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Unter Dieben

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Caradan
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 12. Mai 2018 10:38

Caradan nickte geistesabwesend, als Aenaeris ihn aufforderte ins Haus zu gehen und nachzusehen, ob noch jemand dort war. Er konnte den Blick kaum von der jungen Frau losreißen und stolperte mehr zwischen den Leichen von Mensch und Tier hin und her, als zu laufen. Seine Beine fühlten sich schwach an, seine Knie waren weich und ihm war auf der einen Seite kotzübel zumute, auf der anderen roch es nach gebratenem Fleisch und das war angenehm. Und diese angenehme Gefühl von angeregtem Appetit, ließ ihn erneut würgen. Vor der Tür blieb er stehen und stemmte sich gegen den Türrahmen, bevor er die Tür, die kaum noch in den Angeln hing, mit etwas Mühe aufdrückte. Irgendetwas versperrte sie von der anderen Seite. Sobald sie einen Spalt aufstand, schlüpfte der Dieb hindurch und erblickte unschönes. Ein Mann, ein furchtbar verstümmelter Mann hatte sich gegen die Tür gelehnt und war dort als menschlicher Türkeil verblieben. Ihm fehlten die Lippen, die Nase, die Ohren, die Finger und … Caradan verkrampfte sich und presste sich die Hand auf den Mund. Er sah sich in dem kleinen Haus um. Fernab der Tür gab es einen großen Raum zu seiner Rechten, mit einer Feuerstelle, einem Tisch und Bänken. Dort hockte zusammengekauert eine weitere Leiche so, als hätte man den Mann beim Essen erschlagen. Zu Caradans linken, waren eine Vorratskammer und eine Schlafstube. Caradan stieß die Tür zur Schlafstube auf und riss sie sogleich wieder zu. Er hatte keinen richtigen Blick auf die Szenerie werfen können, aber er glaubte zu wissen, was mit dem Mädchen geschehen war, das dort mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Bett gelegen hatte. Er hielt den Türring fest umklammert, aus Furcht die Tür könne sich wieder öffnen und ein unvorsichtiger Blick könne erblicken, was sich dahinter verbarg. Nun wollte er gar nicht mehr wissen, was in der Vorratskammer war, doch seine nur allzu menschliche Neugierde obsiegte. Er öffnete die Tür und fand nichts, bloß eine reichlich volle Kammer. Nun erkannte er auch, wie recht die junge Frau hatte. Diese Monster hatten nichts genommen. Wohl weder Silber noch irgendetwas von dieser reichen Auswahl. Mit einer letzten Kraftanstrengung versuchte er den Würgereiz zu unterdrücken und scheiterte kläglich. Lautstark übergab er sich in die Mitte des Raums, bis er nur noch ein zitterndes Häufchen war, dass sich kaum auf den Beinen halten konnte. Dennoch, es war befreiend. Als ob er nun das Grauen aus seinem Körper gespült hätte, konnte er wieder halbwegs klar denken und kam zu dem Schluss, dass die Frau dort draußen wohl nie wieder einen Fuß hier hinein setzen wollte und so schnappte er sich eine Tasche und stopfte sie voll mit reichlich Essen, damit die Frau den Weg bis zur nächsten Siedlung problemlos überstehen konnte. Auch entschloss er sich in dem Raum mit der Feuerstelle nach Silber oder Dingen von Wert zu suchen, damit die Frau sich vielleicht besser durchschlagen könnte. Zur Not würde er ihr was geben, denn er konnte sich jederzeit etwas klauen.
Er schritt über den Toten an der Tür hinweg und sah sich im großen Raum um. Abgesehen von dem Toten entdeckte er eigentlich nichts auffälliges. Keine Truhe die wertvollen Inhalt versprach, keine augenscheinliche Verstecke, einfach nichts. Er ging zur Feuerstelle und schnappte sich eines der beiden Küchenmesser. Das war gut geschmiedet, das erkannte selbst Caradan. Das Messer konnte die Frau sicherlich noch gebrauchen. Dann hörte Caradan zum ersten Mal ein Geräusch, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ. Ein Knarren, so als würde sich jemand von einer Bank erheben. Langsam drehte sich der Dieb um und erstarrte. Der Tote stützte sich schwer auf seine blutenden Arme und erhob sich unsicheren Schrittes von der Bank. Er drehte dem Dieb den Kopf nur halb zu, doch Caradan konnte trotzdem erkennen, dass man ihm die Augen ausgestochen hatte. Caradan keuchte erschrocken und der Kopf des Mannes ruckte in seine Richtung. „Elender Teufel!“, krächzte der Mann und stampfte auf ihn zu. „Elendes Pack!“, krächzte der Mann erneut und streckte eine blutverschmierte Hand nach Caradan aus. Mit vor blanker Angst weit aufgerissenen Augen starrte der Dieb den Toten an, der dort auf ihn zu kam und tat in seiner Panik das einzige, was irgendwie sinnvoll erschien. Er stach zu. Er versenkte sie Klinge des Messers im Hals des Toten, schnitt ihm das nächste Wort somit ab und beendete sein Leben ein für alle Mal. Der Tote umklammerte das Heft des Messers und sank langsam zu Boden, die blutigen Augenhöhlen noch immer auf Caradan gerichtet. Verängstigt machte Caradan einen Schritt rückwärts, als der Tote zuckend am Boden lag. Er stolperte rückwärts über den Toten an der Tür, dessen Kopf so zur Seite kippte, dass es so schien, als ob er Caradan direkt anstarrte. Anklagend, fragend. Der Dieb kroch einen halben Schritt rückwärts, stieß mit der Schulter an die Tür zur Schlafstube und die Tür schwang erstaunlich leicht auf. Er warf einen Blick über die Schulter und bildete sich ein, dass das Mädchen nun anders lag als vorher, näher an der Tür oder sonst was. Panik ergriff ihn und er riss und zerrte an der Tür, stieß des den Toten mit einem Fußtritt zur Seite und zwängte sich erneut durch die Tür nach draußen. Beinahe erleichtert war er, dass die Toten hier draußen keine Tendenz zeigten, sich entgegen ihrer Natur wieder zu erheben. Aenaeris stand mit dem Rücken zu ihm und die junge Frau kniete vor ihr. Der Dieb erhob sich und lief so schnell ihn seine wackeligen Beine tragen konnten zu ihnen, als ein ohrenbetäubendes Donnern ihn zusammenzucken ließ. Die junge Frau, die vor Aenaeris gekniet hatte, kippte vorn über und Aen ließ ihren seltsamen Pfeifenknüppel an ihrer Seite hinab sinken. Caradan ließ die Tasche zu Boden gleiten und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Was hast du getan?“, fragte er erschrocken, aber es war kein Vorwurf. Sie antwortete nicht, sondern fiel ihm in die Arme. Sie brauchte auch gar nichts zu sagen. Was könnte sie auch schon sagen? Sie hatte sich diese Entscheidung wohl überlegt und wenn der Dieb ehrlich war, grenzte der Tot nach so einem Erlebnis an einen Akt der Gnade.
Wie lange sie da standen und sich in den Armen lagen, schweigend und fassungslos, konnte keiner von ihnen sagen. Es war einfach das einzig richtige in diesem Moment. Dieser Moment für sie, der sie von diesem grausigem Anblick distanzieren würde. Hier lebte nichts und niemand mehr, daran konnten sie nichts ändern und hatten auch nur bedingten Anteil daran. Nichts womit man das Gewissen plagen müsste und das war es, was sie sich in diesem Moment klar machen mussten. Und dennoch, es war das dritte Mal, dass Caradan die Auswirkungen ihres Hexenzaubers zu spüren bekam, aber das erste Mal, dass er die Auswirkungen tatsächlich vor sich sah und nun auch wusste, dass sie dazu dieses … Zauberrohr benutzte. Vielleicht legte sie ihre Magie dadurch auf ein Ziel, wie eine Laterne den Feuerschein zu einem Lichtstrahl bündelte. Vorsichtig löste er sich von ihr und versicherte sich kurz, ob alles in Ordnung mit ihr war. „Warte bei den Pferden.“, meinte er und rang sich ein schwaches Lächeln ab. „Ich schau mal, ob ich eine Schaufel finde. Ich will die Ärmste nicht den Krähen überlassen.“ Er reichte Aen die Tasche und schob sie sanft aber bestimmt Richtung Pferde. Caradan musste gar nicht lange suchen. Neben den Ställen lagen dutzende Geräte achtlos in den Dreck geworfen. Mistgabeln, Hufkratzer, Hämmer und zwei Schaufeln. Der Dieb schnappte sich eine der Schaufeln und entschied der Ort des Grabes war völlig egal, solange es nicht auf dem Gelände des Gestüts wäre. Im Wald war zu viel Wurzelwerk und würde die Arbeit erschweren, also entschloss er sich für die dem Waldrand gegenübergelegene Lichtung und machte sich ans Werk. Es dauerte nicht lange, da warf er seinen Rock in den Dreck, weil ihm der Schweiß den Rücken runter lief. Ihm schmerzte der Rücken und die Arme brannten, aber er schaufelte immer wieder weiter, bis er entschied, dass das Grab tief genug sein mochte, damit kein Fuchs, Rabe oder sonstige Aasfresser auf die Idee kommen mochten, hier zu graben. Irgendwie war es auch gar nicht so unangenehm wie befürchtet die Tote zu berühren, ja sogar hoch zu nehmen und zum Grab zu schleppen. Caradan ekelte sich keineswegs, es war einfach nur noch der letzte Schritt um diesen Ort, diesen verfluchten und verdammten Ort zu verlassen. Es gab immer noch ein paar offene Fragen. Allen voran, wer das hier getan haben könnte und ob diese Monster noch in der Nähe waren. Während er den Leichnam verscharrte, rezitierte er immer und immer wieder einen Liedvers. Er hatte keine Ahnung von den Gepflogenheiten der Leute hier, wenn es um die Bestattung der Toten ging, noch glaubte er, ihre Götter würden es gutheißen, wenn er einfach einen so heiligen Ritus versaute, also hatte er sich entschlossen, das ehrlichste zu tun, was er konnte. Er erinnerte sich an viele Lieder die in den Kneipen und Bordellen von Lanyamere gesungen wurden, aber nur eine Strophe kam ihm in den Sinn, die etwas mit Pferden zu tun hatte. Angemessen wie er fand, denn es hatte ausnahmsweise nicht mit Saufen und Vögeln zu tun, sondern war tatsächlich ein trauriges Lied. Leider erinnerte er sich nicht mehr an das gesamte, aber es reichte um wenigstens den Anschein einer Ehrerbietung zu wahren. Außerdem sang er nicht, er murmelte. Als sein Werk vollendet war, schleppte er sich zurück zu den Pferden. „Lass uns von hier abhauen.“, meinte er zu Aen und blickte sie an und sein Blick fiel auf dieses Ding an ihrem Gürtel. „Wirst du mir noch sagen, was es damit auf sich hat?“
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mo, 04. Jun 2018 16:56

Aen war froh, als Caradan sich schließlich von ihr löste. Sie war sich nicht sicher, woran das lag, aber Caradan besaß so eine Ausstrahlung, oder eine Art, die sie richtig weich werden ließ. Dass sie ihm in die Arme gefallen war, nachdem sie diese Frau von ihrem Leid erlöst hatte, bewies dies. Sie hatte schon so viele Menschen ohne mit der Wimper zu zucken getötet, was machte diese eine Frau schon aus? „Warte bei den Pferden. Ich schau mal, ob ich eine Schaufel finde. Ich will die Ärmste nicht den Krähen überlassen“ meinte er und schob sie in Richtung ihrer Pferde, die nervös von einem Bein aufs andere traten. Die Arcanierin trottete lustlos zu den Pferden hinüber, bückte sich nach einem ramponierten Holzkübel, der da herumlag, drehte ihn um und ließ sich darauf nieder, während der Dieb begann, nach einer Schaufel oder sonstigem Gerät zu suchen. Als er eine gefunden hatte, begann er wohl, sich nach einem geeigneten Platz für eine Grabesstelle umzusehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er eine Stelle gefunden hatte, die ihm angemessen erschien, und schließlich stieß er die Schaufel in den Erdboden, häufelte Erde an, und grub ein immer größer werdendes Loch. Aenaeris beobachtete ihn teilnahmslos von weitem, während sie, mit der Hand beschirmten und zusammengekniffenen Augen immer wieder einen Blick in die Sonne warf. Es war ein heißer Sommertag und sie konnte absolut nicht nachvollziehen, wieso er jetzt unbedingt ein Grab schaufeln musste, wo doch sicherlich mehr Tote auf dem Gelände lagen, und warum es diese eine Frau sein musste, die er, wie er sagte, ‚nicht den Krähen überlassen wollte‘. Auch Krähen mussten fressen, und Krähen, Insekten und andere Wildtiere waren eigentlich recht nützliche Beseitiger von Aas und Leichen. Warum man Verstorbene mehrere Fuß tief in Erde verscharrte, war der Arcanierin noch nie plausibel erschienen. Wenn sie tot waren, waren sie tot. Die Seele, so der Mensch eine Seele besaß, war ohnehin nicht mehr im Körper, der nur mehr eine leblose Hülle war. Warum dann also dieser Aufwand? Und noch etwas gab es da zu beachten. Sie wussten nicht, wer dies hier getan hatte, noch, ob sie sich noch in unmittelbarer Nähe befanden, oder ob sie den Knall des Feuerrohrs nicht vernommen, und gar zurück an den Ort des Geschehens locken würde. Schlimm genug, dass Caradan es wahrscheinlich mitangesehen hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sie mit Fragen nerven würde, und neugierig war er wahrscheinlich auch noch geworden. Ob sie je wieder ruhig schlafen würde können, aus Furcht, er könnte das Ding an sich nehmen und herausfinden, was es war und wie es funktionierte? Der Gedanken daran ließ sie schaudern. Aber momentan hatten sie andere Belange, um die sie sich kümmern sollten. Gedankenverloren ließ Aen ihre Finger über den Beutel mit den Eisenkugeln gleiten und ertastete durch das dünne Leder die Anzahl derer. Ob sie den Kerlen, wenn sie zurückkommen würden, den Garaus machen könnte, hing ganz davon ab, wie viele es waren. Zwei bis vier stellten kein Problem dar. Mehr sollten es nicht sein. Und gegen eine ganze Horde hatten sie sowieso keine Chance. Während Aen aus Langeweile begann, sich eine Pfeife zu stopfen, betrachtete sie belustigt Caradan, der bereits seinen Rock ausgezogen und hingeworfen hatte. Ihm musste ganz schön heiß sein, und Aen gluckste schadenfroh, während sie an ihrer Pfeife blies. Selbst schuld war er. Warum ließ er nicht einfach alles so, wie es war? Sie würde ihm auf keinen Fall helfen, bei diesem unsinnigen Unterfangen! Nicht einmal ein Schäufelchen Erde würde sie zurückschaufeln, kein Erdhäufchen auch nur mit der Stiefelspitze in die Grube schieben!

Das Verlangen, zum Pfeifenkraut noch eine Starrkrautblüte zu stopfen, unterdrückte sie. Sie brauchte jetzt einen klaren Kopf. Wer wusste schon, was ihnen noch bevorstand! So rauchte sie nur genüsslich die Pfeife, und beließ es dabei, Caradan zu beobachten wie er zu der Frauenleiche lief, sie über die Schulter warf und zu der Grube trug. Als die Sonne den Zenith überschritten hatte, hatte der Dieb sein Werk beendet und stapfte mit wohl letzter Kraft zurück zu seiner Begleiterin. Sie musterte ihn. Sein Gesicht war dunkelrot und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine Tunika war mit Schweißflecken übersät und er atmete schwer. „Bist du jetzt endlich fertig?“ nuschelte sie, die Pfeife zwischen den Lippen. Er nickte. „Lass uns hier abhauen“ meinte er und sein Blick fiel auf ihren Gürtel an welchem das Feuerrohr baumelte. „Wirst du mir noch sagen, was es damit auf sich hat?“ sprach er tatsächlich aus und die Arcanierin verengte ihre Augen, nahm die Pfeife aus dem Mund und blitzte ihn finster an. „Nein!“ blaffte sie ihn unwirsch an. „Vergiss, was du glaubst, gesehen oder gehört zu haben. Vergiss es einfach und frag mich bloß nie wieder danach!“ Caradan blickte sie eindringlich an. „Wie oft hast du das Ding in letzter Zeit gebraucht?" Er hob drei Finger in die Höhe, bevor Aen auch nur darüber nachdenken konnte, wie oft sie das Feuerrohr benutzt hatte, seit sie Caradan kennen gelernt hatte. „Und wie oft gabs dann Probleme?“ Er ersparte sich eine Antwort, weil sie überflüssig war. Doch Aen sah das anders. „Nur zweimal…“ gab sie rechthaberisch zurück. „Und einmal warst du nicht anwesend, wenn man es ganz genau nimmt.“ Dass Willem Caradan die Schuld an Iardes Tod gegeben hatte, das war weder hervorzusehen, noch konnte sie etwas dafür. „Wenn ich es vergessen soll, dann ruf es mir nicht ständig in Erinnerung.“ Nun, das war halt nicht so einfach. Sie waren nun einmal Reisegefährten, und wenn es ernstzunehmende Probleme gab, dann musste gehandelt werden. Auf Caradan war da ja bekanntermaßen kein Verlass, denn er besaß zwar Waffen, aber kämpfen konnte er nicht. Wie er selbst gesagt hatte. Er hatte den Kopf und lieferte Ideen, und die anderen besaßen Fäuste, Waffen und Muskelkraft. So war das. Und sie war eine Frau. Da bedurfte es keiner weiteren Erklärungen. Punkt.

Caradan hatte sich abgewandt und machte sich am Sattel seines Pferdes zu schaffen um die Tasche, die er aus dem Haus mitgebracht hatte, zu verstauen. Aen ihrerseits war aufgesprungen und seufzte. „Caradan!“ maunzte sie. „Das ist nicht so einfach! Du verstehst das nicht, aber da mache ich dir ja auch keinen Vorwurf! Wie könntest du es auch verstehen? Aber wie soll ich denn wissen, ob ich dir vertrauen kann?“ Caradan schwang sich aufs Pferd und Aen tat es ihm gleich. Er sah sie an „Dann lass es. Vertrauen ist keine Hure, die jeder haben kann. Vertrauen muss man sich verdienen. Ich auch.“ „Das stimmt. Aber wie? Ich kenne dich ja schließlich nicht. Nicht gut genug.“ „Wir werden schon sehen“ gab er zurück. Doch für Aen war die Angelegenheit damit noch nicht vom Tisch. „Vertrauen kann man versuchen sich zu erschleichen, um es nachher auszunutzen.“ Da blickte er sie an und sagte „Seh ich etwa aus wie ein Verbrecher?“ Aen legte den Kopf schief und schmunzelte. Aber sie sagte nichts mehr dazu. Und damit war die Angelegenheit vom Tisch.
Sie ritten den halben Tag bis zum frühen Abend, wo sie an einen Ausläufer des Chaburs kamen. Sie tränkten die Pferde am Flussarm und die Arcanierin ließ sich am Ufer des Flusses auf einem Stein nieder, zog sich die Stiefel aus und stellte ihre Füße in das kalte Wasser. Zufrieden seufzte sie auf. Sie war müde, abgeschlagen und hungrig, und Caradan erging es wahrscheinlich nicht viel anders. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Alleine schon der stundenlange Ritt. Als die Pferde ausreichend Wasser zu sich genommen hatten, banden sie diese an einen Baum der in der Nähe stand und aßen erst einmal aus den Vorräten die sie bei sich trugen. Zwieback, Trockenfleisch und Trockenfrüchte. Etwas Besseres gab es bei dieser Hitze nicht, außer man hatte nichts gegen verdorbene Lebensmittel einzuwenden. Am Flussausläufer war es schön kühl, und Aenaeris fragte sich, ob es sich lohnen würde, zu versuchen, einen Fisch zu fangen. Zwar mochte sie Fisch nicht besonders, aber es würde zumindest einmal eine Abwechslung darstellen zu all den getrockneten Lebensmitteln. Doch vom Fischfang verstand sie nichts, und so, wie sie Caradan einschätzte, er vermutlich auch nicht. Während dem Essen rollte die Arcanierin ihre Karte von den Nordreichen auseinander, und, an jeder Ecke mit einem Flussstein beschwert, bestimmten sie ihren Standort und welcher nun der beste Weg wäre. Und so wie es aussah, hatten sie ein kleines Problem. Zumindest Aen. Denn die nächste Stadt, beziehungsweise Städtchen war Shuridron. Sie hatte sich geschworen, diese Stadt nicht mehr zu betreten. Doch die nächste Möglichkeit der Zivilisation boten erst die Ausläufer der Festung Ceroans Schild. Der andere Handelsposten war ein großer Umweg. Außerdem wussten sie ja nicht, welche Möglichkeit der Händler, von dem Aen hoffte dass er das goldene Kleinod erstanden hatte, in Betracht gezogen hatte. Wie sollte Aen Caradan erklären, dass Shuridron für sie nicht in Frage kam, weil dort Thero und sie aufgegriffen worden waren, und dieser Ort deswegen unangenehme Erinnerungen barg? Aen beschloss, darüber kein Wort zu verlieren, und legte sich stattdessen ins Gras, und schloss die Augen. Allerdings störte sie ihre Habe am Gürtel beim Liegen, und so setzte sie sich wieder auf, um die Dinge vom Gürtel abzunehmen. Als sie das Feuerrohr in der Hand hielt, zögerte sie. Wohin mit dem Ding? Nun, da Caradan wusste, dass es kein gewöhnlicher Stock war, war ihr nicht mehr wohl dabei, es bei sich zu tragen, beziehungsweise es aus der Hand zu geben. Sie betrachtete Caradan eingehend und schweigend. Wovor fürchtete sie sich denn eigentlich? Wenn er ihr nach dem Leben trachten wollte, dann hätte er sie im Schlaf mit einem Messer längst abmurksen können. Hatte er aber nicht. Trachtete es ihn nach Macht und Geld? So sah er nicht aus. Und wenn seine Geschichte stimmte, dann verfügte er ohnehin über ein kleines Vermögen, auch, wenn er gegenwärtig keinen Zugriff darauf hatte. Und dass da etwas, nämlich das Feuerrohr zwischen ihnen stand, und das tat es, das nervte sie gewaltig. Sie räusperte sich. „Caradan? Ich möchte dir vertrauen. Und darum werde ich dir sagen, was es damit auf sich hat.“ Sie nahm das Feuerrohr und legte es sich auf den Schoß. „Es ist kein Hexenwerk, kein Elfenzauber, es ist einfach nur Wissenschaft und Alchemie. Ein Feuerrohr, so wird es genannt. Man braucht dafür Schwarzpulver und Kugeln aus Eisen. Lassen sich ganz einfach und billig bei jedem Schmied anfertigen. Das Rohr hier ist hohl. Dahinter befindet sich eine ausgeklügelte Konstruktion. Da kommt das Schwarzpulver hinein, das hier ist der Abzug. Wenn man ihn drückt, schlagen Feuersteine aufeinander, ein Funke entzündet das Schwarzpulver und der Druck der Explosion drückt die Kugel mit unsagbarer Geschwindigkeit aus dem Rohr. Das ist alles.“ Sie erhob sich. „Komm mit, ich zeig es dir.“ Sie wartete bis Caradan sich erhoben hatte und ihr folgte. „Ich will ja jetzt niemandem schaden, daher werde ich auf den Baum da drüben zielen“ erklärte sie dem Dieb. „Halte dir besser die Ohren zu…“ Dann zielte sie, betätigte den Abzug, und es folgte der ohrenbetäubende Knall, und der altbekannte Rauch. Als dieser sich verzogen hatte, hatte die Eisenkugel einen beachtlichen Krater in den Baumstamm gerissen. Sie heftete den Blick vom Baum und zurück auf Caradan. „Jetzt weißt du es. Willst du auch mal?“
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 07. Jun 2018 20:16

Der Dieb stöhnte wohlig auf, als der Druck von ihm abfiel. Seit Stunden saßen sie im Sattel, die Landschaft zog an ihnen vorüber und die quälende Hitze machte das Atmen schwer. In seiner Nase roch er noch das verbrannte Fleisch des Gestüts und wenn er die Augen schloss, sah er die Toten vor ihm, als stünden sie direkt dort am Wegesrand. Aber das schlimmste war, er hatte seit Stunden pissen müssen und jetzt als sie endlich rasteten, nutzte er die Gelegenheit sogleich um sich von diesem lästigen Drücken in den Lenden zu befreien. Das Essen… nun das Essen war nicht wirklich genießbar, so wie die ganzen letzten Tage eben. Allerdings gab es schlimmeres. Caradan hatte ein wenig die Orientierung verloren, aber die Tatsache, dass der Chabur direkt vor ihnen plätschernd und kühl vorbei floss ließ ihn vermuten, dass sie sich etwa auf halben Weg zwischen Aramad und Brisangen befanden. Keine schlechte Strecke die sie zurück gelegt hatten, wenn man bedachte, wie oft sie sich durchs Unterholz gekämpft hatten um eventuelle Verfolger abzuhängen. Ein Glück hatte Aen eine Karte, so mussten sie sich nicht auf seine Spekulationen verlassen. Nachdenklich kaute er auf einem Stück Zwieback herum. Die nächste Station war Shuridron und von da aus sollten sie nach Norden reiten um den Handelsposten zumindest abzuklappern. Ja, sie wollten nach Aramad, aber es wäre einfach fahrlässig nicht in einem Handelsposten nach einem Händel zu suchen. Die simple Genialität dahinter verbarg sich schon im Namen. Der Dieb freute sich schon auf Shuridron. Eine warme Mahlzeit, ein Bett – in dem er dieses Mal auch schlafen würde, völlig egal von wie vielen Kerlen sich Aen würde durchnehmen lassen. Sie könnten ihre Vorräte aufstocken und weil in jedem guten Wirtshaus auch ein paar Glücksspieler zu finden waren, etwas Geld machen um die Vorräte auch zu bezahlen. Caradan hockte sich neben Aen ins Gras und ließ seinen Blick über den Fluss und die Landschaft schweifen. War schon schön hier, aber er vermisste eine Stadt. Irgendeine. Er war in einer Stadt groß geworden und fast sein ganzes Leben in solchen verbracht. Frische Luft, grüne Wiesen und klares Wasser war ja schön und gut, aber er sehnte sich beinahe nach dem Gestank der Städte. An dem Geruch einer Stadt konnte man so viel erkennen, wenn man wusste worauf man zu achten hatte, konnte erkennen was in ihr vorging und erst recht, wo man sich besser nicht aufhielt. Außerdem waren die gut gefüllten Straßen einer Stadt das beste Jagdrevier für Taschendiebe wie Caradan einer war. Bei Idalias Arsch, wie lange war es her, dass er einen einfachen Taschendiebstahl begangen hatte? In den letzten Monaten hatte er völlig andere Diebstähle begangen, mehr gelogen und betrogen als jemals zuvor. Vielleicht wäre es mal wieder eine gute Idee, zu den kleinen Freuden des Lebens zurückzukehren. Seit er Lanyamere verlassen hatte waren die idiotischsten Dinge geschehen. Eines dieser Dinge lag grade eben neben ihm im Gras und wälzte sich hin und her. Die Frau mit dem verflossenen Werwolf und Hexenmeister oder was auch immer dieser Kerl gewesen war. Er musste bei dem Gedanken leicht schmunzeln. „Caradan?“, räusperte sich Aen neben ihm. Als hätte sie erraten, dass seine Gedanken sich um sie gedreht hatten. „Ja?“ „Ich möchte dir vertrauen. Und darum werde ich dir sagen, was es damit auf sich hat.“ Er blickte über die Schulter. „Womit?“, fragte er sie in dem Moment, als sie ihren magischen Stock nahm und in ihren Schoß legte. Der Dieb lehnte sich zurück, damit er sie besser ansehen konnte. Er kam nicht umhin ihr einen unsicheren und gleichsam neugierigen Blick zuzuwerfen. „Sicher?“ Sie war sich sicher, denn sie fuhr fort, erklärte ihm was es mit diesem … Feuerrohr auf sich hatte und wie die tödliche Wirkung dieser Waffe zustande kam. Offen gesagt bezweifelte Caradan, dass so ein kleines Ding ohne die Hilfe von Magie solche Zerstörung hervorrufen konnte. Offenbar sprach sein Gesicht eine eindeutige Sprache, denn sie stand auf und wollte es ihm zeigen. Neugierig, aber skeptisch, folgte er ihr zu dem von ihr ausgesuchten Ziel. Ein Baum, knapp zehn Schritt weit entfernt, vielleicht etwas weniger. „Halte dir besser die Ohren zu…“ Er grinste sie an. „Mach dir um mich mal keine Sorgen.“ Sie hob den Stock, die Waffe, das Rohr – was auch immer. Sie hielt es still und krümmte dann ihren Finger.
Der Dieb bepisste sich nicht vor Schreck, aber das auch nur, weil er kurz zuvor pissen war. Den Knall hatte er schon zwei Mal gehört, allerdings um einiges leiser, aber die Flammen die aus dem Ding schlugen, der Qualm, einfach alles, erschreckten ihn. Er fing an zu husten, als ihm der Qualm in die Lunge kroch, er spuckte aus und versuchte diesen seltsamen Geschmack los zu werden. Aen schien das Ganze weniger zu stören. Offenbar war sie schon zu sehr daran gewöhnt. „Jetzt weißt du es.“, kommentierte sie. „Fick mich.“, keuchte er. „Und das soll kein Hexenwerk sein?“ Sie hielt ihm das Ding hin. „Willst du auch mal?“, fragte sie so, als würde sie ihm eine Pfeife anbieten, nicht eine Waffe die … die unvergleichbare Zerstörung anrichten konnte. So etwas gab man doch nicht einfach so weiter! Diese Verantwortung, der musste man erst einmal gewachsen sein und der Dieb war sich nicht so sicher, ob gerade er ihr gewachsen war. „Auf jeden Fall.“ Sie zeigte ihm wie man die Waffe vorbereitete oder mit anderen Worten, bereitete die Waffe vor, während er zu sah. Mit einigen wenigen Worten erklärte sie ihm wie er damit schoss. In die Richtung des Ziels halten und den … Abzug ziehen. Hochkonzentriert und mit klopfendem Herzen hob er das Feuerrohr empor, richtete es auf den selben Baum und schoss. Eine unsichtbare Macht wollte ihm die Waffe aus den Händen reißen, doch er hielt den Griff umklammert und das Rohr riss aus, flog ihm aber nicht aus der Hand. Hustend wedelte er den Qualm davon und wollte sein Werk bestaunen. Nur gab es da nichts zu bestaunen. Kein zweiter Krater war im Baum zu sehen. „Hats funktioniert?“, fragte er Aen unsicher. Enttäuscht ließ er die Schultern hängen und warf einen prüfenden Blick auf das Feuerrohr. Aber ja, es hatte funktioniert, denn ein paar abgebrochene Äste zeugten davon, dass sich irgendetwas mit brachialer Gewalt bahn geschlagen hatte. Der Dieb schaute nochmals auf den Krater im Baum und auf die kleine Schneise die sich sein Schuss geschlagen hatte. „Wenn du über so eine Macht verfügst.“, begann er und blickte sie ungläubig an. „Wieso willst dann noch dieses Andor-Amulett?“ Was brauchte man die Herrschaft über Feuermagie, wenn man das Feuer am Gürtel trug? Neugierig was er im Unterholz getroffen haben mag, stampfte er durch den Wald. Die Kugel flog pfeilgerade, also musste es ja irgendwo hier sein und tatsächlich: Wenige Schritt hinter dem eigentlichen Ziel hatte Caradan etwas getroffen. Man konnte nicht mehr genau erkennen, was das bedauernswerte Tier einst gewesen war, aber der Dieb glaubte, dass er ein Wiesel erlegt hatte. Genauer gesagt, er hatte dem Wiesel den Schädel weg geschossen. Da war nichts mehr übrig jenseits des blutigen Halsstumpfs und überall waren kleine Knochensplitter, Blut, Hirn und Fellbüschel. Caradan hob das Tier am Schwanz hoch. Soweit er das beurteilen konnte, fehlte dem Tier sonst nichts. Mit einem stolzen Grinsen, ob seiner ersten erlegten Beute, hielt er Aen das Wiesel hin. „Besser als Zwieback oder?“
Wenig später, als langsam die Nacht übers Land herein brach, saßen sie am Feuer. Es war nur ein kleines Feuer, dass sie nach der Hitze des Tages vor der Kälte der Nacht schützen würde. Vermutlich auch vor den diversen Wildtieren, wenn denn noch welche im Wald waren. Jetzt wo Caradan seine Jagdkünste offenbart hatte, hatten sie alle das Weite gesucht … bestimmt. Aen hatte das Wiesel zubereitet, aber hielt sich sehr zurück beim Essen. Eigentlich hatte Caradan überhaupt nicht gesehen, ob sie etwas gegessen hatte. Ihm jedenfalls schmeckte es gleich dreimal so gut. Ja, es war bloßer Zufall gewesen, dass er das Tier getroffen hatte, aber Treffer war Treffer. Er wischte sich mit dem Handrücken den Fleischsaft vom Kinn und schlang den letzten Happen hinunter. „Weißt du“, begann er, nachdem er kein Fleisch mehr zwischen den Zähnen hatte. „Ich weiß das zu schätzen. Das du mir gesagt hast, was es damit auf sich hat.“ er deutete auf das Feuerrohr. „Ehrlich. Ich wollte dich nicht dazu drängen und deshalb ...“ Er suchte nach Worten und ließ sich neben sie ins Gras fallen. „Danke.“ Es war nicht das, wonach er gesucht hatte, aber immerhin war ein ehrliches Danke mehr wert, als alle blumigen Worte ihrer Sprache. „Danke für dein Vertrauen.“ Er legte seine Hand auf die ihre und drückte sie sanft. „In Shuridron erholen wir uns erst mal.“, meinte er mit einem verschmitzten Lächeln und ließ keinen Zweifel daran, was er mit erholen meinte. „Nicht nach Shuridron.“, antwortete Aen. „Was?“ „Ich setzte keinen Fuß in diese Stadt!“, stellte sie klar und ihre Stimme hatte einen gereizten Klang. Auch wenn er mittlerweile wissen sollte, dass jetzt stummes Nicken angebracht wäre, konnte er es sich dennoch nicht verkneifen. „Und wieso nicht?“ „Geht dich nen Scheiß an.“, schnauzte sie. Der Dieb nickt und ließ ihre Hand los. „Wie du meinst.“, murrte er und rollte sich zur Seite um zu schlafen. Er hatte keine Lust sich zu streiten, keine Lust auf eine Diskussion die nur damit enden würde, dass Aen sich beleidigt von ihm abwandte oder, was gar nicht so unwahrscheinlich war, nachts einfach davon ritt, nur um ihren Willen zu bekommen. So war das eben mit, dass wusste er mittlerweile und hatte sich damit abgefunden. Eigentlich, wenn er ehrlich war, machte genau diese Sturheit ihren Reiz aus. Es gab viele schöne Frauen, aber nur wenige, eigentlich nur sie, hatten ihn beinahe an den Galgen gebracht und er war ihr trotzdem hinterher geritten.

Aen war still. Sie war sehr still am nächsten Tag. Den ganzen Weg bis ans kleine Städtchen Shuridron war sie still gewesen. Sie würden nicht nach Shuridron reiten, so viel war sicher. Kein Bett, kein Essen, kein gar nichts. Nur eine gereizte Arcanierin und ein genervter Arcanier. Sie waren der Straße gefolgt und als diese drohte den Fluss zu kreuzen und in die so verhasste Stadt zu führen, bogen die beiden ab und ritten querfeldein entlang des südlichen Ufers des Flusses nach Osten. Der Dieb war sich nicht mehr ganz so sicher, aber wenn sie dem Fluss folgten würden sie ins Land der Elfenficker kommen und das wollte er nicht. Aber wie sollte er sich gegen diese Naturgewalt namens Aenaeris behaupten? Mittlerweile traute sich Caradan wieder das Wort zu ergreifen, tat es aber noch nicht. Es gab nichts was er sagen oder tun könnte um sie umzustimmen. Jedenfalls nichts, was sie ihm verzeihen könnte. Es war dumm Shuridron auszusparen, wenn man nach einem fahrend Händler suchte, aber das war ihr egal. Es war dumm Shuridron auszusparen, obwohl es dort ein Bett und Essen gab, aber das war ihr egal.Es war dumm Shuridron auszusparen, weil sie seit Stunden auf eine Gewitterfront zuritten, die immer näher kam, aber das war ihr egal. Es war dumm Shuridron auszusparen, weil es einfach keinen Grund dazu gab es zu tun. Aber egal welchen dieser hervorragenden Gründe er hier anführen könnte, es würde nichts helfen. Aenaeris hatte sich in den Kopf gesetzt diese Stadt nicht zu betreten und Caradan… der folgte wie ein treuer Hund dem Willen seiner Herrin. Nach etwa zwei Stunden war es dann soweit. Sie passierten Shuridron und kaum lag es zwei, drei Meilen hinter ihnen, verschwand es. Es verschwand hinter einem Wall von Regentropfen, die so dick waren, dass es beinahe schmerzte, wenn man sie abbekam. Der Regen prasselte so laut auf die Erde, dass man die Hufe ihrer Pferde kaum noch hören konnte und Blitze zuckten über den Himmel, sodass es beinahe Taghell war, auch wenn die Sonne hinter dunklen Wolken verborgen war. Ein Donnergrollen rollte über sie hinweg, dass man die Macht des Himmels in den Eingeweiden spürte. Das war kein Gewitter, das war ein ausgewachsenes Unwetter. „Aen!“, rief Caradan, aber seine Stimme wurde von einem Donnerschlag übertönt. Sein Pferd scheute und warf ihn beinahe ab. „Aen!“, brüllte er erneut. „Lass uns umkehren!“ Er war sich nicht sicher ob sie ihn gehört hatte oder seine Worte einfach ignorierte. Seine Kleider waren durchnässt und eine schweißtreibende Schwüle breitete sich aus. Es würde wohl noch dauern, bis der Regen die Erde abkühlte. „Bitte!“, flehte er entnervt. „Nur eine Nacht. Nur eine verfickte Nacht!“ Er hörte sie irgendwas maulen, verstand sie aber nicht, aber sie wendete das Pferd und preschte an ihm vorbei zurück zur Stadt, sodass er sich seinerseits nun wieder bemühen durfte sie einzuholen. In der Stadt fand man kaum jemanden auf den Straßen. Hier regnete es nicht halb so schlimm wie noch eine Meile außerhalb. Mit etwas Glück würde die Stadt nicht absaufen. Sie gaben ihre Pferde in die Obhut eines nicht begeistert drein schauenden Stallknechts und machten sich auf, eine der Tavernen aufzusuchen, die gut besucht war.
Zum erlegten Werwolf. So hieß die Schenke vor deren Tür sie stehen blieben und an welcher sie vorbei marschierten, obwohl sie den Eindruck machte, als ob es dort gut her ging. Es sah so aus, als wäre sie gut besucht und machte ebenso einen sauberen Eindruck, von außen. Aber Aen würdigte diese Schenke nicht mal eines Blickes und stampfte ohne langsamer zu werden einfach daran vorbei. Caradan fragte nicht nach, er wollte bloß aus dem Regen. Schon beinahe wieder am Rande der kleinen Stadt fand sich eine weitere Taverne. Eine heruntergekommene Spelunke und selbst das Haus machte des Eindruck, als wäre es restlos überfordert. Zum erhängten Strauchdieb… na ein Glück war Caradan ein Taschendieb. Sie betraten den Schankraum und es war sofort ersichtlich, dass man sich hier gar nicht erst nach einem Bad erkundigen brauchte. Vermutlich war der Wein billig, das Bier schal und das Essen schlecht, aber es half nichts. Aenaeris hatte ihre Entscheidung getroffen. Es stank nach Talglichtern und Rauch, nach saurem Wein und verbranntem Essen, nach den Ausdünstungen von Menschen und deren schmutzigen Kleidern. Eigentlich roch es so wie in jeder Schenke, nur schlimmer. Während Aen sich bereits einen Platz an der Feuerstelle sicherte, erkundigte sich Caradan nach einem Zimmer. „Enes gibts noch. Unnerm Dach. Aber da regnets ein bisschen nei.“ Caradan nickte. Das war egal. Hauptsache sie hatten ein Bett. Er orderte noch jeweils einen Becher Branntwein um die Kälte aus den Gliedern und die schlechte Laune aus Aen zu bekommen. Er ließ sich neben ihr nieder, reichte ihr den Becher und zog sich den Rock aus, um sich am Feuer zu trocknen. „Eine Nacht.“, wiederholte er, während er die Anwesenden beobachtete. Zerlumptes und zwielichtiges Pack, also genau die Sorte unter denen sie nicht weiter auffielen. „Eine Nacht, dann verpissen wir uns wieder.“
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von H'adriân » Do, 07. Jun 2018 22:33

Von dem weißen Hemd war nicht mehr viel übrig. Zumindest nicht von seiner Farbe. Der sackleinenartige, robuste Stoff hatte eher ein dunkles beige angenommen als sich der Staub der Straße und der Schweiß seines Trägers in den vergangenen Stunden vermischt hatten. Auch auf der braungebrannten, vernarbten Haut seines Trägers hatte sich diese unappetitliche Masse breitgemacht und ließ sie stellenweise dunkler erscheinen, als sie eigentlich war. Stören tat es den Mann jedoch nicht, dessen Gesicht zur Hälfte von einem verschlissenen, einstmals rotblauem Tuch verhüllt war und gerade von einem langen Marsch zurückzukehren schien. Er spuckte aus und die Hände ballten sich zu Fäusten, als seine Schritte zielstrebig jenen Ort suchten, an den er zu gelangen gedachte. Sein forscher Schritt und der grimmige Ausdruck auf seinem Auge zog die Blicke einiger Passanten auf sich, doch auch hier zeigte der Mann keine Regung, denn je näher er seinem Ziel zu kommen schien, desto weniger Menschen traf er an. Zugegeben war Shuridon nicht viel mehr als ein großes Dorf, doch man merkte selbst hier, dass es Ecken und Winkel gab, die eher weniger frequentiert waren als andere. Wie viele Menschen hier genau lebten wusste H'adriân nicht und es kümmerte ihn auch nicht, denn er fühlte sich, als würde es bald noch weniger geben, wenn sich seine Laune nicht bald besserte. Erschöpfung und Durst quälten ihn und das schon seit gut einem Tag, doch sein Zorn ließ ihn alle Strapazen vergessen, die er auf sich genommen hatte, um seine Verräter zu verfolgen. Erst hatten sie ihn angeheuert für schmutzige Arbeit und dann hatten sie ihn mit einem hämischen Grinsen stehen lassen. Menschen..., dachte er. während seine Kiefer mahlten und sich insgeheim fragte, wie er die letzten Monate, nein schon über ein Jahr in ihrer Mitte hatte überleben können. In der Vergangenheit hätte der Bergelf derartige Probleme kurzerhand mit der blanken Klinge gelöst und es in einer Intrige versteckt, die ihn und seine Tat gedeckt hätte. Hier aber, unter diesen minderbemittelten Halbaffen war das nicht möglich. Es gab niemanden, der ihn in dieser Gegend kannte und so etwas wie ein Fürsprecher war. Würde er sein Problem also kurzerhand mit der Klinge lösen, so würde man ihn sofort am nächsten Baum aufknöpfen. So hatte Riân lernen müssen sich zurückzunehmen und die Dinge subtiler anzugehen, was für gewöhnlich die besseren Ergebnisse erzielte. In diesem Moment aber war Eile geboten, denn noch im Laufe des Tages wollten seine ehemaligen Komplizen zu ihrem Auftraggeber aufbrechen und da sie allesamt beritten waren, sowie der Umstand, dass er bereits einen ganzen Tag beinahe pausenlos unterwegs gewesen war, gab es keine Hoffnung für eine erfolgreiche Verfolgung. Wenn es etwas zu klären galt, dann musste es hier und jetzt geschehen und der Bergelf hoffte inständig, dass er nicht zu spät war.
Er bog um eine Ecke und sein verbliebenes Auge fixierte den Eingang zu jener Kneipe an der sie zwei Tage zuvor aufgebrochen waren, um ihr blutiges Handwerk zu verrichten. Unter Menschen, so hatte Riân schnell gelernt, vermochte man ordentliches Geld mit Gewalt zu verdienen und diese war oft nicht viel mehr als eine Schlägerarbeit. Zwar verachtete er derlei Stumpfsinn zutiefst, doch auch der ehemalige Attentäter musste etwas essen. Das war nicht immer einfach, da die Menschen den Elfen für gewöhnlich misstrauten oder schlimmer noch, sie abgrundtief hassten. Schon vor Monaten hatte Riân daher beschlossen seine Identität als Elf geheimzuhalten, was sich als gar nicht so großes Problem herausstellte. Elfisches Filigran fand man bei seinem recht breiten, sehnigen Körper kaum. Lediglich Ohren und Gesicht, wenn man einmal das fehlende Auge und die Narben außen vor ließ, lieferten Hinweise, wobei letzteres nicht ganz so auffällig war. Viel eher, so hatte er beobachtet, nahm man ihn als gutaussehenden, jungen Mann war, wenn er seine Ohren bedeckte, was eigentlich konstant der Fall war. Sein alter Schal, der mittlerweile zu nicht mehr als einem etwas breiteren Stirnband verkommen war, war noch immer so etwas wie sein Markenzeichen. Laute, bekannte Stimmen rissen den Bergelfen aus seinen düsteren Gedanken und er sprang instinktiv zur Seite in den Schatten einiger gestapelter Kisten.
"Der Alte hat gesagt, wir bleiben noch etwas länger. Irgendwas wegen einem bevorstehenden Wolkenbruch. Quacksalber, wenn du mich fragst, ist der jetzt auch noch Hellseher?", konnte das feine Gehör Riâns deutlich hören und ein kurzes Lächeln zuckte über seine Lippen, während er sich erschöpft mit dem Rücken an die hölzerne Hauswand hinter ihm lehnte. Sehr gut, dachte er, denn so würde er noch ein wenig Zeit haben um zu Kräften zu kommen, ehe er sich den Verrätern entgegenstellte. Jetzt, da eine Menge Druck von ihm abfiel, bemerkte er es auch. In der Ferne wurde die Luft dicker und auch das schwirren der Insekten in der drückenden Hitze war viel weniger geworden. Der Wolkenbruch war weniger als zwei Stunden entfernt. Noch ein wenig verharrte der Bergelf und seufzte ehe er aufstand und zurück auf die Hauptstraße ging, um noch einmal zum Fluss zu gehen. Sein Zustand widerte ihn an und ein Bad im kühlen Nass würde zumindest diesem Unbehagen Abhilfe schaffen, so hoffte er. An einem ungestörten Plätzchen wusch er sich und seine Kleider, nickte noch einmal kurz ein, ehe die ersten Tropfen ihn wieder weckten. Die Zeit war gekommen.

Was genau er eigentlich wollte, wusste Riân selbst nicht. Es ging ihm eigentlich nur um eine Abreibung und eine Demütigung eines Menschen, doch das war es wert und auch angemessen. Trotz seines eher schäbigen Auftretens und des Jahres unter Menschen, hatten seine Fähigkeiten nicht nachgelassen und auch seine körperliche Leistungsfähigkeit war nicht gesunken... zumindest wenn er später etwas zu essen bekam. Abgesehen von etwas Zwieback hatte sich der Elf noch nichts gegönnt, doch wenn er an seine Ausbildung zurückdachte, war Essen nach dem Tanz schon immer besser gewesen. Er wuchtete sich nach oben und machte sich auf den Weg zurück zur Siedlung und zum "Erhängten Strauchdieb", der ihrer Gruppe als Bleibe diente. Fünf Männer..., dachte Riân und zog ein schiefes, böses Grinsen. Eigentlich eine hochgefährliche Aufgabe, doch wie er sie kennengelernt hatte, war der Alkohol bereits geflossen, was die ohnehin nur mittelmäßigen Schlächter noch eine Stufe absinken ließ. Ohnehin war einer noch ein halbes Kind und würde schnell fliehen, wenn der Bergelf sich mit den ersten beschäftigt hatte. Töten würde er sie nicht, nein, doch er würde sie demütigen. Geräuschvoll ließ er seine Fingerknöchel knacken, während der Regen um ihn immer stärker wurde. Als er sein Zenit erreichte, brauchte Riân noch gut fünfzehn Minuten zur Hauptstraße des Dorfes, dass er in einem großzügigen Sicherheitsabstand verlassen hatte, immerhin sollte niemand etwas über seine elfische Identität herausfinden. Vor der Spelunke angekommen, umrundete er sie einmal und vergewisserte sich durch eines der Fenster, dass seine Gruppe auch wirklich noch an Ort und Stelle war, was sich letztendlich bestätigte. Der starke Regen kümmerte ihn gar nicht, kam ihm sogar entgegen, denn so traf er niemanden draußen an, der Notiz von seinem Späherverhalten nehmen konnte. Trinkt, dachte er und keine Sekunde wich dabei das böse Grinsen von seinen Lippen. Zwei Gäste konnte er noch dabei beobachten, wie sie sich vor dem Wolkenbruch in das innere der Schänke verkrochen, ansonsten aber war alles ruhig.
Als Riân das Gefühl hatte genug gewartet zu haben, erhob er sich von seinem provisorischen Unterstand, atmete einmal tief durch und trat durch die Tür. Seine feine Nase rümpfte sich kaum merklich ob des Gestanks derartiger Orte. In all der Zeit hatte er sich nie daran gewöhnen können und die Gedankenlosigkeit der Menschen diesbezüglich immer auf ihre Primitivität deduziert. Auch hier bestärkte sich dieses Bild einmal mehr, wenngleich sein Auge wenig Muße hatte etwas anderes zu suchen, als jene fünf Mann in der hinteren rechten Ecke der Spelunke, die seine Anwesenheit noch nicht bemerkt hatten. Den Gruß des Wirtes ignorierend, schritt er schnurstracks auf die Gruppe zu und setzte sich auf den letzten freien Stuhl, der wohl einstmals für ihn bestimmt gewesen war. Es war schon lustig. Wäre alles reibungslos verlaufen und die Gruppe wäre hier wieder aufgetaucht, so wäre Riân niemals zu dieser Runde erschienen, sondern hätte den Abend allein in seinem Zimmer verbracht. Jetzt, wo man ihn sehr unsanft ausgeladen hatte, war er da und augenblicklich gefror die Stimmung am Tisch. Die Männer blickten ihn wie einen Geist an, als der Bergelf seine sehnigen Unterarme auf den Tisch legte und die schwieligen Hände zu Fäusten ballte. Der Rest des Klientels schien nicht wirklich Notiz zu nehmen, doch es war auch noch nichts passiert. Noch.
"Guten Abend, die Herren.", sagte er kühl und ließ das Auge durch die Anwesenden schweifen, deren Körper sich leicht verkrampften. Kein Detail entging ihm, auch nicht, dass der jüngste im Bunde die Hand langsam zum Dolchgriff gleiten ließ. Keiner der Männer hatte eine größere Waffe als ein Messer oder einen Dolch dabei, was gut war, denn als sie Riân von hinten niedergeschlagen hatten, hatten sie ihm seine Waffe genommen, weshalb er nur seine Fäuste besaß. Diese aber würden gegen ein paar besoffene Menschen reichen, immerhin war er zu einer Tötungsmaschine nicht nur ausgebildet worden, sondern viel mehr erzogen.
"Ich hatte gehofft, euch hier noch anzutreffen."
Der älteste, Torm, war auch der erste, der zu seiner Sprache wiederfand: " Du?" Der Ton der Frage war ungläubig und der Sprecher unterdrückte einen Rülpser. " Verdammt, wie bist du-" Zu einem Ende kam Torm mit seiner Frage nicht, weil er sich offenbar selbst zu einer Antwort bewegen konnte. Immer wieder blickten seine kleinen, braunen Augen zu seinen Komplizen, das bemerkte Riân, doch er machte sich nicht die Mühe seinem Beispiel zu folgen.
"Es war ein Fehler hierher zu kommen, Fremder.", fuhr er fort, "Du bist nur durch Glück an unseren Auftrag gekommen, aber ich habe schon damals gesagt, ich teile ungern Aufträge. Diesmal werden wir dich töten." Torms Stimme klang ernst und er schien völlig entschlossen seinen Worten auch Taten folgen zu lassen, doch Riân grinste nur weiter böse.
"UND AM BESTEN GLEICH HIER UND JETZT!", schrie der Jüngste, Beorn, sodass sich seine Stimme leicht mädchenhaft überschlug. Mit von Alkohol geröteten Wangen sprang er auf, schob dabei den Tisch in die Richtung des Bergelfs, der dem Jungen gegenüber saß und versuchte nach seinem Dolch zu greifen. Noch immer grinsend drückte sich der Angegriffene nach hinten und kam elegant in einer Bewegung auf die Füße. Das war einfach gewesen, dachte er, denn nun galt er nicht mehr als Angreifer, sondern erwehrte sich seiner eigenen Haut unter Zeugen. Blitzartig packte Riân die Tischkante und warf sie dem Jungen entgegen, der stöhnend wieder zum sitzen gezwungen wurde, wie sein Kumpane neben ihm, der ebenfalls versucht hatte aufzuspringen. Dem Mann unmittelbar neben ihm trat er in der selben Bewegung noch den Stuhl unter dem Hintern weg, denn dieser reagierte am langsamsten. Während er zu Boden fiel, zogen Torm und der Verbliebene ihre Messer und stürmten auf den Bergelfen zu. Geschickt wich dieser den ersten Hieben aus, packte dann aber das Handgelenk des Alten und drehte es mit einem saftigen Knacken zur Seite, dass dieser aufschrieb und die Waffe freigab. Behindert durch das zusätzliche Gewicht des Torms, der sich durch den Alkohol nicht mehr auf den Beinen halten konnte, schaffte es Riân nicht mehr rechtzeitig dem Messer des zweiten völlig auszuweichen. Ein leichter aber schmerzhafter Schnitt auf seinem Oberarm blieb zurück, doch jetzt hatte er selbst eine Waffe. Mit einem Manöver der Shiín unterlief er einen weiteren Schlag und verringerte damit die Distanz zu den restlichen drei Männern, die sich alle wieder aufgerappelt hatten, um in den Kampf einzugreifen. Einer jedoch, jener, der neben dem Jungen gesessen hatte, rutschte in einer Pfütze Bier aus, schlug mit dem Kopf auf die Tischkante und nahm sich so das Bewusstsein, ohne dass der Bergelf überhaupt hätte eingreifen müssen. Alles andere wurde zu einer Farce. Die drei Männer, ohnehin schon langsame und behäbige Kämpfer, machten in ihrem Suff eine noch armseligere Figur, sodass sich Riân einen spaßigen Tanz mit ihnen gönnte. Immer wieder brachte er jeden einzelnen in Situationen, in denen er ihnen ohne mit der Wimper zu zucken das Leben hätte nehmen können, doch er tat es nicht.
"Ihr seid erbärmlich...", knurrte er, als er die Hand jenes Mannes mit seinem Messer auf den Tisch nagelte, der ihm die Wunde am Oberarm zugefügt hatte. Er schrie auf, doch die Faust des Elfen ließ ihn wuchtig nach hinten kippen, was seine Hand auf dem Tisch sauber an der Messerklinge spaltete. Achtlos trat er über den Jammernden hinweg und wandte sich wieder dem Jungen und seinem Gefährten zu.
"Wie die Würmer unter meinen Stiefeln...."
Er täuschte einen Angriff nach vorn an, was beide Kontrahenten zusammenzucken ließ, denn sie wussten, dass sie die Unterlegenen waren. Lediglich der Mut der Verzweifelten ließ sie nicht wie Hunde rennen und immerhin das konnte man ihnen ja anrechnen. Der Finte folgte eine Drehung bei der Riân das Messer in einer Bewegung butterweich aus dem Tisch zog und gegen die Waffenhand des Namenlosen warf. Von dem Messergriff leicht abgelenkt bohrte sich die Klinge ein zweites mal in menschliches Fleisch, was die beiden endgültig brach. Der getroffene Schrie ebenfalls auf, ließ seine Waffe fallen und rannte zur Tür. Beorn verharrte noch eine Sekunde und setzte ebenfalls dazu an. Der Bergelf aber hob den Bierkrieg vom Boden auf und bugsierte ihn kraftvoll an den Hinterkopf des Jungen, ehe er die Tür erreichte. Benommen fiel dieser zu Boden und versuchte sich aufzurappeln, doch schon war Riân über ihm.
"Nicht so schnell.", knurrte er einmal mehr und wuchtete den schlanken Körper seines Gegners auf den Rücken, als wöge er nichts. Die Rechte griff nach dem gebrochenen Griffstück des Krugs.
"Eben konntest du nicht genug bekommen und jetzt willst du schon gehen?"
Gnadenlos ließ der Elf Schlag um Schlag mit dem Griffstück in das Gesicht des Jungen niedergehen. Das Antlitz Beorns verwandelte sich vor den Augen aller Gäste langsam in eine unförmige, blutige Maske und zu seinem Unglück war er zäh. Das Bewusstsein verlor er nicht, im Gegensatz zu beinahe allen Zähnen und wohl dem Augenlicht mindestens eines seiner Augen. Angewidert war Riân das blutbeschmierte Stück Keramik nach draußen und erhob sich. Einmal mehr spuckte er auf den zitternden Körper Beorns und wandte sich dann an den Wirt der Schenke, der mit bleichem Gesicht nicht den Blick vom Werk des Bergelfen nehmen konnte. Er kannte Riân, denn er war vor zwei Tagen mit dieser Gruppe angereist.
"Legt die Schweine einfach in den Stall und jemand sag einem Heiler Bescheid.", rief der Wirt aufgeregt nach einigen schweigsamen Momenten und setzte damit zwei seiner Angestellten in Bewegung. Einer, ein Junge nicht älter als Beorn begann die Körper aus dem Schankraum zu schaffen, die andere, eine Magd, hob den Saum ihres Kleides und rannte nach draußen in den Regen. Riân wandte sich indes seinerseits an den Wirt: " Eine Kanne Bier und etwas reichhaltiges zu Essen.", kratzte seine Stimme wie Metall über Stein, ehe er sich anschickte die Stühle seines Tisches wieder aufzuheben und dort dann platzzunehmen. Es kümmerte ihn nicht, was andere nun dachten, ihn erfüllte lediglich ein berauschendes Gefühl der Genugtuung.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Sa, 09. Jun 2018 22:30

“Das ist schon was, hm?” grinste Aen selbstgefällig, als sie die erwartete Reaktion Caradans verfolgte. “Aber wahrlich kein Hexenwerk, sondern nur Wissenschaft… gezähmte Naturgewalt, wenn man es so nennen kann… und Fortschritt. Silvar hatte dieses Ding erfunden, und als Spione davon erfuhren, entbrannte eine reger Interessenkonflikt zwischen Arcanis und Merindar, beide wollten das Feuerrohr für sich. Natürlich, was glaubst du, wie Kriege sein würden, wenn eine ganze Armee mit solchen Waffen ausgestattet würde? Daher muss man unbedingt auf der Hut sein, denn Silvar und ich werden gesucht deswegen.” Diese Erzählung erinnerte die junge Frau daran, dass sie nur allzu oft völlig unbedacht und grob fahrlässig handelte, wenn sie davon Gebrauch machte. “Daher sollte ich es eigentlich nur in absoluten Notfällen benutzen. Und wer weiß schon, ob es nicht längst ein aufgezeichnetes Netz davon gibt wann und wo das Ding seine tödlichen und zerstörerischen Spuren hinterlassen hat. Mich würde es sogar wundern, wenn es nicht so wäre.”
Nachdem Caradan das Feuerrohr getestet hatte, hustete er: “Hats funktioniert? “ Aen wartete bis der Rauch sich aufgelöst hatte. “Verdammter Rauch. An den werde ich mich nie gewöhnen, auch wenn er durchaus seine Vorteile hat. Und klar hats funktioniert!” Sie spähte in jene Richtung, von welcher sie glaubte dass der Schuss sich dort ein Ziel gesucht hatte. “Aber naja… üben solltest du schon noch ein wenig.” „Wenn du über so eine Macht verfügst, wieso willst dann noch dieses Andor-Amulett?” “Ardor, verdammt!” zischte die Arcanierin dem Strauchdieb zu. “Wann merkst du es dir endlich einmal? Das ist doch wirklich nicht so schwer!” Dann zuckte sie die Schultern auf seine Frage hin. “Ich weiß es nicht. Ich will es einfach. Ich muss es einfach haben. Seit ich weiß, dass ich diesen Funken Magie in mir trage, habe ich mir nichts mehr gewünscht, als diesen Funken zu einem Feuer zu entfachen. Doch es hat nie wirklich hingehauen. Dann habe ich von diesem Amulett erfahren. Es gibt vier davon. Erde, Feuer, Wasser und Luft. Aber natürlich nutzen mir die anderen nichts, ich brauche nur Ardor.”

Sie folgte Caradan, der zu den Büschen stapfte, um zu sehen welche Zerstörung das Feuerrohr angerichtet hatte. Und tatsächlich, nach kurzem Umsehen zog er ein Tier aus dem Unterholz dem der Kopf fehlte. Wahrscheinlich hatte das Tier nicht gelitten, trotzdem dauerte es die Arcanierin. “Besser als Zwieback oder?” Abwehrend hob sie die Hand. “Geh weg! Ich esse lieber Gras bevor ich das da esse! Kannst es dir ja zubereiten und essen” fügte sie angewidert hinzu. Doch letztendlich war sie es gewesen, die dem Tier die Haut abgezogen, es auf einen Ast gespießt und über ein kleines bereitetes Lagerfeuer gesteckt hatte. Eine Fertigkeit, die sie von Thero gelernt hatte. Während Caradan das Ding verspeiste, und das mit nicht geringer Lust, starrte die Arcanierin, im Gras liegend, in den dämmrigen Abendhimmel. Er legte sich neben sie und begann nach einer Weile “Weißt du, ich weiß das zu schätzen. Das du mir gesagt hast, was es damit auf sich hat.Ehrlich. Ich wollte dich nicht dazu drängen und deshalb… Danke für dein Vertrauen.“ Sie spürte wie sich seine Hand auf die ihre legte. “In Shuridron erholen wir uns erst mal.“ Shuridron? Aen fuhr hoch “Nicht nach Shuridron. Ich setze keinen Fuß in diese Stadt.” “Und wieso nicht?” fragte er, sichtlich konsterniert. “Das geht dich einen Scheiß an…” antwortete sie unfreundlich. Caradans Hand verließ die ihre, dann drehte er sich zur Seite und murrte “Wie du willst.” Er war beleidigt, ja, aber das war der Arcanierin in diesem Moment egal. Außerdem, wenn er die Klappe hielt, konnte sie besser nachdenken. Und das tat sie stets, wenn sie den Namen dieses Handelspostens vernahm. Dann holte sie stets die Vergangenheit ein, auf schmerzliche Art und Weise. Schlimm genug, dass sie mit Silvar in Shuridron war und dieser Wirt im “erlegten Werwolf” sie erkannt hatte… Nicht noch einmal würde sie dieses Gasthaus oder gar diese Stadt betreten, und dieser Umstand war nicht der einzige Grund…

Am nächsten Tag war Aen immer noch schlecht gelaunt deswegen. Auch, weil Caradan sich ihrer Meinung nach derart kindisch verhalten hatte. Warum musste man immer Gründe angeben? Warum konnte er es nicht einfach akzeptieren, anstatt deswegen solch ein Fass aufzumachen? Die Sonne hatte sich schon seit geraumer Zeit hinter dicken dunklen Wolken versteckt und die Luft war beinahe so dick daß man sie mit einem Messer hätte schneiden können. Sie hatte Kopfschmerzen, weil sie schlecht geschlafen hatte, und gefühlte Stunden der Glut beim verlöschen zugesehen hatte. Erst, als die letzte glühende Kohle verglommen war, hatte sie sich hingelegt und war dann schließlich vom Schlaf übermannt worden. Auch diese drückende Schwüle ließ in ihr das Gefühl aufkommen, dass ihr Kopf bald zu zerplatzen drohte. Und nicht zuletzt hatte sie die letzten Tage kein Starrkraut geraucht, was dem Umstand geschuldet war dass es einfach zu gefährlich war wenn man in der freien Wildnis nicht alle seine Sinne beisammen hatte. Der Entzug machte sie gereizt, nervös, ungnädig und einfach nur unerträglich. Vielleicht war es ungerecht, Caradan so zu behandeln, aber sie sagte sich, wenn er ein wahrer Freund wäre und sie so mochte , wie sie nun einmal war, dann würde er ihre Launen ertragen. Und wenn nicht, dann sollte jeder von ihnen seiner Wege gehen. Die Arcanierin kannte diese Wehe die sie beritten, recht gut. Sie war tatsächlich schon oft daran vorbei gekommen. Jetzt mindestens zum sechsten Mal. Sie kannte jeden markanten Punkt hier. Den knorrigen Baum, der Winter wie auch im Sommer kahl seine Äste gen Himmel reckte. Der Weiher der direkt an der Straße lag, die drei runden Büsche, die den ganzen Sommer in rosaroten Blütenkleid dastanden und deren Blüten trotz ihres lieblichen Aussehens ganz eigenartig stanken… Ja, es mochten noch etwa zwei Meilen bis Shuridron sein, und mit jedem Schritt, den ihr Pferd tat, wurde sie unruhiger und nervöser. Die Nervosität fiel erst von ihr an, als sie den Handelsposten weit hinter sich gelassen hatten, aber dann öffnete der dunkelgraue Himmel mit einem Mal seine Schleusen und ein gewaltiger Regenguss ging hernieder begleitet von Donner der einem durch Mark und Bein ging und Blitzen, die die dunkel verhüllte Welt mehr als Taghell machten. Nein, das war mit Sicherheit eines der schwersten Unwetter die sie je erlebt hatte. Aber da ritten sie nun, lange an Shuridron vorbei, und mussten damit zurecht kommen. Ausserdem, so sagte sie sich, ein Unwetter dieses Ausmaßes würde schnell vorbei sein. Der Regen der ihre Kleidung trotz Wollumhang regelrecht durchtränkte, würde so schnell versiegen, wie er gekommen war. Doch da täuschte sich Aenaeris gewaltig. Sie hatten noch keine drei Meilen Shuridron hinter sich gelassen, da hatte sie das Gefühl, dass ihre triefend nassen Kleider sie vom Pferd ziehen würden. Und auch ihr Pferd begann im aufgeweichten Boden bald knöcheltief im Schlamm versinken und es gab sehr deutlich zu verstehen dass es bald streiken würde und sich keinen Schritt mehr weiter bewegen wollte. “Aen!” drang Caradans Rufen an ihr Ohr, doch sie wusste, was er wollte, und tat daher so, als würde sie ihn nicht hören, was bei dem Gewitter auch nicht weiter verwunderlich wäre. Doch davon ließ er sich nicht beirren und brüllte diesmal laut und deutlich, während sie ihr Pferd weiter unbarmherzig durch die aufgeweichte Flur antrieb. “Aen!” brüllte er. “Lass uns umkehren!” Nein… nein… nein… es gab kein Umkehren. Nicht, wenn das bedeutete, nach Shuridron zurück zu reiten. “Bitte! Nur eine Nacht. Nur eine verfickte Nacht!” Jetzt tat er ihr leid. Sie zögerte, brachte ihr Pferd zum stehen und wandte den Kopf zu ihm. Jetzt peitschte der Wind ihr den Regen ins Gesicht. “In Ordnung. Eine Nacht. Aber verfickt wird sie nicht sein, denn gefickt wird nicht... sicher nicht…!” nuschelte sie sie ihm zu, und strich sich den Regen aus dem Gesicht, ein wahrlich sinnloses Unterfangen. Sie trat dem Pferd in die Flanken, um das störrische Tier dazu zu bringen, den Weg zurück anzutreten. Das Pferd tat einen erschrockenen Sprung nach vorne, gehorchte dann aber seiner Reiterin und preschte durch die aufgeweichte Flur, dass der Dreck nur so aufspritzte. Nach einer Weile erreichten sie die ersten vereinzelten Hütten Shuridrons, die sich bald zu einer Häuserreihe verdichteten und so bereits die Hauptstraße bildeten. Trotz des dichten Regens kamen ihr die Häuser so vertraut vor. Da drüben waren die Stallungen, und dort brachten sie ihre Pferde in die Obhut eines miesepetrigen Stallburschen, der dreinblickte wie drei Tage Regenwetter. Die Straßen waren menschenleern, jedermann tummelte sich in seiner Behausung oder war in eine der zahlreichen Schenken geflüchtet. Damals, mit Thero, hatte sie selbstverständlich die beste Schenke der Stadt aufgesucht, doch heutzutage kam das nicht mehr in Frage. Es kam ihr vor wie gestern, als sie mit Silvar vor dieser Schenke gestanden hatte und er mit ihr geschimpft hatte, weil er sich vor der Schenke den Arsch abgefroren hatte, während er darauf gewartet hatte dass sie die Schenke betreten würde. Doch seitdem waren einige Monde vergangen, und diesmal würde sie ihren Dickschädel durchsetzen. Ohne auch nur aufzublicken stapfte sie daran vorbei, während sie bis zu den Knöcheln mit den Stiefeln im Schlamm und Dreck versank. Ihr Kleidersaum selbst hatte sich mit Schlamm vollgesogen und Aens einzige Sorge in diesem Moment war, ob sie das wieder sauber bekam.

Sie kämpften sich weiter durch die unbefestigte aufgeweichte Straße, bis Aen relativ weit am Ende der Hauptstraße eine kleine, zwielichtige Schenke ausmachte. Da würden sie hinein gehen. Und das taten sie auch. Die Schenke hielt ihr Versprechen, das schon das Äußere, wie auch der Name “zum erhängten Strauchdieb” verriet. Einige zwielichtige, ungewaschene und stinkende Männer saßen an Tischen, tranken Bier, blickten auf, als sie beiden das Drecksloch betraten, doch da sie ebenso schmutzig, voll von Schlamm und ungewaschen aussahen, wandten sich die Halunken schließlich wieder ihrem Tun zu und nahmen weiters keine Notiz mehr von den beiden. Die nassen Kleider klebten der Arcanierin an ihrem Körper, und ein kalter Luftzug, der durch die Ritzen der Schenke fuhren, trieben Aen sogleich auf die Bank die neben der Feuerstelle stand und wo sie sich Aufwärmung erhoffte, die sie dort auch fand. Caradan einstweilen sprach mit dem Wirt, und kam nach einer Weile mit zwei Becher zurück und hockte sich auf die Bank neben Aen. Aen nahm den Becher und hielt ihn mit zwei Händen, als ob sie sich die Hände wärmen wollte, obgleich der Inhalt des Bechers in keiner Weise warm war. “Eine Nacht. Eine Nacht, dann verpissen wir uns wieder.“ “Ja doch, ich habs schon beim ersten Mal kapiert. Wir bleiben eine Nacht und dann, im Morgengrauen, verpissen wir uns und reiten weiter” sagte Aen, die vor Mittag sonst nicht aus den Federn kam. Verwundert blickte die Arcanierin auf, als eine weitere Gestalt die Schenke betrat. Verwundert, weil sie nicht erwartet hatte, dass noch jemand sich in diesem Unwetter umher trieb und erst jetzt seinen Weg in die Taverne gefunden hatte. Er wirkte fremdländisch mit seiner Kleidung, was in erster Linie an dem Schal lag, mit welchen er seinen Kopf und auch sein Gesicht umwickelt hatte. Vielleicht war er einer dieser Wüstenmenschen, der Beraij. Er ging zielstrebig auf einen Tisch zu und setzte sich dazu, und in der nächsten Sekunde war Aens Aufmerksamkeit abgeebbt und haftete sich wieder auf den Becher, dessen Inhalt sich als Weinbrand entpuppt hatte. Er wärmte die Eingeweide der Arcanierin und sie trank einen Schluck davon während sie sich gelangweilt im Schankraum umsah. Alles Schnarchnasen hier. Für heute hatte sie wirklich genug. Es war Zeit, aus den nassen Kleidern zu kommen. Ihre Laune war immer noch nicht die Beste, sie hatte sich da jetzt hineingesteigert, und konnte nicht von einer Sekunde auf die andere auf gute Laune umschalten. Trotzdem erhob sie sich, legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte “Caradan, komm, wir gehen nach oben. Lass uns ficken, hm…?” Ein Grinsen umspielte ihre Lippen, und im nächsten Moment scharrte ein Tisch ziemlich aufsehenerregend laut über die Holzdielen. “Und am besten gleich hier und jetzt!” schrie ein Hänfling an dem Tisch, an den der Fremde vor wenigen Augenblicken erst gekommen war. "Neee... nicht hier und jetzt" lachte Aen zu Caradan. "Aber oben und gleich..." Ihre Hand versank zwischen seinen Beinen. Ein erneutes Scharren bezeugte, dass der Tisch wieder zurück an seinen ursprünglichen Platz geschoben worden war, und diese Geräusche ließen ein ziemlich angespanntes Murmeln zwischen den übrigen Schenkengästen laut werden. Aen zog ihre Hand wieder zurück. “Gleich gibts eine Schlägerei…” murmelte die Arcanierin und ließ sich wieder auf der Bank nieder, um das zu erwartende direkt aus der ersten Reihe zu beobachten. Und wirklich, einer der Männer der auf einem der Stühle saß, fiel mitsamt dem Stuhl um, doch nicht, weil er so besoffen war, sondern weil der Fremde dem Stuhl einen gehörigen Tritt verpasst hatte. Aen strich ihre nassen Röcke glatt und setzte eine interessierte Miene auf. Nur wenige Wimpernschläge später war die schönste Wirtshausschlägerei im Gange, und es war jetzt schon offensichtlich, wer als Gewinner aussteigen würde. “Der macht die alle fertig, sag ich dir, so besoffen wie die alle schon sind” grinste Aen Caradan zu. Sie bedauerte, dass sie den Weinbrand vorzeitig hinuntergestürzt hatte, denn ein schönes Bier, ein Becher Wein oder Schnaps war jetzt das einzige das zu ihrer Unterhaltung noch fehlte. Aber jetzt an den Ausschank zu gehen um Nachschub zu holen, war nicht die allerbeste Idee. Es konnte immer passieren, dass man versehentlich einen Faustschlag kassierte oder gar den zurückprallenden Kopf eines Geschlagenen aufs Maul bekam. Und das war sehr schmerzhaft. So bebachtete sie von der Bank den Kampf einer gegen alle, der sich von sehr bald zugunsten des Einzelkämpfers entschied. Zu guter Letzt stieß er einem der Männer ein Messer in die Hand, was den Kerl an den Tisch nagelte und ihn gellend aufschreien ließ. Als der noch einen Faustschlag kassierte, weitete die Arcanierin ihre Augen “Uuh! Hast du das gesehen? Ich kann gar nicht hinsehen…” wisperte sie. Und ihre Gedanken begannen zu rattern. Nach einer Weile, während der Fremde das Gesicht des Jüngsten der Truppe mit einem zerbrochenen Bierkrug bearbeitete, wandte Aen den Blick ab. “Mir wird gleich schlecht…” gestand sie. “Aber, so einen könnten wir gebrauchen! Der ist eine wandelnde Waffe, da brauch ich mein Feuerrohr überhaupt nicht mehr zu benutzen! Was meinst du, soll ich ihn ansprechen?” Caradan lächelte. Dünn, aber er lächelte. “Als ob ich dich umstimmen könnte…” sagte dieser. Aen hielt den Kopf schief während sie weiter überlegte. “Er wird ja wohl nicht auf mich losgehen… hm? Was meinst du? Würde er? Glaubst du?” Aen blieb noch einen kurzen Moment sitzen, in dem sie ihre Möglichkeiten, ganz unabhängig von Caradans Meinung abwog. Der Wirt war weiß wie eine gekalkte Wand geworden, und auch ihm war anzusehen, dass er abwog, was das Klügste wäre, jetzt tun zzu können. Man konnte ihm im Gesicht ablesen, dass es nicht war, den Kerl aus der Schenke zu werfen, sondern lieber gute Miene zum bösen Spiel zu machen. “Legt die Schweine einfach in den Stall und jemand sag’ einem Heiler Bescheid!” Während ein Stallbursche sich an die Arbeit machte, kam die Wirtsfrau angewatschelt und begann ihren Mann anzukeifen. “Hast du dein letztes bisschen Verstand verloren? Wer bezahlt denn den Heiler? Wir ganz sicherlich nicht! Das kostet doch ein Vermögen! Und am Ende verpfeift er uns an die Wachen. Neee! Mit sowas will ich gar nichts zu tun haben, Mann! Die sollen schauen wo sie bleiben!” Und damit stemmte die die Hände in ihre wuchtigen Hüften und rief die Schankmagd, die sich eifrig in den Regen gestürzt hatte um nach einem Heiler zu schicken, wieder zurück. “Ja, Eoras, schaff sie meinetwegen in den Schuppen. Aber kein Heiler! Verstanden?” Danach trottete sie wieder in die Küche.

Der Fremde hatte sich einstweilen in aller Seelenruhe Speis und Trank bestellt, und Aen erhob sich und schlenderte an den Tisch. Ungefragt zog sie sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. “Darf ich?” setzte sie ein Lächeln auf. “Ich störe auch nicht lange. Also, es ließ sich nicht vermeiden, Zuschauer dieser kleinen Auseinandersetzung zu werden” grinste sie. Der Wirt trat an den Tisch und stellte das bestellte Bier vor den Mann. “Darfs auch noch was sein, Frollein?” erkundigte er sich. “Für mich dasselbe. Aber nur Bier, keine Mahlzeit…” Der Wirt nickte und trat dann den Weg zum Ausschank zurück und Aen, die ihm kurz nachgeblickt hatte, haftete ihre Augen wieder auf ihr Gegenüber. “Normalerweise ist es nicht meine Art, einfach Fremde anzusprechen. Aber naja… das war schon eine ziemlich beeindruckende Darstellung. Wenn du nicht schon ein Bier vor dir stehen hättest, hätte ich dir jetzt eines ausgegeben.” Sie musterte den Mann vor sich. Aus dem Schal, welcher das linke Auge verdeckte, lugte eine beachtliche und sehr auffallende Narbe, die davon zeugte, dass er an solchen Veranstaltungen wie heute Abend schon öfters mitgewirkt hatte, jedoch nicht immer auf der Gewinnerseite gestanden hatte. Die Gesichtszüge waren scharf geschnitten und das sichtbare Auge hatte eine intensiv graue Farbe. Auch die Nase war sichtlich mehrmals gebrochen gewesen, verunstaltete sein Gesicht, oder zumindest das, was man davon sehen konnte nicht, sondern verlieh ihm etwas Interessantes. Sein ins Gesicht hängender Schal irritierte die Arcanierin ein wenig. Da kam der Wirt und brachte Aens Bier, doch sie beachtete den Dicken nicht weiter, sondern musterte ihr Gegenüber weiter. Schließlich deutete sie mit dem Zeigefinger auf das Tuch. “Sag, stört das Teil nicht? Also mich würde das total nerven. Aber wo sind denn meine Manieren geblieben? Die müssen irgendwann verloren gegangen sein… Ich bin Aenaeris… und da hinten, das ist mein Begleiter Caradan… Und du bist…?” fragte sie und streckte ihm die Hand entgegen.
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Re: Unter Dieben

Beitrag von H'adriân » So, 10. Jun 2018 17:12

Noch immer war H'adriân ziemlich durchnässt von seiner Wartezeit vor der Schänke. Aus diesem Grund konnte war das Blut, dass aus seiner Oberarmwunder rann zuerst kaum sichtbar. Mischte sich dann aber doch rötlich unter das beige des schmutzigen Hemdes, während der Bergelf mit starrem Blick auf sein Bier wartete. Gebracht wurde es schließlich und der Wirt machte noch Anstalten sich an seinen Gast zu richten, wandte sich jedoch wieder ab ohne ein Wort gesagt zu haben. Riân selbst achtete darauf nicht wirklich. Zwar bekam er aus dem Augenwinkel das Zögern des Menschen mit, doch seine Gedanken kreisten noch immer analytisch über das Vergangene. Besonnen versuchte er auf Fehler im Kampf einzugehen, wie er es in seiner Ausbildung gelernt hatte, doch abgesehen von einer unerwarteten Gewichtsschwankung aufgrund des trunkenen Zustandes eines seiner Gegner, gab es nichts. Dies war jedoch genug gewesen, um dem ehemaligen Attentäter eine weitere Wunde zuzufügen. Eine mehr oder weniger, dachte er und blickte nachdenklich in den Schaum seines Bieres, ehe er zu einem großen Schluck ansetzte. Trotz seiner kurzen Erholung am Fluss verspürte der Elf noch immer großen Durst, aber insbesondere der Hunger machte ihm zu schaffen. Er sinnierte darüber, wie es nun weitergehen sollte, denn lange bleiben wollte Riân nicht. Das Unwetter galt es noch abzuwarten und dann war es keine schlechte Idee in aller Frühe aufzubrechen, um eventueller Rache zu entgehen. Wenn er ehrlich war, bedauerte er es, den nichtswürdigen Verrätern nicht das Leben genommen zu haben, doch diese schwache Rasse hatte für so etwas keinen Sinn. Böse grinsend nahm er einen weiteren Schluck und freute sich erst einmal ob der Aussicht auf ein Bett und vor allem ein Pferd, um die Reise fortzusetzen. Wohin, das wusste er noch nicht, doch die Welt war groß und je tiefer er in sie hineintauchte, desto unsichtbarer wurde er auch für die Häscher, die ihm wohl immer noch aus der Heimat an den Versen hafteten.

Eine Frau riss ihn aus den Gedanken, die sich ungestüm auf ihn zubewegt und sich schließlich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte. Misstrauisch beäugte der Bergelf jene Frau, die hochgewachsen anmutete für ihr Geschlecht. Bei Menschen aber, wo Riân selbst als recht groß galt, waren alle im Durchschnitt ohnehin größer als bei seinem Volk, wo er nicht selten als Riese bezeichnet wurde. Auch sie hatte sich noch nicht gänzlich vom Regen erholt und er erinnerte sich an jene zwei Personen, die etwas vor ihm die Spelunke betreten hatten. Mit dieser Eingebung fiel ihm auch der Mann auf, der sich in ihrem Gefolge befand. Ein typischer menschlicher Mann. Hochgewachsen, etwas kleiner als er selbst, und ungepflegt, aber etwas schmal. Als Krieger mit spezieller Ausbildung hatte Riân einen Blick für so etwas und schätzte ihn im ersten Moment nicht als Kämpfer ein. Natürlich konnte man auch diesen Blick gezielt täuschen, weshalb er seiner eigenen Einschätzung dahingehend nie vertraute, sondern stets noch mehr Wachsamkeit an den Tag zu legen versuchte. Der Bergelf, der selbst aufgrund der Strapazen der letzten Tage nicht zu einer Rasur gekommen war und einen Dreitagebart trug, wandte das Auge von ihm ab und wieder zurück auf die Fremde. Auch hier machte ihre Lockerheit den Eindruck, als hätte der Alkohol sein Übriges dazu beigetragen, was bei Menschen sehr oft passierte. Zwar würde er es nie zugeben, doch Riân schätzte diesen Teil ihnen. Der lockere Umgang mit Alkohol hatte ihn tatsächlich so etwas wie angesteckt, denn um ein Ansehen musste man sich in diesen Situationen nur selten Gedanken machen.
Auf ihre rhetorische Frage antwortete der Elf gar nicht, denn die Frau setzte sich ohnehin ohne eine Antwort abzuwarten. Ihr Begleiter, der einen Moment später dazukam dagegen setzte sich nicht, sondern blieb hinter ihr stehen und beäugte Riân ebenso misstrauisch, wie er das bei ihnen auch tat. Der Wirt kam und nahm noch eine Bestellung auf, wobei sein Gesicht wieder etwas an Farbe gewonnen hatte, er es aber dennoch nicht unterließ immer wieder Blicke zu ihnen zu werfen.
"Die Rechnung", entgegnete der Bergelf langsam, tief und beinahe akzentfrei auf ihr Angebot, "ist noch nicht bezahlt.". Dabei hob er den Humpen leicht an, um die menschliche Geste des Zuprostens zu imitieren, ehe er selbst noch einen Schluck nahm. Sie musterte ihn eindringlich und Riân hielt ihrem Blick kühl stand.
"Es stört nicht.", fuhr er einsilbig klarstellend fort, als sie auf seinen Schal zu sprechen kam. Ein Thema, dass er gar nicht mochte, dass aber nach außen hin nicht zeigte. "Nennt mich Riân."
Ein kurzer Moment des Schweigens trat ein, indem sich beide Parteien einfach nur anstarrten. Sicherlich war der Elf nicht der Gesprächigste, wohl eher das völlige Gegenteil, doch es mochte einen Grund geben, warum man ihn angesprochen hatte. In solchen Situationen gab es dafür allerdings denkbar wenige Gründe, immerhin hatte Riân zwei Menschen recht schwer verletzt und drei weiteren den Garaus gemacht. Sein Blick fuhr an Aenaeris vorbei auf den Tisch, in welchem noch immer das Messer steckte, mit dem er einem der Verräter die Hand gespalten hatte. Beiläufig zog er die Klinge aus dem Holz, wobei etwas verbliebenes Blut in Richtung der Frau spritzte.
"Was kann ich also für euch tun?"
"Im Grunde ist es ganz einfach", begann die Frau die ihre Hand samt Humpen aufgrund der Blutspritzer etwas zurückgezogen hatte, "Ich suche jemanden, der einen besseren Schutz bietet, ein bisschen mehr auf den Putz haut als der hier.". Dabei nickte sie mit einem frechen Grinsen in Richtung des Menschenmannes hinter ihr, was dieser mit einer mürrischen Mine zur Kenntnis nahm. Neckisch drehte sie sich kurz zu ihm um. Riâns Lippen dagegen verzogen sich zu einem bösen Grinsen.
"Weiter?"
"Ich zahle natürlich gut, denn vielleicht dauert der Auftrag etwas länger. Ich suche nämlich ein Amulett und-"
Aenaeris kam nicht dazu ihre Ausführungen weiter zu führen oder gar zu beenden, denn der Elf unterbrach sie mit einer Handbewegung und senkte den Blick.
"Halt.", sprach dieser und legte seine Hand wieder auf den Tisch, "Keine Details hier bitte. Und nicht jetzt.". Dabei zuckte sein Auge nur missmutig durch die Anwesenden in der Schenke, von denen einige noch immer hin und wieder zu ihnen schielten. Riân hatte keine Lust auf Zuhörer, die sich dann in seine Aufträge einmischten, wie es jene Gruppe gemacht hatte, mit der er ursprünglich hier zusammengearbeitet hatte und denen er eben die Leviten lesen musste. Damals hatte er auch mit seinem Kontaktmann gesprochen und der Alte war einfach in das Gespräch hereingeplatzt, was zu all dem hier geführt hatte. Nicht dass der Bergelf etwas gegen Blutvergießen hatte, doch Menschen ermüdeten ihn mit ihrer einnehmenden Art.
"Ich reise morgen in aller Frühe ab, zufällig in eure Richtung, dann besprechen wir alles.", ausdruckslos nippte Riân an seinem Humpen, "Jetzt ist es Zeit zu essen."
Just in diesem Moment kam der Wirt mit einem großen Teller Fleisch und allerlei Beilagen durch die kleine Tür zur Küche, doch die feine elfische Nase hatte das nahende Essen schon zuvor bemerkt. Er machte keine Anstalten hier ein längeres Gespräch zu beginnen, sondern ignorierte den Tischgast als das Essen serviert wurde. Aus Riâns Sicht war alles für heute Abend gesagt und wirkliche Lust auf die Anwesenheit von Menschen hatte er in diesem Moment der Genugtuung nicht, was er natürlich nicht kommunizierte, zumindest nicht direkt. Grinsend bemerkte Aenaeris jedoch den Wink recht schnell und erhob sich. "Dann bis morgen.", sagte sie freundlich und verschwand mit ihrer Begleitung im oberen Geschoss. Der Bergelf reagierte mit einem stoischen Nicken, sagte aber nichts weiter.

Der restliche Abend verlief ereignislos. Riân aß ausgiebig und verschwand dann in dem riesigen Zimmer, dass die einstige Kumpane zwei Tage zuvor gemietet hatte. Seine Habseligkeiten fand er aufgeteilt unter jenen der Menschen, von denen er sich nun ebenfalls bediente. Sein kleiner Sack aus gewachsten Leinen war am nächsten Morgen mit nicht mehr gefüllt als etwas Proviant, etwas Wechselkleidung und einigen Utensilien wie einem Schleifstein oder Zunder. Gekleidet war er allerdings nicht mehr in sein schmutziges Hemd, sondern trug ein neues,, frisches, dass er hochgekrempelt hatte und damit die vernarbten Unterarme nicht bedeckte, ebenso wenig wie einen großzügigen Teil seiner Brust. Die Hitze deutete sich bereits jetzt in den frühen Morgenstunden an und so recht Lust auf eine lange Reise hatte der Bergelf nicht, doch wen kümmerte schon die Lust an etwas. Unbewaffnet war er diesmal auch nicht. In seinem Gürtel steckte ein Messer, sowie ein langer Dolch und neben dem Seesack über der Schulter hing ein weiterer Gürtel, an dem ein unscheinbares Langschwert befestigt war.
Im Stall war von den Verletzten nichts zu sehen, ihre Pferde allerdings waren noch an Ort und Stelle. Riân suchte sich eins aus, eine falbe Stute mit einigen weißen Flecken am Hals. Der Junge hatte sie zuvor geritten und sie hatte auf ihn den Anschein gemacht, das erfahrenste und besonnenste Tier in ihrer Runde zu sein. Als er es nach draußen führte, war die Sonne gerade im Begriff endgültig über den Horizont zu steigen. Für jemanden, der in den Bergen aufgewachsen war, war ein Sonnenaufgang nichts besonderes, doch nach einer guten Mütze Schlaf konnte sich sogar jemand wie Riân über so eine Banalität freuen. Auch das Pferd durfte sich über eine ordentliche Portion Hafer freuen, die der Bergelf noch von dem Wirt erworben hatte. Über den Verbleib seiner ehemaligen Kumpane hatte er sich nicht weiter erkundigt und es interessierte ihn auch wenig, was aus diesem Gesindel letztendlich wurde. So wenig wollte er von der ganzen Sache noch wissen, dass er es nicht einmal für nötig befand seine Bezahlung für den Auftrag einzufordern, den sie ja schließlich erledigt hatten. Riân hatte sich ausgiebig an den Taschen der Menschen bedient und eine gute Summe zusammengerafft, ehe er das Lager in der Frühe verlassen hatte. Sollten sie doch dem jungen ein neues Gesicht kaufen..., dachte er und grinste böse der Sonne entgegen, während er sich an die Scheunenwand lehnte. Eigentlich hatte er gedacht, sich klar genug ausgedrückt zu haben was den Abreisezeitpunkt betraf und zu seinen besten Zeiten wäre er bei einer solchen Ignoranz einfach ohne Begleitung abgereist. Heute aber war er auf Geld angewiesen, dass man ihm in Aussicht stellte und es galt den Ärger zu verdauen. Einfach war das nicht, doch scheinbar hatte der Bergelf auch Zeit all das zu verarbeiten. Nach gut einer halben Stunde war es dann soweit und er schlug einmal mehr die Tür zum erhängten Stauchdieb auf, wo der Wirt sich erschrocken nach ihm umdrehte. Belustigt nahm Riân zur Kenntnis, dass der düstere Ausdruck in seinem Gesicht von dem kleinen Mann fehlgedeutet wurde und sich die Angst sofort bei ihm breitmachte.
"Wo", begann er und trat in großen Schritten auf den Wirt zu, der vor Schreck den Besen fallen ließ, "Wo hat diese Frau von gestern ihr Zimmer, die gestern kurz an meinem Tisch saß?"
Stammelnd brachte sein Gegenüber zuerst keinen Ton heraus. Dann schien er zu bemerken, dass die schlechte Laune nicht auf seine Person gemünzt war, sondern einer anderen galt. Erst dann flüsterte er: "Die kleine Kammer unterm Dach." und der Bergelf war im Treppenhaus verschwunden.
Ohne zu klopfen trat er ein und vor ihm tat sich eine kleine Kammer auf, in der er die beiden Turteltäubchen unter einer dünnen Decke sofort entdeckte. Er schlug die Tür lautstark hinter sich zu und lehnte sich an die Wand, wobei er beobachtete, wie der Lärm das Menschenpaar aus den Träumen riss. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dachte Riân und schüttelte nur langsam den Kopf, sodass seine beinahe pechschwarzen Haare leicht wackelten.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mo, 11. Jun 2018 17:10

“Die Rechnung ist noch nicht bezahlt” antwortete der Mann und prostete ihr zu. “Ach so ist das…” lachte die Arcanierin verstehend, und hob ihrerseits den Krug und prostete ihm ebenfalls zu. “Nennt mich Riân” stellte er sich vor und Aen nickte. “Riân…” wiederholte sie langsam und nachdenklich und dann folgte ein Schweigen, in dem sich beide einfach nur anblickten. Er war keiner dieser Menschen, mit denen die junge Frau sofort warm wurde, und so wartete sie darauf, dass er das Wort ergreifen würde. Er schien nicht einer von diesen gesprächigen zu sein, so wie Caradan, der ein Gespräch am laufen halten konnte, und ihr schon nach seinem ersten Satz den er je an sie gerichtet hatte, weitaus herzlicher und wärmer vorkam. Dieser hier wirkte kühl und unnahbar, etwas, was die Arcanierin auf den Tod nicht ausstehen konnte. Aber gut, man würde sehen. Sie musste ihn ja nicht mögen, er musste nur tun, das sie ihm auftrug, mehr nicht. Er zog das Messer, mit dem er vorhin einen der Männer an den Tisch genagelt hatte, aus der Tischplatte und einige Blutspritzer flogen in ihre Richtung und benetzten ihre Hand, die auf der Tischplatte ruhte. “Was kann ich also für euch tun?” Aen warf einen kurzen Seitenblick auf Caradan, dann hob sie an “Im Grunde ist es ganz einfach", begann Aen und als ihr Blick auf ihren Handrücken fiel, entdeckte sie einige hauchzarte, feine Blutspritzer, die sie energisch mit dem Daumen der anderen Hand wegwischte. Erst dann hob sie wieder den Kopf und sprach weiter. "Ich suche jemanden, der einen besseren Schutz bietet, und ein bisschen mehr auf den Putz haut, als mein Begleiter." Sie mit einem frechen Grinsen in Caradans Richtung, doch als sie dazu kam, von dem Amulett zu erzählen, zögerte sie.."Weiter?" "Nun, ich zahle natürlich gut, denn vielleicht dauert der Auftrag etwas länger. Ich suche nämlich ein bestimmtes Amulett und…” Sie stockte, als der Kerl die Hand hob und ihr Schweigen gebot. “Halt, keine Details hier bitte, und nicht jetzt.” Aen verstand. Sie hatte zwar leise gesprochen, doch man konnte ja nie wissen, wer alles zuhörte. Vielleicht war der Kerl doch aus dieser Gegend und konnte die Anwesenden besser einschätzen. “Gut. Dann sprechen wir wann darüber?” fragte sie und hob den Bierhumpen an ihre Lippen um einen Schluck daraus zu trinken. “Ich reise morgen in aller Frühe ab, zufällig in eure Richtung, dann besprechen wir alles. Jetzt ist es Zeit zu essen." Aen verstand die zarte Andeutung, dass er es bevorzugte, alleine zu essen, und dann erhob sie sich. “Dann bis morgen” erwiderte sie knapp. Sie wandte sich an Caradan. “Komm, wir gehen nach oben.”

Sie schlängelte sich, gefolgt von dem Dieb, zwischen den Tisch durch, zum Treppenabsatz, und stieg dann die Stufen nach oben. Caradan hatte mit dem Wirt den Schlafplatz vereinbart und so war es nun an ihm, sie zum richtigen Zimmer zu führen. Offensichtlich hatte der Wirt das Zimmer bereits vorbereitet. Eine mit Tierhaut bespannte Laterne stand da, in welcher sogar ein kleines Kerzchen brannte. Ihr Schein offenbarte an verschiedenen Stellen Eimer, und in diese tropfte es stetig hinein. ‘Klonk’, ‘klonk’ ‘klonk’... machte es in unregelmäßigen Abständen. Aen seufzte “Was besseres war wohl nicht mehr frei, was? Naja, besser als gar nichts. Wenigstens scheint das Dach über dem Bett, sofern man das so nennen kann, nicht undicht zu sein. Das ‘Bett’ war eigentlich nur ein Holzrahmen der am Boden stand, darin war Stroh , und darüber grobes Leinen und zum zudecken eine grobe, leicht angeschmutzte Wolldecke. Es war trotzdem besser als gar nichts. In Wettersituationen wie diesen durfte man nicht undankbar sein. Ein wackliger Tisch und zwei wackelige Stühle gab es auch, und damit war das Mobiliar komplett. Aen ließ sich auf einen der Stühle plumpsen. Sie knüpfte ihren Gürtel ab, an welchem das Feuerrohr, ihr Geldbeutel ihr Tabakbeutel und ein kleines Messerchen befestigt waren. Geräuschvoll ließ sie ihn auf den Tisch fallen und streckte dann ihre Beine von sich und seufzte. Dann blickte sie Caradan an. “Und? Was sagst zu zu dem Kerl? Ich finde ihn jetzt nicht gerade sympathisch. Ich kann noch nicht mal behaupten, dass ich ihn in Ordnung finde. Er redet nicht viel, was er sagte, war jetzt nicht aussagekräftig… Nun ja… Schwer einzuschätzen, der Kerl. Außerdem ist er mir viel zu zurückhaltend und kühl… ich weiß nicht so Recht. Vielleicht sollten wir einfach mal darüber schlafen. Außerdem will er in aller Frühe los. Das kann er sowieso vergessen. Ich stehe niemals in aller Frühe auf. Nicht mal hier in Shuridron. Also wenn wir Glück haben, und einfach nicht in aller Frühe wie vereinbart auftauchen, wird er wahrscheinlich drauf scheißen und alleine weiterziehen. Der wartet bestimmt nicht paar Stunden auf uns...” gluckste Aen. Sie hangelte nach ihrem Tabakbeutel. Aus diesem holte sie die Pfeife und eine genügende Menge Pfeifenkraut, sowie einen Kienspan. Außerdem das Beutelchen mit dem Starrkraut. Sie stopfte gekonnt mit wenigen Handgriffen die Pfeife, doch als es daran ging, sich eine Starrkrautblüte aus dem Beutel zu fingern, da begannen ihre Hände ob der Vorfreude zu zittern. Oder es lag am Entzug. Als die Starrkrautblüte endlich zerbröselt und fein säuberlich im Pfeifenkopf verstaut war, entzündete sie mit zitternden Fingern das Kraut und erst als sie einige Züge inhaliert hatte, wurde sie ruhiger. “Als ich dich noch nicht kannte, da hab ich mal einen Beutel echten Tabak gekauft, bei einem fahrenden Händler, der direkt aus dem Süden kam. Das kannst du echt nicht mit dem Zeug hier vergleichen. Aber es ist teuer und nicht bei jedem Händler zu bekommen, ähnlich wie das Starrkraut. Und weil ich schon lange keinen Händler mehr angetroffen habe, der Tabak verkauft, bin ich wohl oder üblich gezwungen diesen Knaster zu rauchen.” Das Starrkraut entfachte allmählich seine Wirkung und Aen schälte sich aus ihren Schlamm verdreckten Stiefeln und ließ diese da liegen wo sie sie ausgezogen hatte und legte die Beine auf den Tisch. “Falls der Kerl aber mit uns weiter zieht, dann haben wir ein kleines Problem. Also nicht direkt Problem, aber, ich habe kaum mehr Geld. Darüber wollte ich längst mit dir sprechen, ich brauch deine Fertigkeiten als Dieb. Jetzt kannst du mir mal deine Künste unter Beweis stellen” kicherte sie. “Früher haben wir Kutschen überfallen, oder Häuser ausgeraubt. Mit den Feuerrohren. Aber jetzt, wo ich einen professionellen Dieb an meiner Seite habe, ist das ja nicht mehr nötig.” Die Pfeife war fertig geraucht, und Aen erhob sich, ging zu einem der Eimer und steckte den Pfeifenkopf kurz unter Wasser, wobei die Glut zischend erlosch. Dann legte sie sie auf den Tisch zurück und zog sich ihr nasses Kleid aus. Dass Hochsommer war, bemerkte man nun kaum. Es hatte deutlich abgekühlt und der Regen prasselte immer noch auf das Dach, begleitet vom nervenaufreibenden Geräusch der Tropfen die in den Eimer fielen. Die Kleider legte sie über die Stuhllehne in der Hoffnung dass sie am nächsten Tag trocken würden, dann flitzte sie ins ‘Bett’ und warf sich die Decke über. Natürlich kratzte die Decke furchtbar. Als sie Caradan betrachtete, wurde ihr Schoß warm, was aber nicht nur am Starrkraut lag. “Komm endlich her, lass uns vögeln…” lockte sie.

Am nächsten Morgen wurde Aen von einem lauten Poltern geweckt. Verschlafen und nicht minder unwillig murrte sie “Caradan… bist du von allen guten Geistern verlassen? Mach nicht so einen Lärm….” Aber dann bemerkte sie, dass sie in Caradans Armen lag, und dass es nicht Caradan war, der sie um ihren Schlaf gebracht hatte. Schlagartig war sie wach, riss die Augen auf, warf Caradans Arm unsanft von sich und setzte sich auf. Bei den Geschwistern, offensichtlich hatten sie den Riegel der Türe nicht vorgeschoben, gestern abend, und nun konnte Aen einen Kerl ausmachen, der im Zimmer stand. Allerdings lehnte er lässig an der Wand und machte nicht den EIndruck, dass er das Zimmer durchwühlen und ihnen die Kehlen aufschlitzen wollte. “Guten Morgen…” drang aus seiner Richtung und anhand der tiefen Stimme mit dem kühlen Unterton wusste sie, wer das war. “Du! Sag mal hast du noch alle deine Sinne beisammen?” schimpfte sie. “Wenn du mitmachen willst… du bist schon zu spät…” meinte Caradan. In einer anderen Situation hätte Aen darüber herzlich gelacht, doch nun fand sie das gar nicht lustig. Sie sprang aus dem Bett, nackt, wie sie war und ging zu dem winzigen Fenster, vor dem ein grober Stofflappen hing schon ihn beiseite und lugte aus dem Fenster. “Die Sonne…” rief sie. “Die Sonne ist gerade am aufgehen!” Sie wandte sich wieder ab, ging zu dem Kerl und hielt ihm drohend ihren Zeigefinger unter seine Nase. Gerade noch konnte sie sich beherrschen, dass sie dem Kerl keine Ohrfeige verpasste. “Als du sagtest, wir treffen uns früh morgens, da meinte ich, nicht vor Mittag! Es ist viel zu früh! Und wenn du an einer Zusammenarbeit interessiert bist, dann ändere gefälligst deine Schlafgewohnheiten!” Sie wandte sich wieder ab und war im Begriff, wieder ins Bett zu gehen, doch als sie bemerkte, dass sie hellwach war, da erkannte sie, dass das nun keinen Sinn mehr hatte. Sie war wach… putzmunter… und egal was sie nun versuchen würde, sie würde nicht mehr einschlafen. “Scheiße…” murmelte sie und ließ sich auf einen der Stühle nieder. Bei der Gelegenheit fasste sie sogleich ihr Kleid an, doch das war noch kalt und mehr als feucht. “Und das auch noch…” murmelte sie. "Und ich glaube, mich hat etwas gebissen..." fügte sie angewidert hinzu und kratzte sich an der Hüfte. “Der Tag fängt ja beschissen an. Ich hab jetzt schon die Schnauze voll..." Aen stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und stützte ihr Gesicht in ihre Hände. Höchste Zeit für eine Starrkrautpfeife! Während sie sich eine Pfeife stopfte, meinte sie “Nun, da du schon da bist, können wir ja jetzt über das Amulett sprechen. Ein magisches Amulett. Ardor. Ungefähr so groß…” deutete sie mit den Fingern “Aus Gold und ein loderndes Feuer soll hinein geätzt sein.” murmelte sie undeutlich weil sie gerade an der Pfeife paffte um die Glut anzufachen. Sie nahm zwei, drei tiefe Züge aus der Pfeife bevor sie weitersprach und ließ den Rauch langsam aus ihrem hübschen Mund wabern. “Soll ein magisch begabter Bergelf geschmiedet haben. Seinen Namen hab ich vergessen, is’ auch nicht wichtig. Wichtiger ist, dass das Ding angeblich im Besitz eines Händlers ist, der es einer Sklavin abgenommen hat. Keine Ahnung wieso das Ding von einer Sklavin getragen wurde. Vielleicht zur Tarnung? Vielleicht stimmt der Hinweis nicht… was weiß ich. Ich weiß, dass ich dieses Ding haben will und dir ein Vermögen aushändigen werde wenn du uns hilfst, es zu beschaffen.” Sie warf einen kurzen, stummen Blick zu Caradan. Was hatte sie ihm eigentlich versprochen, wenn er ihr half, das Amulett zu suchen, beziehungsweise zu finden…? Sie hatte keinen blassen Dunst...
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Di, 12. Jun 2018 21:17

“Caradan, komm, wir gehen nach oben. Lass uns ficken, hm…?” Er erwiderte ihr Grinsen mit einem misstrauischen Blick. „Die Nacht wird wohl doch verfickt.“ Sie antwortete auf ihre eigenen charmante Art einen Zwischenruf, der gar nichts mit ihnen beiden zu tun hatte und griff ihm zwischen die Beine. Jawohl und ob diese Nacht verfickt werden würde. Ohne weiteres Zögern wollte er sich erheben und wollte ihr nach oben folgen, doch daraus wurde nichts, denn Aen die die Zeichen zuerst deutete setzte sich wieder und nur Sekunden später, war eine Schlägerei im Gange. “Der macht die alle fertig, sag ich dir, so besoffen wie die alle schon sind” grinste Aen. „Scheint so.“, murmelte Caradan der dem geschehen teilnahmslos folgte. Er konnte sich nicht so recht dafür begeistern, vielleicht weil diese Streithähne hinauszögerten oder gar verhinderten, dass Aen und Caradan sich mal wieder in einem richtigen Bett zusammen wälzen konnten. Das ein einzelner Mann gegen so viele Gegner bestehen konnte, ob die besoffen waren oder nicht, war völlig egal, war beeindruckend, keine Frage, aber der Kerl legte nach Caradans Meinung unnötige Brutalität an den Tag. Andererseits… er hatte ja nicht angefangen. Die einzige Reaktion die der Dieb zeigte war ein Zucken, als ein Messer sich durch Fleisch, Knochen, Fleisch und Holz bohrte. „Uuh! Hast du das gesehen?“, fragte Aen aufgeregt und Caradan brummte zustimmend. „Ich kann gar nicht hinsehen.“, flüsterte sie. „Ich schon.“, kommentierte er. In der Tat hatte er keinerlei Schwierigkeiten zuzusehen, wie aus dem Gesicht des Jünglings blutiger Fleischbrei wurde. In Wahrheit konnte er den Blick gar nicht abwenden. Ausdruckslos beobachtete er wie der Kerl mit dem Schal ein ums andere mal auf das Gesicht des Jungen eindrosch, der nur wenig jünger sein konnte als Caradan selbst. Seine Gedanken drehten sich eher um sich selbst, denn es erschreckte ihn wie leicht er diese Brutalität hinnahm. Kneipenschlägereien waren nichts neues für ihn, nicht selten hatte er auch schon Schwerverletzte gesehen, aber er nahm immer irgendwie Anteil am Geschehen, sei es durch Mitleid oder eben durch Schadenfreude, doch hier und jetzt, empfand er weder das eine noch das andere. So abgestumpft konnte er gar nicht sein und wenn doch, wurde es verdammt nochmal Zeit, dass er wieder spitz wurde! Auf eine metaphorische Art und Weise. Und so sollte es geschehen, denn als Aen vorschlug diesen Kerl anzuheuern oder was auch immer, war Caradan alles andere als begeistert. „Was?“, fragte er skeptisch. „Was meinst du, soll ich ihn ansprechen?“ Caradan schenkte der Arcanierin ein dünnes Lächeln. „Als ob ich dich umstimmen könnte.“ „Er wird ja wohl nicht auf mich losgehen… hm? Was meinst du? Würde er? Glaubst du?”, fragte sie und Caradan zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“, gestand er. Offenbar reichte ihr das oder scherte sie nicht genug, denn sie stand auf und gesellte sich zu dem Kerl an den Tisch, nachdem dieser sich Speiß und Trank bestellt hatte. Nach einem kurzen Moment folgte der Dieb ihr und stellte sich mit verschränkten Armen hinter sie, er wollte sich erst mal nicht setzten, nicht so lange nicht klar war, wie der Kerl reagieren würde.
Der Gesprächigste war er jedenfalls nicht und im Moment, stand ihm Caradan darin in nichts nach. Der Dieb verkörperte in diesem Moment die Redensart: Schweigen wie ein Grab. Aen wollte den Kerl ansprechen und nun sollte sie das Wort haben. Er seinerseits würde diese Rian näher begutachten. Er schien etwas älter zu sein als Caradan, aber schon einige Kämpfe mehr hinter sich zu haben, als Caradan wohl jemals erleben würde. Dieser kleine Anflug eines Akzentes machte Caradan hellhörig. Wo kam er wohl her? In gewisser Weise kam ihm der Akzent bekannt vor, doch er konnte nicht mit Sicherheit sagen woher er stammte. Aus Arcanis jedenfalls nicht, so viel stand fest. Er klang so wie die Leute aus Merrindar, aber irgendwie auch nicht. Es machte ihn Wahnsinnig! Vielleicht kam er aus dem Land südöstlich des Aras? Oder ganz weit weg aus dem Südwesten, aus der Wüste oder jenseits davon aus dem Land, aus dem Lesha wieder nach Norden gekommen war… dieses blonde Gift. Der Dieb war so in seinen Gedanken versunken, dass er dem Gespräch nur am Rand folgen konnte. Offenbar verabredete man sich für morgen Mittag, früher würde Aen nicht aufstehen, auch wenn sie so schnell wie möglich aus dieser Stadt heraus wollte. Als der Wirt das Essen brachte, gab ihnen dieser Rian einen Wink, dass er alleine essen wollte und Aen schlug vor, endlich nach oben zu gehen. Caradan blieb kurz stehen und wandte sich an den Wirt. „Wenn du morgen keine Leiche im Stall haben willst, verbind dem Kerl die Hand… das sah übel aus.“ Er klopfte dem Wirt aufmunternd auf die Schulter und beeilte sich Aen zu folgen.

Caradan war nicht annähernd so mutig wie Aen es war, denn er wagte es nicht, sich auch nur auf einen dieser Stühle zu setzen. Diese beiden Stücke holz, sahen aus als ob sie ein halbblinder Säufer zusammengebaut hätte. Vorerst begnügte er sich damit sich an einen der Stützbalken für das Dach zu lehnen. „ Es war nur noch das hier frei...“, brummte der Dieb missmutig. „Als er sagte, es regne ein bisschen rein, hatte ich nicht mit drei Eimern gerechnet.“ Er zog seinen Rock aus und warf ihn in die Ecke, die weitesten weg von den undichten Stellen des Daches war. Aen dachte laut über diesen Rian nach. „Schwer einzuschätzen, der Kerl. Außerdem ist er mir viel zu zurückhaltend und kühl… ich weiß nicht so Recht.“ Sie hatte vollkommen recht, so ein verschwiegener, finster drein blickender Kerl, wirkte nicht gerade vertrauenerweckend, eher im Gegenteil. Der würde ihnen doch die Kehle durchschneiden, sobald er spitz kriegen würde, dass sie Geld hatten oder kein Geld hatten, je nach dem. „Ist bestimmt praktisch jemanden zu haben der… mehr auf den Putz haut als ich, nicht wahr?“, meinte der Dieb. „Sofern er sich nicht umentscheidet.“ Er beobachtete wie sie sich eine Pfeife stopfte, samt Starrkraut und roch schon wenig später das Aroma der Blüte. Aen erzählte ihm von echtem Tabak und er musste zugeben, da staunte er nicht schlecht. Tabak kam seines Wissens nach aus den Elfenwäldern, waren also ein Gut, dass man in Arcanis nahezu unmöglich erwerben konnte. Selbst hier in den liberaleren Gegenden fand man ein solches Kleinod nur selten. Sie paffte die Pfeife genüsslich und versäumte es wohl unabsichtlich, ihm auch einen Zug anzubieten. Andererseits war dem Dieb auch gar nicht danach, sollten sie sich mit diesem Rian einlassen, sollte wenigstens einer von ihnen einen kühlen und vor allem klaren Kopf behalten. Als hätte sie seine Gedanken hören können, fing sie auch gleich wieder von dem Kerl an. „Falls der Kerl aber mit uns weiter zieht, dann haben wir ein kleines Problem. Also nicht direkt Problem, aber, ich habe kaum mehr Geld. Darüber wollte ich längst mit dir sprechen, ich brauch deine Fertigkeiten als Dieb. Jetzt kannst du mir mal deine Künste unter Beweis stellen”, lachte sie. „Die Geschwister seien gepriesen!“, jubelte Caradan mit einem schelmischen Grinsen. „Ich bin doch noch zu was nutze.“ „Früher haben wir Kutschen überfallen, oder Häuser ausgeraubt. Mit den Feuerrohren. Aber jetzt, wo ich einen professionellen Dieb an meiner Seite habe, ist das ja nicht mehr nötig.”, meinte sie, als sie ihre Pfeife in einem der Wassereimer löschte. Derweil inspizierte der Dieb seinen eigenen Geldbeutel, der ebenfalls erschreckend leichter geworden war, seit sie Brisangen so Hals über Kopf verlassen hatten. „Gib mir morgen zwei Stunden, dann hab ich genug zusammen, damit er nicht misstrauisch wird.“, grinste Caradan und überlegte, wie er es wohl anstellen sollte, wenn nicht genügend Leute ob des Wetters auf den Straßen waren. Einbruchdiebstahl kam nicht in Frage, dazu fehlten ihm Ortskenntnis und Vorbereitung. Ein Türschloss oder Fenster hatte er im Handumdrehen geöffnet, aber wenn das draußen pisste hockte doch jeder zuhause und dann konnte sich nicht mal Caradan herausreden. „Ich könnte ja vielleicht...“, er hielt inne, als sich Aen aus´zog und nackt ins Bett ging. Naja…. Bett. Jedenfalls konnten die Pläne, wie sie an Geld kämen, warten. „Komm endlich her, lass uns vögeln.“
Der Dieb grinste breit und machte sich daran sein Hemd auszuziehen. „Zu Befehl.“ Sein Hemd klebte ihm nass und kalt am Leib und mit nicht geringer Mühe zog er es sich über den Kopf. Die Hose war eine ganz andere Herausforderung. Man musste auch mal ehrlich zu sich selbst sein: Es war einfach unmöglich sich elegant aus einer feuchten Hose zu schälen, erst recht wenn in der eigenen Hose der Platz immer enger wurde, weil vor einem die Bettgefährtin aufreizend, halb von der Decke verhüllt, wartete und einem mit Blicken signalisierte, dass es besser wäre, wenn man sich beeilte. Endlich schlüpfte er aus seinen Beinkleidern und kam zu ihr. Aen stand nicht der Sinn nach langem Vorspiel. Oder überhaupt nach einem. Sie zog ihn zwischen ihre Schenkel, aber er wehrte sich ein wenig. Das schien sie gehörig zu irritieren und der Dieb beugte sich mit meinem Grinsen zu ihr herab. Caradan ließ seine Lippen langsam an ihrem Hals herab fahren, zwischen ihren Brüsten hindurch, bis hinunter zu ihrem Bauchnabel. Hier und da biss er sie zärtlich und als sie erkannte was er vorhatte, vergrub sie ihre Hände in seinem Haar, wollte ihn tiefer drücken, aber er ließ sich alle Zeit der Welt. Irgendwann erreichte er sein Ziel und blieb dort, bis er es auch nicht mehr aushielt und rutschte wieder nach oben. Sie verschränkte ihre Beine hinter seinem Rücken und zog ihn nun ohne Widerstand in sich hinein.

Am nächsten Morgen wurde der Dieb unsanft durch ein lautes Poltern und eine aufspringende Aen geweckt. Wenn nicht grade die arcanische Inquisition anrückte, das Städtchen brannte oder ein Händler mit magischen Amuletten im Zimmer von der Decke tropfte, gab es keine Entschuldigung dafür. Doch nichts davon war der Anlass, sondern der Kerl von Gestern, der plötzlich im Zimmer stand. Aen war schon wieder fuchsteufelswild. „Wenn du mitmachen willst… du bist schon zu spät...“, murrte er und begann sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Sein rechtes Auge brannte ein wenig, aber er konnte nicht genau sagen weshalb. Er beobachtete wie Aen aufsprang und schüttelte lächelnd mit dem Kopf. Sie störte sich aber auch an gar nichts. So wie der Dieb es sah, hatte der Tag begonnen und es gab keine Chance diesen Beginn aufzuschieben. Mit einem wehmütigem Seufzen setzte er sich auf. Es zwickte ihn gehörig und Stroh klebte ihm am Rücken und anderen Stellen. Scheiß Bett, dachte er sich und beobachtete die Szenerie die sich vor seinen Augen abspielte. Aen war drauf und dran dem Kerl eine zu scheuern und Caradan hoffte inständig, sie würde es sein lassen. Sie stampfte hin und her und ließ sich dann genervt auf einen Stuhl fallen. Erneut stopfte sie sich eine Pfeife mit einer Blüte und Caradan runzelte die Stirn. Seiner Meinung nach übertrieb sie es, aber er würde einen Teufel tun und ihr seine Besorgnis mitteilen. Während sie den Kerl informierte, rappelte der Dieb sich auf und klaubte seine Kleider auf. Sein Hemd war immer noch feucht, ebenso seine Hose und so hatte seine eigenen kleinen Probleme hinein zu schlüpfen. Auch für ihn war es nochmal gut zu hören, was es mit diesem Ding auf sich hatte, da wusste er wieder das er nicht klar bei Verstand war. Wieso sonst sollte er diesem etwas hinterherjagen? Er konnte es ja nicht einmal gebrauchen! „Ich weiß, dass ich dieses Ding haben will und dir ein Vermögen aushändigen werde wenn du uns hilfst, es zu beschaffen.“, schloss Aen und Caradan trat an ihre Seite. „Was das angeht.“, mischte er sich ein und setzte eine möglichst ausdruckslose Miene auf. „Wir geben dir einen Vorgeschmack sobald wir dieses Dorf verlassen haben. Wir müssen noch ein paar Kleinigkeiten vorbereiten. Sobald wir das Amulett haben, also sobald sie es hat, kriegst du Rest der Summe. Entsprechend deinem Wert für das Vorhaben versteht sich. Ich denke mal es wird genügend für dich abfallen.“ Der Dieb hielt Rian die Hand hin. „Einverstanden?“

Etwa eine halbe Stunde später schlenderte der Dieb durch die Gassen der kleinen Stadt… oder des großen Dorfes. Je nach dem. Für manche Angelegenheiten brauchte man Zeit, Geduld und vor allem seine Ruhe. Etwas zu stehlen war in etwa wie scheißen gehen, wenn man es erzwang, konnte es ordentlich knallen. Da musste man ruhig und besonnen vorgehen, genau die Lage sondieren, das richtige Opfer aussuchen, die Methode planen und und und. Das konnte Stunden, wenn nicht Tage an Vorbereitung kosten, denn man musste den idealen Zeitpunkt abpassen… oder aber man hatte so ein unverschämtes Glück wie Caradan. Gleich die erste Person die er auf der Straße angetroffen hatte, war ein feister Händler gewesen, mit einem breiten Hut aus dunkelblauem Filz und einer Art Schärpe in der gleichen Farbe über dem rostbraunen Wams. Irgendwie sah der Kerl idiotisch aus, auch mit seiner Feder am Hut, den Broschen an der Schärpe und den zahllosen Ringen an den Händen. Caradan war sich nicht mal sicher von welchem Vogel die Feder stammte. Hinter dem feisten Kerl trottete ein hochgewachsener und breit gebauter Wachmann her, der eigentlich ein riesiges Problem darstellte, wenn er nicht eindeutige Anzeichen für einen Kater zeigte. Wann immer der Dicke nicht hinsah, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und schloss die Augen, seine Wangen waren gerötet und er sah so aus, also müsse er sich jeden Moment übergeben. Der Kerl war wirklich keine Bedrohung. Nun folgte der Dieb ihnen und wartete auf die Gelegenheit. Eben hatte der Dicke ein langes Gespräch mit einem Hufschmied beendet und stampfte erheitert die Straße entlang auf Caradan zu. Da gab es nur ein Problem: Aen stand genau hinter ihm. Sie hatte unbedingt mitkommen wollen und hatte keinen Widerspruch geduldet. Nichtsdestotrotz war dies eine Angelegenheit für ihn alleine, denn im Moment war Aen mehr als hinderlich. „Kusch“, scheuchte er sie hinfort, „Sieh zu und lerne.“, grinste er. Der Dieb ließ den Kopf hängen und ein paar fettige Strähnen fielen ihm übers Gesicht, dann taumelte er ein wenig hin und her und rempelte den Dicken aus Versehen an. „He pass doch auf!“, rief der Mann als er zurück taumelte und seinen Hut verlor. „Ich bitte um Verzeihung.“, lallte Caradan gespielt und hob den Hut auf. „Halt mal.“ Er drückte dem Wachmann den Hut in die Hand und begann sich stürmisch bei dem Dicken zu entschuldigen. Caradan richtete ihm die Schärpe, zupfte an seinem Wams herum, rückte ihm den Kragen zurecht und rückte dem Kerl unangenehm auf den Pelz, eine Entschuldigung nach der anderen Murmelnd. „Geh weg von mir!“, grunzte der Dicke und streckte dem Dieb die Hand hin. Caradan umfasste sie mit beiden Händen, schüttelte sie während er reuevolle Worte der Klage ausstieß, bis der Dicke seinem Wachmann einen Wink gab, der perplex auf den Hut in seinen Händen starrte und hoffnungslos überfordert aussah. Der Große ließ den Hut fallen und zückte einen Knüppel. „DU IDIOT!“, brüllte der Dicke. „Mein Hut!“ Caradan beeilte sich den Hut aufzuheben und setzte ihn dem Dicken auf den Kopf, wobei er ihm die Krempe unabsichtlich tief ins Gesicht zog. Der Dieb presste sich an den Dicken, langte mit einer Hand über die Schulter und richtete den Hut umständlich. „Verpiss dich“, knurrte der Wachmann und mit weiteren Entschuldigungen und tief gebückt nahm Caradan Reißaus. Kaum war er um die nächste Ecke verschwunden, richtete er sich wieder auf und eilte entschlossenen Schrittes wieder zurück zu Aen um sich mit ihr wieder auf den Weg zur Schenke zu machen. „Na?“, grinste er sie an. „Hast du auch gut aufgepasst?“ Auf dem Weg machte er eine Bestandsaufnahme, was in seinen Taschen neu war. Eine silberne Brosche in Form eines Blattes, ein filigraner Goldring, der so leicht war, dass er zwischen den fetten Klunkern an den Fingern des Dicken kaum ins Gewicht viel, aber eben bei einem Händeschütteln wie von selbst abgefallen war und natürlich die Geldkatze des Dicken. Die wahr gar nicht so schlecht gefüllt. Der Dieb stibitzte sich ein zwei wertvollere Münzen, zwinkerte Aen zu und füllte den Inhalt dann in ihren leeren Beutel, bevor er die nunmehr leere Geldkatze auf die Straße warf. „Ich hoffe unser Freund hat nicht die Geduld verloren und ist abgehauen.“, meinte der Dieb nachdenklich. Bevor sie wieder in Sichtweite der Schenke kamen, hielt Caradan sie kurz am Arm fest. „Warte mal.“, begann er. „Ich weiß, du willst hier nicht bleiben, aber wir sollten immerhin mal nachfragen, ob hier vielleicht dieser Händler durchgekommen ist. Ich mein, wir sollten zumindest einen Anhaltspunkt vortäuschen können, um den Kerl bei Laune zu halten, meinst du nicht?“
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von H'adriân » Di, 19. Jun 2018 16:58

Riâns unwirsches Eindringen in die Privatsphäre seiner beiden zukünftigen Auftraggeber wurde registriert. Die verschlafenen Gesichter rissen die Augen auf und die Körper fuhren nach oben. Das schiefe Lächeln auf den vernarbten Zügen des Elfen verschwand aber sogleich, denn mit einer derartigen Abwesenheit von Scham hatte er nicht gerechnet. Aenaeris kümmerte sich mit keinem Anzeichen um ihre Nacktheit und so war es Riân der den Blick abwandte. Schon lange hatte er nicht mehr bei einer Frau gelegen, doch weibliche Menschen waren für ihn keine Frauen... viel mehr verglich er sie mit Tieren. Sicherlich hatten ihre Körper eine ähnliche Ästhetik, doch das kümmerte den Krieger wenig. Er suchte sich einen Punkt hinter der wütenden Menschenfrau und ließ sich schweigend von ihr beschimpfen. Das konnte ja etwas werden, dachte der Bergelf und zeigte keine weitere Regung. Auch nicht, als sie mit ihrem Finger vor seinem Gesicht herumfuchtelte, was er eigentlich gar nicht mochte. Natürlich hatte Riân zu gewissen Dingen eine Meinung, allerdings sah er sich nicht in der Position hier eine Mutter zu spielen, die ihren Kindern Disziplin beizubringen hatte, obgleich er sich sicher war, dass es seinem Gegenüber gut tat. Sollen sie lieber rumhuren und sich besaufen, diese Menschen. Den Scherz seitens des Mannes überging er ebenso, denn allein der Gedanke an eine Ausführung dieser Andeutung widerte ihn an. Andererseits zeigte dieser Scherz auch auf, dass Aenaeris Begleiter wohl ein ruhigerer Mann war, was in Anbetracht der halben Furie vor ihm ein halber Segen war.
"Fertig?", fragte Riân knurrend, als sie mit ihren Ausführungen am Ende zu sein schien. Sie antwortete nicht und machte kehrt, wohl mit dem Ziel sich wieder in das Bett zu legen. Nach all der Aufregung besann sie sich eines Besseren und setzte sich auf einen Stuhl, wenn man diesen denn noch so nennen konnte. Glücklicherweise konnte auch ihre feuchte Kleidung die Laune nicht weiter senken, da sie ihrerseits offensichtlich schon an einem Tiefpunkt war. Trotzdem brachte Aenaeris es fertig einen emotionalen Sprung zu wagen, den er ihr gar nicht zugetraut hatte. Von offenem Zorn hinüber zu pragmatischer Zeitnutzung und damit einhergehender Kontraktbesprechung. Zwar noch immer nackt, doch besser als nichts. Riân nickte als Zeichen der Zustimmung und lehnte sich an die schmutzige Holzwand, wobei er seine Arme vor der breiten Brust verschränkte. Und so lauschte er weiter ihren Worten über das magische Amulett, was von einem Bergelfen geschmiedet worden sein soll. Von wem sonst, dachte der Krieger, denn Menschen waren zu derartiger Kunstfähigkeit und Können gar nicht in der Lage. Nach außen hin zeigte er wieder keine Regung, denn auch sein Volk war ihm inzwischen einerlei geworden. Es gab da keine Melancholie, die die bloße Erwähnung eines Zusammenhangs mit der Heimat wecken konnte und so war es nur ein weiterer Auftrag. Lediglich, als er das Starrkraut roch rümpfte der Bergelf ein wenig die Nase. Menschen benebelten sich wirklich durch alles was sie irgendwo finden können.
"Gut.", entgegnete er und das Lächeln kehrte bei der Erwähnung einer fürstlichen Bezahlung zurück auf seine Züge. Gerade wollte er nach einer Sicherheit für diese Behauptung fragen, doch dann ergriff Caradan das Wort und zerstreute seine Zweifel vorerst. Es war immerhin schwer vorstellbar, dass jemand mit viel Geld in so einem Drecksloch hauste, doch er würde es ja bald sehen. Missmutig betrachtete Riân die ihm dargebotene Hand, wartete einige Sekunden und schlug dann ein. "Einverstanden." Einen Moment wartete er noch ab, doch man schien seine Dienste für den Moment nicht zu benötigen, worauf er schloss, dass die Erledigungen ohne ihn vonstatten gehen würden. Mit einem Kopfnicken verabschiedete er sich also und verließ den kleinen Raum.

Die Wartezeit verbrachte Riân damit, sich vor seinen ehemaligen Gefährten abzusichern, deren Wunden größtenteils versorgt worden waren. Jene, die mehr oder weniger unversehrt geblieben waren, hatten ihr Hab und Gut zusammengetragen und bereiteten die Abreise vor. Als sie den Bergelfen erblickten, schauten sie nur grimmig, denn sie hatten bemerkt, dass er sich tüchtigst an ihren Sachen bedient hatte, doch man konnte ihre Angst förmlich riechen. Der Krieger ging nicht davon aus, dass man in nächster Zeit nach Vergeltung streben würde und wenn das nicht der Fall war, würde man sich wohl ohnehin niemals wieder sehen. Den Rest der Zeit wartete er im Schankraum der Absteige und genoss ein kleines aber wohlschmeckendes Frühstück, bis das Zweigespann wieder zu ihm trat. Sie kamen von draußen und ihre Launen schienen sich etwas gebessert zu haben.
"Können wir gehen?", fragte Riân sofort und schob die leere Haferbreischüssel im Aufstehen von sich weg.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » So, 05. Aug 2018 12:24

“Na, hast du auch gut aufgepasst?” fragte Caradan Aen, und diese nickte. Ja, sie hatte gut aufgepasst, an der Ecke das Schauspiel verfolgt, aber sie hatte nichts außergewöhnliches beobachten können. Einen Disput mit dem fetten Händler, einen ungeschickten Caradan, ein von Zorn gerötetes Gesicht, das dem feisten Kaufmann gehörte, und einen sichtlich überforderten Diener. Mehr nicht. Umso überraschter war sie aber, als Caradan einen gut gefüllten Geldbeutel und einige Schmuckstücke hervor zauberte. “Wie hast du das gemacht?” fragte sie ihn mit großen Augen, und aus ihrem Blick drang echte Anerkennung, doch Caradan zuckte nur triumphierend die Schulter, bevor er den Inhalt des Geldbeutels prüfte, sich ein paar Münzen herausfischte und den Rest großzügig in Aens Geldbeutel schüttete. Nun, das Starrkraut tat ja seine Wirkung, und man mochte nicht sagen, ob es am Starrkraut lag, dass die Arcanierin nichts bemerkt hatte, oder ob Caradan einfach nur ein recht geschickter Dieb war. Aen nickte dankend, und während Caradan das Material der Blattbrosche prüfte, nahm ihm Aen den filigranen Goldring ab, besah ihn und streifte ihn sich auf ihren Finger. Doch er war viel zu groß. Nicht einmal an ihrem Daumen passte er, und so nahm sie ihn wieder ab und gab ihn Caradan zurück. Es erinnerte sie an Theros Ring, den er ihr geschenkt hatte. Sogar ein winziger Rubin war darin gefasst gewesen. Aber wie man sehen konnte, war es auch nicht ungefährlich, ein Geschenk in Form eines Ringes von einem Mann anzunehmen. Auch ohne vorher klärende Worte waren sie in Theros Augen einander versprochen gewesen, nur wegen eines kleinen Stück Edelmetalls… Wenn man bedachte, dass Aen wie eine kleine Elster Schmuck und Glitzertand mochte, war es doch überraschend, dass sie keinerlei Schmuck besaß. Und es war ja nicht so, dass sie stets so arm gewesen war, und niemals Geld besessen hatte, um sich welchen zu kaufen. Im Gegenteil, sie hatten auf ihren Raubzügen immer genug Geld besessen. Doch aus unerfindlichen Gründen hatte sie niemals Geld gegen ein Schmuckstück getauscht. Wenn sie in ihren Erinnerungen nachgrub, so ward das ganze Geld stets versoffen und für Zimmermiete drauf gegangen. Das eine oder andere teure Kleid war dabei gewesen. Und teure Schuhe. Und Tabak. Und Starrkraut. Aber mehr nicht. Über die Jahre hätte sie sich wahrscheinlich sogar ein kleines Häuschen kaufen können um das Geld, mit einem Grund, so wie sie es sich immer erträumt hatte. Doch so war dies mit Träumen. Sobald man in der Lage war sie sich zu erfüllen, gestalteten sich diese entweder als Luftschlösser, oder man verlor das Interesse daran. Aus ihren immer mehr abschweifenden Gedanken riss sie Caradan „Ich hoffe unser Freund hat nicht die Geduld verloren und ist abgehauen.“ Aen dachte einen Moment lang nach. “Ich hoffe schon…” meinte sie schließlich. “Irgendwie war das eine dämliche Idee. Was brauchen wir einen Söldner? Bislang habe ich mich gut alleine durchgeschlagen.” Dann begann sie zu jammern “Oh und ich Närrin habe ihm noch alles über das Amulett verraten. Eigentlich kennen wir den Kerl überhaupt nicht. Ich meine, das ist ein wertvolles Kleinod. Was würden manche nicht alles dafür machen, um alleine davon zu erfahren?” Ihr Weg führte sie zurück zu ihrer Schenke, und als diese in Sichtweite kam, hielt Caradan sie am Arm fest und zwang sie dadurch stehen zu bleiben. “Warte mal… Ich weiß, du willst hier nicht bleiben, aber wir sollten immerhin mal nachfragen, ob hier vielleicht dieser Händler durchgekommen ist. Ich mein, wir sollten zumindest einen Anhaltspunkt vortäuschen können, um den Kerl bei Laune zu halten, meinst du nicht?” Aen hörte ihm aufmerksam zu, bevor sie ansetzte “Die Laune dieses Kerls ist mir eigentlich egal, aber wir sollten in unserem eigenen Interesse erfahren, ob wir überhaupt einen Anhaltspunkt bekommen. Und naja, jetzt sind wir ja schon einmal hier, also was solls…” So schlugen sie nach kurzer Beratung nicht den Weg zur Schenke ein, sondern bogen durch eine kleine Nebengasse ab, die Richtung Markt führte.

Der Markt in Shuridron war ein Tummelplatz für Händler aus der ganzen Welt. Ein günstig gelegener Ort, da dieser sich im Gegensatz zu anderen Handelsposten nahe des Chaburs befand, einem Seitenarm des Aras, und so auch die Handelswege über den Fluss erschlossen waren. Viele Händler ließen sich dort gleich für mehrere Wochen nieder, ein Umstand, von dem sich die Arcanierin erhoffte, einen Hinweis auf das Amulett zu erhalten. Die Marktstraße war von zwei Häuserzeilen umsäumt, wo sich dicht an dicht die Gebäude drängten, es gab nur mittig zwei Seitengassen, durch die man ohne große Umwege in andere Teile des Städtchens gelangen konnte. Die meisten Häuser waren Schenken, Tavernen, Gasthäuser und Handwerkshäuser wie Schmieden, Gewandschneider, ein Arzt, aber auch Tuchhändler, also eben solche, welche betuchte Händler waren. Auch das Badehaus hatte seinen festen Platz dort. Weniger betuchte wie Kesselflicker, Hausierer, Barbiere oder Lumpensammler besaßen, wenn überhaupt, fahrende Karren und besaßen keinen festen Handelsplatz. Vor den Häuserzeilen hatten sich die Händler, ob ehrenhaft oder unehrenhaft, mit ihren Wägen und Ständen platziert, sodass sich zwischen Häusern und Händlerwagen eine zweite passierbare Gasse gebildet hatte, und sie bogen sich teilweise förmlich unter der Last der angepriesenen Waren. Die Stimmen der Marktschreier hallten über die Straße, und jeder versuchte jeden durch lauteres Schreien zu übertönen um das Interesse der Käufer zu wecken und seine Waren an den Mann zu bringen. Mit neu gefülltem Geldbeutel schlenderte die Arcanierin neben Caradan ganz gemählich über den Platz und ihre Augen musterten langsam und aufmerksam die Waren, in dem Vorhaben, das Geld sofort wieder für nützlichen oder nutzlosen Tand zu verschleudern. In diesem Moment war das Amulett vergessen, und stattdessen ging sie in ihren Gedanken eine imaginäre Liste durch von jenen Dingen die sie bereits besaß, Dingen, die sie benötigte und Dinge die sie gerne hätte, aber nicht benötigte. Aenaeris kam sehr rasch zu dem Schluss, dass sie nicht einmal ansatzweise genug Geld besaß, um sich all das zu kaufen, das sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Und das machte sie unzufrieden. “Eigentlich können wir uns diesen… diesen… wie hieß er noch gleich...?” kramte sie in ihren Gedanken, die nur vom Einkaufsrausch beherrscht waren, nach dem Namen des Kerls. Nach einer Weile anstrengenden denkens fiel ihr der Name schließlich doch noch ein. “Ach ja… Riân… Ja, eigentlich können wir uns Riâns Dienste gar nicht leisten.” bemerkte sie, während sie ihre Augen über die Marktstände schweifen ließ.

Da fiel ihr Blick auf einen Schmuckhändler und im selben Moment entsann sie sich, dass sie nicht auf die Marktstraße gegangen waren um einzukaufen, sondern um sich über den Verbleib des Amuletts zu erkundigen. Aen hakte sich bei Caradan unter und zog ihn in die Richtung des Händlers. Als sie am Stand angekommen waren, maß der Besitzer sie mit einem prüfenden, abschätzigen Blick. Aen und Caradan waren sicherlich kein Lumpengesindel, doch sie sahen nun auch nicht so aus, als würden sie sich die Geschmeide, welche der Schmuckhändler anbot, auch nur im geringsten leisten können. Hinter dem Händler standen drei hochgewachsene, breite, und überhaupt recht grobschlächtige Kerle, die die Arme verschränkt hatten und sich nicht rührten. Aber dann räusperte sich der Händler und die Kerle rührten sich mit einem Mal. Sofort in Abwartehaltung, dachte die Arcanierin bei sich. Ein Wort, und sie würden sich auf die beiden Arcanier stürzen und diese um mindestens einen Kopf kürzer machen. Davon unbeeindruckt, besah sich die Arcanierin die Waren des Händlers, ob sich das Amulett unter den Geschmeiden befand, doch auch wenn Aen das Amulett noch niemals zu Gesicht bekommen hatte, so machte es nicht den Anschein, dass es hier irgendwo lag. Eine kunstvoll gearbeitete Fibel erregte dennoch die Aufmerksamkeit der Arcanierin. Es erweckte den Anschein, dass sie aus Gold gearbeitet war, kunstvolle Goldschmiedearbeit, mit feinen Zieselierungen zwischen welche kleine Rubine eingesetzt waren. Ganz sicherlich kostete sie ein Vermögen. Weitaus mehr als die paar popeligen Münzen, die sich neuerdings wieder in ihrem Geldbeutel befanden. Aen ließ ihre Fingerspitzen darüber gleiten und sofort ging ein kaum merkbares Regen durch den Händler und seine Spießgesellen. “Ein wunderschönes Stück…” meinte die junge Frau und dann wandte sie sich an Caradan. “Das wäre doch eine passende Morgengabe, meinst du nicht auch? Immerhin habe ich dir schon viele Nächte samt Morgen geschenkt…” grinste sie, und wandte sich dann an den Händler. “Was kostet dieses Stück?” “Einen Coryn” erwiderte dieser knapp, mit durchaus berechtigt skeptischen Blick, warum diese ganz offensichtlich nicht betuchte Frau sich für ein Schmuckstück interessierte, das jenseits ihrer finanziellen Vorstellungskraft lag. Aen pfiff leise durch die Zähne. “Ein stattlicher Preis” meinte sie. “Stattlich, aber durchaus berechtigt. Die Steine alleine sind lupenrein und ein Vermögen wert. Von der aufwendigen Arbeit und dem Goldwert spreche ich gar nicht erst. Ein Stück, gut genug für eine Königin…” erklärte er mit sichtlichem Stolz. “Fürwahr, für eine Bettlerkönigin vielleicht…” gab sie spitz zurück, was der Händler mit einem beleidigten Blick quittierte. “Vielleicht für euch?” gab er hochnäsig zurück. Da lächelte Aen. “Vielleicht…” meinte sie sanft. “Ich werde es mir überlegen.” “Tut das, werte Frau…” Aen nickte. “Eigentlich interessiere ich mich für ein anderes Schmuckstück. Schlicht und ohne diesen ganzen Glitzerprunk. Ein bestimmtes Schmuckstück. Es ist ein Amulett, etwa einen Zoll groß, aus Gold und eine stilisierte Flamme ist darin eingeätzt.” Sie beobachtete den Händler dabei genau, ob er sich durch irgendeine Regung, durch ein Augenblitzen, Stirnrunzeln oder durch eine sonstige Geste verraten würde, doch nichts davon war zu bemerken. “Ist es euch vielleicht einmal untergekommen? Angeblich hat es ein Händler in seinem Besitz, der aus Brisangen weitergereist ist.” Der Händler schien zu überlegen, dann schüttelte er den Kopf. “Nein, es tut mir leid, so etwas habe ich noch nie zu Gesicht bekommen.” Aen nickte enttäuscht und verzog ihre hübschen Lippen. “Aber versucht es einmal in der Goldschmiedezunft. Die Straße runter, das letzte Haus, nicht zu übersehen. Dort finden sich alle Händler ein die in die Stadt kommen, bevor sie ihre Handelslager aufschlagen. Und des abends finden sich einige von ihnen dort ein um bei Wein Erfahrungen und Geschichten auszutauschen. Vielleicht habt ihr Glück.” “Ich danke euch” sagte die Arcanierin. “Und wegen der Fibel, ich werde es mir überlegen…” zwinkerte sie, mit einem Nicken zu Caradan. Dann zogen sie ab.

Nach einer Weile hob Aen an “War ja klar, dass es nicht so einfach werden würde. Jetzt wissen wir immer noch nicht, ob wir auf dem rechten Weg sind, oder ob sich der Händler gen Westen gewandt hat” seufzte die Arcanierin tief auf. “Und siehst du, wie ich immer sage, ‘Kleider machen Leute’. Ach, wo sind die Zeiten, als ich in wunderbaren Kleidern, teuren Schuhen und teurem Wollmantel umhergezogen bin? Wo die Leute mich nicht als Lumpenweib angesehen haben, sondern als höhergestellte Frau?” Die Zeiten mit Silvar waren vorbei. Silvar hatte ihr alles geschenkt, was sie wollte. Ja, mit erbeuteten Geld war leicht schmissig sein. Und erbeutet hatten sie eine ganze Menge. Und jetzt… nun ja… waren die Zeiten eben vorbei. Während sie die Straße hinunter liefen, stieg ihre Unzufriedenheit von Sekunde zu Sekunde. “Weisst du, mein früherer Gefährte meinte, ich sei schön genug für einen König. Muss ja kein König sein, ein Fürst oder ein Graf genügte schon. Und wie lebe ich? Wie eine Bettlerin. Stets auf Reisen, kein festes Zuhause, kein Geld, keine Habe, keine Kostbarkeiten… Dieses Leben geht mir schon gehörig auf die Nerven!” Sie wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Natürlich würde ihr ein Leben in einem festen Zuhause, mit Geld und Geschmeide ebenso ihre Unzufriedenheit schüren. Sie hatten ein Stück weit des Weges zurückgelegt. An der Marktstraße gab es längst keine Handelshäuser und Händlerstände mehr. Die hohe Häuserzeile hatte sich gewandelt und nur mehr niedrige Wohnhäuser der ortsansässigen Bevölkerung standen hier nun ebenso dicht an dicht. Da wurde sich die Arcanierin plötzlich gewahr, wo sie sich befanden. Zu ihrer rechten befand sich das letzte Gasthaus. Jenes Gasthaus. Das Gasthaus 'Zum erlegten Werwolf'. Und auch, wenn es schon so lange her war, die Erinnerung die sie mit diesem Gasthaus verband, waren lebendig. Lebendig und schmerzhaft. Der Grund, warum sie sich geschworen hatte, Shuridron niemals mehr zu betreten. Und nun war sie doch in Shuridron. Dann hatte sie sich geschworen, nicht in die Nähe des Gasthauses zu gelangen. Und stets in Gedanken versunken, war sie nun doch wieder hierher gekommen. Es war wie ein verflixter Fluch! Aen blieb zögerlich stehen. “Wir versuchen es ein anderes Mal wieder, Caradan” bestimmte sie. “Lass uns zurückgehen zu Riân. Der wartet sicher schon ungeduldig auf uns. Sie schnappte Caradan am Arm, wandte sich um und zog in zurück in die Richtung aus welcher sie gekommen waren. Doch das Schicksal war verflixt und verflucht grausam. Eine Stimme donnerte über die Straße. Eine näselnde, hochnäsige Stimme, die kaum aus der Kehle eines richtigen Mannes dringen konnte. “Sucht, ihr Narren! Sucht überall! Irgendwo muss dieser unverschämte Dieb sein!” Es war die Stimme des Händlers, den Caradan ausgenommen hatte. “Na wunderbar… jetzt haben wir ein Problem!” zischte Aenaeris Caradan zu. Der Händler der von einigen Stadtwachen umsäumt war, war zwar noch weit genug weg, dass er sie noch nicht hatte erblicken können, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis es soweit war. Dasselbe schien sich Caradan denken, dem ein wenig aus seiner gesunden Farbe aus dem Gesicht gewichen war. Und dann ging alle wahnsinnig schnell. Er packte Aenaeris am Arm und zerrte sie in Richtung des Gasthauses 'Zum erlegten Werwolf'. Als Aen sich dieser Tatsache gewahr wurde, begann sie sich zu sträuben wie eine Katze, die sich wehrte angesichts der Tatsache, im nächsten Augenblick ersäuft zu werden, doch es half nichts. Caradan war stärker als sie. Und begleitet von seinen derben Schimpftiraden riss er sie mit sich, hinein in die Schenke. Die schwere Türe schlug dumpf aber laut, und in Aens Ohren bedrohlich hinter ihrem Rücken, und da standen sie nun.
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » So, 12. Aug 2018 20:05

„Jetzt mal nicht gleich den Elfen an die Wand.“, murrte Caradan. Ja sicher, was die Suche nach diesem Amulett anging, da hatten sie noch keinerlei Fortschritt machen können, aber das war auch nicht weiter verwunderlich. Man suchte nach einem ganz speziellen Schmuckstück, von dem niemand außer einer Handvoll Leuten wusste, das es magisch angehaucht war. Es wurde behandelt wie jedes beliebige Stück und hinterließ nicht zu sehende Spuren, wenn es denn überhaupt welche hinterließ. Hätte einer der vorangegangenen Besitzer wenigstens einen blassen Schimmer gehabt, hätte er sich vermutlich fachlichen Beistands versichert und somit die Zahl der Verdächtigen um ein vielfaches vermindert. So allerdings konnte das Schmuckstück überall sein. Es konnte bereits an einen wohlhabenden Baron gegangen sein, der es seiner Mätresse als Geschenk überlassen hatte, die es wiederum für einen Pfeifenkopf Starrkraut eingetauscht hatte und nun befand es sich in einer Schatztruhe auf einem Wagen gen Süden und eben jener Wagen würde morgen ausgeraubt werden. Es war unmöglich diese Dinge voraus zu ahnen. Aber Caradan war das egal. Solange er mit Aen ein Ziel hatte, war ihm eigentlich alles recht. Es gab nichts schlimmeres, nichts langweiligeres als Eintönigkeit. Und wenn Aenaeris eines nicht war, dann eintönig. Er musste in sich hinein Grinsen.
„Und siehst du, wie ich immer sage, ‚Kleider machen Leute‘.“ Da hatte sie allerdings recht. War wer in feinen Samt gekleidet, krochen einem diese Arschlecker förmlich in den Arsch, während sie Caradan im gleichen Atemzug bespucken würden. „Weisst du, mein früherer Gefährte meinte, ich sei schön genug für einen König.“ Der Dieb schnaubte. „Klingt als würden nur Monarchen Schönheit verdienen.“ „Muss ja kein König sein,“, zuckte sie mit den Schultern. „ein Fürst oder ein Graf genügte schon.“ Caradan lachte. „Wie wäre es mit einem König unter Dieben? Wenn ich mich ein wenig bemühen würde...“ Er ließ den Satz unvollendet. Wäre er nur endlich wieder in Aramad, dann könnte er Aen zeigen, dass er nicht nur dieser heruntergekommene Streuner war. Dann könnte er ihr ihre schönen Kleider kaufen, denn wenn er ehrlich war, er wusste gar nichts mit dem Geld anzufangen. Erst recht nicht, weil er schon Monate keinen Zugriff darauf hatte. Man sagt ja immer, wenn man etwas will und es dann bekommt, weiß man nichts damit anzufangen. Nun Caradan hatte und wollte es zurück, aber wusste trotzdem nichts. Es war verwirrend und nervtötend. „Dieses Leben geht mir schon gehörig auf die Nerven.“, maulte sie und Caradan musste erneut lachen. „Ich sehe es vor mir.“, grinste er sie an und blieb stehen. „Du sitzt in einer Burg, in feine Kleider gehüllt und das Strickzeug im Schoß. Deine Haare bekommen schon graue Strähnen und deine Brüste...“, er strich über das besagte Areal und ließ seine Hand einen Moment verträumt auf ihren Brüsten ruhen. „Hängen etwas tiefer als heute. Zu deinen Füßen zwei Mädchen, sie spielen mit Puppen und gerade kommt dein Gatte herein, ein fetter Glatzkopf, der seinen Schwanz schon seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. An seiner Seite euer Sohn, der seltsamerweise viel mehr Ähnlichkeit mit dem Stallmeister hat, als mit deinem Mann.“ Caradan konnte nicht mehr an sich halten und prustete los. „Oh ja.“, keuchte er atemlos. „Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich kann mich an den Gedanken nicht gewöhnen.“

„Fick mich...“, stöhnte Caradan als er den dicken Händler von vorhin auf der anderen Seite des Marktes auftauchte. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war eingerostet. Nein, doch … verdammt. Eine andere Möglichkeit konnte es nicht geben und das schlug ihm mehr auf den Magen, als die Aussicht auf eine Schlinge um seinen Hals. Es war eine Kränkung seines beruflichen Stolzes und seines ganz persönlichen Egos. Er war noch nie erwischt worden oder zumindest hatte er das so schnell bemerkt, dass er das Weite hatte suchen können, noch ehe die Bestohlenen wussten wo er hin war. In den Straßen Lanyameres war das nie ein Problem gewesen und in einer Stadt mit hunderten Dieben, erinnerte man sich auch selten an ein Gesicht. Caradan versuchte nicht allzu hektisch zu wirken als er sich umsah. Wunderbar, sie hatten die Wahl zwischen einer weiten, offenen Landschaft oder dem Markt, der in diesem Moment von Wachen durchkämmt wurde. Sein Blick fiel auf eine Schenke. Dieser Ort war so gut wie jeder andere, um sich einen Moment zu verstecken und dann einen Fluchtplan zu ersinnen. Er packte Aen am Arm und dirigierte sie zu besagter Schenke. Zumindest hatte er das vor. Das zunächst unauffällige Dirigieren wurde schnell zu einem Kampf, denn Aen sträubte sich. „Komm schon.“; knurrte Caradan und zerrte an ihrem Handgelenk. Wie eine ängstliche Kuh auf dem Weg zur Schlachtbank wehrte sie sich und der Dieb musste sich ganz schön anstrengen sie in Bewegung zu halten. „Verdammte Scheiße, Aen,“, zischte er. Endlich erreichten sie die Schenke und Caradan schob seine Begleiterin hinein und zog die Tür lautstark zu. Aen stand da wie angewurzelt und starrte in den Schankraum. Der Arcanier packte sie bei den Schultern und drehte sie, damit er ihr in die Augen sehen konnte. „Was soll das?“, schnauzte er abgekämpft. „Willst du das wir erwischt werden?“, fügte er etwas leiser hinzu. Musste ja nicht jeder mitbekommen, dass sie oder vielmehr er etwas getan hatte, wofür man erwischt werden konnte. Dieses sture, kindische Gehabe von Aen machte ihn rasend. In weniger bedrohlichen Situationen war es anstrengend und amüsant zu gleichen Teilen, aber jetzt, gerade jetzt, war es Lebensgefährlich.
„Willkommen im Erlegten Werwolf.“, rief der Wirt und winkte sie zu sich. Caradan hob den Blick und lächelte dem Wirt entschuldigend zu und erstarrte. Natürlich hatte er Aen ihre Geschichte nicht geglaubt, jedenfalls nicht zur Gänze. Ein vielleicht doch nicht so toter Werwolfgatte, der noch irgendwo herumstreunte war eben eine Geschichte, die geradezu nach Beweisen schrie. Niemand bei klarem Verstand würde es einfach für bare Münze nehmen und Caradan war, allen Umständen und vergangenen Geschehnissen zum Trotz, ein Mann klaren Verstandes. Auch das Aens Geschichte ihren Widerwillen erklärte, diese Stadt zu betreten hielt der Dieb für eine Ausrede. Wahrscheinlicher war es, dass sie irgendjemanden hier Geld schuldete und diesem Jemand wohl nicht über den Weg laufen wollte. Aber nun, da der Wirt eröffnete, wo sie sich befanden und viel wichtiger, wie der Ort hieß… da überkam den Dieb ein ungutes Gefühl. Aen hatte ihm vertraut, hatte ihm so sehr vertraut, dass sie mit ihm eines ihrer größten Geheimnisse geteilt hatte. Das Feuerrohr, eine wahre, wirklich existierende Tatsache, die so unglaublich war, dass er es wohl auch nicht geglaubt hätte, wenn sie ihm bloß davon erzählt hätte. Hätte sie ihm nur davon berichtet, dass dieser kleine Stock solch Wunden schlagen konnte, er hätte sie ausgelacht. Nun war es schwer einen Werwolf zu überreden, noch dazu den Werwolfgatten, sich dem Mann der es seiner Frau nun besorgte zu zeigen ohne, und dass wollte Caradan unterstreichen, ohne diesem Mann das Herz herauszureißen. Sie hatte ihm die Wahrheit erzählt und er hatte ihr nicht geglaubt. So war es.
„Tut mir leid.“, wisperte er tonlos und legte einen Arm um sie. „Wir verschwinden, noch heute. Fort von dieser verfluchten Schenke und fort von dieser verdammten Stadt.“ Er strich ihr über die Wange. „Aber erst, müssen wir hier raus.“ Sanft aber bestimmt, zog er sie in den Schankraum und setzte ein falsches Lächeln auf. „Ein Zimmer bitte.“, wandte er sich an den Wirt. „Is voll.“, kam es zurück. „Na ein Zimmer wird ja wohl da sein. Wir brauchen auch nur ein Bett.“ Der Wirt grinste dreckig. „Denk ich mir. Aber is voll.“ Caradan nickte geistesabwesend. Für sowas hatten sie nun wirklich keine Zeit. Er fischte einen Heller aus dem Geldbeute. „Wäre jemand bereit sein Zimmer zwei müden Reisenden für ein paar Stunden zu überlassen?“, fragte Caradan laut und blickte in den Schankraum. „Ihr wollt doch nur ficken.“, kam es aus einer Ecke und Gelächter ertönte. „Ja und?“, konterte Caradan und ein Mann zu seiner Rechten erhob sich. „Könnt meins nehmen. Oben das Erste.“ Der Dieb schnippte ihm die Münze zu. „Ich danke.“, meinte er und begab sich mit Aen nach oben in das besagte Zimmer.

Kaum das sie den Raum betraten, suchte Caradan schon nach einer Möglichkeit, die Tür zu verbarrikadieren. Er schnappte sich einen robust aussehenden Stuhl und rammte ihn unter den Türriegel. Zwar bezweifelte er, dass das irgendwas bringen würde, aber es gab ihm ein Gefühl der Sicherheit und half, die aufkommende Panik ein Stück weit zu dämpfen. „Wir müssen zurück zum Strauchdieb.“, eröffnete er die Planung. Sie mussten dort ihre Habseligkeiten holen und ganz wichtig die Pferde. Vor allem die Pferde, denn sonst würde sie keine zehn Meilen weit kommen, wenn jemand bemerkte, wohin sie flohen. Zumindest Caradan. Aen hatte ja niemand von mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht. Sie konnte sich eigentlich noch frei bewegen, aber in dem Moment begrenzten Verstandes, hatte er nicht daran gedacht. Nun war es zu spät. Oder vielleicht auch nicht. „Wenn wir uns trennen...“, überlegte er laut. „Könntest du die Pferde holen und -“ Er stockte. Aen machte nicht den Eindruck als ob sie sonderlich begeistert wäre alleine durch diese Stadt zu stromern. Der Dieb bezweifelte, dass sie überhaupt alleine in dieser Stadt sein wollte, erst recht nicht in dieser Schenke. So schnell ihm der Gedanke gekommen war, so schnell verwarf er ihn auch wieder. Er wusste nicht weiter. Es war einfach so dumm gewesen sich in diese Schenke zu begeben. Nun saßen sie wirklich in der Falle und konnten eigentlich nur warten, bis man sie fand. Der Dieb blickte sich um, ob man etwas in dem kleinen Zimmer als Waffe benutzen könnte. Die Ausbeute war enttäuschend. In diesem Zimmer gab es nichts. Ein Bett, ein Stuhl und eine Truhe, die mit geöffnetem Deckel nur ein paar schmutzige Kleider enthüllte. Vielleicht konnte man einen Angreifer aus dem Fenster werfen, aber das war es auch wieder.
Das Fenster, natürlich. Caradan hechtete zu dem die Freiheit versprechenden Ausgang und blickte hinaus. Er sah noch, wie sich der befiederte Hut des feisten Händler unter ihm in der Schenke verschwand. Na wunderbar. Offensichtlich hatte sie jemand draußen verpfiffen oder Aens Gehabe war so auffällig gewesen, dass man die beiden Arcanier von Weitem hatte sehen können. Am Ende war es völlig egal, wichtig war nur die Frage, was sie jetzt tun sollten. Der Dieb konnte draußen keinen Wachmann erspähen, hörte dafür bereits das Poltern von schweren Stiefeln auf der Treppe. „Komm.“, zischte Caradan Aen zu und trat auf den Fensterrahmen. unangenehme Erinnerungen stiegen in ihm auf. Wie wahrscheinlich war es das er mehr als einmal mit einer schönen Frau alleine in einem Raum war und irgendein gewalttätiges Arschloch ihn dazu zwang sein Heil in der Flucht durch ein Fenster zu suchen? Sollte das etwa sein Schicksal sein, immer und immer wieder? Das Problem mit Fenstern im Obergeschoss, es ging tief nach unten. Was nützte ihm ein gebrochener Knöchel, wenn er weglaufen wollte? Dennoch, Caradan hockte sich auf den Sims und ließ die Beine baumeln. Mit einer Hand hielt er sich fest, ließ sich ein Stück nach unten gleiten und stieß sich dann ab. Er landete mit federnden Knien auf dem Boden und fiel unsanft auf den Hintern. „Fick die Geschwister.“, knurrte er und rappelte sich auf. Er blickte sich hastig um, aber sah niemanden, der sich für ihn interessierte. Aen stand oben am Fenster und er winkte ihr auffordernd zu. „Komm schon.“
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mi, 29. Aug 2018 6:54

„Ich sehe es vor mir. Du sitzt in einer Burg, in feine Kleider gehüllt und das Strickzeug im Schoß. Deine Haare bekommen schon graue Strähnen und deine Brüste… hängen etwas tiefer als heute. Zu deinen Füßen zwei Mädchen, sie spielen mit Puppen und gerade kommt dein Gatte herein, ein fetter Glatzkopf, der seinen Schwanz schon seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. An seiner Seite euer Sohn, der seltsamerweise viel mehr Ähnlichkeit mit dem Stallmeister hat, als mit deinem Mann.“ Aen lauschte Caradans Worten und hieb ihm empört in die Seite, als dieser zu lachen begann. “Hör auf! Meine Brüste werden nicht hängen!” rief sie. Natürlich würde sie älter werden, und altern, es sei denn man würde sie vorher am Galgen aufknüpfen oder ihr den Kopf abschlagen. Bei diesem Gedanken griff sie sich unwillkürlich an die Kehle. Und dennoch war ihr bewusst, dass sie durch den elfischen Anteil in ihrem Blut langsamer und anders altern würde, wie gewöhnliche Menschen. “Und niemals werde ich einen fetten Glatzkopf zum Mann haben. Außerdem werde ich sowieso nie wieder heiraten, somit auch keine Burg, keinen schmerbäuchigen Ehemann und keine Bastarde. Nein, an diesen Gedanken kann ich mich auch nicht gewöhnen. Ende der Diskussion” schloss sie.

Und nun stand sie im Gasthaus “Zum erlegten Werwolf”, in welches Caradan sie gegen ihren Willen gezogen und gezerrt hatte. Und zu allem Überfluss begrüßte der Wirt sie beide noch überschwenglich. Überschwenglich wohl deshalb, weil sie sie nicht erkannte, da sie in berechnender Weise hinter Caradan stand, beinahe zur Salzsäule erstarrt. Sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Sie hatte wirklich nicht gedacht, dass die Vergangenheit immer noch so schmerzen konnte, wenn man so direkt mit ihr konfrontiert wurde. Und doch war es so. “Tut mir leid” flüsterte er als er sich umwandte, und legte seinen Arm um sie. “Wir verschwinden, noch heute, fort von dieser verfluchten Schenke und fort von dieser verdammten Stadt. Aber erst müssen wir hier raus.” Sie nickte beipflichtend, doch als er sich bei dem Wirt nach einem Zimmer erkundigte, verstand sie die Welt nicht mehr. Doch nun, in dieser Schenke, war sie kleinlaut, und protestierte nicht mehr, sondern schwieg. Doch zu Aens unglaublichem Glück war kein freies Zimmer zu haben, was Caradan aber nicht davon abhielt, mit einer Münze sein Glück zu versuchen und um ein Zimmer zu feilschen, was ihm schließlich auch gelang, als einer der Gäste ihm seines überließ. Mit gesenktem Kopf trottete sie hinter Caradan hinterher. Den Zweien wars gedankt, das sie nicht so grausam gewesen waren und ihnen nicht das letzte Zimmer am Gang zugedacht hatten. das letzte Zimmer, wo das Schicksal vor über zwei Jahren seinen Lauf genommen hatte. Interessanterweise war Aen aber dennoch neugierig, nun, wo sie schon einmal hier war. Aus unerfindlichen Gründen hätte sie gerne noch einmal jenes Zimmer betreten. Nur, um zu sehen, ob dort noch alles so wie früher war, ob sich dort noch ein Zeugnis jenes schicksalshaften Tag befand.

Kaum im Zimmer angekommen, stellte Caradan einen Stuhl vor die Türe unter die Schnalle, um diese zu verbarrikadieren. “Wir müssen zurück zum ‘Strauchdieb’”, erklärte er. “Wenn wir uns trennen, dann könntest du die Pferde holen…” Aen sah ihn mit schiefem Kopf an. Das war nun wirklich nicht die beste Idee. Sie beobachtete ihn weiterhin schweigend, während er sich in dem Raum umsah und schließlich ans Fenster trat. Als schwere Stiefel im Treppenhaus polternden, machte er Anstalten, die darauf hindeuteten, dass er aus dem Fenster klettern wolle. Und wirklich, er stieg aus dem Fenster, setzte sich auf das Sims und hangelte sich mit einigen geschickten Bewegungen herunter, wo er schließlich weniger geschickt und etwas unsanft auf seinem Hintern, aber sonst völlig unversehrt auf dem Boden landete. Aen blickte aus dem Fenster auf ihn herunter, und er forderte sie auf, es ihm gleichzutun. “Komm schon!” rief er leise, doch die Arcanierin schüttelte den Kopf. Sie war bei den Geschwistern keine Kletterin, keine Katze, und kein Vogel. Niemals konnte sie aus dem Fenster klettern, so wie er. Das würde sie nicht unbeschadet zuwege bringen. Und außerdem, dazu hatte sie viel zu viel Schiss. Als sie Geräusche an der Türe hörte und schließlich ein lautes Poltern von Fäusten, die gegen die Türe schlugen, da wandte sie den Kopf. Was nun? “Hau ab! Warte im Strauchdieb auf mich!” raunte sie ihm zu, dann verschwand ihr Kopf aus dem Fenster. “Denk nach… denk nach…” sagte sie sich selbst und trat unruhig auf der Stelle auf und ab. “Sie suchen nach Caradan, nicht nach mir... “ Doch ob sie bei dem Diebstahl anwesend war, war wohl irrelevant. Sie war mit ihm hier und das machte sie zu seinem Komplizen. Da könnte sie beteuern was sie wollte. Sie lief zurück an das Fenster und blickt hinaus. Von Caradan war nichts mehr zu sehen. Und nun? Fieberhaft blickt sie hin und her. Eigentlich war es egal, was sie machte. Aus dem Fenster springen war genauso töricht wie hier zu bleiben und eine Geschichte aufzutischen, Die ohnehin niemand glauben würde. Darüber hinaus war die Gefahr gegeben, dass der Wirt sie erkennen würde und sie wollte lieber nicht herausfinden, was dann passierte. Die Türe, die nicht die stabilste war, erzitterte ganz gehörig unter der Last der schweren Fäusten die darauf hämmerten, und auch der Stuhl wackelte beunruhigend. Eines von beiden würde bald seinen Dienst aufgeben, und Aen tippte dabei auf den Stuhl. Schließlich stellte sie sich an die Wand neben die Türe und presste sich ganz dicht an die Wand. Sie sagte kaum zu atmen und nach wenigen Augenblicke fiel der Stuhl um und die Türe öffnete sich schwungvoll. Zum Glück für die Arcanierin nicht so schwungvoll dass sie die Türe ins Gesicht geschmettert bekam. “Wo ist der dreiste Dieb?” rief eine empörte Stimme, die Aen als jene des Betuchten erkannte. “ Getürmt” tönte eine weitaus nüchternere. “Was heißt hier getürmt? Er ist doch eben erst in dieses Zimmer gegangen, so sagte der Wirt!” “Nun, seht, das Fenster steht weit offen. Und ist er hier? Nein. Wir sollten versuchen seinen Vorsprung zu verringern. Sucht weiter!” Die Türe fiel ins Schloss und die Schritte verhallten allmählich auf dem Gang. Dennoch wagte Aen es noch nicht sich zu bewegen. Erst nach einer ganzen Weile tat sie einen tiefen Atemzug und schließlich einen Schritt nach vorne und ließ es gar nicht erst zu, das Kichern zu unterdrücken, welches ihr im Halse steckte. Sie wartete eine Weile lang, und dann öffnete sie langsam die Türe des Zimmers. Die Türe quietschte in der Angel und eine Gänsehaut lief ihr dabei über den Rücken und die Arme. Doch niemand war am Gang zu sehen, und so trat sie hinaus und ging langsam Richtung Treppe. Ebenso langsam nahm sie Stufe für Stufe, bis sie am Treppenabsatz angelangt war.

Nur noch wenige Schritte trennten sie von der Türe hinaus auf die Straße, und so eilte sie durch den Schankraum, bis sie eine Stimme aufhielt. “Heee! Du da, Weib, bleib stehen!” Aen seufzte und tat wie ihr geheissen. Allzu große Aufmerksamkeit konnte sie in diesem Moment nicht gebrauchen. Wenn sie ihn nun einfach ignorierte, dann lief sie Gefahr, dass er ihr folgte und sein Geschrei könnte dann Caradans, und somit auch ihre Häscher alarmieren. So blieb sie also stehen und wartete bis der Wirt auf sie zukam. Derweil kramte sie in ihrem Geldbeutel nach einer angemessenen Münze. Diese hielt sie dem Wirten vor die Nase. “Ich war nie hier, ja?” Der Wirt nahm die Münze und ließ sie elegant in seiner Wamstasche verschwinden bevor er die Arcanierin musterte. Plötzlich schien es ihm zu dämmern. “Heee… Na klar warst du hier! Du bist doch die Gefährtin von diesem… diesem Monster… und dann warst du vor einigen Monden noch einmal hier… mit dieser alten Schabracke… diese Mutter Oberin… Na du hast ja Nerven, dich hier ein weiteres Mal blicken zu lassen!” Aen legte den Kopf schief und grinste. “Aller guten Dinge sind drei, so heißt es doch?” Sie kramte in ihrem Geldbeutel und holte eine noch angemessenere Münze hervor und legte sie ihm in die Hand und schloss sie zu einer Faust. “Mit dem Diebstahl hab ich nichts zu tun, das schwöre ich beim Leben meines ungeborenen Kindes” sagte sie und legte dabei eine Hand auf ihren Bauch. “Und was das andere betrifft… von den Arcaniern hast du rein gar nichts zu erwarten, wenn du mich verpfeifst. Mit dieser weiteren Münze hier…” fingerte sie eine dritte Münze heraus “...bist du fein raus. Am Ende zerlegen Sie dir deine Schenke, hm? Adieu!” Mit diesen Worten warf sie die Münze in die Luft, wandte sich ab und verließ mit wirbelnden Röcken, und langen Schritten eiligst die Schenke und ließ den verdutzten Wirten einfach stehen. Ob er die Münze aufgefangen hatte oder ob sie auf den Boden gefallen war, sah sie nicht mehr, denn sie verschwendete keine Sekunde daran sich auch nur einmal nochmal umzudrehen.

Auf der Straße wechselte sie die Häuserseite und ging mit schnellen Schritten davon. Solange der Wirt ihr nicht folgte, schien sie keiner Gefahr ausgesetzt zu sein, denn weder der Federhut noch die Stadtwache hatte sie zusammen mit Caradan gesehen und so wähnte sie sich in relativer Sicherheit. Trotzdem sah sie zu dass sie sich beeilte und lief mit schnellen, aber nicht zu schnellen Schritten zum “Strauchdieb”. Im doppelten Sinne… Als Aen den Schankraum betrat, blickte sie sich um. Von Caradan war jedoch nichts zu sehen. Und noch etwas fiel ihr auf: auch von dem finsteren Kerl, den sie angeheuert hatten war keine Spur zu entdecken. Sollten sie ihn zu lange hatten warten lassen? Oder befand er sich oben in ihrem Zimmer bei Caradan? Oder war der auch nicht da? Um das herauszufinden blieb ihr nichts anderes übrig als erneut Stufen zu steigen und nachzusehen ob Caradan die Flucht gelungen war oder längst in einer Wachstube der Stadtwache saß. Die Arcanierin öffnete die Türe, steckte erwartungsvoll den Kopf herein und sah sich um. “ Da bist du ja…” meinte sie knapp und wenig erfreut. Er lümmelte auf dem Bett herum, als sei nichts weiter vorgefallen. Aen trat in das Zimmer und schloss die Türe hinter sich ehe sie ihn mit Vorwürfen überschüttete. “Und? Hast du dich auch gut erholt von deinem Abenteuer? Wie schön, dass du hier in aller Seelenruhe rumlungerst, während ich mich mit anderen Problemen umherschlagen musste. Wie kannst du aus dem Fenster springen und erwarten, dass ich dir folge? Bin ich eine Katze? Ein Vogel? Sehe ich so aus? Oder denkst du ich wäre verrückt? Ja, verrückt vielleicht ein wenig, aber nicht lebensmüde! Und der Wirt! Man könnte sagen, wir sind bereits Bekannte. Nachdem ich ihn mit drei Münzen bestochen habe, vielleicht werden wir sogar noch Freunde eines Tages. Sie schnaubte und ließ sich auf einem der Stühle nieder. Noch bevor Caradan etwas sagen konnte, hob sie abwehrend die Hand und moserte, während sie in ihrem Beutel nach einigen Ingredienzien und Gerätschäften kramte: “Ich wills nicht hören. Lass mich in Ruhe, ich muss mich jetzt erst einmal beruhigen und wieder runterkommen.” Und am besten gelang das mit einer schönen Pfeife mit Starrkraut. Als die Pfeife glomm, und sie einige Züge getan hatte, meinte sie, während der Rauch aus ihrem hübschen Mund waberte: “Wir können hier noch nicht weg. Wir müssen erst zum Goldschmiedezunfthaus. Du erinnerst dich? Ach übrigens, wo ist eigentlich unser Freund abgeblieben?”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mi, 29. Aug 2018 20:06

Der Dieb starrte perplex hinauf zum leeren Fenster, dorthin wo eben noch Aen gestanden hatte. Er konnte doch nicht einfach abhauen. “Scheiße.”, fluchte er leise. Das hatte er sich irgendwie anders vorgestellt, irgendwie… besser durchdacht. In seiner Vorstellung hätten seine Häscher die Schenke auf Links gedreht, während Aen und er in aller Ruhe zurück zum Strauchdieb gegangen wären, ihr Hab und Gut geschnappt hätten und im Galopp diese Stadt hinter sich gelassen hätten. So stand er nun allein vor einem Fenster, wie ein verschmähter Liebhaber und starrte hinauf in der Hoffnung, seine Angebetete würde sich seiner doch noch erbarmen und ihn einlassen. Oder in diesem Falle zu ihm hinaus kommen. Was sollte er nun tun? Er lief einmal um die Schenke herum, sodass er nun den Eingang sehen konnte. Natürlich konnte er in die Schenke stürmen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, konnte sich Lüge um Lüge aus den Fingern saugen, eine lebhafter und plausibler als die Andere, aber er wagte zu bezweifeln, dass sie ihn zu Wort kommen ließen. Nein, sie würden ihm den Kiefer brechen und ihn am nächsten Baum aufknüpfen, ehe er sie beschimpfen könnte. “Na auf der Flucht.?”, hörte eine weibliche Stimme hinter sich und zuckte zusammen. Eine alte Frau, mit lichtem grauen Haar und mehr Falten als Gesicht lächelte ihn freundlich an. Sie trug einen Korb Äpfel mit sich herum. “Ja…”, antwortete Caradan und fügte noch hastig hinzu. “Vor ihrem Vater.” Die Alte lachte rau. “Ach mein Lieber. Früher standen so viele junge, gutaussehende Männer vor meinem Fenster und ich habe mir nur die ausdauerndsten ausgesucht. Bei den Sieben, was hatte ich meinen Spaß mit ihnen…”, kam die Alte gar nicht mehr zu Ruhe. Sie schnatterte über ehemalige Liebschaften und wie sie ihren verstorbenen Ehemann getroffen hatte und so fort. Sie war so in ihren Erinnerungen versunken, dass sie gar nicht merkte, wie Caradan sich langsam verdrückte. Zumindest verdrücken wollte, denn just in diesem Moment stürmte der feiste Federhut und seine Konsorten aus der Schenke und die Alte packte Caradan am Arm und zog ihn zu sich, drückte ihm den Apfelkorb in die Hand, den er sich vors Gesicht hielt und schob ihn um eine Hausecke herum. “Hach junge Liebe ist so was Aufregendes.”, fuhr sie unbeirrt fort und Caradan war sehr dankbar, dass die Alte zwischen ihm und den Wachen Stellung bezogen hatte. Sobald die Wachen außer Sicht waren, stellte der Dieb den Apfelkorb wieder ab und ergriff die Hände der Alten, die, den Zwei sei Dank, überrascht den Mund hielt. “Ich danke dir.”, begann der und beeilte sich fortzufahren. “Wie kann ich dir das danken.” “Hilde.”, lächelte die Alte. “Wenns ein Mädchen wird.” Caradan runzelte die Stirn, verstand dann aber was sie wollte. “Natürlich. Ich schwöre es.” Dann machte er sich auf, sich heimlich zum Strauchdieb zu schleichen.

Der Weg war nicht weit, aber der Dieb musste darauf achten, keinem seiner Häscher in die Arme zu laufen. Er hoffte bloß, dass es Aen irgendwie gelungen war, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen. Wenn ihr was geschehen sollte… darüber wollte er gar nicht nachdenken. Vielleicht wäre es ausgleichende Gerechtigkeit, wenn sie nun die Konsequenzen für sein Handeln tragen müsste, so wie er für ihren Mord an Iardes beinahe sein Leben gelassen hätte, aber dennoch. Dieser Schuld würde er sich nicht entziehen können und er hasste es, sich für etwas schuldig zu fühlen. Nein, sobald er in der Schenke war, würde er sich einen Plan zurechtlegen, einen besseren Plan als einfach aus dem Fenster zu springen, und Aen zur Not mit Gewalt aus den Fängen der Federhutes befreien. Oder so ähnlich… Der Dieb war so in Gedanken versunken gewesen, dass er beinahe nicht bemerkt hätte, dass direkt vor ihm jemand die Menge durchsuchte. Caradan machte auf dem Absatz kehrt und lief in die entgegengesetzte Richtung ehe er nach Links einbog und den Mann, der einem Falken gleich die Menge überwachte. Einem fetten, gelangweilten und halb blinden Falken gleich. Nichtsdestotrotz, wäre es wohl besser gewesen, dem Falken unter der Nase durchzuhuschen, denn nun steuerte er zielsicher auf den feisten Federhut zu, der in diesem Moment drei seiner Handlanger zur Sau machte, weil sie den Dieb hatten entkommen lassen. Einer der drei wich gerade dem Blick seines Herren aus und sah Caradan direkt an. Der Mann zog die Brauen unschlüssig zusammen und lenkte die Aufmerksamkeit seiner Kameraden auf den Mann in Menge, also auf Caradan. Sie blickten sich um, doch das einzige das sie sahen, war ein sich bildender Tumult, denn ein Dutzend keifender und schubsender Menschen prügelten sich um eine Hand voll Münzen, die jemand augenscheinlich verloren hatte. Tatsächlich hatte Caradan seinen Beutelinhalt wild in der Gegend verteilt, sodass sich möglichst viele Menschen zwischen ihn und seine Verfolger stellten und es klappte. Schon nach wenigen Augenblicken hatte er den Markt hinter sich gelassen und rannte förmlich zr Schenke. Vollkommen blank, aber immerhin unentdeckt.
Am Ziel angelangt, schlich sich Caradan in die Schenke. Sein Blick suchte nach ihrem vermummten Freund, der aber nirgends zu sehen war. Offensichtlich hatten sie sich doch zu viel Zeit gelassen. Na hoffentlich hatte er sich nicht an ihrem mickrigen Habe gütlich getan. Der Dieb huschte hinauf in ihr Zimmer und erlaubte sich nun einen kurzen Moment der Ruhe, ehe er sich daran machte, ihre Sachen für eine schnelle Flucht zusammen zu packen. Ein Glück hatten sie nicht vorgehabt lange zu bleiben, denn die meisten ihrer Habseligkeiten waren noch bei den Pferden. Der Dieb ließ sich aufs Bett sinken. Wie lange sollte er hier warten? Er hatte nicht den verräterischen Knall von Aens Feuerrohr gehört und ging daher davon aus, dass es ihr entweder gelungen war abzuhauen oder… Sein Magen verkrampfte sich. Nein er sollte nicht länger warten, er durfte und konnte nicht länger. Wenn sie Aen wirklich erwischt hatten, dann durfte er keine Zeit verlieren. Planen hin oder her, am Ende lief es immer so, wie es nicht geplant war, erst recht wenn Aen dabei ein Wörtchen mitzureden hatte.

“Da bist du ja…”, sprach es aus der Tür. Caradan setzte sich ruckartig auf. Aen betrat das Zimmer und ihr schien es gut zu gehen. Sie machte nicht den Eindruck, als hätte man ihr auch nur ein Haar gekrümmt. “Aen?”, hauchte der Dieb überrascht. “Und? Hast du dich auch gut erholt von deinem Abenteuer? Wie schön, dass du hier in aller Seelenruhe rumlungerst, während ich mich mit anderen Problemen umherschlagen musste. “, fuhr sie ihn an und er klappte unschlüssig den Mund auf und zu. Ihr ging es prächtig und das erleichterte ihn ungemein. “Wie kannst du aus dem Fenster springen und erwarten, dass ich dir folge? Bin ich eine Katze? Ein Vogel? Sehe ich so aus? Oder denkst du ich wäre verrückt?” Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. “Nun…”, begann er, doch sie schnitt ihm das Wort ab. “Ja, verrückt vielleicht ein wenig, aber nicht lebensmüde.” Sie war beleidigt, dass konnte Caradan nachvollziehen, aber es amüsierte ihn mehr, als das es ihn ärgerte. “Aen…”, hob er an, aber sie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. “Ich wills nicht hören.” Sie stopfte sich eine Pfeife. “Lass mich in Ruhe, ich muss mich jetzt erst einmal beruhigen und wieder runterkommen.” Missmutig beobachtete er, wie sie sich erneut eine Blüte gönnte. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf einem der wackeligen Stühle und konzentrierte sich mehr auf ihre Pfeife, als auf ihn. Ja ja, die kalte Schulter. Der Dieb trat einen Schritt an sie heran und legte ihr die Hand auf die Schulter. “Tut mir leid.”, begann er. “Ich fands eine gute Idee, in dem Moment.” Er schritt um sie herum und hockte sich vor sie und grinste sie an. “Hab mich geirrt. War eine scheiß Idee. Aber…”, meinte er gedehnt und legte ihr eine Hand aufs Knie. “Ich bin hier. Du bist hier.” Er zuckte mit den Schultern. “Hat doch alles geklappt.” Ein breites Grinsen stellte sich auf seinem Gesicht ein. “Jetzt können wir diese scheiß Stadt hinter uns lassen. Nichts wie weg.” Enthusiastisch sprang er auf, doch Aen verpasste ihm sogleich einen Dämpfer. “Wir können hier noch nicht weg. Wir müssen erst zum Goldschmiedezunfthaus. Du erinnerst dich? Ach übrigens, wo ist eigentlich unser Freund abgeblieben?”
“Im Stall und holt sich einen runter.”, gab Caradan etwas gereizt zurück. “Ich hab keine Ahnung wo der Kerl ist und es ist mir auch egal!” Er atmete einmal tief ein und aus, beruhigte sich wieder und bekam seine Stimme wieder unter Kontrolle. Einen langen Moment blickte er Aen an, bevor dann doch wieder sprach. “Ist das deine Rache für meinen … Meisterplan?”, fragte er. “Falls es dir entfallen sein sollte, da draußen laufen keine Ahnung wie viele Männer herum, die mich suchen und hängen wollen.” Caradan seufzte entnervt. “Ich bin zwar aus dem Fenster gesprungen, aber nicht auf den Kopf gefallen. Warte kurz…” Im nächsten Moment entkleidete sich Caradan bis auf die Hose und schnappte sich einen der Eimer, die des Nachts verhindert hatten, dass sie ertranken und tunkte seinen Kopf unter. Prustend kam er tauchte er wieder auf und schnappte sich sein Messer, sein Beutelmesser, jenes leicht gebogene, rasiermesserscharfe Ding und deutete mit der Klinge auf Aen. “Du bist ein bösartiges und rachsüchtiges Weib.”, warf er ihr vor, signalisierte aber mit einem breiten Lächeln, dass seine Worte nicht so ernst gemeint waren, wie sie klangen. Nur der Federhut und sein Wachmann hatte Caradan gesehen, der Rest der Truppe musste sich auf eine Beschreibung von ihm verlassen. Also musste Caradan einfach nicht mehr so aussehen wie er selbst. Er hielt die Luft an und im nächsten Moment, schnitt er sich den Zopf ab. Dann den Rest der langen Haare. Strähne um Strähne fiel zu Boden und er fuhr schweren Herzens fort. So kurz es eben ging, ohne Spiegel oder Schermesser. Das Ergebnis, war ein zerzauster Dieb, dessen ehemals schulterlangen Haare nun zu seinen Füßen lagen. Seinen Bart rührte er aber nicht an! Da würde er lieber hängen, als seiner Eitelkeit den Todesstoß zu geben. Seinen markanten blassblauen Gehrock warf er in die Ecke und stand nun nur in Hose und Stiefeln vor Aen. “Und?”, hob er fragend die Arme. “Erkennst du mich noch?”

Es war so grausam ungewohnt. Als wäre nackt auf dem Kopf. Er fühlte sich wie ein Schwanz ohne Eier, ein Reiter ohne Pferd oder sowas in der Art. Er trug, abgesehen von Hose und Stiefeln, noch ein speckiges, schmuddeliges Leinenhemd und den Schwertgurt trug er locker über die Schulter. Noch mehr konnte er sich auf die Schnelle optisch von heute Morgen nicht unterscheiden. Nichtsdestotrotz war Caradan nicht so dumm, offen herum zu laufen und den Leuten ins Gesicht zu furzen. Er war vielleicht unverschämt, aber ganz sicher nicht unvernünftig. Gemeinsam mit Aen hielt er sich abseits der Menschenmengen, lungerte hier und in Seitengassen herum und drehte sich weg, wenn sie doch mal einen Suchenden trafen. Niemand schien sich augenscheinlich für ihn zu interessieren, aber vielleicht versuchten sie nun unauffälliger vorzugehen, damit er nicht wieder türmte. Wie dem auch sei, Aen und Caradan erreichten den Goldschmied ohne einen nennenswerten Zwischenfall.
Als sie das Gebäude betraten, machte ihnen ein stämmiger Kerl, mit Knüppel am Gürtel und einem Kiefer wie ein Amboss, Platz. Ein Ladenwächter, nicht allzu überraschend, wenn man bedachte mit was hier gehandelt wurde. In Lanyamere hatte jeder Schmuckhändler der es sich leisten konnte, einen Mann an der Tür der jedem übereifrigen Dieb eine über den Schädel zog. Die Wache räusperte sich lautstark und aus dem hinteren Teil des geräumigen Verkaufszimmers kam ein hagerer, ergrauter Mann mit Hakennase. “Ja?”, erkundigte er sich mit leicht nasaler Stimme und legte als er die beiden Neuankömmlinge erblickte, eine Hand unter den Tresen, auf dem einiger, vermutlich billiger, Tand zur Ansicht auslag. Vermutlich umschloss er soeben eine Waffe oder eine Art Signalglocke, um seinem Mann an der Tür ein Zeichen zu geben und die nähere Umgebung zu alarmieren. “Schon gut.”, hob Caradan abwehrend die Hände. “Unser Erscheinungsbild bei Seite, wir sind nicht hier um Euch Scherereien zu machen.” Langsam näherte sich der Dieb dem Auslegetresen. “Wir fragen uns, ob Ihr uns helfen könnt.”, begann er seine Erklärung. “Wisst Ihr ob in den letzten Wochen ein Mann aus Brisangen hier durch gekommen ist? Ein fahrender Händler der vermutlich allerlei Tand zu verkaufen hat.” Der Mann nickte nichtssagend. “Aber er hat auch ein wertvolles Stück dabei gehabt. Ein Amulett aus Gold, mit einer Flamme hinein geätzt. Es heißt Ankor. Vielleicht hat er es Euch verkaufen wollen oder zumindest seinen Wert schätzen lassen.” Der Goldschmied schürzte die Lippen. “Und welchen Interesse habt Ihr an diesem Schmuckstück.” Caradan legte Aen eine Hand auf die Schulter und warf ihr mit trauriger Miene einen entschuldigenden Blick zu. “Kennt Ihr die Armaganenplage im Süden?” Der Mann nickte. “Schon davon gehört.” “Diese Bastarde haben uns alles genommen.”, rief Caradan zornig. “Mir ist nichts außer mein Pferd und Schwert geblieben. Und meiner … Begleiterin....” Er stockte. “Ihr haben sie noch mehr genommen.” Der Dieb legte Aen den Arm um die Schulter und drückte sie an sich. “Ihre Unschuld… und ihr Erbe. Münzen verschwinden schnell, aber so ein Erbstück wie das Amulett… das hinterlässt Spuren und bei den Sieben habe ich ihr geschworen, ihr dabei zu helfen, es wieder zu erlangen.” Der Goldschmied musterte die Arcanier eine Weile. Mitfühlend blickte er Aen an. “Mein aufrichtiges Mitgefühl, edles Fräulein. Beschreibt mir doch bitte nochmal das Amulett.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Do, 30. Aug 2018 14:55

Caradan hatte sich einen Stuhl herangezogen und nahm gegenüber der Arcanierin Platz, die mit der Starrkrautpfeife in der Hand da saß. In Erwartung einer Antwort über den Verbleib des seltsamen und auch brutalen Kerls blickte sie ihn an. “Im Stall und holt sich einen runter.” “Ach? Tatsächlich” fragte sie und sie war sich nicht sicher, ob seine Antwort Ernst gemeint war oder ob er sie auf den Arm nahm. “Ich hab keine Ahnung wo der Kerl ist und es ist mir auch egal!” Aen blies Caradan den Pfeifenrauch ins Gesicht und murmelte “Und mir erst… Ich konnte den Kerl eigentlich von Anfang an nicht leiden, das wäre niemals gut gegangen mit uns dreien…” Abschätzend blickte sie den Dieb an. Er wirkte ein wenig gereizt, aber das konnte mit Sicherheit nicht an ihr liegen. Wenn einer das Recht darauf besaß, gereizt zu sein, dann ja wohl eher noch sie! Aber das Starrkraut entfaltete seine entspannende Wirkung, und allmählich beruhigte sich die junge Frau wieder und wusste schon jetzt beinahe nicht mehr, worüber sie sich eigentlich so aufgeregt hatte. “Ist das deine Rache für meinen … Meisterplan?”, fragte er sie plötzlich. Aen verstand nicht, worauf er hinaus wollte, aber vorerst ließ sie ihn weitersprechen. “Falls es dir entfallen sein sollte, da draußen laufen keine Ahnung wie viele Männer herum, die mich suchen und hängen wollen.” Aen zuckte gelassen die Schultern. Wie immer, wenn sie Starrkraut konsumiert hatte, und die Wirkung eingetreten war, sprach sie eher langsam, leise, und mit etwas tieferer, raunender Stimme. “Na und? Das hast du dir ja wohl selbst zuzuschreiben. Habe ich etwa auf offener Straße einen feisten betuchten Schnösel beraubt?” Dabei hatte sie aber völlig vergessen, dass sie es war, die Caradan nahegelegt hatte, dass sie seine Fertigkeiten als Dieb gebrauchen würden, um den Söldner zu bezahlen, da sie völlig abgebrannt waren. Caradan seufzte “Ich bin zwar aus dem Fenster gesprungen, aber nicht auf den Kopf gefallen. Warte kurz…” Sie wartete, und beobachtete Caradan Starrkraut rauchend dabei, wie er sich entkleidete. Etwas skeptisch sah sie ihm dabei zu. Was wurde das jetzt? Wollte er jetzt etwa vögeln? Noch während Aen darüber nachdachte, und die Geschwister wussten, dass das Starrkraut sie allzeit bereit machte, machte er allerdings alles andere als solche Anstalten. Stattdessen tunkte er seinen Kopf in den Regenauffangeimer, nahm er ein Messer zur Hand und richtete die Klinge schließlich auf sie. Ihr Blick wurde noch skeptischer, als noch wenige Momente zuvor. Noch bevor sie ihn fragen konnte, was das jetzt sollte, sagte er “Du bist ein bösartiges und rachsüchtiges Weib…” Er grinste dabei und Aen verstand die Welt überhaupt nicht mehr. Dann hob er das Messer an, ergriff seinen Zopf und mit einer entschlossenen Bewegung schnitt er sich diesen ab. Aens Augen wurden kugelrund. “Was machst du da? Bist du besoffen?” fragte sie entgeistert, doch er antwortete ihr nicht, sondern schnitt sich stattdessen Strähne für Strähne ab, bis sein Kopfhaar raspelkurz war. Als er damit fertig war, baute er sich vor ihr auf und hob die Arme, um sie gleich wieder fallen zu lassen, zur Bekräftigung seiner Worte “Und? Erkennst du mich noch?” Aen legte die fertig gerauchte Pfeife beiseite, erhob sich und trat langsam an ihn heran, die Augen leicht zugekniffen. “Natürlich” antwortete sie ihm. “Aber wahrscheinlich werden andere dich nicht mehr so leicht erkennen, du siehst ganz anders aus. Aber nicht besser. Im Gegenteil. Aber was solls, wir sind ja kein Paar, nicht wahr? Was kümmert es mich da, wie du aussiehst? Du musst mir ja nicht gefallen.” Aenaeris wandte sich ab, holte ihre Tasche und kramte daraus ihren Hornkamm und setzte sich wieder. Mit einem schnellen Handgriff löste sie das rote Band, welches ihr Haar bändigte und es fiel ihr über die Schultern und über den Rücken. Sie massierte sich mit den Fingerspitzen die Kopfhaut und die Haarwurzeln, die ein wenig schmerzten. Manchmal taten sie das, etwa, wenn sie das Haar zu fest band. Dann hielt sie Caradan den Kamm hin. “Würdest du mir das Haar kämmen?” bat sie ihn, und er tat es natürlich. Sie schloss die Augen, während er Strähne für Strähne teilte und durch kämmte, und schnurrte wie eine Katze, die auf einer warmen Ofenbank saß, unter seinen Berührungen. Als er fertig war, erhob sie sich, beschloss, ihr Haar heute offen zu tragen und dann machten sie sich auf den Weg zum Haus der Goldschmiedezunft.

“Es heisst nicht Ankor… Es hat überhaupt keinen Namen!” stieß Aen Caradan in die Seite, verärgert, dass dieser Holzkopf sich einfach nicht den Namen des Kleinods merken konnte, nachdem er dem Goldschmied geschildert hatte, was der Grund ihres Besuches war. Nach reiflicher Überlegung fand es Aen besser, gar nicht erst den Namen “Ardor” zu erwähnen. Wenn man ein Schmuckstück einfach nur nach Beschreibung suchte, war das etwas anderes, als wenn man den Namen dieses magischen Amulettes erwähnte, und damit womöglich verriet, was es damit auf sich hatte. Der Goldschmied zeigte sich in allem unbeeindruckt, was neben seiner Miene auch sein Tonfall verriet. “Und welches Interesse habt ihr an diesem Schmuckstück.” Caradan legte Aen eine Hand auf die Schulter und warf ihr mit trauriger Miene einen entschuldigenden Blick zu. Sie kannte diesen Blick, es war einer von Caradans aufgesetzten Schauspielerblicken. “Kennt Ihr die Armaganenplage im Süden? Diese Bastarde haben uns alles genommen. Mir ist nichts außer mein Pferd und Schwert geblieben.” Aaen nickte bekräftigend. “Und meiner … Begleiterin… Ihr haben sie noch mehr genommen.” Aen spürte Caradans Arm, der sich um ihre Schulter legte und sie an sich zog. Sie mochte diese Geste in diesem Augenblick, und sie fühlte, wie ihr die Gänsehaut über den Rücken lief und wie ihr Schoß warm und weich wurde. Verfluchtes Starrkraut! “Ihre Unschuld… und ihr Erbe.” Als Caradan das Wort ‘Unschuld’ aussprach, warf sie ihre Hände vors Gesicht und verbarg es verschämt vor den Augen des Goldschmieds. “Münzen verschwinden schnell, aber so ein Erbstück wie das Amulett… das hinterlässt Spuren und bei den Sieben habe ich ihr geschworen, ihr dabei zu helfen, es wieder zu erlangen.” Sie nahm die Hände wieder vom Gesicht und setzte einen Rehaugenblick auf und nickte sachte. Sie tat dabei so eine leidvolle Miene, als wäre ihr das von Caradan geschilderte wirklich passiert. Sie fühlte sich sogar hundeelend in diesem Moment. Das Schauspiel zeigte seine Wirkung. Der Goldschmied sah sie mitfühlend an. “Mein aufrichtiges Mitgefühl, edles Fräulein. Beschreibt mir doch bitte nochmal das Amulett. Oder… Wartet! Vielleicht kann ich euch doch helfen!” Er schlurfte an seinen Tisch wo ein dicker in Leder gebundener Wälzer lag. Er klappte das Buch auf und warf einen dicken Stapel Seiten um, blätterte noch ein wenig, während er “Hm...hm...hm…” murmelte. “Dieses Buch hier ist ein Zentralregister. Darin sind alle Besitzer und Händler aus ganz Alvarania registriert, die mit ihren Schmuckstücken in Wort und Bild, die jemals in diesem Zunfthaus vorstellig wurden, alle Verkäufe, und auch Diebstähle und Verlustanzeigen…” Da spitzte die Arcanierin die Ohren. “Und ab hier sind sämtliche Amulette und Anhänger zu finden. Hier… vielleicht wollt ihr ja selbst blättern.” Er überließ Aen den Stuhl an dem Tisch und sie ließ sich darauf nieder und hauchte ein “Danke”. “Darf ich euch einen Tee kredenzen?” fragte er. Erneut nickte sie. “Vielen Dank, Tee wäre wunderbar…” Er schlurfte davon und ließ die beiden alleine. Ehrfüchtig zog Aen das dicke Buch an sich. Es roch nach Pergament und Bibliothek und holte Erinnerungen zurück an die Zeit im Tempel in Lanyamere. In feinsäuberlicher Schrift war da mit schwarzer Tinte alles mögliche aufgeschrieben, und kunstvoll gekritzelte Bildnisse von Kleinoden und Schmuckstücken. Aen blätterte von Seite zu Seite, aber nichts war da zu finden, was auch nur im entferntesten an ein Schmuckstück erinnerte, dass Ardor sein könnte, Ardor, das sie selbst noch nie erblickt hatte. Immer schneller und gelangweilter blätterte sie, und beinahe schon wollte sie frustriert aufgeben und das Buch wieder zuklappen, doch sie maßregelte sich selbst, es nicht zu tun.Sie blätterte weiter, Seite für Seite, und nach einer Weile endete das Kapitel der registrierten Amulette und gab nur mehr leere Seiten für weitere Schmuckstücke frei. “Es ist nicht dabei… nichts, aber auch gar nichts…” flüsterte Aen enttäuscht zu Caradan. Sie blies die Luft aus ihren Backen und ungläubig blätterte sie weiter, vor und zurück in diesem dicken Wälzer. “Es hat keinen Sinn, wir verschwenden hier nur unsere Zeit, meinte sie, und klappte das dicke Buch zu, als der Ledereinband wieder aufsprang und das Inhaltsverzeichnis preisgab. Eher unaufmerksam flog ihr Blick darüber, als sie schon im Begriff war, sich zu erheben, aber dann erregte etwas ihre Aufmerksamkeit. “Magische Artefakte, Einzelstücke und Individuen” stand da geschrieben. Ihre Augen weiteten sich ein wenig und dann begann sie erneut in dem Buch zu blättern. “Aterestru… Aerion… Aguar… Ardor…” Ungläubig blieb sie an der Seite hängen, auf welcher das so hoffungsvolle Wort schwarz auf Pergament gekritzelt war. Ardor… Ardor… Das konnte nicht sein! Und es gab mehr magische als nur Ardor? Das wusste sie nicht. Ohne den Text zu lesen, blickte sie sich nach dem Goldhändler um, und als sie ihn nicht entdecken konnte, riss sie die Seite von Ardor vorsichtig aus dem sicherlich wertvollen Buch heraus, so, dass man zumindest nicht auf den ersten Blick erkennen konnte, dass da eine Seite herausgerissen wurde. Dann besann sie sich, und riss auch die anderen drei Seiten der anderen magischen Artefakte heraus, klappte die Seiten um bis zu irgendeiner Seite eines für sie unwichtigen Amuletts. Die herausgerissenen Seiten faltete sie und stopfte sie sich in ihren Ausschnitt zwischen ihre Brüste. Ihr Herz hämmerte ihr bis zum Hals, und auf einmal hatte sie keine Lust mehr auf Tee. Sie wollte nur noch gehen und ungestört über Ardor und dessen Verbleib lesen. Aber da kam schon der Goldschmied mit drei Bechern Tee auf einem Tablett. Er reichte jedem von ihnen einen Becher Tee und nickte Aen dann freundlich zu. “Und seid ihr fündig geworden?” erkundigte er sich höflich. Aen schüttelte den Kopf. “Leider nicht, aber ich danke euch von Herzen für eure Hilfe, und auch für den Tee. Dieser war nach der neuesten Mode mit MIlch versetzt und mit einer Menge Honig gesüßt. Obwohl der Tee recht heiss war, trank Aen ungeduldig und hastig Schluck um Schluck und wies Caradan mit einem Blick an, es ihr gleichzutun. Als sie den Tee endlich ausgetruken hatte, erhob sie sich. “Wir wollen nun eure kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, ihr seid sicherlich ein sehr beschäftigter Mann” nickte Aen ihm zu. “Und habt nochmals vielen Dank für eure Freundlichkeit” Der alte Goldschmied nickte ebenso und drückte der Arcanierin zum Abschied fest die Hände. Sie lächelte ihn so freundlich an, wie eine Schlange dies tun würde, und dann hakte sie sich bei Caradan unter und sie verließen schnellen Schrittes das Zunfthaus. “Ich wage kaum zu atmen…” erwiderte sie atemlos. “Wir verlassen sofort die Stadt. Sofort! Wir holen unsere Sachen und die Pferde und dann raus aus Shuridron! Bis zum Abend schaffen wir es bis zum nächsten Kaff mit Gasthaus...”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Fr, 31. Aug 2018 1:20

Plötzlich ging alles sehr schnell. Ehe Caradan es sich versah, riss Aen einfach mir nichts dir nichts ein paar Seiten aus dem Buch und stopfte sie in ihr Kleid. Ein Glück für sie, dass die Wache nicht darauf achtete, was sie mit dem Buch anstellte und der Dieb einem spontanen Hustenanfall zum Opfer fiel. Schlimm diese trockene Luft. Dankend nahmen sie den kredenzten Tee an, aber statt ihn zu genießen - wann bekam man schon mal die Gelegenheit - stürzte Aen das Zeug runter wie Schnaps und drängte Caradan es ihr gleich zu tun. Und so kippte er das brühheiße Getränk hinunter und verabschiedete sich ebenso dankbar und gehorsam wie Aen, von dem Goldschmied und verließ mit ihr den Laden. “Ich wage kaum zu atmen.”, flüsterte sie. “Ich auch nicht.”, krächzte der Dieb. “Mir brennt die Kehle.” Doch das meinte sie gar nicht. Das sie etwas gefunden hatte, das war offensichtlich gewesen, aber offenbar, war es der erste handfeste Hinweis auf dieses heiß begehrte Schmuckstück. “Du holst die Pferde.”, entschied Caradan. “Ich hole unsere Sachen.” So trennten sie sich unmittelbar vorm Strauchdieb. Während der Dieb nach oben eilte, eiligst alles zusammen kramte, was ihn noch nicht zusammengepackt war, begab sich Aen zum Stall. Auf dem Weg nach Unten mogelte sich Caradan quasi direkt unter der Nase des Wirtes hindurch, der war zu sehr damit beschäftigt, ranziges Fett aus einem Topf zu kratzen. Da es mit ihrer Verpflegung recht dünn aussah, riskierte der Arcanier noch einen kleinen Abstecher in die Küche und stibitzte sich eine Hand voll gedörrtem Fleisch. Beinahe hätte ihn die Frau des Wirtes dabei erwischt, aber die war so von dem Gefluche ihres Gatten abgelenkt, dass sie keine Augen oder Ohren frei hatte, die sie auf den Dieb hätte richten können. Manchmal durfte man einfach auch mal unverschämtes Glück haben.Bei den Ställen traf er auf Aen, die schon ungeduldig mit den Hufen scharrte, um einiges ungeduldiger, als die Pferde. Kaum das sie im Sattel saßen, preschten sie auch schon davon.
“Wir brauchen Geld.”, murrte Caradan, als sie die Straße nach Nordwesten entlang ritten. Sie gönnten den Pferden eine kurze Verschnaufpause und ritten in gemächlichen Schritt und so hatten sie die Chance, ein paar Worte zu wechseln. Demonstrativ schüttelte der Dieb seinen leeren Beutel. “Bei meiner … waghalsigen Flucht hab ich den Rest meines Geldes verloren.” Das er es freiwillig hergegeben hatte um eine Ablenkung zu kreieren, damit er entkommen konnte. Nein, das würde er ihr ganz sicher nicht unter die Nase binden. Sie zog ihn schon genug auf, wegen seiner fehlenden Haarpracht. Er kratzte sich am Hinterkopf. Es war einfach so schrecklich ungewohnt, ständig fuhr er sich durchs Haar, auf der Suche nach Widerstand. Er hasste es, aber es war eine gute Entscheidung gewesen, vermutlich sogar eine lebensverlängernde. “Sag mal.”, fing er an und schloss zu Aen auf. “Was haben du und…” Er deutete auf ihr Feuerrohr. “der Knallkopf gemacht, wenn ihr Geldsorgen hattet?” Es war ihm unangenehm danach zu fragen. Nicht weil er fürchtete alte Wunden aufzureißen, sondern weil er sich nicht gerne mit anderen verglich. Erst recht nicht mit Aens verflossenen Hexenmeistern oder Werölfen. Erst recht jetzt nicht, da er sich ziemlich sicher war, dass zumindest die Geschichte mit dem Werwolf nicht ihrer Vorstellungskraft entsprungen war. Dennoch, manchmal konnte man auch von anderen lernen und durfte dementsprechend nicht so engstirnig sein. “Leute ausgeraubt.”, lautete Aens Antwort. Natürlich, was denn sonst. Mit solcher Macht in den Händen hatten sie wahrscheinlich zu zweit ganze Burgen geplündert. “Mmmhm.”, murrte Caradan. “Ist nicht so meine Art.”, überlegte er laut. “Aber ich bin wohl ziemlich eingerostet… vielleicht wäre ein Perspektivwechsel angebracht.” Er lehnte sich zu Aen hinüber, zumindest soweit er sich traute ohne vom Pferd zu fallen und piekste ihr mit dem Finger in die Seite. “Außerdem habe ich ja eine ausgezeichnete Lehrmeisterin oder?” Frech grinste er sie an. “Na los, oh werte Aenaeris. Unterrichtet mich in der hohen Kunst des Raubes. Sag an, wie stellt man sich dabei am Besten an?”

Wenig später gönnten sie den Pferden eine vollständige Rast, also mit Absitzen, Tränken, Anbinden und Ausruhen. Caradans Hintern war der Entscheidung ebenso dankbar, wie die Pferde. Aen und er hockten abseits der Straße im Schatten eines großen Baumes, der Dieb war sich nicht sicher was es für ein Baum war, und aßen ein paar Bissen von dem Dörrfleisch, das Caradan bei ihrer Abreise aus der Küche stibitzt hatte. Jedenfalls aß Caradan ein wenig. Aen war schweigsam und hing über den herausgerissenen Seiten. Sie hatte ihm nicht mal einen Blick gestattet, so begierig war sie gewesen, jedes einzelne Wort in sich aufzusaugen, so als fürchtete sie, er könne ihr die Tinte vom Pergament stehlen, wenn er nur hinsah. “Willst du was essen?”, fragte Caradan und hielt ihr einen Streifen des schmackhaften Fleisches hin. Sie sah nicht einmal auf. “Oder einen Schluck trinken?” Keine Antwort. Caradan sprang auf, ließ seine Hose unter die Knie rutschen und ließ seine Lenden kreisen. “Wie wäre es mit ficken?” Sie winkte entnervt ab. “Nicht jetzt, später.”, würgte sie ihn ab und konzentrierte sich noch mehr auf die Zeilen des Pergaments. Irgendwie fand der Arcanier es amüsant. So hochkonzentriert hatte er sie in den letzten Wochen seit er sie kannte nicht einmal erlebt. Wütend, traurig, euphorisch - aber niemals so freudig nervös und konzentriert. “Na dann fick ich eben das Pferd.” “Jaja.”, antwortete sie. Eine Weile beobachtete er sie ganz ungeniert und grinste. Irgendwann hob sie den Blick. “Was?”, schnauzte sie und Caradan schüttelte lachend den Kopf und zog die Hose wieder hoch. “Willst du jetzt etwas essen?”
Noch bevor sie ihm antworten konnte, hörten sie Hufgetrappel und das Geräusch von Wagenrädern, die über Stock und Stein polterten. “Hörst du das?”, unterbrach er sie mit erhobenem Zeigefinger und als er sich sicher war, was er da hörte grinste er. “Das kann kein Zufall sein.” Er sprang auf und huschte im Schutze der Böschung zurück zur Straße. Tatsächlich in der Ferne, aus der Richtung in der Shuridron lag, sah er eine Kutsche heranpoltern. Es würde noch einige Augenblicke dauern, es blieb ihnen also noch kurz Zeit sich in irgendeiner Form vorzubereiten.. Aufgeregt rannte er zurück zu Aen, die sich wieder ihrer Lektüre widmete. Ohne zu zögern, wandt er ihr die Pergamentseiten aus den Händen und stopfte sie ihr, fein säuberlich gefaltet, zurück ins Dekollete, ohne dabei auf ihren Protest zu reagieren. “Da kommt eine Kutsche… wir brauchen Geld… und anscheinend gibt’s die Geschwister wirklich. Also bitte.”, er strich ihr über die Wange. “Jetzt bringst du mir was bei.” Übereifrig und nervös begab der Dieb sich in Position und spähte heimlich durch das Gebüsch hindurch, als ihm etwas aufging. “Aen?”, fragte er unsicher. “Wie halten wir die Kutsche an?”

Eilhard von Fottsleben saß in seiner Kutsche, auf dem Weg nach Aramad, sah aus dem Fenster und sinnierte über alle möglichen Dinge nach. Hauptsächlich versuchte er sich von den Gedanken an den heutigen Zwischenfall abzulenken. Allein wenn sich seine Gedanken um diesen unverschämten Dieb herum bewegten, geriet er schon in Rage. Wie konnte dieser Sohn einer Mietfotze es wagen, ihn zu beklauen. Nicht nur seine Reisebörse hatte er ihm gestohlen, nein auch noch den Ring seiner verstorbenen Ehefrau, seiner lieben Marie, und seine Lieblingsbrosche hatte er ihm geraubt. Dieser hinterhältige Bastard. Ein Vermögen würde er zahlen, um diesen Mistkerl mit eigenen Händen erwürgen zu können. Überall in Shuridron hatten sie ihn gesucht, doch er war unauffindbar gewesen. Umgehend hatte Eilhard alle Geschäfte abgebrochen und sich auf die Heimreise begeben. In so einer Stadt würde er keine Stoffe verkaufen oder kaufen. Nur eine gute Sache hatte der Besuch gehabt und unwillkürlich stieß er mit der Ferse an die Kiste, unter der Bank auf der er saß.
Plötzlich fuhr die Kutsche langsamer, ja schien beinahe anhalten zu wollen. Eilhard schaute zwischen den Vorhängen hindurch. Ein junger Mann stand am Straßenrand und rief und wedelte mit den Armen. “Anhalten, bitte!”, rief er, doch Eilhard klopfte zwei Male gegen die Türe, das Signal für den Kutscher, einfach weiter zu fahren. “Meine Frau bitte! Sie ist schwanger!”, flehte der Mann am Straßenrand. Was scherte Eilhard die Frau irgendeines Landstreichers. Erneut klopfte er, dann legte sich eine Hand auf sein Knie. “Halt an.”, bat ihn seine Tochter, die ihm gegenüber in der Kutsche saß. Seine Meera sah aus wie ihre Mutter und hatte ein ebenso weiches Herz. Ihr konnte er keinen Wunsch abschlagen. Ebenso wenig wie er ihr hatte ausreden können, ihn zu begleiten. “Halt an!”, befahl Eilhard und der Kutscher verlangsamte und stoppte schließlich. “Habt Dank, habt Dank.”, schluchzte der Mann. “Beeil dich.”, befahl Eilhard gereizt. “Ja Herr.”, kam die gelangweilte Antwort des Kutschers. Die schweren Schritte des Kutschers entfernten sich und entfernt hörte er das schmerzerfüllte Stöhnen einer Frau. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf dem Rand des Fensters herum. Entnervt schlug er den Vorhang zu Seite. “Was dauert da denn so lange?”, brüllte er und sein Blick fiel auf den jungen Mann, der statt bei seiner Frau bei der Kutsche herum lungerte. “He da.”, keifte Eilhard. Der Bursche wirbelte herum und starrte den Tuchhändler schockiert an. “Verzeiht Herr…”, hauchte er und Eilhard traute seinen Augen kaum. Der kleine Scheißer trug den Ring SEINER FRAU am Finger. Es war ein schmuckloser Goldring, aber unverwechselbar. Außerdem kam ihm der Kerl mit einem Mal so bekannt vor, die Haare vielleicht etwas länger und… “Du!”, stieß er hervor. “Wache!”, brüllte er. “Schnapp ihn dir! Bring mir seinen -”

Caradan zuckte zusammen, als das charakteristische Donnern des Feuerrohrs ertönte und die Worte des Dicken abriss. Er blickte über die Schulter und sah wie der Kutscher zur Seite kippte, während Aen auf die Füße sprang und sich Caradans Gehrock unter dem Kleid heraus pflückte. Ein Glück hatte dieses Kleid genügend Platz für so eine List geboten. Noch ehe es sich der Kerl im Innern, ausgerechnet der feiste Händler aus dieser verschissenen Stadt, versah, riss der Dieb die Tür auf und zerrte ihn am Kragen hinaus. Der Fettsack landete im Staub der Straße, schluckte Staub und begann heftig zu husten. “Bleib liegen!”, bellte Caradan und zückte das Beil, dass er im Hosenbund versteckt hatte. “Oder ich schlag dir den Schädel ein.” Aen schloss zu ihm auf und begann den Kutschbock zu durchsuchen, vielleicht fand sich etwas wertvolles im Habe des Kutschers. “Vater?”, kam es zittrig aus dem Inneren der Kutsche. Caradan riss den Vorhang zur Seite und blickte ein junges Mädchen an, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. “Steig aus.”, befahl er trocken und das Mädchen befolgte sein Kommando mit zittrigen Händen und Knien. “Lass sie in Ruhe.”, begehrte der Federhut auf und bekam als Lohn einen Tritt in die Seite. “Schnauze! Ihr passiert nichts, wenn du dich benimmst!” Der Dieb signalisierte Aen, sie solle die Kleine im Auge behalten und begann, das Gepäck der Reisenden zu durchsuchen. Mal abgesehen von der mannigfaltigen Garderobe für ihn und sie, sowie Proviant, war nichts wirklich von Wert dabei. Ein paar der Kleider könnten Aen vielleicht passen, das Mädchen hatte etwa die gleiche Größe, aber Caradans Statur unterschied sich einfach so komplett von der des Federhuts, dass es einfach undenkbar war. Der Dieb kam wieder zu Aen und schüttelte den Kopf, damit sie auch wusste, dass er nichts gefunden hatte. “Eure Entscheidung. Geld oder Leben?” Der Federhut rappelte sich auf die Knie. “Fick dich.”, spuckte er aus. Der Dieb grinste ihn an. “Dich meine ich nicht Arschloch.” Caradan trat ihm gegen eines seiner unzähligen Kinns und das junge Mädchen kreischte auf. “Ich rede mit Euch wertes Fräulein.” Caradan lächelte freundlich. “Unter den Bänken.”, japste sie, während Tränen über ihre Wange liefen. Der Arcanier machte sich daran, unter den Bänken in der Kutsche zu suchen. Nichts. Er klopfte mit der flachen Seite des Beils gegen die Verkleidung und hörte ein deutlich hohles Geräusch. Nach einer Weile des Suchens fand er einen kleinen Riegel, der es ihm ermöglichte die Polster der Bänke aufzuklappen. Er sah hinein und fand eine Kiste und eine kleine Truhe. Die Kiste war schwer und Caradan hatte mühe sie zu heben. Die Truhe, die hob er gar nicht erst an, sondern machte sich daran, das Schloss zu öffnen. Nach wenigen Augenblicken sprang der Deckel auf und entblößte einen wundervollen Anblick. Dutzende Münzen schlummerten darin und hatten nur auf Aen und ihn gewartet. Jetzt war Caradan neugierig, was wohl in der Kiste war. Er nahm das Beil und Schlug den Deckel auf. Rote Flüssigkeit spritzte ihm entgegen und er hörte das Klirren von Glas. Im Innern der Kiste befanden sich ein halbes Dutzend Flaschen… naja… jetzt nur noch fünf. Die sechste war von Caradans Hieb aufgesprungen und der rote Inhalt versickerte im Stroh, dass die Flaschen auf der holprigen Fahrt hatte polstern sollen.
“Ich lass dir den Vortritt.”, lächelte Caradan Aen an und wies mit der Hand ins Innere der Kutsche. Sie sollte sich als Erste an ihrem Schatz bedienen. Dann wandte er sich an ihre, mehr oder minder, Gefangenen. “Habt Dank, für Eure großzügige Spende. Wisset, sie wird nicht vergeudet werden.” Er grinste böse. “Nun wir sind keine Ungeheuer. Wir haben nicht vor Euch oder Eurer Tochter etwas zu tun. Wir nehmen Eure Pferde mit und lassen sie ein paar Meilen nördlich von hier zurück. Ihr könnt sie holen und zurück nach… mir egal wohin reiten. Einverstanden?” Caradan wartete gar nicht auf eine Antwort und steckte den Kopf ins Innere der Kutsche. “Gib mir bitte zwei Münzen.”, bat er Aen um eine kleine Spende für die nun plötzlich sehr Bedürftigen. Er streckte seine Hand aus und spürte in diesem Moment einen Druck an der Seite. Der feiste Federhut hatte den Moment der Ablenkung genutzt und sich auf Caradan gestürzt. Der Dieb ging zu Boden und hieb und trat nach seinem Angreifer. Der Fettsack drückte ihn zu Boden und irgendwie bekam der Dieb eine Scherbe zu fassen und begann damit, auf den Mann einzustechen. Dabei schnitt er sich fast genauso oft in die eigene Hand, er den Mann verletzte. Der Federhut schrie und wälzte sich von Caradan und der Dieb wälzte sich nun seinerseits auf ihn und stach immer weiter auf ihn ein. “Ich wollte dich leben lassen!”, schrie er mit sich überschlagender Stimme. Schon bald waren die Züge des Mannes nicht mehr als die eines Menschen zu erkennen. Seine Wangen hingen in Fetzen, Blut und Fleisch und Haut klebten überall. Seine Kleider waren vollgeblutet und als Caradan fertig war, erschrak er vor seinem Werk. Mit zitternden Händen warf er die Scherbe weg und sackte erschöpft neben dem nunmehr Toten zusammen. Mit wildem Blick schaute er zu dem schockierten Mädchen, das mit stummen Entsetzen auf ihren toten Vater blickte. “Verschwinde.”, knurrte er und sie sah ihn nur mit leeren Augen an. “Hau ab!”, brüllte er und scheuchte sie mit wilden Gesten davon. Mit einem Schrei wirbelte sie herum und rannte davon. “Lauf! Lauf schon!”, schrie er ihr noch hinterher, bevor er sich wieder gegen die Kutsche fallen ließ. Er beugte sich nach Vorn, schnappte sich das blutgetränkte Halstuch des Toten und wickelte es sich um seine blutende Hand. Dann griff er nach einer Flasche, zog den Korken mit den Zähnen heraus und nahm einen tiefen Schluck. Es war ein teurer Tropfen Wein.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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