Unter Dieben

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Caradan
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 14. Feb 2019 20:02

Theo… Der Name hallte in Caradans Geist wieder und hinterließ ein Echo, dass ihm mehr zuwider war, als er sagen konnte. Theo - ein verdammter Buchstabe mehr und sein schlimmster Alptraum wäre wahr geworden. Caradan überließ Aen das Reden, dann konnte er sich besser auf diesen Kerl konzentrieren. Zweimal verplapperte er sich und das, ohne den Eindruck zu erwecken, als wäre es versehentlich gewesen. Vielleicht täuschte sich Caradan auch, ließ sich von seinem Misstrauen diesem Theo gegenüber täuschen, aber er wollte ihnen doch verraten, wer dieser Lepos war. Allein die Drohung mit der Inquisition. Lepos hätte auch Magis Familienname oder richtiger Name sein können, aber nein, er deutete mit dem Finger auf die Inquisition. “Ein Mann muss manchmal tun, was er nicht tun will.”, meinte Theo resigniert und nippte an seinem Bier. “Zum Beispiel seine Freunde verraten?”, fragte Caradan mit einer Unschuldsmiene. “Was?” “Offensichtlich hat Lepos schon einen Verräter in Magis Reihen. Wofür dann dieser Aufwand?”, bohrte Caradan weiter. Theo lächelte. “Wegen mir, würde Magi keinen Finger krum machen. Wegen Mirregal, schon eher. Er ist seine Nummer Zwei, seine Rechte Hand.” Caradan nickte verstehend. Lepos hatte die Rechte Hand des Anführers im Griff und damit so ziemlich die Ganze Bande, konnte sie nach belieben benutzen und missbrauchen. “Und dich hat er zur Kontrolle.”, stellte der Dieb fest und Theos Lächeln wurde etwas breiter. “Ich seh zu, dass die Informationen von Mirregal zutreffen. Falls er ein doppeltes Spiel spielt - “ “Oder ein dreifaches…” “Von mir aus. Jedenfalls wenn er Lepos verrät, werden ein paar geflüsterte Worte den Weg in Magis Ohr finden und wer dann die verräterische Hand abhackt… steigt auf…” “Und zur Not, werden die Hände so lange abgehackt, bis du die Nummer Eins bist.” Theo nickte und nippte an seinem Bier. “Aber genug davon.”
Nach Einbruch der Dunkelheit, schritten sie durch den Schnee auf den Stall zu. Caradan war immer noch ganz warm und ein kribbeln ging durch seinen ganzen Körper und wollte sich nicht verflüchtigen. Sie beide hatten sich geliebt, als wäre es das letzte Mal gewesen und vielleicht stimmte das auch. Im Stall angekommen, schnappte sich Caradan ein paar Hände voll Stroh und stopfte sie sich unter die unzähligen Kleiderschichten. Auch Aen stopfte er ungefragte Stroh hinten rein. “Lass mich nur machen, glaub mir das wärmt.”, unterband er vorsorglich ihr gemaule, noch ehe sie etwas sagen konnte. Der Stallbursche war nicht gerade erfreut, aus seiner warmen Stube geholt zu werden und machte sich eilig daran die Pferde vorzubereiten, damit er eben wieder so schnell er konnte, wieder ins Warme kam. Während er die Sattel holte und die beiden Arcanier sich nun noch zusätzlich ausstaffiert hatten, schnappte sich Caradan Aen, zog sie zu sich und gab ihr einen langen, innigen Kuss. Es fühlte sich einfach wie der rechte Zeitpunkt an und er hatte Angst ihn ungenutzt verstreichen zu lassen. “Ich liebe dich Aen.”, hauchte er ihr zu, während ihr beider Atem in weißen Wölkchen unters Dachgebälk des Stalles stieg.

Jetzt war es also doch soweit gekommen. Caradan hatte sich vor lauter Zähneklappern auf die Zunge gebissen. Das war doch alles ein riesenhafter Haufen Scheiße. Aen und er hockten im Straßengraben gut und gerne anderthalb Meilen vor dem Stadttor, hatten sich eine Kuhle in den Schnee gegraben und verharrten dort nun, einigermaßen geschützt vom Wind und hoffentlich auch vor dem Sichtfeld ihrer Beute. Das Stroh unter seiner Kleidung raschelte und piekste unangenehm, juckte und kratzte, als er sich zu Aen drehte. Sie lag in seinem Arm und hatte den Kopf an seine Brust gelehnt. “Ich bin kein Kämpfer, wie du weißt…”, stotterte er und hörte kaum seine eigene Stimme, so sehr schlugen seine Zähne aufeinander. “Das einzige was ich dahingehend kann, ist einen hinterrücks abzustechen.” Er tastete mit seiner Hand über Aens Rücken, fand die passende Stelle und begann sie zu massieren. “Irgendwo da… hab ich in Aramad gelernt.” Der Dieb rutschte etwas tiefer in den Schutz des Schneewalls. “Aber das hier ist was ganz anderes.” Aen reagierte nicht. Sie war eingeschlafen. Na immerhin war einer von ihnen entspannt. Caradan beschloss es ihr gleich zu tun und einen Moment die Augen zu schließen, nur einen Moment wollte er sich etwas Ruhe gönnen, vielleicht die letzte Ruhe die er sich selbst aussuchen konnte, bevor ihm jemand anderes diese Entscheidung für immer abnahm. Wie lange er nun tatsächlich diesen Moment der Ruhe ausdehnte, wusste er nicht, aber ein weit entferntes Wiehern ließ ihn hochschrecken. “Ich höre etwas!”, zischte er Aen zu, die sofort aufsprang und zur Stadt blickte. Caradan rollte sich auf den Bauch und spähte über den Rand des Schneehaufens. Da kam definitiv eine Kutsche näher gerattert und das nicht gerade langsam. Tatsächlich hüpfte der Lichtpunkt der Laterne dermaßen auf und ab, dass der Dieb jeden Moment damit rechnete, dass diese in hohen Bogen davon fliegen und im Schnee landen würde. Jetzt ging es also los. Mit einer Handbewegung scheuchte er Aen auf die Straße. “Na los. Die Jungfrau in Nöten hat das letzte Mal auch geklappt!”
Caradan presste sich in den Schnee, zog das Schwert aus der Scheide und umklammerte den Griff seines Dolches. Er war bereit, so bereit wie man nur sein konnte, wenn man überhaupt keine Ahnung von dem hatte, was man gleich zu tun gedachte. Seine Atmung ging flacher und er fokussierte seinen Verstand auf den kommenden Kampf. Nein… er schaltete seinen Verstand aus. Es war einer dieser Momente, einer von denen, von denen manch einer tausende erlebte, manch einer keinen. Es war dieser kurze Moment, indem man sich seiner eigenen Sterblichkeit so unerhört bewusst gemacht wurde. Die Kutsche kam unaufhaltsam näher und kaum das man die ersten Umrisse erkennen konnte, begann Aen mit ihrer Szene. Sie rief um Hilfe, winkte mit den Armen, Caradan glaubte sogar einen herzzerreißenden Schluchzer zu hören. Die Männer würden anhalten und Aen dem Kutscher eine volle Ladung mit dem Feuerrohr verpassen, dann würde Caradan mit gezückten Klingen aus dem Unterholz springen und jedem den Hals aufschlitzen, der nach dieser Machtdemonstration nicht das Weite suchte. So jedenfalls die Idee. Ob das so klappte, da hegte Caradan berechtigte Zweifel, aber so oder so, sie beide hatten keine Wahl. Dies würde so ein Moment werden, einer dieser Momente in denen man Ruhm und Ehre im Kampf erlangen könnte, aber dem Dieb war so gar nicht danach, Ruhm und Ehre zu erlangen. Ihm war eher nach einem warmen, weichen Bett. Das Donnern der Pferdehufe klang dumpf durch den Schnee, aber nun konnte er deutlich das Schnauben der Tiere hören, das Poltern und Ächzen der Kutsche, als sie über den gefrorenen Boden preschten. Jeden Moment würde Tod über entweder die einen oder die anderen kommen und warmes Blut den unschuldigen Schnee tränken. Erneut rief Aen um Hilfe und der Mann, ganz ich schwarz gekleidet, mit wallenden Umhang, der die Gruppe anführte, antwortete.
“Verpiss dich!”, rief er, gab seinem Pferd die Sporen und hätte Aen ohne zu zögern über den Haufen geritten, wenn sie nicht im letzten Moment zur Seite gesprungen wäre. Ohne sich umzublicken oder langsamer zu werden, preschte die Karawane vorbei. Caradan sprang hervor. “Aen?”, rief der Arcanier und sah im Dunkeln, wie sie sich aus dem Straßengraben schleppte und war ziemlich froh, dass er ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. “Diese Hurensöhne!”, rief Caradan entrüstet und war sich der Ironie seiner Aussage gar nicht so bewusst. “Die hätten dich umbringen können.” Ja, dieses mal merkte er es. Sie hätten Aen auch umbringen können, wenn die Kutsche angehalten hätte. Tatsächlich hätten sie erst recht dann versucht, Aen und ihn umzubringen. Hastig half er Aen aus dem Graben und schloss sie wortlos in die Arme. Er war unsagbar erleichtert, dass diese Mistkerle einfach weiter geritten waren. Jeder Kampf wäre von vornherein aussichtslos gewesen und das hatte Caradan auch von Anfang an gewusst. Einen Moment lang sprach er kein Wort. “Dann zurück nach Lanyamere… und erstmal wieder warm werden.” Etwas besseres konnten sie im Moment nicht tun, wäre eine Verfolgung ebenso sinnlos, wie ein weiterer Überfallsversuch. Sie kannten das Ziel. Irukhan.

“Schnaps!”, orderte Caradan als sie die Schenke betraten. Seine Finger waren taub und ihm lief der Rotz durch den Bart, in dem sich schon kleine Eiskristalle breit gemacht hatten. Das Stroh rieselte unter seinen Kleidern heraus und er zitterte am ganzen Leib. Aen ging es nicht besser und sie machten es sich so dicht am Feuer bequem, wie sie es wagen konnten, ohne gleich in Flammen aufzugehen. Die beiden waren noch nicht richtig warm, da spürte Caradan einen stechenden Blick im Rücken. Er wandte sich um und sah Theobald am Ausschank sitzen und zu ihnen herüber starren. “Lass und nach oben gehen.”, murmelte Caradan und zupfte an Aen herum, bis sie ihm folgte. Sie stapften die Stufen hinauf und schlossen die Tür hinter sich, entledigten sich der Kleider, in denen die Kälte sich hartnäckig hielt und schlangen sich Wolldecken um die Schultern. Dann klopfte es. Theo wartete nicht, bis er herein gebeten wurde, sondern trat einfach ein, schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. An seinem Gürtel hing ein Totschläger, ein massiver Holzknüppel in Leder gehüllt, damit er nicht so einen Lärm machte, wenn er einem damit den Schädel einschlug. “Nun?”, fragte der große Kerl. “Wo ist er?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Vermutlich irgendwo zwischen hier und Irukhan.” Theos Miene verfinsterte sich. “Also habt ihr versagt?” “Das hab ich nicht gesagt.”, schüttelte Caradan den Kopf. “Pass mal auf Kleiner.”, fuhr Theo den Dieb an und seine Hand wanderte an den Totschläger. Doch statt vor dem größeren und definitiv stärkeren Mann zu Kreuze zu kriechen, machte Caradan einen Schritt vorwärts und baute sich vor ihm auf. Er musste trotzdem zu Theo hinauf schauen, aber er wusste, dass es manchmal genug Eindruck machte, wenn man absolute Überlegenheit simulierte. “Nein du passt auf Großer.”, schnitt er ihm das Wort ab. “Wie beide” Und dabei deutete er auf Aen und sich selbst. “Können alles tun, kriegen alles hin, was wir wollen, wenn wir nach unseren Regeln spielen. Aber ihr!” Dabei bohrte er seinen Finger anklagend in Theos Brust. “Ihr zwingt uns ein Spiel auf, verschweigt uns die Regeln und meint: Ihr seid am Zug. Vielleicht sind wir ja dumm genug, uns anheuern zu lassen, aber glaub ja nicht wir sind so dämlich und werfen unser Leben weg, für nichts und wieder nichts. Klar soweit?” Der Dieb trat einen Schritt zurück und sah den Mann herausfordernd an. “Drück dich klarer aus.”, knurrte Theo. “Ganz einfach.”, seufzte Caradan. “Wie wissen jetzt ganz genau wo dieser Mirregal sein wird und können uns in aller Ruhe einen Plan überlegen, während wir nach Irukhan reiten. Einen Plan, der funktionieren wird, weil er von uns ist.” Theo runzelte die Stirn. “Ihr wollt ihn aus der Zitadelle befreien?” “Schwieriger als zu zweit einen bewaffneten Konvoi überfallen wird es wohl kaum.” “Und was soll ich Lepos sagen.” Caradan zuckte mit den Schultern. “Das ist mir so scheiß egal. Er hat uns weder gesagt wann er Mirregal befreit sehen will, noch hat er gesagt wie und wo. Er will nur das es erledigt wird und das wird es. Klar soweit?” Der große Mann lehnte sich zurück und musterte die beiden streng. Er schien zu überlegen, inwieweit er den Worten des Diebes trauen konnte. Schließlich seufzte er. “Es ist euer Glück, dass Lepos heute Mittag aufgebrochen ist. Nach Irukhan, zu einer Hochzeit. Er reist gemütlich, also werdet ihr vor ihm dort sein. Dann habt ihr genug Zeit haben, euch eine Ausrede zu überlegen, denn wenn er erfährt dass Mirregal im Verlies der Zitadelle schmachtet, wird er fuchsteufelswild.” Er stieß sich von der Wand ab und legte seine Hand erneut an den Totschläger. “Ihr brecht so schnell auf wie möglich. Wenn ich euch bei Sonnenaufgang nicht aus dem Westtor reiten sehe, erdrossel ich euch im Schlaf und ficke eure Leichen.” Mit dieser Drohung, verließ er das Zimmer.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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