Unter Dieben

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Caradan
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 14. Feb 2019 20:02

Theo… Der Name hallte in Caradans Geist wieder und hinterließ ein Echo, dass ihm mehr zuwider war, als er sagen konnte. Theo - ein verdammter Buchstabe mehr und sein schlimmster Alptraum wäre wahr geworden. Caradan überließ Aen das Reden, dann konnte er sich besser auf diesen Kerl konzentrieren. Zweimal verplapperte er sich und das, ohne den Eindruck zu erwecken, als wäre es versehentlich gewesen. Vielleicht täuschte sich Caradan auch, ließ sich von seinem Misstrauen diesem Theo gegenüber täuschen, aber er wollte ihnen doch verraten, wer dieser Lepos war. Allein die Drohung mit der Inquisition. Lepos hätte auch Magis Familienname oder richtiger Name sein können, aber nein, er deutete mit dem Finger auf die Inquisition. “Ein Mann muss manchmal tun, was er nicht tun will.”, meinte Theo resigniert und nippte an seinem Bier. “Zum Beispiel seine Freunde verraten?”, fragte Caradan mit einer Unschuldsmiene. “Was?” “Offensichtlich hat Lepos schon einen Verräter in Magis Reihen. Wofür dann dieser Aufwand?”, bohrte Caradan weiter. Theo lächelte. “Wegen mir, würde Magi keinen Finger krum machen. Wegen Mirregal, schon eher. Er ist seine Nummer Zwei, seine Rechte Hand.” Caradan nickte verstehend. Lepos hatte die Rechte Hand des Anführers im Griff und damit so ziemlich die Ganze Bande, konnte sie nach belieben benutzen und missbrauchen. “Und dich hat er zur Kontrolle.”, stellte der Dieb fest und Theos Lächeln wurde etwas breiter. “Ich seh zu, dass die Informationen von Mirregal zutreffen. Falls er ein doppeltes Spiel spielt - “ “Oder ein dreifaches…” “Von mir aus. Jedenfalls wenn er Lepos verrät, werden ein paar geflüsterte Worte den Weg in Magis Ohr finden und wer dann die verräterische Hand abhackt… steigt auf…” “Und zur Not, werden die Hände so lange abgehackt, bis du die Nummer Eins bist.” Theo nickte und nippte an seinem Bier. “Aber genug davon.”
Nach Einbruch der Dunkelheit, schritten sie durch den Schnee auf den Stall zu. Caradan war immer noch ganz warm und ein kribbeln ging durch seinen ganzen Körper und wollte sich nicht verflüchtigen. Sie beide hatten sich geliebt, als wäre es das letzte Mal gewesen und vielleicht stimmte das auch. Im Stall angekommen, schnappte sich Caradan ein paar Hände voll Stroh und stopfte sie sich unter die unzähligen Kleiderschichten. Auch Aen stopfte er ungefragte Stroh hinten rein. “Lass mich nur machen, glaub mir das wärmt.”, unterband er vorsorglich ihr gemaule, noch ehe sie etwas sagen konnte. Der Stallbursche war nicht gerade erfreut, aus seiner warmen Stube geholt zu werden und machte sich eilig daran die Pferde vorzubereiten, damit er eben wieder so schnell er konnte, wieder ins Warme kam. Während er die Sattel holte und die beiden Arcanier sich nun noch zusätzlich ausstaffiert hatten, schnappte sich Caradan Aen, zog sie zu sich und gab ihr einen langen, innigen Kuss. Es fühlte sich einfach wie der rechte Zeitpunkt an und er hatte Angst ihn ungenutzt verstreichen zu lassen. “Ich liebe dich Aen.”, hauchte er ihr zu, während ihr beider Atem in weißen Wölkchen unters Dachgebälk des Stalles stieg.

Jetzt war es also doch soweit gekommen. Caradan hatte sich vor lauter Zähneklappern auf die Zunge gebissen. Das war doch alles ein riesenhafter Haufen Scheiße. Aen und er hockten im Straßengraben gut und gerne anderthalb Meilen vor dem Stadttor, hatten sich eine Kuhle in den Schnee gegraben und verharrten dort nun, einigermaßen geschützt vom Wind und hoffentlich auch vor dem Sichtfeld ihrer Beute. Das Stroh unter seiner Kleidung raschelte und piekste unangenehm, juckte und kratzte, als er sich zu Aen drehte. Sie lag in seinem Arm und hatte den Kopf an seine Brust gelehnt. “Ich bin kein Kämpfer, wie du weißt…”, stotterte er und hörte kaum seine eigene Stimme, so sehr schlugen seine Zähne aufeinander. “Das einzige was ich dahingehend kann, ist einen hinterrücks abzustechen.” Er tastete mit seiner Hand über Aens Rücken, fand die passende Stelle und begann sie zu massieren. “Irgendwo da… hab ich in Aramad gelernt.” Der Dieb rutschte etwas tiefer in den Schutz des Schneewalls. “Aber das hier ist was ganz anderes.” Aen reagierte nicht. Sie war eingeschlafen. Na immerhin war einer von ihnen entspannt. Caradan beschloss es ihr gleich zu tun und einen Moment die Augen zu schließen, nur einen Moment wollte er sich etwas Ruhe gönnen, vielleicht die letzte Ruhe die er sich selbst aussuchen konnte, bevor ihm jemand anderes diese Entscheidung für immer abnahm. Wie lange er nun tatsächlich diesen Moment der Ruhe ausdehnte, wusste er nicht, aber ein weit entferntes Wiehern ließ ihn hochschrecken. “Ich höre etwas!”, zischte er Aen zu, die sofort aufsprang und zur Stadt blickte. Caradan rollte sich auf den Bauch und spähte über den Rand des Schneehaufens. Da kam definitiv eine Kutsche näher gerattert und das nicht gerade langsam. Tatsächlich hüpfte der Lichtpunkt der Laterne dermaßen auf und ab, dass der Dieb jeden Moment damit rechnete, dass diese in hohen Bogen davon fliegen und im Schnee landen würde. Jetzt ging es also los. Mit einer Handbewegung scheuchte er Aen auf die Straße. “Na los. Die Jungfrau in Nöten hat das letzte Mal auch geklappt!”
Caradan presste sich in den Schnee, zog das Schwert aus der Scheide und umklammerte den Griff seines Dolches. Er war bereit, so bereit wie man nur sein konnte, wenn man überhaupt keine Ahnung von dem hatte, was man gleich zu tun gedachte. Seine Atmung ging flacher und er fokussierte seinen Verstand auf den kommenden Kampf. Nein… er schaltete seinen Verstand aus. Es war einer dieser Momente, einer von denen, von denen manch einer tausende erlebte, manch einer keinen. Es war dieser kurze Moment, indem man sich seiner eigenen Sterblichkeit so unerhört bewusst gemacht wurde. Die Kutsche kam unaufhaltsam näher und kaum das man die ersten Umrisse erkennen konnte, begann Aen mit ihrer Szene. Sie rief um Hilfe, winkte mit den Armen, Caradan glaubte sogar einen herzzerreißenden Schluchzer zu hören. Die Männer würden anhalten und Aen dem Kutscher eine volle Ladung mit dem Feuerrohr verpassen, dann würde Caradan mit gezückten Klingen aus dem Unterholz springen und jedem den Hals aufschlitzen, der nach dieser Machtdemonstration nicht das Weite suchte. So jedenfalls die Idee. Ob das so klappte, da hegte Caradan berechtigte Zweifel, aber so oder so, sie beide hatten keine Wahl. Dies würde so ein Moment werden, einer dieser Momente in denen man Ruhm und Ehre im Kampf erlangen könnte, aber dem Dieb war so gar nicht danach, Ruhm und Ehre zu erlangen. Ihm war eher nach einem warmen, weichen Bett. Das Donnern der Pferdehufe klang dumpf durch den Schnee, aber nun konnte er deutlich das Schnauben der Tiere hören, das Poltern und Ächzen der Kutsche, als sie über den gefrorenen Boden preschten. Jeden Moment würde Tod über entweder die einen oder die anderen kommen und warmes Blut den unschuldigen Schnee tränken. Erneut rief Aen um Hilfe und der Mann, ganz ich schwarz gekleidet, mit wallenden Umhang, der die Gruppe anführte, antwortete.
“Verpiss dich!”, rief er, gab seinem Pferd die Sporen und hätte Aen ohne zu zögern über den Haufen geritten, wenn sie nicht im letzten Moment zur Seite gesprungen wäre. Ohne sich umzublicken oder langsamer zu werden, preschte die Karawane vorbei. Caradan sprang hervor. “Aen?”, rief der Arcanier und sah im Dunkeln, wie sie sich aus dem Straßengraben schleppte und war ziemlich froh, dass er ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. “Diese Hurensöhne!”, rief Caradan entrüstet und war sich der Ironie seiner Aussage gar nicht so bewusst. “Die hätten dich umbringen können.” Ja, dieses mal merkte er es. Sie hätten Aen auch umbringen können, wenn die Kutsche angehalten hätte. Tatsächlich hätten sie erst recht dann versucht, Aen und ihn umzubringen. Hastig half er Aen aus dem Graben und schloss sie wortlos in die Arme. Er war unsagbar erleichtert, dass diese Mistkerle einfach weiter geritten waren. Jeder Kampf wäre von vornherein aussichtslos gewesen und das hatte Caradan auch von Anfang an gewusst. Einen Moment lang sprach er kein Wort. “Dann zurück nach Lanyamere… und erstmal wieder warm werden.” Etwas besseres konnten sie im Moment nicht tun, wäre eine Verfolgung ebenso sinnlos, wie ein weiterer Überfallsversuch. Sie kannten das Ziel. Irukhan.

“Schnaps!”, orderte Caradan als sie die Schenke betraten. Seine Finger waren taub und ihm lief der Rotz durch den Bart, in dem sich schon kleine Eiskristalle breit gemacht hatten. Das Stroh rieselte unter seinen Kleidern heraus und er zitterte am ganzen Leib. Aen ging es nicht besser und sie machten es sich so dicht am Feuer bequem, wie sie es wagen konnten, ohne gleich in Flammen aufzugehen. Die beiden waren noch nicht richtig warm, da spürte Caradan einen stechenden Blick im Rücken. Er wandte sich um und sah Theobald am Ausschank sitzen und zu ihnen herüber starren. “Lass und nach oben gehen.”, murmelte Caradan und zupfte an Aen herum, bis sie ihm folgte. Sie stapften die Stufen hinauf und schlossen die Tür hinter sich, entledigten sich der Kleider, in denen die Kälte sich hartnäckig hielt und schlangen sich Wolldecken um die Schultern. Dann klopfte es. Theo wartete nicht, bis er herein gebeten wurde, sondern trat einfach ein, schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. An seinem Gürtel hing ein Totschläger, ein massiver Holzknüppel in Leder gehüllt, damit er nicht so einen Lärm machte, wenn er einem damit den Schädel einschlug. “Nun?”, fragte der große Kerl. “Wo ist er?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Vermutlich irgendwo zwischen hier und Irukhan.” Theos Miene verfinsterte sich. “Also habt ihr versagt?” “Das hab ich nicht gesagt.”, schüttelte Caradan den Kopf. “Pass mal auf Kleiner.”, fuhr Theo den Dieb an und seine Hand wanderte an den Totschläger. Doch statt vor dem größeren und definitiv stärkeren Mann zu Kreuze zu kriechen, machte Caradan einen Schritt vorwärts und baute sich vor ihm auf. Er musste trotzdem zu Theo hinauf schauen, aber er wusste, dass es manchmal genug Eindruck machte, wenn man absolute Überlegenheit simulierte. “Nein du passt auf Großer.”, schnitt er ihm das Wort ab. “Wie beide” Und dabei deutete er auf Aen und sich selbst. “Können alles tun, kriegen alles hin, was wir wollen, wenn wir nach unseren Regeln spielen. Aber ihr!” Dabei bohrte er seinen Finger anklagend in Theos Brust. “Ihr zwingt uns ein Spiel auf, verschweigt uns die Regeln und meint: Ihr seid am Zug. Vielleicht sind wir ja dumm genug, uns anheuern zu lassen, aber glaub ja nicht wir sind so dämlich und werfen unser Leben weg, für nichts und wieder nichts. Klar soweit?” Der Dieb trat einen Schritt zurück und sah den Mann herausfordernd an. “Drück dich klarer aus.”, knurrte Theo. “Ganz einfach.”, seufzte Caradan. “Wie wissen jetzt ganz genau wo dieser Mirregal sein wird und können uns in aller Ruhe einen Plan überlegen, während wir nach Irukhan reiten. Einen Plan, der funktionieren wird, weil er von uns ist.” Theo runzelte die Stirn. “Ihr wollt ihn aus der Zitadelle befreien?” “Schwieriger als zu zweit einen bewaffneten Konvoi überfallen wird es wohl kaum.” “Und was soll ich Lepos sagen.” Caradan zuckte mit den Schultern. “Das ist mir so scheiß egal. Er hat uns weder gesagt wann er Mirregal befreit sehen will, noch hat er gesagt wie und wo. Er will nur das es erledigt wird und das wird es. Klar soweit?” Der große Mann lehnte sich zurück und musterte die beiden streng. Er schien zu überlegen, inwieweit er den Worten des Diebes trauen konnte. Schließlich seufzte er. “Es ist euer Glück, dass Lepos heute Mittag aufgebrochen ist. Nach Irukhan, zu einer Hochzeit. Er reist gemütlich, also werdet ihr vor ihm dort sein. Dann habt ihr genug Zeit haben, euch eine Ausrede zu überlegen, denn wenn er erfährt dass Mirregal im Verlies der Zitadelle schmachtet, wird er fuchsteufelswild.” Er stieß sich von der Wand ab und legte seine Hand erneut an den Totschläger. “Ihr brecht so schnell auf wie möglich. Wenn ich euch bei Sonnenaufgang nicht aus dem Westtor reiten sehe, erdrossel ich euch im Schlaf und ficke eure Leichen.” Mit dieser Drohung, verließ er das Zimmer.
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mo, 08. Apr 2019 10:34

Verpiss dich doch selbst!” brüllte die Arcanierin, die im am Straßenrand angehäuften Schnee lag und Schnee im Mund schmeckte. Schnee im Kragen, Schnee im Gesicht, Schnee einfach überall. Sie stieß einen lauten wütenden Schrei aus, der über die nachtschwarze Flur rollte, und dann in der Dunkelheit und der Schwärze der Nacht verhallte. “Diese Hurensöhne!” hörte sie Caradan rufen. “Ja! Scheiß Arcanier…” stimmte sie mit ihm grollend überein und versuchte sich aus dem Graben aufzurappeln. “Die hätten dich dich umbringen können…” bemerkte Caradan. “Ja aber das haben schon mehrere versucht. Aber nie geschafft.” erwiderte sie trocken, während sie sich den Schnee abklopfte. Sie fühlte, wie Caradan sie in die Arme schloss, aber da hatte er wahrlich den falschen Moment erwischt. Sie befreite sich aus seiner Umarmung und stieß ihn ein wenig unsanft von sich fort. “Fass mich nicht an!” keifte sie. “Nicht jetzt! Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Sentimentalitäten! Ich bin völlig außer mir! Wir hätten es gleich wissen müssen! Sowas kannst du dir in Mérindar erlauben, da sind die Menschen nicht so eisenhart wie hier! Was für eine blöde Idee! Mir ist die Laune jetzt gründlich verdorben! Und was denkst du, wird Theo tun, wenn wir zurückkommen, und er feststellen wird, dass wir versagt haben?” kreischte sie. “Was bitte könnte ihn jetzt noch davon abbringen, uns die Kehlen durch zuschneiden?”

Diese Befürchtung wurde zwar nicht in die Tat umgesetzt, wohl aber durch eine Drohung ersetzt, die in der Tat nicht wesentlich besser war. Anstatt nun nämlich mit einem Knüppel erschlagen zu werden, hatte er gedroht, sie zu erdrosseln und ihre Leichen zu ficken. Aen fasste sich bei diesem Gedanken unangenehm berührt an ihren Hals. “Ein unangenehmer Mensch, wenn du mich fragst…” murmelte sie. Und allerspätestens jetzt war ihr jeglicher Gedanke an Beischlaf mit Caradan verdorben worden. “Ich hasse Leute, die einen nur einschüchtern wollen und nur drohen. Ist das denn nötig, frage ich dich? Man könnte uns auch anders begegnen, dann wäre ich für meinen Teil viel kooperativer.” erwiderte sie schmollend. Aber dann verzog sie ihren Mund zu einem breiten Grinsen “Du hast ihm gehörig die Stirn geboten! Das hätte ich dir gar nicht zugetraut! Und wir werden ja noch sehen, wer da wen umbringt und schlussendlich fickt!” Sie kroch unter die Bettdecke. “Also bleiben wir nicht in Lanyamere, wie es aussieht. Stattdessen Irukhan…” stellte sie fest. “Ich war noch in der Hauptstadt. Das ist ein ganz schönes Stück von hier. Derzeit herrscht nicht gerade die beste Reisezeit. Aber nur die Geschwister wissen, wofür es gut sein soll. Wer weiß, was Irukhan für uns bereithält, welche Möglichkeiten es bietet!” Nach einer Weile kroch sie wieder aus dem Bett, und machte sich an ihren Satteltaschen zu schaffen. Sie zerrte eins der neuen Kleider, die sie sich hatte anfertigen lassen, heraus. Es war nicht besonders warm. Aber Voraussicht war noch nie eine ihrer Stärken gewesen. Dafür war es schön. Und schmeichelte ihrer Figur. Immerhin. Caradan blickte sie fragend an, während sie hinein schlüpfte, und es mit der Schnürung im Rücken an ihre Körpermaße anpasste. “Du weisst so gut wie ich, dass ich bei Sonnenaufgang nicht durch das Westtor reiten werde, verdammt noch mal. Ich werde schlafen, so wie ich das immer tue, im Schlaf erdrosselt, und danach noch gefickt werden. Das willst du vermutlich genauso wenig wie ich, nicht wahr? Wir wissen schließlich beide, dass du ein sehr eifersüchtiger Mann bist. Also werden wir jetzt aufbrechen. Wir lassen uns vom Wirt Wegzehrung einpacken, und dann hauen wir ab.” Sie ließ ihre Augen über das heillose Durcheinander ihrer Habseligkeiten schweifen und fügte hinzu “Du packst hier mal unseren Kram ein, und ich gehe derweil nach unten, bezahle unsere Zeche, kümmere mich um was Essbares und wir treffen uns im Schankraum” beschloss die Arcanierin.

Als Caradan mit den Satteltaschen in den Schankraum kam, brütete Aen mit der Tabakpfeife zwischen den Lippen, über einer Karte von Arcanis, die ihr Theo besorgt, oder geliehen hatte. Derselbige stand neben ihr und als er ihr die Hand auf die Schulter legte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, lachte sie auf und warf dabei den Kopf in den Nacken. Als sie Caradan erblickte, hob sie die Hand zum Gruß und winkte ihn an sich heran. “Da bist du ja endlich…” murmelte sie, und Rauch waberte aus ihrem hübschen Mund heraus, der die süßliche Nuance von Starrkraut mit sich trug. Niemand konnte sich mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal Starrkraut geraucht hatte. Es musste schon sehr lange her sein. Wenn man sich recht entsann, dann war es wohl damals gewesen, als die Sache mit der Blondine gewesen war. Danach hatte sie keine Lust auf Starrkraut mehr verspürt. Schließlich passierten die Katastrophen und unschönen Dinge des Lebens immer dann, wenn sie Starrkraut rauchte. Aber nun würde es wohl nicht so sein… und nun war die Angelegenheit auch wieder anders. Immerhin waren sie durch Lepos und Theo, und wie sie alle heißen mochten, unter großer Anspannung gestanden. Und diese Anspannung forderte nun ihren Tribut. Und wie immer, wenn sie Starrkraut rauchte, hatte sie neben den euphorischen Gefühlen auch die besten Einfälle. “Je weiter wir uns von der Küste ins Landesinnere wagen, geradewegs Richtung Norden, desto kälter wird es werden. Die Pferde durch die arcanische Ebene zu treiben, hieße, ihren Tod riskieren. Deshalb wäre mein Vorschlag..” Ihr Zeigefinger fuhr auf den gestrichelten Linien auf dem vergilbten ausgefransten Pergament entlang, “...die Pferde zu schonen, und anstatt Richtung Hauptstadt, nach Avalé zu reiten. Von dort aus besteigen wir ein Schiff und fahren Flussaufwärts geradewegs nach Irukhan. Die Pferde kommen natürlich mit. Was meinst du?” Dann flüsterte sie in sein Ohr “Außerdem ist Theo gar nicht so übel, wenn man sich mal ein wenig tiefsinniger mit ihm unterhalten hat. Ich glaube jetzt, da ich mit ihm ein ernstes Wörtchen gesprochen habe, will er uns gar nicht mehr umbringen, und dann ficken. Ficken? Möglicherweise ist das schon der Wille da. Aber von umbringen ist nicht mehr die Rede. Und sei unbesorgt, dich wird er garantiert nicht ficken wollen.” Sie kicherte und blies den bläulichen Rauch in sein Gesicht. “Außerdem haben sich interessante neue Tatsachen ergeben. Über die Hochzeit. Aber darüber sprechen wir ein anderes Mal. Sei so gut, und hol mir noch einen Becher Wein, bevor wir aufbrechen ja?”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Di, 09. Apr 2019 21:25

Während Caradan die Satteltasch packte, dachte er über Aens Worte nach. Sie konnten nicht wissen was Irukhan für sie bereit hielt. Vielleicht fanden sie dort eine Gelegenheit, endlich mal zur Ruhe zu kommen, den Winter auszusitzen und auf den Frühling zu warten. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken ab zu seiner Mutter. Sie stammte aus der Hauptstadt, dort hatte sie Familie. Er hatte dort Familie oder zumindest Verwandte, sofern sie noch lebten. Nein, weder Familie noch Verwandte warteten in Irukhan, nur Feinde und Verräter. Seine sogenannten Großeltern hatten seine Mutter fortgejagt, sie ihrem Schicksal überlassen und sie zur Hure gemacht. Sollte er diese Menschen jemals zu Gesicht bekommen, würde er seine Hände wohl mit noch mehr Blut beflecken. Dieser Gedanke gab ihm genügend Antrieb, um die lästige Aufgabe des packens hinter sich zu bringen und hinab in den Schankraum zu gehen. Hätte er doch besser etwas getrödelt. Wieso lachte Aen bei einer Berührung von diesem scheiß Theo auf? Es ärgerte Caradan und er verstand es auch nicht. Von nicht einmal einer Stunde wollte er sie noch töten und ihre Leichen schänden und nun verstanden die Beiden sich plötzlich so gut? Als ihn Aen heran winkte und er die Pfeife in ihrer Hand sah, erklärte das einiges. Während er die Taschen abstellte und sie mit dem Fuß unter den Tisch schob, erklärte Aen ihm ihren Plan, den sie sich in der Zwischenzeit überlegt hatte. Mit dem Schiff von Avalé aus zur Hauptstadt zu fahren, klang tatsächlich um einiges verlockender, als bei Schneefall und Sturm durch Niemandsland zu reiten. “Was meinst du?”, fragte Aen. Der Dieb nickte. “Ich hab nichts dagegen.”
Sie trat einen Schritt näher an ihn und führte ihre Lippen an sein Ohr. Er roch das Starrkraut, das in ihrer Pfeife brannte, roch den kalten Rauch in ihrem Atem und den Duft der sich in ihr Haar gesetzt hatte. “Außerdem ist Theo gar nicht so übel, wenn man sich mal ein wenig tiefsinniger mit ihm unterhalten hat.” Caradan hob eine Braue an. “So?”, fragte er missmutig. “Ich glaube jetzt, da ich mit ihm ein ernstes Wörtchen gesprochen habe, will er uns gar nicht mehr umbringen, und dann ficken. Ficken? Möglicherweise ist das schon der Wille da. Aber von umbringen ist nicht mehr die Rede. Und sei unbesorgt, dich wird er garantiert nicht ficken wollen.” Das beruhigte Caradan keineswegs. Sie kicherte, blies ihm Rauch ins Gesicht, aber ihm war nicht zum Lachen zumute. “Außerdem haben sich interessante neue Tatsachen ergeben. Über die Hochzeit. Aber darüber sprechen wir ein anderes Mal. Sei so gut, und hol mir noch einen Becher Wein, bevor wir aufbrechen ja?” Der Dieb nickte stumm und wandte sich ab. Er drängelte sich bis zum Ausschank vor und bestellte einen Becher Wein. “Für deine Freunde auch was?”, fragte der Wirt und Caradan blickte sich um. Theo hatte sich neben Aen an den Tisch gesetzt, sodass Caradan nur noch auf der anderen Seite platz nehmen konnte. Ihr Gesicht konnte er sich sehen, weil sie sich Theo zugewandt hatte, aber er grinste breit und schien sich mit ihr zu unterhalten. Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Warum nicht.”, seufzte er und kämpfte sich wenig später mit drei Bechern zurück zum Tisch, stellte sie ab und schob den beiden je einen Becher zu. “Danke mein Guter.”, grinste Theo ein unerwidertes Grinsen. Caradan rührte seinen Becher nicht an, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und strich sich gedankenverloren über den Bart. “Aenaeris hat gerade vorgeschlagen, dass ich euch begleite.”, nahm Theo das Gespräch wieder auf. “Hat sie das?”, fragte Caradan ausdruckslos und unterdrückte den Drang, ihr einen Blick zuzuwerfen. “Ich finde die Idee hervorragend. So kann ich euch besser im Auge behalten.” Dabei warf er Aen einen Blick zu. “Dann wäre das entschieden…”, meinte Caradan. “Wann brechen wir auf?” Theo zuckte mit den Schultern. “Morgen früh.” “Bei Sonnenaufgang?” Theo winkte ab. “Wir brauchen mindestens einen Tag nach Avalé und die Flut kommt erst gegen Mittag, also kein Grund sich zu hetzen. Mit dem Schiff sind wir viel schneller, als zu Pferd. Selbst gegen die Strömung.” Caradan nickte, dann zuckte er mit den Schultern und leerte seinen Becher in einem Zug. “Ich werde trotzdem ins Bett gehen, war ein anstrengender Abend. Wir sehen uns morgen.” Er erhob sich und wartete einen Moment und als Aen keine Anstalten machte, sich ebenfalls zu erheben, wandte sich Caradan um und ging nach oben.

Nachdenklich starrte Caradan an die Decke ihres Zimmers. Nachdem Aen nach einer Stunde immer noch nicht raufgekommen war, hatte er die Hoffnung sie vor dem Morgengrauen noch mal zu Gesicht zu bekommen aufgegeben. Sie wusste ganz genau, dass er eifersüchtig war und während sie für gewöhnlich damit durchaus zu spielen wusste, zweifelte er ernsthaft, ob sie nach dem Genuss der Pfeife noch die Grenze erkennen würde. Sie würde mit Theo ins Bett gehen… vielleicht… er war sich nicht sicher und das machte ihn rasend. Er vertraute ihr, keine Frage, aber er vertraute der Wirkung des Starrkrauts nicht. Doch er wollte nicht nachsehen gehen, wollte nicht wirken wie der eifersüchtige Gatte, der seine Frau bespitzelt um sie beim Ehebruch zu ertappen, aber allein der Gedanke schmerzte ihn. Am besten wäre es wohl, wenn er sich einfach ins Bett legen würde, versuchte zu schlafen und jeden Gedanken an diesen Abend aus seinem Geist zu verbannen. Solange er nicht wusste, dass es Aen und Theo trieben, konnten sie ihn damit nicht verletzen, also würde er auch nicht nachfragen. Also machte er sich bettfertig und kuschelte sich unter die warme Decke, schloss die Augen und lauschte dem Geräusch seines eigenen Herzschlages. Der Lärm des Schankraums drang dumpf zu ihm herauf, doch störte ihn nicht weiter. Seine Gedanken waren es, die ihn wach hielten und dafür sorgten, dass er sich von einer zur anderen Seite drehte, sich wieder aufsetzte und unruhig durchs Zimmer lief. Von wegen ihm würde es nichts ausmachen, wenn er nur nichts wüsste. Die Unwissenheit, die Unsicherheit war viel schlimmer. Wenn er wüsste was die beiden da unten trieben oder ob sie es miteinander trieben, könnte er wenigstens außer sich vor Zorn sein, eine Emotion die immer noch um Einiges besser wäre, als dieses missmutige Gegrübel. Doch er sah nicht nach. Er wusste wie Aen sein konnte, gerade jetzt, da wäre eine unbedachte Handlung, ein Wort zu viel schon Grund genug, um ein kolossales Unglück auszulösen. Weder wollte er die Schenke demolieren, den Hafen abfackeln oder die halbe Bevölkerung von Lanyamere ins Verderben stürzen. Allein dass seine Gedanken solche Ausmaße annahmen, zeigten die Weisheit dahinter, lieber im Stillen zu leiden, als seinem Frust Luft zu machen. Andererseits… er war durstig, wenn er sich einen Wein holen würde, wäre es ja nur natürlich, wenn er sich nach seiner Gefährtin umsehen würde.
Seine Gedanken wurden von einem Lachen auf dem Flur unterbrochen. Es war ein Frauenlachen, das ihn zu sehr an Aens erinnerte. Er stolperte über einen Hocker, als er zur Tür stürzte und sie aufriss. Auf dem Flur sah er einen Mann und eine Frau und er erkannte weder sie noch ihn wieder. Genervt massierte er seinen eigenen Nasenrücken, während er im Stillen sich selbst verfluchte, weil er sich wie der größte Narr aufführte. “Hab’s gleich, Schätzchen…”, lallte der Mann und fummelte irgendwo zwischen seinen Beinen rum. Die Dirne, als die Caradan sie nun erkannte, lachte erneut und lupfte ihre Röcke noch ein kleines Stück mehr. Sie klang wirklich ein wenig wie Aen, wobei er ihr das lieber nicht sagen würde. Nie im Leben. Neugierig schaute sie ihm zu, flüsterte ihm mit anzüglichem Lächeln Dinge ins Ohr, bis sie sich mit Schmollmund zurück lehnte. “Nur weil du ihn nicht hochkriegst, kriegst du dein Geld aber nicht zurück.”, lachte sie. Und tatsächlich, nach einem kurzen Moment, den der Dieb mit peinlichem Interesse genau verfolgte, ließ der Mann von seinem Vorhaben ab, seine träge Männlichkeit aufzurichten. Die Dirne ließ ihre Röcke wieder sinken und schob ihn von sich. “Jammerschade.”, meinte sie und wandte sich zum Gehen um. Als sie an Caradan, der immer noch in der Tür stand, vorbei kam, hielt sie inne. “Wie wärs mit dir, Hübscher?” Sie warf ihm einen eindeutigen Blick zu. “Nein danke.”, antwortete Caradan und erwiderte ihren Blick. “Bist du dir sicher?”, fragte sie, trat an ihn heran und fasste ihm in den Schritt. “Ich sagte: Nein danke.”, wiederholte der Dieb, machte aber keine Anstalten, sie in ihrem Treiben zu unterbrechen. “Da regt sich doch was…”, flüsterte sie ihm ins Ohr. “He Schätzchen”, meldete sich nun ihr Freier zu Wort. “Ich glaub ich hab’s jetzt.” Sie würdigte ihn nicht mal eines Blickes. “Verschwinde, ich hab jemanden anderen gefunden, mit dem ich meinen Spaß haben werde.”, lachte sie, presste sich an Caradan und ließ ihre Hand nun in seiner Hose verschwinden. Für einen Moment schloss er die Augen und seufzte, dann packte er sie am Handgelenk und schob sie bestimmt von sich weg. “Ich habe Nein gesagt.”, knurrte er sie an. “Aber…”, versuchte sie zu sagen, kam aber nicht weit. Ihr Freier hatte sich mittlerweile die Hose wieder über den Arsch gezogen und sie zur Seite gestoßen. Sein Finger bohrte sich in Caradans Brust. “Ich hab für sie bezahlt, also verpiss dich!”, schnauzte er den Dieb an und feine Speicheltropfen spritzten ihm ins Gesicht, sodass er sich am liebsten übergeben hätte. “Nimm sie dir, ich will nicht. Und jetzt verpisst euch beide.”, zischte Caradan zurück und schubste den Mann aus der Tür.

Betrunken wie er war, ließ der Kerl das natürlich nicht auf sich sitzen und wollte sich auf Caradan stürzen, doch der Dieb, von sich selbst mehr überrascht als alles andere, schlug zu und beförderte den Kerl mit einem Hieb zu Boden. Ungläubig starrte er auf den Mann, der ihn ebenso ungläubig und mit blutender Nase anstarrte. Der Mann war noch bei Bewusstsein, regte sich aber nicht. Caradan runzelte die Stirn, da fuhr ihm ein stechender Schmerz durch die Hand. Vorsichtig hob er sie und ballte sie zur Faust. Sein Ringfinger weigerte sich seinen Befehlen zu gehorchen, sondern blieb unbeweglich so wie er war. Er pochte und schmerzte und langsam aber sicher, wurde der Rest der Hand taub. “Scheiße”, flüsterte Caradan und stampfte zur Treppe. Er wollte sich einen Eimer kaltes Wasser holen um seinen Finger zu kühlen. Da sprang ihn der Mann von hinten an und beide fielen polternd die Treppe runter. Der Dieb landete auf dem Kerl, sodass der Aufprall gut gedämpft wurde, aber ein paar Prellungen von den Stufen würde er schon davon tragen. Ächzend wälzte er sich zur Seite und instinktiv suchte sein Blick Aen und fand sie auch.
Sie saß auf Theos Schoß, seine Hand um ihre Hüfte und blickte ihn erschrocken an. Wohl weniger weil sie sich schuldig fühlte, eher ob seines buchstäblichen Aufschlagens im Schankraum. Mit schmerzenden Gliedern rappelte er sich auf und verpasste dem, mittlerweile Besinnungslosen, noch einen Tritt. “Elender Schwanzlutscher!”, fluchte der Dieb und stampfte mit steifen Bewegungen zu Aen und Theo. Er schnappte sich die Flasche auf dem Tisch und nahm einen Schluck. Branntwein… was auch sonst. “Entschuldigt, ich wollte euch nicht unterbrechen.”, krächzte er, nachdem sich der Branntwein seine Kehle hinunter gebrannt hatte. Dann lachte er. Er lachte laut, kurz, trocken und ohne einen Funken Freude. “Wo ich das so sehe, bereue ich es fast, die Hure abgewiesen zu haben.” Dann wandte er sich um, eilte durch den Schankraum die Flasche in Händen und lief die Treppe nach oben. Er stieß gerade die Tür zum Zimmer auf, als er polternde Schritte hinter sich hörte. Es war Aen, fuchsteufelswild und mit glühendem Zorn in ihren Augen.
“Ja? Dann geh doch zu deiner Hure! Hurensohn und Hure, das passt doch vorzüglich!", fuhr sie ihn an, ehe er etwas sagen konnte. “Ich hab sie weggeschickt!”, brüllte er zurück, unfähig seinen Zorn zu unterdrücken. “Dann such dir eine Neue!”, schnauzte sie. “Die Huren sind bestimmt nicht anspruchsvoll. Irgendeine wird sich deiner schon erbarmen, du Schlappschwanz.” Caradan presste seine Zähne zusammen, bis seine Kiefer schmerzten. “Ach ja?”, zischte er. “Sind sie so anspruchslos wie du? Geh nur.” Er nickte zur Treppe. “Geh und ficke deinen Theo oder lass dich von ihm ficken.” Seine Stimme erschallte laut im ganzen Flur, ehe er sehr leise wurde. Urplötzlich war jeder Zorn aus ihm gewichen und auf seinem Gesicht machte sich eine Mischung aus Schmerz, Trauer und Enttäuschung breit. “Man kann dich lieben Aen und will dich hassen… Ich will dich hassen… aber solange du morgen früh neben mir liegst, wenn ich aufwache, werd ich das nicht. Kann ich nicht. Geh nur… mir soll es egal. Es gibt einfach nichts, was ich dummer Tor dir nicht verzeihen könnte.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mi, 10. Apr 2019 17:18

Die Arcanierin schnurrte wonnig auf, während sie sich schon seit geraumer Zeit auf Theos Schoß wiederfand. Was sie beide hier taten, war zwar noch kein Drama, aber war mehr als ungebührlich, wenn man den Umstand bedachte, dass nur eine Zwischendecke weiter oben ihr Gefährte in ihrem gemeinsamen Zimmer auf sie wartete. Theo vergrub seine Hand noch ein wenig tiefer in ihrem Schoß und raunte ihr dreckig ins Ohr, was er noch mit ihr zu tun gedachte an diesem Abend. “Bei  den Geschwistern, Thero… was denkst du dir? Ich bin nicht ungebunden, Caradan, mein Geliebter, wartet auf mich!” lachte sie. Sie hatte ihn an diesem Abend schon mehrmals beim falschen Namen angesprochen, aber entweder es war ihm egal, oder es war ihm einfach nicht aufgefallen. Und es fiel Theo auch nicjt sonderlich schwer, ihre Argumente zu untergraben. “Dein Geliebter, sagst du? Wie kann es sein, dass er oben liegt, wie ein Säugling in seiner Wiege, und du hier auf meinem Schoß, meine Finger in deiner Möse?” Aens Starrkrautgekichere ging unter in dem lauten Gepolter, das plötzlich den Schankraum erfüllte. Neugierig  wie man nun einmal richteten sich alle Augenpaare auf den Ursprung des Lärms und Aens Augen wurden kugelrund, als sie Caradan auf einem anderen Kerl liegen sah. Das Starrkraut und die überraschende Verwunderung lähmten ihren Geist, aber auch ihren Körper, und so blieb sie regungslos auf Theos Schoß sitzen, den Arm um seinen beinahe schon unangenehm breiten Körper geschlungen und starrte Caradan an, abwartend, was nun geschehen würde.


Caradan rappelte sich auf, gab dem ohnehin sich nicht mehr rührenden Kerl einen Tritt, und ging steifbeinig auf Aen und Theo zu. Er griff nach der Branntweinflasche und tat einen tiefen Zug. “Entschuldigt, ich wollte euch nicht unterbrechen”, stieß er heiser hervor. Aen glotzte ihn weiterhin überrascht und sprachlos an, während Theo Aen demonstrativ enger an sich zog und erwiderte “Das hast du aber getan, Caravan… oder wie auch immer du heisst.” Caradan lachte kurz und freudlos auf. “Wo ich das so sehe, dann bereue ich es fast die Hure abgewiesen zu haben.” Er wandte sich ab, und verließ den Schankraum. Die Branntweinflasche, deren Inhalt die Aufgabe besessen hatte Aens belegte Kehle zu umspülen, war fort. Mitgenommen nach oben. Plötzlich spürte sie,  wie rasende Wut in ihr aufflammte. Sie befreite sich aus Theos Umarmung und lief wie ein Berserker Caradan die Treppe hinterher. Er war kaum im Zimmer angelangt, da hatte sie ihn schon eingeholt. Ihre Wut hatte sich ins unermessliche gesteigert. “Ja? Dann geh doch zu deiner Hure! Hurensohn und Hure, das passt doch vorzüglich!" schrie sie ihn an.“Ich hab sie weggeschickt!”, brüllte er zurück, und schon waren sie im schönsten Streit angekommen. “Dann such dir eine Neue! Die Huren sind bestimmt nicht anspruchsvoll. Irgendeine wird sich deiner schon erbarmen, du Schlappschwanz!” kreischte sie, und igre Stimme überschlug sich beinahe. Schreien unter Starrkraut war sehr sehr anstrengend, und so stieß sie keuchend den Atem aus und rang nach Luft in diesem stickigen Zimmer. “Ach ja? Sind sie so anspruchslos wie du? Geh nur. Geh und ficke deinen Theo oder lass dich von ihm ficken.” Seine Stimme erscholl über den ganzen Flur, so laut schrie er sie an, doch dann wandelte er sich von einer Sekunde auf die andere. Plötzlich war jeder Zorn aus ihm gewichen und er wurde sehr leise. “Man kann dich lieben Aen und will dich hassen… Ich will dich hassen… aber solange du morgen früh neben mir liegst, wenn ich aufwache, werd ich das nicht. Kann ich nicht. Geh nur… mir soll es egal sein. Es gibt einfach nichts, was ich dummer Tor dir nicht verzeihen könnte.” Aen schnaubte. In jeder anderen Situation wäre sie ihm wohl um den Hals gefallen und hätte ihn um Verzeihung gebeten. Doch das Starrkraut war ein niederträchtiger Gefährte. Es ließ sie nur hören, was es wollte, dass sie hörte. Nur Wörter und Wortfetzen, dich nicht die Botschaft, die dahinter steckte. Und so verengte sie ihre Augen zu schmalen Schlitzen und funkelte ihn zornig an. Sie hob den Zeigefinger und richtete ihn auf Caradan. “Darauf kannst du Gift nehmen, Caradan! Und ich verspreche dir, du wirst mich so hassen, wie du noch nie einen Menschen gehasst hast!” zischte sie ihm zu wie eine Schlange. Dann drehte sie sich um und lief über den Flur, die Treppe hinab in den Schankraum, geradewegs in Theos Arme.

“Hoppla hopp, wohin so eilig?” rief er ihr über den Schenkenlärm zu. Aen erwiderte nichts, sondern packte ihn an seinem Arm und zog ihn aus der Schenke, quer über den Innenhof des Gasthofs, begleitet von Theos schwachem Protest. “Wohin führst du mich?” fragte er sie und Aen zuckte die Achseln. “Ficken, was denn sonst?”, entgegnete sie rüde, was Theos Miene aufhellte. “Sag das doch gleich, da lasse ich mich doch nicht lange bitten!” grinste er, als sie die angesteuerte Scheune betraten. Aen warf sich gegen die Holzwand und zog den Hünen mit sich, die zitternd zu wackeln begann unter dem Gewicht der beiden. “Na los, mach schon…” forderte sie. Das Starrkraut, zusammen mit reichlich Branntwein, forderten ihren Tribut “Bist du sicher?” fragte Theo, als Aen seinen Schwanz hervor holte, und mit ihren zierlichen Fingern bearbeitete, als dieser nicht die gewünschte Standfestigkeit vorwies. “Natürlich” erwiderte Aen verbissen und schob ihre Röcke hoch, als das Ding endlich hart war. “Nicht, dass ich etwas dagegen hätte...” “Scht!” zischte sie noch verbissener, als er sich in sie bohrte und sich vor und zurück zu bewegen begann. Eine Weile ging das gut so. Doch Theo konnte einfach nicht die Klappe halten. “...aber du scheinst dir deiner Sache nicht so sicher. Machts dir überhaupt Spaß?” “Und wie…” keuchte Aen zwischen seinen Stößen hervor und sie begann festzustellen, dass sie sich hier gerade wie eine Hure benahm. Sie ließ sich wie eine Hure an einer Scheunenwand nehmen. Ohne jegliche Freude, ohne jegliche Gefühlsregung. Einzig, um dem Mann Vergnügen zu bereiten. Aber dieser hier schien jetzt auch nicht sonderlich bei der Sache zu sein. “Nicht gut gelaufen mit deinem Macker?” fragte er schließlich und traf damit einen empfindlichen Nerv bei der Arcanierin. Sie schloss die Augen in der dunklen Scheune und presste die Lippen fest aufeinander. Und schwieg eisern. Schwieg eisern, bis ihr schier der Mageninhalt hochkroch. Theo stieß noch ein paar mal fest zu, krallte sich in ihre Hüfte und begann dann erlöst zu stöhnen. Er zog sich zurück und bevor er noch etwas sagen konnte, fuhr ihn die Arcanierin an “Und jetzt hau ab. Verpiss dich einfach!”

Theo grunzte etwas Unverständliches, zog sich die Hosen hoch, und stapfte aus der Scheune. Die Arcanierin ging in die Hocke und presste seinen Samen heraus, wischte sich an ihrem Kleid ab, ließ die Röcke wieder fallen und strich diese glatt. Als sie die Scheune verlassen  hatte, war von Theo nichts mehr zu sehen. Es war bitterkalt, und ein leichter Wind wehte, der den Starrkraut vernebelten Geist der Arcanierin klärte und sie sich den Tatsachen gewahr wurde, was sie getan hatte. Und was vorgefallen war, was Caradan gesagt hatte. Warum war es schon wieder so gekommen? Warum stritten sie sich ständig? Warum tat es so weh? Warum hatte sie überhaupt mit Theo gebumst? Sie hätte doch auch einfach bei Caradan bleiben können, mit ihm vögeln können, oder auch nicht. Warum, warum, warum? Das allerschlimmste war, dass die Rache nicht im Geringsten an das heran gereichte, was sie in ihrem Drogen vernebelten Geisteszustand geglaubt hatte, damit zu erreichen. Nichts hatte sie erreicht! Ausser dem Unvermögen, zu wissen, wie sie damit umzugehen hatte. Beichten oder verheimlichen? Wie konnte man das schon verheimlichen, wenn Theo sie nach Irukhan begleiten würde? Konnte es eigentlich noch beschissener werden? Aen hing diesen und anderen Gedanken im Hof nach, bis sie halb blau und steif vor Kälte war, und schlich dann wie ein geprügelter Hund zurück in das Gasthaus. Bevor sie zurück zu Caradan ging, ließ sie sich einen heißen Gewürzwein bringen, und setzte sich sich an die Feuerstelle, um sich aufzuwärmen. Als sie den Gewürzwein getrunken hatte, beschloss sie, erst einmal gar nichts zu sagen. Kein Wort würde sie verlieren über diese Sache oder auch nur den Streit. Und je länger sie darüber nachdachte, desto mehr regte sich in ihr der Trotz. Eigentlich war Caradan Schuld an dieser Sache! War er es nicht, der sue ja geradezu aufgefordert hatte, zu Theo zu gehen und ihn zu ficken??? Wie konnte er sich dann darüber beschweren? Zufrieden mit dieser Erkenntnis verließ sie den Schankraum, trat Stufe für Stufe die Treppe hinauf und betrat leise das Zimmer. Umständlich befreite sie sich von ihren Stiefeln, die sie in die nächstbeste Ecke pfefferte, legte ihren Gürtel ab, welchen sie sorgfältig über die Stuhllehne legte, und sich dann auf den Stuhl gegenüber setzte, wo sie sich eine erneute Starrkrautpfeife entzündete. Da sie den Gürtel im Auge behalten konnte. Was hielt Caradan eigentlich davon ab, sich das Feuerrohr zu nehmen, ihr damit in den Kopf zu schießen, oder es einfach zu verstecken oder wegzuwerfen? Aen dachte nach über das, was Caradan gesagt hatte. Sie erinnerte sich nur vage daran. Man kann dich lieben Aen und will dich hassen… Ich will dich hassen… aber solange du morgen früh neben mir liegst, wenn ich aufwache, werd ich das nicht. Kann ich nicht. Geh nur… mir soll es egal sein. Es gibt einfach nichts, was ich dummer Tor dir nicht verzeihen könnte. Sie knabberte schwer an diesen Worten. Wenn das nicht Liebe war… und ganz gleich, was dieser Abend gebracht hatte, sie würde am Morgen neben ihm liegen. Und si sollte es immer sein. Aen blickte über das Öllicht zum Bett hinüber wo er lag. Ob er wach war oder nicht, wusste sie nicht. “Ich will nicht, dass du mich hasst. Ich will, dass du mich liebst. Dass du mich wie verrückt liebst. Jetzt und immer. Und ich will deine Frau werden…”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Fr, 12. Apr 2019 1:19

Stumm und regungslos blickte er Aen hinterher. Er wusste was sie vorhatte, wusste was und vor allem, dass sie es tun würde. Dennoch, er blieb stehen und hielt sie nicht auf. Jeder Wille zum Widerstand war gebrochen, er fühlte, dass er sie nicht halten konnte. Früher oder später würde sie ihn endgültig verlassen, ihn endgültig vergessen und der Gedanke daran zerriss ihm das Herz. Ihm wurde schlecht, seine Knie gaben nach und er musste sich an der Wand abstützen, ansonsten wäre er zu Boden gegangen. Mit bleischweren Gliedern schleppte er sich ins Zimmer und stieß die Fensterläden auf, um seinen Geist von einer eiskalten Brise reinwaschen zu lassen. Dabei sah er, wie Aen Theo hinter sich herzog und mit ihm in der Scheune im Hinterhof verschwand. Manchmal hasste er es recht zu haben. Eine Weile blieb er dort am Fenster, unfähig sich zu bewegen, bis das erste Grunzen von Theo zu ihm herauf drang. Erneut wurde ihm schlecht und so tat er das einzig vernünftige, was er in seiner Lage tun konnte. Er leerte die Flasche Branntwein in einem Zug. Als er absetzte fing er an zu Würgen und zu Husten, eine Träne lief ihm aus den brennenden Augen und von kurzem Schwindel erfasst, stolperte er zur Tür. Er taumelte zur Treppe, verpasste eine Stufe und fing sich gerade noch so, ehe er vorsichtigen Schrittes die Treppe hinab lief. Unten angekommen, sprang er, eher unbeholfen über den Ausschank. “Was wird denn das!”, rief der Wirt empört, doch Caradan winkte genervt ab, suchte sich zwei Tonkrüge raus, von denen das starke Aroma selbstgebrannten Gerstenschnapses ausging. “Langsam mein Freund.”, meinte der Wirt und ein Hauch von Sorge legte sich auf sein Gesicht. Der Dieb warf ihm einen Beutel Münzen zu, dessen Inhalt bestimmt das dreifache der beiden Krüge wert war und kletterte wieder über den Ausschank. “Was willst du denn damit?”, fragte der Wirt und Caradan drehte sich um. “Zuerst werde ich den hier trinken.”, erklärte er und hielt dem Mann einen der Krüge unter die Nase. “Dann werde ich kotzen und dann den anderen trinken. Und wenn ich morgen noch lebe, werde ich mich für diese Idee selbst kastrieren. Gute Nacht!”
Der Dieb warf die Tür zu und noch ehe er wieder beim Fenster war, brannte sich bereits der erste großzügige Schluck dieses Höllengesöffs seine Kehle hinunter. Er sah wie Theo zurück zur Schenke stampfte und als der einen Blick hinauf warf, schloss Caradan betont langsam die Läden. Es kostete ihn nicht viel an Überwindung den ersten Krug rasch zu leeren. Er kippte ihn hinein, achtete nicht darauf wie viel ihm davon übers Kinn und in den Bart lief. Nach jedem Schluck musste er husten und würgen, doch er trank und trank und trank, bis ihm sein Körper schließlich den Dienst versagte und er sich lautstark in eine Ecke des Zimmers erbrach. Er kotzte, bis er das Gefühl hatte, dass ihm sein Magen bereits zum Halse heraus hing, bis er am ganzen Leib zitterte und sich schließlich mit den Händen im eigenen Erbrochenen abstützen musste um nicht hinzufallen. Er hatte keine Kraft mehr um sich zu bewegen oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, aber der Schmerz in seiner Brust, den spürte er immer noch, also musste er sich zusammenreißen und weiter trinken. Erschöpft ließ er sich nach hinten fallen und kroch auf allen vieren zu der Waschschüssel. Der Dieb säuberte sich die Hände, wusch sich das Gesicht ab und machte sich dann daran, den nächsten Krug zu leeren. So schnell er es vermochte, schleppte er sich zum Bett und ließ sich hineinfallen. Im liegen setzte er den Krug an und nahm einen Schluck. Es war widerwärtig, jede Faser seines Körpers und seines geschundenen Geistes protestierte, aber er ignorierte beide und nahm noch einen Schluck, ehe er sich erneut erbrach. Dieses Mal konnte er nicht mal gegen einen Würgereiz ankämpfen, weil sein Körper ihm keinen gewährte. Der Schnaps kam genau so wieder heraus, wie er hineingekommen war, genauso klar und brennend wie zuvor. Caradan drehte sich auf die Seite und ihm viel der noch halbvolle Krug aus der Hand, polterte zu Boden und verschüttete seinen Inhalt in einer großen Pfütze auf dem Boden. Der Dieb merkte wie ihm die Sinne schwanden und er kurz davor war das Bewusstsein zu verlieren, da öffnete sich die Tür.

Jemand trat in das Zimmer, aber Caradans betäubte Sinne verrieten ihm nicht wer. Er war kaum noch in der Lage gegen die Besinnungslosigkeit anzukämpfen, geschweige denn auch nur einen Muskel zu rühren. Ein Poltern in der Ecke. Vielleicht war es Theo, der sich dazu entschlossen hatte, doch nicht bis zum Morgen zu warten und ihm gleich jetzt die Kehle aufschlitzen wollte. Falls ja, wäre Caradan ihm vermutlich sogar dankbar gewesen. Es raschelte im Zimmer und ein paar Augenblicke später roch Caradan das unverkennliche Aroma von Starrkraut. Es musste also Aen sein, die nach ihrem Stelldichein mit Theo, doch wieder zu ihm gekommen war. Es zerriss ihn förmlich die Brust, als zwei Herzen in ihm höher schlugen, das eine vor Freude, das andere vor unsäglicher Traurigkeit. Ja sie war bei ihm… nachdem sie bei Theo gewesen war. Langsam schwanden seine Kräfte immer mehr und er hatte das Gefühl, dass ihm sogar das Atmen immer schwerer fiel. Er hörte Aens Stimme, hörte dass sie etwas sagte, doch verstand er ihre Worte nicht, nur eines. “Ich will das du mich liebst. Dass du mich wie verrückt liebst… Und ich…” Dann war sie wieder stumm für ihn, als hätte man seinen Kopf unter Wasser getaucht. Sie sprach mit ihm, sie sprach gütig zu ihm, ohne Hass, Bosheit oder Niederträchtigkeit und konnte nicht antworten, weil er sich in seinem eigenen Selbstmitleid hatte ersäufen wollen. Angestrengt nahm er alle Kraft zusammen und öffnete den Mund. “Tu… ich… doch…”, brachte er hervor, dann merkte er wie ihm die Galle wieder aufstieß, aber dieses Mal wehrte er sich mit aller Kraft und schluckte seinen Mageninhalt wieder herunter. Er hörte wie sie näher kam und spürte wenig später ihren warmen Körper an seinem. Was gäbe er jetzt darum, in der Lage zu sein sie in die Arme zu schließen? Aber gerade als sie wieder das Wort an ihn richtete, sich an ihn schmiegte und zu ihm sprach, verlor er endgültig den Kampf gegen sich selbst und wurde bewusstlos.

Caradan erwachte am nächsten Morgen in aller frühe. Warum konnte er nicht sagen und es war ihm auch egal. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er jeden Moment in abertausend Teile springen würde. Er wälzte sich auf die Seite und spürte Aens Arm um sich. Ein müdes Lächeln huschte ihm übers Gesicht und zaghaft löste er sich von ihr. Als er sich aufsetzte wurde ihm schlecht. Oh, was war das nur für eine idiotische Idee gewesen! Einen Moment kämpfte er mit sich, dann erhob er sich, langsam und vorsichtig. Er schlich zur Waschschüssel und spritzte sich Wasser ins Gesicht, ehe er zu den Fensterläden lief um sie leise aufzuschieben. Sie quietschten leise und als er nach draußen schaute, traute er seinen Augen kaum. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, auch wenn man schon die ersten Strahlen am Horizont sehen konnte. Er schloss die Läden wieder, nachdem er ein paar tiefe, erfrischende Atemzüge genommen hatte. Ihm war immer noch schwindelig, aber immerhin konnte er nun ein wenig klarer denken. Langsam ging er zurück zum Bett. Eine Weile beobachtete er Aen beim Schlafen, ehe er ihr einmal zärtlich übers Haar strich und das Zimmer verließ. Er lief die Treppe hinab und sah, dass der Schankraum verlassen war. Ohne umschweife kletterte er wie am Vorabend über den Ausschank und suchte nach einem Fässchen Dünnbier, das beste Mittel gegen einen aufkommenden Kater. Als er nicht fand was er suchte schnappte er sich eine Flasche billigen Weines und einen Krug Wasser. Er mischte es zu gleichen Teilen und trank einen Schluck. Sein Magen rebellierte sofort, aber er schaffte es, ihn zu überzeugen, dass es sich dieses Mal um Medizin handelte. Der Dieb setzte sich an einen Tisch und stützte seinen Kopf schwer auf seine Hände. Wie lange er dort saß wusste er nicht, aber als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen, kam auch der Wirt zu ihm. “Die Flasche zahlst du aber.”, murrte er statt Caradan zu grüßen. “Jaja…” Der Wirt werkelte etwas hinter dem Tresen herum, kontrollierte wohl, ob Caradan sich an mehr bedient hatte, als nur am Wein, holte dann ein paar Becher und Krüge hervor und begann sie zu säubern. Einige Zeit später ging die Tür auf. Der kalte Wind der herein blies, fegte den Dieb fast vom Stuhl. Nicht weil der Wind so stark war, nein, sondern weil die plötzliche Kälte ihn im wahrsten Sinne eiskalt erwischte.
Es war Theo der da herein kam. Der Hüne blieb einen Moment stehen und musterte Caradan, ehe er sich mit einem schadenfrohen Grinsen zu ihm gesellte. “Schon wach?”, fragte er und setzte sich dem Dieb gegenüber. “Deine Beobachtungsgabe ist bemerkenswert…”, murmelte Caradan müde. Der Kerl lachte leise. “Und Aen?” Es drehte ihm beinahe den Magen um, als Theo ihren Namen so aussprach wie er es tat. So vertraut und… Es hörte und fühlte sich einfach falsch an. Es vergiftete den Klang. “Schläft noch.”, antwortete Caradan mürrisch. “Kann mir gut vorstellen, dass sie nach letzter Nacht müde ist.”, grinste Theo. Caradan reagierte nicht. “Und was du noch so getrieben?” Caradan reagierte nicht, er starrte den Mann einfach weiter ausdruckslos an. Dann erhob sich Theo mit einem Seufzer. “Na dann wecke ich sie mal auf.” Er schritt zur Treppe. “Lass sie schlafen.”, befahl Caradan. “Warum?”, fragte Theo als er sich umdrehte. “Warum nicht?” “Wir haben noch ein paar Dinge zu erledigen.” Erneut drehte sich Theo um und wollte die Treppe hinauf steigen. “Lass sie schlafen!” Dieses Mal war Caradans Stimme kräftiger und auch er erhob sich. “Oder was?”, rief Theo und warf die Arme in die Luft. “Willst du mir irgendwas sagen?” Der Dieb schlurfte langsam zu dem Hünen. “Lass es einfach.” Theo musterte den Dieb. “Du riskierst eine ganz schön dicke Lippe.”, stellte er fest und Caradan musste kichern. “Und? Willst du mich jetzt aufschlitzen und meine Leiche ficken? Nur zu.” Caradan langte über den Ausschank und schnappte sich ein kleines Messer, mit dem man den Wachs von den Flaschenhälsen kratzen konnte und hielt es Theo hin. “Mach nur, das ist mir so egal.” Theo schnappte sich das Messer und warf es wieder zurück. “Ich wecke sie jetzt.” “Ich finde einfach.”, unterbrach Caradan ihn, “du hast sie gestern Abend schon genug beleidigt.” Theo runzelte die Stirn und warf ihm einen fragenden Blick zu. “Dich hab ich Grunzen und Stöhnen hören.”, meinte Caradan. “Sie nicht. Du warst wohl eine ziemliche Enttäuschung.” Caradan sah den Schlag kommen, machte aber nicht den Versuch auszuweichen. Die Faust knallte ihm gegen die Wange und schleuderte ihn gegen den Tresen. Mühsam zog sich der Dieb hoch. “War das alles?”, fragte er spöttisch, da kam der zweite Hieb gegen die Schläfe. “Vorsicht…”, keuchte er und rappelte sich auf. “Mein Gesicht brauch ich noch.” Theo grunzte amüsiert und schlug ihm in den Magen. Caradan japste nach Luft und sank auf die Knie. Mit breitem Grinsen starrte er zu Theo hinauf. “Wenn du glaubst, du könntest mir irgendwie weh tun, muss ich dich enttäuschen. Ich zerfließe gerade in Selbstmitleid und Trübsinn.” Langsam erhob sich der Dieb. “Warte noch ein paar Tage, dann hab ich mich zusammengerissen und wir können uns weiter unterhalten…” Er schob sich an dem Hünen vorbei. “Wo willst du hin?” fragte er. “Ich gehe Aenaeris wecken, was denn sonst?”, antwortete Caradan, als er die Stufen hinauf stieg.

Leise schlich er sich ins Zimmer und stieß erneut die Fensterläden auf. Dieses Mal fiel mildes Sonnenlicht herein. Caradan ging zum Bett und setzte sich neben Aen, die noch immer schlief. Er legte ihr eine Hand auf die Hüfte und begann sie geistesabwesend zu streicheln, bis sie sich regte. “Aufwachen”, flüsterte er und begann sie nun ein wenig hin und her zu schaukeln, bis er sich sicher war, dass sie wach war und ihn nun hören konnte. “Theo wartet unten auf uns. Wir müssen los Aenaeris.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Fr, 12. Apr 2019 20:56

Aen erwachte nach einer viel zu kurzen Nacht, und das viel zu früh. Jedoch war das Erwachen sanft, denn sie spürte eine Hand auf sich und eine wohl vertraute sanfte Stimme. “Aufwachen!” flüsterte die Stimme. Die Arcanierin murmelte zurück “Es ist noch viel zu früh, Ca...ra...dan… Bit...te...” Die letzten Worte brachte sie nur stoßweise hervor. “Theo wartet unten auf uns. Wir müssen los Aenaeris.” Als diese Worte an ihr Ohr und an ihren Verstand drangen, war sie schlagartig wach und setzte sie sich ebenso schlagartig kerzengerade im Bett auf. “Wie hast du mich eben genannt?” Sie blickte ihn schockiert an, als sie in sein leidgeplagtes Gesicht sah, und da wusste sie, dass er wusste, was sie ihm zu verheimlichen zu versuchen gedachte. Sie wusste es einfach! Eine Weile sahen sie sich nur stumm an, dann brach Aenaeris das Schweigen. “Ich... ich…” Mehr brachte sie nicht hervor, dann brach ihre Stimme und sie begann zu weinen. Niemals hatte es einen Menschen gegeben, der sie so häufig, und vor allem in einem so kurzen Zeitraum zum Weinen gebracht hatte. Sie wollte was sagen, aber wann immer sie es versuchte, brach ihre Stimme, und es dauerte eine ganze Weile und viele heiße Tränen die über ihre Wangen rollten, bis sie sich beruhigte und keine Tränen mehr zum Weinen hatte. “Verzeih mir!” stieß sie endlich hervor. “Ich wollte das nicht! Ich wollte das wirklich nicht! Ich weiß auch nicht… Das verfluchte Starrkraut, und dann wir beide… wir streiten uns so oft in letzter Zeit… ich habe Angst, dich zu verlieren! Unsere Beziehung ist wie Wasser, man will es festhalten, und doch rinnt es einem durch die Finger! Ich will dich nicht verlieren, und dann passiert das genaue Gegenteil davon, das helfen würde! Ich finde den Kerl ja nicht einmal anziehend! Im Gegenteil! Du weißt, ich liebe dich, ich liebe nur dich.” Ihr Mund war trocken und sie langte nach einem Krug in dem sich abgestandenes Wasser befand. Sie setzte den Krug an ihre Lippen und trank davon. Dann sprach sie weiter, ein wenig ruhiger. “Es ist dieses Starrkraut. Ich komme davon einfach nicht los. Der Gedanke daran, es in den nächsten Bach zu leeren bringt mich um, der Gedanke, es weiter zu rauchen, bringt mich zur Raserei, weil ich immer Blödsinn mache, wenn ich es rauche. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, ich brauche Hilfe. Du kennst mich doch, Caradan. Ich kann doch nicht so übel sein, sonst wärst du ja nicht bei mir, und mit mir zusammen. Das Starrkraut macht einen komplett anderen Menschen aus mir. Und diesen Menschen kann ich nicht leiden…” Sie schlug die Hände vors Gesicht und war nahe dran, wieder zum Weinen zu beginnen. Doch sie riss sich zusammen, schluckte, und erhob sich schließlich aus dem Bett. Schweigend ging sie zur Waschschüssel  holte ihre duftende Seife hervor und einen der saubersten Lappen die zur Verfügung standen, und begann sich zu waschen. Gesicht, Oberkörper, Arme, und zuletzt wusch sie die letzten klebrig feuchten Reste zwischen ihren Beinen, die die letzten Zeugen davon waren, was in der Nacht geschehen war, weg. Sie hob den Kopf und schnupperte. Aus einer Ecke drang saurer Gestank, und man musste schon blind sein, um den Schwall an Erbrochenem nicht zu sehen, der da das Zimmer verunzierte. Nicht einmal der Gedanke an den fluchenden fetten Wirt, der am Boden kroch und die Sauerei beseitigte, konnte ihr auch nur ein müdes Grinsen entlocken. Sie fühlte sich ausgekotzt, niedergeprügelt, und einfach furchtbar. Sie versprühte noch ein wenig Duftwasser auf Hals und Haar, um sich besser zu fühlen, aber auch das machte alles nur schlimmer. Wie oft hatte Caradan seine Nase in ihr Haar und an den Hals gesteckt, den Duft, vermischt mit ihrer persönlichen Note, tief eingeatmet, und ihr nur alleine damit Gänsehaut beschert. Dann zog sie ihr Kleid an und die Stiefel, legte den Gürtel an und nahm ihren Mantel unter den Arm. “Ich bin fertig, wir können gehen” sagte sie leise und dann traten sie ihren Weg an. Es war Aen, als beschritt sie den Weg zum Schafott. Wusste sie doch, wer unten auf sie beide warten würde.

Missmutig setzte sie sich an den Tisch wo schon Dünnbier und Gerstenbrei standen. “Guten Morgen, Aen. Fabelhaft siehst du aus, an diesem Morgen” sagte Theo und grinste sie an. Was war das nur für eine Scheiße. Der eine, dem es nicht zustand, sprach sie mit ihrem vertrauten Namen an, und der, der es stets tat, tat es nun nicht mehr. Sie blickte Theo eisig an “Für dich immer noch Aenaeris. Oder meinetwegen Frau Ardere. Aber nicht Aen. So nennen mich meine Freunde, und ich kann mich nicht erinnern, dass wir Freunde wären” war die kalte Abfuhr der jungen Frau. Doch Theo schien das nicht aus der Ruhe zu bringen. “Vielleicht keine Freunde, aber Bettgefährten?” flötete er provokant. Aen lief es kalt den Rücken hinunter und wenn sie hätte können, sie hätte ihn mit ihren Blicken umgebracht. Ach, hätte sie doch Ardor… dann hätte sie ihn in Flammen aufgehen lassen! Eigenartigerweise hatte sie großen Hunger und so widmete sie sich ihrem Gerstenbrei, um alles andere um sich herum, Gefährte und Nebenbuhler, auszublenden. Konnte der Tag eigentlich noch schlimmer werden? Er konnte. Denn Theo konnte einfach nicht sein verfluchtes Maul halten. “Wenn wir hier schon so zusammen sitzen, dann lasst mich noch eins sagen. Ich fand es großartig. Auch wenn Caradan der Meinung war, meine Fähigkeiten hätten dich beleidigt weil er nur mich stöhnen hörte. Aber wie kann er auch etwas anderes glauben? Er konnte ja schließlich nicht dein leises inniges Stöhnen, ganz nahe an meinem Ohr, vernehmen. Das genügte mir schon.” Herausfordernd blickte er Caradan an. Aen reichte es. Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Wortlos erhob sie sich, zog sich im Gehen den Mantel an und verließ die Schenke.

Es schneite. Langsam rieselten die Flocken vom Himmel und schmolzen dort, wo sie auf den warmen Atem der Arcanierin trafen. Sie lehnte sich neben dem Schenkeneingang an die Wand und Verzweiflung keimte in ihr auf. Wie sollte sie nur diese Reise aushalten? Theo, Caradan und sie… Aen schloss die Augen. Wie schnell alles zerstört sein konnte. Sie vermisste Caradan. Er war zwar da, doch nur physisch. In Wahrheit lag gerade ein ganzer Kontinent zwischen ihnen. Offenbar hatte Caradan auch die Schnauze voll von der Schenkenluft, denn plötzlich stand er neben ihr, und sie blickten sich schweigend an. Nach einer Weile begann die Arcanierin kläglich “Ich weiß, dass alles seine Zeit braucht. Aber kannst du mir sagen, ob du daran glaubst  dass alles wieder gut wird zwischen uns?” Sie fühlte sich hundeelend, und sah ganz bestimmt auch so aus. Caradan erwiderte nichts. Stattdessen schloss er sie in seine Arme, was der Arcanierin Antwort genug war. Eine gefühlte Ewigkeit standen sie so umarmt im Hof des Gasthauses, während die Schneeflocken sich immer mehr verdichteten. Dann löste sich Aen ein Stück weit von ihm, blickte ihn an, und ihre Lippen trafen sich zu einem Kuss. Als sie den Kuss beendeten, stahl sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen. Es war nicht wie früher, doch es war ein Anfang. Es war beinahe so, als sie sich ihre gegenseitige Eifersucht gestanden und sie einander plötzlich scheu begegnet waren. “Ich gehe mein Pferd satteln.”

Am Abend saßen sie alle drei im Sattel vor den Toren Avalés. Caradan, Theo und Aen. Die Arcanierin legte den Kopf in den Nacken und sah hoch zu der Stadtmauer. Sie war vermutlich drei Mann hoch, und dick wie ein Mann lang war. Auf dem Wehrgang patrouillierten Wachen, und insgesamt war dies, obwohl die Stadt eine kleine  wenn auch stets wachsende war, eine der am besten befestigten Städte, die Aen je gesehen hatte. An den Toren der Stadtmauer steckten links und rechts zwei Fackeln, und auch der Torgang war mit Fackeln ausgeleuchtet. Zwei Wachmänner nahmen hie und da Reisende genauer in Augenschein, und es machte den Anschein, dass sie zur Eile aufriefen. “Na los, gleich werden die Tore zur Nachtruhe geschlossen. Wenn ihr nicht vor den Toren Avalés erfrieren wollt, dann solltet Ihr euch sputen!” drängte Theo. Wenn Aen ihm in sonst nichts beipflichtete, hier musste sie zugeben, dass er Recht hatte. Sie trat ihrem Pferd mit den Stiefelhacken gehörig in die Flanke und es tat einige Sätze die leichte Anhöhe nach vorne, bevor sie es mit den Zügeln wieder Einhalt gebot und abstieg. An den Zügeln führte sie ihr Pferd durch das Stadttor und den Torgang, niemand hielt sie auf und man ließ sie ungehindert passieren. Die Reise war beschwerlich gewesen. Eine Kältewelle, die wahrscheinlich von den Mauern der Drachen gekommen war, hatte Arcanis in ihren eisigen Griffen, und die junge Frau fror erbärmlich. Dementsprechend steif und klamm folgten sie und Caradan Theo. Er war schon einmal hier gewesen, hatte er behauptet, und er wollte eine Absteige für sie drei finden, denn das Schiff lief erst am nächsten Morgen aus. Immer wieder hatte er betont, die zwei nicht aus den Augen zu lassen, und Aen fragte sich, wie er das bewerkstelligen wollte. Die Gaststätte die er fand, wirkte nicht besonders einladend, doch nach Einbruch der Dunkelheit durfte man, besonders im tiefsten Winter, nicht anspruchsvoll sein. Während Caradan und Theo für Zimmer sorgten und ihre Habseligkeiten hinauf brachten, stellte sich die Arcanierin an die Feuerstelle, streckte ihre gefrorenen Finger gegen das Feuer, und war neugierig, was dieser Abend so bringen würde...
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Caradan
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 13. Apr 2019 18:09

Sie standen einfach nur dort. Standen in der Kälte und hielten sich im Arm. Wenn Caradan nur in Worte fassen könnte was in ihm vorging, aber er brachte kein Wort heraus. Er hatte nichts essen können, hatte Theos Provokationen und Demütigungen wortlos ertragen und ihm nicht die Genugtuung einer Reaktion gewährt. Er war einfach aufgestanden, nachdem er ihm mit Blicken all den Hass entgegen gebracht hatte, den er hatte aufbringen können. Nun stand er dort mit Aenaeris. Was könnte er schon sagen, was seine Berührung ihr nicht vermitteln konnte? Den Schmerz er fühlte. Er wollte ihr sagen, dass sie für ihn die eine war, die eine, deren Berührung jeden Schmerz den er ertragen konnte verblassen ließ. Aber er sagte nichts, denn einerseits, glaubte er, dass Gefühlsduselei gerade jetzt unangebracht war und zum Anderen, hatte er Angst das Theo jeden Moment hinaus kommen könnte und den Moment, in dem er gerade den Mut aufgebracht hätte, ruinieren könnte. Denn das, das könnte er nun wirklich nicht ertragen. Als sich dann ihre Lippen voneinander lösten, brachte er dann doch ein paar Worte hervor. “Alles wird gut…”, hauchte er und folgte Aenaeris dann zum Stall, um auch sein Pferd zu satteln, ehe sie zu einer anstrengenden Reise aufbrachen.

“Zwei Zimmer bitte.”, verlangte Theo von dem Wirt, als sie endlich in der Herberge angekommen waren. Caradan zitterte am ganzen Leib und bließ eifrig warme Luft in seine Hände, um die steif gefrorenen Glieder wieder etwas zu aufzutauen. “Haben nur noch eines.”, antwortete der Wirt barsch. Caradan traute seinen Ohren nicht und kam ein Stück näher. “Wie war das?”, fragte er ungläubig. “Wir sind voll!”, fuhr ihn der Wirt an. “Mittwinter, Janusnacht - kommt euch das bekannt vor? Jede Herberge in jeder Stadt ist zum Bersten gefüllt.” Caradan vergrub das Gesicht in seinen Händen. Das sollte wohl ein miserabler Scherz sein! Das durfte einfach nicht sein Ernst sein. “Gibt es noch eine andere Herberge?”, fragte Caradan, der die Antwort des Wirtes nicht so recht akzeptieren wollte. “Hast du was an den Ohren Junge? Ich hab gesagt die ganze Stadt ist voll!” Der Dieb fluchte leise. Wenn er eines nicht ertragen konnte, dann sich ein Zimmer mit diesem großen Wichser zu teilen. Schlimmer noch, Aenaeris und Caradan mussten sich das Zimmer mit Theo teilen. “Bist du dir sicher?” Die Geduld des Wirtes neigte sich dem Ende, das konnte Caradan spüren. “Jetzt hör mir mal genau zu, Bursche. Du kannst dankbar sein, ja, du solltest mir auf Knien dafür danken, dass ich für euch zwei Landstreicher noch ein Bett habe, dass ihr euch teilen könnt.” “Drei…”, verbesserte Caradan müde. “Die Frau da am Feuer gehört zu… wie war das? Ein Bett? Teilen?” Der Wirt blickte an Caradan vorbei und sah Aenaeris an der Feuerstelle sitzen. “Ach jetzt versteh ich dein Problem. Du willst die beiden nicht stören.” “Genau…”, nickte Caradan und hielt dann inne. “Was? Nein, so meinte ich das nicht.”, versuchte Caradan zu erklären, aber der Wirt hatte seine Aufmerksamkeit Theo zugewandt. “Wenn ihr vögeln wollt nur zu, aber wenn mir Lärmbeschwerden zu Ohren kommen, dann setzt es eine Strafgebühr.” Theo grinste dreckig. “Kein Problem.” “Und ob!”, mischte Caradan sich ein, wurde aber von dem Wirt mit einer herrischen Geste zum Schweigen gebracht. “Du kannst ja hier unten schlafen, dann sind die beiden unter sich.” “Nein!”, fuhr Caradan auf und Theo legte ihm eine Hand auf die Schulter. “Aber, aber mein Freund… Nur nicht wählerisch sein.” Caradan schlug seine Hand beiseite. “Nimm deine Pfoten weg.”, zischte er. “Nicht ich bin der Störenfried sonder er!” Theo grinste erneut. “Das sah gestern Abend aber ganz anders aus.” Der Zorn der in Caradan hoch kochte, machte plötzlich einer gähnenden Leere platz. “Fick dich…”, flüsterte er. “Wie war das?”, höhnte Theo. “Fick dich!”, wiederholte Caradan lauter. “Brauch ich nicht.”, lachte er. “Dafür hab ich ja Aen.” Der Dieb schnaubte und wollte den größeren Mann gerade zusammenschreien, dass er sie gefälligst nicht so nennen sollte, das räusperte sich der Wirt. “Wenn ihr beiden Gockel jetzt ein Theater wegen eurer Henne veranstaltet, dann fliegt ihr beide raus! Verstanden?” Caradan nickte. “Ich werde es ihr sagen… kümmer du dich nur um Speis und Trank. Und sei doch so gut und bringe unsere Habseligkeiten nach oben.”
Aen saß mit dem Rücken zu ihm, die Hände gegen die wärmenden Flammen geregt. Vorsichtig legte er ihr eine Hand auf die Schulter und setzte sich neben sie. “Es gibt nur noch ein Zimmer.”, kam Caradan gleich zum Punkt und seufzte schwer. “Und so wie es aussieht, ist Theo nicht bereit auf die Annehmlichkeit eines Bettes zu verzichten. Das heißt ich schlafe hier unten und du… auch…” Der Dieb bemühte sich, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen. Er war sich fast sicher, nein, er war sich gänzlich sicher, dass Aenaeris nicht mit Theo in einem Zimmer, geschweige denn einem Bett schlafen würde, aber ob sie deswegen die Nacht bei ihm im Schankraum verbrachte, das wusste er nicht so recht. Zwar ging er davon aus, aber ein kleiner Zweifel, der sich auch in seinen Gesichtsausdruck stahl, blieb. Einen Moment blickte er sie forschend an, bis ihm aufging, dass sein fragender Blick genau das zur Sprache brachte, was er mit Worten nicht hatte sagen wollen und so griff er nach ihrer Hand. “Tut mir leid.”, flüsterte er. “Gib mir noch ein paar Tage zum Schmollen.” Er warf ihr ein entschuldigendes Lächeln zu. “Ich vertraue dir, aber ihm nicht und deswegen… will ich nicht, dass du bei ihm bist. Ich will... das du bei mir bleibst. Und wenn dass heißt, dass wir uns im Stall ans Vieh kuscheln müssen um nicht zu erfrieren, dann ist mir das immer noch lieber, als dich bei ihm zu lassen…” Caradan beugte sich vor und gab ihr zaghaft einen Kuss. “Einverstanden?”

Nach einer Weile kam dann auch Theo zu ihnen. Er musste sich notgedrungen etwas abseits setzen, da die Feuerstelle nicht genug Platz bot und auch von einigen anderen Gästen in Beschlag genommen wurde. Wenig später brachte der Wirt ihnen dampfenden Gewürzwein und je eine Schüssel Eintopf mit ein paar trockenen Brotkanten. Caradan, der den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, machte sich gierig darüber her. Gerade als der letzte Löffel in Caradans rachen verschwand, kam Theo zu ihnen. “Der Kerl da drüben.”, begann er und deutete auf einen älteren Mann, mit wettergegerbten Gesicht, einem mächtigen weißen Schnauzer und ebenso weißen langen Haar. “Das ist Lothar Gerold, Kapitän der Sturmjungfer.” Caradan blickte ihn fragend an. “Das ist das Schiff, mit dem wir morgen ablegen. Ich habe ihn schon in Kenntnis gesetzt.” “Meinst du nicht, du hast ihn gefragt?”, meinte Caradan mit einem Stirnrunzeln. Theo lächelte selbstgefällig. “Mit genügend Gold in den Taschen, braucht man nicht fragen.” “Und du hast so viel Gold?” Theo schüttelte mit dem Kopf. “Nein, aber ihr.” Caradan biss die Zähne zusammen und verschluckte jedes Wort, das ihm auf der Zunge lag. “Nun dann-” “He ihr da!”, kam es vom Nebentisch. “Wollt ihr mitspielen?” Ein untersetzter Mann, mit pockennarbigen Gesicht wedelte mit ein paar Karten. Caradan warf einen Blick zu Aen und seine Miene hellte sich ein wenig auf. “Soll ich uns unser Fährgeld verdienen?”

“Oh du verdammter Hurensohn!”, rief der Pockennarbige zornig und fing dann an zu lachen. “Entschuldige, es ist nur, ich hatte eine so gute Hand und dann kommst du.” Der Dieb winkte ab. Selbstverständlich war es eine rhetorische Frage gewesen, denn selbstverständlich hatte er mitgespielt. Nicht der Gewinn lockte ihn, sondern die Ablenkung, die seine Laune hob. Er musste sich auf das Spiel konzentrieren und das Spiel verhinderte, dass er seinen trüben Gedanken nachhing. “Schon gut Rolf.”, lächelte Caradan. “Meine Mutter war eine Hure und ich ihr Sohn.” Rolf lachte und verschluckte sich an seinem Bier. “Du bist vom richtigen Schlag Junge.”, lachte er und begann die Karten neu zu mischen. Caradan hatte sich so hingesetzt, dass er Aenaeris und Theo im Auge behalten konnte. Er hasste den Kerl und traute ihm nicht. Und er hatte ernste Sorge um sie. Rolf verteilte die Karten. Es waren nur noch er und der Dieb im Spiel, die anderen hatten nach und nach die Waffen strecken müssen, nachdem Caradan einen Sieg nach dem anderer, einer größer als der andere, an Land gezogen hatte. Dabei achtete er darauf, dass seine Glückssträhne als genau das durch ging. Glück. Theo beobachtete das Treiben am Spieltisch und ab und an meinte Caradan einen widerwillig anerkennenden Blick zu ernten, dass ihm beinahe der Eintopf hoch kam. Er wollte keine Anerkennung von diesem Mann, kein freundliches Wort, keine Hilfe, kein Garnichts. Er wollte das Theo verreckte, wollte das er sie beide in Ruhe ließ, damit Aenaeris und er wieder zueinander finden konnten. Immer wieder sah er, wie Theo einen Blick zu ihr warf und heißer Zorn stieg in ihm hoch.
“He? Bist du noch da?”, fragte Rolf. “Hm was?” “Du bist dran.” Caradan warf einen Blick auf seine Karten, warf eine ab und zog eine Neue. Besser. Mit einer Geste versuchte er Aenaeris’ Aufmerksamkeit zu erregen. Noch brachte er es nicht über sich, sie bei ihrem vertrauten Namen zu nennen, so wie er es gewohnt war, aber er wollte ihr nicht wieder einen Stich versetzen, indem er sie bei ihrem vollen Namen rief. Als sie zu ihm blickte, winkte er sie zu sich. Er wollte sie von Theo weg holen. “Ich könnte etwas Glück gebrauchen.”, meinte er und Aenaeris schien zu verstehen. Sie kam zu ihm. “Wollen wir den Einsatz erhöhen?”, fragte Caradan nun wieder an Rolf gewandt und legte Aenaeris geistesabwesend die Hand um die Hüfte. Allein die Nähe zu ihr, beflügelte ihn, auch wenn ihm immer noch ein bitterer Beigeschmack auf der Zunge lag. “Du hast leicht reden…”, murrte Rolf. “Du mit deinem Berg von Münzen. Wie soll ich denn den Einsatz erhöhen?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Mir gefällt dein Ring.” Rolf wurde blass. “Das ist ein Familienerbstück!”, protestierte er. Es war ein silberner Ring in Form einer Schlange die sich selbst in den Schwanz biss. Die Schuppen des Tieres waren fein gearbeitet und die Augen waren zwar nicht aus irgendwelchen Kristallen gefertigt, wohl aber mit glänzenden Gold ausgefüllt. “Der ist mehr wert, als alles Gold auf dem Tisch. Wie willst du da mithalten?” Familienerbstück hin oder her, Rolf war ein Spieler, das hatte Caradan von Anfang an gemerkt. “Wir haben Pferde.”, antwortete der Dieb und tätschelte Aenaeris beruhigend auf den Rücken. Er musste sie nicht ansehen, um ihren Unmut und die schiere Weigerung zu spüren, die Pferde her zu geben. “Ab morgen geht es per Schiff weiter, da brauchen wir sie nicht mehr. Was sagst du? Zwei gute Reitpferde, gegen deinen Ring.” Rolf kratzte sich am Kinn. “Ich weiß nicht… Du hast schon verdammtes Glück” Der Dieb lachte. “Ich hab weit häufiger verloren, als gewonnen.” “Ja aber wenn, dann richtig…” “In Ordnung.”, rief Caradan. “Wenn du gewinnst, behältst du den gesamten Gewinn und bekommst unsere Pferde. Wenn ich gewinne, dann bekomme ich deinen Ring und du die Hälfte meines Gewinns. Was sagst du jetzt?” Rolf überlegte. Er überlegte lange, bis er sich schließlich den Ring vom kleinen Finger zog und auf den Tisch knallte. “Ach was solls!”, johlte er und die Zuschauer grölten ihre Zustimmung. “Hier.” Er deckte seine Hand auf. “Drei Ritter!”, rief er triumphierend. Caradan unterdrückte ein Grinsen und deckte seine Hand auf. “Drei Edelfrauen.”, lächelte er. “Vier, wenn du sie mitzählst.”, fügte er hinzu und zog Aenaeris ein Stück zu sich. Seine Hand schlug Rolfs um Haaresbreite. Der Dieb beugte sich über den Tisch und schob Rolf die Hälfte seiner Münzen zu. “Ich steh zu meinem Wort. Was ist mit dir?” Rolf war sichtlich die gute Laune vergangen, aber er war ein ehrenwerter Verlieren. Widerwillig schob er Caradan den Ring hin und der zog ihn sich sogleich über den eigenen kleinen Finger. Es war ein ungewohntes Gefühl. “Und jetzt? Was machen wir jetzt?”, murrte Rolf, der sich nicht so recht über seinen neu erlangten Reichtum freuen konnte.

Die Antwort war auf dem Fuße gefolgt, als ein paar Männer die Herberge betraten und verlauten ließen, dass zur bevorstehenden Janusnacht und zur Feier der baldigen Hochzeit des Erben des Hauses Avalé Bier auf Kosten des Stadtherren fließen sollte. Die Stimmung schraubte sich ins Schier unermessliche hoch, Spielleute die bisher eher leise vor sich hin gespielt hatte, sangen nun aus vollem Halse und so ging es bis weit nach Mitternacht. Caradan feierte allerdings nicht annähernd so ausgelassen, sondern zog sich sobald er konnte in eine dunkle Ecke zurück. Die schlaflose Nacht des Vorabends und der lange Ritt nach Avalé forderten ihren Tribut und so döste er bereits vor sich, während um ihn herum noch Gelächter und Musik erscholl.
Als sich der Trubel langsam legte, kam Aen zu ihm um wohl nach ihm zu sehen. “Komm her.”, bat er sie und reckte den Arm nach ihr. Sie setzte sich neben ihn und er zog sie an sich. Ihm stand nicht der Sinn nach einem Liebesspiel oder dergleichen. Es reichte ihm schon, sie ihm Arm zu halten, wohl wissend, dass Theo ganz weit weg war, auch wenn er nur in einem Zimmer über ihnen war. Eine Weile, eine lange Weile, schwieg er und hielt sie einfach nur. Er beobachtete den Ring an seinem Finger, beobachtete wie sich der Schein des Feuers in ihm spiegelte. Schließlich zog er ihn ab und legte ihn Aenaeris in den Schoß. “Ich finde er passt nicht zu mir. Nimm du ihn.” Er nahm ihre Hand in seine. “Und keine Sorge, ich erinnere mich noch gut an deine Worte. Keine Ehe, keine Kinder.”, lächelte er. “Ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, wenn du ihn annimmst. Du weißt mein Herz gehört dir und ich weiß, ich weiß deines gehört mir. Aber ich weiß auch, dass du nicht mir gehörst und ich will nicht, dass du glaubst, etwas müsse sich ändern, nur weil ich dir einen Ring schenke.” Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und blickte sie dann traurig an. Was er noch sagen wollte, schnürrte ihm die Kehle zu, aber er spürte, dass er es loswerden musste, bevor es seinen Verstand vergiftete. “Manchmal frage ich mich, ob ich dich nicht genug wertschätze und du mir nur darum weh tust, weil du mir zeigen willst, was ich an dir habe. Wenn ja, dann tut es mir leid. Und ich weiß, dass das idiotisch und kitschig und so… schrecklich, widerlich romantisch klingt, aber ich liebe dich, egal was du tust. Als ich dich zum ersten Mal traf wusste ich nicht worauf ich mich einlasse, habe es aber schnell herausgefunden und bin trotzdem geblieben. Und ich werde bleiben…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » So, 14. Apr 2019 20:19

Aen betrachtete den Ring, den Caradan ihr in den Schoß gelegt hatte, mit klopfendem Herzen. Was hatte er vor? Wollte er ihr einen Antrag machen? “Ich finde er passt nicht zu mir. Nimm du ihn. Und keine Sorge, ich erinnere mich noch gut an deine Worte. Keine Ehe, keine Kinder. Ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, wenn du ihn annimmst. Du weißt mein Herz gehört dir und ich weiß, deines gehört mir. Aber ich weiß auch, dass du nicht mir gehörst und ich will nicht, dass du glaubst, etwas müsse sich ändern, nur weil ich dir einen Ring schenke.” Aen verbarg ihre Enttäuschung hinter einem Lächeln. Sie hatte tatsächlich gehofft, dass er sie bat, einen Bund einzugehen? Seitdem sie das über Ehe und Kinder gesagt hatte, hatte sich wohl eine ganze Menge geändert. Aber nun war sie nicht bereit sich die Blöße zu geben, stattdessen nahm sie den Ring und steckte ihn sich an den Ringfinger. Er war ihr ein Stück weit zu weit, also probierte sie ihn am Mittelfinger noch einmal. Und dort passte er. “Ja, was sollte sich denn auch ändern? Die Ehe ist so ein Unsinn…” schmunzelte sie. “Danke für den Ring, auch wenn der Einsatz dafür sehr hoch war. Ein Pferd ist der ganz bestimmt nicht wert...“

Das Ablegen des Schiffes verspätete sich. Aen und Caradan erfuhren davon, als sie mit gepackten Taschen in der Schenke saßen und ein Bier tranken. Der Fluss war stellenweise zugefroren und es würde eine Weile dauern, die Eisdecken zerschlagen worden waren und ein Auslaufen möglich war. “Verdammte Scheisse” brummte Aen. “Ich will nur weg hier. Ich hab keine Geduld mehr!” schimpfte sie, und erhob sich. “Ich muss mal…” meinte sie und ging in den Innenhof des Gasthauses, wo sich eine dreckige  stinkende Latrine befand, ein kläglicher dreckiger Donnerbalken. Aber irgendwo musste man seine Notdurft ja verrichten. Angewidert erledigte sie ihr eilends ihr Geschäft, und als sie daran war, zurück zuschlendern, passte, wie aus dem Nichts aufgetaucht, Theo sie ab und hielt sie am Arm fest. Aen blickte zuerst auf ihren Arm, dann in sein Gesicht. “Was soll das? Verfolgst du mich? Lass mich los!” sagte sie gereizt. “Reiner Zufall. Habe gerade aus dem Fenster geschaut und dich gesehen…” deutete er mit den Augen zu dem kleinen Fensterchen, und die Arcanierin folgte seinen Augen. “Warum bist du immer nur so kratzbürstig zu mir? Wenn ich an die glutvollen Blicke denke, die du mir immer zuwirfst, würde ich behaupten, das passt so gar nicht zusammen. Und ich würde sogar so weit gehen und behaupten, wir sollten unser kleines Stelldichein wiederholen. Aber diesmal in einem passenden Rahmen. So wie in der Scheune nehme  ich für gewöhnlich eine Hure, wenn ich Druck abbauen will. Wir sollten die Zeit, die wir noch haben, bis das Schiff tatsächlich ablegt, sinnvoll nutzen.” Aen wich einen Schritt zurück, und versuchte, sich loszureißen, er ließ sie jedoch nicht los. “Ich habe dir keine glutvollen Blicke zugeworfen…” erwiderte, mit fassungslosen Groll in ihrer Stimme. “Und ich hätte mich nie auf dich einlassen dürfen. Es war sowieso nur wegen dem verdammten Starrkraut. Ich liebe Caradan. Kapier das. Ich steige erst wieder mit dir in die Kiste, wenn die Sonne im Westen aufgeht.” Theo setzte ein wölfisches Grinsen auf. “Wie weit gehst du für deinen Geliebten? Ich gestehe, ich spiele mit dem Gedanken, ihn von seinem frechen Maul bis zum Arsch aufschlitzen und ihn danach in den Fluss zu werfen.” Er untermalte seine Worte in dem er seinen Dolch zückte, der recht geschärft aussah. “Das würdest du nicht tun!” sagte Aen und in ihre Stimme mischte sich Angst und Gewissheit, dass er sehr wohl dazu in der Lage war, und auch Lust darauf verspürte. “Glaubst du?” fragte er sie leise. Aen runzelte die Augenbrauen. “Was kann ich tun, dass du es nicht tust?” Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Hose, wo sie seine erhärtete Männlichkeit spürte. “Das kannst du dir bestimmt denken.” “Was? Du spinbst wohl! Wie könnte ich das Caradan ein zweites Mal antun?” “Ein geringer Einsatz, würde ich sagen, meinst du nicht auch?” “Woher weiß ich dass ich dir vertrauen kann? Dass du es danach nicht trotzdem tust?” Theo zuckte die Schultern “Wem kann man schon vertrauen? Streng dich an, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich gnädig bin” grinste er. Ich erwarte dich im Zimmer, Süße” erwiderte er im Umdrehen. Aen blieb zurück und es schien ihr  als schwankte sie, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Dann wandte sie sich um und lief zurück in die Schenke, zu Caradan.

“Das kommt nicht in Frage, ich bin strikt dagegen! protestierte Caradan mehr als nur gereizt. “Ja, ich bin auch nicht erfreut, Theo als Hure zu dienen. Aber denkst du, ich lasse es zu, dass er dich umbringt?” Ihre Stimme war schrill vor Angst. “Ich traue es ihm zu, und verdammt noch eins, das ist ein geringerer Preis als dass ich dich vor den Toren Avalés verscharren müsste!” Nervös holte sie ihren Tabakbeutel,  und stopfte sich eine Pfeife. Sie zerbröselte auch eine Starrkrautblüte dazu. Caradan warf ihr einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte. “Was? Mit Starrkraut ist das bestimmt besser zu ertragen. Könntest dir auch eine anstecken. Du hast mir erst gestern Abend gesagt, du liebst mich, egal was ich tue. Ich rette dein Leben dafür musst du mich auch lieben.” Sie blies den Rauch nervös in die Luft, ihre Hände zitterten fast unmerklich. Sie schwieg, Caradan schwieg ebenso. Als sie die Pfeife zu Ende geraucht hatte, spürte sie schon die Wirkung des Krautes, das stets ihre schlechten Seiten hervor kehrte. Sie erhob sich und blickte Caradan im doppelten Sinne von oben herab an. “Man muss es positiv sehen. Er scheint mich immerhin zu begehren, nicht wahr?” Er erwiderte “Und du? Was begehrst du?” Aen blieb stehen, wandte sich jedoch nicht um. “Diese Frage ist eine Beleidigung. Erwarte keine Antwort darauf.” Dann ging sie.

Aen betrat Theos Zimmer mit langsamen Schritten, die Tür versperrte sie hinter sich. Wer wusste schon, was Caradan im Sinne hatte. “Hier bin ich” meinte Aen leise. Man merkte Theo seine Überraschung an, dass sie tatsächlich gekommen war. Er grinste und näherte sich wie ein Fuchs dem Hühnerstall. “Zeig mir deine Hände. Versteckst du ein Messer?” Aen hob sie Hände und schüttelte den Kopf. Er nickte, dann nahm er ihr den Gürtel ab. “Jetzt bist du dran, Aen”, forderte er sie auf, ihm ebenfalls ein Kleidungsstück auszuziehen. Sie zog ihm das Hemd aus. Er als nächstes ihr Oberkleid. “Das ist mir zu dämlich.” schimpfte Aen, nahm Abstand von ihm und zog sich Unterkleid und Stiefel aus, und schlüpfte unter die Decke. Sie lag auf der Seite und stützte ihren Kopf in die Hand. “Los, bringen wirs hinter uns” Theo grinste in Seelenruhe. “So eilig?” Er befreite sich Stück für Stück von seinen Gewändern und kam zu ihr unter die Bettdecke. Er ließ seine Finger über ihren nackten Oberkörper gleiten. Schwere, kräftige Hände. “Weisst du eigentlich, wie dämlich das ist? Ein geplanter, angekündigter Akt? Wie eine Hure und ihr Freier? Was erwartest du dir davon? Denkst du, es wird dir gefallen?” Sie stieß ein freudloses Lachen aus. “Das wird es, Aenchen, wirst schon sehen.” Er kam über sie und drehte sie sanft auf den Rücken, verschränkte seine Finger zwischen den ihren und nagelte sie so regelrecht an sein Bett. Sein strammes Gemächt streifte ihren Schoß, als er näher kam und ihren Hals mit Küssen bedeckte. Er saugte und küsste ihren Hals, sodass die Arcanierin erschauerte. Das Starrkraut und seine aphrodisierende Wirkung tobte in ihren Adern, und der letzte klare Gedanke der jungen Frau war, ob es ein Fehler gewesen war, es zu rauchen. Theo ging mit seinen Lippen auf Wanderschaft, küsste ihre Brüste, saugte und leckte daran, ging tiefer und tiefer, überging den Bauchnabel und tauchte sofort in die Gefilde, die er angezielt hatte. Aen seufzte lüstern auf. Es gefiel ihr, was er tat. Er verwöhnte sie, als galt es, die von Caradan verspotteten Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ihre Hände krallten sich in seinen Hintern und drückten ihn eng an sich heran. Ihre Sinne spielten unter dem Starrkraut völlig verrückt, doch sie wusste, sie wollte dass er sie fickte. “Fick mich endlich…” hauchte sie bettelnd. Theo ließ sich nicht lange bitten. Er schob sein hartes Ding in sie, und sie stöhnte erlöst auf. Und wie er das tat! Man konnte sagen, was man wollte, doch dieses Mal war gänzlich anders als jenes kurze Stelldichein in der Scheune. Er schien sehr erfahren zu sein mit Frauen, schien genau zu wissen, was er tat und was erforderlich war. Als sie zum Höhepunkt kam, holte sie das schlechte Gewissen ein, und sie tat als hätte sie keinen gehabt, um nur Theo keine Genugtuung zu geben. Als er sich erhob, setzte auch sie sich auf, und begann schweigend, sich zu säubern und anzukleiden. Plötzlich sagte er “Es hat dir gefallen.” Aen schüttelte den Kopf, doch sie wusste dass Leugnen zwecklos war. “Es hat dir gefallen. Du hast gezittert, bist erbebt, und du…” “Das kommt vom Starrkraut” unterbrach sie ihn. “... und du bist gekommen.” Er grinste siegessicher. “Nein! Das ist nicht wahr!” beteuerte sie. “Doch ist es. Man kann sowas spüren, wenn man erfahren ist in solchen Dingen…” Aen schüttelte den Kopf. “Bitte… Kein Wort zu Caradan nichts davon… unsere Beziehung hängt gerade sowieso am seidenen Faden… Bitte… Nur dieses eine Mal tu, worum ich dich bitte…” flehte sie ihn an. “Achso. Also wenn ich es ihm erzähle, dann verpisst er sich?” “Nein, das würde er nicht tun… Aber es ist alles reichlich kompliziert.” Theo zuckte die Schultern. “Versteh sowieso nicht, was du an dem findest. Er sieht weder besonders gut aus, noch ist er besonders groß, das größte an ihm ist wohl sein Maul, und wenns drauf ankäme, könnte er dich nicht mal beschützen, hab ich nicht Recht? Du brauchst nen ganzen Kerl. Nen richtigen Mann. So einen wie mich. Finde wir passen ganz gut zusammen. Jedenfalls beim vögeln. Ich könnte ihn immer noch aufschlitzen und in den Fluss werfen.” grinste er sie herausfordernd an. Aen sagte nichts. Sie hielt diesen Leidensdruck nicht mehr aus und begann einmal mehr hemmungslos zu heulen. Sie ließ sich auf das Bett plumpsen und heulte wie ein Schlosshund. Theo wirkte betreten. “Tschuldigung, ich habs nicht so gemeint…Ich sag ihm nichts, kein Wort… Und vielleicht begleite ich dich besser nach unten…” So geschah es dann auch, und Theo hielt sein Wort wortwörtlich. Er sagte absolut nichts, schwieg, als er Aen, mit rotverheulten Augen, bei Caradan ablieferte. Er blickte Caradan ernst an, und stapfte dann wieder nach oben.
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mo, 15. Apr 2019 1:32

Er starrte ihr hinterher, unfähig sie aufzuhalten. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen, völlig gleich was er gesagt hatte oder hätte sagen können. Er blieb sitzen, starrte auf die Treppe. Er wollte sich nicht ausmalen, was sie da oben taten, er wusste es ja. Was dachte sie sich nur? Theo war Lepos Handlanger und Lepos brauchte sie, brauchte sie Beide. Theo war ein Hund an der Leine und solange sie ihm die um den Hals legen konnten, würde er gar nichts gegen Caradan unternehmen. Das hieß sie wollte es. Sie hatte sich entschieden, gegen Caradan und das tat mehr weh, als alles, was sie ihm bisher angetan hatte. Er war nicht unschuldig, das wusste er auch, aber er hatte sich bemüht, hatte sich angestrengt und nun, da er vor den Trümmern seiner Anstrengungen saß, da… da konnte er nicht mehr. Seine Beine waren schwer wie blei, das atmen wurde ihm unmöglich und er glaubte beinahe zu ersticken. Eine halbe Ewigkeit saß er da, starrte auf die Treppe und wartete. Wartete bis Aenaeris strahlend zu ihm herunter steigen würde und ihm sagen würde, dass er ersetzt wurde. Ersetzt durch einen richtigen Mann, der ihr all das geben konnte, was sie wollte. Einen Mann, der mehr Wert war als Caradan, besser… Dann hörte er Schritte am Ende der Treppe. Aenaeris und Theo kamen zu ihm. Keiner sagte ein Wort, weder sie noch er, doch ihr Anblick schockierte den Dieb. Theo warf ihm einen grimmigen Blick zu und ging wieder. Aenaeris stand vor ihm. Sie hatte geweint, sehr viel geweint. Es brach ihm das Herz sie so zu sehen und als er noch einen letzten Blick auf Theos Rücken warf, stieg heißer Zorn in ihm hoch. “Ich bring ihn um.”, knurrte er und rannte ihm hinterher.
Theo verschwand gerade im Zimmer, da fiel Caradan über ihn her. Der Dieb schlug ihm gegen den Hinterkopf, dass der größere Mann vor Überraschung vornüber fiel und sich den Kopf am Bettrahmen blutig schlug. Irritiert blickte er zu Caradan, der ihm mit aller Kraft in die Seite trat. Theo keuchte auf und erhielt zum Lohn einen weiteren Tritt gegen die Schläfe. Dann siegte Erfahrung und Instinkt über die Überraschung. Als Caradan erneut zutrat, fing er den Tritt ab und schleuderte den Dieb zu Boden. Blitzschnell war er über ihm und schlug auf ihn ein. Caradan hielt schützend die Arme vors Gesicht und sein Körper erzitterte unter jedem Hieb des Riesen. Unter unmenschlicher Anstrengung schaffte es der Dieb Theo von sich runter zu werfen, er bockte und wandt sich, bis er sich unter dem Anderen hervor ziehen konnte. Er packte einen der Schemel und schleuderte ihn nach Theo, der dem Wurfgeschoss behände auswich. Er packte Caradan an den Schuhen und zerrte ihn zu sich. Caradan ächzte und schnaubte, entwand sich seinem Schuh und trat Theo gegen die Rippen. Theo brüllte auf und Caradan sprang auf die Füße, prallte Theo auch schon gegen ihn und rammte ihn gegen die Fensterläden. Caradan hörte Holz knacken und splittern und hoffte, dass es nicht sein Rückgrat war. Die Luft blieb ihm weg, er konnte die Arme nicht mehr heben und den Schlägen des stärkeren Mannes nichts entgegen setzen. Schon der erste Schlag ließ ihm Schwarz vor Augen werden. Den Zweiten sah er nicht mal mehr kommen und Dritten spürte er kaum noch. “Aufhören!”, schrie eine schrille Stimme und Theo ließ ab von Caradan, der wie tot auf dem Boden aufschlug. Einen Moment regte er sich nicht, eher hustet und blutspuckend auf allen vieren versuchte, wieder etwas zu sehen. Aenaeris stand in der Tür und beobachtete schockiert die Szenerie. “Was soll das?”, verlangte sie zu wissen. “Nur eine Meinungsverschiedenheit.”, brummte Theo und zog Caradan unsanft auf die Füße. Der Dieb taumelte, blieb aber stehen. Er schnappte sich seinen Stiefel, den er verloren hatte und zog ihn wieder an. “Was stimmt mit euch bloß nicht?”, zischte Aenaeris. “Als ob du das fragen müsstest.”, giftete Caradan zurück, stand auf und stellte sich direkt vor sie. Statt Theo zu verurteilen, verurteilte sie alle Beide. Er hatte sie verloren, das wurde ihm in diesem Moment klar und all der Hass den er geleugnet hatte, brach aus ihm hervor. “Als ob es dich scheren würde. Dir kannst du ja vielleicht vormachen, dass du das für mich gemacht hast, aber ich weiß, dass du es ebenso wolltest, wie dieser Wichser! Nicht wahr Aen?” Er spuckte ihren Namen förmlich aus und sie verpasste ihm eine Ohrfeige. Caradan ballte die Hände zu Fäusten und spürte wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. “Sie gehört dir.”, hauchte Caradan tonlos und floh aus dem Zimmer.

Caradan rannte die Treppe hinab, so schnell, dass er beinahe stürzte. Der Wirt blickte ihn ernst an und machte gerade den Mund auf, um ihn zurecht zu weisen, da warf ihm Caradan einen Geldbeutel zu. Es war zuviel. Zu viel für Kost und Logi, zu viel für die Kotze in der Ecke, zuviel für das demolierte Zimmer. Aber es war Caradan egal. Alles war ihm egal. Er schnappte sich seine Satteltaschen und eilte zum Stall. Während er sein Pferd sattelte, schlurzte er leise. Tränen rannen ihm die Wangen hinab, Tränen voll loderndem Hass und kalter Wut. Er hasste sie, hasste sie beide. Hasste sich selbst, hasste sich dafür, dass er so blind gewesen war. Er hatte ihr gesagt er könnte, er könnte ihr alles verzeihen, hatte ihr seine Liebe mehr als einmal geschworen und sie hatte gelogen. Er hatte sich selbst belogen und er war ein guter Lügner, das wusste er, denn er hatte sich selbst geglaubt, hatte mit ganzem Herzen daran geglaubt, dass sie die eine war, das Maß aller Dinge, an dem sich jede andere Frau hätte messen müssen, nur um kläglich zu scheitern. Und nun? Nun hatte sie ihn weggeworfen und er war verletzt, zu verletzt, als dass er zu ihr zurückkriechen könnte. Zu verletzt, als dass sie zu ihm zurückkriechen könnte. Er war fertig mit ihr, mit dieser Stadt, diesem Land, diesem Leben. Fertig mit allem. Sobald er diese Scheiße mit Lepos hinter sich gebracht hätte, wäre er weg. Zurück nach Aramad, dort wo er sich zuhause gefühlt hatte. Und er würde den Beiden da oben nichts schenken, gar nichts. Keinen Hass, keine Freude, kein gar nichts. Aenaeris hatte recht gehabt, er hasste sie so sehr, wie er noch nie einen Menschen zuvor gehasst hatte und die Genugtuung, ihr zu zeigen wie recht sie gehabt hatte, gönnte er ihr nicht. Sollte sie mit Theo glücklich werden, wenn sie das überhaupt konnte. Sollten sie sich gegenseitig ihre verrotteten Seelen aus dem Leib ficken, ihm würde es einerlei sein… Nein, würde es nicht, aber er würde die ganze Welt glauben machen, dass es so wäre. Mit nichts als Gleichgültigkeit oder gespielter Unbeschwertheit würde er ihnen begegnen. Kein Böses Wort würde ihm über die Zunge, weder zu ihr noch zu ihm, kein Wort, das ihnen sein Innerstes offenbaren würde. Sie würden ihn nicht wiedererkennen, würden ihm nicht glauben, das wusste er, aber es war ihm egal. Sollten sie denken was sie wollten, sollten sie ihm mit Argwohn und Misstrauen begegnen. Je weniger sie ihm trauten, desto leichter würde es sein, all den Schmerz zu verdrängen. Er atmete einmal tief durch und zwang sich selbst zur Ruhe, ehe er sich die Tränen und den Rotz aus dem Gesicht wischte. Je eher sie ablegten, desto eher konnte er diesen ganzen Scheiß hinter sich lassen.
Das Schiff war nicht schwer zu finden, dank des markanten Kapitäns, der seine Männern mit einer Stimme wie ein Gewittersturm zur Eile antrieb. Caradan meldete sich bei einem der Matrosen, sagte wer er war und warum er hier war. Dann übergab er dem Mann sein Pferd, der es zaghaft und zärtlicher als der Arcanier erwartet hätte, auf das Schiff führte. Der Dieb schnappte sich eine Hacke und nickte dem Kapitän kurz zu. Lothar Gerold, so hieß er, wenn sich Caradan recht erinnerte, blickte ihn fragend an. Caradan ignorierte ihn und sprang aufs Eis. Einen kurzen Moment kämpfte er mit seinem Gleichgewicht, dann schlitterte er mehr als er lief zu den arbeitenden Matrosen und begann erbarmungslos auf das Eis einzuhacken. Seine Arme begannen zu brennen, sein Atem ging stoßweise und obwohl sein Atem in Wölkchen gen Himmel stieg, rann ihm der Schweiß in Strömen den Rücken hinab. Ein paar Matrosen hielten inne, stießen sich gegenseitig an und deuteten auf den eifrigen Dieb, der wie ein Berserker ohne Sinn und Verstand auf das Eis zu seinen Füßen eindrosch. Ein paar zuckten mit den Achseln und arbeiteten weiter, während sich andere eine Pause gönnten und sich in ein paar Zelte am Ufer zurück zogen. Qualm stieg aus den Zelten auf, wohl von einigen Kohlepfannen die wärme verhießen und sie waren allesamt mit roten Bändern und Laternen geschmückt. Hurenzelte, selbst bei dieser eiseskälte. Die Matrosen ließen sich dort nicht nur am Feuer aufwärmen, sondern auch die verspannten Muskeln unter den fähigen Händen der Damen lockern. Und sie bumsten, lautstark und unverschämt. Zu jeder anderen Zeit hätte sich er sich hier wohl gefühlt, aber Caradan verschwendete keinen Gedanken daran, er dachte überhaupt nicht. Seine Gedanken drehten sich einzig und allein um die Hacke in seinen Händen und wie sie das Eis zum Splittern und Brechen brachte. Er tobte sich aus, ließ all seine überschäumenden Gefühle raus, drosch mit dem unerbittlichen Hass eines gebrochenen Mannes auf das Eis ein. Bis es mit einem ohrenbetäubenden Knacken unter ihm brach und er ins Wasser fiel. Die Luft blieb ihm weg und er erstarrte. Das Wasser brannte auf seiner Haut, kroch ihm in die Eingeweide, schien ihn von innen zu verbrennen und seinen Kopf zu erdrücken. Unfähig auch nur einen Muskel zu rühren sank er wie ein Stein, als ihn seine nassen Kleider zum Grund des Flussbettes zogen. Seine Augen waren vor Todesangst geweitet und als er den Schatten über sich sah, glaubte er den Tod höchstselbst zu erblicken. Dann packte ihn der Tod am Kragen und riss ihn aus dem Wasser.

Nur wenige Momente später hockte Caradan unter einem Berg von Decken vor einer Kohlepfanne und zitterte am ganzen Leib. Seine Kleider hatte man ihm vom Leib gezogen und zunächst in den Schnee geworfen, der das Wasser aus dem Stoff zog, ehe man sie zum Trocknen vors Feuer gelegt hatte. Vor ihm saß Lothar, ebenso in Decken geschlungen und ebenso zitternd. Kaum da das Eis unter Caradans Füßen gebrochen war und sich die Matrosen um ihn herum in Sicherheit gebracht hatten, war der Kapitän höchstselbst ins Wasser gesprungen um den übereifrigen Burschen vor einem eisigen Tod zu bewahren. Schweigend saßen die beiden da, während der Dieb versuchte, den forschenden Blicken des anderen Mannes so gut es ging auszuweichen. Irgendwann ertrug er es nicht länger und blickte Lothar an. “Danke.”, stieß er zwischen klappernden Zähnen hervor. Sie saßen nicht in einem der Hurenzelte, sondern in einer Art Sonnensegel, schon beinahe eine Art Baldachin, dass aufgespannt worden war, damit man sich ausruhen konnte ohne die Dienste einer Hure in Anspruch nehmen zu müssen und ohne eingeschneit zu werden. “Hast es ja beinahe provoziert.”, murrte Lothar. “So irrsinnig wie du losgelegt hast.” Der Dieb blickte beschämt zu Boden. Natürlich hatte er sich nicht selbst ersäufen wollen, er hatte sich bloß selbst ablenken wollen. “Dein Blick sagt alles.”, fuhr Lothar fort. “Lass mich raten: Eine Frau?” Caradan blickte auf, beinahe erschrocke darüber, wie leicht ihn dieser Mann durchschaut hatte. Lothar lachte. “Guck nicht so überrascht. Nichts bringt einen Mann so sehr in Rage, wie eine Frau. Du warst Gestern in der Schenke oder? Ist’s die Kleine die bei dir war?” Caradan nickte. “Verstehe. Hat sie einen anderen?” Er nickte. “Herrje…”, seufzte der alte Seemann. “Wenn ich dir einen Rat geben darf: Schlag sie dir aus dem Kopf. Eine untreue Frau bringt nichts als Unglück.” Caradan zuckte mit den Schultern. “Hat er sich so zugerichtet? Der Kerl der uns angeheuert hat?”, fragte Lothar und deutete auf Caradans Gesicht und der Dieb nickte. “Schien ein guter Mann zu sein, aber respektlos bis ins Mark. Dem würde ich nicht weiter trauen, als ich spucken kann. Und du hast dich mit ihm angelegt? Ha!”, lachte Lothar und Caradan blickte wieder beschämt zu Boden. “Du bist ja echt dümmer als ich dachte. Ich geb dir noch einen Rat: Der Kerl ist größer, stärker und erfahrener als du. Wenn du dich mit ihm anlegst, dann nur wenn du weißt, dass du auch gewinnst. Verschaff dir einen dreckigen Vorteil! Spuck ihm ins Gesicht, werf ihm Sand ins Auge, tritt ihm in die Eier, hacke auf seine Füße ein…” “Seine Füße?”, fragte Caradan irritiert. “Ja verdammt!”, rief Lothar. “Seine scheiß Füße, die bluten genau so wie der Rest von ihm und die wenigsten achten auf ihre Füße. Alle sind immer so besorgt um ihre Hälse und Brustwarzen. Ein Hieb auf die Fußknöchel und er ist dir ausgeliefert. Ein Stich in die Eier und er verblutet schneller, als als du ihm die Kehle aufschlitzen kannst. Lass dir das von einem alten Seebären sagen, der schon mehr Messerstechereien gewonnen hat, als deine kleine fremde Schwänze gelutscht hat.” Der Dieb blickte auf und funkelte ihn zornig an. Lothar hob abwehrend die Hand. “Ruhig mein Junge. Nur weil ich dich aus dem Wasser gefischt habe, heißt das nicht, dass ich dich nicht umbringen würde, wenn du Dummheiten machst.” Caradan musste lächeln. Der Mann war ihm sympathisch. “Hast du noch mehr Ratschläge?” Lothar nickte. “Sprich vom Elfen und er soll erscheinen.” Dabei deutete er in Richtung Stadt. Caradan sah, wie sich Aenaeris und Theo näherten. “Immerhin können wir jetzt endlich ablegen.” “Ach ja?”, fragte Caradan und hob eine Augenbraue. “Natürlich. Dein beherzter Einsatz, hat das Eis buchstäblich gebrochen. Von meinen Männern wollte keiner baden gehen, also mussten wir vorsichtig vorgehen, aber du… naja du bist wohl genauso nützlich wie dumm.”

Die Sturmjungfer glitt durch das eisige Nass des Flusses, angetrieben von einer Meeresbrise und den Rudern der Mannschaft. Caradan hatte den halben Tag versucht sich nützlich zu machen, hatte sich stets in Lothars Nähe gehalten, die Theo wie durch einen glücklichen Zufall wo es nur ging mied. Dem Arcanier war das nur recht, je länger er sich auf seine Rolle vorbereiten konnte, desto besser würde er sie spielen, da war er sich sicher. Als die Nacht hereinbrach, wurden die meisten Segel gestrichen und die Ruder eingeholt. Ein paar Männer hatten Nachtwache und entzündeten Blendlaternen und hielten Ausschau, damit der Steuermann auch in der Dunkelheit das Schiff sicher durchs Flussbett manövrieren konnte. Die Matrosen waren eine eingespielte Mannschaft, jeder Handgriff saß und so konnte das Schiff selbst bei Nacht weitersegeln, wenn auch nicht annähernd so schnell wie bei Tag. Die meisten Männer waren nun unterdeck, saßen beisammen, aßen, tranken, sangen und spielten. Und Caradan war mitten unter ihnen. Wegen oder vielmehr Dank des hektischen Treiben an Bord, hatte er noch kein Wort mit Aenaeris gewechselt, ja, er hätte nicht mal die Gelegenheit gehabt, selbst wenn er sie hätte ergreifen wollen. Den ganzen Tag hatte er sich bemüht so unbekümmert zu wirken, wie er konnte und auch jetzt noch, da er spielte und trank, nur Wasser, da bemühte er sich nichts durchsickern zu lassen. Doch auch er konnte irgendwann nicht mehr. Es wurde ihm zu viel, die Fröhlichkeit um ihn herum machte ihn krank und er brauchte einen Moment allein. Eilig verließ er die Runde und rannte förmlich an Deck. Er beugte sich über die Reling und atmete mit tiefen Zügen die erfrischende Nachtluft ein. Dann hörte er Schritte hinter sich. Er brauchte sich nicht umdrehen um zu wissen, wer dort stand. “Was fällt dir eigentlich ein?”, zischte Aenaeris. Caradan drehte sich um und sah ihren zornigen, vielleicht sogar verletzten Blick. “Was fällt dir ein, mich einfach so… weiterzugeben?” Der Dieb legte den Kopf schief und hielt ihrem Blick stand. Sein Herz schlug schneller. Es war beinahe so, als würde er sich in eine Schlacht stürzen, die er gar nicht führen wollte. “Ich hab dich nicht weitergegeben, Aenaeris.”, antwortete er ruhig und es strengte ihn an. “Ich hab dich losgelassen.” Er starrte sie an und sah die Trauer in ihrem Gesicht. Es schmerzte ihn, mehr als er zugeben wollte, mehr als er ihr zeigen wollte. Zögerlich machte er einen Schritt auf sie zu, dann hielt er inne. Er wandte sich zum Gehen und legte ihr eine Hand auf die Schulter, unfähig noch ein weiteres Wort zu sagen. Dann ging er wieder hinunter und spielte weiter.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mo, 15. Apr 2019 13:29

Ein lautes Poltern riss Aen aus ihrem Selbstmitleid. Sie warf einen Blick an die Raumdecke, erhob sich, und hastete über die Stufen nach oben. In dem Zimmer bot sich genau der Anblick, den sie erwartet hatte. Zerstörtes Mobilar, zerstörtes Inventar, und mittendrin Caradan und Theo die sich prügelten. Auch wenn es in dem Augenblick so aussah, als ob nur Theo Schläge austeilte. “Aufhören!” schrie sie und wirklich, Theo ließ ab von Caradan und der fiel wie ein nasser Sack auf den Boden. Theo stand da wie ein Kind das man bei einer Unart ertappt hatte und das nun auf seine Schelte wartete. Und Caradan, der spuckte Blut. Fassungslos ließ sie ihre Blicke über die Szenarie schweifen. Das war nicht die Art Kampf zwischen zwei Männern die um eine Frau kämpften, derer man sich als Frau brüsten konnte. Nein, das hier war einfach nur beängstigend. Es machte ihr Angst, Zeuge davon geworden zu sein, doch alles, was sie tat, war, in der Tür zu stehen und schließlich drei kleine Schritte in das Zimmer zu tun. “Was soll das?” verlangte sie zu wissen. “Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit” gab Theo zur Antwort. “Kleine Meinungsverschiedenheit!” wiederholte sie ungläubig “Was stimmt denn bloß nicht mit Euch?” “Als ob du das fragen müsstest” giftete Caradan und der drohende Unterton in seiner Stimme ließ ihr eine Gänsehaut über den Rücken kriechen. Sie sagte nichts darauf, blickte ihn nur an mit einer wachsenden Mischung aus Abscheu und Mitleid, denn er war ziemlich übel hergerissen, Theo allerdings auch. “Als ob es dich scheren würde. Dir kannst du ja vielleicht vormachen, dass du das für mich gemacht hast, aber ich weiß, dass du es ebenso wolltest, wie dieser Wichser! Nicht wahr Aen?” schleuderte er ihr entgegen. Die Arcanierin wurde ziemlich wütend, denn das, was er da sagte, entsprach wohl so ziemlich der Wahrheit, auch wenn ihr das nicht so bewusst war. Sie hob die Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Im selben Moment schon war sie schockiert, dass die die Hand gegen ihn erhoben hatte, und tat es ihr wieder leid. Doch das konnte das drohende Unheil das über ihnen schwebte, nicht davon abhalten, über ihnen herein zu brechen. Caradan wandte sich an Theo. “Sie gehört dir” hauchte er, dann verschwand er. Es versetzte Aen einen sprichwörtlichen Schlag, wie ein Fausthieb, und sie setzte sich an die Bettkante, als sie drohte zu schwanken. Eine Weile lang schwieg sie, dann fragte sie “Hat er jetzt mit mir Schluss gemacht?” Theo zuckte die Schultern. “Sieht ganz danach aus.” Aen versuchte, das zu begreifen. Versuchte, die Gedanken zu ordnen und in die richtige Reihenfolge zu bringen. Aber es gelang ihr nicht. Alles was sie vermochte war, den Scherbenhaufen zu betrachten, den sie selbst verursacht hatte. Und mittendrin Theo. “Letzten Endes doch ein Mann. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut.” Das war zuviel für Aen. Sie sprang auf und stürzte sich auf ihn. Gab ihm eine noch schallendere Ohrfeige, schlug mit ihren kleinen Fäusten auf seine Brust und versuchte ihm das Gesicht zu zerkratzen. Aber daraus wurde nichts, er war größer und schneller und stärker. Er hielt sie eisern an den Handgelenken fest. Immerhin konnte er ihr nicht auch noch das Maul stopfen. “Das ist deine Schuld! Du hast mich regelrecht dazu gezwungen meine Beziehung zu zerstören! Wie konnte ich nur so blöd sein und mich darauf einlassen?” schrie sie ihm entgegen. Sie hatte noch so viel mehr zu sagen. Aber das waren keine Worte, die für Theos Ohren bestimmt waren. Derjenige für dessen Ohren sie waren, war weg. Und was noch schlimmer war, sie hatte keine Tränen mehr. Weinen war erlösend. Aber es schien als hätte sie keine Erlösung verdient. Theo ließ ihre Hände vorsichtig los und sie ließ diese sinken.  Aen juckte es in den Händen. Es juckte sie, das Feuerrohr zu ziehen und ihn eiskalt zu erschießen. Aber wem nützte das? Sie würden sie noch einholen, bevor sie den Hafen erreicht hatte. “Das Schiff… wir müssen los” erinnerte Theo sie. “Wen interessiert das denn jetzt noch?” fragte Aen tonlos. “Lepos auf jeden Fall” gab Theo zurück. Er trat an sie heran und umfasste ihre Hüfte. Aen fuhr herum wie eine Verrückte und gab ihm einen heftigen Stoß. “Fass mich nicht an! Was denkst du dir eigentlich? Dass ich mich in deine Arme flüchte? Wir beide sind fertig miteinander! Fass mich nie wieder an, hörst du? Wenn du es wagst, mich noch einmal anzugreifen, dann bringe ich dich um! Du kennst mich nicht! Unterschätz mich ja nicht!” Theo hob sie Arme und grinste. “ In Ordnung. Jetzt lass uns gehen”

Mit festen Schritten und wehendem Mantel erreichte sie den Hafen. Der Wind der am Hafen herrschte, riss ihr die Kapuze vom Kopf, zerrte an ihren Haaren. Tunlichst darauf bedacht, einen gebührenden Abstand zu Theo zu halten, schweiften ihre Augen über das Gelände. Sie suchte nach Caradan. Nach einer Weile fand sie ihn. Eingehüllt in eine Decke, in Gesellschaft des Kapitäns. Sie fragte sich nicht, warum die beiden da,  eingemummelt in eine Decke, am Feuer saßen. Es war Caradan, da waren solche Fragen nicht notwendig. Im Moment musste sie sich damit begnügen, zu wissen, dass er da war. Dass er auf dem Schiff sein würde, und nicht irgendwo in der Stadt. Das war immerhin eine kleine Chance. Sie würde ihn nicht kampflos aufgeben. Sie würde um eine Chance kämpfen. Auch wenn es momentan eher nicht gut aussah.


Aen verbrachte den Tag hauptsächlich damit, sowohl Theo als auch Caradan, aber auch jedem anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. So saß sie beinahe den ganzen Tag regungslos an der vordersten Stelle des Bugs, wie eine abgelegte Galionsfigur. Sie aß nicht, sie trank nicht, sie sprach nicht, sie bewegte sich nicht. Sie saß einfach da, wie betäubt, spürte die Kälte nicht, die ihr heimlich still und leise in die Glieder kroch. Alles was sie spürte, war das kalte Nichts in ihrer Brust, das Caradan hinterlassen hatte, als er ihr das Herz heraus gerissen hatte. Es dauerte nur wenige Stunden, da sprach man von der seltsamen jungen Frau, die am Bug saß, und wie es Seemännern so zu eigen war, dauerte es nicht lange, bis die tollsten Geschichten darüber kursierten. Aen wusste freilich nichts davon, und selbst wenn, wäre es ihr egal gewesen. Als der Abend hereinbrach, erhob sich die Arcanierin steif. Jetzt spürte sie die Kälte in jeder Faser ihres Leibes. Sie konnte kaum gehen. Alles was sie jetzt noch wollte, war schlafen zu gehen. Sich in eine der sicherlich furchtbar unbequemen Hängematten zu legen und auf gnädigen Schlaf zu warten. So ging sie langsam über Deck, und erstarrte, als sie Caradan plötzlich an der Reling stehen sah. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, aber einfach so zu tun, als hätte sie ihn nicht gesehen, das war nicht ihre Art und Weise. Auch wusste sie nicht,  ob und was sie sagen sollte. Es war vieles nicht ausgesprochen worden, als er einfach gegangen war. Und in diesem Kampf zwischen Trauer und Wut obsiegte letztere Emotion. “Was fällt dir eigentlich ein, mich so einfach weiterzugeben?” schnaubte sie, und schon in der nächsten Sekunde bereute sie, nicht einfach etwas anderes gesagt oder die Klappe gehalten zu haben. “Ich hab dich nicht weitergegeben, Aenaeris. Ich hab dich losgelassen.” Sie hasste es! Aber mehr noch tat es weh, dass er sie bei vollem Namen ansprach. Sie spürte den Schmerz darüber in ihrer Mimik. Plötzlich tat er einen Schritt auf sie zu, der ihr Hoffnung schenkte, hielt dann aber inne. Bevor er sich zum gehen wandte, legte er ihr eine Hand auf die Schulter. Sagte aber nichts. Dann wandte er sich endgültig ab und ging. “Es tut mir unsagbar leid Caradan…” rief sie ihm leise nach, dann war er unter Deck verschwunden. Aen ging ebenso unter Deck. Es ließ sich nicht vermeiden, im Frachtraum, der gleichzeitig auch Mannschaftsquartier war, sowohl Caradan, als auch Theo zu begegnen. Aber sie ging mit erhobenem Haupt durch den Schiffsbauch, als sei niemand sonst da. Eine Hängematte im hintersten Eck des Frachtraums, die allen Anschein nach unbesetzt war, nahm sie in Beschlag. Aber hier Schlaf zu finden, war nicht leicht. Matrosen und Reisende hatten sich an einem Platz zusammengerottet, spielten, lachten, fluchten, rauchten und tranken, so dass an Ruhe nicht zu denken war. Wann immer sie einnickte, genügte ein schadenfroher oder wütender Schrei eines Mannes, oder das gackernde Gelächter einer der Huren, dass sie wieder hoch schreckte. Erst als sich die meisten in den späten Nachtstunden in ihre Hängematten begaben, kehrte Ruhe ein und die Arcanierin fiel endlich in den ersehnten Schlaf.

Als Aen erwachte, war es noch stockdunkel. Du liebe Güte, konnte sie jetzt auch nicht mehr schlafen? Im Besatzungsquartier war es ruhig und friedlich. Alles schien zu schlafen, nur hie und da schnarchte jemand, tat laute Atemgeräusche oder murmelte im Schlaf. Und das war wohltuend. Weniger angenehm war der muffige, abgestandene Geruch hier. Es roch nach ungewaschenen Männern, schlechtem Atem, und dem einen oder anderen Furz. Aen seufzte und hangelte sich aus der Hängematte. Leise schlich sie sich durch die schlafende Meute und stieg die Sprossenleiter hinauf, an Deck. Es war eine sternklare Nacht und es war beißend kalt, aber diese göttliche Ruhe war mehr Seelenbalsam als sonst etwas auf der Welt. Aen stützte sich auf die Reling und hing ihren Gedanken nach. Noch immer schien es unglaublich, dass Caradan sie verlassen hatte. Sie blickte zu den Sternen hinauf, und fragte sich, ob das nur ein böser Traum gewesen war. Leider war es nicht so, denn der Schmerz der in ihrer Brust saß, war zu heftig dafür. Was war sie doch für ein durchtriebenes Miststück gewesen! Leider entsprach es absolut der Wahrheit, dass sie Theo begehrt hatte. Warum, konnte sie auch nicht sagen. Vielleicht hatte er ihr mehr das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Vielleicht hatte Caradan ihr viele Freiheiten gelassen. Wie oft hatte er gesagt “Du gehörst mir nicht, aber du gehörst zu mir”? Vielleicht, weil Theo älter war? Vielleicht hatten sich Aen und Caradan zu schnell aufeinander eingelassen. Ihr Kennenlernen war von einer Wette, sie ins Bett zu kriegen, eingeläutet worden, und viel zu schnell waren sie auch Bettgefährten geworden. Aen hatte wohl auch längst die Kontrolle über ihr Leben verloren, zu viel Alkohol, zu viel Starrkraut. Es gab vermutlich eine Menge Gründe die da mitgeschwungen hatten. Sie hätte sich Theo verbieten können, sich zusammenreißen, denn schließlich konnte man nicht immer alles haben. Sie hätte auch ehrlich sein können zu Caradan, vielleicht wäre das besser gewesen. Aber nun war es zu spät. Und wie immer wusste man etwas immer dann erst was man besessen hatte, wenn man es verloren hatte. Aen dachte viel über ihr Leben nach. Über die unzähligen Fehler die sie begangen hatte, die vielen schrecklichen Dinge die ihr widerfahren waren, und wie sie das alles zu einem Menschen geformt hatte,  den sie überhaupt nicht mehr leiden konnte. Es war an der Zeit, ein neues Leben zu beginnen. Einen Sinn zu finden. Was war sie denn schon? Eine vagabundierende, heimatlose, hemmungslos egoistische Mörderin. Mehr war da nicht mehr. Schlimm wurde es mit dem Starrkraut. Das Starrkraut war Ursache aber auch Deckmäntelchen für viele Entscheidungen, für die sie nicht die Verantwortung hatte übernehmen wollen. Aen atmete die klare kalte Luft tief ein und wieder aus. Es tat wohl, zumindest zu sich so gnadenlos ehrlich zu sein. Sie nestelte an ihrem Tabakbeutel, holte aus diesem den Starrkrautbeutel, und öffnete ihn. Es befanden sich, nach einem kurzen Überblick, noch zehn blaue Blüten darinnen. Ein mittleres Vermögen. Oder ein sicherer Tod. Würde sie alle diese Blüten essen, wäre es bald vorbei mit ihr. Das Starrkraut würde seinem Namen alle Ehre machen. So verrückt war sie dann aber auch nicht. Es war zwar momentan schmerzhaft, aber kein Mann der Welt wäre es wert, zu sterben. Ohne darüber lange nachzudenken, ließ sie die Blüten schließlich in das schwarze Gewässer rieseln, welches unter ihr rauschte und schwappte. Und plötzlich fand sie Frieden und spürte eine tiefe Zufriedenheit in sich. Eine Zufriedenheit, die ihr schon sehr lange nichts und niemand hatte geben können. Mit diesem Gefühl im Bauch schlich sie zurück unter Deck und schlief recht bald wieder ein.

Die Zufriedenheit und der Frieden waren nur von kurzer Dauer gewesen. Am nächsten Abend war die junge Frau leichenblass, schweißüberströmt, und zitterte wie Espenlaub. Die sonst stets so fröhlichen und frechen haselnussbraunen Augen mit den kleinen roten Sprenkel darin blickten matt und leer in die Dunkelheit unter Deck, und hatten jeglichen Glanz verloren. Wie sehr sie sich auch in den Mantel hüllte, sie fror so erbärmlich, dass die Zähne aufeinander schlugen, und ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, dass sie schier zu sprengen drohte. Aen verspürte starke Übelkeit, doch da sie in den letzten vierundzwanzig Stunden so gut wie nichts gegessen hatte, war alles, was sie zutage gefördert hatte, gelber dünner Schleim gewesen. Es gab einfach nichts zu erbrechen, und so zog sich ihr Magen unter schmerzhaften Krämpfen zusammen. Hatte sie die Augen geöffnet, verschwamm ihr Sehfeld komplett, schloss sie die Augen, hatte sie das beängstigende Gefühl, in ein tiefes schwarzes bodenloses Nichts zu fallen. Schlimmer noch als der körperliche Entzug war der psychische. Zu ihrem ohnehin schon schweren Gemüt gesellten sich noch Halluzinationen und sie verspürte eine Angst, die sie weder begreifen noch erklären konnte. So kauerte sie wie ein Häufchen Elend in der Hängematte, und wimmerte.

Ausgerechnet Theo fand sie so vor. “Aen? Bei den Geschwistern! Hast du was genommen? Was ist denn bloss los mit dir?” Zunächst reagierte sie gar nicht auf seine Anwesenheit, erst als er seine Hand auf ihre eiskalte Stirn legte und diese erschrocken wieder wegzog. “Wie ein toter Fisch”... murmelte er. Ihre Augenlider flatterten und darunter zuckten die Iriden hin und her. “Du…” hauchte sie. Mehr sagte sie nicht. Wie könnte sie auch, wo sie ihn doch von sich gestoßen hatte und ihm gedroht hatte ihn umzubringen wenn er sie noch einmal anfasste. “Verdammt, Aen, was ist denn los bloß los mit dir? Was hast du denn getan?” “Ich…” stieß sie zähneklappernd hervor, dann krümmte sie sich unter Magenkrämpfen und erbrach sich erneut seitlich aus der Hängematte. Dabei verlor sie jedoch das Gleichgewicht und fiel aus der Hängematte, schlug dumpf auf den Schiffsplanken auf, und blieb dort einfach liegen. “Scheiße! Was soll ich tun?” herrschte er sie an. “Sag mir doch verdammt nochmal, was ich tun kann! Was du genommen hast! Oder auch nicht genommen hast! Bist du krank? Vergiftet? Sag doch was!” schütteltever sie am Arm. Dann winkte er resigniert mit der Hand ab. Sie sprach einfach nicht mit ihm. Oder konnte es nicht. Er wusste nicht, was er tun sollte. Dann lief er an Deck, holte einen Eimer, schöpfte darin eiskaltes Flusswasser und ging damit wieder unter Deck zu der Arcanierin. Mit beherztem Schwung kippte er das eisige Wasser über die junge Frau, dass dieser die Luft wegblieb und sie keuchend aufjapste. “Wenigstens bist du jetzt wieder halbwegs sauber” brummte er. Dann hob er sie hoch, auf seine Arme, und blickte nach links und nach rechts, unschlüssig, was er tun sollte. Sie an Deck bringen? Unmöglich! Vielleicht würde man sie auch über Bord werfen weil man eine ansteckende Krankheit befürchtete? Theo legte Aen behutsam in die Nische zwischen zwei befestigten Kisten. Es blieb ihm verdammt noch eins nichts anderes übrig, er musste Caradan suchen, vielleicht wusste er was zu tun war. Es war nicht schwer, diesen zu finden, er hockte zwischen all den anderen Matrosen an Deck, wo ein Fässchen Wein geöffnet worden war, die ebenfalls eine gute Gabe der Herren von Avalé war. Theo schob sich zwischen den Matrosen vorbei und legte seine Hand von hinten auf Caradans Schulter. “Komm mit runter, es is was mit Aen. Mit mir redet sie nicht, vielleicht ja mit dir” raunte er Caradan zu. Er wollte vermeiden, allzu viel Aufhebens zu machen, um nur ja keine Aufmerksamkeit zu erregen.” Doch bei Idalias Arsch, Caradan war nicht allzu kooperativ, wie er sich das vorgestellt hatte. Da packt er ihn am Kragen und zog ihn einfach mit sich. Ausser Hörweite knurrte er “Reiss dich jetzt verdammt nochmal zusammen. Hier gehts nicht um dich, oder mich. Sondern um Aen. Ich weiß nicht was sie hat, oder ob sie was genommen hat,  aber sie sieht so aus als ob sie am verrecken ist. Ich hab keine Ahnung, und ich weiß nicht, was ich tun sollte. Sie redet nicht mit mir, oder sie kann es nicht. Bist doch sonst so ein schlauer Bursche. Also dann komm jetzt mit, bevor ich dich an deinen Eiern unter Deck schleife!”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Di, 16. Apr 2019 20:34

Den gesamten Tag bekam er Aenaeris nicht zu Gesicht, was ihn nicht störte. Ja, er begrüßte es sogar, denn die wenigen Worte am Vorabend, hingen ihm noch schwer im Magen. Am Heck des Schiffes hatte er es sich gemütlich gemacht, lehnte lässig an der Reling und hatte das Gesicht in die strahlende Sonne gereckt. Es war frostig, ein kalter Wind blies, aber die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut ließen diese Unannehmlichkeiten beinahe bedeutungslos werden. Wenn er nur nicht so eine miese Laune hätte. “Es ist ein wunderbarer Tag und du ziehst so ein Gesicht!” Caradan blickte hoch in Lothars tadelndes Gesicht. Der Kapitän der Sturmjungfer stand neben dem Steuermann am Ruder und hatte den Dieb eine Weile beobachtet. “Ja…”, seufzte Caradan. “Mir wäre ein Schneesturm auch lieber…” “Vorsicht, mein Junge!”, ermahnte Lothar mit erhobenem Zeigefinger. “Nenn das Unglück nie beim Namen, sonst wird es dich heimsuchen.” Caradans blick schweifte über das Schiff. Er sah einige der anderen Reisenden. Manche waren Händler, manche Tagelöhner, Huren und anderes Gesindel. Und dann war da Theo, der gelangweilt herum lungerte. “Dann darf ich die beiden also nicht mehr beim Namen rufen?”, fragte Caradan und grinste. “Ganz genau!”, lachte der Kapitän und gab seinem Steuermann ein paar Anweisungen. “Wenn du einen Rat von mir willst: Schlag sie dir aus dem Kopf. Andere Mütter haben auch schöne Töchter.” Der Dieb seufzte. “Aber auch schöne Söhne…”, murmelte er leise, dann wandte er sich zu Lothar um. “Darf ich dir eine Frage stellen? Wachst du morgens auf und schreibst dir hundert Lebensweisheiten auf und wartest dann den ganzen Tag, um sie an den Mann zu bringen?” Lothar schüttelte den Kopf. “Die hab ich alle hier drin.”, lachte er und tippte sich an die Schläfe. Caradan seufzte erneut. “Ich glaube es wäre leichter, wenn wir nicht zusammen auf diesem Schiff festsitzen würden.” Lothar verschränkte die Arme. “Ach du sitzt hier fest? Ist es so eine Qual für dich, auf meinem Schiff zu sein, mein Junge?” “Du weißt wie ich das gemeint habe.”, murrte der Dieb und Lothar grummelte seine Zustimmung in seinen mächtigen Schnauzer. “Lass dir eines gesagt sein.”, hob der Seemann an. “So etwas wie die einzig wahre Liebe gibt es nicht. Außer die See.” Caradan lachte auf. “Mach ich den Eindruck, als wäre ich ein Seemann?” Lothar zuckte mit den Schultern. “Du machst den Eindruck, als fühlst du dich an Bord ganz wohl.” Da konnte der Dieb ihm allerdings nicht widersprechen. Es war eine tatsache, dass er sich auf dem Schiff verdammt wohl fühlte. Die Gemeinschaft unter den Matrosen gefiel ihm, das schwanken des Schiffes, das Knarren der Takelage. Einfach alles. “Ich bin im Hafenviertel von Lanyamere aufgewachsen.”, erklärte Caradan. “Von frühester Kindheit an hatte ich Umgang mit Matrosen und Hafendirnen.” “Oho!”, rief der Kapitän. “Mit Dirnen, hatte der Herr Umgang. Du hast dreckige Hafenschlampen gefickt, mein Junge. Nenns ruhig beim Namen.” Ein wölfischen Grinsen stahl sich auf Caradans Gesicht. “Ich dachte ich soll das Unglück nicht beim Namen nennen?” Lothar funkelte ihn aus schmalen Augen an, aber seine Lippen umspielte ein unterdrücktes Lächeln. “Du bist ein ganz Schlauer was?” “Hab ich schon öfter gehört.”

Gegen Abend hockten die Matrosen und Reisenden beisammen, teilten unter bester Stimmung ein Fass Wein. Caradans Becher füllte allerdings bloß mit Wasser. Er rührte keinen Tropfen an, wehrte sich gegen Neckereien mit Biss und Witz, aber er trank nichts. Der Dieb lauschte einem Spielmann und seiner Laute, ein paar der Huren sangen mit und die Stimmung war ebenso ausgelassen, wie am Abend zuvor. Caradan verfolgte mit großem Interesse, was einer beträchtlichen Summe Geld die er gewettet hatte geschuldet war, den Wettkampf im Armdrücken zwischen zwei Matrosen, als Theo an ihn herantrat. “Komm mit runter, es is was mit Aen. Mit mir redet sie nicht, vielleicht ja mit dir” Der Dieb blickte nicht auf. “Mir hat sie auch nichts zu sagen.”, antwortete Caradan trocken, da packte ihn Theo am Kragen und zerrte ihn davon. “Reiss dich jetzt verdammt nochmal zusammen. Hier gehts nicht um dich, oder mich. Sondern um Aen. Ich weiß nicht was sie hat, oder ob sie was genommen hat, aber sie sieht so aus als ob sie am verrecken ist.” Caradan blickte ihn alarmiert an. “Ich hab keine Ahnung, und ich weiß nicht, was ich tun sollte. Sie redet nicht mit mir, oder sie kann es nicht. Bist doch sonst so ein schlauer Bursche. Also dann komm jetzt mit, bevor ich dich an deinen Eiern unter Deck schleife!” Der Arcanier riss sich von Theo los. “Sag das doch gleich!” Eilig folgte er Theo in den Bauch des Schiffes und fand Aenaeris zusammengekauert zwischen zwei Kisten. Er kniete sich vor sie und berührte ihre Wange. Sie war kalt. “Wieso ist sie nass?”, fragte er leise. “Ich wollte sie wecken…”, antwortete Theo. “Gute Idee… mitten im Winter!”, zischte der Dieb und funkelte Theo zornig an. “Leck mich, Klugscheißer. Sag mir lieber wie wir ihr helfen können.” Gedankenverloren strich Caradan ihr ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht. “Geh und hol ein paar Decken. Und den Kapitän, der hat sicher Rat…” “Im Ernst? Glaubst du nicht er, er würde sie loswerden wollen?” Caradan betastete Aen und fand was er suchte. Er hielt den leeren Beutel in dem sie ihr Starrkraut aufbewahrt hatte ins flackernde Licht einer Öllampe. er schnappte sich ihre Pfeife und schnupperte daran. Er roch kalte Asche. Anscheinend hatte sie nichts geraucht. “Ich werde es ihm erklären. Jetzt mach schon.” Kaum das Theo verschwunden war, zögerte Caradan nicht lange und zog Aen die nassen Kleider vom Leib. Sie regte sich kaum und wehrte sich nicht, sie schien es nicht mal zu bemerken. Er legte ihr seinen Mantel um und als Theo die Decken brachte, setzte sich Caradan neben sie, zog sie sich auf den Schoß und hüllte sie beide ein. Er schlang seinen Arm um sie und wiegte sachte vor und zurück, währender er ihr sanft über die Stirn und die Wange strich. “Oh Aen…”, hauchte er.
Als Kapitän Gerold kam, blickte er auf. Der Kapitän runzelte die Stirn, ging in die Hocke und fasste ihre Stirn an. “Eiskalt…”, murmelte er. “Sie hat eine schwäche für blauen Honig.”, erklärte Caradan mit trockenem Mund. “Hmm…”, brummte Lothar. “Sie hat es aber nicht geraucht.” Der Dieb schüttelte den Kopf. “Dachte ich mir.”, stellte der Kapitän fest. “Sonst könnten Fliegen auf ihren weit aufgerissenen Augen landen. Wo ist es?” “Weg.”, erklärte Caradan. “Ich glaube sie hat es weggeworfen.” “Verstehe…”, murmelte der Seemann. “Hat sie schon öfter eine Pause davon genommen?” “Ja, aber so habe ich sie noch nie gesehen. Nicht mal annähernd.” Lothar strich sich nachdenklich über den Schnauzer. “Kopfsache.”, erklärte er. “Sie stand wohl unter enormen Druck. Hat deinem Schatz wohl genau so viel ausgemacht wie dir, wie es mit euch auseinander gegangen ist. Aber stand dem Verlangen nachzugeben… hatte sie einen klaren Moment. Und jetzt… jetzt sagt ihr der Kopf sie braucht es und ihr Körper stimmt ihm zu und sagt er will es.” Lothar schwieg einen Moment. “Ich sag es nicht gern, aber da muss sie jetzt durch, da kannst du nichts für sie tun. Sorg nur dafür, dass sie nicht an ihrem eigenen Erbrochenen erstickt.” Mit diesen Worten, ließ er sie wieder alleine und ging zurück nach oben. Caradan schlang seine Arme fester um sie, drückte ihr einen Kuss ins Haar und wiegte sanft vor und zurück. Er hörte ihr Wimmern. Ein paar Mal versuchte sie etwas zu sagen. “Ich bin da…”, hauchte er. Und er blieb. Er blieb bei ihr, hielt sie fest, wenn sie sich übergeben musste, hielt er ihr Haar zurück und wenn sie sich unter Krämpfen an ihn krallte, versuchte er sie zu beruhigen.

Auch am nächsten Tag ging es ihr nicht viel besser. Irgendwann war Caradan mit ihr im Arm eingeschlafen und am nächsten Morgen war er aufgestanden um Wasser und Essen zu holen. Sie verweigerte jede Nahrung, aber er drängte sie dazu, wenigstens einen Schluck zu trinken. “Ich habe es weggeworfen.”, wisperte sie leise und wirkte kraftlos. “Ich weiß.” Er wich nicht von ihrer Seite, außer um dem Ruf der Natur zu folgen, gab ihr zu trinken und zu essen, war aber alles in allem nicht sehr gesprächig. Es gab nichts was er hätte sagen können, zu zerrissen war er im Innern. Auf der einen Seite, war er immer noch zutiefst verletzt, aber er brachte es nicht über sich, sie in ihrem Zustand allein zu lassen. Oder schlimmer noch, sie in Theos Arme zu geben, der immer wieder vorbei schaute, um sich zu erkundigen wie es ihr ging. Auch Kapitän Gerold kam vorbei. “Wie lange noch bis Irukhan?”, fragte Caradan. “Sie braucht einen Arzt. Oder sowas in der Art.” “Morgen Abend, wenn der Wind anhält. Übermorgen, wenn nicht.” Caradan schnaubte. “Dann setz die oberen beiden Segel, verdammt.” “Top und Bram? Die bei so einem Wind zu setzen wäre Selbstmord. Wir sind zu schwer beladen. Wenn ich Top und Bram bei dem Wind setzte, würde der Bug eintauchen und der Mast würde zu viel Last tragen und brechen, wenn wir uns nicht vorher den Kiel an einem Stein aufreissen. Tut mir Leid für die Kleine, aber ich riskiere nicht mein Schiff, nur weil ihr ein wenig übel ist.”
Am Morgen des vierten Tages, hockte Caradan an Deck auf einem Fass. Er hatte es im Rumpf des Schiffes nicht mehr ausgehalten und sich nach frischer Luft gesehnt. Das Wetter war genauso klar, wie an den beiden vorangegangenen Tagen, aber dafür tobte in ihm ein Sturm, der ihm nicht nur den Schlaf, sondern auch beinahe den Verstand geraubt hatte. Im Augenwinkel, sah er eine Bewegung. Es War Aenaeris, die mit wackeligen Schritten an Deck kam. “Aen!”, rief er überrascht und sie kam vorsichtig zu ihm. “Setzt dich.” Er rutschte zur Seite, ergriff ihre Hand und zog sie zu sich aufs Fass. Sie sah fürchterlich aus. “Die frische Luft tut bestimmt gut.”, versuchte Caradan ihr ein wenig Mut zuzusprechen. Dann folgte eine lange Zeit des Schweigens. Als es unerträglich wurde, ergriff der Arcanier wieder das Wort. “Theo scheint doch ganz in Ordnung zu sein… Er schien ehrlich besorgt um dich…” Idiot!, dachte Caradan. Wieso fing er jetzt mit Theo an? Wieso gerade mit dem Kerl, der alles zerstört hatte? “Und... du?”, fragte Aen leise und Caradan blickte sie an. Er antwortete nicht sofort, sondern schwieg eine Weile, ehe er seine Hand auf ihre legte. “Ich bin gestorben vor Angst.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mi, 17. Apr 2019 12:38

Als Aen an diesem Morgen die Augen öffnete, sah sie die Welt mit neuen Augen. Alles wirkte so klar. Auch wenn es hier unten dunkel und muffig war, sie konnte alles genau erkennen, und auch klare Gedanken fassen. Es war nicht mehr alles miteinander durchmischt wie in einem widerwärtigen Eintopf, sondern klar und deutlich. Sie wusste, dass Caradan bei ihr gewesen war. Sie hatte gespürt, dass er sie gehalten hatte, sie hatte seine Stimme gehört. Aber sie hatte nicht wirklich darauf reagieren können, sie war wie eine Gefangene in ihrem eigenen Körper. Aen wusste auch nicht, was genau eigentlich passiert war, und wie viel Zeit verstrichen war. Sie waren noch auf dem Schiff nach Irukhan, also konnten es nur wenige Tage gewesen sein.  Sie fühlte sich schwach und ausgezehrt, doch innerlich war sie sehr unruhig. Was zum einen daran lag, dass sie Caradan vermisste, und zum anderen, dass sie das Starrkraut vermisste. Dem einen Verlangen konnte sie wahrscheinlich Abhilfe schaffen, dem anderen vermutlich nicht. So erhob sie sich, stolperte auf die Beine, und ging dann langsam durch den Schiffsbauch auf die Sprossenleiter zu, die an Deck führte. Zuerst glaubte sie, sie könne unmöglich diese sechs Sprossen überwinden, doch als sie dann die letzte erklimmt hatte und sich an Deck zog, war sie beinahe stolz auf sich.

Den Geschwistern wars gedankt, dass sich Caradan in der Nähe des Abgangs befand. Er saß auf einem großen Fass und starrte in die Ferne, als er Aen auf sich zu stolpern sah. “Aen!” rief er überrascht, und rutschte zur Seite. “Setz dich” forderte er sie auf. Die Arcanierin rang sich ein kleines Lächeln ab, und tat, wie ihr geheissen. “Die frische Luft tut fir bestimmt gut” sagte er aufmunternd. “Ich fühle mich wie eine alte Frau” meinte sie, dann schwiegen beide. Nach einer Weile, die schon beinahe quälend war, brach er schließlich das Schweigen. “Theo scheint doch ganz in Ordnung zu sein… Er schien ehrlich besorgt um dich…” Aen runzelte irritiert die Stirn. Wieso sagte er das jetzt? “Und... du?”, fragte Aen leise, ohne ihn dabei anzusehen und Caradan blickte sie an, das spürte sie. Wieder schwieg er eine Weile, dann legte er seine Hand auf die ihre “Ich bin gestorben vor Angst.” Jetzt blickte sie auf, und sah ihn an. Ein Lächeln machte ihre angespannten, ausgemergelten Züge etwas weicher und sie erwiderte “Das stimmt doch gar nicht, du bist ja noch da!” Sie richtete ihren Blick wieder auf die Ferne und schlang ihre Finger der zweiten Hand um seine, als wollte sie verhindern, dass er ging. “Und wie du da bist…” murmelte sie. “Ich habe deine Anwesenheit gespürt, die letzte Zeit, aber ich war wie… wie… weg…” erklärte sie. “Was war eigentlich?” Caradan blickte Ernst. “Ich dachte du wirst sterben…” sagte er und Aen nickte. “Das dachte ich aber auch…” “Ich war bei dir, habe dich gehalten und wenn du dich übergeben hast, hab ich dir die Haare gehalten.” Jetzt musste Aen grinsen. “Das ist eklig. Sehr eklig. Aber danke.” Ihr Herz tat einen Sprung. Er hatte sie losgelassen, aber nicht fallen gelassen. Und das gab ihr in diesem Moment große Kraft und Hoffnung. “Caradan. Am liebsten würde ich alles begraben und es nie wieder hervorheben. Aber das wäre falsch. Darum lass mich dir bitte etwas erklären. Ich habe nachgedacht, an dem Tag als ich das Starrkraut in den Fluss gekippt habe. Ich war nicht mehr ich selbst, ständig im Starrkrautrausch, ständig nur mehr lüstern, aber ständig unzufrieden. Und deswegen hatte ich Theo auch begehrt. Er hatte mich einfach beeindruckt mit seiner Dreistheit. Ich wollte ihn einfach. Ich hätte ehrlich sein müssen, anstatt dir irgendwelche Vorwände aufzutischen. Ich war nicht mehr in der Lage, mich zusammen zu reißen. Was ich wollte, das hab ich mir genommen, ohne Rücksicht auf andere. Dich trifft keine Schuld. Allerhöchstens, dass du zu großzügig mit mir warst. Du hast mir alles durchgehen lassen, hast mir gesagt, egal was ich mache, du liebst mich und du bleibst bei mir. Ich werde dafür kämpfen, dass wir noch eine Chance bekommen. Ich verspreche dir, dass ich keinen anderen Mann mehr ansehen werde. Ich werde dir treu bleiben, körperlich als auch geistig.” Sie tat einen schweren Seufzer. Einerseits tat es gut, die Wahrheit ungeschönt und ohne Worte wie “möglicherweise, vielleicht, wahrscheinlich, wohl, ich weiß nicht…” auszusprechen. Aber es war bedeutend leichter, es sich zu denken,  als es demjenigen den man liebte, so schonungslos entgegen zu schleudern. “Kannst du mir verzeihen, Caradan?” Er schwieg eine Weile, dann sagte er “Ja, aber nicht jetzt. Es wird eine Weile dauern.” Aen blickte ihn ernst an “Warum? Warum nicht gleich?” “Weil du mir das Herz herausgerissen hast.” Auch das war absolut schonungslos ehrlich. Aen schluckte hart. “Das tut mir so leid. Ich möchte es wieder gutmachen. Den ersten Schritt hab ich schon versucht, in dem ich das Starrkraut weggeworfen habe.” “Ich weiß…” antwortete er. “Was muss ich noch tun?” hakte sie nach. “Mich lieben?” Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. “Aber das tue ich doch!” erwiderte sie bestimmt. Er nickte. “Gut. Ich dich nämlich auch.” Sie fand keine Worte mehr, vor Freude. Sie fand nur den Weg zu seinen Lippen. Ein zarter, vorsichtiger, beinahe unschuldiger Kuss, aber süßer, ehrlicher und wohltuender, als unzählige, leidenschaftliche Küsse davor. Und da wusste sie, dass alles wieder gut werden würde.

Am nächsten Morgen, er hatte gerade erst gegraut, erreichten sie den Hafen von Irukhan. Caradan ließ Aen zumindest so lange schlafen, bis auch die letzte Kiste ausgeladen war und die letzten Männer das Schiff verlassen hatten. Als sie über den Bootssteg betraten, entdeckten sie den Kapitän, der prüfend neben seinem ersten Maat stand, umringt von den Matrosen und die Heuer ausbezahlte. Die meisten würden wahrscheinlich alles binnen kürzester Zeit wieder verschleudert haben. Er zwinkerte ihnen zu, dann achtete er mit hinter dem Körper verschränkten Armen, dass alles mit rechten Dingen zuging, und sich niemand verzählte. Eine neue Stadt zu betreten, war immer eine spannende Angelegenheit. Aber die Hauptstadt Arcanis’, das war wohl der absolute Höhepunkt. Aen war bisher weder bis nach Merridia, geschweige denn so weit in den Norden Arcanis’, in die Hauptstadt gekommen. Staunend wie ein kleines Kind machte sie kugelrunde Augen, und als sie die Altstadt betraten, in deren Mitte die Silberzitadelle errichtet war, kam Aen aus dem Staunen nicht mehr heraus. “Ich hab so viel über die Silberzitadelle gehört. Dass sie hässlich sei, dass sie furchteinflößend sei. Aber wenn ich sie so mit meinen eigenen Augen sehe, muss ich sagen, ich finde sie beeindruckend, gewaltig und einfach nur wunderschön!” hauchte die Arcanierin. “Die meisten Geschichten darüber kommen auch aus Mérindar” meinte Theo. “Was verstehen die Bastarde da drüben schon von unserem Volk?” Er schlug sich mit der Faust auf die Brust “Man muss ein Herz so hart und stolz wie Marmor da drinnen tragen, um das begreifen! Außerdem fürchten sie die Inquisition. Und das zurecht!” Dann kratzte er sich seine Bartstoppeln. “Ich weiß ja nicht, was ihr jetzt vorhabt, aber ich finde, ein Frühstück wäre jetzt genau das Richtige. ‘N schönes deftiges arcanisches Frühstück. Gerstengrütze mit Karotten, Speck und Zwiebeln, und darüber dicken, fetten Rahm. Dafür würde ich einen Mord begehen. Aen nickte. “Scheisse, ich glaub ich hab das letzte Mal in Avalé gegessen. Ihre Blicke wanderten von Theo zu Caradan. “Was sagst du, Caradan?” “Das klingt nicht übel.” bestätigte er. Was war nur geschehen? Sie würden wahrscheinlich niemals Freunde werden. Dazu war zu viel vorgefallen. Und manchmal ertappte sich Aen dabei, dass es ihr schwer fiel, Theo in die Augen zu sehen. Doch der momentane Umgang reichte doch. Kein unfreundliches Wort, keine Beschimpfungen oder Beleidigungen, keine Anzüglichkeiten. Einfach nur Frieden. Das war mehr, als man erwarten konnte. Sie steuerten die nächstbeste Taverne an, setzten sich an einen Tisch und bestellten sich ein gutes arcanisches Frühstück mit allen Schikanen. Während sie darauf warteten, schob Aen ihre Hände unter ihren Hintern als sie bemerkte, wie sie plötzlich zu zittern begannen. Gewohnheitsmäßig hätte sie sich jetzt nämlich eine Pfeife angesteckt, mit Starrkraut, aber das gab es ja jetzt nicht mehr. Sie wagte es auch nicht, sich einfach nur eine Tabakpfeife anzustecken. Sie fürchtete sich davor, auch nur eine Nuance von Starrkraut in dem kalten Pfeifenkopf zu spüren, und sie fürchtete sich vor den Konsequenzen. “Du siehst schon bedeutend besser aus, als noch vor drei Tagen” grinste Theo. Aen winkte ab “Ich fühle mich schrecklich. Und weisst du, wofür ich jetzt einen Mord begehen würde?” Sie sprach es nicht aus, aber jeder wusste, wovon sie sprach. Das Wort Starrkraut hing wie ein Gespenst über ihnen. “Mhmm…” brummte Theo. Der Wirt brachte drei Krüge arcanisches Dünnbier, und Aen umklammerte den Krug wie ein Ertrinkender einen Strohhalm. “Ihr beide… du und auch du…” deutete sie zuerst auf Caradan und dann auf Theo. “Ihr beide müsst auf mich aufpassen. Ich brauche Hilfe, wie ein kleines blödes Kind. Ihr dürft nicht zulassen, dass ich irgendwo her Starrkraut kriege. Auch kein Marschierpulver, oder Opium. Gar nichts. Kein harter Alkohol wie Branntwein oder Schnaps. Auch nicht wenn man hier wohl den besten Gerstenschnaps von ganz Arcanis kriegt. Ich werd mir Hilfe bei einem Heiler suchen. Aber bis ich einen geeigneten gefunden habe, flehe ich euch an, auf mich aufzupassen. Tag und Nacht! Verstanden?” Theo tauschte einen undefinierbaren Blick mit Caradan, dann stellte die Magd drei Schüsseln mit dampfenden wohlduftenden Gerstenbrei auf den Tisch. Aen machte sich sogleich darüber her. Es war wohltuend, wieder etwas im Magen zu haben, und sie hoffte, dass es dort auch bleiben würde.

Nach dem Essen erhob sich Aen. "Ich muss kurz wohin. Dahin brauch ich wohl keine Begleitung." zwinkerte sie und verschwand. Und als ob Theo nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, dass die beiden Männer einen Moment alleine waren, begann er "Ich wusste nicht, was ihr aneinander habt. Ich wusste es nicht und ich wollte es nicht zerstören. Sie ist eine einmalige Frau wie man sie nicht an jeder Ecke findet, und ich beneide dich um sie. Aber ich habe gesehen was ihr einander seid, wie sehr ihr euch liebt und braucht und das respektiere ich. Ich werde sie beschützen und behandeln, wie eine Schwester. Das schwöre ich bei den Geschwistern. Dasselbe gilt für dich." Er beugte sich vor und hielt Caradan die Hand hin. "Nimmst du meine Entschuldigung an?"
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mi, 17. Apr 2019 19:49

Etwas lustloser als erwartet, stocherte Caradan in seinem Frühstück herum. Es war nicht so, dass er keinen Appetit hatte, sondern eher die seltsame Situation, die ihm so auf dem Magen schlug. Noch vor wenigen Tagen hätte er sich lieber an den Eier aufgehängt, als sich mit Theo und Aenaeris an einen Tisch zu setzen, doch nun, spürte er nichts von dem Zorn und dem Hass, den er empfunden hatte und sicherlich noch immer in sich trug. Es war eine seltsame Gleichgültigkeit in ihm, die er nicht so recht einzuordnen wusste. Zwar hatte er sich vorgenommen fortan sich seine Gefühle, vor allem Theo gegenüber, nicht anmerken zu lassen, aber dass er gar keine hatte, verwirrte ihn doch sehr. “Ich muss mal wohin.”, eröffnete Aenaeris und verschwand vom Tisch. Sie schien durchaus in der Lage zu sein, diese Tätigkeit allein zu vollbringen, aber wo sie doch gerade noch gesagt hatte, dass die beiden Männer auf sie aufpassen sollten, bescherte ihr Verschwinden Caradan einen kurzen Moment Unwohlsein. “Ich wusste nicht, was ihr aneinander habt. Ich wusste es nicht und ich wollte es nicht zerstören.”, begann Theo. “Hast du aber… fast”, unterbrach ihn Caradan und blickte ihn herausfordernd an. Sein Blut begann zu rauschen und jetzt spürte er wieder etwas von dem Zorn der letzten Tage. Und es tat gut. “Sie ist eine einmalige Frau wie man sie nicht an jeder Ecke findet, und ich beneide dich um sie. Aber ich habe gesehen was ihr einander seid, wie sehr ihr euch liebt und braucht und das respektiere ich.”, fuhr sein Gegenüber ungerührt fort. “Ach?”, meinte Caradan und klang dabei nicht mal halb so zynisch, wie er gern gehabt hätte. Irgendwie gefiel ihm die Richtung nicht, die Theo da ein schlug. “Ich werde sie beschützen und behandeln, wie eine Schwester. Das schwöre ich bei den Geschwistern. Dasselbe gilt für dich.” Caradans Mund klappte auf, als er eine bösartige Antwort geben wollte, doch ihm fiel keine ein. Was Theo da eben gesagt hatte war… nett. Unglaublich, aber Theo war nett zu Caradan und der Dieb glaubte fast, dass das eine Art Entschuldigung werden sollte. Als Theo ihm dann die Hand hin streckte, blickte der Dieb überrascht. “Nimmst du meine Entschuldigung an?”, fragte der Große und der Arcanier blickte unschlüssig zwischen seinem Gesicht und der Hand die er ihm hin streckte hin und her. Dann ergriff er sie und schüttelte mit dem Kopf. “Nein tue ich nicht. Aber dein Versprechen, da nehm ich dich beim Wort.”, antwortete Caradan, ließ die Hand los und widmete sich seinem Brei mit Hunger. Theo wartete noch einen Moment, ehe er schwer seufzte. “Mehr kann ich wohl nicht erwarten?” “Nein. Du hast mich halb tot geschlagen.” Theo schnaubte. “Du hast doch angefangen!”, brummte er. “Ja, aber aus gutem Grund.” “Trotzdem.”, gab Theo schnippisch zurück. “Du kannst froh sein, dass sie dazwischen gegangen ist.” “So schlecht hab ich mich doch gar nicht angestellt.”, protestierte er. “Am Anfang.”, nickte Theo. “Aber nur weil ich ihr versprochen habe, dich nicht aufzuschlitzen.” Caradan blickte auf und Theo machte ein erschrockenes Gesicht und biss sich auf die Zunge. “Schon gut.”, meinte Caradan und wedelte gelassen mit dem Löffel. “Ist ja kein Geheimnis, was ihr da oben gemacht habt. Und ich kannte den… Lohn.” Theo grummelte etwas vor sich hin und Caradan aß einen Moment schweigend. “Hat es ihr gefallen?”, fragte er plötzlich und Theo verschluckte sich an seinem Bier. “Nun… also… ich… sie…”, stotterte er. “Es hat ihr gefallen.”, stellte Caradan nüchtern fest. “Na ja, also… ich hab Erfahrung…”, stotterte Theo. “Ich weiß.” “Und… das Starrkraut…” “Ich weiß.”, wiederholte Caradan. Theo blickte sich heimlichtuerisch um. “Sie will nicht, dass ich es dir sage, also halte ich besser meinen Mund.” Der Dieb schaufelte sich noch einen Löffel in den Mund und winkte ab. “Von mir erfährt sie nicht, dass du dich verplappert hast.”, nuschelte er mit vollem Mund. “Was genau hat ihr denn so gefallen?”, verlangte Caradan zu wissen, doch Theo blieb ihm eine Antwort schuldig, da Aen wieder an den Tisch kam. Mit geröteten Wangen versuchte Theo weder zu ihr, noch zu Caradan zu schauen und der Dieb konnte sich ein wenig Schadenfreude nicht erwehren.

“Und Mirregal schmachtet in diesen Verließen?”, fragte Caradan, als sie gegen Mittag wieder vor der Silberzitadelle standen. Es war ein beeindruckendes Bauwerk, keine Frage, und langsam beschlich ihn der leise Verdacht, dass sie sich vielleicht doch zu viel vorgenommen hatten. Ein Einbruch schien unmöglich, geschweige denn eine darauffolgende Flucht mit einem geschundenen Gefangenen. “Ja.”, antwortete Theo knapp. Caradan kratzte sich am Kinn. “Scheiße.”, murmelte er und warf einen Blick auf Aen. Sie zitterte, obwohl sie drei in gleißendem Sonnenlicht standen. “Alles in Ordnung, Aen?”, fragte Caradan und legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Geht schon.”, gab sie zurück. “Wir haben noch ein paar Tage bis Lepos eintrifft oder?” Theo nickte. “Dann kümmern wir uns erst um Aen. Du brauchst Hilfe, also suchen wir welche.”, beschloss Caradan und gemeinsam machten sie sich auf. Sie fragten herum, wo es Mediziner gab, die sich mit Übelkeit und zittern auskannten und schließlich, fragten sie ganz direkt, wo es welche gab, die einem helfen konnten vom Alkohol weg zu kommen. Nahe des Tempelbezirks oder vielmehr eines der Tempelbezirke, fanden sie ein kleines Häuschen, das beim Betreten, gar nicht so recht zu Caradans Erwartungen passte. Es wirkte eher, wie eine Suppenküche und als er sich wieder zum Gehen umwandte, kam ein Mann zu ihnen. Er war klein und zierlich gebaut, wirkte beinahe zerbrechlich, hatte lichtes blondes Haar und ein paar Augengläser auf der Nase. “Jaaa?”, fragte er gedehnt. “Seid Ihr Herr… Wardis?”, fragte Caradan unsicher. “So ist es.”, antwortete der Mann und schnäuzte sich lautstark in ein Taschentuch. “Wie kann ich helfen?” Caradan gab Aen einen leichten Schubs. “Wir sind wegen ihr hier. Ihr geht es nicht besonders.” “Sehe ich.”, lächelte Wardis. “Lasst mich raten… Ihr habt kürzlich entbunden, lange Zeit etwas gegen die Schmerzen zwischen den Beinen genommen und nun, da Euer Vorrat verbraucht ist… friert ihr selbst am wärmsten Feuer?” Aen nickte zögerlich. Der Mann lag gar nicht so falsch, auch wenn er die Ursache falsch, aber zu ihrem Vorteil deutete. “Na da habe ich etwas für Euch.”, murmelte er und verschwand nach hinten. Nach einer kurzen Weile kehrte er zurück und hatte eine hölzerne Schatulle in der Hand. “Nun… bevor ich Euch zeige was das ist, würde ich gerne wissen, wann Ihr das letzte Mal im Tempel gebeichtet habt.” Wardis lächelte freundlich, aber etwas in seiner Stimme und seinem Blick, schien nicht ganz zu seinem Lächeln zu passen. “Heute morgen.”, platzte Theo hervor. “In aller Frühe sind wir zum Tempel.” Caradan wandte sich um. “Theo, wartest du bitte draußen?” Theo blickte ihn fragend an. “Ich sagte Bitte…” Theo nickte langsam und begab sich nach draußen. “Verzeiht unserem frommen Freund. Er war in den frühen Morgenstunden verschwand, haben wir beide ausgeschlafen. Ihr versteht sicher.” “Jaja… so ein Neugeborenes kann einen so manche Stunde schlaf kosten.”, schürzte Wardis die Lippen. “Und wann wart Ihr das letzte Mal in einem Tempel?” Caradan lächelte entschuldigend. “Im Schatten der Silberzitadelle ist es mir höchst unangenehm zuzugeben, dass ich Zeit meines Lebens noch keinen Tempel von Innen gesehen habe.” Er legte Aen seinen Arm um die Schultern und zog sie an sich. “Und ich weiß nicht, wie es Janus oder Idalia gefällt, aber wir sind auch nicht verheiratet… aber ganz ehrlich es ist mir auch egal…”
Wardis nickte und öffnete die Schatulle, die einen überraschenden Inhalt preis gab. “Pfeifenkraut?”, fragte Caradan skeptisch. Es war nicht das, was er erwartet hatte. “Besser.”, widersprach Wardis, griff unter den Tisch und holte eine kleine, braune Rolle hervor. Ohne Umschweife oder lange Erklärungen, schob er sie sich in den Mund, griff nach einer Kerze und entzündete ein Ende, während er an dem anderen wie an einer Pfeife zog. “Wie Ihr seht, man benötigt keine Pfeife.” Er blies einen Rauchkringel in die Luft und reichte sie an Caradan weiter. Zögerlich nahm der Dieb die Rolle und zog daran. Der Rauch war ungewohnt heiß und er musste husten, aber der Geschmack war überraschend aromatisch. “Es sind besonders fermentierte Tabakblätter aus den Elfenwäldern. Daher die Heimlichtuerei.” “Verständlich.”, hustete Caradan und räusperte sich. Wardis schob die Schatulle etwas vor und hob den oberen Boden heraus, der in viele kleine Fächer aufgeteilt war. Am Boden der Schatulle, befanden sich fein säuberlich gestapelte, lange und breite Tabakblätter. “So eine Tabakrolle”, begann er zu erklären, “wird wie folgt gemacht.” Er reichte Aen und Caradan jeweils ein Blatt. Sein eigenes begann er vorsichtig zu kneten, griff dann nach ein wenig Pfeifenkraut und streute es hinein. “Man nimmt eines der fermentierten Blätter und streut etwas Pfeifenkraut hinein. Für die Dame empfehle ich eine Mischung aus Stechapfel, Bilsenkraut und Tollkirsche.”, erklärte er und deutete der Reihe nach auf die entsprechenden Fächer. “Das sollte Eure Hysterie und Schmerzen lindern und einen eventuellen Brechreiz unterdrücken.” Er begann das Blatt zwischen den Fingern hin und her zu rollen, bis er es schließlich einklappte und zu einer Rolle drehte. “Für den Herren würde ich sagen, Liebstöckel, Knoblauch und Brennessel. Das steigert die Manneskraft, falls noch mehr Nachwuchs erwünscht ist.” Er holte eine Art Tintenfass hervor und tippte seine Fingerspitze in die milchig gelbe, cremige Substanz, die Caradan entfernt an Butter erinnerte. Dann bestrich er einen Rand des Tabakblattes damit, rollte sie vollends zusammen und hielt die fertige Tabakrolle hoch. “So. Nun Ihr.” Caradan tat wie ihm geheißen und knetete und rollte das Blatt zwischen den Fingern. Er tunkte seine Fingerspitze in die Substanz und roch daran. “Ist das Honig?”, fragte er. “Eine eigene Rezeptur aus Honig, Milch und einigen geheimen Zutaten.”, erklärte Wardis stolz. Caradans Resultat war… ernüchternd. Es war ein krummes, kegelförmiges Ding, das das halbe Kraut während des drehens wieder verloren hatte. Gerade als er die Überbleibsel aufsammeln wollte um sie in die trichterartige Öffnung zu streuen, gebot ihm Wardis inne zu halten und holte eine kleine Phiole hervor. “Man kann es auch noch ein wenig würzen.”, meinte er und tropfte eine paar Tropfen auf den Haufen und vermengte es. “Ein paar Tropfen Minzöl geben eine angenehm erfrischende Note.” Dann vollende Caradan sein Werk und war immer noch unzufrieden. “Und die Kosten, Herr Wardis?”, fragte er beiläufig. “Nun, Import und Fermentierung der Tabakblätter sind kostenintensiv. Ich würde sagen… 5 Heller pro Blatt?” Caradan sog scharf Luft ein. “Gibt es Alternativen?” Wardis zuckte mit den Schultern. “Pfeifenkraut und Kräuter bekommt ihr überall, aber diesen speziellen Tabak nur von mir. Ihr könnt auch Papier nehmen, aber das ist nicht das Gleiche. Oder eine Pfeife nehmen, aber… nun ja…” Caradan nickte. “Zwei Dutzend Blätter dann bitte. Und genug von eurer Rezeptur und Kraut um damit eine Weile durchzukommen.” “Gerne…”, lächelte Wardis und begab sich daran das Geschäftliche abzuschließen. Als Caradan das in Wachstuch geschlagene Päckchen entgegen nahm, bedankte er sich, hielt dann aber kurz inne. “Und wenn das Verlangen zurückkehrt?” Wardis überlegte einen Moment. “Ich habe da einen Bekannten… Eine Zierde unserer Zunft. Er vermag es Krankheiten des Geistes auf ganz besondere Art zu bekämpfen. Herr Freudsinn, so heißt der Mann. Ich werde euch den Weg zu ihm erklären.”

Als sie draußen waren, kam Theo ungeduldig zu ihnen. “Und?”, fragte er. Caradan zeigte ihm das Päckchen und den Versuch seiner Tabakrolle und zuckte mit den Schultern. “Wir werden sehen.” Theo blickte skeptisch die Rolle an. “Und nun? Was jetzt?” Caradan zuckte erneut mit den Schultern. “Wenn Lepos ankommt, sollten wir besser einen Plan haben oder? Mich würde interessieren, was das für eine Hochzeit ist, auf die er da geht.” “Wieso das?”, fragte Theo argwöhnisch. “Nur so.”, log Caradan. Dass er nach einer Möglichkeit suchte, gegen Lepos ein Druckmittel aufzutreiben, um sich im Falle eines Scheiterns der Befreiungsaktion, Aen und sein eigenes Leben zu erkaufen, würde er ihm gewiss nicht auf die Nase binden. “Kannst du eine Gästeliste auftreiben? Wir brauchen Zugang zur Zitadelle, vielleicht finden wir ja jemanden, der wichtig genug ist, der uns hilft. Freiwillig oder nicht.” Theo nickte, wirkte aber nicht überzeugt. Aber er machte sich tatsächlich auf und ließ die beiden allein. “Was hast du jetzt vor?”, fragte Caradan Aen. “Willst du diesen Herrn Freudsinn aufsuchen oder dein Glück hiermit versuchen?” Er hob das Päckchen hoch und sah sie fragend an.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Do, 18. Apr 2019 10:21

Skeptisch blickte die Arcanierin auf das Päckchen das Caradan ihr unter die Nase hielt und sie zuckte die Schultern. “Ich weiß es nicht. Müsste man mal probieren. Herr Freudsinn, was ist das denn für ein Name? Ich brauche eigentlich keinen Gemütsarzt, oder doch? Ich glaube, ich brauche nur dich, dann gehts mir schon viel besser!” Ein wenig scheu ergriff sie ihn an den Hüften und zog ihn an sich heran. Sie wusste ja nicht, wieviel Nähe derzeit möglich war, doch er wirkte nicht ablehnend. “Wir könnten ein bisschen Zeit zu zweit verbringen, hm? Uns Irukhan ansehen, ein wenig spazieren gehen, oder vielleicht in ein Badehaus. Ich würde mich liebend gerne waschen, ein neues Kleid anziehen… bis wir wieder auf Theo treffen, haben wir ein paar Stunden.” Aen wirkte unschlüssig. “Aber vielleicht sollten wir doch diesen Herrn Freudsinn doch aufsuchen? So, sicherheitshalber?”

Der Weg zu Herrn Freudsinn war durch die halbe Stadt. Rein zufällig kamen sie an einem Badehaus vorbei, welches sie dann auch aufsuchten. Sie beeilten sich, denn so viele Stunden bis zur Dämmerung, wo sie Theo treffen wollten, waren es dann doch auch nicht, aber zumindest beschritten sie diese Stadt jetzt frisch gebadet und gekleidet und machten den Eindruck eines gutbürgerlichen Paares. Nach dem Badehausbesuch fühlte sich die Arcanierin schon bedeutend besser. Sie fragten sich durch die Stadtbezirke durch, und nach einer Weile waren sie in dem Viertel angekommen, wo sich die Ordination dieses Arztes befinden sollte. “Ich finde Irukhan wunderschön. Und ich bin hier noch nie gewesen. Das wäre doch mal eine großartige Gelegenheit für einen Neuanfang, was meinst du, Caradan? Hier kennen wir niemanden, der uns am Sack gehen könnte, hier gibt es nichts und niemanden der unsere Vergangenheit einholen, oder irgendwelche Wunden aufreissen könnte. Du könntest einen Kurier der arcanischen Bank nach Aramad entsenden, der deine Geschäfte dort regelt und dein Vermögen hierher bringen lässt, das geht ganz bestimmt. Wir lassen uns hier nieder. Nein, wir müssen uns kein Haus kaufen. Aber wir können uns das ganze ja eine Zeitlang ansehen, und dann entscheiden, hm? Sie redete und redete, ganz wie in alter Gewohnheit, und ehe sie es sich versahen, standen sie auch schon vor dem Haus des… auf dem Schild, welches an der Hausmauer angebracht war, stand “Magistral Doctor Philomeus Freudsinn. Arzt für Krankheiten des Geistes, der Seele und des Feinstofflichen.” Aen hob eine Augenbraue, nachdem sie das laut vorgelesen hatte. “Bist du sicher, dass das hier das Richtige ist?” Sie blickte Caradan sehr skeptisch an. Dieser zuckte die Schultern. “Wenn wir schonmal da sind… aber wenn du nicht willst…” “Doch, doch, ich will. Ich werde jede Möglichkeit ausschöpfen, die mir helfen könnte. Ich tue das ja nicht nur für mich, ich tue es auch für dich!” Sie hob die Hand und klopfte dreimal fest gegen die schwere Eichentüre. “Ich liebe dich, Caradan…” flüsterte sie, dann wurde die Türe geöffnet. Ein kleiner untersetzter alter Mann mit einer Zwickelbrille öffnete. “Ja?” entgegnete er mürrisch. “Doktor Freudsinn…?” fragt Aen vorsichtig. “Ebenjener. Und ihr seid?” “Mein Name ist Aenaeris Ardere. Das ist äh… Caradan…äh...” Wie hieß der eigentlich mit Nachnamen? Sie wusste es nicht. Um sich keine Blöße zu geben, erwiderte sie rasch “Meine Ehemann.” Damit waren alle eventuellen Fragen um den Nachnamen erledigt. “Und was wollt ihr?” “Ich wollte Euch konsultieren” antwortete sie. “Aaaah! Kundschaft also. Entschuldigt meine Wirschheit, aber ihr glaubt ja gar nicht, was bei mir alles anklopft. In dieser Stadt gibt es so viele Verrückte, das glaubt man gar nicht. Bitte, bitte, kommt weiter!” Doktor Freudsinn war plötzlich wie ausgewechselt, und machte seinem Namen alle Ehre. Er bat sie in seinen Ordinaton an, bot ihnen Erfrischungen an und hieß sie, auf ziemlich gemütlichen, gepolsterten und recht teuer aussehenden Lederstühlen Platz zu nehmen. Als sie alle saßen, blickte er sie erwartungsvoll an. “Also zunächst möchte ich anmerken, dass ich konfessionslos arbeite. Religion hat in unseren Kreisen nichts verloren, was nichts mit meinem persönlichen Glauben zu tun hat. Durch Absolution durch die Geschwister ist leider noch niemand gesund geworden, ich sage, wie es ist. Zum zweiten, ich arbeite auch nicht mit der Justiz zusammen, weder mit der weltlichen noch mit der religiösen, versteht sich von selbst. Und drittens, alles was hier gesagt wird, unterliegt einem strengen Schweigegelübde unserer Zunft. Kurz zusammengefasst, was immer hier gesagt wird, bleibt hier. Was immer euch belastet und euren Geist vergiftet, könnt ihr loswerden, und wird auch nicht von mir verurteilt. Ich hatte hier schon alles sitzen, Ketzer, Ehebrecher, Mörder, Diebe, ja sogar Elfen… die Liste ist schier unendlich.” Er legte die Fingerspitzen seiner Hände aufeinander und blickte die beiden erwartungsvoll an. “Nun, nachdem dies geklärt ist. Bitte erzählt…” Aen atmete tief ein und wieder aus. “Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll…” “Nun, dann beginnt am Anfang. Bei eurer Kindheit.” Vorsorglich zog er ein feines Taschentuch hervor und reichte es Aen mit dem trockenen Kommentar, dass sie das alle gebraucht hatten. Und die Arcanierin begann zu erzählen. Frei von der Leber weg. Von ihrem strengen Elternhaus, von ihrer wenig fröhlichen Kindheit, von der Zeit im Tempel, von der Flucht aus dem Tempel, von Thero, was sie und Thero mit ihren Eltern gemacht hatten, was in Theros Clan passierte, von der Schwangerschaft, von ihrem Bruder der sie zur Inquisition hatte schleifen wollen, von Silvar, vom Starkraut, von Drogen und Alkoholexzessen, von Caradan, der Blondine, und den jüngsten Ereignissen mit und um Theo, sie ließ einfach alles raus. Nur zwei Dinge erwähnte sie nicht: was Thero war und das Feuerrohr. Und das Taschentuch, ja, das brauchte sie. Sie brauchte sogar ein zweites. Aber Doktor Freudsinn war ja gut darauf vorbereitet. Als Aen fertig war, saß sie wie ein Häufchen Elend da, und schneuzte sich in das Taschentuch, nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte. Doktor Freudsinn hatte in all der Zeit geschwiegen, Ernst drein geblickt und als Aen mit Reden fertig war, räusperte er sich. “Nun… das klingt mir alles sehr… also ich erkenne ein klares Bild diverser Krankheiten, die ihr schon zu lange mit Euch mit schleppt. Ihr seid noch sehr jung, habt trotzdem schon vieles erlebt, das den Geist erschüttert, das Vertrauen in die Welt zerrüttet… Mich wundert es ehrlich gesagt nicht. Aber, kein Grund zum verzagen. Dafür gibt es sehr gute Medizin. Sowohl, um das Verlangen nach dem Starrkraut u dämpfen, und auch um eure Seele zu heilen. Nach dem zweiten werdet ihr erstes gar nicht mehr brauchen. Aber billig wird das nicht. Er erhob sich und schlurfte zu einem Schränkchen. Er sollte ein dünnes langes Lederetui hervor und öffnete dieses. Darinnen befanden sich zwölf kleine verkorkte Phiolen mit roter Flüssigkeit auf der einen Seite, und zwölf grüne Phiolen auf der anderen Seite. “Das sind hochdosierte Kräuterextrakte. Hochwirksam. Einmal pro Woche je eine einzunehmen. Für drei Monde.” “Und der Preis?” erkundigte sich Aen “Eine Goldmünze, dann kostet meine Konsultation auch nichts.” sagte der Arzt kurz und knapp. Aen blickte Caradan an. “Naja, wenns hilft?” “Das wird es, das versichere ich Euch..” “Gut dann nehmen wirs.” entschied Aen. “Wunderbar, ihr habt die richtige Entscheidung getroffen. Wann immer ihr Hilfe braucht, zögert nicht, mich aufzusuchen. Lebt wohl und werdet gesund!” verabschiedete er die beiden, die wenig später wieder auf der Straße standen. Es begann schon zu dämmern. “Wir sollten zurück in die Janusschenke. Theo wird schon warten. Ich hoffe, er hat etwas rausgefunden…”

Nach einer Weile saßen Aen, Caradan und Theo wieder an einem Tisch in der Janusschenke. Theo blickte die beiden gespannt an, so wie auch Caradan und Aen Theo gespannt anblickten. “Und, irgendwas erreicht?” fragte er Aen. “Ich glaube schon. Du?” Theo zuckte geheimnisvoll die Schultern und erwiderte “Ich glaube schon. Aber du zuerst…” Aen wandte sich an Caradan. “Gib mal her, das ganze Zeug.” Dann präsentierte sie Thero sowohl die Kräuterrollen, wie auch die Phiolen. “Hat ein Vermögen gekostet. Also wie war das jetzt, je eine Phiole pro Woche, und diese… wie hat er die Dinger nochmal genannt?” “Zigaretten…” erklärte Caradan. “Ja. Zigaretten. Also so ein Ding nach Lust und Laune. Ich glaub, ich hab grad Laune.” meinte Aen und grinste. Aber zuerst nahm sie die Phiolen ein, die wirklich widerlich bitter schmeckten, dass Aen das Gesicht verzog. Während sie sich eine Zigarette anzündete, drangsalierte sie auch schon Theo. “Also, was hast du rausgefunden?” Theo grinste und zog ein Papier hervor und warf es auf den Tisch. “Hier. Die Gästeliste. Die Pläne der Trauungszeremonie und die Pläne der anschließenden Feier. Alles beinahe minutiös geplant. Ich war ja sehr skeptisch, dass Caradans Idee einen Sinn hat. Aber…” er hob abwehrend die Hände, “Ich gebe zu, das war keine schlechte Idee…” Aen zog sich die Papiere heran, und las zuerst die Gästeliste. Alles von Rang und Namen. Namen, die schwer lesbar, oder furchtbar lang zu lesen waren. Hochzeit zwischen ‘Aduan Janus Eledran von Avalé’ und seiner Verlobten ‘Estelle Adaléa von Zabar’. Die Liste war schrecklich langweilig und sie überflog sie ebenso gelangweilt, während sie die Zigarette rauchte. Doch dann stieß sie überrascht den Rauch aus. “Aelis von Aavalé” rief sie leise und ebenso überrascht aus und blickte dann die beiden Männer an. “Ich wusste nicht, dass sie die Schwester des Bräutigams ist. Ich kenne sie! Eine interessante Frau.” Theo hob fragend eine Augenbraue. “Du verarschst uns doch. Du kennst die Vollstreckerin Aelis von Avalé?” Aen nickte und ihre Wangen waren gerötet, als wäre das Leben eben in sie zurück gekehrt. “Die Inquisitorin Aelis von Avalé? Ha! Ich glaub dir kein Wort!” Aen nickte eifrig und legte dann den Kopf schief. “Hab ich dir nicht gesagt, unterschätze mich nicht?” “Das hast du.” “Na siehst du. So wahr ich hier sitze, ich kenne Aelis von Avalé. Wir sind jetzt keine Freundinnen oder so, was eigentlich schade ist, denn sie ist gar nicht so, wie ihr Ruf ihr vorauseilt. Aber ich habe ein paar Mal mit ihr gesprochen. Wir sind uns in mancherlei Hinsicht ziemlich ähnlich gewesen, deswegen haben wir uns auch so gut verstanden...” kicherte Aen. “Alsoooo…” begann Aen geheimnisvoll flüsternd. “Ich kann Euch sagen, diese Frau ist der Schlüssel zu Mirregal…”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 18. Apr 2019 23:28

“Der Schlüssel zu Mirregal?”, fragte Theo und hob die Hand um die Schankmaid zu rufen. Er bestellte drei Biere, ein Dünnbier und zwei Starkbiere, aus Rücksicht auf Aen wollten sie bei Bier bleiben. “Findet ihr nicht, dass es ein seltsamer Name ist?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Hab schon seltsamere Namen gehört.” Theo antwortete nicht, sondern vergrub das Gesicht in seinen Händen. Einen Augenblick später begannen seine Schultern zu beben, kurz darauf sein ganzer Körper. Dann, in dem Moment als die Schankmaid ihre Bestellung brachte, prustete er los. Er lachte so laut und ausgiebig, dass er einen roten Kopf bekam und ihm die Tränen über die Wangen liefen. “Ihr… ihr verarscht mich doch.”, keuchte er außer Atem, als er sich für einen Moment wieder eingekriegt hatte. Dann ging es erneut los. Der Dieb konnte sich eines breiten Grinsens nicht erwehren, wie immer wenn Leute in der Nähe aus tiefster Seele lachen mussten. “Mirregal!”, rief Theo. “Mir-egal! Man hat euch verarscht.” Er wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln und trank einen Schluck. “Mir egal…”, seufzte er. “So heißt doch niemand wirklich!” Jetzt wurde Caradans Miene aber wieder ernst. “Find ich nicht so lustig. Ihr schickt uns auf die Jagd nach jemanden und gebt uns einen falschen Namen.” Theo fing erneut an zu lachen, allerdings nicht annähernd so heftig wie zuvor. “Bisher brauchtet ihr den Namen ja auch nicht.” Dann wurde er ernst und senkte die Stimme. “Ihr solltet ihn ja eigentlich in der Kutsche abfangen, da wäre der Name vollkommen egal gewesen. Magi hat euch nur das gesagt, was ihr wissen musstet. Aber jetzt, nun… jetzt sieht das anders aus.” Caradan nippte an seinem Bier. “Soll ich dich jetzt bitten?”, brummte der Dieb. “Jetzt sag uns den scheiß Namen!” “Kollo Strumberg.”, antwortete Theo. “Den Mann müssen wir befreien oder wir werden alle einen Kopf kürzer gemacht. Und wenn ich sage alle, meine ich auch mich.” Caradan nickte und bestellte noch eine Runde Bier. Ob oder inwieweit der Name half, würde sich erst noch zeigen, denn die Tatsache, dass er in den Verließen der Zitadelle schmachtete, hatte sich noch nicht geändert. Als die Magd die nächsten Krüge brachte, bestellte Caradan gleich noch welche. “Wir werden noch mehr brauchen, gute Frau. Viel mehr.” Theo nickte zustimmend und begann die Gästeliste und die Pläne zu studieren. Der Dieb schnappte sich die Pläne für die Trauung. “Unser größtes Problem wird sein, in die Zitadelle zu gelangen.” Er sprach mit gedämpfter Stimme, denn ihre Worte waren nicht für jemand anderen bestimmt, als für die drei angehenden Hochverräter hier am Tisch. “Wie schwer wird der Eingang bewacht?”, fragte er und sie unterbrachen sich als die nächste Bestellung ankam. “Verdammt gut.”, murrte Theo. “Es ist das Herzstück unseres Glaubens.” “Aber es ist doch eine Hochzeit.”, warf Caradan ein. “Da werden doch bestimmt ein paar Wachen abgezogen.” Theo überlegte. “Alles was Rang und Namen in der Inquisition hat… wird wohl auf der Hochzeit sein. Dazu noch ein Heer an Adjutanten und Wachen.” Caradan wies bestätigend auf Theo. “Da haben wir es doch. Wir müssen nur den richtigen Moment abpassen und einbrechen.” “Ach und wie?” Caradan grinste, bestellte mehr Bier und ließ eine Münze über seine Fingerknöchel wandern. “Mit Feuer und Blut…” Während sie so da saßen und über mögliche Gelegenheiten debattierten, Pläne schmiedeten und wieder verwarfen, floss das Bier in Strömen. Und mit jedem Bier, das ihre Kehlen herab rann, wurden die Pläne immer abenteuerlicher.

“Ich hab noch eine Idee…”, lallte Caradan, der die Wirkung des Starkbiers immer mehr spürte. Ihm fiel es zunehmend schwerer klare Zusammenhänge im Kopf zusammenzusetzen, geschweige denn sie halbwegs verständlich seinen Mitverschwörern zu erklären. “Oh je…”, stöhnte Theo. “Wir nehmen einfach die Zitadelle… und schieben sie woanders hin. Na? Na?” Begeistert von seiner brillanten Idee, wartete der Dieb auf eine Reaktion. “Was?” “Na pass auf.”, erklärte Caradan. “Wir suchen uns einfach drei oder vier von deiner Statur und spucken in die Hände. Wir schieben die Zitadelle weg und holen uns Kelle aus dem Kollor. Ähm… den Kollo aus dem Keller.” Theo rollte mit den Augen. “Das klappt doch niemals!” “Warum nicht? Glaube kann doch bekanntlich Berge versetzen.” “Wegen der Fundamente!”, rief Theo. “Die reichen viel zu tief!” Caradan riss die Augen auf. “Scheiße… daran hab ich nicht gedacht.” Der Dieb leerte seinen Krug und knallte ihn auf den Tisch. “Gut… was wissen wir? Wir wissen nicht wie Kollo aussieht, nicht in welcher Zelle er ist, wie es ihm geht oder wie wir rein kommen. Wir wissen eigentlich nur, dass er in der Zitadelle ist und es unmöglich ist hinein zu gelangen. Das ist nicht viel.” Caradan musste aufstoßen und Theo nickte. “Also…”, meinte er gedehnt. “Wenn wir am Anfang nicht vorankommen, fangen wir doch am Ende an. Wie könnten wir mit ihm entkommen?” Theo runzelte die Stirn und winkte noch mehr Bier herbei. “Du willst, dass wir über Flucht reden, obwohl wir nicht mal reinkommen?” “Zu wissen wie man rauskommt, sollte man immer wissen, bevor man reingeht.”, gab Caradan zu bedenken. “Stimmt. Und wie kommen wir raus?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Ausbrechen. Improvisieren, keine Ahnung.” Eine Weile schwiegen sie, dann ergriff Aen das Wort. “Wieso ignoriert ihr mich?” Überrascht blickte Caradan sie an. “Was?” “Ich habe euch beiden Säufern schon gesagt was zu tun ist.” Sie tippte auf die Gästeliste. “Aelis von Avalé ist der Schlüssel.” Nachdenklich kratzte sich Caradan am Bart und wartete, bis die nächste Runde gebracht wurde und die Magd wieder verschwunden war. “Und wie bringen wir sie dazu, uns zu ihm rein zu bringen?” “Gar nicht.”, gab Aen zurück. “Wir bringen sie dazu, ihn zu uns raus zu bringen.” “Und wie?”, riefen Caradan und Theo gleichzeitig, grinsten sich an und stießen ihre Krüge zusammen. So eine gemeinsame Verschwörung schuf wirklich ein Band, das sich Caradan aber nicht zu Kopf steigen lassen wollte. Was Theo getan hatte, würde er ihm weder verzeihen, noch vergessen. Aber im Moment, konnten sie sich wenigstens ausstehen. Aen zuckte mit den Schultern. “Wir greifen ihre Familie an.” Caradan hielt den Atem an und Theo schnaubte überrascht. “Nur das ich das richtig verstehe.”, hob der große Mann an. “Wir haben momentan drei Pläne in Aussicht. Möglichkeit Eins, wir verschieben die Zitadelle. Eine Möglichkeit die absolut verrückt ist, aber im Vergleich zu den anderen mir immer besser gefällt…behalten wir also in der Hinterhand. Möglichkeit Zwei, wir lassen uns gefangen nehmen, foltern und versuchen dann abzuhauen.” “Streich das.”, warf Caradan dazwischen. “Ich hab vergessen, dass die Inquisition foltert. Nicht mal ich kann mit gebrochenen Fingergliedern ein Schloss knacken.” “Gut.. dann Möglichkeit Drei, wir greifen eine der mächtigsten Familien des Landes an. Möglichkeit Eins ist unser Notfallplan, gefangen nehmen lassen scheidet auch aus, also die Sache mit den Avalés. Wie sollen wir das anstellen?” “Wir nehmen eine Geißel.”, erklärte Aen, die so wirkte, als ob es das einfachste auf der Welt für sie war, die beiden Männer wie dumme Jungen ohne Lebenserfahrung dastehen zu lassen. “Wen? Wann? Wo?”, fragte Caradan und blickte auffordernd zwischen Aen und Theo hin und her.
Diese Frage hing im Raum, ohne eine leichte oder offensichtliche Antwort zu offenbaren, bis Theo nach dem Genuss eines weiteren Bieres plötzlich einen Geistesblitz hatte. “Die Hochzeit!” Natürlich, die Hochzeit, da würden alle Mitglieder der Familie anwesend sein. Es wäre die Gelegenheit. “Ha!”, stimmte Caradan zu. “Und? Wie groß ist die Familie eigentlich?” Theo überlegte. “Also Aelis hat einen Onkel. Den ehrenwerten Wahrheitsbringen Acardo von Avalé. Dann ihren Bruder, der Bräutigam. Dann noch einen Bruder und Eltern, glaube ich. Vielleicht noch ein oder zwei Vettern, die ich vergessen habe.” “Und ihre Schwägerin.”, fügte Aen hinzu. “Sie hat eine Schwägerin?”, fragte Theo ungläubig und Caradan warf ihn mit einer Münze ab. “Ihr Bruder heiratet du Ochse! Natürlich hat sie eine. Also bald.” “Sie ist perfekt!”, rief Theo. “Sie gehört nicht direkt zur Familie, ist also das perfekte Opfer, aber ist wichtig genug, dafür… um… naja.” Er warf ihnen einen uneindeutigen Blick zu. “Wieso ist sie perfekt?”, fragte Caradan. “Keine Ahnung… einfach so halt.” Nachdenklich ließ Caradan sein Bier im Krug kreisen. Es war tatsächlich keine üble Idee, die Vollstreckerin nicht direkt anzugreifen, sondern über Umwege sie in ihre Gewalt zu bringen. “Wir entführen die Braut. Direkt vom Traualtar.”, meinte er und Theo nickte. “Brautentführung jawohl! Aber in echt.” “Aber in echt!”, stimmte Caradan zu. “Aber wie kommen wir auf die Trauung?” “Gar nicht, aber auf die Feier danach!”, meinte Theo und fügte dann nachdenklich hinzu. “Bloß wie…” Caradan winkte ab. “Dafür haben wir noch zwei Wochen Zeit. Ich würde sagen, wir haben einen Plan und darauf trinke ich.” Bevor er seinen Krug nehmen konnte, langte Aen danach, doch er war schneller und zog ihn weg. “Nichts da. Nicht für dich, hast du selbst gesagt.” Sie warf ihm einen Blick zu, den er nicht so recht einordnen konnte. Schmollte sie oder warf sie ihm einen aufreizenden Augenaufschlag zu. Sie erhob sich, kam um den Tisch herum und setzte sich auf seinen Schoß. Er schluckte. “Es ist meine Idee, also hab ich mir das hier auch verdient.” Sie nahm ihm den Krug aus der Hand, prostete Theo zu und trank ihn aus. “Da kann ich dir nicht widersprechen…”, gab sich Caradan geschlagen und schlang seinen Arm um sie. Missmutig blickte er auf seinen leeren Krug und orderte eine neue Runde Starkbier für alle. Sie tranken so noch eine Weile und irgendwann steckte sich Caradan seine Missgeburt von Tabakrolle in den Mund. Er war gespannt, wie die Wirkung wohl sein würde. Zunächst musste er husten, das Aroma des Minzöls schien wie eiskaltes Feuer im Rachen zu brennen, aber irgendwie gefiel es ihm. Ihm gefiel ebenso, wie sich Aen auf seinem Schoß räkelte und er spürte, wie ihm das Blut zwischen die Beine floss. Er zog sie zu sich und gab ihr einen Kuss und warf ihr einen Blick zu, der, wie er hoffte, genau das ausdrückte, was er ihr leise zu flüsterte. “Ich will dich…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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