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Unter Dieben

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Aenaeris
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Fr, 31. Aug 2018 4:31

Aen lauschte, als Caradan sie auf die Geräusche aufmerksam machte, die von der Straße zu ihnen drangen. Aber die Pergamente, die sie in ihren Händen hielt und aufmerksam las, waren ihr in diesem Moment weitaus wichtiger, und so heftete sie ihre Blicke wieder auf die Manuskripte und schenkte Caradan keine Aufmerksamkeit mehr. Erst, als er ihr die Pergamente aus der Hand riss, blickte sie auf. “Was soll der Unsinn, Caradan?” fuhr sie ihn unwirsch an, “Gib es mir wieder!” forderte sie. Aber er faltete die Papiere sorgsam und steckte sie wieder dorthin wo Aen sie zuerst versteckt hatte und ging auf ihr Gezeter gar nicht erst ein. “Da kommt eine Kutsche… wir brauchen Geld… Und anscheinend gibt’s die Geschwister wirklich. Also bitte. Jetzt bringst du mir was bei.” Die Art und Weise, wie er ihr über die Wange strich, besänftigte sie schlagartig, und dass er sie bat ihm etwas beizubringen, taten ihr übrigens, dass sie sich geschmeichelt fühlte. “Nun gut…” murmelte sie, “Dann komm mit und lerne…” Caradan schien nervös zu sein und schlug sich bereits in die Büsche auf die Lauer, als es ihm zu dämmern schien und er die Arcanierin fragte “Aen, wie halten wir die Kutsche an?” Die junge Frau seufzte. Es war aber auch zu abgeschmackt, zu abgedroschen. Immer dieselbe Leier. Aber sie funktionierte. Von Caradan ließ sie sich ihr Wams geben und stopfte es unter ihr Kleid, drückte und positionierte es ungefähr so, dass man annehmen durfte, dass sie mit einem Kind hernieder ging, und dann erklärte sie es ihm. “Wir warten am Straßenrand. Ein junger Mann und sein schwangeres Weib” Ihr Tonfall ließ erkennen, dass ihr das nicht so schmeckte. Gute Raubzüge erforderten Planung, aber so spontan einen Raub zu begehen, da durfte man mit Requisiten, Einfällen und Durchführung nicht so wählerisch sein. “Im Prinzip ist es ziemlich egal, was du ihnen erzählst. Das Wichtigste ist, dass die Kutsche angehalten wird. Sobald die Kutsche steht, ist es das reinste Kinderspiel. Du bleibst hier stehen und versuchst, die Aufmerksamkeit zu erregen. Ich setze mich da hinten hin und spiele das arme schwangere Frauchen das dringend Hilfe bedarf. Die feinen Brokatkleidträger, wie Silvar sie gerne nannte, machen sich nicht selbst die Finger schmutzig, und sofern sie helfen, werden sie irgendjemanden, der mitreist, schicken. Einen Diener, einen Söldner, den Kutscher... Zuerst muss man diesen unschädlich machen. Das ist unabdinglich! Wenn das erst geschehen ist, scheissen sie sich von ganz alleine in ihre Seidenhosen. Wenn du dir unsicher bist, dann mach keinen Blödsinn sondern warte ab was ich tue.Und jetzt beeil dich!” scheuchte sie ihn an de Straße und huschte selbst einige Meter weit weg, wo sie sich gegen einen Fels lehnte, der da rein zufällig und strategisch äußerst günstig dastand.

Die Kutsche rollte mit Gepolter an und Aen konnte Caradan hören, wie er, einem Mädchen gleich, verzweifelt jeierte: “Anhalten, bitte! Meine Frau bitte! Sie ist schwanger!” Aen riss sich wirklich zusammen, ihre einstudierte leidliche Miene beizubehalten, doch es fiel ihr nicht leicht, Caradans Schauspielkünste zu ignorieren, die an ihren Lachnerven zerrten. So begann sie zu wimmern, und wenn man genau hinhören würde, dann würde man erkennen, dass es kein klägliches Wimmern war, sondern unterdrücktes Kichern. Doch zusammen mit der schmerzerfüllten Miene fiel das vermutlich niemandem auf. Aen beobachtete, dass die Kutsche anhielt, und nach einem recht kurzen Wortgefecht erhob sich der Kutscher von seinem Bock und begann auf Aen zu zutrotten. Alles lief wie geschmiert! Sie hätten es nicht besser planen können! Der Kutscher kam immer näher und setzte schließlich sogar eine besorgte Miene auf, als er das verzerrte Gesicht der jungen Frau sah, die gegen den Fels lehnte und sich mit ihren Händen den dicken Bauch hielt. “Was fehlt euch, liebe Frau?” fragte er sie sanft. Aber dann eskalierte die Situation. Von der Kutsche drang das Brüllen seines Herrn herüber. “Wache!” Der Kutscher, oder vielleicht doch der Wachmann seines Herrn, wandte sich um, und sein herr brüllte weiter “Schnapp ihn dir! Bring mir seinen…” Ein ohrenbetäubender Knall ließ ihn verstummen, und der Kutscher, oder eben Wachmann, kippte nach hinten. Ein vorzüglich gezielter Schuss mitten auf die Stirn hatte ihm sein Lebenslicht ausgehaucht. Aen sprang auf, zerrte sich das unselige Wams unter dem Kleid hervor und blickte den Kerl, der aus leeren Augen in den Himmel starrte, von oben herab an, im doppelten Sinne. “Gar nichts wirst du mehr!” fauchte sie, und setzte sich schließlich in Bewegung, um Caradan bei der Kutsche zu helfen. Als sie zu ihm aufgeschlossen war, hatte Caradan bereits den dicken reichen Schnösel am Kragen aus der Kutsche gezerrt und bedrohte ihn mit einem Beil, als er längst im Staub der Straße lag und hustend um sein Leben bettelte. Während Caradan also den Mann im Staub bändigte, sprang seine Spießgesellin auf den Kutschbock und suchte nach Wertvollem. Doch da gab es nichts, es musste sich also im Inneren der Kutsche befinden. Aen fluchte, und als sie vom Kutschbock wieder herunter geklettert war, stand sie, nebst Caradan, einem jungen Mädchen gegenüber. Sie mochte eben erst zur Frau erblüht sein, so jung war sie. Der Vater versuchte, seine Tochter zu verteidigen und kassierte dafür einen derben Tritt in die Seite. “Schnauze! Ihr passiert nichts, wenn du dich benimmst! Aen!” deutete er ihr mit einem Kopfnicken auf die Kleine. Aen schmunzelte, wie schnell Caradan lernte, sogar die Kommandos teilte er hier schon aus! Die Kleine im Auge zu behalten, war ein leichtes. Sie mit dem Feuerrohr zu bedrohen, hatte hingegen nur wenig Sinn. Die Menschen kannten die Macht und Kraft der Waffe nicht, und ausser von dem lauten Knall, den man nicht unbedingt mit dem Feuerrohr in Verbindung bringen musste, hatte es nichts furchteinflößendes an sich. Das junge Ding war aber ohnehin so verschreckt, dass ein finsterer Blick der Arcanierin reichte, sie an der kurzen Leine zu halten. Während Caradan ins Innere der Kutsche kletterte um sie zu durchsuchen, ließ Aen gelangweilt ihre Blicke schweifen, und mit einem Mal erkannte sie, wer sich da stöhnend im Staub wälzte. Sie lachte auf. “Das gibts nicht! Es ist also wahr, man begegnet sich immer zweimal im Leben, wie man sagt!”

Caradan kam zurück, mit leeren Händen und Kopfschütteln. Missbilligend runzelte Aen die Stirn. Sollte der ganze Aufwand umsonst gewesen sein? Das durfte nicht wahr sein! Aber Caradan fand passende Argumente, dass die Kleine das Versteck der Wertgegenstände verriet. Als er nach einer kurzen Weile wieder aus der Kutsche herauskletterte, grinste er siegessicher, und wies Aen mit einer eleganten Handbewegung und einem diebischen Lächeln ins Innere der Kutsche. Aen erwiderte sein Lächeln strahlend, aber gleichzeitig winkte sie ab. “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, mein lieber Caradan!” Der angesprochene wandte sich an den fetten Händler und seiner Tochter. “Nun wir sind keine Ungeheuer. Wir haben nicht vor Euch oder Eurer Tochter etwas zu tun….” Da blickte Aen verwundert auf. “Nein?” fragte sie, doch er schien sie gar nicht zu hören und sprach unbeirrt weiter. “Wir nehmen Eure Pferde mit und lassen sie ein paar Meilen nördlich von hier zurück. Ihr könnt sie holen und zurück nach… mir egal wohin reiten. Einverstanden?” Dann steckte er den Kopf ins Wageninnere und bat Aen um zwei Münzen, doch sie schüttelte entrüstet den Kopf und hob warnend den Finger. “Nein Caradan! Nicht einverstanden! Du verstehst nicht, was…” Weiter kam sie nicht, denn plötzlich war der Dicke, von Überlebensmut beseelt, Caradan angesprungen, und einen Wimpernschlag später wälzten sich die beiden auch schon kampfeslustig im Staub der Straße. Und nun eskalierte es wirklich. Caradan hatte eine große, grüne Glasscherbe einer der zerbrochenen Weinflaschen in die Finger bekommen und hieb damit wie ein Berserker auf den Händler ein. Er stach ihn hart und unkontrolliert da, wo er ihn erwischte. Ins Gesicht, in den Hals, in die Brust… Aen realisierte erst, was geschah, als sie, Caradan zu Hilfe eilend, mit gezücktem Feuerrohr aus der Kutsche sprang. Blut spritzte, der Kaufmann kreischte schmerzerfüllt und seine Tochter kreischte ebenso schockiert auf und war nicht in der Lage, sich auch nur einen Zoll weit zu bewegen. Caradan hielt erst inne, als der Mann längst nicht mehr unter den Lebenden weilte. Aaen konnte ihm förmlich ansehen, dass er mindestens so schockiert über sein Tun war, wie es auch das Mädchen war. Er war längst nicht so abgebrüht wie die Arcanierin, deren Todesliste so lang war wie jene einer Hochzeitsgesellschaft. Nichtsdestotrotz. Gefasst und abwartend stand Aenaeris da und schwieg. Was würde er jetzt tun? Sich auf das Mädchen stürzen? Doch er tat etwas gänzlich anderes, etwas, das Aen nicht erwartet hatte. “Verschwinde…” knurrte er das Mädchen an. Und als sie sich, schockstarr, immer noch nicht rührte, brüllte er sie an, wie Aen es bei Caradan noch nicht erlebt hatte. “Hau ab! Lauf! Lauf schon!” Das Mädchen wandte sich jetzt um und gab Fersengeld, und Aen setzte dem Mädchen geistesgegenwärtig hinterher. Als das Mädchen weit hinter dem Felsen verschwunden war, hatte Aen es eingeholt. Der altbekannte Knall des Feuerrohrs erscholl, sein Wiederhall wurde vom Felsen zurückgeworfen, ein paar Heckenvögel flogen erschrocken auf, und dann herrschte Stille. Zuerst mit langsamen, dann immer schneller werdenden Schritten lief die Arcanierin zurück zu ihrem Begleiter. Dieser saß gegen die Kutsche gelehnt, und trank aus einer Flasche Wein. Aen hätte ihn nur genauer ansehen müssen, um zu wissen, wann es besser war, zu schweigen. Doch sie war wütend auf Caradan. Wütend auf die Situation, wütend darauf wie es eskaliert war. Wütend, wenn sie daran dachte, wie es hätte ausgehen können.

“Wunderbar! Bist du jetzt zufrieden? Ich habe dir gesagt, mach keinen Blödsinn! Du hast keinerlei Erfahrung mit einem Raub, und reißt das Kommando an dich wie der Priesterkönig höchstpersönlich!” schimpfte sie wie ein Rohrspatz. “Jetzt hör mir gut zu, Caradan. Regel Nummer eins: Zuerst schalten wir die aus, die uns gefährlich werden können. Regel Nummer zwei: Der Mensch wird zum Tier, wenn er der Gefahr ins Auge schaut. Naja, das hast du mir ja jetzt ganz gut demonstriert. Also, das bedeutet, wir spielen nicht mit dem Schicksal und schalten danach auch die Menschen aus, die uns gefährlich werden können, obwohl wir sie leicht unterschätzen könnten. Und Regel Nummer drei: Wir lassen niemanden am Leben! Die Toten reden nicht, aus Mitleid Überlebende allerdings schon. Und das kann für uns am Galgen enden. Das gilt für Greis, Jungfrau wie auch Kind. Wir lassen niemanden am Leben!” Aen atmete tief ein und wieder aus, und blickte auf das Häufchen Elend namens Caradan. Blut sickerte unter der Stoffbinde, die um seine Hand gewickelt war, heraus und bezeugte, dass dies nicht das Blut des anderen war. “Mit einer Glasscherbe hab ich auch noch keinen umgebracht…” murmelte sie, während sie aus dem Inneren der Kutsche ein besticktes Taschentuch hervor zauberte. “Mit einem Messer, mit Feuer, natürlich mit dem Feuerrohr… aber nicht mit einem Stück Glas…” Dann ließ sie sich neben Caradan nieder und nahm seine blutige Hand. Mit schnellen aber sachten Bewegungen wickelte sie den blutigen Fetzen ab und besah sich das Debakel. Tadelnd schnalzte sie mit der Zunge, sagte aber nichts und band ihm das saubere Taschentuch um die Handfläche und hielt dann mit festem Druck seine Hand um die Blutung zu stillen. “Gib mal die Flasche her…” sagte sie matt und nahm den Wein von Caradan entgegen um einen Zug aus der Flasche zu nehmen. Es war ein vollmundiger Wein. Weich, samtig… ein vorzüglicher Tropfen. Aen nahm die Flasche vom Mund. “Schluss mit Trübsal blasen. So ist das nun einmal. Entweder wir treten den anderen in den Arsch, oder man tritt uns in den Arsch. Denk an die vielen Münzen da drinnen…” nickte sie Richtung Kutsche hinter sich. “Wir werden jetzt leben wie die Könige. Von allem nur das Beste. Wir werden uns hübsche neue Gewänder kaufen, wir werden in den besten Gaststätten wohnen, wir werden vorzüglich speisen und trinken… Wir werden es uns jetzt einfach so richtig gut gehen lassen. Ardor steht jetzt erst einmal hinten an. Erst sorge ich dafür, dass du wieder ganz der Alte bist.” Mit diesen Worten wischte sie Blut aus seinem Gesicht, dann führte sie seine blutige Hand an ihre Lippen und drückte einen Kuss darauf. Dann fiel ihr das Amulett wieder ein. Sie zog das kleine Päckchen Pergamente aus ihrem Ausschnitt und entfaltete diese. “Es gibt nicht nur Ardor, es gibt auch noch drei andere Amulette mit magischen Fähigkeiten…” hauchte sie. “Für jedes Element eines. Oh, wenn ich sie alle hätte… was meinst du, was dann wäre! Sie wären so unsagbar wertvoll. Dann könnte ich wirklich eine Königin sein. Und dich nähme ich an meine Seite als König… oder eben Prinzgemahl…” kicherte sie. “Komm, lass uns von hier abhauen. Wir reiten gen Osten, und lassen den dreimal verfluchten Westen der Nordreiche hinter uns und kommen nie wieder zurück!”

Dann holten sie aus der verwaisten Kutsche alle Habseligkeiten, das Geld, die Weinflaschen, das eine oder andere Schmuckstück. Alleine das Geld wog schwer in Aens Satteltasche, von den Weinflaschen in Caradans ganz zu schweigen. Sie wandten sich nicht mehr nach dem Blutbad um welches sie zurückgelassen hatten und ritten fernab der Straßen Richtung Osten. Nach wenigen Stunden verfielen die Pferde vom schnellen Galopp in einen gemächlichen Trab, und Aen nutzte die Gelegenheit, Caradan das Schriftstück vorzulesen.
Ardor ist ein goldenes schweres Amulett. Es ist rund und im Durchmesser ungefähr zwei Zoll, mit einer geätzten, schmucken Verzierung, die ein loderndes Feuer darstellt.

Zuletzt urkundlich erwähnt in einer Schenkung seiner Gnaden, Fürst Alvin Ellaras von Andiriendar an seine hochwohlgeborene und geschätzte Gattin und Fürstin Meilina Amalfia von Andiriendar.

Zur Geschichte des Kleinods: Ardor wurde geschmiedet von einem mächtigen Bergelf und Feuermagier namens Fewûr. Dieser wurde aus seiner Magiergilde verbannt, da er Unheil mit seinen magischen Fähigkeiten über die Elfen gebracht hatte. Er nutzte seine Fähigkeiten, um Zwietracht und Hass zu säen, und um anderen zu schaden. Nach seiner Verbannung zog er durch die Nordreiche und ließ sich schließlich in der Einsamkeit der wilden Lande nieder. Viele Jahre lebte er alleine, bis er schließlich eines Tages einen nicht weniger begabten Naturmagier namens Aestus kennenlernte. Bald verband die beiden Männer eine tiefe Freundschaft und Aestus wollte seinem Freund bei seinem Traum, ein Artefakt zu fertigen, zur Seite stehen. Gemeinsam beschlossen sie, dieses Kleinod zu fertigen. Es sollte die gegenständliche Macht Fewûrs darstellen und auch den niederen Feuermagiern dienlich sein, mächtigere Zauber wirken zu können. Beim Schmieden dieses Amulett legte Fewûr seine gesamte Macht in dieses Schmuckstück, und auch Aestus trug seinen Teil dazu bei, dass dieses Artefakt einzigartig würde. Allein, seine gut gemeinte Hilfe trug nicht die Früchte, die sie hätte tragen sollen, nämlich dass das Artefakt auch den Geist des Trägers stärkt. Und so kehrte sich sein Zauber um und er band unbeabsichtigt eine fatale Schwäche in das Artefakt ein.

Dem wenig feuermagisch begabten Träger kann dieses Amuletts sehr hilfreich sein. Es gibt dem Träger die Macht, Feuer aus dem Nichts zu erschaffen, eine Gabe, die sonst nur mächtigen und langjährig übenden Feuermagiern vorbehalten ist.Es ist unabdingbar, dass Ardor Hautkontakt mit seinem Träger hat, sonst ist es wirkungslos, so etwa sollte dieses Artefakt um den Hals getragen oder aber von der Hand umschlossen werden, wenn man damit Magie wirken möchte. Es sei auch zu erwähnen, dass der Träger gut daran tut, das Artefakt stets vor Blicken verborgen hält. Es kann in den Händen der falschen Personen eine grausame und zerstörerische Waffe sein.

Doch so mächtig dieses Artefakt auch ist, so unselig ist auch seine Wirkung auf den Träger, so wurde berichtet. Die Flamme, die in dieses Amulett eingeätzt ist, scheint regelrecht im Herzen des Trägers zu lodern und bedient sich bei Benutzung dessen Lebensenergie. Wenn man das Artefakt benutzt hat, schwächt es seinen Herrn oder seine Herrin stark, so dass diese eine intensive Erholungsphase benötigen, um sich von der Erschöpfung zu erholen. Ardor stiehlt dem Träger mit Sicherheit etliche seiner Lebensjahre. Dies ist der Preis der Macht...
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 01. Sep 2018 21:32

Der Arcanier quittierte Aens Gezeter und ihre Vorwürfe mit einem Achselzucken. “Aus Fehlern lernt man.”, gab er zurück, doch das hielt Aen nicht davon ab, ihn weiter zu belehren. Ja verdammt, er hatte darum gebeten von ihrem Wissen zu profitieren, aber deswegen wie ein Kind behandelt und getadelt zu werden, das schmeckte ihm gar nicht. Doch das schlimmste an ihrem Tadel war, dass sie recht hatte, in gewisser Weise zumindest. Natürlich konnte es passieren, dass bei solchen Aktion Blut floss, vielleicht war es sogar unvermeidlich, aber diese Regeln, die sie nun aufzählte, die hätte sie ihm auch vorher mitteilen können. Vielleicht hätte er es sich dann doch noch anders überlegt und hätte die Kutsche ziehen lassen. Es tat ihm nicht leid um den Kutscher, der Kerl hatte einfach den falschen Weg zum falschen Zeitpunkt gewählt, oder um den fetten Federhut. Nein, aber die Kleine… sie hätte noch ihr ganzes Leben vor sich gehabt. Aber vielleicht war es so besser. Waise zu sein war keine Kleinigkeit, selbst wenn man eine vermögende Waise war. “Tote reden nicht, aus Mitleid Überlebende allerdings schon! Das kann für uns am Galgen enden!” Caradan funkelte sie zornig an und schnaubte empört. “Das war kein Mitleid!”, fuhr er sie an. “Das war…” Stolz, sein Ego, Übermut - irgendwas davon oder alles zusammen. Er wollte diesen Kerl leben lassen, leben lassen in dem Wissen, dass er zweimal vom selben Dieb bestohlen worden ist. Dieses Wissen hätte den Raubzug für den Arcanier perfekt gemacht und für den Fettsack zum doppelten und dreifachen Desaster. So allerdings, blickte er betreten zu Boden, statt sich weiter zu rechtfertigen. “Mit ihr hatte ich Mitleid.”, fügte er kleinlaut hinzu. Aen rollte mit den Augen. “Das gilt für Greis, Jungfrau wie auch Kind. Wir lassen niemanden am Leben!” “Ich habs verstanden!”, begehrte er auf und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. “Aber ich bin ein Dieb, kein Mörder.” Er verzog das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. Caradan war froh, dass er noch Hemmungen vor dem Töten hatte und es nicht so leicht auf die Schulter nahm. Natürlich ging es ihm mal mehr und mal weniger zu Herzen und manchmal drückte es ihm schwerer aufs Gemüt, als manch anderes Mal, aber dennoch… es ging nicht spurlos an ihm vorbei und das zeigte ihm doch, dass er immerhin noch ein Mensch war.

“Mit einer Glasscherbe hab ich auch noch keinen umgebracht.”, hörte er Aen sagen, als sie einen Moment in der Kutsche verschwand und er lachte trocken auf. “Ich auch nicht…” Zurück kam sie mit einem Taschentuch. Das war vermutlich eine gute Idee, denn das Halstuch, das sich der Dieb um die Hand gebunden hatte war schon durchweicht von Blut, von dem des Fettsacks und seinem eigenen. “Mit einem Messer, mit Feuer, natürlich mit dem Feuerrohr… aber nicht mit einem Stück Glas…” Das würde Caradan auch niemanden empfehlen. Das gute an Dolchen war die Parierstange, die verhinderte, dass man sich ins eigene Fleisch schnitt, wenn man einen Mann erstach. Ein Körper war voller lästiger Hindernisse, hauptsächlich Knochen, also das Brustbein und die Rippen. Wenn man mit der Klinge auf so ein Hindernis traf, konnte einem der Dolch ganz leicht aus den Händen gleiten, wenn er keine Parierstange hatte. Und eine Glasscherbe… nun die hatte nicht mal einen Griff. Mit jedem Zustechen hatte sich der Dieb die scharfen Kanten ins eigene Fleisch getrieben. “Den letzten den ich so zugerichtet habe, war mein Erster.”, begann er zu erzählen, während Aen seine Hand in Augenschein nahm. “Aber den Kerl wollte ich umbringen, mehr als alles andere… Den hier...”, er deutete mit dem Fuß auf den Toten. “Das war… keine Absicht.” Aen verband ihm die Hand mit einem frischen Tuch und bat dann um die Flasche. Sie schien ebenso begeistert von der Beute zu sein wie Caradan, wobei der Dieb es im Moment noch nicht so recht zu zeigen vermochte. Es war einfach eine unangenehme Sache, jemanden derart ins Totenreich zu schicken. Aber Aen hatte recht, Trübsal brachte niemanden etwas und der Grundsatz ‘Wir oder sie’ war seit je her eine wichtige Regel die es zu befolgen galt, in allen Lebenslagen. Und auch die Aussichten die sich Aen für die unmittelbare Zukunft ausmalte, klangen sehr verlockend. Mit das erste, was sich Caradan einiges kosten lassen würde, wäre ein anständiges Bad um den Dreck und das Blut der vergangenen Tage und Wochen abzuwaschen. Brisangen und Shuridron klebten ihm noch auf der Haut. “Erst sorge ich dafür, dass du wieder ganz der Alte bist.”, meinte Aen und gab ihm einen Kuss auf die verletzte Hand. Schlagartig fühlte sie sich besser an. Er tätschelte ihr Knie und breitete dann die Arme aus. “Ich gehöre ganz dir.”, grinste er etwas wehmütig, wurde aber wieder ernst. Ganz der Alte, welcher Caradan das wohl war? Eigentlich ähnelte er dem jungen Mann der seinerzeit Lanyamere verlassen hatte noch wenig, ja seit er Aen getroffen hatte, fragte er sich manchmal, ob das junge Schlitzohr von damals eigentlich er gewesen war oder ob er jetzt er war. Verdammt sollte dieser Fettsack sein, der ihm durch seinen Tod so ein Kopfzerbrechen bereitete. Als Aen ihm von ihren neuen Erkenntnissen berichtete, hörte er dankbar für die Ablenkung aufmerksam zu. Ardor stand vielleicht hint an, aber war noch nicht aus ihren unmittelbaren Gedanken verschwunden. “Dann könnte ich wirklich eine Königin sein. Und dich nähme ich an meine Seite als König… oder eben Prinzgemahl…” Sie kicherte und Caradan stimmte mit ein. “Ich sähe bestimmt hinreißend mit Krone aus… König der Diebe, das wäre was.”, überlegte er und sprang auf, als Aen vorschlug das weite zu suchen. Hätte sie vorher gesagt, dass ihr Ziel im Osten lag, dann hätten sie sich den halben weg bereits gespart, wären so aber nicht der Kutsche begegnet. Vielleicht war es wirklich Schicksal gewesen oder eine Laune der Geschwister, dass es seinen Lauf so genommen hatte, wie es gekommen war. Der Dieb machte sich daran die Pferde der Kutsche abzuspannen und mit einem Klaps, scheuchte er sie davon. Die würden schon zurecht kommen, aber sie hier einfach bei den Toten zu lassen, ohne Futter und Wasser, das brachte er nicht übers Herz. Kaum das sie ihre Satteltaschen mit Gold, Wein und Habseligkeiten gefüllt hatten, Caradan dem toten Federhut noch sämtliche Ringe von den Fingern gezogen hatte und sie sich vergewissert hatten, dass niemand die Szenerie beobachtet hatte, preschten sie auch schon davon.


Nun legten sie den Rest des Tages, nahezu die selbe Wegstrecke zurück, wie zuvor. Bald schon würden sie wieder genau da sein, wo sie heute Mittag aufgebrochen waren. Shuridron ließ sie einfach nicht los, aber immerhin führte der Weg nicht zwingend hinein. Tatsächlich konnten sie es zwar in der Ferne sehen, konnten aber der Straße ganz simpel nach Osten folgen, ohne auch nur einen Fuß in diese scheiß Stadt setzen zu müssen. Während einer kleinen Erholungsphase für die Pferde, nutzte Aen die Gelegenheit Caradan über das Amulett ein wenig aufzuklären. Was er da hörte, gefiel ihm gar nicht. “Schein als ob eines dieser Dinger ausreicht, um einem das Leben zu versauen.”, brummte er missmutig. “Was willst du dann mit allen vieren? Gibt bestimmt schnellere Wege dich umzubringen…” Nein, der Gedanke an ein Lebenszeit stehlendes Amulett gefiel ihm gar nicht. Wie konnte es sein, dass Aen so scharf darauf war. Sie hatte doch das Feuerrohr, ein von Menschen gemachtes Werkzeug, dass es problemlos mit jedem Feuermagier aufnehmen konnte. Es war mehr wert als jedes Zauberbuch, sofern es Bücher gab in denen Zauberei niedergeschrieben war. Da kannte sich der Dieb nun wirklich nicht aus. Dennoch, jetzt wo er um den Preis dieses Amulettes wusste, konnte er umso weniger verstehen, wieso sie danach suchte… und warum er ihr auch noch dabei helfen wollte. Aber er wollte nicht streiten und so beließ er es bei einem grimmigen Kopfschütteln und schwieg.

Wie prophezeit schlugen sie ihr Lager in Sichtweite von Shuridron auf. Es schien wohl die Ironie des Schicksals zu sein. Da hatten sie nun Geld im Überfluss und weit und breit keine Siedlung, in der man es ausgeben konnte. Es war zum verrückt werden. Aus Angst die Aufmerksamkeit einiger neugieriger Leute auf sich zu ziehen, entfachten sie auch kein Feuer, sondern murmelten sich nur so unter die Decken. Caradan, der am Ende des Tages erschöpfter war, als er gedacht hätte, schlief nahezu direkt ein, kaum das er die Augen geschlossen hatte. Er träumte nichts, aber schlief sehr unruhig und erwachte mitten in der Nacht. Aen lag neben ihm und schlief tief und fest. Sie brauchten keine Wache zu halten, denn offenbar, waren sie die gefährlichste Plage in dieser Gegend. Ein Gedanke bei dem der Dieb schmunzeln musste. Nein, die gefährlichste Plage schlief neben ihm. Er selbst war nichts im Vergleich. Nachts wurde es, dank des Gewittersturms von vor zwei Tagen, ordentlich kühl, was auch noch den Morgen hindurch andauerte und das Reiten angenehm machte, bevor die Mittagshitze mit ihrer ganzen Kraft hernieder brannte. Tatsächlich verbrachten sie noch eine Nacht im Freien, denn zwischen Shuridron und der nächstgelegen Stadt gab es schlichtweg nichts. Die ersten Anzeichen von Zivilisation erkannten sie, als sie nahe der Grenze zu Merindar von einer Patrouille angehalten wurden, die den Inhalt ihrer Satteltaschen argwöhnisch beäugten.. Im Großen und Ganzen tischten sie ihnen die gleiche Geschichte auf, die sie dem Goldschmied erzählt hatte, bloß dass sie dieses Mal Geschwister waren und ihr Erbe hatten größtenteils retten können. Aens an die Armaganen verlorene Unschuld allerdings, gab wieder den ausschlaggebenden Mitleidsbonus, der sie, neben einer kleinen Gebühr, frei kaufte. Ein paar Stunden nach dieser Begegnung, trafen sie endlich wieder in einer relativ großen Ansammlung von Gebäuden ein, die sich alle im Schatten einer eindrucksvollen Befestigungsanlage befanden. Ceroans Schild war eine wahrhaft beeindruckende Festung und wo immer solch Trutzburgen aus dem Boden ragten, fanden sich Menschen, die sich in ihrem Schutze ein Leben aufbauten. In dem großen Dorf zu Füßen der Burg gab es alles mögliche, was der Burg nützlich sein konnte. Schmiede, Schneider, Steinmetze, das ein oder andere Hurenhaus und ganze drei Schenken. Nahe des Flusses gab es eine Ansammlung mit Zelten, wo man Baden und seine Kleider waschen lassen konnte. Endlich hatten sie einen Ort gefunden, an dem sie etwas Geld lassen konnte.


Ihr erster Anlaufpunkt war die Herberge, die von den Einwohnern am meisten gelobt worden war. Dort verlangten sie nach dem besten Zimmer, das der Eigentümer zu bieten hatte und nachdem sie seinen skeptischen Blick mit einem klimpernden Geldbeutel beschwichtigt hatten, konnten sie es beziehen. Es war geräumig und wohl eingerichtet. Caradan fragte sich, wer wohl sonst in so einem Zimmer nächtigte. Vielleicht irgendwelche Hochwohlgeborenen, die in der Festung selbst keine zumutbare Bleibe fanden. Tja, na hoffentlich fanden sich keine von denen hier ein, denn dieses Zimmer war nun belegt. Als nächstes knobelten sie daran, ob sie zuerst einen Schneider oder ein Badehaus aufsuchen sollten. “Geld stinkt nicht, aber wir schon.”, grinste Caradan Aen an und so entschlossen sie sich dann dazu, sich zuerst zu waschen. Sicher hätte es seinen Reiz gehabt, schmutzig und streng duftet neue Kleider an zu probieren und sich daran zu ergötzen, dass nach ein paar silbernen Grüßen der Schneider ihnen in den stinkenden Arsch kroch, aber sie wollten die Kleider ja nicht schon ruinieren, bevor sie sie einen Tag lang getragen hatten. Andererseits gab es an einem Ort wie diesem wohl keine große Auswahl und so verschoben sie die Aufstockung ihrer Garderobe auf die nächste Stadt. Trotz ihres neu erlangten Reichtums sparten sie sich das Geld für einen zweiten Zuber. Zugegeben, das war keine Frage des Geizes, sondern der Zweckdienlichkeit. In der Tat half Aen Caradan dabei sich gründlichst zu waschen, an allen Ecken und Enden half sie ihm, schrubbte ihn höchstpersönlich und er revanchierte sich nicht minder gründlich und untersuchte jeden Flecken Haut nach übrig gebliebenen Schmutz und legte aufopferungsvoll auch selbst Hand an sie, bis sie sich alle beide wie aus dem Ei gepellt wieder in ihre alten, bestenfalls grob gereinigten, Kleider zwängten. Herrlich erfrischt machten sie sich dann auf zurück zur Herberge.. Es war ein sehr geschäftiger Tag, aber im Gegensatz zu den Vergangenen, waren es angenehme Beschäftigungen denen sie nach gingen und sie vertrieben auch noch letzten trüben und finsteren Gedanken. Hier konnte keiner wissen, dass sie mit Blutgeld bezahlten, aber wen sollte das groß kümmern. Geld war Geld und nur an wenigen Münzen klebte kein Blut, auf die ein oder andere Weise.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Sa, 01. Sep 2018 22:27

“Scheint, als ob eines dieser Dinger ausreicht, um einem das Leben zu versauen.Was willst du dann mit allen vieren? Gibt bestimmt schnellere Wege dich umzubringen…” brummte Caradan und Aen zuckte die Schultern. “Wer will schon ewig leben? Weisst du, seit ich entdeckt habe, dass ich den Funken der Magie in mir trage, wollte ich diese Macht erlernen. Ich meine, wozu hat man eine Gabe, wenn man sie dann verkümmern lässt und nicht erlernen will? Außerdem, eine Arcanierin, die die Gabe ihrer Feinde beherrscht, das ist doch mal wirklich etwas anderes…” grinste sie schelmisch. “Ich wollte es mehr als alles andere auf der Welt. Doch leider scheint es nicht so einfach zu sein. Man muss jahrelang dafür lernen und üben, das weiß ich nun. Aber ich wusste nie, wie ich es angehen sollte. Magisch begabte Elfen gehen dafür auf die magische Universität. Und wer weiß schon, ob die mich überhaupt aufnehmen würden. Ich bin mehr Mensch als sonstwas. Die Elfen scheinen da ohnehin sehr starrsinnig und eigensinnig zu sein. Ich vermute, sie würden mich niemals als Schülerin aufnehmen. Früher, als ich noch mit Théro zusammen war, wollte ich immer mit ihm in die Welt hinausziehen, etwa in die Wüste zu den Wüstenelfen, wo die feuermagisch begabten Elfen leben. Aber er wollte davon nichts wissen. Überhaupt hatte er nichts übrig für Feuer. Und Silvar hatte auch nichts übrig für Magie. Und nun, da ich endlich frei bin und frei zu tun, was immer ich will… Aber jetzt habe ich von diesem Amulett erfahren. Ich vermute, dass mein Blut so stark verdünnt ist, dass ich sowieso keine anständige Feuermagie beherrschen würde. Aber mit Ardor ist das alles nicht von Belang. Und darum muss ich es haben! Verstehst du das? Außerdem war das mit den vieren nur Spaß… ich brauche die anderen doch gar nicht. Ardor suche ich schon seit einem Jahr. Und ich glaube ich habe nicht die Kraft die anderen drei auch noch zu suchen. Aber Ardor muss ich haben! Koste es, was es wolle!”

Nach zwei anstrengenden Tagen und Nächten erreichten sie die Festung Ceroans Schild. An deren Fuß befand sich ein blühendes Städtchen. Sie besaß eigentlich keinen Namen, doch unter den ortsansässigen war sie einfach nur als Ceroans Schoß bekannt. Es war keine großartige Stadt, doch bot beinahe alles, was man unbedingt brauchte. Nachdem sie das Badehaus verlassen hatten, und zurück zu ihrer komfortablen Gaststätte gingen in welcher sie das beste verfügbare Quartier bezogen hatten, sah sich Aen alles genau an und merkte sich, welche Einrichtungen sie morgen aufsuchen wollen würde. Der ortsansässige Gewandschneider, den es hier gab, war klein. Doch man durfte nicht vergessen, dass sich hier eine Burg befand. Man war hier zwar nicht am Königshof in Merindar, doch ganz sicherlich wurde der Schneider öfters zur Burg gerufen und verfügte über entsprechend feine Stoffe. Und genau diese feinen Stoffe wollte sie. Und wenn es hier nichts gab, was ihren Ansprüchen genügte, wen kümmerte es? Dann würde sie eben in der nächsten großen Stadt fündig. Auch die Schmiede würde sie hier aufsuchen. Sie besaß kaum mehr Kugeln für ihr Feuerrohr. Einen Alchemisten hatte sie hier auf den ersten Blick allerdings nicht finden können. Und den brauchte sie ebenso wie den Schmied, für die Ingredienzien für das bitternötige Schwarzpulver, der Zündstoff für das Feuerrohr. Und vielleicht würde sie noch einen Goldschmied aufsuchen, um sich etwas hübsches zu leisten, irgendein Schmuckstück, welches sie sich immer, von Ardor abgesehen, schon lange gewünscht, aber doch irgendwie nicht gekauft hatte. Und vielleicht ein teures Parfüm, feinere Seifen als sie je besessen hatte… ach, die List an Wünschen war schier unendlich, und endlich würde sie sich all das erfüllen, was sie schon lange begehrt hatte!

So nahmen sie schließlich an einem Tisch Platz, und kaum, dass sie Platz genommen hatten, kam auch schon der Wirt angelaufen. Er wusste ja, dass sie das beste und teuerste Zimmer das er anzubieten hatte, bezogen hatten, dementsprechend hoffte er wohl, dass sie auch das beste und teuerste Essen bestellen würden, was sie tatsächlich auch taten. Nach geraumer Zeit stand auf dem Tisch Schweinshaxe die vor Fett und Bratensaft nur so troff, diverse Gemüse und Knödelbeilagen, Käse, Süßspeisen, und eigentlich war das alles weit mehr als sie zu zweit essen konnten, doch es war den Arcanierin egal. In den letzten Monden hatten sie schließlich eher schlecht als recht, manchmal auch gar nichts gegessen, und so fanden sie, hatten sie sich das mehr als redlich verdient. Die Arcanierin hielt sich an das Gemüse und Süßspeisen. Fleisch mochte sie nicht, sie hatte es nie gemocht, und bei Caradan schien es eher umgekehrt zu sein. “Wir ergänzen uns da wunderbar…” meinte sie dazu mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. “Du bist der Fleischfresser und ich kümmere mich um den Rest…” Sie kicherte und hob die Hand, um sich ein weiteres Bier und für den Abschluss des Festmahls noch einen kleinen Schnaps bestellen. “An so ein Leben könnte ich mich gewöhnen…” seufzte sie schließlich. “Das Bier ist köstlich, ich glaube, hier können wir getrost ein Paar Tage bleiben, was meinst du?” Sie holte ihren Pfeifenkrautbeutel hervor und stopfte sich gemählich eine Pfeife. Sie war so gut gelaunt, dass sie sogar davon absah, eine Starrkrautblüte in den Pfeifenkopf zu stopfen. Es fehlte ihr in diesem Moment an gar nichts! Und das war einer der wirklich seltenen Momente. Sie senkte ihre Stimme zu einem Raunen “Nur, solche Überfälle sollten die Ausnahme bleiben. Man muss sich vorsehen, denn wenn sich diese Vorfälle häufen, dann kann es passieren, dass sie einen einkreisen. Ich würde sogar so weit gehen ihnen zuzutrauen, dass sie eine Falle stellen. Eine schwer bewaffnete aber unauffällig aussehende Kutsche, ein unscheinbarer Bauernwagen… Gegen fünf, zehn Mann kann auch das Feuerrohr nichts ausrichten. Aber momentan haben wir genug Geld, da brauchen wir uns keine Gedanken machen über den nächsten Überfall. Außerdem funktioniert das wohl auch gut bei wohlhabenden Bürgern. Einbruch, wie du es machst, ist das eine, bewaffnete Beutezüge wie ich sie bevorzuge, sind was anderes.” Im Hintergrund hatten Musikanten seit geraumer Zeit leise zu spielen begonnen, und nun schwoll die Musik an, und der Barde der Truppe begann zu singen. Er wusste wohl, wie er mit seinem Publikum zu spielen hatte, denn nachdem er das erste Lied beendet hatte, und noch nie die Aufmerksamkeit erhalten hatte, nach welcher es ihm dünkte, da spielte die Gruppe ein zotiges Lied, was auch noch die letzten Ignoranten aus ihren Löchern lockte. Als die Spielleute schließlich die volle Aufmerksamkeit der Schenkengäste errungen hatte, da spielten sie ein Lied, welches wohl so etwas wie die Hymne von Ceroans Schoß zu sein schien, denn dieses Lied brachte die Gäste dazu, eifrig Wein oder Bier zu bestellen, was den Wirt sichtbar vergnügt seine Hände reiben ließ.
Schenk voll ein
Rebens kühlen Wein!
Hebt die Gläser, auf des Fürsten Wohl,
da will getrunken sein,
Drum leert die Becher ihm zur Ehr'!
Schenk voll ein!

Schenk voll ein,
Mein liebes Mägdelein!
Nach dem Tanze folge mir,
im Wald soll unser Plätzchen sein
Und willst du nicht, so bleib ich hier
Bei Rebens gutem Wein.

Schenk voll ein!
Trink doch nicht allein'!
Die Schandmaid hat heut' Nacht noch frei,
da musst du keine Dame frei'n,
Ist sie nicht hübsch, so trink sie schön
Mit Rebens gutem Wein
Die feineren Leute hatten die Schenke längst verlassen und zurückgeblieben waren die Handwerker, die Tagelöhner, die Bauern, Huren und Reisende. Aen musste zugeben, dass das eher die Gesellschaft war, die sie bevorzugte, da sie ungezwungener waren und die Stimmung in der Schenke dadurch deutlich angehoben ward. Aen erhob sich “Die Natur verlangt ihr Recht…” meinte sie augenzwinkernd, und sie verließ die Schenke, um sich am Abort zu erleichtern. Als sie fertig war, und sie die Schenke wieder betrat, wurde sie von einer Gruppe von vier Männern am Ärmel festgehalten. “Aber hallo, hübsches Fräulein! Ganz alleine hier?” Da schüttelte die Arcanierin den Kopf. “Nein, ich bin mit meinem Begleiter hier.” Sie deutete auf Caradan, der in diesem Augenblick zu ihr herüber sah. “Begleiter oder Gefährte?” wollte es einer ganz genau wissen. “Begleiter, wir reisen zusammen…” “Verstehe. Also wenn er nicht dein Gefährte ist, sondern nur dein Begleiter, dann wird er wohl nichts dagegen haben, wenn wir dich auf ein Bier oder einen Wein einladen oder?” Aen musterte die Kerle. Sie machten eigentlich keinen üblen Eindruck, keine der unverschämten ungehobelten und ungewaschenen Kerle, die sie sonst gewohnt war, sondern vier recht manierliche Zeitgenossen. “Ich weiß nicht so Recht…” erwiderte sie zögernd und blickte erneut zu Caradan. Eigentlich wollte sie ihn nicht alleine lassen. Aber da streckte ihr einer von ihnen seine leeren Handflächen entgegen, und hob sie schließlich an ihr Ohr. Mit geschickten Händen zauberte er plötzlich wie aus dem Nichts einen Heller hervor. “Aber sieh nur, was ich hier gefunden habe. Da kannst du doch schlecht Nein sagen, Frollein?” grinste er verschmitzt. Das brachte die Arcanierin gleichermaßen zum staunen, wie auch lachen. Nun gut, gegen ein Bier oder einen Wein war ja nun wirklich nichts einzuwenden. Sie hatte hier vor sich ganz sicherlich keinen Armaganen, sondern vier wohlmanierliche Gesellen. Sie suchte Caradans Blick, deutete dann auf die Gesellschaft und hob mit einem entschuldigenden Lächeln die Hände. Dann wandte sie sich wieder dem ‘Zauberer’ zu. “Also gut, ich bin einverstanden” lächelte sie. “Wunderbar! Mein Name ist übrigens Ramon. Und das sind Gellar, Oleif und Jadir. Und wie lautet dein Name, schönes Fräulein?” “Ich heiße Aenaeris, aber meine Freunde nennen mich schlicht ‘Aen’ “ erwiderte sie. “Ein schöner Name, und was treibt dich hierher, reisende Aen?” Sie zuckte die Schultern “Wir wollen meine Familie besuchen in… in Vamureon, nichts weiter, ganz unspektakulär. Und was treibt ihr hier?” Ramon holte wie aus dem Nichts plötzlich kleine Bälle hervor mit denen er geschickt jonglierte. “Wir sind Gaukler, ziehen von Ort zu Ort. Ebenso unspektakulär…” Das fand Aen hingegen gar nicht. Sie mochte das wandernde Volk, die Spielleute, die Gaukler und die Zigeuner, die gleich wie sie ein unstetes und beinahe geächtetes Leben führten.

Die Stunden rückten vor, und Aen fühlte sich von den Gauklern gut unterhalten. Natürlich war es nicht bei einem Bier geblieben. Immer wieder hatte Ramon sich etwas neues ausgedacht, wo er einen erneuten Heller hervorzaubern konnte, was die Arcanierin stets zum Lachen, und damit zur Zustimmung zu einem weiteren Becher brachte. Aber letztendlich setzte sie sich durch, als Ramon einen Heller frech aus ihrem Dekolleté hervorholte.”Bleib doch noch ein Weilchen, Aenchen. Gerade ist es doch so nett, und vielleicht könnten wir uns noch weiter vergnügen?” Dabei legte er ihr seine Hand um ihre Hüfte. Freundlich, aber bestimmt nahm sie seine Hand weg. “Nein, wirklich, ich kann nicht mehr. Ich habe schon mehr als genug Bier getrunken, und außerdem muss ich jetzt wieder zu meinem Begleiter zurück, es war schon unhöflich genug, ihn so lange alleine zu lassen…” Ihre Augen wanderten zu dem Tisch an welchem sie ihn zurückgelassen hatte, doch er war nicht zu sehen. Ramons Augen blitzten vergnügt auf, als er ihren suchenden Blick bemerkt. “Lustig, hast du es nicht bemerkt? Er ist schon vor geraumer Zeit nach oben verschwunden, und soweit mich meine Augen nicht getäuscht haben, war er nicht alleine. Er scheint dich also nicht zu vermissen.” Aen runzelte die Stirn. Er war nach oben gegangen? Und das nicht alleine? Was für ein Unsinn… Wahrscheinlich war er beleidigt, weil sie ihn wieder einmal mutterseelenalleine zurückgelassen hatte, und wartete darauf, dass sie es bemerken und sich zu ihm gesellen würde, damit er es ihr unter die Nase reiben konnte, was für eine schlechte und unhöfliche Person sie doch war. Aen verneigte sich vor den vieren “Dann muss ich euch erst Recht verlassen. Ich danke für den schönen Abend, gehabt euch wohl!” Mit diesen Worten wandte sie sich ab und stieg, nein, wankte die Stufen nach oben, die zu den Gästezimmern führten. Erst jetzt, da sie sich bewegte, spürte sie die Wirkung des Alkohols. Es war aber auch verflixt, dass sie zwar wusste, wie viel sie vertrug, dieses Wissen aber jedoch jedesmal ignorierte. So steckte sie den Kopf ins Zimmer, das sich fast zu drehen schien. Es war ein großes Zimmer, in ‘L’ Form, und am Ende befand sich links in einen großzügigen Erker eingebettet, das ebenso großzügige, fein gepolsterte Bett, auf welches sie sich schon gefreut hatte, seit sie es zum ersten Mal erblickt hatte. “Caradan…?” lallte sie, trat in das Zimmer und schloss die Türe hinter sich. “Jajaja, ich weiß, ich weiß, ich weiß… Verzeih, verzeih… ich habe dich schon wieder alleine gelassen… Und es tut mir auch leid...” Sie lauschte, aber sie hörte nichts. “Hörst du nicht…?” Sie lauschte angestrengt, doch noch immer hörte sie keinen Mucks von ihrem Begleiter. “Ach komm… jetzt sei beleidigt wie ein kleines Mädchen… Ich habe mich doch entschuldigt…” Sie trat ums Eck, und prallte zurück vor dem Anblick der sich vor ihr auftat. Caradan lag am Bett, nackt, seinen Arm auf dem Rücken einer blondgelockten Frau, die ebenso wenig anhatte wie er. Sie konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie bäuchlings dalag. Beide schliefen friedlich, und die Arcanierin versteinerte förmlich. Es war ihr, als fuhr ihr eine Eiseskälte durch den Leib, und ihr Herz begann höher zu schlagen und drohte, ihre Brust zu sprengen. Aen hatte es schier die Sprache verschlagen, und der fröhliche Schenkenlärm, der gedämpft nach oben drang, machte sie regelrecht rasend vor Wut. Wie konnten diese Menschen so fröhlich sein?

Aen wandte sich ab und stürmte nach draußen, so schnell es ihr alkoholisierter Zustand nur zuließ. Sich am Handlauf der Treppe festhaltend, taumelte sie die Stufen hinunter. Ihr Ziel war Ramon. Ramon, der sie sicherlich mit Vergnügen mitnehmen würde, wo auch immer er sein Quartier hatte. Doch als sie im Schankraum angekommen war, waren die Gaukler verschwunden. Sie schluckte schwer, wusste nicht, was sie nun tun sollte. Ihr fiel wirklich nichts ein, sie wusste nur, dass sie diese Nacht ganz bestimmt nicht in ihrer beider Quartier verbringen würde. Sie trat an den Ausschank und schlug mit der Faust auf die Eichendiele. “He, Wirt, hast du noch ein Zimmer frei?” lallte sie. Der Wirt blickte sie verwundert an. “Ist mit dem Zimmer dass ihr euch genommen habt, etwas nicht in Ordnung?” forschte er nach, doch die Arcanierin winkte wild gestikulierend ab. “Nein, das Zimmer ist völlig in Ordnung. Es ist mein Begleiter, mit dem ist etwas nicht in Ordnung. Also, hast du noch ein freies Zimmer, oder muss ich mich woanders umsehen?” “Eines hab ich noch. Es ist nicht groß, aber ähnlich komfortabel ausgestattet. Es kostet…” Aen schnitt ihm harsch das Wort ab. “Ist mir scheissegal was es kostet, ich habe genug Geld, ja?” Der Wirt hielt ihr den Schlüssel hin “Ist ja gut, ist ja gut… Zimmer Nummer sieben, es befindet sich schräg gegenüber von dem eurem” Sie nickte “Hab Dank.” Dann trat sie ihren Weg zurück ins Zimmer an. Dort angekommen, setzte sie sich auf das Bett, und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Das war etwas, worauf sie nicht vorbereitet gewesen war. Der Abend hatte so gut begonnen. Und so hatte er geendet? Und das Schlimmste war, wie sie sich fühlte! Aen fischte nach ihrem Pfeifenkrautbeutel, der an ihrem Gürtel hing. Vorher hatte sie getrost auf das Starrkraut verzichten können, doch jetzt ging das auf keinen Fall mehr. Ihre Hände zitterten, als sie das Starrkrautbeutelchen öffnete, und einen zarten hellblauen Blütenkopf hervor holte, und fast war sie sich sicher, dass es nicht am Starrkraut lag. Trotzdem verging das Zittern, als sie den ersten erlösenden Zug tat. Unter dem Einfluss des Starrkrauts war es sicher nicht die beste Idee, nachzudenken, dennoch versuchte sie es. Was ging hier nur vor sich? Was machte sie nur so wütend? In Wahrheit wusste sie es. Sie war eifersüchtig. Rasend eifersüchtig. Und irgendwie auch verletzt. Und auch hier war ihr bewusst, woran das lag. Aber es sich einzugestehen, dazu gehörte ein klarer Kopf. Ein klarer Kopf den sie momentan nicht besaß. So saß sie eine Weile da, starrte ins Leere, und wartete darauf, dass sie sich beruhigte. Doch das geschah nicht. Stattdessen grübelte sie, kam jedoch auf keinen grünen Zweig. Das einzige was sie wirklich mit Gewissheit sagen konnte war, dass sie dieses Gefühl nicht kannte. Noch nie hatte sie ein ähnliches Gefühl empfunden. Es war ein hässliches Gefühl, und es erzeugte wahrhaftig Schmerz. Sie ließ sich auf das Bett fallen, schloss die Augen und hoffte, dass das Gefühl verging. Aber es blieb. Es fraß sich förmlich in ihren Kopf und in ihre Eingeweide. Dann erhob sie sich wieder, und verließ das Zimmer und ging wieder in ihr gemeinsames.

Erneut zitterte sie innerlich, als sie die beiden so friedlich schlafend auf dem Bett liegen sah, dann zog sie sich einen Stuhl an das Bett heran und ließ sich langsam darauf nieder. Eine Weile saß sie einfach nur stumm da und sah die beiden Schlafenden an, und jede Sekunde ließ die Gedanken in ihrem Kopf dunkler und düsterer werden. Bis sie es nicht mehr aushielt, sich jetzt erhob und ihn mit dem Fuß einen unsanften Tritt verpasste. Er ruckte mit dem Kopf hoch und sabbelte “Was ist los?” Sie blickte ihn finster von oben an, und wartete, bis er sich auf den Rücken drehte und sie ansah. Sie ließ ihre Blicke über die Frau gleiten und wieder blieben ihr die Worte im Hals stecken, als ob sich eine Hand um ihren Hals gelegt hätte und nun zudrückte. Sie räusperte sich und fragte “Was soll der Scheiß da, Caradan?” Er schien sich kurz zu fangen, blickte nach links, wo die Blonde lag, dann wandte er ihr wieder den Kopf zu. Dann grinste er “Ich hab noch eine Hand frei, komm her.” Aen ekelte sich in diesem Moment so sehr, und so unbändig kroch der Hass in ihr hoch, dass sie befürchtete, sich gleich übergeben zu müssen. Sie schluckte hart. “Ist das dein Ernst?” “Ja, wieso nicht?” Sie runzelte die Stirn “Weil ich keine Hure bin…” “Hab ich auch nicht behauptet” gab er zurück. “Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet, Caradan. Was soll der Scheiß?” Er antwortete nicht, sondern gab zur Antwort eine Gegenfrage “Was sollte der Scheiß mit dem Armaganenarsch?” Aen rollte die Augen und wurde richtig wütend. Und lauter. Je mehr sie sprach, desto lauter wurde sie.“Wie alt bist du eigentlich? Ist das jetzt deine kindische Rache? Das war nun wirklich etwas anderes. Wie du richtig erkannt hast, war das ein Armagane. Und er hat mich gezwungen, zu saufen obwohl ich längst nicht mehr konnte. Einwände waren zwecklos. Da erschien mir das noch am schlausten. Auf dich konnte ich ja nicht zählen” fügte sie am Schluss noch giftig hinzu. “Ich habe auch gesoffen” erwiderte er. Und das war zuviel für die Arcanierin. Sie ging um das Bett herum, nahm eins der wundervollen Daunenkissen und legte es auf den Kopf der schlafenden Schönheit. Dann zog sie ihr Feuerrohr, drückte es tief ins Kissen und betätigte den Abzug. Der laute Knall blieb aus, stattdessen erfolgte ein gedämpfter Laut. Auf dem Kissen prangte ein schwarzer Brandfleck. Triumphierend und mit wilden, fast wahnsinnigen Augen sah sie zu Caradan herüber. “Ich bin auch hackedicht. Und auf Starrkraut obendrein. Hoppla!” Dann steckte sie das Feuerrohr zurück in sein Revers und beobachtete, wie sich das Laken unter dem Kissen mit Blut vollsog und es dunkelrot färbte. Dann ging sie wortlos zur Türe. Bevor sie das Zimmer verließ, wandte sie sich noch um und nickte zu der Toten “Vielleicht solltest du noch die Sauerei wegmachen, bevor morgen vormittags die Magd kommt. Übrigens, Thero hat eine Leiche einst in den Chabur geworfen. Gute Nacht.” Dann krachte die Tür ins Schloss...
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » So, 02. Sep 2018 12:53

Es war unglaublich, was solch paar Münzen für einen Einfluss auf die Menschen haben konnten. Obwohl sie aussahen wie die letzten Vagabunden, waren die Leute stinkfreundlich zu ihnen, denn den Leuten lief das Wasser im grindigen Maul zusammen, wenn sie das Geklimper der Münzen in ihren Beuteln hörten. So kam auch gierig, pflichtgetreu der Wirt angedackelt und nahm Aens üppige Bestellung auf, die noch um Caradans Wünsche erweitert wurden. Die Arcanier bestellten mehr als sie Essen konnten, aber nach Wochen der Entbehrung konnten sie sich einen Abend der Verschwendung durchaus erlauben. Der Dieb hielt sich ans Wesentliche ließ die beiseite liegenden Beilagen, Beilagen sein, was scheinbar eine wunderbare Idee war, denn Aen stürzte sich hungrigen Blickes auf allerlei Gemüse. “Wir ergänzen uns da ja wunderbar.” Caradan brummte zwischen zwei Bissen seine Zustimmung. Seiner Meinung nach ging diese Ergänzung weit über das Essen von viel zu vielen Speisen hinaus, aber er war im Moment viel zu sehr mit kauen beschäftigt, als das er über so ein Gespräch auch nur nachdenken konnte. “An so ein Leben könnte ich mich gewöhnen…” seufzte sie wohlig und zur Antwort prostete Caradan ihr zu. “Das Bier ist köstlich, ich glaube, hier können wir getrost ein Paar Tage bleiben, was meinst du?” Der Dieb spülte seinen vollen Mund mit reichlich Bier hinunter und lächelte sie an. “Kommt drauf, ob das Bett so weich ist wie es aussieht.”, zwinkerte er ihr zu. “Aber das finden wir schon raus.” Aber frühestens in ein paar Stunden, denn nun war er viel zu voll gefressen und er war sich sicher, dass es Aen ebenso ging. Sie zündete sich eine Pfeife an und verzichtete, sehr zu Caradans Überraschung, auf eine Blüte des Starrkrauts. Als die Pfeife glomm und sie ein paar tiefe Züge genommen hatte, fing sie damit an, ihn über die Folgen von Überfällen aufzuklären. Er war vielleicht ungeübt auf diesem Gebiet, aber wenn er sich recht entsann, war das so ziemlich das, was er befürchtet hatte, wenn sie zu oft Starrkraut von den Wagen der Händler in Brisangen stahlen. Vielleicht nicht gleich eine Falle mit fünfzehn Mann, aber eine stärkere Bewachung der Wagen. Er nahm ihre Hand und drückte sie sanft. “Ach was. Wir sind hinter der Grenze und haben mehr als genug Geld. Bis wir unsere Börse wieder auffüllen müssen, haben die Leute den Vorfall sicher vergessen.”
Als die Musik anschwoll, begann auch der Wein in Strömen zu fließen und die beiden Arcanier hatten reges Interesse und Anteil an diesem Strom. Sie becherten nicht allzu heftig. Die edlen Tropfen die sie sich leisteten wollten genossen werden. Das billige Zeug, das man kaum von Essig unterscheiden konnte, das konnte man immer wieder hinab stürzen, aber dieses Zeug, das nun Caradans Becher füllte, das weigerte sich schlicht schnell seine Kehle hinab zu rinnen. Aber letzten Endes war es auch nur Wein, was Aen sogleich demonstrierte, als sie entschuldigte um mal Pissen zu gehen. Oder scheißen, was auch immer. Der Dieb wartete geduldig und nagte noch ein wenig den Knochen der Haxe ab, spülte die Fleischfetzen hinunter und wischte sich das Fett aus dem Bart. Als er aufsah und zur Türe blickte, unterhielt sich Aen mit einem Mann, der zu einer Gruppe zu gehören schien. Sie deutete auf den Dieb, was die anderen Männer nicht davon abzubringen vermochte ihr nun mit billigen Zaubertricks zu Leibe zu rücken und hier ein Lachen zu entlocken. “Oh je.”, murmelte er und ihre Blicke trafen sich. Entschuldigend hob sie die Arme und gesellte sich zu der Gruppe, einem Haufen Zigeuner, wie Caradan an den plötzlich fliegenden Bällen erkannte. Zähneknirschend holte er eine Münze hervor, ließ sie über die Knöchel seiner unverletzten Hand hüpfen und ließ sie, oh wunder, plötzlich verschwinden und zauberte sie wie aus dem Nichts wieder hervor. Immer wieder ließ er die Münze verschwinden und zauberte sie wieder hervor. So ein billiger Trick und Aen war ihm voll auf den Leim gegangen. In der Hoffnung das sie bald wieder kam, orderte er noch zwei Wein.

Sie hatte es schon wieder getan. Sie hatte ihn schon wieder versetzt, nein ersetzt. Schon wieder hatte sie jemand anderen gefunden, mit dem sie den Abend verbrachte, weil dieser jemand neu und aufregend war. Caradan war ihr nicht gut genug, nicht auf Dauer und das ließ sie ihn spüren. Erneut. Das war das gleiche Spiel, wie mit diesem verdammten Armaganen. Für den hatte sie auch die Beine breit gemacht, ohne sich um Caradan zu scheren und so wie er sie einschätzte, würde heute nacht der Zigeuner seinen Spaß mit ihr haben. Mit finsterer Miene, wandte er sich ab und starrte in die andere Richtung. Eine Gruppe Männer spielten Karten, ein paar Andere würfelten und wieder andere lauschten den Klängen der Spielmänner. Ohne zu zögern gesellte sich Caradan zu den Spielern, stieg sowohl bei den Karten, als auch wenig später bei den Würfeln ein. Er musste nicht einmal betrügen um zu gewinnen. Die Würfel waren ihm gewogen und die Karten summierten sich wie von selbst und der Dieb gab Runde um Runde zum Besten. Er hielt sich nicht an Bier oder Wein auf. Heute Nacht war er nicht zum Spaß hier. Schnaps musste her, Branntwein und Starrkraut. Wieso sollte immer nur Aen ihren Spaß mit ihrer Beute haben, schließlich hatte auch Caradan eine Pfeife und wusste wie man das Zeug konsumierte. Ein wenig Pfeifenkraut und ein, zwei Blüten hinein bröseln, fertig war ein besonderer Abend. Die wilde Mischung, das tödliche Zusammenspiel von Alkohol und Starrkraut ließ den Dieb übermütig werden. Er war frustriert und beleidigt, fühlte sich ungenügend suchte den Wettkampf mit anderen Männern hier in der Schenke. “Armdrücken!”, forderte der Mann, der dem Arcanier am Nächsten saß. Der Kerl war so breit wie hoch gebaut und seine Arme schienen direkt aus dem Kopf zu wachsen, so wenig Hals besaß er. Offensichtlich war dieser Mann ein Zugochse im Menschengewand. Genau der richtige Gegner, um sich im Übermut zu profilieren. Caradan ließ sich ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen und starrte die Hand des Mannes an, der bereits seinen Ellenbogen auf der Tischplatte positioniert hatte. “Was soll das?”, fragte Caradan gereizt. “Armdrücken!”, wiederholte der Stiernacken. “Nein.”, lachte Caradan. “Ich komm grade aus Lanyamere, ich will die arcanische Variante ausprobieren.” Der Mann sah ihn irritiert an. Offensichtlich hatte er keine Ahnung, wovon der Arcanier redete. Das war nicht weiter verwunderlich, denn Caradan dachte sich den ganzen Scheiß in diesem Moment aus. “Pass auf.”, begann er seine Erklärung und musste ein Grinsen unterdrücken. “Wir ziehen uns gegenseitig zu uns. Wenn mein Handrücken deine Brust berührt, gewinnst du, wenn deiner meine berührt habe ich gewonnen. Verstanden?” Der Nacken nickte und Caradan umschloss seine Hand, wie beim gewöhnlichen Armdrücken. Auf das Signal des Publikums begannen die beiden Männer, den Arm des jeweils anderen zum jeweils eigenen Körper zu ziehen. Jedenfalls taten es beide etwa einen Wimpernschlag lang, denn während der Nacken mit aller Kraft an Caradans Arm riss, ließ dieser die Hand des Anderen los. Als seine Hand aus der des Nackens glitt, konnte dieser seine Kraft nicht rechtzeitig bremsen und schlug sich selbst mit all seiner Kraft ins Gesicht. Vor Schreck machte er einen Satz nach hinten und kippte mitsamt Stuhl um. Der Arcanier brüllte vor lachen und die Zuschauer stimmten schadenfroh mit ein. Zumindest bis der Nacken wieder auf den Füßen war und Caradan am Kragen packte. “Spinnst du!”, fiel ihm einer der Kartenspieler in den Arm. “Willst du an den Pranger, weil du einen Edelmann angreifst?” Der Nacken ließ von Caradan ab und musterte ihn skeptisch. “Der da?”, lautete seine präzise Frage. “Ja der hat die Herzogsgemächer bezogen. Das Beste vom Besten.” Überraschung hob die Brauen des Nackens und Caradan klopfte mit einer Silbermünze auf den Tisch. “Trinkt auf mich und seid mir nicht böse!”, rief er immer noch lachend und erntete zustimmenden Jubel.
“Ihr seht gar nicht aus wie ein Edelmann.”, wandte sich eine junge, blonde Frau an Caradan und setzte sich neben ihn. Caradan musterte die Frau, ihre langen blonden Haare, die strahlend blauen Augen und vor allem ihre üppige Oberweite. Ihm schoss das Blut zwischen die Beine und je länger er hinsah, desto härter wurde er. “Tjaa, ich bin auch schon eine Weile unterwegs.”, gab Caradan zurück und reichte ihr einen Becher Branntwein.. “Aber ich bin so edel wie du schön bist.” Er stieß mit ihr an und sie stürzten die brennende Flüssigkeit hinunter. Der Dieb legte seinen Arm um die Hüfte der Frau und zog sie näher zu sich. Sie kicherte aufreizend und warf ihm einen glutvollen Blick zu. Der nächste Becher Schnaps floss. “Aber wenn du mir nicht glaubst, ich kann dir auf meinem Zimmer mein Schwert zeigen.” Sie tranken einen dritten Becher. Sie legte ihm ihre Hand auf den Oberschenkel, schmiegte sich an ihn und flüsterte ihm ins Ohr. “Worauf warten wir noch?” Das war ein Wort. Caradan blickte sich noch einmal nach Aenaeris um und als er sie lachend einen weiteren Becher Wein trinken sah, nahm er die Frau bei der Hand und nahm sie mit nach oben. Er zog die Frau ins Zimmer, marschierte zu einer der beiden Truhen, denn sowohl Aenaeris, als auch er besaßen eine eigene, und holte das Schwer hervor. “Siehst du?”, fragte er grinsend. Die Blonde lachte auf und ließ sich aufs Bett fallen. Mit einer Geste signalisierte sie ihm, ihr zu folgen und ehe er es sich versah, umschloss sie seine Männlichkeit mit ihren Lippen und schließlich wälzten sie sich durch die Laken. Caradan gab sich keine Mühe. Er nahm sie hart, fickte sie einfach, ohne einen Gedanken an sie oder ihren Willen zu verlieren. Das einzige was ihn scherte, war die Befriedigung seiner eigenen Triebe und so stieß er hinein, immer und immer wieder und so ergoss er sich auch ohne Vorwarnung in sie, was ihr so gar nicht schmeckte. Sie versuchte ihn hinaus zu stoßen, aber er presste sie an sich und fiel schließlich erschöpft in die Laken. Sie wollte sich erheben und sich in einer Wasserschale waschen, doch Caradan zog sie wieder zu sich. “Bleib.”, lallte er und legte seinen Arm um sie. “Lass mich nicht allein…” Und so blieb sie unwillig liegen und schließlich schliefen sie und der Arcanier ein, den Kopf schwer vom reichlichen Schnapsgenuss.

Er träumte nichts. Wie auch, sein Schlaf war der puren Erschöpfung geschuldet und dauerte nicht annähernd so lang, wie er gehofft hatte. Ja in der Tat wurde sein Schlummer jäh unterbrochen, als er unmissverständlich einen Tritt spürte. “Was ist los.”; sabbelte er und versuchte den Angreifer auszumachen. Sein Kopf fühlte sich sehr schwer an und er hatte mühe etwas zu erkennen. Das einzige was er sofort bemerkte, war eine kühle Brise, die seine Eier streichelte und das sien Kissen voll Sabber war. Er wälzte sich auf den Rücken und starrte in das finstere Gesicht des Todes… Also Aens. Sein Kopf arbeitete langsam. Was wollte sie denn und warum trat sie ihn? Er massierte sich den Nasenrücken. “Was soll der Scheiß da, Caradan?”, fragte sie ihn mit seltsam belegter Stimme. Irritiert folgte er ihrem Blick und als er die Blonde neben sich liegen sah, fiel es ihm wieder ein. Was stellte Aen sich so an, sie hatte sich doch auch mit diesen Zigeunern amüsiert. Er grinste sie lüstern an und winkte mit einer Hand. “Ich hab noch eine Hand frei, komm er.” Sie machte den Eindruck, als kämpfe sie mit ihrem Abendessen und es war nicht ganz eindeutig, wer diesen Kampf gewinnen würde. Hatte wohl doch zu viel gesoffen, wie immer. “Ist das dein Ernst?”, fragte sie und Caradan zuckte mit den Achseln. “Ja wieso nicht?” “Weil ich keine Hure bin.” Der Dieb hob fragend die Hände. “Hab ich auch nicht behauptet.” Was zierte sie sich bloß so. Selbst wenn er noch nicht wieder einsatzbereit sein sollte, konnte seine Zunge die Zeit ja wohl problemlos überbrücken und das ihr das durchaus gefiel, hatte sie ihm schon gezeigt. “Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet Caradan. Was soll der Scheiß?” Langsam wurde Caradan wütend, zwang sich aber zumindest äußerlich die Ruhe selbst zu sein. “Was sollte der Scheiß mit dem Armaganenarsch?”, fragte er statt zu antworten. Das hier war genau das gleiche und da änderte Aens immer lauter werdendes Gezeter auch nichts dran. “Auf dich konnte ich ja nicht zählen.” Das war genug. Caradan hatte keine Lust mehr auf diese Unterhaltung, keine Lust mehr auf diesen Streit, keine Lust mehr auf Aen. Es war einfach genug. “Ich hab auf gesoffen.”, zischte er und wollte sie gerade anbrüllen, dass sie sich verpissen sollte, doch sie bewegte sich schon von allein. Aber nicht etwa zur Tür, nein, sonder zu der immer noch schlafenden Blondine. Sie legte ihr ein Kissen auf den Kopf. Caradan rollte mit den Augen, wollte sie sie nun ersticken oder was? Nein, nicht ersticken, denn Aen zog das Feuerrohr und erschoss die Frau durch das Kissen hindurch. Caradan zuckte vor dem ausbleibenden Knall weg und starrte fassungslos auf die Leiche, die in einer sich ausbreitenden Blutlache lag. Neben ihm im Bett. Schockiert blickte er zu Aen. Aus ihren Augen loderte der blanke Wahnsinn. “Ich bin auch hackedicht, und auf Starrkraut obendrein. Hoppla!” Der Dieb konnte nicht glauben was gerade geschehen war. Alle seine SInne weigerten sich das eben erlebte zu verarbeiten und sein Geist leugnete die schiere Existenz der ganzen Szenerie. Und Aen ging hinaus, als wäre nichts gewesen. “Vielleicht solltest du noch die Sauerei wegmachen, bevor morgen vormittags die Magd kommt. Übrigens, Thero hat eine Leiche einst in den Chabur geworfen. Gute Nacht.”, warf sie ihm noch hin, bevor sie verschwand.
Einen Moment blieb Caradan reglos im Bett sitzen, horchte, ob jemand die Treppe hinauf gestürmt kam, ob Rufe erschallten oder sonst etwas. Nichts, nur der Lärm der Schenke drang zu ihm hinauf. Mit einem Mal sprang er vom Bett und rannte zum Tisch wo der Schlüssel zur Tür lag. So schnell er konnte streifte er sich seine Hose über und eilte vor die Tür. Mit zittrigen Händen sperrte er die Tür zu und blickte sich gehetzt um. Schräg gegenüber warf Aen ihm einen giftigen Blick zu und verschwand in einem Zimmer. Jedenfalls wollte sie das, aber kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, riss Caradan sie wieder auf, drängte Aenaeris ins Innere und verriegelte die Tür. Mit einem hasserfüllten Blick, packte er die Arcanierin an den Schultern. Sie versuchte sich zu befreien, aber der Dieb umklammerte zunächst ihre Arme und dann ihre Handgelenke, damit sie ihn nicht schlagen oder gar erschießen konnte. Er glaubte nicht, dass sie das tun würde, aber im Moment war er sich dessen nicht vollauf sicher. “Hast du vollkommen den Verstand verloren!”, schrie er sie an, stieß sie aufs Bett und riss ihr das verdammte Feuerrohr vom Gürtel. Achtlos warf er es in die Ecke und stieß Aenaeris erneut aufs Bett, als sie aufbegehrte. “Halt’s Maul!”, brüllte er. “Was sollte das? Was soll diese Scheiße?” Er war außer sich vor Zorn und ließ Aen gar nicht erst zu Wort kommen. “Bist du eifersüchtig ja? Bist du eifersüchtig, weil ich mir eine andere Fotze zum ficken gesucht habe, ja?” Stille… Stille die genauso gut ein gebrülltes Ja hätte sein können. “Dann hab ich hier etwas für dich: Wir sind kein Paar!”, donnerte er. “Das hast du selbst gesagt und deshalb kann ich ficken wann und wen ich will, so wie du es auch getan hast!” “Aber das war etwas anderes! Das weisst du! Wenn dich ein Scheiss Armagane zum saufen nötigt, hältst du irgendwann auch noch eher den Arsch hin anstatt weiterzumachen!”, rechtfertigte sie sich. Caradan riss die Arme in einer Geste der Verzweiflung in die Höhe. “Aber ich lass mich gar nicht erst mit denen ein, also hör auf mit deinen scheiß Ausreden!” “Das war trotzdem was anderes.”, gab sie trotzig zurück. “Das war nicht vorhersehbar.” “Das glaub ich nicht!”, rief der Dieb ungläubig. Es war Hoffnungslos, er redete mit einer Tauben und Blinden gleichermaßen. “Was machst du mich denn deswegen jetzt an? Bist du denn eifersüchtig?”, war ihre schnippische Antwort. “Ja verdammt!”, brüllte er, noch ehe er wusste was er tat. Dann herrschte Stille. Es war eine unangenehme Stille, denn sowohl er als auch sie konnten das Gesagte und das Ungesagte nicht zurücknehmen. Die Karten lagen offen da und das war komisch. Aen brach die Stille als Erste, denn sie begann zu weinen. Caradan schluckte schwer. “Komm mir bloß nicht so.” Sie schlug die Hände vors Gesicht und schoss alle Hemmungen in den Wind. Es versetzte ihm einen schmerzlichen Stich sie so zu sehen und er ertrug den Anblick nicht. “Geh mir einfach aus den Augen.”, hauchte er tonlos, rannte beinahe hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Caradan sank, gegen den Türrahmen gelehnt, zu Boden. Er war hellwach, angespannt, aber spürte die Konsequenzen des freudigen Abends. Angewidert starrte er auf die Türe zu seinem Zimmer. Er wollte nicht da rein, wollte nicht sein Habe neben einer Leiche aufsammeln, einer Leiche mit der noch ein paar Momente zuvor, als sie noch lebte, so intim gewesen war. Es war ein widerlicher Gedanke. Aber konnte auch nicht wieder zu Aen gehen. Nicht nur das er den Anblick sie so verletzlich zu sehen, nicht ertrug, nein, es war eine Frage des Standpunktes. Er war im Recht… hoffte er jedenfalls. Mit weichen Knien rappelte er sich auf und schloss die Tür auf. “Zm Woohl Meesta!”, rülpste jemand hinter ihm und der Arcanier erschrak. Ein betrunkener Gast schwankte an ihm vorbei in sein Zimmer, zwei Räume von Caradans entfernt. Hektisch blickte er sich um und huschte hinein, die Tür hinter sich mit Nachdruck verriegelnd. Er versuchte nicht zum Bett zu schauen, doch die Szenerie zog seinen Blick magisch an. Das Laken war mittlerweile ebenso rot wie weiß und auch das Kissen, war von Blut durchtränkt. Er schluckte seinen Würgereiz hinunter und klaubte seine Kleider auf, schnappte sich das Schwert und seine Börse und verschwand aus dem Zimmer. Er schloss es hinter sich zu. Durch die Schenke zu flüchten kam nicht in Frage und so eilte er zum Ende des Ganges, riss das Fenster auf und kletterte hinaus. Die angenehm kühle Abendluft wirkte wahre Wunder. Einen Moment genoss er einfach nur die Frische, die in seine Lungen strömte und den Übelkeit erregenden Geruch des Feuerrohrqualms hinfort spülte. Er konnte wieder klarer denken und lief eilenden Schrittes zu den Stallungen. In Aens Satteltaschen befand sich das Groß des Geldes, in seinen der Wein. Das war gut so, denn dieses Blutgeld konnte sie ruhig behalten, den Wein würde er dringender benötigen. Er stand ein paar Schritt vom Stall entfernt und starrte zurück zur Schenke. Machte er sich jetzt auf, war er wieder in den gefallenen Reichen, ehe überhaupt jemand die Tote fand. Sie würden schnell darauf kommen, dass sie vorher noch mit ihm geschlafen hatte und sehr schnell der Idee anheimfallen, dass es sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft handelte. Und Aen wäre der perfekte Sündenbock, immerhin war sie es auch gewesen. Ein kleiner Teil von ihm fand, dass sie es verdient hätte. Nicht nur verdient, sonder dass es schon lange überfällig war, dass man ihren Kopf auf einen Spieß steckte. Bei diesem Gedanken wurde ihm schlecht und er erbrach, mitten auf die Straße. Er erbrach sich immer weiter, bis er nur noch ein zitterndes häufchen Elend war. Vielleicht hatte sie es ja verdient, aber er wollte und konnte nicht damit leben, dafür verantwortlich zu sein. Wenn er schon floh, dann mit ihr. Was dann wäre, konnte immer noch dann entschieden werden, aber zunächst mussten sie hier weg, alle beide.
Caradan gab dem Stallburschen bescheid, dass er die Pferde zur Abreise bereit machen sollte. Den verwirrten Blick klärte er mit einer Hand voll Münzen und den Worten, in Aramad warteten dringende Geschäfte auf ihn. So hoffte er, eine falsche Spur zu legen, noch bevor sie überhaupt aufbrachen. Als er zurück zur Schenke kam, wurde er mit überraschten Blicken begrüßt. Der Wirt war verwirrt, denn er hatte Caradan die Schenke nicht verlassen sehen und doch kam er augenscheinlich von draußen hinein. Der Dieb zwinkerte ihm mit einem schelmischen Lächeln zu und schritt die Treppe hinauf. Oben angekommen, sah er Aen, die gerade aus ihrem Zimmer zu seinem lief und klopfte. Er sagte nichts und kam nur näher. Die Dielen knarrten und sie blickte sich um. Ihre Blicke trafen sich und es herrschte wieder diese angespannte Stille. Wortlos kam Caradan näher. “Was ist jetzt?”, fragte Aen. Der Arcanier legte ihr seine Hand auf die Wange. “Jetzt gehen wir.”, antwortete er ruhig und sperrte die Tür auf. Während Aen ihr Zeug auf sammelte, schnappte sich Caradan eine Lampe vom Tisch und verspritzte das Lampenöl über dem ganzen Bett. Dann entzündete er eine Kerze, stellte sie aufs Bett. In der Theorie würde die Kerze nachdem sie herunter gebrannt war das Öl entzünden und wenn alles so lief wie gedacht, wären Aen und Caradan zu diesem Zeitpunkt bereits über alle Berge. Als sie die Trepper herunter eilten, fingen sie erneut den fragenden Blick des Wirtes auf. “Wollt Ihr abreisen?” Caradan schüttelte den Kopf. “Es ist frisch draußen und wir wollen einen kleinen Spaziergang machen.” Um weitere Fragen zu unterbinden landeten eine Handvoll Münzen auf dem Tresen. Weit mehr, als sie dem Mann schuldig waren. “Ich verstehe.”, nickte er zufrieden und ließ sie unbehelligt weiter ziehen. Sie eilten zu den Stallungen, empfingen ihre Pferde und ritten in gemächlichen Tempo zur Dorfgrenze. “Du reitest vor.”, beschloss Caradan und nickte Aen mit einem traurigen, erschöpften, aber auch erleichterten Lächeln zu.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » So, 02. Sep 2018 16:39

Mit einem dumpfen Schlag fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Der messingfarbene geschwungene Türgriff fühlte sich kühl an. Aber in ihrer Brust dagegen herrschte Eiseskälte. Einen Moment blieb sie stehen, ob Caradan die Türe sogleich aufreissen würde, doch nichts geschah. Dann nestelte sie umständlich den Schlüssel aus ihrem Beutel und versuchte, damit das Schlüsselloch zu treffen. Doch es gelang ihr nicht. Lags am Starrkraut, lag es am Alkohol, lag es an dem Streit, lag es daran, dass Caradan mit einer Leiche eben Bett und Zimmer teilte, lag es daran, dass er sie noch kurz vorher lebendig, gevögelt hatte… Es wussten nur die Geschwister. Angestrengt nahm sie den dicken Eisenschlüssel in beide Hände und bugsierte ihn langsam in das Schloss. Endlich! Sie drehte den Schlüssel im Schloss, und das Schloss sprang klackend auf. Als sie die Tür aufstieß, entdeckte sie aus dem Augenwinkel Caradan, der sich ebenfalls an dem Türschloss zu schaffen machte, aber sie warf ihm nur einen giftigen Blick zu, schlüpfte durch den Türspalt und schloss die Türe. Aber kaum, da wieder der umständliche Versuch anstand, den Schlüssel in das Schloss zu stecken, da stolperte sie zurück, als die Türe urplötzlich aufgerissen wurde. Böse triumphierend, dass er nun hier war, ließ sie sich von ihm in das Zimmer hineindrängen. Aber nachdem er die Türe versperrt hatte, da packte er sie auch schon an den Schultern. Sie wehrte sich, aber er packte geschickt ihre Arme, dann ihre Handgelenke und dann warf er sie aufs Bett. “Hast du vollkommen den Verstand verloren!” schrie er sie an und, so schnell konnte sie weder schauen, noch reagieren, riss er ihr das Feuerrohr aus dem Gürtelrevers und warf es achtlos in eine Ecke. Sie kämpfte sich wieder auf die Beine. “Hast du Angst, ich blas dir auch dein Licht aus?” giftete sie, denn wenn sie eines nicht leiden konnte, dann war, dass jemand das Feuerrohr anfasste. Reiner Überlebensinstinkt. “Halts Maul!” brüllte er sie an, und sie tat, wie ihr geheißen. Noch nie hatte es jemand gewagt so mit ihr sprechen, jedenfalls keiner ihrer Begleiter, und das raubte ihr in dem Moment die Sprache, auch, wenn sie es ihm nicht gönnte, dass er dachte, sie folge seinen Befehlen. “Was sollte das? Was soll diese Scheiße?” Aen legte sich eine Antwort zurecht, doch er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. “Bist du eifersüchtig ja? Bist du eifersüchtig, weil ich mir eine andere Fotze zum ficken gesucht habe, ja?” Diese Erkenntnis, die er ihr da entgegen schleuderte, traf sie wie ein Faustschlag. Unfähig, sich ein Wort abzuringen, fügte sie sich in das unwillkommene Schweigen, das ihre Zunge ihr auferlegte, und resignierend, dass ihr Schweigen ihm Antwort genug war, ließ sie seine weiteren Worte auf sich hernieder stürzen. “Dann hab ich hier etwas für dich: Wir sind kein Paar! Das hast du selbst gesagt und deshalb kann ich ficken wann und wen ich will, so wie du es auch getan hast!” Verflucht, ritt er also immer noch auf der dämlichen Armaganengeschichte herum! “Aber das war etwas anderes! Das weisst du! Wenn dich ein Scheiss Armagane zum saufen nötigt, hältst du irgendwann auch noch eher den Arsch hin anstatt weiterzumachen!” Zufrieden mit dieser Antwort, und der Gewissheit, ihm jetzt den Wind aus den Segeln genommen zu haben, funkelte sie ihn wütend an. “Aber ich lass mich gar nicht erst mit denen ein, also hör auf mit deinen Scheiß Ausreden!” “Das war trotzdem was anderes” gab sie trotzig zurück. “Das war nicht vorhersehbar.” “Das glaub ich nicht!” “Was machst du mich denn deswegen jetzt an? Bist du denn eifersüchtig?” fragte sie ihn herausfordernd. “Ja, verdammt!” brüllte er und diese Ehrlichkeit war absolut entwaffnend. Damit hatte sie nicht gerechnet. Schweigen und wohltuende Stille erfüllte mit einem Mal den Raum, der nur vom leisen Schenkenlärm der von unten nach oben drang, gestört wurde. Sie starrte ihm gleichermaßen ungläubig in die Augen, wie er auch ihr. Das Schweigen dauerte schon viel zu lange an. Es war unangenehm, quälend, und ewig. Jeglicher Widerstand, jegliche Kratzbürstigkeit, jeglicher Wunsch nach Provokation und Herausforderung erstarb, und Aen spürte, wie ihr die heissen Tränen in die Augen schossen, noch ehe sie wirklich begriff, wie ihr geschah. Immerhin war das hier so etwas wie ein gegenseitiges Zugeständnis, und sollte das nicht eigentlich ein Grund zur Freude sein? Doch Freude wollte sich nicht einstellen. Nicht unter diesen Umständen. Was heute und hier und drüben in den Raum, und auch schon unten im Schankraum und wahrscheinlich längst zurückliegend mit dem Armaganenarsch geschehen war, das stand plötzlich wie eine Mauer zwischen ihnen, die weder der eine noch die andere überwinden konnten. Und dieses Bewusstsein ließ all diese Anspannung, den Zorn und den Hass bröckeln und entlud sich in einem gewaltigen Tränenmeer. Sie schämte sich furchtbar, dass sie jetzt dasaß und flennte, wie ein kleines Mädchen, aber es war so wohltuend und befreiend, und außerdem konnte sie gar nicht anders. So sehr sie sich auch wehrte gegen den Tränenfluss, der ihren Körper unkontrolliert und immer wieder zusammenzucken ließ. “Komm mir bloß nicht so” war alles, was er zu sagen hatte, und da schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte umso heftiger und hemmungsloser. “Geh mir einfach aus den Augen” sagte er leise und traf damit einen empfindlichen Nerv bei der Arcanierin. Als die Tür ins Schloss schlug, schluchzte sie laut wie ein Kettenhund, und auch, wenn es schmerzte, dass er sie einfach alleine gelassen hatte, da war sie auch gleichzeitig erleichtert, sich so richtig gehen lassen und alles rauslassen zu können. Es dauerte, bis alle Tränen geweint waren und der Fluss versiegte, aber als es dann soweit war, war sie so matt und erschöpft, dass sie sich rücklings auf das wohl gepolsterte Bett fallen ließ, in dem man heute ganz sicherlich etwas weitaus besseres hätte machen können, als gefickte Weiber zu erschießen oder sich heftig zu streiten. Es schien, als hätte sie den ganzen Rausch und sogar das Starrkraut heraus geweint, denn sie spürte weder mehr den Alkoholeinfluss, noch jenen des Starrkrauts. Sie fühlte sich einfach nur nüchtern, ernüchtert und elend.

Nach einer Weile gab sie sich einen Ruck und erhob sich vom Bett, trottete durch das kleine Zimmer zur Waschschüssel und benetzte ihr Gesicht mit dem kalten Wasser. Dann strich sie sich das zerwühlte Haar zurecht und klatschte mit den Händen auf ihre Wangen. Zuletzt öffnete sie das Fenster und ließ die kühle Abendluft in ihr Gesicht strömen. Sie musste furchtbar aussehen, so verschwollen wie sie ihr Gesicht anfühlte, aber selbst das war der ansonsten sehr eitlen Frau in diesem Moment so scheissegal wie nur sonst was. Jetzt wieder einigermaßen klar im Kopf, versuchte sie zu ergründen, was hier gerade alles vor sich gegangen war, aber das war überflüssig. Es lag klar auf der Hand, was passiert war. Viel wichtiger war, Gewissheit darüber zu erlangen, wie es jetzt weitergehen konnte. Sie wusste nur, dass sie jetzt dringend miteinander sprechen sollten. Kein Streit, kein Geschrei, kein Gebrüll und keine dramatischen Hysterieszenen. Einfach nur reden. Klar und sachlich. Gerade biegen, was noch gerade zu biegen war. So verließ sie ihr Zimmer und trat an das seine, und zögernd, zaudernd, hob sie schließlich endlich die Hand und klopfte. Aen lauschte, aber kein Geräusch ertönte. Sie klopfte noch einmal, ein wenig lauter, und dann knarrten die Dielen. Doch das Geräusch kam nicht aus dem Zimmer. Die Schritte ertönten vom Flur. Sie wandte den Kopf und sah ihn mit einem Mal vor sich stehen. Ihre Blicke kreuzten sich, aber für einen Moment gelang es keinem, das angespannte Schweigen, das über ihnen schwebte, zu brechen. Es war zum Haareraufen! Caradan kam näher und da fasste sich die Arcanierin ein Herz und fragte ihn leise und matt “Was ist jetzt?” Er legte ihr die Hand auf die Wange. Sie war kühl und wohltuend in ihrem heißgeheulten Gesicht und sie legte den Kopf leicht schief und schmiegte sich an diesen kleinen Strohhalm. “Jetzt gehen wir” antwortete er ruhig und sie nickte einfach nur. Dann sperrte er die Türe auf und Aen sammelte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und stopfte sie in ihre Tasche. Caradan indes schüttete das Lampenöl aus der Öllampe auf das Bett, vor allem über die Leiche, und platzierte dann eine Kerze auf das Bett. Sein Plan sah vor, dass alles in Flammen aufging, wenn sie schon längst weg waren. Aen öffnete das Fenster noch, nur einen Spalt, und stellte die Öllampe davor, dass es nicht weiter aufgedrückt wurde als gewünscht. Die Flamme sollte nicht durch einen Windstoß erlöschen, doch das ausgebrochene Feuer würde erlöschen, wenn die Luft im Raum aufgebraucht war. Der Wirt, der sie mit Fragen aufhielt, wurde mit Münzen besänftigt, oder viel eher bestochen, und dann spazierten sie zu den Stallungen, saßen auf, ließen die Pferde gemächlich vom Gasthof weg trotten, und als sie außer Hörweite waren, gaben sie ihren Pferden die Sporen und verschwanden in der Nacht.

Drei Tage waren sie unterwegs, bis sie die nächste große Stadt erreichten. Cadron war eine ländliche Stadt, was daran lag, dass sie aus vielen kleinen Anhäufungen von Dörfern bestand, die im Laufe der Zeit zu einer größeren Stadt zusammengewachsen waren. Eingekesselt in eine sanfte hügelige Landschaft aus Weinbergen war dies ein idyllischer Ort, der ihnen auf den ersten Blick augenscheinlich das bot, was sie derzeit am dringendsten brauchten: Ruhe und Erholung. Die Reise war relativ stillschweigend verlaufen. Zwar sprachen sie miteinander, und das ruhig, beinahe zu ruhig. Aber sie sprachen nur das Notwendigste miteinander, und das war nicht viel. Die unselige Angelegenheit in Ceroans Schoß wurde mit keiner Silbe mehr erwähnt. Auch nicht der Streit, und es wurde nicht darüber gerätselt oder gemutmaßt, ob das Zimmer in Flammen aufgegangen war. Und schon gar nicht sprachen sie darüber, was sie beide betraf. Es war eine seltsame, angespannte Stimmung. Und mehr als das! Aen wusste nicht, ob es seltsam war, weil sie recht freundlich und ruhig, ja durchaus respektvoll miteinander umgingen, gänzlich ohne Gemeinheiten, Neckereien, und Sarkasmus, oder ob es seltsam war, weil sie über nichts der Ereignisse sprachen. Ihr war, als seien sie einander völlig fremd, obwohl sie einander doch eigentlich durchaus vertraut waren. Wusch sie sich unterwegs an einem Bach, dann achtete sie tunlichst darauf, dass er sie nicht nackt sah, oder beobachten konnte, und auch sie sah absichtlich nicht hin, wenn er das tat. Das Lagerfeuer trennte des nachts ihre Schlafstätten, und wenn einer den anderen beiläufig berührte, wie etwa die Hände, wenn es galt helfend einzugreifen, dann zuckten sie zusammen und stoben auseinander, wie Hund und Katz. Aen rührte weder einen Tropfen des vorzüglichen gestohlenen Weins an, noch verspürte sie Lust auf Starrkraut, geschweige denn einer Pfeife. Kurz: die Gesamtsituation war einfach unerträglich! Zumindest war man viel mit Reiten beschäftigt, und die Flur bot da weitaus mehr Möglichkeiten für Abstand als es ein Dorf oder gar eine geschäftige Stadt vermochten. Der heiße Spätsommer war schlagartig vorbei gewesen, als eine Kaltfront über das Land zog, die Regen, Feuchte und Kälte brachte. Ohne es vorher wirklich wahrgenommen zu haben, hatte sich das Laub der Bäume orange rot und golden verfärbt, und der Herbst stand zumindest schon mit einem Fuße im Land. Sie erreichten in einem gemächlichen Schritttempo die ersten Häuschen von Cadron und Aen freute sich schon auf ein Badehaus um sich den schlammigen Dreck der letzten Tage abzuwaschen. Auch nach einer Unterkunft und einem Bett sehnte sie sich, obwohl auch das momentan ein Problem für sie darstellte. Getrennte Zimmer? Ein gemeinsames Zimmer? Ein gemeinsames Bett? Getrennte Betten? Und vielleicht sollten sie sich doch einmal überwinden und über alles reden. Doch die augenscheinlich richtige Situation war entweder schon unbemerkt verstrichen, oder sie war noch nicht gekommen. Die beiden stiegen von ihren Pferden ab und führten diese über die Hauptstraße. Eine kleine, unscheinbare Schenke erweckte ihr Interesse. Sie war zwar nicht der richtige Ort, um mit Geld zu protzen und wie die Könige zu tafeln, aber darauf hatte die Arcanierin derzeit ohnehin keine Lust. Es war wie ein Fluch, eine Strafe. Nun hatten sie mehr Geld aus sie ausgeben konnten, und dennoch gaben sie es nicht aus.

“Was sagst du zu dieser Taverne, Caradan? Sie scheint mir recht in Ordnung auszusehen.” deutete sie auf das kleine Häuschen auf der anderen Straßenseite, dessen einladendes Holzschild sanft im Wind schaukelte. Es schien ihm, wie es Männern oft zu eigen war, völlig egal zu sein, denn er zuckte mit den Schultern. “Von mir aus”. So überquerten sie die Straße, erkundigten sich nach Zimmern, aber da die Gaststätte nur über vier Zimmer verfügte, und drei davon belegt waren, stand zumindest die Frage nach dem gemeinsamen oder getrennten Zimmern nicht mehr zur Diskussion. Immerhin hatte das Zimmer zwei Betten. Eines unter dem kleinen Fenster, das andere auf der anderen Seite. Dazwischen standen ein Tisch und zwei Stühle. Aen warf ihre Tasche auf das Bett das in der dunklen Nische stand und ließ sich darauf nieder. Sie starrte auf den dunklen Boden und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Seit drei Tagen hatte sie kein Starrkraut mehr geraucht, keinen Alkohol getrunken, und sie musste zugeben, dass ihr das zur Abwechslung einmal richtig gut tat. Ihr Verstand war nicht mehr so benebelt oder verzerrt, und das war für die Arcanierin eine gänzlich neue Erfahrung. Dann blickte sie auf zu Caradan. “Seit drei Tagen fehlen mir die Worte” begann sie leise. “Und das ist seltsam. Aber vielleicht ist es jetzt einmal an der Zeit, über alles sprechen. Weisst du, eigentlich müsste ich mich entschuldigen. Dass ich diese Frau erschossen habe war sicherlich nicht richtig. Doch du weisst, welche Gründe mich dazu bewogen haben, es zu tun, und das ist nichts, wofür ich mich entschuldigen werde. Aber ich weiß, was mir leid tut. Es tut mir leid, dass ich dich wie Dreck behandelt habe, dass ich dich immer alleine zurückgelassen habe. Deswegen bitte ich dich um Verzeihung. Ich habe viele Fehler gemacht und du bist so ein anständiger und netter Mann, und die Geschwister wissen du hast eine bessere Gesellschaft verdient als mich. Aber ohne dich bin ich verloren. Und damit meine ich nicht, dass ich dich dazu brauche, um nach Ardor zu suchen. Ich meine, dass ich…” Sie schwieg und suchte nach Worten. Aber sie fand sie nicht. Es war so verflucht schwer für sie, in Worte zu fassen, was sie fühlte. Sie lächelte verlegen. “Mit Starrkraut würde mir all das bestimmt leichter fallen. Oder mit genügend Schnaps. Aber so…” Sie erhob sich und trat mit langsamen Schritten auf ihn zu. “Caradan ich… ich will dir sagen, dass du… Das hier ist so ungewohnt für mich weil ich...” Sie schwieg und suchte nach seiner Hand und ergriff sie. Sie war warm, und umschloss die ihre. “Also ich war noch nie in der Lage, dass sich…” Sie verstumme ungewollt, als ihre Worte von einem lauten Klopfen unterbrochen wurden. Sie wandte den Kopf zur Türe und im nächsten Moment wurde diese schwungvoll geöffnet und die Wirtin stand in der Türe. Sie musterte die beiden im Bruchteil einer Sekunde und dann tönte sie gutgelaunt “Soooo… Habt ihr euch schon gut zurecht gefunden, ja?” Die Wirtsfrau war eine resolute aber freundlich wirkende runde, kleine Frau mit Hängebacken, Doppelkinn und einer beachtlichen Haarpracht, die aus kleinen festen Locken bestand. Ihr Kleid war einfach und eine weiße gestärkte Schürze war darüber gebunden. Aen hatte sich von Caradan losgerissen und zwei Schritte zurückgewichen, als wäre ihre Mutter eben ins Zimmer gesprungen und hätte sie bei etwas unanständigem erwischt. Verlegen strich sich Aen eine Strähne aus dem Gesicht und nickte. “Wunderbar. Wir sind ein einfaches und kleines Haus. Aber ich darf betonen, dass wir gerade deshalb besonders bemüht um unsere Gäste sind. Also ich komme, um euch zu sagen, dass das Essen fertig ist. Ich hoffe, ihr habt Hunger?” plauderte die Alte munter drauf los. Aen nickte. “Wir kommen sofort…” beschwichtigte sie die Wirtin. Diese lächelte. “Fein!” Dann blieb sie in der Türe stehen, und schien darauf zu warten, dass Aen und Caradan ihr folgen würden. Sofort. Und ohne Widerrede. Es schien ihr wirklich ernst zu sein. Jetzt sofort und ohne auch nur eine weitere Sekunde zu vertrödeln. Aen wechselte einen kurzen Blick mit Caradan und die Alte schien überhaupt nicht zu bemerken, dass sie gerade störte. Dann seufzte die Arcanierin leise in sich hinein als sie erkannte, dass der Augenblick ruiniert war, fügte sich der Wirtsfrau und verließ das Zimmer. Die Wirtin wartete, dass sich auch Caradan in Bewegung setzte, und dann schloss sie hinter ihm die Zimmertüre und die beiden folgten ihr in den Schankraum. “Es gibt gebratene Bachforelle mit gesottenen Butterrüben, Blattgemüse und frisch gebackenes Brot!” verkündete sie fröhlich und verschwand in die Küche. “Du liebe Güte, ich esse keinen Fisch…” wisperte sie Caradan zu, in Befürchtung, die Wirtin könnte es hören. “Den mochte ich noch nie… Aber ich traue ihr durchaus zu, dass sie sich zu uns an den Tisch setzt und darauf achtet, dass wir alles brav aufessen…” Sie verstummte, als die Wirtin mit zwei Schüsseln zurückkam, in jeder eine Forelle, die mit blinden Augen in den Schankraum glotzte, ein Häufchen gebutterte Rüben und ein dunkelgrünes Häufchen gekochter Blätter, die so ziemlich alles sein konnten. Ein Klecks Butter rutschte von dem grünen Häufchen herab und schmolz zwischen den Rüben und dem Fisch zu einem kleinen Buttersee. Dann stellte sie noch ein kleines Körbchen mit dunklem, duftendem Brot in die Mitte des Tisches, und zwei Becher mit Buttermilch. Den Geschwistern wars gedankt, dass sie sich nicht zu ihnen an den Tisch setzte, sondern in die Küche watschelte...
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mo, 03. Sep 2018 21:32

Cadron war ein gigantisches Dorf, buchstäblich. Nach den drei unbeschreiblichen Tagen in der Natur, diesen Tagen der scheuen Blicke, der einsamen Nächte und flüchtigen Berührungen, war es für den Arcanier beinahe ein Segen endlich wieder eine Stadt in Aussicht zu haben. Entsprechend enttäuscht war er, dass Cadron so ganz anders war, wie er es gewohnt war. Als hätte sich einfach alles gegen ihn verschworen, selbst die lang vermoderten Gründer dieser Stadt. Es fühlte sich falsch an, diese Ansammlung von Dorfhütten Stadt zu nennen. Großdorf, das passte besser. Immerhin versprach eine Ansammlung von Dörfern auch eine Ansammlung von Schenken, auch wenn Caradan gar keinen großen Durst aufzuweisen hatte. Aber wenn eine ordentliche Zecherei das Eis zwischen ihnen brach, dann würde er sich bis ins Reich des Todes und zurück saufen. Aenaeris suchte die Herberge für die Nacht aus und Caradan nickte es ab. Ihm war völlig egal wo sie nächtigten, es war ihm auch egal ob sie in einem Bett schliefen. Es wurde Zeit, dass diese Sache, diese Sache zwischen ihnen endlich ausgesprochen wurde. Es ging nicht um das was zwischen ihnen stand, sondern darum, was zwischen ihnen war. In der Herberge empfing sie ein gemütlicher Wirt, mit einem wirklich massiven Schmerbauch und einem Schnurrbart der so buschig war, dass man meinen könnte, dass es sich um ein Tier handele. Er reichte ihnen den Schlüssel für ein Zimmer und als die beiden Arcanier es bezogen, sicherte sich Aenaeris sogleich das Bett, das sie vor den meisten Blicken verbarg. Der Dieb war erschöpft. Weniger körperlich, so anstrengend war das Reiten nun auch wieder nicht, nein er geistig. Mit müden Bewegungen packte er seine Tasche auf dem Bett aus und drehte sich erst um, als Aenaeris ihn direkt ansprach. “Weisst du, eigentlich müsste ich mich entschuldigen. Dass ich diese Frau erschossen habe war sicherlich nicht richtig. Doch du weisst, welche Gründe mich dazu bewogen haben, es
zu tun, und das ist nichts, wofür ich mich entschuldigen werde.” Wusste er das? Kannte er ihre Gründe wirklich? Er hatte seine Vermutungen, Sorgen und Ängste gleichermaßen was sie wohl dazu gebracht haben könnte, aber Gewissheit… Gewissheit wollte sich bei ihm nicht einstellen, so sehr er es sich auch wünschte. “ Aber ich weiß, was mir leid tut. Es tut mir leid, dass ich dich wie Dreck behandelt habe, dass ich dich immer alleine zurückgelassen habe. Deswegen bitte ich dich um Verzeihung. Ich habe viele Fehler gemacht und du bist so ein anständiger und netter Mann, und die Geschwister wissen du hast eine bessere Gesellschaft verdient als mich.” Schweigend ließ er sich auf der Bettkante nieder und sah sie an. Vielleicht verdiente er bessere Gesellschaft, vielleicht verdiente er auch die schlimmste Sorte. Er selbst würde sich da keine Meinung drüber bilden. Man bekam nur selten was man verdiente. Zum Beispiel den Strick. Caradan verdiente ihn ebenso wie Aen, aber hier waren sie und sprachen seit Tagen wieder miteinander. Zumindest Aen, denn der Dieb brachte kein Wort heraus, fast so, als müsse er erst wieder lernen, wie man es tat, dieses Reden. “Aber ohne dich bin ich verloren. Und damit meine ich nicht, dass ich dich dazu brauche, um nach Ardor zu suchen. Ich meine, dass ich…” Caradan schluckte. Was würde das denn jetzt? Auf so etwas war er jetzt nicht gefasst gewesen. Natürlich, er hatte sich schon seine Gedanken gemacht, aber dass Aen nun so direkt mit der Sprache herausrückte. Zumindest herausrücken wollte, denn wie sie selbst schon erkannte, ohne zungenlösende, berauschende Hilfestellungen wie Alkohol oder Starrkraut, konnte es manchmal recht schwer sein, die passenden Worte zu finden. Sie kam zu ihm, suchte immer noch vergeblich nach den Worten, die beschreiben sollten, was in ihr vorging, was zwischen ihnen vorging und nahm seine Hand. Ebenso stumm wie sie ergriff er ihre. “Also ich war noch nie in der Lage, dass sich…”, weiter kam sie nicht, denn ein Klopfen ertönte, gefolgt, also unmittelbar gefolgt, ja beinahe noch während des Klopfens flog die Türe auf und die Frau des Wirts, von ähnlichem Umfang wie ihr Gatte, kam herein. “Soooo…”, flötete sie beim hereinkommen und Aen machte einen Satz weg von ihm. “Habt ihr euch schon gut zurecht gefunden, ja?”, fragte das Tantchen und Caradan war ihr in dem Moment so unendlich dankbar. Ja, sie hatte diesen Moment ruiniert, aber lieber sie als er. Denn er konnte mit dieser ganzen Situation nicht umgehen, das wusste er. Es war ihm zu viel, er fühlte sich nicht bereit, vor allem nicht bereit, nochmals einzugestehen, was er vor Tagen um Zorn gebrüllt hatte. Aen nickte auf die Frage des Tantchens, ob die beiden Hunger hatten und schließlich ergaben sich beide dem beunruhigenden Blick der Frau und folgten ihr nach unten. Fröhlich verkündete sie das Abendmahl.

“Du liebe Güte, ich esse keinen Fisch…”, flüsterte Aen über den Tisch gebeugt. “Den mochte ich noch nie…” “Dann lass ihn liegen.”, antwortete Caradan mit einem verständnislosen Lächeln. “Aber ich traue ihr durchaus zu, dass sie sich zu uns an den Tisch setzt und darauf achtet, dass wir alles brav aufessen…” Der Dieb begann zu kichern und musste sich zusammenreißen, ehe die Wirtsfrau wieder an den Tisch heran trat. Es duftete köstlich, da konnte Aen verschmähen was sie wollte. Hungrig viel Caradan über den Fisch her. Wie konnten Aen und er in der gleichen Stadt aufgewachsen sein und solch ein unterschiedliche Einstellung zu Fisch haben? Gebraten, gekocht, geräuchert, über dem Feuer geröstet - es gab keine Möglichkeit, wie man Fisch für Caradan nicht genießbar machen konnte. Dementsprechend geschickt verfuhr er auch mit der Forelle. Zweimal am Rücken aufgeschlitzt, die Filets von Kiemen und Flosse getrennt, aufgeklappt, vom Rückgrat getrennt und verspeißt. Keine Gräten, kein Gehuste, kein Gekotze, kein Geröchel. Ein kurzer Blick zur Küche offenbarte keine Überwachung seitens der Wirtsfrau und mit einer schnellen Handbewegung, tauschte er seinen und Aens Teller aus. Er zwinkerte ihr zu und widmete sich erstmal den Beilagen. “Ihr habt Euren Fisch noch gar nicht angerührt.”, tadelte die Wirtsfrau, die wie aus dem Boden gewachsen plötzlich neben ihnen stand. “Verzeihung.”, nuschelte Caradan mit vollem Mund und schluckte den Rübenbrei herunter. “Das Brot war so verführerisch.” Sie schüttelte den Kopf. “Na dann aber hastig, ehe sie kalt wird.” Gehorsam machte er sich daran, die zweite Forelle zu massakrieren. Zwischendurch brachte ihnen die Frau noch jeweils einen Krug Bier, mit dem Caradan die letzten Reste des Fisches herunter spülte, ehe er dann für seinen restlichen Hunger eher das Brot in den Fokus nahm.
Mitten während des Essens, das größtenteils schweigend vonstatten ging, ergriff Caradan Aens Hand. Er sah nicht von seiner Schüssel auf, aber sie konnte sehen, dass er zufrieden lächelte. “Entschuldigung angenommen.”, flüsterte er, ließ ihre Hand aber eine Weile nicht wieder los. Es war ihm so, als sollte er um ihretwillen ein wenig des ruinierten Moments von vorhin wieder aufleben lassen. Um seinetwillen nicht zu viel, aber immerhin so, dass sie wusste, dass er ihren Versuch schätzte. Als er ihre Hand dann schließlich wieder losließ, blickte er sie auch wieder an und lächelte verlegen. “Ich fühl mich hier so… unpassend.”, fing er an und sah sich im Schankraum um. Für eine Herberge mit nur vier Zimmern, war die Schankstube ganz passabel eingerichtet. Es gab immerhin fünf Tische, wenn man die Hocker vor dem Ausschank mit dazu zählte. Im Regal hinter dem Wirt, der wie es sich gehörte einen Tonbecher in Händen hielt, den er mit einem Lappen sauber wischte, wobei der Becher niemals wirklich sauberer zu werden schien, stand keine einzige Flasche Schnaps, zumindest keine, die sich selbst dem geübten Auge offenbaren wollte. Unzählige Weine und ein paar kleinere Fässchen Bier. Aen und Caradan hatten sie gefunden, die Schenke der Mutter Oberin. Nichts was Spaß machte, aber immerhin gutes Essen. “Es ist so, als wären…” Das nicht sie, das wollte er sagen. Sie beide passten einfach nicht in diese Herberge. Aen war eine Frau der Extreme, die entweder in den ranzigsten Schuppen oder protzigsten Prachthäusern heimisch fühlen konnte. Vermutlich kannte sie mehr Schuppen als Prachthäuser, aber dennoch. Andererseits, es waren auch nicht sie die hier saßen. Es waren andere Leute die ihnen ähnlich sahen, Doppelgänger, die sich nicht trauten etwas zu tun… völlig egal was. So aßen sie zu Ende, die Teller wurden ihnen beinahe noch unterm Kinn fortgebracht und die Wirtsfrau erkundigte sich, ob es sie vielleicht nach einem Nachschlag verlangte. “Nein danke, ich bin mehr als satt.”, lächelte Caradan und klopfte sich auf den Bauch. Auch Aen war satt, was der Frau zwar auf einer Seite schmeichelte, aber andererseits auch nicht ihrem Willen entsprach. “Eine süße Nachspeise gefällig?” Schon fast ängstlich schüttelte Caradan den Kopf. “Es gibt gedeckten Apfelkuchen.” Der Dieb schluckte und schüttelte erneut den Kopf. “Sicher? Er ist köstlich.”, starrte die Wirtsfrau die Arcanier in Grund und Boden. “Nun… ich denke ein Stück…” Mehr brauchte er gar nicht zu sagen, da huschte sie schon in die Küche. Zurück kam sie mit zwei Stücken, die sich die Arcanier auch noch einverleibten. Caradan musste danach noch eine Weile sitzen bleiben, denn nun drohte er wirklich bei der kleinsten Bewegung zu platzen. Dennoch verzogen sie sich so schnell wie möglich, ehe der Dame noch mehr an ihrem leiblichen Wohl lag. Beinahe schon resigniert schlurften sie, nach einer ausführlichen Belehrung über die Hausordnung, die da besagte kein Alkohol auf dem Zimmer, keine lauten Geräusche nach Sonnenuntergang, keine Beschädigung, Umstellung oder Zweckentfremdung des Mobiliars und vieler weiterer Kleinigkeiten, nach oben. Ob die Mutter Oberin wohl mit diesen Leuten hier verwandt war? Wundern würde es den Dieb jedenfalls nicht. In ihrem Zimmer angelangt, machten sie sich daran, ins Bett zu gehen. Es war noch recht früh, obwohl die Sonne schon hinter den sanften Hügeln Cadrons verschwunden war. Aber was blieb ihnen denn anderes übrig? Vollgefressen und träge wie sie waren und jeglicher Möglichkeit der Vergnügung an diesem und durch diesen Ort beraubt, blieb ihnen eigentlich keine andere Wahl. Immerhin stellten sie sich trotz der räumlichen Enge nicht mehr ganz so zierlich an. Aen legte ihr Kleid ab, verzichtete aber sowohl auf aufreizende Posen, als auch darauf ihn in ihr Bett einzuladen und Caradan machte keine Anstalten, sich ihr aufzudrängen. Offen gestanden, war ihm auch jetzt noch nicht so ganz nach Intimitäten und so kroch auch er unter seine eigene Decke, ebenso unbekleidet wie sie.

Er lag noch eine halbe Ewigkeit wach und starrte aus dem Fenster unter dem er schlief. Die Nacht war hell, obwohl er den Mond nicht sehen konnte. Er lauschte heimlich nach Aens Atem, der ruhig und regelmäßig ging und er fragte sich, ob sie wohl schon schlief. Nun ärgerte ihn die Unverfrorenheit der Wirtsfrau. Diese fast geklärte Sache zwischen ihnen, war noch unerträglicher als die Ungeklärte. Als würde man kurz vorm Höhepunkt, von einem Jüngling mit Riesenschwanz geschlagen werden. Einfach zum wahnsinnig werden. In seinem Kopf rasten die Gedanken hin und her und spielten alle möglichen Ausgänge durch, die die Unterhaltung hätte nehmen können. Nun war er beinahe wieder froh, dass die Wirtsfrau in dem Zeitpunkt herein geplatzt war, an dem sie es war. Ihr unerträglicher Blick, wäre noch unerträglicher gewesen, wenn sie die beiden Arcanier beim vögeln oder dergleichen erwischt hätte. Mit Sicherheit wäre sie auch in solch einer Situation geblieben… Schließlich fasste der Dieb sich ein Herz und schlich sich aus dem Bett. Langsam lief zu Aens Bett und stieg hinein. “Rutsch mal.”, flüsterte er und obwohl er sich nicht sicher war ob sie schlief, reagierte sie beinahe sofort. Er schlüpfte zu ihr unter die Decke und legte den Arm um sie. Sie lag mit dem Rücken zu ihm und er zog noch ein Stück an sich, bis er ihre Haut auf seiner spürte. Sie war warm, weich und der Geruch ihrer Haare sorgte dafür, dass jegliche Anspannung von ihm abfiel. Was hatten sie sich die letzten Tage nur so angestellt? Was hatte er sich die letzten Stunden für einen Kopf gemacht? Sie hätten sich einfach nur aneinander schmiegen sollen und schon wären alle Worte der Welt überflüssig gewesen. Die wohlige Wärme die von ihr ausging, setzte sich tief in seiner Magengegend fest und schließlich strömte sie auch weiter nach unten. Allmählich erwachte seine Männlichkeit und drückte sich an sie, bis er es auch nicht mehr durch Positionsveränderung verbergen konnte. Nun nutzte es auch nichts mehr und er warf alle Heimlichkeit über Bord. Er presste sich an sie und küsste sie am Hals. “Du brauchst nichts mehr sagen Aen... Mir geht es genauso wie dir. Ich will nicht ohne dich.” Er küsste sie erneut. “Hier ist es mir zu fromm.”, flüsterte er ihr ins Ohr. “Wenn wir uns raus schleichen, folge ich dir wohin du willst, was sagst du?”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Di, 04. Sep 2018 15:55

Stumm hatte die Arcanierin sich den Vortrag der Wirtin, wie man sich in diesem Hause zu benehmen hatte, abgesegnet. Nichts von alledem, was sie da aufgezählt hatte, würde schwer sein, einzuhalten. Auch, wenn ihr all das mehr als merkwürdig vorkamen. Wo waren sie hier eigentlich? In einem Gasthaus, oder in einem Tempel? Vielleicht wäre diese Gaststätte, dieses Nest, die reinste Erholung wenn man auf Durchreise mit Kindern war. Diese Alte hatte wahrscheinlich selbst nie das zweifelhafte Glück gehabt, dass die Götter ihr Kinder geschenkt hatte, und so übertrug sie diesen übermächtigen Wunsch nach Bemutterung auf ihre Gäste. Aber bei ihr war sie da gänzlich an der falschen Adresse. Sie wollte nicht bemuttert werden, sie wollte nur noch in ihr Bett und mit diesem desaströsen Tag abschließen. Dieser Tag würde eingereiht in die letzten drei, nein, vier katastrophalen Tage. Mit übervollen Magen, unbefriedigt von dem verwässerten Bier, welches sie ohne Bedenken sogar einem Neugeborenen eingeflößt hätte, trottete sie hinter Caradan die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Schlafen! In einem Bett! Das war so ziemlich das Schönste, was sie von diesem Tag zu erwarten hatte, und eigentlich das einzige, was man hier in diesem Gasthaus heute noch tun konnte. Zwar sprachen sie wieder miteinander, doch die Leichtigkeit, die Heiterkeit und Unbeschwertheit waren verflogen. Sie sprachen völlig belanglosen Unsinn, und das war mehr als nur peinlich. Im Zimmer angekommen, warf sie ihre Tasche vom Bett, schlug die Decke zurück, drehte die Öllampe herunter, gerade so, dass die Flamme nicht erlosch, aber auch kein Licht mehr spendete, entkleidete sich und schlüpfte unter die Bettdecke. “Gute Nacht” sagte sie noch, bevor sie sich zur Wand drehte und die Augen schloss. Aber anders als sonst wollte sich der ersehnte Schlaf nicht einstellen. Sie war hellwach und lag stocksteif da. Insgeheim hoffte sie, dass Caradan etwas sagen würde, Worte finden, weil sie nicht den Mut besaß irgendetwas zu sagen. Doch das geschah nicht. So lag sie in der Dunkelheit und langweilte sich entsetzlich, und je mehr sie versuchte, den Schlaf zu erzwingen, desto mehr floh er vor ihr. Deshalb ging sie in Gedanken sämtliche Möglichkeiten durch, die sie momentan vorzuweisen hatte, sämtliche Gespräche und Worte die ihr einfielen, und deren mögliche Ausgänge. Aber bald verwarf sie das wieder, denn all das was sich in ihrem Kopf abspielte waren höchstens Ängste oder Wunschdenken, jedoch nicht die Realität.

Irgendwann, es waren gefühlte Stunden vergangen, hörte sie das Knarzen der Dielen, und nur wenige Momente später stand Caradan an ihrem Bett. Er hob die Decke an. “Rutsch mal” forderte er, und die Arcanierin, durchaus erschrocken, rutschte ein Stück näher an die Wand und spürte schon die Kälte, die sie ausstrahlte. Doch das machte nichts, denn sogleich spürte sie die Wärme von seinem Körper an dem ihren, als er sie an sich heran zog. Diese plötzliche Nähe war nach den letzten entbehrungsreichen Tagen zwar ungewohnt, aber dennoch sehr vertraut. Sie sagte kein Wort, sie lag einfach nur da, ließ sich von ihm im Arm halten, und eine wohlige Entspannung bemächtigte sich ihrer. Zumindest so lange, bis sie seine harte Männlichkeit spürte, die sich gegen ihren Leib drückte. Ihr wurde beinahe übel vor Verlangen, und als er sie schließlich an sich presste und ihren Hals küsste, da fiel all der Gram, die Scheu und Hilflosigkeit der letzten Tage ab. Sie drehte sich zu ihm um, und wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, dann hätte er sehen können, wie sehr sie strahlte. “Hier ist es mir zu fromm…” meinte er und Aen fiel ein “Ja… Es ist schrecklich hier. Man getraut sich hier nicht einmal furzen, ohne befürchten zu müssen dass sie es hört und einen mit einem tadelnden Blick bedenkt” Sie kicherte. “Wenn wir uns raus schleichen, folge ich dir wohin du willst, was sagst du?” Da wurde sie grimmig. “Nein, ich schleiche mich nicht hinaus. Und ich denke nicht im Traum daran, diese Tempelregeln zu befolgen. Was kann sie machen? Die Türe ist verschlossen, der Schlüssel steckt… sie kann nicht hineinkommen, selbst wenn sie zehn Ersatzschlüssel hätte. Nur mit Rammbock käme sie hier herein! Und weisst du was?” Ihre Hand, die auf seiner Brust ruhte, rutschte immer tiefer, bis ihre warme Hand ihr Ziel erreichte und umschloss. “Jetzt beschmutzen wir dieses anständige Nest!”

Und wie sie das taten! Sie liebten sich, als gäbe es kein Morgen. Und vielleicht würde es das auch nicht geben, vielleicht würde sie sie mit einem ihrer tugendhaften Blicke erdolchen! Aber das war der Arcanierin so egal, wie nur sonst etwas. Das Bett knarzte und quietschte im steten gleichmäßigen Rhythmus, einmal schneller, dann wieder langsamer, und als sie ihren Höhepunkt erreichten, hielt Aen damit auch nicht hinterm Berg. Sie seufzte und juchzte, so wie sie es immer tat. Nur interessierte das in anderen Häuser keine Sau! Und sie hoffte, man würde es noch im Nachbarhaus hören! Während sie sich in die sauberen, duftenden Laken schmiegte, und noch schneller atmete, schmiedete sie bereits Pläne, wie es jetzt weitergehen sollte. Zumindest konnte man annehmen, dass das Eis spätestens jetzt gebrochen war. Alles andere wäre reine Idiotie. Und warum musste man immer alles zerreden und zerstören? Man musste nur auf sein Herz hören und es bedurfte keiner Worte. Jetzt hielt sie nichts mehr im Bett. Sie setzte sich im Bett auf, hinterließ ein paar wunderbare Flecken auf dem Laken, sprang schließlich auf, drehte die Flamme der Öllampe wieder auf und verkündete “Wir reisen ab. Sofort! Wir suchen uns ein anderes Gästehaus. Eines, das zu uns passt! Da,wo wir essen, was wir wollen, da wo wir trinken können, was und wo wir nur wollen, da, wo man fünf mal die Hand heben muss, bis sich jemand dazu herablässt, eine Bestellung aufzunehmen… da, wo ich sein kann, die ich bin! Genau da will ich hin!” Sie ging zu Caradans Bett, zerrte das Laken von der Strohmatratze und wischte sich damit sauber, warf es unbekümmert und möglichst unordentlich wieder hin. Nachdem sie sich angekleidet hatte, versetzte sie einem der Stühle einen Triff, dass dieser polternd umfiel, und als sie ihre Tasche geschultert hatte, verrückte sie noch ihr Bett. Wenn der Wein, den sie mithatten, nicht gar so süffig und teuer wäre hätte sie davon auch noch eine Flasche am Tisch stehen lassen, und das möglichst so, dass sich auf der akribisch gescheuerten Tischplatte noch ein dunkelroter Weinrand bilden würde! Sie waren noch nicht gänzlich fertig, da klopfte es eindringlich an der Türe. Aen grinste Caradan an und warf theatralisch ihre Hände in die Luft. Die Türklinke schnappte ein paar mal nach unten, begleitet von einem weiteren Gehämmere. “Aufmachen! Aufmachen! Was ist denn da nur los?” drang die jammernde Stimme der Wirtin durch die verschlossene Türe. Aen war mit einem Satz bei der Türe, entsperrte sie, riss sie auf und konnte gerade noch der Wirtin ausweichen, die, mit einem Ohr an der Türe, ins Zimmer stolperte. “Was los ist? Wir reisen ab! Hier ist es absolut unzumutbar! Zu ordentlich! Zu sauber! Und viel zu neugierig und belehrend!” schimpfte Aen und kramte zwei silberne Münzen aus ihrem Geldbeutel. Gemessen an den üblichen Preisen war dies mehr als genug. Die Münzen drückte sie der Dicken in die Hand. “Und ich hasse Fisch! Und der Kuchen war viel zu süß, und es war viel zu viel Fett im Teig! Komm Caradan, wir gehen!” verlieh sie ihren Worten den nötigen Nachdruck. Damit stolzierten die beiden Arcanier aus dem Zimmer und ließen die Wirtin mit aufgeklapptem Mund einfach stehen.

Als sie die Pferde, gemächlich schlendernd, durch die dunkle Hauptstraße von Cadron führten, grinste Aen in sich hinein. In einem kurzen Abschnitt hatten sich zwei Probleme in Luft aufgelöst. Jetzt galt es nur, eine passende Schenke zu finden und so blickten sich die beiden um, besahen sich jede Schenke, Taverne und jedes Gasthaus an welchen sie vorbei kamen. Aber irgendwie wirkten alle Einkehrmöglichkeiten brav und bieder. War Cadron etwa eine biedere Dorfstadt? Dann waren sie hier völlig falsch. Aber alles eitel Wonne, das gab es eigentlich nicht. Ausser hier vielleicht… Doch je tiefer sie in den Stadtkern kamen, desto dreckiger wurde es. Die Hauptstraße verzweigte sich in zwei schmale Gassen und an der Gabelung rätselten sie, welches wohl der richtige Weg wäre. Sie entschieden sich für den rechten Weg, der, so witzelte die Arcanierin, ganz bestimmt der rechte Weg sei. Und sie behielt recht. Das Stadtbild, oder vielmehr Dorfbild, wandelte sich sehr rasch. Die Häuser hier waren winzige Knusperhäuschen, halb verfallen, und schwache Lichtscheine durch die teilweie verbarrikadierten Fenster bezeugte, dass diese Bruchbuden bewohnt waren. Die Straße war schlecht, buckelig, aus festgestampften Erdboden, übersät mit zahllosen Schlaglöchern in denen das Wasser stand. Aen konnte es zwar nicht leiden, wenn man geziert über Pfützen stieg, anstatt einfach hindurch zu laufen, aber bei diesen Pfützen stieg sie darüber, denn hier traute sie ihnen zu, dass sie bis zum Knöchel oder noch tiefer darin versank. An Häuserwänden lehnten finstere und nur wenig vertrauenswürdig aussehende Gestalten, die die beiden Neuankömmlinge interessiert und abschätzig musterten, besonders ihre Pferde, sodass es sogar der Arcanierin, die ein eher unerschrockenes Weibsbild war, etwas mulmig zumute wurde. Sie hielt Caradan sanft am Arm fest. “Hier können wir die Pferde unmöglich lassen. Hier würden sie uns sogar unter dem Arsch weg gestohlen während wir noch drauf sitzen… Lass uns umkehren, am Rand der Stadt sind Bauernhäuser, gegen eine Münze können wir sie dort bestimmt lassen, bis wir weiterziehen.”

Gesagt getan, und nach einer beträchtlichen Weile kehrten sie wieder an den finsteren Ort zurück. “Also das ist jetzt ein wenig extremer, als das Bachforellengasthaus” grübelte sie “Wieso kann es uns einfach nicht an einen normalen Ort verschlagen? Aber warten wir mal ab. Suchen wir uns mal etwas, wo wir es aushalten können über Nacht.” Die einladendste Gastkneipe war “Das Henkersbeil”, obwohl der Name nicht unbedingt gemütlich anmutete. Sie betraten den Schankraum und die üblichen Gerüche und Gestanke, aus Schweiß, Pisse, Fäkalien, billigem Parfüm der Huren, Rauch, Pfeifenrauch und ranzigem Fett, tranigen Geruch der Unschlittlampen waberten ihnen entgegen. Die Schenke war recht gut besucht, und zuerst traten sie an den Ausschank, um sich nach einem freien Zimmer zu erkundigen. Der Wirt war ein ausnahmsweise mal schlanker Mann mit langen zotteligen Haaren, einem dichten Vollbart, das Haar schwarz wie Ebenholz und war eifrig damit beschäftigt in eine Reihe von Bechern Schnaps zu gießen. Caradan klopfte auf den Tresen. “Ist ein Zimmer frei für die Nacht?” Der Wirt blickte auf und musterte die beiden neugierig. “Habt ihr euch verlaufen? Ihr seht nun nicht so aus als wärt ihr richtig in meiner Hütte.” “Der Eindruck kann manchmal täuschen” lächelte Aen geheimnisvoll. “Also, gibts ein Zimmer oder nicht?” “Joh, genügend frei. Hierher verirren sich nicht so oft Gäste, und die die hierher kommen benötigen üblicherweise kein Zimmer. Nicht mal für ne Stunde…” grunzte er. “Na, dann nehmen wir eins” nickte Aen und der Wirt quittierte ihr Nicken. Er angelte einen Schlüssel unterm Pult hervor. “Ihr könnt das beste Zimmer haben. Is ja sonst keiner da der Anspruch darauf erhebt.” Dann winkte er die beiden an sich heran “Ihr beiden seht mir nett aus, daher hört auf meinen Ratschlag: repariert den Riegel, und verbarrikadiert die Türe. Hier wurden immer wieder welche abgemurkst weil sie dumm genug waren, sich auf ein sicheres Haus zu verlassen. Sicheres Haus… hier… das ich nicht lache!” Er lachte ein tiefes, raues Lachen und im selben Moment zauberte er unter dem Ausschank ein dickes langes Brett und einen Hammer hervor. “Da…” Repariert es selbst, dann verlang ich weniger für das Zimmer, wenn nicht, kostets extra.” “Ja ist gut. Aber erst wollen wir mal was trinken, ja? Wir sind seit Tagen auf Reisen und hatten seitdem kein anständiges Bier mehr, von Schnaps ganz zu schweigen. Also, zwei große Bier und für jeder einen anständigen Schnaps.” entgegnete sie. “Sollt ihr haben” nickte der Wirt und begann Bier zu zapfen und Schnaps einzugießen “Den brenn ich selber. Drei Becher davon und ihr liegt unterm Tisch. Mein Ehrenwort. Das macht dann ein’ Heller fuffzig.” Aen glaubte ihm. Sie wollte es aber gar nicht erst herausfinden. Sie trank Schnaps aus einem einfachen Grund: Seit sie beinahe täglich Schnaps trank, war sie nicht mehr krank gewesen. Kein Husten, kein Schnupfen, keine Pest, Cholera, Pocken oder sonst was. Es musste am Schnaps liegen! Wahrscheinlich desinfizierte er den ganzen Körper, während er durch die Adern lief! Anders als woanders, gab es hier nur zwei große lange Tische die beinahe den ganzen Raum ausfüllten, und ebenso lange Sitzbänke. Es war beinahe alles voll, doch sie fanden noch ein kleines Plätzchen an einer Bank, auch, wenn sie einander nicht gegenüber sitzen konnten, sondern nebeneinander zusammenrücken mussten. Sie prostete ihm zu. “Cadron ist ein Scheißdorf!” sagte sie ihm laut ins Ohr um den Schenkenlärm zu übertönen. “Bin froh, wenn wir hier bald weg sind. Aber morgen würde ich gerne noch ein wenig unseres Geldes ausgeben. Ich finde es eigentlich sowieso seltsam, dass wir nicht einmal Ersatzkleidung haben. Da nützt das schönste Bad nichts, wenn man danach wieder in die dreckigen Gewänder schlüpfen muss. Außerdem muss ich zu einem Schmied und zu einem Alchemisten. Falls es hier so etwas überhaupt gibt…” Aen hatte nach einer Weile das Gefühl, dass sie sich zwar nun wieder besser verstanden, und dennoch lag über ihnen noch etwas Ungeklärtes, Unausgesprochenes. Und das versuchte sie ihm direkt zu übermitteln. Sie legte ihm wie beiläufig ihre Hand auf ihr Knie und rutschte ein wenig enger an ihr heran, Kopf an Kopf, damit sie nicht immer so laut sprechen musste. “Ich bin sehr erleichtert, dass wir jetzt wieder einigermaßen normal miteinander umgehen können. Aber trotzdem finde ich, dass mit uns etwas nicht stimmt. Es ist trotzdem nichts wie früher. Wieso? Was ist passiert? Wir sind dieselben, aber andererseits auch nicht. Und mir wird das ganze allmählich wirklich zu dämlich, und ich wäre dir sehr verbunden, wenn wir das jetzt ein für allemal klären könnten, damit nichts mehr zwischen uns steht..."
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mi, 05. Sep 2018 20:54

Aen war einfach unglaublich. Nicht wegen des vögelns, sondern wegen der unbeschreiblichen Lust die sie daran empfand, der Wirtsfrau eines auszuwischen. Er konnte gar nicht sagen, woran es lag, dass sie so laut wurde, als es zu Ende ging. Ob es an den Tagen der Abstinenz lag oder der schieren Schadenfreude, das war ihm egal. Wichtig war nur, dass nun wieder mit ihnen bergauf ging. Vielleicht würde es noch ein paar Tage oder Wochen dauern, bis sie wieder miteinander umgingen, wie noch vor einer Woche, aber es würde wieder dazu kommen. Naja, auf ein paar Dinge konnten sie wohl beide gut verzichten, etwa fremde Männer in Aen oder Caradan in fremden Frauen. Nein, es würde anders, aber wieder besser werden, da war er zuversichtlich. Etwas anderes konnte er auch gar nicht in diesem Moment sein, wie er so wohlig erschöpft neben Aen in die Laken sank. Zu seiner Enttäuschung blieb sie aber nicht lange liegen, sondern kaum dass sich ihr Atem beruhigt hatte, sprang sie förmlich vom Bett. Etwas träger folgte Caradan. “Wir reisen ab. Sofort!”, offenbarte sie ihm und er begann mit einem Grinsen seine Kleider aufzusammeln. “Wir suchen uns ein anderes Gästehaus! Eines das zu uns passt!” Ja das würden sie! Aen hatte vollkommen recht mit ihren Ausführungen. Er hatte sich nicht in ihr getäuscht und diese Erkenntnis, beflügelte ihn mehr als das Vögeln von eben. Sie randalierte nach herzenslust und als es klopfte, hätte er sie am liebsten wieder aufs Bett geworfen und wäre erneut über sie hergefallen. Aen öffnete der Wirtin die Tür und sofort sabbelte die Alte los. Unbeeindruckt und mit schelmischer Freude verfolgte er wie Aen sie nun ihrerseits mit Vorwürfen berieselte, ehe sie ihn zum Gehen aufforderte. Auf der ersten Treppenstufe, blickte er über die Schulter, zu der perplex da stehenden Wirtsfrau. “Laken wechseln!”, rief er noch und die Arcanier liefen die Treppe hinab. Unten befand sich eine Ansammlung von insgesamt fünf Leuten, zwei Frauen und drei Männern, zu denen der Wirt in dem Moment hinzu trat, als die Beiden die Stube betraten. “Was war das für ein Radau?”, fragte einer der Männer laut und erntete zustimmendes Kopfnicken. “Wir haben gefickt…”, erklärte Caradan verständnislos und ergötzte sich an den schockierten Blicken. Wer wusste schon wann diese armen Seelen das letzte Mal hinter sich hatten. Mit wölfischen Grinsen verließen sie die Herberge und machten sich auf, mit ihren Pferden im Schlepptau eine neue Bleibe zu suchen.
Die Pferde verblieben nicht lange im Schlepptau. Nein, denn die Gegend die Aen wie von selbst fand, war mit Abstand das krasseste Gegenteil zur vorangegangenen Schenke. Caradan hatte schon einige solcher Ecken gesehen, sowohl Lanyamere, als auch Aramad konnten sich unzählige solcher Gassen auf die Fahne schreiben, aber hier, in diesem Großdorf, hätte Caradan niemals mit solch einer Ecke gerechnet. So ließen sie die Pferde in einer weit besseren Gegend zurück, in einer friedlichen, bäuerlichen, wo man sich nicht sorgen musste, dass man ihnen die Satteltaschen durchsuchte. Nein, die Leute dort am Hof waren vollauf zufrieden mit den paar Münzen die ihnen Aen in die Hand gedrückt hatte. Nun konnten sie sich wenigstens um eine Sorge leichter, nach einer Bleibe umsehen. Sie fanden eine. Und was für eine… Keine duftenden Laken, keine heimelige Schankstube, keine Nettigkeiten, nichts. Nur das wohl bekannte und schmerzlich vermisste Lärmen, Saufen, Rauchen und der Gestank. Ja verdammt, das war eine Bleibe, wie sie sie gewohnt waren. Wer, der wie sie außergewöhnlich war, wollte schon einen gewöhnlichen Ort aufsuchen? Sie kämpften sich zum Ausschank vor und mieteten ein Zimmer. Kaum dass sie mit Hammer, Nagel und Brett bewaffnet waren, konnte sie sich auch endlich den heiß ersehnten Alkohol schmecken lassen. Der Selbstgebrannte hatte es in sich und wurde nach einem kurzen Nippen auf später verschoben. Caradan genoss die Nähe zu Aen, die er in den letzten Tagen so missen musste.

Sie brüllte ihn an, mit aller Kraft, dennoch kamen nur Wortfetzen bei ihm an. Doch er konnte in etwa interpretieren, was sie ihm versuchte zu sagen. Sie wollte ein neues Kleid und ein Bad, beides Dinge, die Caradan nur zu gut nachempfinden konnte. Bis auf das Kleid eben. Er lief schon viel zu lange im selben Hemd und derselben Hose herum, seine Stiefel waren nahezu durchgelaufen und sein Gehrock hatte mittlerweile Flecken, die auch mit gutem Zureden nicht mehr als Wein durchgingen. “Ja wird schon!”, schrie Caradan nun seinerseits. “Cadron ist scheiße, aber groß. Wir finden schon was!” Dann widmete sich Caradan wieder seinem Bier. Es war zum Haareraufen. Sie saßen hier beieinander, sie hatten es getrieben, langanhaltend und ausdauernd, sie hatten sich wiedergefunden, aber dennoch war es nicht so wie vorher. Caradan spürte die Distanz zwischen ihnen, die Unentspanntheit von Aen oder seine eigene, er konnte es nicht sagen. Um sich abzulenken, beobachtete er die Gäste die noch am Tisch saßen. Sie grölten und erzählten Witze die der Arcanier nicht verstand. Buchstäblich. Nur die Hälfte der Witze kam überhaupt bei seinen Ohren an und die Hälfte die es tat, bei der fragte er sich, wo der Witz war. Ebenso beobachtete er wie sich einige Leute, darunter sein Nebenmann, weißes Pulver in ihre Bierkrüge kippten. Der Dieb stieß ihn mit dem Ellenbogen an. “Was soll das?”, brüllte er und der Kerl grinste ihn zahnlos an. “Kennste keen gesalzened Bier?” Caradan runzelte die Stirn. “Für zwee Heller kriegste ne Prise.” Wortlos schob er dem Zahnlosen zwei Münzen hin und der Kippte einen Fingerhut voll in Caradans Becher. Er nippte dran und stellte erschrocken fest, dass das Bier nun eine sehr bittere Note angenommen hatte und seine Lippen, seine Zunge und seit Zahnfleisch anfing zu kribbeln. Er nahm noch einen großzügig bemessenen Schluck und spürte, wie sich das Kribbeln in seiner Kehle ausbreitete und bis hinab in seinen Magen kroch. Er blickte Aen wieder an. Vielleicht würde ein bisschen Salz in ihrem Becher dazu führen, dass es ihr weniger unangenehm war. Doch Aen hatte ganz andere Strategien, dieses unausgesprochene Problem zwischen ihnen zu beseitigen. Sie legte ihm die Hand aufs Bein und rutschte näher, beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr. Eigentlich sprach sie ganz normal, aber das spielte bei diesem Lärm keine große Rolle. “Ich bin sehr erleichtert, dass wir jetzt wieder einigermaßen normal miteinander umgehen können. Aber trotzdem finde ich, dass mit uns etwas nicht stimmt. Es ist trotzdem nichts wie früher. Wieso? Was ist passiert? Wir sind dieselben, aber andererseits auch nicht. Und mir wird das ganze allmählich wirklich zu dämlich, und ich wäre dir sehr verbunden, wenn wir das jetzt ein für allemal klären könnten, damit nichts mehr zwischen uns steht..." Der Dieb schluckte. Was wollte sie von ihm hören? Sie hatte es erfolglos versucht, ihm zu sagen was nun anders war und er hatte ihr klar gesagt, dass er sie verstanden hatte und es ihm ebenso erging. Reichte denn das nicht? Musste er es nun wirklich laut wiederholen, damit es alle Welt erfuhr? Ausgerechnet er? Mit seiner Hand umschloss er ihre. “Ich…”, begann er zögerlich und blickte Aen ins Gesicht. Verdammt war das schwer. Eigentlich war nichts dabei, aber doch irgendwie alles. Er wusste genau, wenn er es nicht aussprechen würde, würde sie es als persönlichen Affront werten und alles wäre so schlimm wie vor drei Tagen. “Aen.”, fing er erneut an und stockte wieder. Er begann zu schwitzen und seine Hände wurden kalt. Nur weil das Eis gebrochen war herrschte noch lange kein Sommer, wurde ihm schmerzlichst bewusst. “Ich will sagen…” Was sie hören wollte, er wollte sagen was sie hören wollte, wusste aber dass das Ausgesprochene, ebenso zwischen ihnen stehen würde, wie wenn er jetzt einen Rückzieher machte. Er konnte nur verlieren. Sie zwang ihn etwas zu sagen, was sie wissen, aber nicht hören wollte. Wieso war diese Frau so verflucht kompliziert? Eine der Huren bei denen er aufgewachsen war, hatte immer gesagt, man soll das Übel nie beim Namen nennen. Nun ging es hierbei nicht um ein Übel, wie Pest, Cholera, Syphilis oder Tripper, sonder um etwas Gutes. Es musste raus und zwar jetzt. Er beugte sich zu ihr und küsste sie. Er dauerte lang und war frei. Frei von anrüchigen Hintergedanken, frei von der Gier nach mehr, frei von seiner Angst und Sorge. Er war pur und drückte alles aus, was er sich nicht überwinden konnte zu sagen. Als sie sich wieder voneinander lösten, schenkte er ihr ein schüchternes Lächeln und führte seine Lippen an ihr Ohr und flüsterte. “Das wollte ich sagen.”

Das Herz des Diebes hämmerte und er wusste nicht, ob es wegen der Sache zwischen Aen und ihm war oder wegen dieses verdammten Salzes. Seine Gedanken rasten, er hatte das Gefühl, dass seine Sinne unendlich schärfer waren als sonst und er spürte den unbändigen Drang aufzuspringen. Plötzlich verstand er jeden Witz der in unmittelbarer Umgebung zum Besten gegeben wurde, fand sie aber immer noch nicht Lustig, obwohl er hier und da herzlich mitlachte. Immer wieder mal tastete er nach Aens Hand, einfach um sich zu vergewissern, dass sie noch da war und ihm sein rastloser Verstand nicht bloß etwas vorgaukelte. So bemerkte er zwar die Neuankömmlinge, auch dass diese schon gut einen sitzen hatten, aber nicht, dass diese ausgerechnet auf die beiden Arcanier aufmerksam wurden. Na, vermutlich eher auf die Arcanierin, als auf den Arcanier. Der Anführer der Truppe war ganz offenkundig ein eitler Pfau. Seine Stiefel waren mehr wert, als das Haus in dem sie becherten und seine Haare hatte er mit duftenden Ölen zurück gekämmt. Er überdeckte sogar das billige Parfüm der Huren, als er sich ihnen gegenüber am Tisch niederließ. Seine beiden Kumpanen, hatten zuvor das ehemalige Gegenüber unsanft vom Tisch entfernt, was ihnen giftige Blicke von den anderen Anwesenden einbrachte, aber niemand wollte etwas gegen die beiden Bewaffneten unternehmen. “Na sowas wie dich sieht man auch nicht alle Tage.”, rief er Aen zu, wobei er sein charmantestes Lächeln versuchte. Caradan konnte den Kerl auf Anhieb nicht leiden. Na schön, so schlecht sah der Kerl gar nicht aus, vielleicht konnte er sich auch mit Caradan messen, wenn sich der Dieb vorher in Scheiße suhlte, aber roch wie eine Frau und seine Hände sahen sogar so aus! Der Mann hatte Frauenhände. Filigrane, samtig weich aussehende Hände, mit wohl gepflegten Fingernägeln. Vielleicht baumelte ja auch kein Schwanz zwischen seinen Beinen, sondern er verbarg ein Loch. Der Kerl war eine Fotze und das stank Caradan gewaltig. “Bist viel zu hübsch, für so einen Ort.”, fuhr er fort und faltete seine manikürten Hände unter dem Kinn und grinste arrogant. “Ich bin ein Adeliger weißt du?” Er streckte seine Hand nach Aen aus, schob sie langsam über die Tischplatte.. “Baron Kasimir von…” Caradan packte den Kerl am Handgelenk und erdolchte ihn mit seinem hasserfüllten Blick. “Ist uns scheiß egal!” Kasimir von Scheißegal riss sich los und starrte den Dieb mit einer Mischung aus schockiertem Unglaube und überraschter Freude an. Offenbar hatte er statt eines feuchten Schoßes nun einen Prügelknaben zum verdreschen gefunden. “Und was willst du?” Caradan starrte ihn finster an. “Ich will dir einen Vorschlag machen.”, knurrte er. “Wie wäre es, wenn du vor die Tür gehst und dich in den Arsch fickst.” Caradan breitete die Hände aus, ganz so, als hätte er dem Kerl eine ganz einfache Lösung vorgeschlagen. Der Blicke sich, mit einem konsternierten Lächeln zu seinen Kumpanen um. “Oh deine Kumpels, ganz vergessen.”, grinste Caradan böse. “Nachdem du ordentlich abgespritzt hast, können die sich deinem Arsch widmen. Na was sagt ihr?” Der Baron funkelte den Dieb zornig an. “Wie wäre es, wenn wir alle vier raus gehen und du uns deinen Arsch zur Verfügung stellst?” “Du willst dich mit mir messen, ja?”, lachte der Dieb höhnisch. “Na schön.” Er zauberte eine Silbermünze hervor und schnippte sie so an, dass sie kreisend über den Tisch tanzte. “Wer zuerst die Hand drauf legt.” Der Baron runzelte die Stirn und zuckte, als Caradan seine Hand in dem Moment auf die Tischplatte knallte, als die Münze wippend zur Seite kippte. “Wer zuerst die Hand drauf legt.”, wiederholte Caradan und schnippte die Münze erneut an. Sie drehte sich und drehte sich und der Baron warf erneut einen fragenden Blick zu seinen Kumpanen. Zack! Erneut hatte sich Caradan die Münze geschnappt. “Wer zuerst die Hand drauf legt.”, wiederholte er ein drittes Mal und obwohl der Kerl sich alle Mühe gab, so desinteressiert wie möglich zu tun, ein süffisantes Lächeln aufsetzte, konnte man in seinem Blick den blanken Ehrgeiz erkennen. Als Caradan die Münze ein drittes Mal anschnippte, beugte der Baron sich kaum merklich vor. Mittlerweile hatte ihr kleines Spiel ein paar Zuschauer. Als die Münze beinahe zum Stillstand kam, knallte der Baron die Hand auf die Tischplatte. Sein Triumphschrei wurde sofort zu einem painvollen Schmerzenskreischen. Caradan hatte gar nicht erst nach der Münze gegriffen, sondern den Stil des Hammers umklammert, der dazu gedacht war, Nachts ihre Zimmertüre zu verriegeln. Im selben Moment, wo der der Baron nach der Münze griff, riss der Dieb den Hammer empor und einen Wimpernschlag nachdem der Baron seine Hand auf die Tischplatte knallte, zerschmetterte der Dieb eben jene wohlgepflegte Hand mit einem wuchtigen Hammerschlag.
Dann geschah etwas, dass sich Caradan nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen konnte. Der Baron hielt sich, heulend und schreiend, die zerstörte Hand, aus der Knochen hervor stachen, vors Gesicht, während seine Begleiter ihre Schwerter zogen. Caradan hatte Herzrasen, jedes Gefühl wich aus seinen Gliedern und dennoch verspürte er den unbändigen Drang sich auf die beiden Anderen zu stürzen. Und da war er nicht der einzige. Die Anwesenden heulten freudig auf. Sie hatten Blut geleckt. “Tod dem Adel!”, brüllte einer und binnen weniger Sekunden hatte sich ein Lynchmob auf die drei Neuankömmlinge gestürzt. Wären die Tische und Bänke nicht so massiv, wären sie wohl entweder unter der Last zerborsten oder umgeworfen worden, als sie die Menschen blutrünstig über die Tischplatte warfen, nur um auch noch einen Fetzen von den Adeligen massakrieren zu können. Die blutüberströmten und verstümmelten Leichen zerrte man an das dem Ausschank gegenüberliegende Ende der Tafeln und nagelte jeden einzelnen der Drei mit seinem eigenen Schwert an die Wand. Mit dem Geld aus ihren Taschen wurden Runden über Runden Bier, Wein und Schnaps bestellt. War die Stimmung gerade eben noch gut, so war sie nun großartig und das alles nur, weil Caradan seine Eifersucht nicht um Zaum halten konnte. Caradan ließ sich von der plötzlich umgreifenden Euphorie anstecken und er wurde von denen, die das Spiel und sein abruptes Ende mitverfolgt hatten, gefeiert. Es war sein Sieg, so fühlte es sich jedenfalls an. Seine Schuld war es allemal, aber wenn er eines nicht empfand, dann Schuld. In dem plötzlichen Drängen fand er Aen und zog sie zu sich, um sie nicht zu verlieren. Er drückte sie an sich und strahlte sie, siegestrunken und erregt, an. Er nahm ihre Hände und küsste ihre Handrücken. Dann beugte er sich an ihr Ohr. “Du gehörst mir nicht, das weiß ich, aber wir gehören nun zusammen oder?”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Do, 06. Sep 2018 21:25

Aen hatte den Kopf auf eine Hand gestützt und blickte Caradan erwartungsvoll an. Sie war ein wenig näher gerückt, damit sie auch jedes Wort, welches er sagen würde, verstehen konnte. Er begann zu sprechen, zu stottern, unterbrach sich selbst, und die Arcanierin hob fragend eine Augenbraue.Vielleicht war das nicht hilfreich, sollte aber zum Ausdruck bringen, dass sie ein wenig konsterniert war. Hatte das Pulver ihm eine schwere Zunge verschafft? Würden sie sich jetzt ewig gegenseitig an stottern und keine Sätze mehr zu Ende bringen? Sollte er doch sagen, was er zu sagen hatte, und Schluss! Er sagte nichts mehr, dafür schenkte er ihr einen langandauernden innigen Kuss. Danach lächelte er sie an und flüsterte ihr ins Ohr “Das wollte ich sagen.” Aen erwiderte das Lächeln unschlüssig, fühlte sich aber danach, um ehrlich zu sein, genauso schlau wie vorher. Sie konnte jetzt natürlich Mutmaßungen anstellen, was er mit diesem Kuss gemeint hatte. Aber hatte ein Kuss nicht viele verschiedene Bedeutungen? Sie würde jetzt nicht etwas interpretieren, was sich dann am Ende als etwas gänzlich anderes herausstellen würde. Seis drum. Während Caradan sich amüsierte und über Witze lachte, die ein paar Köpfe weiter weg erzählt wurden, begann die Arcanierin sich zu langweilen. Sie fand die Witze nicht lustig, das konnte man wohl nur, wenn man wie Caradan irgendwelche dubiosen Drogen genommen hatte. Gewohnheitsmäßig würde sie jetzt aufstehen, an den Ausschank gehen und dort ihr Bier trinken. Am Ausschank konnte man die Schankräume immer gut überblicken, man konnte beobachten, und es ergaben sich immer Gespräche. Wirte waren beizeiten recht redselig, sie waren stets die Zeugen des ersten Augenblickes, wenn in der Schenke etwas vorfiel, und sie bekamen einiges erzählt von den Schenkengästen. So gesehen war ein Schankwirt so etwas wie ein Kurier mit festem Platz. Aber sie stand nicht auf, sie blieb bei Caradan sitzen. Sie blieb einfach sitzen und blieb bei ihm, um sich nicht gleich wieder entschuldigen zu müssen, dass sie ihn hatte alleine sitzen haben. Obwohl er in diesem Moment ohnehin gut unterhalten wurde. Sie saß einfach neben ihm und ließ ihre Hand auf der Tischplatte neben dem Bierkrug liegen, sodass er sie immer ergreifen und drücken konnte, wenn ihm danach war. So war das.

Aber die Langeweile verflüchtigte sich rasch. Denn ein Gesicht hatte sich gegenüber von ihr in ihr Blickfeld geschoben und sprach sie direkt an. “Na, sowas wie dich sieht man auch nicht alle Tage.” Ein recht gutaussehendes Gesicht. Aen musterte den Mann stumm von oben bis unten. Mit Händen wie eine feine Dame. Hände waren das erste, das sich Aen bei einem Menschen ansah. Sie konnten viel über einen Menschen erzählen. Die Hände dieses Mannes erzählten, dass er keiner körperlichen Arbeit nachging. Keine roten Hände die bezeugten dass er mit irgendwelchen Säuren oder Laugen wie ein Gerber arbeitete, keine schwieligen Hände die einen Hinweis auf einen handwerklichen Beruf wie Bauer, Schreiner, Schmied oder dergleichen, keine abgefransten, eingerissenen Fingernägel, unter denen sich der Dreck in schwarzen Rändern sammelte. Die Hände waren makellos, gepflegt, weich, frei von Schwielen und schlank. Hände die Aen nicht mochte. Sie mochte Hände die zupacken konnten, ob nun bei der Arbeit, oder eben im Bett. Sie mochte die Spuren der Arbeit. Und so abartig es auch klang, aber sie mochte die Schwielen, die auf der Handfläche direkt unter den Fingern waren. Sie mochte Haare auf dem Handrücken, sie mochte Haare auf den Fingern, sie mochte sogar den Dreck unter den Fingernägeln. Und diese weichen, gepflegten Männerhände mit einem protzigen Ring am Mittelfinger, die mochte sie nicht. In einer anderen Situation würde sie den Duft seines Parfüms vielleicht mögen, aber hierher passte dieser Duft, der sich zwischen dem Gestank einen Weg zu ihrer Nase bahnte, nicht. Nicht in diese Schenke. Der ganze Mann mit seinen zwei Kumpanen war unpassend. Was wollte einer wie er hier? “Bist viel zu hübsch, für so einen Ort” tat er mit fachmännischer Meinung kund. Aen wollte etwas dergleichen entgegnen, aber da sprach er auch schon weiter. “Ich bin ein Adeliger weißt du?” und grinste herablassend, wissend, dass alles was er in diesem Moment am Leib trug, mehr wert war, als vermutlich die gesamte Tagelöhner in diesem Raum in einem Jahr zusammen verdienten. Seine Hand schob sich ausgestreckt über die Tischplatte, um sie ihr zu reichen. Doch sie kam nicht weit. Caradans Hand schoss vor wie eine Schlange packte diese Hand und hielt sie fest. Und ebenso wie eine Schlange zischte er “Das ist uns scheißegal!” Aen lehnte sich amüsiert zurück und beschloss, dass der Abend eben besser wurde. Ein handfester Streit folgte, Beleidigungen flogen hin und her, und Aen fand, dass es durchaus interessant war, eine solche Auseinandersetzung mit der Klarheit eines nicht durch zuviel Alkohol oder Starrkraut vernebelten Geistes zu verfolgen. Besonders, wenn ihretwegen gestritten wurde! Daran konnte sie sich wirklich gewöhnen!

Caradan schlug ihm ein Spiel vor. Wie er das immer tat, wenn er irgendetwas im Schilde führte. Und sie sollte Recht behalten. Nach der dritten Demonstration wie dieses Spiel funktionierte, und der Baron von irgendwas seine Hand auf die Münze hieb, da hieb Caradan seinerseits mit dem Hammer des Wirtes auf seine Hand, sodass diese zumindest teilweise zerschmettert war. Während der Mann schmerzerfüllt aufjaulte, was man ihm überhaupt nicht übel nehmen konnte, da beschloss die Arcanierin, dass es wohl besser war, aufzustehen, denn hier würde es gleich gewaltigen Ärger geben. Der Ärger kam, doch anders als erwartet. Denn während Aen erwartet hatte, dass Caradan Gefahr lief, von den zwei Gefährten des Baron von Soundso mit seinen Schwertern massakriert zu werden, und ihr dann nichts anderes übrig blieb, mitten vor sämtlichen Zuschauern ihn mit dem Feuerrohr zu verteidigen, da stürzte sich nach einem hetzerischen Aufschrei die halbe Schenkengesellschaft auf die drei Männer, ganz offensichtlich, um diese zu massakrieren. Es wurde eine unschöne Zurschaustellung dessen, was passieren konnte, wenn sich ein höhergestellter Herr in eine Absteige wie diese begab. Und in all dem Tumult stand Caradan plötzlich bei ihr, zog sie zu sich heran und küsste ihre Hände. Übermütig sagte er “Du gehörst mir nicht, das weiß ich, aber wir gehören nun zusammen oder?” Aen überlege einen Moment und dann nickte sie und lächelte “Ja… Wir gehören zusammen. Dann scheint ja jetzt alles geklärt zu sein” knuffte sie ihn. Dann verschwand ihr Lächeln so urplötzlich wie es gekommen war und sie sagte “Aber nur, wenn du dich künftig nicht so daneben benimmst. Ich meine, der Kerl wollte nur reden!” Sie deutete mit der Hand auf die drei Toten, die man mit ihren Schwertern an der Wand befestigt hatte “Und jetzt ist er tot... Ja gut, das war ein Selbstläufer, aber…” Sie schmiegte sich an ihn “Zeig ruhig deine Eifersucht. Aber vergiss nicht, wer du bist… was du bist. Du bist ein Dieb. Und kein Schläger, oder ein Mörder. Außerdem, wenn die beiden dich angegriffen hätten, mit ihren Schwertern, was sie ganz sicherlich getan hätten… was hättest du da entgegen zu setzen gehabt? Nichts. Und dann hätte ich dich mit raushauen müssen. In einer vollen Schenke nicht empfehlenswert. Und jetzt lass uns von hier verschwinden.” Sie packte ihn an der Hand und zog ihn aus dem Tumult raus aus der Schenke. Draussen, als sie die kühle Nachtluft umwehte, sagte sie “Ich hab sowieso keinen Bock in einer Schenke zu übernachten, in deren Zimmer ich mich mit Brettern verbarrikadieren muss, um nicht um mein Leben fürchten zu müssen. So etwas Bescheuertes!” schüttelte die Arcanierin den Kopf. “Und jetzt stehen wir erst wieder da. Gibt es in dieser verdammten Stadt nicht eine stinknormale Schenke? Keine die vor Dreck und Gesindel starr ist, und auch kein behütetes Heimchen. Einfach eine normale Schenke! Am liebsten würde ich sofort aus Cadron abhauen. Aber ich bin müde, verdammt! Ich will ein Bett!” Sie gab einem Steinchen, das vor ihren Füßen lag, einen Tritt, dass es über die Straße kullerte, gegen eine Hausmauer prallte und dann dort liegen blieb.

Sie verließen das dreckige Viertel und nach einer Weile erreichten sie wieder die bessere Gegend von Cadron. Die meisten Häuser lagen bereits im Dunkel, doch in den Schenken herrschte noch reges Treiben und durch die grünen oder teilweise gelben Butzenglasscheiben drang Licht und einzelne Silhouetten von feiernden Menschen war zu erkennen. Die nächste einladende Schenke nahmen sie ins Visier, und steuerten schließlich darauf zu. Als sie die Schenke “Zum Kupferkessel” betraten, machte alles einen normalen EIndruck. Die Schenke war nicht zu sauber, aber auch nicht zu heruntergekommen. Beim Wirten erkundigten sie sich gleich ohne Umschweife nach einem Zimmer, doch er schüttelte den Kopf und erklärte, dass alle Zimmer bereits besetzt waren. Aen seufzte genervt auf und wandte sich jammernd an Caradan “Das ist heute wirklich nicht unser Tag. Ich habe keine Lust mehr, von Schenke zu Schenke zu wandern. Meine Füße schmerzen, ich habe Kopfschmerzen und ich will einfach nur noch schlafen!” Der Wirt, dem ihr Geraunze nicht entging schlug vor “Ihr könntet im Heuschober schlafen. Zwei Heller mit Frühstück.” Aen überlegte gar nicht lange, sondern willigte ein. Dann bezogen sie den Heuschoben, was eigentlich nur bedeutete, dass sie sich ins Heu legten. Es dauerte eine ganze Weile, bis Aen eine Position gefunden hatte, in welcher sie liegen konnte, ohne dass das Heu durch ihre Kleider stach. Dafür verströmte das Heu einen wohligen, süßlichen und frischen Duft, der sie diesen unseligen Tag vergessen lassen konnte. Schließlich wendete sie sich Caradan zu, bettete sie ihren Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen. “Morgen wird alles besser” murmelte sie. “Wir decken uns am Markt mit allem ein, was wir brauchen, und dann sehen wir zu dass wir dieses Scheisskaff verlassen…” redete sie sich selbst gut zu. “Wir sollten Decken besorgen... irgendwelche Trockenvorräte… ich möchte zwei neue Kleider…einen neuen Mantel... neue Stiefel… neue Seife… einen neuen Kamm, Tabak…” Sie sprach immer leiser und langsamer, und dann war sie schließlich eineschlafen.
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 20. Sep 2018 20:43

Am nächsten Morgen erwachte Caradan sehr, sehr langsam. Er fühlte sich ausgelaugt, kraftlos und unkonzentriert. Dieses verdammte Salz! Obwohl er wach war, blieb er eine ganze Zeit lang liegen. Das Stroh stach ihm im Nacken und er wollte gar nicht wissen, warum es ihm am Rest des Körpers so juckte. Mit einem Seufzer rieb er sich den Schlaf aus den Augen und beschloss, dass es nun Zeit war aufzustehen. Ächzend schälte er sich unter Aen hervor und verließ den Heuschober. Er streckte sich, gähnte ausgiebig und suchte sich einen Wassertrog, um sich ein wenig frisch zu machen. Er fand einen direkt neben dem Schober. Er war beinahe zur gänze gefüllt, das Wasser klar und kalt. Sein Gesicht benetzte er mit dem kühlen Nass und mit einer Hand voll Wasser kühlte er sich den Nacken. Das Wasser lief ihm angenehm den Rücken hinab, weckte seine Lebensgeisters. Mit feuchter Hand fuhr er sich durchs ungewohnt kurze Haar. Es war schrecklich, ein Fehler gewesen, aber hatte ihn wohl oder übel vor dem Strick bewahrt. Daher glich es sich wohl aus, zumindest vorerst. Er warf den Kopf in den Nacken und genoss einen Moment die Sonne des angenehm kühlen Vormittags, ehe er rüde unterbrochen wurde. “He!”, rief der Wirt und winkte mit einem Lappen, um Caradans Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. “Wenn ihr noch was essen wollt, beeilt euch!” Der Dieb wedelte mit der Hand, als Zeichen, dass er verstanden hatte. Sie hatten das Frühstück mitbezahlt, also sollte sie es auch einnehmen. Andererseits, ob es die zwei Heller wert war, eine schlafende Aen zu wecken, war eine gänzlich andere Frage. Eine Frage, deren Beantwortung er bis zum letzten Moment hinauszögern würde. Selbst wenn sie nichts mehr ab bekamen, sie hatten mehr als genug Geld, um sich in jeder Schenke hier exklusiv bekochen zu lassen, das sollte nun wirklich nicht das Thema sein. Während Aen noch schlief, nutzte Caradan die Zeit sich ein wenig die Beine zu vertreten.
Irgendwie nagte der gestrige Abend an ihm, der gestrige Vorfall und Aens Worte danach. Ja verdammt, er war ein Dieb und kein wie auch immer gearteter Haudrauf. Er ein Schlitzohr, darauf ausgelegt andere bis aufs Hemd auszuziehen, ohne das sie etwas dagegen tun konnten oder ihnen den Stuhl unterm Arsch zu klauen, sodass sie es erst bemerkten, wenn ihr Arsch den kalten Boden berührte. So jemand war und so jemand wollte er sein. Es war nicht nötig sich wie ein Wilder zu gebären nur weil… Caradan verzog das Gesicht. Nein, deswegen hatte er nicht den Hammer ergriffen. Der Kerl war ihm auf die Nerven gegangen und dieses verdammte Salz, hatte ihm den Rest gegeben, hatte ihn über den Abgrund hinaus gestoßen. Vielleicht war es auch einfach, weil es die ersten Tropfen Schnaps seit Tagen waren, die ihn so hatten überdrehen lassen, er konnte es nicht sagen und wusste das es sinnlos war, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Aber der Gedanke, dass er darauf angewiesen war, dass Aen ihn beschützte… das war hart. Das kratzte nicht nur an seinem Stolz und seinem Ego, nein es zerriss sie in der Luft. Im Vergleich zu ihr war er ja geradezu nutzlos, wie ein kleines Kind, das man bei der Hand nehmen musste. Und er wusste, dass sie das genau so sah. Sie hatte ihn nicht necken oder aufziehen wollen, sie meinte was sie sagte, so wie sie es nunmal gesagt hatte. Sie glaubte daran, dass er auf ihren Schutz angewiesen war. Und das Schlimmste daran, war der nagende Zweifel in ihm, dass das vielleicht sogar wahr sein könnte. Nun wusste Caradan, er war kein Kämpfer. War er nie, würde er nie im Leben sein. Er war nie der Mann, der sich sonderlich darum scherte, das er den meisten Männern im Zweikampf unterlegen war oder um der Wahrheit die Ehre zu geben, manch einem weit unterlegen. Seine Talente lagen, wie Aen schon gesagt hatte, woanders, aber das machte nicht besser. Der Beste unter den Schwachen… ein bitterer Lorbeer. So hing der Dieb seinen Gedanken nach, während er durch die Straßen und Gassen dieses Großdorfs schlenderte, bis er plötzlich stehen blieb. “Scheiße.”, murrte er. “Wo bin ich?”

Letzten Endes fand er zurück. So schwer war das nun auch nicht gewesen, hatte bloß seine Zeit gedauert. Bis in den späten Mittag hinein. Die Küche der Schenke hatte mit Sicherheit schon dicht gemacht, aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Er war an mindestens einem halben Dutzend Bäckern und Verkäufern von Köstlichkeiten vorbei gekommen. Als er um die Ecke des Heuschobers bog, sah er Aen, wie sie sich ebenso wie er vorher, an dem Wassertrog erfrischte. Aen bemerkte ihn, ehe er etwas sagen konnte. “Wo warst du?”, fragte sie und Caradan lächelte verlegen. “Ich bin verkatert.”, grummelte er und ihr Blick verriet ihre Gedanken. Ja dieses verdammte Salz hatte ihm nicht nur Sinn und Verstand ausgeschossen, sondern war auch für dieses Elend namens Caradan am folgenden Morgen verantwortlich. “Das Bier war wohl schlecht…” Mehr sagte er nicht mehr dazu. Er verlor auch kein Wort über die ihren am vergangenen Abend. Genauso, wie er am Abend geschwiegen hatte. “Ich hoffe du weißt noch was du vor dem Schlafen gesagt hast.”, fuhr er fort, so als ob nichts wäre. Es war auch eigentlich nichts, aber… nun ihm lag dieses Salz eben noch schwer im Magen. “Was du willst, was wir brauchen und das alles.” Sie hatte von einem Kamm gesprochen, von Kleidern, Tabak und Proviant. Das alles waren wichtige und notwendige Dinge. Vermutlich. Der Dieb setzte noch ein Bad auf die Liste drauf. Ganz dringend.
Die beiden Arcanier statteten zuerst dem Bauern der sich um ihre Pferde kümmerte einen Besuch ab. Das hatte zwei Gründe. Erstens war Cadron einfach verdammt groß und zu Pferd kam man einfacher und schneller von einem Ende zum Anderen und zweitens, sie brauchten ihre Satteltaschen voll Geld, wenn sie sich einmal ordentlich eindecken wollten, mit allem was dazu gehörte. Auf dem Weg besorgten sie sich erstmal ein ausgiebiges Frühstück, der Vorteil an so einem Haufen Bauern war, in der Erntezeit hatte jeder was zu Fressen im Haus und brauchte sowieso immer Geld. Gemeinsam ritten sie in eines der vielen Dorfzentren, dorthin wohin man sie wies, als sich nach den besten Schneidern und Krämern erkundigten. Sie banden die Pferde vor der Stube eines Schneiders an, dessen Waren von einem Marktschreier angepriesen wurden. “Edle Stoffe! Seide, Satin und Brokat! Hier gibt es alles.”, brüllte der Mann und die beiden Arcanier sprangen darauf an.
“Ah Kundschaft!”, frohlockte ein hagerer Mann, mit Hakennase, Glatze und pechschwarzen Ziegenbart. Der Mann hatte filigrane Hände und Caradan war spontan überzeugt, dass seine Waren wohl nicht schlecht sein dürften. Sein geringschätziger Blick, als er die beiden Arcanier in ihren verschlissenen Roben sah, sprach ebenfalls eine eindeutige Sprache. “Was kann ich für die Herrschaften tun?” Der Dieb warf achtlos einen Beutel auf den Verkaufstresen, die Münzen im innern klimperten und der Schneider hob interessiert den Blick. So brach das Eis, ohne das man sich lange erklären musste. “Wir brauchen neue Kleider.”, war die schlichte Anforderung die der Dieb stellte. Der Schneider breitete die Arme aus, wies auf seine Auslegeware und fing an zu plappern wie ein Wasserfall. Zuerst wandte er sich Aen zu, die sich ihre neuen Kleider aussuchen durfte, den Schnitt, die Farbe, den Stoff, alles einfach. Und dann war Caradan an der Reihe. Der Arcanier war weitaus weniger anspruchsvoll als seine Begleiterin. Am Ende entschied er sich für zwei Wämser. Ein gestepptes in Weinrot, eines in einem hellen Braun, mit Ärmeln, die er nach belieben annesteln konnte. Dazu zwei neue Hosen aus robusten Material. Dann kam die Frage nach der Eile des Schneiders. Erneut, war Caradan nicht das Problem, bei ihm mussten nur einige Kleinigkeiten vorgenommen werden. Aber bei Aen, bei Aen raufte der Schneider sich auch noch die letzten Haare aus. Aen wollte sich unter keinen Umständen noch einen Tag länger hier aufhalten und das warf sie dem Schneider auch ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen an den Kopf. Bevor die ganze Situation eskalieren konnte, nicht das Aen der letzte Rest Geduld flöten ging und sie ihm mit dem Feuerrohr das Hirn wegpustete, griff Caradan ein und warf einen weiteren Beutel Münzen auf den Tisch. “Ihr bekommt noch einen, wenn ihr bis heute Abend fertig seid.”

Dennoch, sie verließen des Schneiders Stübchen nicht mit leeren Händen. Alle beide hatten einen einfachen, zweckdienlichen und ganz wichtig, sauberen Satz Kleider bekommen, die mehr oder minder gut passten, aber das war egal, denn bevor sie nach einem ausgiebigen Bad wieder in ihre dreckstarren Roben hüpften, liefen sie lieber nackt rum. Wenig später fanden sie sich bei einem Schuster ein, bei einem Krämer und letzten Endes in der heiß ersehnten Badestube. “Die Dame links, der Herr rechts.”, befahl einer der Knechte. Offenbar galten in diesem Etablissement eine strikte Geschlechtertrennung, was aber zumindest die leichten Damen des ältesten Gewerbes wenig zu kümmern schien. Dem Reichtum geschuldet, bestand der Dieb auf ein wenig Privatsphäre. so wurde ihm ein Zuber mit heißen Wasser separat eingelassen und ein Bader, wuselte um ihn herum, um ihn zu bedienen. Tatsächlich, Caradan wurde bedient. Nicht wie in einer Schenke, wo er einer von Dutzenden war, nein, der Mann war exklusiv für den Arcanier zur Stelle. Er sorgte dafür, dass das Wasser stets eine angenehme Temperatur hatte, dass Caradan genug Seife parat hatte, holte ihm sogar einen Becher Wein und fragte mehrmals, ob es ihn nach weiblicher Gesellschaft verlangte. Doch Caradan war rundum zufrieden. Nachdem er sauber war, winkte er den Bader zu sich. “Schau dir meine Hände an.”, verlangte er und reichte ihm seine verletzten Hände. Der Mann stieß einen missbilligenden Ton aus, als er die geröteten Stellen saß, an denen sich der Dieb vor einer gefühlten Ewigkeit verbrannt hatte. Die Wunden waren verheilt, hatte kaum bis keine Spuren hinterlassen, aber die junge Haut war stets gereizt und juckte. “Was haste denn da gemacht?”, fragte er dann, als er Caradans andere Hand begutachtete. “Hab mich an einer Scherbe geschnitten.” Der Mann hob eine Braue, ungläubig, wissend. “Und wie oft?” Caradan antwortete nicht. Er wollte sich nicht rechtfertigen, hatte es weder nötig noch war dazu verpflichtet. “Ich tu was ich kann.”, versprach der Bader und ging ans Werk.
Es drehte dem Dieb mehrfach den Magen um, als der Mann kleinere Hautfetzen abschnitt. Alles was entzündet sein könnte, kam weg und wurde sofort mit einer Tinktur behandelt, die brannte wie Feuer. Er trug Salben auf und verband die Hand aufs neue, gab Caradan ein kleines Fläschen der Tinktur mit und wies ihn an, einmal am Tag den Verband zu wechseln und die Wunde zu waschen und mit dem flüssigen Feuer aus der Flasche zu behandeln. “Sonst noch einen Wunsch, Herr?” Herr… Caradan fühlte sich so vornehm und fand es war an der Zeit, das er sich dementsprechend optisch anpasste. “Allerdings…”, hob er an und deutete auf seine Haare. “Da. Kriegst du das hin?” Der Bader packte ihn am Schopf und begutachtete des Diebes Werk. “Haste selbst gemacht?” Caradan nickte. “Krieg ich hin.” Und tatsächlich mit dem richtigen Werkzeug schaffte der Mann es, Caradan von einem zerzausten Vagabunden zu einem blassen Abbild eines Ehrenmannes zu verwandeln. Wie ein Schaf hatte er ihn geschoren, nicht zu viel, immerhin war Caradan kein Leibeigener oder sonst was. Auch den Bart hatte er gestutzt und als er dem Dieb eine polierte Bronzeplatte reichte, damit dieser sich begutachten konnte, fand Caradan das Resultat ganz annehmbar. Er war verändert, kein Zweifel, aber er war noch er… hoffte er zumindest.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Fr, 28. Sep 2018 16:09

Aen erwachte von einem Sonnenstrahl, der ihr mitten ins Gesicht schien. Er blendete sie sogar durch die geschlossenen Augenlider, sodass die Arcanierin murrend ihren Kopf weg drehte. Doch die Wolldecke hatte sich an dieser Stelle verflüchtigt, und so kratzte ihr das Heu im Gesicht, was beinahe noch schlimmer war als der Sonnenstrahl. Im Hintergrund erklangen die geschäftigen Geräusche vom arbeitssamen Volk. Das Hämmern des Schmiedes, der Eisen auf dem Amboss bearbeitete, das Schwatzen und Lachen von Mägden, das Rattern von Wagenrädern und das eindringliche Schnattern einer ganzen Gänseschar. Sie öffnete die Augen und blickte sich um. Von Caradan keine Spur. Wahrscheinlich saß er draußen oder in der Wirtsstube und wartete bereits mit trommelnden Fingern auf sie. Sie hatte am gestrigen Abend nur ein Bier getrunken und so blieben die Kopfschmerzen von zu viel Alkoholgenuss aus. Auch kein flaues Magengefühl war merkbar. Aen empfand diesen Umstand als sehr angenehm, direkt könnte sie sich daran gewöhnen. Doch ihre Haut juckte. Von dem verfluchten Heu. Sie kratzte sich durch den Stoff die Innenseite ihres Unterarmes, doch das war ein fataler Fehler, denn jetzt juckte es nur noch schlimmer und unerträglicher. Als das Kratzen keine Linderung verschaffte, schob sie den Stoff ihres Ärmels hoch und dann sah sie zwischen den roten Kratzspuren feine Ansammlungen roter Punkte. “Verdammt…” murrte sie. Das waren eindeutig keine Spuren von pieksendem Heu, nein, das war Ungeziefer. Ob nun Flohstiche oder Wanzenbisse war nicht zu eruieren. Aber es juckte verdammt widerlich. Sie seufzte und erhob sich von ihrem Heulager, rutschte über das Heu und kam auf dem festgestampften Lehmboden schließlich zum stehen. Erst einmal ein Frühstück, dann sah die Welt gleich anders aus. Sie trat aus der Scheune ins Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen, bis sie sich an das Tageslicht gewöhnt hatte und betrat schließlich die Schenke. Der Wirt begrüßte sie auf ihre Bitte nach einem Frühstück mit dem Hinweis, dass sie das Frühstück längst verschlafen hatte und im Kessel bereits Eintopf schmurgelte. Auch auf ihre Frage, wo ihr Begleiter sei, fand er keine Antwort, er hätte ihn heute noch nicht gesehen. Aen nickte und verließ die Schenke wieder. Sie suchte in der unmittelbaren Umgebung nach ihm, doch keine Spur von ihm. Ein ärgerliches und ein ungutes Gefühl stellte sich bei ihr ein und sie suchte in ihren Erinnerungen einen Hinweis. Hatte er gestern Nacht irgendetwas gesagt, dass er etwas zu erledigen hatte? Hatten sie gestritten und er war gegangen? In Aens Erinnerung gab es auf beide Fragen nur eine Antwort. Nein. Er hatte ihr gestern sogar noch gesagt, dass sie zusammen gehörten. Wieso sollte er dann gehen? Oder er hatte es sich anders überlegt? Unüberlegt Dinge ausgesprochen, die er heute anders sah und bereut, sie gesagt zu haben? Während sie so dastand und nachdachte, fiel ihr Blick auf einen großen Wassertrog, der neben dem Scheunentor stand. Eine gute Gelegenheit, richtig wach zu werden. Sie trottete zu dem Holzgefäß und tauchte die Hände in das Wasser. Es war kalt, richtig kalt. Es hatte die Kälte der Herbstnacht eingefangen und würde diese nun nicht mehr loswerden wollen. Aen schüttete sich mit den Händen beherzt eine ganze Menge Wasser ins Gesicht, und strich sich das überschüssige Nass aus dem Gesicht über ihr Haar. Und wenn er bei einer anderen Frau lag? Jetzt, in diesem Moment? Der Gedanke drängte sich unwillkürlich auf und fiel in den Gedanken der Arcanierin auf fruchtbaren Boden. Sie konnte nicht sagen, ob er die ganze Nacht bei ihr geblieben war, oder ob er gegangen war. Vielleicht konnte er nicht schlafen, war wieder in die Schenke gegangen, hatte dort eine Frau kennengelernt, wie die Blonde in Shuridron… Aen schluckte und ein grässliches Gefühl wie in Shuridron keimte in ihr auf. Es war schrecklich, dieser ganze Vorfall war einfach schrecklich. Er hatte wie ein tosender Sturm mit einem Schlag jegliches Vertrauen weggefegt und nur Unsicherheit und Eifersucht zurückgelassen. Und das war keine gute Basis, wofür auch immer.

Da erblickte sie den Dieb, der eben über den kleinen Vorhof der Schenke getrottet kam. Sie musterte ihn und fand, er sah furchtbar aus. Dunkle Augenringe, die meistens von zu viel Alkohol kamen, oder von diesem komischen Zeugs, das er probiert hatte, welches ihn schier hatte ausflippen lassen, oder von zu wenig Schlaf, weil… Aen schluckte erneut und versuchte, das widerliche Gefühl, das ihre Gedanken beherrschte, zu vertreiben, versuchte, sein Lächeln zu erwidern, aber es gelang ihr nicht. “Ich bin verkatert” gab er missgelaunt Antwort, die keine Antwort auf ihre Frage war. Aen nickte und wischte sich ihre nassen Hände an ihren Röcken ab. “Du hast aber nur ein Bier getrunken” stellte sie fest und blickte ihn fragend an. “Das Bier war wohl schlecht” meinte er. Sie sparte sich eine Antwort, denn sie hatte dasselbe Bier getrunken und es war definitiv nicht schlecht gewesen. Sie hob die Augenbrauen und zuckte die Schultern. Er war nicht gut gelaunt und da hatte es keinen Sinn ihn mit Fragen zu löchern oder gar einen Streit zu beginnen. Vom Streit hatte sie gehörig die Schnauze voll. Er wechselte das Thema und sagte “Ich hoffe du weißt noch, was du gestern Abend gesagt hast” und Aen fühlte sich ertappt, denn sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was er meinte, und was sie wohl gesagt hatte. Aber sie kam nicht dahinter und so fragte sie ihn “Was meinst du?” “Was du willst, was wir brauchen und das alles.” Aen nickte verstehend “Ach so das… Ja, das weiß ich noch. Na dann, lass uns gleich aufbrechen. Ab zum Schneider, das dauert am längsten, und danach können wir alles andere besorgen.”

Nachdem sie ihre Pferde geholt, etwas zum Essen besorgt und sich nach den besten Schneidern und Einkaufsgelegenheiten erkundigt hatten, führten sie die Pferde gemächlich trottend zu ihrem Ziel in einem der vielen Dorfzentren dieser seltsamen Dorfstadt. Da, wo der überzeugendste Marktschreier seine Waren anpries, blieben sie stehen, banden die Pferde an einem Holzpflock an, wo aen dem Marktschreier sogleich befahl, auf die Pferde zu achten, während sie den Schneider aufsuchen würden. “Ah, Kundschaft” rief der Schneider, als sie beiden in seinem Laden auf ihn zutraten. Ein hagerer Mann, mit Hakennase, Glatze und schwarzen Ziegenbart, sowie Hände mit langen, schlanken Fingern. Er musterte die beiden, und man musste nicht aussprechen, was er dachte, als er die Arcanier in ihren abgetragenen Gewändern erblickte. Ein Schneider ah eben zuallererst auf die Kleidung von Leuten, so wie ein Schuhmacher zuallererst auf die Schuhe blickte, oder ein Barbier auf den Zustand von Haar oder Bart. Und nicht zuletzt galt die Devise ‘Kleider machen Leute’, und die Kleider die Aen und Caradan trugen, machten eben nicht einen guten Eindruck. Aber deswegen waren sie ja hier. “Was kann ich für die Herrschaften tun?” erkundigte sich der Schneider, der seine Aufmerksamkeit wieder auf eine Stickerei gerichtet hatte, die er in Händen hielt. Der dumpfe klirrende Schlag eines Geldbeutels der auf dem Tisch des Schneiders erklang, sicherte ihnen schlagartig seine absolute Aufmerksamkeit und Aen grinste. “Wir brauchen neue Kleider” erklärte Caradan und der Schneider legte seine Stickarbeit beiseite und erhob sich. “Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ja, das braucht ihr dringend” antwortete er mit einem süffisanten Grinsen. Zuerst widmete er sich, ganz wie es die Höflichkeit gebot, Aen, zeigte ihr sämtliche Stoffe, erklärte ihr alles über Farben, Schnitte, Stoffbeschaffenheit, welche Stoffe sich gut und welche Stoffe sich weniger gut eigneten, gab Ratschläge, doch die Arcanierin war recht anspruchsvoll und so dauerte es eine ganze Weile bis sie sich entschieden hatte. Dann war Caradan an der Reihe. Bei ihm ging alles recht schnell. Er wusste, was er wollte, wie es auszusehen und zu sitzen hatte. Der Schneider nahm bei beiden Maß, notierte sich alles an Maßen, Zahlen und Sonderwünschen und blickte dann schließlich auf. “Nächste Woche könnt ihr alles abholen.” Die Arcanierin erstarrte. “Nächste Woche? Nein! Wir brechen bereits heute Abend auf. Unser Weg führt uns nach Osten. Wir haben keine Zeit, hier noch eine Woche zu verweilen!” Der Schneider war bestürzt. Wohl, weil er ein gutes Geschäft entgleiten sah. “Gute Frau! Ich bedauere Euch mitteilen zu müssen, dass ihr keine Ahnung habt! Es dauert einen halben Tag, die Schnitte auf die Stoffe zu übertragen, und auszuschneiden! Es ist unmöglich, vier Gewändern, davon zwei anspruchsvolle Kleider die ihr ausgewählt habt, bis zum Abend fertig zu stellen!” Die Arcanierin zuckte unbeeindruckt mit den Schultern und griff nach dem Geldbeutel den Caradan auf den Tisch geworfen hatte. “Das ist nicht mein Problem. Wir sind in Eile. Dann müssen wir uns wohl anderswo umsehen.” Er raufte sich die Haare wo gar keine mehr waren und rang die Hände. “Ich versichere Euch, ihr werdet keinen Schneider finden, der das bewerkstelligen kann! Selbst wenn meine Frau und meine Tochter mit Hand anlegen, schaffen wir das nicht bis heute Abend! Ich bitte euch um Geduld und Vernunft!” Aen verschränkte die Arme und begann genervt mit dem Fuß auf den Boden zu tappen, so wie sie das immer tat, wenn sie kurz vor einem Zornesausbruch war. “Mir gefällt Euer Tonfall ebensowenig wie die Wahl eurer Worte…” gab sie leise und bestimmt zurück. “Ich bedaure dies! Liebe Frau, seid mir nicht böse, aber es ist unmöglich zu schaffen! Vielleicht wollt ihr auf andere, bereits fertige Kleider zurückgreifen, die ich euch bereits gezeigt habe…” Doch davon wollte die Arcanierin nichts wissen. “Wir reisen heute ab, guter Mann, in euren Kleidern, oder eben nicht…” erklärte sie bestimmt. Daran gab es nichts zu rütteln. Der Schneider wischte sich den Schweiß von der Stirn und Aen warf Caradan einen fragenden Blick zu. “Und nun?” fragte sie ihn knapp, als wäre es dem bloßen Unwillen des Schneiders geschuldet. Caradans Antwort war ein weiterer schwerer Beutel mit Münzen der auf dem Tisch des Schneiders landete. “Ihr bekommt noch einen, wenn ihr bis heute Abend fertig seid” sagte er und der zweite Geldbeutel, den Aen an sich genommen hatte, landete gönnerhaft daneben. “Aber… ihr versteht nicht! Es geht mir nicht ums Geld! Es geht um die Zeit! Das ist unmöglich zu schaffen!” protestierte der Schneider. “Ich brauche Zeit! Zeit! Würdet ihr morgen Abend abreisen, wäre es vielleicht zu schaffen. Aber in sechs bis acht Stunden, unmöglich! Selbst wenn König Bradelus höchstselbst hier stünde und dies forderte, wäre es nicht zu bewerkstelligen. So versteht doch!” Er klang recht verzweifelt. Aen lehnte sich mit dem Hintern gegen seinen Tisch, und dachte für einen Moment nach. Eigentlich war es ziemlich blöde, am Abend abzureisen. Eigentlich war es recht klug, morgens abzureisen. Immerhin lag zwischen Cadron und dem nächsten Kaff sicherlich ein beträchtlicher Abstand. Und darüber hinaus war des Morgens mit der Arcanierin ohnehin nichts anzufangen. Sie stand nur im Notfall vor Mittag auf. Diese Zeit konnte der Schneider ja gut nutzen. Nach einer Weile des Schweigens, und dem hin und her schweifen ihrer Blicke zwischen dem aufgelösten Schneider und einem ruhigen, besonnenen Caradan, der hinter dieser Maske bestimmt völlig genervt und verständnislos war, sagte die Arcanierin.”Also gut. Verzeiht mir meine Ungeduld. Ich möchte keine Schwierigkeiten bereiten. Wir reisen übermorgen Mittags ab. Kommt euch das entgegen?” Der Schneider überlegte einen Moment, dann nickte er “Ich denke es ist machbar. Ich danke euch für euer Verständnis.” Aen nickte. “In Ordnung. Dann sehen wir uns übermorgen. Aber wir werden jetzt doch auf fertige Kleidung zurückgreifen müssen, wir wollen ins Badehaus und haben keine Lust danach wieder in die alten Fetzen zu schlüpfen.” Entgegen ihrer Überzeugung, dass Blau nicht ihre Farbe war, griff sie schließlich auf ein mit Färberwaid gefärbtes blaues Kleid zurück, da es nichts anderes gab, was ihr passte.

“Die Dame links, der Herr rechts” war die knappe Antwort des Badeknechts, der Aen mit einer entschiedenen Handbewegung aufhielt, als sie Caradan folgen wollte. Aen verzog schmollig den Mund, sie hatte eigentlich ihre Pläne mit Caradan, sie akzeptierte aber schließlich die strenge Badeordnung. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich eine kaum bekleidete Dame durch die rechte Türe schob. “Und was ist mit ihr?” fragte Aen den Knecht mit hochgezogener Augenbraue. “Die gehört zum Geschäft…” grinste er dreckig. “Wenn es euch nach Damengesellschaft verlangt, kann ich euch gerne eine nach eurem Geschmack schicken” grinste er noch breiter. “Nein danke…” war die beleidigte Antwort der Arcanierin und dann verschwand sie rechts und schlug die Türe hinter sich zu. Ihr war nun nicht mehr nach Gesellschaft zumute, so sah sie zu, dass sie einen Badezuber nur für sich alleine bekam. Und den bekam sie, denn Geld spielte derzeit keine Rolle. Dazu eine kräftige rundliche Magd, die ihr das Haar wusch, den Rücken einseifte und schrubbte, sich um Hände und Füße kümmerte, die Augenbrauen zupfte und ihr auch ansonsten jeden Wunsch von den Augen ablas. Zuletzt lag die Arcanierin, umgeben von wohliger Wärme eines Kohlebeckens, auf einem langen Tisch und ließ sich von Ada, so hieß die beleibte Wohltäterin, den Rücken kneten. Sie war sogar eine passable Ratgeberin, denn wie es so war, wenn Frauen unter sich waren, hatte es nicht lange gedauert, bis Aen Ada ihre ordentlich geschönte Lebensgeschichte erzählt hatte, und sich über mangelndes Vertrauen ihrem Gefährten gegenüber beschwerte. “Er hat sie einfach gefickt, Ada. So ein Weib mit langen blonden Haaren und dicken Brüsten. Ich schwöre dir, die waren groß wie Kuheuter. Sie lag auf dem Bauch und trotzdem quollen die Dinger links und rechts hervor. Wenn es das ist, was er will, dann hab ich denkbar schlechte Karten, auf Dauer gesehen. Meine sind ja nicht einmal die Hälfte derer…” beklagte sie sich. Die Magd schien ihre Empörung in die Kraft ihrer Knetbewegungen zu legen und schnalzte mit der Zunge. “So ein Drecksack… Du hast wundervolle Brüste. Und einen schönen jungen Körper…” “Aber sie auch auch, und viele andere ebenso…” murrte sie. “Und besteht die Möglichkeit, dass sie sich noch einmal begegnen?” Aen musste innerlich lachen. “Nein…” sagte sie schließlich. “Das halte ich für völlig ausgeschlossen. Dazu sind wir viel zu weit weg…” “Gut, gut…” entgegnete Ada grimmig. “Was willst du denn mit so einem? Es gibt genug andere Männer. In den Dörfern hierzulande wimmelt es vor willigen Burschen. Und längst nicht so viele hübsche Mädchen. Ja, einige gibt es, aber es gibt deutlich mehr alleinstehende Burschen und Männer. Wenn so eine wie du käme, die würden dir die Welt zu Füßen legen. Und treu wie Hunde wären sie.” Ihre Bauernwelt vielleicht. Das reichte der Arcanierin nicht aus, aber sie hütete sich, das so unverblümt zu sagen, und sie wollte Ada, die in einem solchen Bauernstädtchen lebte, mit einer solchen Wortwahl nicht vor den Kopf stoßen. “Nun ja… man kann es sich nicht aussuchen, wen das Herz erwählt. Außerdem waren wir da ja noch kein Paar.” “Na und? Nur weil man nicht zusammen ist, bedeutete das ja nicht, dass man sich durch die Welt bumst. Hier geht es um Respekt! Den solltest du mal spüren lassen, dass er sich gefälligst zu beweisen hat, und das er deiner würdig ist.” Aen gab ein zustimmendes brummen von sich. “Er hat sich schon bewährt. Eigentlich schon seit unserem ersten Zusammentreffen.” Ada stieß einen missbilligenden Laut aus. “Ich weiß nicht so Recht. Von dem her, was du mir erzählt hast, kann ich ihn schon nicht leiden.” Aen gluckste vergnügt “Das macht nichts… Ich kann ihn gut leiden. Ich glaube, ich bin bis über beide Ohren in ihn verliebt.” “Und das weiß er?” Aen zuckte die Schultern. “Ich weiß es nicht. Ich habe es ihm noch nicht direkt gesagt. Nicht so wirklich. So etwas fällt auch nicht gerade leicht.” “Und er?” hakte Ada nach, während sie Aen mit flachen Händen die Schultern ausstrich. Aen schwieg. “Nein?” Erneut schnalzte sie missbilligend und sie schüttelte den Kopf. “Herrje…Ihr seid mir zwei... So, ich bin fertig. Du kannst noch ein wenig liegen bleiben und dich danach anziehen.” Das tat die Arcanierin auch. Und während sie so dalag, dachte sie nach. Über ihr bisheriges Leben. Unweigerlich über die Zeit mit Thero, und Silvar und natürlich auch Caradan. Es ließ sich gar nicht vermeiden, die drei stets miteinander zu vergleichen, auch wenn dies natürlich schwierig war. Einfach war es mit keinem der dreien gewesen, und sie wagte es nicht, sich zu entscheiden, wer ihr der Liebste gewesen war. Jeder der drei hatte seine bestimmten Vorzüge gehabt, aber auch seine Nachteile. Thero war ihr erster Mann überhaupt gewesen. Mit ihm hatte sie schöne wie auch bittere Zeiten überstanden. Er war groß und stark gewesen, hatte sie stets beschützt und alle ihre Probleme gelöst die sie selbst verursacht hatte. Doch er hatte sie geschlagen und gewürgt, als sie eines Tages zu weit gegangen war, und manchmal hatte sie ihn und seine Wut gefürchtet. Silvar war da bedeutend einfacher gewesen. Er hatte ihr alles duldsam durchgehen lassen. Aber ihre gemeinsame Zeit war vorbei. Alles was sie noch an ihn erinnerte, war das Feuerrohr. Auch Caradan war ein duldsamer Mensch, er ließ ihr ebenfalls beinahe alles durchgehen, hatte aber nicht davor zurückgeschreckt, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, womit die Arcanierin immer noch ein Problem hatte. Und sie kannte ihn noch nicht lange genug, um ihn wirklich gut zu kennen. Wie man es auch drehte und wendete, Thero und Silvar waren die Vergangenheit. Caradan konnte die Zukunft sein.

Plötzlich war es vorbei mit der wohltuenden Ruhe. Sehnsucht überkam sie und so rollte sie sich von dem Tisch herunter, zog sich das blaue Kleid und die neuen Schuhe, die sie zuvor bei dem Schuhmacher erstanden hatten, und sauber, wohlriechend und geschniegelt und gestriegelt verließ sie schließlich das Badehaus, wo Caradan, lässig an der gegenüberliegenden Häuserwand lehnte und auf sie zu warten schien. Er sah völlig verändert aus, was in erster Linie an seinen neuen Gewändern lag, aber auch der Rest von ihm sah anders aus. Das Haar links und rechts war raspelkurz rasiert, und nur am Oberkopf war noch welches vorhanden, welches gerade einmal noch so lang war, dass es zu einem kurzen Zopf zusammengebunden war. Sie lächelte, als sie an ihn herantrat. “Na sieh mal einer an… Du siehst gut aus” sagte sie leise und grinste ihn an. Die Nachmittagssonne schien hell und warm, doch sie wärmte nicht mehr so stark wie noch im Sommer. “Nun” begann sie, während sie sich bei ihm unter hakte, und sie langsam die Straße entlang schlenderten “Was machen wir jetzt noch zwei Nächte und einen Tag lang in Cadron? Wir haben alles besorgt, was ich wollte und was wir brauchen, und jetzt sitzen wir hier nur noch die Zeit ab, bis der Schneider unsere Gewänder fertig hat, die übrigens ein Vermögen kosten… Aber was kann man hier schon machen? Auf den Markt gehen, ins Badehaus gehen, sich in eine Schenke setzen. Haben wir alles schon gemacht. Vielleicht sollten wir uns wieder einmal eine Bleibe suchen. Aber nicht so eine dreckige wie die letzte. Ich glaube, mich haben Flöhe oder Wanzen gebissen.” Als sie dies aussprach, begann ihr Arm unwillkürlich wieder zu jucken. “Es ist so schönes Wetter, wer weiß, wie lange es noch anhält. Wir könnten uns eine der Weinflaschen nehmen und uns irgendwo ins Grüne setzen…” schlug die Arcanierin vor und deutete auf die nahe Obststreuwiese.

Da sie ohnehin nichts besseres vorhatten, führten sie die Pferde schließlich wieder in ihre angestammte Herberge, Aen holte eine der erbeuteten Weinflaschen von dem toten Händler hervor und dann spazierten sie zu der besagten Wiese, ließen sich unter einem Baum nieder und genossen die warme Herbstsonne. Caradan lehnte an einem knorrigen alten Apfelbaum und Aen lag in der Wiese und hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gebettet. Die Apfelernte stand kurz bevor und sorgenvoll betrachtete die Arcanierin die schwer beladenen Äste des Baumes, bevor sie die Auge schloss. Sie widerstand dem Drang, sich eine Starrkrautpfeife anzuzünden, denn wann immer sie dies tat, gab es Probleme, kleine oder große. Daher unterließ sie es, und widmete sich lieber dem vollmundigen Rotweins. Was tat schon eine halbe Flasche? Es brauchte schon weitaus mehr als diese Menge. “Ich musste im Badehaus nachdenken…” begann die Arcanierin nach einer Weile. “Es war vor drei Jahren, in den wilden Landen der Nacht der Wintersonnenwende. Thero und ich waren auf der Feier des Clans und dort hatte ich mehr als genug getrunken. Zuerst hatte ich mit seiner Mutter gestritten, wegen einer Nichtigkeit, und danach gingen Thero und ich in sein Haus. Wir waren beide ziemlich betrunken und wollten uns lieben. Aber er bekam keinen hoch und deswegen bin ich aus dem Haus gelaufen. Wie es der Zufall will, zum Wachhaus, wo sein bester Freund Wachdienst hatte. Es kam, wie es kommen musste, wir haben miteinander geschlafen. Ich will nicht sagen, dass der Alkohol Schuld daran war, denn man tut betrunken nichts, was man nicht auch im nüchternen Zustand tun würde. Und ich wollte es damals. Caldric war jünger als Thero, er war sanfter, nicht so ein aufbrausender Hüne wie Thero. Ich wusste, dass Caldric sich nach mir verzehrte und so habe ich die Situation ausgenutzt, könnte man so sagen. Direkt danach hab ich es bereut und ich bin sofort zu Thero gelaufen und habe es ihm gebeichtet. Er wurde rasend wütend, er hat mich geschlagen, gewürgt und mich als Hure beschimpft. Danach ist der Clan in einer Katastrophe versunken. Thero hat sich in seine Werwolfsgestalt verwandelt, hat Caldric getötet und sein Herz gefressen. Er hat in dieser Nacht noch mehrere andere getötet, alles Freunde und Stammesbrüder, jeden, der sich ihm in den Weg gestellt hatte. Es hat gedauert, aber er hat mir verziehen und wir sind nach Shuridron gegangen, weil ich wieder nach Arcanis wollte. in Shuridron haben wir eine Zeit lang gelebt. Eines Tages stellte ich fest, ich bin schwanger, und dann haben die Probleme erst angefangen, denn plötzlich stand zwischen uns, wessen Kind es eigentlich sei. Wir wussten beide, dass dieses Kind ewig zwischen uns stehen würde, weil man nicht sagen würde können, wer der Vater sei. Wir haben beide mit dem Gedanken gespielt, dass wir uns trennen und jeder seiner Wege geht. Doch dann, in der dir bekannten Schenke hat das Schicksal dann eingegriffen. Die Arcanier haben uns aufgestöbert und Thero getötet. So glaubte ich jedenfalls damals. Nach über einem Jahr sind wir einander wieder begegnet und stellten fest, dass wir einander nicht mehr sein können, was wir einmal waren und unsere Wege haben sich wieder getrennt.” Sie schwieg eine Weile, lauschte den Vögeln und dann hob sie wieder an “Warum ich dir das erzähle?” fragte sie ihn rhetorisch, dann sprach sie sogleich weiter “Ich will es dir erklären. Ich musste erst dich kennenlernen, um zu begreifen, was ich ihm damals angetan habe. Als du mit dieser Blondine gebumst hast, habe ich am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt. Es ist fürchterlich. Ich weiß, dass wir kein Paar waren, und dass ich das immer betont habe. Aber irgendwie fühlte ich mich dir dennoch so ähnlich verbunden, ich dachte, wir reisen miteinander, wir teilen große Geheimnisse miteinander, wir vertrauen einander, und nicht zuletzt, wir teilen miteinander das Bett. Vielleicht wollte ich auch die Annehmlichkeiten einer Beziehung ohne die Nachteile einer Beziehung, ich weiß es nicht. Und wenn du bis mittags herum spazierst, kommt dieses hässliche Gefühl wieder hoch. Heute als ich erwachte, und du nicht da warst, da fürchtete ich, du liegst in den Armen irgendeiner Schlampe. Ich ertrage das nicht, ich bin furchtbar eifersüchtig, und ich würde sie alle umbringen... das gebe ich zu. Aber ich muss dir das alles sagen, ich will offen und ehrlich zu dir sein. Du sollst wissen, was in mir vorgeht, was mich bewegt, und was dich erwartet."
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 29. Sep 2018 19:48

Kleider machen Leute. Und wenn Kleider allein schon dazu in der Lage waren, was war dann erst wenn sie noch Unterstützung durch ein Bad, einen ordentlichen Haarschnitt und eine Rasur bekamen? Wenn ihnen neue Schuhe, ein voller Magen und unzählige Münzen den Rücken stärkten? In diesem Falle entfalteten sie ihr wahres Potential, dann machten sie nämlich einen völlig neuen Menschen aus einem. So wurde aus einem abgehalfterten Dieb ein feiner Herr, aus einem Landstreicher auf gestohlenem Klepper ein passabler Edelmann auf edlem Ross. Kurzum, Caradan fühlte sich rein körperlich so wohl wie vermutlich noch nie zuvor in seinem Leben, aber seelisch begann eine aufkeimende Unzufriedenheit an ihm zu nagen. Nichts gegen saubere Kleider, aber so ein feiner Pinkel, dass war doch nicht er. Das passte gar nicht zu ihm. Es sei denn natürlich, er führte etwas im Schilde. Aber das tat er nicht. Zumindest noch nicht. Noch war er einfach nur sauber, weil es einmal bitter, also sehr bitter nötig gewesen war. Nach der Nacht im Heuschober war er heilfroh sich das Gezücht von der Haut und aus den Haaren gewaschen zu haben. Nachdem der Bader sein Werk vollbracht hatte, ließ er den Dieb allein und Caradan, der schon viel zu lange im Zuber hockte, ja seine Eier mussten bereits verschrumpelten Rosinen gleichen, sprang hinaus und stürzte sich ein ein bereit gelegtes Tuch aus weicher Wolle. Er rubbelte sich trocken, bis er an manchen Stellen rot wurde und schlüpfte dann in des Diebes neue Kleider. Ein Hemd aus Halbseide, dass ihm etwas zu groß dafür recht luftig war und eine knöchellange Hose. Sie bestand aus robuster Wolle, die überraschend weich auf seiner Haut lag und von rostroter Farbe war. Dazu halbhohe Stiefel aus dunklem Leder, die mit jeweils zwei Schnallen ein wenig fester gezurrt werden konnten. Alles in allem, ein nicht zu verachtender Garderobenwechsel. Bezahlt hatte Caradan schon, doch aus einer großzügigen Laune heraus, ließ er dem Finder dieses Schatzes noch eine der wertvolleren Münzen in seinem Beutel da. Hoffentlich war es der Bader oder eine der Huren. Huren musste man als waschechter Hurensohn unterstützen, selbst wenn man ihre Dienste nicht in Anspruch nahm.
Der Knecht am Eingang des Badehauses nickte Caradan zu, als der Dieb gemächlich zum Ausgang Schlurfte, wobei er versuchte einen Blick auf die Seite der Damen zu erhaschen, um zu sehen ob Aen vielleicht schon auf dem Weg war. “Eure Begleiterin ist noch bei Ada.”, eröffnete der Knecht und Caradan runzelte die Stirn. “Wem?” Der Knecht lachte heiser auf. “‘N vierschrötiges Weibsbild. Willste nie nackt sehen.” Der Arcanier starrte den Mann mit verständnisloser Miene an, nickte aber zustimmend. “Ja… danke, für den Hinweis.” So wie der Kerl aussah hatte er diese Ada wohl schon mehrmals und gar nicht mal so unabsichtlich nackt gesehen. Und den Flecken auf der Hose zur Folge, spannte er auch mal bei der weiblichen Kundschaft des Badehauses. Es dauerte gar nicht mehr allzu lange, da kam auch Aen. Sie trug das blaue Kleid und auch wenn er sich schon so lange an ihren Anblick in Rot gewöhnt hatte, fand er, dass die Farbe eigentlich gar nicht übel war, wie Aen anfangs gemault hatte. Sie trat an ihn ran, musterte ihn von oben bis unten und sprach dann mit leiser Stimme und frechen Grinsen. “Na sieh mal einer an.... du siehst gut aus.” Der Dieb erwiderte das Grinsen nicht minder frech. “Ich weiß.”, meinte er beiläufig mit einem Schulterzucken. “Aber keine Sorge. Du siehst auch ganz passabel aus, brauchst dich also nicht in meinem Schatten verstecken.”, neckte er sie und gemeinsam schlenderten sie durch die Straßen und Gassen Cadrons. Dieses stinklangweilige Großdorf, hatte aber auch nichts zu bieten, das auch nur irgendwie interessant war und wenn doch, dann hatten die beiden Arcanier es schon gesehen oder nicht gefunden. Scheinbar ging es Aen ganz ähnlich, denn sie meinte ebenso, dass diese Stadt nichts mehr zu bieten hatte, außer einer gehörigen Geduldsprobe, da sie noch zwei Nächte auf ihre sündhaft teuren Kleider warten durften. So brauchte Caradan gar nicht lange zu überlegen, als sie vorschlug sich mit einer Flasche Wein, einer der erbeuteten, teuren, äußerst wohlschmeckenden Flaschen Wein, auf eine nahegelegene Wiese zu begeben und ein wenig zu faulenzen und die letzten Tage in denen sich der Sommer gegen den Herbst wehrte zu genießen.

Caradan nagte an einem süßen Apfel herum, während Aen in seinem Schoß lag. Die Flasche Wein wurde hin und her gereicht, aber leerte sich nicht in dem Tempo wie man es vielleicht bei ihnen beiden erwarten konnte. Obs die Ehrfurcht vor dem Tropfen oder einfach die Ruhe des Augenblicks war, war einerlei. Aen hatte die Augen geschlossen und lauschte Caradans halblauter Debatte mit sich selbst, ob man aus dem Grotzen eines Apfels, also den Kernen und dem ungenießbaren Strunk, wohl noch was anderes als Fischgift herstellen konnte oder ob es findigen, wie skrupellosen Alchemisten gelingen könnte oder bereits gelungen war ein Gift gegen Menschen und Elfen oder Tiere zu entwickeln. Welch teuflische Machenschaften und hinterhältige Gaunerein konnte man mit solch einer Waffe begehen. Man könnte unwissende Leute mit Äpfeln zu machtlosen Opfern machen und müsste sich nicht einmal anstrengen! Er fragte sich wie gefährlich Äpfel wohl sein mochten. Und kurz darauf, ob Äpfel für die Meerjungfrauen aus Thasani, von denen er gehört hatte, wohl giftig wären. Immerhin waren die ja mehr oder weniger Fische und Fische starbe, wenn sie Apfelkeren fraßen. Ganz anders als Menschen wie Caradan einer war. Dem Dieb schlugen diese bitteren, kleinen Kerle nur auf den Magen, weswegen er den kläglichen Überrest des Apfels auch schwungvoll auf die Wiese warf, ehe er sich mit ebenso geschlossenen Augen wieder gegen den Baum lehnte.
Nach einer ganzen Weile des ruhigen Dösens, erhob Aen das Wort. “Ich musste im Badehaus nachdenken…”, begann sie und erzählte danach eine Geschichte über sich und Thero. Thero… schon wieder. Caradan wollte sich nichts anmerken lassen, aber wann immer sie von diesem Wilden erzählte, der nun tatsächlich auch für den Dieb ein realer Werwolf sein durfte, verkrampfte sich sein Magen. Er wollte nichts hören über ihn, wollte er ehrlich nicht! Denn jedesmal geriet sie ins Schwärmen und er fühlte sich unzureichend… ungenügend und nutzlos. Der große starke, wilde und unbesiegbare Thero und im vergleich der schmächtige, schutzbedürftige und großmäulige Hurensohn. Oh ja, da fiel die Wahl ja wohl nicht schwer. Sie hing noch an ihm und das ließ sie ihn spüren, selbst wenn sie es nie ausdrücklich erwähnte. Doch dieses Mal war es anders. Sie schwärmte nicht direkt, sie berichtete eher. Sie berichtete von einem Vorfall, der dem Dieb einen bitteren Geschmack im Mund bescherte. Er konnte Theros Zorn nur allzu gut nachempfinden, aber die Konsequenz daraus, überstieg auch seine Vorstellungskraft. Es drehte ihm den Magen um und er musste einen Würgereiz buchstäblich herunterwürgen, als vor seinem geistigen Auge ein gigantischer Wolf auftauchte, der einem Mann, der komischerweise dem Arcanier verdammt ähnlich sah, den Brustkorb aufbrach wie eine Walnuss und mit blutiger Schnauze einen großen, blutigen Klumpen heraus riss und verschlang. Caradan mochte sich weder vorstellen wie das schmeckte, noch wie sich der Gedanke anfühlen mochte, die halbe Familie auszulöschen. Zwar hatte der Dieb keine Ahnung wie das sich mit so einem Clan verhielt, aber, wenn er sich vorstellte, er würde die hälfte der Frauen abschlachten, die ihn dem Bordell in dem er aufgewachsen war gearbeitet hatten, dann würde er sich wohl von der nächsten Brücke stürzen. Einen schweren Felsen um die Hüfte gebunden. Und das alles nur, wegen Aen…
“Warum ich dir das alles erzähle?”, fragte sie ihn und er wusste weder eine Antwort darauf, noch brauchte er eine parat zu haben, denn sie fuhr fort, ehe er auch nur Luft holen konnte. “Ich will es dir erklären. Ich musste erst dich kennenlernen, um zu begreifen, was ich ihm damals angetan habe. Als du mit dieser Blondine gebumst hast, habe ich am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt. Es ist fürchterlich. Ich weiß, dass wir kein Paar waren, und dass ich das immer betont habe. Aber irgendwie fühlte ich mich dir dennoch so ähnlich verbunden, ich dachte, wir reisen miteinander, wir teilen große Geheimnisse miteinander, wir vertrauen einander, und nicht zuletzt, wir teilen miteinander das Bett. Vielleicht wollte ich auch die Annehmlichkeiten einer Beziehung ohne die Nachteile einer Beziehung, ich weiß es nicht. Und wenn du bis mittags herum spazierst, kommt dieses hässliche Gefühl wieder hoch. Heute als ich erwachte, und du nicht da warst, da fürchtete ich, du liegst in den Armen irgendeiner Schlampe. Ich ertrage das nicht, ich bin furchtbar eifersüchtig, und ich würde sie alle umbringen... das gebe ich zu. Aber ich muss dir das alles sagen, ich will offen und ehrlich zu dir sein. Du sollst wissen, was in mir vorgeht, was mich bewegt, und was dich erwartet.” Der Dieb schwieg. Er konnte keine Antwort darauf finden. Nur Fragen. Was wollte sie ihm damit sagen? War das am Ende eine Drohung? Ging es ihm vielleicht umgekehrt genau so? Er traute sich nicht mal zu hier hinab zu blicken, aus Angst, dass wenn er ihr in die Augen sah etwas sagte, was er später - oder unmittelbar - bereuen würde. Stur und hilflos starrte er in die Ferne und klappte den Mund mehrmals auf, so als wolle er etwas sagen. Schließlich legte er seine Hand auf ihre Wange und strich ihr zärtlich durchs Haar. So musste sie zumindest, dass ihre Worte nicht auf taube Ohren gestoßen waren. Nach einer langen Zeit des Schweigens senkte er den Blick zu ihr herab und lächelte sie warm an. “Danke.”, hauchte er und sein Lächeln wurde zu einem wissenden Grinsen. “Für die Warnung.” Dann zog er sie näher zu sich und küsste sie, drückte sie an sich und hielt sie im Arm. Schweigend, aber zufrieden. Schließlich war es erneut Caradan der sein Schweigen brach. “Ich hab mich verlaufen.”, gestand er mit dem Anflug eines Lachens. “Ich war heute mittag so in Gedanken versunken. Über dich und mich, über uns eben. “ Er seufzte schwer. “Was soll ich dir sagen Aen?” Er schmiegte sich ein wenig mehr an sie und brachte seinen Mund ganz dicht an ihr Ohr. Niemand war da der sie belauschen konnte, aber er wollte, dass sie die einzige war, die es hörte. “Ich will dir nie wieder so wehtun, wie ich es getan habe.”, flüsterte er.

Die beiden Arcanier lagen eine lange Zeit eng umschlungen unter diesem Apfelbaum. Sie hatten die Flasche mittlerweile geleert und genossen es der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Und je näher die Sonne dem Horizont kam, desto mehr Gesellschaft tummelte sich auf dieser Wiese. Anfangs waren es nur drei oder vier Paare die sich, ähnlich wie Aen und Caradan bloß ins Gras legten und das Wetter genossen. Ein Pärchen beobachtete er dabei, wie sich heimlich ins Gebüsch stahlen. Sie liebten sich gerade so laut, dass sie die idyllische Ruhe nicht störten, aber man hörte eindeutig, wie sie ihren Höhepunkt erreichte oder es zumindest ihm glaubhaft vorspielte. Doch nach und nach strömten immer mehr Menschen auf diese Wiese. Kaum einer von ihnen schien älter als Caradan zu sein. Schon bald erklang Gelächter und Musik. Flöten wurden geblasen, Lauten gezupft und sogar ein oder zwei Trommeln gerührt. Eine junge Frau sang ein Duett mit ihrem Gefährten über einen Bauersmann, der versuchte eine junge Fürstentochter zu freien. Und kaum dass die Sonne hinter den Hügeln von Cadron verschwunden war, loderte ein mannshohes Feuer auf. Unwillkürlich fragte sich Caradan, ob sie einen Baum in Brand gesetzt hatten, aber es war bloß ein riesiges Feuer. Gebannt beobachteten die Arcanier das tolle Treiben feiernden Menge, als sich plötzlich zwei Gestalten aus ihr lösten und auf sie zugerannt kamen. Ein Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn und ein nicht viel älterer Junge kamen zu ihnen und strahlten sie an. “Was macht ihr hier?”, fragte das Mädchen. “Wir haben euch hier noch nie gesehen.”, fügte der Junge hinzu. “Sind auf der Durchreise.”, erwiderte Caradan knapp. Das Mädchen strahlte sie an. “Kommt!”, forderte sie auf. “Wir feiern ein Dankesfest, im Namen unserer Herrin Ondara…” “...und im Namen unseres Herrn Hernys”, schloss der Bursche und hob eine Weinflasche in die Höh. “Wir danken für eine gute Ernte…”, erklärte sie. “... und beten für einen kurzen Winter…”, fuhr er fort. “...und einen blühenden Frühling.”, endete nun wieder sie. Es war erstaunlich und befremdlich, wie die beiden ihre Sätze beendeten. “Kommt!”, forderte das Mädchen erneut und ohne auf eine Antwort zu warten, ergriff sie Aens Hände, zog sie auf die Beine und gab ihr einen Kuss. Aber nicht etwa auf die Wange, nein, auf die Lippen und der Kuss war nicht gerade flüchtig. Als sie sich voneinander lösten, krönte das Mädchen Aen mit einem Blumenkranz, den sie eben noch selbst auf dem Haupt getragen hatte. Caradan ließ sich von dem Burschen aufhelfen und als dieser Anstalten machte für… was auch immer, legte der Dieb ihm eine Hand auf die Brust und drückte ihn bestimmt von sich. “Wag dich!”
Die beiden Neuankömmlinge wurden im Kreise der Feiernden herzlich willkommen geheißen. Auf einem Feuer, das wegen der Pracht seines gigantischen Verwandten, kaum zu sehen war von weitem, briet ein Hammel, es gab Obst und Gemüse in Massen, frisches Brot und andere Leckereien. Und Wein. Der Wein floss in Strömen. Caradan kannte den Weingott Hernys nur als den Schutzpatron der Diebe und fühlte sich auf Anhieb wohl. “Den musst du kosten!”, rief ein junger Mann und drückte dem Dieb einen Becher in die Hand. Der Wein darin schmeckte überraschend Süß, nach Honig und Holunder. “Scheiß auf Nemâcan.”, lachte er. “Den besten Wein gibt’s da, wo es den besten Honig gibt. Bei uns!” Jene die seine Worte verstanden hatten, jubelten ihm zu und Caradan musste ihm zustimmen. Dieser Honigwein hatte was. Er ließ sich mit Aen im Gras nieder. Manche saßes auf Baumstümpfen oder einem langen Stamm der als Sitzbank diente, aber die meisten hatten es sich im Gras und auf dem kühler werdenden Boden bequem gemacht. Die Gespräche drehten sich um alle möglichen Themen und nach dem Genuss einiger weiterer Becher Honigweins, brachte Caradan nochmal die Frage nach den Meerjungfrauen und Äpfel zur Sprache. Einige hatten von diesen sagenumwobenen Gestalten gehört und beteiligten sich rege an der Diskussion. Es konnte zwar kein gemeinsamer Konsens gefunden werden, aber es machte einen unverschämten Spaß über so ein dämliches Thema zu streiten. Die Lieder wurden mit fortschreitendem Weingenuss immer zotiger und unanständiger und hier und da verschwanden zwei, um sich abseits des Geschehens zu lieben. Der Dieb beugte sich zu Aen. “War eine gute Idee, wenigstens noch eine Nacht zu bleiben.”, hauchte Caradan ihr ins Ohr, strich dabei über ihr Knie und grinste verschmitzt. “Weißt du was ich an Lanyamere vermisse?”, fragte er Aen und streichelte weiterhin ihr Knie. “Das Meer… Ich bin nie zur See gefahren. Scheiße…”, lachte er und seine Hand wanderte zu ihren Schenkeln. “Ich kann nicht mal richtig Schwimmen. Ich bin froh wenn ich im Hafenbecken nicht wie ein Stein versinke. Aber der Geruch… Die sprühende Gischt der See, das kreischen der Möwen, das Donnern der Brandung. Sogar die Seemänner.” Er lächelte sie traurig an und seine Hand hörte auf und kam wieder unter ihrem Kleid hervor. “Die sind wie wir, Aen. Die Leben auf ihrem Schiff in ihrer eigenen Welt. Die gehören nicht zu den anderen…” Er deutete auf die Feiernden. “Wir leben unter ihnen, wir können uns wie sie kleiden, wie sie speisen, wie sie reden… aber wir sind… mehr. Etwas älteres, besseres.” Er blickte ihr tief in die Augen und ein wölfisches Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. “Und ich bin froh wenn wir diesen Müßiggang hinter uns haben und es denen wieder zeigen können.”

Wenig später lenkte ein junger Mann Aufmerksamkeit auf sich, weil er unter Tränen eine Rede hielt. Er widmete sie keinem bestimmten Zuhörer, es wirkte eher so, als würde er sehr laut mit sich selbst sprechen. “Man darf nicht festhalten!”, schluchzte er. “Man muss loslassen. Alles was einen runterzieht, zurückhält und krank macht. Lasst es los.” Er wischte sich den Rotz vom Kinn. “Lasst das Vergangene vergangen sein… trennt euch von euren Sünden…” Dann kippte er um. Einfach so, blieb liegen und schnarchte vor sich hin, was mit hämischen Gelächter bedacht wurde. Auch Caradan lachte, aber irgendwie gingen ihm die Worte des Mannes nicht aus dem Kopf. Plötzlich fasste der Dieb einen Entschluss. Er sprang auf und blickte Aen ernst an. “Trenn dich von deinen Sünden.”, sprach er toternst und nestelte einen Beutel von seinem Gürtel ab. Ohne mit der Wimper zu zucken, kippte er den Inhalt des Beutels ins Feuer. Die Starrkraut blüten rieselten ins Feuer und wurden gierig von den Flammen verschlungen. Mit breitem Grinsen drehte er sich zu Aen um. “Nur Feuer kann von Sünde reinwaschen.”, sprach er, wohlwissend, dass Aen als Arcanierin, noch dazu als ehemalige Tempeldienerin diese Plattitüde wohl nur zu gut kennen dürfte. Er zog sie auf die Füße und nahm sie in den Arm. Das Feuer im Rücken wärmte ihn, aber sie wärmte ihn noch mehr. “Und jetzt werfe ich dich rein.”, scherzte er und gab ihr einen Kuss, ehe sie über seinen Witz lachen oder protestieren konnte.
Die Starrkrautblüten ins Feuer zu werfen, stellte sich nur wenig später als eine recht unüberlegte Handlung heraus. Kaum das sich der aromatische Duft des blauen Honigs verteilte, spürte Caradan schon den prickelnden Anflug des Rausches auflodern. Nicht annähernd so heftig und fordert, wie wenn er eine Blüte durch seine Pfeife inhalierte, aber er kannte dieses Gefühl mittlerweile schon und war sich dessen Auswirkungen nur allzu bewusst. Richtig klar wurden ihm die Konsequenzen seiner Handlung aber erst, als er die umstehenden betrachtete. Die ohnehin schon ausgelassene Stimmung, glitt regelrecht in die Hemmungslosigkeit ab. Die Liebkosungen einiger Paare nahmen an Zahl und Intensität zu, ja einige gingen sogar soweit komplett auf den Schutz der Dunkelheit zu verzichten. In der Tat ging ein Paar soweit, alle Etikette und gute Erziehung in den Wind zu schlagen und begann in Hör- und Sichtweite, ganz ungeniert, mit dem Liebesakt. Und wie bei einer guten Klopperei, wenn die einen anfangen… Schon kurze Zeit später, waren die abgehärteten Arcanier, sowie einige wenige Willensstarke, Prüde oder bereits Ausgelaugte von fickenden Leuten umgeben.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mo, 01. Okt 2018 19:52

Süßes Nichtstun. So ließ es sich aushalten. Und zwischen Aen und Caradan herrschte auch pure Harmonie. Das war zwar recht angenehm, doch es bereitete der Arcanierin auch ein wenig Sorgen. Denn wann immer Harmonie herrschte, wenn es mit Aenaeris in Verbindung stand, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Katastrophe anbahnte. Und damit waren wirkliche Katastrophen gemeint. Wie ein niedergebrannter Clan von Wilden, oder eine lange Einkerkerung in Onvorthad. Welches Desaster würde ihr mit Caradan bevorstehen? Oder hatten Sie es bereits hinter sich? Allein, der Streit in dem Gasthaus erschien ihr nicht annähernd so desaströs, wie die anderen Ereignisse. So tief in sorgenvolle Gedanken versunken, fand sie nun wirklich kein Ohr für Caradans alberne Abhandlungen und Gedankensprünge über Apfel, Apfelgift, Fische und Lyr, und hörte ihm nicht einmal mit halbem Ohr zu. Erst als es ihr zuviel Unsinn auf einmal war, knuffte sie ihm in die Seite. “Du bist schrecklich anstrengend, weißt du das? Ich habe keine Antworten auf deine seltsamen und wirren Gedankengänge!” lachte sie, dann seufzte sie und dann schloss sie wieder die Augen und ließ die Sonne in ihr Gesicht scheinen. Nichtstun förderte Aens Denkprozesse und so dachte sie schließlich wieder einmal an Thero. Es ärgerte sie, das sie an Thero dachte, während sie in Caradans Armen lag. Und sie dachte ständig an ihn. Aber warum, das konnte sie nicht sagen. Sie war sich ziemlich sicher, dass es da keine Liebe mehr gab. Und als sie sich darüber den Kopf zerbrochen hatte, was es nur war, lief vor ihrem geistigen Auge wieder die Nacht der Wintersonnenwende ab. Sie fand, sie müsste es Caradan erzählen, damit er verstand, worauf sie hinaus wollte. Und das tat sie dann auch. Für einen längeren Zeitraum sagte er gar nichts, was Aen zu dem Schluss brachte, dass das nun vielleicht zu viel für ihn war. Sie kam nicht umhin, zugeben zu müssen, dass Caradan weitaus zarter besaitet war als seine Vorgänger. Das hatte sie erkannt, als er den Händler umgebracht hatte. Es hatte ihn sehr mitgenommen, das war ihm deutlich anzusehen gewesen. Er war kein Mörder, diese Rolle gehörte der Arcanierin. Und es war für sie sehr besorgniserregend zu beobachten, als er in der abgehalfterten Schenke dem Adelsmann die hand zertrümmert hatte. Das war nicht Caradan, auf keinen Fall. Caradan achtete das Leben, so jedenfalls sah sie ihn. Und auf irgendeine Art und Weise gefiel es ihr nicht, dass er unter ihrem Einfluss derart degenerierte. Caradan besaß etwas an sich, das zu schützen und zu bewahren sie sich verpflichtet fühlte. Und so sagte sie schließlich nichts mehr, sondern ließ sich einfach nur von ihm in seinen Armen halten.

Als die Dämmerung hereinbrach, bemerkte Aen irritiert, dass sie nicht mehr alleine waren. Andere Menschen, meist Paare, hatten sich zu ihnen auf die Wiese gesellt, und das schmeckte der Arcanierin in diesem Augenblick gar nicht. Es war so ruhig und idyllisch gewesen, doch damit war es nun vorbei. Sie versuchte, das zu ignorieren, drehte sich zu Caradan, legte ihren Kopf auf seine Schulter und schloss die Augen. Doch es strömten immer mehr Menschen auf die Wiese, sie brachten Musik und Tanz und ausgelassene Stimmung mit, und das konnte Aen schließlich nicht mehr ignorieren. Neugierig setzte sie sich auf und beobachtete das Treiben, als schließlich ein junges Paar auf sie zukam. Sie fragten die Arcanier, was sie hier machten, und dass sie sie hier noch nie gesehen hatten, was die Arcanierin irritierte. Denn was war denn bitte außergewöhnlich daran, wenn man sich in Cadron nicht kannte? Ja, in Käffern kannte man sich. Aber in Großstädten war es unmöglich, diese Intimität beizubehalten. Was für Aen aber noch viel mehr irritierend war, war der Umstand, dass die beiden sie an den Händen nahmen und hochzogen, während sie erklärten, was es mit diesem Trubel hier auf sich hatte. Ein Fest für die Götter. Ein Erntedankfest also. Weiter kam Aen mit ihren Gedanken nicht, denn das Mädchen beugte sich zu ihr und drückte ihr einen festen Kuss auf die Lippen. Viel zu lange und viel zu viel Körperkontakt, um das noch als harmlosen Brauchtumskuss abtun zu können. Aen erstarrte. Dann holte sie aus und gab dem Mädchen eine saftige Ohrfeige. “Was erlaubst du dir?” rief sie empört. Das Mädchen hielt sich die Wange und wirkte sichtlich betreten, aber dann wirkte sie mit einem Mal wieder fröhlich und zauberte wie aus dem Nichts einen Blumenkranz hervor, den sie der Arcanierin auch direkt aufs Haar drückte. Aen erstarrte zum zweiten Mal, nahm Caradan an der Hand und zog ihn weg. Der Blumenkranz landete in der Wiese.

Später saßen sie an einem Lagerfeuer und während Caradan wieder einmal seine seltsamen Gedankengänge hervorkramte, und sogar begeisterte Diskussionspartner fand, starrte die Arcanierin fasziniert in die Flammen des Feuers. Obgleich sie als Adeptin völlig versagt hatte, und ihren Glauben abgeschworen und verleugnet hatte, so musste sie beim Anblick der Flammen an die großen, und zwar wirklich großen Feuer in Arcanis denken, wenn beim Feuermond mehrere Klaffter Holz aufgetürmt und verbrannt wurden. Den ganzen zehnten Mond des Jahres brannten Feuer. Verbrannt wurde alles was die Menschen zur Sünde verleitete. Natürlich wurden auch Ketzer und Häretiker verbrannt. Ungeachtet der Tatsache, dass in Arcanis Holz Mangelware war. Wenn ein Volk etwas von Feuern verstand, dann waren das die Arcanier. Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Caradan sich zu ihr gesellte. Weißt du was ich an Lanyamere vermisse?”, fragte er sie und sie blickte ihn fragend und erwartungsvoll an. “Das Meer… Ich bin nie zur See gefahren. Scheiße… Ich kann nicht mal richtig Schwimmen. Ich bin froh wenn ich im Hafenbecken nicht wie ein Stein versinke. Aber der Geruch… Die sprühende Gischt der See, das kreischen der Möwen, das Donnern der Brandung. Sogar die Seemänner. Die sind wie wir, Aen. Die Leben auf ihrem Schiff in ihrer eigenen Welt. Die gehören nicht zu den anderen…” Er deutete auf die Feiernden. “Wir leben unter ihnen, wir können uns wie sie kleiden, wie sie speisen, wie sie reden… aber wir sind… mehr. Etwas älteres, besseres.” Sie sah ihn an und fragte sich, wie viel er von dem Honigwein getrunken hatte. Sie war auch nie auf See gewesen, aber es hatte sie auch nie dorthin gezogen. Aber mit einem hatte er Recht. Sie waren Aussenseiter. Sie, Aen, war zur einer heimatlosen Vagabundin geworden. Sie konnte sich kein Leben mehr an einem festen Ort vorstellen. Und das fand sie irgendwie auch verdammt traurig.

Nach einer Weile in der sie schweigend und beobachtend nebeneinander gesessen hatten, trat plötzlich ein Mann daher. “Man darf nicht festhalten! Man muss loslassen. Alles was einen runterzieht, zurückhält und krank macht. Lasst es los. Lasst das Vergangene vergangen sein… trennt euch von euren Sünden…” Noch während er unter dem Gelächter der Anwesenden wie in Trance umfiel und einfach im Gras liegen blieb undsie über seine Worte nachdachte, sprang Caradan plötzlich auf. Sie tat es ihm gleich und so standen sie sich gegenüber und er blickte sie Ernst an. “Trenn dich von deinen Sünden” spracher todernst und nun machte sich Aenaeris wirklich Sorgen um seinen Geisteszustand. “Trenn dich von deinen Sünden” wiederholte er und hatte plötzlich den Beutel mit dem Starrkraut in der Hand. Noch ehe Aen begriff, was hier geschah schüttete er die Starrkrautblüten ins Feuer und lösten sich in einem kurz aufblitzenden Funkenmeer ins Nichts auf. “Caradan! Was machst du da? Hast du du den Verstand verloren?” rief Aen erschüttert. Er wandte sich ihr zu und grinste sie an. “Nur Feuer kann von Sünden reinwaschen” rezitierte er aus den Schriften der Zwei. Dann umarmte er sie von hinten und hielt sie fest. “Und jetzt werfe ich dich hinein!” Aen kreischte auf, entwand sich dann seiner Umarmung und sah ihn immer noch entgeistert an. “Das Starrkraut! Wie konntest du nur!?” wisperte sie ihm zu. Dann packte sie ihn am Arm und zog ihn weg vom Feuer, zurück zu dem Apfelbaum unter welchem sie vorhin noch gesessen hatten, und setzte sich wieder ins Gras. Sie senkte ihre Stimme zu einem Raunen, und führte fort “Du hast ein Vermögen verbrannt! Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was ist los mit dir? Du bist schon den ganzen Abend so seltsam! Erst die dämlichen Philosophien über Apfelkerne, Fische und Lyr, dann das Starrkraut! Hast du vergessen, wie mühsam wir es erbeutet haben? Welche Opfer und welche Konsequenzen sich daraus ergeben haben?” “Nein, hab ich nicht!” gab er zurück. “Aber vielleicht will ich es?” “Was willst du denn?” hakte sie nach. “”Vielleicht will ich den ganzen Scheiss hinter mir lassen und unbeschwert einen neuen Weg einschlagen.” “Vielleicht…” murmelte sie. Dann schwieg sie. Sie schwieg eine geraume Zeit lang, während sie ins Feuer starrte. Und die Worte des Verrückten drängten sich wieder innihre Gedanken. Trenn dich von deinen Sünden… Nur Feuer kann Sünder reinwaschen... Auch wenn Caradan nur gescherzt hatte… er hatte Recht. Sie hatte soviel Schuld und Sühne auf sich geladen, dass sie das nur bereinigen könnte, wenn sie sich auf den Scheiterhaufen stellte. Dann wurde sie von entsetzlichem Heimweh erfasst. Sie hatte ihre Heimat seit über drei Jahren nicht mehr betreten. Immer wieder war sie Richtung Arcanis gereist. Aber niemals zurück gekehrt. Sie legte ihre Hand auf jene von Caradan, der sich neben ihr im Gras aufstützte. “Caradan…” begann sie leise. “Ich hab Heimweh. Ganz schreckliches Heimweh…” Sie hob den Kopf und sah in sein Gesicht. “Scheiss auf Ardor. Ich will es nicht mehr. Ich möchte nach Arcanis zurück.” Thero hatte sich geweigert nach Arcanis zu reisen. Silvar wollte nichts davon wissen. Und verdammt, Caradan war Arcanier! Wer, wenn nicht er, würde diesem Herzenswunsch nachgeben?”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Di, 02. Okt 2018 22:19

Feuer war eine faszinierende Sache. Man konnte solange hinein starren, bis einem die Augen schmerzten, bis sie tränten, austrockneten und aus ihren Höhlen schmolzen, aber man bekam nie genug von dem Freudentanz der Flammen. Selbst wenn das Feuer in scheinbar unerreichbarer Ferne loderte, es war ein Blickfang durch und durch. Der Apfelbaum unter dem die Arcanier hockten, befand sich gerade so weit weg, dass der Schein des Feuers nicht mehr bis zu ihnen drang. Es war fast schon poetisch, wie ein dünnes Band des Zwielichts die beiden Parteien trennte. Auf der einen Seite Aen und Caradan, in ruhige Dunkelheit gehüllt und auf der anderen Seite, die ehrlichen Leute, die es im Schein des Feuers miteinander trieben. Die Unterschiede könnten kaum bildlicher dargestellt werden. Aber auch auf der dunklen Seite der Nacht, herrschte keine Einigkeit. Nein, denn Aen und Caradan schwiegen sich an und es war kein einvernehmliches Schweigen. Es war drückendes, unangenehmes Schweigen. Und das nur wegen des verdammten Starrkrauts. Es hatte ein Witz sein sollen! Es war auch ein Witz, denn sie besaßen genug Gold um sich in jedem Teil des Landes welches zu holen, völlig egal wie teuer es wäre. Aber Aen machte daraus ein Drama. Dabei lief der Abend doch zunächst reibungslos. Sie lagen zusammen, dösten vor sich hin ohne ein böses Wort, sondern genau so wie es sein sollte. Es ärgerte ihn, mehr als bereit war sich einzugestehen, denn er wusste nicht ob er sich über sich oder über sie ärgerte. Er hatte keine Lust darauf mit ihr zu streiten. Eigentlich hatte er Lust, genau das zu tun, was ihnen die Feiernden vorlebten und zwar es gedankenlos am warmen Feuer miteinander zu tun, ohne sich um die Blicke der anderen zu scheren. Stattdessen hockten sie hier und starrten schweigend ins Feuer und zumindest Caradan versuchte, die Geräusche und Bilder vor seinen Augen so gut es ging auszublenden. Je länger das dauerte, desto weniger Lust hatte Caradan noch irgendetwas zu machen. Das Beste wäre wohl, schweigend zurück zur Herberge zu marschieren, sich schlafen zu legen und am nächsten Morgen einen Plan für die Weiterreise zu schmieden. Sie hatten ein Ziel, aber sowas konnte ruhig präziser geplant werden. Immerhin hatte sie das Geld für Vorbereitungen, diesen selten Umstand und Vorteil sollten sie ausnutzen so gut es ging. Seine Gedanken begannen sich um Wegrationen, Streckenabschnitte, Gaststätten und Straßenbeschaffenheiten zu drehen. Alles mit Sicherheit furchtbar wichtige Dinge. Alles Dinge, auf die sie vorher noch nie geachtet hatten und trotzdem immer ans Ziel gelangt waren.
Irgendwann spürte der Dieb Aens Hand auf seiner. Sie war warm und weich und er kam nicht umhin festzustellen, dass ihm ein Stein vom Herzen fiel, dass sie nun offenbar das Schweigen zu brechen gedachte. “Caradan…”, wisperte sie. “Ich hab Heimweh. Ganz schreckliches Heimweh…” Caradan wandte sich ihr zu. Ein verständnisvollen, sowie schuldiges Lächeln lag auf seinen Lippen. “Hab ich dich angesteckt?” Er legte ihr seine freie Hand auf die Hüfte und wollte sie näher an sich ziehen, da hob sie den Blick und etwas in ihrem Gesicht ließ ihn innehalten. Ihr Blick war voller trauriger Entschlossenheit. “Scheiß auf Ardor. Ich will es nicht mehr. Ich möchte nach Arcanis zurück.” Ihre Worte trafen ihn völlig unvorbereitet. Natürlich, ihr Heimwehgeständnis war irgendwie ein Wink gewesen, aber das sie deshalb gleich so weit ging ihr Lebensziel aufzugeben… Das konnte Caradan nicht glauben. Er war sich nicht sicher ob sie ihn testen oder verarschen wollte. Sie verunsicherte ihn, wenn sie von jetzt auf gleich solch einen Stimmungsumschwung hatte. Sein Lächeln wurde schief und er runzelte die Stirn. “Warum?”, fragte er unsicher und ihr Blick wurde kalt. Etwas begann unter ihrer Oberfläche zu brodeln und unwillkürlich nahm er seine Hand von ihrer Hüfte. Sie schwieg ihn an, ein bedrohliches, zorniges Schweigen, als hätte sie Mühe die Beherrschung zu behalten. Es war eine dumme Idee, sie weiter aus zu fragen und dennoch öffnete der Dieb den Mund erneut. “Hast du da noch Familie die du vermisst? Ich nämlich nicht…” Sie riss ihre Hand weg und funkelte ihn zornig an. “Was soll der Scheiß?”, fuhr sie ihn an und Caradan starrte sie bloß mit offenem Mund an. Er hatte etwas sagen wollen, aber ihm blieben die Worte im Halse stecken. “Willst du mich quälen?” Nun war es an Caradan etwas lauter zu werden. Wie konnte sie ihn das nur fragen? Nachdem er ihr doch schon gesagt hatte, dass er ihr nie wieder so weh tun würde! Dieses Weib raubte ihm noch den letzten Nerv. “Ich hab das vorhin ernst gemeint.”, schnauzte er zurück. “Ich will dich nicht quälen.” Er räusperte sich. “Nie wieder…”, fügte er etwas leiser hinzu. Aen schien davon wenig beeindruckt. “Dann fang nicht mit so einem Scheiß an.” Caradan schüttelte den Kopf und blickte wieder zu den Flammen. Es loderte immer noch hell, aber das Feuer der Liebenden hatte sich gelegt. “Du kannst gar nicht versprechen mich nie wieder zu quälen.”, meinte Aen noch und diese Worte trafen ihn schmerzlicher, als ihre Vorwürfe. Nein, er konnte es ihr nicht versprechen, das wusste er selbst auch, aber er wollte es zumindest versuchen. Doch er konnte nichts mehr sagen. Sein Mund war trocken, sein Kopf schwer. Der Honigwein setzte ihm zu und die unbefriedigten Gelüste laugten ihn allmählich aus. Er wollte nicht mehr streiten. Mit einem schweren Seufzer ließ er sich ins Gras sinken und schloss die Augen. Einen Moment sagte niemand etwas. “Was ist nun?”, fragte Aen. “Kommst du mit oder nicht?” Der schüttelte mit einem milden Lächeln den Kopf. “Du bist mit Abstand, die komplizierteste Frau die ich kenne.”, meinte der Dieb und strich ihr mit der Hand über den Rücken. “Natürlich komme ich mit…”

Am nächsten Tag stand Müßiggang, ganz oben auf der Liste. Neben Essen, Trinken und Besorgungen. Es war so furchtbar öde, wenn man an einem langweiligen Ort festsaß und nur Zeit zum totschlagen hatte. Caradan wollte bei der Reise nach Arcanis, genauer gesagt nach Lanyamere, nichts dem Zufall überlassen. Es würde schwierig genug werden nach Merridia zu kommen, wenn man den scheiß Weg nunmal nicht kannte, aber dann noch von einem Land ins nächste Land zu kommen und dann auch noch von Erbfeind zu Erbfeind. Nein, da mussten Vorkehrungen getroffen und Notfallpläne geschmiedet werden. Leider hatte der Dieb keine Ahnung, worauf es dabei ankam. So erkundigte er sich bei einem Dutzend Händlern, nach lange haltbaren Essen, erstand warme Winterdecken, Schlafzeug und Ausrüstung die ihnen das Reisen im Winter erleichtern sollten. Sie kümmerten sich um Wegkarten und Caradan tauschte Münzen gegen leicht zu transportierende Wertsachen ein. Perlen, goldene Fibeln, Edelsteine… Ringe. Alles was man einfach wieder in arcanisches Gold umtauschen konnte. Aen, Aen war der Meinung dass das nur umständlich wäre und weigerte sich strikt, auch nur eine Münze für etwas auszugeben, dass nicht ihrem persönlichen Wohlgefallen entsprach. Selbstverständlich statteten sie dem Schneider ebenfalls noch einen Besuch ab. Einerseits um den Fortschritt der Arbeiten zu begutachten, andererseits um ihn daran zu erinnern, dass sie es immer noch eilig hatten. Am Ende einer weiteren lautstarken Protestrede innerhalb des Schneiderstübchens, gaben sie noch die Anpassung zweier Wintermäntel in Auftrag. Der Herbst hatte soeben erst begonnen, aber die Winter in Arcanis, waren kälter, als die hier im Süden. Und es gab weniger Holz dort oben. Ein Wildledermantel, mit warmer, weicher Wolle gefüttert. Dem Dieb trat der Schweiß auf Stirn, als er den Mantel nur begutachtete. Er musste nicht viel angepasst werden. Zu groß war zu groß, das war egal. Ein Vorteil an Caradans Statur war stets, dass seine Kleider selten zu eng wurden. Eine beträchtliche Summe ließen die Arcanier bei den Stallungen, genauer gesagt bei einem Sattler. Die Tiere waren gestohlen, es waren gute Tiere, aber sie waren gestohlen und dementsprechend sahen die Sättel und das Zaumzeug aus. Die Gäule trugen ihre Ärsche meilenweit, da war es nur gerecht den Tieren auch mal etwas gutes zu tun.
Der Tag verlief nicht gerade aufregend. Aufregend wurde es erst, als Aen und Caradan über einer Karte der Nordreiche brühteten. Der Dieb hielt es für die klügste Vorgehensweise nach Merridia zu reisen und dort mit einem Schiff, einem Schmugglerschiff nach Arcanis überzusetzen. Und das sagte er Aen auch genau so. Ihre Reaktion war genau so, wie er es befürchtet hatte. Die Vernunft hielt keinen Einzug bei ihr. “Geh du nur auf dein Schiff, ich reise zu Pferd.”, begehrte sie auf. Der Dieb rollte mit den Augen. Jetzt ging es los. “Und was ist mit den Grenzposten?”, fragte er genervt. “Sind ja nicht überall Grenzposten.”, erwiderte sie mit einem Schulterzucken. “Die Zeichen stehen auf Krieg.”, ermahnte er. “Da wird das Tor nach Arcanis bestimmt schwer bewacht.” “Ich bin Arcanierin. Mich werden sie wohl reinlassen.” Der Dieb kratzte sich am Bart. “Mit den Taschen voller Elfengold?” Sie zuckte erneut mit den Schultern. “Geld stinkt nicht. Und als ob das Schiff nicht durchsucht würde.” Caradan schüttelte den Kopf. “Deswegen ja Schmugglerschiff.”, erklärte er. Aen schien unbeeindruckt und Caradan hatte keine Lust mehr, auf diese Diskussion. “Vorschlag.”, gab er nach und deutete auf einen Punkt zwischen Lanyamere und Wyncarea, dem Ort, den Aen so unbedingt aufsuchen wollte. “Wir fahren mit dem Schiff entlang der Küste bis hier. Dort gehen wir an Land und reiten nach Süden.” Aen schüttelte energisch den Kopf. “Ich will nicht auf ein scheiß Schiff.” “Du machst mich wahnsinnig!”, rief der Dieb gereizt. “So kommen wir aber am schnellsten nach Lanyamere! Aber gut, dann eben zu Pferd” Er war es Leid und der leichteste Weg diese Diskussion zu beenden, war vor ihr zu kuschen und ihr ihren Willen zu lassen. “Ich hab auch keinen Bock auf Lanyamere!”, erwiderte sie trotzig. Caradan musterte sie streng. Jetzt war aber gut. Sie hatte ihren Willen und den durfte sie auch haben, aber genug, war genug. Ihre empfindliche Art hatte ihm am vergangenen Abend schon gereizt und nun trieb sie es auf die Spitze. “Ich aber.”, knurrte er. “Wenn wir schon in die Heimat zurückkehren, will ich auch nach Hause! Ich werde ganz sicher nicht stumm dran vorbei reiten und winken, nur damit du deinen Sturkopf durchsetzt.” Schweigen. Sie war stur und trotzig, wie ein kleines Kind. Und das brachte den Dieb zur Weißglut. Er schlug zornig mit der Faust auf den Tisch. “Ich hab die Schnauze voll Aen!”, donnerte er. “Ständig kommst mir mit ‘Ich will aber’ oder ‘Ich will nicht’! Das kann ich auch! Ich will nach Hause und damit meine ich MEIN Zuhause. Ich will durch die Straßen meiner Heimatstadt laufen, sehen wie sich die Stadt verändert hat, was mit den Leuten geschehen ist, die ich mal kannte.” Er funkelte sie noch ein letztes Mal zornig an, bevor er ihr ein versöhnliches Grinsen schenkte. Er wollte immer noch nicht streiten, nein, er wollte etwas ganz anderes. “Und ich will dich, jetzt gleich.” Vielleicht klappte es ja, er fühlte sich gut und zuversichtlich.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mi, 03. Okt 2018 5:02

Aen zog eine Augenbraue hoch. Sie hasste es, wenn er Diskussionen vom Zaun brach. Du liebe Güte, war das denn so schwer zu verstehen, dass sie nicht nach Lanyamere wollte? Immerhin hatte sie den Tempel niedergebrannt, und war wahrscheinlich als einzige Adeptin dem Inferno entkommen! Wenn sie nur einer dort wiedererkannte…! Doch sie hatte ihre Rechnung ohne Caradan gemacht, denn nun wurde er wirklich missgelaunt und brachte dies auch in aller Deutlichkeit zur Sprache. Er sagte, was er zu sagen hatte, und die Arcanierin wollte schon etwas entgegnen, als er sie angrinste. Ein wenig verwirrt blickte sie ihn an, dann sagte er “Und ich will dich. Und zwar jetzt gleich…” Sie erwiderte sein wölfisches Grinsen hinterlistig. “Ach so?” erwiderte sie amüsiert. “Du willst mich? Jetzt gleich?” Sie stand vom Stuhl auf und baute sich vor dem seinen auf. “Du willst mich?” Sie stellte ein Bein auf seine Stuhllehne und der Rock rutschte nach oben. Sie packte seine Hand und führte sie unter den Rock zum Ziel seiner Begierde. “Hierher willst du? Damit?” Ihre Hand schnellte vor und packte demonstrativ seine Männlichkeit, die seine Hose etwas enger werden ließ. Aen beugte sich vor, bis ihr Gesicht ganz nah an dem Seinen war. Ihr Atem ging ein wenig schneller, und streifte seine Wange, dann suchte sie mit ihren Lippen die seinen. “Du willst mich? Vielleicht will aber auch ich dich…” Sie ging vor ihm auf die Knie und löste langsam den Gürtel der seine Hose auf den Hüften hielt, dann zog sie ihm die Hose unter dem Arsch hervor, bis er nackt vor ihr saß und seine Männlichkeit sich stramm in die Höhe reckte. Sie liebkoste ihn mit Lippen Zunge und Händen, bis sie sich nach geraumer Zeit im Bett wiederfanden, wo sie ihr Liebesspiel schließlich zum Höhepunkt brachten.

Später lag sie mit dem Kopf nachdenklich auf seiner Brust, welche sie mit einer Hand langsam und bedächtig kraulte, während sie ins Nichts starrte. “Ich habs dir nicht erzählt, nicht wahr? Ich dachte ich hätte, aber ich habe dir nie von meinen Eltern erzählt. ich habe dir erzählt, dass in meinen Adern ein Teil Elfenblut fließt, aber ich habe dir nie von meiner Familie erzählt. Du kannst auch nicht wissen, warum ich keine Lust auf Lanyamere habe, ich muss dazu weit ausholen, damit du es verstehst… Meine Eltern waren sehr streng gläubig. Und nicht nur streng gläubig, sondern einfach auch so streng. Während meine Bruder im Grunde tun und lassen konnte, was er wollte, musste ich zuhause die Schriften der Zwei in und auswenig lernen, beten, beten und nochmal beten, mit Theologen disputieren, habe ich nicht gespurt, haben sie den Rohrstock hervorgeholt, und so wurde ich darauf vorbereitet, in den Tempel in Lanyamere einzutreten, wo ich mein restliches Leben verbringen sollte. In dem Tempel gab es einen Priester, der mir nachgestellt hatte. Als er mir Gewalt antun wollte, und ich mich wehrte, offenbarte sich bei mir die Gabe von Feuermagie. Ich wurde vor ein Tribunal geführt und nach eingehender Untersuchung beschlossen sie, ich sei ein Elfenbastard. Ich wurde gebrandmarkt, konnte entkommen, und habe den Tempel angezündet um es ihnen allen zu zeigen. Ja, ich war das, der Tempel ist durch mein Zutun abgebrannt. Verstehst du jetzt, wieso ich nicht unbedingt nach Lanyamere möchte?” Sie ließ Caradan erst gar nicht zuWort kommen, sondern sprach weiter wie ein Wasserfall. “In Lanyamere lernte ich Thero kennen. Er hat einem Kerl mit einer Axt den Schädel eingehauen als er mir zudringlich wurde, wir sind gemeinsam geflohen und dann hab ich ihn mit zu meinen Eltern genommen. Ich wollte mich rächen für das, was sie mir angetan hatten. Dass sie mir meine Kindheit gestohlen haben, dass sie mich mit voller Härte erzogen haben, dass sie meinem Bruder stets Vorzug gegeben haben. Meinen Vater habe ich nachts erstochen, meine Mutter in ihrem Bett verbrannt, als ich entdeckte, dass sie eine Halbelfe war.” Nun war Aen nicht mehr zu bremsen, es sprudelte nur so aus ihr heraus. “Meine Eltern waren Heuchler. Ich denke, dass ich die Sünden meines Vaters abbüßen musste. Er hat sich eine Halbelfe zur Frau genommen und mich, die ebenfalls Elfenattribute zeigte, wollten sie in einen Tempel verbannen um die Schande zu verbergen. Aber ich lasse so nicht mit mir umspringen. Ich bin froh, dass es gekommen ist, wie es gekommen ist. Ich habe mir meinen heutigen Platz in der Welt so hart erkämpft, ich habe so viel gelitten, erlebt und überlebt, ich habe mich nicht in mein mir von Anderen auferlegtes Schicksal gefügt, sondern mein Leben selbst in die Hand genommen. Und darauf bin ich verdammt stolz. Ich weiß nicht wieviel ein Mensch aushält, aber ich glaube, ein Mensch bekommt nur soviel Bürde, wie er tragen kann. Einige Schicksalsschläge kennst du ja bereits von mir, aber das waren längst nicht alle. Mein Bruder hat mir mein Ungeborenes aus dem Leib geprügelt, ich saß viele Monde im Kerker in Onvorthad, wo die Kerkerwächter sich tagtäglich an mir bedient haben… Ich habe so viele Menschenleben auf dem Gewissen… Kein Feuer der Welt könnte meine Sünden reinwaschen… Aber es tut gut, das alles einmal auszusprechen… Und ich glaube, jetzt habe ich nichts mehr zu beichten. Seit Jahren reise ich rastlos durch die Nordreiche. Ich will nur meine Ruhe und meinen Frieden haben. Ich finde keinen Seelenfrieden, ich habe kein Zuhause mehr, ich könnte auch nicht mehr an einem Ort bleiben. Dabei habe ich früher immer davon geträumt ein Stück Land zu besitzen, dieses zu bewirtschaften, davon zu leben… Aber seis drum… Ich glaube, ich habe nun genug gesagt. Für heute reicht es mir. Wir werden nach Lanyamere gehen, da kannst du deine Familie und Freunde suchen, dir die Straßen ansehen, und wie die Stadt sich verändert hat, du kannst dir auch die Tempelruine ansehen, ob sie sie schon wieder aufbauen… Wir werden tun, was immer du willst, und wenn du mit dem Schiff reisen willst, dann soll es mir auch Recht sein… Solange du nur zufrieden bist...” Sie schmiegte sich an seine Seite und schloss die Augen. “Gute Nacht, Caradan.” Doch Schlaf fand sie keinen, denn ihr ging zuviel durch den Kopf. Doch irgendwann schlief sie dann doch ein.

Am nächsten Morgen erwachte Aen und fühlte sich wie gerädert. Zum einen, weil sie wenig und geschlafen hatte und früh erwacht war, was ihr so gar nicht ähnlich sah, und zum anderen, weil sie sich nicht sicher war, ob es richtig gewesen war, Caradan ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen. Doch er benahm sich nicht anders als auch sonst, somit tat sie ebenso, als wäre nichts besonderes vorgefallen. Als sie sich angekleidet hatten, gingen sie hinunter in den Schankraum und warteten auf das Frühstück. “Heute Mittag können wir zum Gewandschneider gehen” bemerkte sie nach einer Weile. “Ich hoffe, es ist alles fertig. Wahrscheinlich ist der Schneider froh, wenn er uns nie wieder sehen muss…” gluckste sie. Der Wirt brachte zwei dampfende Schüsseln mit Gerstenbrei, ganz so, wie er auch in Arcanis zu Tische kam, dazu zwei Krüge warmes Dünnbier. Aen rührte gedankenvoll in ihrem Brei umher, ließ den Löffel Löffel sein, lehnte sich über den Tisch, ergriff eine Hand von Caradan und räusperte sich schließlich. “Weisst du Caradan, du musstest dir jetzt schon ganz schön viel von mir anhören. Aber das eine muss ich dir noch sagen. Ich muss mit meinem Leben aufräumen. Ich bin die halbe Nacht wachgelegen deswegen, um abzuwägen, wie ich dir das am besten sagen soll. Und letzten Endes bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass es im Grunde egal ist, wie ich es dir sage, solange du mir nur gut zuhörst und mich richtig verstehst. Und das musst du, denn ich möchte dir nicht wehtun. Nichts liegt mir ferner, als das. Also. Wie du weißt, sind Thero und ich den Bund eingegangen vor den alten Göttern, aber letztendlich getrennter Wege gegangen, ganz gleich, was wir aneinander hatten und füreinander fühlten. Doch ich kann ihn einfach nicht vergessen. Immer muss ich an ihn denken, obwohl dieses Kapitel längst abgeschlossen sein sollte. Ich finde, nun da wir beide, du und ich… nun ja… zusammengehören, und ich für dich frei sein will, muss das ein für alle Mal aufhören. Das bin ich dir schuldig, und das will ich auch so. Ich habe die halbe Nacht gegrübelt, was ich tun könnte, und dann fiel es mir ein. Womöglich liegt es an diesem unsichtbaren Band, durch welches wir miteinander verbunden wurden. Ich möchte dieses Band endgültig durchschneiden. Und das geht vermutlich nur, wenn man diesen Bund auflöst. Ich habe überlegt, wer so etwas machen könnte und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es schon höhere Macht sein müsste, so wie die alten Götter eine höhere Macht darstellen. Wer also hätte die Macht dazu? Eine Naturmagierin. Eine Hexe, ein Götterweib. So eine werden wir in Arcanis höchstwahrscheinlich nicht finden, darum müssen wir das hier machen. Am ehesten finden wir ein solches Weib in den Sümpfen und Mooren Coralays. Also bevor wir nach Arcanis reisen, müssen wir noch einen Abstecher dorthin machen. Was sagst du?”
"Ihre Natur ist Feuer und Blut..."

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