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Das Drachengrab

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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schwarzer Drache
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Mo, 08. Jun 2015 0:06

Bilder Dämon folgte der schwarzhäutigen Menai, mit ihren weißen Haaren, welche einen seltsam anmutenden Kontrast zu ihrer dunklen Haut bildeten, in gebührlichem Abstand. Nicht aus Respekt oder Furcht, sondern viel eher aus Misstrauen. Es hatte sich herausgestellt, dass sie jene war, von welcher der Dämonenjäger gesprochen hatte. Was ihn in eine gewisse Zwickmühle gebracht hatte, doch daran waren er und sein hitziges Gemüt selbst Schuld. Immerhin wollte er etwas von dieser Frau, doch nun hatte sich zu allem Überfluss auch noch herausgestellt, dass sie bestens über seine Vergangenheit Bescheid wusste und dies würde die Sache nur unnötig verkomplizieren. Doch sie hatte sich gänzlich anders verhalten, als der schwarze Drache erwartet hätte. Er hatte Ablehnung, Argwohn oder Zurückweisung erwartet, und dass er mit feurigen Argumenten zu Werke hatte gehen müssen. Doch stattdessen hatte sie ihre Hilfe bereits angeboten, noch bevor er danach überhaupt gefragt hatte. Und dies machte den schwarzen Drachen noch misstrauischer und argwöhnischer, als die Tatsache, dass sie eine Menai war, welchen er schon aus Prinzip mit Misstrauen und Verachtung begegnete. Was führte diese Hexe im Schilde? Und warum bot sie ihm ihre Hilfe an, wohlwissend, was er wollte. Doch so sehr er sich auch das Hirn zermarterte, er konnte keine logischen Antworten darauf finden, also blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, bis sie mit ihren Forderungen und dem Preis für ihre Hilfe heraus rückte. Und der schwarze Drache wusste jetzt schon, dass er weder mit dem einen, noch mit dem anderen einverstanden sein würde. Er würde nicht flehen, wie sie es zynisch vorhergesagt hatte. Eine hohle Weissagung. Niemand konnte den Dämon je dazu bringen, zu Kreuze zu kriechen. Weder in diesem, noch in einem anderen Leben. Eher würde er die ganze Welt in Schutt und Asche legen, bevor er einen Fehler vor einer Menai eingestand!

Doch sollte sich herausstellen, dass sie tatsächlich von Nutzen sein konnte, musste er sich eine schlaue List einfallen lassen, wie er sie zur Mitarbeit bewegen konnte, ohne unerfüllbare Forderungen zu erfüllen und zugleich damit Gefahr zu laufen, sich in einem Ritual ihrer auszuliefern. Und bei diesem Gedanken erkannte er, warum sie ihm wohl so bereitwillig ihre Hilfe angeboten hatte. Sie hatte vermutlich gar nicht vor ihm zu helfen, sondern wollte ihn nur in dem Glauben lassen, um dann, wenn er ihr beim Ritual ausgeliefert sein würde, die volle Wucht ihrer schwarzen Rache zu kosten zu geben. Doch da war sie an den falschen Dämon geraten. Und bei diesem Gedanken musste der schwarze Drache grimmig und gehässig grinsen. Wenn sie glaubte, er ließe sich so einfach ins Bockshorn jagen, hatte sie sich gehörig geschnitten, denn er bezweifelte, dass sie gegen das dämonische Feuer seines magischen Blutes gefeit war. Mochte sie auch noch so sehr in ihrer hinterwäldlerischen Magie bewandert sein. Er hatte schon mehr Elfenmagier vernichtet, als er zählen konnte, und die Rufer der Menai hatten ihm schon damals nichts entgegenzusetzen vermocht, als er aus den Höhlen entkommen war. Wie mächtig konnte diese eine dann schon sein? Hätte sie ihm dann nicht damals schon die Stirn geboten? Doch irgendetwas an dieser Frau kam dem Dämon nicht geheuer vor und er nahm sich vor, sie mit Argusaugen zu beobachten. Sollte sie Verrat im Sinn haben, würde er ihr zuvorkommen. Und sollte sich erweisen, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte, würde er Mittel und Wege finden, sie zu brechen. Dessen war er sich bewusst.

Als sie die Herberge betreten hatten, welche Shaharií auserkoren hatte, Assija als Ruheort zu dienen, versteinerte die Miene des schwarzen Drachen und das gehässige Grinsen verschwand hinter einer eisernen Maske, wie er sie für gewöhnlich zu tragen pflegte, um seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen. Seine Miene wurde auch nicht besser, als er sich gewahr wurde, dass kein einziger Tisch in diesem Raum leer war. Überall saßen mehr oder weniger Menschen und nicht einer von ihnen erweckte den Anschein, demnächst pissen gehen zu wollen, so dass man sich den Tisch schnappen konnte, oder gar überhaupt die Schenke zu verlassen. Anundfürsich wäre dies dem Dämon einerlei gewesen. Er wusste, wie man sich einen freien Tisch verschaffen konnte, wo es keine gab. Doch wäre dies nicht ohne einen Aufruhr vonstattengegangen, den der Dämon in diesem Augenblick ungern auf sich gezogen hätte. Aber als Shaharií schließlich an einen der Tische herangetreten war, und die beiden Männer, welche sie zunächst noch derart unflätig beschimpft hatten, dass das gehässige Grinsen für einen Augenblick auf Ajuns Gesicht zurückgekehrt war, kurz darauf mit beinahe glasigen Blicken den Tisch verlassen hatten, musste der Dämon die Stirn runzeln und kniff wieder einmal misstrauisch die Augen zusammen. »In ihr steckt mehr als es den Anschein hat.«, murmelte er mehr zu sich selbst, als zu Assija oder sonst jemandem. Er wagte nicht zu beurteilen, welche Macht sie noch nicht offenbart hatte, doch ein Gedankendieb wie sie, war ihm schon lange Zeit nicht mehr untergekommen. Und dies würde es nicht einfacher machen. Ganz im Gegenteil.

Der Tisch war nur für wenige Augenblicke leer, denn kurz darauf hatten sich drei neue Gäste gefunden, die ihre Hintern auf den abgewetzten Holzbalken plattzusitzen gedachten. Und dann schien es der Menai endlich genehm mit ihrer Geschichte, welche sie in ihrem Zelt beim freien Volk noch angedeutet hatte, zu beginnen. Sie erzählte von Dingen, die den schwarzen Drachen herzlich wenig interessierten. Von Dingen längst vergangener Tage, die älter waren, als er selbst es war. Und Dinge, die so weit in der Ferne lagen, waren in der Regel Dinge, denen er kein großes Gewicht beimaß. Ihn interessierten Sagen über die alten Drachen, Dinge über die Weissagungen der Menai und vor allen Dingen Shahariís Macht und was ihn diese kosten sollte, wenn sie denn die Wahrheit gesprochen hatte. Doch davon sprach sie nicht, und so ertappte sich der schwarze Drache dabei, wie er mehr und mehr nur mit einem Ohr ihren Worten lauschte, als ob die hölzernen Balken der Decke, oder die abgewetzten Dielen des Bodens auf einmal so interessant wären, als ob er derlei Dinge noch nie in seinem Leben gesehen hätte. »Was frage ich dich das überhaupt, du bist ein vagabundierender Dämon und kein Gelehrter.« Da schnaubte der Dämon verächtlich, als sie wieder einmal in ihren spottenden Tonfall verfallen war. »Das musst du gerade sagen, du Wanderhexe, fern der Heimat. Wer von uns zieht mit dem fahrenden Volk, die gewiss nicht für ihre Weisheit, sondern nur für ihren Hang zum Stehlen und Lügen, bekannt sind?« Er funkelte sie mürrisch an, ohne sich dabei die Blöße zu geben, ob sie nun mit ihren Worten Recht hatte, oder nicht. Und fand seinen Vergleich mit dem Lügen und Stehlen wunderbar passend, da er nicht jedem ihrer Worte den vollsten Glauben schenkte. Er ließ sich nicht gerne in die Karten schauen. Sollte sie doch glauben, was sie wollte. Wenn sie ihn falsch einschätzte, würde ihm dies später nur zum Vorteil gereichen. »Jedenfalls entstammt deine Art dem Magier Jeran und ihr seid letztlich das Ergebnis des Versuchs Elementarmagie zu einem Krieger zu manifestieren.« Der schwarze Drache schnaubte und seinen Lippen entfleuchte ein einzelnes, verächtliches Lachen. »Mir scheint, er hatte Erfolg damit gehabt.« Wie, um seinen Worten das nötige Gewicht zu verleihen, erschien kurz darauf eine kleine, rötliche Flamme in der rechten Hand des Dämon, tanzte von einem Finger zum nächsten, bis sie beim Daumen angelangt war, nur um sich schließlich wieder in Rauch aufzulösen. »Doch jeder Dämon, der einmal einem Elfenmagier …« Er spie das letzte Wort beinahe verächtlich aus »… begegnet ist, und überlebt hat, würde deine Worte wegen nur müde lächeln. Und ich habe viele Elfenmagier kommen und gehen sehen. Sehr viele.« Seine Stimme dämpfte sich unweigerlich, als ob er unweigerlich in dunkle, alte Erinnerungen verfallen würde, die wie der Zahn der Zeit an ihm nagten und ihn daran erinnerten, wie alt er eigentlich war. Ob sie verstanden hatte, wovon er gesprochen hatte war ihm einerlei. Aber selbst unter den Elfen war nicht weitläufig bekannt, welche mannigfaltige Wirkung das Blut eines Dämons auf einen Zauberer der elementaren Künste haben konnte. Und wenn sie davon nichts wusste, wäre dies das Letzte, was er ihr verraten würde.

Shaharií fuhr in ihren Belehrungen indes munter weiter fort, sehr zum Verdruss des schwarzen Drachens. »Deine Geliebte aber, besitzt die Gene der wahren Drachen.« Das Lächeln, welches die Menai seiner Drachenerbin zuwarf, ließ seine Miene augenblicklich wie zu Eis gefrieren und er verzog dabei seine Mundwinkel, kaum merklich aber doch genug, zu einer unwilligen Miene. »Ich wiederhole mich, Menai. Du erzählst mir Dinge, von denen du wissen musst, dass sie mir schon lange bekannt sind.«, brummte er ungehalten und zwang die Menai so, ihren Blick von Assija abzuwenden, und sich wieder ihm zu widmen. »Sollte das Ritual also wirklich funktionieren, muss dir klar sein, dass du mit dem daraus entstehenden Wesen nichts mehr gemein hast außer deinem Verstand.« Da rutschte der schwarze Drache unweigerlich näher an sie heran und lehnte sich mit dem Oberkörper über den Tisch, bis er ihr so nahe wie nur möglich gekommen war. »Verstehst du nun, nachdem du es selbst ausgesprochen hast, wovon du da sprichst, Menai? Darum, und um nichts anderes geht es mir.« Er hatte diesen Zustand satt. Mensch zu sein. Der Drache zu sein war unbeschreiblich. Und wann immer er die Gelegenheit hatte, diese Gestalt anzunehmen, verging kein Augenblick, den er nicht in vollen Zügen genoss. Doch dieser Zustand währte niemals von Dauer. Die Gestalt des Drachen anzunehmen war gefährlich, denn die Magie drohte jeden Augenblick von ihm Besitz zu ergreifen. Doch er war der Herr seiner selbst. Nicht die Magie. Keine Zauberer und auch keine Weissagungen. Er allein. »Selbstverständlich ist das Ritual äußerst komplex und aufwändig und es wäre ums unermessliche Einfacher deinen Geist an den Körper eines Drachen zu binden. Den wirst du aber leider nicht in deinem Besitz haben?« Der schwarze Drache schwieg. Er hielt einen Augenblick inne, bevor er sich wieder von ihr entfernte und die steife und abwartende Haltung von zuvor eingenommen hatte. »Habe ich nicht.« Er warf einen flüchtigen Blick zu der zierlichen Drachenerbin, welche das Gespräch mit sichtlich mehr Interesse verfolgt hatte, als er selbst und erkannte in ihren Augen sowohl Neugierde als auch Bange vor den Dingen, welche die Menai wohl sonst noch sagen würde. Er kannte seine kleine Drachenerbin nur zu gut, und konnte sich vorstellen, woran sie wohl gerade dachte. Er löste seine versteinerte Haltung ein wenig, bevor er Assija ein mildes Lächeln schenkte.

Als Shaharií endlich zum Wesentlichen kam, schnitt sie dem schwarzen Drachen, noch bevor darüber nachdenken konnte, ob er ihr überhaupt eine Antwort geben wollte, sogleich das Wort ab und widmete sich stattdessen der Drachenerbin. Ihre Worte von dem Kind und seinem, sowie ihrem Erbe, ließen den schwarzen Drachen zu einer schnippischen Frage herab. »Wie passt das eigentlich zu deiner Rede von vorhin? Wir, diese Wesen aus Magie und den Elementen. Nicht Mensch nicht Fleisch.« Er ließ die Worte ein wenig wirken, bevor er weitersprach. »Wie kann ein Wesen wie sie …« Er deutete auf Assija, ohne sie dabei direkt anzusehen. »… von einem wie mir etwas in ihrem Leib tragen?« Sein Lächeln war dünn und süffisant, da er sich sicher war, dass die einzige Erklärung hierfür darin lag, dass ihre vorherigen Worte nur hohles Gerede gewesen sein konnten. Er hörte sich ihre Worte an, viele Worte, ermüdende Worte. Doch als er vernahm, dass die Möglichkeit bestand, dass sein Spross, der im Schoße der Drachenerbin heranwuchs, möglicherweise nichts vom Erbe der Drachen in sich tragen könnte, erfüllte ihn eine wachsende Unruhe. Konnte sie Recht haben? Oder waren dies wieder nur verschlagene Worte, die sie geschickt gewählt hatte? Roch er hier eine ausgeklügelte Finte, oder sprach sie die Wahrheit? Er hatte fest darauf gebaut, das Blut des Kindes für den Drachenpakt zu gebrauchen, um Assija zu schonen. Wenn das Balg aber keinerlei Drachenblut in seinen Adern hätte, würde dies alles ändern. Er warf der Drachenerbin einen flüchtigen und verstohlenen Blick zu. Das Kind hätte er opfern können. Doch Assija konnte er nicht in dieser Rolle erkennen. Die Menai hatte das Wort Geliebte derart spöttisch ausgesprochen, dass der Dämon davon ausgehen musste, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass Assija ihm mehr bedeutete, als das Drachenblut in ihren Adern, welches er für den Drachenpakt unweigerlich benötigte. Und da die Drachenerben den Menai heilig waren, konnte er sich wiederum nicht vorstellen, dass sie die Drachenerbin bereitwillig opfern würde, selbst wenn diese darum betteln würde. Alles hing davon ab, wie das Erbe ihres Kindes ausfallen würde. Und diese Ungewissheit war dem Dämon sicherlich anzusehen. Doch konnte diese sowohl zugunsten, als auch zuwider Assijas Wohl verstanden werden. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er sich darüber in Schweigen hüllen würde, denn seine Gedanken und wahren Gefühle gingen nur die Drachenerbin an, und niemanden sonst.

Als Shaharií den Dämon und die Drachenerbin alleine gelassen hatte, um mit dem Wirt zu sprechen, saßen sie beide schweigend am Tisch, als ob sie vermieden, einander anzusehen oder gar anzusprechen, bis Assija schließlich das Schweigen brach. »Jonlai und Vai’leska… Wie könnte ich mein Kind töten lassen? Ein unschuldiges Kind.« Der Dämon schwieg. Er hatte erwartet, dass sie so empfinden würde. Und auch wenn es unvermeidbar war, hatte er bisher vermieden darüber nachzudenken, wie Assija wohl von seinem Vorhaben, das Kind zu opfern, denken würde. Doch nun hatte er seine Antwort auf die Frage, die er sich bisweilen nicht einmal gestellt hatte. Jede Antwort wäre die falsche gewesen und so hüllte er sich in Schweigen und nickte nur bedächtig. »Das Kind eines Dämon ist niemals unschuldig.«, murmelte er nur beiläufig, als ob er aus einem alten Buch zitieren würde. »Ajun. Sag mir, was ich tun soll. Du weißt immer, was das Beste für mich ist.« Der Dämon seufzte. »Was für dich das Beste ist, kann für andere schlecht sein, kleine Drachenerbin.« Er versuchte seine Worte geschickt zu wählen, so dass noch immer die Möglichkeit bestand, das Kind doch zu opfern, ohne Assija dabei zu verlieren. Er konnte es sich selbst nicht erklären, doch je mehr Zeit er mit dieser nutzlosen und zierlichen, schwachen Halbelfin verbrachte, desto weniger störte er sich daran. Vielmehr verband sie etwas, was er weder verstand noch nötig befand es zu verstehen. Auch wenn er bis zu diesem Tage an seinem Vorhaben festgehalten, und sein Ziel vor Augen beibehalten hatte, so hatte er längst, am Scheideweg zwischen dem einfachen und dem schwierigen Weg, seine Entscheidung gefällt. Assija wirkte unschlüssig, beinahe verloren. Und alles woran sie sie sich klammerte, war der Halt, den er ihr schon so oft gegeben hatte. Wäre er ein Mensch gewesen, oder einfach nur ein anderer, hätte er ihr zweifellos einen anderen Rat gegeben, als diesen. Aber er war kein Mensch. Er war ein Dämon. Ein Wesen der Magie, der Elemente und von egoistischer Bosheit angetrieben. So wie es die Gelehrten über seinesgleichen schrieben. Er hatte kein Gewissen, dass in plagte. Zumindest hatte er nie ein solches besessen, bevor Assija in sein Leben getreten war. Und nun war alles aus den Fugen geraten. Die Gedanken und Gefühle, welche er dieser Tage hegte, waren im fremd. So fremd, dass er sie verachtete. Doch etwas in ihm hielt ihn stets davon ab, genau dies zu tun. Wenn er sich zwischen Assija und dem Kind entscheiden musste, so war die Entscheidung klar. »Wenn dieses Kind deinen Tod bedeutet, dann solltest du ihm zuvor kommen.« Dies waren seine Worte gewesen. Nüchtern. Logisch. Und zugleich auch zweideutig und hinterhältig. Diese Worte, sollten jene Worte der Menai der Wahrheit entsprungen sein, konnten Assija das Leben bewahren und zugleich das Kind dem Opfer näherbringen. Doch Assijas Worte überzeugten den schwarzen Drachen nicht. Sie wirkten wie mechanisch. Nicht ehrlich. Nicht natürlich. Und noch bevor er näher darauf eingehen konnte, war die Menai auch schon wieder bei ihnen. Und als Assija schließlich jene Worte sagte, da legte der schwarze Drache seine Hand auf ihren Arm. »Wir sollten keine übereilten Entscheidungen treffen, Sija.«, murmelte er nur. »Du solltest dich ausruhen. Für ein Bett wurde gesorgt. Schlafe und entscheide morgen.« Seine Hand glitt von ihrem Arm, als ob er sich just in dem Moment bewusst geworden, war was er da eigentlich getan und gesagt hatte, und wandte sich kurz darauf der Menai zu. »Und dir will ich sagen, was ich weiß.«

Der schwarze Drache griff kurz darauf in die kleine Tasche seiner Tunika und förderte das, in altes Leder eingebundene, Buch zu Tage, welches er aus der Bibliothek in Merridia gestohlen hatte. Sie wirkte sichtlich unbeeindruckt, von dem schmucklosen Schmöker, den er da zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Und der Zustand, in welchem sich das Buch befand, gab auch nicht gerade Anlass, vor lauter Spannung zu bersten. Doch der schwarze Drache wog es sachte hin und her, bevor er es wieder in seinem Gewand verschwinden ließ. »Du kennst dieses Buch sicherlich. Wenn du weißt, was du zu wissen vorgibst, und wenn du vermagst, was du zu vermögen vorgibst, kennst du den Inhalt dieses Buches. Oder zumindest dessen Bedeutung.« Der Dämon sah die Menaihexe eindringlicher an, um in ihren Augen irgendeine Art von Regung oder verräterischen Gedanken zu erkennen. Doch entweder war das Licht im Raum derart schlecht, dass dies nicht möglich war, oder sie ließ sich zu keiner Regung hinreißen. »Ich habe es gelesen. Mehrere Male.« »Und du verstehst es nicht.«, schloss die Menai kalt und spottend, wie er es inzwischen von ihr gewohnt war, den Satz. Der Drache schnaubte grimmig und zischte beinahe wie eine Schlange und verengte die Augen zu zwei bedrohlichen Schlitzen, bis die Iriden zu glühen begannen. Sie hingegen schien beinahe siegesgewiss zu lächeln, auch wenn ihre Mundwinkel sich kaum bewegten und dies versetzte den Dämon nur noch weiter in Rage. »Willst du hören, was ich weiß, oder diente deine Frage nur dem Zweck, deinen Spott mit mir zu treiben, du vermaledeites Hexenweib?«, fauchte der Dämon ungehalten und das Beben seines wütenden Herzens übertrug sich auf seinen angespannten Körper. Das Grinsen, welches der Menai buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand, konnte sowohl bedeuten, dass er mitten ins Schwarze getroffen hatte, als auch dass sie sich königlich darüber amüsierte, wie er ihn aus der Fassung gebracht hatte. Und dies hätte dem Hünen, dessen Augen bereits tiefrot leuchteten, vollends in Zorn versetzt, wenn nicht just in diesem Moment Assijas Hand auf seinem Unterarm wiedergefunden hätte. Und wie schon so oft, hatte diese einfach und eigentlich völlig belanglose Geste seine Wirkung nicht verfehlt. Der Dämon schien sich sichtlich zu beruhigen, als ob die Berührungen dieser zierlichen Drachenerbin das glühende Feuer in seinem Herzen zu dämpfen vermochte. »Woher hast du dieses Buch überhaupt, von dem du annimmst, ich kenne es?«, fragte Shaharií, schließlich, als ob nichts weiter geschehen sei. »Das tut doch nichts zur Sache, Weib!«, blaffte der Drache und entzog sich dabei der Berührung der Drachenerbin, als ob diese lästig oder gar unangenehm sei. Doch vermutlich war es ihm nur in Gegenwart der Menai unangenehm. Da seufzte die Menai. »Würdest du allein damit zurechtkommen hättest du dich nicht extra auf den Weg nach menainon gemacht, oder?« Dem hatte der Dämon nicht viel entgegenzusetzen. Und als er daraufhin schwieg, unfähig ihrer Schlussfolgerung zu widersprechen, setzte sie sogleich in resolutem Ton fort. »Also zeig mir das verdammte Buch, damit ich selbst beurteilen kann, ob ich es kenne, so wie du behauptest.«

Der Dämon grunzte abweisend. »Was habe ich davon, wenn ich dir das Buch jetzt gebe? Gar nichts.« Die Menai ließ sich hierbei nicht einmal mehr auf einen Kommentar herab, sondern starrte ihn nur eindringlich an. Und so seufzte er schließlich. Er hatte das Buch intensiv studiert. Und auch wenn er ihr dies niemals zugestehen würde, hatte sie natürlich Recht damit gehabt. Er hatte die Sprache der Menai schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesprochen oder gar gelesen. Manche Worte verstand er nicht und der Sinn mancher Metaphern erschloss sich ihm nicht. Und so ließ er seine Hand in das Gewand gleiten und zog das Buch erneut hervor. Ohne ein Wort zu verlieren, pfefferte er das Buch auf den Tisch und erhob sich, um Assija in die Kammer zu bringen. »Den Rest erfährst du morgen. Nicht heute. Und nicht hier. Und das ist mein letztes Wort.«
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Mo, 08. Jun 2015 15:21

Bildie Menai hatte sich nach bestem Gewissen bemüht dem Dämon die nötigen Grundlagen an Wissen zu vermitteln, die es für das weitere Verständnis bedurfte, doch dieser Strafte sie ungeachtet ihrer guten Absicht mit Desinteresse und seinen argwöhnischen Kommentaren, welche existenzieller Bestandteil seines Charakters zu sein schienen. Ebenso wie er sie mit Desinteresse strafte, strafte Shaharií sein Desinteresse mit kühler Gleichgültigkeit. Für sie spielte sein Verständnis keine Rolle, wusste sie doch bereits was sie wissen musste. Alles weitere diente lediglich der freundlichen Geste auch dem Hünen die Materie seines Vorhabens näher zu bringen. Einige Abfälligkeiten seinerseits konnte sie jedoch nicht guten Gewissens unbeachtet lassen und so ließ sie sich doch dazu herab seine Ignoranz mit Antworten zu belohnen, bevor sie ihre Ausführungen abschließen und sich um eine Unterkunft für die beiden Vagabunden kümmern würde. Zuerst einmal ließ sie es sich dabei nicht nehmen seine Kritik am fahrenden Volk zu entkräftigen, schließlich war dieses Volk vieles, doch Unehrlichkeit und mangelndes Verständnis für den Besitz anderer hatte sie zumindest dieser Gruppe die sie aufgenommen hatte, nicht ansehen können und so verzog sie das Gesicht zu einem kritisch fragenden Ausdruck. „Du musst mehr Zeit mit dem fahrenden Volk verbracht haben als ich, wenn du so bewandert in ihren Eigenschaften und Charakterzügen bist. Warst du es nicht, der darüber sprach man solle sich kein Urteil über Dinge anmaßen, über die man nichts wusste? Du solltest anfangen deinen eigenen Worten zu folgen, wenn sie dir nicht bloß als scheinheiliges Instrument deiner Ignoranz dienen“ lächelte sie ihn schließlich an, ohne dabei den Hauch von Spott zu kaschieren, der diesen Worten anhaftete. „Erinnerst du dich daran, dass meine Hilfe nur zu meinen Bedingungen und nur zu meinem Preis erfolgen würde? Hier ist meine erste Bedingung“ sie hob den Zeigefinger ihrer Rechten als würde sie die Symbolische Aufzählung ihrer Bedingungen beginnen; „Dir ist sicher aufgefallen, dass ich auf deinen Wunsch, dich nicht bei einem Begriff zu nennen der dir Unbehagen bereitet, wortlos eingegangen bin. Eine Geste der Höflichkeit, des Anstands und des Respekts. Willst du meine Hilfe ist die erste Bedingung das du mir den Respekt entgegnest den du auch von mir erwartest. Ich bin keine Wanderhexe, das beschreibt lediglich was ich in deinen Augen bin“ grinste sie ihn an, während sie ihm mit seinen eigenen Belehrungen begegnete. „Also nenne mich bei meinem richtigen Namen oder bei meinem Titel als Ruferin, doch spar dir deine Respektlosigkeit. Eine Hand die du schlägst wird weniger geneigt sein dir noch einmal ihre Hilfe anzubieten, verstehst du?“ schloss sie die erste Bedingung mit ernstem Ton, nahe dem einer Lehrerin die schwere Worte mit ihrem Schüler wechselte. Sie erwartete keine Reaktion darauf, immerhin schienen weder Respekt noch Einsicht zu den Tugenden des Dämons zu gehören.

Und so fuhr sie mit ihren Erklärungen ungehalten fort, zumindest bis er sie wieder mit einer Abfälligkeit aus dem Fluss bringen würde. Und dies ließ auch nicht lange auf sich warten. Seine Machtdemonstration bedachte sie mit einem aufrichtigen Nicken. Die Menai hatte keine Zweifel daran, dass dem Dämon große Macht inne wohnte, nicht von ungefähr war es ihm möglich so viele Krieger und Gelehrte ihres Volkes zu töten und auch wenn es ihr an Ehrfurcht fehlte hatte sie Respekt vor der zerstörerischen Macht des Feuers. Auch seine nächste Machtdemonstration, mochte sie auch nur dem gesprochenen Wort entstammen, entgegnete sie Kommentarlos. Es fiel nicht schwer vorzustellen, dass ein elfischer Magier einem Dämon nicht viel entgegenzusetzen hatte und sowohl die aggressive Art des Drachen wie auch seine Zerstörungswut und die Tatsache das er noch lebte, gaben seinen Worten die nötige Glaubwürdigkeit. Und trotz diesem Zuschaustellen seiner Macht gewann es der Ruferin keine weitere Ehrerbietung ab. Gewiss mochte ein Elementarmagier der Manifestierung eines schieren Elements nichts entgegen zu setzen haben, doch die Menai war keine Elementarmagierin. Sie war eine Ruferin, eine Magierin des Geistes. Die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft hatten die Welt geschaffen, der Geist aber, das fünfte Element hatte der Welt schließlich das Leben eingehaucht. Was sollte seine rohe Macht der Macht des Lebens entgegensetzen können? Und wie der schwarze Drache einer der mächtigen seiner Art war, war Shaharií die mächtigste Geistmagierin des ganzen Kontinents und wohl auch darüber hinaus. Die Götter hatten ihr die Macht verliehen das fünfte Element zu beherrschen wie es keiner vor ihr vermochte. Sie hatte ihre Seele in einen neuen Körper gezwungen und sie hatte drei der mächtigsten Rufer ihres Volkes mit der bloßen Macht ihres Geistes zermalmt. Die Erinnerungen an ihr Ritual und dessen Folgen riefen eine dunkle Erkenntnis in der Ruferin hervor – Sie und Negwenhó waren sich in gewisser Weise gar nicht so unähnlich. Sie waren beide Manifestationen ihres Elements, auch wenn sich ihr Element unterschied. Von alle dem aber konnte Ajun nichts wissen. Für ihn war sie nichts weiter als eine Wanderhexe wie er es betont hatte. Ein fahrlässiger Fehler die Menai derartig zu unterschätzen, zumindest wenn sie ihm so schlecht gesonnen wäre, wie es tief in seinem Glauben verankert schien.

Einige Momente später und als Shaharií ihre Gedanken wieder gefangen hatte, brachte der Hüne seiner Ignoranz erneut Tribut. Natürlich war ihr bewusst, dass genau dies sein Ziel war. Er wollte diese Hülle zurücklassen. Wollte zu etwas werden was aus seiner Sicht in seinem Wesen lag. Im Gegensatz zur Ruferin wusste er aber nicht, dass der Verstand irreparable Blessuren erlitt, wenn er an einen neuen Leib gebunden wurde. Ebenso wusste er nicht, dass ihm seine dämonische Natur dabei nicht den geringsten Vorteil bot, wie es die Naturmagie bei ihrem Ritual tat. So nickte die Menai erneut. „Genau so willst du es…“ bekräftigte sie seine Aussage, als wäre es der allgemeine Tenor. Als Shaharií einige Augenblick später auf Assija zu sprechen kam, unterbrach Ajun sie, noch bevor die Betroffene - Assija - auch nur etwas dazu sagen konnte.
„Wie passt das eigentlich zu deiner Rede von vorhin? Wir, diese Wesen aus Magie und den Elementen. Nicht Mensch nicht Fleisch.“ Er legte eine Pause ein, als benötigte die Menai Zeit ihre eigenen Worte zu reflektieren.“ Wie kann ein Wesen wie sie … „ deutete Ajun beiläufig auf die Drachenerbin. „… von einem wie mir etwas in ihrem Leib tragen?“. Spott und Zweifel in seinen Worten waren unkaschiert. Nicht verwunderlich, hatte er ihre Erläuterungen doch mit Freude abgelehnt. Shaharií zog ihre Beine näher zu sich heran, so dass sie sich in eine aufrechtere Position begeben konnte, nur um sich anschließend mit dem Oberkörper über den Tisch zu beugen und sich auf den Ellenbogen abzustützen. „Wärst du vorhin damit zugange gewesen mir aufmerksam zuzuhören und nicht damit, dir in deinem Köpfchen die nächsten bösen Worte zurecht zu legen, dann wäre dir folgendes Wort aufgefallen…“ sie maß ihn mit ernsten und kalten Blicken und betonte das folgende Wort als würde sie es einem begriffsschweren Kind einbläuen wollen;“Ma-ni-fes-tiert. Was so viel bedeutet, wie Verkörpert. Wärt ihr, also Deinesgleichen, pure Energie, dann wärst du nichts als eine wütende Flamme. Jeran aber wollte keine wütende Flamme. Er wollte Krieger. Und unter Kriegern stellte er sich etwas körperliches vor. Deswegen band er eure Energie in die einzigen Körper, die einem Krieger nahe kamen: menschliche Körper. Dein Blut ist nicht menschlich, deine Essenz ist nicht menschlich. Dein Körper aber ist es sehr wohl! Auf komplexe Weise mit dem Element verworren, dass dir inne wohnt. Du musst Essen, Trinken und Scheißen wie jeder andere Mensch auch. Schneidet man dich blutest du. Schlägt man dich spürst du Schmerz. Und genauso verhält es sich mit dem Samen deiner Lenden. Er ist menschlich, auf komplexe Weise mit dem Element verworren, dass dir inne wohnt.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf, um das Fehlen einer Lehne auszugleichen. „Weißt du warum es so schwer ist dich zu einem Drachen zu machen?“ grinste sie und wog dabei abwartend mit dem Kopf hin und her; „Weil du nichts mit einem Drachen gemein hast. Dir fehlt die Würde sowie der Anstand. Drachen sind weise, Gelehrte und Krieger gleichermaßen. Du aber bist ein Narr, nur fehlt dir der Charme eines Narren, was den Umgang mit dir anstrengend macht. Du willst ein Drache werden?“ lehnte die Menai sich mit der rhetorischen Frage vor;“ Dann lerne wie ein Drache zu denken. Schlage Wissen nicht zugunste von Abfälligkeiten aus. Nimm auf was sich dir anbietet. Lerne und erweitere deinen kleinen Geist…“ die nächsten Worte waren überraschend spottfrei und beinahe Aufrichtig; „Du hast einen starken und kühnen Charakter. Dein Wille ist beeindruckend, aber dir fehlt der Feinschliff. Du musst lernen dich zu öffnen, denn ein Drache zu sein bedeutet mehr als Schuppen und Flügel.“ Unlängst darauf gab Shaharií kund, dass sie den beiden Gefährten Zeit für sich geben würde und begab sich zum Wirt um die nötigen Formalitäten zu klären.

Nicht viel später kam die Menai zurück an den Tisch, an den sich glücklicherweise keine weiteren Gäste gesellt hatten und wieder nahm sie ihren Platz gegenüber der beiden Vagabunden ein. Die Mienen verrieten das ihre Worte weder Ajun noch Assija kalt ließen, wobei der Dämon wesentlich begabter darin war, seine Miene zu einer steinernen Maske werden zu lassen. Dennoch witterte die Menai einen Anflug von Unruhe darin. Ihr Blick war geschult für die Regungen der Menschen, immerhin verlangte ihr Handwerk dies. Wenn sie gut darin sein wollte, welchen Anspruch sie auch an sich selbst stellte, war dies absolut unabdingbar. Assijas Miene hingegen war bleich. Bleich und bedrückt und doch von einer Kälte gezeichnet, die die Menai der Drachenerbin gar nicht erst zugetraut hätte. Es herrschte stilles Warten, bis Assija die Worte formte. „Mach es weg…“ waren die Worte um die sie so bemüht gerungen hatte und mit diesen Worten senkte sich auch Shahariís Blick. Aber noch bevor die Menai darauf eingehen konnte, schoss Ajuns Hand auf den Arm der Drachenerbin, gefolgt von einem leisen Murmeln. „Wir sollten keine übereilten Entscheidungen treffen, Sija.“ Da entbrannte in Shaharií eine tiefe Ernsthaftigkeit und ihr Blick schwang mahnend auf Ajun. „Denk nicht einmal daran Ajun! Denk nicht einmal daran ihr in diesem Belang deine Meinung einzuflößen, denn sie ist unbedeutend!“ sprach sie scharf. Darauf legte die Menai andächtig ihre Hand über den Tisch hinweg auf die Hand Assijas, welche sich wie versteinert an die Tischkannte klammerte. Ihre Hand war kalt, wie Blutleer. „Verzeih mir Assija. Ich hätte dich von Anfang an in deine Situation einweihen müssen. Ich habe dich unterschätzt und dies war ein fehler“ mit diesen Worten richtete sie sich wieder Ajun zu. „Wenn deine Worte nicht bloß Augenwäscherei waren, wenn Assija nicht bloß ein Werkzeug deines Egoismus ist, dann akzeptiere das sie eine Erwachsene, wenn auch junge Frau ist!“ mahnte sie ihn erneut scharfzüngig. „Diese Entscheidung liegt weder bei dir noch bei mir. Es ist ihr Leib und allein ihrer. Wenn du auch nur den Hauch von Respekt ihr gegenüber verspürst dann wirst du sie ihre eigene Entscheidung treffen lassen. Und solange deine Männlichkeit zwischen deinen Schenkeln baumelt, solange deine Brust flach wie die Steppe ist und solang du nicht die Saat eines Mannes in deinen Lenden trägst, fehlt es dir an allem was es für diese Entscheidung bedarf! Ein Blick in Assijas Augen genügt um zu sagen, dass sie über weit mehr Stärke verfügt als Kriegswitwen und alte Mütterchen sie bis zu ihrem Lebensende je erlangen könnten. Und nur ihr obliegt wie sie mit ihrem Leib verfährt, möge das Band zwischen euch auch noch so stark sein.“ Erneut wandte sie sich der Drachenerbin zu, deren Hand sie inzwischen wieder losgelassen hatte und auch ihr Blick verlor deutlich an Schärfe, als sie Assija ansah. „Ihr Drachenerben seid das Bindeglied zwischen den Menschen und den Drachen. Ihr seid von heiliger Natur und euch unter den unseren zu haben ist ein Segen. Ich hätte dir diese bittere Kunde nicht zugetragen, wenn ich auch nur im entferntesten der Meinung wäre, dass dies ein gutes Ende für dich und deinen Spross nehmen kann. Aber du bist geschwächt und Ajuns Saat brennt vor Energie. Eine schreckliche Mischung die mich zu großer Sorge um dein Leben bewegt…“ sprach sie andächtig, fast schon flüsternd. „Ich werde alles nötige vorbereiten, denn Ajun irrt sich. Eine übereilte Entscheidung ist genau das was wir brauchen. Mit jedem weiteren Tag der vergeht wird dein Körper schwächer und euer Spross stärker. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn jeder verstrichene Tag bringt dich näher dahin, wo ich dir nicht mehr helfen kann. Ich werde bis zur morgigen Mittagsstunde alles vorbereitet haben. Ob du meine Hilfe dann in Anspruch nimmst liegt ganz alleine bei dir“ schloss sie ab und lehnte sich wieder zurück, erneut mit den Armen verschränkt hinter ihrem Kopf.

Es machte keinen Sinn noch länger über die Umstände zu diskutieren und es machte keinen Sinn Ajun noch mehr Gelegenheiten zu bieten um sich in Dinge einzumischen, von denen er nichts verstand. Er mochte seine eigenen Ziele verfolgen und in diesem Fall mochten seine Ziele zum Schaden der Drachenerbin sein, was der Menai ein Dorn im Auge war. Sie konnte nicht beurteilen ob es letztlich Unwissenheit oder doch Egoismus war, der Ajun antrieb, sicher war nur, dass er einen Fehler beging. Einen Fehler den die Drachenerbin für ihn bezahlen musste. Auch der Hüne schien die Ansicht zu teilen, dass eine weitere Diskussion sich erübrigte und so fuhr er mit seinem Teil fort, der Menai zu berichten was er in Erfahrung bringen konnte.

Aus seiner Tunika zog er ein in verwittertes Leder gebundenes Buch heraus. Augenscheinlich nichts Besonderes, traute die Menai dem Hünen doch auch zu, dass er ihr sein Kochbuch vorführte nur um erneut herablassend über sie zu spotten. Doch bevor er zu seinem Spott ansetzte ließ er es zu der Verwunderung der Ruferin wieder in seiner Tunika verschwinden. Damit war der Verdacht erloschen er würde ihr sein Kochbuch vorsetzen, hatte es doch scheinbar mehr Bedeutung für ihn. „Du kennst dieses Buch sicherlich. Wenn du weißt, was du zu wissen vorgibst, und wenn du vermagst, was du zu vermögen vorgibst, kennst du den Inhalt dieses Buches. Oder zumindest dessen Bedeutung.“ Mit diesen Worten quittierte er seine Geste. Dachte er wirklich sie würde sein Büchlein allein an dem unbeschrifteten Einband erkennen? Oder das alle Rituale die von Nöten waren nur in einem einzigen Buch niedergeschrieben waren? Ajun erklärte er habe das Buch gelesen, was umso mehr darauf schließen ließ, dass er nichts von dessen Inhalt begriff, sonst hätte er es sich nicht nehmen lassen, sein Wissen triumphierend mit ihr zu teilen. Der schwarze Drache war gewiss nicht so vorhersehbar wie die Menai es gewünscht hätte, sein Stolz aber machte ihn zuteilen berechenbarer als er es sich gewünscht hätte. „Und du verstehst es nicht“ erkannte sie, legte den Kopf schief und warf ihm einen Blick mit aufgesetztem Bedauern zu. Scheinbar steckte der Dämon wesentlich weniger gerne ein, als er auszuteilen beliebte. Bedrohlich kniff er die Augen zusammen und ungewiss ob sich bloß die Glut der Feuerstatt in seinen Iriden spiegelte oder aber ob sein dämonisches Wesen in ihm hervor kam, konnte die Menai sich ein sanftes Lächeln nicht verkneifen. „Willst du hören, was ich weiß, oder diente deine Frage nur dem Zweck, deinen Spott mit mir zu treiben, du vermaledeites Hexenweib?“ fauchte er, als hätte er am liebsten über den Tisch gegriffen und der Ruferin diese Worte ins Gesicht geschlagen. Und ob der Tatsache das er sie schon wieder eine Hexe geschimpft hatte, wuchs ihr Grinsen, denn dem Dämon brachte seine eigene Fassungslosigkeit mehr Schmach als ihre Reaktionen es hätten bewirken können. Shaharií gestikulierte darauf als hätte sie seine Anschuldigung beiseite Fegen wollen, denn es interessierte sie wirklich was er zu sagen hatte.

Woher hast du dieses Buch überhaupt, von dem du annimmst, ich kenne es?“ hakte sie kurz darauf nach, wieder in ihrer gewohnt freundlichen, ruhigen und schwungvollen Tonlage, so als hätte sie geflissentlich über den Aussetzer es Drachen hinweggesehen. Eine Gelegenheit die sie ihm bot den Schein zu wahren, der für seinen Stolz von so großer Bedeutung war. Er aber konnte nicht darüber hinwegsehen und verlieh seiner Abneigung damit Ausdruck, dass er die Frage einfach der Bedeutungslosigkeit zuordnet nur um sich anschließend aus dem Griff Assijas zu lösen, die wieder einmal Hand an ihn gelegt hatte. Eine kleine Geste zu der die Drachenerbin offenbar neigte, sobald der Dämon in Rage geriet. Mochte es wohl doch stimmen, dass sie mehr Bedeutung für ihn besaß, als die Menai eingangs vermutet hatte? Shaharií schüttelte schließlich den Kopf und seufzte auf. Diese Art der Unterhaltung war kurzfristig erheiternd, brachte sie aber nicht voran. „Würdest du allein damit zurechtkommen hättest du dich nicht extra auf den Weg nach Menainon gemacht, oder?“ bot sie Ajun erneut die Möglichkeit seinen Stolz zu schonen und ohne ewiges Hin und Her die Fakten zu klären. Er schwieg. Seine Haltung wurde gelassener, man könnte schon sagen er entspannte sich etwas ob dieser Frage die er nicht hätte abstreiten können. Natürlich aber ließ er sich trotzdem bitten. „Also zeig mir das verdammte Buch, damit ich selbst beurteilen kann, ob ich es kenne, so wie du behauptest.“ Unterstrich sie ernst aber ruhig. Ajun warf noch einmal seine Skepsis in die Runde doch Shahariís Blick machte deutlich das sie nicht erneut darum bitten würde und als hätten sie diesen Gedanken beide geteilt gab er nach und wühlte das Buch erneut aus seiner Tunika hervor. Wortlos pfefferte der Hüne das Buch auf den Tisch, so kräftig das alles was darauf lag zu klirren begann und Shaharií vor Schreck den Halt verloren hätte, wären die Muskeln in ihrem Leib nicht augenblicklich versteift. Nichts anderes hatte der Dämon damit provozieren wollen. Just in diesem Moment erhob er sich, gefolgt von Assija die seiner wortlosen Geste nachkam. „Den Rest erfährst du morgen. Nicht heute. Und nicht hier. Und das ist mein letztes Wort.“ Beendete er die Zusammenkunft, den Rücken der Menai schon zugewandt, die noch immer auf das Buch starrte, das vor ihr lag. „Trefft mich Morgen im Versammlungszelt des fahrenden Volkes wenn die Sonne am höchsten steht, ich werde dort auf euch warten…“ warf sie hinterher. Gewiss würde dafür gesorgt sein, dass sie dort unter sich waren.

Als die Schritte Ajuns und Assijas hinter ihr immer seichter wurden bis sie schließlich ganz erloschen, wanderten zahlreiche Gedanken durch den Kopf der Menai und sie beugte sich mit den Ellbogen gestützt über das Buch, welches noch immer vor ihr lag. Sie musste die fehlenden Ingredienzen beschaffen um einen Absud herzustellen, der Assija zu einer Totgeburt verhelfen würde, so sie die Hilfe in Anspruch nehmen würde. Das Gift eines Frosches aus Menainon besaß sie bereits, dass in geringer Dosis das Kind töten sollte ohne Assija dabei zu sehr zu schädigen. Stachelbeeren um einer Entzündung vorzubeugen, Eisenkraut und Himbeer um die Wehen einzuleiten sowie Salbei um die Milchproduktion zu verhindern und damit einer weiteren Entzündungsgefahr vorzubeugen. Anschließend noch in Ziegenmilch aufgekochtes Cannabis zusammen mit Baldrian um die Leiden bei der Geburt zu schmälern. Zusammen mit ihrer Magie würde dies die einzige Möglichkeit bieten um mit dem geringsten Risiko eine Totgeburt hervorzurufen. Lediglich Eisenkraut und Salbei musste Shaharií noch beschaffen, was bei dem örtlichen Bader oder einem der fahrenden Händler keine Schwierigkeit sein sollte – Brisangen war immerhin ein Handelsposten. Der beste Ort weit und breit um an die Unterschiedlichsten Ingredienzen aus dem Osten sowie dem Westen zu kommen.

Und während sie sich den Kopf zermarterte ob sie nicht irgendeine Zutat außer Acht gelassen hatte, fiel ihr Blick auf ihren linken Arm und die Tätowierung die darauf prankte. Sie ging auf den dritten Mond zu, den sie hier in Brisangen verbrachte und es würde nicht mehr lange dauern, bis die das Ritual erneuern müsste um ihre Seele an Talaniís Körper gebunden zu halten. Besonders dann nicht, wenn sie Magie aufbringen musste um Assija bei ihrer Entbindung zu unterstützen. Im schlimmsten Fall würde der Bannzauber mitten während der Stärkung nachlassen, sie würde anfangen ihr Blut auszuhusten und hätte nicht mehr die Macht um ihre Zauber aufrecht zu halten. Ein viel zu großes Risiko wie Shaharií in diesem Moment feststellte. Sie musste den Bannzauber noch vor der Geburt erneuern, womit die Entbindung frühestens in drei Tagen stattfinden könnte. Sie musste das Ritual also noch in dieser Nacht vollziehen, dafür aber brauchte sie das Blut eines Menschen. Bei dem Gedanken biss sie sich auf die Lippe, bis der Geschmack von Eisen ihren Mund erfüllte. Die Ruferin verabscheute es, dass sie das Ritual so häufig vollziehen musste, sie hasste es das sie stets mühsam an das Blut eines Menschen kommen musste. Und sie hasste die Folgen dessen. Die Schwächung sowie die Einschränkung ihrer Magie – und dennoch musste es sein, wenn sie Assija nicht gefährden wollte. Doch vorher galt etwas anderes, sie musste ihre Neugierde stillen und so schlug sie das Buch vor sich auf. Der erste Blick verriet, dass es in einem moderneren Dialekt von Menondiwe geschrieben wurde. Moderner als die Schriften die sie kannte. Gewiss schon ein halbes Jahrhundert oder noch etwas älter, aber nicht zu vergleichen mit den Schriften aus den Archiven der Rufer, welche aus der Zeit stammten, als die Drachen noch das Land diesseits der Mauer besiedelten. Nachdem sie schließlich mit grübelndem Blick über dem Buch hockte und von Seite zu Seite wechselte, entdeckte sie den Abschnitt der Ajuns Interesse geweckt hatte. „Der Drachenpakt…“ murmelte sie leise, für sich und niemanden sonst. Die Bestandteile des Rituals waren in kryptischen Metaphern gehalten, welche sich nicht zu weit von denen Unterschieden, die in den alten Schriften verwendet wurden. Und dennoch realisierte Shaharií schnell, dass einige Punkte sich gravierend von den Schriften unterschieden, die sie kannte. Das Buch war zu modern. Eine Neuinterpretation dessen was die Rufer damals niederschrieben, eine Neuinterpretation die feine Details der Magie fehlerhaft Interpretierte. Selbst wenn der schwarze Drache die Schrift vollständig hätte entschlüsseln können, wären ihm Entscheidende Details entgangen. Wichtig war nun, welche Ingredienzen er bereits hatte und ob er die Metaphern überhaupt richtig interpretiert hatte. Alles was er bereits hatte wäre ein großer Erfolg, immerhin waren die Bestandteile zumeist nur kompliziert zu erlangen. Gerade wollte Shaharií ihre Gedanken weiterspinnen, da wurde sie von einer sanften und zittrigen Stimme aus ihrer Trance gerissen.
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Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Mo, 08. Jun 2015 22:56

Bildas Kind eines Dämons ist niemals unschuldig...“ murmelte der Drache und Assija blickte ihn fragend an. Wenn sie sich ehrlich war, so war sie in einem Zwiespalt, was den Drachen betraf. Dass Dämonen böse waren, war bekannt. Doch dieser Dämon war anders. In seinem dämonischen Herzen, in welchem das Feuer seines Elementes loderte, gab es viel Gutes. Das wusste sie, die ihn so gut kannte, wie niemand sonst, und keiner würde sie jemals vom Gegenteil überzeugen können. Wie also konnte ein Kind, welches einem solchen Dämons, und einer Drachenerbin, die keiner Fliege etwas zuleide tat, anders sein, als gut? Doch sie entgegnete nichts, sondern bat ihn um seine Meinung, auf welche sie stets großen Wert legte. Wann immer sie Rat brauchte, Ajun wusste Rat. Er war alt, er war weise, in ihren Augen, und er kannte sie ebenso gut, wie sie ihn kannte. Wer also wäre als Ratgeber besser bewandert, als er? Doch die erhoffte eindeutige Antwort blieb aus. Stattdessen antwortete er „Was für dich das Beste ist, kann für andere schlecht sein, kleine Drachenerbin.“ Eine Antwort, die so nichtssagend, wie nur irgendetwas war, keine Antwort, die ihr in ihrer Entscheidung weiterhelfen würde. Und so fragte sie ihn erneut, was er dachte, und was sie tun sollte. Die Antwort, die sie nun erhielt, deckte sich in keiner Weise mit jenen Gedanken, welche sie gehegt hatte. Doch er hatte stets Recht behalten mit seiner Meinung, und so gab es für sie in diesem Moment, der eine solch heikle Entscheidung verlangte, keinen Zweifel. Er deutete an, dass es besser wäre, wenn sie lebte, bevor bei der Geburt sie, oder gar beide starben. Er hatte Recht. Wie es schien, forderte der Tod ein Leben ein. Ajun hatte ihr so oft das Leben gerettet. Was wären all diese Opfer, genährt von Blut und Mühsal, wenn sie ihr Leben nun verlor, weil ein menschlicher Körper, sei er nun stark wie der eines Kriegers, oder so schwach wie jener einer Drachenerbin, nicht geschaffen war, für die Geburt eines Dämonenkinds? Es half nichts, sie musste eine Entscheidung treffen. Ajuns Worte trafen sie tief ins Herz, doch sie waren auch nachvollziehbar. Er hatte Recht. Was nützte es ihr, wenn das Kind lebte, doch seine Mutter starb? „So sei es…“ murmelte sie sie leise, und im nächsten Augenblick trat auch die Menai wieder an den Tisch, die natürlich neugierig war. Assija teilte ihr ihre Entscheidung mit. Sie sprach die Worte kalt, kurz und prägnant aus. Der kleinen Drachenerbin war nichts daran gelegen, diese Entscheidung noch in großen Reden auszuschmücken. Sie senkte ihren Kopf, und starrte auf die kerbige, abgewetzte Tischplatte, die hier und da speckig glänzte. Und der Drache tat etwas, was sie zum einen überraschte, jedoch auch wieder in die Bredouille brachte. Er legte seine Hand auf ihren Arm und meinte „Wir sollten keine übereilten Entscheidungen treffen, Sija. Du solltest dich ausruhen. Für ein Bett wurde gesorgt. Schlafe und entscheide morgen.“ Dies brachte ihren Entschluss wieder ins Wanken, und machte sie nicht wirklich glücklich. „Wahrscheinlich hast du Recht, Ajun…“ murmelte die Drachenerbin, wieder ein wenig unsicher und mutlos geworden.

Es war Shaharií, welche sich nun einschaltete. „Denk nicht einmal daran Ajun! Denk nicht einmal daran ihr in diesem Belang deine Meinung einzuflößen, denn sie ist unbedeutend!“ Assija hob nun fragend den Kopf, und blickte zuerst den Drachen, und dann Shaharií an. Diese hatte sich ihr gegenüber hingesetzt, und übernahm ihre Hand, als der Drache die seine nur wenige Wimpernschläge zuvor wieder schlagartig weggezogen hatte. Die Hand der Menai war warm, und erst jetzt fiel Assija der Gegensatz zu ihrer eigenen, kalten Hand auf, und diese Gewissheit rief ihr ins Bewusstsein, dass sie ein wenig fröstelte. Am Wetter lag es nicht, die Sonne schien mild an diesem Frühlingstag. Doch woran lag es dann? An ihrer Entscheidung, oder wusste ihr Körper bereits etwas, was der kleinen Drachenerbin noch nicht bewusst war, und er begann noch schwächer zu werden? Shaharií begann sich zu entschuldigen. „Verzeih mir Assija. Ich hätte dich von Anfang an in deine Situation einweihen müssen. Ich habe dich unterschätzt und dies war ein Fehler.“ Assija schüttelte peinlich berührt den Kopf. „Du musst dich nicht entschuldigen, Shaharií…“ murmelte sie, und dann wandte sich die Menai auch schon an den schwarzen Drachen. Scharf ermahnte sie ihn, dass es nicht an ihm läge, diese Entscheidung zu treffen. Ja, Sija konnte den Verbot aus diesen Worten regelrecht heraushören. Tief in ihre Inneren war die kleine Drachenerbin beeindruckt, dass diese Fremde dem Dämon dermaßen die Stirn bot. Sie erinnerte den Drachen, dass Assija eine erwachsene Frau war, dass es ihre Leibesfrucht wäre, und letztlich ihr Leben. Die Menai brachte noch ganz andere Beispiele und Reden vor. Spätestens dann, als sie Ajuns Männlichkeit ansprach, errötete sie, und als die Menai dann noch die Saat in ihrem Leib andeutete, wollte sie schon gar nicht mehr zuhören, und starrte beschämt an die Holzdecke der Schenke. Doch wurde sie wieder hellhörig, als die Menai sagte, dass sie in Assija Stärke sah, und in Gedanken dankte die kleine Drachenerbin ihr dafür, denn kaum jemand hatte in ihr je etwas anderes gesehen, als ein kleines, dünnes, schwächliches und krankes Mädchen, das jedem nur ein Klotz am Bein war. Natürlich flammte nach diesen Worten der Zorn des Dämons erneut auf. Die Drachenerbin verwunderte es in keiner Weise, dass der Drache gänzlich anderer Meinung war, als die Menai.. Sie konnte seinen Groll durchaus nachvollziehen. Und es gefiel ihr nicht, dass er sich von Shaharií derart aus der Reserve locken ließ. So unterbrach sie den Drachen, nahm sein Kinn sanft in ihre Hand, drehte seinen Kopf in ihre Richtung, und zwang ihn so, sie anzusehen. Mit ihrer süßen, sanften Stimme sprach sie zu ihm „Ajun… méa ajun amaláredia… Beruhige dich. Du hast Recht, wir werden diese Entscheidung gemeinsam treffen. Ich habe nicht das Recht dazu, alleine über das Leben dieses Kindes zu bestimmen. Ich möchte das auch gar nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich bin froh, wenn wir gemeinsam einen Entschluss fällen. Gemeinsam. Nur du und ich. Nicht anders sollte es sein…“ Gold trat in die Dunkelheit, als sie ihm tief in die Augen blickte, und in diesem kurzen innigen Moment wurde sie sich erneut darüber gewahr, wie sehr sie diesen Mann liebte, begehrte, und brauchte. Das Feuer dieser Liebe, die sie für ihn empfand, konnte niemals ausgelöscht werden, das wusste sie, und dieses Wissen machte sie in dieser schweren Stunde glücklich. Doch Shaharií erhob Einwände. „Ihr Drachenerben seid das Bindeglied zwischen den Menschen und den Drachen. Ihr seid von heiliger Natur und euch unter den unseren zu haben ist ein Segen. Ich hätte dir diese bittere Kunde nicht zugetragen, wenn ich auch nur im Entferntesten der Meinung wäre, dass dies ein gutes Ende für dich und deinen Spross nehmen kann. Aber du bist geschwächt und Ajuns Saat brennt vor Energie. Eine schreckliche Mischung die mich zu großer Sorge um dein Leben bewegt…“ Assija nickte bedächtig und sagte beschwichtigend. „Ich danke dir aufrichtig für deine Fürsorge, ich weiß es wirklich zu schätzen. Doch ich kenne Ajun, und ich vertraue seinem Urteilsvermögen voll und ganz. Niemand vermag besser in die Spiegel meiner Seele zu blicken, wie er, und er will stets nur das Beste für mich, sei dir dessen gewiss, Shaharií.“ „Ich werde alles Nötige vorbereiten, denn Ajun irrt sich. Eine übereilte Entscheidung ist genau das was wir brauchen. Mit jedem weiteren Tag der vergeht wird dein Körper schwächer und euer Spross stärker. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn jeder verstrichene Tag bringt dich näher dahin, wo ich dir nicht mehr helfen kann. Ich werde bis zur morgigen Mittagsstunde alles vorbereitet haben. Ob du meine Hilfe dann in Anspruch nimmst liegt ganz alleine bei dir.“ Sie lehnte sich mit verschränkten Armen wieder zurück in eine bequeme Lage, und Assija entgegnete nichts mehr.


Nachdem die beiden schließlich eine lange und hitzige Diskussion über das Buch, welches der Drache aus der Bibliothek Merridias mitgenommen hatte, führten, war Assija heilfroh, als der Drache diese Unterhaltung schließlich beendete, in dem er sich erhob. Die kleine Drachenerbin tat es ihm gleich, denn obgleich Shahaariís Behandlung ihr Linderung verschafft hatte, schmerzte sie ihr Hintern und ihr Rücken. Sie vermochte und wollte nicht mehr sitzen, und die Aussicht auf ein Bett, in welchem sie ihre müden Glieder ausstrecken und ausruhen konnte, war mehr als nur verlockend. „Gute Nacht, Shaharií…“ sagte die kleine Drachenerbin leise, und ließ sich als dann von dem schwarzen Drachen auf das ihnen angedachte Zimmer führen. Obgleich sie fröstelte, befreite sie sich von ihrem Oberkleid, und schlüpfte, nur in ihrem dünnen Unterkleid unter die Bettdecke. Sie blies langsam die Luft aus ihren Backen, fuhr sich mit ihren Händen über das Gesicht, und gähnte herzhaft. Als sie den Blick des Drachen auffing, musste sie schelmisch grinsen. „Sie denkt wirklich, dass du auf dem Boden schlafen wirst…“ stellte sie keck fest, und schüttelte dann den Kopf. Für Assija war es schier unvorstellbar, dass der Drache wie ein Hund auf dem Boden schlief, zumal sie ohne ihn an ihrer Seite längst nicht einmal annähernd so gut schlief, als wenn sie ihn bei sich wusste. Es hatte sich recht bald bei ihnen eingebürgert, dass sie in Schenken gemeinsam in einem Bett geschlafen hatten, und nur wenig später hatte sich diese Vertrautheit ganz sacht und leise eingeschlichen, dass sie auch in der Flur ganz nahe beieinander geschlafen hatten. „Lege dich zu mir, Ajun…“ bat sie ihn. „Dieses Bett ist groß genug für uns beide, ich brauche nicht so viel Platz, und ich habe dich doch so gerne bei mir…“ Sie dachte für einen Moment nach und grinste schließlich. „Ich erinnere mich an einen Abend in einer der Schenken. Wir trieben Scherze miteinander, und du sagtest zu mir, dass dein Gemächt nicht mein Schicksal wäre, erinnerst du dich…?“ kicherte sie. „Heute muss ich sagen, dass du dich gewaltig getäuscht hast… Aber ich vergesse auch nie den Tag, an welchem wir am Rande Brisangens einander gegenüberstanden, und wie ich den tiefen Hass auf dich verspürte, als du mich gezwungen hast, mich einfach vor dir zu entblößen. An diesem Tag wollte ich überhaupt nicht mehr weitermachen, und ich dachte, mein Leben wird die Hölle, weil die Götter mich dazu verdammt hatten, mit dir gehen zu müssen. Doch auch ich habe mich gewaltig getäuscht…“ lächelte sie ihn an. „Und nun sind wir hier, und müssen so eine unsagbar schwere Entscheidung treffen...“ hauchte sie wehmütig. „Ach Ajun, ich kann dieses Kind nicht töten lassen. Man kann sagen, was man will. Dass ich eine schwache, und zerbrechliche Drachenerbin bin, und das stimmt ja auch. Nichtsdestotrotz bin ich seine Mutter. Und du bist der Vater, ob es dir nun missfällt, oder nicht. Meine leibliche Mutter hat mich auch verstoßen. Doch hat sie mich getötet? Nein. Ich wurde an der Türschwelle meiner Ziehfamilie abgelegt, und habe in dieser Familie doch noch mein Glück gefunden. Dieses Kind ist ja nun eine andere Sache. Natürlich möchte ich leben, doch ich kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich es bejahe, mein… unser Kind umbringen zu lassen. Und ich glaube nicht, dass ich morgen Früh anders darüber denken werde, als jetzt. Ich muss diese Entscheidung nicht überdenken, ich habe vorhin töricht gesprochen. Ich kann es einfach nicht. Aber wie siehst du es? Deine Worte von vorhin haben mich nachdenklich gemacht. Zuerst legst du mir nahe, dass es besser wäre, wenn es stürbe, und nur wenig später sagst du, dass wir darüber schlafen sollten. Wir müssen diesen Entschluss natürlich beide wollen. Es hat keinen Wert, wenn ich es so, und du es anders möchtest. Ajun, lass uns ehrlich darüber sprechen. Wir waren doch immer ehrlch zueinander. Sag mir, was du wirklich denkst, und sag mir, was du willst. Was du wirklich willst.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Sa, 20. Jun 2015 16:16

Bilder schwarze Drache hatte sich die Worte der Menai schweigend angehört. Doch mit jedem Wort, das aus ihrem schwarzen Munde gekrochen kam, wie lähmende Insekten, hatte sich seine Miene nur weiter verfinstert. Sie gab vor weise und wissend zu sein, umschmeichelte ihren Hohn und Spott mit süffisanten Worten und süßem Honig. Doch er ließ sich nicht provozieren. Selbst als es ihm unerträglich in den Fingern juckte und jede Faser seines Leibes danach schrie ihr jedes einzelne Wort zurück in den Rachen zu stopfen, schwieg er und starrte sie nur grimmig an. Was wusste sie schon davon was er wusste. Und was wusste sie schon davon wer er war. Mochte sie glauben was sie wollte. Es kümmerte ihn nicht. Es durfte ihn nicht kümmern. Denn das Blut in seinen Adern brodelte und kochte vor lauter Wut, die in ihm garte. Wie gerne hätte er ihr die lästerliche Zunge aus dem Maul gerissen und sie ihr selbst zu fressen gegeben. Allein der Gedanke daran verzückte ihn, was unweigerlich dazu führte, dass sich ein diebisches Lächeln auf sein Gesicht schlich. Er nahm ihre erste Bedingung, sie keine Hure oder Hexe zu schimpfen ebenso schweigend hin und deutete lediglich ein derart dezentes Kopfnicken an, dass man daran lediglich erkennen konnte, dass er es hingenommen hatte. Ob er es akzeptierte oder respektierte, stand auf einem Blatt geschrieben. Doch vermutlich kümmerte sie dies ebensowenig wie es ihn interessierte. Auch ihre belehrenden Worte über die Drachen und ihre Weisheit und ihre Majestät bedachte er nur mit einem aufflammenden Funkeln in den Augen. Aber seine Lippen blieben verschlossen. Doch diese Worte zehrten mehr an seinem Stolz als die vorherigen, die sie geäußert hatte. Er schloss die Augen und rieb sich die Lider mit Daumen und Zeigefinger. »Du hälst dich für sehr weise, Ruferin.« Er spuckte den Ehrentitel, den sie trug beinahe verächtlich aus. »Doch deine Worte sind nur Schall und Rauch. Sie bedeuten nichts.« Er nahm die Finger wieder von den Augenlidern und starrte der Menai tief in ihre unergründlichen Augen. »Ich denke ich habe mehr von einem Drachen als du zugeben willst. Das Wesen und der Charakter sind unbedeutend.« Er wischte die Worte achtlos beiseite, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen würde, die gerade vor seiner Nase umherschwirrte. »Du sprichst, als ob du wüsstest, wovon du redest. Doch diese, deine Worte, sind nur aus alten, staubigen Büchern, von alten tattrigen Greisen überliefert. Nichts davon entspringt deiner eigenen Erfahrung. Und damit ist nichts davon etwas wert. Was weißt du schon von den Drachen. Nicht mehr als die kleine Drachenerbin …« mit diesen Worten deutete er mit dem Daumen auf Assija, während er den Blick von Shaharií nicht abwandte. »Du magst Legenden kennen und alte Geschichten. Riten und Überlieferungen. Doch kennst du keinen wahren Drachen und kannst nicht wissen wie sie waren.« Er schloss seine Worte, indem er sich etwas zurücklehnte und die Arme, beinahe besserwisserisch, vor der Brust verschränkte. »Sie waren Tod und Verderben. Weise und Gelehrte sagst du? Ich sage sie waren Instinkt. Mächtig, ohne Frage. Doch wer weiß schon ob sie weise waren oder brutale Raubtiere. Doch selbst wenn. Was hat ihnen ihre Weisheit genutzt? Sie wurden besiegt. Vertrieben, abgeschlachtet. Bedeutungslos und Zeitverschwendung darüber zu streiten.« Sein Blick nahm gelangweilte Züge an. »Ich bin nicht hier um über die Natur der Drachen zu sprechen. Weder mit dir, noch mit jemand anderem.«

Die Menai regte sich auf ihrem Platz und lehnte sich ein wenig über den Tisch vor. »Du willst ein Drache werden Dann lerne wie ein Drache zu denken. Schlage Wissen nicht zugunste von Abfälligkeiten aus. Nimm auf was sich dir anbietet. Lerne und erweitere deinen kleinen Geist.« Der schwarze Dache lachte. Es war ein bitteres und zu gleich auch belustigtes Lachen. »Wie ein Drache denken? Was weißt du schon davon? Hälst du etwa Schuppen und lederne Schwingen unter deiner Robe versteckt? Verwechselst du nicht den gemeinen Hausdrachen, der du bist mit den wahren Drachen?« Er gluckste vergnügt. »Doch sei dir gewiss, Shaharií. Ich nehme alles was sich mir anbietet, sofern es von Nutzen ist. Alles was mir zusteht und das ist eine ganze Menge.« Er bedachte sie mit einem eindringlichen Blick um ihr unmissverständlich klar zu machen, wie sehr sie auf dem Holzweg irrte, wenn sie annahm er wäre ein solcher Narr, wie sie es von ihm glaubte. »Willst du dass ich wie ein Drache denke und Wissen annehme. Oder willst du dass ich wie du denke und dein Wissen annehme?« Erneut bedachte er sie mit einem abfälligen Blick. »Was soll ich von dem Wissen und der Weisheit einer Frau halten, die kaum älter als meine Drachenerbin zu sein scheint?« Nun war es an dem schwarzen Drachen sich vorzubeugen. »Ja, in deinen Augen erkenne ich etwas.« Er murmelte die Worte, doch sie waren laut genug, dass Assija oder Shaharií sie hören konnten. Aber er schüttelte den Kopf, als ob er etwas gesehen hätte, was nicht sein konnte. »Doch der Hund, der uns in deine verfluchte Heimat schickte um eine Zauberin zu finden sprach von einer weisen Frau und von keinem neunmalklugen Kind. Wie alt bist du? Zwanzig?« Er schnaubte verächtlich. »Ich bin älter als du dir überhaupt vorstellen kannst und du bildest dir ein mehr im Leben gesehen oder gelernt zu haben als ich? Wer ist hier der Narr?« Er funkelte sie herausfordernd an und strafte sie mit all der Verachtung die er in seinen Blicken, zwischen all der Wut und der wachsenden Ungeduld seines wahren Ichs, noch übrig hatte. »Du verschwendest doch nur meine Zeit mit deiner Weisheit die kaum mehr gereift ist als ein harter Ziegenkäse.« Er straffte sich und war bereits im Begriff aufzustehen um zu gehen, als Shaharií ihm zuvorkam, um mit dem Wirt über das Zimmer zu verhandeln.

Die schäumende Wut im Blut des Dämon flaute allmählich ab, solange er mit Assija unter sich war. Doch wie so oft vermochte Assija ihn zu besänftigen, wo er selbst, wenn er allein gewesen wäre, längst die Beherrschung verloren hätte. Die Menschen dieses Ortes wussten gar nicht welches Glück sie an diesem Tag hatten. Dass ihre Häuser nicht bereits in Schutt und Asche lagen und das dunkle Feuer des Dämons ihnen nicht längst Kleidung, Haut und Fleisch von den Knochen gebrannt hatte. Doch das Gespräch mit Assija half dem Dämon auch nicht über seine schlechte Stimmung hinweg. »Vergiss was ich gesagt habe, Sija. Sie kann unmöglich jene sein, von welcher wir gesprochen hatten. Der Dämonenjäger muss eine andere gemeint haben. Sieh sie dir an. Sie ist vermutlich jünger als du es bist. Wie soll sie uns helfen können? Wenn du ein normaler Mensch oder eine Elfin wärst, und keine Drachenerbin, könnte sie dir sicherlich als Hebamme dienen. Doch du bist nicht normal. Und das Kind unter deinem Herzen ist es auch nicht. Woher sollte sie wissen was zu wissen ist? Sie ist vermutlich noch nie in ihrem Leben einem Drachenerben begegnet, geschweige einem von meinesgleichen.« Er schnaubte und Assijas beruhigende Worte prallten an ihm ab wie Regen an einer Fensterscheibe. »Wie du meinst. Doch ich glaube es ist vergebens. Sie wird weder dir noch mir von Nutzen sein. Wir verlieren nur Zeit.«

Als Shaharií wieder an den Tisch zurückgekehrt war, schwand auch die Beherrschung, die eben erst in den Geist des Dämon eingekehrt war. Er funkelte sie wütend an und sie bedankte sich mit herablassenden Blicken, als ob nichts in der Welt ihr das Wasser reichen könnte, was den Drachen nur noch wütender werden ließ. Ajuns Ruhe währte so lange, als die Menai plötzlich mit harschen Worten seine Entscheidung maßregelte. »Denk nicht einmal daran Ajun! Denk nicht einmal daran ihr in diesem Belang deine Meinung einzuflößen, denn sie ist unbedeutend!« Das Blut in seinen Adern pulsierte und die feinen Härchen auf seinen Armen vibrierten zitternd, während seine Haut knisterte und wie Zunder zischte. Seine Hände ballten sich zu verkrampften Fäusten und seine Fingernägel bohrten sich unerbittlich in das Fleisch seiner Handballen, dass sie drohten sich selbst zu verletzen. »Diese Entscheidung liegt weder bei dir noch bei mir. Es ist ihr Leib und allein ihrer. Wenn du auch nur den Hauch von Respekt ihr gegenüber verspürst dann wirst du sie ihre eigene Entscheidung treffen lassen.« Das Geräusch von krachendem Holz ertönte in der Schenke, als der hölzerne Hocker, auf welchem der Drache soeben noch gesessen hatte zu Boden gestürzt war. Der Dämon hatte sich bedrohlich aufgerichtet und das Glühen seiner Augen glomm wie flüssiges Gold in seinem aschgrauen Gesicht. »Dies mag deine Meinung sein, Weib.«, zischte er und er war im Begriff ihre Hand von Assijas Arm zu reißen, da er es ihr nicht gestatten wollte sein Eigentum zu berühren. »Und solange deine Männlichkeit zwischen deinen Schenkeln baumelt, solange deine Brust flach wie die Steppe ist und solang du nicht die Saat eines Mannes in deinen Lenden trägst, fehlt es dir an allem was es für diese Entscheidung bedarf!« Er beugte sich zu Shaharií vor, welche nun beide standen und sich mit Blicken anstarrten. »Du triffst den Nagel auf den Kopf. Es kann niemals ihre alleinige Entscheidung sein, denn in ihr ist ein Teil von mir. Meine Saat, wie du es nennst. Und damit habe ich genauso ein Recht darüber zu entscheiden, wie sie. Vielleicht ist es bei den primitiven Wilden in den Sümpfen deiner Heimat so Brauch, doch nicht bei mir.« »Nur ihr obliegt wie sie mit ihrem Leib verfährt, möge das Band zwischen euch auch noch so stark sein.« Die Stimme des Drachen bebte vor unbeugsamen Zorn, während er sichtlich um die nötige Beherrschung rang, die vonnöten war, dass dieser Ort seine Wut überdauerte. »Oh, nein Ruferin.« Wieder spie er den Ehrentitel der Menai regelrecht aus. »In ihrem Leib ist etwas das mein ist. Und über etwas das mir gehört, entscheide ich, niemand sonst.« Mit diesen Worten ergriff er Assija an der Hand. Eine Geste die durchaus missverstanden werden konnte, wenn man nicht wusste was Assija wusste. Sie war sein Eigentum. So war es seit dem ersten Tag ihrer Begegnung gewesen. Und daran hatte sich bis heute auch nichts geändert. Nur dass er inzwischen Gefühle für sie hegte und nicht bereit war ihr Schaden zuzufügen oder sie gar zu opfern, was man just in diesem Moment, in Gegenwart des Drachens dessen Zorn man regelrecht in der Luft spüren konnte, kaum auch nur erahnen konnte. Aber sie, wie auch das Leben das in ihr gedieh, waren an ihn gebunden. Assija verdankte ihm ihr Leben und das Kind in ihr entsprang seinen Lenden. Es war mehr noch sein Eigentum als Assija es je sein konnte.

Nachdem sich die Gemüter ein wenig beruhigt hatten und der schwarze Drache das lederne Buch auf den Tisch geknallt hatte, waren Assija und Ajun auf das Zimmer gegangen. Es kam dem Dämon sehr gelegen, denn es hatte nicht viel gefehlt, da hätte das Feuer in ihm die Überhand gewonnen. Es war alleine Assijas Gegenwart zu verdanken, dass dem nicht so gewesen war. Und auch wenn der Drache seine Dankbarkeit nicht unbedingt zeigen wollte oder konnte, so war er dennoch froh, dass es nicht so gekommen war. Denn dass es Assija schlecht ging, war nicht von der Hand zu weisen. Und ein Ausbruch der Magie hätte vermutlich nicht nur den Menschen in diesem Haus, sondern auch Assija, das Leben gekostet. Auf Assijas Bitte hin lag der Dämon neben ihr und hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke. Lange Zeit schwieg er und bedachte Assija mit ablehnendem Schweigen. Die Wut in ihm kämpfte gegen die Ruhe an, zu welcher er sich zwang, damit er Assija nicht in Gefahr brachte. »Ich erinnere mich an einen Abend in einer der Schenken. Wir trieben Scherze miteinander, und du sagtest zu mir, dass dein Gemächt nicht mein Schicksal wäre, erinnerst du dich…?« Der Dämon erwachte aus seiner Lethargie und richtete seinen Blick auf die zierliche Drachenerbin. »Gewiss.« Er konnte sich das Lächeln kaum verkneifen und löste schließlich die Verschränkung seiner Arme um kurz darauf den Arm um Assijas Schulter zu legen damit sie ihren Kopf darauf betten konnte. »Ach Ajun, ich kann dieses Kind nicht töten lassen. Man kann sagen, was man will. Dass ich eine schwache, und zerbrechliche Drachenerbin bin, und das stimmt ja auch. Nichtsdestotrotz bin ich seine Mutter. Und du bist der Vater, ob es dir nun missfällt, oder nicht.« Der Dämon seufzte. »Dass es leicht sein würde, hat keiner von uns erwartet. Dass es so schwer würde, gewiss nicht.« Seine Blicke wanderten wieder zu der Decke empor. »Nun, da die Zeit naht, ist alles anders, als es noch vor wenigen Monden war.« Wieder seufzte der schwarze Drache, doch dieses Mal ungewohnt schwermütig. »Ob es mir missfällt?« Er wandte den Blick wieder zu Assija. »Zumindest missfiel mir der Gedanke, dass eine Fremde über dieses Kind entscheidet.« Er kaute grüblerisch auf der Unterlippe herum, und sponn seine Gedanken zu einem Faden zusammen, der mehr als nur chaotische Worte ohne Sinn oder Bedeutung waren. »Doch was, wenn sie Recht hat?«, ließ er sich selbst vernehmen und sein Herz verdunkelte sich dabei, als er diese Worte aus seinem eigenen Mund vernahm. »Was, wenn dieses Kind deinen Tod bedeutet?« Er konnte sich darauf keine Antwort geben. Wie auch? Dieses Ding in ihrem Leib war ihm noch fremder als alles andere auf der Welt. Wie konnte er dem Kind mehr Bedeutung beimessen als Assija, die er kannte und gern hatte? »Wir waren doch immer ehrlich zueinander. Sag mir, was du wirklich denkst, und sag mir, was du willst. Was du wirklich willst.« Er lächelte und es war ein ehrliches Lächeln, wie er es nur Assija zu schenken vermochte. »Was ich will und was du willst sind nicht immer dasselbe, kleine Drachenerbin.« Er seufzte. »Du hast heute gehört, was ich lange in mir verborgen gehalten hatte. Dinge die ich nicht wollte, dass du sie hörst. Wie denkst du nun darüber? Darüber, weshalb wir hier im Norden sind? Darüber, dass wir unser Schicksal in die Hände dieser schwarzen Hexe legen? Darüber, was dieses Kind für uns bedeutet?« Er seufzte schwer. »War ich wirklich stets ehrlich zu dir?« Er maßregelte sie mit einem beinahe strengen Blick. Wenn sie sich ehrlich war, würde sie dies verneinen. »Ich habe dich im Dunkeln gelassen, bis du das Buch ohne mein Einverständnis gelesen hast. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich dich einst nur zu dem Zwecke, dich deines Blutes wegen mit mir zu nehmen, gerettet habe.« Er drückte Assijas Schulter ein wenig fester und zog sie so etwas näher an sich heran. »Doch wie ich nun darüber denke, weißt du. Dieses Kind hingegen …« Er schwieg für eine Weile und Assija schien, als würde sie darauf harren, dass er weiter sprach. So wie sie es stets tat, als ob sie ihm bedingungslos ergeben wäre. »… dieses Kind eröffnete einen Ausweg. Einen Ausweg, damit du bei mir bleiben kannst wenn sein Blut statt deinem auf dem Altar fließen würde.«, beendete er den Satz nüchtern und trocken. Wenn Shaharií Recht hatte, war das Kind dem Tode geweiht. Ob nun durch den Entschluss des Dämons es zu opfern, oder durch die schwierigen Umstände der Schwangerschaft. Und wenn das Kind, wie die Menai angedeutet hatte, tatsächlich keinen einzigen Tropfen Drachenblut in den Adern hatte, war es nicht nur bedeutungslos sondern auch wertlos. Und noch ehe Assija etwas einwenden oder gar von der Erkenntnis der Bedeutung seiner Worte ergriffen werden konnte. »Diese Gedanken waren nichts weiter als Gedanken, Sija. Aber nun, da es unausweichlich bevorsteht und wir uns entscheiden müssen, weiß ich nicht mehr was ich denken oder glauben soll. Was ist richtig, was ist falsch? Wenn auch nur ein Hauch dessen der Wahrheit entspricht, was die Menai gesagt hatte, wird dieses Kind sterben. Vielleicht nicht heute, und auch nicht morgen. Vielleicht wird es sogar noch das Licht der Welt erblicken, bevor es wieder aus ihr scheidet. Doch sind dies nicht die Fragen, die mich bewegen.« »Welche dann, Ajun?«, fragte Assija und blickte ihn erwartungsvoll an. »Will ich überhaupt, dass es stirbt? Werde ich dich verlieren?« Wenn er vor der Wahl stünde, würde seine Wahl stets dieselbe sein. Doch diese Gedanken behielt er für sich und zog es vor schweigend an die Decke zu starren. »Ich habe dir einst versprochen, dir niemals ein Leid zuzufügen und dich auch vor allem anderen Leid zu bewahren. Aber vor diesem Leid kann ich dich nicht bewahren. Wenn sie die Wahrheit gesagt hat, verliert entweder das Kind, oder du das Leben. Entscheidest du dich für das Kind, kann es euch sogar beide das Leben kosten. Aber eines von beiden wirst du ertragen müssen. Ich hingegen kann nur eines davon ertragen.« Seine Worte mochten kalt und gefühllos sein, doch sein Blick verriet, dass er es ehrlich bedauerte, um ihretwillen. »Du fragst mich um Rat, Sija? Viel eher bin ich es, der um deinen Bitten muss. All die Jahre. All die verlorenen Jahre wurde ich nur von diesem einen Wunsch am Leben gehalten. Und nun rutscht alles was ich bin und je sein wollte in die Bedeutungslosigkeit. Wer bin ich, wenn ich die Frau die mich liebt opfere? Wer bin ich wenn ich das eigene Kind dem Tod übergebe?« Fast war es, als ob die mahnenden Worte der Menai aus ihm heraussprachen. Als ob ihre Worte Früchte getragen hätten. Doch der schwarze Drache hätte sich dies selbst niemals eingestanden. Nicht jetzt, wo er einen solchen Groll auf diese Frau hegte. Der Dämon wandte den Blick von Assija ab, unfähig ihre anklagenden Blicke zu ertragen und starrte auf das Gebälk bis Assija schließlich in seinen Armen eingeschlafen war.

Als er sich vergewissert hatte, dass Assija eingeschlafen war, hob er sachte ihren Kopf und rutschte vorsichtig aus dem Bett. Er zog sich die Tunika wieder an, während er den ledernen Schuppenpanzer auf dem Tisch liegen ließ und verließ die Schlafstube. Gemächlich, aber nicht trödelnd, nahm er eine Stufe nach der anderen, bis er endlich im Schankraum stand. Der Raum war wie ausgestorben. Bis auf dem Wirt und einer kleinen Gruppe nahe der Tür, befand sich niemand mehr hier. Auch Shaharií war fort gegangen. Der schwarze Drache seufzte. Er warf dem Wirt einen flüchtigen Blick zu, doch verwarf er kurz darauf wieder den Gedanken ein Bier zu bestellen. Stattdessen trat er vor das Haus in die dunkle und kühle Abendnacht und starrte einige Zeit zu den Sternen hinauf. »Chaos. Wie soll Chaos den Weg leiten?«, murmelte er und wandte den Blick wieder von den Sternbildern die ihm absolut nichts bedeuteten ab. Er folgte dem ausgetretenen Lehmpfad, welcher über die vielen Jahre eine breite Straße geworden war auf welcher Händlerkarawanen, Abenteurer, Pilger und auch Einheimische tagtäglich auf und abgingen und so den Lehmboden so hart gemacht hatten, dass er selbst nach einem Tag Regen kaum aufweichen wollte, bis er schließlich den Stadtrand erreicht hatte. Die Zelte des fahrenden Volkes schimmerten in den verschiedensten Farben, da in jedem Zweiten von ihnen noch eine Laterne brannte und verliehen so dem Platz ein beinahe geheimnisvolles Aussehen. Eines der Zelte stach besonders aus dem Meer von orange, gelb und weiß hervor, denn es schimmerte rötlich zwischen all den weißen und schwarzen Zelten, in welchen kein Licht brannte, hervor. Der schwarze Drache verharrte für einen Augenblick und starrte auf das flackernde Schimmern, welches das Zelt erhellte, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. Seine Füße folgten nur widerwillig dem Wunsch in die Richtung jenes unheilvoll, ja beinahe gespenstisch leuchtenden Zelt zu schreiten. Als ob sie sich weigern würden, ihn zu dieser Frau zu tragen. Doch dem Dämon brannte eine Frage auf der Zunge. Nicht die Frage nach der Wahrheit. Oder die Frage um Erleuchtung. Er wollte Gewissheit. Waren ihre Worte nur Hohn gewesen? Nichts als Schall und Rauch? Wie konnte sie sich sicher sein dass Assija sterben würde, und woher war sie sich so sicher, dass es keine andere Möglichkeit gab?

Der Dämon schlug das Zelt sachte zur Seite und schob seinen Kopf in das Innere, doch was er dann sah, ließ ihn zurücktreten. Beinahe, als ob die Magie, welche im Inneren des Zeltes am Werke war, ihn förmlich hinausgedrängt hätte. Die Frau, die dort auf dem Boden gehockt hatte und einen melodischen wie auch melancholischen Gesang anstimmte, war so viel älter gewesen, als jene Frau, die er noch am Abend in der Schenke gesehen hatte. Der Wunsch zu Assija zurückzukehren und diese Frau zu vergessen und möglichst schnell den Rücken zu kehren, wurde von der Neugierde übermannt, die ihn erfasst hielt. Und so schob er das Zelt erneut einen Spalt breit auf und spähte vorsichtig hinein, in der Erwartung etwas von dieser Frau zu erfahren, was sie niemals selbst über sich preisgeben würde.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Di, 23. Jun 2015 15:45

Bildähflüssig wie goldener Honig und doch nicht im Ansatz so klar wie dieser, flossen die Gedanken durch Shahariís Kopf. Ihr Blick noch immer Steinern auf das zugeschlagene Buch vor ihr gerichtet. Nachdenklich fuhr die Menai mit einer Hand durch ihr schlohweißes Haar, die andere Hand samt Unterarm stützend auf den Tisch gelegt. Es spielte wohl keine Rolle wie alt man war, welche Lebenserfahrung man gesammelt hatte oder welche Dinge man gesehen hatte, die die Meisten wohl für unmöglich halten würden, am Ende würde ein Tag wie dieser niemanden unberührt lassen. Zahlreich waren die Anklagen und Anfeindungen des Dämons, nicht verwunderlich lag das zerstörerische, das alles verneinende doch in der Natur der Dämonen. Und dennoch verabscheute die Ruferin jedwede Kritik an ihrem Wissen und ihrem Können. Es hatte ihr einiges an Willenskraft gefordert, mehr als so mancher Zauber es tat, um die Anschuldigungen des Hünen unbeantwortet zu lassen, wenngleich jede Faser ihres Körpers danach schrie ihm ihr Können zu demonstrieren. Was aber konnte Ajun schon über ihre Fähigkeiten wissen? Sie kannte seine Geschichte, von seiner Jugend über die ihr Großvater ihr berichtet hatte, bis hin zu seiner langen Reise auf der Asìí ihn Schritt für Schritt verfolgte. Sie aber war für ihn nichts als ein junges Hexenweib, augenscheinlich nicht einmal alt genug um mehr Bücher gelesen zu haben als man sie hätte bei sich tragen können. Sie hatte ihm nicht darauf geantwortet wie alt sie war. So einiges war unbeantwortet geblieben, immerhin waren die Gemüter angespannt genug gewesen und auch wenn die Menai unberechtigte Kritik nicht gern auf sich beruhen ließ, besaß sie die Vernunft den Dämon nicht so weit zu reizen, dass seine zerstörerische Natur die Oberhand gewann. Auch wenn die Unterhaltung viele Fragen offen ließ, so wusste sie nun das Ajun trotz seines Alters nicht gänzlich Herr seines Wesens war. Er war ungestüm, zornig und unsicher und wäre die Drachenerbin nicht gewesen, wäre fraglich ob er die Kontrolle über seiner selbst nicht gänzlich verloren hätte. Sollten die Götter wirklich vorgesehen haben, dass die Ruferin den Dämon bei seinem Vorhaben begleitet, würden sie einen Weg finden müssen um miteinander auszukommen, ob es ihnen gefiel oder nicht. Eine zittrige Stimme durchbrach das Dickicht der Gedanken und als Shaharií ihren Blick hob, sah sie den Wirt, der mit ehrfürchtig gesenktem Blick vor ihrem Tisch stand. Er hatte leise gesprochen, so leise das die Menai seine Worte nicht von den Stimmen im Hintergrund unterscheiden konnte und so warf sie ihm einen fragenden Blick zu. Es dauerte einen Moment bis der Wirt verstand, dass sie ihn nicht gehört hatte und so wiederholte er „Darf es noch etwas sein? Speis oder Trank, irgendwas?“ Wortlos verneinte die Menai sein Angebot. Ihr war nicht danach noch mehr Zeit zu verschwenden, hatte sie doch noch wichtigeres zu erledigen. So ließ sie einen letzten kurzen Blick durch den Schankraum schweifen, strich sich mit den Fingern durch die Haare, rückte den Zopf zurecht und klemmte sich schließlich den Wälzer unter den Arm um die Taverne zu verlassen.

Draußen kam ihr ein Schwall von Menschen entgegen. Es dämmerte und die Arbeiter kehrten von den Feldern und aus den Wäldern zurück um sich den Abend bei Bier, Schnaps und Gesang versüßen zu lassen. Ein allabendliches Ritual in den Nordreichen, so schien es. Der Himmel war Wolkenfrei und konnte man die Nuancen von Staub, Unrat und Schweiß ausblenden, konnte man die Schwüle spüren. Man konnte die Feuchtigkeit in der Luft schmecken. Eine salzige Feuchtigkeit. Vom Meer her zogen warme Lüfte heran, gefolgt von schweren Unwettern, so viel verriet die Feuchtigkeit. Die nächsten Tage würden gewiss angenehm warm werden, bevor die Luft von Regen und Gewitter reingewaschen würde. In den alten Sagen der Menai hieß es, dass Unwetter die Vorboten von schicksalsträchtigen Ereignissen wären. Als würden die Götter das Schicksal mit einer solchen Wucht in die Welt der sterblichen schmettern, dass es mit Blitz und Donner herankrachte. Eine Sage der Shaharií schon lange keinen Glauben mehr schenkte, wusste man in Menainon doch bereits seit Jahren, dass Unwetter die Folge verschiedener Wetterfronten waren. Doch dieses Mal, so hatte sie es im Gefühl, könnte an der Sage ein Hauch von Wahrheit haften. Mit Eile trugen ihre Füße sie in Richtung des Kräuterkundigen, nicht unweit von dem Gasthaus entfernt in welchem sie mit Assija und Ajun gesessen hatte. Sie hatte gewiss keine Zeit zu verlieren, nahmen doch allein die Vorbereitungen für ihr Ritual einiges an Zeit in Anspruch. Ganz zu schweigen davon, dass sie den Absud vorbereiten musste, so Assija sich gegen ihr Ungeborenes entscheiden würde. Etwas Abseits, hinter einigen heruntergekommenen Holzhäuschen erblickte Shaharií die Hütte des Apothekers, Baders oder des Kräuterkundigen, wie man es hier auch immer nannte. Die Menai war schon einmal hier gewesen und wäre ihr Anliegen nicht dringend so hätte sie alles daran gesetzt, einen weiteren Besuch zu vermeiden. Der Apotheker war ein griesgrämiger alter Kauz, grau von Alter und auf einem Auge bereits erblindet. Ganz zu schweigen davon, dass er so stark nach Schnaps roch, dass es selbst den Geruch der zahlreichen Kräuter übertünchte, die er so hortete.

Vorsichtig und als könnte sie es noch irgendwie hinauszögern, schob Shaharií die alte knarzende Türe auf. Im inneren der Hütte war es dunkel. Das einzige Fenster verhangen mit einem dicken Stofftuch und lediglich eine Handvoll Kerzen ermöglichten es überhaupt erst etwas zu sehen. Vor langer Zeit war dies sicher ein schöner Laden: Ein großer Tresen, dahinter ein stattliches Regal, gefüllt mit allerhand Gefäßen, Kästchen, und Fläschchen. Einige Tischlein über den Raum verteilt, auf denen Weidenkörbe voll mit frisch duftenden Kräutern standen. Doch gehüllt in Dunkelheit, geziert mit Spinnenweben, Staub und allerlei Dreck, konnte man die einstige Pracht nur noch erahnen. „Was willst du verdammte Hexe schon wieder hier?!“ spie der Kräutermann, kaum dass er die Menai erspäht. „Also…“ Shaharií seufzte entnervt. „Salbei und Eisenkraut, wenn es dir nicht zu viele Umstände bereitet, alter Mann.“ Der Kräutermann kniff das Gute, das rechte Auge zusammen und bedachte die Ruferin mit einem verächtlichen Blick. „Wen willst du diesmal vergiften, Hexe? Du solltest von hier verschwinden, zusammen mit den Zigeunern mit denen du gekommen bist!“ fauchte er, dass Tröpfchen von Speichel den Tresen säumten. Shaharií stand zwar noch am anderen Ende des Raumes, doch schon jetzt erreichte die Fahne von Schnaps und Wein sie. „Eine werdende Mutter…“ seufzte sie erneut und entrüstet und trat dabei näher an den Tresen heran. „Hätt ich mir denken können“ prustete der Alte und stemmte dabei die Hände demonstrativ in die Hüften. „Und was machst du, wenn ich dir nichts verkaufen will, Hexe?“ Seine Stimme war provokant und selbst in dem matten Lichtschein ließ sich erkennen, dass er an jeder Beleidigung seine Freude hatte. „Dann werde ich dich nicht bezahlen. Du solltest an deine Zukunft denken, Liebster. Wie lange erlaubt dein gebrechlicher Körper es noch dass du dich nach Kräutern bückst? Wie lange hast du noch das Augenlicht um Senfrauke von Mangold zu unterscheiden?“ nun stemmte auch die Menai eine Hand in die Hüfte, während die andere noch den Wälzer hielt. „Du solltest keinen Groschen ablehnen, dir fehlt die Zeit um vorzusorgen.“ Der Alte knirschte mit den Zähnen das beinahe die Funken flogen. „Was weißt du schon von Mangold und Senfrauke? Ein Kind wie du kennt doch nicht mal so viele Kräuter wie ich sie im Leben gepflückt habe! Und jetzt schaff dein schwarzes Aas aus meinem Laden, elendes Weib!“ Shaharií die unterdessen näher an den Tresen herangetreten war blickte den Kräutermann mit ernster Miene an. „Es ist wichtig, zier dich nicht so“ mit diesen Worten schob sie dem Alten sachte einen glänzenden Heller auf den Tresen. Der Alte, inzwischen rot vor Wut und Alkohol angelaufen, formte eine düstere Grimasse, fegte den Heller mit der Handfläche vom Tresen und zog scharf die Luft ein. Dann beugte er sich nach vorne, soweit das er sich gerade noch aufrecht halten konnte ohne sich abstützen zu müssen und spuckte, auf das ein widerlicher Klumpen von Speichel und Schnaps den Stiefelschaft der Ruferin traf. „Ich will weder dein dreckiges Geld noch deine dreckige Gesell…“ weiter kam er nicht, da hatte die Ruferin schon die letzten Schritte zurück gelegt, den Alten beim Kragen der braunen Kutte gepackt und ihn halb auf den Tresen gezerrt. Nun war auch ihre Miene von Wut verzogen und die Verachtung im Blick des Alten wich der Angst, hatte er mit einer solchen Reaktion sicher nicht gerechnet. „Blind sollst du sein, denn Blind bist du vor Hass!“ fauchte die Ruferin zu ihm herab, in einem Tonfall der sich gänzlich von ihrer sonst so melodischen Stimme unterschied. „Und taub sollst du sein, denn taub bist du für die Stimme der Vernunft!“ noch bevor sie den Satz beendet hatte erfüllte ein kräftiger Knall die Stube, als der alte Wälzer mit Wucht auf den Boden aufschlug. Die Ruferin hatte ihn fallen lassen um mit in eines der kleinen Beutelchen an ihrem Gürtel zu greifen. Daraus zog sie einen kleinen Knochen hervor, der rundherum mit einer Spirale aus getrocknetem Blut geziert war. Und noch bevor der Alte schützend die Hände heben konnte, hatte die Ruferin ihm den Knochen in den aufgezogenen Kragen geschoben, an dem sie ihn festhielt. Kaum hatte der Knochen die Haut des Alten berührt, trübte sich just in dem Moment und zusehends schnell auch sein zweites Auge. Es folgte ein verzerrter, schriller Schrei als der Kräutermann panisch hinter seinem Tresen zusammensackte. „Das hast du nun davon, alter Greis..“ ihre Stimme schien augenblicklich wieder ruhiger und freundlicher, beinahe Mitleidsvoll zu werden. Unterdessen tastete der Alte verzweifelt und wimmernd Ohren und Augen ab, als gedachte er finden zu können, was ihm die Sinne raubte „Ich wollte doch bloß eine Handvoll kruder Kräuter und nun schau wozu du mich getrieben hast!“ bedachte sie die traurige Gestalt mit einem vorwurfsvollen Blick. Zu einer solchen Reaktion hätte die Ruferin kaum geneigt, aber zu sehr brannte die Kritik des Dämons in ihr und die unflätige Geste des Alten hatte das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht. Mit einigen schnellen Schritten umrundete sie den Tresen, griff sich ein trübes Fläschchen aus brüniertem Glas aus dem Regal und leerte dessen Inhalt über dem Boden aus. Dann beugte sie sich herab zu der wimmernden Gestalt und löste ihr Khukari vom Gürtel. „Ich wollte doch wirklich bloß Salbei uns Eisenkraut…“ ihre Stimme war ruhig, flüsternd, konnte der Alte sie ohnehin nicht mehr hören. „Aber du kannst Stolz sein. Nun wird dein Blut einem höheren Zweck dienen, als dein Leben es jemals hätte erreichen können.“ Rasch hatte die Ruferin einen Ärmel des Alten freigelegt, welcher sich ohnehin kaum mehr zu wehren wusste und ebenso rasch hatte sie einen feinen Schnitt entlang seines Unterarmes gesetzt, an den sie das kleine brünierte Fläschchen ansetzte. Es dauerte nicht lange bis das Fläschchen sich bis an den Rand blutrot gefüllt hatte, so schnell pumpte das Herz des Alten sein Blut durch die Adern, durchweg untermalt von einem wehleidigen wimmern. Genauso schnell wie das Fläschchen gefüllt war, war es auch wieder verschlossen und Shaharií machte sich daran, den Laden nach Eisenkraut und Salbei abzusuchen, welche sie auch unlängst später in einem Weidenkörbchen auf einem der Tische entdeckte. „Dein Tag wäre so viel einfacher gewesen, hättest du bloß gesagt ‚Es steht direkt neben dir, nimm dir was du brauchst!‘…“ quittierte sie kurzerhand ihre Entdeckung. Zwei kleine Bündel genügten. Anschließend hob sie noch das Buch vom Boden auf, welches sie hatte fallen lassen, als sie den Alten gepackt hatte und verschwand. Sie ließ ihn zurück. Allein in Dunkelheit und Stille, so wie er es scheinbar wollte.

Zurück in ihrem Zelt konnte die Menai die Schemen der Gipfel des Zuhandalgebirges ausmachen, hinter denen die Sonne im Begriff war vollends zu verschwinden und die ihren Schatten sanft auf die Zeltwand warfen. Nachdenklich schwenkte die Menai das kleine brünierte Fläschchen vor diesem fahlen Lichtschein und beäugte es mit skeptischen wie gleichermaßen verächtlichen Blicken. Der Gedanke missfiel ihr das Blut eines so niederen Menschen für ihr Ritual zu verwenden, zog sie doch sonst das Blut kräftiger, junger Menschen vor. Nicht dass es einen Unterschied machte, zumindest keinen der der Ruferin aufgefallen wäre. Jedes Blut funktioniere gleichermaßen gut und hatte keine Auswirkung auf die eigentliche Stärke des Rituals. Doch war es ihr ungleich lieber das Blut jener zu verwenden, die sie als würdig betrachtete. Mit diesen Gedanken platzierte sie das Fläschchen auf dem improvisierten Tisch und kramte dahinter einen kupfernen Kolben mit weiter Öffnung hervor. Vorsichtig platzierte sie den Kolben in einem filigranen Gestänge über dem Talglicht auf der kleinen Kiste und stopfte nach und nach die einzelnen Ingredienzen herein, die sie für Assija auserkoren hatte. Es dauerte nicht lange da erfüllte ein bitter süßer Geruch das Zelt der Ruferin, dominiert von dem angenehmen Duft des Salbeis. Der Absud würde die ganze Nacht vor sich hin köcheln, bevor sie ihn am nächsten Morgen abseihen könnte. Gewiss würde er scheußlich schmecken, wenngleich er seinen Zweck erfüllen sollte. Und so begann Shaharií parallel die Vorbereitungen für ihr Ritual zu treffen, welches sie des Nachts vollziehen würde. Dies begann stets damit, dass sie sich ihr Gewand anlegte und die rituellen Verzierungen auftrug. Es war später Abend als Shaharií endlich die Gelegenheit fand, sich aus der zu engen Kleidung zu befreien, die sie sich bloß für das kalte Klima des Nordens angeschafft hatte. Zu eng waren die Sachen im eigentlichen Sinne nicht einmal. Es missfiel ihr einfach, dass Hosen, Hemden und Stiefel sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkten, obgleich die Sachen wie angegossen passten. Als sie schließlich nackt war, ließ sie einen prüfenden Blick über ihren Körper schweifen. Talaniís Körper. Er gefiel ihr, so stellte sie es jedes Mal aufs Neue fest, wenn sie ihn begutachtete. Es fehlte ihm etwas an den weiblichen Rundungen, die ihr alter Körper besaß. Und dennoch war er ansehnlich, athletisch und weiblich auf seine eigene Art und Weise. Besonders wenn man berücksichtigte, dass sie bereits zweiundsechzig Jahre zählte. Weder Elfen noch Dämonen hätten in diesem Alter einen so jugendlichen Körper und bei dem Gedanken zog sich ein triumphierendes Grinsen über ihr Gesicht. Hatte sie doch alles übertroffen was der Natur entsprungen war. Hatte sie doch selbst den Tod hintergangen. „Eine Schande das solche Merkmale hier weniger zählen als ein gebärfreudiges Becken…“ prustete sie leise und vertrieb damit die Gedanken aus ihrem Kopf. Schnell war sie in das blutrote Kaftan mit den schwarzen Verzierungen geschlüpft, hatte sich das breite Baumwolltuch um die Hüften geschlungen und den mit Federn verzierten Überwurf über die Schultern gelegt.

Andächtig trug Shaharií die letzten Details auf, die ihr Gesicht durch die Mischung aus Asche und Kalk gänzlich der Erscheinung eines Totenschädels gleichen ließen. Sie kniete auf den Unterschenkeln vor einem Kreis, im Zentrum des Zeltes, den sie in das Erdreich gezogen hatte. Im Zentrum des Kreises wiederum stand eine eiserne Schale, der Boden bedeckt mit dem Blut des Alten. Die Schale wiederum stand auf einem bunten Baumwolltuch auf dem sich kreisförmig um die Schale angeordnet einige kleinere Tierknochen befanden. Die Grundsteine für das Ritual waren gelegt und Shaharií legte die kleine dunkle Holzschatulle beiseite, in der sich Asche und Muschelkalk befanden. Die Ruferin legte die Hände flach nach innen gerichtet auf die Oberschenkel und stimmte den rituellen Gesang an, der Götter und Ahnen um ihren Beistand bat. In dem Zelt herrschte eine finstere Atmosphäre. Die einzigen Lichtquellen waren das Talglicht über dem der Kolben mit dem Absud darin hing, sowie einige kleine Kerzen die entlang des Ritualkreises platziert waren. Draußen war es still, still und finster. Kein mucks rührte von den Zigeunern her und kein Lichtschein außer dem der Sterne erhellte das Firmament. Unlängst das Shaharií ihren melodischen Gesang begonnen hatte, erfüllte eine merkwürdige Atmosphäre das Blutrote Zelt. Nicht etwa wie wenn man den Geist eines verstorbenen rief. Keine Atmosphäre die nur ein Magier verspüren konnte. Es war eine bedrückende, eine melancholische Atmosphäre, als würde zusammen mit der Magie die Anwesenheit der Ahnen das Zelt erfüllen. Eine Präsenz die selbst normale Sterbliche mit Ehrfurcht erfüllte, als wäre der Schleier zwischen Diesseits und Jenseits aufgeschlagen. Ein Ort an dem die Toten und die Lebenden sich näher waren als irgendwo sonst.

Es vergingen Stunden in denen die Ruferin sich wie in Trance dem Gesang widmete, bis schließlich ein sanftes Wabern den Stoff der Zeltplane in Bewegung versetzte. Augenblicklich schreckte die Menai auf und mit ihrem Gesang erlosch auch die Präsenz, die das Zelt erfüllt hatte. „Wer ist da?“ wandte sie sich mit ernster Miene gen Zelteingang, von wo sie den Ursprung der Bewegung vermutete. Ob sich jene des fahrenden Volkes an ihr Zelt gewagt hatten? Nein, unmöglich. Sie wussten dass man die Ruferin nicht störte. Schon gar nicht des Nachts und noch viel weniger wenn sie ein Ritual vollzog. Zu groß war ihre Ehrfurcht vor dem was für andere eine Hexe war. Dann schließlich erblickte Shaharií einen schattenhaften Schemen hinter der Zeltplane. Einen großen Schemen. „Ajun?“ sprach sie ihren Verdacht aus und als hätte der Hüne sich ertappt gefühlt, zog er die Plane beiseite. Die Menai erhob sich schwerfällig aus ihrer Haltung, was mit tauben beinen um einiges unangenehmer war als gewöhnlich. Ihre Lippen formten bereits die Frage was der Dämon hier machte, als ihr gewahr wurde wie überflüssig diese Frage doch war. „Komm herein.“ Der Hüne der noch immer in den Schatten stand zuckte mit den Achseln und gab mit leichtem Widerwillen ein brummendes „Wenns sein muss“ von sich. „Deswegen bist du doch hier, nicht wahr?“ Die Menai klopfte sich den Dreck von dem freiliegenden Knie sowie vom Kaftan und bedachte den Dämon mit einem fragenden Blick. Seine sonst so steinerne Miene offenbarte grüblerische Züge, eine Wesensart die die Ruferin ihm nicht einmal zugetraut hätte. „Was…“ Shaharií räusperte sich, hatte der Gesang ihre Stimme wohl entkräftet. „Was treibt dich des Nachts hier her?“ Diesmal verlor der Hüne keine Zeit mit Anfeindungen und Hohn sondern gab rasch seinem Anliegen nach. Seine Art wirkte friedfertiger und weniger bedrohlich als noch am späten Mittag. „Woher kannst du dir so sicher sein, was mit der Drachenerbin geschieht? Woher willst du wissen, dass es keine andere Möglichkeit gibt?“ Seine Frage war ernst und die Sorge darin schien ehrlich und aufrecht. „Ajun…“ begann Shaharií sanft und senkte ihren Blick leicht. „Würde ich mich an dir rächen wollen, würde ich dafür einen anderen Weg finden. Ich würde keine Außenstehenden mit einbeziehen.“ Dabei bedachte sie derer, die der Dämon getötet hatte, als er seinem steinernen Verließ entkommen war. All derer die grundlos seiner Rache zum Opfer gefallen waren. „Hör zu…“ sie trat näher an den Hünen heran, aber nur so nahe, dass sie ihm noch in die Augen schauen konnte ohne den Kopf dafür zu weit in den Nacken legen zu müssen. „Du denkst ich wäre ein Kind. Das ich nicht wüsste wovon ich rede und nur alte Schriften zitiere. Lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Ich kenne deine, also wäre es nur gerecht wenn du auch die meine kennst. Du schätzt ich wäre zwanzig Jahre alt? Das ist schmeichelhaft aber weit von der Wahrheit entfernt“ ihre Miene formte ein warmes Lächeln, als wäre es ein Akt der Gutmütigkeit den Dämon aufzuklären. „Weißt du wie lange es her ist, dass du das Dorf in Schutt und Asche gelegt hast? Dreiundfünfzig Jahre. Und ich war dort. Ich habe mit eigenen Augen gesehen was du getan hast und ich habe überlebt wie du sehen kannst. Ich bin nicht irgendeine dahergelaufene Waldhexe. Ich bin mehr als eine gewöhnliche Ruferin. Meine Macht beschert mir das ewige Leben und während du ein Drittel deiner Lebzeit in eine Höhle gepfercht warst, habe ich meine Zeit genutzt um zu lernen. Ich habe Wissen angesammelt von dem die meisten nicht einmal träumen können und genau genommen habe ich sogar mehr Zeit mit diesem Wissen verbracht als du sie in Freiheit verbringen konntest. Du solltest mich nicht unterschätzen, bereise ich diesen Kontinent doch schon länger als du es tust.“ Wieder legte Shaharií den Kopf schief und musterte den Drachen, als würde sie eine Reaktion auf ihre Geschichte erwarten. „Würde ich eine Möglichkeit sehen deiner Assija und deinem Ungeborenen zu helfen, dann würde ich es euch wissen lassen. Aber nach allem was ich über deine Art und ihre Art in Erfahrung gebracht habe und nach dem was man an ihrem Zustand erkennt, steht die Wahrscheinlichkeit gegen sie.“ Die Menai blickte den Dämon aus ihren schwarz umrandeten Augen eindringlich an. „Ihr könntet Glück haben. Das Glück das Sie und dein Spross überleben. Aber sie bedeutet dir viel nicht wahr? Willst du ihr Überleben von etwas flüchtigem wie Glück abhängig machen? Glück ist nicht greifbarer als das Chaos selbst.“ Erneut schlich sich ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen bevor sie fortfuhr; „Ich hätte nicht gedacht, dass der große schwarze Drache einmal Angst verspüren würde. Doch du hast Angst. Angst um ihr Leben. Nehmt ihr meine Hilfe an, kann ich zumindest für ihr Leben garantieren. Geht ihr aber das Risiko ein, überlasst ihr es dem Schicksal, dann kann ich für nichts garantieren. Die Entscheidung liegt bei euch und so schwer es dir auch fällt, scheint mir du hättest keine andere Wahl als auf das zu vertrauen, was ich euch sage. Die nächste Hebamme, der nächste Heiler sind Monate von hier entfernt. Monate die euch nicht bleiben. Ganz zu schweigen davon, dass ihr wohl kaum einen Bucharzt finden werdet, der sich mit der Beschaffenheit von Dämonen und Drachenerben befasst hat.“ Ihren Worten haftete nicht bloß Ehrlichkeit sondern auch Wahrhaftigkeit an. Die nächstgelegene Stadt mit einem vernünftigen Heiler lag bei guter Geschwindigkeit Wochen entfernt, mit einer Frau in Assijas Umständen aber rückte sie in schier endlose Entfernung.

Der nächste Mittag war angebrochen und Shaharií saß müde, entkräftet und mit beißenden Schmerzen an der Feuerstatt des Versammlungszeltes. Das große Zelt war leer, dafür hatte die Ruferin gesorgt. Die Nacht war kurz, musste sie doch nach Ajuns Unterbrechung das Ritual von neuem beginnen und anschließend den Absud abseihen. Nun aber standen zwei kleine Fläschchen neben ihr auf der hölzernen Bank. Eine um die Totgeburt einzuleiten, eine um die Leiden dabei zu verringern. Nun lag es an Assija und scheinbar auch an Ajun ob sie die Hilfe der Menai entgegen nahmen oder nicht. Just in diesem Moment betraten auch die beiden Gäste das Zelt und Shaharií wandte ihren Blick von dem prasselnden Feuer vor sich.
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Some turn to dust or to gold.
But you will remember me -
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Di, 23. Jun 2015 18:16

Bildie kleine Drachenerbin schmiegte sich ein wenig näher an den Drachen, nachdem sie es sich mit ihrem Kopf auf seiner Schulter gemütlich gemacht hatte. „Sei unbesorgt, Ajun, sie wird nicht über dieses Kind entscheiden. Die Entscheidung darüber obliegt uns… dir und mir… und sonst niemandem...“ beschwichtigte sie ihn „Aber was, wenn sie Recht hat?“ gab Assija zu bedenken. „Was, wenn dieses Kind deinen Tod bedeutet?“ stellte er die Frage, die über ihnen beiden zu schweben schien, wie ein Damoklesschwert, aber die bislang niemand auszusprechen gewagt hatte. „Dann ist es der Wille der Götter, Ajun.“ sagte sie leise, und stellte ihm erneut die Fragen, die sie beschäftigten, und an deren Antworten sie sich klammerte, wie eine Ertrinkende. Was er dachte, und was er wollte. Da zeigte der Drache sein Lächeln, welches aus tiefster Seele kam, und das sie so sehr liebte. „Was ich will und was du willst sind nicht immer dasselbe, kleine Drachenerbin.“ „Das ist auch in Ordnung so, Ajun. Wir sind auf viele Arten so grundverschieden, aber in anderen Belangen wieder so gleich. Aber in dieser Sache sollten wir dasselbe wollen. Ich will, dass du glücklich bist, Ajun. Ich könnte nicht glücklich sein, wenn du unglücklich mit einer Entscheidung bist.“ „Du hast heute gehört, was ich lange in mir verborgen gehalten hatte. Dinge die ich nicht wollte, dass du sie hörst. Wie denkst du nun darüber? Darüber, weshalb wir hier im Norden sind? Darüber, dass wir unser Schicksal in die Hände dieser schwarzen Hexe legen? Darüber, was dieses Kind für uns bedeutet?“ Assija schwieg eine Weile. Dann begann sie zögerlich. „Ich denke jedenfalls nicht schlecht von dir, und das solltest du wissen, Ajun. Ich sagte dir einst, dass es in Ordnung ist, wenn ich der Schlüssel zu dem Leben bin, welches du schon immer angestrebt hast. Die meisten Dinge, die heute zur Sprache gebracht wurden, wusste ich ja schon. Dass du in Gedanken damit gespielt hast, das Kind zu opfern, davon ahnte ich natürlich nichts. Aber wie ich dir sagte, das Wichtigste ist, dass wir ehrlich zueinander sind.“ „War ich wirklich stets ehrlich zu dir?“ Er bedachte sie mit einem strengen Blick, und Assija schlug betroffen die Augen nieder. Sie wusste, dass es nicht so war, es hatte keinen Sinn, sich das schönzureden. „Ich habe dich im Dunkeln gelassen, bis du das Buch ohne mein Einverständnis gelesen hast. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich dich einst nur zu dem Zwecke, dich deines Blutes wegen mit mir zu nehmen, gerettet habe.“ Assija schwieg, und er zog sie ein wenig näher an sich heran. „Doch wie ich nun darüber denke, weißt du.“ Assija rang sich ein sachtes Lächeln ab „Das weiß ich, Ajun, darum spielt es auch keine Rolle für mich, was deine früheren Beweggründe waren. Wie du selbst sagtest, wir kannten uns ja damals nicht.“ „Dieses Kind hingegen… dieses Kind eröffnete einen Ausweg. Einen Ausweg, damit du bei mir bleiben kannst wenn sein Blut statt deinem auf dem Altar fließen würde.“ Ein unangenehmer Schauer kroch über Assijas Rücken. „Du würdest wahrhaftig dein eigenes Kind opfern?“ hauchte sie. „Aber was, wenn es dieses Kind niemals gegeben hätte?“ Der Drache zuckte mit den Schultern. „Es ist aber nicht so, kleine Drachenerbin…“ Doch Assija blieb beharrlich. „Aber wenn es nun doch so wäre? Wenn ich dieses Kind nicht empfangen hätte, was wer dann?“ „Es ist sinnlos, über Dinge zu philosophieren, die nicht sind...“ Assija widersprach ihm „Das sehe ich aber anders. Also?“ „Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, kleine Drachenerbin…“ antwortete der Drache, so wie es ihm stets zu Eigen war, Worte zu formulieren, welche keinen Gehalt hatten, die rein gar nichts aussagten. Niemand vermochte so viel zu sagen, und gleichzeitig wieder auch gar nichts. „Ich muss es aber wissen, Ajun…“ bohrte sie beinahe flehend nach. „Ich hätte dich niemals geopfert, falls es das ist, was du hören willst. Und nun lass mich damit zufrieden.“ Assija wusste nicht, was sie noch entgegnen sollte. Darum schwieg sie, und lag einfach nur da, während sie dem dumpfen, dröhnenden Herzschlag des Drachen lauschte, welches bebend in seiner Brust schlug.

Nach einer Weile seufzte sie schwermütig auf. „Diese Gedanken waren nichts weiter als Gedanken, Sija. Aber nun, da es unausweichlich bevorsteht und wir uns entscheiden müssen, weiß ich nicht mehr was ich denken oder glauben soll. Was ist richtig, was ist falsch? Wenn auch nur ein Hauch dessen der Wahrheit entspricht, was die Menai gesagt hatte, wird dieses Kind sterben. Vielleicht nicht heute, und auch nicht morgen. Vielleicht wird es sogar noch das Licht der Welt erblicken, bevor es wieder aus ihr scheidet. Doch sind dies nicht die Fragen, die mich bewegen.“ „Welche Fragen sind es dann, Ajun?“ „Will ich überhaupt, dass es stirbt? Werde ich dich verlieren?“ „Diese Fragen kannst nur du dir beantworten, mein Drache…“ erwiderte Assija. „Ich habe dir einst versprochen, dir niemals ein Leid zuzufügen und dich auch vor allem anderen Leid zu bewahren. Aber vor diesem Leid kann ich dich nicht bewahren. Wenn sie die Wahrheit gesagt hat, verliert entweder das Kind, oder du das Leben. Entscheidest du dich für das Kind, kann es euch sogar beide das Leben kosten. Aber eines von beiden wirst du ertragen müssen. Ich hingegen kann nur eines davon ertragen. Du fragst mich um Rat, Sija? Viel eher bin ich es, der um deinen Bitten muss. All die Jahre. All die verlorenen Jahre wurde ich nur von diesem einen Wunsch am Leben gehalten. Und nun rutscht alles was ich bin und je sein wollte in die Bedeutungslosigkeit. Wer bin ich, wenn ich die Frau die mich liebt opfere? Wer bin ich wenn ich das eigene Kind dem Tod übergebe?“ Assija wirkte nachdenklich. „Wir beide wissen, dass dir als Dämon ein deutlich längeres Leben beschert ist, als mir. Eines Tages wirst du mich verlieren, Ajun. Doch wenn mein Tod nicht völlig sinnlos ist, wenn jemand daraus Nutzen ziehen kann… wenn du noch davon einen Nutzen ziehen kannst, dann würde mir das Sterben erheblich leichter fallen… glaube ich…“ Sie hob den Kopf an, und stützte sich auf dem Bett leicht auf. „Aber ich kenne dich Ajun, ich kenne dich wirklich gut. Wenn du dieses Kind wirklich hättest opfern wollen, dann hättest du niemals ein Wort darüber verloren, bis es soweit gewesen wäre. Darum hast du dir die Antwort bereits selbst gegeben. Und lass mich dir noch eines sagen, Ajun. Ich bin sehr glücklich, weil ich fühle… nein… weil ich weiß, dass auch du mich liebst… Ich werde dir deine Entscheidung abnehmen. Wir werden eine Lösung finden, mit der wir beide zufrieden sind.“ Sie gab ihm einen sanften Kuss auf seine Wange, und bettete ihren Kopf wieder auf seine Schulter. Ihre freie Hand lag auf der seinen, und sacht streichelte sie ihn, bis sie immer müder wurde. Ihre letzten Gedanken, bevor sie ins Reich der Träume dahinglitt, waren jene, dass nichts so aussichtlos und schlimm werden würde, wenn man nur lieben konnte, und geliebt wurde…

Am nächsten Morgen, als Assija erwachte, was sie spürbar nervös. Sie war in der Nacht aufgewacht, konnte nicht sofort wieder einschlafen. So war sie nur wachgelegen, und hatte über die schwierige Entscheidung nachgedacht, die bevorstand. Und im Grunde war die Entscheidung, die sie gefällt hatte vermutlich genauso wenig richtig, wie wenn sie die andere Möglichkeit in Betracht gezogen hätte. So gingen sie, nach einem kleinen Frühstück, hinüber zu der großen Lagerwiese, wo das fahrende Volk lagerte, und suchten die Menai in ihrem Zelt auf. „Guten Morgen, Shaharií“ begrüßte sie die Ruferin, als der Drache die Zeltplane beiseite geschlagen hatte, und so der kleinen Drachenerbin den Weg in das Zelt ebnete. Die Menai erwiderte den Gruß, und Assija ließ sich, ihres Bauches wegen, ein wenig umständlich auf einem der Sitzkissen am Boden nieder, und suchte sich eine bequeme Lage. Assija schwieg, doch sie trommelte nervös mit den Fingern, mit welchen sie sich am Boden abstützte, und Shaharií bot ihr einen Becher Tee an. Die kleine Drachenerbin nahm diesen dankbar an, und wärmte sich an dem tönernen Becher ihre Hände, während der Dampf des Tees in ihre Nase stieg. „Was ist da drinnen?“ fragte Assija neugierig, denn noch nie hatte sie ein derartiges Getränk gesehen. „Es ist ein entspannender Kräutertee mit Ziegenmilch und Honig“ erklärte ihr die Menai, und nickte der Drachenerbin aufmunternd zu. Sija nickte verstehen, und nippte dann an dem Tee. Er war süß, und die Ziegenmilch verlieh ihm ein sanftes, angenehmes Gefühl im Mund, so dass sie sich zuerst voll und ganz dem Tee widmete, ungeachtet der Tatsache, dass sie die Blicke des Drachen und der Menai förmlich an ihrem Körper spüren konnte, die nur darauf zu warten schienen, zu erfahren, wie die kleine Drachenerbin sich entschieden hatte. Der Tee verlieh ihrem Kopf bald ein eigenartiges Gefühl. Als würde dieser ein wenig dröhnen, doch ihr Körper fühlte sich spürbar entspannter an, ja beinahe weich, und verlangsamt. Es war ein ungewohntes, aber gutes Gefühl. Als sie den Tee ausgetrunken hatte, stellte sie die Tasse neben sich auf den Boden. Sie fixierte die Menai mit ihren goldenen Augen. „Du erwartest nun sicherlich eine Entscheidung, nicht wahr?“ Dann wandte sie sich Ajun, der neben ihr saß, zu und sprach „Und du ganz sicherlich auch…“

Dann fuhr sie zu beiden allgemein fort „Doch bevor ich das tue, lasst mich euch etwas sagen. Ich kann es nicht leiden, wie ihr beiden euch benehmt. Ich weise niemandem Schuld zu, doch euer gegenseitiges Verhalten muss sich ändern. Es belastet mich. Ich hasse Streit, selbst wenn er nur unterschwellig ist. Shaharií, du hast doch selbst gesagt, dass ich mich von jeder Anstrengung und Stress fernhalten soll. Doch soll ich mich nun von euch fernhalten, bis ihr euch gegenseitig erwürgt habt, oder aber eure Differenzen beigelegt habt?“ Sie schüttelte den Kopf, und bedachte beide mit einem vorwurfsvollen Blick. Es fühlte sich seltsam an. „Was ist das nur für ein Gefühl?“ flüsterte sie leise zu sich. Assija rutschte auf ihrem Sitz ein wenig hin und her, und legte ihre rechte Hand auf ihren Bauch. Sie schloss für einen Moment die Augen, so, als würde sie in sich gehen, und als sie die Augen wieder öffnete, begann sie. „Nun. Alles was wir wissen, ist, dass wir nichts mit Gewissheit wissen. Es beruht alles auf Vermutungen. Alles was wir mit Gewissheit sagen können, ist, dass alles ungewiss ist. Niemand vermag zu sagen, ob ich bei dieser Geburt sterben werden, oder nicht. Keiner weiß wirklich, ob das Kind stark genug ist, oder nicht. Niemand kann sagen, ob das Kind ein Drachenerbe sein wird, oder nicht. Ich weiß, dass ihr beiden euch um mich sorgt. Das bedeutet mir sehr viel.“ Sie wandte sich an Ajun „Deine Worte gestern Abend haben mich bewegt. Ich weiß, dass du Angst hast, mich zu verlieren. Und auch ich habe Angst, dich alleine zurückzulassen. Und ich bitte dich, denke nicht schlecht von mir, weil ich diese Entscheidung nun entgültig getroffen habe. Manche Dinge liegen einfach nicht in unserer Hand, sondern es ist der Wille der Götter. Und ich weiß, dass es der Wille der Götter ist. Ich sehe es so klar vor mir. Du bist nicht Willens, dieses Kind auf deinen Befehl hin töten zu lassen.“ Die kleine Drachenerbin wandte ihren Kopf zu Shaharií und ihre Zunge fühlte sich unglaublich schwer an. „Shaharií. Ich kenne dich kaum, aber ich finde dich sehr nett, und ich möchte dir vertrauen. Ich fühle, dass du nur das Beste für mich willst. Ich bitte dich inständig, mir zu helfen. Tu, was immer nötig ist, meinen Körper zu stärken. Versuche bitte, auf jene Dinge, die du befürchtest, dass sie eintreten könnten, vorbereitet zu sein. Und versuche, meinen Körper auf die Geburt vorzubereiten. Denn was wäre ich für eine Mutter, wenn ich einwillige, mein eigenes Kind töten zu lassen? Ich werde das Wagnis eingehen, diesem Kind das Leben zu schenken. Es ist alleine der Wille der Götter, ob das Kind stirbt, oder nicht. Aber ich werde nicht in den Willen der Götter eingreifen. Ich werde mich dieser Prüfung stellen, und ich werde Ajuns und mein Kind nicht durch meine bejahenden Worte töten lassen. Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen. Und wer weiß, vielleicht gewähren die Götter mir ein Wunder.“
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bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Fr, 24. Jul 2015 0:45

Bilder schwarze Drache schalt sich einen Narren, als er die Stimme der Menai aus dem Zelt vernahm. Sie rief seinen Namen und für einen Moment überlegte er ob er nicht einfach verschwinden sollte. Was hatte er sich überhaupt dabei gedacht zu der verdammten Hexe zu gehen? Aber nun einfach klammheimlich zu verschwinden würde ihn wie einen Feigling dastehen lassen. Und so verharrte seine Hand an der zurückgeschlagenen Zeltwand und er folgte ihrer Aufforderung einzutreten. »Wenns sein muss.«, brummte er mit einem feinen Widerwillen in der Stimme, der wohl eher der Wahrung seines Stolzes dienen sollte, als etwas anderem. In dem Zelt war es dunkel und nur einige Kerzen brannten. Doch die seltsame Gestalt, welche er zuvor gesehen hatte, war nicht zu sehen. Die Menai sah aus wie sie immer aussah. Sie hatte andere Gewänder angelegt und sich im Gesicht bemalt. Doch davon abgesehen konnte er keine sonderliche Veränderung feststellen. Kaum hatte er das Zelt betreten verschränkte er sogleich demonstrativ die Arme vor der Brust und maß die Menai mit einem abfälligen Blick. »Deswegen bist du doch hier, nicht wahr?« Der schwarze Drache zuckte mit den Schultern doch ließ er ihre Frage unbeantwortet im Raum stehen. Sie schien ihn ebenso zu mustern, wie er sie und als sie sich schließlich erhoben hatte folgten die scharfen Blicke des Drachen ihr, als ob sie jeden Moment ein Messer aus ihrer Kutte ziehen könnte. »Was treibt dich des Nachts hier her?« Der Dämon seufzte. Welchen Sinn hatte es seine Zweifel und Gedanken zu verbergen, wenn er nach Antworten suchte? Die Menai würde ihm nichts verraten, wenn er nicht fragen würde. Und in seinem Gesicht zu lesen hatten schon viele versucht. Er bezweifelte dass sie es täte. Ob sie es nun könnte oder nicht. Und so räusperte er sich schließlich und löste die Verschränkung seiner Arme. »Woher kannst du dir so sicher sein, was mit der Drachenerbin geschieht? Woher willst du wissen, dass es keine andere Möglichkeit gibt?« Er versuchte die ehrliche Sorge hinter seiner Frage zu kaschieren, indem er die Worte ruhig und langsam aussprach. Doch die Zweifel, die an ihm nagten konnte er nicht verbergen. Diese Menai war eine aufmerksame Beobachterin. Zweifellos gab es nur wenig, das ihr entging und umso mehr versuchte der Dämon sie so wenig wie möglich in ihm sehen zu lassen.

Die Menai wurde ernster, und es schien, wenn auch nur für einen Moment, dass sie seinen Blicken auswich als sie den Kopf leicht senkte. »Ajun. Würde ich mich an dir rächen wollen, würde ich dafür einen anderen Weg finden. Ich würde keine Außenstehenden mit einbeziehen.« Der Dämon lachte. Es war ein kurzes Lachen. Eines dieser Lachen die einem entfleuchten obwohl es weder einen Grund dafür gab, noch dass man überhaupt hatte lachen wollen. »Ich fürchte keine Rache, kleine Menai.« Er bedachte sie mit einem beinahe geringschätzenden Blick, als er auf die viel kleinere Frau herabsah, als ob sie ein Kind wäre. »Und welch armselige Rache wäre dies, mir mein …« Er schluckte das Wort, welches ihm auf der Zunge gelegen hatte herunter, bevor es über seine Lippen kommen konnte. Kleinod. Wertvollster Besitz. »… Eigentum wegzunehmen?« Er verzog seine linke Augenbraue zu einem zynischen Blick. »Eine solche Rache würde nur meine Wut entfachen. Und glaube mir, kleine Gedankendiebin. Meinen Zorn lässt du lieber schlafen.« »Hör zu…« Sie trat einen Schritt auf ihn zu und legte dabei den Kopf in den Nacken. »Du denkst ich wäre ein Kind. Das ich nicht wüsste wovon ich rede und nur alte Schriften zitiere. Lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Ich kenne deine, also wäre es nur gerecht wenn du auch die meine kennst.« Der Dämon nickte, doch erwiderte er nichts darauf, in der Hoffnung etwas wirklich Brauchbares zu erfahren und nicht nur das hohle Gewäsch irgendeiner dahergelaufenen Wilden aus den schwarzen Landen aus dem sie stammte. Doch kaum hatte sie ihre Geschichte begonnen, da wurde der schwarze Drache nur umso schweigsamer und nachdenklicher. Er versuchte sich zu erinnern, wie viele Jahre es nun her sein musste, und ihre Worte ergaben, nach und nach, einen seltsamen Sinn. Sie wusste Dinge und erinnerte sich an Dinge, die eine Frau ihres Alters nicht wissen konnte. Etwas stimmte mit dieser Frau nicht und der Drache begann erneut sie argwöhnisch zu mustern. »Wer bist du?«, fragte er und unterbrach sie, als sie von dem Ausbruch aus den Höhlen sprach. »Ich bin nicht irgendeine dahergelaufene Waldhexe. Ich bin mehr als eine gewöhnliche Ruferin.« Der Dämon schnaubte verächtlich. »Erzähle mir etwas, dass ich noch nicht weiß. Ruferin.« Wieder einmal sprach er das letzte Wort bissiger aus als es nötig gewesen wäre, nur um die Menai zu reizen. Er war nun einmal wie er war. Er konnte sein Wesen und das Feuer seines Blutes weder verleugnen noch zügeln.

»Du solltest mich nicht unterschätzen.« Dieses Mal ließ sich der Drache zu keiner Bemerkung herab. Denn diese Worte brannten sich förmlich in seinen Geist hinein. Es waren Worte, dessen er sich längst bewusst geworden war und weshalb er ihr, nach wie vor, mit Misstrauen und Argwohn begegnete. »Da stehen wir nun. Zwei Gestalten wie sie unterschiedlicher nicht sein können.« Seine Worten klangen gedehnt. »Keiner kann dem anderen sein Vertrauen schenken.« Er nickte, mehr um seinen eigenen Worten zuzustimmen, als den ihren. »Und doch gibt es Dinge die wir wohl gemein haben. Und sei es auch nur die Vergangenheit.« Wieder nickte er und ein, nur allzu bekanntes und unangenehmes, Jucken breitete sich an seinem Hinterkopf aus. »Ich werde dich beim Wort nehmen. Unterschätze ich dich auch, wenn ich glaube, dass du der kleinen Drachenerbin nicht helfen kannst?« Ein beinahe selbstgefälliges Lächeln huschte über das markante Gesicht des Dämon, bevor es wieder verschwand und die eiserne Miene des hochgewachsenen Mannes zurück ließ. »Würde ich eine Möglichkeit sehen deiner Assija und deinem Ungeborenen zu helfen, dann würde ich es euch wissen lassen. Aber nach allem was ich über deine Art und ihre Art in Erfahrung gebracht habe und nach dem was man an ihrem Zustand erkennt, steht die Wahrscheinlichkeit gegen sie.« Wieder nickte der Dämon. »Habe ich es mir doch gedacht.« Er hatte inzwischen die Hände hinter den Rücken gelegt, um dort, verborgen vor ihren neugierigen Blicken, die Fäuste zu ballen. Der Drang sich am Hinterkopf zu kratzen, wo das zweite Gesicht sich regte, wurde langsam immer stärker, so dass seine Fingernägel sich bereits tief in die Handballen bohrten, nur um den Drang mit Schmerz zu bekämpfen. Ihre nachfolgenden Worte flossen in den Geist des Dämon, doch glichen sie nur einer Brandung, die kam und ging und keine Spuren hinterließ. Zu sehr war er damit beschäftigt sein Unbehagen und den Drang etwas Schönes zu zerstören zu bändigen. »Es betrübt mich dies zu hören.« Es waren die ersten Worte, seit er dieses Zelt betreten hatte, die frei von Hohn, Spott oder Argwohn waren. »Schwöre, dass du dein Möglichstes geben wirst, sonst …« Die Drohung blieb unausgesprochen. Selbst in seinem Geist klang sie wie das Drohgebarden eines trotzigen Kindes. Sie war kein kleines Kind. Sie war älter als es den Anschein hatte. Sie war sich mehr als nur bewusst was geschehen würde, sollte der Dämon seine Drachenerbin verlieren.

Der nächste Tag war bereits bis zum Mittag verstrichen. Der Drache kaute auf seiner Unterlippe und starrte stoisch auf den dampfenden Dunst, der aus der Teetasse Assijas aufstieg. Ihre Worte, die sie letzte Nacht zu ihm gesprochen hatte, ließen ihm einfach keine Ruhe. Hatte sie wirklich Recht damit, dass er das Kind niemals geopfert hätte, nur weil er es ihr offenbart hatte? Es hatte einen Augenblick gegeben, da hätte er es, ohne mit der Wimper zu zucken, aus Assijas Armen gerissen und dem Kind Höchstselbst den Dolch ins Herz gestoßen. Doch wie lange war dieser Augenblick schon her? Es schien ihm nun, da er hier saß und darüber nachdachte, dass es schon Jahre sein mussten. Doch diese Gedanken verflogen jäh, als Assijas Stimme an sein Ohr drang. »Du erwartest nun sicherlich eine Entscheidung, nicht wahr? Und du ganz sicherlich auch…« Der Dämon schwieg. Er nickte, ruhig und weiterhin schweigsam. Und während Assija sprach musste der schwarze Drache unweigerlich an die Worte der Menai denken, die sie in der vergangenen Nacht zu ihm gesprochen hatte. Der Dämon glaubte nicht an die Götter. Er verachtete die Götter. Doch aus irgendeinem Grund verharrte er weiterhin in Schweigen. Er dachte nicht schlecht von Assija, dass sie sich für das Leben des Kindes entschieden hatte, anstatt es zu töten, denn auch er kannte seine Drachenerbin. So wie sie ihn. Es war nicht Assijas Natur das Leben eines anderen Wesens zu beenden. Aber in diesem Moment wusste er nicht, ob er sich nun freuen oder sorgen sollte. Ihm waren die Hände gebunden. Er konnte nichts unternehmen. Alles lag in den Händen Shahariís und das einzige Gefühl dass er in diesem Augenblick hegen konnte, war diese Frau dafür zu hassen, dass sie Assija womöglich helfen konnte, wo er machtlos blieb.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Di, 11. Aug 2015 15:41

Bildie Zeit in Brisangen war langwierig. Zwar herrschte hier reges Treiben, es gab stets Neues zu sehen und zu entdecken, doch Shaharií hatte Assija regelrecht dazu verdammt, sich zu schonen, viel zu liegen und zu ruhen. Zwar war das Gasthaus, welches sie ausgewählt hatte, völlig in Ordnung, das Zimmer war relativ ruhig und sauber, und Assija war ohnehin nichts daran gelegen, ständig umherzuziehen. Doch je mehr sie sich schonte, desto phlegmatischer, ja, um nicht zu sagen, fauler, wurde sie. Der Frühling war bereits vom Frühsommer abgelöst worden, und für diese Jahreszeit war es ausgesprochen warm. Die Luft war schwül, und stickig in dem Zimmer, und so hatte Assija den ganzen Tag über das Fenster offen. Wenn sie nicht gerade tagsüber schlief, sondern wach war, beobachtete sie die zahlreichen Stubenfliegen, die umherflogen. Bewegung machte Sija kaum. Einzig darauf bestand sie, dass sie zu den Mahlzeiten die Stufen hinabschritt, aber kaum waren diese beendet, hievte sie sich wieder die Treppe hinauf, um sich wieder hinzulegen. Oftmals, meistens dann, wenn sie alleine war, gab sie sich ihrer Schwermut hin, bedauerte ihr Schicksal, weinte, jammerte, und wurde selbst des Lebens überdrüssig. Was der Drache so tat, wusste sie nicht. Sie fragte ihn auch nicht danach. Nur manchmal bat sie ihn, ihr die Waden, die ihr so schwer vorkamen, oder der Rücken, der schmerzte, zu massieren. Oder sie bat ihn um frisches Wasser. Der Drache erfüllte ihre geringen Wünsche ohne Murren, jedenfalls bemerkte sie nicht, dass es ihn verdross. Wenigstens war Shahariì eine fähige Heilerin. Sie kümmerte sich ebenso fürsorglich um die kleine Drachenerbin, und solange sie dies tat, fühlte sich Assija stark genug, um dieses Kind in ihrem Leib zu behalten. Die Zeit, die Sija des Tages über verschlief, schlief sie dann in der Nacht nicht. Manchmal stand sie in der Nacht auf, ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. Manchmal saß sie dann auch am Fenster, beobachtete durch dieses die Sterne, und wünschte sich, sie könnte wieder unbeschwerter durch die Welt wandeln, des Nachts in der Wiese liegen, mit Ajun, wie sie es früher oftmals getan hatte, um die Sterne zu betrachten und die kühle Nachtluft zu genießen. Auch vermisste sie Ajuns Nähe. Wie lange war das her, dass sie sich geliebt hatten? Wahrscheinlich kurz nachdem sie in andere Umstände gekommen war.

In dieser Nacht schlief Ajun, aber Assija tat es nicht. Trotz allen Unannehmlichkeiten die diese Schwangerschaft mit sich brachte, schlief der Drache augenscheinlich gut in der Nacht. Ein Umstand, der nicht gewöhnlich war. Zwar langweilte sich Assija, doch um nichts in der Welt hätte sie Ajun geweckt. So schlich sie sich aus dem Zimmer. Zwar wusste sie, dass Ajun es in keiner Weise billigte, wenn sie ohne ihn durch Brisangen spazierte, schon gar nicht Nachts. Aber hin und wieder hielt es Assija in der Stube nicht mehr aus, und so verließ sie das Zimmer heimlich. Zunächst wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte, aber dann beschloss sie, Shahariì aufzusuchen. Sie mochte die Menai. Sie war ungewöhnlich, auf ihre Art, aber sie war nett, und was Assija am meisten erheiterte, war die Tatsache, dass sie vermochte, dem Drachen die Stirn zu bieten, auf eine Weise, wie Assija es noch niemals gewagt hatte, oder bei anderen erlebt hatte.

Es waren kaum Menschen unterwegs. Von den Zeltlagern her drang Feuerschein, Musik, leises Gelächter und Geplapper. Das fahrende Volk. Assija hatte sich bei ihren wenigen Besuchen, die sie Shaharií abgestattet hatten, mit dem einen, oder anderen angefreundet. Assija wusste nicht, ob sie wussten, dass sie eine Drachenerbin war, mit ihrem feuerroten Haar und den bernsteinfarbenen Augen. Ob sie es wussten, oder nicht, auf jeden Fall waren sie völlig vorurteilsfrei. Sie spendierten der kleinen Drachenerbin, die sie oft neckisch „Mutter“ in den verschiedensten Sprachen nannten, einen Becher mit verwässertem Wein, und Assija setzte sich oftmals zu ihnen. Dann spielten sie sich gegenseitig Lieder auf der Laute vor, oder Sija musizierte auf ihrem kleinen Hirtenflötchen. Auch gaben die Frauen, die selbst schon ein Kind oder mehrere geboren hatten, den einen oder anderen Ratschlag. Oder auch völlig an den Haaren herbeigezogene Aberglauben, wonach man das Geschlecht des Kindes feststellen könnte, wenn man dieses oder jenes tat. Die kleine Drachenerbin genoss diese wenigen Sternstunden. Sie hätte sich sofort dem fahrenden Volk angeschlossen, wenn dies möglich gewesen wäre. Doch ob Ajun davon sonderlich begeistert wäre, wusste sie nicht.

An diesem Abend jedoch gesellte sie sich nicht zu ihnen, sondern marschierte schnurstracks zu Shahariís Zelt. Sie hob vorsichtig das Zelttuch beiseite. „Shaharií? Bist du da?“ rief sie leise in das Zelt hinein. „Komm herein, Assija…“ rief die Menai, beinahe so, als hätte sie sie bereits erwartet. Assija leistete ihrer Aufforderung Folge, und betrat das Zelt. Hier herrschte stets ein anderer Geruch, aber er war ganz typisch für die Menai. Eine Mischung aus Kräuterteeduft, Räucherwerk, Feuer, Kerzen, und anderen exotischen Dingen. Die Menai blickte Assija erwartungsvoll an „Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht in diesem Zimmer sein…“ begann sie, während sie sich schwermütig mit der Handfläche über das Gesicht fuhr. „Ich kann gar nichts mehr. Stets liege ich in unserem Zimmer, schlafe, weil ich sonst nichts mit meiner Zeit anzufangen weiß, und des Nachts liege ich schlaflos umher, wenn alle anderen ruhen und schlafen, und fühle mich einsam und allein.“ Eine dicke Träne kullerte aus ihrem Augenwinkel. „Wäre ich doch nie schwanger geworden!“ Sie brachte diese Aussage vorsichtig vor. Immerhin war dies bekannt, eine Frau, die mit einem Mann das Lager teilte, konnte schwanger werden. Wenn sie es tat, brauchte sie nicht wehklagen, wenn es dann tatsächlich passierte. „Ich wusste ja, dass es passieren könnte, aber ich habe es immer verdrängt, und habe mir eingeredet, mir könnte es nicht passieren. Ich sei bestimmt nicht in der Lage, ein Kind zu empfangen.“ Sie schüttelte zur Bekräftigung ihrer Worte den Kopf. „Ich war damals so verliebt in ihn. Ich bin es heute noch. Bevor ich ihn traf, hätte ich niemals für möglich gehalten, dass es einen Mann geben könnte, der mit meinen Leiden und Gebrechen so unbekümmert umgehen könnte, wie Ajun es tat. Ich kann mir schon vorstellen, dass ihr alle, die ihr über seine dämonische Gestalt Bescheid wisst… du, meine Schwester, dein Bruder… entsetzt seid. Oder euch fragt, ob ich noch alle meine Sinne beisammen habe… Die kleine, zarte Drachenerbin, und dieser große Dämon… Aber es macht mir wirklich nichts aus, ich habe meine Furcht längst verloren. Ich glaube ich könnte mich nicht einmal vor ihm fürchten, wenn er es drauf anlegte. Als ich ihn kennenlernte, und er mir seine dämonische Gestalt zum ersten Mal offenbart hatte, da hatte ich ganz entsetzliche Angst und Abscheu vor ihm. Dann lernte ich ihn wirklich kennen, lernte, in sein Herz zu schauen. Ich erkannte, dass dies nur eine äußerliche Hülle ist. Es ist das Innere, das zählt, nicht das Äußerliche. Er ist in menschlicher Gestalt ebenso gut oder böse, wie in seiner dämonischen. Einzig alleine seine Drachengestalt ist anders... Niemand kennt ihn so gut wie ich ihn kenne. Ich weiß, er hat schreckliche Dinge getan. Ich weiß, er hat seine furchtbaren Seiten. Aber er hat auch seine guten Seiten. Er hat ein gutes, wie auch ein schlechtes Herz. Doch für mich zählt nur das Gute. Und er war immer freundlich zu mir und bemüht. Er hat mir das Leben gerettet. Durch ihn habe ich Selbstbewusstsein erfahren, und auch er kennt mich so gut wie niemand sonst. Ich glaube, nicht einmal meine Schwester vermag es mich so zu verstehen, wie er es tut…“

Assija unterbrach sich, als sie bemerkte, wie viel sie unaufgefordert gesprochen hatte, doch die Menai saß ruhig da, und hörte ihr zu. „Wie habt ihr euch kennengelernt?“ fragte sie, während sie ihr einen Becher mit Tee hinhielt. Assija nahm den Becher dankbar entgegen, und setzte sich auf eines der weichen Sitzkissen, die am Boden lagen. „Wir trafen uns im geheimen Zirkus. Zwei Männer hatten mich entführt und an den fahrenden Zirkus verkauft. Dort sollte ich mich schwer bewaffneten Männern gegenüberstellen. Ajun kam plötzlich wie aus dem Nichts, kämpfte gegen alle, bis er sich schließlich in seine Drachengestalt verwandelte, und die Arena in Schutt und Asche legte. Ich konnte fliehen, doch er fand mich, und befand, ich sei von nun an sein Eigentum. Oh, wie habe ich ihn gehasst, damals…“ lachte die kleine Drachenerbin „Ich hätte vor Wut sterben wollen, wenn ich ihn nur angesehen habe. Und zu allem Überfluss musste ich ihm noch über meine Krampanfälle erzählen, und was er dann zu tun hätte. Aber irgendwann hat sich das geändert. Ich gab ihm, der von sich sagte, er hätte keinen, den Namen ‚Ajun‘. Wir wurden Freunde. Und schließlich…“ sie strich sich über ihren Bauch. „Es geschah in einem Badezuber. Ich hatte ihm gesagt, dass ich ihn liebe, und dann passierte es. Erst viel später habe ich den Grund erfahren, warum wir nach Merridia gereist sind. Aus einem Buch, das er aus der Bibliothek Merridias mitgenommen hatte. Weißt du Shaharií, ich finde, es gibt Dinge, die man geschehen lassen muss, auch wenn man weiß, dass sie sich gegen einen wenden. Ich weiß, dass Ajun mich liebt, und mich niemals opfern wird. Er wird mich nicht dazu verwenden, seinen großen Traum zu verwirklichen. Einerseits macht es mich glücklich, aber auf der anderen Seite wieder unsagbar traurig. Früher oder später werde ich sterben. Vielleicht ist mir ein kurzes, oder aber ein langes Leben beschieden, vielleicht aber sterbe ich schon vor oder nach der Geburt. Obwohl ich eigentlich recht zuversichtlich bin, dass wir es schaffen. Seit ich dich habe, fühle ich mich deutlich besser und stärker. Zwar liege ich nur faul im Bett herum, was mich etwas melancholisch macht, aber ich habe kaum mehr Beschwerden. Ich glaube, ich kann dieses Kind zur Welt bringen, und keiner muss sein Leben lassen. Auch das werde ich geschehen lassen, auch wenn ich weiß, dass es sich gegen mich wenden kann. Ich verrate dir ein Geheimnis, Shahariì. Würde es einen Weg geben, diese Drachenlegende wahr werden zu lassen, ich würde alles dafür tun. Ich will, dass Ajun glücklich ist, um nichts anderes geht es mir. Ich würde alles dafür geben. Mein Leben, das Leben meines Kindes, mein Herz, meine Seele, mein Blut… Früher hätte ich all das gegeben, um diesen unsagbar schwachen Körper loszuwerden. Wie gerne wäre ich wie alle anderen. Ganz normal. Ohne diese Krampanfälle, ohne Schwächeanfälle, oder das Unvermögen, ein normales Leben zu führen, drei Stunden zu laufen, ohne sieben Pausen zu benötigen… Ich weiß, dass das niemals geschehen kann. Ich bin in diesen schwachen Körper hineingeboren und ich werde in diesem schwachen Körper sterben.

Assija beendete ihren Redeschwall. Sie war froh, dass sie Shaharií gefunden hatten. Über die Wochen war sie ihr regelrecht ans Herz gewachsen, und sie war sich sicher, dass sie ihr vertrauen konnte. Wie eine Freundin. Der Tee war ausgekühlt, und Assija trank ihn schluckweise. Was immer in diesem Tee war, es war wie eine Droge. Der Tee vertrieb jegliche Melancholie und Schwäche. Wann immer sie Shaharií Tee trank, fühlte sich gut. Die kleine Drachenerbin blickte auf, haftete ihre goldenen, drachenähnlichen Blicke auf die Menai und lächelte sie an „Du bist mir sehr ans Herz gewachsen, die letzten Wochen, Shahaarií. Ich hatte, von Ajun einmal abgesehen, seit sehr langer Zeit niemanden, den ich als meinen Freund bezeichnet hätte. Aber bei dir ist das anders. Ich bin froh, dass wir dich getroffen haben. Und damit meine ich nicht, weil du mir mit dem Kind hilfst.“ Assija streckte ihren Rücken durch, weil das scheinbar wilde Kind in ihrem Leib heftig gegen ihre Rippen boxte. „Ich kann es kaum erwarten, es in meinen Armen zu halten. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wem ich dieses Kind anvertrauen kann. Ich kann mir Ajun nicht als Vater vorstellen…“ Über dieses innere Bild in ihrem Kopf musste sie kichern. „Aber ich kann für dieses Kind nicht sorgen, ich kann ja nicht einmal für mich selbst sorgen, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Eine Zeitlang dachte ich, das freie Volk ist gut, und sie würden sich in jedem Fall kümmern. Auch, wenn es ein Drachenerbe wäre. Aber wenn es zur Hälfte ein Dämon ist, wie du sagst, wem kann ich diese Bürde auferlegen? Wer würde sich diesem Kinde annehmen? In Wahrheit ist es doch alleine von dem Wohlwollen seines Vaters abhängig. Wenn Ajun sich ihm verweigert, ist es zum Tode verurteilt.“ Assija seufzte. In dem Zelt war es durch das Feuer recht warm. Sie nahm ihren Wollumhang von den Schultern, und krempelte sich auch die Ärmel ihres Kleides auf, um sich ein wenig Kühlung zu verschaffen. Als sie bemerkte, wie Shaharií auf ihre Arme starrte, da strich sie verlegen darüber. „Es sind keine Drachenmale. Es sind Skarifizierungen. Mein einst guter Freund Ardan hat sie mir ins Fleisch geritzt. Er sagte, es sind schamanische Symbole, wie sie die Schamanen der Steppenreiter benutzen. Es sollte meinen Körper stärken, doch außer, dass ich davon in Ohnmacht fiel vor Schmerzen, ist nichts weiter passiert. Ajun meinte, sie seien nicht vollendet. Am Tage unserer Begegnung vollendete er mit einem Messer eine dieser Runen. Aber auch das hat nichts gebracht. Denkst du, es ist Unsinn? Ist dir ein Zauber bekannt, der den Körper stärken kann? Vielleicht muss ich meinen gesamten Körper verunstalten lassen, damit es seine Wirkung entfalten kann…“ lachte sie schließlich.
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » So, 23. Aug 2015 17:10

Bilder Mond umkreiste das tiefrote Zelt der Ruferin und mit seinen Runden wanderten auch die Schatten im inneren, entlang der von falten zerfurchten Zeltwand. Obwohl der hochgewachsene Dämon stets bemüht schien seine Emotionen zu verbergen, so entglitten sie ihm doch immer und immer wieder zu gewissen Themen. Dass er seine Wut nicht zu kontrollieren vermochte bewies er bereits bei ihrer ersten Begegnung und nun scheiterte er daran seine Sorgen zu kaschieren, wurmte es ihn augenscheinlich auch noch so sehr seine Regungen vor der Menai zu offenbaren. Sie fragte sich für sich selbst ob der Umstand ihrer Herkunft das Ganze für den Dämon noch verschlimmerte, oder aber ob es einfach daran lag, dass sie war wer sie war. Wie schon über das ganze Gespräch musterte Shaharií den Drachen aufmerksam. Nicht um in seiner Mimik etwas zu erkennen, das er verbergen wollte. Musste er doch ohne Wenn und Aber mit offenen Karten spielen, schließlich war er es doch der Ihre Hilfe benötigte und nicht umgekehrt. „Du nennst die Drachenerbin dein Eigentum…“ lächelte sie scharf, den Dämon weiter im Blick haltend und bezog sich damit auf seine beinahe herabwürdigenden Worte gegenüber der Drachenerbin. „Doch erkennst du nicht das sie es ist die dich besitzt.“ Die Menai atmete tief ein, als würde sie zu einer ausschweifenden Erzählung ansetzen und stemmte dabei die Hände demonstrativ in die Hüften bevor sie fortfuhr, den Dämon immer noch im Blick haltend. „Ohne sie wärst du nicht hier. Du sorgst dich um sie und nur sie vermag dein feuriges Wesen zu zügeln, was nicht einmal dir selbst gelingt. Würdest du dich überhaupt mit einer Meinesgleichen abgeben wenn dich nicht etwas drängen würde, was du selbst nicht unter Kontrolle hast? Würdest du deine Zeit in einer Grube des Elends wie dieser verbringen, wenn dich nicht etwas halten würde, was du nicht selbst bestimmen kannst? Du nennst sie dein Eigentum…“ das Lächeln auf den Lippen der Ruferin wurde schärfer und nahm belehrende Züge an; „… Dabei hast du deinen Weg schon lange nicht mehr selbst in der Hand. Deine Gefühle beherrschen dich und deine Gefühle sind an sie gebunden.“ Sie deutete mit einem deutlichen Kopfnicken in Richtung der Siedlung als wolle sie auf die abwesende Assija zeigen. „Sie dein Eigentum zu nennen beschönigt nur einem Umstand den Deinesgleichen schon immer verachtet hat: Machtlosigkeit. Etwas das dich lenkt, dein Wesen verändert, deinen Weg bestimmt und dich sogar von deinen Zielen ablenkt, kann niemals dein Eigentum sein. Und ich kann dir nicht nehmen was nicht dein ist.“ Lächelte sie abschließend sanft und in einem Tonfall der freundlicher war als die Worte den Anschein erweckten. Ajun machte keinen Hehl daraus, was geschehen würde wenn die Menai ihm über den Umweg Assijas etwas antun wollte. Gewiss war der Dämon es gewohnt dass die Menschen ihn fürchteten und unter einer solchen Drohung ängstlich das Haupt senkten. Shaharií aber fürchtete den Drachen nicht. Sie respektierte seine Macht, doch gemessen an dem Willen der Götter schien sie unbedeutend. Und selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie ihm nicht die Ehrfurcht erbringen können, die sie den Göttern erbrachte. Und so schenkte sie ihm schlicht ein wortloses, schiefes Grinsen ob dieser Drohung. Anders hätte der Hüne es gewiss auch nicht erwartet. „Da stehen wir nun. Zwei Gestalten wie sie unterschiedlicher nicht sein können.“ Sprach der Dämon nach einiger Zeit und nachdem Shaharií ihm ihre Geschichte offenbart hatte. „Keiner kann dem anderen sein Vertrauen schenken.“ Bei diesen Worten legte die Menai den Kopf schief, als wolle sie Wortlos hinterfragen was er soeben gesagt hatte. „Ich kann dir vertrauen Ajun. Deine Ziele sind weder Geheimnisvoll noch schwer zu begreifen. Ich weiß was du willst und ich weiß was du dafür brauchst. Ich weiß dass du mich und meine Macht brauchst. Warum also sollte ich dir Misstrauen? Weil du bist was du bist? Weil du mich bei der nächstbesten Gelegenheit durch einen hinterwäldlerischen Druiden ersetzen könntest? Unfug.“ Prustete die Ruferin und sah den Hünen ernst an. „Du hast zwei Dinge in deinem Leben die dich antreiben. Dein Wunsch ein echter Drache zu werden sowie die zierliche Assija. Ohne mein Mitwirken bist du Perspektivlos. Das macht dich berechenbar und es damit sehr simpel dir zu vertrauen. Und du wiederum wirst lernen müssen mir zu vertrauen, wenn du nicht die nächsten zweihundert Jahre durch die Welt streifen willst, in der Hoffnung jemanden zu finden der auch nur im entferntesten die Macht besitzt über die ich verfüge. Du hast recht damit, dass wir unterschiedlicher kaum sein könnten und doch verbindet uns mehr als du denkst. Wir beide gehören immerhin zu den wenigen die alles in ihrer Macht stehende tun, um mehr zu sein als sie sind und so wie ich dich einschätze geben wir uns auch beide nicht mit weniger zufrieden…“ feixte sie den Drachen an. Sicher war jede Kleinigkeit die die beiden verband schon eine Kleinigkeit zu viel für den Dämon und trotzdem würde er sich entgegen seinem stoischem Wesen dem fügen müssen, was ihn erwartete. Und auch die sonst stets auf Freundlichkeit besonnene Ruferin konnte nicht gänzlich verbergen, dass ihr die Machtlosigkeit des Dämons in gewissem Maße Genugtuung verschaffte. Wenngleich sie dies weniger offensichtlich machte als Ajun, welcher kaum eine Gelegenheit für Hohn und Spott außer Acht ließ. Das Gespräch hatte sich unterdessen weiter bewegt, hin bis zu dem unausweichlichen Thema, dem Wohlergehen Assijas. Shaharií war ähnlich beunruhigt wie Ajun auch wenn sie weiterhin Zweifel hegte, dass der Drache seinen Einfluss in die richtige Richtung nutzen würde. Und insgeheim hegte sie die Hoffnung, dass Ajun mit diesem neuen Wissen sein Bestes geben würde, Assija in die sichere Richtung zu lenken. Der Gedanke die Gesundheit der Drachenerbin dem Schicksal zu überlassen missfiel ihr, waren die Umstände doch denkbar ungünstig. „Schwöre, dass du dein Möglichstes geben wirst, sonst …“ Sorge und Zorn waren gleichermaßen ernst in diesen Worten des Dämons und auch von Shahariís Gesicht verzog sich das feine Lächeln, welches sich immer wieder während der Unterhaltung auf ihre Lippen gelegt hatte. So trat die Ruferin näher an den Drachen heran. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verborgen und seine ganze Haltung wirkte unruhig und weniger gefasst als es für ihn üblich war. Die Menai musste den Kopf nun wieder leicht in den Nacken legen um dem Drachen in die Augen sehen zu können. „Ich werde mein möglichstes geben…“ begann Shaharií ruhig, aber auch ernst. So ernst das es ihr beinahe den melodischen Tonfall ihrer Stimme nahm. „Aber nicht deinetwegen. Auch nicht aus Angst vor den Konsequenzen, sondern Ihretwegen“.

Der Nächste Tag war angebrochen. Es war Mittag. Die Luft war warm und feucht und doch war kaum ein Wölkchen am Himmel zu erkennen. Selbst durch den Dicken Zeltstoff brannte das fahle Licht in den Augen der Ruferin. Ihr Blut pulsierte durch ihre Adern und jeder Herzschlag führte zu einem furchtbaren Kopfschmerz. Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte und die blutigen Ritualzeichen auf ihrem Arm brannten als wären sie aus glühendem Eisen. Der Tag nach dem Ritual war stets der schlimmste und das sie ausgerechnet Heute für Assija und Ajun bei voller Konzentration sein musste, behagte der Ruferin nicht im entferntesten. Pünktlich zur Mittagsstunde zeichnete sich die hünenhafte Gestalt Ajuns an der Zeltplane ab und die beiden ungleichen Gefährten kamen herein. „Ohay‘ kaaro Assija, Ajun…“ begrüßte sie die beiden mit dem traditionellen menondiwischen Morgengruß und nickte ihnen einladend zu. „Setzt euch“ deutete sie auf eine große Ansammlung von Kissen hinter der flachen Bank auf der sie saß. Rasch wenn auch umständlich hatte Assija Platz genommen. Ajun stand mit verschränkten Armen neben ihr und schien das große Versammlungszelt sowie abwechselnd die beiden Frauen zu mustern. Neben den Kissen stand ein kleines Kupfergestell mit zwei Teekannen sowie einigen kleinen Tonbechern. Aus einem der Becher stieg bereits eine feine wabernde Dampfwolke empor. „Tee?“ fragte Shaharií und deutete auf das feine Kupfergestell und die darauf platzierten Becher. Kurzerhand nahm die Drachenerbin sich dankend den gefüllten Becher und trank sogleich daraus. Die Ruferin wollte noch eingreifen, denn Assija hatte sich Shahariís Tee genommen, welcher mit Hanf gegen die Schmerzen versetzt war, doch da war es schon passiert und die Drachenerbin hatte davon getrunken. „Was ist da drinnen?“ fragte Assija nach, nachdem sie probiert hatte. Shaharií verzog leicht das Gesicht. Die Hanfblüten würden der Drachenerbin sicher ähnlich bei ihren Beschwerden helfen wie sie es bei der Ruferin taten, doch war Assija gewiss nicht ähnlich abgehärtet was die berauschende Wirkung anging. „Es ist ein entspannender…“ die Menai seufzte „ Kräutertee mit Ziegenmilch und Honig“. Ein wenig schlich sich die Befürchtung in das Gesicht der Ruferin, dass die Drachenerbin in einigen Momenten benommen in den Kissen zusammensacken würde. Ihr aber umständlich die berauschende Wirkung zu erläutern, würde sie wohl nur unnötig beunruhigen. Immerhin war Hanf heilsam und keine Belastung für den Körper. Es verstrich einige Zeit in der die Drei in Schweigen gehüllt waren und lediglich Assijas Schlürfen sowie das Knistern des Feuers unterbrachen die Stille. Schließlich blickte die Drachenerbin die Menai eindringlich an. „Du erwartest nun sicherlich eine Entscheidung, nicht wahr?“ Shaharií nickte und versuchte dabei die Schmerzen zu unterdrücken, die ihre Mine prägten. Doch zum Leidwesen der Menai ließ Assija sich noch keine Entscheidung vernehmen. Stattdessen wanderte ihr Blick abwechselnd und unstet zu Ajun und wieder zu ihr, bis sie vorwurfsvoll das Verhalten des Dämons und der Ruferin kritisierte. Sie hatte Recht. Streß war ihr nicht zuträglich. Nichts desto trotz konnte Shaharií es nicht mit sich vereinbaren dem Drachen jede seiner Abfälligkeiten kommentarlos durchgehen zu lassen und so fiel ihr Blick auf Ajun. Sie hatte die Augen zusammengekniffen um die Schmerzen, die durch das Licht entstanden, zu verringern, doch wenn sie sich nicht irrte, so blickte Ajun sie ebenfalls an. In ihrem derzeitigen Zustand hätte sie am liebsten eingeworfen, dass es genügen würde wenn der Dämon sich seine verächtlichen Andeutungen sparen würde. Aber noch bevor sie den Gedanken zu einem Satz formte wurde ihr gewahr wie kindisch eine Gegenseitige Schuldzuweisung sie nun erscheinen lassen würde. „Wir werden unsere Differenzen zu deinem Wohl ruhen lassen…“ nickte sie der Drachenerbin zu, welche tiefer in die Kissen gerutscht war. „Nicht wahr Ajun?“. Wieder herrschte Stille. Die Drachenerbin hatte bereits ihr Zeitgefühl an den Tee eingebüßt und es dauerte einige Momente bevor sie wieder aufblickte und fortfuhr. Die Worte die sie an den Dämon richtete nahm Shaharií kaum wahr, so kräftig pulsierte ihr eigener Herzschlag in ihren Ohren. „Shaharií. Ich kenne dich kaum, aber ich finde dich sehr nett, und ich möchte dir vertrauen. Ich fühle, dass du nur das Beste für mich willst. Ich bitte dich inständig, mir zu helfen. Tu, was immer nötig ist, meinen Körper zu stärken. Versuche bitte, auf jene Dinge, die du befürchtest, dass sie eintreten könnten, vorbereitet zu sein. Und versuche, meinen Körper auf die Geburt vorzubereiten. Denn was wäre ich für eine Mutter, wenn ich einwillige, mein eigenes Kind töten zu lassen? Ich werde das Wagnis eingehen, diesem Kind das Leben zu schenken. Es ist alleine der Wille der Götter, ob das Kind stirbt, oder nicht. Aber ich werde nicht in den Willen der Götter eingreifen. Ich werde mich dieser Prüfung stellen, und ich werde Ajuns und mein Kind nicht durch meine bejahenden Worte töten lassen. Selbstaufopferung ist das wirkliche Wunder, aus dem alle anderen Wunder entspringen. Und wer weiß, vielleicht gewähren die Götter mir ein Wunder.“ Erklärte Assija ausschweifend. Shaharií senkte den Blick. Sie hatte befürchtet dass die Drachenerbin sich so entscheiden würde und damit war auch die Hoffnung verflogen, dass Ajun sie zur Vernunft bringen könnte. Sie hatte sich für den gefährlichen Weg entschieden. Den Weg der selbst die Ruferin an einen Punkt bringen würde, an dem weder Magie noch Heilkunst etwas bewirken können und ausschließlich die Götter entscheiden was mit ihr und ihrem Ungeborenen geschehen würde. Aber wer wäre sie diese Entscheidung anzuzweifeln? Wer wäre sie sich dem Willen der Götter entgegen zu stellen? Sollten die Götter es so wollen würde Assija dieses Kind bekommen und möglicherweise war die Menai genau deswegen hier. Um sie bei diesem Weg zu begleiten. Die Götter hätten sie kaum auf diese beschwerliche Reise geschickt, nur um dem Ende dieses jungen Lebens beizuwohnen. „Ich respektiere deine Entscheidung Assija…“ seufzte die Menai und richtete ihren Blick wieder zu ihren Gästen. „Du hast dich für einen gefährlichen Weg entschieden, aber wenn dies dein Wille ist, dann werde ich dich dabei begleiten.“ Sie setzte sich noch etwas aufrechter, denn sie brauchte nun jeden Atemzug den sie zusammenraufen konnte, um das weitere Vorgehen zu erläutern. „Also…“ begann sie und zog die Luft scharf ein. „Du brauchst viel Ruhe. Dein Körper muss so gestärkt wie nur möglich sein wenn du die Geburt unbeschadet überstehen willst. Du solltest viel liegen um dich nicht unnötig auszuzehren. Dazu brauchst du viel Trinken und gutes Essen. Ajun wird dich gewiss nach Kräften unterstützen und ich werde auch regelmäßig nach dir sehen. Wenn du Beschwerden hast dann lass mich rufen, selbst wenn es dir unwichtig erscheint. Das schlimmste wäre, wenn wir zu spät auf…“ die Menai schluckte und blickte die Drachenerbin ernst an bevor sie zögernd fortfuhr; „… Komplikationen reagieren“. Nun ruhte ihr Blick auf Ajun, welcher ähnlich mit der Entscheidung Assijas zu Ringen schien. „Und du… gönn ihr Ruhe. Belaste sie nicht unnötig. Keine Aufregung, keine erschütternden Offenbarungen oder ähnliches. Achte darauf, dass sie wenigstens ein bisschen Bewegung am Tag bekommt, dass viele liegen kann sonst zu Entzündungen führen. Mehr kann ich euch für den Anfang nicht mit auf den Weg geben“.

Die nächsten Wochen sollten ruhig werden und mit dem Abbau des Sklavenmarktes kehrte auch in Brisangen wieder Ruhe ein. Ohne die zwielichtigen Gestalten die ihre menschlichen Waren feilboten war Brisangen sogar ein ganz angenehmer Ort. Die fahrenden Händler brachten viele verschiedene Einflüsse mit sich und als Knotenpunkt für den Handel zwischen Ost und West konnte man allerhand seltene Waren begutachten unter denen selbst die Menai Dinge entdeckte, die sie zuvor nicht kannte. Vor allem wenn die Wirtsstuben ein paar Scheffel Gewürze aus ihrer Heimat erstanden, ging der Ruferin das Herz auf. In dieser Zeit zelebrierten die Bauern, Feldarbeiter und Knechte auch das Fest der letzten Saat. Ein großes Spektakel bei dem scheinbar ganz Brisangen zusammenkam und auf eine gute Ernte wie auch auf die erfolgreiche Aussaat anstieß. Dies war die erste Gelegenheit bei der selbst Sie ausgelassen mit den Nordländern feiern und sich amüsieren konnte. Jedoch mit dem bitteren Beigeschmack, dass ihr die bunten und fröhlichen Festivitäten ihrer Heimat fehlten, die sie stets so sehr genoss.
Unter der örtlichen Bevölkerung hatte Shaharií sich in den letzten Wochen einen akzeptablen Ruf erarbeitet und neben Assija und dem fahrenden Volk nahmen auch immer mehr andere ihre Fähigkeit in Anspruch, auch wenn man ihnen anmerkte das sie der dunkelhäutigen Menai weiterhin distanzierter gegenübertraten als es etwa die Drachenerbin tat. Besonders zu dieser hatte die Ruferin ein gutes Verhältnis aufgebaut. Die beiden Frauen verstanden sich ausgesprochen gut, was wohl auch daran lag, dass Shaharií und Ajun in dieser Zeit nur selten aufeinandertrafen und damit auch nur selten aneinander geraten konnten.

Der Sommer hielt Einzug, die Tage wurden länger und die Nächte milder. Von der Steppe her brachte der Wind warme trockene Luft aus der Wüste die regelmäßig von feuchten Briesen abgelöst wurde, die vom Meer her kam. Trafen die Winde am Gebirge aneinander kam es häufig zu kräftigen Unwettern die besonders in den letzten Tagen die ausgelaufenen Feldwege Brisanges in schwer passierbare Schlammstraßen verwandelten. An diesem Tag aber war die Sonne kräftig, der Boden trocknete und die aufsteigende Feuchtigkeit bescherte dem ganzen Dorf eine drückende Schwüle. Shaharií saß in ihrem Zelt, den Blick auf die eng beschriebenen Seiten des Buches gerichtet, das Ajun ihr übergeben hatte. Aus kleinen Kupferschüsseln die in dem Zelt positioniert waren, stiegen noch immer kleine Rauchschwaden des Räucherwerks auf. Die Rituale die das Buch beschrieb waren bekannt, die Abweichungen zu den alten Schriften aus ihrer Heimat warfen aber immer neue Fragen auf. Gerade als die Menai den Kopf in den Nacken legte und sich die Augen rieb, die vom Lesen Müde geworden waren, durchdrang die Stimme Assijas das kleine Zelt der Ruferin. „Shaharií? Bist du da?“ hallte es sanft, so leise das sie einen Moment brauchte um Assijas Stimme aus den Hintergrundgeräuschen vom Lager her abzuheben. „Komm herein, Assija…“ sie legte das Buch beiseite, rieb sich die Augen ein letztes Mal und erhob sich etwas schwerfällig aus dem hölzernen Stuhl. Sie mochte Stühle nicht einmal, war es in ihrer Heimat doch üblich auf dem Boden zu sitzen. Hier aber war der Boden selbst im angehenden Sommer noch zu kühl. „Bist du allein hier?“ hakte sie etwas verwundert nach, als sie bemerkte das Ajun der Drachenerbin nicht folgte. Die Sonne war fast vollständig untergegangen und Shaharií setze eine Strenge Mine auf als ihr gewahr wurde, dass die Drachenerbin sich trotz ihrer Umstände allein auf den sowohl anstrengenden wie auch gefährlichen Weg gemacht hatte. „Du solltest dich doch schonen! Und die Straßen sind kein sicherer Ort für dich, nicht in diesem Zustand…“ sie wischte sich einige weiße Strähnen aus dem Gesicht und sah ihren Gast gleichermaßen ernst wie auch besorgt an. „Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht in diesem Zimmer sein…“ erklärte Assija. Es war der jungen Drachenerbin anzusehen dass dieser Zustand ihr nicht behagte. Wem behagte solch ein Umstand schon? Der eigene Leib entkräftet, eingepfercht in einem Zimmer und das über Wochen. Als ihr letzter Leib älter geworden war, als sie Grau und kraftlos wurde, ging es ihr ähnlich. Es war furchtbar, bedrückend, geradezu demütigend wenn der eigene Zustand es einem nicht mehr erlaubte zu tun und zu lassen was man wollte. Während dieser Gedanken war die Drachenerbin bereits fortgefahren und mit jedem Wort wurde ihre Stimme zittriger und klagender. Mit einem kaum sichtbaren Kopfschütteln rief Shaharií sich zur Konzentration und blickte Assija geduldig wartend an. Hier und dort hätte sie gerne etwas eingeworfen. Die Drachenerbin unterbrochen, ihr Mut zugesprochen oder einfach versucht sie ein wenig zu trösten. Doch jedes Mal wenn sie die Luft einsog um einen Satz zu formen, fuhr Assija fort ohne zu bemerken wie sie von einem Thema zum nächsten gelangte ohne auch nur eine Pause zum Atmen einzulegen. „Ich war damals so verliebt in ihn. Ich bin es heute noch. Bevor ich ihn traf, hätte ich niemals für möglich gehalten, dass es einen Mann geben könnte, der mit meinen Leiden und Gebrechen so unbekümmert umgehen könnte, wie Ajun es tat. Ich kann mir schon vorstellen, dass ihr alle, die ihr über seine dämonische Gestalt Bescheid wisst… du, meine Schwester, dein Bruder… entsetzt seid. Oder euch fragt, ob ich noch alle meine Sinne beisammen habe… Die kleine, zarte Drachenerbin, und dieser große Dämon… Aber es macht mir wirklich nichts aus, ich habe meine Furcht längst verloren. Ich glaube ich könnte mich nicht einmal vor ihm fürchten, wenn er es drauf anlegte. Als ich ihn kennenlernte, und er mir seine dämonische Gestalt zum ersten Mal offenbart hatte, da hatte ich ganz entsetzliche Angst und Abscheu vor ihm. Dann lernte ich ihn wirklich kennen, lernte, in sein Herz zu schauen. Ich erkannte, dass dies nur eine äußerliche Hülle ist. Es ist das Innere, das zählt, nicht das Äußerliche. Er ist in menschlicher Gestalt ebenso gut oder böse, wie in seiner dämonischen. Einzig alleine seine Drachengestalt ist anders... Niemand kennt ihn so gut wie ich ihn kenne. Ich weiß, er hat schreckliche Dinge getan. Ich weiß, er hat seine furchtbaren Seiten. Aber er hat auch seine guten Seiten. Er hat ein gutes, wie auch ein schlechtes Herz. Doch für mich zählt nur das Gute. Und er war immer freundlich zu mir und bemüht. Er hat mir das Leben gerettet. Durch ihn habe ich Selbstbewusstsein erfahren, und auch er kennt mich so gut wie niemand sonst. Ich glaube, nicht einmal meine Schwester vermag es mich so zu verstehen, wie er es tut…“ beendete sie schließlich nach einigen Minuten und holte vermeintlich zum ersten Mal nachdem sie das Zelt betreten hatte wieder Luft. Shaharií hatte sich hockend vor ihr Positioniert und Hing mit ihrem Blick an den Lippen der Drachenerbin. Als diese sich etwas beruhigt hatte, lächelte die Ruferin ihr auf ihre eigene Weise mit geschlossenen Lippen entgegen und legte den Kopf schief. „Mach dich nicht verrückt, Assija. Soll ich dir etwas verraten?“ die Frage war rhetorischer Natur und Shaharií fuhr fort bevor die Drachenerbin reagieren konnte; „Es ist normal was du sagst und wie es dir geht. Ich habe schon viele werdende Mütter gesehen, manche in deinem Alter, manche jünger und manche älter. Keine von Ihnen weiß was auf sie zukommt und fast alle kommen an den Punkt an dem sie sich wünschen das sie nie das Lager mit einem Mann geteilt hätten. Wenn sie ihr Kind aber zum ersten Mal im Arm halten, dann scheinen all die Strapazen vergessen. Ich beneide sie ein wenig darum, genauso wie ich dich darum beneide. Mein Körper…“ sie senkte den Blick etwas und erhob sich darauf hin. „Ist nicht in der Lage ein Kind zu empfangen. Ich werde wohl nie erfahren wie es ist ein Leben in diese Welt zu setzen, aber umso glücklicher macht es mich, denen auf ihrem Weg zu helfen die es können. Es ist ein Geschenk der Götter, ganz gleich was andere von eurer Verbindung denken. Das Schicksal hat euch zusammengeführt und daran ist nichts Schlechtes. Es ist nur noch eine Frage von Wochen bis du das schlimmste überstanden hast und euer Kind zum ersten Mal im Arm halten wirst. Und wenn es soweit ist, wirst du den beschwerlichen Weg schon wieder vergessen haben“. Die Menai bedauerte es, dass sie Assija nicht etwas mehr von ihren Lasten nehmen konnte. Im Gegensatz zu den meisten werdenden Müttern war die junge Drachenerbin fernab ihrer Heimat, in einem kleinen Zimmer in irgendeinem Gasthaus. Keine Familie die sie umsorgte noch eine behagliche Umgebung. Nur Ajun und sie. „Was deine Schwester denkt vermag ich nicht zu beurteilen und um meinen Bruder musst du dir keine Gedanken machen. Sein Leben war von Hass und dem Wunsch nach Rache erfüllt. Zerfressen hat es ihn. Nichts was Ajun betraf hätte für ihn jemals gut oder vernünftig sein können. Es ist besser für ihn, dass er nun seinen Frieden gefunden hat“. Mit diesen Worten stemmte sie die Hände in die Hüften und streckte den Rücken durch, der ihr etwas schmerzte von der anhaltenden hockenden Position. „Und was mich betrifft… ich verstehe dass du deine Furcht verloren hast. Als ich ihn vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal in seiner Dämonischen Gestalt gesehen habe, da habe auch ich mich vor ihm gefürchtet. Ich hielt ihn für ein Monster, einen Mörder, ein Untier.“ Erklärte Shaharií zurückhaltend. „Doch inzwischen sehe ich ihn anders. Er mag hochgewachsen sein und er hat viel Übung darin grimmig drein zu blicken, doch letztlich ist er auch nur ein Mann mit Wünschen, Träumen und Ängsten. Und wie alles andere auch hat auch er seine zwei Seiten. Der einzige Unterschied zu den meisten anderen ist, dass diese beiden Seiten in ihm verkörpert sind während die meisten Menschen zwei Seiten unter einem Gesicht tragen. Wichtig ist, dass du mit ihm glücklich bist. Aber sag… Wie habt ihr euch kennen gelernt?“.

Unterdessen hatte die Ruferin eine kleine verzierte Teeschale gefüllt, die sie der Drachenerbin entgegenreichte. Assija nahm den dampfenden Tee dankbar nickend entgegen und setzte sich damit sogleich auf die zahlreichen Sitzkissen die rund herum um die Bettstatt verteilt lagen, als hätte sie nur darauf gewartet sich endlich setzen zu können. Dann begann sie andächtig mit ihren Erzählungen. Sie berichtete davon wie sie entführt wurde, verschleppt zum geheimen Zirkus. Shaharií hatte von dem geheimen Zirkus gehört, zumindest in Geschichten. Nie hatte sie jemanden getroffen der Berichten konnte, dass es dieses lebensverachtende Spektakel wirklich gab und umso verstörender empfand sie es, dass die junge Drachenerbin diesem Mythos selbst in die Hände gefallen war. Als Assija berichtete dass der Dämon sie nach ihrer Befreiung zu seinem Eigentum erklärt hatte, huschte der Menai ein bitteres Lächeln über die Lippen. Er hatte sie vor einigen Wochen sein Eigentum genannt, als er Shaharií in ihrem Zelt aufgesucht hatte. Vielleicht hätte er seine Wortwahl besser bedacht, hätte er damals gewusst wie die Drachenerbin seinen Weg leiten sollte. Schließlich erklärte sie wie sie dem Dämon seinen Namen gab. Verbunden mit den Gefühlen die er für Assija hegte, wirkte es plötzlich gar nicht mehr so verwunderlich wie empfindlich er reagierte, als sie diesen Namen für ihn verwendete. Ohne Unterlass fuhr die werdende Mutter in ihrem Erzählstrom fort und offenbarte damit auch, woher Ajun das Buch hatte, welches nun hier in ihrem Zelt lag. Er hatte es gestohlen, denn gegeben hätte man es ihm sicherlich nicht. Vermutlich hätte ein vagabundierender Hüne wie er es war nicht einmal Zugang zu den Bereichen bekommen, in denen derart alte Schriften aufbewahrt wurden. „…Weißt du Shaharií, ich finde, es gibt Dinge, die man geschehen lassen muss, auch wenn man weiß, dass sie sich gegen einen wenden. Ich weiß, dass Ajun mich liebt, und mich niemals opfern wird. Er wird mich nicht dazu verwenden, seinen großen Traum zu verwirklichen. Einerseits macht es mich glücklich, aber auf der anderen Seite wieder unsagbar traurig. Früher oder später werde ich sterben. Vielleicht ist mir ein kurzes, oder aber ein langes Leben beschieden, vielleicht aber sterbe ich schon vor oder nach der Geburt. Obwohl ich eigentlich recht zuversichtlich bin, dass wir es schaffen. Seit ich dich habe, fühle ich mich deutlich besser und stärker. Zwar liege ich nur faul im Bett herum, was mich etwas melancholisch macht, aber ich habe kaum mehr Beschwerden. Ich glaube, ich kann dieses Kind zur Welt bringen, und keiner muss sein Leben lassen. Auch das werde ich geschehen lassen, auch wenn ich weiß, dass es sich gegen mich wenden kann. Ich verrate dir ein Geheimnis, Shahariì. Würde es einen Weg geben, diese Drachenlegende wahr werden zu lassen, ich würde alles dafür tun. Ich will, dass Ajun glücklich ist, um nichts anderes geht es mir. Ich würde alles dafür geben. Mein Leben, das Leben meines Kindes, mein Herz, meine Seele, mein Blut… Früher hätte ich all das gegeben, um diesen unsagbar schwachen Körper loszuwerden. Wie gerne wäre ich wie alle anderen. Ganz normal. Ohne diese Krampanfälle, ohne Schwächeanfälle, oder das Unvermögen, ein normales Leben zu führen, drei Stunden zu laufen, ohne sieben Pausen zu benötigen… Ich weiß, dass das niemals geschehen kann. Ich bin in diesen schwachen Körper hineingeboren und ich werde in diesem schwachen Körper sterben.“ Mit diesen Worten atmete Assija tief durch und nahm einen weiteren Schluck von dem Tee, von welchem inzwischen keine Dampfwogen mehr empor stiegen. Ihr Blick wanderte von der Tasse zu Shaharií wo er schließlich hängen blieb. „Assija…“ Shaharií seufzte und haftete ihren Blick auf die leuchtenden Augen der Drachenerbin; „… Wir sind an unser Schicksal gebunden, aber wie unser Schicksal uns zu verändern vermag so vermögen wir auch unser Schicksal zu verändern. Nichts von dem was geschieht ist in Stein gemeißelt. Wir lassen es erst zu Stein werden in dem wir uns entscheiden nichts zu tun. Glaubst du Ajuns Traum wäre erfüllt wenn du stirbst und er zu einem wahren Drachen würde? Zum ersten Mal in seinem Leben scheint er etwas anderes als diesen Wunsch zu haben das ihn antreibt. Und früher oder später wird er erkennen, dass ein Leben als Drache ihn nie so erfüllen wird wie ein Leben mit dir. Zum ersten Mal sorgt er sich um etwas anderes als seinen Traum. Um dich.“ sie warf Assija ein warmes Lächeln zu und diese erwiderte es sogleich. „Du bist mir sehr ans Herz gewachsen, die letzten Wochen, Shahaarií. Ich hatte, von Ajun einmal abgesehen, seit sehr langer Zeit niemanden, den ich als meinen Freund bezeichnet hätte. Aber bei dir ist das anders. Ich bin froh, dass wir dich getroffen haben. Und damit meine ich nicht, weil du mir mit dem Kind hilfst.“ Shaharií nickte zustimmend. Auch sie hatte die Drachenerbin ein wenig in ihr Herz geschlossen, waren doch etliche Jahre vergangen in denen sie zu niemandem mehr solch engen Kontakt gehegt hatte. Jahre die man ihrem Alter nicht einmal ansehen konnte. Daraufhin legte Assija ihren Wollmantel ab, war die schwüle Wärme in dem kleinen Zelt schier unangenehm und offenbarte dabei einige narbenähnliche Verzierungen auf ihren Armen. Waren das die Drachenmale mit denen die Drachenerbin gezeichnet sein sollte? Die Menai hatte von diesen Malen gelesen, sie aber nie an Assija bemerkt. Sie setzte bereits zur Frage an, da begann Assija bereits zu erklären „Es sind keine Drachenmale. Es sind Skarifizierungen. Mein einst guter Freund Ardan hat sie mir ins Fleisch geritzt. Er sagte, es sind schamanische Symbole, wie sie die Schamanen der Steppenreiter benutzen. Es sollte meinen Körper stärken, doch außer, dass ich davon in Ohnmacht fiel vor Schmerzen, ist nichts weiter passiert. Ajun meinte, sie seien nicht vollendet. Am Tage unserer Begegnung vollendete er mit einem Messer eine dieser Runen. Aber auch das hat nichts gebracht. Denkst du, es ist Unsinn? Ist dir ein Zauber bekannt, der den Körper stärken kann? Vielleicht muss ich meinen gesamten Körper verunstalten lassen, damit es seine Wirkung entfalten kann…“. Shaharií rückte etwas näher an Assija heran und fuhr vorsichtig mit ihrem Zeigefinger über die hervorstehenden Male auf der Haut der Drachenerbin. „Unfug…“ sagte sie halblaut. „Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Symbole, Runen und Rituale die Magie in sich tragen würden. In Wahrheit geht die Magie immer von ihrem Anwender aus. Alles Weitere dient nur als Schlüssel. Zur Kanalisierung wenn man so will. Du sehnst dich danach der Schwäche zu entfliehen, in die du hinein geboren wurdest, nicht wahr?“ hakte die Menai andächtig nach und zog ihre Hand von den Malen. „Hat Ajun dir erzählt was ich bin? Hat er dir gesagt, dass ich damals dort war als er mein Dorf zerstört hat? Dreiundfünfzig Jahre ist es bereits her. Und trotzdem habe ich Zeit und Tod getrotzt. Ich bin weder eine Elfin noch ein Dämon und dennoch vermag die Zeit alleine mich nicht zu bezwingen. Wie ich dir gesagt habe, wir sind unserem Schicksal nicht unterworfen. Wir formen es wie es uns formt und die Götter gaben mir eine Macht mit der ich das Schicksal nach meinen Wünschen zu verbiegen vermag. Wenn es dein Wunsch ist…“ der Blick der Menai wurde düsterer und ihre leuchtenden braungrünen Augen wurden von einem tiefen Schatten unterlegt; „… befreie ich dich von der Schwäche mit der du geboren wurdest. Ich kann dir dieses gebrechen nehmen, wenn du bereit bist den Preis dafür zu zahlen. Hier schau…“ sie streckte der Drachenerbin ihren linken Arm entgegen und fuhr die aufwändigen, blutroten Tätowierungen ab, mit denen er verziert war. „Diese Zeichen stärken meinen Körper. Sie haben den Tod, die Zeit und das Schicksal bezwungen. Mit etwas ähnlichem könnte ich dir deine Gebrechen nehmen. Aber der Zauber ist komplex und er muss regelmäßig wiederholt werden. Aber gewiss wäre es für dich einfacher als dir in deinen ganzen Leib nutzlose Runen schneiden zu lassen. Was wärst du bereit zu geben um deine Leiden hinter dir zu lassen?“ lächelte sie Assija entgegen, ihre Stimme melodisch wie eh und je.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 06. Sep 2015 23:00

Bildine lähmende Trägheit hatte den schwarzen Drachen ergriffen. Es war ein schleichender Prozess gewesen, welcher begonnen hatte, als sie Brisangen erreicht hatten. Hätte der Dämon geahnt, dass sie hier Tage um Wochen zubringen würden, hätte er wohl niemals einen Fuß in dieses Kaff gesetzt. Alles hatte damit angefangen, als sie dieser selbstgefälligen Menai über den Weg gelaufen waren, welche jedes seiner Worte so geschickt in ihrem Munde verdrehen konnte, dass alles, was er sagte, von ihr zum Gegenteiligen werden konnte. Und der Drache hasste sie dafür. Assija schien diese verfluchte Hexe lieb gewonnen zu haben, was dem schwarzen Drachen noch viel weniger schmeckte und schon mehr als nur einmal hatte er sich bei dem Gedanken ertappt, wie es wohl sein würde, wenn er einfach seine Hände um den dürren Hals dieser Hexe legen, und so lange zudrücken würde, bis dieses widerliche und selbstgefällige Grinsen endlich aus ihrem abstoßenden, schwarzen Gesicht gewichen sein würde.

Assija besuchte die Menai oft. Und je öfter sie zu ihr ging, desto weniger begleitete er Assija, da er die Gegenwart dieser Frau immer weniger ertrug. Ihre mahnenden Worte. Ihre sanftmütigen Worte, welche sie wie eine Maske trug. Sie kleidete sich regelrecht in salbungsvolle Worte, welche nur den Hohn und die Geringschätzung seines Wesens kaschierte. Er konnte es in ihren Augen sehen und der unscheinbare Klang ihrer Stimme, wenn sie ihn belehrte und dabei versuchte es als gut gemeinten Rat zu tarnen. Der Drache kannte ihre wahren Gedanken und ihre gespaltene Zunge vermochte ihn nicht zu täuschen. Sie war eine Menai. Und die Menai sind ein stolzes Volk. Sie waren alle gleich. Nichts wert. Lügner und Heuchler! Noch viel mehr als das. Sie war eine von jenen aus den vergangenen Tagen seiner Gefangenschaft und wusste von Dingen die nur wenige dieser Tage wissen konnten. Und doch führte sie ihm lediglich seine Taten vor Augen, als ob die Schuld ganz allein bei ihm gelegen hätte. Die Taten ihres Volkes schien auch sie, wie ihr verblendeter Bruder und dessen Vater vor ihm, in keinster Weise zu hinterfragen. Zweifellos führte sie etwas im Schilde und der Drache würde sich hüten zu ihrer Marionette zu werden, selbst wenn dies bedeuten würde, dass seine Suche nach der Macht der Drachen wieder von Neuem beginnen würde. Er würde sich nicht beugen. Und er würde ihr kein Recht auf Rache gewähren, sollte ihr danach verlangen.

Und so vergingen die Tage, in welchen der Drache in seinem Groll einherging. Wie lange schon war es her, dass er länger als einen ganzen Mond unter Menschen hatte verweilen können, ohne dass sein Blut zu kochen begann? Wenn der Dämon sich ehrlich war, dann war dies in den letzten fünfzig Jahren nicht einmal geschehen. Seit er Menainon verlassen hatte, hatte er die Gesellschaft von Menschen oder Elfen nicht länger als die Spanne eines vollen Mondzyklus ertragen. Entweder der verfluchte Dämonenjäger war irgendwann aufgetaucht, oder abergläubisches Bauernvolk hatten seine wahre Natur erkannt. Natürlich war es auch vorgekommen, dass das brodelnde Blut in seinen Adern und das begierige Wispern seines zweiten Gesichtes, welches tagein, tagaus, wenn er nichts anderes zu tun hatte, als sich im Alltag der Menschen zu ergeben, lauter und lauter geworden war, ihn irgendwann dazu getrieben hatte, seinen Frust und seine Wut an den Menschen auszulassen. Und nun näherte sich bereits der zweite Vollmond. In den letzten Nächten hatte der Drache regelrecht beobachten können, wie er immer voller geworden war. Wäre nicht Assija gewesen, hätte Brisangen wohl längst dasselbe Schicksal ereilt, wie so manches Dorf in der Vergangenheit. Nichts als Asche, Staub und Ruß hatte der schwarze Drache zurückgelassen, wenn das zweite Gesicht von ihm Besitz ergriffen hatte. Und nun saß der Dämon alleine auf einer Bank. Menschen gingen an ihm vorüber und schenkten ihm keinerlei Beachtung. Nicht dass er sich ihre Beachtung gewünscht hätte. Aber dennoch wünschte er beinahe jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind, welches an ihm vorüberging, einen schmerzhaften und quälenden Tod. Es war die eigene Unzufriedenheit auf das Nichtstun, zu dem er verdammt worden war, seit sie Brisangen erreicht hatten, welche er auf die Menschen in seiner nahen Umgebung übertrug. Der schwarze Drache selbst wusste es nicht besser. Er wusste, dass etwas geschehen würde. Doch weder wann, noch wie. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wut in ihm keinen Platz mehr finden würde, um aufgestaut zu werden. Ein kleines Mädchen, welches lachend einem hölzernen Reifen hinterher rannte, riss den Dämon aus seinen finsteren Gedanken, die er alleine auf der Bank ausbrütete. Der Reifen prallte gegen sein linkes Bein und kam sofort zum Erliegen. »Entschuldige Onkel.«, meinte das Mädchen nur, doch zeigte ihr Gesicht kein Anzeichen von ehrlicher Reue. Sie lächelte nur und die beiden, geflochtenen Zöpfe, welche ihr rechts und links vom Gesicht herunter hingen, verstärken noch den Eindruck eines Kindes, dass viel mehr Reue dafür empfand, dass der Reifen nicht mehr rollte, als dass sie den einsamen Mann auf der Bank belästigt hatte. Der schwarze Drache verengte seine Augen zu zwei bedrohlichen Schlitzen und verzog dabei den Mundwinkel zu einer abfälligen Grimasse. »Verschwinde gefälligst.«, zischte er und wie von selbst krallten sich seine Hände in das Holz der Bank. Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Mädchens und es hob den Reifen vom Boden auf, gab ihm einen Schubs und sah ihm nach, wie er wieder die Straße entlang rollte. Bevor es dem Reifen nacheilte, warf sie dem Dämon einen verwunderten, aber auch eingeschüchterten Blick zu. »Immerhin kannst du noch kleine Kinder erschrecken.« Die verzerrte und leise Stimme von tausenden flüsternden Stimmen hallte in den Ohren des Dämonen wieder. In der Stimme lag eine zynische Herausforderung welche den Drachen bis aufs Blut reizte. »Ach, sei bloß still, du nutzlose Made.«, murmelte der Drache und ertappte sich dabei, wie er wieder an den Narben an seinem Hinterkopf zu kratzen begann. Eine alte Frau starrte den Drachen, ob seiner ungehaltenen Worte erbost an und eilte dann, den Kopf schüttelnd, die Straße herunter. Es kümmerte ihn nicht. In letzter Zeit kratzte er sich häufiger. Dies bezeugten auch die frischen, kaum verheilten und verkrusteten Narben, auf jenen, uralten Narben des zweiten Gesichtes. »Du kannst dich nicht ewig hier verkriechen, wie eine feige, fette Ratte.«, zischten die flüsternden Stimmen wie eine zugleich. »Irgendwann wird deine Wachsamkeit schwinden. Irgendwann wirst du richtig schlafen. Und dann ist meine Zeit gekommen.« Der Drache begann kräftiger zu kratzen und biss die Zähne fest zusammen. »Wie lange ist es her, seit du das letzte Mal richtig geschlafen hattest? Zehn Tage?« Der Drache gab keine Antwort. Er wusste genauso, wie sein zweites Ich, dass es viel mehr als nur zehn Tage waren. Das zweite Gesicht schwieg. Es lachte nur. Gehässig. Gemein. Und es gab nichts, was der schwarze Drache dagegen tun konnte, dass es endlich damit aufhören würde um für immer zu schweigen. Nichts, bis auf eines…

Eines Morgens erwachte der schwarze Drache aus seinem Dämmerschlaf, in welchem er die letzten Wochen immer wieder zubrachte. Er fühlte sich ausgebrannt, als ob das Feuer in seiner Seele erloschen war. Vermutlich sah man es ihm auch an. Er richtete sich in dem Bett auf und starrte auf die kleine Drachenerbin, die dort neben ihm lag. Ihre Brust hob und senkte sich im rhythmischen Einklang mit ihrem Atem. Eine Weile sah er ihr nachdenklich zu, während seine Hand sich auf ihren Bauch legte, welcher bereits hart wie eine geballte Faust war und so gar nichts mehr von dem weichen Bauch einer Frau hatte. Und doch fand er das Gefühl in seinen Händen auf eine gewisse Weise beruhigend. Fast so, als würde Assija seine Hand auf seinen Arm legen, wenn er drohte die Selbstbeherrschung zu verlieren. Doch schließlich zog er die Hand zurück und schüttelte den Kopf. Er stand auf und schlenderte gemächlich zu der kleinen Waschschüssel, die nahe am Fenster stand, und ließ seine Hände in das eiskalte Wasser gleiten. Ohne weitere Umschweife warf er sich einen Schwall Wasser ins Gesicht und fuhr sich dann mit den Fingern über die Haut und durch die Haare. Als Assija schließlich erwachte schenkte er ihr ein müdes Lächeln. »Gehst du heute wieder zu dieser Menai?«, fragte er in einem gelangweilten Ton der keinerlei Anzeichen davon bemerken ließ, wie er wohl darüber dachte. Und als er seine Antwort hatte, da nickte er nur. »Gut. Ich werde dich heute nicht begleiten.« Er verschränkte die Arme über der Brust, um jedwelche Fragen oder dergleichen abzuschmettern. »Ich ertrage die Menschen in dieser Stadt nicht länger, Sija. Wenn ich nicht gehe, werde ich sie alle …« Er schwieg. Sie wusste, was er dann machen würde. Früher oder später kam einfach der Punkt, an dem er eine Entscheidung zu fällen hatte. In den vergangenen Jahren wurde ihm diese Entscheidung beinahe jedes Mal von dem Dämonenjäger abgenommen. Verweilte er zu lange an einem Ort, hatte er ihn früher oder später aufgespürt. Der innere und brennende Drang seiner wahren Selbst hatte nur sehr selten aus ihm hervorbrechen können, um ein Dorf in Schutt und Asche zu legen, wenn er diesem überdrüssig geworden war. Oft gab es nur die Wahl zwischen dem Kampf und der Flucht. Und oft hatte der Dämon einfach keine Lust gehabt, sich mit dem Dämonenjäger auf einen Kampf einzulassen.

Doch Asìí war geschlagen. Er hatte seine Hand und seinen Stolz eingebüßt. Und nur Assija war es zu verdanken, dass er sein Leben hatte behalten dürfen. Doch nun würde er ihm nicht in einer hohlen und finsteren Gasse auflauern. Er würde keine Fallen stellen und keine Elfenmagier würden versuchen seines Blutes habhaft zu werden. Er war auf sich allein gestellt. Assija konnte ihm hierbei nicht helfen. Früher oder später wurde die Macht seines Blutes einfach übermächtig. Er musste gehen. Nicht um der Menschen willen, die in diesem trostlosen Ort hoch im Norden lebten. Diese Maden waren ihm völlig gleichgültig. Ob sie lebten oder in seinem Feuer vergingen, ihm war es einerlei. Doch um Assijas Willen gab es keinen anderen Weg. Er erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre, als das zweite Gesicht die Kontrolle über seine wahre Gestalt an sich gerissen hatte und Assija beinahe getötet hätte. »Sieh mich nicht so an.«, murrte der Dämon nur und verzog mürrisch seinen Mundwinkel. »Du schaust ja so, als ob ich niemals wiederkommen würde.« Er löste die Verschränkung seiner Arme und schloss stattdessen Assija in seine Arme. »Mache dir keine unnötigen Sorgen.« Er lächelte schief. Er kannte seine kleine Drachenerbin. Obwohl er ein Dämon des Feuers war, welchem kaum ein Geschöpf in diesen trostlosen Landen auch nur annähernd gewachsen war, sorgte sie sich um ihn. Auf eine gewisse Weise fand er Assijas Sorge sogar erheiternd. Doch der Groll und die aufgestaute Wut in seinem Geist wischten diesen kleinen Funken der Erheiterung schnell wieder beiseite. »Geh zu dieser…« Hexe. Hure. Negerin. Schwarzen Teuflin. »Shaharií. Und wenn du etwas brauchst, sage dem Wirt, dass er es dir geben soll, oder ich brenne seinen Saustall bis auf die Grundmauern nieder.« Er lächelte nicht. Nicht einmal ein schalkhaftes Grinsen. Stattdessen schob er Assija von sich fort, während er seine Hände auf ihre Schultern legte. »Es wird nicht lange dauern. Zwei, höchstens drei Tage.« Und bevor sie noch weiter aufbegehren konnte, drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn und kehrte ihr den Rücken zu.

Ohne sich noch einmal umzusehen, hatte er den Raum verlassen und fand sich wenig später auf den lehmigen Straßen Brisangens wieder. Forschen Schrittes stapfte er die Straße entlang, und hielt den Blick stets auf den Stadtrand gerichtet. Menschen, Wagen und Vieh, welches seinen Weg kreuzte würdigte er keines einzigen Blickes. Es war beinahe, als ob da ein Mann durch die Straßen schritt, der für nichts und niemanden ein Auge übrig hatte. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass er irgendwann, auf einer sehr belebten Kreuzung, mit einem beleibten Mann zusammenstieß. Der Mann trug ein edles Gewand und an jedem seiner wulstigen Finger mindestens einen Ring. An manchen sogar mehrere. Er wirkte an diesem Ort so fehl am Platz, wie poliertes Silberbesteck in einer Bauernstube oder vergoldete Becher in einer Wachstube. Er gehörte einfach nicht hier her. Der Drache geriet für einen Moment ins Taumeln und verlor sogar den Blick auf den Horizont aus den Augen, während der korpulente Mann zu Boden stürzte. »Ihr rüpelhafter Flegel!«, zeterte der Mann, während zwei Männer, welche offensichtliche Sklaven waren, bereits im Begriff waren ihm aufzuhelfen. Der Drache schwieg. Er starrte nur auf den fetten Kerl, der sich wie ein Käfer auf dem Rücken wälzte und es, mit seiner Unbeholfenheit, seinen Helfern umso schwerer machte, ihm auf die Beine zu helfen. »So helft mir gefälligst auf!« Der Dämon war sich nicht sicher, ob er seine Diener oder gar ihn gemeint haben könnte, doch da niemand reagierte, schnalzte der Dämon nur abfällig mit der Zunge. »Sieh dich an. Wie eine fette Made im Speck suhlst du dich im Dreck. Unfähig mit deiner eigenen Manneskraft wieder auf die Beine zu kommen, brauchst du zwei Eunuchen, die dir auf die Beine helfen. Was für ein jämmerlicher Schatten von einem Mann du doch bist.« Der schwarze Drache sog tief die Luft ein und spuckte dem Mann verächtlich vor die Füße. »Wie könnt ihr es wagen!«, brüllte der Mann und fuchtelte dabei mit seinen beringten Fingern in der Luft herum. »Ihr wisst wohl nicht, wer ich bin?« Der Dämon wandte sich nun doch noch einmal zu dem Mann um und zuckte dabei mit den Schultern. »Und es kümmert mich auch nicht im geringsten. Abschaum!« Das letzte Wort zischte er beinahe einer Schlange gleich hervor.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Assija
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Mo, 07. Sep 2015 23:22

Bildls Sija erwachte, und sie die Augen öffnete, fiel ihr Blick sogleich auf den Drachen, und sie lächelte, wie sie dies stets tat, wenn sich ihre Blicke mit den seinen kreuzten. „Guten Morgen, Ajun…“ sagte sie leise. Der Drache erwiderte das Lächeln, doch es war ein ausdrucksloses Lächeln. Sie wagte nicht, ihm dies zu sagen, doch in den letzten Wochen hatte er sich zusehends verändert. Er wirkte müde, abgeschlagen und seine Augen waren beizeiten wie tot und seelenlos. In ihnen loderte nicht mehr dieses Feuer, welches ihnen stets innegewohnt hatte. Nicht so Assija. Unter der sorgfältigen Obhut von Shaharií gedieh sie wieder, wie eine Wüstenblume unter dem sehnlichst erwarteten Regen. Sie hatte wieder Appetit bekommen, und aß entsprechend, und ihr ausgezehrter Körper war von sanften, weiblichen Rundungen wie aufgepolstert, was ihrer eigenwilligen Schönheit gut zu Gesicht stand. Auch die Melancholie verging, da sie mit der Menai stets viel und ausgiebig plauderte, ein Umstand, der wie eine heilsame Seelentherapie auf die kleine Drachenerbin wirkte. Als Assija ihm in die Augen blickte, erkannte sie, dass dieser Tag anders war, als die vergangenen. Es würde etwas passieren, das spürte sie. „Gehst du heute wieder zu dieser Menai?“ fragte er sie, und beinahe witterte sie Argwohn in seiner Frage, wusste sie doch, dass er nichts für die Menai übrig hatte. „Ich hatte es vor, Ajun... Sie versteht ihr Handwerk und es… es tut mir gut…“ antwortete sie wahrheitsgemäß, aber zögerlich. Doch der Drache nickte nur und erwiderte „Gut. Ich werde dich heute nicht begleiten“, was bei der kleinen Drachenerbin eine leichte Verwunderung hervorrief und dementsprechend fragend blickte sie ihn an, doch als der Drache seine Arme vor der Brust verschränkte, war dies seine stumme Antwort, dass er keine Fragen diesbezüglich duldete. Als sie ihn weiterhin fragend, und dann bittend ansah gewann sie diesen kleinen, stummen Machtkampf. „Ich ertrage die Menschen in dieser Stadt nicht länger, Sija. Wenn ich nicht gehe, werde ich sie alle …“ er unterbrach sich, doch es war gar nicht nötig, weiterzusprechen. Sie verstand ihn. Mit einem sachten Nicken senkte sie den Kopf. „Ich weiß, Ajun…“ hauchte sie. Sie wusste, dass er gehen musste. Dass er dem Dämon in ihm nachgeben musste, da er sonst drohte, die Kontrolle über sich zu verlieren. Erst nach diesen Worten war ihr so richtig klar, was es war, das ihn so seelenlos aussehen ließ. Doch es war nicht leicht, ihn gehen zu lassen, nicht in ihrem Zustand, in dem sie sich befand, in dem sie ihn so dringend brauchte, wie nichts sonst auf der Welt. Als sie ihren Kopf wieder hob und ihn traurig aus ihren großen, goldenen Augen ansah, da verzog er die Miene. „Sieh mich nicht so an. Du schaust ja so, als ob ich niemals wiederkommen würde.“ Da musste die kleine Drachenerbin lächeln, und er schloss sie in seine Arme. Assija schmiegte sich an ihn und erwiderte „Ich weiß ja, dass du immer zu mir zurückkommen wirst, aber ich sorge mich eben um dich und um dein Wohlergehen, Ajun…“ gestand sie ihm. „Mache dir keine unnötigen Sorgen. Geh zu dieser… Shaharií. Und wenn du etwas brauchst, sage dem Wirt, dass er es dir geben soll, oder ich brenne seinen Saustall bis auf die Grundmauern nieder.“ Nun war es an Assija, schief zu lächeln. „Du weißt, dass ich ihm das niemals sagen würde. Ich werde zu Shaharií gehen, und danach hier bleiben, und warten, bis du wieder kommst.“ „Es wird nicht lange dauern. Zwei, höchstens drei Tage“ beschwichtigte der Drache sie, während er sie von sich wegschob. Assija wollte schon etwas entgegnen, doch sie schwieg, als er seine Lippen auf ihre Stirn drückte. Dann wandte er sich ab und ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Zwei, drei Tage… Eine unvorstellbar lange Zeit für die kleine Drachenerbin, die niemals länger als wenige Stunden ohne den Drachen verbracht hatte. Sie seufzte mutlos und blickte sich in ihrem Zimmer um. Doch hier gab es nichts, womit sie sich die Zeit vertreiben konnte, und so beschloss sie, hinüber zum wandernden Volk zu gehen, um die Menai aufzusuchen.

Und nun saß sie bei der Heilerin im Zelt, schüttete ihr Herz aus, und trank Tee. Shaharií offenbarte ihr, dass ihr Körper nicht in der Lage sei, ein Kind zu empfangen. Assija empfand Mitleid darüber. „Oh, Shaharií, das tut mir leid…“ sagte sie betroffen. „Gibt es denn gar nichts, was du tun könntest? Du bist doch einen Heilerin…?“ Die Menai beschwichtigte sie weiters, dass sie nichts Schlechtes an der Verbindung von Ajun und Assija fand. „Was deine Schwester denkt vermag ich nicht zu beurteilen.“ An dieser Stelle errötete die kleine Drachenerbin und unterbrach die Menai. „Oh, was Amandela wirklich denkt, möchte ich auch nicht wissen. Sie hat uns gesehen, als wir… ich und Ajun… und Ajun in seiner dämonischen Gestalt… also während wir…“ stotterte sie, sprach es jedoch nicht aus. Das war auch nicht nötig, denn sie hielt die Menai für intelligent und gewitzt genug, um zu wissen, was Assija nicht auszusprechen vermochte. „Um meinen Bruder musst du dir keine Gedanken machen. Sein Leben war von Hass und dem Wunsch nach Rache erfüllt. Zerfressen hat es ihn. Nichts was Ajun betraf hätte für ihn jemals gut oder vernünftig sein können. Es ist besser für ihn, dass er nun seinen Frieden gefunden hat“ Assija, die sich vor Scham hinter ihrem Becher mit Tee verborgen hatte, nippte nachdenklich. Dann setzte sie den Becher auf ihrer linken Handfläche ab, während sie ihn mit ihrer rechten Hand umklammerte. „Seinen Frieden gefunden? Aber er ist doch nicht tot, Shaharií…“ Der Ausdruck der Menai, nach Assijas Worten, war unergründlich. So erklärte sie. „Asií war Ajun auf den Fersen, und er hat ihn dann gestellt. Ein Kampf entbrannte, und Ajun gewann die Oberhand, und hat deinen Bruder verletzt. Ich hatte Mitleid mit ihm und bat Ajun inständig, ihn nicht zu töten. Ich versprach ihm alles, wenn er nur das Leben dieses Mannes verschonte. Ich versprach ihm mein Leben, für das Ritual, und dass ich alles in meiner Macht stehende tun würde, ihm zu helfen, ein wahrer Drache zu werden.“ Assija lächelte „Und er tötete ihn nicht, obwohl das, neben dem Wunsch, ein wahrer Drache zu werden, sein einziges Lebensziel war. Er hat es nicht getan, weil ich ihm mein Leben dafür versprochen habe, sondern weil ich ihn darum gebeten habe“ strahlte sie übers ganze Gesicht. Sie nahm nicht an, dass Shaharií es verstehen würde, was Assija dies bedeutete. Aber wichtig war es ihr, dass die Menai wusste, dass sie ihren Bruder nicht betrauern musste, da er am Leben war.


„Du sehnst dich danach der Schwäche zu entfliehen, in die du hinein geboren wurdest, nicht wahr?“ fragte die Heilerin die kleine Drachenerbin, und diese nickte beinahe wie in Trance. „Ja…“ flüsterte sie heiser, als sie versuchte, die gewaltige Bedeutung dieser Worte zu erfassen und zu begreifen. Sie hatte nie erfahren, wie es war, mit einem starken Körper gesegnet zu sein, wie es war, nicht ständig auf der Hut sein zu müssen, weil sie jederzeit ein Krampfanfall ereilen konnte. Auch, wenn sie nicht wirklich wusste, wie es sein würde, so sehnte sie sich danach, wie nach nichts anderem im Leben. „Hat Ajun dir erzählt was ich bin? Hat er dir gesagt, dass ich damals dort war als er mein Dorf zerstört hat? Dreiundfünfzig Jahre ist es bereits her. Und trotzdem habe ich Zeit und Tod getrotzt.“ Assija kroch ein Schauer über den Rücken, blickte sie irritiert an und schüttelte den Kopf, und die Heilerin sprach unbeirrt weiter. „Ich bin weder eine Elfin noch ein Dämon und dennoch vermag die Zeit alleine mich nicht zu bezwingen. Wie ich dir gesagt habe, wir sind unserem Schicksal nicht unterworfen. Wir formen es wie es uns formt…“ Assija unterbrach sie. „Ja, wenn man die Macht dazu hat…“ gab sie zu bedenken. „… und die Götter gaben mir eine Macht mit der ich das Schicksal nach meinen Wünschen zu verbiegen vermag. Wenn es dein Wunsch ist…“ sprach sie geheimnisvoll, und ihre Augen schienen sich zu verdunkeln, was der kleinen Drachenerbin eine Gänsehaut bescherte, sie aber nicht davon abhielt, mit ihren Augen förmlich an den dunklen Lippen der Menai zu hängen. „… befreie ich dich von der Schwäche mit der du geboren wurdest. Ich kann dir dieses Gebrechen nehmen, wenn du bereit bist den Preis dafür zu zahlen.“ „Wirklich? Das könntest du tun?“ fragte Assija sie. Die Heilerin streckte ihr den Arm entgegen und offenbarte eine dunkelrote Hautmalerei darauf. „Hier schau. Diese Zeichen stärken meinen Körper. Sie haben den Tod, die Zeit und das Schicksal bezwungen. Mit etwas ähnlichem könnte ich dir deine Gebrechen nehmen. Aber der Zauber ist komplex und er muss regelmäßig wiederholt werden. Aber gewiss wäre es für dich einfacher als dir in deinen ganzen Leib nutzlose Runen schneiden zu lassen. Was wärst du bereit zu geben um deine Leiden hinter dir zu lassen?“ Assija schluckte. „Was bist du, Shaharií? Bist du eine… eine Hexe?“ fragte sie sie geradeheraus. Die Menai lachte auf. „Hierzulande würde man mich so nennen. In meiner Heimat bin ich eine Ruferin, ein Medium zwischen den Göttern und den Menschen..." Assija nickte verstehend, und senkte den Kopf. „Verzeih mir, Shaharií. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich respektiere dich und dein Können, denn ich fühle, wie gut mir deine Behandlungen tun. Aber ich weiß jetzt schon nicht, wie wir dich für deine Dienste der vergangenen Wochen entlohnen sollen. Es gibt nichts, das ich dir geben könnte. Ich besitze nichts außer dem, das ich am Leib trage. Und Ajun ebenso. Ich wünsche mir nichts mehr im Leben, als diesen schwachen, nutzlosen Körper loszuwerden aber ich kann dir nichts dafür geben. Ich muss also ablehnen.“ Eine tiefe Traurigkeit überkam die kleine Drachenerbin, welche allerdings nicht lange anhielt. Das Kind in ihrem Leib trat heftig gegen ihre Rippen, und für einen kurzen Augenblick blieb ihr regelrecht der Atem weg. Ihr Schoß wurde plötzlich warm und feucht, und die kleine Drachenerbin stützte sich am Boden ab und hievte sich mühsam und ein wenig unbeholfen in die Höhe. Ein warmes Rinnsal lief an ihren Beinen hinab, und entsetzt hob sie ihre Röcke in die Höhe. Als sie die klare Flüssigkeit sah, die auf den Boden tropfte, warf sie Shaharií einen verstörten Blick zu. Sie hatte Blut, und das Schlimmste erwartet, doch dies konnte sie nicht recht zuordnen. „Shaharií… was geschieht hier?“ stammelte sie. Die Menai schien sich im Gegensatz zu der Drachenerbin nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Bleib ruhig, Assija, und lege dich hin. Deine Fruchtblase scheint geplatzt zu sein“ erklärte die Heilerin und Assija tat, wie ihr geheißen. „Was… was bedeutet das?“ fragte die völlig unwissende Drachenerbin. „Dies bedeutet sehr wahrscheinlich, dass du nun dein Kind bekommen wirst.“ Assija riss die Augen auf. Darauf war sie nicht vorbereitet. Nicht jetzt, nicht morgen, und auch zu keiner Zeit. Was sollte sie nun tun? Tausend Ängste überkamen die Elfe und wurden genährt von den Gedanken an Shahariís Worte. Dass diese Geburt ein Risiko darstellen würde, dass die Geburt ihren Tod bedeuten konnte…

Stunden voller bangem Warten waren vergangen. Gefühlte Stunden. Wie viele es tatsächlich waren, vermochte Assija natürlich nicht zu sagen. Shaharií war die Ruhe in Person, brühte der kleinen Drachenerbin Tee auf, dem beruhigende und stärkende Kräuter beigemengt, während sich das Ziehen im Unterleib Assijas mittlerweile in Wehen verwandelt hatten. Sie stöhnte vor Schmerzen. Wann immer sich eine Wehe ankündigte, hielt sie den Atem an, wimmerte leise, und keuchte schließlich nach dem Verebben der Wehe erschöpft. Ihre Augen suchten unruhig den Raum ab. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn und durchfeuchtete ihr Haar am Stirnansatz und im Nacken. „Ajun… warum ist er gegangen?“ hauchte sie erschöpft, und Tränen standen in ihren Augen. „Shaharií… es tut so weh… ich schaffe das nicht…“ wimmerte. „Wie lange dauert es noch?“ Die Menai zuckte die Schultern. Dann murmelte sie beruhigende Worte die Assija nicht verstehen konnte, und drückte vorsichtig ihre Beine auseinander, um sie eingehender zu untersuchen. Vorsichtig verschwand ihre Hand in Assijas Schoß, um ihren Muttermund zu betasten. Sija verkrampfte sich dabei. Auch, wenn sie Shaharií mochte, und ihr vertraute, doch sich einer Frau, die nicht zu ihrer Familie gehörte, sich so zu zeigen, und sich so berühren zu lassen, war eine Sache, die ihr zutiefst zuwider war und sie völlig beschämte. Die Menai ging so vorsichtig zu Werke, wie es ihr möglich war, doch Assijas Schoß fühlte sich ausgewühlt, und sie schrie schmerzerfüllt auf. „Und? Was ist“ presste Assija zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor und die Heilerin schüttelte den Kopf. „Noch nicht einmal die Hälfte“ drückte sie ihr Bedauern aus und Assija stöhnte resigniert auf. Ihre Beine fühlten sich taub an, und ihr Rücken schmerzte ebenso wie die Hüfte. Der Boden war hart, und die Kissen, die sie stützen sollten, halfen nicht. „Wäre Ajun doch nur hier…“ flüsterte sie, während ihr Gesicht sich schmerzlich verzerrte. „Warum ist er nur weggegangen?“ Immer wieder wiederholte sie diese beiden Sätze, und dicke Tränen rollten über ihr Gesicht. Tränen der Verzweiflung, des Schmerzes und der Resignation. Jede einzelne, schmerzhafte Wehe erwartete sie mit großer Angst, und jede Wehe die verging, veratmete sie erleichtert, nur, um die nächste Wehe mit ängstlicher Miene zu erwarten. Die Luft in dem Zelt war stickig und heiß. „Ich kann nichts anderes tun, als die Schmerzen zu ertragen, oder?“ murmelte sie kläglich. Oh Götter, warum waren sie nur so grausam?

Als die Geburt nach weiteren quälenden Stunden voller immer stärker und schneller wiederkehrenden Wehen endlich richtig losging, war Assija bereits völlig erschöpft und entkräftet. Das Haar klebte ihr schweißnass im hochroten Gesicht, welches vom Schmerz verhärmt und beinahe eingefallen wirkte Sie hatte sich auf die Seite gedreht, die Beine angezogen und verkrümmte ihre Füße, wann immer sie von einer Wehe überrollt wurde. Ihre Gedanken drehten sich immer nur um das eine. Ajun war nicht hier. Er war fortgegangen und er würde erst in zwei oder drei Tagen wiederkehren. Wenn sie nun bei dieser Geburt stürbe, wäre er nicht einmal an ihrer Seite. Sie würde einsam dahinscheiden, und die einzige Sorge die sie verspürte war, ihn zurückzulassen, obgleich sie ihm versprochen hatte, ihm dabei zu helfen, ein wahrer Drache zu werden. „Shaharií… „ sprach sie die Menai an. „Wenn ich… wenn ich, wie du befürchtet hattest, diese Geburt nicht überlebe…“ Sie unterbrach sich und schrie laut auf, als eine Wehe von einer solchen Heftigkeit über sie kam, dass sie sich in diesem Moment den Tod wünschte, nur, damit der Schmerz verging. Assija keuchte. „… erinnere Ajun an sein Versprechen… sein Dämonenfeuer… er weiß dann schon…“ Sie unterbrach ihre Worte durch einen erneuten gellenden Schrei. „Ondara… steh mir bei!“ wimmerte sie. „Shaharií… hilf mir… Ich… ich will nicht sterben… oh hätte ich doch nie…“ heulte sie und ergriff die dunkle Hand der Menai und drückte diese fest, als eine erneute Wehe sie niederdrückte und sie in ihrem Wortschwall unterbrach.

Ein Druck senkte sich auf den Unterleib der kleinen Drachenerbin. Shaharií hatte ihr gesagt, wenn sie Druck verspürte, sollte sie pressen. „Shaharií? Kann es sein, dass ich jetzt pressen muss, wie du sagtest? Ich…“ Mehr brachte sie nicht heraus, und der Schmerz entlud sich in einem erneuten gellenden Schrei. Die Menai schob erneut die Hand in den peingeplagten Unterleib der gebärenden. Ihre Miene hellte sich auf und sie nickte. „Du hast es bald geschafft, Assija. Bei der nächsten Wehe versuche mit aller Kraft zu pressen…“ Assija nickte und schnaufte. Als die Wehe kam, presste sie aus vollsten Leibeskräften, untermalt von einem heiseren Schrei. Die Menai ermunterte sie weiter. „Gut so. Weiter!“ Und drei Presswehen später war es geschafft. Der letzte Schmerz, den die kleine Drachenerbin verspürte, war jener, als der Säugling zusammen mit einem kleinen Schwall Blut aus ihrem Schoß gepresst wurde. Dann war es vorbei. Assija starrte ungläubig auf ihren Bauch, der plötzlich keine harte, geschwollene Kugel mehr war, sondern flach und weich. Ihr fehlte die Kraft, nach dem Kind, welches die Heilerin entgegengenommen hatte, zu sehen. Sie ließ ihren Kopf auf ein Kissen fallen, schloss die Augen und keuchte erschöpft. Erst, als die Menai ihr das Kind auf den Bauch legte, realisierte Assija, dass sie es überstanden hatte. Das Kind atmete. Es lebte. Sie lebte! Die Elfe öffnete die Augen und betrachtete das kleine Leben, welches ruhig auf ihr lag. Nackt, hier und da mit einem weißlichen schmierigen Belag überzogen. Und das Haar… schwarzes, flaumiges Haar. Haar, wie Ajun es besaß. Sie musste lächeln, und Tränen stiegen in ihre Augen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, was sie tun sollte. Schließlich schob sie das kleine Menschlein ein Stück weit hoch, und nahm seine Hand in die ihre. Bewundernd musterte sie die winzigen, zarten Fingerchen, betrachtete das Gesicht mit den geschlossenen Augen, sah, wie der kleine Körper eine rosige Farbe annahm. Erneut rollten Tränen über ihre Augen. Tränen der Freude, Tränen der Erleichterung. „Wir haben es geschafft…“ wisperte. „Was bist du? Ein Junge, oder ein Mädchen?“ Ihre Blicke schweiften fragend zu der Menai. „Ein Junge…“ nickte sie. „Ein Junge… Ob Ajun sich über einen Jungen freut?“ lächelte sie matt. „Und wie es aussieht, ist er kein Drachenerbe, mit seinem schwarzen Haar… das ist gut…“ Shaharií breitete eine Decke über Assija und den nackten Säugling, welchen die kleine Drachenerbin an ihre Brust gedrückt hatte, ihn herzte, küsste, und leise und bedächtig mit ihm sprach. Sie war überwältigt von dem Gefühl, welches sie bei dem Anblick dieses kleinen Wesens verspürte. Sie war Mutter geworden. Sie war für dieses kleine Menschenkind verantwortlich. Und die Aussicht, dass Shaharií in der Lage war, ihren Körper zu stärken, gab ihr in diesem Moment unglaublich viel Mut und Kraft. Wenn sie in der Lage war, diesen schwachen Körper in einen gesunden, normalen zu wandeln, dann wäre sie auch in der Lage, für dieses Kind zu sorgen. Und Ajun würde eine enorme Last von den Schultern genommen. Diese Erkenntnis ließ sie beinahe ein nie gekanntes Glücksgefühl verspüren.

Assija stand im Zimmer der Schenke und betrachtete den weinenden Säugling im Schein des kleinen Talglichts welches am Tisch des Zimmers stand. Nervös lief sie auf und ab, obgleich ihr Unterleib sie schmerzte, und Shaharií ihr eingeschärft hatte, viel zu liegen und sich auszuruhen, bis sie am nächsten Morgen wieder kam. Argwohn und Furcht lagen in ihren Augen und diese waren rotgeädert vom Weinen. Shaharií hatte die junge Frau und den Säugling gestern Abend zurück in ihr Quartier gebracht, nachdem sie sich entsprechend ausgeruht und geschlafen hatte. Sie war am nächsten Morgen wieder gekommen, um nach der Drachenerbin zu sehen, und es schien, dass alles gut war. Am Abend hatte der Säugling sein zweites Gesicht offenbart. Es hatte sich, ähnlich wie Ajun, in seine dämonische Gestalt verwandelt. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Vater war unverkennbar. Das Kind besaß in dieser Gestalt eine ebenso aschgraue Haut, ein dämonisches Gesicht, mit Zahn bewehrtem Mund, welches bei diesem Säugling etwas grotesker anmutete als bei Ajun, aus dem Steiß war ein Schwanz gewachsen, der an eine giftige Wüstenschlange erinnerte, hin und her gepeitscht war wie bei einer angriffslustigen Katze und aus den Schulterblättern wuchsen kleine, lederanmutende Schwingen. Hörner fehlten dem Kind, doch winzig kleine Knubbel unter dem zarten Kindesflaum am Kopf bezeugten, dass diese ihm eines Tages auch noch wachsen würden. Doch anders als Ajun, welchen sie nicht fürchtete, weil sie wusste, dass er ihr kein Leid zufügte, war sie vor ihrem Kind angstvoll aus dem Zimmer geflohen und hatte gewartet, bis sein Ausbruch vorüber war. Es hatte begonnen, sich unkontrolliert zu gebärden. Sein entsetzlich lautes Greinen und Schreien waren ihr bis ins Mark und Bein gefahren, und Assija hatte befürchtet, dass man es bis runter in die Schankstube hören könnte. Doch niemand war gekommen, so schien es augenscheinlich niemand bemerkt zu haben . Die glühenden Augen wirkten bizarr und unheimlich, und als es zu Weinen begonnen hatte, war immer wieder Feuer aus dem winzigen Mund des Säuglings geschossen, von welchem noch schwarze Rußflecken an der Zimmerdecke zeugten. Und nun, einen Abend später, war die dämonische Gestalt erneut aus dem Kind herausgebrochen. Assija hatte schreckliche Angst, und wagte nach diesen Ausbrüchen nun nicht mehr, dem Säugling die Brust zu geben. Sie befürchtete einen erneuten Ausbruch, und dass das Kind sie verletzen würde, wenn es seinem Wunsch nach Nahrung nachgeben würde, und nun saß die junge Frau da, und beobachtete den Säugling, welcher vor Hunger zu schreien schien und sich immer weiter in das Gebrüll hineinsteigerte, mit hochrotem Kopf, aber noch in menschlicher Gestalt. „Schhht… beruhige dich… beruhige dich… Bitte…“ flüsterte Assija, während ihr die Tränen erneut aus den Augen kullerten. Nur mit großer Überwindung wagte sie, es zu berühren, um es zu beruhigen. Sie sagte sich selbst, dass es bald überstanden wäre. Wenn Ajun zurückkehrte, dann würde er sich dem Kinde annehmen, und wissen, wie damit zu verfahren war. Aber bis es so weit war, würde sie ausharren müssen, sich fürchten… wenn es gar zu arg war, wieder vor die Türe laufen bis das Kind seinen nächste Ausbruch übertaucht hatte. Sie war gänzlich müde und erschöpft. Sie hatte Shaharií nichts davon erzählt, im Gegenteil, sie hatte ihr versichert, dass alles in bester Ordnung sei, sie sich wunderbar fühlte und kein größeres Glück zu verspüren vermochte, denn sie wollte nicht diese Schwäche eingestehen, und die Nachrede, dass sie nicht in der Lage sei, sich um ihr Kinde zu kümmern. Das ohrenbetäubende Geschrei wurde leiser, und leiser, schwoll ab, und verebbte schließlich in einem kümmerlichen Schluchzen, Seufzen, und endlich verstummte das Kind, seine Augen wurden kleiner und kleiner, bis es schließlich eingeschlafen war. Assija atmete innerlich auf. Erst jetzt wagte sie es, sich wieder in das Bett zu legen, um ihren von der Geburt gemarterten und ermüdeten Körper zu schonen. Das Kind wirkte nun so friedlich, als hätte es nie etwas anderes gemacht, als hier zu liegen und zu schlafen. Es dauerte nicht lange, bis die kleine Drachenerbin vor Erschöpfung eingeschlafen war.

In tiefster Nacht jedoch erwachte der Säugling, und Assija war sofort hellwach, und bemerkte, dass er wieder einen der gefürchteten Ausbrüche hatte. Erneut begann sie vor Angst zu weinen und sprang aus dem Bett und lief aus dem Zimmer. Vor der Türe hielt sie sich die Ohren zu und schloss die Augen, während die Tränen wieder unkontrolliert flossen. Dennoch drang das Geschrei bis zu ihren Ohren durch, und die kleine Drachenerbin betete inbrünstig zu den Göttern und flehte diese um Gnade an. Die Bodendielen wurden erschüttert durch schwere Stiefel und Stimmen. Nicht ein Paar Stiefel, nicht eine Stimme, nein, es waren eine Vielzahl an Schritten und die Stimmen schwollen zu einem regelrechten Stimmenmeer an. Assija nahm ihre Hände von den Ohren und öffnete die Augen, als sie sich einem Mob an bewehrten Menschen gegenüberstehen sah, die mit einer Fackel, Mistgabeln, Stöcken, Scheitern, stumpfen Messern und Äxten und angstvollen, wie auch entschlossenen Mienen auf die kleine Drachenerbin zumarschierten. „Was, bei den Sieben, geht hier vor sich?“ „Teufel…“ „Hexenwerk“ „Weltuntergang“ und andere Äußerungen prasselten auf sie hernieder und ein eiskalter Schreckensschauer kroch über ihren Rücken. Ihr blieben sämtliche Worte im Munde stecken. Sie wusste nur, wenn diese Menschen das Dämonenbalg sahen, dann war alles aus…

Der Mob hielt sich nicht lange auf. Er schob Assija einfach zur Seite und stürmte den Raum. Entsetzte Mienen, Schreckensschreie und Stoßgebete zu den Sieben erschollen, als sie dem Kind in diesem Raum gewahr wurden „Was ist das?“ „Der Teufel!“ „Bei den Sieben!“ „Ondara und Rhelun, steht uns bei!“ Einige von ihnen flohen sogar wieder erschrocken aus dem Zimmer und gaben Fersengeld, während sich andere, die mehr Mut beweisen wollten, in den Raum schoben, um ihre Neugierde zu stillen. „Packt die Hexe!“ schrie einer, und schon wurde die die kleine Drachenerbin grob an den Armen gepackt und ins Zimmer gezerrt, wo das dämonische Kind immer noch schrie, Feuer spuckte und sich wie eine Ausgeburt des Teufels gebärdete. „Was, bei den Sieben ist das?“ trat einer der Männer an Assia heran und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf das Bett. Assija war schreckensstarr, und brachte keinen Ton heraus, während die Gebete anschwollen und das Geschrei des Kindes dies bald zu übertönen begann. „Man muss etwas unternehmen, so holt doch einer einen Priester!“ rief jemand und schlug sich das Zeichen der Sieben gegen die Brust. „Während jemand nach einem Priester schickt, reißt uns diese Hexe mit ihrem teuflischen Wesen alle in den Abgrund! Ich sage, wir töten sie an Ort und Stelle! Wer wagt es?“ schrie einer hasserfüllt und reckte seine Forke in die Höhe Nun kam das Leben zurück in die Drachenerbin. „Nein! Bitte! Ich flehe euch an! Tötet nicht mein Kind! Lasst mich gehen! Ich nehme es und gehe sofort, aber tut ihm nichts zu leide!“ Zwar fürchtete sie das Kind, und dennoch war es ihr eigen Fleisch und Blut, und sie war zuversichtlich, dass Ajun sich ihm annehmen würde. Doch niemand hörte sie an, oder wagte es, sich dem Kind zu nähern. Der Mann, der den Tod der beiden gefordert hatte, versuchte es nicht einmal, und schien nicht den nötigen Mut aufzubringen. „Wer befreit uns von diesem Grauen? Die Sieben werden ihn segnen und ihm ewiges Glück im Leben und nach dem Tode bescheren!“ Nach anfänglichem Zögern trat einer von ihnen nach vorne. „Ich mache es!“ grunzte er entschlossen, und näherte sich dem Bett. „Nein! Nein! Nein!“ rief die kleine Drachenerbin und riss an ihren Armen um sich zu befreien und ihrem Kinde zu Hilfe zu eilen. Doch die beiden Männer, welche die junge Elfe flankierten, hielten sie eisern fest und sie hatte keine Chance, sich loszureißen. Der Mann war an das Bett herangetreten, und das Dämonenkind hielt inne in seinem Geschrei, und so hielt es auch der Mob. Nur Assijas verzweifeltes Bitten, Betteln und Flehen erfüllte die Stille weiterhin. Der Säugling verhielt sich still, und plötzlich begann es sich wieder in seine menschliche Gestalt zurückzuverwandeln. „Es… es sieht völlig normal aus…“ begann der Mann bestürzt. „Wie ein Menschenkind…“ Er schien zu zögern, und nahm das Kind hoch und betrachtete es, und Assija schöpfte Hoffnung. „Ja, das ist es auch…“ rief sie. Der Rädelsführer der Truppe rauschte auf den Mann mit dem Kind in den Händen zu und herrschte ihn an. „Ach was! Humbug! Es ist ein Wechselbalg! Bist du blind und dumm?“ rief der Rädelsführer der Truppe. Der Säugling erschrak darüber und begann urplötzlich zu schreien. Der Mann kreischte entsetzt auf, und warf das Kind von sich, so dass es hart auf den Boden fiel.

[18]Ein grausiges Knacken ertönte, und die Meute hielt den Atem an, während die kleine Drachenerbin starr vor Schock das Entsetzliche mitansehen musste. Für wenige Sekunden schien die Zeit in dem Raum stillzustehen, doch dann tat das Kind einen markerschütternden Schrei, der sich zu einem wehklagenden, schmerzerfüllten Brüllen schraubte. Ein beherzter Mann sprang nach vor, und stieß mit seiner Forke auf den hilflosen Säugling ein, und ihm taten es andere Männer, die plötzlich von Mut beseelt wurden, gleich. Mit Stöcken, Forken, und Äxten stachen und hackten sie auf das Kind ein. Blut spritzte, und es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis das qualvolle Brüllen für immer verstummte. Assija brach hysterisch schreiend und geschockt in den Armen der Kerle zusammen. Und damit nicht genug, ein Krampfanfall ereilte sie. Die Männer ließen sie erschrocken los, und sie fiel hart zu Boden und wurde von Krämpfen geschüttelt. Rosa blutiger Schaum quoll aus dem Mund, zwischen den zusammengepressten Zähnen hervor und die Menge starrte entsetzt auf die krampfende junge Frau, bis der Anfall vorüber war. „Sie ist besessen!“ schrie einer. „Von Dämonen besessen!“ pflichtete einer bei. „Hexenweib… Seht doch ihr rotes Haar…“ riefen die Leute. „Verbrennt sie. Übergebt sie den Flammen, auf dass das reinigende Feuer und die Sieben wenigstens ihre verdorbene Seele reinigen. Nur das Feuer kann ihre Seele erretten! Und die sterblichen Überreste dieses… dieses… Wechselbalgs… werft auch auf den Scheiterhaufen, bevor es noch wiederkehrt und sich an uns allen rächt… Und nun lasst nach einem Priester schicken, damit er diesen schändlichen Ort des Grauens ausräuchern und reinigen kann...“ Ein Laken wurde über das blutige, zerstückelte Kind geworfen, zusammengerafft und zusammen mit der ohnmächtigen Drachenerbin aus der Schenke gebracht.

Am Morgen war der Scheiterhaufen errichtet, und die kleine Drachenerbin an dem dicken Holzpfahl gebunden. Zu ihren Füßen lag das Leintuch, welches den grausigen Anblick des winzigen Leichnams verbarg. Assija erwachte aus ihrer Ohnmacht, als es dämmerte. Ihr Blick fiel auf das blutgetränkte Bündel, und etwas zerbrach in ihr, bevor sie herzzerreißend zu schluchzen begann…[/18]
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » So, 04. Okt 2015 0:59

Bilder schwarze Drache stand alleine und einsam auf einer schwelenden Lichtung. Einst war sie wohl einmal grün gewesen. Das blühende Leben, beinahe idyllisch. Wilde und unberührte, schöne Natur. Doch heute nicht mehr. Seit diesem Tage nicht mehr. Hier und da glommen noch kleine Glutnester und grauer Rauch stieg aus der verbrannten Erde und den verbrannten Resten, die einst einmal Bäume gewesen sein mussten, gen Himmel auf und verloren sich auf ihrem Weg nach oben im Nichts. Die Erde war noch warm und die grauen Zehen des gehörnten Mannes, der mit verschränkten Armen gegen einen verkohlten Baum lehnte, gruben sich tief in die Erde, als ob es ihm ein Gefühl von Wohlbefinden gäbe, seine blanken Füße in die heiße Erde zu stecken. Er schwieg und seine glühenden Augen, die wie zwei flimmernden Kohlen glichen, starrten nur auf die Verwüstung die ihn umgab. Wie dies alles geschehen war, davon wusste er nichts mehr. Wenn er sich ehrlich war, wusste er nicht einmal mehr, warum er keine Kleidung trug und gänzlich nackt auf dieser verbrannten Lichtung stand. Irgendwo am Rand der Glut und der Asche lag die lederne Rüstung, welche er einst dem Vater des Dämonenjägers als Trophäe abgenommen hatte und in jede einzelne der lederneren Schuppen die verschiedensten Symbole des Feuers und der Magie eingebrannt hatte. Dort, wo die Rüstung lag, mussten auch die Schuhe und die Hose liegen, welche er am gestrigen Abend noch getragen hatte. Er hoffte es zumindest, denn wenn er seinen Geist nach dem vergangenen Abend durchforstete stieß er nur auf gähnende Leere und schattenumwobene Nebel. Wenn die Magie ihn übermannt hatte, bevor er sich seiner Gewandung entledigt hatte, war davon vermutlich nicht mehr viel übrig. Entweder sie war zerborsten, als die wahre Gestalt, die des schwarzen Drachen, aus ihn hervorgebrochen war, oder sie war mit diesem Wald und jedem Baum, jedem Strauch und jedem Grashalm ebenso verbrannt worden. Vielleicht stand er deshalb noch hier und starrte auf die schwelenden Glutnester, anstatt sich wieder auf den Weg nach Brisangen zu machen. Denn wenn seine Kleidung vernichtet war, dann würde er sich erst neue besorgen müssen, bevor er Assija oder anderen Menschen in der Stadt unter die Augen treten konnte. Zumal er hierfür die menschliche Gestalt annehmen musste und dann nichts mehr unter grauer Haut und schwarzem Haar verborgen sein würde.

Die aufbegehrende und ewig aufstachelnde Stimme in seinem Kopf war verstummt. Er hatte angestrengt gelauscht und geduldig gewartet. Stunden hatte er an dem verkohlten Baum ausgeharrt und nur darauf gewartet, dass seine dämonische Stimme zu ihm sprechen würde, doch sie hatte geschwiegen. Und diese Erkenntnis verschaffte ihm die Erleichterung die er erhofft hatte in dieser Einöde zu finden. Nicht dass ihm die bedeutungslosen Leben der Menschen in Brisangen etwas bedeuten würden. Oder dass es ihn etwa kümmerte was aus ihnen werden würde, sollte er die Kontrolle über sich selbst verlieren. Doch solange Assija an diesen Ort gebunden war, schwebte sie in höchster Gefahr, solange er bei ihr war. Doch nun nicht mehr. Die Magie hatte bekommen, wonach sie verlangt hatte. Und der Preis den der schwarze Drache dafür hatte zahlen müssen, waren ein paar Bäume, ein paar Grashalme und vielleicht das eine oder andere Getier. Nichts was jemand vermissen würde. Nichts was irgendjemanden kümmern würde.

Je mehr der Tag ins Land verstrichen war, desto unruhiger wurde der Dämon. Doch dieses Mal war es nicht der Drang etwas in Schutt und Asche zu legen, oder einem Menschen die Faust ins Gesicht zu schlagen. Es war ein unterbewusster Drang, der ihn fort rief. Fort von diesem Ort. Wohin er gerufen wurde, das konnte er nicht sagen. Und doch war dieser Drang da. Wie eine Ungewissheit, die sich seiner bemächtigt hatte und so lange verbleiben würde, bis er dort angekommen war wo der Drang ihn haben wollte. War es eine unterbewusste Sorge? Eine Sorge um das Wohl Assijas? Oder war es der Ruf seines Blutes, nach der Freiheit, die hier oben so hoch im Norden schier endlos schien? War es der Ruf nach dem Blut der Drachen, die einst diese Lande beherrschten? Der Dämon konnte es nicht sagen. Und diese Ungewissheit nagte an ihm, bis er schließlich seine Blicke von der beruhigenden Glut des vergehenden Umlandes abwenden musste.

Es dauerte nicht lange, da hatte er die kleine Feuerstelle gefunden, an welcher er vergangenen Abend gesessen hatte um die Magie in sich heraufzubeschwören, so dass sie entfesselt werden konnte. Und zu seiner Freude lagen sowohl die Hose, als auch die Schuhe und die Rüstung unversehrt neben der rußgeschwärzten Kuhle, in welcher letzte Nacht noch ein kleines Feuer gebrannt hatte. Er behielt seine Gestalt bei, denn er zog es stets vor sein wahres Gesicht zu tragen, anstatt jenes des Menschen, welche er so sehr verabscheute. Wer sollte sich an seiner Gestalt schon stören, hier inmitten der tiefsten Einöde? Und wem sollte er schon davon berichten, sollte er dem Dämon hier begegnen? Alleine und schutzlos seiner Macht ausgeliefert? Der schwarze Drache hob seine rechte Hand und starrte auf die Handflächen. Kleine Brandnarben hatten sich darauf gebildet und er seufzte. Der magische Ausbruch musste enorm gewesen sein und die Narben würden wohl erst in zwei oder drei Tagen gänzlich verheilt sein. Als er schließlich versuchte die Macht des Feuers heraufzubeschwören wurde er sich erst gänzlich bewusst, wie gewaltig der magische Ausbruch seines zweiten Gesichtes gewesen sein musste. Nicht ein einzelner, winziger Funken wollte auf seinen Willen gehorchen. Nicht einmal ein kümmerliches Rauchfähnlein. Es schien als ob alle Magie aus ihm gewichen war, und nur diese nutzlose Hülle gelassen hätte. Er ließ die Hand wieder sinken und ballte stattdessen die Fäuste, während er grimmig den Mund verzog. »Auch das geht vorbei.«, murmelte er und versuchte sich zu erinnern, wann er der Magie das letzte Mal so fern gewesen war wie heute. Es waren mindestens dreißig Jahre, wenn nicht sogar mehr. Er schüttelte den Kopf und brach einen Ast von dem nahen Baum ab. Auch glitten die Finger seiner rechten Hand unweigerlich an den Gürtel, an welchem das kleine Schwert baumelte, welches er vor einiger Zeit an sich genommen hatte. Es war mehr ein übertrieben langes Messer als ein Schwert, doch nun, da er seiner Magie beraubt war, schien es ihm ein gewisses Gefühl von Macht zu verleihen, welches ihm sonst seine Magie verlieh.

Es dämmerte bereits, als er schließlich, zwischen unzähligen Bäumen und Ästen, ein schwaches Flackern ausmachte. Er verengte die Augen zu zwei Schlitzen und hob die rechte Hand um seine Augen vor dem Zwielicht des Waldes zu beschatten. Dort, wo das Feuer brannte, war eine kleine Lichtung. Mehr ließ sich aber nicht erkennen und so beschloss der schwarze Drache dem Licht zu folgen. Da es ihm an der nötigen Macht fehlte selbst ein Feuer zu rufen, musste er mit dem Feuer eines Holzfällers oder Köhlers vorlieb nehmen. Und sollte der Mann sein Feuer nicht mit einem Fremden teilen wollen, so würde er es sich mit Blut und Stahl nehmen.

Die Lichtung stellte sich sehr bald als ein Loch im Boden heraus. Es war kein natürliches Loch, sondern von Menschenhand gegraben worden. Und auf dem Grund des Loches stand ein großes Zelt, in welchem sich der Ursprung des flackernden Lichtes befand, denn das Zelt leuchtete schwach. Die Grube, in welcher das Zelt stand war nicht tief. Höchstens zwei Klafter, oder vielleicht auch drei. Der Dämon verharrte für einige Augenblicke am Rand der Grube und starrte auf das beleuchtete Zelt. Doch so sehr er auch versuchte mehr zu sehen, so konnte er nur einen einzelnen Schatten ausmachen, welcher immer wieder von den tanzenden Flammen an die Leinenwand geworfen wurde. Einer würde schon keine Scherereien machen, waren wohl des schwarzen Drachen Gedanken als er auf den Grund der Grube sprang. Und von dem dumpfen Aufschlag aufgeschreckt richtete sich auch schon kurz darauf der Schatten in seinem Zelt auf. »Wer ist da?« Der Stimme haftete ein leichtes und scheinbar beklommenes Zittern an und schon kurz darauf wurde die Zeltwand zur Seite geschlagen und ein Kopf schob sich heraus in das Zwielicht der Abenddämmerung. »Nur ein Reisender, der sich gerne an deinem Feuer aufwärmen würde.« Der schwarze Drache hob seine Hände, als wollte er beweisen unbewaffnet zu sein und der Fremde betrachtete ihn zwar skeptisch doch schien er schon viel entspannter zu wirken, als noch zuvor. »Was verschlägt euch nur in diese entlegene Gegend?«, erkundigte sich der Mann, welchen der schwarze Drache auf rüstige mittlere Jahre schätzte. »Ich war auf dem Weg nach Brisangen, doch scheinbar habe ich den falschen Weg eingeschlagen.« Da nickte der Mann und trat schließlich gänzlich aus dem Zelt heraus. »In der Tag. Nach Brisangen geht es in die genau entgegengesetzte Richtung.« Er hob seinen linken Arm und deutete vage in jene Richtung, aus welcher der Dämon soeben gekommen war. Ajuns ließ sich nicht dazu herab in jene Richtung zu blicken, in welche der Mann deutete, doch seufzte er nur. »Einen halben Tag vergeudet…« »…einen ganzen wenn man den Rückweg dazurechnet.«, meldete sich der Mann neunmalklug zu Wort und der Dämon schenkte ihm einen grimmigen Blick. »Wie dem auch sei.« Der Mann begann in einer Art Schürze oder Umhang zu nesteln und warf dem Drachen einen fragenden Blick dabei zu. »Ich habe einen Eintopf über dem Feuer. Habt ihr vielleicht Hunger?« Der schwarze Drache schüttelte den Kopf. Eigentlich gelüstete es ihn nicht nach langweiliger Gesellschaft von seltsamen Männern die alleine in der Wildnis hausten. »Ich habe keinen Bach auf dem Weg gefunden. Wenn ihr etwas Wasser hättet?« Der Mann nickte eifrig. »Aber gewiss. Tretet ein, tretet ein.« Er schlug die Zeltwand nun gänzlich zurück und hielt sie dem Drachen auf und winkte ihn herbei. Der Dämon musste sein Haupt beugen um in das Zelt eintreten zu können und je näher der Dämon gekommen war, desto größere Augen hatte er bekommen, als ihm gewahr geworden war, wie hochgewachsen der Dämon war. »Ihr seid nicht aus Brisangen, oder?« Ajun schüttelte den Kopf. »Wir sind nur auf der Durchreise.« »Wir?« Der Mann hob argwöhnisch die linke Augenbraue und warf einen neuerlichen Blick vor das Zelt. »Ist dort draußen etwa noch jemand?« »Nein.« Ajun schüttelte den Kopf und nun war es an ihm in jene Richtung zu deuten, in welcher Brisangen wohl liegen musste. »Sie ist noch in der Stadt.« Der Mann nickte verstehend und ließ schließlich die Zeltwand los, welche raschelnd zu Boden fiel.

Ajun hatte in letzter Zeit schon viele Zelte betreten. Manche waren sehr spartanisch eingerichtet. Ein einfaches Bett, oder auch nur ausgebreitete Kissen, Decken und Felle. Vielleicht ein kleiner Tisch oder eine Holzkiste für die wenigen Habseligkeiten. Selbst das Zelt der Menaihexe hatte nicht viel zu bieten gehabt, wenn man einmal von dem ganzen heidnischen Gerümpel absah, welches überall herumlag oder von den Zeltstangen herab hing. Doch was er nun sah, hätte er niemals erwartet vorzufinden. In der Mitte des Zeltes befand sich eine kleine Aushebung, in welcher einige Knochen zu sehen waren. Um die Aushebung herum standen einige kleine Tische voll mit Karten, Papieren, Tintenfässchen, Federn und seltsamen Apparaturen und Werkzeugen. Kleine Hämmer, Meißel, Pinsel und Zirkel, aber auch Dinge, die er noch nie zuvor gesehen hatte. In der hintersten Ecke stand ein einfaches, kleines Bett aus Stroh und Decken und daneben stand ein kleiner Tisch auf welchem ein tönerner Krug, und hölzerne Teller standen. »Was ist das hier?«, erkundigte sich der schwarze Drache, dessen Blicke von einem seltsamen Ding zum nächsten schweiften, wobei er immer wieder zu den seltsamen Knochen sah, die dort in der Aushebung lagen und scheinbar vorsichtig freigelegt worden waren. »Eine Ausgrabungsstätte.« Dem Dämon war nicht der Stolz in der Stimme des Archäologen entgangen. »Eine Ausgrabungsstätte? Was hast du hier ausgegraben? Alte Knochen? Bist du ein Totengräber? Oder ein Nekromant?« »Aber mitnichten! Ich bin ein Archäologe! Ich erforsche die Vergangenheit.« Der Drache schnaubte belustigt. »Klingt nach ziemlicher Zeitverschwendung. Was gräbst du hier denn aus?« Da begannen die Augen des Mannes förmlich zu leuchten. »Das ist ein Geheimnis.«, murmelte er leise und legte sich dabei den Zeigefinger seiner rechten Hand auf den Mund. »Ein Geheimnis?« Der schwarze Drache begann das Interesse an diesem seltsamen Kauz zu verlieren und wollte so schnell wie möglich etwas Wasser trinken, um dann wieder seiner Wege zu ziehen. Dass dieser sogenannte Archäologe nach Gold oder andere Schätzen grub stand außer Frage, denn der schwarze Drache hatte nichts von Wert ausmachen können. Und die Knochen in der Grube schienen beinahe wie Stein zu sein. Sie waren grau und mussten schon viele Jahrhunderte unter der Erde gelegen haben. Ajun zuckte mit den Schultern und trat schließlich an den Tisch heran, um sich aus dem tönernen Krug etwas Wasser in einen hölzernen Becher zu schenken, als ihm auf dem Tisch ein seltsam geformtes Ding ins Auge fiel. Er ließ seine Hände darüber streichen und es fühlte sich unglaublich leicht an, und dabei doch sehr hart. Und als er es schließlich in die Hand nahm, da traute er seinen Augen nicht zu glauben. »Woher hast du das?«, fragte er den Archäologen und hielt es in die Höhe, damit dieser es in dem schwachen Licht der Öllaternen besser sehen konnte. Der Mann lächelte nur dünn, als ob es ihm gar nicht recht wäre, dass der schwarze Drache das wertvollste Stück, welches sich in diesem Zelt befand, gefunden hatte. Doch dann kehrte der Stolz in seine Augen zurück und er deutete auf die Grube in der Mitte des Zeltes. »Aus dem Grab.« Der schwarze Drache schenkte mit einem Mal dem Becher mit dem Wasser keinerlei Beachtung mehr. Erneut näherte er sich der Grube und als er vor den seltsamen Knochen in die Knie ging, entdeckte er weitere dieser seltsamen Dinger, welche aus der Erde ragten, wie Muscheln, die am Bauch eines Schiffes festgewachsen waren. »Grab?« Der schwarze Drache fuhr andächtig über die Spitzen, die aus der Erde ragten und musste feststellen, dass sie sehr scharfe Kanten hatten. »Ein Drachengrab!«

Ajun erhob sich und er war sichtlich bemüht sich keine Gefühlsregung anmerken zu lassen. »Wahrlich, ein großes Geheimnis hütest du hier, Archäologe…« Er besah seine Hand und ein dicker Blutstropfen hatte sich an der Kuppe seines Zeigefingers gebildet, mit welchem er die scharfkantigen Schuppen berührt hatte, welche der Archäologe bereits zur Hälfte freigelegt hatte. »Es gibt Menschen, die würden töten, um eine Drachenschuppe zu besitzen.«, murmelte der schwarze Drache, während er daran dachte, welchen Wert dieses Ding für ihn und das Ritual haben musste. Sicher wäre es von großem Nutzen, und so keimte ein Gedanke in ihm auf, an welchem der Archäologe wohl kaum einen Gefallen finden dürfte. »Ach, die meisten halten Drachen für Ammenmärchen. Selbst die Gelehrten meiner Fakultät bedenken mich mit Hohn und Spott, dafür dass ich mein ganzes Leben mit dem Studium der Drachen verbracht habe.« Der Gedanke, welchen der schwarze Drache soeben noch gesponnen hatte, verflüchtigte sich und löste sich buchstäblich in Rauch auf. »Du kennst alle Legenden über … Drachen?«, fragte er argwöhnisch aber auch von Neugierde ergriffen. »Aber natürlich! Alle jene, welche von Bedeutung sind, so wahr ich hier stehe!« Der schwarze Drache lächelte dünn und klopfte mit den Fingern seiner Linken auf die Drachenschuppe, die er noch immer in der Hand hielt. »Verzeiht mir die Frage, mein guter Mann. Doch dürfte ich bitten, die Drachenschuppe…« Der Archäologe hüstelte verlegen, sich wohl der Tatsache bewusst, wie groß Ajun war, und auch der Tatsache gewahr, dass er eine Waffe am Gürtel hängen hatte. Ein Umstand, welchen er ganz und gar nicht mit dem Dämon teilte. Erneut lächelte der schwarze Drache dünn und klopfte erneut gegen die steinharte Schuppe. »Wie es der Zufall so will…«, erhob der Dämon schließlich die Stimme. »…zähle ich mich zu jener Sorte Menschen, die wohl töten würden, um eine Drachenschuppe ihr Eigen zu nennen.« Nach diesen Worten schluckte der Archäologe und trat unweigerlich einen Schritt vor dem Dämon zurück. »Aber keine Sorge, guter Mann. Nichts läge mir ferner.« Der Archälologe nickte, doch wirkte er nur wenig überzeugend. Der schwarze Drache lächelte dünn und trat dann einen Schritt an den Archäologen heran und noch ehe dieser darauf reagieren konnte, überreichte er ihm die Schuppe. Als ob dieses steinharte Fossil aus hauchdünnem Glas bestehen würde, nahm der Mann sie entgegen wobei er den schwarzen Drachen keinen Augenblick lang aus den Augen verlor. Dieser hingegen wandte sich kurz darauf von dem Mann ab und nahm sich kurzerhand den Becher Wasser und stürzte diesen in einem Zug herunter. »Ich werde nun gehen.« Der Archäologe nickte bekräftigend doch schwieg er. Und auch der Dämon verlor kein Wort mehr, nach diesen letzten Worten des Abschieds.

Nun war die Nacht über das Land hereingebrochen. Doch die Augen des Dämons leuchteten förmlich. Er musste so schnell wie möglich nach Brisangen, die schwarze Hexe aufsuchen und sie zu diesem Drachengrab schaffen. Und wenn er sie an den Haaren herbeischleifen würde müssen! Und so trat er Pilze nieder, brach Äste von Bäumen, die sich ihm störrisch in den Weg stellten und schlug mit dem Langmesser das Dickicht entzwei. Immer weiter und weiter, bis er schließlich an den Rand des Waldes gelangte, und die Lichter der Stadt in Sichtweite kamen. Der Morgen graute bereits, und die Morgendämmerung schob sich bereits über den Horizont, welcher bereits rot und violett zu schimmern begann, während der Himmel noch schwarz wie Pech war. Der schwarze Drache schob das Schwert in die Scheide und setzte seinen Weg fort. Immer weiter und weiter, bis er schließlich an den Rand der Stadt kam, wo das fahrende Volk lagerte und ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Sein Ziel war das blutrote Zelt der Menai, doch als er sie nicht dort fand, wandte er sich dem Zentrum der Stadt zu. »Sie muss bei Sija sein.«, murmelte er und verließ sogleich wieder das Zelt, um sich auf den Weg zu der Drachenerbin zu machen.

Auf dem Weg in die Stadt bemerkte er sehr bald das aufgeregte Treiben der Menschen. Männer liefen eilig in jene Richtung, in die auch er ging. Und Frauen zerrten Kinder hinter sich her. In Brisangen herrschte stets ein reges Treiben, doch etwas an diesem Morgen war anders, als es für gewöhnlich war. »Was ist hier los?», murmelte der Dämon und eine alte Vettel wandte sich zu ihm um. »Habt ihr es noch nicht gehört? Sie verbrennen die Hexe auf dem Scheiterhaufen!« Der schwarze Drache blickte die Alte ausdruckslos an. »Verdient hätte sie es ja.«, gluckste er und dachte daran, wie ihr wohl ihre neunmalklugen Sprüche und ihr gelehriges und geschwätziges Gerede im Halse stecken bleiben würde, wenn erst die Flammen an ihr zehren würden. Doch er hatte die Macht in ihren Augen gesehen. Wie sollte es diesem Bauernpack möglich gewesen sein, sie zu überwältigen? »Allerdings fällt es mir schwer deine Worte zu glauben.« Die Alte zuckte mit den Schultern und hob ihren knorrigen Stock in jene Richtung, in welche all die anderen Menschen gezogen wurden. »Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh doch selbst nach.«, meinte sie schnippisch und hörbar beleidigt. »Aber wer bin ich schon? Nur eine alte Frau, der keiner mehr Beachtung schenkt.« Der schwarze Drache schenkte ihr auch keine Beachtung mehr. Er hatte sie einfach links liegen gelassen und war weitergegangen. Dem Strom der Menschen nach. Und als er schließlich auf dem großen Platz angekommen war, wo sich die Menschen zu einer gewaltigen Traube versammelt hatten, konnte er seinen Augen nicht trauen. »Sija?« Auf dem Scheiterhaufen stand die kleine Drachenerbin. Gefesselt, gebeutelt und mit von Tränen geröteten Augen. Zorn flammte in dem schwarzen Drachen auf und die unbändige Wut, welche er noch vor wenigen Tagen verwünscht hatte, schürte mit einer unglaublichen Kraft in ihm auf, dass seine Augen zu glühen begannen. Der Zorn ballte sich in seinen Fäusten und er schob die Männer, Frauen und selbst die Kinder, welche ihm im Weg standen achtlos beiseite. Das Zetern, die Beschwerden und auch das Wehklagen derjenigen, die er zu hart zur Seite drängte, prallten an ihm ab, wie Regentropfen an einer Dachschindel. Immer weiter grub er sich in die Menge und immer mehr Rufe drangen an sein Ohr. »Flegel, Rüpel, Hundsfott, Arschloch! Was fällt dir eigentlich ein?« Einem dieser vorlauten Bastarde schmetterte der Dämon so heftig die Faust ins Gesicht, dass die Nase mit einem widerlichen, knackenden Geräusch brach und er kurz darauf Blut und Zähne spuckte. Doch der Drache hielt sich nicht weiter auf. Er schob Mann um Mann, Frau um Frau und Kind um Kind beiseite, bis er schließlich den Kern des Mobs erreicht hatte. »Sie ist besessen!«, brüllte ein Mann, der eine brennende Fackel in den Händen hielt. »Seht ihr braven Bürger! Seht das Hexenweib!« Er deutete mit dem Finger auf Assija, welche sich kaum noch aufrecht zu halten schien. Sie schluchzte bittere Tränen und kämpfte erfolglos gegen die Fesseln an, die sie an den Scheiterhaufen zwangen. »Mögen die Götter ihrer verdammten Seele gnädig sein! Und mögen die Götter sie, und ihrem Wechselbalg ihrer gerechten Strafe zuführen!« Mit diesen Worten trat er an den Scheiterhaufen heran, und der Drache stürzte, wie ein tollwütiger Hund auf ihn los. Die Fackel stürzte zu Boden, doch der Dämon war entfesselt. Er breitete die Hand nach dem Feuer aus, und wie von Geisterhand, flog das Feuer der Fackel in die seine, wo sie zuerst lichterloh brannte, und dann kurz darauf erlosch. Gefolgt von einem gequälten Schrei und dem Geruch von verbranntem Fleisch, als der Dämon die offenen Hand in das Gesicht jenes Mannes presste, welcher Hand an seine Drachenerbin hatte legen wollen. »Haltet ihn auf!«, brüllte irgendein Büttel, mit einer weißen Feder am Hut und fuchtelte dabei wild gestikulierend mit den Armen. Und sogleich traten einige Männer mit langen Spießen und eisernen Helmen aus der Menge hervor. Der Mann, dessen Gesicht unter der Hand des Dämon verbrannte und dahinschmolz strampelte verzweifelt mit den Beinen und versuchte seine Fingernägel in die Arme des Dämons zu krallen, doch seine Kraft war übermächtig. Er nagelte den Mann auf dem Boden fest und trieb ihm immer wieder die Faust in die Kehle, bis er endlich verstummte. Ein Spieß zischte an der Schulter des Drachen vorbei, und er ergriff die hölzerne Stange, welche kurz darauf lichterloh in Flammen stand. »Hexerei! Teufelswerk!«, brüllte der Büttel und deutete dabei auf den schwarzen Drachen. »Er steht mit der Hexe im Bunde! Tötet sie! Verbrennt sie, damit sie keine Macht mehr über ihn hat!« Da begann der schwarze Drache schallend zu lachen. »Und wenn sie dann brennt, wer rettet euch dann vor meiner Rache? Ihr Narren! Welche Macht soll dieses zierliche Mädchen über mich schon haben?« Er trat einen heranstürmenden Wachmann in den Schritt, griff geschickt nach dessen Schwertgurt und zog das Schwert mit einer einzigen, fließenden Bewegung aus der Scheide, nur um es kurz darauf in dessen Hals zu bohren. Noch ein Wachmann fiel zu Boden. Metall donnerte, Knochen ächzten, Zähne knirschten. Und wieder bohrte sich Stahl in Fleisch. Dutzende Spieße wurden auf den schwarzen Drachen gerichtete, und je mehr er fällte, desto mehr rückten herbei.

Die Menge geriet zusehends in Auffruhr. Manche Frauen und Kinder kreischten entsetzt, während andere, vorwiegend die Männer, nach dem Tod des schwarzen Drachens und seiner Hexe verlangten. Es war ein gewaltiger Hexenkessel, und das Feuer im Herzen des Dämons brannte so heiß in seiner Brust, dass er jeden Augenblick zu bersten drohte. Er trat einen Schritt zurück, und die Spieße folgten ihm. Immer wieder und wieder, bis er sich auf dem Scheiterhaufen wiederfand. »Sija.« Er wandte den Blick von den Menschen ab, welche sich augenscheinlich damit zufrieden gaben, ihn auf den Scheiterhaufen gedrängt zu haben. »Holt Öl! Und mehr Fackeln!«, befahl der Büttel, doch der Dämon hörte die Worte nicht. »Geht es dir gut?« Die Drachenerbin schüttelte den Kopf und ihr Blick galt nur dem kleinen Bündel, welches dort zu ihren Füßen lag. Der weiße Stoff war Blutgetränkt und erst jetzt bemerkte der schwarze Drache dass der dicke Bauch verschwunden war. »Sija…das Kind…Hat es die Geburt nicht geschafft?« Wieder schüttelte Assija den Kopf. Ajun legte ihr seine Finger ans Kinn und hob ihren Kopf, so dass sie ihn ansehen musste. Und als er die blauen Flecken und die aufgeplatzte Lippe sah, biss er sich zornig auf die Lippen. »Dafür werden sie brennen. Jeder einzelne von ihnen.« Er strich eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht, welche mit Tränen und Blut getränkt an ihrer Wange klebte. »Sie haben das Kind getötet…« Die Worte waren dumpf und leise gewesen, als ob Assija die Stimme versagte während sie zugleich vom Geschrei des Pöbels übertönt wurde. Doch er hatte jedes einzelne Wort verstanden. Seine Blicke glitten zu dem Bündel und als er das Blut sah, und das Gesicht der Drachenerbin, und das Geschrei endlich wieder an sein Ohr drang, da war der Zorn so gewaltig wie noch niemals zuvor.

Ein ohrenbetäubender Schrei drang aus seiner Kehle und aus seinen Augen brachen weiße Flammen hervor, die sich zusehends schwarz verfärbten. In diesem Schrei lag all seine Wut, all sein Zorn und all seine Ohnmacht, welche sich augenblicklich seiner bemächtigten. Der Stoff der Hose zerriss, und die Schnallen, die den ledernen Schuppenpanzer an seinen Leib zwangen, sprangen mit einem lauten Knall auseinander, als die mächtigen Schwingen aus seinem Rücken emporwuchsen. Knochen brauchen, und das Holz des Scheiterhaufens geriet ins Wanken, als das Gewicht des wachsenden Ungetüms diesen aus dem Geleichgewicht brachten. Die Hand, welche soeben noch Assijas Gesicht gehalten hatte, wurde zu einer reißerischen Klaue, welche das Holz zersplitterte und das Seil, welches Assija an den Pfahl band, zerriss. Die Drachenerbin sackte auf die Knie, und der Dämon schob sie an den Rand des Scheiterhaufens. Als der Schrei des Dämon verklungen war, war das Geschrei der Menge für einen Augenblick verstummt. Für einen einzelnen Herzschlag herrschte eine totale und unerträglich bedrückende Stille, bevor sich das wütende und mordlüsterne Geschrei der Menge in panische Schreie der Angst und Verzweiflung verwandelte. Und als der Drache zu seiner wahren Gestalt geworden war, richtete er sich vor den Männern auf, die zuvor ihre Spieße auf ihn gerichtet hatten und weitete den Rachen. Flüssiges Feuer lief ihm aus dem Maul und tropfte auf den Boden, welcher sofort in Flammen aufging. Die Männer hatten noch nicht einmal die Zeit Atem zu holen, um zu Schreien, als ein Schwall Feuer über sie hereinbrach und ihnen die Kleidung, die Haut und das Fleisch von den Knochen schmolzen. Der mächtige Schwanz des schwarzen Drachen hieb durch die Menge und durchbohrten Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Der Dämon nahm keine Rücksicht. Nicht mehr. Es war befreiend. Süße, feurige Rache, denn was für ein schwacher Trost war das Abfackeln eines Waldes, gegen das Abschlachten von Menschen und das Niederbrennen ihrer Häuser? Er hieb mit seiner mächtigen Pranke gegen die Mauer des Hauses, vor welchem sie den Scheiterhaufen aufgetürmt hatten, und als die Wand in sich einstürzte, spie er einen zweiten Schwall, in das geborstene Haus hinein. Verzweifeltes Geschrei erklang und die Schmerzensschreie von brennenden und sterbenden Menschen. Wieder spie er Feuer und wieder schreien Menschen. Sie versuchten zu fliehen, doch er spie Feuer und brüllte und hieb mit dem Schwanz um sich, dass jeder Fluchtweg, den sie einschlugen, sich in Feuer, Asche und Rauch verwandelte. Und bald schon hatte sich ein gewaltiger Ring aus Feuer um den Platz gebildet, welcher alle Menschen eingesperrt hielt… »Und nun…«, erklang die tiefe, dröhnende und vor Hass tiefende Stimme des Dämons. »…werdet ihr alle Sterben!«
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Shaharií » Di, 06. Okt 2015 19:22

Bildhaharií schluckte als Assija ihr offenbarte das Asìí noch am Leben war. Bedächtig senkte sie ihren Blick. Wieso hatte Ajun sie belogen? Nicht mal ein Sturkopf wie er könnte glauben, dass es ihm eine bessere Position in den Verhandlungen einbrachte, wenn er ihr davon erzählte wie er ihren Bruder ermordet hat. Wollte er sie schlicht provozieren? Sie aus der Reserve locken? Sie hatte ihm ohne weiteres geglaubt, dass Asìí seiner Zerstörungswut zum Opfer gefallen war. Es hätte zu ihm gepasst. Oder wollte er verbergen das er Schwäche gezeigt hatte? Nachdenklich schüttelte die Menai den Kopf wobei einige der weißen Strähnen hinter ihrem Ohr hervorfielen. Sie hatte sich nicht geirrt. Die kleine Drachenerbin hatte größere Kontrolle über den Dämon als dieser sich eingestehen wollte. „Ein schlechter Handel…“ grinste die Menai matt. „Dein junges unschuldiges Leben für einen alten verbitterten Mann.“ Sie deutete eine sanfte Verbeugung mit einem Kopfnicken an; „Ich danke dir trotzdem. Es zeigt was für eine gute Seele du bist“. Von da an wurde ihr Gespräch kaum positiver. Assija offenbarte ihr wie sie unter der Gebrechlichkeit ihres Wesens litt. Es war nur schwer vorstellbar für die Ruferin wie ein solches Leben sein musste. Schließlich war sie nie schwach gewesen. Gewiss keine Kriegerin aber ihre Gabe hatte ihr schon früh mehr Möglichkeiten offenbart als die meisten Menschen sie jemals erfahren würden. Selbst das Asthma das sie mit Talaniís Körper übernommen hatte, war wohl kaum mit dem Leid und der permanenten Angst zu vergleichen, unter der die kleine Elfe litt. Innerlich war Shaharií schon so weit ihr anzubieten den Zauber ohne etwaige Gegenleistungen durchzuführen. Solche Zauber verlangten ihr nicht viel ab. Sie waren vielmehr Routine und dass Assija ihr Leben für das ihres Bruders geboten hatte, wäre ohnehin mehr als genug gewesen. Es lag schlicht in ihrer Natur die Leute zu fragen was sie bereit waren zu geben. Sie wollte wissen was es den Menschen wert war ihrem Leiden zu entfliehen. Nur selten hatte sie eine Behandlung abgelehnt, wenngleich es vielen an Geld und Habe mangelte um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Wichtig war nur, dass das was sie ihr anboten für sie selbst von großem Wert war. Und was hätte für die Drachenerbin von mehr Wert sein können, als ihr eigenes Leben? Bevor Shaharií ihr dies aber offenbaren konnte, geschah das, womit alle rechneten aber was niemand so schnell herbei gesehnt hatte. Die Fruchtblase der Drachenerbin war geplatzt und in schmalen Rinnsalen floss das Fruchtwasser an ihren Beinen herab und benetzte den Boden. „Shaharií… was geschieht hier?“ fragte die Elfe erschrocken und in ihrem Blick lag ärgste Besorgnis und Angst. „Bleib ruhig, Assija, und lege dich hin...“ erwiderte die Heilerin ruhig und bedacht. Sie war selbst noch nicht darauf vorbereitet und es war das erste Mal, dass sie es mit einem Dämonenspross zu tun hatte. Nur die Götter wussten was bei dieser Geburt geschehen würde und in der Menai wuchs die Angst, dass ein feuerspeiendes Ungetüm aus dem Schoß der Elfe entsteigen würde. Ein Umstand auf den sie sich schon seit Wochen versuchte mental vorzubereiten, der ihr aber bei jedem Gedanken daran wieder kalten Schweiß auf die Handflächen trieb. „Deine Fruchtblase scheint geplatzt zu sein…“ fuhr sie fort und setzte dabei die gelassenste Miene auf, die sie auf die Schnelle vortäuschen konnte. Assija musste beim besten Willen nicht bemerken, dass sie ähnlich aufgeregt ob der bevorstehenden Ereignisse war wie sie selbst. Als Assija nachhakte was dies bedeutete, schlich sich ein feines Lächeln auf die Lippen der Menai. Sie war fahrlässig geworden. Eigentlich klärte sie die werdenden Mütter über die Umstände der Geburt auf und versuchte sie bestmöglich darauf vorzubereiten. Bei der Elfe aber kam das Kind viel zu früh. Shaharií hatte erst in einigen Wochen damit gerechnet, gewiss aber nicht jetzt und nicht hier und gewiss nicht in der Abwesenheit Ajuns. Unvorstellbar was der Dämon ihr antun würde, wenn der Drachenerbin etwas bei der Geburt geschah. Die Wahrscheinlichkeit war doch äußerst klein, dass er es ihr abkaufen würde, wenn sie ihm erzählte das… Sie schüttelte die Gedanken von sich ab. Es war kein Spielraum für Zweifel und Ängste – diese Geburt würde ihre volle Aufmerksamkeit erfordern. Was sie tun würde, sollte Assija nicht überleben, könnte sie sich auch später noch ausmalen. „Dies bedeutet sehr wahrscheinlich, dass du nun dein Kind bekommen wirst.“ Erklärte sie möglichst ruhig und tupfte dabei das Fruchtwasser mit einigen Tüchern die sie hervorgekramt hatte, von Assijas Schenkeln. „Versuch dich zu entspannen. Ich werde bei dir bleiben und dir wird nichts geschehen, versprochen“ lächelte sie ihr zu. Die Elfe musterte skeptisch was die Menai tat und ihr Blick zeugte nicht davon, dass sie sonderlich überzeugt von den Worten der Heilerin war.

Es vergingen Stunden in denen die Vorboten der Geburt deutlicher wurden. Unterdessen nutzte die Menai die Zeit um Tücher, Wickeln, Wasser und sogar etwas Tee und einige Kräuter parat zu stellen. Der Tee diente weniger der Beruhigung Assijas als viel mehr ihrer eigenen. Einer werdenden Mutter verschaffte Tee keinen Trost mehr, ihr half er aber stets sich zumindest etwas zu entspannen. Dabei bemühte sie sich nach Leibeskräften die kleine Elfe abzulenken. Sie erzählte ihr kleine Anekdoten aus ihrer Vergangenheit und versuchte auch Assija dazu zu bewegen, etwas zu erzählen. Alles was sie ablenkte war von Vorteil. „Ajun… warum ist er gegangen?“ hauchte die werdende Mutter entkräftet, während Shaharií ihr den Schweiß von der Stirn tupfte. Ihr blieb nichts als mit den Schultern zu zucken, wenngleich sie seine Abwesenheit ebenfalls bedauerte. Ein Dämon dem das Feuer nichts anhaben konnte, wäre ihr bei dieser Geburt nur recht gewesen. Warum war er wohl gegangen? Hatte er Dämonendinge zu erledigen? Gab es ein oder zwei Dörfer niederzubrennen oder musste er kleine dicke Männer schikanieren gehen? „Shaharií… es tut so weh… ich schaffe das nicht… Wie lange dauert es noch?“ wimmerte Assija qualvoll auf. Der Schmerz stand ihr ins Gesicht geschrieben und der Ruferin blieb nichts als abermals ratlos mit den Schultern zu zucken. Eine normale Geburt war schon schwer genug vorhersehbar, eine Dämonengeburt wiederum war der Menai genauso ein Rätsel wie der Drachenerbin selbst. Die Schmerzen schienen immer stärker zu werden und es war gewiss nur noch eine Frage der Zeit bis die Geburt vollends beginnen würde. Shaharií nutzte die Gelegenheit um vorab noch einmal den Muttermund abzutasten und murmelte dabei ein leises Lied, dass sie noch aus ihren Kindertagen kannte. „Und? Was ist“ riss Assija sie aus den Gedanken. Die Menai schüttelte den Kopf. „Noch nicht einmal die Hälfte“ seufzte sie auf und biss sich sogleich darauf auf die Lippe. Ihr hätte gewiss auch eine positivere Umschreibung einfallen können, angesichts der Schmerzen unter denen die Drachenerbin litt. „Wäre Ajun doch nur hier…“ wiederholte sie in unregelmäßigen Abständen und mehr für sich selbst als für die Menai. In Menainon wohnten die Männer den Geburten nie bei – dort war es reine Frauensache und die Männer wollten ohnehin nicht viel davon wissen, welches Leid die Frauen ihretwegen erduldeten. In diesem Fall aber konnte sie den Wunsch der Elfe nachvollziehen und ihm sogar beipflichten. „Ach was sollte er schon tun?“ versuchte sie Assija aufzuheitern. „Wenn er hier wäre, würde er wie ein aufgescheuchter Gockel auf und ab laufen. Wahrscheinlich würde er mir sogar noch erzählen wollen wie ich meine Arbeit zu machen habe, ohne das er jemals ein Kind im Arm gehalten hat…“ feixte sie gedrungen. Es schien nicht so als kam ihr Späßchen bei der Elfe an und wenn doch genügte es nicht um ihr schmerzverzerrtes Gesicht aufzuhellen. „Ich kann nichts anderes tun, als die Schmerzen zu ertragen, oder?“ wieder schüttelte Shaharií ihren Kopf.

Es war stickig und feucht im Zelt geworden und ihre langen weißen Strähnen hafteten ihr förmlich am Gesicht.
Weitere Stunden verstrichen und Shaharií suchte das Zelt immer wieder mit ihren Augen ab um irgendetwas zu entdecken, was sie noch tun könnte. Irgendetwas das sie ablenkte. Irgendetwas das ihr zumindest kurzweilig die Sorgen nahm, die in ihrem Kopf umherschwirrten. Doch sie fand nichts. Tücher lagen bereit, eine große Kupferschale mit abgekochtem Wasser stand neben der Schlafstatt und das kleine Feuer in der Mitte des Zeltes knisterte unbeirrt vor sich hin. In den Schatten ließ sich erkennen, dass Assijas Schreie regelmäßig ein paar Neugierige angelockt hatten, die das Zelt umschlichen. Aber niemand hatte sich gewagt einen Blick herein zu werfen. Schließlich zog die Elfe sie erneut aus dem Sumpf ihrer Gedanken. „Shaharií, wenn ich… wenn ich, wie du befürchtet hattest, diese Geburt nicht überlebe…“ sie unterbrach sich selbst mit einem ächzenden Schmerzensschrei. „… erinnere Ajun an sein Versprechen… sein Dämonenfeuer… er weiß dann schon…“. Wieder schüttelte Shaharií den Kopf. Sie würde nicht zulassen das Assija hier verstarb. Aber was wenn doch? Ajun würde ihr doch garkeine Zeit lassen ihm irgendetwas auszurichten. Wahrscheinlich würde er augenblicklich die Kontrolle über sein dämonisches Wesen verlieren und die halbe Siedlung in Schutt und Asche legen. Ein kleiner Tropfen Blut, der auf ihr Knie getropft war, holte sie aus dem Gedankenspiel. Sie war so angespannt, dass sie nicht bemerkt hatte wie ihre Fingernägel sich in das Fleisch ihrer Hand gebohrt hatten. „Shaharií… hilf mir… Ich… ich will nicht sterben… oh hätte ich doch nie…“ schrie Assija auf und drückte die andere Hand der Ruferin dabei so fest zusammen, dass diese Sorge hatte ihre Knochen würden brechen. „Du wirst nicht sterben! Nicht heute, nicht hier…“ versuchte die Menai sie zu beruhigen. Es vergingen einige weitere Minuten in denen die Ruferin keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so erdrückend waren Assijas Schreie. Schließlich fasste die Drachenerbin sich für einen Moment; „Shaharií? Kann es sein, dass ich jetzt pressen muss, wie du sagtest? Ich…“ wieder folgte ein Schrei. Ihre Stimme klang inzwischen heiser und kratzend. War es endlich soweit? Abermals schob sie ihre Hand vorsichtig in den Schoß der Drachenerbin. Ja! Nun war es fast so weit. Ein paar Mal müsste sie ihre letzten Kräfte mobilisieren, dann hätte sie es geschafft. Jedoch stieg auch mit jeder Minute die Anspannung der Menai. In einigen Augenblicken würde sich zeigen ob Assija ein einfaches Kind oder ein monströses Wesen entsprang. Bei den Göttern, es war bloß zu hoffen, dass Dämonen bei ihrer Geburt ähnlich schwach waren wie menschliche Kinder. „Du hast es bald geschafft, Assija. Bei der nächsten Wehe versuche mit aller Kraft zu pressen…“ sprach sie ihr zu. Schließlich war es geschafft. Die Menai hielt das Neugeborene in den Armen. Es war groß und hatte tiefschwarzes Haar wie Ajun, aber wie ein Monster wirkte es mitnichten. Die Heilerin nahm mit der Handfläche etwas von dem Wasser aus der kupfernen Schale und strich dem Säugling die gröbsten Spuren der Geburt vom Leib. Nun endlich konnte sie Assija ihr Kind übergeben. Es war ganz klar ein Junge und auch wenn er nicht zu schreien begann, hustete er einige Male kräftig und atmete. Vorsichtig platzierte sie das Kind auf Assijas Bauch und ließ sich neben ihr in die Hocke sinken. „Wir haben es geschafft… was bist du? Ein Junge, oder ein Mädchen?“ – „Ein Junge…“ nickte Shaharií ihr lächelnd entgegen. Mühsam erhob sie sich nach einem Augenblick wieder aus der Hocke. Ihre Beine zitterten leicht und dennoch fühlte es sich so an, als wäre das Gewicht eines massiven Felsen von ihren Schultern geglitten. Die Drachenerbin lebte und ebenso das Kind. Und die Geburt hatte sich nicht einmal von einer gewöhnlichen unterschieden. Ihre Sorgen waren unbegründet. Nun deckte sie Assija und den Säugling mit einigen Laken zu und ging mit wackeligem Schritt zur Öffnung in der Zeltplane. Als sie den dicken wallenden Stoff beiseiteschob, wurde sie von einer frischen, kühlenden Briese empfangen. Sie atmete tief durch. Es war geschafft.

Drei Tage später saß Shaharií in ihrem Zelt. Die Plane war offen und ein Strom kühlender Morgenluft durchzog das innere, während die Menai mit übereinander geschlagenen Beinen, tief in ihren Stuhl gesunken saß. Der Schädel eines kleinen Vogels rollte auf und ab durch ihre schmalen schwarzen Finger und ihr Blick ruhte durchdringend auf dem Haufen von Tüchern und Laken die sie neben der Schlafstatt zusammengerottet hatte. Nachdem Assija sich ausgeruht hatte und wieder etwas zu Kräften gekommen war, hatte die Menai sie zusammen mit einem des fahrenden Volkes zurück in die Taverne gebracht. Dort hatte sie ein Bett und die Kälte kroch des Nachts nicht durch die Zeltplane ins Innere. Und Shaharií selbst musste nicht wie ein Tier auf den Fellen am Boden schlafen. Gewiss machte sie sich mehrfach auf den Weg in die Siedlung um nach der Drachenerbin und ihrem Spross zu sehen. Zuletzt am vorherigen Mittag. Assija wirkte zwar weiterhin entkräftet, aber das war nicht ungewöhnlich für eine frische Mutter. Es war nur zu hoffen, dass Ajun bald zurückkehren würde. Das würde ihr gewiss etwas von der Last abnehmen, die noch auf der Drachenerbin lag. In den vergangenen Tagen hatte die Menai gut geschlafen. Es war ein gutes Gefühl die Geburt vollbracht zu wissen und sämtliche Ängste und Sorgen der vergangenen Wochen waren vergessen. Es lag nahe das Ajun bald von seinem ausgiebigen Spaziergang zurückkehren würde und aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Dämon keinen Tag länger in diesem Nest verbringen wollen als nötig wär. Nicht unwahrscheinlich dass er sich in seiner Abwesenheit bereits überlegt hatte wohin er als nächstes wollte. Überraschend war dabei nur, dass der die Ruhe der letzten Wochen nicht einmal genutzt hatte, um mit der Menai über das Ritual zu sprechen. Er ging hoffentlich nicht davon aus, dass sie sämtliche Ingredienzen dafür in ihrer Tasche mit sich herum trug. Ebenso hatte sie noch keinen Schimmer was er bereits zusammengetragen hatte. Unweigerlich fiel ihr Blick auf das alte Buch, welches noch immer auf der hölzernen Kiste lag, welche sie als Tisch verwendete. Wohin ihre Reise sie wohl noch führen würde? Sicher war wohl nur, dass Ajun sein Bestes geben würde, um es ihr so unangenehm wie nur möglich zu gestalten. Und mit jedem Tag der Verstrich wartete die Menai weiter verglich auf ein Zeichen der Götter, dass ihr ihre Rolle in diesem Schauspiel wies. Sie hatte soeben den zierlichen Vogelschädel auf die Kiste gelegt und wollte nach dem Wälzer greifen, als Jarre völlig außer Atem in der Öffnung des Zeltes erschien. „Ihr…“ schnaufte er und war deutlich bemüht nach Luft zu ringen. „Ihr müsst unbedingt zum Anger! Sofort! Dort geht etwas Schreckliches vor sich… die rothaarige Elfe…“ Seine Worte waren Atemlos und es lag nahe, dass er den ganzen Weg von der Siedlung bis hier her gerannt war. Ihre stechenden Braungrünen Augen weiteten sich funkelnd im Schein des Feuers. „Ist etwas mit dem Kind?!“ hakte sie herrisch nach und hatte sich dabei bereits aus dem Stuhl erhoben und nach ihrem Beutel gegriffen, in dem sich ihre Utensilien befanden. „Nein.. nein..“ schnaubte Jarre und rang abermals nach Luft. „Am Anger… Sie.. sie haben einen Scheiterhaufen zusammengetragen…“ klirrend fiel der Beutel mit den kleinen Fläschchen und Kräutern zu Boden und wie vom Blitz getroffen stand die Menai mit weit aufgerissenen Augen vor dem jungen Mann. Ihr entglitt noch ein gedämpfter Aufschrei bevor sie beide Hände reflexartig vor ihren Mund presste. Konnte das sein? Sie war doch gestern noch dort gewesen? Wie konnte soetwas binnen Stunden passieren? Wie war es möglich das sie nichts davon bemerkt hatte? „Bei den Göttern, lasst mich nicht zu spät sein…“ hauchte sie unter ihren Händen hervor. „Kommt!“ wies Jarre die schockierte Menai an und noch ohne sich in die Stiefel zu quälen, folgte sie ihm mit blanken Füßen, so schnell wie ihre Beine sie trugen.

Die Zeltstadt des freien Volks lag gerade hinter ihnen, da konnte man in der Ferne bereits Menschenmassen erkennen. Und noch mehr als das. Feine Rauchfahnen stiegen vom Anger empor. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ganz und gar nicht. Stand der Scheiterhaufen bereits in Flammen? Was sollte die Menai tun wenn es so wäre? Gegen Feuer konnte sie denkbar wenig ausrichten. Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Assija war keine Hexe! Sie war eine Drachenerbin und hatte gewiss nie etwas getan, dass irgendwem auch nur im Entferntesten den Anreiz geben würde soetwas mit ihr zu tun! Die Menai rannte und rannte doch mit jedem Schritt mit dem sie dem Anger näher kamen, stachen ihre Lungen mehr und jeder Atemzug entwickelte sich zu einer Qual. Ihr Asthma. Sie war keine Läuferin. Für einen Moment stützte sie sich auf ihren Knien ab um tief Luft zu holen, als ein gewaltiger Rauchschwall vom Anger her emporstieg. Gefolgt von Schreien. Unzähligen Schreien. Dort ging mehr vor sich. Shaharií rannte und rannte während tausende und abertausende Gedanken wie feine Nadelstiche durch ihr Gehirn schossen. Was würde sie dort vorfinden? Was könnte sie tun? Konnte sie noch etwas tun? Endlose Szenarien spielten sich vor ihrem inneren Auge ab und umso näher sie dem Anger kam umso lauter wurden die panischen Schreie und umso beißender wurde der Geruch von Rauch in der Luft. Ihr Tempo wurde langsamer und langsamer. Sie schnappte nach Luft. Inzwischen konnte sie eine massive Wand aus Feuer vor sich sehen. Immer wieder aber nur für einen kurzen Moment eröffnete das Wanken der Flammen einen Blick ins Innere. Doch zu viele Menschen liefen vor der Feuerwand umher. Panisch. Schreiend. Frauen und Kinder rannten regelrecht um ihr Leben, andere eilten mit Eimern heran und wieder andere standen vor der Wand aus Feuer, klafterlange angespitzte Stöcke, Mistgabeln und Fackeln in die Luft haltend. Endlich hatte sie das Inferno erreicht. Die Schreie aus dem inneren waren ohrenbetäubend und die wuterfüllten Schreie jener die vor der Wand standen, taten ihr Übriges. Entkräftet und verschwitzt hielt Shaharií inne. Ihr Blick wanderte unstet entlang der Feuerwand aber sie konnte keine Lücke erspähen. „Was geht darin vor sich?“ fragte sie einen hochgewachsenen Mann entkräftet und um Luft ringend. Der Mann in der ledernen Weste und mit einer grauen Filzkappe auf dem Kopf bemerkte sie zuerst gar nicht, zu laut waren die Schreie die die Luft erfüllten. Der Rauch brannte hier bereits entsetzlich in der Lunge und der Menai fiel es immer schwerer zu atmen. Schließlich drehte der Mann sich zu ihr um, als er ihre schwarze Silhouette im Augenwinkel erfasste. „Du!“ spie er ihr entgegen, dass sie kühle Tröpfchen von Speichel fühlte, die ihre von dem nahen Feuer erhitzte Haut trafen. „Du verdammtes Hexenweib gehörst doch genauso dazu!“ Shaharií konnte sich kaum richtig aufrichten, da traf sie die Faust des Mannes direkt im Gesicht. Unter einem atemlosen Schmerzensschrei ging die Menai zu Boden und der Arm den sie abgewinkelt hatte, um den Sturz zu bremsen, schlug auf einem kantigen Stein auf, der aus dem flachen Gras hervorlugte. Ein stechender, beißender Schmerz durchfuhr ihren Körper und für einen Augenblick wurde ihr schwarz vor Augen. Als die weißen Pünktchen die wie Funken vor ihren Augen tanzten sich wieder legten, erfüllte der nächste Schmerz ihren Leib. Der Kerl mit der Filzkappe hatte sie bei den weißen Haaren gegriffen und schliff sie unsanft über den Boden in Richtung der lodernden Feuerwand. „Du wirst brennen du gottloses Miststück, genauso wie deine dreimal verdammten Freunde!“ spuckte er aus und warf noch etliche Flüche hinterher, die von der schreienden Menge verschluckt wurden. Die Ruferin versuchte sich mit allen Kräften zu wehren, doch fanden ihre Beine in dem weichgetretenen Untergrund keinen Halt. Als sie sich bemühte ihre Hände in den Arm zu krallen, der an ihren Haaren zog, bemerkte sie, dass sie den linken Arm nicht durchstrecken konnte. Der Schmerz bei dem bloßen Versuch schoss ihr durch alle Eingeweide und sie konnte aus dem Augenwinkel heraus erkennen, dass Blut an dem Arm herablief. Er war gebrochen oder zumindest verstaucht, dachte sie sich, während ihre rechte Hand endlich den Arm ihres Angreifers gepackt bekam. Augenblicklich ließ der Zug an ihren Haaren nach und sie konnte sich unter Mühen aufrichten. Wortlos und mit gänzlich leerem Blick stand ihr Angreifer nun hinter ihr. Regungslos. Shaharií benötigte einen Moment um wieder richtig zu sich zu kommen. Ihr Arm schmerzte fürchterlich und der Boden hatte ihre unter dem Kaftan freiliegenden Beine aufgeschnitten. Überall klebte Dreck, Gras und Stroh vermischt mit ihrem Blut. Die Tätowierungen an ihrem linken Arm waren unter dem Blut kaum zu erkennen und auch in ihrem Mund hatte sich der metallene Geschmack angesammelt. Sie spuckte aus. Blut. Schließlich fuhr sie sich vorsichtig mit der rechten Hand über die Wange, die der Rohling getroffen hatte. Als ihre Hand die aufgeschürfte Haut in ihrem Gesicht berührte, zuckte sie schmerzerfüllt zusammen und eine Träne lief an ihrem Gesicht herunter. „Verdammt!“ fluchte die Menai mit zittriger Stimme auf. Sie presste ihren linken Arm sacht an ihren Körper und augenblicklich tränkte sich ihr Kaftan an der Stelle blutrot. „Siehst du was du angerichtet hast du elender Sohn einer Hure und ihrer Ziege?! Sei wenigstens ein letztes mal in deinem armseligen Leben für etwas nützlich!“ an ihrer Stimme war nichts melodisches mehr. Sie zitterte und die Tränen die sie unterdrückte klangen daraus hervor. Sie klang nurmehr wie ein geschlagenes Mädchen. Vorsichtig wischte sie sich mit dem rechten Oberarm Dreck und Tränen vom Gesicht, während ihr Finger auf die Flammenwand deutete. Der Filzhut folgte. Wie besessen marschierte er auf die flammende Wand zu und selbst als die Haare auf seiner Brust zu qualmen und schließlich zu brennen begannen, hielt er nicht inne. Das Feuer versengte bereits sein Gesicht als er sich vor die Flammen kniete und schlussendlich seinen Oberkörper ins Feuer fallen ließ. Zwei weitere folgten ihm unter den ungläubigen und entsetzen Blicken der Anwesenden. Wie der erste ließen sie ihre Leibe direkt neben ihm in die Flammen sinken. Shaharií nutzte das kurze Zeitfenster und stieg über ihre reglosen Körper bevor die Flammen diese gänzlich verzehren würden. Sie beeilte sich, denn jedes Aufkeimen der Flammen brannte ungemein auf ihrer Haut.

Sie hatte es geschafft. Sie war im inneren des Hexenkessels und endlich konnte sie das Ausmaß der Verwüstung vor sich sehen. Überall rannten und schieren die Menschen. Hier und dort zogen sich Glut und Flammen über den Boden. Verbrannte Leichen. Leute die mit allen mitteln versuchten das Feuer zu tilgen, dass sich in ihre Kleider gefressen hatte. Im Zentrum die Überreste eines zusammengefallenen Scheiterhaufens, an dessen Rand regungslos Assija lag. Doch nichts davon konnte die Aufmerksamkeit der Ruferin lange binden, denn unweit von alle dem befand sich eine riesige, monströse Gestalt. Der schwarze Drache. Das ungeheuer das vor so vielen Jahren ihre Heimat zerstört hatte. Augenblicklich bildete sich erneut ein Schweißfilm auf der Haut der Menai, nur um direkt unter der wallenden Hitze der Flammen zu versiegen. Die Götter mochten ihr beistehen. Es war mühsam und immer wieder wäre die Ruferin beinahe von den panisch umherlaufenden Menschen umgerissen wurden, doch schließlich konnte sie sich ins Zentrum des Geschehens durchschlagen. Da stand er. Wütend und um sich schlagend wie ein wildgewordenes Tier. Flammen tropften aus seinem gigantischen Maul wie brennendes Öl. Einige Männer stellten sich ihm mit allem was sie hatten entgegen, doch waren sie diesem Monster nicht im Geringsten gewachsen. Dies war einer dieser Momente. Einer dieser Momente in denen der Held aus der verängstigten Masse emporstieg um dem Monster eine heroische Kampfansage zu machen. Wo jede Angst dem bevorstehenden Triumph wich und die Hoffnung Einzug in die Herzen der Menschen hielt. Nun so ein Moment hätte es wohl sein sollen. Doch so war es nicht. Wann war es schon wie in den Geschichten und Märchen? Wann entsprachen die Sagen der Wahrheit? Wer konnte dem unausweichlichen Ende mit Mut entgegenblicken? Nicht Shaharií. Sie war keine Kriegerin. Keine Heldin. Sie hatte Angst. Viel Angst. So viel, dass die Zeit um sie herum immer langsamer verging. Die Funken und brennenden Fetzen die durch die Luft wirbelten wehten vor ihren Augen wie Blätter, die in einer lauen Herbstbriese gen Boden segelten. Die Schreie und Stimmen der anderen verstummten unter ihrem dröhnenden Herzschlag. Erst als einer der Fliehenden sie anrempelte und dabei der pochende Schmerz in ihrem Arm wieder zum Vorschein kam, schien die Zeit wieder schneller zu vergehen. Schließlich rang sie all ihren Mut zusammen und schrie so laut sie konnte „Ajun!“. Zu ihrem Entsetzen bemerkte das Monster dies tatsächlich und wandte sein groteskes Haupt der Menai entgegen. „Ajun ist nicht hier…“ donnerte die Stimme des Dämons lachend hervor. Eine Stimme die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Und als wäre dies noch nicht schlimm genug gewesen, bewegte das Biest sich langsam in ihre Richtung. Er hatte sie ins Auge gefasst und Shaharií stürzte fast bei dem Versuch ein paar Schritte nach hinten zu machen. „… aber eine schwarze Made wie dich brennen zu sehen, wird mir diesen Tag nur umso mehr versüßen!“ es war unheimlich, beinahe so als zeichnete sich auf der Visage des Ungeheuers ein Grinsen ab. „Das... das bist nicht du Ajun! Komm zu dir!“ Wieder lachte der Dämon auf und seine glühenden Augen hatten die Ruferin fest fixiert. „Ich habe dir doch gesagt, Ajun ist nicht hier kleine schwarze Hexe. Ich bin Vernichtung…“ seine Stimme dröhnte, auf das sie alle Schreie der Anwesenden verschlang. „… Ich bin Zorn. Ich bin Feuer!“ wieder machte das Ungetüm einige Schritte auf die Menai zu. „Und deines dreckigen verlogenen Gleichen zu zermalmen ist mir das größte Vergnügen! Ihr sollt brennen für die Zeit die ihr mir geraubt habt…“ Shaharií schluckte und schon jetzt brannte die Hitze die seinem Maul entfloh auf ihrer Haut, als wäre geschmolzenes Eisen darin. „Die Zeit hast du dir selbst gestohlen, Negwenhó! Dein Wahnsinn und deine Ignoranz haben dich in diese Höhle gesperrt…“ diese Worte waren nichts weiter als ein verzweifelter Versuch noch ein wenig Zeit zu schinden und mit unruhigem Blick musterte Shaharií ihre Umgebung. Doch dort war nichts. Was auch? Was hätte dort sein sollen, was ihr einen Vorteil verschafft hätte? Das Schwert eines Drachentöters? Wohl kaum. Ob sie ihn beherrschen könnte? Noch nie zuvor hatte sie auch nur daran gedacht in den Geist eines Dämons einzudringen. Sie waren Magie und keine Menschen. „Schweig Made! Was weiß ein Kind schon von der Vergangenheit? Es ist rührselig das ihr euch meine Geschichte bis heute erzählt…“ wieder grinste er geradezu gehässig. „… Aber genug davon. Lass mich dir zeigen, dass es keine Götter und Ahnen gibt, die auf euch warten!“ immer mehr und mehr Flammen tropften aus seinem Maul. Die Götter. Er irrte sich. Es gab sie. Sie waren es die der Ruferin Macht verliehen hatten, wie sie nie einem sterblichen Wesen zuteil geworden war. Sie waren es, die sie auf diesen Weg geschickt haben. Um hier zu sterben? Zu verbrennen und zu Asche zu werden? Nein. Nein, das konnte es nicht sein. Sie hatte den Schlüssel zur Unsterblichkeit. Sie war es die sechs der mächtigsten Magier zugleich in ihr verderben gelenkt hat. Kein lebendes Wesen konnte ihrer Macht standhalten, ob magisch oder nicht. Unterdessen hatte Shaharí das Blut ihres rechten Arms an ihrem Kaftan abgewischt und drückte nun ihren rechten Zeigefinger in die klaffende Wunde, bevor sie ihr Blut nutzte um hastig einige Symbole auf ihren Arm zu zeichnen. „Ich war dort Negwenhó. Ich war dabei als du mein Dorf zerstört hast. All die unschuldigen Seelen. Weißt du…“ sie lächelte dem Monster mit einem aufgesetzten Grinsen entgegen und dieses schien sich dadurch wirklich kurzzeitig von seinem Vorhaben abbringen zu lassen, ihr einen Schwall von Feuer entgegen zu speien. „… diese Seelen warten seit dreiundfünfzig Jahren auf ihre Rache. Jede einzelne von ihnen habe ich gebunden. Ich habe dein Feuer schon einmal überlebt und heute…“ sie stockte, denn die Angst schnürte ihr förmlich die Kehle zu. „… Heute wirst du bereuen! Die Sünden der Vergangenheit haben dich eingeholt, Monster!“ Abermals lachte der schwarze Drache auf, doch kurz darauf versiegte sein Lachen.

Jedes Geräusch versiegte. Die Welt um sie herum versiegte. Feuer, Rauch, Blut, Schreie, Schmerzen und schließlich Dunkelheit. Sie war in seinen Verstand vorgedrungen. Sie sah die Einsamkeit. Die zerkratzten Wände der Höhle. Die Verzweiflung. Die Ohnmacht. Die Begierde. Den Zorn. Ein Wunsch der wie Feuer in seinem inneren brannte. Tore die aus den Angeln gerissen wurden. Einstürzende Pfeiler und Mauerwerk das unter ihm zerbrach. Stille. Aus der stille entwuchsen Stimmen. Unzählige Stimmen. Hunderte. Die eines jeden einzelnen, der diesem Monster einmal zum Opfer gefallen war. Er hatte sie verdrängt, doch sie schlummern bis heute in seinem Unterbewusstsein. Die Bilder schossen wie ein Sturzbach aus Blitzen vor ihrem inneren Auge umher und alles was Shaharií sah, sah auch der schwarze Drache vor seinem inneren Auge. Auch für ihn war alles um ihn herum versiegt. Zweifel. Angst. Der unerfüllte Wunsch mehr zu sein als er war. Schließlich kam Licht. Es durchbrach die Dunkelheit und langsam zeichneten die Bilder der Welt um sie herum sich wieder ab. „Was tust du mit mir!“ fauchte das Monster wutentbrannt. Er wollte Feuer speien. Seine Muskeln verkrampften sich. Doch es geschah nichts. Er war nicht länger Herr seines Körpers. „Beug dich, Monster!“ schrie die Menai ihm verächtlich entgegen und erstmalig sah sie etwas in seinen glühenden Augen, dass dem Ausdruck von Entsetzen sehr nahe kam. „Du…“ die Macht die sie benötigte um weiter in seinen Geist vorzudringen war enorm und selbst zu sprechen war unter diesen Umständen anstrengend. „… wirst… dich… beugen!“ Wie berstendes Mauerwerk sackte das Monster gen Boden und als läge sein eigenes Gewicht dreifach auf ihm, drückte er sich in das Erdreich. „Und nun verschwinde! Gib Ajun frei!“ Wieder blitzen die Bilder auf, gefolgt von den unzähligen Stimmen. Erneut wurde es schwarz um sie herum. Die Bilder wurden schneller und schneller und schließlich erkannte sie ihn. Ajun. In tiefster Finsternis, umgeben von feurig rotem Nebel. Die Magie hatte ihn verborgen, doch da war er. Licht zerriss den Nebel. Ajun war zurück. Augenblicklich begann seine Verwandlung sich umzukehren und das Ungetüm wurde Stück für Stück wieder zu dem Mann, den Shaharií kante. Die Panik um sie herum war schierem Erstaunen gewichen. Mit offenen Mündern standen die Menschen herum und beobachteten das Spektakel. „Ajun?“ ihre Stimme begann wieder zu zittern und es folgte ein krächzendes Husten. Wieder füllte ihr Mund sich mit Blut. In den Verstand eines magischen Wesens vorzudringen hatte sie viel Kraft gekostet und das in einem sowieso angeschlagenen Zustand. Schließlich regte sich die Gestalt und allem Anschein nach, war es wirklich Ajun, der die Kontrolle über seinen Körper zurückerlangt hatte. Auch den Wachen und Leuten war dies nicht entgangen und einer von ihnen war geistesgegenwärtig. „Ergreift sie! Bringt sie um, rasch, bevor sie ihr Hexenwerk erneut wirken können!“ Metall klirrte und jene die noch den Mut hatten und genug Kraft besaßen ihre Waffe aufrecht zu halten, stürmten auf die beiden zu. Andere begannen sich nach den Verletzten umzusehen. Es war ein Schlachtfeld. Überall lagen Trümmer, Leichen, Verwundete. An manchen Stellen loderte noch immer das Feuer, wenngleich der flammende Ring zu erlöschen begann. Ein schriller Schrei entwich der Ruferin und Blut lief ihr über die Lippen. Augenblicklich erstarrten die Männer in erster Reihe, die bereits ihre Waffen gegen den Dämon und die Menai gerichtet hatten. „Lasst eure Waffen fallen, nehmt eure Verwundeten und verschwindet oder ihr würdet euch wünschen die Flammen hätten euch einen gnädigen Tod gewährt!“ sie log. Die Ruferin hatte gerade noch genug Kraft die Männer in erster Reihe zu kontrollieren und es war lediglich eine Frage von Augenblicken bis ihr Körper einfach kollabieren würde, wenn sie weiter Magie wirkte. Oder schlimmeres. Sie wusste dass die Gefahr bestand, dass Talanií sich aus ihrem inneren hervorkämpfen könnte und wenn dies geschah, dann waren sie wahrlich der Gnade der Götter ausgeliefert. Talaniís Seele war zerrissen und gepeinigt, eine schreckliche Vorstellung wenn man bedachte, dass sie selbst noch einmal über eine gleichwertige Macht zu der der Menai verfügte. Schließlich verblasste ihre Magie und die Menai sank in die Knie. Sowohl die wenigen die noch fähig waren zu kämpfen, als auch jene die nur erstaunt herumstanden, traten einige Schritte zurück. Wohl eher aus Verwunderung als aus Angst, dass die dunkelhäutige Hexe ihre Drohung in die Tat umsetzen würde. Glücklicherweise hatte Ajun sich wieder gefangen und neben seiner Rüstung und einem Teil seiner Habe auch die Drachenerbin aufgesammelt. In seinen Augen tobte noch immer das Feuer und der kurze Blick den er Shaharií zuwarf, bezeugte dass er weiterhin bereit wäre zu kämpfen. Wortlos waren die beiden sich jedoch einig, dass es an der Zeit war zu verschwinden und die Furcht hielt die Angreifer gleichermaßen in Schach wie Ajuns Feuermagie. So schafften die drei es aus dem Hexenkessel heraus und kaum einer wagte es ihnen zu folgen oder sich in ihren Weg zu stellen. Erst als die Waldgrenze erreicht war verlangsamte sich das Tempo der Gruppe und Shaharií sackte mit dem Rücken an einen Baum angelehnt zusammen. „Warte…“ prustete sie hervor und hielt sich den verletzten Arm. „Ich kann nicht mehr…“.
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Re: Das Drachengrab

Beitrag von Assija » Di, 06. Okt 2015 23:09

Bildls Assija wieder zu sich kam, befand sie sich in einem dunklen, fensterlosen Raum, der nur vom Feuerschein einiger Talglichter, welche auf einem Tischchen standen, erhellt wurde. Panisch huschten ihre Blicke durch die Dunkelheit und sie versuchte, etwas zu erkennen, während sich ihre Augen allmählich an die Düsternis gewöhnten und sie Schemen ausmachen konnte. Sie saß auf einem hölzernen Stuhl, und ihre Hände waren an die Stuhllehnen gefesselt. Immer noch war ihr Geist gelähmt von dem Krampfanfall, welchen sie erlitten hatte und sie zerrte an ihren Fesseln. Doch das Seil war rauh und steif und scheuerte unangenehm an ihrer zarten Haut, so dass sie den Versuch sich von den Fesseln zu befreien bald aufgab. Noch während sie überlegte, wo sie war und wer sie hierher gebracht hatte, schoss die schmerzhafte Erkenntnis in ihren Geist zurück. Unzählige innere Bilder taten sich vor ihrem inneren Auge auf, und Assija begann schmerzerfüllt aufzuschluchzen. Ihr Kind… sie hatten es vor ihren Augen getötet! [18]Der wilde Mob hatte dieses winzig kleine Kind in ihrem Beisein und vollem Bewusstsein mit dreckigen Mistgabel, schartigen Äxten und derben großen Keulen erschlagen und zerstückelt.[/18] Sie schloss ihre Augen, in der Hoffnung, die Bilder würden verschwinden, aber sie taten es nicht. Die Stille die den Raum vor Assijas Erwachen noch beherrscht hatte, war nun von ihrem Weinen und Wehklagen erfüllt. Noch während sie sich ihrem Kummer hingab, regte sich etwas in der Dunkelheit und als Assija es bemerkte, hielt sie schlagartig inne und verstummte. Jemand erhob sich von einem Stuhl in einer Ecke des Raumes, und trat mit langsamen, schweren Schritten auf sie zu. Eine derbe Hand schälte sich aus der Dunkelheit in den wabernden Lichtkegel, und stützte sich auf der Tischplatte auf. Dann ging die Gestalt in die Hocke. Sie erkannte einen Mann mit narbenzerfurchten und stoppeligem Gesicht, dessen Augen entschlossen blitzten. „Die Hexe ist also erwacht…“ brummte er mit einer widerwärtigen Reibeisenstimme. Assija wagte nicht, das Wort zu erheben, darum schwieg sie und starrte den Mann mit angsterfüllten Augen und tränenüberströmten Gesicht an. „Hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ brummte er und Assija schüttelte den Kopf. „Ich bin keine Hexe…“ flüsterte sie, obgleich sie wusste, dass ihr niemand Glauben schenken würde. Sie hatten es doch alle gesehen, das Dämonenkind. Assija hatte die Angstrufe, die Vorwürfe und Beschuldigungen gehört, und ganz tief in ihrem Inneren konnte sie den Leuten für ihre Angst nicht einmal Vorwürfe machen. Hatte sie sich doch selbst entsetzlich vor dem dämonischen Kind gefürchtet. Nicht einmal, dass sie ihrem Flehen nicht nachgegeben hatten, und sie zusammen mit dem Kind einfach verjagt hatten. Trotzdem schmerzte die Erinnerung entsetzlich, und der Schock saß tief.

Der Mann lachte „Das sagen sie alle. Doch genügend Menschen im Dorf haben diese Ausgeburt, diesen teuflischen Bastard gesehen. Niemand glaubt dir.“ Er rückte ein wenig näher an Sija heran und sie vernahm den säuerlich stinkenden Atem aus seinem Mund. „Auch ich glaube dir nicht. Und ich bin auch nicht gekommen, um dich freizulassen. Du bist hier, um von mir befragt zu werden.“ Er langte nach einem der flackernden Talglichter auf dem Tisch und zog es ein wenig heran. Er nickte mit dem Kopf auf den Tisch und Sijas Augen folgten seiner Geste. Auf einem Tablett lagen allerlei Instrumente und Zangen aller Art, die fein säuberlich nach Größe oder Beschaffenheit sortiert waren. Assijas Augen weiteten sich bei dem Anblick. Zwar war diese Unsitte in der Wüste nicht gebräuchlich, doch sie war weithin bekannt, dieses barbarische Brauchtum der Folter. „Nein…“ hauchte sie. „Doch…“ erwiderte der Kerl. „Du wirst uns verraten, wer deine Verbündeten sind... D wirst sie namentlich aufzählen, mir sagen, wo sie sich aufhalten. Wenn du mir keine zufriedenstellenden Antworten gibst, dann werde ich mir etwas überlegen, womit ich die Wahrheit aus dir herausbekomme.“ Seine Hand strich über die Werkzeuge und er grinste böse. „Also. Mit wem hast du dieses Wechselbalg gezeugt?“ Assija schwieg. Wir konnte sie Ajun verraten? Wie konnte sie Shaharií verraten? Die liebsten und einzigen Freunde, die sie besaß? Sie würde lieber sterben, als einen von ihnen zu verraten und gar auszuliefern. Sie würden sie ohnehin verbrennen, oder nicht? Er hatte doch eben gesagt, dass ihr niemand Glauben schenkte, und sie hatten sie als Hexe bezichtigt, sie hatten ihr Kind umgebracht, und sie würden sie niemals gehen lassen, was immer sie auch gestand und erzählte. Vielmehr würde sie durch ihr Geständnis einen von beiden noch ins Verderben ziehen, und das würde sie nicht zulassen. Nachdem einige Zeit des Schweigens verstrichen war, räusperte sich der Mann und wiederholte ruhig und gelassen seine Frage. „Ich frage dich noch einmal. Mit wem stehst du im Bunde?“ „Mit niemandem…“ stieß die kleine Drachenerbin hervor und keine Sekunde verstrich, da schlug ihr der Mann mit dem Handrücken hart ins Gesicht, so dass ihr Kopf gegen die Stuhllehne flog und sie aufschrie. Für einen Moment erfüllte Schwärze ihren Geist und sie sah Lichtpunkte vor ihren Augen. Er hatte sie mit einem seiner Knöchel direkt am Jochbein getroffen, und diese Stelle pochte und pulsierte schmerzhaft, begleitet von Assijas Wimmern. „Nun hast du hoffentlich begriffen, wie ich hier verfahre. Ich stelle die Fragen, und du antwortest. Wenn ich mit der Antwort nicht zufrieden bin, dann werde ich dich dies spüren lassen“ erwiderte er mit einer weiteren stoischen Ruhe. „Mit wem hast du dieses Wechselbalg gezeugt?“ fragte sie und Assija suchte in ihren Gedanken nach einer Antwort, die ihn zufriedenstellen würde. Doch sie fand keine. Noch ehe sie auch nur den Mund öffnen konnte, um irgendetwas zu sagen, da traf sie sein Handrücken erneut im Gesicht. Sie schrie auf und sie schmeckte salziges Blut auf den Lippen, und spürte das Rinnsal, welches daraus sickerte und über ihr Kinn lief. „Dasselbe gilt, wenn du mir keine Antwort gibst! Hast du das jetzt verstanden?“ schrie er sie an und Speicheltropfen flogen ihr ins Gesicht. Assija wimmerte und nickte hastig. „Also!“ rief er und seine Tonlage und die Heftigkeit dieses Wortes bezeugten, dass seine Geduld erschöpft war. „Wer sind deine Verbündeten? Wer ist der Erzeuger dieser Brut? Ich will Namen!“ Panik und höchstgradige Nervosität erfüllten die kleine Drachenerbin. Sie presste die Lippen aufeinander, und Blut füllte ihren Mund. Sie spürte, dass ihre Kehle beengt und trocken wurde, und sie begann zu husten und zu krächzen. Der Mann erhob sie, wandte sich um, und als er sich wieder Assija zuwandte, traf sie ein eiskalter Schwall Wasser, so dass ihr vor Schreck die Luft wegblieb. „So. Das sollte helfen“ gluckste er. „Ich frage dich jetzt zum allerletzten Mal, du rothaarige Hexe. Danach greife ich zu meinen Werkzeugen!“

Assija begann zu heulen. „Ich weiß nicht, was ihr von mir hören wollt! Es gibt keine Verbündeten, es gibt keine Hintermänner!“ schluchzte sie. „Bist du dir sicher?“ hakte er nach. „Ja… ja…“ stammelte sie. Die Hand des Mannes schlug auf der Tischplatte auf, und er seufzte ergeben. „Du hast also keine schwarzhäutige Hexe als Verbündete? Man hat sie gesehen, wie sie bei dir ein und ausgegangen ist.“ Assija erbleichte. „Und weil du gelogen hast…“ Er griff auf das Tablett und ergriff eines der Instrumente. Eine kleine Kneifzange. Assija verfolgte seine Gebärden mit schreckensstarren Blicken. Seine andere Hand drückte sich auf ihre gefesselte Hand hernieder und hielt diese eisern fest, während er gleichzeitig ihre Finger auseinander spreizte. Er setzte die Zange an ihrem kleinen Fingernagel an, und mit einem Ruck zog er daran. Ein rasender, heißer Schmerz durchfuhr die Hand der kleinen Drachenerbin, welcher sich durch ihren Arm bis hin zu ihrer Schulter zog. Noch ehe ihr gewahr wurde, was er getan hatte, schrie er „Das war der erste! Und ich werde dir alle Nägel der Reihe nach herausreißen! Und danach die Fußnägel. Und wenn keine Nägel mehr übrig sind, werde ich mir mit der großen Zange da deine Zehen vornehmen, und danach die Finger. Und danach reiße ich dir deine Zähne heraus! Zahn um Zahn! Stück für Stück, werde ich dich deiner Körperteile entledigen, wenn du mir jetzt verdammt nochmal keine Antwort gibst…“ „Der Teufel! Der Teufel!“ schrie die kleine Drachenerbin, und ihr Atem ging heftig, um den Schmerz zu verarbeiten, welcher sich in ihrer Hand ausbreitete. „Was redest du da, Hexenweib?“ fragte er herrisch. „Es war der Teufel…“ hauchte sie resigniert. „Du gestehst also, mit dem Teufel im Bunde zu stehen und mit ihm den Beischlaf vollzogen zu haben?“ Assija wusste, dass dies die Antwort war, die er hören wollte. „Ja“ stieß sie hervor, und ihr Leib begann unkontrolliert zu zittern. Der Mann nickte zufrieden. „Und die schwarzhäutige Hexe? Was habt ihr miteinander zu schaffen?“ Diese Antwort blieb die kleine Drachenerbin ihm schuldig, denn plötzlich sackte sie auf dem Stuhl zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt worden waren….

Als sie kleine Drachenerbin wieder zu sich kam, fand sie sich auf einem mächtigen aufgehäuften Scheiterhaufen wieder. Zu ihren Füßen lag das blutige Bündel, von dem sie wusste, dass es ihr totes Kind barg. Als Assija das blutgetränkte Bündel sah, fing sie erneut zu Schluchzen an. Aber auch über die Gewissheit, dass sie nun einen qualvollen Tod sterben und Ajun nie wieder sehen würde, ließ ihr das Herz schwer werden. Zwei, höchstens drei Tage, hatte er gesagt. Nun war der dritte Tage angebrochen und er war immer noch nicht zurückgekommen. Und er würde auch nicht zurückkommen, bevor der Scheiterhaufen niedergebrannt war. Zahllose Schaulustige hatten sich eingefunden. Wut, Empörung, aber auch Entsetzen… all diese Gefühle umwaberten die kleine Drachenerbin, doch in dieser Ausnahmesituation war sie unfähig, von diesen Gefühlen zu zehren. Wie eine leblose Puppe hing sie an einem Baumstamm gefesselt, umringt von einem riesigen Haufen toter, knochentrockener Äste und Holzscheite. Als sie aufblickte, sah sie einen Mann, der eine brennende Fackel hielt. Fast hätte sie ihn unter seinem Hut, welcher mit einer weißen Feder geschmückt war, nicht erkannt. Doch seine Reibeisenstimme hätte sie unter tausenden wiedererkannt. „Die Hexe hat gestanden! Sie steht mit dem Teufel im Bunde und hat Unzucht mit ihm getrieben! Ein wahrhaft scheußliches Wechselbalg! Sie ist besessen! Seht ihr braven Bürger! Seht das Hexenweib!“ rief er unheilschwanger. Erneut schluchzte Assija heftig auf und die salzigen Tränen brannten bereits auf ihrer Haut, auf ihrem schmerzenden Jochbein. Ihre Lippe brannte und begann erneut zu bluten, als ihr Mund sich verzerrte. Ihr kleiner Finger, an welchem der Büttel den Fingernagel brutal herausgerissen hatte, scheuerte an dem Baumstamm und rief erneute rasende Schmerzen hervor, welche sie beinahe lähmten. Ein weiterer Büttel trat an den Scheiterhaufen heran, entschlossen, diesen mit seiner Fackel zu entzünden, doch dann geschah etwas. Ein Mann stürzte sich auf den Kerl. Ein großer, schwarzhaariger Mann. An diesem trüben Tag tat Assijas Herz keinen Sprung, doch sie erkannte ihn. Ajun! Der Drache fackelte nicht lang. Das Feuer, welches an der pechgetränkte Fackel loderte, sprang auf seine Hand über und diese drückte er dem Kerl ins Gesicht, welcher gellend aufschrie. Doch der Drache war unbarmherzig und gab nicht nach, bis der Mann verstummte und leblos liegen blieb. In diesem Moment brach Panik über die Schaulustigen herein. Sie schrien und kreischten entsetzt, die Menge setzte sich in Bewegung und versuchte zu fliehen. Soldaten kamen gelaufen und hetzten den Drachen mit Spießen, wie einen Stier in einer Arena. Er wich zurück und kurze Zeit später stand er bei Assija auf dem Scheiterhaufen. „Sija“ sagte er. „Ajun…“ erwiderte die kleine Drachenerbin, doch sie hob nicht den Kopf, ja sie hob noch nicht einmal den Blick. „Du bist gekommen…“ erwiderte sie matt. „Geht es dir gut?“ Da schüttelte sie traurig den Blick und ihre Augen fixierten das blutgetränkte Bündel zu ihren Füßen. „Sija…das Kind…Hat es die Geburt nicht geschafft?“ Assija schüttelte matt den Kopf. Sie konnte ihn nicht ansehen. Sie konnte einfach nicht. Er legte seine Hand unter ihr Kinn, hob es an und zwang sie so, ihn anzusehen. Als sich ihre Blicke trafen, füllten sich ihre Augen erneut mit dicken Tränen. Die Miene des Drachen wurde finster. „Dafür werden sie brennen. Jeder einzelne von ihnen.“ Assijas Lippen bebten, und dieses Mal widersprach sie ihm nicht. „Es kam gesund zur Welt. Ein Junge. Sie haben den Jungen getötet, Ajun…“ Assija kannte diesen Ausdruck in Ajuns Gesicht. Der Zorn nahm überhand, die Magie nahm überhand, fesselte ihn, und nichts und niemand würde ihn aufhalten können. Auch nicht Assija, wenn sie es gewollt hätte. Ajun begann markerschütternd zu brüllen. Die Menschengestalt wandelte sich, und wurde zur Drachengestalt. Seine Klauen zerrissen das starke Seil mühelos, welches sie an den Stamm fesselte, und Assija sackte entkräftet auf die Knie. Der schwarze Drache schob sie noch vom Scheiterhaufen, bevor die Verwandlung vollendet war, dann stob er davon. Assija blieb am Rande des Scheiterhaufens liegen. Von ihr nahm nun keiner mehr Notiz, galt es doch, mit einem gänzlich anderen Ungeheuer fertig zu werden, als mit einer Hexe. Noch ehe sie sich gewahr wurde, was vor sich ging, umfing sie wieder gnädige Ohnmacht…

Assija schlug die Augen auf und stellte fest, dass sie noch am Leben war. Sie lehnte gegen einen Baum, bedeckt mit ihrem Wollmantel. Würzige Waldluft erfüllte ihre Nase, und friedvoll zwitscherten Vögel in den Bäumen. Doch es war trügerischer Frieden. Nichts war in Wahrheit friedlich, in ihrem aufgewühlten und geschundenen Herzen herrschte kein Frieden mehr. Nur Schmerz und Kummer, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder gut werden würde. Sie ließ ihre ausdruckslosen Augen durch die Gegend schweifen. Da war die schwarze Menai, die gegen einen Baum lehnte, und da war der Drache, in der Dämonengestalt, welcher nur unweit von ihr saß. Die kleine Drachenerbin regte sich ein wenig. Ihr Schoß war warm und feucht. Vermutlich Blut von der Geburt, welches immer noch floss und, so hatte Shaharií ihr im Wochenbett erzählt noch einige Wochen fließen würde. Als Ajun bemerkte, dass sie sich geregt hatte, rutschte er ein Stück weit an sie heran. Er sagte nur ein Wort. „Sija…“ Ihre Blicke kreuzten sich und schon wieder wurden ihre Augen nass, und die Tränen begannen unkontrolliert zu fließen. Sie weinte still in sich hinein, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigen konnte. Sie dachte an das kleine, namenlose Geschöpf und ihre Brüste begannen heftig zu spannen und zu schmerzen. Als der Schmerz langsam verebbte, bildeten sich Flecken auf dem Kleid unter ihrem Mantel. Was Assija längst wusste, wusste ihr Körper noch nicht, denn er hatte sich darauf eingestellt, ein Kind zu ernähren. Ein Kind, welches tot war, und kein für Assija angemessenes Begräbnis erhalten würde. Sie konnte nur mutmaßen, was passiert war, doch die letzte Erinnerung, welche sie besaß, war, dass Ajun sich in seine Drachengestalt verwandelt hatte, und was das jedes Mal bedeutete, wusste sie. Wahrscheinlich waren die sterblichen Überreste des Kindes zu Asche und Staub verbrannt. „Ajun…“ antwortete sie mit bebenden Lippen. In diesem Moment wusste sie nicht, was sie außer Trauer und Schmerz empfinden sollte. Ihr Körper fühlte sich wie ein einziger Schmerz an. Ihr Kopf schmerzte, ihre Brüste schmerzten, ihr Rücken schmerzte, ihr Unterleib schmerzte, ihre Hand, wo ihr der Büttel den Fingernagel ausgerissen hatte, schmerzte, sie fühlte sie matt, schwach und hundeelend, doch all das war nichts im Vergleich zu dieser tiefen Verzweiflung und der Seelenpein, die sie verspürte. Eigentlich wollte sie nicht reden. Sie wollte ihm keine Vorwürfe machen. Und doch tat sie es. „Du warst nicht da, Ajun. Kurz nachdem du gingst, ging die Geburt los. Ich hätte dich gebraucht, um es besser ertragen zu können. Aber ich habe es auch alleine mit Sharis Hilfe geschafft. Aber dann… alleine in der Herberge… Shari hat mich besucht und geholfen, wann immer es ging. Und dann begann das Kind dämonenhafte Ausbrüche zu bekommen. Immer öfter. Ich hatte entsetzliche Angst, wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, was ich tun sollte... Und dann haben sie es bemerkt. Sie haben das Zimmer gestürmt, [18]sie haben das Kind mit Forken und Äxten regelrecht zerstückelt.[/18] Ich konnte nichts tun, ich musste hilflos mitansehen, wie sie mein… unser Kind auf grausamste Art umbrachten. Ich werde diese hilflosen Schreie nie wieder vergessen… Du hast mir versprochen, dass mir nie ein Leid widerfahren würde, wenn ich nur bei dir bleibe. Aber… das schlimmste Leid das mir je widerfahren konnte, davor hast du mich nicht bewahren können…“ Die darauf folgende Folter erzählte sie erst gar nicht. Es war belanglos, gemessen an den vorigen schrecklichen Ereignissen. „Wie soll ich nur jemals wieder Freude in meinem Herzen empfinden? Wie kann ich jemals wieder lachen, oder ruhig schlafen, mit diesen Bildern in meinem Kopf? Oh, ich wünschte, ich wäre damals in der Arena des geheimen Zirkus gestorben, dann wäre mir all das erspart geblieben…“ Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und begann wieder herzzerreißend zu Schluchzen…
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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Re: Das Drachengrab

Beitrag von schwarzer Drache » Do, 08. Okt 2015 1:12

Bildchwärze umfing den Mann, den nur wenige Zeugen seiner Verwandlung unter dem Namen Ajun kannten. Er fühlte sich, als würde er in einem schwarzen Sog gefangen sein und immer tiefer in das dunkle Nichts gezogen werden. Die Wogen der Wut und des Hasses wogten zu beider Seiten seines Geistes und begruben ihn förmlich unter sich. Er hatte die Beherrschung gänzlich verloren. Doch er hatte nichts dagegen unternommen. Er wollte die Wut nicht beherrschen. Er wollte den Zorn nicht unterdrücken. Für diesen Frevel, den dieses Gewürm der Drachenerbin und seinem Sproß angetan hatten gab es keine Gnade. Kein Recht auf Sühne. Kein Verzeihen und kein Vergeben. Sie hatten den Tod verdient. Jeder einzelne von ihnen. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind dieser verdammten Stadt sollte brennen und er würde erst aus seinem tiefen Schlummer erwachen wenn die Stadt dem Erdboden gleichgemacht sein würde. Denn dies war seine Natur. Und dies war sein Schwur gewesen, den er Assija geleistet hatte. Er wollte sie vor jedem Leid bewahren. Jedem Schaden. Er hatte den Schwur gebrochen und nun gab es nur noch einen Weg diese Schuld zu begleichen. Jede Lunge musste aufhören zu atmen. Jedes Herz musste aufhören zu schlagen und jeder Verstand musste aufhören zu denken. Jeder, bis auf einer…Assija.

Er hörte das Donnergrollen seiner düsteren Stimme, den Wut und den Zorn der ihr mitschwang. Er vernahm das knistern der Flammen, die in seinem Rachen brannten. Er vernahm das Brodeln seines Blutes und das Rauschen der Magie welche heißer und heißer wurde, als drohte sie jeden Moment aus ihm herauszubrechen. Und als die Schwärze ihn schlussendlich verschlungen hatte, hörte und sah er nichts mehr. Nur Finsternis und totenstille Einsamkeit. Er war allein. Und er unternahm nichts dagegen an diesem Zustand etwas zu ändern. Die Menschen waren ihm gleichgültig geworden und er wünschte jedem von ihnen den grausamsten Tod den man sich nur vorstellen konnte. Sein Aufbegehren gegen die Macht der Magie und die Kraft des zweiten Gesichtes, welche stets aufkeimte, sobald die zweite Seite seines dämonischen Selbst die Kontrolle übernahm, war erloschen. Er wollte den Dämon nicht aufhalten. Er hatte ihn heraufbeschworen um das Richtschwert der Frevler zu werden, welche Hand an sein Eigentum gelegt hatten. Sie hatten Assija geschlagen, also sollten sie dafür brennen. Sie hatten das Kind getötet, also sollten sie dafür leiden.

Doch die Stille und die Finsternis währten nicht lange. Etwas geschah, was noch niemals geschehen war, seit er auf dieser Welt wandelte. Der schwarze Drache erwachte aus seiner Lethargie. Diese fremde Präsenz hatte ihn neugierig gemacht. Ein leises Flüstern durchbrach die Stille der schwarzen Finsternis in welche er sich gehüllt hatte. Dumpf und leise. Es waren Worte, die der Drache nicht verstand. Und so bäumte er sich schließlich auf, um den Ursprung dieser Worte zu ergründen, sowie sie zu verstehen. Nach und weitete er seinen Geist, bis er an die Grenzen seines Verstandes stieß. Dort, an der Grenze war der Geist des zweiten Gesichtes. Lichterloh hell und gleißend heiß, als ob der Geist seines zweiten Selbst von seinem eigenen Zorn verbrannt würde. Es war die Magie, welche diesem Feuer ihre Kraft gab und der schwarze Drache konnte nur unter Aufbringung all seiner mentalen Stärke die Feuerwand durchbrechen, um so dem Dämon Einhalt zu gebieten. Doch er hatte nicht vor, dem Dämon in seine Schranken zu verweisen. Er sollte wüten, brennen und zerstören. Doch diese fremde Stimme war auch jenseits der Flammen. »Was geschieht hier?«, murmelte Ajun und tastete nach den Flammen um eine Möglichkeit zu finden diese zu überwinden, als mit einem Mal die feurige Farbe der Flammen immer düsterer wurde, bis sich das Feuer in schwarzen Rauch verwandelte. Ein gellender Schrei ertönte in seinem dunklen Reich und ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Verstand. »Nein!« Ein tiefes Donnergrollen erfüllte Ajun. Es war das zweite Selbst, welches gebrüllt hatte. »Verschwinde! Raus hier! Dies ist kein Ort für dich! Dies ist mein Reich!« Ajun wich instinktiv zurück, als der Rauch sich mit einem Mal wieder entzündete und Myriaden winziger Glutfunken seinen Geist beinahe blendeten. »Gib Ajun frei!« Ajun erkannte die fremde Stimme. Es war Shaharií. Sie war hier? In seinem Geist? Unmöglich! Nun erwachte der wahre Geist des schwarzen Drachen. Ajun selbst. Das zweite Gesicht war nicht der Herr und Meister über diesen Körper. Ajun war es. Er hatte der zweiten Seele freiwillig die Kontrolle überlassen um furchtbare Rache an den Menschen zu verüben. Aber Shaharií hatte dem Dämon die Stirn geboten. Hatte ihn dort angegriffen, wo er es nicht für Möglich gehalten hatte, dort, wo Ajun nicht war, weil er sich in die Schatten zurückgezogen hatte, um der Magie ihren freien Lauf zu lassen. »Shaharií!«, brüllte Ajun in die vom Rauch verhüllte Finsternis! »Bist du verrückt geworden?« Er stemmte sich mit aller Macht gegen den Willen des zweiten Gesichtes, welches sich nun buchstäblich in der Mangel befand. Von außen drückte Shahariís Geist gegen die feurigen Barrieren seines Verstandes und von innen stemmte Ajun mit aller Macht dagegen. »Verschwinde, bevor sein Feuer deinen Geist entzündet!« Oh, der schwarze Drache hatte die Menai unterschätzt. Noch nie war es einem Zauberer gelungen in seinen Geist einzudringen. Er hätte es gar nicht für möglich gehalten, dass der Geist eines Menschen dem brennenden Geist eines Dämons widerstehen konnte. Doch sollte der Rauch neuerlich in Flammen aufgehen…Ajun kam nicht mehr dazu den Gedanken zu Ende zu spinnen, was wohl geschehen würde, sollte der Dämon sie in eine Falle gelockt haben. Der Rauch verzog sich und ehe Ajun es sich versah, wurde er mit gewaltiger Kraft aus der Finsternis herausgerissen. Das Licht wurde heller und heller, und ein ohrenbetäubender Knall ertönte in seinen Ohren, als er schließlich wieder die Augen aufschlug.

Ajun schnappte nach Luft und riss die Augen auf. Alles um ihn herum brannte, doch die Wucht, mit welcher er erwacht war, hatte ihn völlig überrascht. Er ließ seine Blicke über den Platz wandern. Überall brannte es. Menschen rannten in Panik umher und rauchende Leiber bedeckten die Straßen. »Sija!«, rief Ajun und stürzte zu dem lodernden Scheiterhaufen, von welchem größtenteils nur noch Glut und Asche übrig geblieben waren. Die kleine Drachenerbin lag bewusstlos auf dem Boden. Sofort ging er vor Assija in die Knie und legte sein Ohr auf ihre Brust. Doch zu seiner Erleichterung war sie noch am Leben. Ajun blieb keine Zeit sich um Assija zu kümmern. Die Menschen hatten die Gunst der Stunde erkannt und waren bereits im Begriff sich neuerlich gegen ihn zu formieren. »Ergreift sie! Bringt sie um, rasch, bevor sie ihr Hexenwerk erneut wirken können!« Den Worten folgten keine Taten. Als ob die Männer von unsichtbaren Händen gehalten würden, verharrten sie an Ort und Stelle. Doch ein Blick auf die Menai genügte dem Dämon um zu verstehen was hier geschah. »Wie lange kannst du sie noch aufhalten, du Teufelsweib? Sieh dich an, du bist am Ende.« Ajun schüttelte den Kopf. »Du kannst sie nicht mit Vernunft aufhalten. Und nicht einer von ihnen hat die Gnade verdient, die du ihnen gewährst, indem du ihr Leben verschonst.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren streckte Ajun beide Hände von sich und schloss die Augen. »Ash rho‘ na azdaja!« Die Worte brannten auf seiner Zunge, und sie brannten auf seinen Lippen. Doch er ertrug den Schmerz, denn der Hass schnürte ihm die Kehle zu und die Wut machte ihn unfähig etwas anderes zu empfinden als Zorn. Leid, Schmerz, Trauer…nichts davon war stark genug um seine Wut zu überwinden. Die Flammen der brennenden Häuser, der schwelenden Leichen und selbst das Feuer seines Herzens strömte in seine Hände. Und noch ehe er die Augen wieder öffnete, schleuderte er die Flammen im hohen Bogen von sich. Kaskaden von Feuer, Glut und gleißenden Funken entflohen seinen Fingern. »Sie verstehen nur eine Sprache…und ich werde sie ihnen lehren!« Kein Funke war größer als ein Fingernagel, und doch war jeder von ihnen so heiß, dass sie sich mühelos durch die Kleidung, die Haut und das Fleisch der Menschen brannte, bis hinein in ihre Eingeweide, wo diese buchstäblich von innen verbrannten. Jene Menschen die hilflos mitansehen mussten, wie die Opfer mit gequälten Schmerzen zu Boden gingen verloren schließlich den Mut und flohen. »Nun haben sie verstanden.« Ajun ließ die Hände sinken, denn seine Blicke schweiften neuerlich zu Assija, die noch immer regungslos am Boden lag. Hastig eilte er zu ihr und hob sie auf. Auch seine Rüstung, deren Schnallen völlig verbogen waren, wie auch den Beutel mit mühevoll gesammelten und geernteten Ingredienzien hob er vom Boden auf. »Zeit zu verschwinden.« Es waren keine weiteren Worte nötig. Shaharií war entkräftet. Assija bewusstlos. Und solange er Assija trug konnte er die Menge nicht mit seiner Magie in Schach halten. Seine Augen brannten wie glühende Kohlen und die Hitze, welche seinem Körper innewohnte ließ die Luft um ihn herum verschwimmen und flimmern. Jede Faser seines Willens schrie danach die Menschen zu vernichten. Doch wie konnte er dies, ohne Assija in Gefahr zu bringen? Shaharií konnte ihr nicht helfen. Sie brauchte selbst Hilfe. Und er konnte nicht riskieren einen dritten Ausbruch heraufzubeschwören. Was würde dann geschehen? Er würde morden, er würde brandschatzen und dann, wenn alles vorbei war würde er bewusstlos zusammenbrechen. Und sollte auch nur ein Mann noch am Leben sein, würde dies sein Ende bedeuten. Und mit ihm auch das von Assija.

Und so rannten sie aus der Stadt und ließen die Flammen und die Überlebenden hinter sich, bis sie den Rand des Waldes erreicht hatten. Ajun legte Assija auf den Boden und ließ daraufhin seine Knöchel knacken. Auch Shaharií ließ sich auf den Boden sinken, doch noch bevor sie den Boden erreicht hatte, war er zu ihr gesprungen und hatte sie am Hals gepackt. »Wage es niemals wieder in meinen Kopf einzudringen, oder du wirst den Tag verfluchen an dem wir uns begegnet sind.« Er drückte ein wenig fester zu, bis der Mangel an Atemluft ihre Augen weiten ließ. »Hast du mich verstanden?« Er zischte die Worte, als ob seine Zunge die einer Schlange geworden wäre, und ohne eine Antwort oder Mimik abzuwarten, ließ er die Ruferin los und wandte ihr augenblicklich den Rücken zu um sich neben Assija auf den Boden zu setzen, so weit wie möglich weg von der Menai…

Noch immer von dem Zorn erfüllt, den er aufgrund der Menschen Brisangens hegte, riss er einen Grashalm aus dem Boden und begann darauf zu kauen, als ob ihm dies Linderung verschaffen könnte und beobachtete Assija. Ihre Brust hob und senkte sich gleichmäßig und ihr Atem ging langsam. »Sieh, was sie meiner kleinen Drachenerbin angetan haben.« Er sprach so leise, dass es beinahe einem Flüstern glich. Er wandte der Menai den Blick zu und auch wenn er es nicht aussprach, so konnte man klar und deutlich die anklagenden und vorwurfsvollen Blicke in seinen Augen sehen, die wohl ihr gelten mussten. Doch er starrte sie nur an und wandte dann den Blick wieder ab. »Ich habe im Wald den falschen Weg eingeschlagen…nur deshalb bin ich zu spät gekommen…« Wieder riss er einen Grashalm aus und spuckte dabei den anderen aus. »Und wo warst du?« Er schüttelte den Kopf. Es folgten noch ein halbes Dutzend Grashalme, und jedes Mal, wenn Ajun dabei den Boden berührte, stieg eine kleine Rauchfahne von dem Gras auf, welches zusehends an Farbe verlor und sich braun verfärbte. Die Hitze der Feuermagie war noch längst nicht abgeklungen. Der Zorn noch nicht verraucht. Und während Ajun immer wieder Assija und Shaharií anstarrte war er nur mit einem beschäftigt. Mit sich selbst, damit das zweite Gesicht dort blieb wo es war. Tief in den Schatten, wo es hingehörte. Die Zeit verging und Minuten wurden zu Stunden, als der schwarze Drache die warme Hand hob. Kleine Flammen tanzten auf den Fingerspitzen und sprangen von einem Finger auf den anderen und wieder zurück. Er hatte nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden müssen, denn das Feuer war von ganz alleine gekommen. Die Magie wollte seinem Körper entfliehen. Der Zorn und die Hitze seiner Wut war zu viel. Sie musste entweichen. Und Shaharií hatte es vorzeitig beendet. Die wilde Magie war nicht gebunden worden. Sie war nicht verbraucht. Shaharií hatte ihnen vielleicht das Leben gerettet, doch zu welchem Preis? Die Maige musste verbraucht werden. Sie hatte es verhindert. Sie hatte sich ungefragt eingemischt! Es gab kein wirkliches Muster in dem Feuertanz zu erkennen, während der schwarze Drache einfach nur schweigend da saß und auf die Flammen starrte. Wieder warf er einen Blick auf die Menai, bis dieser sich verfinsterte und wieder wandte er den Blick ab. Und dann ließ er die Flammen einfach auf den Boden fallen, wo sie sich augenblicklich in das Gehölz fraßen und das morsche und trockene Holz zum Knistern und Knacken brachten. »Danke.« Dieses eine Wort kam ihm hörbar schwer über die Lippen. Und hörbar leise. Beinahe so leise, dass es von dem Knacken des Holzes und dem Knistern der Flammen beinahe erstickt wurde. Ajun schob das brennende Gehölz auf einen kleinen Haufen zusammen und erhob sich dann schließlich. »Sorge dafür dass es nicht ausgeht. Und sorge dafür dass es sich nicht ausbreitet.« Mit diesen Worten verschwand er im Unterholz. Wie viel Zeit genau verging, bis er schließlich wieder mit dem Kadaver eines kleinen Tieres wiederkehrte, konnte man kaum sagen. Die Haare des Tieres waren versengt und der Körper unnatürlich verdreht, so dass man nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, um was für ein Tier es sich wohl handeln mochte. Ajun zog schweigend das Langmesser aus der Scheide und begann dem Tier die Haut abzuziehen, es auszuweiden und schließlich auf einen Stock zu spießen um es über dem Feuer zu braten. »Was nun?«, meinte der schwarze Drache. »Ich vermute dass du das Buch nicht mehr bei dir hast, oder?« Er seufzte und drehte dabei den Spieß über dem Feuer, damit das Fleisch nicht versengt wurde. »Alles umsonst. All die Zeit verschwendet…und wofür?« Eigentlich sprach er nicht wirklich mit der Menai, mehr mit sich selbst, denn irgendwie fiel es ihm ungewöhnlich schwer zu schweigen. Vielleicht lasteten die vergangenen Ereignisse auf ihm, dass er darüber sprechen musste? Oder vielleicht nagte auch nur die Schuld, die er sich nicht eingestehen wollte, auch wenn er es musste, an ihm, dass Assijas Leid seiner Abwesenheit zu verschulden war.

Als Assija erwachte, war der Braten bereits fertig. Ajun hockte im Schneidersitz vor ihr und starrte ins Leere, völlig in Gedanken versunken. »Sija.« Er wandte den Blick von dem imaginären Punkt, den er angestarrte hatte ab und rang sich ein müdes Lächeln ab. »Wie geht es dir?« Wenn Sorge in seiner Stimme zu hören war, dann wurde sie nur von der Müdigkeit die ihn umgarnte überdeckt. Er war ausgebrannt. Müde und sein Körper schrie nach Erholung und zugleich drängte der Rest der wilden Magie darauf frei gelassen zu werden, während er vehement dagegen ankämpfte Er brauchte Schlaf. Er brauchte Erholung. Erholung von zwei Verwandlungen innerhalb von drei Tagen. Erholung von der ewigen Wachsamkeit. Erholung von den Zweifeln und der Schuld die ihn plagten. Doch solange die wilde Magie in seinem Blut sich nicht abgekühlt hatte, war an Schlaf und Erholung nicht zu denken. Er musste wach bleiben. Wachsam bleiben. Dafür sorgen, dass die Magie blieb, wo sie war. Um Assijas Wohlergehen willen. Um sein Wohlergehen willen. «Du warst nicht da, Ajun.« Der schwarze Drache nickte und ihre Blicke kreuzten sich. »Ich weiß, kleine Drachenerbin.« »Ich hätte dich gebraucht, um es besser ertragen zu können.« Er nickte, doch er schwieg. Was gab es schon dazu zu sagen? Nichts, was ihr Linderung verschaffen könnte. Und nichts, was die Ereignisse ungeschehen machen könnte. Assijas Stimme nahm mehr und mehr an Kraft zu, während sie ihm erzählte was vorgefallen war. Doch je mehr sie sprach, desto gebrochener wirkte ihre Stimme. »Du hast mir versprochen, dass mir nie ein Leid wiederfahren würde, wenn ich nur bei dir bleibe. Aber…das schlimmste Leid das mir je widerfahren konnte, davor hast du mich nicht bewahrt.« »Ich weiß, Sija.« Er hob den Blick um ihr wieder in die Augen zu sehen. »Ich habe versagt...« Er sollte sie um Vergebung bitten. Doch wie konnte sie ihm vergeben? Wem half Vergebung? Ihr? Ein schwacher Trost. Ihm? Nichts als Selbstbetrug. Sie würde nichts daran ändern. Und er würde nicht darum bitten. Als Assija zu weinen begann erhob sich der schwarze Drache. »Du solltest etwas essen Sija. Damit du wieder zu Kräften kommst.« Er riss etwas von dem Braten ab und hielt ihn Assija entgegen. »Und du auch, Ruferin…« Assija schien alles andere als daran denken zu wollen etwas zu essen. »Ich kann dir keine Linderung verschaffen. Auch keine Wiedergutmachung. Ich habe dein Leid, das dir durch diese Menschen wiederfahren wurde, dutzendfach gerächt. Sie haben mit Blut und Feuer dafür bezahlt was sie dir und dem Kind angetan haben.« Er hielt inne. »Das habe ich nie gewollt, Ajun. Ich wollte dies alles nicht…« Der schwarze Drache seufzte. Seine Worten waren bedeutungslos…hohl und leer. »Wer will so etwas schon, Sija?« Er seufzte erneut und betrachtete dann das dunkle Stück Fleisch in seiner Hand, bevor er es schließlich einfach auf den Boden warf. Assija wollte keine Rache. Sie wollte Frieden und Freude…nichts davon hatte sie. Und so zog er neuerlich das Schwert aus der Scheide und bohrte sich mit der Spitze tief in die Handfläche. »Du wirst zu Kräften kommen, ob du willst oder nicht. Und dann, wenn es soweit ist, wirst du entscheiden was du für Richtig hälst. Ich werde mich fügen und ich werde mich nicht dagegen wehren.« Das Blut sprudelte aus der Wunde, sammelte sich in dem Handteller und rann dann in feinen Rinnsalen an der Hand herunter. Ohne weitere Vorwarnung drückte er Assija die blutende Hand an den Mund und drückte ihr dann gegen die Wangen und zwang sie somit von dem Blut zu kosten. Als die Macht des Dämonenblutes in ihrem elementarmagischen Elfenkörper zu wirken begann, setzte er sich mit dem Rücken zu Assija gewandt auf den Boden und schloss die Augen.
Dunkle Schwingen, dunkle Worte. Bild

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