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Das Erbe der Drachen

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Das Erbe der Drachen

Beitrag von schwarzer Drache » Sa, 15. Apr 2017 10:38

Bildanche sagen, hier in der nördlichen Einöde, kann man die Welt atmen hören. Wenn man umgeben ist von nichts anderem als der Welt selbst, dann ist es die Welt, die zu einem spricht. Doch manche behaupten auch, dass man andere Dinge hören kann, wenn man nur lange genug wartet und geduldig bleibt. Es ist nicht der Wind, der durch die Bäume singt. Es sind auch nicht die Vögel. Es ist ein urtümlicher Laut, als ob der Herzschlag der Welt an das Ohr eines Menschen dringen würde, der nur lange genug den Atem angehalten hatte.

Hier in der Einöde gab es nichts. Keine Menschenseele, keine Zivilisation und nichts als die gnadenlose und wilde Natur und den gewaltigen Schatten der noch gewaltigeren Gebirgskette im Norden, die man weitläufig nur als die Mauer der Drachen kannte. Doch manche sagen, je tiefer man im Schatten dieser Berge wandelte, desto mehr konnte man die Welt atmen hören. Doch war es nicht die Welt die man da zu atmen vernahm. Es war das urtümliche Beben der Luft und das urzeitliche Zittern der Erde. Dies war nicht die Welt. Es war etwas dass diese Welt schon lange verlassen hatte und doch nie fort gewesen war. Es war nicht die Welt, die man atmen hören konnte. Und doch war es die Welt die erzitterte. Vielleicht war es nur der Wind, der den Atem der Welt in die Ferne und unendliche Weite dieser Einöde trug. Bis hin zu den Küstenklippen, wo es sich mit dem Donnergrollen der Brandung vereinigte, die tosend und immer wiederkehrend gegen die Klippen schlug. Hier, am Rand der Einöde, war der Atem der Welt kaum zu hören. Nur wenige konnten diesen Atem wahrnehmen. Jene, die seit jeher das Mal der Andersartigkeit in sich trugen. Sie konnten Dinge spüren und Dinge hören, die kein anderes Wesen zu sehen, hören oder spüren vermochte.

Manch einer mochte darin keinen Zusammenhang erkennen, dass gerade hier, in dieser Einöde, sich die meisten ihrer Art versammelt hatten. Ausgestoßene und Fremde der Zivilisation. Die zivilisierte Welt wusste nichts um diese Welt, die hier in der Einöde existierte. Und wenn sie es doch wusste, dann sahen sie darin nur einen Zusammenhang. Es waren Ausgestoßene, die keinen Platz in der zivilisieren Welt hatten…haben durften…Niemals wäre ihnen in den Sinn gekommen, dass der Ruf dieses Atems der Welt, sie an diesen Ort gezogen hatte. Wie die Motten vom Licht angezogen wurden. Vor hundert Jahren gab es diesen Ort nicht einmal. Und dieser Tage wuchs diese kleine Gemeinde wie ein Waldbrand. Eine Glut schwelte im Herzen der Einöde. Mitten im Nirgendwo, umgeben von Nichts. Und wenn man seinen Blick gen Norden richtete, konnte man in den Vollmondnächten das Beben der Berge beinahe mit bloßem Auge sehen. Wenn der Mond voll am dunklen Nachthimmel stand, konnte man sie beobachten. Wie sie still und schweigend in den Norden starrten, als ob irgendeine fremde Macht sie in ihren Bann zog…

Es war beinahe unheimlich zu beobachten, wie der Atem, den die Menschen der Einöde für den Wind hielten, gleichsam gleichmäßig wie unwirklich jene Wesen in ihren Bann zog. Nacht für Nacht, an jedem Vollmond. Dieses Beben, das einem Herzschlag glich, stammte nicht aus dem Herzen der Berge. Es war kein Vulkan und es war auch kein Donnergrollen in der Ferne. Es konnte nur eines sein, und jeder an diesem Ort wusste es. Sie spürten es. Und auch wenn ihre Neugierde größer war, als die Berge in den Himmel ragten, so wagten sie es nicht den Schatten dieser Mauer der Drachen zu betreten. Denn der Ruf, der sie an diesen Ort gezogen hatte, galt nicht ihnen. Zwar war es der Ruf des Blutes, der sie an diesen Ort gezogen hatte und sie waren ihm gefolgt. Und es folgten noch mehr! Doch sie waren nicht dazu bestimmt die Dunkelheit im Norden zu betreten. Sie waren gerufen worden um stumme Zeugen zu sein. Sie waren dem Ruf ihres Blutes gefolgt, da der Schrei in ihren Herzen sie hier her gezogen hatte, wie ein starker Magnet. Sie waren nur Eisenstaub. Sie konnten gar nicht anders, als dem Ruf ihres Erbes…ihres Drachenerbes…zu folgen und zu warten und zu verharren. Bis zu jenem Tag, an dem der eine kommen würde, der dazu gerufen wurde, die Schatten der Berge zu betreten.


[Auszug aus den Tagebüchern des Emerald von Aramad, Drachengelehrter und Geschichtsforscher]
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Re: Das Erbe der Drachen

Beitrag von schwarzer Drache » Sa, 15. Apr 2017 11:17

Bildot stand die Abendsonne am Himmel. Sie hing so dicht über dem Horizont, dass es den Anschein erweckte, als würde ein gewaltiger Feuerball auf dem Rand der Welt liegen. Und die Wärme der Sonne brannte sich in die Haut, und das gleißende, rote Licht, brannte sich in die Augen, dass man glauben mochte, dieser Feuerball würde die Welt schmelzen. Doch wie jeder Sonnenuntergang, so war auch dieses Schauspiel nicht von langer Dauer. Kaum hatte der Feuerball den Horizont berührt, dauerte es nur wenige Herzschläge, bis er beinahe gänzlich dahinter versunken war. Und als die Wärme der Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, kroch die Kälte der Nacht aus seinen Verstecken. Der Mond hing blass und hinter schwadigen Wolken verborgen, am Himmel und aus dem Zwielicht der untergehenden Sonne wurde langsam eine dunkle und sternenklare Nacht.

Ajun, stand am Bug eines kleinen Fischerbootes und starrte auf den Horizont. Er hatte den Niedergang der Sonne verfolgt ohne seinen Blick abzuwenden. Ja, beinahe hatte er das versengende Gefühl auf der Haut und in den Augäpfeln genossen und eine gewisse Schwermut überkam ihn, als das Licht der Sonne vollends verschwunden war. Seine Blicke wanderten in den Himmel und suchten den Mond. Als er ihn entdeckt hatte, neigte er den Kopf ein wenig zur Seite und versuchte zu erahnen ob es ein zunehmender oder ein abnehmender Mond war. Doch die Schwaden, welche den Mond beinahe gänzlich verbargen, machten dies unmöglich. Es war eine Sichel, das konnte man erkennen. Und an den letzten Vollmond konnte sich der hochgewachsene Mann nicht mehr erinnern. »Es muss ein zunehmender Mond sein.«, murmelte er und nickte dabei. Die Sternbilder, hier im Norden, waren klarer und heller, als im südlichen Teil des Nordens. Selbst in den Wilden Landen, wo es kaum Zivilisation gab, waren sie nicht so hell und klar wie hier. Und zwischen den vielen, ja nahezu unzähligen, klaren und weißen Sternen, schimmerte ein rötlicher Punkt. Er strahlte nicht, wie die anderen, sondern schien zu pulsieren und zu wabern. Dies war kein gewöhnlicher Stern. Wäre Ajun ein Astronom und sähe in den Sternen mehr als nur das Chaos dass er sah, dann wüsste er, dass dies der Widerschein eines weit entfernten Planeten war. Doch er wusste nichts von diesen Dingen. Alles was er sah, war ein rotes Licht umgeben von hellen, weißen Sternen. Und dieses rote Licht faszinierte ihn. Doch nicht nur ihn. Auch Assija stand am Bug und starrte in den Nachthimmel. Und er meinte, dass auch sie diesen seltsamen roten Stern beobachtete.

Es war viel Zeit vergangen, seit sie in Lanyamere den Hafen verlassen hatten. Und noch viel mehr Zeit seit sie das Drachengrab, die Wilden Lande, die verlassenen Nordreiche und schließlich das Zentrum der Zivilisation hinter sich gelassen hatten. Und sie waren weder weiser, noch wissender als zuvor. Ganz im Gegenteil. Alles hatte sich in eine gänzlich andere Richtung entwickelt, als sie Beide, und vor allem er, geplant hatten. Die Menaihexe hatte sich noch von ihnen verabschiedet, bevor sie die Grenze nach Arcanis übertreten hatten. Sie konnte nicht in das Land der Eiferer gehen. Sie wollte nicht in dieses Land. Doch Ajun konnte und wollte nicht nach Merridia gehen. Denn er wusste, hätten sie Merridia betreten, dann wären sie noch heute dort. Und das konnten sie sich nicht leisten. Das konnte sich Ajun nicht leisten und noch weniger Assija.

Seit sie das Boot betreten hatten und mit jeder Seemeile dem Norden näher gekommen waren, hatte sich Assijas Zustand verbessert. Begonnen hatte alles in den verlassenen Nordreichen. Jene gefallenen Reiche, die heute von Raubrittern, machthungrigen Baronen und verblendeten Freiheitskämpfern besetzt gehalten wurden. Einst stolze Königreiche, die heute der Verdammnis und dem Vergessen anheimgefallen waren. Es war einen Mond, nachdem sie das Drachengrab gefunden hatten. Es war jene Nacht gewesen, als Ajun den Drachenforscher, der sich Emerald von Aramad genannt hatte, umgebracht hatte. Der schwarze Drache erinnerte sich noch sehr genau daran. Assija hatte den Vollmond angestarrt und was auch immer er getan hatte, sie hörte nicht auf in den Mond zu starren, der Blutrot und unheilschwanger am Himmel geprangert hatte. Seit jener Nacht hatte sich in Assija etwas verändert. Sie war unruhig geworden und je weiter sie sich aus dem Norden in den Süden zurückgezogen hatten, desto nervöser und seltsamer hatte sie sich verhalten. Die Menaihexe hatte sie verhext. Dessen war sich Ajun sicher. Er hatte sie schon am Halse gepackt und ihr gedroht sie zu töten, wenn sie den Bann nicht von Assija nehmen würde. Doch sie hatte nur gelacht. Sie fürchtete nicht den Zorn des Drachen und belächelte seine Einfältigkeit. »Dies ist kein Bann, den ich beschworen habe.« Die Worte hallten in Ajuns Geist doch er schenkte ihr keinen Glauben. »Dies ist uralte Magie, älter und mächtiger als meine jemals sein wird.« Der Drache hatte den Druck um ihren Hals verstärkt, doch es hatte nichts geholfen. »Dann hilf ihr! Nimm diesen Fluch von ihr.« Da hatte die Hexe schwermütig geseufzt. »Dies liegt nicht in meiner Macht.« Ajun erinnerte sich noch genau. Er hatte die Zähne geknirscht und geschnaubt. Doch hatte er die Hexe schließlich freigelassen. Welche Wahl hatte er auch gehabt. Sie zu töten, hätte nichts geändert und wer würde dann den Ritus durchführen, wenn nicht sie? Doch dass es da eine Macht gab, welche die ihre überstieg, hatte zugleich auch seine Neugierde geweckt. »Wenn du wissen willst, was Assija in seinen Bann gezogen hat. Und wenn du dem ein Ende setzen willst…« Die Hexe wandte ihren Blick von Assija ab und starrte in jene Richtung in welche auch die Drachenerbin schaute. »…Dann bleibt dir keine andere Wahl. Du musst mit ihr dort hin gehen.» Sie deutete auf das schwarze Bergmassiv, welches sich dunkel vor dem Nachthimmel abzeichnete.

Das Drachengrab war leer gewesen. Der Drachenforscher war tot. Die sterblichen Überreste des Drachen hatte Ajun an sich genommen, und doch war das Ritual gescheitert. Die Hexe hatte sich bemüht, doch sie hatte schließlich aufgegeben. »Du musst diesen Bann von Assija nehmen. Und wenn dies geschafft ist, musst du sie in meine Heimat in den heiligen Tempel bringen. Dort, und nur dort, wird das Ritual gelingen.« Ajun erinnerte sich noch gut daran, dass er dies für einen kläglichen Versuch gehalten hatte Assija in das verhasste Land der schwarzen Teufel zu locken. Wusste er doch, wie sehr sie Assija verehren würden. Und alles in ihm begehrte dagegen auf, Assija zu ihnen zu bringen. Doch er hatte nichts gesagt und nur geschwiegen.

Es schien schon beinahe eine halbe Ewigkeit vergangen zu sein, seit sie die Hexe verlassen hatten. Und die Reise auf diesem Kahn schien ebenso eine halbe Ewigkeit gedauert zu haben. Doch nun hatte sich endlich bewahrheitet, was die Menai vorhergesagt hatte. Als sie die Küste der Einöde erreicht hatten, und sich das kleine Dorf, von dem nur wenige überhaupt wussten, dass es existierte, am Horizont zu erahnen war, schienen die Lebensgeister in Assijas Adern zu neuem Leben zu erwachen. »Morgen, wenn die Sonne aufgeht, werden wir in Lun Daria sein, kleine Drachenerbin.« Ajun hatte seinen Arm um Assijas Hüfte gelegt und sie an sich gezogen. »Morgen werden wir Antworten auf deine Fragen erhalten, die dich seit drei Monden quälen.« Es klang wie ein Versprechen. Und vermutlich glaubte er es auch selbst, obwohl er sich überhaupt nicht sicher war, was sie in diesem Ort erwartete und ob man ihr hier überhaupt würde helfen können…
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Re: Das Erbe der Drachen

Beitrag von Assija » Mo, 18. Sep 2017 12:25

Bildie kleine Drachenerbin stand zur Rechten des Drachen am Bug des kleinen Fischerkahns, und tat es ihm, der zum Horizont starrte, gleich. Beinahe. Während es Ajun scheinbar nichts ausmachte, in die gleißende untergehende Sonne zu starren, fixierte Assija am Himmel die schmale Sichel des Mondes, die weit oben zu finden war, denn selbst noch die untergehende Sonne schmerzte sie in den Augen. Wenngleich der Drache ihr stets ein Gefühl von Sicherheit gab, die Angst vor dem Meer konnte er ihr nicht nehmen. Sie fürchtete, der Kahn könnte kentern. Sie konnte nicht schwimmen, und würde ertrinken, und da sie wusste, dass auch der Drache das Wasser scheute, war sie nicht sicher, ob er schwimmen konnte, und was passieren würde, wenn das Befürchtete eintreten würde. Viele Monde waren vergangen, seitdem sie das Drachengrab gefunden hatten. Und ebenso viel war passiert seitdem. Shaharíi, die Menai, hatte sie verlassen. Für den Drachen bestimmt kein schmerzlicher Verlust, wohl aber für Assija. Sie hatte die weise Frau liebgewonnen in der Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten. Sie war erfrischend anders gewesen. Mit ihr hatte man herzlich lachen können, sie wusste viele unterhaltsame Geschichten, man konnte mit ihr von Frau zu Frau reden, und sie hatte stets einen Rat gehabt, egal, wofür. Nicht all das traf auch auf den Drachen zu. Er war ein eher schweigsamer Zeitgenosse. Aber letzten Endes hatten ihre Wege sich trennen müssen, noch ehe sie die Grenze nach Arcanis überschritten hatten. Assija hatte nicht verstanden, warum die Menai nicht in dieses Land hatte gehen wollen, oder können. Doch Shaharíi hatte ihre Entscheidung gefällt, und versprochen, sie würde in Menainon auf sie beide warten. Des Weiteren hatte sie ihr Kind verloren, in Brisangen. Sie erinnerte sich nicht, was geschehen war. Die Menai hatte ihr erzählt, dass das Kind tot zur Welt gekommen war und Assija von hohem Fieber gepackt, nahezu zwei Tage im Delirium gewesen war. Assija verstand nicht, warum sie seitdem das Gefühl hatte, als hätte man ihr ein Stück aus dem Herzen gerissen. Und doch war es so. Noch etwas war geschehen, vor drei Monden. Es war in jener Nacht gewesen, da ein riesiger roter Mond über den wilden Landen erschienen war. Die kleine Drachenerbin war von Faszination wie auch von Unruhe überwältigt gewesen. Sie hatte kaum schlafen können, und war neben dem Drachen wach gelegen und hatte den Mond angestarrt, bis dieser hinter den hohen Bergen der wilden Lande verschwunden war. Am nächsten Morgen war die Unruhe geblieben, und je weiter sie sich in den Süden bewegt hatten, desto mehr war das Gefühl verschwunden, welches sie in jener Nacht verspürt hatte. Doch gleichzeitig war auch die Unruhe gewachsen. Sie wusste nicht, was es zu bedeuten hatte, doch sie spürte den starken Drang, entgegen den Vorstellungen des Drachen, gen Norden zu gehen. Auch hatte er einen heftigen Streit mit der Menai geführt, denn er hatte ihr vorgeworfen, dass diese Assija verhext hatte. Doch daran glaubte Assija nicht. Shaharíi hatte etwas von uralter Magie gesprochen und sich in Rätsel gehüllt. Machtlos hatte der Drache klein beigeben müssen. Seitdem war Assija nicht mehr dieselbe, stets wurde sie von Träumen erfüllt, die verstörend, faszinierend, wie auch rätselhaft waren. Sie träumte von gewaltigen schemenhaften Schatten, in ihrer Aura kraftvoll, animalisch, zerstörerisch und rätselhaft. Sie hatte sich körperlich nie besser gefühlt, als zu dieser Zeit. Wenn sie des Morgens erwachte, fühlte sie sich stets gestärkt und kräftig, und konnte stundenlange Märsche bewältigen, bevor sie ihre Kräfte wieder verließen. Doch ihrem Geist tat diese unbekannte Macht nichts Gutes. Sie wagte schon längst nicht mehr, dem Drachen von diesen unruhigen Träumen und Visionen zu erzählen, vermutlich konnte er es nicht mehr hören. Dass sie unaufmerksam, unruhig und nervös geworden war seitdem, war ohnedies nicht zu übersehen.

Endlich erreichten sie die Küste, und als die kleine Drachenerbin endlich wieder festen Boden unter ihren Füßen hatte, und die Gefahr des Meeres in weite Ferne gerückt war, da fühlte sie sich schon ein wenig besser. Assija wurde von der dunklen Stimme Ajuns aus ihren Gedanken unterbrochen. „Morgen, wenn die Sonne aufgeht, werden wir in Lun Daria sein, kleine Drachenerbin. Morgen werden wir Antworten auf deine Fragen erhalten, die dich seit drei Monden quälen.“ Sie nickte, und er legte seinen Arm und sie und zog sie an sich heran. Der Wind frischte auf und trug eine Schwade salzigen Geruchs vom Meer an ihre Nase. Die kleine Drachenerbin schloss die Augen und schmiegte ihren zarten Körper an den seinen. „Ich hoffe es so sehr, Ajun…“ sagte sie leise. An der Küste gab es keine wirkliche Stadt, vielmehr war es ein kleines Fischerdorf, welches Zeugnis davon trug wie unberührt und unbewohnt, ja wie unwichtig auch dieses Fleckchen Erde war. Hier und da brannten Laternen die den Weg in der aufkommenden Dunkelheit wiesen. Wenige Menschen zeigten sich noch auf der Straße, doch die Blicke, mit welchen sie die zwei Neuankömmlinge bedachten, verrieten, dass sich hierher selten Fremde verirrten. Assija hatte den Drachen gebeten, eine Schenke aufzusuchen. Sie war zu müde und zu kraftlos, den Weg weiter zu beschreiten um nach Lun Daria zu kommen. Sie sehnte sich nach einem Bett und nach einer warmen Mahlzeit. Und nach einem warmen Feuer. Der zehnte Mond des Jahres war hereingebrochen. An manchen Tagen war es noch warm und milde, viel öfter regnete es, sehr zum Missfallen des Drachen, der Regen hasste, und die Natur schien, wie jedes Jahr in diesem Kreislauf, im Sterben zu liegen. Die Blätter hatten sich verfärbt, rot wie Blut, golden wie Weizen und braun wie die Erde zu welcher sie schließlich fielen. Auf der Suche nach einer Taverne gingen sie die Straße entlang, und an einem kleinen, beinahe windschiefen Häuschen stand eine Frau, die sich in ein grobes Wolltuch gehüllt hatte, und den großen Mann und die kleine Frau neugierig beobachtete. Schließlich trat sie aus dem Türrahmen auf die Straße zu und stellte sich den beiden in den Weg. „Schönen guten Abend…“ flötete sie mit dunkler, melodischer Stimme. „Ihr beiden seid nicht von hier, habe ich Recht?“ Sie musterte die beiden mit ihren fast schwarzen Augen, die ihr zusammen mit dem schwarzen Haar welches unter dem Wolltuch hervorlugte, ein geheimnisvolles Aussehen gaben. Ihr Alter war nur schwer zu erraten. Sie mochte anfang dreißig sein, vielleicht auch jünger, doch in ihren Augen lag ein nicht zu erahnendes Alter. „Mein Name ist Valela. Ich weiß, was in den Herzen der Menschen verborgen ist, was sie begehren, oder was sie benötigen. Auch dann, wenn sie es selbst noch nicht wissen. Euch beiden sehe ich es bereits an der Nasenspitze an, dass ihr einen außergewöhnlichen Weg beschreitet. Einer, der schon hinter euch, aber auch noch vor euch liegt. Meine Dienste sind nicht teuer... Ich verspreche euch, ihr werdet es nicht bereuen!“ sprach sie mit einladender und verführerischer Stimme. Und noch bevor einer der beiden auf ihr Angebot eingehen konnte, da hatte sie der Drachenerbin eine Hand in den Rücken gelegt, um sie beide in ihr Häuschen zu geleiten. „Kommt mit hinein!“ Kurz zögerten die beiden Drachen, doch wohl aus Neugierde folgten sie der Frau schließlich.

Sie öffnete die Türe zu ihrem Häuschen und ein Windstoß fuhr in den Raum. Er fuhr wie mit sanften Fingern durch kleine, wohl magische Glücksbringer, die an einem Gestänge baumelten. Leise klirrten diese aneinander, bevor der Wind sich in der kleinen Feuerstelle entlud und dieses für einen kurzen Augenblick hektisch aufflackerte, bevor Valela die Türe hinter ihnen schloss und den Wind aussperrte. Dichte Schwaden von schwer duftendem Räucherwerk erfüllten den Raum, und die Frau schob sich an den beiden vorbei und nahm an einem niederen Tischchen auf einem Sitzkissen Platz. Über den Tisch war ein dunkles Tuch gebreitet, und auf diesem lagen ein Stapel Karten, eine Kugel aus billigem trüben Glas und ein Häufchen Runensteine. Als sie den abschätzigen Blick des Drachen bemerkte, lächelte sie wissend. „Ich weiß, was du denkst. Billige Effekthascherei. Viele Menschen brauchen dies als Hilfsmittel, um zu glauben, was sie sonst nicht begreifen. Nun, soll ich einen Blick wagen? Es kostet nur einen Heller…“ Assija, die ihr Geld in einem Beutel aufbewahrte, zögerte. Es war viel Geld für sie. Für einen Heller bekam man hier vielleicht ein Zimmer und eine warme Mahlzeit. Valela bemerkte ihr Zögern und lächelte siegessicher. „Nun, beurteilt selbst, ob sich die Ausgabe lohnt. Ich beginne mit dir…“ Sie beugte sich über das Tischchen und ergriff die Hand des schwarzen Drachens. Doch kaum, da sie ihn berührt hatte, da weitete sie ihre Augen. Für den Zeitraum von einigen wenigen Wimpernschlägen hielt sie seine Hand, doch dann ließ sie ihn so schnell los, als hätte sie sich an einem Stück glühender Kohle verbrannt und zischte einen kaum hörbaren Fluch. „Du bist kein gewöhnlicher Mensch!“ sagte sie schließlich. „Wenn man es überhaupt so nennen will… Dein Herz ist schwarz, wie auch deine Seele. Was du begehrst ist schlecht und falsch. Du kannst es nicht bekommen, niemals. Und wenn du dennoch daran glaubst, und diesen Weg weiter beschreitest, so bist du ein einfältiger Narr…“ Ihre Blicke schweiften dabei zu Assija, die, neugierig über die Worte der Hexe, oder Seherin, oder was immer sie war, einen Heller aus ihrem Beutel gekramt hatte und diesen auf den Tisch gelegt hatte, um mehr zu erfahren. „Sie zu opfern würde vergebens sein. Doch beruhigt mich zu wissen, dass du es ohnehin nicht über dein schwarzes Herz bringst. Das Kind, das zu opfern du bereit warst, ist längst zu Asche zerfallen. Es war ohnedies nicht von reinem Blut. Aber ganz gleich, wie rein die Seele und das Wesen auch wäre, dein Begehr wird niemals auf fruchtbaren Boden fallen. Sei weise und höre auf mich. Durch die schwarze Frau bist du deinem Ziel längst so nahegekommen, wie du je kommen kannst. “ Ihr Blick fiel auf das Geldstück auf dem Tisch und sie schüttelte den Kopf. „Ich bedaure. Ich will kein Geld von euch. Nehmt es wieder an euch, und verschwindet!“
Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
bin allem hörig, was mir gehört.
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und allen Dingen über die ich verfüge,
füge ich mich brav.

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