. Wenn ich geneigter bin, mich mit dir darüber zu unterhalten.« Um seinen Worten die nötige Bedeutung zu verleihen, wandte er ihr kurzerhand den Rücken zu und wandte sich stattdessen Assija, der kleinen Drachenerbin zu, die da am Rand des Lagerfeuers lag und scheinbar ruhig zu schlafen schien.

Am nächsten Tag hatten sie endlich die Grube erreicht, in welcher der Archäologe sein Ausgrabungsstätte errichtet hatte. Jene Ausgrabungsstätte, in welcher die Gebeine eines alten Drachen lagen, von welchem sich der schwarze Drache erhoffte, dass es von großer Bedeutung sein würde. Sowohl für ihn selbst, als auch für Assija. Vielleicht war noch etwas von der Lebensessenz in den Gebeinen der, vor langer Zeit verstorbenen, Kreatur erhalten geblieben? Und wenn Shaharií gewusst hätte, dass hier die Knochen und Schuppen eines Drachen zu finden waren, als sie dem schwarzen Drachen an den Kopf geworfen hatte, dass er sich an einen richtigen Drachen binden musste, um ein wahrer Drache werden zu können? Hier, in dieser Grube lag die Antwort auf diese Frage. Der Archäologe war schreckhafter und ängstlicher als noch vor zwei Nächten, als der Dämon ihn das letzte Mal besucht hatte. Doch damals war er auch alleine gewesen und hatte keine Hörner am Schädel getragen. Gemessen daran, war seine Reaktion nur verständlich. Es endete damit, dass er schließlich ohnmächtig wurde. Ein Umstand, welcher dem schwarzen Drachen nur gelegen kam. Denn hätte er sich weiterhin so weibisch benommen, hätte er ihm zweifellos persönlich die Lichter ausgeblasen, nur um endlich nicht mehr wie ein räudiger Köter vor dem Zelt stehen bleiben zu müssen.

Nun befanden sich der Dämon und die beiden Frauen im Inneren des Zeltes. Und als sowohl Assija, als auch Shaharií die Gebeine des Drachen entdeckten, reagierten sie beinahe so, wie er es geahnt hatte. »Ajun? Du wusstes was hier ist. Nicht wahr?« Der schwarze Drache starrte Shaharií wissend an, doch er schwieg zunächst. Wie die Menai und auch Assija, konnte er den Blick von den Drachenschuppen, die scharfe Dolche aus der Erde ragten, nicht abwenden. »Macht es einen Unterschied?«, fragte er und zuckte dann mit den Schultern. »Es gab ohnehin keinen anderen Ort zu welchem wir hätten gehen können. Und dieser erschien mir besser als das Lager von diesen wilden und einfältigen Kreaturen, welche Nordöstlich von hier hausen.« Er grunzte grimmig und nahm Shaharií dann die schwarze Schuppe aus der Hand um sie selber eingehend zu begutachten. »Er hat mich wohl nicht erkannt.« Er nickte zu dem bewusstlosen Archäologen. »Als ich das letzte Mal hier war, sah ich ein wenig anders aus. Doch vor zwei Nächten hatte er mehr Mut in den Knochen gehabt, als heute. Er wollte mir diese einzelne Schuppe nicht überlassen, obwohl hier so viele davon sind.« Bei diesen Worten deutete er auf jene Schuppen, die sich noch in dem Drachengrab befanden. Fast schon erwartete er die erstaunten Blicke der Menai, oder der Drachenerbin, dass dieser Schatten von einem Mann nach dieser Tat noch immer am Leben war. Doch erneut zuckte der Drache mit den Schultern. »Was hätte es genützt ihn zu töten? Sein Wissen um die Drachen wäre mit ihm gestorben. Er hat sein ganzes Leben lang die Drachen und alte Schriften und Legenden studiert. Und dieses Wissen könnte noch nützlich sein…« Der schwarze Drache grinste beinahe herausfordernd.

Als Assija schließlich versorgt war, und dem seligen Schlaf ins Garn gegangen war, gönnte sich der Dämon auch die nötige Rast, derer er so dringend bedurfte. Drei Tage schon hatte er nicht geschlafen und der Schlafmangel zehrte gehörig an seiner Konzentration. »Assija ist versorgt…Ich werde mich waschen gehen und nach meinen eigenen Verletzungen sehen.« Der Drache zuckte mit den Schultern. »Brauchst du etwa meine Erlaubnis dafür?« Er blies, hörbar genervt, die Luft aus den Wangen und würdigte der Ruferin nicht eines Blickes. »Aber es wird besser sein. Du siehst furchtbar geschunden aus. Wenn der Hänfling erwacht und dich sieht, so dreckig, zerschlissen und blutverschmiert, wird er nur hysterisch. Und das letzte was ich gebrauchen kann ist ein Mann, der sich wie ein Weib gebärdet.« Die Ruferin bedachte seine Worte ebenso mit einem Schnauben was dem Drachen ein wissendes Schmunzeln abrang. »Wärst du so gut den Alten um etwas seines Blutes zu erleichtern? Umso schneller wir das hinter uns haben, umso schneller kann ich Sija helfen.« Nun hob er doch den Kopf und starrte der Menai direkt in die Augen. »Und wie stellst du dir vor, dass ich dies bewerkstelligen soll? Ich bin kein Bader, der andere Menschen zur Ader lässt. Und wenn, dann höchstens mit einem Schwert…« »…Mehr als eine kleine Phiole braucht es nicht, der Kauz braucht dafür nicht sterben…« Sie legte den Kopf ein wenig schief und bedachte ihn beinahe wie eine Mutter die ein Kind belehrte. »Pha. Wahrscheinlich stirbt er schon tausend Tode, wenn er auch nur einen Tropfen Blut verliert…« Doch die Ruferin hörte ihm gar nicht mehr zu, denn sie hatte sich bereits von dem schwarzen Drachen entfernt. Und so rappelte sich dieser mühsam auf und trat an den ohnmächtigen Mann heran um nun seinerseits den Kopf ein wenig schiefer zu legen. »Hättest du die Güte unserer schwarzen Hexe etwas von deinem Blut zu überlassen?« Er hielt für einen Moment inne, in Erwartung eines Protestes, doch als dieser, erwartungsgemäß ausblieb, lächelte der Drache dünn. »Nein. Wie großzügig von dir. Sie wird es dir sicher mit Gold und ihrer unendlichen Dankbarkeit vergüten.«, murmelte der Drache zynisch und ging dann vor dem Mann in die Hocke. »Aber ich vermute, dass sie dein Blut für irgendeinen dunklen, heidnischen Zauber braucht…« Der Drache runzelte die Stirn. Wie gerne hätte er gewusst, wofür die Menai das Blut brauchte. Doch vermutlich würde er dies noch früh genug erfahren. Als der Archäologe noch immer eine Einwände erhob, richtete sich der schwarze Drache wieder auf und begann damit die Apparaturen und Gerätschaften auf den nebenstehenden Tischen zu untersuchen, bis er etwas fand, worin er das Blut auffangen konnte. Und so trat er wieder an den Archäologen heran, stellte die Schüssel neben dem Mann auf den Boden und zog das Schwert aus der Scheide. »Und wo steche ich am besten rein, damit so wenig wie möglich aus dir heraus läuft?« Er kratzte sich fragend am Hinterkopf, während er seine Augen über den Körper des schmächtigen Mannes wandern ließ. Der Hals, die Brust oder die Lende kam nicht in Frage. Binnen kürzester Zeit würde der Alte in seinem Blut ertrinken und dann hätte der Mann seinen Wert für den schwarzen Drachen verloren. Der Dämon wandte den Blick von dem Alten ab um nach Shaharií zu sehen, doch von der Ruferin war in den schattigen Ecken des Zeltes kaum etwas zu erkennen. Selbst Assijas leuchtend rotes Haar war nur matt im zwielichtigen Schein der Talglichter zu erkennen. Wie der Alte wohl reagieren würde, wenn er mit einer blutenden Wunde erwachen würde? Der schwarze Drache vermutete, dass die Kooperationsbereitschaft des alten Mannes dann noch geringer ausfallen würde, als sie es ohnehin schon würde. Und so entschloss er sich den Mann auf die Seite zu rollen. Er setzte das Schwert am Hinterkopf des Mannes an und zog mit einem kurzen Ruck den Scheitel entlang, bis rotes Blut über die Klinge lief. Rasch hielt er die Schale unter den Kopf des Mannes und wartete bis sie sich ungefähr bis zur Hälfte mit dem roten Lebenssaft des Mannes gefüllt hatte. »Das sollte wohl genügen.« Er stellte die Schale beiseite und riss dem Alten etwas von dem Saum seines Gewandes ab, um damit die Blutung zu stillen.

Mit der Schale in der Hand trat er an die Menai heran. »Hier.« Er hielt ihr die Schale hin, in Erwartung dass sie ihm diese abnehmen würde. »Du solltest seine Wunde auch versorgen, wenn du willst, dass er nicht doch stirbt. Er wird sich sicher fragen, warum er solche Kopfschmerzen haben wird, aber da wird dir sicher auch eine schlaue Geschichte einfallen, wie ich es von dir inzwischen gewohnt bin.«

Als Ajun sich von Shahrií entfernt hatte, begann Assija sich auf ihrer Schlafstatt zu regen. Es schien, als ob sie erwacht wäre, und so trat er an die kleine Drachenerbin heran. »Sija? Wie geht es dir?«, hauchte er in einem ruhigen Flüsterton. Assjia seufzte schwermütig. »Ich wünschte, ich würde euch nicht so zur Last fallen… mehr noch, als es sonst immer der Fall war.» Der schwarze Drache winkte ab. »Ich habe mich an diese Last gewöhnt, kleine Drachenerbin. Sie ist Teil meines Lebens geworden. Ruhe dich aus. Morgen geht es dir sicher wieder etwas besser.« Bei diesen Worten warf er Shaharií einen wissenden und bedeutungsvollen Blick zu, bevor er sich Assija wieder widmete. »Ajun… würdest du mir etwas Wasser bringen?« Der Dämon nickte und holte die tönerne Karaffe, die noch immer auf dem kleinen, hölzernen Tisch stand, wo sie auch vor zwei Tagen gestanden hatte. Als er sie Assija gereicht hatte, nahm er neben der kleinen Drachenerbin Platz. Er hätte es auch ohne ihre Bitte getan, denn die Füße waren ihm schwer, wie auch seine Augenlider und jeder Knochen in seinem Leib. »Ich wünschte, dass alles wieder wie früher wäre… Unbeschwert, fröhlich.. Doch ich weiß, dass nichts je wieder so sein wird, wie es einmal war…« Er seufzte. »Manchmal werden Wünsche war, kleine Drachenerbin.« Er reichte ihr die Drachenschuppe und lächelte dabei. »Man muss nur daran glauben.« Als Assija die Schuppe entgegengenommen hatte, hielt er ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Du folgst mir bedingungslos und ohne Zweifel. Glaubst du mir, wenn ich dir verspreche, dass es so sein wird, wie du es dir wünschst?«

Nachdem Assija einen Schluck von dem Wasser getrunken hatte, tat auch Ajun einen tiefen Schluck aus der Karaffe, bevor er sich auf der Schlafstatt niederlegte. »Es ist spät Sija.« Er schloss die Augen und bedeutete der kleinen Drachenerbin sich auf seinen ausgebreiteten, rechten Arm zu legen. Und noch ehe er sich an das unscheinbare Gewicht ihres Körpers an dem seinen gewöhnt hatte, hatte ihn der Schlaf, der schon seit zwei Tagen an seinem Körper zehrte, auch schon übermannt…
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Di, 03. Nov 2015 23:41

Bildenervt musterte die Menai die Umgebung des Zeltes. In einer normalen Situation hätte sie sich über den hiesigen Fund gefreut. Sie hätte die Gebeine des Drachen fasziniert betrachtet, die Unterlagen des Alten durchforstet. Ihn ausgefragt. Ob er wollte oder nicht. Der Alte. Der vermutlich jünger war als sie und lediglich Assija im Alter übertraf. Doch nicht in dieser Situation. Die Ereignisse der vergangenen Tage schwirrten ihr im Kopf umher, ebenso wie die giftigen Worte Ajuns. Ein Monster, das war er in jeder Hinsicht. Hätte die Ruferin sich nicht in den vergangenen Monden mit Assija angefreundet, würde sie den Dämon wohl für jedes Anliegen zum Teufel jagen. Weder sein Wunsch würde sie kümmern, noch würde sie sich für sein Liebchen scheren. Sie hatte versucht es gut mit ihm zu meinen. Hatte versucht über ihre gemeinsame Vergangenheit hinwegzusehen. Seine Gräueltaten nicht zu bedenken. Sie hatte sogar versucht sich zu zügeln, nicht unnötig provokant zu sein. Und wofür? Konnte diese Kreatur überhaupt ehrliche Dankbarkeit empfinden? Konnte er Ehrfurcht zeigen? Freundlichkeiten erwidern? Sie hatte Assija gesagt, dass sie nicht über die Verbindung der beiden Urteilen würde. Doch selbst nach all den gesponnenen Gedanken, verstand sie einfach nicht, was sie in dem Dämon sah. Sie sollte den Tag also verfluchen an dem sie sich begegnet sind? Wenn dem so war, dann sollte er es ihr gleichtun, dafür würde sie schon sorgen. Mit einem ungewöhnlich bitteren Grinsen schüttelte sie den Kopf um zähen Gedanken zu vertreiben. Ihr Blick wanderte noch immer um die Umgebung des Zeltes. Ein Spaltblock, eine ausgebrannte Feuerstelle, ein paar aufeinander gestapelte Fässer sowie kleinere Stapel Brennholz. Etwas abseits am Rande der Grube erkannte man die Ränder eines kleineren ausgehobenen Lochs. Ein einfaches Holzbrett lag darüber und die Menai mutmaßte, dass es sich dabei um die Latrine des Alten handelte. Hier gab es Nichts von Interesse, nichts womit sie etwas anfangen könnte. Wo wusch der Alte sich nur? Gab es hier keinen Zuber, keine Waschstelle? Irgendwas musste es doch geben! Schließlich gab sie auf und stapfte Leichtfüßig zurück ins Zelt.

Ajun war noch immer den Drachengebeinen zugewandt. Seine Faszination konnten die Umstände wohl nicht ausbremsen. Kein Wunder, er hatte bisher nicht bewiesen das ihn je etwas anderes interessierte als ihn selbst. Eventuell Assija? Zumindest ansatzweise. Sie konnte sein giftiges Gemüt zügeln. Und er war bereit seine Siebensachen für ihn zu geben. Augenscheinlich Nippes, doch die Ruferin war sich durchaus gewahr, dass es die Ingredienzen für das Ritual sein mussten. Die erste großmütige Geste, die sie von ihm erlebt hatte, nur um danach wieder herablassen herum zu stänkern. Entsprechend gering war ihre Motivation ihm jetzt unter die Augen zu treten. Dafür erkannte sie hinten, in einem dunklen Eck des Zeltes einen hölzernen Bottich. Keinen Zuber, aber wegen dem vom Wasser verdunkelten Boden sowie den umstehenden Fässern sicherlich seine Waschstatt. Zielstrebig schritt sie darauf zu. Sie hinkte leicht, denn bei jedem Schritt zogen die vernarbenden Schnitte und Kratzer. Als sie vor dem kniehohen Bottich angekommen war, musterte sie die kleine Waschstatt nachdenklich. Einarmig aus dem Kaftan heraus zu kommen war umständlich. Nicht weniger umständlich war es wohl sich zu waschen. Es kränkte sie, wie pathetisch sie sich mit einer Hand Wasser zuschöpfen müssten. Alles wegen des ungestümen Wesen des vermaledeiten Dämons! Schließlich nestelte sie sich vorsichtig aus dem zerschlissenen Kaftan heraus, was ihr besonders bei dem linken Arm Probleme bereitete. Doch mit etwas Mühe und nach einigem schmerzerfüllten Ächzten hatte sie es dann doch geschafft und blickte unzufrieden an ihrem völlig entblößten Körper herab. Ihr graziler Arm hing an ihr, wie eine gebrochene Hasenpofte. Die samtige schwarze Haut der langen schmalen Beine war von kleinen Narben, Schrammen und Blutergüssen übersät. Ein furchtbarer Anblick, jedenfalls für jemanden wie sie. Körperliche Schäden war die Ruferin schlicht nichtmehr gewöhnt. Ihre Macht hatte nie zugelassen das ihr derartiges Wiederfuhr und genau genommen, hätte niemand in ganz Menainon auch nur daran gedacht, derartig Hand an der Ruferin des Nebeltals anzulegen. Sie seufzte tonlos und schöpfte sich mühselig etwas von dem Wasser auf den Leib. Das Wasser in dem Bottich war noch recht klar. Weder miefte es, noch hatte es einen öligen oder gar schmutzigen Film gebildet. Üblicherweise würde die Magierin nicht einmal auf die Idee kommen sich mit dem gebrauchten Wasser aus einem kümmerlichen Holzbottich zu waschen. Doch welche Wahl hatte sie schon? Stinken? Verdreckt umherlaufen? Sie ließ einen Blick durch das Zelt wandern. Ajun war nicht zu sehen. Wenigstens war er nicht heran getreten, um kundzutun wie ihr schwarzer Körper ihn anwiderte. Wenigstens das. Nach einer Weile und nachdem sie aberwitzig langsam Körper und Haare benetzt hatte, tauchte sie ihr Kaftan in den Bottich und wrang dieses so gut aus, wie eine Hand es erlaubte. Selbiges galt für ihre lange weiße Mähne, die ihr eng und klatschnass am Rücken anlag. Sie versuchte gar nicht erst, diese richtig auszuwringen. Stattdessen fuhr sie immer wieder kräftig mit der flachen Hand über ihre Haare, um so viel Feuchtigkeit wie möglich heraus zu drücken. Als sie fertig war, schlang sie sich ihren nassen Kaftan um die Hüften. Schräg reichte er nicht um Oberweite und Lenden gleichermaßen zu verdecken also wickelte sie ihn lediglich um die Lenden. Wenn sie Ajun mit ihrem Anblick stören konnte, umso besser. Verdient hatte er es. Und was der Alte – wenn er denn aufwachte bevor der Kaftan getrocknet war erwachte – sagen würde, wäre ihr herzlich egal. Dafür hatten zu viele Männer die Menai bereits entblößt gesehen und sie war zu alt, als dass sie sich wie ein dummes Gör schämen würde.

Aus den dunklen Stellen des Zelts vernahm sie Schritte. Ajun war an sie heran getreten. „Hier.“ Hielt er ihr eine Schale entgegen, in dem die Ruferin den kräftigen Glanz dunkelroten Blutes erkennen konnte. Wortlos nahm sie ihm die Schale ab, obwohl sie kurz zuvor aus Reflex, nicht aus Scham, die Arme – oder eher den Arm, vor der Brust verschränkt hatte. „Das ist ein Anfang…“ seufzte sie und schwenkte dabei den Inhalt hin und her. „Du solltest seine Wunde auch versorgen, wenn du willst, dass er nicht doch stirbt. Er wird sich sicher fragen, warum er solche Kopfschmerzen haben wird, aber da wird dir sicher auch eine schlaue Geschichte einfallen, wie ich es von dir inzwischen gewohnt bin.“ Blaffte er schroff, gar so wie sie es inzwischen von ihm gewohnt war. Sie legte den Kopf schief. „Wo hast du es ihm abgenommen? An einer Arterie? Der Halsschlagader? Eventuell direkt am Herzen? Er wird es sicher überleben…“ zuckte die Ruferin mit den Schultern. Von allem was sie nun tun würde, gehörte den Alten zu versorgen am wenigsten dazu. „Dreh ihn so, dass die Wunde oben liegt. Und dann lass mich in Frieden. Ich muss meine Kräfte regenerieren, dafür brauche ich Ruhe…“ ihre Stimme hatte den gewohnten melodischen Klang zurück und mit dem Dreck den sie von sich gewaschen hatte, spürte sie wie Stolz und Willensstärke wieder Einzug hielten.
Nachdem Ajun verschwunden war, wechselte die Menai zusammen mit der Schale in eine andere Ecke des Zeltes. Die ihr gegenüberliegende, also hintere rechte Ecke. Dort war das Licht besser und es standen weniger Apparaturen, Werkzeuge und Materialien herum. Dazu war es die Ecke an der sie am weitesten von dem Dämon und der Drachenerbin entfernt war. Sie würde das Ritual direkt jetzt durchführen, um ihre Kräfte wiederherzustellen. Keine Umschweife, keine Vorbereitungen, so schwer es ihr auch fiel. Vernünftige Ingredienzen hatte sie ohnehin genauso wenig, wie die rituellen Utensilien. Sie platzierte die Schale auf dem Boden, zog in gebührendem Abstand einen etwas unbeholfenen Kreis mit der Fußspitze in den sandigen Untergrund und ergänzte dessen Inneres mit einigen rituellen Symbolen. Auf den Gesang sollte die Ruferin ebenso verzichten wie auf alles andere, was sich von bösen Zungen als nutzloser Tand abtun ließ. So kniete Shaharií sich in den Kreis, legte den kaputten linken Arm auf den Schoß und tauchte mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand in den warmen roten Lebenssaft. Vorsichtig zog sie die Linien der Tätowierung auf dem linken Arm nach, ergänzte weitere Symbole auf ihrem Oberkörper. Dann schloss die Ruferin die Augen und hielt inne. Ging in sich. Ließ das Ritual auf sich wirken.

Den nächsten und damit ersten Tag nach dem Ritual verbrachte sie abseits. Für sich. Dem erwachten Alten widmete sie nicht viel Aufmerksamkeit. Es ging ihr elend. Der Schädel schmerzte und ihre Gliedmaßen pochten als hätte jemand sämtliche Knochen zertrümmert und magisch wieder zusammengesetzt. Natürlich war das unmöglich, doch genauso fühlte es sich an. Auch die vermeintlichen Informationen die der Dämon aus dem Alten rauswrang scherten sie nicht. Lediglich Assijas Verletzungen untersuchte sie noch einmal, hielt sich dabei aber etwas stoisch. Eine ganze Weile brütete sie über den zahlreichen Karten des Alten. Es waren sehr detaillierte Kartographien der Umgebung, sowie Karten die die ganzen Nordreiche erfassten. Hier und dort ein paar eingekreiste Gebiete. Ein paar wirre und hastig gekritzelte Notizen. Ein paar Flecken von Kerzenwachs. Einige eingezeichnete Routen, die den Weg des Alten markieren mussten. Von Brisangen einmal abgesehen waren die nächsten Siedlungen die der wilden Clans. Eines furchtbar rudimentären und primitiven Volks. Ausgeschlossen das sie dorthin weiterziehen würden. Die Wilden würden ihnen die Schädel mit Prügeln und Äxten einschlagen, bevor sie sich erklären könnten. Wenn die lausebärtigen Druiden sie nicht schon vorher abfingen und sie über einem großen Biwakfeuer rösteten. Neesku nannten sie sich. Lausbärtige Druiden ließen sie sich dafür nicht gerne Schimpfen, dass wusste die Ruferin. Dabei war ihre Magie albern, lästerlich und unausgereift. Selbst die Magie der benachbarten Orks war eleganter. Jedenfalls basierte Shahariís Ritual auf der Magie eines mächtigen Orkschamanen. Dennoch hätten diese primitiven Kreaturen nie erahnt, was mit ihrem Grundwissen möglich war. Aber da waren noch Imrahad und Aramad. Die nächsten zivilisierten Städte, wenn man wie bereits erwähnt aus offensichtlichen Gründen von Brisangen einmal absah. Eine dieser Städte musste ihr nächstes Reiseziel sein. Auf keinen Fall würde Assija und Shaharií in ihrem Zustand weiter durch die Wildnis streifen können, als wirklich nötig war. Auch der zweite Tag verstrich ruhig. Die Menai hielt sich bedeckt. Wollte sich ihre vorübergehende Schwäche nicht anmerken lassen. Rechtfertigte sich damit, dass sie sich erholen musste. Der dritte und der vierte Tag verstrichen auf dieselbe Weise. Am fünften Tag aber, da spürte Shaharií wie ihre Macht zu ihr zurückkehrte. Die silbrig feinen Fäden waren genesen. Kreuz und quer zogen sie sich nun wie silbrige Säulen durch ihren Geist. Die Ruferin war wieder auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte. Was sie mit Assija vorhatte, glich einer Kleinigkeit. Einer zeitaufwändigen Kleinigkeit.

Es war früher Mittag an besagtem fünften Tag. Die Schritte der Menai waren wieder kraftvoll, federnd. Ihre Stimme klang melodisch wie eh und je und ihr Blick hatte wieder seine stechende Schärfe. „Ajun…“ sprach sie den Dämon an, als dieser sich vor dem Zelt etwas streckte. Assija hatte in diesen Tagen fast durchgehend das Bett gehütet, von wenigen Ausnahmen abgesehen. So tat sie es auch an diesem frühen Mittag. „Heute ist es so weit. Ich werde alles nötige vorbereiten, dass wird eine Weile dauern. Misch dich nicht ein sobald es losgeht. Halt dich bedeckt. Und…“ warf sie ihm einen strengen, mahnenden Blick zu; „… danach kein Wort über das Geschehene. Kein Wort über den Zauber. Kein Wort über die Ereignisse in diesem Drecksloch. Nicht einmal eine Andeutung!“ die Stimmung zwischen dem Dämon und der Ruferin als angespannt zu beschreiben war eine Untertreibung. Die Gemüter waren noch immer angeheizt und unausgesprochenes erfüllte die wabernden Wände des Zelts. „Ich habe mir übrigens die Karten angesehen…“ erklärte sie etwas freundlicher. Einmal hatte sie den Dämon auch über den Karten gesehen, also wusste er sicher worauf sie hinauswollte. „… die nächsten Städte sind Imrahad und Aramad. Dorthin sollten wir aufbrechen sobald hier alles getan ist, denn…“ formte sich ein bitteres Lächeln auf ihren dunklen Lippen. „Ich weiß ja nun was du alles zusammengetragen hast. Blut sowie Fangzähne eines Vampirs, Gebeine eines Selbstmörders…“ zählte sie auf. „Und Alraunenwurz. Wozu auch immer du die brauchst. Du hast sie für die Wurzel allen Übels gehalten, richtig?“ belächelte die Ruferin ihn wissend. Ein kleiner aber nicht minderschwerer Interpretationsfehler der neueren Texte. „Jedenfalls hast du dich da geirrt. In den Originaltexten ist die Rede vom flüssigen Blut der Erde, den Bergen gewaltsam entrissen. Erst nachdem die Kultur aus dem Osten Einzug gehalten hatte, war von der Wurze allen Übels die Rede, kannst du dir nun denken, was gemeint ist?“ Sie legte eine kurze Pause ein um ihm eine Antwort zu ermöglichen, bevor sie fortfuhr. „Danach fehlen uns noch einige Kleinigkeiten… Der ungeformte Schatz aus den Tränen der Götter…“ diesmal erklärte sie ohne ihm die Gelegenheit für eine Antwort zu ermöglichen; „… Also ein Sandkorn aus dem inneren einer Muschel bevor dieses zur Perle heranwächst. Die erste Sünde… oder kurz das erste Schwert. Im übertragenen Sinne. Der Legende nach handelt es sich um eine Klinge die aus dem Kieferknochen eines Pferds geschnitzt wurde. Soweit ich weiß benötigt man aber nicht das Original, dafür muss die Klinge…“ sie stockte. „Nun du kannst dir denken was man damit getan haben muss. Dann brauchen wir noch das Gift der Lebensbringer. Kurzum Bienengift. Und das schwierigste…“ blickte sie den Dämon ernst an. „Ein Stein von der anderen Seite des Schleiers. Aus der Unterwelt wie man hierzulande sagen würde. Das klingt etwas umständlich. Aber mein Lehrmeister hat mir einst verraten, wo es solche Übergänge gibt, selbst in den östlichen Königreichen gibt es ein paar…“ Gestein aus der Unterwelt war eine mystizierte und umständliche Beschreibung für jene Orte, an denen sich das Feuer der Erde offenbarte. Höhlen in denen geschmolzenes Gestein loderte. Es gab nicht viele Orte an denen es solche Höhlen gab. Im Vaterberg im fernen Menainon gab es eine kleine Passage die tief ins Innere des Berges führte. Dort brannte das flüssige Gestein. Doch der Zugang war strengstens verboten, selbst den Rufern. In den Gebirgen und Minen der östlichen Königreiche war es da schon etwas einfach, wenn auch nicht wirklich einfach. Sie waren selten. „Wie dem auch sei…“ seufzte Shaharií. „Ich werde den Zauber vorbereiten und es schnell hinter uns bringen“.

Zurück im Inneren des Zelts kramte die Menai einige Kräuter und Knochen beisammen, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte. Sie zog sich damit wieder in die hintere rechte Ecke des Zeltes zurück, wo sie von den Blicken Assijas unbedacht war. Auch Ajun war in das Zelt zurückgegangen, schien sie aber höchstens unauffällig aus der Ferne zu beäugen – wenn sie sich nicht gänzlich irrte. Mittels Baumharz und etwas Öl entzündete sie die Ingredienzen in der Schale, in der zuvor das Blut des Alten war durch einen glimmenden Spahn, den sie aus der Feuerstatt genommen hatte. „Matuún shalha ben halalnah!“ der Rauch stieg in einer winzigen schmalen Säule aus dem Zentrum der Schale empor und begann erst auf Augenhöhe der Menai sich fein zu verwirbeln, wie in einen Sturm der sich langsam und bedrohlich am Firmament zusammenbraute. Es dauerte ein gutes Stück bis die Glut sich allmählich durch dein Inhalt der Schale gefressen hatte und nur der verrußte, zierliche Tierknochen im Zentrum zurückblieb. Danach setzte sie sich auf und ging mit raschen Schritten Assija zu. Etwas langsamer als ihr lieb war, denn von der langen Knienden Haltung waren ihr die Beine etwas taub geworden. Die zierliche Drachenerbin schaute verdutzt, als die Menai so rasch und streng auf sie zukam, doch bevor sie hätte reagieren können, hatte Shaharií ihr bereits Zeige- und Mittelfinger auf die Stirn gelegt. „Kethûn val Ferrhan!“ es wurde hell. Unbeschreiblich hell. Als öffnete man die Augen nach einem langen, langen tiefen und traumlosen Schlaf. Blendend hell. Dann zeichneten sich Schemen ab. Wut, Trauer, Enttäuschung und Schmerz. Ein schwarzes pulsierendes Geschwür, dass eine zähe dunkle Flüssigkeit blutete. Wie flüssiges Pech. Und das inmitten dieses strahlenden Lichts. Inmitten von Güte, Verständnis und Liebe. Die Helligkeit verebbte. Verschwand in grauen Nebelschwaden, weiter und weiter bis sich langsam wieder das Innere des Zeltes vor der Menai offenbarte. Assija hatte augenblicklich das Bewusstsein verloren und war reglos in sich zusammengesackt. Der Ruferin war kalt. Eiskalt. Doch es war nicht kalt. Es war ein angenehm warmer Tag im Spätsommer. Auf den Spitzen von Zeige- und Mittelfinger hatte sich ein hauchdünner schwarzer Film abgesetzt. Zäh wie flüssiges Pech. Mit eben diesen Fingern berührte sie auch ihre Stirn. Unterdessen war Ajun herangetreten. Er musste das Schauspiel die ganze Zeit kritisch beäugt haben und als er gerade an ihr vorbei, auf Assija zuging, hielt sie ihn kurzerhand am Arm. Mit ebendiesen Fingern die sich auf seine dunkle Haut drückten. Nur für einen Wimpernschlag. Nicht länger. Da ließ sie direkt los und rückte unter seinen stechenden Blicken von ihm ab. „Ajun…“ warf sie ihm ein finsteres Lächeln zu. „Wir drei sind nun verbunden. Assijas Leid schlummert in dir… und mir. Es ist sicher vor ihr verwahrt. Doch solltest du auf die unsagbar dumme Idee kommen…“ zischte sie scharf. „Mir jemals etwas anzutun, wird es zu ihr zurückkehren. Ich habe ihren Geist gesehen. Ihre Seele berührt. Und glaub mir, sie würde es nicht verkraften! Ihre Seele ist nicht für solchen Schmerz geschaffen. Also denk daran. Legst du Hand an mir an, legst du Hand an ihr an! Und nun still…“ Neben ihnen kam Assija langsam wieder zu sich. Gewiss etwas desorientiert und sicher nicht wenig verwirrt. Von ihrem Leid, von ihrem Schmerz und von den düsteren Erinnerungen war nichts mehr geblieben. „Sija!“ seufzte die Menai mit aufgesetzt freundlicher Euphorie und sprang auf die gegenüberliegende Seite Ajuns zur Drachenerbin. „Endlich bist du wach…“ sprach sie etwas ruhiger und warf dem Dämon einen eindeutigen und vielsagenden Blick zu. Es dauerte ein wenig bis Assija sich gefangen hatte und erst dann begann Shaharií ihr zu erklären was geschehen war. Sie erzählte ihr von der Fehlgeburt. Davon das sie hohes Fieber bekommen hatte. Dass sie das Bewusstsein verloren hatte. Tage im Delirium verbracht hatte. Sie aus Brisangen fliehen mussten, weil die Leute munkelten das ein Fluch auf ihr lag. Dass es sie hier her, in das Zelt des Alten verschlagen hatte, wo sie sie gesund gepflegt hatten. Dazwischen bedachte sie den Dämon mit mahnender Miene keinesfalls zu der wahren Geschichte zu kommen. „Ich lasse dir nun etwas Zeit mit Ajun, ja? Sieh zu das du wieder zu Kräften kommst…“ schenkte sie ihr noch ein warmes herzliches Lächeln und verließ daraufhin das Zelt.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 15. Nov 2015 17:09

Bilderade hatte Ajun dem Alten das Blut abgezapft und es in einer Schale aufgefangen, um es der Menai zu bringen. Dabei hatte er sogar eine Stelle am Körper des Mannes gewählt, welche unscheinbar war. Und würde er Schmerzen haben, konnte man getrost behaupten er hätte sie sich beim Sturz seiner Ohnmacht zugezogen. Doch gerade als er der Menai das Blut bringen wollte, welches sie ohne weiteres auch selbst hätte holen können, hielt er inne. Dort stand sie, am Ende des Zeltes und trugt nichts mehr, außer ihrer Haut am Leib. Fasziniert und zugleich auch angewidert von ihrer schwarzen Haut starrte er auf die Menai, welche sich unbeholfen und von sichtlichen Schmerzen geplagt in einem primitiven Spiegel betrachtete und dabei war sich zu waschen. Sie presste das Wasser aus den Haaren, wusch sich den Körper und währenddessen starrte der Dämon aus der dunklen Ecke, mit der blutgefüllten Schale in der Hand. Als sie schließlich den nassen Fetzen, den sie Kleidung nannte, umgelegt hatte, und somit den Blick auf ihren Körper wieder verhüllte, setzte sich der Dämon schließlich wieder in Bewegung. Wortlos trat er an sie heran und verharrte für einen Moment, bis er sich schließlich räusperte und ihr wortkarg die Schüssel reichte. »Hier.« Ohne weitere Worte zu verlieren, wandte er sich wieder von ihr ab, doch nach nur zwei Schritten wandte er sich erneut um und starrte in die tiefschwarzen Augen der weißhaarigen Hexe. Seinen Rat den Alten zu versorgen schien die Menai nicht sonderlich beherzigen zu wollen. Und so schüttelte er nur den Kopf und wandte sich zu dem Alten um. Doch sein Soll war erfüllt. Sollte der Alte doch verbluten, ihn kümmerte das noch weniger als die vermaledeite Hexe mit ihrer schwarzen Haut…schwarzen Haut…Bei diesem Gedanken kam er nicht umhin an sich herab zu sehen. Die aschfahle, graue Haut wirkte in dem schummrigen Licht der Talglaternen nicht minder schwarz als die ihre, und in diesem Augenblick lief ihm ein unangenehmer Schauer den Rücken herab. Er hob die Hand und betrachtete sie eingehend. Sehr lange stand er einfach nur da und starrte auf seine Hand, und je mehr er starrte desto grimmiger blickte er drein, bis er schließlich den Blick von seiner Hand abwandte, der Menai einen flüchtigen Blick zuwarf, und sich schlussendlich zurückzog. Er hockte sich neben Assija auf das Bett und lauschte ihren Worten. Doch wirkliche Aufmerksamkeit konnte er nicht für sie aufbringen. Immer wieder starrte er in die Richtung er Wilden, die am anderen Ende des Zeltes hockte und dabei war sich mit dem Blut des Alten seltsam anmutende Zeichen auf den Körper zu malen. »Was macht sie da nur?«, murmelte der Dämon und verengte die Augen zu zwei scheinbar bedrohlichen Schlitzen um besser erkennen zu können, was die Menai dort trieb.

Doch seine Aufnerksamkeit währte nicht lange. Das Gemurmel und Gesinge der Menai ging ihm irgendwann gehörig auf die Nerven. Was auch immer dieses Ritual bewirkte, es war nicht greifbar. Eine unsichtbare Macht war hier am Werk. Eine Macht die Ajun zwar in einer gewissen Art und Weise spüren konnte, aber nicht zu begreifen vermochte. Die Magie der Menai war gänzlich anders als die seine oder die der Elfen. Und wahrscheinlich würde er erst am nächsten Morgen, oder vielleicht auch niemals, ergründen, was dieses Ritual zu bedeuten hatte. Und so geriet er in die umgarnenden Fänge des Schlafs, der ihn schließlich übermannte. Die letzten Tage forderten ihren Tribut. Die ständige Wachsamkeit und die Angespanntheit wich aus den Gliedern des Dämon und als er schließlich eingeschlafen war, suchten ihn dunkle und verstörende Träume heim.

Der Schlaf war nicht erholsam. Jedenfalls nicht so, wie man es sich von erholsamen Schlaf erwartete. Er war ausgeruht und gestärkt. Doch sein Geist war aufgewühlt und die Träume hatten ihn ungewöhnlich viel schwitzen lassen. Als er schließlich erwachte schien es als ob er eine halbe Ewigkeit geschlafen hätte, und dabei waren nur wenige Stunden vergangen. Assija lag noch auf dem Lager und in tiefen Träumen gefangen. Von der Menai fehlte jede Spur. Vermutlich lag sie in irgendeiner Ecke und schlief ebenso. Und der Alte lag noch immer da, wo er ihn letzten Abend zurückgelassen hatte. Die meisten Talglichter waren erloschen. Doch die Kerzen waren nicht heruntergebrannt. Dies konnte nur bedeuten, dass die Menai die Kerzen wohl gelöscht hatte, bevor sie sich zum Schlafen niedergelegt hatte. Und so erhob sich der Dämon von der Schlafstatt und trat an die einzelnen Talglichter heran um sie mit einem glimmenden Funken, geformt durch einen einzelnen Gedanken, wieder zu entzünden. Als dies vollbracht war trat er an den Eingang zum Zelt heran und schlug diesen beiseite, nur um feststellen zu müssen, dass der Horizont über den Baumwipfeln bereits in einem dämmrigen, leicht violetten blau erstrahlte. Der Sonnenaufgang stand kurz bevor und es würde nicht mehr lange dauern, bis die Vögel mit ihrem Gesang beginnen würden, um den neuen Tag zu begrüßen. Ajun ließ die Zeltplane wieder fallen und trat schließlich an den Alten heran. Er atmete schwer und sein linkes Augenlid zuckte immer wieder in unregelmäßigen Abständen. Ajun starrte den Alten eine Weile lang an, bis er auch hier das Interesse verlor und sich stattdessen dem Drachengrab widmete. Der Alte hatte inzwischen schon drei dieser schwarzen Schuppen freigelegt und so ging der Dämon vor der Aushebung in die Hocke und nahm eine der Schuppen an sich. Ohne weiter darüber nachzudenken ließ er diese in seinem Beutel, zu den anderen Dingen die er bisher gesammelt hatte, verschwinden. »Eine mehr oder weniger wirst du kaum vermissen.«, murmelte er und erhob sich dabei wieder, nur um erneut an den Alten heranzutreten. Als er auf den Alten zuging, passierte er den Spiegel, vor welchem Shaharií sich letzte Nacht gewaschen hatte, und als er den gehörnten Schatten mit der aschfahlen Haut darin erblickte, der ihn aus golden glühenden Augen anstarrte hielt er inne. Er wusste zwar wie er aussah, wenn er diese Gestalt annahm, doch hatte er bisher nur selten die Gelegenheit gehabt, sich in einem Spiegel oder der spiegelnden Oberfläche eines Sees zu betrachten. Seine Erscheinung war zweifellos furchteinflößend und befremdlich. Die Ohnmacht des Alten war sicher auch seiner Erscheinung zuzuschreiben. Doch viel mehr nagten die Gedanken der letzten Nacht an ihm, und so seufzte er schließlich. Das gehörnte Spiegelbild verschwamm und als der schwarze Drache die Augen wieder öffnete, stand ihm kein gehörnter Mann mit glühend goldenen Augen mehr gegenüber, sondern ein Mann mittleren Alters mit heller Haut und schwarzem Haar.

Der Dämon schnaubte verächtlich und wandte sich schließlich von dem Spiegel ab und dem Alten zu. »He!«, blaffte der Dämon und versetzte dem Alten einen sanften Tritt in die Rippen. »Aufstehen!« Der Alte schrak, von einem Moment auf den anderen, hoch und schlug die Augen auf. »Bei den Sieben!«, rief er doch als er Ajun erkannte, jenen Mann der vor wenigen Tagen bereits bei ihm zu Besuch gewesen war, starrte er verschlafen und sichtlich irritiert umher. »Ich hatte einen furchtbaren Traum.« Der Dämon verschränkte die Arme und schwieg. »Mir war, als ob ein seltsamer Ziegenmann und zwei Weibsbilder in mein Zelt gekommen waren und … und …« Der Alte geriet ins Stocken doch Ajun machte keinerlei Anstalten den Mann aufzuklären. »Und warum schmerzt mein Kopf so sehr?«, murmelte der Alte und fasste sich an jene Stelle, an welcher Ajun das Messer angesetzt hatte. Als seine Finger über die Wunde glitten zischte er schmerzerfüllt und sog die Luft zwischen die Zähnen ein. »Verdammt!«, fauchte der Alte und zog die Finger von der Wunde zurück. Doch die Wunde war bereits verkrustet und kein Blut war an seinen Fingern als er diese verwundert ansah. »Du bist gestürzt. Sicher hast du dir den Kopf angeschlagen.«, murmelte Ajun und der Alte nickte gedankenverloren. »Ja, ich erinnere mich.« Schließlich ließ der Dämon sich dazu herab die Verschränkung seiner Arme zu lösen und seine rechte Hand dem Alten darzureichen, damit er ihm aufhelfen konnte. »Hab Dank, guter Mann.« Doch kaum stand der Alte, da erblickte er Assija, die in seinem Bett lag, und auch die Menai, welche wohl schon erwacht war und in der anderen Ecke stand und sie mit ihren finsteren, beinahe bedrohlich wirkenden Augen anstarrte. Wann war sie erwacht? Ajuns Augenlider zuckten für einen Moment, als ob er seine Augen neuerlich zu zwei Schlitzen verengen wollen würde. »Also war es doch kein Traum?«, stammelte der Alte aufgelöst und sah sich kurz darauf nervös im Raum um. »Aber wo ist dieser abscheuliche Ziegenmann?« Doch er konnte den Ziegenmann nicht ausfindig machen. Alles was er sah, war Ajun, der eine viel zu weite Hose trug, die einer jener Hosen, die eigentlich ihm gehörten verdammt ähnlich sah. »Die Nacht spielt unseren Augen manchmal seltsame Streiche.«, murmelte Ajun und wandte sich wieder der Menai zu. »Wir hatten nur einen Unterschlupf für die Nacht gesucht. Du siehst ja wie die Frauenzimmer aussehen. Gebeutelt und getreten, wie räudige Hunde.« Der Alte nickte stoisch. Dass die Menai und auch Assija viel durchgemacht haben mussten, war ihnen deutlich anzusehen. »Wir bleiben auch nicht lange.« Da lächelte der Alte verkrampft. Sicher waren das Worte die er gerne hörte, doch noch waren die drei Fremden in seinem Allerheiligsten zugegen. Und darum schien es auch nicht, dass er sich entspannen wollte. »Aber wenn wir schon einmal hier sind, erzählt mir doch etwas über die Legenden der Drachen und den Sagen die es über sie zu wissen gibt. Ich bin … neugierig.« Der Argwohn in den Blicken des Alten war damit nicht gänzlich verschwunden, doch scheinbar sprach er gerne über die Dinge die er wusste, auch wenn es offensichtlich war, dass er die wirklich interessanten Dinge für sich behielt. Doch darum sollte sie Shaharií kümmern, wenn es nötig sein sollte.

Nach einer Weile war schließlich auch Assija erwacht und als sie sich mit einem kargen Mahl aus kaltem Wasser und trockenem Brot genährt hatte, herrschte eine beinahe bedrückende Stille. Jeder schien darauf zu warten, dass einer der anderen etwas sagen würde. Oder etwas machen würde. Doch keiner tat etwas. Niemand unternahm etwas, bis der Dämon sich schließlich erhob und kurzerhand vor das Zelt trat. Er streckte sich um die Müdigkeit aus seinen Gliedern zu vertreiben und sog die frische Morgenluft tief in seine Lungen, bis eine wohlbekannte Stimme hinter ihm erklang. »Ajun…« Die Menai. Ajun seufzte, doch er wandte sich nicht um, sondern starrte weiter auf die Bäume, die sich in unzähligen Mengen vor ihnen erhoben. »…Shaharií?«, murmelte er nur, ohne sie eines Blickes zu würdigen. »Heute ist es so weit. Ich werde alles nötige vorbereiten, dass wird eine Weile dauern. Misch dich nicht ein sobald es losgeht.« »Nichts läge mir ferner, Ruferin.«, murmelte er herablassend. Er war froh wenn diese ganze Geschichte endlich vorüber war. Shaharií nahm seinen Zynismus hin ohne weiters darauf einzugehen. »Halt dich bedeckt. Und…danach kein Wort über das Geschehene. Kein Wort über den Zauber. Kein Wort über die Ereignisse in diesem Drecksloch. Nicht einmal eine Andeutung!« Ajun erwiderte den strengen Blick der Menai und starrte ihr lange und durchdringend in die Augen. »Du vergisst mit wem du sprichst, Ruferin.« Er verschränkte wieder die Arme vor der Brust. »Ich bin kein kleines, naives Kind. Du musst mich mit der kleinen Drachenerbin verwechseln. Wenn ich über gewisse Dinge nicht sprechen will, dann spreche ich nicht darüber.« Er fand dass damit alles gesagt wäre und wandte sich nun wieder den Bäumen zu und lauschte den Vögeln die hier und da ihr Morgenlied trällerten. »Ich habe mir übrigens die Karten angesehen.« Der Dämon schwieg. »…die nächsten Städte sind Imrahad und Aramad. Dorthin sollten wir aufbrechen sobald hier alles getan ist, denn…« Da gluckste der Dämon erheitert. »Hast du nur die Namen auf den Karten gelesen und die hübschen Linien darauf betrachtet? Hast du überhaupt eine Ahnung wie weit diese Städte von hier entfernt sind?« Er schüttelte den Kopf. »Aber vielleicht bewirkt deine heidnische Magie ja wahre Wunder. Sieh dich an. Gestern warst du noch ein Wrack. Und jetzt? Als wäre nie etwas gewesen. Und das alles nur mit einem bisschen Blut.« Er legte den Kopf ein wenig schräg zur Seite und betrachtete die Menai eingehend, als ob er ihre rätselhafte Genesung zu ergründen versuchte. »Wie dem auch sei. Wir würden Tage unterwegs sein, wenn nicht Wochen. Und wofür? Zurück in die Nordreiche?« Er zuckte mit den Schultern, während sein Blick in jene Richtung schweifte, wo sich dunkel und fern am Horizont die gewaltige Mauer der Drachen gen Himmel erhob. »Viel mehr stellt sich mit die Frage, wohin wir gehen sollten, Ruferin. Brisangen liegt an der einzigen Straße in diesem Niemandsland. Und von dieser Straße gibt es nur zwei Wege. Zurück in die Nordreiche, oder nach Westen in die Steppen. Es gibt einen Handelsposten an den westlichen Ausläufern dieser Gebirgskette dort.« Er deutete auf das Felsmassiv, welches sich im Süden erhob. »Dorthin reisen die Händler und Sklavenwagen und dies ist auch der einzige Weg in den Westen, sofern wir dorthin reisen wollen. Ich habe kein Ziel vor Augen, wie steht es mit dir?« Seine Reise hing davon ab, was der Alte noch zu erzählen wusste. Doch irgendwie wusste der Dämon, dass dies nicht im Osten lag, sondern irgendwo im Norden oder im fernen Westen. Die Menai lächelte bitter und zugleich wissend. Als ob sie nur auf eine solche Antwort gewartet hätte. »Ich weiß ja nun was du alles zusammengetragen hast.« Und schon begann sie die Ingredienzien für das Ritual aufzuzählen, welches er in seinem Beutel trug, bis sie bei der Alraunenwurzel angelangt war. »Du hast sie für die Wurzel allen Übels gehalten, richtig?« Er verzog den Mund zu einer schiefen Grimasse. »So wird sie landläufig in den Nordreichen genannt. Also lag die Vermutung nahe.« Doch sie belehrte ihn eines Besseren, was den Dämon nur noch mürrischer dreinblicken ließ. »Und woher weißt du das alles?«, hakte er schließlich nach, denn wem konnte er schon Glauben schenken? Einem uralten verstaubten Wälzer oder einer dahergelaufenen Ruferin aus den schwarzen Landen. » In den Originaltexten ist die Rede vom flüssigen Blut der Erde, den Bergen gewaltsam entrissen. Erst nachdem die Kultur aus dem Osten Einzug gehalten hatte, war von der Wurze allen Übels die Rede, kannst du dir nun denken, was gemeint ist?« Sie unterbrach ihren Redefluss, was dem schwarzen Drachen ein wenig Zeit gab über ihre Worte nachzudenken. Doch egal wie er es auch versuchte zu deuten, er kam auf keinen logischen Schluss. »Blut der Erde…«, murmelte er leise. »Wie sollen wir an das Blut der Erde kommen? Und wie halten wir es am Leben, wenn wir es erst der Erde entrissen haben? Es erkaltet und wird zu schwarzem Stein.« Er zweifelte sichtlich an den Worten der Menai. Sie zählte noch weitere Ingredienzien auf. Eine aberwitziger und abenteuerlicher als die andere. Und jede von ihnen schien so unerreichbar zu sein, wie die erste. »Du vergisst die Drachenschuppe, Ruferin.« Er zog das schwarze Ding aus dem Beutel und hielt es in den Schein der Sonne. »Er wird sie nicht vermissen, und doch ist sie von unschätzbarem Wert.« Dessen war er sich gewiss, als er die Schuppe wieder in den Beutel gleiten ließ. Shaharií indes fuhr unbeirrt fort. »Und das schwierigste…Ein Stein von der anderen Seite des Schleiers.« Da lachte der Dämon auf. »Aus der Unterwelt?« Er grinste und schüttelte dabei den Kopf. »Eine schöne Geschichte. Es gibt keine Unterwelt, das sind doch alles nur Ammenmärchen von abergläubischen Menschen, die ihren Kindern Angst machen, damit sie spuren.« Er schüttelte erneut den Kopf, um sein Missfallen darüber klar zu machen. Doch es schien der Menai ernst zu sein. »Das klingt etwas umständlich. Aber mein Lehrmeister hat mir einst verraten, wo es solche Übergänge gibt, selbst in den östlichen Königreichen gibt es ein paar…« »Aaah.«, unterbrach er sie. »Und lass mich raten. Einer dieser Übergänge befindet sich zufällig in der Nähe von Imrahad und Aramad?« Er grinste schief und hob dabei, wie als ob er schon längst wusste, was sie antworten würde, seine linke Augenbraue etwas an.

Als die Menai schließlich wieder im Zelt verschwunden war, um sich auf den Zauber vorzubereiten, mit welchem sie die Drachenerbin belegen wollte, verharrte der Dämon noch vor dem Zelt und starrte stumpfe Löcher in die Luft. Zweifel nagten an ihm und die Ungewissheit plagte ihn. Aber aus seinen Gesprächen mit dem Archäologen war er auch nicht schlauer geworden. Ja er hatte ihm einige Interessante Dinge über die Drachen erzählt, von welchen er bisher nur Legenden gehört hatte. Er hatte von Drachenerben gesprochen, als ob diese geheimnisumwobene Sagengestalten wären, und diese, sobald die Drachen erneut erwachen würden, dem Ruf der Drachen folgen würden. Diesen Teil der Erzählungen hatte Ajun besonders gespannt gelauscht, denn war es doch das erste wirklich Neue, was er erfahren hatte. Und Assija war eine Drachenerbin. Seine, kleine Drachenerbin. Doch viel konnte er nicht auf das Gerede des Alten geben. Immerhin hält er die Drachenerben für eine Legende, da er noch niemals einem begegnet war. Der Drache hatte sich ein wissendes Lächeln verkniffen, als der Archäologe diese Worte gesprochen hatte, in dem Wissen, dass in seinem eigenen Bett eine solche sagenumwobene Drachenerbin geschlafen hatte, ohne dass er es bemerkt hatte.

Inzwischen war einige Zeit vergangen. Ajun hatte die Alraunenwurzel aus dem Beutel gezogen und sie lange angestarrt. »Wurzel allen Übels. Blut der Erde.« Die Wurzel war deutlich einfacher zu erringen als das Blut. Und genau hierbei lag das Problem. Es war zu leicht gewesen. Die Wurzel hatte nicht geschrien. Es war keine Todesfee erschienen, die ihm vedammt hatte, und auch kein anderer Zauber war gewirkt worden, wie es der alte Totengräber behauptet hatte. Die Wurzel war offensichtlich wertlos. Zu nichts zu gebrauchen. Nicht einmal essen konnte man sie, da sie giftig war. Er wusste dass es einige Alchemisten gab, die aus der Alraune einen Sud herstellten und diesen dann zu Alkohol destillierten. Doch das erhöhte den Wert dieses Unkrauts nicht im Geringsten. Und so hatte er die angetrocknete Wurzel schließlich in den nächsten Busch geworfen. »Abergläubisches Gerede!« Kurz darauf wurde er von einem seltsamen Licht, welches aus dem Inneren des Zeltes drang, aus den Gedanken gerissen. »Was geht darin nur vor?«, murmelte er und entgegen der Warnung der Menai, betrat er schließlich das Zelt. Er verharrte an Ort und Stelle und beobachtete die schwarze Frau und was sie mit seiner Drachenerbin tat. Sie malte Bilder auf ihre Haut und sprach seltsame Zauberworte. Nichts wovon der Dämon etwas verstand. Aber je weiter das Ritual voranschritt, desto mehr verspürte er ein seltsames Ziehen in der Magengrube. Irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte, dessen war er sich sicher. Und als sich die geballte Macht zuspitzte und die feinen Haare auf seinen Armen sich zu sträuben begann, da schritt der Dämon zur Tat. Entgegen der Worte der Menai, trat er an dieser vorbei, direkt auf Assija hinzu. Doch diese packte ihn am Arm und eine stechende Kälte durchfuhr ihn an jener Stelle, wo sie ihn berührt hatte. Der Dämon zuckte zurück, und feurige Glut flammte in seinen Augen auf. »Was war das?«, zischte er und beäugte die schwarze Hexe mit vernichtenden und beinahe boshaften Blicken. Shaharií indes war einen Schritt vor ihm zurückgetreten, doch nicht aus Ehrfurcht, wie er schnell erkannte. Nein, das wissende und beinahe spöttische Lächeln verhieß alles andere als Ehrfurcht. »Wir drei sind nun verbunden. Assijas Leid schlummert in dir… und mir. Es ist sicher vor ihr verwahrt.« Als die Worte in seinen Geist sickerten, ballten sich unweigerlich seine Fäuste und er trat einen forschen Schritt auf sie hinzu. Doch als ob sie es geahnt hätte hob sie sogleich ihre Hände und gebot ihm Einhalt. »Doch solltest du auf die unsagbar dumme Idee kommen. Mir jemals etwas anzutun, wird es zu ihr zurückkehren. Ich habe ihren Geist gesehen. Ihre Seele berührt. Und glaub mir, sie würde es nicht verkraften!« »Würdest du den Schmerz verkraften, den du verdienst?«, zischte er ungehalten, während er starr verharrte und die Worte im Geiste abwog. »Wie kann das sein? Welche Macht kann auf so eine Weise heraufbeschworen werden und dann binnen weniger Augenblicke zu Staub zerfallen, nur wenn dir etwas geschieht?« Er verengte die Augen zu zwei zornigen Schlitzen. »Ihre Seele ist nicht für solchen Schmerz geschaffen. Also denk daran. Legst du Hand an mir an, legst du Hand an ihr an! Und nun still…« Doch so einfach ließ er sich nicht das Wort abschneiden. Er war nicht ihr Lakai, den sie herumkommandieren konnte, wie es ihr beliebte. »Wir werden sehen…Ruferin«, zischte er ihr zu, während er zugleich eine eiserne Maske auflegte, die den Zorn und den Groll vor der soeben erwachten Assija verbergen sollte. »Wir sprechen noch darüber.«

Als Assija erwacht war, verschwand Shaharií. Ob es aus Rücksicht ihrer Zweisamkeit wegen war, oder aus dem Grund dem Dämon aus dem Weg zu gehen, konnte Ajun nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch es war im Moment auch einerlei. Er trat an Assija heran und hielt ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger. »Wie geht es dir, kleine Drachenerbin?« Sie wirkte müde und ausgelaugt. Doch der Schmerz und die Trauer, welche er noch am Tage zuvor in ihren Augen gesehen hatten, waren wie ausgelöscht. Dort war der alte Glanz und die naive Glückseligkeit, welche sie vor Brisangen stets im Auge getragen hatte und als er dies erkannte kam er nicht umhin sanftmütiger zu lächeln, als der Groll auf die Menai sich ins Dunkel seines Geistes verzog. »Wir haben viel zu bereden, kleine Drachenerbin. Du warst lange fort…«
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » So, 29. Nov 2015 21:20

Bilder Drache saß bei seiner kleinen Drachenerbin, die ihn gebeten hatte, sich auf ihrer Schlafstatt in des Archäologen Zelts zu ihr zu gesellen. Ihre Gedanken waren trübe, träge, und dunkel, wie in einer wolkenverhangenen, mondlosen Nacht, die alles in ihren schwarzen Mantel hüllte. So sehr sie sich auch bemühte, diesen trostlosen Gedanken keinen Raum zu geben, und alles hinter sich zu lassen, es gelang ihr nicht. Selbst die Anwesenheit ihres ajun amaláredia war nur ein schaler Trost. Ein Wissen, das es ihr unsagbar schwerfallen ließ zu glauben, es würde sich jemals wieder alles zum Guten wenden. Zu viel war vorgefallen, zu schreckliche Dinge waren passiert. Bilder von Folter, Blut und Feuer, und vor allem ihrem zu Tode gemetzelten Kind hatten sich in ihren Geist eingebrannt, und sie wusste, sie würde diese niemals wieder vergessen. Mehr noch, diese Erlebnisse hatten ihr jeglichen Lebenswillen genommen. Ihr Lebenslicht, das aufgrund ihres Gebrechens, welches das Drachenerbe mit sich brachte, ohnehin ein kleines, schwaches Licht war, war herniedergebrannt zu einem kleinen Funken, der nur schwach glomm. Es gab nichts, das ihr noch Lebensmut und Lebenswillen gab. Nicht einmal Ajun, oder die Menai, die sie während der Zeit die sie mit ihr verbracht hatte, in ihr Herz geschlossen hatte, vermochten diesen schwachen Funken zu neuem Leben zu entfachen. Tief in ihrem Inneren erkannte Sija, dass sie nicht mehr Willens war, sich selbst am Leben zu erhalten, und auch, wenn ihre größte Sorge stets gewesen war, Ajun alleine zurückzulassen und ihr Versprechen das sie ihm gegeben hatte nicht halten würde können, so war ihr selbst das gleichgültig geworden.

Die beiden hatten ihre Stimmen zu einem Raunen hernieder gesenkt, von welchen nur ab und an ein sachtes Wispern durch das Zelt drang. Als sie dem Drachen klagte, dass sie ihnen nicht zur Last fallen wollte, da entgegnete er „Ich habe mich an diese Last gewöhnt, kleine Drachenerbin. Sie ist Teil meines Lebens geworden. Ruhe dich aus. Morgen geht es dir sicher wieder etwas besser.“ Assija fand es falsch, sich eine solche Last aufzubürden. Niemals hatte sie gewollt, dass sich jemand eine solche Bürde auferlegte, in Form ihrer selbst. „Das habe ich nie gewollt, Ajun. Nie. Und doch ist es so gekommen. Ich möchte nicht, dass du dich damit quälst… Ich wünschte, dass alles wieder wie früher wäre… Unbeschwert, fröhlich.. Doch ich weiß, dass nichts je wieder so sein wird, wie es einmal war…“ „Manchmal werden Wünsche war, kleine Drachenerbin.“ Assija wollte schon mit ernster Miene den Kopf schütteln, und seine Worte Lügen strafen, doch da lächelte er sie an, was die kleine Drachenerbin unwillkürlich dazu zwang, sich ein mattes Lächeln abzuringen. Ajun reichte ihr die Drachenschuppe, die er in seinen Händen gehalten hatte, und sie senkte den Blick und starrte darauf. „Ich wünschte, es wäre so, Ajun…“ flüsterte sie, und eine dicke Träne rollte aus ihren Augen. Sija benötigte ihre beiden zierlichen kleinen Hände, um diese mächtige Schuppe zu halten. Schwer wog diese in ihren Händen, und ein wenig Trost bemächtigte sich ihrer. Eine Aura von Vollkommenheit und seltsamer Vertrautheit vervollständigten dieses Gefühl, und die kleine Drachenerbin hob den Blick und musterte den Dämon fragend. Spürte er dies auch? Er, der von sich selbst behauptete, er sei ein Drache? Hatte er ebensolche Gefühle von Seelenverwandtschaft und Hoffnung, wenn er dieses Fragment eines der mächtigsten Wesen, die die Welt jemals hervorgebracht hatte, in seinen Händen hielt? Die kleine Drachenerbin legte die Drachenschuppe aus den Händen, und dieses kurze Gefühl von Glück verschwand. Argwöhnisch haftete sie ihre Blicke auf die Schuppe, als wäre es ein Zaubergegenstand, der ihr ihr altes Leben zurückgeben konnte, doch dann schüttelte sie sachte den Kopf. Es wäre ein falscher Zauber, wenn er nur dann seine Wirkung zeigte, wenn sie dieses Ding in Händen hielt. „Man muss nur daran glauben“ meinte der Drache und Sija suchte hinter seinen Worten eine Lösung für ihre Gedanken. Sie wollte ihm nicht unverblümt sagen, dass sie jeglichen Glauben verloren hatte. Glauben an das Gute im Leben, an das Gute im Menschen, den Glauben an die Götter Sie glaubte einfach nicht, dass sie nur glauben… hoffen… musste. Als ob er ihre Gedanken gelesen hätte, vielleicht aber hatte er die Zweifel in ihrer Miene einfach nur klar und deutlich gesehen, umfasste er ihr Kinn mit Daumen und Zeigefinger und zwang sie so sanft, ihn anzusehen. „Du folgst mir bedingungslos und ohne Zweifel. Glaubst du mir, wenn ich dir verspreche, dass es so sein wird, wie du es dir wünschst?“ Nein. Keine Macht der Welt konnte ihr den Glauben an ein solches Versprechen geben. Assija senkte den Blick. Sie wollte nicht, dass er ihr die Lüge von den Augen ablesen konnte. „Ich versuche, es dir zu glauben, Ajun, du hast deine Versprechen stets gehalten“ sagte sie leise. Doch keinem ihrer Worte haftete auch nur die geringste Überzeugung an. Er legte sich neben der kleinen Drachenerbin hin und bedeutete ihr, ihren Kopf auf seinen Arm zu legen. „Es ist spät Sija“ sagte er, und Assija fügte sich seinem Willen, und tat, wie ihr geheißen. Als ihn nach kurzer Zeit der Schlaf übermannte, lag sie noch lange wach und lauschte seinen tiefen, regelmäßigen Atemzügen des Schlafes, den er sich längst redlich verdient hatte.

Die Tage vergingen. Lange Tage, die Assija die meiste Zeit über auf der Lagerstatt des Alten verbrachte, abwechselnd an die Decke der Zeltplane, auf die Wolldecke oder irgendwo ins Leere starrend, wenn sie nicht gerade schlief. Shahariís Bemühungen um Assijas Gesundung waren gut gemeint, aber vergebens. Zwar spürte die kleine Drachenerbin, dass ihre körperlichen Beschwerden nach und nach schwanden, die Blutungen ebbten allmählich ab, ihre Brüste waren nicht mehr so schwer und veränderten sich in die einer Frau die kein Kind zu stillen hatte, und auch ihre Blessuren schwanden, die Folge der Folter und der groben Behandlung der selbsternannten Rächer waren, doch was nützte all dies, wenn Assijas Lebensmut am Erlöschen war? Nur mit viel gutem Zureden nahm die kleine Drachenerbin die kargen Mahlzeiten zu sich, um welche sich meist Shaharií kümmerte, und so tat sie kaum etwas, außer essen und schlafen, nur hin und wieder verließ sie das Bett, um ihre Notdurft zu verrichten.

Es mochte um die Mittagsstunde gewesen sein. Shaharií hatte sich in eine dunkle Ecke des Zeltes zurückgezogen, beschäftigt mit irgendwas, was immer sie auch tat, und von Ajun war nichts zu sehen. Assija spürte seine Unruhe, die von ihm ausging. Sie wusste, dass sie sich schon viel zu lange an diesem Ort aufhielten, und obgleich er die Abgeschiedenheit schätzte, sie wusste, dass er nicht sonderlich begeistert war, hier zu verweilen. Wie aus dem Nichts, beinahe unsichtbar, das dunkle Gesicht verschmolzen mit der Dunkelheit im Zelt, tauchte plötzlich die Menai auf. Nur ihr weißes Haar leuchtete im schwachen Licht der Talgkerzen, und es schien, als hätte sie es sehr eilig. Überrascht hob Assija den Blick, und er wandelte sich zu einem sehr fragenden und verwunderten, als sie die Heilerin so urplötzlich auf sie zueilen sah. Zögerlich öffneten sich Assijas Lippen, um zu einer Frage anzuheben, doch die Skepsis, aber auch Shahariis Schnelligkeit verhinderten jegliches Wort aus ihrem Mund. Als die Menai die Hand hob, mit ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger, da spannte sich kleine Drachenerbin unweigerlich an, und sie schob sich ein Stück weit zurück, ihre Hände hielten die Wolldecke beinahe verkrampft. Die Heilerin hob zu Worten an. Fremde Worte, die Assija nicht verstand, und Shaharií berührte die kleine Drachenerbin an der Stirn. Ein gleißend helles Licht dehnte sich von dem Berührungspunkt an Assijas Stirn aus, und blendete die kleine Drachenerbin schmerzhaft. Sie presste die Augen zusammen, und noch bevor sie erkennen konnte, dass sich das Licht durch das ganze Zelt ausbreitete, sackte sie auf ihrer Lagerstatt zurück in die Kissen, fern jeglichem Bewusstseins. In Assijas Geist herrschte Licht vor. Licht und Wärme. Immer wieder erzählten Menschen, die an der Grenze zwischen Leben und Tod gewandelt waren, von solchem Licht und Wärme. Die kleine Drachenerbin vermochte nicht zu sagen, ob dies nun das Ende war, oder ob sie nur träumte. Doch wenn es das Ende war, dann war es ein Gutes. Und wenn es ein Traum war, dann war es ebenso ein Guter. Assija verspürte nichts, kein Leid, keine Trauer, keinen Schmerz. Nur Licht, Liebe und Freude waren die vorherrschenden Gefühle, die sich ihrer bemächtigten. Doch inmitten all dieser guten Gefühle war noch etwas. Ein schwarzer Schatten, der sich durch das Licht schlängelte, wie eine dunkle Rauchwolke, die gen Himmel zog. Der Schatten verflüchtigte sich, und schien sich wie ins Nichts aufzulösen, dann verebbte auch das Licht, und ließ nichts als Traumlosigkeit zurück.

Assija regte sich sacht, als sie von Träumen zurück in die Realität kam. Als die kleine Drachenerbin die Augen aufschlug, sah sie Ajun und Shaharií sich gegenüber stehen. Die beiden schienen sich zu unterhalten, doch als sie sich gewahr wurden, dass Assija erwacht war, da brachen sie das Gespräch augenblicklich ab und wandten sich ihr zu. „Sija!“ rief die Menai mit überschwänglicher Freude und eilte ans Lager der kleinen Drachenerbin. „Endlich bist du wach!“ Verwirrt blickte sich die kleine Drachenerbin um. Wo waren sie hier? Und was war passiert? Sogleich ließ sie ihre Blicke über ihren Leib huschen. Der aufgeschwollene Bauch war verschwunden, und erneut ließ die Wüstenelfe ihre Blicke durch den Raum schweifen. Auf der Suche nach Etwas… Etwas, das von der Existenz eines Säuglings zeugte. Doch sie entdeckte nichts. Fragend haftete sie ihre Blicke erneut auf die Menai. „Shaharií… Was ist passiert? Wo ist… Was…“ stammelte sie. Es fiel ihr schwer, ihre Fragen und ihre Befürchtungen in Worte zu fassen. Insgeheim ahnte sie, was passiert war, doch bevor sie Vermutungen anstellte, wollte sie lieber die Heilerin fragen. Die Menai schien vorsichtig zu Worten anzuheben, als wollte sie die kleine Drachenerbin emotional vorbereiten. „Du hattest eine Fehlgeburt, Assija.“ Die kleine Drachenerbin ließ diese Worte auf sich wirken und nickte verstehend. Seltsamerweise empfand sie bei diesen Worten keine Trauer, eher noch Scham über die heimliche Erleichterung. Es war ihr ja nichts Neues. Shaharií hatte gleich gesagt, dass es sehr Wahrscheinlich war, dass Assija dieses Kind verlieren, oder aber bei der Geburt sterben würde. Sie lebte noch, also hatte die Menai mit der anderen Möglichkeit Recht behalten. Gefasst und bedachte wählte Assija ihre Worte. „Du hast es von Anfang an gewusst, dass es passieren könnte. Und du hast Recht behalten.“ Schuldbewusst glitten ihre Blicke zu Ajun. War er wütend deswegen? Sie konnte nicht den leisesten Anflug von Wut, Zorn oder gar Enttäuschung in seinem Antlitz erkennen. Eher glich es einer ausdruckslosen Maske. Assija wandte sich wieder der Heilerin zu. „Aber was ist dann passiert? Wo sind wir?“ Oh, ihr gingen so viele Fragen durch den Kopf, und sie war so müde, so erschöpft, und es fiel ihr schwer sich die wichtigsten Fragen zurecht zu legen und auch im Kopf zu behalten. „Nach der Geburt hast du hohes Fieber bekommen. Tagelang warst du im Fieberdelirium, und dann mussten wir aus Brisangen fliehen, weil die Leute zu munkeln begonnen hatten, dass ein Fluch auf dir läge.“ „Ein Fluch? Wieso?“ hob die kleine Drachenerbin fragend eine Augenbraue, doch die Menai winkte ab und zuckte die Schultern „Abergläubisches Bauernvolk…“ Assija nickte und lächelte ein wenig hilflos. „Also sind wir nicht mehr in Brisangen. Aber wessen Zelt ist das hier?“ blickte sie sich um, und musterte das fragwürdige und seltsame Inventar, welches in einem heillosen Durcheinander umher stand. Ein gewöhnliches Zelt war das nicht. „Es gehört einem Archäologen, und er führt hier Ausgrabungen durch. Er hat uns freundlicherweise erlaubt, dich hier gesundzupflegen.“ Assija nickte verstehend „Das ist sehr nett von ihm…“ pflichtete sie ihr bei und schloss die Augen für einen kurzen Moment. „Ich bin müde, obwohl ich doch gerade erst aufgewacht bin…“ stellte die kleine Drachenerbin fest. Shaharií nickte „Ich lasse dir nun etwas Zeit mit Ajun, ja? Sieh zu das du wieder zu Kräften kommst…“ „Ich gebe mir alle Mühe…“ lächelte Assija matt, und die Menai erhob sich und schritt aus dem Zelt. Assijas Blicke wandten sich zu Ajun, welcher an sie herangetreten war, sich zu ihr gesetzt hatte, und ihr Kinn in die Hand nahm. „Wie geht es dir, kleine Drachenerbin? Wir haben viel zu bereden. Du warst lange fort…“ Der Schein des Talglichts spiegelte sich in ihren goldenen Augen wieder und sie lächelte den Drachen warm an. „Ich fühle mich gut, Ajun. Ich würde Shaharií das nie zu sagen wagen, aber ich bin seltsamerweise nicht traurig. Ich fühle nichts… jedenfalls nichts Schlechtes. Ich müsste doch eigentlich traurig sein, über den Verlust des Kindes… aber…“ Sie unterbrach sich und senkte den Blick. „Wahrscheinlich ist es besser so…“ flüsterte sie schließlich. „Aber… ich erinnere mich an nichts. Nicht einmal an die Geburt… Hatte ich so heftiges Fieber? Was… was ist passiert? Ich habe so viele Fragen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man sich an nichts erinnert. War das Kind normal? Ich meine… war es ein Dämon, ein Drachenerbe, oder einfach ein normales Kind? Was habt ihr damit gemacht? Wo ist es jetzt?“ Sie grub ihre kleine Hand in die seine und musterte ihn. Sein rabenschwarzes Haar wurde schwach vom Feuerschein beleuchtet und seine dunklen Augen ebenso. „Am liebsten würde ich aus dem Bett springen und umherlaufen, nun, da och weiß, dass ich tagelang geschlafen habe. Tagelang…“ widerholte die kleine Drachenerbin ungläubig. Sie zog eine Schulter hoch, wandte den Kopf und schnupperte „So rieche ich auch…“ Sie verzog leicht das Gesicht und lächelte, mit einem Ausdruck von Ekel, aber auch Schalk. „Oh wie gerne würde ich mich waschen… Und etwas essen, ich habe großen Hunger. Habt ihr euch einigermaßen gut verstanden, du und Shaharií?“ fragte sie ein wenig besorgt. „Möchtest du nicht ein wenig mit ihr streiten? Dann wärest du wütend, und ich könnte ein wenig von deiner Wut zehren…“ neckte sie ihn, dann schlug sie die Wolldecke zurück, setzte sich an den Rand und ließ ihre Beine von der Lagerstatt baumeln. „Hat Shaharíi mir eigentlich Bettruhe verordnet? Muss ich hier bleiben? Ich muss hier raus… Es ist so stickig und warm herrinnen. Ich muss aufstehen, mir die Beine vertreten. Tagelang war ich weg… Dann habe ich jede Menge aufzuholen…“ meinte sie. „Ich halte es hier nicht mehr aus… Und du? Bist du nicht schon verrückt geworden, dich hier tagelang aufzuhalten? Du siehst gut aus, Ajun. Du wirkst nicht mehr so müde und abgeschlagen…“ Die kleine Drachenerbin sprang aus dem Bett, lief die wenigen Schritte durch das Zelt zum Ausgang, schlug die Zeltplane zurück und trat nach außen. Sie schloss die Augen und sog die klare, würzige Waldluft tief in ihre Lungen. Sie mochte die Nordreiche. Schon alleine wegen ihrer üppigen Pracht an Wald und Wiese. So ganz anders als die triste Wüste. ..

Am nächsten Vormittag hatten sie das Zelt des Archäologen verlassen, und liefen fern der Handelsstraße einen Weg durch den Wald entlang. Brisangen lag weit hinter ihnen, und die kleine Drachenerbin wusste längst nicht mehr, was sich dort zugetragen hatte. Ab und an hielten die drei an und verschafften der kleinen Drachenerbin, die zwar wieder Kraft geschöpft hatte, durch die langen Fußmärsche aber wieder ein wenig ermüdet war, die nötigen Ruhepausen. Assija lief neben der Menai und plauderte munter mit ihr. Sie war froh, dass sie sich so gut mit der Frau verstand, die so fern ihrer Heimat war. Ajun war, gemessen an Assija, nicht der gesprächigste Begleiter, Shaharíi war da ganz anders. Die kleine Drachenerbin hatte sogar das Gefühl, dass die Menai, seit sie Brisangen hinter sich gebracht hatten, noch ein bedeutendes Stück gesprächiger und besser gelaunt war. Warum, das vermochte sie nicht zu sagen. Und noch etwas war seltsam. Die kleine Drachenerbin war von einer eigenartigen Unruhe beseelt. Sie verspürte in ihrem Inneren zum einen großen Frieden und Ruhe, und zum anderen war da noch eine Unruhe, doch woher diese kam, wusste sie nicht. Sie hatte dieses Gefühl schon einmal verspürt, als sie und Ajun sich in Merridia aufgehalten hatten, aber auch da hatte sie keinen Grund dafür finden können. Als die Mittagsstunde hereinbrach, lichtete sich der Wald, und vor ihnen tat sich eine große Heide auf. Die Sonne schien warm vom Himmel herab, und die Luft war erfüllt vom würzigen Waldduft und dem süßen Duft von satten Sommerwiesen, Gras und Wiesenkräutern. Es dauerte nicht lang, da vernahm die kleine Drachenerbin Stimmen. Sie blieb stehen und hob den Kopf um zu lauschen, woher die Stimmen kamen. Gewohnheitsmäßig zog sie sich ihre Kapuze über den roten Haarschopf, eine Eigenart die sie sich bald angeeignet hatte, als sie in die Nordreiche gekommen war. Selten entsprang etwas Gutes daraus, wenn Menschen ihr flammend rotes Haar zu Angesicht bekamen. Der Wind trug die Stimmen vom Waldrand heran, und es schien, als würden die Stimmen näher kommen. Und wirklich, nach einer kurzen Weile erblickte die kleine Drachenerbin zwei Gestalten, die am Waldrand über die Wiese stapften. Eine große, und eine etwas kleinere Gestalt. Der Art und Weise, wie die beiden gekleidet waren, musste es sich um zwei Männer handeln. Als die beiden die drei erblickten, blieben sie kurz stehen, schienen sich kurz zu beraten, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung, wobei sie direkt auf die drei zusteuerten. Als sie näher herangekommen waren, traute Assija ihren Augen kaum. Der kleinere von den beiden hatte ebenso rotes Haar wie sie. Die Sonne, die auf seinen Haarschopf schien, ließ es regelrecht leuchten. Assija behielt ihre Kapuze auf. Es erschien ihr töricht, sie nun abzunehmen. Der größere, und sichtlich ältere der beiden, hob die Hand zum Gruße. „Seid gegrüßt!“ rief er, und setzte ein freundliches Gesicht auf, wobei er die Menai mit kaum zu verhehlenden Neugier betrachtete, so dass der von Assija und Ajun weniger Notiz nahm. „Es ist selten, dass man hier auf Menschen trifft. Darf ch mich vorstellen, ich bin Norrat, Zeidler von Beruf“, sprach er unbeirrt weiter, während die kleine Drachenerbin dem jungen Mann schräg gegenüber stand, und nicht wusste, wohin mit ihrer Überraschung. Sein feuerrotes Haar, welches kurz geschnitten war, und in alle Windrichtungen weg stand, leuchtete im Sonnenschein so wie ihres. Auch sein Gesicht war mit Sommersprossen geziert, nur sein Hautton war nicht ganz so blass wie der Assijas, was womöglich daran liegen mochte, dass er viel Zeit in der freien Natur verbrachte, ohne sein Haupt zu verdecken. Sie starrte ihn mit unverhohlener Neugierde in seine bernsteinfarbenen Augen, die ihr fröhlich zublitzten, und es war ihr, als rührte sie der Donner, denn dieser junge Mann schien der Ursprung ihres unruhigen Zustands zu sein. Aber wie war das möglich? Die kleine Drachenerbin hatte noch ihresgleichen gesehen, und nun, da ihr ein solcher gegenüber stand, wollte sie nicht glauben, dass es so sein konnte. Konnte es möglich sein? War dieser junge Mann ein Drachenerbe, so wie sie? Sie starrte ihm in die Augen, als läge die Antwort auf diese Fragen darin. Der ältere Mann schlug dem Burschen auf die Schulter, und riss die kleine Drachenerbin damit aus ihrer Versunkenheit, und bemerkte nun, dass sie dem Älteren gar nicht zugehört hatte. „… und das ist Arkhee, ein guter Junge. Eines Tages wird er in meine Fußstapfen treten, und die Zeidlerei übernehmen…“ Er nickte den Dreien wohlgesonnen zu. „Eine Hitze ist das hier heute. Sagt, wollt ihr uns nicht Gesellschaft leisten? Ihr drei seht hungrig aus. Wir haben nicht viel, aber was wir haben, teilen wir gerne, nicht wahr Arkhee?“ Der angesprochene nickte zustimmend. „Brot, Bauernwürste und natürlich Honig. Unsere Hütte ist gleich da hinter dem Waldrand. Wenn es euch interessiert, zeigen wir euch auch gerne unsere Bienenvölker. Der Bienenzaun steht nur unweit davon entfernt.“ Er deutete hinter sich hinter den Waldrand.“ Norrat nickte. „Außerdem, unseren Honig muss man probiert haben. Er ist der beste, den man hier weit und breit finden kann.“ Die kleine Drachenerbin wusste nicht, was sie sagen sollte, sie wusste nur, dass sie zu neugierig war, und näheres über den jungen Mann erfahren wollte, und so warf sie dem Drachen einen fragenden, wie auch bittenden Blick zu…
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Sa, 02. Apr 2016 22:49

Bildchweigend saß der Dämon neben der Drachenerbin und ließ ihre unsteten Fragen über sich ergehen. Er war nicht imstande ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, da er unentwegt an Shahariís hinterhältigen Betrug denken musste, mit welcher sie ihn an die Drachenerbin gebunden hatte, um ihre Erinnerungen in ihrem Geist zu vernebeln. Natürlich war sie neugierig. Sie hatte lange geschlafen und nun, als der Zauber auf ihr lag, schien es ihr wie ein neues Leben, in welches sie erwacht war. »Das Kind war ein Kind.«, brummte der Drache auf Assijas Frage hin ob es irgendwie anders gewesen war. »Und natürlich war es ein Dämon, und auch ein Drachenerbe. Immerhin war es von deinem und meinem Blut.« Er konnte Assijas Fragen nicht ehrlich beantworten, oder wenigstens treffend, denn er hatte das Kind nie gesehen. Es war getötet worden, als er nicht bei ihr gewesen war, und als er Assija vor dem Feuer gerettet hatte, war das Kind schon längst ein Opfer der Flammen des Scheiterhaufens geworden. »Wir erwogen es zu vergraben, doch erschien mir das nicht richtig.«, murmelte der Dämon und ergriff dabei Assijas Hand. »Also haben wir es, nach dem Brauch der Wüste, den Flammen übergeben.« Der schwarze Drache glaubte an keine Götter oder anderen, höheren Mächte. Er selbst war eine höhere Macht. Doch Assija glaubte an derlei Unsinn, und er wusste, dass die Wüstenelfen ihre Toten verbrannten, da die Erde zu kostbar war, um die Toten darin zu bestatten. Sie bedeutete Leben, und sollte nicht mit dem Tod besudelt werden. Das Feuer war rein und ehrlich und nicht wenige Wüstenelfen konnten über das Feuer gebieten. Also war es nur logisch, dass die Wüstenelfen ihre Toten verbrannten, anstatt sie zu beerdigen so dass seine Seele von dem Tod, den es erfahren hat, gereinigt würde. Außerdem war es eine angenehme Ausrede um das Verschwinden des Leichnams zu erklären, ohne dass Assija danach suchen konnte, um über dem Grab zu trauern, auch wenn dies vielleicht ebenso grausam war, ihr die Trauer um den Tod ihres Kindes zu verwehren. Doch konnte sie auch im Stillen trauern. Eine symbolische Kerze anzünden, die sie mit den Flammen ihrer eigenen Magie in Brand steckte, um so ihrem Kind den Weg zu einem besseren Ort zu ebnen.

Asssija schien es dabei bewenden zu lassen und lenkte ihre Fragen in andere Bahnen. Und sie schien noch längst nicht bei ihren altgewohnten, wenngleich nicht unbedingt ausgeprägteren, Kräften zu sein. »Habt ihr euch einigermaßen gut verstanden, du und Shaharií?“ fragte sie ein wenig besorgt. „Möchtest du nicht ein wenig mit ihr streiten? Dann wärest du wütend, und ich könnte ein wenig von deiner Wut zehren.« Der Dämon grinste, wenn auch nur kurz. Wut genug hätte er um Assija für zehn Tage mit Kraft versorgen zu können. Wut auf Shahariì und ihre hinterhältige List. Wut auf ihre Drohungen. Wut auf die Unfähigkeit sich gegen Shahariís Zauber zu wehren und Wut auf die Ungewissheit, was das magische Band wohl mit sich bringen würde, welches Shaharií geknüpft hatte. Und während er nur daran dachte, worauf er alles wütend sein könnte, da verkrampften sich unterbewusst seine Finger in den geballten Fäusten. Seine Gedanken wurden sprunghaft und hektisch und ohne es direkt zu bemerken, erhöhte sich sein Herzschlag und die Anzahl seiner Atemzüge. Der Dämon schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass das jetzt eine besonders gute Idee ist, Sija.« Er legte ihr seine Hand auf die ihre und stand dann auf. »Aber es gibt andere Möglichkeiten, um dir Kraft zu spenden. Und das weißt du genau.« Natürlich sprach er von seinem Blut, dass sie jederzeit trinken konnte, um so die ungeheure Macht in sich zu spüren, die das Dämonenblut in Elfen hervorrief, die über Magie gebieten konnten. Assija folgte seinem Beispiel und erhob sich ebenfalls von dem Lager, um sich ein wenig die Beine zu vertreten.

Die Tage zogen schleppend an ihnen vorüber. Ebenso schleppend, wie sie voran kamen. Aus dem Beine vertreten, war ein Marsch geworden, der inzwischen schon viele Tage andauerte. Sie hatten keine Pferde und der Wagen, dem Drachen kam es wie eine halbe Ewigkeit vor, als sie den Wagen von einem fahrenden Händler an sich genommen hatten, stand noch immer in Brisangen. Sie hatten ihn, auf ihrer eiligen Flucht aus dieser Stadt, in den Stallungen stehen gelassen. Sollte das Feuer des Dämon die Stallungen verschont haben würde der Stallmeister sich zweifellos zunächst darüber ärgern, dass niemand vorbei kam um die Zeche für weitere Nächte zu berappen. Doch früher oder später würde aus diesem Unmut zweifellos eine diebische Freude werden, wenn der Wagen somit in seinen Besitz überging. Nicht nur, dass das Feuer seinen Besitz verschont hatte, nun gehörte ihm auch noch ein neuer Wagen und ein Pferd dazu! Nicht zu vergessen all die Dinge, die sich noch auf dem Wagen befanden. Ein hübsches Sümmchen dass er dazuverdienen würde. Assija, Shaharií und der Drache hingegen marschierten, oder viel eher wanderten, durch das Gehölz und auf Trampelpfaden durch das Unterholz der wilden Wälder der Nordreiche. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen, auch wenn niemand von ihnen auch nur die leisteste Ahnung hatten, ob sie sich in die richtige Richtung bewegten, oder wie viel Weg sie noch vor sich hatten. Dazu kam, dass sowohl Shaharií als auch Assija nicht im Entferntesten mit der Laufgeschwindigkeit des Dämon mithalten konnten. Immer wieder mussten sie eine Rast einlegen, was an den Umständen zugrunde lag, dass seine Begleiterinnen zwei schwächliche Frauenzimmer waren. Assija war als Drachenerbin noch um ein Stück weniger strapazierfähig wie Shaharií, welche mit jedem Tag, der seit ihrem Aufbruch vergangen war, an Kraft gewonnen hatte. Doch Tag und Nacht ohne Pause zu marschieren, das hielt selbst die Menai nicht aus. Selbst der Dämon stieß irgendwann an seine Grenzen, auch wenn das Feuer, dass in ihm brannte, ihn stets dazu antrieb weiter zu gehen. Wie die Glut einer Esse, die Tag um Tag den härtesten Stahl zum Schmelzen brachte. Und diese Glut wurde immer weiter geschürt. Mit jedem Tag, der verging, hatte der Dämon mehr Zeit über den Bannzauber der Menai und ihre Worte nachzudenken. »Du bist ein Narr.«, tönte die Stimme des zweiten Gesichtes in seinem Kopf. »Du hast dich vorführen lassen, wie ein dummes, kleines Gör! Von einem Weibsbild hinters Licht geführt! Hast du denn gar nichts gelernt?« Das zweite Gesicht lachte gehässig. »Alle Frauen sind Böse und auch wenn ihre Haut so schwarz wie Kohle ist, und ihre Haare so weiß wie Schnee, so ist sie doch nichts weiter als eine Frau.« Der Dämon brummte unwillig und, wie so oft auf dieser kräftezehrenden Reise, begann er sich am Hinterkopf zu kratzen. Dort, wo die Narben, welche die letzten Anzeichen des zweiten Gesichtes und heute nur mehr verschorfte und an Tagen wie diesen, blutige Furchen waren, sich unter dem schwaren Haar des Dämon verbargen. Das Kratzen half, wenn auch nur wenig. Das zweite Gesicht lachte, aber es schwieg. Und der Dämon seufzte schwer. Die Reise verging langsam, da sie oft eine Rast einlegen mussten. Doch der schwarze Drache konnte nicht einmal den Vorzug der Einsamkeit genießen, da die Menai sich ständig in der unmittelbaren Nähe zu der Drachenerbin und dem schwarzen Drachen befand. Und dazu kamen noch die Dämmerstunden und die lange Nacht, in welcher es ratsam war zu rasten, anstatt blindlings durch die Dunkelheit zu tappen. Wenn die Sonne hinter dem Horizont versank und die Sterne, sowie der Mond, an ihren Platz traten. Im Dunkeln weiterzugehen war töricht, selbst wenn sie einen mächtigen Dämon, der über die Macht des Feuers gebieten konnte, sowie eine nicht weniger mächtige Hexe aus dem Land schwarzer Menschen unter sich hatten. Und seit drei Tagen begann mit dem Einbruch der Nacht stets das Wolfsgeheul eines nahen Rudels und es endete nicht vor der ersten Stunde nach Mitternacht. Es war Kräftezehrend und Nervenaufreibend und es schien beinahe, als ob die Wölfe ihnen folgen würden, nur um sie des nächtens mit ihrem Geheul um den Schlaf zu bringen. Und schon an am ersten Abend hatte der Dämon seinem Zorn freien Lauf gelassen, indem er lauthals gebrüllt hatte, um das Geheul der Wölfe zu übertönen. Überdies gab es in diesen Wäldern noch andere Gefahren, als Wölfe. Einzelgängerische, große Bären, Raubkatzen wie den Berglöwen oder andere, wilde Kreaturen, die auf vier oder auf zwei Beinen gingen. Je weiter sie nach Osten vordrangen, desto tiefer drangen sie in die westlichen Ausläufer der Orkgebiete ein, und mit jedem Tag der verging, war mehr und mehr Vorsicht geboten, wenn sie nicht in ein Nest Orks treten wollten. Diese wilden Krieger waren alles andere als umgänglich.

Jeden Tag, wenn das Zwielicht der Abenddämmerung einsetzte, schickte der schwarze Drache sich an Feuerholz zu sammeln und einen Hasen, ein Reh oder einen Fasan zu erlegen, damit sie etwas anderes essen konnten als Beeren oder Wurzeln, welche sie des Tags über zu sich nahmen. Nicht jede Jagd war von Erfolg gekrönt und in jenen Nächten war der schwarze Drache noch ungehaltener, als an den anderen. Er saß still am Feuer, starrte in die Flammen und kaute auf einer bitteren und widerlich schmeckenden Wurzel, die Shaharií irgendwo ausgegraben hatte. »Diese Wurzeln sind reich an Nährstoffen und spenden Feuchtigkeit.« Pha! Der Drache verwünschte die Menai und ihre Weisheiten. Ihm gelüstete nach einem Stück Fleisch, gut durchgebraten und saftig. Nicht nach saftigen Wurzeln, trockener Baumrinde oder zähen Pilzen. Selbst Beeren oder Obst waren eine Abwechslung, doch zu dieser Jahreszeit trugen nur sommerliche Beerensträucher und die Areskersträuche Früchte und diese waren nicht nur widerlicher als die Wurzeln es waren, sondern obendrein noch giftig, wenn man sie roh verzehrte. Äpfel, Birnen oder Wachholder trug keine Früchte, Brombeeren oder Walderdbeeren gab es in dieser Gegend augenscheinlich nur sehr selten und so gab es für die drei Wanderer nichts anderes als Wurzeln, Baumrinden, Ahornharz und Pilze, so sie welche fanden. Über dem Lagerfeuer simmerte eine bräunliche Flüssigkeit, die einen süßlichen Duft verströmte. Sie hatten Ahornrinde geerntet und den Saft aus der holzigen Rinde gepresst, bis der Boden des Kupferkessels des Archäologen vollständig damit bedeckt war. Als der Saft zu Kochen begonnen hatte, nahm Shaharií den Kessel vom Feuer und schüttete einen beträchtlichen Teil ihres Wassers hinein, sowie einige Wurzeln, Areskerbeeren, und wie auch immer geartete Kräuter, die sie über den Tag hinweg gesammelt hatten. Mit jedem Eintopf, den sie kochen mussten, schrumpfte ihr Wasservorrat. Und mit jedem Eintopf den sie kochen mussten, wuchs die Gewissheit, am nächsten Tag wieder Wurzeln und Rinden zu zerkauen, um so das kostbare Wasser zu sparen, da es in dieser Gegend keinen Fluss oder See zu geben schien. Wenn es einen gab, so hatten sie ihn bisweilen noch nicht gefunden. Diese Nacht gab es wieder kein Fleisch, welches man dem Eintopf beimengen konnte und wieder starrte der schwarze Drache frustriert auf den Topf und vergrub das Kinn in den Handflächen. »Mir geht dieser Fraß auf den Geist.«, brummte er ungehalten und stocherte mit einem Stock in der Glut, um diese ein wenig anzufachen. »Seit Tagen haben wir weder eine Menschenseele, noch ein Tier gesehen. Nur die vermaledeiten Wölfe heulen uns seit drei Nächten die Ohren voll! Ich schwöre, wenn wir nicht bald auf eine Straße treffen, oder einen Hirsch fangen, dann werde ich einem Wolf das Fell abziehen, und den dann rösten!« Wieder stocherte er in der Glut und kleine Funken stoben in den Himmel, bis sie schließlich verglühten und als erkaltende Asche zu Boden rieselten. Shaharií schien das Gemurre des Drachen bewusst zu überhören. Stattdessen rührte sie die dicke Pampe mit einem hölzernen Löffel, ebenfalls aus dem ehemaligen Besitz des Archäologen, und zauberte einen wohlriechenden, bittersüßen Eintopf aus Ahorn, Aresker und verschiedenen Wurzeln und Kräutern. Es war ein gewöhnungsbedürftiges Mal, aber es sättigte. Und das war die Hauptsache. Und zumindest war es warm, und man musste nicht stundenlang auf einer holzigen Wurzeln kauen, um überhaupt etwas Nahrhaftes im Mund zu haben.

Die Nacht näherte sich dem Ende. Die Wölfe hatten endlich mit ihrem Geheul aufgehört und Assija, sowie die Menai schliefen tief und fest. Nur der schwarze Drache nicht. Der lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starrte auf den Sternenhimmel. Irgendwann flog eine Sternschnuppe in seinem Sichtfeld vorbei, doch so schnell wie sie erschienen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Der schwarze Drache glaubte nicht an die Ammenmärchen der dummen Bauern, dass eine Sternschnuppe Glück brächte, oder Wünsche erfüllen würde. Er starrte nur auf den Sternenhimmel und selbst nach Stunden des Suchens, konnte er nichts anderes in ihnen sehen, als endloses Chaos. Wo waren die Ordnung und die Bilder, die Assija in den Sternen sehen konnte? Und warum sonst sollten Sterne aus dem Himmelszelt fallen? Der Dämon schloss die Augen und lauschte in die Nacht. Es herrschte absolute Totenstille. Keine Insekten, keine Vögel und auch keine Wölfe waren zu hören. Nicht einmal das Rascheln von Blättern im Wind, oder gar der Wind selbst, waren zu vernehmen. Doch der Drache konnte keinen Schlaf finden. Er konnte es selbst nicht sagen warum. Er wusste nur dass er nicht müde war. Und so lag er, bis der Morgen graute, und mit den ersten Sonnenstrahlen war er schließlich doch in einen traumlosen Schlaf geglitten. Ein Schlaf, der nicht lange anhalten würde, denn als die Frauen schließlich erwachten rissen ihre Stimmen ihn erneut aus dem Schlaf, den er sich so schwer erkämpft hatte.

Vermutlich wäre der Drache irgendwann verrückt geworden, wenn es noch länger so weiter gegangen wäre. Stundenlanges Marschieren. Wurzeln kauen und abendliches Wolfsgeheul. Dazu nur widerlich schmeckender Eintopf und keine Straße weit und breit. Doch am nächsten Tag, zur ungefähren Mittagsstunde, wurde er schließlich von seinen Qualen erlöst. Sie fanden einen ausgedehnten Trampelpfad. Tiefe Furchen in dem lehmigen Boden bezeugten, dass auf diesem Pfad Wagen verkehrten. Und dies oft genug, um tiefe Furchen zu bilden, die über längere Zeit erhalten blieben. Wie viel Weg sie noch vor sich hatten, wagte er nicht zu schätzen. Doch dass sie die Wildnis endlich hinter sich gelassen hatte, stimmte ihn ein wenig zuversichtlicher, als es noch letzte Nacht gewesen war. Zur Mittagsstunde mündete der Pfad, den sie verfolgten, in einer großen Lichtung, aus welchem sich der Weg dann in zwei Richtungen gabelte. Und genau an der Weggabelung, nahe des Waldesrandes, gingen zwei Menschen über die Wiese und unterhielten sich. Sie trugen einige Weidenkörbe und schienen den Dämon und die beiden Frauenzimmer zuerst gar nicht bemerkt zu haben. Doch dann hielten sie jäh inne, sahen einander an, bevor sie sich wieder in Bewegung setzten, direkt auf sie zu... Sie wirkten nervös, doch als sie erkannten, dass sich zwei Frauen unter ihnen befanden, schienen sie gelöster zu wirken. Was konnte an zwei Frauen schon allzu schlimmes sein? Sie waren zweifellos keine Wegelagerer und auch keine Orks, soviel stand fest. Also entspannten sie sich, wenn auch nicht gänzlich, und kamen den Dreien entgegen. »Seid gegrüßt!«, sprach der größere von ihnen mit der gemeinen Zunge, die in diesem Teil des Landes üblich war und es entging weder dem Dämon, noch der Menai, dass er diese wohl ganz besonders verwundert anzustarren schien. »Es ist selten, dass man hier auf Menschen trifft. Darf ich mich vorstellen, ich bin Norrat, Zeidler von Beruf und das ist Arkhee, ein guter Junge. Eines Tages wird er in meine Fußstapfen treten, und die Zeidlerei übernehmen.« Die Worte waren freundlich, und die Drei erwiderten diese Freundlichkeit, wenn der Drache es hierbei aber an Höflichkeiten ermangeln ließ. »Ajun.« Stellte er sich einsilbig vor, und so lag es, wie allzu oft, an Assija für einen besseren, ersten Eindruck zu sorgen. »Ihr müsst unserem Begleiter seine Wortkargheit verzeihen. Wir haben einen langen Weg hinter uns. »Und das ganz ohne Pferde oder Maultiere, wie ich sehe.« Der Ältere nickte verstehend und seine Blicke waren nachsichtig, wenn auch etwas verunsichert. » Sagt, wollt ihr uns nicht Gesellschaft leisten? Ihr drei seht hungrig aus. Wir haben nicht viel, aber was wir haben, teilen wir gerne, nicht wahr Arkhee?« Der Bengel nickte eifrig und sein rotes Haar schien sich dabei zu wiegen, wie brennendes Stroh. Der schwarze Drache brummte ungehalten, während seine Blicke mehr der Hütte galten. Eben jener Hütte, auf welche Norrat gedeutet hatte, als er von "unserer" Hütte gesprochen hatte. Dem Drachen entging nicht, dass die Hütte sehr einfach war. Sie wirkte sehr klein und bestand wohl höchstens aus zwei Räumen. Eine armselige Behausung, mitten im Wald, für zwei armselige Töplel und ihre Bienchen. Auch die beiden Kühe, sowie das einzelne, stolze Pferd, welche unweit der Fremden grasten, waren dem schwarzen Drachen nicht entgangen und ein bösartiger Gedanke bemächtigte sich seiner. Und das Essen war ebenso einfach wie die Hütte. Wurst, Brot und Honig. Nichts, wonach sich der Drache, für gewöhnlich, die Finger ablecken würde. Doch alles war besser als Eintopf. »Wenigstens keinen Eintopf.», murmelte der Drache monoton und schenkte dem Jungen kaum einen Augenblick nennenswerter Aufmerksamkeit, da er schon alleine bei dem Gedanken an einen Eintopf den Mund verzog.

Assija hingegen schien regelrecht verzückt zu sein. Natürlich war dies nur logisch, wenn man Tage in der Einöde der Wildnis auf sich allein gestellt war, dass fremde Gesellschaft eine willkommene Abwechslung war, und war sie auch noch so einfach. Aber der Drache sah keinen Grund ihr die stumme Bitte ihres fragenden Blickes auszuschlagen. Zumal Shaharíi vermutlich sowieso wieder eine ihrer Binsenweisheiten vom Stapel gelassen hätte, wenn der Drache über die Köpfe der beiden Frauen hinweg entschieden hätte, weiter zu ziehen. Auch wenn es, bis auf etwas Gesellschaft und einem kargen Mahl, dass keine Wurzeln und Beeren, sondern nur Brot und Honig beinhaltete, nichts zu erwarten hatten. Im Haus gab es keine drei Betten, die zufälligerweise noch frei waren und nur auf sie gewartet hatten, um in ihnen zu schlafen, anstatt mit dem kalten und harten Waldboden vorlieb nehmen zu müssen. Er hatte auch keinen Badezuber oder gar einen kleinen, idyllischen Badesee im Garten. Also konnte man sich auch den Dreck der Reise nicht vom stinkenden Leib waschen. Alles was diese erbärmlichen Zeiler hatten waren eine Kuh und einen abgemagerten Klepper, welcher die Bezeichnung Pferd in keinster Weise verdient hatte. Und so löste der Dämon die Arme aus seiner Verschränkung und nickte nur stumm. Sollte Assija ihre kurzweilige Ablenkung genießen. Der Drache würde etwas Brot mit Honig vertilgen und dann nach etwas Wasser suchen gehen. Denn wo zwei Bienenzüchter im Wald lebten, musste auch Wasser in der Nähe sein. Alles andere wäre schlichtweg töricht gewesen. Norrat und Arkhee erweckten in dem schwarzen Drachen nicht unbedingt den Beschützerinstinkt, der ihn dazu aufrief um Assija oder gar die Menai besorgt zu sein. Zumal Letztere durchaus in der Lage zu sein schien, sich gegen zwei Bauern mit Forken und Fackeln zur Wehr setzen zu können. Und so nickte der schwarze Drache dankend, als er das Honigbrot gegessen hatte und erhob sich von dem einfachen Tisch, an dem sie alle saßen. »Da ich nicht annehme, dass ihr einen Abort in der Hütte habt, werde ich mir einen einladenden Baum suchen gehen.« Und so verschwand er aus der Hütte und entgegen seiner Worte, verrichtete er seine Notdurft nicht an irgendeinem Baum, nicht einmal an dem erstbesten, sondern direkt an der Wand der Hütte selbst. Und er kam nicht umhin dabei wie ein diebisches Schlitzohr zu grinsen.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » So, 03. Apr 2016 21:45

Bloß einen Tag nachdem die Menai den Zauber auf Assija gewirkt hatte, verließ das Merkwürdige Gespann das Zelt des Archäologen, was diesen nicht weniger zu begeistern schien als die Drachenerbin, welche seit ihrem Erwachen von stetem Tatendrang geplagt war. Der Zauber hatte beinahe besser gewirkt als die Ruferin erwartet hätte, was wohl nicht zuletzt an dem starken Willen lag, den man den Drachenerben nachsagte. Scheinbar stimmten die Erzählungen. Ajuns Gemüt hingegen schien zwiegespalten. Die wenigen Blicke die er Shaharií zuwarf sprachen Bände, auf der anderen Hand war er wohl ebenfalls erstaunt darüber, wie gut der Zauber wirkte, sowie erfreut über den Zustand der Drachenerbin. Er mochte ihr Handeln wohl als Verrat sehen, dabei war es viel mehr eine Versicherung für die Menai. Immerhin hatte sie ihm den friedlichen Weg angeboten und er hatte ihn in seiner arroganten Manier ausgeschlagen. Dazu konnte die Ruferin sich keinen Verrat vorstellen, bei dem dem vermeintlich Verratenen dennoch geholfen wurde. Hätte sie ihm schlicht schaden wollen, wäre dies nach der Erneuerung ihres Rituals kein Problem gewesen. Gerade wo sein Geist von Sorgen und Ungewissheit geplagt war. Mit etwas Glück würde er beizeiten schon verstehen, dass sie sich lediglich gegen seine unvorhersehbare Wankelmütigkeit versichern musste. An ihrem Angebot ihm weiterhin zu helfen hatte sich damit – zumindest für sie – nichts verändert.

Dennoch zog Shaharií es in den ersten Tagen ihrer weiteren Reise vor, sich zu Assija zu gesellen. Ihr neuentbrannter Lebenswille war dabei geradezu ansteckend und die beiden Frauen legten einen Großteil des Marsches redend zurück. Der Mangel an vernünftigem Essen und ausreichend Trinken zerrte nichts desto trotz an den Gemütern. Hier und da konnte die Menai einige Kräuter, Wurzeln und Beeren aus dem Dickicht sammeln. An anderen Tagen passierten sie spärlich bewachsene Gegenden in denen hauptsächlich Farne wucherten und Moose die halbwegs verdaulichen Rinden bedeckten. In Menainon war es ein Kinderspiel für sie, in die Gedanken kleinerer und größerer Tiere zu dringen und sich diese zur einfachen Beute zu machen. In diesem Abschnitt der wilden Lande aber schien die Fauna argwöhnisch und die meisten Waldbewohner verschwanden im Unterholz bevor die drei Reisenden auch nur in Sichtweite gelangten. An anderen Tagen war der Dämon jedoch erfolgreich bei seiner allabendlichen Jagd. Fleisch war ein gerngesehener Zusatz zu den faden Eintöpfen die ihnen gerade genug Energie gaben, um den Marsch überhaupt fortzusetzen aber gleichermaßen die Wasservorräte verschlungen. Der Archäologe war so gut, ihnen ein paar abgetragene Wasserschläuche mitzugeben, welche sie an seinen Vorräten befüllen durften. Zu ihrem Leidwesen kreuzte ihr Weg weder einen Flusslauf noch ein Bächlein. Nicht mal ein Tümpel dessen Wasser man hätte abkochen können. Und ebenfalls anders als in Menainon speicherten die Pflanzen hierzulande nur wenig Wasser. Von allem was sie da fanden, waren Beeren und der Tau auf größeren Blättern noch die besten Quellen für Wasser. Und mit jedem Tag der Verging, stieg die Sehnsucht nach einem warmen Bad und sauberer Kleidung und einer richtigen, nahrhaften Mahlzeit. Ihr Kaftan war verschlissen und ihre Knöchel und Waden aufgeschrammt von dem lästigen Wurzelwerk. Es glich einer Tortur und für eine Frau ihres Standes, der in ihrer Heimat jeder Luxus zuteilwurde, war es eine Zumutung. Irgendwann mussten sie doch wieder auf eine Siedlung stoßen? Und wenn es schon keine Stadt war, dann wenigstens ein Dorf. Ihretwegen auch ein einfaches Gasthaus am Wegesrand. Doch hier? Hier war nicht einmal ein Weg, geschweige denn ein Wegesrand und schon gar keine Gaststätte. Hier war nichts außer Wildnis, Bäumen und unzähligen Farnen. Umso mehr die Menai darüber sinnierte, umso passender empfand sie die Bezeichnung der wilden Lande. Bei den wenigen Gelegenheiten die Ajun nutzte um etwas von sich zu geben, erklärte er, dass sie dem Gebiet der Orks näher kamen. Möglicherweise sagte er dass auch bloß, damit die beiden Frauen sich weniger unterhielten. Shaharií konnte ohnehin nicht mehr beurteilen, wo sie sich aufhielten.

Nachdem mehrere Tage verstrichen waren und man nicht einmal mehr sagen konnte, ob sie nicht vielleicht einfach nur im Kreis irrten, begann die Ruferin an den Wegfindungstalenten Ajuns zu zweifeln. So stoisch wie er war, könnte es sein, dass er all die Tage lediglich seiner Nase gefolgt war. Nach einer knappen Woche aber, vielleicht auch etwas länger, begann der Wald sich deutlich zu lichten. Ein gutes Zeichen. An der Waldgrenze war die Gegebenheit wesentlich höher, auf ein Örtchen zu stoßen. Assija war in den letzten zwei Tagen wesentlich unruhiger geworden und an diesem Tag, der schon knapp bis zur Mittagsstunde verstrichen sein musste, schien ihre Unruhe den Höhepunkt erreicht zu haben. „Ist bei dir alles in Ordnung?“ zupfte die Menai am Gewand der Drachenerbin, welche in ihren Gedanken schwelgte. „Du wirkst aufgekratzt…“ brachte sie gerade noch hervor, als in einiger Entfernung der wiederhall von Stimmen die idyllischen Geräusche der Natur vertrieb. Alle Drei hielten inne, aber bloß für einen Moment. Bloß bis sich in der Ferne zwei Gestalten abzeichneten. Ajuns Körper hatte sich angespannt, wie der eines wilden Tieres das Gefahr witterte, nur um sich einen Augenblick später wieder zu lockern. Wie der Menai muss ihm eingeleuchtet haben, dass zwei Personen keine sonderliche Gefahr für die Gruppe darstellen konnten. Und wie Orks sahen die Silhouetten bei weitem nicht aus. Assija hatte sich unterdessen reflexartig die Kapuze über das Haupt gezogen. Eine kleine und dennoch vielsagende Geste, die der Ruferin ins Gedächtnis rief, dass sie als Elfe mit roten Haaren ähnliche Ablehnung in den Nordreichen erfahren musste, wie sie selbst. Als Shaharií während ihrer Lehre zum ersten mal in den Nordreichen war, hatte sie sich ebenfalls unauffällig gegeben, so gut es eben möglich war. Auch sie hatte ihr Haupt unter einer Kapuze verborgen und zu dieser Zeit hatte sie noch nicht einmal ihre ungewöhnlich weiße Haarpracht, die ihr Äußeres nur noch ungewöhnlicher erscheinen ließ. Ohne die Macht die ihre Magie ihr gab, würde sie es wohl heute noch so handhaben. Doch mit Macht kommt nicht selten der Stolz. Ein Stolz der es ihr verbietet sich ihrer Erscheinung wegen zu verstecken. Mittlerweile hatten die beiden Gruppen sich einander angenähert. Es war deutlich zu erkennen, dass es sich weder um Wegelagerer noch andere Banditen handelte. Nicht einmal Jäger oder Förster. Einer der beiden war älter, noch nicht rüstig aber doch betagt. Der andere hingegen war ein Jungspund. Möglicherweise im alter Assijas, wahrscheinlich sogar noch etwas jünger. Wesentlich auffälliger als sein Alter war allerdings seine Haarfarbe. Sie entsprach in beinahe jeder Nuance der von Assija und umso näher er ihnen kam, umso deutlicher zeichneten sich die Sommersprossen auf seinem Gesicht ab. Die Drachenerbin musste ähnliche Gedanken gehabt haben, denn ihr Blick war auf den jungen Fixiert, als hätte sie einen Geist gesehen.

„Seid Gegrüßt!“ rief der Ältere ihnen recht vorbehaltslos entgegen. Eine ungewöhnliche Offenheit dafür dass sie doch nahe der Orkgebiete und in einem vermeintlichen Niemandsland waren. Sein Blick haftete dabei deutlich sichtbar auf der Menai. Ein Umstand der der Ruferin nicht wirklich neu war. In dieser Wildnis erwartet man wohl vieles, aber sicher keine schwarze Menai mit weißem Haar in zerrissener Kluft. „Es ist selten das man hier draußen auf Menschen trifft…“ fuhr er fort und wieder zeichnete sich ein schiefes Grinsen auf den Lippen der Menai ab. Menschen. Ein Begriff der auf Shaharií noch am ehesten zutraf und trotzdem nicht viel mit dem zu tun hatte, was die Drei waren. Im selben Atemzug stellte er sich als Norrat der Zeidler vor und Shaharií erwiderte seine Begrüßung mit einem leichten Kopfnicken. „Ich bin Shaharií, Ruferin aus dem fernen Menainon, wie ihr sicher schon erraten habt“ lächelte sie den Fremden freundlich entgegen. Dieser nutzte unterdessen die Gelegenheit seine Begleitung vorzustellen. Arkhee. Nicht nur der Menai hatte in diesem Augenblick wohl die Frage auf der Zunge gebrannt, ob es sich bei dem Jungen wohl ebenfalls um einen Drachenerben handelte. „Ruferin also?“ kratze Norrat sich am Kiefer und musterte die Menai noch einmal umso deutlicher. „Was ruft man im fernen Menainon denn so?“ legte er mit freundlicher Neugierde nach. „In meiner Heimat steht das für eine Art Priesterin…“ erklärte sie kurzerhand, ohne den Alten zu sehr von seinem eigentlichen Anliegen abzubringen. „So so. Eine Hitze ist das hier Heute. Sagt, wollt ihr uns nicht Gesellschaft leisten? Ihr Drei seht hungrig aus. Wir haben nicht viel, aber was wir haben teilen wir gerne, nicht wahr Arkhee?“ der Junge stimmte nickend zu, machte dadurch aber keinen besonders hellen Eindruck. Shaharií warf derweil einen Blick gen Horizont. Die Sonne schien kräftig, aber auf die Idee die Hitze zu beklagen, wäre sie bei weitem nicht gekommen. In Menainon wären die Temperaturen im besten Fall einem milden Tag gleichgekommen. Mit geteilter Aufmerksamkeit nahm sie wahr, wie Norrat nebenbei anpries, was die beiden zu bieten hatten. Eine Floskel die er sich hätte sparen können. Zumindest für die Menai. In ihrem derzeitigen Zustand hätte sie jede Einladung angenommen, die Aussicht darauf versprach, dass sie nicht weiter von ihren knappen Vorräten zehren musste. Die Drachenerbin haftete ihren bittenden Blick an Ajun und es war bloß der Höflichkeit zu verdanken, dass Shaharií dem Mann der Gruppe die Antwort überließ. Selbst wenn sie ein Nein nicht toleriert hätte. Mit stiller Zustimmung, die wohl Assijas Bitte geschuldet war, nahm Ajun das Angebot der Zeidler an und so folgten die Drei den beiden zu ihrer unweit entfernten Behausung. Eine einfache Hütte, zwei Kühe, ein Pferd und vermutlich unweit entfernt einige präparierte Bäume für die Bienen. So wie man es von Zeidlern in dieser Wildnis erwarten konnte. Sogleich keimte jedoch die Hoffnung in der Menai auf, dass die beiden gelegentlich von Händlern besucht wurden oder wenigstens eine Siedlung in der Nähe lag. Immerhin war es unwahrscheinlich, dass die beiden sich mit dem wenigen Getier selbst versorgten. Insbesondere da sie Brot hatten, welches sie kaum selbst herstellen würden. Demnach musste es innerhalb weniger Tagesmärsche noch weitere Menschen geben.

In der einfachen Hütte angekommen, machte sich Ernüchterung breit. Es war eine wirkliche simple Behausung, mit einem Zuber war ohnehin nicht zu rechnen und an dem kleinen Tisch würde es zu fünft reichlich eng werden. Auch ausreichend Betten standen nicht zur Verfügung, wenngleich es bedeutend angenehmer sein würde, sich auf einige Felle zu betten anstatt auf dem kargen Waldboden zu nächtigen. Mit Hilfe Arkhees konnte Norrat den kleinen Tisch schnell decken und im Handumdrehen fand ein Weidenkorb mit Brotstücken, einige Würste sowie ein großer Tonkrug mit Honig seinen Weg darauf. Auch ein Kännchen mit Honigwein brachte Norrat herbei, sicher aus eigener Herstellung wie er in kürze stolz verkünden würde. Dazu noch eine Schale gefüllt mit Feldsalat und Löwenzahnblättern und schon hatte nichts mehr Platz auf dem Tischlein. Kein überwältigendes Mahl, aber Shaharií nahm dankbar nickend Platz und belegte ihr hölzernes Brettchen mit einigen Stücken Brot und Wurst und auch ihren Becher füllte sie rasch mit dem herbeigebrachten Honigwein. „Zeidler…“ begann Shaharií nachdem sie hastig einige Stücke Brot vertilgt hatte;“… züchten keine eigenen Bienen sondern leben von wilden Bienen, nicht wahr?“ – „Das stimmt…“ erwiderte Arkhee grinsend, der seinen Blick nur zaghaft von Assija lösen konnte. „Ja, so ist es“ stimmte auch Norrat mit ein. „Ihr müsst eine ertragreiche Gegend gefunden haben. Eure Behausung scheint nicht erst kürzlich errichtet wurden zu sein?“ Da lachte Norrat zufrieden auf. „Auch das stimmt! Ich habe hier schon von den Bienen hier gelebt, bevor Arkhee geboren wurde. Wir haben hier viele Nadelhölzer und durch die vielen Lichtungen und Weideflächen haben die Bienen jede Menge Nahrung. Jahr für Jahr siedeln sich in der Umgebung neue Völker an. Ich habe sogar schon überlegt ob ich es mit angelegten Bienenstöcken probieren soll, wie es die Imker weiter im Osten machen. Das regelmäßige Klettern machen meine Knochen ohnehin nicht mehr lange mit…“ grinste der Alte verlegen. Just in dem Moment erhob Ajun sich von dem Tisch, welcher für den massigen Körper des Dämons viel zu klein geartet war und erklärte, dass er sich Erleichterung verschaffen würde. „Ihr scheint einiges über die Zeidlerei zu wissen?“ fragte Ahkee, wenngleich sein Blick unstet zwischen der Drachenerbin und der Menai schwankte. „Nur ein wenig. In meiner Heimat sind Imker wesentlich verbreiteter“. Lautstark stellte Norrat seinen Becher auf den Tisch, welchen er mit einem kräftigen Schluck geleert hatte. „Wir können euch gern eines unserer Völker zeigen! Im Baum hinter der Hütte lebt mein ältestes Volk. Das hat mich schon über einige Winter gerettet, dass kann ich euch sagen!“ Shaharií wischte sich mit dem Handrücken einen Rest von Honigwein von den Lippen und nickte seicht. Jedwede Unterhaltung kam ihr eigentlich nur gelegen. Auch Assija erhob sich vom Tisch um den Zeidlern zu folgen. Nur galt ihr Interesse sicher weniger den Bienen. Nur wenige Schritte hinter der Hütte, vorbei an der kleinen Umzäunung für die Rinder, stand eine alte dicke Fichte. Einige Äste wurden entfernt und an der Vorderseite prangten einige vernagelte Bretter die als Leiter zu einem ausgehöhlten Bereich des Baums dienten, um welchen sich zahlreiche Bienen tummelten. „Da sind sie! Eines der größten und ertragreichsten Völker weit und breit. Komm etwas näher heran, keine Angst es passiert schon nichts…“ zupfte Arkhee an Assijas Hand. „Benimm dich, Junge!“ fuhr im Norrat sogleich ins Wort und warf ihm einen scharfen Blick zu. „Wenn das Fräulein etwas Abstand halten möchte, dann lass sie auch. Oder hab ich dich am ersten Tag gleich in den Stock geworfen?“ kaum hatte Norrat sich wieder der Fichte zugewandt, zog der junge Rotschopf eine fiese Grimasse in dessen Richtung. Er wirkte schon wesentlich weniger beschränkt als noch zu beginn. Woran das wohl lag? „Es ist nicht verkehrt etwas Abstand zu wahren. Bienen sind friedliche Tiere, aber wenn es um die Verteidigung des Stocks geht, kann so ein Schwarm durchaus gefährlich werden. Wir nähern uns auch nicht, ohne die Bienen vorher mit Rauch zu beruhigen…“ Beruhigen war dabei eine freundliche Umschreibung dafür, dass sie die Bienen mit Einsatz von Räucherwerk benommen machten, um an ihren wertvollen Honig zu gelangen. Ein diebisches Grinsen machte sich im Gesicht der Ruferin breit und sie ging, entgegen der Warnung an Norrat vorbei, bis sie einige Schritte vor dem massiven Stamm der Fichte stehen blieb. Schließlich streckte sie die Hand mit leicht angewinkeltem Arm in Richtung der umherschwirrenden Bienen und bloß einen Augenblick später kamen einige von diesen in ihre Richtung. „Ich wäre vorsichtig wertes Fräulein Priesterin, wir kommen gerade vom Essen, die Bienen könnten uns mit Nahrung verwechseln!“ mit diesen Worten wischte Norrat sich etwas Schweiß von der erhöhten Stirn. Sicher wollte er seine Gastfreundschaft nicht mit der Behandlung einiger Stiche verbinden. Die Bienen aber hätten die Menai nicht gestochen. Nein. Mehr und mehr nahmen friedlich auf der ausgestreckten Hand Platz, wo die Ruferin sie aus nächster Nähe begutachten konnte. Zum Erstaunen des Zeidlers. „In der Tat, ein schönes Volk habt ihr da…“ kicherte die Menai und wandte den Blick nicht von den Bienen. „Da bin ich aber Baff!“ prustete Norrat und trat auch ein paar Schritte heran, um zu verstehen was dort vor sich ging. Er verstand es nicht. „Ihr scheint im wahrsten Sinne ein Händchen für Bienen zu haben, ha!“ tat er seine Erleichterung anschließend Kund. „Ein schöner Zaubertrick ist das“ staunte auch Ahkee, während eine Biene nach der anderen sich von der Hand der Ruferin löste und zurück zur Öffnung im Stamm summte. Als die Menai sich wieder umdrehte, konnte sie sich ihr wissendes Grinsen nicht verkneifen. „Oh, ich bin mir sicher, dass sie mich mit dem ganzen Dreck unserer langen Reise nicht mit Nahrung verwechseln. Selbst wenn das Mahl noch so lecker war. Sagt, gibt es hier die Möglichkeit sich zu waschen? Und es wird spät…“ stellte sie mit einem weiteren Blick zum Himmel fest. Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten und in einigen Stunden würde die Dämmerung über sie hereinbrechen. „Und gäbe es eine Möglichkeit, wo wir für die Nacht unterkommen könnten?“ – „Gar kein Problem!“ schoss Norrat hervor. „Nur einen Pfeilschuss von hier entfernt ist ein kleiner Bachlauf, von da holen auch wir unser Wasser. Kommt direkt aus den Bergen und ist immer etwas kühl, aber an einem Tag wie diesem…“ auch er blickte zum Himmel; „… dürfte das Wasser recht angenehm sein. Und für eine Nacht kann ich den Fräulein ein Bett wohl kaum verwehren. Nicht wahr, Arkhee?“ dieser brauchte einen Moment um sich bewusst zu werden, dass dies bedeutete, dass er eine Nacht auf sein Lager verzichten musste. Nach einem ebenso kurzen Moment in dem sein Blick wieder auf Assija haftete, erwiderte er mit einem eifrigen nicken. „Leider haben wir nur zwei Betten, aber wir Männer werden auch eine Nacht auf Fellen aushalten, da bin ich mir sicher. Und wenn ihr euch vorher noch Waschen wollt, der Bachlauf ist wie gesagt nur ein bisschen gen Süden gelegen. Die Hütte könnt ihr von da gerade noch sehen, also keine Gefahr sich zu verlaufen. Komm Arkhee, wir kramen schon einmal die Felle vom Lucht. „Habt vielen Dank“ deutete die Menai eine sanfte Verbeugung an. „Kommst du mit zu dem Bach? Ein wenig frisches Wasser schadet uns sicher nicht“ kicherte sie zur Drachenerbin und verzog dabei scherzhaft die Nase. Auch Assijas Kleider hatten ihre Spuren von dem Gewaltmarsch davongetragen und ein bisschen Wasser hätte ihr sicher ähnlich gut getan, wie der Menai.
Some legends are told,
Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
Remember me for centuries!

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Drachenblut
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Heimat: Aysibrir
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Inventar: Hirtenflöte

Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Di, 05. Apr 2016 21:44

Natürlich war die Behausung der Zeidler bescheiden, doch nach all den Entbehrungen, die Assija die letzte Zeit hatte über sich ergehen lassen müssen, erschien ihr diese Hütte, und vor allem das Mahl, welches der Alte und der Junge in Windeseile auftischten, als das Beste, das sie je gesehen und erhalten hatte. Dass dieser Junge mit seinem roten Haarschopf so selbstverständlich herumlief, verlieh Sija den Mut, es ihm gleichzutun, so dass sie zögerlich ihre Hände auf ihre Kapuze legte, um diese abzunehmen. Arkhee schien es zu bemerken, während er Tonbecher um Tonbecher auf dem Tisch platzierte, und ihr aufmunternd zuzwinkerte. Assija schenkte ihm ein schüchternes Lächeln und nahm die Kapuze schließlich ab. Die kleine Drachenerbin nahm neben dem Drachen Platz und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Danke…“ flüsterte sie leise, so dass nur er es hören konnte, und lächelte ihn an. Sie war dankbar, dass sie nun hier saßen, und etwas anderes aßen, als Rindensuppe, karge Wurzeln und Beeren. Der Alte, welcher sich als Norrat vorgestellt hatte, hatte sogar Honigwein aus seinen Vorräten geholt. Assija schickte ein stummes Gebet zu den Sieben, bevor sie sich zwei Scheiben Brot, eine Wurst, und ein wenig von dem Grünzeug auf ihr Holzbrett lud. Während Shaharií angeregt zu plaudern begann, und dazu noch mit ihrem Wissen über Bienenzucht überraschte, hielt die kleine Drachenerbin den Kopf gesenkt und widmete sich ihrem Essen. Ihr entgingen nicht die bisweilen bohrenden Blicke des Jungen, und sie war müde und erschöpft von den letzten Tagen. Darüber hinaus konnte sie im Gegensatz zu Shari mit ihrem spärlichen Wissen über Bienen und deren Nutzung nicht gerade brillieren, darum schwieg sie und wartete, bis sich das Gesprächsthema vielleicht zu einem anderen wenden würde. Nachdem Ajun sich erhoben hatte, um draußen seine Notdurft zu verrichten, lud Norrat sie alle ein, die Bienen zu besichtigen. Assija nahm die Einladung höflich an. Sie fand, dass Bienen durchaus nützliche Tiere waren, aber so sehr interessierte sie sich nun auch nicht dafür. Sie folgte der Menai, welche den beiden Zeidlern hinterher ging.

Diese führten sie zu einer massiven, hohen Fichte, in welcher das Bienenvolk hauste. Ein emsiges Surren erfüllte die Luft und unzählige Bienen schwirrten um den Baum herum. Ehe Assija es sich versah, hatte Arkhee sie ohne jegliche Vorwarnung an der Hand genommen, um sie näher an den Baum zu führen. Assija erschrak. Doch es lag nicht an der Fichte mit ihren Bienen, es lag auch nicht daran, dass sie sich über die ungestüme Art des jungen Mannes erschreckt hatte, sondern daran, was es auslöste, als er sie berührte. Sie meinte, eine noch nie zuvor gefühlte Seelenverwandtschaft zu spüren, als würde seine bloße Berührung alle Wunden der Vergangenheit heilen können, als sei er das letzte fehlende Mosaikteilchen, als könne er ihr Herz und ihre Seele berühren… Assija blickte ihn erschrocken an, und Norrat, welchem dies nicht entgangen war, begann Arkhee zu tadeln. Der Junge hatte dafür nichts anderes übrig, als eine freche Grimasse, die er zog, als der Alte sich wieder Shaharíi und den Bienen widmete. Assija konnte nicht recht zuhören. Sie schämte sich zum einen, dass Arkhee ihretwegen einen Tadel hatte einstecken müssen, und zum anderen war der Moment zu verstörend gewesen, und sie fragte sich, was es damit auf sich hatte. War es eine Vision? War Magie im Spiel? War es etwas ganz anderes? Sie spürte wieder diese Unruhe, die sie schon lange zuvor gespürt hatte, doch sie wollte nicht glauben, dass Arkhee damit zu tun hatte. Erst Shaharíis Worte rissen sie wieder aus ihren Gedanken. Sie erkundigte sich nach einer Möglichkeit, sich zu waschen und nach einer Unterkunft für die Nacht. Norrat verriet ihnen, wo sich ein kleiner Bachlauf befand, und bot ihnen sogar an, bei ihnen zu übernachten. „Kommst du mit zu dem Bach? Ein wenig frisches Wasser schadet uns sicher nicht…“ Die Menai schien guter Dinge und kicherte, und ihre Laune war ansteckend. Assija lächelte zaghaft, und nickte mit dem Kopf. „Eine gute Idee…“

Der Bach, von welchem Norrat gesprochen hatte, befand sich hinter dem kleinen Waldstück, und war von saftigem, grünem Gras derart eingesäumt, dass man ihn erst bemerkte, als man sich nur wenige Schritte näherte. Das Wasser war an dieser Stelle sehr träge, es gab kaum eine Strömung, und so konnte man bis auf den klaren Grund sehen. Das Wasser war nicht sehr tief. Die kleine Drachenerbn zog sich zögerlich vor der Menai aus. Zwar hatte diese sie schon nackt gesehen, als sie ihr bei der Geburt geholfen hatte, und Assija hatte im Grunde keine Veranlassung, sich ihres Körpers wegen zu schämen, aber seltsam war es doch. Zuerst warf sie ihr Kleid in den Bach und wusch es, so gut es eben ging, und breitete es nachdem sie es ausgewrungen hatte, in dem warmen Gras aus. Die Sonne würde es heute schnell trocknen. Das Wasser war erfrischend und wohltuend. Assija rieb sich mit Zuhilfenahme einer Handvoll Flußkiesel ihren Körper ab, als sie schließlich begann „Es ist seltsam hier, Shari… Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber… ach, ich…“ unterbrach sie sich, ohne wirklich etwas gesagt zu haben. „Dieser Junge… Arkhee… Hältst du es für möglich, dass er ein Drachenerbe ist, wie ich? Ich weiß, rote Haare alleine sind kein Indiz dafür, aber ich als Drachenerbin kann mich gegen solche Vermutungen eben nicht erwehren. Und als er mich vorher berührte, da hatte ich so ein seltsames Gefühl, ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Und ich habe davor ja auch noch nie jemanden getroffen, von dem ich dachte, er könnte ein Drachenerbe sein…“ Assija kniete im Wasser und wusch sich hier feuerrotes Haar, massierte sich die Kopfhaut bis sie kribbelte, und tauchte schließlich ganz in dem Wasser unter. Sie begann allmählich zu frieren, und so beschloss sie, aus dem Bach zu steigen. Ihr Blick fiel zu dem Waldrand. Sie glaubte, dort ein Gesicht im Unterholz zu erkennen. In einem ersten Impuls dachte sie, dass es Ajun wäre, aber dann erkannte sie, dass er es nicht war. Es war Arkhee… „Shaharíi…“ flüsterte sie empört. „Sieh mal! Der Junge beobachtet uns!“ Rasch bedeckte sie notdürftig ihre Blöße, doch da war der Kopf auch schon im Wald verschwunden. „Er hat mich schon vorher die ganze Zeit so angestarrt. Er hat überhaupt kein Benehmen…“ blickte sie die Menai an. „Wie kann er uns nur beobachten, wenn wir und waschen?“ flüsterte Assija, und schüttelte empört den Kopf. Dann legte sie sich ins warme Gras, legte ihren Kopf auf ihre verschränkten Arme, und schloss die Augen. Sie dachte an Ajun, und daran, wie lange es her war, dass sie einander geliebt hatten. Sie vermisste dies, doch seit Shaharíi mit ihnen reiste, war dies nicht mehr so einfach, wie damals, als sie nur zu zweit unterwegs waren. Überhaupt hatte sie das Gefühl, dass sich seit der Geburt des Kindes einiges verändert hatte. Aber sie wusste nicht, was. Sie wusste ja kaum mehr etwas aus der Zeit unmittelbar nach der Geburt, sie wusste nicht einmal, wie ihr Kind ausgesehen hatte. Zum einen fühlte sie tiefen Schmerz darüber, aber zum anderen war dieser Schmerz kaum begreiflich, und kaum real. Als würde sie zum etwas trauern wollen, das nie existiert hatte. Und Ajun… War er wütend darüber, war er froh darüber? Sie wusste es nicht…

Als die Kleider endlich trocken waren, und die beiden Frauen wieder zu der Hütte zurückgekehrt waren, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Die Männer hatten unweit der Hütte an einer Feuerstelle ein Lagerfeuer errichtet, und einen Linseneintopf zubereitet. Ein einfaches Gericht, doch eine raffinierte Würze aus Kräutern von Wald und Wiese verwandelte diese Speise in eine wohlschmeckende Köstlichkeit. Norrat hatte wieder etwas von seinem Honigwein, und auch Honigbier gebracht, und so saßen sie alle unter dem freien Sternenhimmel, an diesem lauen Abend, und aßen. Assija saß neben Ajun, zu ihrer rechten saß Arkhee, und daneben Shari, und der alte Norrat schloss den Kreis schließlich. Die kleine Drachenerbin begann sich sichtlich wohlzufühlen. Sich endlich wieder einmal sattessen zu können war wohltuend, das Honigbier, welches sie trank wirkte stärkend, aber auch befreiend und erheiternd. Assija lehnte sich mit dem Rücken an Ajuns aufgestellte Beine an, und konnte nicht sagen, wann sie sich das letzte Mal so unbeschwert gefühlt hatte. Norrat wandte sich an Shaharíi, mit einem Kopfnicken zu Arkhee. „Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass wir beide einen Rotschopf an unserer Seite haben, nicht wahr? Als ob sie sich gefunden hätten“ scherzte er. „Er ist nicht mein Sohn, auch, wenn wir uns ein wenig ähnlich sehen. Das ist nur Zufall. Außerdem waren meine Haare, als sie noch nicht grau waren, beinahe schwarz. Seine Eltern brachten ihn zu mir, als er halb Kind, halb Mann war. Ihre Erklärungen waren widersprüchlich. Der Vater wollte, dass der Junge nen anständigen Beruf erlernt, die Mutter platzte damit heraus, dass sie sich ein besseres Leben für ihn wünscht. Die Lehrzeit ist schon lange vorüber, aber er wollte bei mir bleiben, er hat nie den Wunsch geäußert, in sein Elternhaus zurückkehren zu wollen. Nun, ich bin ja kein Unmensch, wenn er bleiben will, soll er nur. Er ist ein guter Junge, ein sehr guter Junge. Außerdem bin ich ja auch nicht mehr der Jüngste, und er ist mir eine gute Hilfe. Auch wenn ich der Meinung bin, dass er seine Zeit, solange er jung ist, nicht bei so einem alten Sack wie mir absitzen sollte. Was kann ich ihm schon bieten? Er sollte auf Wanderschaft gehen, sich die Welt ansehen, eine Familie gründen, so was eben…“ Er schüttelte den Kopf, dann erhob er sich, und nahm den Weinkrug mit „Ich hole noch Honigwein…“
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Mi, 06. Apr 2016 2:24

Die Drachenerbin ließ sich nicht zweimal bitten, wenngleich sie nur zögerlich auf den Vorschlag der Menai einging. Die beiden Männer hatten sich unterdessen rasch zurück zu ihrer Behausung begeben. Sicherlich im den Tisch frei zu räumen und die Schlafstätten für die Nacht zu bereiten. Die beiden Frauen begaben sich sogleich in jene Richtung, die Norrat ihnen gedeutet hatte. Ein Bach war bei weitem kein warmes Badewasser und auch Annehmlichkeiten wie Seife und frische Kleider würden entfallen. Doch nach gefühlten Wochen die sie nun im Wald und im Lager des Archäologen verbracht hatten, waren die Ansprüche der Ruferin geschrumpft. Zumindest vorübergehend. Mit diesen Gedanken ging jedoch auch einher, was sie bei ihrer Flucht aus Brisangen alles hatte zurücklassen müssen. Sämtliche Utensilien, Apparaturen und Ingredienzen waren in ihrem Zelt verblieben. Die eine oder andere Kleinigkeit hatte sie noch unter den Handgreiflichkeiten des wütenden Mobs verloren, darunter auch das Beutelchen mit dem Geld, das sie für ihre Dienste als Heilerin erhalten hatte. Sah man von den Dingen ab, die Ajun für das Ritual gesammelt hatte, sowie von den zerlumpten Wasserschläuchen die der Archäologie ihnen freundlicherweise überlassen hatte, so waren die Drei mittellos. Eine denkbar schlechte Ausgangslage wenn man bedachte, welche Reise sie noch vor sich hatten. Jedenfalls lag der Ruferin nichts daran, ihre komplette Reise weiterhin von den knappen Vorräten zu zehren, jede Nacht unter freiem Himmel zu verbringen und die Rinde von den Bäumen zu fressen wie ein Käfer. Spätestens im nächsten Dorf mussten sie sich unweigerlich mit dem nötigsten eindecken. Und wenigstens die Menai besaß Fertigkeiten, mit denen sich rasch einige Münzen beisammen kriegen ließen. Geübte Heiler fanden nahezu überall anklang und das ein oder andere Leid, trug jeder mit sich umher. Im Zweifel gab es ja auch noch die Narren die für eine Traumdeutung oder das vermeintliche aufheben eines Fluchs nette Sümmchen springen ließen. Aberwitzig, gab es hier in den östlichen Königreichen doch kaum begabte Magier die in der Lage waren einen ernstzunehmenden Fluch zu wirken. Und sollte es Schlimm auf Schlimm kommen, könnte Ajun als Feuerspeiende Attraktion auf dem nächstbesten Markplatz auftreten. War es doch schließlich seine Expedition und nicht die der Drachenerbin oder der Menai.

Nach einer Weile und mit gebührlichem Abstand sowohl zur Hütte, welche gerade so noch ihre Silhouette in der Ferne abzeichnete, sowie zum Waldrand welcher nicht ganz so weit entfernt von ihnen im Westen lag, hatten die beiden Frauen den Bach erreicht. Es war nicht gerade ein kleiner Bach und seine kräftige Strömung sorgte bereits in einiger Entfernung für lautstarkes Geplätscher. Zu sehen war er jedoch erst in unmittelbarer Entfernung, so heftig umwucherten ihn kleine Schilfpflanzen und Wiesengräser. Assija entledigte sich langsam ihrer Kleider und warf diese in das klare Bachwasser, bevor sie kurz darauf selbst hinein stieg. Shaharií war da schon etwas zögerlicher. Der Bach kam aus den Bergen, durchfloss dabei größtenteils durch Bäume beschattetes Gebiet und hatte bei der Strömung kaum die Möglichkeit sich anständig aufzuwärmen. Wärme. Wärme war kein Problem für die Menai. Wo die ostlinge schwitzten und sich reihenweise in den Schatten verkrochen, war es für einen Menai noch angenehm. Aber Kälte? Die war ihr zuwider. „Ist es sehr kalt?“ hakte sie zögerlich nach, während sie sich die Überreste ihres Kaftans über den Kopf zog und diese mit bedauern betrachtete. „Hach…“ seufzte die Ruferin und hielt das einstige Prunkstück von schneiderischem Können vor sich. „Ich brauche dringend neue Kleider. In diesem Fetzen kann ich mich doch kaum unter Menschen wagen!“ prustete sie entrüstet hervor, um sich anschließend dem Bach zu nähern, an welchem sie sich vorsichtig ans Ufer setzte und noch wesentlich vorsichtiger die Zehen ihres rechten Fußes darin eintauchte. „Weißt du Sija…“ ihr Blick haftete auf den markanten Zeichnungen die den Körper der Drachenerbin zierten. „In Koseye, einer der Königsstädte Menainons, gibt es unzählige Märkte. Ich würde dort unglaublich gerne einmal mit dir hin, dich farbenfroh einkleiden und dir dann die berüchtigten Feste unseres Volkes zeigen. Ich bin mir sicher es würde dir gefallen und dort müsstest du dich auch nicht unter einer Kapuze verstecken. Du weißt ja…“ nun tauchte sie den Fuß tiefer in das Wasser, an dessen frische Temperatur sie sich langsam gewöhnt hatte und setzte auch noch den nächsten Fuß nach; „… bei uns sind Drachenerben heilig. Und obwohl wir sie offen bei uns verkehren lassen, ist unserem Land noch kein Unglück geschehen. Ich verstehe einfach nicht, warum die Menschen sich hier so vor allem fürchten was ihnen Fremd ist“ schüttelte sie unzufrieden den Kopf und tauchte dabei den Kaftan ins Wasser. Drachenerben. Ein Thema das auch Assija auf dem Herzen lag. „Es ist seltsam hier Sharií… Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber… ach, ich…“ stammelte sie unbeholfen. „Dieser Junge, Arkhee… hältst du es für möglich, dass er ein Drachenerbe ist, wie ich? Ich weiß, rote Haare alleine sind kein Indiz dafür, aber ich als Drachenerbin kann mich gegen solche Vermutungen eben nicht erwehren. Und als er mich vorher berührte, da hatte ich so ein seltsames Gefühl, ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Und ich habe davor ja auch noch nie jemanden getroffen, von dem ich dachte, er könnte ein Drachenerbe sein…“ erklärte sie dann zu Ende. Shaharií nickte stumm. „Ja, den Gedanken hatte ich auch schon. Rote Haare und Sommersprossen treten zumeist gemeinsam auf und auch völlig unabhängig vom Drachenerbe. Aber umso näher wir diesem Ort gekommen waren, umso seltsamer hast du dich verhalten…“ da holte die Menai tief Luft, weniger um länger unter Wasser bleiben zu können, als vielmehr um die nötige Körperspannung zu erhalten wirklich in das kühle Nass abtauchen zu können, und tat dies sogleich. Wenn auch nur für einen Moment. Als sie beinahe noch in derselben Sekunde wieder auftauchte, hingen ihr die langen weißen Haare platt ins Gesicht. Sie pustete die Luft kräftig aus den Backen und wischte sich die Strähnen über die Stirn. „Möglich ist es allemal. Soweit ich weiß, haben die Drachen sich in den Nordreichen am häufigsten mit Menschen vereint. Nicht verwunderlich, war ja immerhin mal ihr Land…“ scherzte sie kühl. „Ich denke du musst dich da auf dein Gefühl verlassen. Es wäre ja auch denkbar, dass er einer ist ohne es zu wissen. Leider kann mir auch meine Magie da nichts Genaueres sagen. Und spüren kann ich Drachenerben genauso wenig wie Ajun oder der alte Norrat“ legte sie den Kopf schief. Anschließend schöpfte sie sich noch ein paar Mal Wasser über den Körper, wrang die Haare aus und hievte sich daraufhin zurück ans Ufer, wo sie den Kaftan neben sich ausbreitete. Ihr Blick ruhte noch eine Weile auf der Strömung, bevor Assija aufschreckte und sie damit aus ihren Gedanken bezüglich der Drachenerben riss. „Shaharií…“ flüsterte sie in einer Lautstärke die schon als gedämpftes Sprechen durchging. Sie deute mit ihrem Blick auf den Waldrand. „Sieh mal! Der Junge beobachtet uns!“ aus Reflex und weniger aus Scham ließ die Menai sich sogleich mit dem Rücken in das hohe Gras sinken, welches eigentlich jedwede Blicke bedecken sollte. „Bist du dir sicher?“ hakte die Ruferin nach und begann dabei leise zu kichern ob ihrer eigenen hastigen Reaktion. Die Drachenerbin erklärte, dass Arkhee schon vorher seinen Blick kaum von ihr abwenden konnte, wobei das Schmunzeln der Menai noch breiter wurde. „Wie kann er uns nur beobachten, wenn wir und waschen?“ – „War es nicht vielleicht einfach Ajun, der noch immer einen komfortablen Baum sucht?“ witzelte sie und richtete den Oberkörper dabei wieder leicht auf, abgestützt auf den Ellbogen. „Und wenn schon…“ auch sie versuchte einen Blick in die Richtung zu erhaschen, die Assija ihr gedeutet hatte, jedoch ohne etwas erkennen zu können. „Die einzigen Frauen die der arme Junge sonst zu Gesicht bekommt, sind sicher irgendwelche verwarzten alten Unken im nächsten Bauerndorf, wenn sie sich wieder mit Vorräten eindecken…“ lachte die Ruferin schelmisch. „Außerdem scheint er ganz aufgeweckt zu sein. Und er ist nicht älter als ich, was man von Ajun nicht behaupten kann. Ganz davon abgesehen ist es durchaus schmeichelhaft, wenn ein junger Mann dich kurz nach einer Schwangerschaft ansprechend findet. Viele Mütter die mir in den Jahren untergekommen sind hätten sich das geradezu gewünscht!“ versuchte sie die Drachenerbin zu beruhigen.

Als die Kleider endlich getrocknet waren, verlor die Sonne bereits spürbar an Kraft und die vereinzelten Windzüge wurden zunehmend unangenehmer auf der blanken Haut. Es dämmerte langsam und obwohl sie erst kürzlich die erste anständige Mahlzeit seit langem zu sich genommen hatten, begann der Magen der Ruferin erneut zu knurren. „Was würde ich nicht für eine anständige Bürste geben…“ klagte sie, während sie sich mit den Fingern durch die leicht zerzauste, weiße Mähne fuhr. Zumindest war sie wieder halbwegs sauber. Ein gutes Gefühl, welches in den letzten Wochen schmerzlich zu vermissen war. Schnell war sie wieder in ihren Kaftan geschlüpft und auch Assija hatte sich wieder eingekleidet. „Lass uns zurückgehen, bevor mir wieder einfällt, dass ich diesen Lumpen unbedingt gegen anständige Klamotten eintauschen will…“ lächelte sie, bevor die beiden sich auf den Weg gen Hütte begaben. Als sie der Hütte näher kamen und das Gras mit jedem Schritt flacher wurde, ließ sich bereits eine feine Rauchwolke erkennen und mit zunehmender Dunkelheit schließlich auch der flackernde Schein eines Feuers. Hoffentlich keines, das Ajun zu verschulden war, dachte die Ruferin sich. Würde sich am Abend die Gelegenheit bieten, würde sie ein klärendes Gespräch mit ihm führen. Oder es zumindest versuchen. Zeit hatte sie ja nun, um sich Gedanken zu machen, wie sie ihn wieder etwas beruhigen konnte. Ganz ohne Magie. Wo sie die Hütte erreichten, wurde klar, dass das Feuer nicht Ajun zu verschulden war. Die Männer hatten eine Feuerstelle vorbereitet, über der ein kupferner Kessel hing aus dem bereits ein angenehmer Geruch hervor ging. Drum herum waren Holzscheite als Sitzgelegenheit angeordnet. Es war einfach und doch hatte es auf dieser offenen Weide etwas Idyllisches. Die Männer hatten bereits Platz genommen und Sowohl Schüsseln wie auch Teller, Krüge und Becher standen bereits parat. „Linseneintopf…“ erklärte Norrat, als er die Frauen bemerkte. „Nichts außergewöhnliches, aber Arkhee hat sich noch nie darüber beklagt. Satt macht er außerdem! Setzt euch doch.“ Auch hier war keine zweite Bitte notwendig und die beiden Frauen nahmen Platz. Assija zwischen Ajun und Arkhee und die Menai zwischen Arkhee und Norrat, welcher wiederum Ajun neben sich hatte. „Es ist gleich fertig, nur noch ein wenig Geduld…“ sprach Norrat mit einer beinahe wissenschaftlichen Akribie, wie er so den hölzernen Löffel durch den Eintopf führte. Arkhee nutzte die Gelegenheit um Teller, Löffel und Becher in der Runde zu verteilen. „Die Betten sind auch schon vorbereitet“ gab er noch dazu, als er den Frauen das Besteck reichte. „Und wo werdet ihr schlafen?“ hakte die Ruferin nach. Nicht wirklich aus Interesse, aber die Menai waren üblicherweise ein zurückhaltendes Volk. Umstände zu bereiten lag schlicht nicht in ihrer Natur. „Hinter der Hütte…“ nickte der Rotschopf in Richtung eben dieser; „… ist ein kleiner Unterstand in dem wir Stroh gelagert haben. Mit ein paar Fellen darüber lässt es sich dort schon eine Nacht aushalten.“ grinste er. „So ist’s…“ stimmte Norrat zu. „Die Betten sind leider nicht sehr luxuriös, aber es sind Betten. Wir Männer schaffen es schon eine Nacht ohne Bett“ nickte er zu seinen männlichen Komparsen. Es hatte zweifelsohne seine Vorzüge eine Frau zu sein. Ein Bett machte diesen ohnehin angenehmen Tag nur noch besser. Ganz gleich wie klein die Betten auch sein mochten, es waren Betten. „So! Das sollte taugen…“ Norrat schmeckte den Eintopf ein letztes Mal ab und hob sogleich eine gut gefüllte Schöpfkelle aus diesem hervor, um die ersten Teller zu füllen. Auch hier waren die Frauen zuerst dran, dann Ajun, dann die Gastgeber. „Habt vielen Dank…“ unterbrach Shaharií dass Geklapper von Löffeln nach einigen Happen. „… ihr seid wirklich großzügig zu uns und wir würden uns gerne erkenntlich zeigen…“ prüfend ließ sie ihren Blick über ihre Begleiter schweifen, als wolle sie eventuelle Einwände damit abfangen; „… aber ihr habt ja gesehen, wie wir hier aufgetaucht sind.“ Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren konnte die Ruferin sich nicht erkenntlich zeigen, was sie sichtlich betrübte. Mittellos zu sein war genau genommen ein gänzlich neuer Zustand für sie. „Schon gut, dass macht doch nichts!“ fuhr ihr Norrat ins Wort bevor sie noch etwas sagen konnte. „Hier draußen hilft man sich. Und wir Zeidler sind kein gieriges Volk!“.

Nach dem Essen und nach Bier und Honigwein lockerte die Stimmung spürbar auf. Es wurden freundliche Gespräche geführt, Witze gemacht und noch mehr getrunken. Selbst der Dämon ließ sich hin und wieder dazu herab ein Wort von sich zu geben. Ab und zu auch nur ein Brummen, was die Ruferin inzwischen aber für einen Teil seiner Sprache hielt. Also zählte das auch. Ob er hin und wieder auch einmal grinste ließ sich im flackernden Feuerschein aber nur schwer sagen. „Sagt Norrat…“ begann Shaharií die gerade den Becher mit Honigwein abgesetzt hatte. „Wo liegt eigentlich der nächste Ort? Oder die nächste Stadt? Ihr habt es euch sicher schon gedacht, wir sind ein wenig Orientierungslos hier angekommen. Norrat schluckte ein herzhaftes Lachen herunter, dass ihm noch von einem unflätigen Witz im Halse steckte, den Arkhee kurz zuvor gemacht hatte und antwortete; „Also… die nächstgrößere Stadt ist mit Sicherheit Aramad im Nordosten. Aber…“ begann er und holte dabei tief Luft als läge eine lange Erklärung vor ihnen. „Aber…“ fiel ihm Arkhee ins Wort; „… Dafür muss man den Chabur passieren. Und der Chabur führt zu dieser Jahreszeit viel Wasser wie ihr sicher wisst. Deswegen geht das auch nur an zwei Stellen. Entweder bei Shuridron im Südosten, was aber gefährlich ist, da man zuvor durch das Armaganenland muss, oder weit im Nordosten, dort ist so ein kleines Kaff von dem sicher nicht mal die Fürsten wissen, wie es heißt. Allerdings gibt es dort eine Brücke, weil der Chabur sich in der Nähe gabelt und dort recht schmal ist. Das ist aber ein Umweg von mindestens zwei Wochen…“ – „Richtig.“ hakte Norrat sich wieder ein. „Südwestlich liegt dann natürlich noch Brisangen. Wenn ihr dort aber über die Hauptstraße hingelangen wollt, müsstet ihr ebenfalls durch Armaganenland. Wenn es aber nicht um die Größe sondern die Nähe geht…“ schnaubte er. „Dann gibt es da noch ein kleines Dorf, bloß einen Tagesmarsch von hier im Osten. Von dort kriegen wir auch unsere Vorräte und dort verkaufen wir auch unsere Erzeugnisse.“ – „Viel gibt es da aber nicht…“ seufzte Arkhee dazwischen. „Den Müller, den Bäcker, eine schäbige Taverne, eine kleine Abtei die der Göttin Cirian gewidmet ist und alle paar Wochen einen Markt, wenn wieder Händler aus dem Osten vorbei kommen die auf dem Weg nach Brisangen sind.“ Wieder nickte Norrat zustimmend. Scheinbar minderte der Honigmet sein Bedürfnis den Jungen für dessen Einmischungen zu rügen. „Die Händler verlangen aber Wucherpreise. Insbesondere die aus Mérindar. Seit sich die Lage im Norden zuspitzt, drehen sie dort scheinbar am Rad. Wenn das so weiter geht, brauchen die Händler in den kleineren Dörfern garkeinen Halt mehr machen. Kann sich doch eh keiner mehr leisten was sie da feilbieten!“ schimpfte der Alte und untermalte seine Frustration indem er einen weiteren Schluck aus seinem Becher nahm.

Politik und Wirtschaft waren auf der ganzen Welt Themen, die die Menschen zum Debattieren, Streiten und Fluchen brachten. Nirgends wo ihre Wege die Menai hingeführt hatten, war es anders. Egal wie abgelegen die Leute auch von den Ereignissen lebten, irgendeine Meinung dazu hatten sie eigentlich immer. So auch Norrat, der sich in einem Alter befand, in dem es scheinbar besonders Interessant war, über eben diese Themen zu lamentieren. Aber nicht Heute. Nicht an diesem Tag. Diesmal wurden die ernsten Themen schnell wieder durch Witze und freundlichere Themen beiseite gekehrt, so dass es der Stimmung kaum einen Abbruch tat. Nachdem wieder einige unflätige Witze die Runde gemacht hatten, wandte der alte Zeidler, inzwischen schon leicht beschwipst, an Shaharií; „Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass wir beide einen Rotschopf an unserer Seite haben, nicht wahr? Als ob sie sich gefunden hätten“ witzelte er. Danach führte er noch umfangreicher aus, wie der Junge eigentlich zu ihm gekommen war. In welchem Verhältnis sie zueinander standen und welches Leben er sich für ihn wünschte. Sätze die, soviel konnte das geübte Auge der Ruferin noch erkennen, Geborgenheit und Unwohlsein gleichermaßen in das Gesicht des jungen Rotschopfs zauberten. Schwer zu erkennen, dass die beiden sich nahe standen, war es wirklich nicht. Daraufhin schüttelte der den Kopf, klopfte sich kräftig auf den Schenkel und erhob sich. „Ich hole noch Honigwein… und dann stopfe ich mir noch eine schöne Pfeife“ mit diesen Worten verschwand er langsam aus dem kleinen Lichtkreis, den das Feuer auf die umliegende Weide warf. Auch Ajun nutzte die Gelegenheit um sich etwas Erleichterung zu verschaffen. Das war die Gelegenheit für die Menai, ihn anzusprechen. Bannzauber, Blutrituale, Dämonen und Zauberei waren so oder so keine Themen für kleine Gesellschaftliche Runden. Es waren Themen die man unter vier Augen besprach. Im Dunkeln und weitab der Ohren Anderer. Einige Momente nachdem der Dämon die Runde verlassen hatte stand auch Shaharií auf. „Ich muss mich auch entschuldigen. Ihr werdet euch aber sicher auch zu zweit verstehen…“ grinste sie und folgte dem Weg in die Dunkelheit, den Ajun eingeschlagen hatte. Der Dämon war nicht allzu weit von der Feuerstelle entfernt, aber dennoch weit genug das man sich ungestört unterhalten konnte. Nach einem kurzen Marsch durch das annährend Kniehohe Gras, hatte sie den Dämon eingeholt, der noch zwischen einer Gruppe kleinerer Bäume stand aber augenscheinlich bereits Erfolg mit dem hatte, wofür er sie verlassen hatte. „Ajun…“ hauchte die Ruferin in die nur spärlich beleuchtete Nacht. Die Beleuchtung und das Funkeln seiner Augen reichten jedoch um ihn klar zu erkennen. Es war erstaunlich. Im Feuerschein viel es kaum auf, doch abseits des Feuers, umgeben von der Schwärze der Nacht stachen seine Augen deutlich aus dem Dunkel hervor. So dass es eigentlich selbst einem unwissenden auffallen müsste, dass sie etwas Menschliches vermissen ließen. „Du grollst noch immer…“ fuhr sie fort. Ihre Stimme war ernst und gänzlich unterschiedlich zu jener, die sie in der fröhlichen Runde an der Feuerstelle verwendete. „Von mir aus kannst du das auch. Aber lass mich eines klarstellen: Ich habe dich nicht verraten. Ich habe mich lediglich abgesichert. Mein Angebot dir zu helfen gilt weiterhin. Du weißt, dass ich dir oder Assija hätte schaden können, wenn ich es gewollt hätte. Habe ich aber nicht. Habe ich auch nicht vor, solange du mich mit dem gebührenden Anstand behandelst. Du weißt auch, dass ich nichts tun würde, was ihr schadet. Ohne mich wäre sie in Brisangen gestorben. Möglicherweise vor der Geburt. Möglicherweise dabei. Spätestens aber danach. Der Grund dass sie noch lebt, bin ich. Meinetwegen hast du nicht in Gänze alles verloren, was du hattest. Mir ist es auch zu verdanken, dass sie ihren Lebenswillen hat und nicht von der Vergangenheit zerfressen wird. Ob es dir gefällt oder nicht, ohne mich hättest du in diesem Moment rein gar nichts. Keine Assija und nicht die geringste Aussicht darauf, dass dein Traum jemals in Erfüllung gehen würde. Bedenke das, dann könnte dieses gemeinsame Unterfangen für uns alle deutlich angenehmer ablaufen. Ich erwarte von dir ja keinen Kniefall oder ewige Dankbarkeit, nur dass, was ich dir damals in der Schenke als erste Bedingung für unsere Zusammenarbeit genannt habe: Respekt. Behandle mich anständig und ich werde dich anständig behandeln. Und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass unsere bisherige Reise mir wesentlich mehr abverlangt hat als dir. Dich trifft also bisher das kleinere Übel. Da solltest selbst du nachdem was in Brisangen vorgefallen ist, keine Widerworte parat haben…“ schloss sie Scharf. Es war fraglich ob der Dämon überhaupt daran interessiert war, ihre Beweggründe zu verstehen. Noch fraglicher war, ob er ihr Vorgehen jemals verstehen würde. Entscheidend jedoch war, dass er es zumindest während ihrer Zusammenarbeit akzeptierte. Zum Wohle aller Beteiligten.

Nach einer etwas längeren Pause die sie dem Dämon gelassen hatte um nachzudenken und zu reagieren, setzte sie erneut zum Wort an. „Und nein. Der Übergang den wir suchen, befindet sich nicht in der Nähe von Aramad und Imrahad. Der einzige weit und breit von dem ich mir sicher bin, dass er noch zugänglich ist, befindet sich bei den Midlandhügeln im Herzen Mérindars. Dafür sind wir einer Ingredienz hier überraschend nahe. Die Wurzel allen Übels ist auch nicht schwer zu finden. Jedenfalls nicht in Mérindar. Es handelt sich dabei schlicht um Gold. Einen Pferdekadaver sollten wir auch noch finden können. Macht zwei Zutaten die etwas anspruchsvoller in der Beschaffung sind, während wir die restlichen quasi an jedem Beliebigen Ort auftreiben können…“.
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But you will remember me -
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Di, 24. Mai 2016 19:44

Bildie Abenddämmerung war inzwischen über das Land hereingebrochen und die drei Wanderer, sowie die beiden Zeidler, saßen an einem kleinen und beschaulichen Lagerfeuer, unweit der Hütte am Waldrand. Assija lehnte sich mit dem Rücken an die aufgestellten Beine des Dämon, während dieser an dem knorrigen Stamm eines Baumstumpfes lehnte, welcher einst einmal ein mächtiger Baum gewesen sein musste. Es wurde allerlei geplaudert., doch die wichtigsten Fragen waren bereits gestellt worden. Wo befanden sie sich? Wo war das nächste Dorf, oder die nächste Stadt? Wie weit entfernt lag diese Siedlung? Fragen über Fragen, und der Alte beantwortete eine nach der anderen. Schließlich erfuhren sie, dass sie etwas zu weit in den Süden geraten waren, als sie durch die Wildnis gestreift waren. Jener Ort, den Shaharií Aramand genannt hatte, lag dem Zeidler zufolge im Nordosten. Und zwischen ihnen und diesem Ort lag nicht nur weites Ödland, Wälder und Sümpfe, sondern ein gewaltiger Strom, der zu dieser Jahreszeit einen hohen Wasserpegel aufwies. Brisangen war natürlich keine Option und jede andere schien noch einen ungemein weiten Fußmarsch zu erfordern. Der Zeidler erwähnte noch ein kleines Dorf, nahe des Flusses, wo sie ihren Honig gegen Waren zu tauschen pflegten. »Die Händler verlangen aber Wucherpreise. Insbesondere die aus Mérindar. Seit sich die Lage im Norden zuspitzt.« Da rutschte der schwarze Drache ein seinem Baumstumpf in eine etwas aufrechtere Haltung. Auf seiner Reise durch die Nordreiche hatte er schon ähnliche Gerüchte aufgeschnappt. Vieles war nur das Gerede von Bauern und Gesindel. Nichts, was man für bare Münze nehmen konnte. Doch da ihre Reise in eben jene Richtung zu führen schien war die Frage, wie diese Lage ihnen nützen oder gar schaden konnte. »Welche Lage, von den vielen Sorgen dieses Landes, sprichst du, Alter Mann?«, erkundigte sich der Dämon mit seiner gewohnt tiefen und rauchigen Stimme, als ob ein Schwelbrand in seinem Rachen loderte. »Man sagt, dass Wahrheitsbringer und Aschesänger aus Arcanis ihr Unwesen in den Randprovinzen nahe der Grenze ihr Unwesen treiben.«, murmelte der Alte, als ob er fürchtete ein Unheil heraufzubeschwören, wenn er es allzu laut aussprach. Der Drache runzelte die Stirn. Die Armaganen waren eine reelle Bedrohung. Sie raubten, mordeten und plünderten, um sich das Land untertan zu machen. Die Arcanier hingegen waren eine schleichende Bedrohung. Sie predigten ihren Glauben und säten Zwietracht und Unsicherheit in den Herzen der Menschen. Doch diese Gefahr war fern. Die Argamanen nicht. Nichtsdestotrotz war der Ruf der Argamanen nichts, was Furcht in seinem Herzen zu sähen vermochte.

Es schien als ob der alte Zeidler nicht gerne über diese Dinge sprach, denn bald schon ergab man sich in sinnloses und geistloses Gerede um die allgemeine Stimmung aufzulockern. Dazu wurde Honigwein getrunken, welcher ungemein süß schmeckte. Der schwarze Drache hatte schon seinen ersten Becher geleert und nippte geistesabwesend an dem zweiten. Er war der ruhende Pol zwischen all dem geschwätzigen Volk, dass ansonsten anwesend war. Doch lag dies viel eher an seinem mangelnden Interesse für die Erzählungen und Nöte zweier Zeidler aus dem Wald. Ebensogut könnte er den Kröten beim Quaken oder den Grillen beim Zirpen lauschen, es war genauso interessant für ihn, wie ihr Gerede. Doch irgendwann wurde seine Aufmerksamkeit dann doch auf die Gespräche der Anwesenden gelenkt, als der alte Zeidler die Sprache auf Assija und seinen Gehilfen lenkte. »Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass wir beide einen Rotschopf an unserer Seite haben, nicht wahr?« Der schwarze Drache verengte die Augen zu zwei Schlitzen und bedachte den Jungen eines geringschätzenden Blickes. »Fürwahr.«, brummte er. »Ein bemerkenswerter Zufall.« Noch während er diese Worte aussprach, keimte eine diabolische Idee in seinem Geiste. Assija hatte, entgegen der Vorhersage der Menai, die Geburt ihres Kinders überstanden. Dies allein mochte kein Wink des Schicksals gewesen sein. Doch nun hatte er hier, inmitten des Waldes, einen Rotschopf gefunden. Doch rotes Haar machte einen Menschen noch lange nicht zu einem Drachenerben. Es gab Zeichen und Merkmale zu erkennen, bevor man sich sicher sein konnte. Der schwarze Drache nicht ob die goldenen Iriden Assijas eine Eigenart der Drachenerben, oder doch ein Erbmerkmal ihres Elfenblutes war. Doch die Drachenmale waren ein klarer Beweis ihres Erbes. Trug dieser Knabe ebensolche Merkmale an seinem Körper? Ajun musste dem auf den Grund gehen! Und wenn sich bewahrheiten sollte, was er vermutete, dann war das Schicksal dieses Knaben so gut wie besiegelt!

Indes der Dämon im Geiste finstere Pläne schmiedete, sprach der Zeidler munter weiter. »Als ob sie sich gefunden hätten.“ Er lachte als ob er einen gelungenen, zweideutigen Scherz gemacht hätte. Doch der Dämon funkelte ihn nur grimmig an, ohne ein Wort über seine Lippen kommen zu lassen. Der Alte erzählte wie es dazu kam, dass sein Gehilfe zu ihm gefunden hatte, und das Interesse des Dämon begann sich allmählich wieder zu verflüchtigen. »… Ihre Erklärungen waren widersprüchlich. Der Vater wollte, dass der Junge nen anständigen Beruf erlernt, die Mutter platzte damit heraus, dass sie sich ein besseres Leben für ihn wünscht.« Da gluckste der Drache vergnügt und ein breites Grinsen entkam seiner steinernen Miene. »Die Eltern dieses Knaben mussten wahrlich verzweifelt gewesen sein.«, murmelte er, doch er war sich gewiss, dass alle Anwesenden es gehört haben mussten, denn mit Ausnahme des Prasseln des Feuers und dem Knacken der Scheite, gab es sonst keine Geräusche in der Nähe. Ja nicht einmal die Wölfe wollten diese Nacht ihr Klagelied an den Mond singen. »Der Alte schien den Dämon für einen Augenblick mürrisch anzusehen, und Ajun erwiderte diesen Blick, wenn auch mit einer stoischen Anteilnahmslosigkeit, als ob er glatt durch den Zeidler hindurch sehen würde, um einen Pilz, oder ein Stück Borke ansehen würde, dass weit mehr Interesse verdient hatte, als diese beiden Menschen. Doch wer wusste schon vor welchem Leben der Knabe entflohen war, dass dieses einfache, ja viel eher hinterwäldlerische Leben, etwas Besseres sein sollte. Irgendwann schien die Melancholie den alten Zeidler eingeholt zu haben und er erhob sich um noch eine weitere Flasche von diesem Honigwein zu holen. Der Dämon sah ihm einige Zeit lang nach, bevor seine Blicke sich wieder den Flammen zuwandten, die einen entzückenden Reigen aus Schatten und Flammen zum Besten gaben.

Die Zeit schien ewig dahin zu kriechen, während der schwarze Drache in die Flammen starrte. »Zwei Wochen.«, murmelte er. »Das ist viel zu lang. Zwei Wochen an diesem Fluss entlang marschieren, um eine Brücke zu finden.« Er hatte einen Stock zur Hand genommen und stocherte damit in der Glut, um diese mit etwas Leben zu erfüllen. Glutfunken stoben in den Himmel und das Prasseln wurde schneller und lauter. »Ich würde eher die zwei Wochen auf mich nehmen, als einen Fuß auf armaganischen Boden zu setzen.« Der Drache schnaubte verächtlich. »Ich bin nicht du, du Wicht.«, brummte er und bedachte den Knaben mit einem abfälligen Blick. »Und wir haben keine Zeit um zwei Wochen durch das Gehölz zu marschieren, wenn es einen kürzeren Weg gibt.« Wieder stocherte er in dem Feuer und wieder stoben Glutfunken in den Himmel. »Einen kürzeren Weg, der den sicheren Tod bedeuten kann.«, ermahnte der Knabe, sichtlich besorgt um das Wohl der Wanderer. Oder vielleicht auch nur um das Wohl der Frauen, denn die Blicke die er dem schwarzen Drachen zuwarf, waren nun nicht mehr so freundlich und aufgeschlossen, wie zuvor. Der schwarze Drache hingegen war der Menai einen vielsagenden Blick zu. Was hatten sie vor den Armaganen schon zu befürchten? Vielleicht konnte er ein zugestehendes Nicken in ihren Augen erkennen, doch sie ließ sich zu keiner Regung herab und so schnaubte der Drache abermals und warf den Stock schließlich in das Feuer. »Also ich würde mich nicht weiter als diese Lichtung in den Süden wagen. Die Armaganen sind Mörder und kennen keine Gnade.« In der Stimme des Knaben schienen sowohl Sorge als auch Furcht mitzuschwingen, was den Drachen nur müde Lächeln ließ. Wie gerne hätte er gesagt, dass auch er ein Mörder, der keine Gnade kannte, war. Doch dies hätten die Frauen ihm wohl nur mit strafenden Blicken vergolten, und so begnügte er sich mit dem Gedanken daran, den Jungen zu tadeln. Stattdessen erhob er sich schließlich von dem Boden und streckte sein Kreuz, begleitet von einem unangenehmen Knacken der Wirbelsäule. »Ich muss mir mal die Beine vertreten.« Er schüttelte seinen linken Fuß, da er bereits unangenehm kribbelte, und ballte immer wieder die Fäuste um auch hier die Müdigkeit aus Fleisch und Knochen zu vertreiben. Der Honigwein war allerdings nicht untätig in seinem Blut geblieben. Als er sich erhoben hatte, schien sich die Wirkung des Alkohols langsam zu entfalten und der Dämon starrte angestrengt zum Rand der Lichtung. Er konzentrierte sich auf einen Punkt, um das Taubheitsgefühl aus dem Schädel zu vertreiben. Als dies nichts half, sog er die frische Abendluft tief in seine Lungen auf, doch auch dies wollte nicht so recht zum Ziel führen. Und so entschied er sich zum Fluss zu gehen, um durch das kühle Wasser wieder einen klareren Kopf zu erhalten. »Verdammt.«, murmelte er und starrte ungläubig auf den leeren Becher in seiner Hand. »Ich hatte doch nur drei Becher von dem Zeug.«, murmelte er und ließ den Becher daraufhin achtlos ins Gras fallen, um sich auf den Weg zum Fluss zu machen.

Weit kam er allerdings nicht, denn noch ehe er den Waldrand erreicht hatte, da vernahm er die Stimme Shahariís, die seinen Namen aussprach. Er hielt inne und wandte sich schließlich, mit einem leisen Seufzer auf den Lippen, in jene Richtung um, aus der die Stimme der Menai erklungen war. Sie stand schon unmittelbar hinter ihm und rückte auch sogleich mit der Sprache heraus. »Du grollst noch immer …« Er hielt es nicht für nötig darauf zu antworten, wenn es doch gar so offensichtlich zu sein schien. »Ich habe dich nicht verraten. Ich habe mich lediglich abgesichert.« Ein bösartiges Grinsen huschte über die Mundwinkel des Dämon und für den Hauch eines Herzschlages flammte das Glühen seiner Augen deutlich stärker auf. »Ach, wenn das so ist …«, brummte er und verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann hattest du natürlich keine andere Wahl.«, spottete er daraufhin, bevor Shaharií weitersprach. »Mein Angebot dir zu helfen gilt weiterhin.« Der Dämon verzog seine linke Augenbraue in die Höhe. »Die Frage ist eher, ob Assija das noch kann, selbst wenn sie noch will.« Seine Blicke schweiften von Shaharií ab und glitten in jene Richtung in welcher Assija und dieser Knabe am Lagerfeuer saßen. »Aber vielleicht muss sie das gar nicht mehr.« Seine Worte waren dunkel und zeugten von berechnendem Kalkül, ehe er sich wieder Shaharií zuwandte. »Du weißt, dass ich dir oder Assija hätte schaden können, wenn ich es gewollt hätte. Habe ich aber nicht. Habe ich auch nicht vor, solange du mich mit dem gebührenden Anstand behandelst.« Der schwarze Drache zog es vor zu schweigen und erwiderte nur die Blicke der Menai. Seine glühenden Augen ruhten auf ihren Blicken, als ob er in der Lage wäre ihr, durch die Augen hindurch, in den Geist zu sehen. »Ohne mich wäre sie in Brisangen gestorben.« Der Dämon nickte beiläufig, doch war es eher ein geistesabwesendes nicken, als eine direkte Zustimmung. »Es scheint wohl so.«, gab er mürrisch zu. Ohne die Hexe wäre Assija vermutlich nicht so glimpflich davongekommen. »Doch als Assija in Not war, da warst du auch nicht da. Sonst würde das Kind noch am Leben sein.« Sein Blick wurde enger und auch ein wenig herausfordernder.

Shaharií lächelte müde, der Dämon erwiderte das Lächeln. Dieses Gespräch war, wie jedes Gespräch zwischen den Beiden, stets auch von einem mentalen Kräftemessen begleitet. »Meinetwegen hast du nicht in Gänze alles verloren, was du hattest. Mir ist es auch zu verdanken, dass sie ihren Lebenswillen hat und nicht von der Vergangenheit zerfressen wird. Ob es dir gefällt oder nicht, ohne mich hättest du in diesem Moment rein gar nichts. Keine Assija und nicht die geringste Aussicht darauf, dass dein Traum jemals in Erfüllung gehen würde.« Der Dämon nickte erneut geistesabwesend, während seine Blicke wieder in die Richtung des Lagerfeuers glitten. »Jedes Ende bedeutet einen neuen Anfang.«, murmelte er, während er den Knaben anstarrte, dessen rotes Haar vom Feuerschein erhellt wurde. »Bedenke das, dann könnte dieses gemeinsame Unterfangen für uns alle deutlich angenehmer ablaufen. Ich erwarte von dir ja keinen Kniefall oder ewige Dankbarkeit, nur dass, was ich dir damals in der Schenke als erste Bedingung für unsere Zusammenarbeit genannt habe: Respekt. Behandle mich anständig und ich werde dich anständig behandeln.« Wieder nickte der Drache, doch dieses Mal schien es als ob es doch eine Bezeugung der Zustimmung gewesen wäre. »Wie du willst, Hexe.« Die Katze lässt das Mausen nun einmal nicht. Jedenfalls nicht so schnell. »Du wirst bekommen, wonach es dir verlangt. Und ich werde bekommen, wonach es mir verlangt.«, schloss er schließlich. »Und du kannst mir glauben, wenn ich dir sage, dass unsere bisherige Reise mir wesentlich mehr abverlangt hat als dir. Dich trifft also bisher das kleinere Übel. Da solltest selbst du nachdem was in Brisangen vorgefallen ist, keine Widerworte parat haben.« Da lachte der Dämon zynisch. »Und welches Übel mag das wohl sein, von dem du da sprichst? Was genau hast du mit mir gemacht? Und was wird noch geschehen? Du willst mir drohen, und verlangst den Respekt der dir zusteht. Ein Knecht werde ich niemals sein, vergiss das nicht. Denn sonst könnte ich vergessen, wie wichtig mir all diese Dinge sind, von denen du da sprachst.« Er löste die Verschränkung der Arme und kehrte der Menai den Rücken zu. »Und jetzt lass mich alleine.«

Der schwarze Drache hatte sich demonstrativ umgedreht, doch er vernahm keine Schritte, die davon zeugten, dass sie ihres Weges gezogen war. Er seufzte und noch ehe er erneut Luft holen konnte, da erhob sie auch schon wieder ihre Stimme. »Der Übergang den wir suchen, befindet sich nicht in der Nähe von Aramad und Imrahad. Der einzige weit und breit von dem ich mir sicher bin, dass er noch zugänglich ist, befindet sich bei den Midlandhügeln im Herzen Mérindars. Dafür sind wir einer Ingredienz hier überraschend nahe.« Der Dämon nickte andächtig. »Du hast ja keine Ahnung, wie nahe wir einer der wichtigsten Zutaten überhaupt sind.« Er wandte sich wieder der Menai zu, doch sah er nicht sie an, sondern erneut auf den Knaben, den er am Lagerfeuer wähnte, zusammen mit Assija. »Die Wurzel allen Übels ist auch nicht schwer zu finden. Jedenfalls nicht in Mérindar. Es handelt sich dabei schlicht um Gold.« »Gold?«, hakte er skeptisch nach. »Etwas so banales wie Gold? Muss es eine bestimmte Form oder einen bestimmten Zustand aufweisen, oder darf es auch eine geprägte Münze irgendeines Reiches sein?« Shaharií schien guter Dinge die restlichen Ingredienzien zu finden. »Und wenn wir alles haben? Was dann? Wirst du dann deinen Preis für deine Hilfe einfordern?«

Als Shaharií sich endlich von ihm entfernt hatte, und er am Ufer des Flusses angekommen war, führte er die Hände zusammen und schöpfte etwas Wasser aus dem Fluss, welches er sich sogleich in das Gesicht warf. Dies widerholte er noch zwei Mal, bevor er sich schließlich wieder von dem Wasser erhob. Er rieb sich die Augen und strich sich mit den feuchten Händen durch das Haar, um es nach hinten zu zwingen. Er blieb noch einige Zeit lang stehen und starrte anteilnahmslos auf die Oberfläche des schwarzen Wassers, das unermüdlich und leise an ihm vorüberzog. Dann und wann lag ein dunkles Blatt oder ein dürrer Ast auf dem Wasser, welche dann die Geschwindigkeit des Wassers offenbarten. Doch nach einiger Zeit klärten sich seine Blicke und er kehrte ins Hier und Jetzt zurück, denn eine verzerrte Stimme nagte an seinem Verstand. »Wie lange wirst du dir das von dieser Hexe noch gefallen lassen?«, spottete die Stimme in seinem Kopf, doch der Dämon schwieg. »Du hast Angst vor ihr!«, zischte die Stimme doch der Dämon schüttelte den Kopf. »Nein.« Da war keine Furcht, nur eine wachsende Unruhe. »Was hat sie getan? Etwas ist anders, als es früher war.«, fluchte die Stimme und nagte immer weiter an dem Verstand des Dämon. »Ihre Magie gewirkt.«, war die monotone Antwort des schwarzen Drachen, doch die zweite Stimme schien sich damit nicht zufrieden zu geben. »Dafür soll sie brennen!« Der Dämon nickte geistesabwesend. »Doch nicht jetzt. Erst wenn wir ihrer Überdrüssig geworden sind.« Da lachte die zweite Stimme und verhallte langsam und immer dumpfer werdend im Geist des Mannes, dessen dunkles Spiegelbild verzerrt auf dem Spiegel des bewegten Wassers tanzte.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Assija
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Fr, 27. Mai 2016 16:50

Bildrotzdem dieser Sommertag sehr warm war, das Wasser des Baches war schneidend kalt, und die kleine Drachenerbin kostete es sehr viel Überwindung, nachdem sie prüfend einen Fuß in das Wasser gestreckt hatte, tiefer als bis zur Wade in das Wasser zu steigen. Ein unangenehmes Kribbeln durchzog ihre Beine, zu welchem sich bald ein unangenehmes Taubheitsgefühl gesellte, und kleine Schauer fuhren durch ihren Körper. Auf die Frage Shahariís, ob das Wasser sehr kalt war, nickte sie nur stumm, und versuchte, sich ein kleines Lächeln abzuringen. Die Menai begann ein Gespräch, welches zuerst über die kläglichen Überreste ihres ehemals recht hübschen Kaftans handelte, und darüber schnell eine Überleitung zu ihrer Heimat fand. „Weißt du Sija… In Koseye, einer der Königsstädte Menainons, gibt es unzählige Märkte. Ich würde dort unglaublich gerne einmal mit dir hin, dich farbenfroh einkleiden und dir dann die berüchtigten Feste unseres Volkes zeigen. Ich bin mir sicher es würde dir gefallen und dort müsstest du dich auch nicht unter einer Kapuze verstecken“ erzählte Shaharií, und Assija malte sich ihre Schilderungen in den schönsten Farben aus. Es klang wundervoll, und die kleine Drachenerbin hatte schon oft, wenn Ajun ihr von dem fernen Land Menainon erzählt hatte, in dem die Drachenerben als heilig verehrt wurden, das Fernweh gepackt. Ein Land, in dem Drachenerben unbehelligt, ohne sich zu verstecken, ohne verspottet, geächtet oder gejagt wurden, das klang beinahe wie das Schlaraffenland. Hatte sie auf ihrer Reise doch schon einige Schmähungen oder gar schlimmere Erfahrungen erdulden müssen. Doch sie wusste zeitgleich auch, dass Ajun Menainon und dessen Bewohner verachtete. Und nicht nur deswegen, was ihm dort angetan wurde, als sie ihn dreißig Jahre in die Höhlen eingesperrt hatten, sondern auch weil er sie als ‚schwarze Teufel‘ bezeichnete, und niemals würde sie von ihm erwarten, dass er sie dorthin bringen würde. Sie wusste, dass sie und Ajun zueinander gehörten, daher war es so unabdingbar, dass sie einen Ort fänden, an dem sie beide leben konnten. Dies erfüllte sie ein wenig mit Trauer, denn sie ahnte, dass es diesen Ort wahrscheinlich nicht geben würde, und seit sie die Heilerin kannte, hatte sie noch größere Sehnsucht nach Menainon. Sie mochte Shaharíi, und sie mochte ihre Erzählungen, und nichts hätte sie sich mehr gewünscht, als eines Tages dieses Land zu betreten, in welchem sie für das respektiert oder verehrt würde, was sie war: eine kleine, schwache Drachenerbin. „Das klingt wundervoll, Shari, ich wünschte sehr, ich könnte es eines Tages einmal sehen, oder dort sogar leben…“ antwortete sie. „Und mich von dir einkleiden zu lassen, das würde mir auch gefallen. Ich könnte auch ein neues Kleid gebrauchen“ lächelte sie, und wandte sich dann ihrem Kleid zu, welches auf der Wasseroberfläche lag und bereits am Untergehen war, da es das Wasser angesogen hatte, und damit schwerer geworden war. Assijas Miene wurde ernster, und sie wandte ihr Gesicht ab, damit die Ruferin es nicht sehen würde, wie sich Wehmut in ihrem Gesicht abzeichnete. Sie tauchte das Kleid unter, drückte es, knetete es, rieb die Stoffbahnen aneinander, und hob es schließlich aus dem Wasser. Während sie versuchte, das Wasser aus dem Stoff zu drücken, wechselte die kleine Drachenerbin das Thema und begann von Arkhee zu sprechen und über ihre Vermutung, dass er vielleicht ein Drachenerbe sein könnte, und was die Menai davon hielt. „Ich denke du musst dich da auf dein Gefühl verlassen. Es wäre ja auch denkbar, dass er einer ist ohne es zu wissen.“ Assija nickte, hielt inne, versuchte, in sich zu horchen, was ihr Gefühl ihr sagte. Nachdenklich drückte sie dabei das kalte, nasse Kleid an sich, und starrte ins Nichts.

Und plötzlich sah sie im Gebüsch vor sich den roten Schopf dieses Zeidlerjungens, Arkhee. „Shaharií… Sieh mal! Der Junge beobachtet uns!“ flüsterte sie aufgeregt ihrer Freundin zu, starr, vor Schreck, und als die Menai sich reflexartig ins hohe Gras sinken ließ, tat es die kleine Drachenerbin ihr gleich und ließ sich mit einem lauten Platschen ins Wasser sinken. Der Kopf des Jungen war verschwunden, und die Menai begann zu kichern. Assijas Blick der Epörung ließ nach, und sie fiel in Shaharíis Gelächter ein und erhob sich wieder frierend aus dem Wasser. Trotzdem tat die kleine Drachenerbin ihren Unmut kund. Doch die Ruferin schien das alles nicht so eng zu sehen und versuchte, die kleine Drachenerbin mit diesem und jenem Argument zu beschwichtigen und zu überzeugen, dass da nichts dabei war. Doch so ganz gelang der Menai das nicht. Assija schüttelte den Kopf, und ein wenig Trauer erfasste ihr Herz. Trauer, die einem intuitiven Gefühl nach, stärker sein musste, als sie es empfand. „Ich bin aber keine Mutter, Shari, und das weißt du.“ Sie seufzte. „Irgendetwas stimmt nicht mit mir… Warum kann ich keine echte Trauer empfinden? Bist du dir sicher, dass zusammen mit der Geburt und dem toten Kind nicht auch mein Herz verloren gegangen ist? Ich fühle… nichts… und das finde ich nicht normal. Und du weißt auch, dass ich mir nicht ausmalen möchte, was Ajun tun würde, wenn er wüsste, dass Arkhee uns beobachtet hat. Du weißt doch, wie er ist…“
Bei Einbruch der Dämmerung saßen sie alle um das Lagerfeuer, aßen Linseneintopf und tranken Honigbier oder Honigwein. Das Honigbier war etwas stärker, als Sija angenommen hatte, und sie spürte die Wirkung davon bereits, so lehnte sie jeden weiteren Becher ab, obgleich Norrat sich nicht lumpen ließ. Seine Gastfreundschaft und sein Wille, seine Habe zu teilen, waren beeindruckend. Shari nahm ihr die Worte aus dem Mund, als diese sagte, dass sie sich gerne erkenntlich zeigen würde. Doch wie konnten sie das? Sie hatten nichts, sie besaßen nichts, nur, das, was sie am Leib trugen. Shaharíi hatte so viele Wünsche. Ein neues Kleid, einen Kamm, anständige Mahlzeiten… All das, und vielleicht noch ein wenig mehr wünschte sich auch die kleine Drachenerbin. Wünsche, die sich, ohne Geld aus redlicher Arbeit, wohl kaum realisieren lassen würden. Shaharíi hatte es da deutlich einfacher. Sie hatte Fähigkeiten, die sie ernähren konnten. Assija hatte nichts davon, und war aufgrund ihres schwachen Körpers nicht in der Lage, einer einträglichen Arbeit nachzugehen. Ihr Blick schweifte zu Ajun. Ajun könnte, doch er würde wohl niemals einer rechtschaffenen Arbeit nachgehen. Was er wollte, was er brauchte, er nahm es sich einfach. Etwas, das die kleine Drachenerbin nicht guthieß, von dem sie aber wusste, dass er es nie ändern würde. Nach einer Weile begann Norrat von Arkhee und seiner Herkunft zu erzählen. So erfuhr man, dass er nicht der leibliche Sohn des Zeidlers war, sondern von seinen Eltern zu ihm gebracht worden war. Er hielt nicht damit übern Berg, was er sich für den jungen Mann wünschte. Er verhielt sich dem Jungen gegenüber so, als wäre er sein richtiger Vater. Manche Erzählungen erhärteten den Verdacht, dass er ein Drachenerbe sein könnte, manche wiederum nicht. Sija könnte den Jungen natürlich danach fragen, wenn es sich ergab.

Einer nach dem anderen erhob sich. Norrat wollte neuen Honigwein holen, Ajun suchte Erleichterung, und plötzlich hatte es auch Shari furchtbar eilig. Assija runzelte die Augenbrauen. Zumindest von den Männern war es kein abgekartetes Spiel, doch dass die Ruferin plötzlich so dringend verschwinden musste, kam ihr schon seltsam vor. Als Assija und Arkhee alleine am Feuer saßen, entstand ein unangenehmes Schweigen. Doch schließlich hob Assija an „Du hast uns heute beobachtet, am Bach.“ Ein gewisser Vorwurf in der Stimme der Drachenerbin war nicht zu überhören. Der Junge errötete grinsend und lehnte sich auf seine Ellbogen gestützt zurück„ Zufällig, es lag nicht in meiner Absicht. Wenn ich euch damit beschämt habe, tut es mir leid“ behauptete er, doch Assija glaubte ihm kein Wort. Der Gedanke an das Gespräch, welches sie mit Shari geführt hatte, kam ihr wieder in den Sinn und sie überlegte, dass es eine gute Gelegenheit wäre, ihn auf das mögliche Drachenerbe anzusprechen. Doch sie wusste nicht recht, wie sie damit beginnen sollte. Am besten möglichst behutsam. „Arkhee, hast du schon einmal von Drachenerben gehört?“ setzte Sija an. Er schüttelte den Kopf. „Klingt wie nach einem Märchen“ meinte er trocken. „Ja, so mag es klingen. Es ist aber kein Märchen, es gibt sie wirklich.“ „Und was soll das sein?“ „Man sagt sie entstammen dem Blut der Drachen. Menschen, oder Elfen, mit besonderen geistigen Fähigkeiten, dafür körperliche Schwäche, die sich in verschiedenen Symptomen äußern können, und sie besitzen die Fähigkeit, aus Gefühlen anderer Kraft zu schöpfen. Sie haben rotes Haar, helle Haut… Wie ich… oder… du…“ ergänzte sie behutsam. „Doch nicht jeder der rote Haare hat, ist ein Drachenerbe. Doch eines haben sie alle gemein. Bernsteinfarbene Augen… möglicherweise Male am Körper, wie Drachenschuppen. Drachenerben sind sehr selten.“ Sie wartete einen Moment, um ihre Worte auf ihn wirken zu lassen, und blickte ihn dann eindringlich an. „Könnte es sein, dass du dich in meinen Erzählungen wiedererkennst, Arkhee?“ Doch noch bevor der Junge auch nur zu einer Antwort ansetzen konnte, kam Norrat mit einer weiteren Flasche Honigwein und seiner gestopften Pfeife wieder zurück zum Lagerfeuer. „Nanu, wo sind denn alle hin?“ fragte er die beiden, doch wohl eher rhetorisch, denn er kümmerte sich nicht weiter darum, sondern zog einen Kienspan aus seiner Hosentasche, und entzündete damit seine Pfeife, und blies den Rauch genüßlich paffend in die Luft…
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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