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der Fluchstern

Der gefährliche Nordwesten ist die trockene Heimat der Steppenreiter und der Elvoin, die in den Sümpfen des Nogorath leben. Die tödliche Eiswüste nördlich ist trotz allem Heimat von Menschen.
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der Fluchstern

Beitrag von Nor » Sa, 31. Aug 2013 23:25

Im Osten Alvaranias glüht der Himmel blutrot - mitten am Tag, und bis in die Nacht hinein. In der Steppe deuten die Menschen ein schwaches Erdbeben als Zorn von Mutter Erde. Einige von ihnen beobachteten vorher einen hellen Stern mit glühendem Schweif, der über den Himmel zieht. Von den Astronomen der Menai wurde dieser Stern schon seit Tagen mit Sorge beobachtet. In der Wüste fliegt eine feurige Kugel, so hell wie die Sonne, über die Köpfe der verängstigten Menschen hinweg, und verschwindet unter lautem Donnergrollen am nördlichen Horizont...

Wo der gefallene Stern schließlich aufschlägt, vermag niemand so genau zu sagen, denn er zerstörte alles Leben im Umkreis von vielen hundert Meilen. Verbrannter und zu Boden gedrückter Wald, versengter Boden, verdampftes Wasser und ein zerstörerisches Beben, das die Erde zerreißt, verheeren eine riesige Fläche. Staub und Asche werden aufgewirbelt und erreichen Wochen später tausende Kilometer entfernte Orte. Selbst in der Eiswüste kann man die Hitzewelle noch spüren und den mächtigen Knall hören, mit dem der Stern zerspringt.
Zuletzt geändert von Nor am Sa, 31. Aug 2013 23:26, insgesamt 1-mal geändert.
Ich bin des Mondes düstrer Bote!

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Im eisigen Hauch der Nacht

Beitrag von Nor » Sa, 31. Aug 2013 23:26

Bildis. Überall nur Eis. Eis, Frost und Schnee, soweit das Auge reichte. Klirrende Kälte, dass einem buchstäblich das Blut in den Adern gefror und Eiszapfen so lang wie die Zähne eines gewaltigen Drachen. Glasklare Eiszapfen, so klar, als wäre die reine Seele des ewigen Winters darin eingesperrt worden. Weiß. Überall nur weiß, wohin man auch den Blick richtete. Schnee in den Tälern, Schnee in der Ebene, Schnee auf den Bäumen und Schnee auf den Bergen. Im Norden die weißen Berge, angezuckert von eben jenem reinen, weißen und unberührten Schnee, den niemals ein Mensch zu Gesicht bekam, oder ihn auch nur berührte. Die Bäume, kahl und wie tot. Eingehüllt von Frost und Eis sowie bedeckt von einem Mantel aus Schnee. Man mochte kaum glauben, dass diese tote, öde und trostlose Landschaft in nur wenigen Monden wieder grün und voll von Leben sein würde. Ein schwarzer Schatten zerstörte das weiße Bild, welches sich einem Fremden darböte, wenn dieser seine Blicke geduldig und ehrfürchtig über die weite Weiße gleiten ließe. Ein schwarzer Schatten stand dort, mitten in diesem reinen Weiß und umgeben vom blendenden Nichts. Zu seinen Füßen hatte sich der Schnee rot wie Blut gefärbt. Getränkt und vollgesogen vom versickernden und gefrierenden Leben, welches den Schnee besudelte und dabei quälend langsam und voller Furcht zugrunde ging und starb. Die Gestalt stand einfach nur da. Sagte nichts. Tat nichts. Sie verharrte stumm und schweigend und lediglich ihr ruhiger, regelmäßiger Atem war zu vernehmen und die gelegentlichen, stoßweisen Dunstwolken, welche seinem offenen, vom Blut besudelten Maul und seinen feuchten Nüstern entwich, waren zu erkennen. Das Blut tropfte von seinem geifernden Kinn und benetzte den reinen, weißen Schnee. Besudelte ihn. Verunreinigte ihn. Entweihte ihn, mit dem Blut seines Opfers. Doch seine Blicke waren nicht auf den Boden gerichtet. Nicht auf den Kadaver, welcher dort im eiskalten, tödlichen und doch, für mancher einen, so tröstlichen Schnee lag. Nein. Er starrte zum Himmel hinauf und die mächtige Gebirgskette, welche sich im Norden in den Himmel erhob, fing seinen Blick ein. Die Berge glichen einer unüberwindbaren Barriere. Selbst die Sonne konnte sie nicht durchdringen, denn dahinter gab es nur Schatten und Dunkelheit. Der Fuß der Berge war weiß, wie all das umliegende Land, doch die Gipfel konnte man nicht sehen, denn sie ragten weit in den Himmel hinauf. Umhüllt von dicken, weißen Wolken, welche die Berge umschlossen, wie eine Geliebte ihren Geliebten in einer romantischen Nacht. Innig und ewig. Ein nie enden wollendes Liebesspiel im gegenseitigen Einklang. Ja, Romantisch konnte auch der Finsterforst im Winter sein. Tödlich romantisch. Eiskalt und verführerisch. Romantisch, wenn des Nachts die Sterne am Himmel standen und ihr Licht das weiße Land zum Glühen brachten. Romantisch, wenn die schummrigen, grünen Schwaden am Himmel hingen, wie ein unheiliges Mahnmal. Die Nordlichter. Jetzt, im Winter, waren sie beinahe in jeder Nacht zu sehen. Mal grün, mal violett, die letzten Nächte im Schatten des Kometen sogar vereinzelt rot. Rot wie das lodernde und lebendige Feuer, welches dieser brennende Todesbote hinter sich herzog und die Nacht zum Tag erhellt hatte. Blutrot hatte all der Schnee geleuchtet, wenn der Komet am nächtlichen Himmel gestanden hatte. Eine bedrohliche und unheimliche Romantik. Berauschend, beängstigend und zugleich so wunderschön. Wunderschön romantisch, wenn es nicht so eiskalt wäre. Kalt, wie der Tod. Und der Tod lockte an jeder Ecke, beinahe wie die Dirnen in den großen Häfen, weit im Süden, den Reichen der Menschen. Auch sie konnten den Tod bringen. Der harte Schanker. Verseuchte Dirnen mit grauenvollen Krankheiten. Ein widerlicher und keineswegs romantischer Tod. Doch der Tod hier oben, im hohen, eisigen Norden, war ehrlicher, unbarmherziger und vor allen Dingen allgegenwärtig.

Und in diesem Augenblick, zu dieser Stunde, war er der Tod. Nicht kalt, aber unbarmherzig und brutal. Bewehrt mit Zähnen und Krallen. Angetrieben von einer unbändigen Wut und einem unersättlichen Hunger. Der Tod. Der Mörder. Zu seinen Füßen das Opfer seiner Wut. Ein Mann lag bäuchlings im Schnee, sein Blut tränkte das allgegenwärtige Weiß und färbte es blutrot. Er drehte den Leichnam um und starrte in die leeren, toten und von Angst erfüllten Augen des Mannes. Blankes Entsetzen und unendliche Seelenpein standen ihm ins Gesicht geschrieben. Und unerträgliche Schmerzen. Niemand sollte so von dieser Welt gehen, doch der Tod im hohen Norden war unerbittlich, grausam und ungerecht. Und er folgte nur seinem Instinkt. Dem Trieb zu töten. Dieser Mann war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Die Kreatur schied nicht zwischen Recht und Unrecht. Er tat, wonach es ihm verlangte. Und tief in ihrem Inneren, da saß ein Geist, wie in einem gläsernen Käfig, und starrte ebenso dem Leichnam in seine toten, leeren Augen. Unfähig zu handeln. Unfähig sich davon abzuwenden.

Ein Schnauben hallte durch das kalte, tote und windstille Tal. Dieses leise Geräusch, welches sonst kaum zu hören war, hallte durch die weite, weiße Ebene, gleich einem Schrei. Verachtung, Wut und der unstillbare Hunger, die Gier nach Blut schwang in diesem Schnauben mit. Der Tag brach an, das wusste die Kreatur, denn die Nacht lag im Sterben. Die Sonne lauerte bereits hinter den Bergen und wartete auf den Tod der Nacht, welcher schon sehr bald eintreten würde. Es war eine kalte und dunkle Nacht. Wolkenverhangen und düster. Hier und da brach das Licht der Sterne und das des Mondes durch die Wolkendecke und ließ den unberührten Schnee unheimlich schimmern. Und als das Mondlicht auf die Kreatur schien, und den roten, von Blut besudelten Schnee erhellte, da schien es beinahe als ob dieser brennen würde. Und doch stand die Kreatur da, im Schein des Mondes. Wütend und zornig die Welt mit Verachtung strafend. Es starrte auf die Wolken und suchte den schwarzen Himmel der Nacht ab. Und dort, am Horizont, erkannte er erneut das rote Glimmen in den Wolken. Als ob die Wolken in lichterlohen Flammen und roten Blitzen vergehen würden. Der Blutgeist! Die Kreatur verachtete den Blutgeist, mit glühendem und fanatischem Zorn. Aber diese Nacht glühten nur die Wolken, dort am Horizont, im roten Schein des Kometen. Die Wolken hielten sein Feuer und sein Licht vom Land unter sich fern. Und die Kreatur starrte auf das rote Leuchten und Wut gärte in seinem Herzen. Die Wut die sein Herz zu verschlingen drohte. Ein tiefes und bedrohliches Heulen entkam aus der Kehle der Kreatur, welche die Fäuste geballt und den Kopf in den Nacken geworfen hatte. Und dieses Heulen ging durch Mark und Bein. Verzweiflung und wahre Seelenpein ließe das Blut in den Herzen derer gefrieren, welche diesen markerschütternden Schrei vernehmen würden. Doch die Kreatur war allein. Niemand konnte seinen Schrei vernehmen, denn sein jüngstes und letztes Opfer lag ihm tot zu Füßen. Das Lebenslicht erloschen, den letzten Atem ausgehaucht. Ein ruhmloser Tod im ewigen Eis des Winters. Niemand würde je ein Lied über ihn singen, keiner würde von seinem leidvollen Ende erfahren. Wenn die Kreatur seinen Hunger gestillt hätte, würden die Krähen und die Raben den Rest des Kadavers für sich beanspruchen. Lediglich die Knochen würden bleiben und, im Laufe des Winters, unter dem Schnee verschwinden.

Als das Heulen schließlich verklungen war und die alles bedrückende Stille der Finsternis und Einsamkeit wieder über die Kreatur kam und das Tal für sich ein vernahm, da ging die Kreatur vor seiner Beute in die Hocke. Es schlug die Zähne in das rohe, blutende Fleisch und riss sich große Stücke aus dem Leib, welcher da dampfend und blutend im Schnee lag. Ein Fraß für die Krähen. Feine Nebelschwaden und Dunstfäden stiegen von dem Kadaver auf, welche davon zeugten, dass der Leichnam noch nicht allzu lange hier lag. Die ganze Luft roch nach Eis und Winter und es stank nach Angst und Schweiß, Blut und Tod. Die Kreatur hatte seinem Opfer lange nachgestellt. Immer wieder hatte es die Spur verloren und am Tag war es blind und schwach gewesen. Doch die Nacht war sein Verbündeter. Die Nacht machte ihn stark. Und nun, nach drei ganzen Tagen, hatte sie das Opfer gefällt und gerissen. Süß schmeckte der Lohn der Hatz. Das schlagende Herz hatte die Kreatur, kaum als das Opfer in den tiefen Schnee gefallen war, aus der Brust gerissen und verschlungen. Doch langsam kroch die Kälte in den Leib. Raureif und Frostkristalle bildeten sich an den Wundrändern, welche immer wieder hinfort gewischt wurden, wenn die Kreatur sich in dem Fleisch des Toten verbiss. Blut troff der Kreatur zwischen den Lefzen hervor und tränkte sein stinkendes, schweißnasses Fell. Knochen brachen, Blut schmatzte und ein tiefes Knurren erfüllte die sterbende Nacht. Lediglich begleitet von dem lauen Wind, welcher langsam aufkam und über das Eis und den Schnee hinweg fegte. Der Wind brachte die Bäume zum Schwanken, sowie deren Äste zum Tanzen und der feine Schnee, welcher am Tag zuvor hernieder gefallen war, rieselte von ihren dünnen, knorrigen und feinen Fingern, gleich einem schimmernden Regen aus Eissternen und feinem Glas. Der matte und kühle Mondschein brach durch die Wolkendecke und tauchte das feine, glitzernde Gestöber, welcher durch den Wind von den Ästen der Bäume geweht wurde, in einen verwunschenen, magischen Schein. Doch die Kreatur hatte keinen Sinn für derartige Dinge. Es kümmerte sie nicht. Besonders jetzt nicht, da der Tag anbrach und die Finsternis der Nacht langsam dem Schein der Sonne wich, welche sich über den Horizont schob. Seine Haare sträubten sich und der Widerstand begehrte gegen das auf, was bald kommen würde. Der Tod der Nacht, war auch das Ende der Kreatur. Unausweichlich. Es gab keinen Ausweg und auch kein Versteck. Selbst in der tiefsten Höhle bezwang die Sonne die Bestie. Und dafür hasste sie die Sonne. Diese verfluchte, gleißende Sonne. Die Ewige Nacht, welch' ein Segen wäre sie. In den hohen Eislanden sollte es Orte ewiger Finsternis geben. Dort würde sie frei sein, eines Tages. Doch heute nicht. Heute würde die Sonne erneut obsiegen und zurück bliebe nur eine schwache, dunkle Gestalt. Kaum fähig dem Eis und der Kälte des Winters der wilden Lande zu trotzen. Die Kreatur suchte kein Versteck. Sie versuchte gar nicht erst, sich zu verbergen. Sie hatte es früher getan, doch hatte es nichts genützt. Und nun stand sie da, erwartete die Sonne und ihren Niedergang. Furchtlos und voll eisernem Willen. Die Nacht würde wieder kehren, und mit ihr die Kreatur.

Mit strengen Blicken starrte das fremde Wesen auf den Horizont, welcher von den unzähligen, dürren und vereisten Fingern der toten Bäume durchwirkt war. Es glich beinahe einem Gewirr aus Dornen und Spinnweben, in diesem Zwielicht der Morgendämmerung. Es dauerte nicht lange. So lange die Nacht auch andauerte, wenn erst einmal der Morgen graute, blieb kaum mehr Zeit sich der Sonne zu stellen. Und kaum brachen die ersten Sonnenstrahlen durch das Dickicht der Bäume, da durchzog ein sengender und beinahe unerträglicher Schmerz den Leib der Kreatur. Knochen brachen und sie stürzte zu Boden, in den kalten Schnee. Sie krümmte sich und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Aber so wie jede Nacht, gab es auch vor den Schmerzen kein Entrinnen. Der Schmerz war sein ständiger Begleiter. Er umarmte den Schmerz, er ertrug den Schmerz. Doch beherrschen ließ er sich nicht davon. Es dauerte nicht lange, da war der Schmerz vorüber. Zurück blieb nur eine dunkle, kümmerliche Gestalt, welche im Schnee lag und schwer atmete. Ihr Atem ging unregelmäßig und beinahe hektisch und stolpernd. Ganz im Gegensatz zu dem Atem der Kreatur, welcher rhythmisch und beständig gewesen war. Die Gestalt richtete sich vom Schnee auf und schüttelte kurz darauf die Hände, ob der Kälte welche ihr in die Hände kroch. Hastig richtete sich die Gestalt auf und sah sich suchend um. Wo war sie? Mitten im Niemandsland. Die weite Kutte trug sie noch am Leib, sie hatte der Verwandlung Stand gehalten. Doch die Schuhe aus dem dicken Fell waren fort. Er hatte sie am Abend ausgezogen, um sie nicht zu zerstören, doch nun war er an einem anderen Ort erwacht, als er in der Nacht entschlafen war. Wo war er hier? Wo war der Wald? Er wandte sich auf dem Fuße um und entdeckte den Waldrand weit hinter sich. Wirre Fußspuren führten vom Wald direkt zu ihm. Die Fußspuren eines hochgewachsenen Mannes. Doch waren da noch andere Spuren. Die großen Pfoten eines wilden Tieres. Ein Wolf? Ja, diese Frage würde sich wohl so mancher stellen, wenn er diese Spuren im Schnee finden würde. Doch nicht Nor. Er kannte diese Spuren nur zu gut. Es war die unverkennbare Fährte eines Werwolfs. Seine Fährte.

Seine Blicke folgten der Fährte vom Wald bis zu seinen Füßen. Und dort endete die Spur, abrupt und brutal. Blut! Überall war Blut. Der Schnee rings um ihn war aufgewühlt und in den verschiedensten Facetten dieser blutroten Farbe getaucht worden. Das warme Blut hatte den Schnee stellenweise geschmolzen, bevor es selbst gefroren war. Und inmitten dieser Blutlache lag ein zerrissener und verstümmelter Leichnam. Nor konnte nicht sagen, um was es sich hierbei genau handelte, denn der Körper war bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden. War es ein Mensch gewesen? Oder einer von seinem Volk? Bedauern legte sich auf seine Miene und er senkte für einen Moment sein Haupt, während er die Augen nieder schlug. »Agh rok Gosh.« Friede deinem Geist. Doch Nor war nicht allein. Ein halbes Dutzend Raben hatte sich zu ihm gesellt und sie zankten sich lauthals um die Beute, welche zu seinen, wie auch zu ihren Füßen lag. Auf dem Gesicht hockte ein besonders großer Rabe, welcher ein wunderschönes, violett schimmerndes Gefieder hatte und hackte mit seinem scharfen Schnabel in den Augenhöhlen des Toten herum. Die Augäpfel waren bereits verschwunden. Nor sah sich suchend um, doch konnte er keinen davon entdecken. Hatten sie die Augen bereits verspeist? Nor zuckte mit den Achseln. Dieser Blutgeist brauchte keine Seelenfenster mehr. Er würde ewig an diesen Ort gebunden sein. Immerdar. Nur Nor konnte ihn Erlösen, denn Nor hatte ihn verdammt.

Das Krähen der Raben riss Nor aus seinen Gedanken. Sie saßen auf dem Kadaver und hackten auf sich ein. Die guten Dinge hatte der Werwolf bereits für sich beansprucht, doch gab es immer einen Grund zum Streiten. Dies war die Natur allen Lebens, ob Mensch oder Tier. Erneut ließ Nor seine Blicke über den Ort des Todes schweifen und erkannte die unzähligen Spuren, welche die Raben im Schnee hinterlassen hatten. Beinahe schien es, als ob hunderte Raben diesen Ort heimgesucht hätten, dabei konnte Nor sie beinahe an einer Hand abzählen.

Schließlich riss ein unangenehmes Gefühl Nor aus seiner Lethargie. Seine Füße brannten und pochten, ob der Kälte des Schnees und er hüpfte von einem Bein auf das andere. »Ksh! Ksh! Re Nak Nor!«, rief der schwarze Schamane und fuchtelte dabei wild mit seinen Händen herum, um die schwarzen Vögel zu vertreiben. Und sie krächzten und schnarrten empört, schlugen mit den Flügeln und flatterten davon. Doch nicht allzu weit. Die Beute war zu verlockend, um sich einfach davonjagen zu lassen. In dieser Einöde gab es nicht allzu oft einen derartigen Leckerbissen. Und so legten die Vögel die Köpfe schief und beobachteten Nor, aus sicherer Entfernung, während sie immer wieder ein Stück näher hüpften, vorsichtig krächzten, empört schnarrten, den Kopf schief legten um Nor zu beobachten oder sich gegenseitig bekämpften. Nor hingegen scherte sich nicht mehr um die Seelenvögel. Er ging vor dem Toten in die Hocke und begann damit die dicken Lederbänder, welche die Fellschuhe zusammen hielten, aufzuschnüren. Seine Finger waren kalt und zitterten leicht und das Leder war nass und stellenweise gefroren, was es ihm nicht gerade erleichterte, die Knoten zu lösen. Doch irgendwann hatte er es vollbracht und hatte dem Leichnam die Schuhe ausgezogen, nur um sie sich selbst über die blanken Füße zu stülpen. Auch die Handschuhe und die dicke Fellmütze nahm Nor an sich, und dann trat er von dem Leichnam zurück und offenbarte den Raben seine beiden, offenen Hände. »Gar.«, murmelte er nur und überließ ihnen den Leichnam. Und kaum hatte Nor sich weit genug von dem Kadaver entfernt, da stürzten sich die Raben auch schon wieder über ihn her, zankten um die beste Beute und hackten in das gefrorene Fleisch.

Nor hingegen wandte seinen Blick zum Wald, aus welchem die Fußspuren hier her führten. Er seufzte, doch führte kein Weg daran vorbei, wenn er seinen Stab wieder haben wollte. Der Werwolf scherte sich nicht um Nors Wünsche. Er scherte sich nicht um die Dinge, die Nor teuer waren. Und es interessierte ihn nicht, dass Nor oft den halben Tag damit zubrachte, den Weg zurück zu gehen, welchen er gekommen war. Der Werwolf lebte nur für die Jagd. In interessierte nur die Nacht. Nicht mehr und nicht weniger. Und so stapfte Nor durch den tiefen Schnee und kämpfte sich durch die Einöde des Winters. Immer entlang der Spuren im Schnee. Die Spuren verrieten sehr viel über die Geschehnisse der letzten Nacht, denn sie waren ein wirres Zeugnis der Flucht. Das Opfer war gerannt, so gut es der Schnee eben zuließ. Doch im Schnee war der Werwolf überlegen. Oft war die Beute zu Fall gekommen. Die Furcht konnte mitunter quälend lähmend sein, und sie verleitete zur Unachtsamkeit. Mit jedem Sturz, dem das Opfer erlegen war, war auch die Bestie näher heran gekommen, bis sie ihr Opfer schließlich eingeholt hatte. Nor wandte seine Blicke von den Spuren ab. Er wusste wie die Hatz ihr Ende fand und diese Gewissheit lastete schwer auf seinem Herzen.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, erreichte Nor den Waldrand, und auch das Lager, welches er in der vorherigen Abenddämmerung aufgeschlagen hatte. Er griff in die unberührte Schneedecke und formte daraus einen kleinen Schneeball, an welchem er zu lutschen begann, um etwas Wasser zu sich zu nehmen. Ein Gutes hatte der Winter. Verdursten konnte man nicht. Wenngleich das Drohen des Verhungerns ständig über einem schwebte, gleich einem unheiligen Damoklesschwert. Das Lager war noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Die kleine Senke, in welcher er das Feuer für die Nacht entzündet hatte, und in welcher nur mehr Asche und erkaltete Kohle lag. Auch der Schlafplatz war noch da, auch wenn er völlig verwüstet und aufgewühlt worden war. Das Fell war zerrissen und die Erde aufgewühlt und in alle Richtungen verstreut worden, so dass der Schnee, welcher rings um das Lager lag, mit unzähligen erdigen Klumpen durchsetzt war. An dem Baum, neben der Schlafstelle, lehnte der Totemstab. Nors Objekt der Begierde. Der kleine Beutel, welcher am Fuß des Baumes war, enthielt nur ein wenig Proviant und einige Habseligkeiten, welche Nor zwar schätzte, aber nicht zum Leben brauchte. Doch die kleinen, tönernen Gefäße, die an dem Gürtel hingen, welcher auf jenem Beutel lag, waren von immenser Bedeutung für den Schamanen. Er nahm jedes einzelne Gefäß zur Hand und überprüfte seine Unversehrtheit. Zufrieden nickte er, als er feststellte, dass alles unbeschädigt war. Und so warf er sich die Riemen über den Leib, schulterte den ledernen Beutel, rollte das Fell ein und nahm sich seinen Stecken zur Hand. Kurze Zeit stand er noch ein wenig unschlüssig am Waldesrand und blickte in jene unheilvolle Richtung, aus welcher er gekommen war. Eigentlich hatte er kein Interesse in jene Richtung zu gehen, doch geboten es ihm zwei Dinge, eben jenen Weg einzuschlagen, welchen er gekommen war. Da sein Weg ihn erstens ohnehin in jene Richtung führte, blieb ihm kaum eine andere Wahl, als diesen Pfad nun auch erneut einzuschlagen. Doch der zweite Grund appellierte an Nors Ehre. Zumindest das, was Nor unter Ehre verstand. Er musste dem Toten seine Ehrerbietung erbringen, denn er war durch seine Hand zu Tode gekommen. Er war es ihm schuldig, so fand Nor, und so setzte er sich wieder in Bewegung. Zurück, durch den Schnee, folgte er erneut den Spuren. Den Spuren des Jägers und denen des Gejagten. Des Gejagten, der zum Opfer wurde und am Ende dieser Spur in einem Meer aus gefrorenem Blut und Eis lag.

Der Rückweg gestaltete sich als zügiger, als der beschwerliche Hinweg. Natürlich hatte Nor stets im Hinterkopf, dass er sich sputen musste. Denn würde erst einmal die Nacht hereinbrechen, würde der Werwolf wieder die Oberhand gewinnen. Die dichten Wolken, welche beinahe den gesamten Himmel für sich einvernommen hatten, ließen kaum das Licht des Kometen hernieder leuchten, welches Nor so sehr vermisste. In jenen Nächten, als der Komet das erste Mal den Nachthimmel erhellt hatte, war Nor der Mann geblieben, der er in Wahrheit war. Nor. Kein Werwolf, keine blutrünstige und mordende Kreatur. Die letzte Nacht war nun bereits die dritte in Folge, in welcher der Blutgeist ihn ihm Stich gelassen hatte. Und das nur wegen der Wolken. So wie der Werwolf die Sonne hasste, so hasste Nor diese Wolken. Doch hatte Nor keine Zeit. Das Ritual verlangte Ruhe und Sorgfalt. Zeit, die Nor kaum mehr hatte, nun, da er so viel davon verloren hatte, nur um sein Hab und Gut zurück zu holen. Der Werwolf war auf der Jagd gewesen. Jede Nacht. Und nun, da er endlich seine Beute erlegt hatte, konnte Nor darauf hoffen, dass er in der Nacht ruhen würde.

Schließlich erreichte Nor wieder den Leichnam. Das Geschrei der Raben tönte schon von Weitem an seine Ohren und störte die Ruhe dieses Ortes, welcher sonst wie tot da lag, begraben unter einer dicken Schicht aus Eis und Schnee. Doch die Raben verliehen diesem Ort Leben. Schwarzes Leben, doch war es Leben. Und so breitete Nor das zusammengerollte Fell vor dem aufgerissenen Leichnam aus und ließ sich in einem Schneidersitz darauf nieder. Kaum hatte er sich nieder gelassen, da begann er auch schon zu murmeln und zu summen. Ein altes Lied aus fernen Tagen, längst vergessen von den Sterblichen. Doch Nor hatte es wieder gefunden. Es von den Toten gelernt. Das Lied der Toten, wie er es nannte. Für gewöhnlich, wenn Nor die Geister zu rufen gedachte, musste er erst ihre Natur in Erfahrung bringen. Doch hier lag die Natur des Geistes buchstäblich auf der Hand. Das Blut war kaum zu übersehen, und die tiefen Bissspuren und die aufgerissenen Wunden, welche nur von scharfen Krallen herrühren konnten, ließen keinen Zweifel an der Art und Weise, wie dieser Mann zu Tode gekommen war. Es konnte nur ein Blutgeist sein. Nor seufzte. Ein Nebelgeist wäre ihm weit lieber gewesen, doch sind es immer Blutgeister, wenn sie durch den Werwolf fallen. Und so knotete Nor langsam seinen Beutel auf, welchen er auf dem Rücken getragen hatte, und zog eine kleine, hölzerne Schale daraus hervor. Als er die Schale zur Hand hatte, erhob er sich aus dem Schneidersitz in die Hocke und beugte sich über den Leichnam. Er war schon hart und stellenweise lief die Haut schon blau an. Allerdings war nicht mehr sehr viel Haut übrig, denn der Werwolf hatte den Raben nur sehr wenig übrig gelassen, und diese hatten mit ihren scharfen Schnäbeln dem Leichnam förmlich den Rest gegeben. Hier und da hockte noch einer jener schwarzen Vögel, doch putzten sie sich lediglich das Gefieder, oder pickten nur neugierig an der Leiche herum, ohne ein richtiges Interesse für diese zu hegen. Und so konnte Nor ungestört etwas Blut ernten. Er ging vor der Leiche in die Knie und begann damit einige, lockere Stücke aus dem Körper zu reißen. Dies gestaltete sich als schwieriger als man glauben mochte. Das Fleisch war größtenteils gefroren und es war kalt und glatt gefroren. Nor bekam kaum etwas richtig zu fassen, und so fluchte er und schimpfte, während er versuchte das Fleisch von den Knochen zu reißen. Doch alles vergebens. Grummelnd und unverständliche Worte brummend, fischte er mit seinen, von gefrorenem Blut, verschmierten Fingern in dem Beutel herum, bis er sein Steinmesser zu Tage gefördert hatte. Mit diesem war es dann ein Leichtes, das Fleisch aus dem Leichnam zu schneiden und dann war Nor es zufrieden, aber achtlos in die Schüssel und widmete sich wieder dem Ritus.

Ein wenig missmutig stocherte Nor in dem gefrorenen, blutigen Klumpen herum, doch zufrieden war er nicht. Er brauchte das Fleisch nicht, lediglich das Blut, welches aber aufgrund der eisigen Kälte mehr Eis als Blut war. Und so schnaufte Nor wieder ungehalten und stellte die Schüssel grummelnd zur Seite. Er brauchte ein Feuer und hatte nur wenig Holz bei sich. Das kleine Reisigbündel, welches er immer in das Fell eingewickelt hatte, gab kaum noch etwas her. Doch war ihm auch bewusst, dass er heute ohnehin nicht mehr weit kommen würde, selbst wenn er sofort aufbrechen würde, und so konnte er auch gleich sein Lager hier aufschlagen, wenngleich ihm dieser Gedanke alles andere als behagte, denn er empfand ein nicht unerhebliches Maß an Ekel, neben dieser ausgeweideten Leiche schlafen zu müssen. Und so häufte Nor etwas von dem Reisig auf und schichtete die hölzernen Schneeschuhe, welche der Tote am Rücken hatte, ebenfalls auf das Feuer. Sie waren ohnehin beschädigt worden und zu nichts mehr nütze. Mit seinem Zunderstein und dem Feuerstein in der Hand ging er in die Hocke und begann damit die beiden Steine immer wieder gegeneinander zu schlagen, während er vorsichtig in die Glut pustete, welche von den beiden Steinen immer wieder davon stob. Es war feucht und kalt und dauerte eine halbe Ewigkeit, bis endlich die Flamme auf das trockene Holz überging. Sofort begann es zu knistern und zu knacken und die Flamme fraß sich in atemberaubender Geschwindigkeit in das Holz hinein. Nor nutzte sogleich die Wärme des Feuers, um sich aufzuwärmen, während er darauf wartete, dass der gefrorene Fleischklumpen auftaute.

Während Nor wartete, starrte er wie gebannt auf den Raben, welcher auf dem Kopf des Toten saß, und immer wieder in die leeren Augenhöhlen pickte. »Grik nrhe?«, murmelte er fragend, obwohl er genau wusste, dass der Rabe ihn weder verstand, noch ihm eine Antwort geben würde. Doch für einen Augenblick hielt der Vogel in seinem Tun inne und legte den Kopf ein wenig schief und starrte den Schamanen mit seinen schwarzen, unheimlichen und geheimnisvollen Augen an. Doch kurz darauf wandte er seinen Blick wieder von dem Ork ab und malträtierte weiter die leeren, blutigen Augenhöhlen des Leichnams. Nor hob neugierig den Kopf und beobachtete den Vogel weiterhin, doch dieser schien sich von Nors Blicken gestört zu fühlen und begann unruhig zu werden. Zuerst hob er immer wieder den Kopf, doch als Nor nicht damit aufhörte, ihn anzustarren, begann der Rabe beleidigt zu schnarren und hüpfte einige Zoll vor dem Schamanen davon um ihn aus einer sicheren Distanz hin zu beäugen. Das wiederum zauberte Nor ein Lächeln aufs Gesicht und er wandte sich wieder seinem Ritual zu. Das Feuer hatte das Fleisch zumindest so weit aufgetaut, dass er das Blut daraus gewinnen konnte. Und so nahm er den kalten Klumpen in die Hand und drückte ihn in seinen Händen fest zusammen. Wie eine verdorbene Quelle trat das Blut aus dem Fleisch hervor und rann ihm förmlich durch die Finger. Das meiste tropfte in die Schale, aber einiges lief auch an seinen Unteramen entlang und tropfte von seinem Ellbogen in die weite Robe hinein, was wiederum seinen Unmut schürte. Und so warf er kurzerhand das ausgepresste Fleisch von sich und wischte sich seine Hände im Schnee ab. Als er das Blut endlich in der Schüssel hatte, musste er schnell handeln, bevor es wieder gefrieren konnte. Und so fuhr er sich mit seinem Steinmesser über die Handfläche und presste die Wunde zusammen, damit auch sein eigenes Blut in die Schale tropfen konnte. Dabei begann er in seiner Sprache das Lied der Toten zu singen, welches er zuvor schon angestimmt hatte. Die fremdartigen Worte und Laute wurden von dem Wind davongetragen und er hatte sich wieder in dem Schneidersitz niedergelassen, um sich auf den Ritus vorzubereiten. Suchend kramte er in seinem Beutel nach einer kleinen Schachtel und als er sie endlich zu Tage gefördert hatte, da hielt er mit seinem Gesang für einen Augenblick inne. Behutsam und beinahe andächtig öffnete er die Schachtel und förderte daraus eine der Wurzeln des Milchbaumes zu Tage, welche er ebenso in den blutigen Sud hineinpresste. Als dies geschehen war, vermischte er alles und begann sich, mit seinen langen Nägeln, orkische Zeichen und die Symbole der Totemgeister auf die Haut zu malen.

Dieses Ritual war aufwändig und nahm viel Zeit in Anspruch. Zeit, die Nor benötigte, um sich auf den eigentlichen Ritus vorzubereiten. Diese Rituale halfen ihm, seine Konzentration zu sammeln, um sich auf den Totenruf zu konzentrieren. Aber schlussendlich hatte er alle Vorbereitungen getroffen. Die Schüssel mit dem Blut lag ruhig in seiner Hand und auf seiner Haut waren unzählige, rote Zeichen aufgemalt worden. Er hatte die Augen geschlossen und sang, leise und kaum hörbar, immer wieder das gleiche Lied. Es war monoton und klang fürchterlich. Vielleicht lag es daran, dass Nor nicht sonderlich gut singen konnte. Oder einfach an der Sprache seines Volkes, in welcher das Lied verfasst worden war. Doch hockte er einfach nur da, wiegte sich immer wieder vor und zurück, und sang dieses Lied. Und als die Sonne schon weit über den Zenit hinaus gegangen war, da riss er mit einem Mal die Augen auf und starrte dem Leichnam tief in seine leeren, von Blutlachen gefüllten Augenhöhlen. Er starrte und sang. Doch nun wurde sein Gesang fordernder. Beinahe befehlend. Als ob er dem Geist keine andere Wahl ließ, als zu ihm zu kommen. »Gre zoh Nah!«, schrie Nor und sein Blick verklärte sich zusehends, bis er mit einem Mal in seinem Gesang inne hielt. Das Feuer war erloschen und Nor hob langsam die Schüssel, in welcher noch das Blut des Toten, wie auch das seine, schwamm und stürzte den Inhalt, welcher fürchterlich nach verrostetem Eisen schmeckte, in einem Satz hinunter. Sofort überkam Nor das mulmige Gefühl der Betäubung. Das Harz des Mandelbaumes entfaltete seine Wirkung unglaublich schnell und Nors Augen begannen wild zu flackern, während seine Stimme eisern und kalt blieb. Fordernd befahl er den Geist zu sich, während sein eigener Geist davon zu gleiten drohte.

»Wer bist du?«, herrschte mit einem Mal eine drohende Stimme durch die Luft. »Re soh ka?, fragte Nor wiederum. Dieser Tote war nicht von seinem Volk gewesen. Es war ein Mensch. Ein Mensch, dessen Sprache Nor nicht verstand. Und so verzichtete Nor auf weitere Worte und ließ seinen Geist sprechen. Im Geiste waren sie eins, und es bedurfte keiner Worte um sich zu verstehen. Nor gab sich dem Blutgeist zu erkennen, als das was er war. »Ich bin dein Mörder.« Die Bilder fluteten Nors Kopf, als er nur daran dachte, wie der Werwolf diese arme Seele zu Tode gehetzt hatte, nur um sich am Ende der Hatz an seinem Fleisch und seinem Blut gütlich zu tun. Doch der Geist schenkte Nor keinen Glauben. Bilder von einem großen, dunklen Wolf zuckten durch Nors Kopf und er senkte müde die Augenlider »Das ist mein Fluch. Und auch dein Fluch, der dich das Leben kostete.« In jenem Moment erkannte der Geist, dass Nor die Wahrheit sprach. Blankes Entsetzen keimte in ihm auf, doch wurde es jäh von einer unbändigen Wut und einem tiefen Hass verdrängt. »Verschwinde! Verrecken sollst du, Brut der Nacht!« Nor hatte mit so einer Reaktion gerechnet. In Wahrheit erwartete er diese Reaktion, wie könnte man ihm den Mord an sich selbst vergeben? Könnte er dies? Er vermochte sich diese Frage nicht einmal selbst zu beantworten. Und doch keimte in Nors Herzen jedes Mal die Auflehnung, wenn seine Entschuldigung, welche stets von wahrem Herzen kam, abgelehnt wurde. »Kannst du mir vergeben?«, formte Nor die Frage in seinem Kopf, doch wurde er harsch von dem Blutgeist unterbrochen. Wie ein schneidendes Schwert, welches ihm durch den Geist fuhr, wich Nor vor den scharfen Worten des Toten zurück, als dieser gegen Nors Frage aufbegehrte. »Niemals! Du verfluchter, dreckiger Sohn einer unehelichen Hure! Mögest du vergessen werden und dein Körper Fraß für die Krähen! Du elendige, dreckige Schwarzhaut!«, schimpfte der Geist und Nor brach den Kontakt zu ihm ab. Mit einem Mal fühlte sich Nor so leer und so müde, wie schon lange nicht mehr. Die verhallenden Worte des Geistes dröhnten in dem einen Moment noch durch seinen Geist, und schon im nächsten waren sie verklungen und er war wieder alleine. Alleine und verbittert. Und die Kälte kroch ihm in die Glieder. Unnachgiebig, Unbarmherzig und lockend. Der lockende, kalte Tod, welcher ihm an jeder Ecke auflauerte um ihn in das Netz des Niedergangs zu locken. Doch Nor widerstand den Verlockungen des Todes. Die Sonne ging bereits unter, und wenn es Nacht wurde, und die Bestie in ihm, die Kontrolle über ihn übernahm, würde alle Kälte vergessen sein. Das Blut der Kreatur brannte wie Feuer und es war stets ruhelos. Rastlos und immer wütend. Es würde durch den Schnee rennen und wild den Mond anheulen. Es käme niemals zur Ruhe. Nicht heute und auch nicht morgen. Der ewige Fluch des Mondes. Doch er erhielt Nor an diesem eisigen und verflucht kalten Ort am Leben.

Doch noch war die Sonne nicht hinter dem Rand der Welt versunken. Noch hatte Nor Zeit. Und so band er sich die Knochensichel vom Gürtel und ging vor dem Leichnam auf die Knie. »Vreng or Prok.« Vergebung oder Pein. Nor ließ dem Toten keine Wahl. Er setzte das Steinmesser an dem Hals des Leichnams an und mit einem kräftigen Schlag trieb er die steinerne Klinge in den Hals und durchtrennte so die Wirbel, welche den Kopf am Rumpf hielten. Mit einigen gezielten Stichen und Schnitten hatte er schnell den Kopf abgetrennt und hielt ihn dann mit beiden Händen und starrte ihm lange, beinahe geistesabwesend in die leeren, anklagenden Augenhöhlen. Doch Nor fürchtete den Tod nicht. Nor fürchtete auch den Zorn der Geister nicht. Und so legte er sich den entstellten Schädel in den Schoß und begann mit der Knochensichel die Haut und das wenige Fleisch vom Knochen zu schaben. Immer wieder und wieder, bis der ganze Schädel frei von Blut war. Er wusch ihn mit Schnee ab und hielt ihn immer wieder in das zwielichtige Licht der untergehenden Sonne, bis er schließlich zufrieden nickte.

Er hielt den Schädel mit beiden Händen über seinen Kopf und schloss dabei wieder die Augen. »Bist du noch da?«, fragte er in die schattenumwobenen Reiche seines Geistes, doch erhielt er keine Antwort. Nur Verachtung und Ablehnung schwoll ihm entgegen. Nor hingegen ließ sich davon nicht beirren. Nor öffnete die Augen und starrte den Raben an, welcher nicht weit von ihm im Schnee hockte und den Ork neugierig anstarrte. Der Ork lächelte den Vogel verschroben an und schnellte kurz darauf mit der Geschwindigkeit einer zustoßenden Schlange nach dem Vogel. Er hatte seine Hand zu einer grotesken Klaue geformt und schnappte nach dem Raben, doch dieser war geschickter als der Ork. Er entkam dem Schamanen und erhob sich wild krächzend in die Lüfte. »Aargh!«, brüllte der Schamane unzufrieden und sprang sogleich auf die Beine. Wütend warf er den Totenschädel in den Schnee und stellte dem Raben nach. Doch weit kam der Totenhorcher nicht mehr. Denn die Sonne war untergegangen. Der Mond stand hell am Himmel, doch konnte man ihn kaum sehen, denn die dichten Wolken hatten den Mond verhangen, gleich einem Vorhang der Nacht, welcher die Bühne der Dunkelheit verhängte. Das rote Leuchten des Kometen, schimmerte am Horizont, doch das Licht des Mondes war stärker und wieder verfluchte Nor die Wolken, als der Schmerz ihn übermannte und er, nach Luft ringend, in den kalten Schnee stürzte.

Der Werwolf zerrte an seinen Ketten und schrie nach der Freiheit der Nacht.
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Der absoluten und ungebrochenen Freiheit. Eine Freiheit, wie sie nur der Mond zu schenken vermochte. Die Sonne spendete Leben, sagte man. Doch der Mond gab die Freiheit. In der Nacht war er sein eigener Herr. Ungebunden, unbeugsam, ruhelos. Er war der Gebieter über Leben und Tod. Wohin er ging, konnte nichts und niemand widerstehen. Er war die reißende Bestie, die ihren Feind jagt, ihn stellt und ihn verschlingt. Er war der Verschlinger. Der Verschlinger von Mut, Hoffnung und Zuversicht. Er war der Sucher. Er ergötzte sich an dem Leid, der Angst und der Verzweiflung. Er war das drohende Unheil, welches sich am Horizont abzeichnete, und welchem man dennoch nicht entkommen konnte. Wie die Zeit, so war er unaufhaltsam. Sandkorn für Sandkorn, rann die Zeit durch das Stundenglas und Schritt für Schritt rannte der Werwolf durch den hohen Schnee dieser trostlosen Lande. Jede einzelne Fußspur ein Zeugnis seiner Wut, ein Zeugnis seiner Kraft und seines zügellosen, unbändigen Zorns. Ein Omen des Grauens. Das warme Blut seiner Feinde, das schlagende Herz seiner Opfer, diese Dinge waren es, wonach es ihm verlangte. Diese Dinge waren es, die ihm Kraft verliehen. Die Kraft zu leben. Die Kraft zu töten. Er kannte keine Rast, er kannte keine Gnade. Nur den Tod …

Als die Nacht die Sonne schließlich niedergerungen, und sie sich hinter dem Horizont zurückgezogen hatte, da verebbte ein gequälter Schrei einer gemarterten Seele, welcher die Nacht zerrissen hatte. Bemitleidenswerte Kreatur … Bedrückende Stille herrschte nun, wo noch vor wenigen Augenblicken die Verzweiflung der Hort dieses Ortes war. Doch nun legte sich eine einvernehmende Totenstille über das Land. Nichts war zu hören, nicht einmal der Wind. Kein Vogel sang, kein Wolf heulte, kein Blatt raschelte im Wind. Nein, nicht einmal der Wind wagte es zu wehen. Als ob diese Welt im Sterben lag und ihren letzten, langen Atem anhielt. Doch dann, urplötzlich, wurde diese Stille von einem Ruf durchbrochen. Ein sehnsüchtiger Ruf. Ein Mark erschütternder Ruf, welcher ausschließlich dem Mond galt. Das Heulen des aufkeimenden Windes erzitterte, vor dem Laut, welcher einer einzelnen, blutrünstigen Kehle entkommen war. Ein Heulen der Nacht, denn der Werwolf war erwacht. Erneut stand er neben dem Kadaver, welchen er in der Nacht zuvor gerissen hatte, hielt den Kopf schräg und bedachte den Leichnam mit neugierigen Blicken. Etwas war anders, als in der Nacht zuvor. Das Blut war längst erkaltet, der Leichnam entweiht. Doch etwas stimmte nicht. Die Kreatur ging vor seiner Beute in die Hocke und bedachte sie mit forschen Blicken. Es schnüffelte und sog den Duft des Todes und den Gestank der Angst, welcher diesem Ort noch immer anhaftete, in sich auf. Es umkreiste das Fleisch, das Blut, die Knochen. Der Schnee war aufgewühlt vom dem Kampf der Pein. Das Wesen, welchem der Werwolf Nacht für Nacht die auferlegten Ketten seiner Gefangenschaft sprengte, hatte gekämpft und sich gewehrt. Es hatte sich im Schnee gewälzt, von Schmerz geplagt von Pein erfüllt. Doch es war zwecklos. Niemand konnte den Ruf der Nacht verstummen lassen. Keiner konnte sich dagegen erwehren. Er war zügellos und unbeugsam. Rücksichtslos – Erbarmungslos - Gleichgültig. Das Schicksal dieser verlorenen Kreatur kümmerte den Werwolf nicht.

Neugierde. Erneut wurde das Interesse für den Kadaver in der Kreatur geweckt und es wandte sich von den Spuren im Schnee ab. Und da bemerkte es den Unterschied. Der Kopf fehlte. Er lag im Schnee, bleich, blank und blutig. Was hatte dies zu bedeuten? Unwissenheit erfüllte den Geist der Kreatur. Und wachsender Unmut, darüber. Es knurrte und es hob die Lefzen an. Er war der Räuber. Er war der Jäger. Niemand entweihte seine Beute. Er wollte den Schädel zertrümmern. Ihn vernichten, doch kam es nicht dazu, denn ein Flüstern drang an sein Ohr. Leise und diebisch, stahl es sich in seinen Geist und nistete sich dort ein. Augenblicklich riss der Werwolf seinen Schädel herum. »Befrei mich.«, säuselte die Stimme und die Augen des Werwolfs begannen suchend zu flackern. Seine Haare sträubten sich und er ging nieder, auf alle Viere. Er schnüffelte und pirschte witternd und knurrend um den Leichnam. Doch die Stimme wollte einfach nicht verstummen. Sie flüsterte und flehte. Sie grollte und schrie. Die Kreatur wurde unruhig und begann den Ort zu umkreisen, während sie immer wieder ihre Nase in den Schnee drückte, um eine mögliche Fährte zu wittern. Doch es gab keine Fährte. Nur den altbekannten, widerlichen Gestank des Ork, welcher ihm stets anhaftete. Nichts. »Du närrischer Tor!«, zischte die Stimme und der Wolf riss augenblicklich seinen Kopf herum. Doch konnte er nichts erkennen. Lediglich den erkalteten Leichnam, sowie einen kunstvoll verzierten Stab, in welchen unzählige Schnitzereien hineingearbeitet worden waren. Er lag in dem Schnee und war darin halb versunken, doch hatte der Stab etwas Drohendes und etwas Unheilvolles an sich, was dem Werwolf missfiel. Er fletschte die Zähne und hob zu einem knurrenden Drohgebärden an, als die Stimme erneut ertönte. Sie lachte, höhnend, gehässig und boshaft. Und dies trieb die Kreatur zur Weißglut. Sie machte einen Satz und richtete sich für einen kurzen Moment auf. »Du bist ein Narr.«, höhnte die Stimme und verleitete den Wolf sich erneut umzuwenden. Ein tiefes, drohendes Grollen entkam seiner Kehle und seine Klauen krallten sich unbarmherzig in den Schnee hinein. Immer tiefer und tiefer. Und immer wieder drehte sich die Kreatur, sog die Gerüche der Nacht in sich auf, und schüttelte den Kopf. All diese Eindrücke, überfluteten seinen Geist. Doch war er verwirrt. Wo eine Stimme war, da war auch ein Leib. Ein Opfer. Ein Feind, den es zu zerreißen galt. Doch nichts war da. Rein gar nichts. Nur die unerbittliche Kälte. Nur die finstre Nacht. Und nur der kalte, eisige Schnee. »Ich bin hier.«, dröhnte die tiefe Stimme an sein Ohr, und der Werwolf richtete neugierig seine Ohren auf. Doch konnte er nicht sehen. Nur den Stab. Und so näherte er sich dem Ding, welches da unberührt im Schnee lag. Die Kreatur drückte seine Nase gegen das feuchte Holz, doch vernahm er nur den Geruch des Ork. Angewidert rümpfte es die Nase und schüttelte den Kopf, als der Geruch sich in seine Nüstern brannte. »Ja, hier.«, flüsterte die Stimme und der Wolf hob seine Klaue und hieb auf den Stab nieder. Schnee wurde aufgewirbelt und der Stab flog im hohen Bogen durch die Luft, nur um nicht weit von der Kreatur neuerdings im Schnee zu landen. »Gib dir mehr Mühe!«, herrschte die Stimme den Werwolf an und erntete so ein neuerliches Grollen. Die Kreatur hatte dieses Spiel satt. Mit schweren Schritten näherte sie sich dem Stab und beäugte ihn misstrauisch. Doch das Flüstern dieser penetranten Stimme wollte einfach nicht enden. Und so hob es zum zweiten Mal seine mächtige Pfote an. Doch dieses Mal drückte es den Stab einfach nur in den Schnee hinein. »Halt!«, begehrte die Stimme entrüstet auf. »Was machst du da?« Doch der Werwolf ließ sich nicht beirren. Weißer Dunst stieg aus seinem Rachen auf und verging in dem eisigen Hauch der Nacht. Und sie scharrte und grub und warf den Schnee auf den Stab, bis er gänzlich unter dem kalten, weißen Grab verschwunden war. »Verflucht seist du!«, spie die Stimme, doch wurde sie immer leiser und gedämpfter. Beinahe, als ob der Schnee sie ersticken würde. Sichtlich zufrieden schnaubte der Werwolf, als er sein Werk besah und spitzte erneut die Ohren. Doch die Stimme war verklungen. Nun herrschte wieder Stille. Eine befriedigende Stille. Die Anspannung fiel von der Kreatur ab und sie kehrte dem kalten Grab den Rücken.

Und so wandte sich die Kreatur wieder dem Kadaver zu, welcher nach wie vor an jenem Ort lag, wo sie ihn gerissen hatte. Während all der Schnee in zwielichtigen Schatten lag, schien das Blut, welches den Schnee getränkt hatte, beinahe zu schimmern. Ein sanfter Lichtschein fiel auf den Kadaver herab und verlieh dem Anblick, welcher sich der Kreatur darbot, einen Hauch von Majestät. Doch hatten die Krähen schon ihre Krallen und Schnäbel in das Fleisch getrieben. Das Interesse für diese Beute war erloschen. Sein Hunger war gestillt. Sehnsüchtig warf der Werwolf einen suchenden Blick gen Himmel und erkannte, dass die Wolkendecke aufgerissen war und den silbernen Mond, welcher über ihnen zu Gericht saß und förmlich auf den Wolken thronte, zu sehen war. Die Kreatur erhob sich aus ihrer kauernden Haltung und richtete sich zu ihrer vollen Gestalt auf. Sie schloss die Augen. Diese bedrohlichen, unheimlichen, brennenden Augen, welche beinahe wie flüssiges Gold anmuteten. Kostbare Kleinode aus reinem Bernstein, und so gefährlich wie der Tod. Die Kreatur warf den Kopf in den Nacken und entließ ein langes, nie enden wollendes Heulen, seiner Kehle. Der Mond war sein Befreier. Und irgendwo, in weiter Ferne, stimmte eine weitere, einsame Stimme in den Gesang der Wölfe ein.

Doch der Gesang war nicht von Dauer. Ein Wind kam auf und die Wolken begannen zu tanzen und sich zu drehen. Das Loch, welches den Mond preisgegeben hatte, schien stetig größer zu werden, bis bereits die ersten Sterne, welche dort am Nachthimmel hingen, zum Vorschein kamen. Und mit den Sternen, kam das rote Leuchten. Jenes Leuchten, welches bereits die letzten Nächte die Wolkendecke in blutrotes Gewand gekleidet hatte. Jäh erstickte der Werwolf sein Geheul, als die Wolken vom Wind davongetragen wurden und jenen Stern preisgaben, welchen er so sehr hasste. Der Fluchstern! Wut flammte in seinem Geist auf und der unbändige Hass, welchen er für diesen roten, sterbenden Stern verspürte. Die Kreatur knurrte und fletschte die Zähne, doch der Wind war diese Nacht nicht sein Freund. Freunde verraten einander nicht. Freunde gewähren ihren Feinden keine Macht. Doch der Wind vertrieb die Wolken und der rote Stern glühte am Horizont, gleich einem brennenden Schwert, welches den Nachthimmel scheinbar mühelos in zwei Hälften teilte. Zurück blieb nur die Wut, im Herzen dieser zornigen Kreatur. Es gab kein Entrinnen vor dem Blutgeist, denn das Licht dieses fallenden Sterns bereitete dem Werwolf Schmerzen. Seine Augen brannten, sein Geist schrie und sein Körper wurde schwächer. Ein gequälter Schrei entkam seiner Kehle und erstarb, noch bevor er gänzlich verklungen war. Die Kreatur warf sich in den kalten Schnee, bedeckte ihre Augen, vergrub ihre Krallen und warf das kalte Weiß wütend um sich. Und nur wenig später, kam sie zum Erliegen. Schwer atmete die Gestalt, welche in dem Loch lag, welches der Werwolf in den Schnee getrieben hatte. Kälte erfüllte seine Glieder und erschrocken riss es die Augen auf, als sie sich gewahr wurde, wo sie war.

Aus dem Schnee erhob sich eine dunkle Gestalt. Schwarz war ihre Haut, wie Kohle, doch glühten helle, weiße Zeichen auf ihrer Haut, als ob das flüssige Licht des Mondes in sie hineingebrannt worden wäre. Verwirrt sah die Gestalt sich um, bis sie ihren Blick zu jenem Gestirn erhob, welches dort brennend am Himmel verging. »Gor nokr.«, murmelte Nor, als er den Kometen am Himmel sah und betastete seinen Körper. Die Wolken waren fort. Und der Blutgeist hatte ihn wieder einmal von dem Fluch erlöst, welcher seinem Blut anhaftete. Doch er hatte kein Sinn diesen Augenblick zu genießen, denn eine unbarmherzige Kälte kroch ihm in die Glieder. Hastig rannte er zu dem Kadaver, neben welchem noch immer die Fellstiefel standen, welche er sich beim Einbruch der letzten Nacht ausgezogen hatte. Und dann zog er sein steinernes Messer aus der Tasche an seinem Gürtel und begann die Kleidung des Toten, welcher noch immer zu seinen Füßen im Schnee lag, in kleine Fetzen zu schneiden. Mit steifen und gefühllosen Fingern schlug er zitternd den Feuerstein und den Zunderstein zusammen, bis die herabstürzenden Funken endlich das kalte Gewand in Brand steckten und in hellen Flammen vergingen.
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Der Morgen graute und Nor musste seine Augen beschatten, um nicht von dem grellen Licht, welches den Schnee buchstäblich erstrahlen ließ, geblendet zu werden. Die frühen Morgenstunden waren unbarmherzig. Müde rieb er sich den Schlaf aus den Augen und klopfte sich den Schnee aus dem Umhang. Er hatte den Rest der Nacht kein Auge zugemacht und unentwegt auf den roten, scheinbar brennenden, Horizont gestarrt. Diese Nächte, die Neumondnächte, waren für ihn ein Segen. Frei vom Joch des Werwolfs, welcher sein Leben seit über elf Jahren bestimmte. Doch diese Nacht war kein Neumond. Kein schwarzer Mond hatte am Himmel gestanden, sondern eine silberne, schimmernde Sichel, welche immer wieder durch die Kronen der Bäume schnitt. Doch diese Nacht nicht. Diese Nacht waren die Wolken vom Wind vertrieben worden und hatten den feurigen und lodernden Kometen am Himmel offenbart, welcher bis dahin verborgen geblieben war. Und das rote Leuchten hatte den Werwolf in seine Schranken verwiesen. Nun saß Nor alleine im Schnee und kämpfte mit dem Schlaf, welcher ihn in den Augen brannte. Es gab so viel zu tun. Er konnte nicht in Untätigkeit verharren, denn die nächste Nacht kam. Und sie würde bald kommen. Und so raffte sich die schwarze Gestalt auf und trat den Schnee, unter seinen Füßen fest. Den roten Schnee, getränkt vom Blut des Opfers, welches der Werwolf vor zwei Nächten gerissen hatte. Jenes Opfers, welches Nor gerufen hatte. Er erinnerte sich an den Schädel, welcher achtlos im Schnee lag. Seine leeren und drohenden Augenhöhlen ragten aus der tiefen Schneedecke hervor und schienen Nor anklagend anzustarren. Doch dieser Ork war unter Knochen und Gebeinen geschmiedet worden. Er war der Herr der Toten. Er war der Fluch der Geister.

Mit gemächlichen Schritten schlurfte die müde Gestalt durch den Schnee und hinterließ eine tiefe Spur im kalten Weiß. Eine Spur, welche von dem Kadaver fort führte, zu dem Schädel. Der blanke Schädel des Toten, welcher hinter ihm lag. Eine schwarze Hand grub sich in den weißen Schnee und bildete einen deutlichen Kontrast in dieser winterlichen Einöde. Und als die Finger sich um den blanken Knochen schlossen, da hob er den Schädel aus dem Schnee und steckte seine Hand in das Innere. Er hob ihn sich vor das Gesicht und begann mit seinen Fingern, den Unterkiefer zu bewegen. Und so grotesk es auch aussah, dass dieser leblose Totenschädel stumm zu sprechen schien, rang es dem Ork doch ein müdes Lächeln ab. »Gre Nok?«, fragte der schwarze Totenhorcher und klapperte kurz darauf mit den Zähnen des Schädels. Er grunzte und dieses Grunzen klang beinahe so, wie ein entferntes Lachen. Ein kehliges Glucksen. Es erheiterte ihn, die Gebeine dieses Toten zu seinem Spiel zu missbrauchen. Doch war dieses Spiel nur von kurzer Dauer. Müde ließ Nor seinen Arm sinken, doch ließ er den Schädel nicht los. Und so schlurfte er wieder zu dem Leichnam zurück, um vor diesem in die Hocke zu gehen. »Gre Nok …«, murmelte der Ork erneut und kratzte sich mit seinen langen Fingernägeln am Kinn. »Geh ro nek.« Das Blut, welches er am Abend zuvor aus dem Leichnam des Toten gefördert hatte, war inzwischen längst wieder zu rotem Eis gefroren, was dem Schamanen ein verächtliches Schnauben abrang. Doch das Feuer, welches er in jener wolflosen Nacht geschürt hatte, war noch nicht erloschen. Und so nahm er kurzerhand die Schüssel zur Hand und hielt diese über die Glut. Er ging noch tiefer in die Hocke, so dass sein Gesicht beinahe den Schnee berührte und blies seinen fauligen, nach Menschenfleisch stinkenden, Atem in die Glut zu blasen, um die Hitze zu schüren. Sanft glomm das rote Leuchten der Glut auf und Nor spürte die Hitze, welche sogleich aufwallte, unangenehm im Gesicht. Zufrieden grunzte er und nahm eine angenehmere Haltung ein, während er weiterhin das Blut über der Glut zum Schmelzen brachte. Ein leises Summen entkam seiner Kehle, als er begann die Zeit totzuschlagen und unentwegt starrte er auf das rote, gefrorene Blut, welches zusehends dahin schmolz.

Als Nor schließlich mit der Konsistenz des Blutes zufrieden war, erhob er sich wieder von dem Schnee und hielt sich seine beiden Hände an den Mund. »Krah.«, ein verzerrter Schrei entkam seiner Kehle. Doch wem auch immer sein Schrei gegolten hatte, er wurde nicht erhört. Und so ging er noch einige Schritte weiter und immer wieder erfüllte sein verhallendes Echo das weite, vom Schnee bedeckte, Tal. »Krah. Krah!«, rief der Totenrufer und bald schon zeichneten sich schwarze Flecken an dem blauen Himmel über dem toten, verschneiten Wald ab. Nors Gesichtszüge nahmen ein grimmiges Lächeln an, als er die nahenden Schatten am Himmel erkannte. Und so nahm er seine kleine, lederne Tasche von der Schulter und begann darin herum zu kramen. Als er endlich fündig geworden war, da ballte er die Faust und hielt diese ein wenig von sich fort. Und wieder verharrte er, gleich einer Statue aus Obsidian, welche sich brutal von dem weißen Schnee abzeichnete, auf welchem sie stand. Das Krächzen und das Schnarren wurde immer lauter und lauter, je näher die Schatten zu ihm kamen. Und bald schon hallte ihr Geschrei unerbittlich an seine Ohren. Raben. Sieben Raben an der Zahl, waren seinem Ruf gefolgt. Doch scherten sie sich nicht um den Ork, welcher dort im Schnee stand und auf sie wartete. Sie hatten lediglich nur eines im Sinn. Das gefrorene Fleisch des Toten, welcher ein wenig Abseits von Nor regungslos im Schnee lag, als ob er nur auf die Raben gewartet hätte. Doch der Schamane hatte sie nicht gerufen, um ihnen dabei zuzusehen, wie sie die Leiche fledderten. Und so öffnete er seine Hand und offenbarte einige, kleine, geschälte Nüsse. Haselnüsse, welche er erst vor wenigen Tagen nahe des Waldrandes gefunden und ihre Schalen aufgebrochen hatte. »Rozh Krah.«, rief der Ork und warf die Nüsse in den Schnee. Weit genug, um die Raben anzulocken. Und ein diebisches Lächeln umfing seine Mundwinkel, als die Raben auf seinen Köder hereingefallen waren. Sie sprangen neugierig durch den Schnee. Vorsichtig und mit skeptischen Blicken, welche sie Nor immer wieder zuwarfen, näherten sie sich den Nüssen. Einer von ihnen schien mutiger zu sein. Oder vielleicht hatten sie ihn auch voraus geschickt, um die Lage zu erkunden. Und so näherte er sich, mit misstrauischen Schritten, den Nüssen, welche wie kleine Juwelen im gefrorenen Schnee verteilt lagen. Zunächst hackte der schwarze Vogel gegen die Nuss und sogleich wurde sie tief in den Schnee hinein gedrückt. Doch Nor ließ sich nichts anmerken. Wie zu Stein erstarrt, verharrte er und starrte auf den Raben, welcher da, nur einen Sprung entfernt, vor ihm im Schnee stand. Dann ging alles sehr schnell. Der Vogel schnappte sich die Nuss und erhob sich sogleich in die Lüfte. Kaum waren die anderen Raben Zeuge dessen geworden, dass ihr Kamerad eine Nuss erbeutet hatte, da fielen sie zankend über die übrigen Nüsse her. Sie flatterten und schlugen aufgeregt mit den Flügeln. Und jeder von ihnen suchte den Schnee nach weiterer Beute ab.

Da löste sich Nor aus seiner eisernen Haltung. Geschmeidig wie ein Puma, stürzte er einen weiten Schritt nach vorn und warf sich mit einem tiefen Schnauben in den Schnee. Der weiße Tod wurde in alle Richtungen geschleudert, als der Ork bäuchlings im Schnee aufschlug und die Raben ließen erschrocken von den Nüssen ab. Fünf Vögel erhoben sich in den Himmel. Empört krächzend und aufgeregt schreiend. Doch Nor grinste zufrieden, denn zwischen seinen Händen wand sich der letzte von ihnen. Er hackte nach Nors Fingern und grub ihm seine Krallen in die Hände. Doch all dies half nichts. Nors Griff war eisern und mit einem geschickten Handgriff hatte er dem Vogel beide Flügel gebrochen. »Grke Krah.«, höhnte der Ork, während er sich langsam wieder aus dem Schnee auf die Beine kämpfte. »Krah.«, machte er den Vogel nach, welcher vor Schmerzen klagte, doch das kümmerte den Schamanen nicht. Mit dem gebrochenen Vogel kehrte er, sichtlich zufrieden, zu dem Kadaver zurück und legte diesen schließlich neben dem Totenschädel ab, welcher die Szenerie mit seinen leeren, Augenhöhlen stumm verfolgt hatte.

Und so begann Nor mit seinem Singsang. Er ließ sich im Schneidersitz vor dem Leichnam nieder und tunkte seinen Finger in das warme Blut, welches er vor sich abgestellt hatte. »Greh roh. Greh roh, Kra no rah.« Ein monotoner Singsang, welcher von der schiefen Stimme des Schamanen nur noch weiter in die Länge gezogen wurde. Doch war das dem Schamanen gleich. Es war ohnehin keine Menschenseele zugegen, welche seinen Gesang hätte hören können. Das Blut rann seinen Finger hinab und dicke, rote Tropfen benetzten den Schnee zu seinen Beinen. Aber Nor war bereits in einer anderen Welt. Die Anderswelt. Die Welt der Toten und der Geister. Nichts war hier, wie es schien. Nichts schien, wie es war. Alsbald begann Nor das Blut auf den blanken Totenschädel zu malen. Bizarre Formen und Muster, Zeichen seiner Totemgeister und der Ahnen. Der Ahnen seines Volkes, wie auch der Ahnen seines Volkes. Das Volk, welchem dieser Kadaver einst angehört hatte. Als der Schädel über und über mit rotem Blut bemalt war, da machte er sich daran, das Blut auf sein Gesicht zu malen, und auf seine Hände, wie auch auf seine Arme. Mehr wagte er allerdings nicht zu entblößen, denn der eisige Wind, welcher über das weite Tal fegte, und dabei einen feinen, eisigen Staub aufwirbelte, kroch ihm bereits tief in die Gebeine und ließ seine Zähne klappern. Er rief den Blutgeist. Jenen Geist, welcher an diesen Ort gebunden war, durch den Mord des Werwolfs. Die blutige Hatz. Er schaukelte immer wieder vor und zurück und sein Gesang wurde lauter und dröhnender. Und während er sang, und dabei die Augen geschlossen hielt, griff er nach dem schwarzen Vogel, welcher neben dem Schädel im Schnee lag und mit seinem krächzenden Wehklagen in den Gesang eingestimmt hatte. Das Krähenlied. Ein Teil seines Rituals und unabdingbar um die Bindung zu vollziehen. Und so hielt Nor das Tier vor sich und kein Zögern, kein Hadern, ließ ihn innehalten. Ohne ein Gefühl von Abscheu oder Ekel, schlug er seine blanken Zähne, welche sich wie der Schnee, von seiner schwarzen Haut abhoben, in die Brust des Tieres. Und augenblicklich gellte ein schmerzerfüllter Schrei durch die weite, einsame Flur. Ein Schrei, welcher kurz darauf mit dem Tod des Raben erstarb. Das warme Blut schoss Nor in den Rachen und benetzte seine Zunge. Es lief seine Mundwinkel hinab und befleckte seine Robe, welche ohnehin bereits verschlissen, dreckig und unansehnlich war. Er ließ von dem toten Vogel ab und bohrte zwei seiner Finger in die Wunde, um das Herz aus der Brust zu reißen. Und mit einigen, wenigen, geschickten Handgriffen hatte er das kleine, noch schwach schlagende Ding schnell gefunden und verschlungen. Dann hielt er den leblosen, mit schwarzem Gefieder geschmückten, Kadaver über den rituell bemalten Totenschädel und ließ den Rest des Blutes auf diesen niedertropfen. Immer wieder und wieder drängte sich das leise Platschen von warmen Tropfen, welche zischend auf dem kalten Totenschädel aufschlugen und daran abperlten.

Das Ritual war vollzogen. Nors Brust schmerzte und sein Kopf dröhnte, als er den Rest des Rabenblutes, welches sich noch in seiner Mundhöhle befand, kurzerhand in den Schnee spuckte. Und dann nahm er schließlich den Totenschädel zur Hand und hielt ihn sich vor das Gesicht. »Aah.«, dröhnte eine gequälte Stimme durch die eisige Luft. Und der Unterkiefer des blanken Schädels bewegte sich zu diesem Laut. Man konnte nicht sagen, ob sich der Knochen von alleine bewegte, oder ob Nor mit seinen Fingern, welche er in den Kopf gesteckt hatte, dies zuwege bracht. »Du schon wieder?«, herrschte ihn diese Stimme an und der Groll, welcher dieser Stimme anhaftete, übertrug sich auf das Klappern der blanken Zähne, welche noch immer in dem Knochen steckten. »Was hast du mit mir gemacht?«, verlangte die Stimme zu wissen und Nor rang sich ein höhnendes Glucksen ab. Bilder formten sich vor seinem geistigen Auge und machten es auf diese Weise möglich, sich mit diesem Blutgeist zu unterhalten. »Du bist wieder in dieser Welt.«, flüsterten die Worte Nors in seinem Geist und die Seele des Toten sandte ihm nur verständnislose Bilder. »Ich bin …« »… tot.«, schloss Nor die Worte und zuckte dabei mit den Schultern. »Doch dein Geist lebt. Die Krähen haben ihn nicht geholt. Und du bist noch nicht vergessen.« Da schwieg der Blutgeist, was Nor mit gemischten Gefühlen aufnahm. »Was willst du von mir?«, fragte die Stimme irgendwann, nach einer längeren Schweigepause. »Frieden.« Das Wort hallte dröhnend durch Nors Geist. War es doch etwas, was er schon so lange suchte, und nicht fand. »Absolution?«, hakte die andere Stimme nach und Nor nickte daraufhin. Ja, so konnte man dies auch nennen. Doch da schwoll ihm eine Welle der Ablehnung entgegen, welche ihn beinahe zurück in den Schnee warf. »Niemals! Nicht für deinen Mord. Und schon gar nicht dafür, dass du meinem Geist keine Ruhe lässt, du verfluchter Nekromant!« Nor schwieg. Er hatte nichts anderes erwartet. Doch würde er diese Seele erst freigeben, wenn sie ihm vergeben hatte. Und wenn es eine ganze Dekade dauern würde. Bei diesen Gedanken ließ er seine Blicke in jene Richtung wandern, wo er seinen Stab zurück gelassen hatte. Eben jenen Stab, in welchem die Seele Bhanels eingesperrt war. Jener Mensch, welcher ihn erst zu dem Werwolf gemacht hatte. Rache war ein Gericht, das am besten kalt serviert wurde. Und hier, in diesem Land aus Schnee und Eis, war es bitterkalt. Doch Nors Blicke wandelten sich in Verwirrung. Der Stab war nicht mehr an seinem Platz. Der Schnee war aufgewühlt worden und an seiner Stelle gähnten nur die tiefen Spuren der Bestie, welche jede Nacht seinen Körper mit Schmerzen stahl, im Schnee. Groll schwoll in Nors Herzen herauf, so dass er sogar den Totenschädel, welchen er in der rechten Hand hielt, vergaß. Er rappelte sich aus dem Schneidersitz auf, um nach seinem Stab zu suchen.

Die Suche gestaltete sich langwierig. Der Stab war einfach fort. Verzweiflung überkam die schwarze Gestalt, welche suchend und fluchend durch den Schnee stapfte. Überall waren die Spuren des Werwolfs, und hier und da war der Schnee aufgewühlt. Die Kreatur musste in der Nacht regelrecht gewütet haben, denn die Schneedecke glich beinahe einem Schlachtfeld. Hier und da schimmerte sogar das dunkle Erdreich durch die weiße Pracht und hob sich so stark von der Umgebung ab. Doch von dem Stab fehlte jede Spur. Nor fluchte und grunzte in seiner schwarzen Sprache, und jeder Fluch wurde begleitet von einem Klacken und Klappern, wenn der Schädel ihn verhöhnte und auslachte. »Grzk.«, zischte Nor. Schweig. Elendiger, verfluchter Blutgeist. »Niemals.«, dröhnte die Antwort des Blutgeistes über die weite, trostlose Ebene und zehrte umso mehr an Nors Nerven. Was hatte er sich nur dabei gedacht, diese Seele an den Schädel zu bannen? Er würde ein ebenso unerträglicher Zeitgenosse sein wie Bhanel, dessen war sich Nor jetzt bereits sicher. Und mehr als einmal wandte sich die schwarze Gestalt in die Richtung, in welcher der Leichnam des Blutgeistes lag. Er hielt sich den Schädel vor das Antlitz und starrte diesen schweigend aber eindringlich an. Leblos und regungslos lag der bleiche Knochen, welcher nur mehr mit dem Blut des Raben beschmiert war, in seiner Hand und die schwarzen Finger umschlossen den weißen Schädel, gleich einer dunklen Klaue, welche jederzeit bereit wäre, diesen zu zertrümmern. Doch Nor starrte den Schädel nur an und funkelte ihn böse an. »Wo ist der Stab?« Die Sprache der Geister war einfacher. Sie bedurfte keiner Worte. Nur Bildern und Wünschen. Gedanken und Befehlen. Doch der Schädel schwieg. Lediglich ein heiseres und hohles Kichern war zu vernehmen, und Nor hob den Schädel in die Höhe, um ihn von sich zu werfen, nur um sich in letzten Augenblick wieder dagegen zu entscheiden.

Es war bereits Mittag und die Sonne stand hell im Zenit, als Nor endlich den ungewöhnlichen Schneehaufen entdeckte, welchen der Werwolf in der Nacht zuvor über den Stab aufgeworfen hatte. Einem inneren Instinkt folgend grub er seine schwarzen Hände in den gefrorenen Schnee und begann diesen zur Seite zu drücken. Und irgendwann, als seine Hände schon zitterten und seine Haut sich unnatürlich blass verfärbt hatte, da blitzte das feuchte Holz unter dem Schnee heraus. »Bastard.« Das Wort hallte durch Nors Geist, doch wem es wirklich galt, war nicht sonderlich klar. Meinte er den Geist, welcher in dem Schädel eingesperrt worden war und es vorzog zu schweigen? Oder meinte er gar Bhanel, welcher ebenso geschwiegen hatte? Nein, vermutlich meinte er die Kreatur, welche tief in seinem Inneren schlummerte und nur auf den Einbruch der Nacht wartete, um erneut an seinen Ketten zu zerren, bis das schwächste Glied zerbersten würde, um erneut die Kontrolle über Nors Körper zu übernehmen. Und so zog Nor den Stab aus dem Eis und begann den bereits gefrorenen Schnee von dem Holz zu kratzen. Das Holz war feucht und Nor fürchtete, dass der Stab zu modern beginnen könnte, wenn es erst einmal wieder wärmer wurde, und so näherte er sich wieder dem Feuer, um den Stab darüber zu halten, um ihn zu trocknen.

Die Zeit schien endlos an ihm vorüber zu gehen. Wolken zogen am Horizont vorüber und ein eisiger Wind sang sein schrilles Lied, wenn er durch enge Felsspalten pfiff. Doch Nor saß einfach nur da und glitt langsam in einen Dämmerzustand dahin. Die letzten Tage waren kräftezehrend für den alten Schamanen gewesen, und sein Körper forderte nun die Erholung ein, die er so dringend brauchte. Auch wenn Nor sich dagegen sträubte, denn jeder Tag, an welchem er schlief, war ein verlorener Tag. Verloren an die dunkle Kreatur, welche seinem Blut innewohnte. Doch er konnte sich nicht gegen den Schlaf erwehren. Der Schlaf war übermächtig und irgendwann schlossen sich seine Augen, ohne dass er sie wieder öffnete. Und so saß Nor, zusammengesunken, vor dem Feuer. Der Stab war ihm aus den Händen geglitten und lag neben der Feuerstelle, wieder im Schnee. Wieder der Nässe und dem kalten Eis ausgesetzt. Und Nor fand sich in dunklen und verstörenden, ja beinahe beängstigenden Träumen wieder. Er war Nor. Doch zugleich war er auch die Kreatur. Der Werwolf. Er rannte durch die weite Flur und das Land schien unter seinen Füßen dahinzurasen. Zuerst der Schnee, dann verwelktes und vertrocknetes Laub, doch irgendwann wurde der Boden immer grüner und die Sonne immer wärmer. Er fand sich an einem Ort wieder, welchen er noch niemals zuvor gesehen hatte. Seltsam anmutende Bäume und unbekannte Gerüche herrschten hier vor, welche seine Nase überfluteten und ihn verloren und einsam machten. Wo war er hier nur? Warum war er hier? Plötzlich erhellte sich der Tag und ein ohrenbetäubender Knall erfüllte die Luft. Die Bäume bogen sich unter den Wellen des Schalls, welcher selbst die schwarze Gestalt zu Boden warf und ein helles und unheimliches, rotes Leuchten erfüllte den Himmel, wie auch den Horizont vor ihm. Dann. Nur kurz darauf, herrschte Stille. Totenstille. Eine bedrückende Grabesstille, welche von keinem Vogel und keinem anderen Tier durchbrochen wurde. Der Blutgeist war auf die Erde gestürzt. Wo eben noch grüne Wälder und weite Wiesen vorgeherrscht hatten, gähnte nun ein tiefes Loch und die Erde war schwarz. Asche regnete vom Himmel und brennende Funken stoben in alle Richtungen davon. Die Macht, mit welcher dieser Stern vom Himmel eingeschlagen war, hatte binnen weniger Herzschläge den halben Wald vernichtet und zurück war nur Asche, Kohle und Ruß geblieben. Nicht einmal ein einziger Baum stand mehr dort, wo nun ein gigantisches Loch aus dem Boden gähnte.

Nor schreckte schweißgebadet hoch. Die Schweißperlen gefroren ihm auf der Haut und sein Atem quoll ihm dampfend und weiß aus dem Mund, wie auch den Nüstern. Sein Herz raste und seine Hände zitterten. Dieser Traum war so real gewesen, als ob er wirklich und wahrhaftig an jenem Ort gewesen war. Und so sammelte sich der Ork und erhob sich von dem kalten Schnee, welcher ihm schon tief in die Knochen gekrochen war. Doch als er seinen Blick zum Himmel erhob und nichts als das ewige, schwarze Tuch am Himmel sah, da runzelte er die Stirn. Der helle Mondschein der bleichen und fahlen Sichel, welche gleich der Sense des Todes am Firmament thronte, schien beinahe beruhigend auf ihn herab. Doch irgend etwas war anders … Er sah an sich herab und erkannte, dass er noch immer Nor war. Der Werwolf war nicht erwacht. Verwirrt sah der Ork sich suchend um, und entdeckte am Horizont das rote Leuchten, welches beinahe den gesamten Himmel in blutrotes Gewand kleidete. Der Stern! Er war vom Himmel gestürzt. Sein rotes Licht erhellte die Nacht zum Tag! Schlagartig wurde Nor sich bewusst, dass dies wohl die letzte Nacht gewesen war, in welcher der Blutgeist den Werwolf in ihm gebändigt hatte. Von nun an, würde wieder der Mond über Nors Geist gebieten. Über diesen blutrünstigen Geist, welcher seine Seele zu verschlingen drohte. Und nun würde er wieder, Tag für Tag und Nacht für Nacht, dem schwarzen Mond entgegen fiebern. Dem Neumond. Eben jener Nächte, an welchen der Werwolf keine Macht mehr über ihn hatte. Wenn auch nur für kurze Zeit.

Es gab nun nichts mehr, was Nor noch an diesem Ort hielt. Und so nahm er sein Hab und Gut, die Asche der Toten und den Totemstab, zur Hand und machte sich auf den Weg. Die Nacht war kalt, bitterkalt, aber das rote Licht, welches am Horizont glühte, spendete dem Schamanen auf seine Weise einen gewissen Trost. Und so wollte er diese letzte Nacht, als freier Mann, in vollen Zügen genießen. Auch wenn sich dieses Genießen als sehr beschwerlich herausstellte. Denn der Schnee lag hoch. Immer wieder versank der Ork in der tiefen Schneedecke, beinahe bis zum Knie und musste sich mühsam heraus kämpfen. Seine Schuhe, wie auch sein Gewand, war schon voll mit eisigem Schnee verklebt, doch zu seinem Glück hielten die Schuhe, welche wohl aus einem sehr robusten Leder gefertigt worden waren, das Wasser draußen. Nichts war schlimmer als kalte, nasse Füße, wenn man durch den Schnee stapfte. Weiße Dunstwolken stiegen aus dem schwarzen Mund des Ork auf und mit jedem Schritt, den er tat, wurden diese Wolken größer und sein Atem dünner. Es war kräftezehrend, und alles was der Schamane nun hoffte war, dass er diesen Schnee bald hinter sich ließ. Weit, weit am Horizont zeichneten sich bereits dunkle Wogen ab. Dies konnte nur ein Wald sein, welcher sich über beinahe die gesamte Linie des Horizonts erstreckte und dahinter, am Firmament, brannte der fallende Stern. Sein Sturz hatte für einen gewaltigen Knall gesorgt, und vermutlich stand der Wald, an jenem Ort seines Einschlages, in diesem Augenblick in lichterlohen Flammen. Und so starrte Nor immer und unentwegt auf diese dunkle Linie, welche mit jedem Schritt zugleich näher zu rücken schien, als auch sich von ihm zu entfernen drohte. Der Schnee, welcher ihn umgab, blendete ihn in seinen Augen und trieb üble Streiche mit seiner eingeschränkten Wahrnehmung und insgeheim war der Ork dankbar, dass die Geister der Ahnen es in dieser Nacht gut mit ihm meinten, indem sie ihm keinen Schneesturm geschickt hatten.
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Die Tage vergingen, quälend langsam. Und die Nächte waren, für Nor, zeitlose und schwarze Erinnerungen. Er hatte dem Werwolf die Kontrolle überlassen, denn nur so konnte er seine Kräfte schonen, ohne bei Tage völlig entkräftet zusammen zu brechen. Und da sie sich noch inmitten der eisigen Wildnis befanden, schien der Werwolf, wie auch der Ork, das gleiche Ziel vor Augen zu haben. Der Wald. Dort erhoffte er sich Nahrung. Beute. Opfer. Sei es ein Mensch oder eben ein Tier. Selbst einen Bären würde er nicht scheuen zu reißen, denn auch diese großen, starken Tiere vermochten es nicht, sich seiner Agilität, seiner Kraft und seiner Wut allzu lange zu widersetzen. Und so trieb der Hunger den Werwolf in der Nacht immer näher an den Wald heran, während der Ork nur sehr langsam vorankam.

Nor konnte nicht sagen, wie viele Sonnenuntergänge er, seit dem Bannritual, vergangen waren. Doch hatte sich das Land inzwischen gewandelt. Der Schnee war nicht mehr gar so dick und hier und da, war die Schneedecke schon getaut und geschmolzen, nur um in der Nacht erneut zu gefrieren. Sie war hart und brach mit einem unheilvollen Knirschen und Knistern, wenn Nor seinen Fuß auf die vereiste Schneedecke setzte. Doch wenn die Eisschicht brach, welche den weichen Schnee darunter schützte, da sank Nor nicht sehr tief in den Schnee ein. Nor wusste, dass der Schnee nicht mehr lange Bestand haben würde, denn die Tage wurden bereits länger und die Nächte waren nicht mehr so brutal und Eiskalt. Doch nicht nur daran stellte der Ork fest, dass die Zeit sich verändert hatte und der Frühling langsam erwachte. Nein, er wurde von Tag zu Tag müder und ertappte sich immer wieder dabei, wie er, im Gehen, für einen Moment die Augen schloss, um diesen eine kleine Erholung zu gönnen. Erholung von dem blendenden Weiß des allgegenwärtigen Schnees, aber auch Erholung von den Strapazen seiner langen Reise. Er war müde. So unsäglich müde, dass er sich am liebsten in den Schnee hätte fallen lassen, nur um endlich schlafen zu können. Doch konnte er nicht schlafen. Ein Schlaf im Schnee konnte schnell zu einem ewigen Schlaf führen, aus welchem ihm selbst der Werwolf nicht mehr retten können würde. Und so zwang sich der Schamane stets einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er kaute auf bitteren Wurzeln herum, welche er mühsam unter dem Schnee zu Tage gefördert hatte, um wenigstens ein wenig Nahrung zu sich nehmen zu können, und würde der Schnee nicht liegen, wäre er wohl schon lange verdurstet. Verdurstet, erfroren oder ertrunken, wenn er sich in den Schnee gelegt hätte, und er dann im Schlaf darin eingesunken wäre. Der Tod war allgegenwärtig, hier oben im hohen Norden. Allgegenwärtig, grausam und erbarmungslos. Ein ruhmloser Tod. Noch erbarmungsloser als die schwarze Kreatur, welche Nacht für Nacht den Himmel, mit seinem markerschütternden Geheul, das Fürchten lehrte.

Es war kalt. Bitterkalt. Eiskalt. Die Kälte kroch der schwarzen Gestalt, welche im sterbenden Licht der Abenddämmerung immer schwärzer und dunkler wurde, bis sie sich kaum mehr von dem schwarzen Schnee abhob, welcher das Land für sich eingenommen hatte. Der Mond erhob sich drängend hinter der Mauer der Drachen, und nur die Wolken, welche den Himmel eingehüllt hatten, verhinderten, dass der Schnee in dem selben, mystischen Glanz erstrahlten, welchen das Mondlicht spendete, wie die anderen Nächte zuvor. Und da ging die dunkle, gebeugte Gestalt plötzlich in die Knie. Sie schrie vor Schmerzen und der Schrei, welcher von Schmerzen und Pein zeugte, wandelte sich zu einem tiefen Grollen, bis es sich in ein wütendes Heulen verändert hatte. Und während sich der verfluchte Mann in den Schnee krallte und die Kälte ihn umfing, da wuchs sein Leib. Die Schatten, welche die Kreatur umgaben weiteten sich aus, als das Mondlicht für einen Moment durch die dichte Wolkendecke brach und es offenbarte sich eine monströse Gestalt, welche mit Zähnen und Klauen bewehrt worden war. Die schwarze Haut wurde nach und nach von dichtem, im Mondschein glänzenden, Fell verdrängt und der Kopf schob sich seltsam nach vorne. Nur die Schreie der Kreatur und das widerliche Geräusch von knackenden und brechenden Knochen erfüllte das verschneite Umland um diese Kreatur, denn kein Vogel, kein Tier und keine Menschenseele war hier. Nur der Werwolf, welcher alleine, wütend und blutdürstig die Macht über den Körper des Schamanen übernahm. Es gab kein Entrinnen. Keinen Widerstand. Der Werwolf war stärker. Der Werwolf war gerissener und der Werwolf verlangte nach seiner Freiheit. Er würde töten, für diese Freiheit. Er tötete ohne Unterlass, doch in dieser Einöde gab es nichts zu töten. Nichts zu reißen, nichts zu verschlingen. Nur der kalte, unbarmherzige Schnee und der noch kältere und unbarmherzigere Wind. Und so erhob sich die Kreatur und entließ einen gequälten Schrei aus seiner Kehle. Der Durst nagte an seinem Verstand. Nicht der Durst nach frischem, warmen Blut. Nein, dieser Durst war keine Qual, sondern eine Wohltat. Ein Anreiz. Dieser Durst, welcher hier herrschte, war ein Zeugnis seiner ausgetrockneten Kehle. Die Kreatur war es Leid Schnee zu fressen, um von dem Schmelzwasser seinen Durst zu stillen. Und so rannte sie ziellos durch die weiße Landschaft, welche unter dem Schatten der Wolken beinahe so schwarz wirkte, wie sie selbst. Sie rannte und schnaufte und weiße Dunstschwaden vergingen, kaum als dass sie seine Nüstern verlassen hatten. Sein Herz raste und seine Kehle brannte. Durst! Hunger! Wut. Angetrieben von Instinkten und dem Feuer seines Herzens, welches langsam in der Kälte zu gefrieren drohte, rannte die Kreatur, um sich so am Leben zu erhalten. Das Herz pumpte das Blut schneller durch seinen Körper und spendete so etwas Wärme, während der Atem immer rasselnder und lauter wurde.

Und so rannte die Kreatur, bis sie an einem großen Spiegel, welcher eisig klar und gefroren vor ihm lag. Ein See! Doch konnte die Kreatur das Ufer, auf der anderen Seite, nicht erkennen. Lag es an der Dunkelheit, oder den Nebeln, welche wirbelnd über den glatten Eisspiegel krochen? Einen so großen See hatte diese Kreatur noch niemals gesehen. Es schien beinahe, als ob er gar kein Ende fand und sich bis zum Horizont erstreckte. Doch das kümmerte die Kreatur in diesem Moment nicht. Alles was vorherrschte, war der Durst. Und so betrat die blutrünstige Kreatur das dicke Eis und grub dabei seine Krallen tief in das Eis, um nicht auf dem glatten Spiegel aus Eis auszurutschen. Der Werwolf starrte auf das blanke Eis, doch alles was er sah, war ein Spiegelbild seiner selbst. Ein verzerrtes und undeutliches Bild, welches durch das schlechte Licht weiter gedämpft wurde. Glühende Augen, welche wie Honig anmuteten starrten aus dem Eis zurück. Fasziniert starrte der Werwolf auf sein Spiegelbild, und verstand nicht, warum der Wolf, welcher dort unter dem Eis gefangen zu sein schien, jede seiner Bewegungen nachzuahmen schien. Und so erhob er seine mächtige, von scharfen Krallen bewehrte Pranke und schlug sie wütend gegen das Eis. Ein dumpfer Schlag ertönte, doch das Eis war zu dick. Nicht einmal einen Sprung, oder einen geringen Kratzer, hatte der Werwolf dem Eis beigefügt. Und so wetzte er seine Krallen über das Eis, zerriss die glatte Oberfläche und vernichtete so den Wolf, welcher ihn mit wutverzerrter Fratze angestarrt hatte. Doch der Wolf war nicht zufrieden. Immer wieder schlug er gegen das Eis, kratzte, biss und wetzte seine Krallen, während feiner Eisstaub ihn dabei umwirbelte. Das kalte Eis legte sich auf seinem Fell nieder und der Werwolf begann im aufkeimenden Mondlicht geisterhaft zu schimmern. Wie ein weißer Schatten rannte und sprang die Kreatur über den eisigen Spiegel und fügte ihm immer tiefere Wunden zu, bis das Eis knackend und krachend aufbrach. Scharfe Splitter brachen aus dem Eis und durch die Wucht seiner Schläge flog es in alle Richtungen davon und schließlich hatte der Werwolf, welcher brüllend und knurrend das Eis aufgerissen hatte, ein Loch in den glatten Spiegel geschlagen und das schwarze Wasser darunter freigelegt. Da schnaubte die Kreatur zufrieden, stemmte seine Krallen in das Eis und schob seine Schnauze in das kühle Nass, um sich zu tränken.

Die Kreatur beugte sich noch ein wenig weiter vor, um das Wasser besser zu erreichen. Noch ein wenig mehr. Sie grub ihre Klauen in das gebrochene Eis und langsam schob sich der wuchtige Schädel der dunklen Gestalt über den Rand des Bruchs hinweg, welche die verfluchte Kreatur in den Spiegel des Eises geschlagen hatte. Und als sich der Kopf schließlich in das Wasser hinab gesenkt hatte, da knackte das Eis bedrohlich und unheilschwanger. Durch diese Gewichtsverlagerung verschob sich das gebrochene Eis unter ihm, bis es schlussendlich vollends unter dem gewaltigen Gewicht des Werwolfs zerbrach. Das Eis riss auf, als ob es die Kreatur dafür bestrafen wollte, dass sie das Eis zerstört hatte. Die Eisschollen hoben sich in die Höhe, gleich einem gierigen Rachen, welcher die unbarmherzige Kreatur noch unbarmherziger verschlingen wollte, und nur einen panischen Herzschlag später brach die Kreatur in das Eis ein und versank, wild strampelnd und um sich schlagend, in dem eiskalten Wasser. Instinktiv hielt die Kreatur den Atem an, während Panik und ein unbekanntes und nie dagewesenes Gefühl sie zu überwältigen drohte. Furcht! Die Furcht vor dem Tod in diesem eiskalten Wasser. Ein verzweifelter Kampf entbrannte. Ein Kampf um Leben und Tod. Im Zweikampf mit dem rachsüchtigen und eiskalten Wasser, welches den Herzschlag der Kreatur in ungeahnte Höhen antrieb, versank die Kreatur in einem Meer aus Wut und Furcht. Dieses Gefühl der Furcht drohte beinahe seine Brust zu sprengen, als die Kreatur sich an dem Eis festkrallte, um sich aus dem Loch zu ziehen. Doch alle Mühe war vergebens. Kaum hatte sich der Werwolf auch nur halbwegs aus dem Wasser gezogen, da brach das Eis unter ihm ein und er stürzte erneut ins Wasser. Das Wasser schwappte über den Spiegel und gefror beinahe augenblicklich zu Eis. Der Werwolf hingegen wurde wütend und zugleich ziellos. Eine unfähige Wut bemächtigte sich seiner und so geriet er schließlich unter die dicke Eisschicht. Er hatte die Orientierung verloren, wo war oben, wo war unten? Wo war das Loch geblieben? Er hämmerte gegen die dicke Eisdecke, welche ihm wie ein eisiges, gläsernes Gefängnis vorkam, welches matt schimmerte, als der fahle Schein des Mondes sich darauf niederlegte. Fasts so, als ob sich der weiße Himmel über ihm aufgetan hätte, und er umgeben, von dem schwarzen Wasser, zu ertrinken drohte. Einzig und allein das weiße Eis über ihm. All seine Kraft und all seine Wut konnten gegen das Eis nichts ausrichten. Das Eis war zu dick und er konnte ihm kaum Schaden beifügen, denn mit jedem Schlag trieb er weiter unter dem Eis. Ziellos und getragen von der sanften Strömung. Seine dumpfen Schläge ließen das Eis erbeben, doch hielt es hartnäckig und unnachgiebig seiner Wut stand. Schweigend und trostlos war die Antwort des tödlichen Spiegels, hinter dessen Antlitz der Werwolf geraten war.

Den Werwolf verließen langsam die Kräfte. Bald schon fehlte es seinen Hieben an Kraft, und seine Fäuste schmerzten mit jedem Schlag, als ob er sich alle Knochen gebrochen hätte. Und die Luft, welche seinen Lungen entwichen war, presste ihm die Lungen zusammen. Er wollte Luft holen, doch alles was seinen Rachen füllte, war das kalte Wasser. Jenes Wasser, welches er noch vor so kurzer Zeit so sehnlichst herbeigesehnt hatte. Grausames, ironisches Schicksal! Doch, als der Wolf schon drohte zu sterben, da brach seine Hand mit einem Mal durch das Eis. Er schöpfte neuen Mut und wetzte mit seinen Krallen an dem brüchigen Eis. Er schwamm an die Oberfläche und bäumte sich ein letztes Mal auf, um mit aller Kraft, die ihm verblieben war, gegen das Eis zu schlagen. Das Eis flog in den schwarzen Nachthimmel, als seine Faust durch den kalten Spiegel brach und sich nur wenig später seine nasse, grimmige Schnauze aus dem Wasser schob. Tief holte der Werwolf Luft und die feuchte, kalte Luft drängte sich beißend in seine Lungen, als ob sie von Myriaden Eiskristallen durchsetzt war. Der Gefrierbrand, welcher ihn erfüllte, drohte seine Lungen zum Bersten zu bringen, als der Werwolf schließlich eine dicke, rettende Wurzel zu packen bekam. Die Wurzel eines toten Baumes, welcher sich am Ufer mit seinen tiefen Wurzeln festgekrallt hatte, in der verzweifelten Hoffnung doch nicht zugrunde zu gehen. Doch das Wasser hatte ihm kein Leben schenken wollen. Er war dennoch gestorben und nun würde seine tote Wurzel dem Werwolf das Leben schenken. Ironie des Schicksals. Ironie des Lebens und des Todes. Und so zog sich die nasse und entkräftete Kreatur aus dem tödlichen Eiswasser heraus. Keuchend, röchelnd und schnaufend schüttelte sich der Werwolf das nasse Fell und die Wassertropfen gefroren noch in der eisigen Luft, bevor sie auf dem umliegenden Schnee aufschlugen. Das Rauschen seines Blutes in den Ohren, machten ihn beinahe taub, während die Hitze seines glühenden Feuers, welches in seiner Brust tobte, die nötige Wärme spendete, die seinem Körper in dem Eiswasser entzogen worden war. Dampfend stand die Kreatur am Ufer und dunstige Nebelschwaden hüllten ihn ein, während weißer, heißer Dunst aus seinen Nüstern aufstieg. Und dann brach die Kreatur zusammen und blieb dort, wo sie an Land gekommen war, schwer atmend und regungslos liegen.
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Der Morgen graute, als die warme Sonne den kalten Leib des Schamanen wieder zum Leben erweckte. Die letzten Schatten der Nacht war bereits dem Tage gewichen, als die Kreatur sich an Land gekämpft hatte, und so lag die schwarze Gestalt, nass und wie zu Eis erstarrt im tiefen Schnee. Seine Glieder waren steif und sein Körper bäumte sich unter der Sonne und wegen dem Eis, welches ihm ins Blut gekrochen war widerspenstig auf. Ein gellender und gequälter Schrei entkam seiner Kehle und so kämpfte der geschundene und unterkühlte Schamane sich mühevoll auf die Beine. Sein Herz raste und seine Augen flackerten. Wild und hektisch sah er sich um, doch konnte er nichts erkennen. Wie Blindheit erschien es ihm, als er nur Schwarz und Weiß vor sich sah, und so rannte der Ork wild umher, um sich die Kälte aus dem Leib zu treiben. Der tote Baum, welcher dem Werwolf das Leben gerettet hatte, brachte seine heillose und helle Aufregung rasch zu einem Ende und den Ork abrupt zu Fall, als der Schamane gegen den Baum rannte und rücklings in den Schnee stürzte. Doch rappelte sich der Ork schnell wieder auf und begann wild in seiner ledernen Tasche zu kramen, bis er den Feuerstein, wie auch den Zunderstein hervor geangelt hatte. Hastig und zitternd kratzte er mit den Steinen die tote Rinde von dem Baum und häufte diese am Fuß des Baumes in einer kleinen Kuhle, welche sich durch die verworrenen Wurzeln gebildet hatte, auf. Zitternd und von Kälte erfüllt, schlug er die Steine immer wieder aneinander, und nicht nur ein Mal schlug er sich die Steine auf die bleichen, blutleeren Hände. Der scharfkantige Feuerstein schnitt ihm die Finger auf und Blut lief über den Stein und benetzte den weißen Schnee mit roten Tropfen Doch fühlte Nor den Schmerz kaum, welcher ihm dumpf in die Glieder fuhr. Immer wieder perlten die Glutfunken an der Borke des Baumes ab und erloschen dann zischend und rauchend im Schnee. Doch irgendwann hatte Nor das Feuer entfacht, welches die trockene Rinde, die er von dem toten Baum geschabt hatte, binnen weniger Wimpernschläge zu einem lodernden Feuer entfacht hatte. Gierig züngelten die Flammen an der Borke des toten Baumes hinauf und fraßen sich sowohl in seine Wurzeln, als auch in seinen Stamm, bis bald auch der gesamte Baum in lichterlohen Flammen stand. Nor, welcher kaum das Zittern seiner Knochen unterdrücken konnte, klapperte fröstelnd mit den Zähnen, rieb sich die Hände an seinem kalten Leib und am liebsten hätte er den brennenden Baum umarmt, um nur so viel Wärme wie möglich von ihm zu erhalten. Doch wäre dies genauso sein Ende gewesen, wie die Kälte dieses eisigen, toten und verfluchten Landes, welches durch den Fluchstern, welcher unweit von hier hernieder ging, von seinem Aufschlag entweiht worden war.

Schließlich stand der Baum endlich und gänzlich in lodernden Flammen und wurde von dunklem und schwarzem Rauch umhüllt, welcher sowohl jeden einzelnen, kahlen Ast des Baumes zu umarmen schien, wie auch Nors Geist zu umwabern versuchte. Der tote Baum gebar aus seinen morschen Eingeweiden Glut, Flammen und Hitze. Ein faules und totes Feuer, obgleich jenes doch das Symbol des Lebens war. Doch diese unheiligen, ja beinahe untoten, Flammen, welche den Baum verschlangen, bargen kein Leben in sich. Nur den Tod. Den brennenden und feurigen Tod. Der beißende Gestank drang dem Ork unerbittlich in die Nase, denn das morsche Holz entfaltete einen unangenehmen Geruch, als die Flammen sich begonnen hatten, an diesem gütlich zu tun. Doch Nor war weitaus unangenehmere Gerüche gewohnt. Wie der Geruch des Todes und der Pestilenz, welcher dem heiligen Knochenhof in seiner Heimat, dem Friedhof seiner Ahnen, stets angehaftet hatte. Überall lagen dort nur Leichen und Knochen, welche in der Sonne gebleicht worden waren. Und die toten Leiber stanken bis zum Himmel, wenn sie begannen zu verwesen und selbst die Würmer, welche sich widerlich in dem stinkenden Fleisch wanden, strömten einen ekelhaften Geruch aus. Und so erschien es Nor beinahe, als ob der Geruch des brennenden, toten Baumes beinahe erfrischen war, wenn der beißende und rußende Rauch ihm nicht unerbittlich die Augen zum Tränen bringen würde. Nor stand so dicht am Feuer, dass die Flammen beinahe auf ihn überzugehen drohten. Aber sein Körper war so stark unterkühlt, dass er die Flammen am verschlungen hätte, nur um nicht erfrieren zu müssen. Und während sich die Flammen immer höher in den morgendlichen Himmel schraubten, erhob Nor seine schwarze Stimme zu einem unheilvollen Gesang, welche sowohl von dem Tod des Baumes kündigte, als auch von dem Schlaf des Werwolfs, welcher wieder in seiner Selbst zurück gekehrt war, um dort auf den neuerlichen Einbruch der folgenden Nacht zu lauern, zu harren und ungeduldig zu warten.

Nor indes hatte sich die Stiefel, wieder angezogen, welche der Werwolf buchstäblich zerrissen hatte, als er sich in die Kreatur der Nacht verwandelt hatte. Nor hatte sichtlich Mühe damit, die zerstörten Schuhe anzuziehen und musste sie mit Lederbändern und dünnen Riemen an seinen Füßen festbinden, damit er sie weder verlor, noch dass Schnee seinen Weg in die Schuhe fand. Nichts war unangenehmer, als kalter Schnee in den Schuhen, welcher dann, durch die Körperwärme, schmolz und die Füße nass werden ließ.

Wie viel Zeit vergangen war, konnte Nor kaum sagen, aber irgendwann war das Leben wieder in ihn zurück gekehrt, als das Feuer des toten Baumes die Kälte aus seinem Leib vertrieben hatte. Und so wandte sich Nor von dem Baum ab, dessen Feuer inzwischen schon deutlich geschrumpft war. Die schweren, knorrigen Äste, welche vom Feuer zerstört worden waren, brachen, einer nach dem anderen, herunter und schlugen dumpf und glühend im Schnee auf. Feines Schneepulver wurde beim Aufprall in alle Richtungen aufgewirbelt, während ein durchdringendes und aufbäumendes Zischen von dem Tod der Glut zeugte, welche von dem kalten Nass des weißen Schnees erstickt wurde. Doch der Tod der Glut scherte Nor genauso wenig, wie das feurige Ende des Baumes, welcher ohnehin schon vor langer Zeit seinen Tod gefunden hatte und nun, durch das Feuer, gänzlich vergangen war, als Nor ihn in Brand gesteckt hatte. Nor folgte den Spuren des verzweifelten Kampfes, welchen der Werwolf in der Nacht, am Ufer, gegen den eisigen Tod gefochten hatte. Das Ufer war aufgerissen worden und tiefe Spuren von wetzenden Krallen zeugten davon, wie sich die dunkle Kreatur mit letzter Mühe an Land gezogen hatte. Nor stand zunächst einfach nur da und bedachte die Spuren mit sorgenvoller Andacht, als ihm langsam bewusst wurde, wie knapp er diese Nacht dem Tode entronnen war. Das gebrochene Eis, aus welchem sich der Werwolf befreit hatte, lag gähnend und beinahe anklagend vor ihm und das Wasser, welches darunter lag, schien beinahe einem ebenso toten Spiegel zu gleichen, wie der tote Baum hinter ihm, welcher knackend, knisternd und rauchend verging. »Greh z'nagh rozhg.« Alles hat ein Ende. Einfache Worte eines einfachen Geistes, welche dennoch von großer Weisheit zeugten.

Schließlich wandte sich Nor von dem Schlachtfeld aus zerstörtem Eis, aufgerissener Erde und dem verbrannten Holz des toten Baumes ab und begann das Ufer des, zu einem glänzenden und im Sonnenlicht schimmernden Spiegel gewordenen, Sees entlang zu gehen, um sein Hab und Gut zusammen zu suchen. Der Totemstab, sein Gürtel mit den kleinen, tönernen Urnen, und auch der Totenschädel des Menschen, in welchen er den Blutgeist gebannt hatte, welchen die dunkle Kreatur gefressen hatte. Es grenzte jedes Mal beinahe an ein Wunder, dass die zerbrechlichen Tongefäße der Wut des Werwolfs, welche seiner unbändigen Entfesselung stets auf dem Fuße folgte, unbeschadet trotzten. Und auch dieses Mal würde Nor sorgenvoll die kleinen Urnen auf ihre Unversehrtheit begutachten, welche an dem ledernen Riemen hingen. Doch diese Nacht schien dem Totenhorcher das Glück nicht hold gewesen zu sein. Er war zwar dem eisigen Tod des Ertrinkens entronnen, doch die schwarze Asche, welche den weißen Schnee verunreinigt hatte, zeugte schon von Weitem, bevor er noch den Gürtel aufgehoben hatte, davon, dass diese Nacht eine der Urnen zu Bruch gegangen war. Hastig beschleunigte Nor seine Schritte und ging vor der zerbrochenen Urne in die Knie. Sein Herz hämmerte wild, denn, wie es einem Sammler zu eigen war, hing er an jedem einzelnen seiner wertvollen Stücke. Doch eines davon war ganz besonders wertvoll. Die Urne, welche die Asche seines Bruders in sich trug. Und so nahm er jede einzelne Urne zur Hand, wie auch die kleinen ledernen Beutel, welche ebenso Kräuter, Wurzeln oder auch Asche in sich bargen, und betastete die raue, vom Schnee feucht gewordene, Schale der tönernen Gefäße auf Sprünge oder Risse.

Erleichtert stellte Nor dann fest, dass nur eine der Urnen zu Schaden gekommen war. Es war die Asche eines jener Ork aus seinem alten Stamm. Jene, welche den Angriff der Griehak überlebt hatten und mit ihm auf dem Friedhof der Ahnen Zuflucht gefunden hatten. »Gharok.«, murmelte Nor betrübt und gedachte des, schon vor langer Zeit gefallenen Kriegers, welcher nun, durch den Verlust seiner Asche, gänzlich an die Ahnen verloren gegangen war. Niemals mehr würde er ihn rufen können, denn die wenige Asche, welche noch in den Bruchstücken der Urne verblieben war, zählte nun als verloren. Akribisch klaubte Nor die wenige Asche, welche er noch zu retten vermochte zusammen und richtete sich dann schließlich wieder von dem kalten Schnee auf. Gleich einem drohenden Schatten erhob sich Nor, wie aus dem Nichts, und stand nun über dem schwarzen Schnee, welchem die Asche jedes Weiß geraubt hatte, als diese sich, durch den Bruch der Urne, über den Schnee verstreut hatte. Er gedachte des Toten, als ob er erst in dieser Nacht gestorben wäre, und schloss dabei die Augen, während er den Totengesang seiner Ahnen anstimmte um ein Klagelied, über den Verlust der Asche, zu singen. Und während er sang, da öffnete er die Hand und verstreute die wenige Asche in der Luft, welche sogleich von dem lauen Wind, welcher schon seit geraumer Zeit über das Land fegte, davon getragen wurde.

Als Nor in seinem Lied geendet hatte, da raffte er den Riemen auf und legte ihn sich über die Schulter, um dann auch den Totemstab aufzuheben. Der alten, speckigen Ledertasche, in welcher sich auch der Totenschädel fand, schenkte er noch einen letzten, prüfenden Blick und klopfte behutsam darauf, um den Totenschädel, welchen er darin aufbewahrte, auf seine Unversehrtheit zu prüfen, als er sich dann endlich wieder aufmachte, seinen langen Weg in den Westen fortzusetzen. Der beschwerliche Weg in jene Richtung, in welcher der Fluchtstern vom Himmel gestürzt war. Doch weit kam der Schamane nicht. Das Donnern von Hufen, welche den Schnee buchstäblich aufwirbelten, drang immer näher an sein Ohr, und bald schon schälten sich dunkle Schemen aus dem weißen Nebel des nahenden Schneegestöbers. Drei Reiter! Sie kamen kurz vor dem Schamanen zum Stehen und richteten ihre hölzernen Lanzen, welche sie aus dünnen Ästen geschnitzt und angespitzt hatten, auf seine Brust. »Wer bist du? Was suchst du hier?« Und Nor, welcher hektisch von einer Lanze auf die andere starrte, wirkte so verloren und allein, in Gegenwart dieser drei Menschen. Dreier Menschen, die nun, da sie dem Werwolf begegnet waren, ihr Leben verwirkt hatten.

»Sprich!«, befahl der Reiter, welcher Nor am nahesten stand und seine Lanze berührte beinahe die Brust des Schamanen, so dass dieser instinktiv einen Schritt zurück trat. »Keinen Schritt mehr!«, bellte der Mann sogleich, und obwohl Nor nicht ein Wort verstand, so konnte er anhand der Tonlage, welche der Mann angeschlagen hatte, sehr klar erkennen, was er von ihm verlangte. Ein wenig eingeschüchtert hielt Nor inne und starrte nur auf die Spitze der Lanze, welche auf ihn gerichtet war. »Greh Rhok.«, sagte Nor nur und hob dabei langsam seine Hände, zum Zeichen, dass er unbewaffnet war. »Was ist das für eine Sprache?«, fragte der Mann sogleich, seinen Kopf zu einem seiner Begleiter gerichtet, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. »Wer bist du?«, fragte der Reiter sogleich und Nor sah ihn nur fragend an, während seine Blicke immer wieder zum Himmel glitten. Die Sonne stand schon sehr tief und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie untergehen würde. Und so schob Nor seine Hand in die lederne Tasche, was sogleich von den wachsamen Augen der Reiter bemerkt wurde. »Halt!«, befahl der Anführer und richtete seine Lanze auf die Tasche um Nor Einhalt zu gebieten. Doch Nor ließ sich nicht beirren und zog den Schädel aus der Tasche hervor, um ihn in die Höhe zu halten. »Bei den Göttern!«, raunte einer der Reiter und zeichnete sogleich ein Zeichen der Abwehr in die Luft. »Was für eine Kreatur trägt den Schädel eines Toten mit sich?«, fragte er sogleich und sie rückten dem Schamanen bedrohlich näher. Nor handelte instinktiv und geschickt. Er ließ seine Hand in den Schädel gleiten und seinen Geist mit dem des gebannten Toten, welchen er an den Schädel gebunden hatte, verschmelzen. Und da öffneten sich die geschlossenen Reihen der blanken Zähne und eine knöcherne Stimme ertönte »Ich bin Nor.«, sprach der Schädel und die Männer sahen ihn nur mit geweiteten Augen an. »Ein Hexer! Tötet ihn!«, befahl der Reiter doch Nor, welcher nun die Worte verstand, da er mit dem Schädel verbunden war, begehrte sogleich dagegen auf. »Nreg! Nreg!«, rief er, von Panik erfüllt und die hohle Stimme des Schädels ertönte im Gleichklang zu seiner Stimme. »Nein! Nein!« Und da hielten die Reiter inne und der Anführer ließ sich aus dem Sattel gleiten und trat dem Ork, von Angesicht zu Angesicht, entgegen. »Was ist dies für eine dunkle Zauberei?«, verlangte er zu erfahren und legte dabei seine Hand auf eine primitive Axt, welche er sich in den Gürtel geschoben hatte. »Sag ihm, dass dies die Gabe der Geister ist, keine Hexerei.«, befahl Nor dem Schädel, doch dieser, noch immer von Zorn und Groll auf seinen Mörder erfüllt, verdrehte die Worte des Ork. »Die schwärzeste der Welt. Legt Hand an mich, und ihr werdet sterben!« Während Nor die Reiter hoffnungsvoll ansah, ob sie ihm wohl Glauben schenken würden und dass er nichts Schlechtes im Sinne hatte, veränderten sich die Gesichter der Männer. Sie zogen grimmige Grimassen und zogen ihre Waffen aus den Gürteln. »Ich sage wir töten ihn!«, rief der Anführer, doch da schaltete sich einer der anderen Beiden ein und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ist das weise, Kredan?«, flüsterte er so leise, dass Nor es nicht verstehen konnte. Und so begannen die Männer über das Für und Wider von Nors Tod zu streiten, bis dem Anführer der dünngeschnittene Faden der Geduld riss. »Wir nehmen ihn mit! Farena soll über sein Schicksal entscheiden!« Und so packten sie den Ork und banden ihn mit einem Strick an den Sattel eines der Pferde, um ihn mit sich zu nehmen.

Der Anführer nahm Nor den Totemstab ab, während ein anderer ihm den Totenschädel aus den Händen reißen wollte. Doch Nors Hand verkrampfte sich und wollte den Schädel nicht preisgeben. War dieser doch seine einzige Möglichkeit, sich mit diesen Menschen zu verständigen, oder gar ihre Worte zu verstehen, wenn sie nicht mit ihm sprachen, sondern sich heimlich miteinander unterhielten. Und so formte er eine Frage in seinem Geist, welche der Schädel sogleich auch aussprach. »Wer ist Farena?«, ertönte die knöcherne Stimme und das schaurige Klacken der blanken Zähne ließ den Männern eine Gänsehaut über den Körper kriechen. »Das wirst du noch früh genug erfahren, Nekromant.«, bellte der Mann und ließ seine Faust gegen Nors Schläfe schnellen, so dass diesem der Schädel aus den Händen entglitt. Sofort sprang einer der Männer hervor und hob den blanken Totenkopf aus dem Schnee auf um ihn in einer der Satteltaschen zu verstauen. »Los! Beweg dich, Abschaum!«, bellte der Anführer und schwang sich dabei in den Sattel. »Und laufe schnell, sonst schleife ich dich durch den kalten Schnee.« Und kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da trat er seinem Pferd auch schon die Fersen in die Seiten. Das Pferd wieherte empört auf und schnaubte wild. Es ließ die Mähne durch die kalte Luft fliegen und setzte sich störrisch und mit einem gewaltigen Ruck in Bewegung, welcher Nor beinahe von den Füßen gerissen hätte. Der Schamane stolperte voran und war sichtlich bemüht das Gleichgewicht zu halten, was die drei Reiter stets mit einem höhnenden Lachen bedachten. »Ich wette drei Knochenscheiben, dass er keine zehn Schritte aushält.«, rief einer von ihnen und der Anführer lachte nur. »Da halte ich dagegen!« Und erneut gab er dem Pferd die Sporen um es zu einer schnelleren Gangart anzutreiben. Doch Nor hielt mit. Er war durch seine lange Wanderschaft gestählt worden. Und das Blut des Werwolfs hatte ihn stärker gemacht. Er war nicht mehr der schwächliche Ork von anno dazumal. Aber dennoch stolperte Nor mehr Schlecht als Recht durch den Schnee, fluchte und schimpfte und versuchte verkrampft mit dem Pferd Schritt zu halten, da die Fesseln ihm unangenehm die Handgelenke zuschnürten. »Ha! Er macht schon schlapp!«, rief Kredan und trieb sein Pferd weiter an, so dass diesem schon der Schaum vorm Mund stand. Und so kam es, wie es kommen musste. Nor stürzte zu Boden und schlug hart auf dem vereisten Boden auf. Der Schnee war hier kaum mehr eine Handbreit tief und der gefrorene Boden darunter war härter als so mancher Stein. Der Schmerz, welcher ihm in die Brust fuhr, trieb ihm die Luft aus den Lungen und er stöhnte schmerzerfüllt auf. »Du hast deine Wette verloren, Resan. Er hat zwei Dutzend Schritte geschafft.« »Ja, und das, obwohl Kredan seinen Hengst so sehr angetrieben hatte.«, murmelte der Dritte, dessen Namen bisher noch nicht gefallen war. Kredan, sichtlich verärgert seine Wette verloren zu haben riss dem Pferd hart an den Zügeln und zwang es so stehen zu bleiben. »Steh auf!«, befahl er rüde und zog ruppig an dem Seil, welches an seinem Sattel befestigt worden war. Nor kämpfte sich, so gut es ihm eben mit gefesselten Händen möglich war, auf die Beine. »Der ist zäh.«, murmelte Resan und der Dritte nickte, wohl zustimmend, mit dem Kopf. »Ja. Aber bis zum Dorf hält er nie und nimmer durch. Er kann unmöglich mit den Pferden mithalten.« Kredan ließ seine Blicke von Nor ab und blickte, mit wachsender Besorgnis in seinen Blicken, auf die abendliche Sonne, welche sich rasant und zusehends dem Rand der Welt näherte. »Wir müssen uns ohnehin beeilen. Die Sonne steht schon sehr tief. Und wenn die Sonne versunken ist, wird es zu dunkel um weiter zu reiten.« Und so trat er dem Pferd erneut in die Flanken und mit einem gewaltigen Satz sprang es vor und riss den erschöpften Schamanen mit sich mit.

Mit jedem Schritt, den Nor tat, schwand seine Bereitschaft, diese Menschen zu schonen. Wut und Hass keimte in seinem Herzen auf und er wünschte sich nur dieser Marter zu entfliehen. Doch dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Stattdessen trieb Kredan sein Pferd immer schneller an und Nor kam schließlich erneut zu Fall und dieses Mal hielt Kredan nicht inne, um Nor die Gelegenheit zu geben, aufzustehen. Und so schleifte er den Schamanen durch den gefrorenen Schnee über die weite Ebene und Nors Geist wurde auf dem harten Boden, gleich einem stumpfen Schwert auf einem Wetzstein, zurecht geschliffen. All sein Erbarmen und seine Ruhe wurden von ihm abgerieben und zurück blieben nur Wut, Verzweiflung und Rachegelüste. Und so sehnte sich Nor den Sonnenuntergang herbei, während er immer wieder versuchte sich aufzurichten, nur um erneut auf den Boden gezogen zu werden.

Doch dann wurden Nors stille Rufe an die Ahnen endlich erhört. Kredan nahm die Zügel seines Pferdes kurz und zwang den schäumenden Hengst zur Ruhe. »Wir müssen die Pferde schonen.«, meinte er nur und seufzte resignierend, so dass dichte, weiße Dunstschwaden aus seinem Mund entwichen und beinahe sein gesamtes Gesicht einhüllten. »Wir werden es nicht rechtzeitig zum Sonnenuntergang ins Dorf zurück schaffen.« Und mit diesen Worten wandte er sich an den Schamanen und warf Nor einen verächtlichen Blick zu. »Wir hätten ihn töten sollen. Dann würde er uns nun nicht eine solche Last sein und wir wären schon viel weiter gekommen.« Doch nun half es nichts mehr. Sie hatten Nor mitgenommen und damit, ohne es noch zu wissen, ihr Todesurteil unterschrieben. Der Schamane lag stöhnend auf dem Boden und seine Arme schmerzten, als ob man sie ihm in einen Schraubstock eingespannt hatte. »Steh auf, du Wurm.«, befahl Kredan und trat Nor hart in die Rippen. »Wir werden ein Lager aufschlagen. Grenal, schüre ein Feuer!« Der angesprochene Reiter ließ sich aus seinem Sattel gleiten und trat, mit den Zügeln in der Hand, an Kredan heran. »Wie? Hier steht weit und breit kein Baum, Kredan.« »Ist mir scheißegal wie du das anstellst! Es war deine Idee den Bastard mitzuschleifen. Und seinetwegen werden wir das Dorf nicht rechtzeitig erreichen. Also schüre ein Feuer, brate die Jagdbeute und verschone mich mit deinen einfältigen Fragen!« Grenal wandte sich grummelnd von Kredan ab und klemmte die Zügel seines Pferdes unter einem großen Stein ein, welche hier zuhauf in der Gegend herum lagen. Kredan indes hatte sich wieder Nor zugewandt und seine Begleiter die Arbeit überlassen sich auf die kalte Nacht vorzubereiten. »Hilf uns!«, befahl er und zerrte an dem Seil, welches Nors Arme zusammengebunden hielt. Doch Nor sah sich außerstande aufzustehen. Er sah Kredan nur aus leeren Augen an und beinahe schien es, als ob er durch den Krieger hindurch sah und nur auf die Sonne starrte, welche schon auf dem Rand der Welt lag. »Greh razhok.«, murmelte Nor nur und schloss kurz darauf die Augen. »Was hat er gesagt?«, fragte Resan doch keiner von ihnen verstand die Sprache der Ork. Und so trat Kredan ihm neuerlich in die Rippen, um ihn dazu zu zwingen, sich aufzurichten. Doch alles was er bewirkte war, dass Nor schmerzerfüllt aufstöhnte und sich unter den Tritten des Kriegers wandte. »Ha! Die Götter müssen ein grausames Spiel mit uns spielen. Wie soll so eine Kreatur uns den Tod bringen?« Erneut trat Kredan zu und ging dann neben Nor in die Knie, um ihm mit der Faust gegen die Schläfe zu schlagen. »Wenn du nicht aufstehst, dann wirst du sterben.« Um seine Worte zu unterstreichen fuhr er sich mit dem gespreizten Daumen den Hals entlang. Eine eindeutige Geste, welche selbst Nor verstand. Doch der Schamane rührte sich nicht. Er sah den Krieger nur mit leeren Augen an und erwiderte nichts. »Der Bastard macht mich krank!«, rief Kredan und spuckte verächtlich auf den vereisten Boden. Schnee lag hier kaum noch welcher. Die Erde war hart und gefroren und das Gras, welches noch vor wenigen Meilen unter dem Schnee verborgen gelegen hatte, schien im vergangenen Herbst vertrocknet zu sein. Jeder einzelne Grashalm war, vom Raureif gehärtet, scharf wie eiserne Klingen und stach in Nors Haut wie spitze Nadeln. Und doch blieb die schwarze Gestalt einfach nur liegen und wartete auf das Ende.

Das Ende. Sein Ende? Vermutlich. Doch vielleicht auch nur auf das Ende des Tages. Wenn die Sonne von der Welt verschluckt, und die Nacht hereinbrechen würde. Die Schatten der Männer, welche die tiefe Sonne warf, reichte so weit hinfort, dass es beinahe den Anschein hatte, dass sie niemals endeten. Und Nors Bemühungen das Ende der Schatten zu erkennen verloren sich in den weiten der weißen Ebene, welche sich hinter ihnen erstreckte. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, doch half es nicht sonderlich. Im Gegenteil. Der Schmerz, welchen der Schlag gegen die Schläfe hervorgerufen hatte, ließ ihn nur die Zähne zusammen beißen und die Augen gänzlich schließen. Und erneut seufzte Nor und gab sich seinem Schicksal hin. Sollte er heute und hier durch die Hand dieses Mannes sterben, so war es der Wille der Geister und der Ahnen. Er war machtlos. Nicht weil er gefesselt war, Nein. Denn gegen den Willen der Ahnen gab es kein Aufbegehren und auch kein Entrinnen. Es war zwecklos sich seines Schicksals zu erwehren. Und wenn es so sein sollte, dann würde Nor den Tod mit offenen Armen begrüßen. Denn ein Gutes würde sein Ende haben. Der Werwolf würde mit ihm sterben. Und mit ihm alle Sünden, die er noch begehen würde, sollte er diesen Tag überleben.

Und so umfing Nor Schwärze, als ein weiterer Schlag ihn traf. Doch es war nicht die Schwärze des Vergessens. Nicht die des Todes, oder gar die der Nacht. Nein, es war die Schwärze der Wut. Die Schwärze des Fluchs, welcher in seinen Adern wütete. Ein tiefes und unbändiges Heulen entkam seiner gepeinigten Kehle und es wurde von einem noch tieferen und bedrohlichen Knurren begleitet, als der Geist des Schamanen in die Dunkelheit verbannt wurde und der Werwolf an seine Stelle trat. Das Seil riss als die Kreatur zum Leben erwachte und als sie ihre Fesseln gesprengt hatte, da krümmte sie sich, von Schmerzen gepeinigt und von Wut verzehrt, auf dem kalten, harten Boden. »Was geschieht hier?«, rief Kredan und sprang auf die Beine, um sich von der gepeinigten Kreatur zurück zu ziehen. »Welche Teufelei heckt der Nekromant nun aus?«, fragte Grenal und war an Kredan herangetreten. »Meinen Speer! Schnell!«, befahl Kredan und Grenal hastete zu dem Hengst, welcher etwas Abseits von den anderen Pferden stand. Doch da bäumte sich die Kreatur jäh auf und zerrte an dem Seil, welches seine Hände gebunden gehalten hatten. Hilflos und panisch begann das Pferd zu wiehern, als es unerwartet zu Boden gerissen wurde, völlig überwältigt von der Kraft der dunklen Kreatur, welche sie zu sich gezerrt hatte. Und ein wilder, tiefer und unheilvoller Schrei entkam seiner Kehle, als sich seine Zähne vernichtend in das Fleisch des Pferdes gruben und es seinem Ende zubrachte. Das Tier weitete gequält die Augen und ein verzerrter Schmerzenslaut entkam ihm, als der Werwolf sich ein gewaltiges Stück Fleisch aus der Brust des Pferdes heraus riss. »Bringt den Bastard zu Fall!«, bellte Kredan und legte sogleich den Speer an, um diesen auf die Kreatur zu schleudern, welche auf dem Pferd hockte. Doch der Speer traf sein Ziel nicht. Zu groß war die Aufregung des Kriegers gewesen und zu schnell die Bewegungen der Kreatur, als diese den Wurf aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Erneut heulte der Werwolf und ließ das Mark in den Knochen seiner Feinde gefrieren, als er mit einem gewaltigen Satz auf den Anführer der dreiköpfigen Gruppe zupreschte. Und ihm blieb nichts anderes übrig, als seine primitive Axt vom Gürtel zu zerren, wohl wissend, dass er damit rein gar nichts gegen diese geballte Wucht und Kraft dieser wütenden Kreatur ausrichten würde können.

Und so kam es, wie es kommen musste. Alles ging so schnell, dass Kredan es kaum spürte, als sich mit einem Mal die klauenbewehrte Hand der Kreatur tief in seine Brust bohrte. Ungläubig starrte er in die verzerrte Fratze des Todes, welche ihn hämisch angrinste, als die Kreatur kurzerhand seine Klaue aus seiner Brust heraus zerrte. Und mit dieser, riss sie auch das Herz des Kriegers aus der Brust, welches noch einige, wenige Schläge zwischen den scharfen Krallen des Werwolfs tat, bevor es starb. Und mit dem Herzen starb auch der Krieger, welcher einfach zu Boden sackte und leblos in den dämmrigen Abendhimmel starrte. Doch davon bekam die Kreatur nichts mit, denn sie verschlang das Herz und schmatzte dabei widerlich und genüsslich, dass es den beiden verbliebenen Kriegern dabei das Grauen erweckt. »Scheiße Grenal! Schlachte die Bestie! Töte ihn!«, gellten die panischen Rufe des dritten Kriegers über die weite Flur doch selbst war starr vor Schreck und konnte nur hilflos mitansehen, wie sein Kamerad zu Boden geworfen wurde. Er wandte den Blick ab und begann zu laufen, nein zu rennen. Alles was er noch vernahm waren die Hilfeschreie seines Waffenbruders, welcher unter den Bissen und Hieben der Kreatur langsam ins Reich der Schatten gedrängt wurde, während er nur lief und versuchte diesem Schicksal zu entgehen. Er wagte es nicht, sich umzusehen. Und er wagte es nicht stehen zu bleiben. Sein Herz raste und sein Atem rasselte und ein unbändiger und unerträglicher Schmerz begann brennend in seiner Seite sich auszubreiten, doch er versuchte ihn zu ignorieren. Er kämpfte sich weiter, Schritt für Schritt doch irgendwann war die Hatz zu ihrem Ende gekommen. Langsam wurde ihm Schwarz vor Augen.

Der Krieger hatte keine Kraft mehr. Er war alleine und wusste nicht wo er war, als er matt und erschöpft zu Boden stürzte. Seine Brust hob und senkte sich derart schnell, dass es den Anschein hatte, als ob sie jeden Moment bersten würde, und alles was er vernahm war der kalte Wind, welcher grausam über das Land fegte. Von den Schreien seines Waffenbruders, wie auch von dem Gegröle und dem Geheul der Kreatur war nichts zu vernehmen. Nein, nicht einmal das leiseste Geräusch! Und so richtete sich der erschöpfte Krieger vorsichtig, aber auch misstrauisch in dem hohen Gras, in welchem er nun lag, auf und spähte über die Spitzen der Halme um nach der Kreatur Ausschau zu halten. Doch war es viel zu dunkel, um etwas zu erkennen, und alle was er sah, war ein alter, toter Baum, welcher sich kahl und trostlos in den nächtlichen Himmel erhob. Der Stamm war zerfressen von Maden, denn keine Rinde befand sich mehr an dem Baum und in den toten, kahlen Ästen saßen dutzende, schwarzer Vögel, welche allesamt ihre Köpfe unter ihren schwarzen Schwingen vergraben hielten. »Die Galgenvögel über mir. Erbarme dich meiner Seele, Mutter Erde!«, hauchte der Krieger und wagte es nicht die Stimme zu erheben.

Ein lautes Knacken ließ den Krieger hochschrecken, als mit einem Mal all die schwarzen Vögel in dem toten Baum erwachten und lauthals zu schnarren und zu krächzen begannen. Ihre dunklen Schnäbel, deren Schemen mehr kleinen Sensen als Schnäbeln glichen, öffneten sich empört, doch erhoben sie sich einer, nach dem anderen in den nächtlichen Himmel und stoben davon. Der Krieger hingegen, welcher noch immer im Gras lag und dieses Schauspiel mit wachsendem Unbehagen beobachtete, starrte nur auf den Baum, welcher bedrohlich zu knarren begann, als sich mit einem Mal der Leib der Kreatur in die Krone des toten Baumes erhob und sich vor den bleichen Mond schob, welcher hinter ihm am Himmel thronte. Und so starrte der Krieger der Kreatur in die Augen, unfähig ein Wort zu sagen, und es war ihm, als in diesem Moment sein Herz zu Eis gefror. Doch auch die Kreatur erblickte sein Opfer und so trafen sich für einen Moment ihre Blicke. Ein Moment, welcher nur den Bruchteil eines Wimpernschlages anhielt, und als der Krieger die Augen wieder geöffnet hatte, da war die Kreatur verschwunden. Doch konnte er sich kaum ein Bild davon machen, als ihm mit einem Mal alle Luft aus den Lungen gepresst wurde, als der Werwolf direkt auf ihn gesprungen war. »Aah!«, kreischte der Krieger und ließ seine Waffe, eine primitive Axt, direkt in das Gesicht der Kreatur schnellen. Wütend und vor Schmerzen heulte der Werwolf auf und wischte mit seiner Klaue über das Gesicht des Mannes, welches er dabei buchstäblich zerfetzte. Der Krieger hielt sich das blutend Gesicht, während die Kreatur von ihm herunter glitt und sich mit seinen Pfoten über die blutende Wunde strich und immer wieder das Blut aus seinem Fell leckte. Das Knurren der Bestie wurde bedrohlicher und beinahe konnte man den mordlüsternen Wahn in der tiefen Stimme der Kreatur vernehmen, welche nur kehlige Geräusche von sich gab.

Der Krieger sammelte seine letzten Kräfte und packte die Axt mit beiden Händen, währender sich blindlings und mit roter Sicht auf den Werwolf stürzte. Das Blut lief ihm in die Augen und machte ihn beinahe blind, als er und die Kreatur zusammen trafen. Doch seine Schläge zeugten nur von wenig Effektivität, als die Axt in die Schulter der Kreatur traf, wurde er zwar von einem durchgehenden Heulen belohnt, doch nur kurz darauf schnappte der schwarze Wolf nach dem Schädel des Kriegers und knackte diesen gleich einer hohlen Nuss. Blut floss in Strömen, als der Schädel des Kriegers zwischen den wuchtigen Kiefern der Kreatur zermalmt wurde, und als es den Geschmack seines Hirns auf der Zunge schmeckte, da ließ sie von dem Krieger ab und überließ ihn seinem Ende. Ein wenig unbeholfen taumelte die Kreatur einige Schritte weiter, bevor sie selbst auch zum Erliegen kam und in den dunklen Schatten hinab glitt, welches des Tages ihr Heim genannt ward.

Und so erwachte Nor, unter dem matten Schimmer der Sterne und mit brennenden Schmerzen. Doch die Wunden, welche ihm der Krieger geschlagen hatte, waren mit der Verwandlung vergangen. Übrig geblieben waren nur die Schmerzen, welche den Schamanen dazu zwangen sich die schmerzenden Stellen zu massieren. Der Werwolf erwacht zögerlich. Die Nahtoderfahrung steckt ihm noch immer in den Gliedern die zweite bereits, denn vor nicht gar so langer Zeit, wäre er beinahe unter dem Eis im Wasser ertrunken. Und so lag er nur im hohen Gras und starrte in den Sternenhimmel, als er mit einem Mal eine dröhnende Stimme vernahm, welche zu ihm sprach. »Lass mich frei.« Nor schreckte hoch. Noch niemals hatte er die Stimme des Werwolfs vernommen und diese Erfahrung überwältigte den Ork beinahe, doch er dachte nicht im Traum daran, den Werwolf wieder zu entfesseln. »Greh Gnor renok.« Nein, du bleibst wo du bist. Die Antwort des Werwolfs war nur ein tiefes, bedrohliches Knurren, doch Nor rang dies nur ein wissendes Schmunzeln ab. Er war der Herr, nicht diese Kreatur. »Du bist nicht stark genug, um mich zu halten.«, meinte der Werwolf nur und Nor nickte bedächtig mit dem Kopf. Ja, das war wohl war. »Ich werde stärker werden.«, murmelte Nor nur, mehr mit sich selbst sprechend, als mit der Kreatur.

Und so blieb der Schamane einfach nur liegen und bemerkte gar nicht, dass hier weit und breit kaum mehr Schnee lag. Raureif hing an den Halmen und ein kalter Wind blies ihm in die Nase, während das hohe Gras raschelnd hin und her wogte. Doch er genoss einfach nur den Anblick, welcher sich ihm da bot. Eine beinahe mondlose Nacht. Nächste Nacht würde der Mond gänzlich von dem schwarzen Schatten verschluckt werden, welcher zu jedem Ende jedes Mondes kam und er würde frei sein. Frei, für eine Nacht, bevor der Werwolf wieder die Fesseln sprengen würde, die Nor ihm auferlegte.
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Später, als bereits der Morgen dämmerte erhob sich Nor aus dem hohen Gras und ließ seine Blicke über das erwachende Land schweifen. Das Eis war fort. Nur hier und da hoben sich vereinzelte, weiße Flecken von dem braunen Gras ab, welches die weite Ebene überwucherte. Der Winter neigte sich dem Ende. Nor nickte nur grimmig, denn nun hatte er den harten Teil seiner Reise endlich hinter sich gebracht. Und so wandte er sich gen Westen. In eben jene Richtung, in welcher der Blutgeist vom Himmel gestürzt war. Und vor ihm erhob sich ein dunkler, beinahe schwarzer Schatten am Horizont. Ein mächtiger Wald! Nur mehr eine Tagesreise, so schätzte Nor, trennten ihn von diesem Wald und dem Blutgeist, welcher irgendwo tief in diesem Wald gestorben war. Und alles was Nor verlangte, war diesen Blutgeist zu finden, in der Hoffnung sich des Fluches zu entledigen, wenn er ihn denn finden würde.

Nor begann sein Hab und Gut zusammen zu klauben, als er zu jenem Baum kam, welcher einsam und verdorrt inmitten des vertrockneten Gräsermeers in den Himmel ragte. Die Äste waren unter dem Gewicht der Kreatur gebrochen, als diese in der Nacht den Baum erklommen hatte. Doch der Baum weckte nicht Nors Aufmerksamkeit. Vielmehr war es das laute Gezänk der Krähen und Raben, welche sich um den Kadaver des toten Kriegers balgten, welchen der Werwolf im Gras zurück gelassen hatten. Die Augen hatten sie dem Leichnam bereits ausgehackt und nicht wenige Krähen zankten sich um die besten Stücke des, noch warmen, Leichnams. Davon zeugten die unzähligen, roten Löcher, welche sie in die blasse Haut des toten Menschen gehackt hatten. Nor starrte nur auf dieses Schauspiel aus Schnee, Blut und Schatten, welches sich ihm da bot. Weiße Haut, weiß wie Schnee. Rotes Blut und schwarze Schwingen, welche über dem Leichnam beinahe einen Totentanz vollführten. Doch heute stand es dem Schamanen nicht nach dem Leib einer Krähe, und so ließ er sie gewähren und ging seines Weges. Fort von dem Kadaver in die Richtung des Waldes am Horizont. Er verspürte nicht den Wunsch die Geister der drei Krieger zu rufen, um ihre Vergebung zu suchen. Nein. Gewiss nicht. Sie hatten ihr Ende verdient, dessen war sich Nor mehr als nur gewiss. Er hatte ihnen kein Leid gewünscht. Nicht einmal den Tod. Doch sie waren brutal gewesen und Brutalität konnte nur mit dem grausamen Tod gesühnt werden. Und Nor hatte seine Rache bekommen. Der Werwolf hatte unter den drei Kriegern gewütet und nichts als Verderben und Tod zurück gelassen. Und so setzte Nor einen Fuß vor den anderen, ohne den Kadavern, welche seines Weges lagen, auch nur eines Blickes zu würdigen.

Eines der Pferde stand abseits der Kadaver und graste, doch als Nor sich diesem näherte, um es für sich zu beanspruchen, da hob es neugierig den Kopf. Für einen Moment starrten sich Ork und Pferd tonlos an, doch war dieser Moment nicht von Dauer, denn das Tier setzte sich fluchtartig in Bewegung, als es den Schamanen wohl erkannt hatte und Nor blieb seufzend zurück. Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als auch den Rest seiner Reise zu Fuß zurück zu legen. Nor schmunzelte nur, denn wahrscheinlich hätte der Werwolf kaum das Pferd verschont, wenn Nor es mit sich genommen hätte.
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Als Nor endlich den Waldrand erreichte, da versank die Sonne bereits hinter den hohen Kronen der Bäume und der Schatten des Schamanen schien beinahe bis zurück in die wilden Lande zu reichen, so hatte es den Anschein. Und so entschloss sich Nor eine Rast einzulegen, da bereits die Dämmerung einsetzte, um sich nicht, beim Einbruch der Nacht, gar im finsteren Wald zu verirren. Außerdem wollte er diese Nacht, in welcher er von dem Erwachen des Werwolfs verschont sein würde, unter freiem Himmel genießen, um die Sterne zu sehen, was ihm im tiefsten Dickicht des Waldes unmöglich wäre. Und so sammelte der Schamane etwas Holz und schichtete es, nahe des Waldrandes, in einer kleinen Senke, welche sich durch einen umgestürzten und entwurzelten Baumes gebildet hatte, zu einem kleinen Haufen auf. Geschickt schlug er seinen Feuerstein gegen den Zunderstein, und beobachtete dabei immer wieder, und stets aufs neue fasziniert, wie die kleinen, glühend roten, Glutfunken an dem trockenen Holz buchstäblich abperlten, nur um in dem Reisigherz, welches Nor unter den Holzstücken verborgen hatte, zu vergehen. Bald schon begann das Herz zu glosen und zu rauchen und da legte Nor die Steine beiseite und beugte sich etwas näher über das Feuer, um in das Glutnest zu blasen, und so das Feuer anzufachen. Und kurz darauf wurde er von einem prasselnden Knacken belohnt, als die Flammen sich langsam in das Holz hinein fraßen und bereits damit begannen an den größeren Stücken zu züngeln. Das Feuer würde nun seinen Lauf nehmen, also entschied sich Nor sein Hab und Gut sicher zu verstauen und lehnte zunächst den Totemstab gegen die mächtige Baumwurzel, zu dessen Rücken Nor sein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Ebenso den Totenschädel, samt der Tasche, welche er stets bei sich trug, und auch die unzähligen kleinen Ascheurnen legte Nor akribisch und äußerste Sorgfalt übend beiseite, bis er schließlich bei der großen, tönernen Urne angelangt war. In dieser Urne befanden sich die sterblichen Überreste eines ganz besonderen Verstorbenen. Die seines Bruders. Seit jener Nacht, in welcher Nor zum ersten Mal vom Werwolf übermannt wurde, und er in der Raserei seines Blutfluches seinen Bruder ermordet hatte, hat Nor es nicht gewagt seinen Bruder aus dem Reich der Schatten zu sich zu rufen. Doch nun, da er dem Blutgeist so nah war, wollte er nun, nach so langer Zeit, seinen Bruder um Vergebung bitten und hoffen, dass dieser ihm diese auch gewähren würde.

Und so öffnete er die Urne und griff in das bauchige Gefäß hinein, um etwas Asche zu Tage zu fördern. Kaum hatte er die Asche zwischen den Fingern, begann diese auch schon zwischen diesen hindurch zu rieseln, und so handelte Nor zügig und löste die Knochensichel vom Gürtel, um sich kurzerhand selbst in den Unterarm zu schneiden. »Brogk groh brogk.« Blut, von meinem Blut. Er ließ die Asche in die kleine Holzschüssel rieseln und kurz darauf auch sein Blut in dieses träufeln, so dass es sich zu einer grauen Masse vermischte. Dann öffnete er die kleinen Beutel, welch ebenso an den Riemen hingen, wie auch seine Urnen, und förderte einige seltsame Wurzeln und Kräuter aus den wilden Landen zu Tage, wie auch etwas Harz des Milchbaumes. Und so begann er all diese Ingredienzien mit dem Knauf einer Knochensichel, welche er nun zu diesem Zwecke als Stößel missbrauchte, zu vermischen, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Er grunzte einen Moment und nickte dann, während er auch schon seinen rechten Zeigefinger in die graue Masse tauchte. Langsam und ein düsteres Lied auf den Lippen, begann er sich die rituellen Zeichen und Bildnisse der Totems seines Stammes auf die Haut zu malen, während er immer wieder vor und zurück wippte, als ob er sich zu dem Takt einer Musik bewegen würde, welche nur er vernehmen konnte.

Irgendwann war Nor dann mit seinen Vorbereitungen für das Ritual fertig und so nahm er die Schüssel zur Hand und kratzte den kläglichen Rest des Blutes und der Asche und den anderen Zutaten zusammen und begann sich die Finger abzulecken. Die Wirkung trat beinahe augenblicklich ein, denn das Harz des Milchbaumes entfaltete seine Wirkung unglaublich schnell, und so ließ Nor, beinahe von der Wirkung seines Zaubertrankes überwältigt, die kleine, von Blut und Asche besudelte, Holzschüssel fallen und krallte sich in das moosige Erdreich des Waldrandes, während er mit geweiteten Augen und rasendem Herzen einfach nur in den dunklen, von funkelnden Sternen verhangenen, Nachthimmel starrte. Seine Lippen bewegten sich stumm, während nur eine dumpfe Melodie zu vernehmen war, welche seiner Kehle entkam, als mit einem Mal das Licht um ihn herum zu versiegen schien und an dessen Stelle ein dunkler Schatten trat. Nor schloss nur die Augen, um die Gegenwart jenes Geistes in sich aufzunehmen und formte in seinen Gedanken die Worte in jener, schwarzen Sprache, die den Ork zu Eigen war. »Ich habe schreckliche Dinge getan, Bruder.« Der Schatten bewegte sich und begann förmlich sich um Nor herum zu bewegen, gleich einem Raubtier, welches eine potentielle Beute zu umkreisen beginnt, bevor die verzerrte und zischende Stimme des Schattens in Nors Ohren dröhnte. »Wovon sprichst du, Nor? Was geschieht hier?« Da seufzte Nor. Ja, manche Tote wussten nicht einmal, dass sie gestorben waren, obwohl ihr Ableben noch so grausam gewesen war. »Du bist gefallen, Bruder.« Da verharrte der Schatten mit einem mal und eine fröstelnde Kälte überkam Nor. Der Geist seines Bruders war mächtig, ja selbst nach seinem Tode noch. Vielleicht war dies auch der Grund, warum Nor es bis dahin nie gewagt hatte, den Geist seines Bruders zu rufen. »Wie?«, hallte nur ein einzelnes Wort durch die Nacht, doch dieses Wort zwang Nor hart zu schlucken. »Du bist durch meine Hand gestorben, Bruder.«, eröffnete Nor ihm die schmerzliche Wahrheit, doch die Kühle des Schattens verstärkte sich nur noch mehr. »Du? Unmöglich!« Doch Nor schüttelte nur den Kopf. »Ich bin verflucht, Bruder. Meine Seele wird verschlungen von einer Bestie, die Nacht für Nacht von meinem Leib Besitz ergreift. Diese Kreatur hat dich gefällt.« Da löste sich der Schatten aus seiner starren Haltung und legte sich über Nor, so dass dieser beinahe von der Finsternis, welche ihn umgab, verschluckt wurde. Würde ein Außenstehender Zeuge jenen Rituals werden, er würde glauben, die Nacht hätte den Schamanen verschlungen.

»Vergib mir Bruder.«, drückte Nor die quälenden Worte heraus und er konnte nicht anders, als eine Träne der Trauer zu vergießen. Doch seines Bruders Präsenz schien ihm mehr Trost als Groll zu spenden und er fühlte, wie sein Herz wärmer werden zu schien. »Gräme dich nicht, Nor. Die Ahnen haben unser Schicksal vorherbestimmt.« Da nickte Nor, auch wenn er die Meinung seines Bruders in diesem Moment kaum teilen konnte. »Hast du meinen Tod gerächt, Bruder?«, verlangte der Geist des Ork zu erfahren und Nor nickte nur. »Ja, Bruder. Der Geist der Kreatur, welcher ich diesen Fluch zu verdanken habe, ist an meinen Totemstab gebunden. Er wird niemals Erlösung finden.« Da grunzte Nor grimmig und auch der Geist seines Bruders. »Erinnerst du dich an Bhanel?«, fragte Nor und sofort flammte eine starke Hitzewelle Nors Geist entgegen, als Nor den Namen jenes Mannes ausgesprochen hatte. »Der Mensch!«, spie der schwarze Schatten und Nor nickte nur. »Dann kann ich dir nicht vergeben Nor. Du trägst Schuld daran, dass dieser Mensch so viele von uns getötet hatte. Und er war es der dich verfluchte, und somit bist du auch an allem Schuld, was geschah.« Da glotzte Nor den Schatten nur unbeholfen an. Er schüttelte heftig den Kopf und rutschte dabei etwas vor dem Schatten zurück, doch vor dem Schatten gab es kein Entrinnen. Er war überall. Dort, wo das Licht war, wie auch dort, wo die Finsternis herrschte. »Sühne, Nor! Sühne und ich werde dir vergeben.« Und da wischte Nor, verzweifelt, aber auch zornig, die Blutzeichen von seinem Gesicht und riss dabei die Augen auf. »Nein! Nein!« Die Worte verhallten in seinem Geist und seine belegte Zunge erwachte zu neuem Leben. »Grno! Grno!« Er rappelte sich auf und trat die hölzerne Schüssel beiseite.

Die Worte seines Bruders waren hart gewesen. Zu hart für Nors Gemüt. Er sollte die Schuld daran getragen haben? Doch dann überkam den Ork eine unglaubliche Schwermut und er sackte buchstäblich zusammen und ließ die Schultern hängen, als er ein gehässiges dunkles Lachen, tief in seiner Selbst, vernahm. Die Kreatur! Sie verspottete ihn und lachte über ihn und seinen Unglauben. Nor wurde wütend. Er raffte hastig sein Hab und Gut zusammen, schulterte die Riemen und nahm den Totemstab zur Hand um sich in den finsteren Wald zu wagen, denn diese Nacht würde er keinen erholsamen Schlaf finden, dessen war er sich sicher. Die Wirkung des Milchbaumes wütete in seinem Blut und seine Träume würden nur von klagenden Schatten und lachenden Schemen erfüllt sein. Und so tauchte Nor in das dichte Dickicht des Waldes und nutzte den Totemstab, um immer wieder dickere Sträucher oder dornenbewehrte Äste zur Seite zu drücken, als er mit einem Mal Stimmen vernahm, die entfernt an sein Ohr drangen. Gelächter. Er war nicht allein!

Bald schon, nachdem er immer weiter den Stimmen und dem Gelächter gefolgt war, kam er schließlich auf eine Lichtung, an dessen Rand einige große Wagen standen, an dessen Kutschböcken einsame Laternen baumelten. Vor den Wagen prasselte ein Lagerfeuer und um jenes herum saßen einige Männer und sangen ein Lied. Doch die Wagen waren nicht das, was Nors Aufmerksamkeit zuerst erregte. Nein, viel mehr die Lichtung selbst. Denn ein gewaltiges, schwarzes Loch tat sich vor ihm im Boden auf und die Bäume waren verbrannt und die Erde schwarz wie Kohle. Er hatte den Ort gefunden, an welchem der Blutgeist zur Erde hernieder gestürzt war. Und von dieser Erkenntnis gepackt, richtete er sogleich seine Blicke auf die Wagen. Menschen! Sie waren vor ihm hier eingetroffen! Hatten sie gar den Blutgeist gefunden? Nor war sich nicht sicher, ob er sich im Verborgenen halten sollte, oder ob er zu ihnen ans Feuer treten sollte, doch da erhob einer der Männer die Stimme und ließ ein Lied erklingen, welches Nor seltsam vertraut vorkam.
Roter Mond überm Silbersee,
Feuerglut wärmt den kalten Tee.
Kiefernwald in der Nacht
und noch ist der neue Tag nicht erwacht.
Kiefernwald in der Nacht
und noch ist der neue Tag nicht erwacht.

Sterne stehn hoch am Firmament.
Solche Nacht findet nie ein End.
Dieses Land wild und schön
und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.
Dieses Land wild und schön
und wir dürfen seine Herrlichkeit sehn.

Grauer Fels, Moos und Heidekraut,
weit entfernt schon der Morgen graut.
Fahne weht weiß und blau
das Gras schimmert unterm Morgentau.
Fahne weht weiß und blau
das Gras schimmert unterm Morgentau.
Nor erkannte die Sprache, in welcher jenes Lied gesungen wurde. Die harte Sprache der wilden Menschen! Unweigerlich verzog der Schamane seine Augenbrauen und starrte finster aus dem Schatten der Bäume, hinter welchen er sich verborgen hielt, hervor. Seine kalten, stechenden Blicke durchbohrten die Herzen der Menschen, wenngleich diese auch nichts davon bemerkten. Doch Nors geübtem Auge entging nicht, dass nicht alle wie wilde Menschen aussahen. Eine wirkten fremd, wenn nicht gar befremdlich, auf Nor. Hier war eine fahrende Gruppe vor Ort. Doch den Sinn und Zweck ihrer Gegenwart erkannte Nor nicht. Waren sie ebenso, wie auch er, dem gefallenen Stern gefolgt? Oder war dies ohnehin der Ort, welchen sie ihre Heimat nannten? Doch ob dieses Gedankens schüttelte der Ork nur den Kopf, während seine Blicke zu dem gewaltigen, rauchenden Krater wanderten. Niemand konnte diese Verwüstung überlebt haben. Sie mussten erst später hinzu gekommen sein. Nors Neugierde wurde geweckt, doch wagte er sich nicht näher an sie heran. Wenn die Pferde ihn nicht bemerken und mit unruhigem Gewieher verraten würden, dann zweifellos einer der Hunde, welche Menschen stets mit sich zu führen pflegten.

Nor ließ den Ast, welchen er beiseite geschoben hatte, um besser sehen zu können, los und ließ sich von den dunklen Schatten des Waldrandes wieder verschlucken. Heute war nicht die Zeit um Fragen zu stellen. Und es war auch nicht die Zeit wilden Menschen zu begegnen. Er musste sie studieren und mehr über sie erfahren, bevor sie ihn bemerkten. Nur so konnte er abschätzen, ob von ihnen eine Gefahr ausging, oder nicht. Also schlich Nor sich durch das Dickicht des Unterholzes und machte dabei einen weiten Bogen um die kleine Karawane aus Wagen und Zelten, welche sich am Rand des Kraters gebildet hatte. Als Nor sich weit genug entfernt hatte, blieb er schließlich stehen und starrte zum Himmel. Die Sonne würde sicherlich bald untergehen, denn es dämmerte bereits. Ihr Licht war nur noch einen kläglichen Schimmer, welcher von ihrem Untergang zeugte. Nicht mehr lange, und die ewige Nacht würde erneut ihre Schatten gebären, und auch das unheilvolle Gestirn, nach welchem sein Blut so schrie, würde am Himmel thronen. Doch nicht diese Nacht. Und auch nicht die darauf folgende. Diese Nacht war die Nacht der Nächte. Neumond. Nors Peinlinderer. Er würde Nor bleiben, denn die Kreatur, welche in ihm wohnte, würde diese Nacht nicht entfesselt werden. Und auch wenn ihm das Wohl dieser Menschen nicht sonderlich am Herzen lag, so begrüßte Nor die Tatsache, dass sie diese Nacht von der blutrünstigen Bestie verschont bleiben würden. Er wollte unbedingt mehr über sie in Erfahrung bringen, bevor das Morden und Schlachten beginnen würde. Und das war unvermeidlich. So unvermeidlich und unaufhaltsam wie der Tod der Sonne, bis zu ihrer Wiedergeburt, wenn die Nacht an den Folgen der Schattengeburten erlag.
Ich bin des Mondes düstrer Bote!

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Re: der Fluchstern

Beitrag von Lesha » Do, 06. Feb 2014 12:56

Bildesha und Kewan marschierten schon seit Wochen durch die Wälder dieses unwirtlichen Landes. Zwar war Kesha diese Vegetation bei weitem lieber, als jene der Eiswüste, sofern es dort überhaupt Vegetation gab, aber die Reise zu Fuß war entbehrungsreich und sehr anstrengend, und forderte einiges von Kesha ab, diesen Gewaltmarsch zu bewältigen. Kewan schien damit keinerlei Probleme zu haben, doch er war ja auch ein "Wilder", Keshas Meinung nach, und als solcher solches eher gewohnt, als sie. Die Mahlzeiten waren ebenso karg und eintönig, wie die Eiswüste es gewesen war, und Keshas Geduld war schon allmählich am Ende. Sie sehnte sich zurück nach ihrer warmen Heimat Rômachar, mit seinem angenehmen Klima, den fruchtbaren Feldern und Wiesen, und sie vermisste auch die Gesellschaft dort. Es würde vermutlich noch sehr lange dauern, bis sie Rômachar erreichten, und die junge Arcanierin verfluchte sich selbst, dass sie Kewans Bitte nachgegeben hatte, zu dem niedergefallenen Stern zu pilgern. Was versprach er sich, dort vorzufinden? Aber nun waren sie schon mindestens auf halbem Weg, und ein zurück gab es nicht. Lediglich die Nächte waren erträglich, zumindest jene, in welchem sich das Paar ihren leidenschaftlichen Gefühlen hingaben, völlig ungestört in dieser einsamen Einöde. Nur aus diesem Grund zwang sich Kesha tapfer weiter durch dieses Land gen Stern. Diese harte Zeit war nur auf bestimmte Zeit. Wenn sie erst einmal an dem Stern angelangt waren, würde Kewan sicher bemerken, dass es besser war, in Rômachar eine neue Heimat zu finden. Und dann würde alles gut werden.

Nach einigen Tagen wandelte sich plötzlich die Vegetation gänzlich, und Kesha kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nur verbrannte Erde, verbrannte Bäume, angesengte Erde, so weit das Auge reichte. Und obgleich sie auch weite Strecken durch den Wald marschierten, es änderte sich nicht. Im Gegenteil, je weiter sie durch dieses scheinbar tote Land liefen, desto schlimmer wurde es. Hatte hier ein gewaltiger Waldbrand getobt? Aber wie konnte es in einem derartig kühlen Klima zu einem derart verheerenden Waldbrand gekommen sein? Kesha verstand es nicht, und hatte dafür keinerlei Erklärungen. "Was mag hier nur passiert sein?" richtete sie verwundert ihre Worte an den ehemaligen Eiswüstenbewohner. "Dieser Landstrich scheint förmlich tot zu sein. Kein Vogel ist zu vernehmen, kein Tier, ja nicht einmal ein Insekt tummelt sich hier..." Kesha beschlich ein ungutes Gefühl. Und ihr Gefühl bestätigte sich schließlich auch. Denn während sie Tagelang weiter liefen, fanden sie nichts mehr in der Natur, welches sich ihnen als Nahrung anbot, denn in diesem verbrannten Land gab es absolut nichts, keine Beeren, keine Pilze, kein Gewürm und kein Tier welches Fleisch bieten würde. Nichts! Selbst Wasser war keines vorzufinden und lediglich Kewans versorglichem Vorrat an Wasserschläuchen war es zu verdanken, dass sie nicht verdursteten. Doch durch den anstrengenden Marsch, und auch durch das quälende Hungergefühl, war es umso verlockender, mehr zu trinken, als es ratsam war. Wussten sie doch nicht, wie lange sie noch durch dieses gestorbene Land wandern müssten, und wann sich wieder eine erfrischende Quelle darbot. Kesha hatte mehr und mehr das Gefühl, als würde sie dem Wahnsinn anheim fallen. Der Hund, den Kewan mitgenommen hatte, hatte ebenso schon lange nichts mehr zu fressen bekommen, und Kesha sah es mit vernichtenden Blicken, wenn sie ihn beobachtete, wie Kewan das kostbare Wasser mit dem Hund teilte.

Eines Tages riss ihr Geduldsfaden. "So kann das nicht weitergehen, Kewan! Wir haben seit...ich weiß nicht wie vielen... Tagen nicht gegessen! Und bald werden auch unsere Wasservorräte verbraucht haben! Dieses Land ist ist nicht wie die Eiswüste! Es ist tot! Hier finden wir nichts! Wir werden hier sterben, und das ist ganz alleine deine Schuld! Du musstest ja unbedingt diesem gefallenen Stern folgen! Was glaubst du, da vorzufinden? Ich sage dir, was der Stern ist! Unser Todesbote! Eine Verlockung, eine Prüfung durch die Götter! Sie verhöhnen uns! Und sie bestrafen uns, für das, was wir beide getan haben!" Sie war am Ende ihrer Kraft. Und Kewan anzuschreien, hatte ihre letzten Kraftreserven verbraucht. Sie sank zitternd und bebend zu Boden, und konnte nichts anderes mehr tun, als zu weinen. Sie weinte heftig und bittere Tränen. Tränen des Kummers, des Schmerzes, der Resignation und der Hilflosigkeit. Ja, die Götter straften sie, für das, was sie getan hatten. Sie hatte Levan, der immer so gut zu ihr gewesen war, und dem sie alles, was sie hatte, und war, zu verdanken hatte, all die Jahre betrogen. Und dann, als sie beide mit dem Schiff verunglückt waren, und hätten füreinander da sein sollen, da hatte sie nichts besseres zu tun gehabt, dem schönsten Mann der Eiswüste nachzustellen, und ihren Ehemann auch mit ihm zu betrügen. Und mit Tarush. Und als dieses Geheimnis mit Tarush bekannt wurde, und Kunde zu Levan trug, da hatte er berechtigerweise seine Geduld verloren. Vielleicht hatte er ein wenig heftig reagiert, aber die Schläge und die Demütigungen hatte sie verdient. Verdient, für all die Jahre des Betrugs und Verrat, welchen sie an ihm verübt hatte, und davon hatte er bis zu seiner Todesstunde noch nicht einmal etwas gewusst! Hätte er gewusst, dass sie auch mit Kewan, und zahllosen anderen Männern, Eroberungen aus Schenken, Hausangestellte, und wahllos Männern, die ihr gefallen hatten, das Lager geteilt hatte, dann hätte er sie vermutlich umgebracht. Und Recht hätte ihr geschehen. In diesem Moment wünschte sie sich, er hätte es getan, dann hätte sie sich all den Kummern, den Mühsal und den quälenden Hunger der letzten Tage und Wochen erspart. Sie hatte noch nie im Leben Hunger gehabt. Wirklichen Hunger, schmerzenden Hunger, so wie dieser hier. Und während sie auf dem aschegrauen Waldboden hockte, und sich ihren Tränen hingab, da blickte sie Kewan beinahe mit Verachtung an. "Es ist deine Schuld! Meine, aber vor allem deine! Die Götter bestrafen uns, weil wir miteinander das Lager geteilt haben, und weil du Levan umgebracht hast! SIe haben einen Fluch über uns gebracht! DIeser Stern ist ein Fluchstern, weil er unser Schicksal besiegelt hat!" Da fiel ihr Blick auf den ausgemergelten Hund, der da saß, und sie mit großen Augen und fragend anblickte. Kewan hätte dieser Hundeblick vielleicht erweichen können, aber sie blickte auf das Tier mit reiner Verachtung. Plötzlich blickte sie Kewan aus rotverheulten Augen an fragte sich, warum sie bislang noch nicht auf diese Idee gekommen war. "Lass uns den Hund essen! Er wird sowieso nicht überleben, und es ist besser, als überhaupt nichts!" Doch Kewan schien von dieser Idee nicht sonderlich erbaut zu sein, was Kesha umso wütender machte. "Ich verachte dich, K'eyshu!" spie sie ihm entgegen...

Doch als alles verloren schien, tat sich ein Lichtblick auf, denn auf dieser, immer mehr baumlosen, verbrannten Ebene erschien eines Tages in nicht weit entfernter Weite etwas vor ihren Augen. Kesha glaubte, zu phantasieren, als sie Wagen erblickte, und ungläubig lief, nein, stolperte sie immer schneller, doch das, was sie als Sinnestäuschung glaubte, verschwand nicht, sondern nahm immer mehr Kontur an, und dann, je näher sie kamen, sahen sie es. Da waren wirklich Wagen. "Kewan..." hauchte sie... "Da sind Menschen!" Wirklich, und wahrhaftig hoben sich von dieser öden Landschaft einige Wagen, ein Lagerfeuer und Menschen ab, die rund ums Feuer saßen, und im Gegensatz zu Kesha und Kewan alles andere als trübselig zu sein schienen. Über dem Feuer hing ein Kessel, aus welchem ein verführerischer Duft schon viele Fuß weit zu den beiden hinüberzog. Vermutlich hatten diese Kesha und Kewan schon lange, bevor diese sie erblickt hatten, bemerkt. Die Aufmerksamkeit der Karawane zog sich neugierig, mißtrauisch und mit leisem Stimmengemurmel, auf die Beiden, und als sie dann schließlich an dem Lager standen, da fühlte sich Kesha beinahe unwohl, als sie so gemustert wurde. Doch dies war nicht der richtige Zeitpunkt, für falschen Unmut, und so ließ Kesha sich anstarren, ehe einer der Männer das Wort an sie richtete. "Wer seid ihr? Und was wollt ihr hier?" Kesha staunte nicht schlecht, als sich die harte Aussprache des Mannes als coreonisch entpuppte. "Ihr sprecht unsere Sprache?" flüsterte sie schwach, aber mit neuem Lebensmut beseelt. Kesha hatte diesen Akzent schon vernommen. Aber es war schon viele Jahre her. Es war die harte Sprache der wilden Menschen. Kesha war so überglücklich, andere Menschen zu sehen, die noch dazu bestens mit Lagerzeug ausgestattet waren, dass sie sich ein Lächeln abrang. "Wir kommen aus der Eiswüste. Wir folgten dem Stern. Wir sind schon seit schier ewiger Zeit unterwegs..." hauchte sie ergeben und ihre Blicke hafteten sich von dem Mann mit dem blonden Haar, welches fast so wie das ihre war, und dem dichten Bart, welcher zu einem kunstvollen Zopf geflochten war, und einen eindrucksvollen Anblick bot, zu dem Kessel in welchem ein Eintopf blubberte, der besser duftete, als alles, was Kesha je gerochen hatte, so glaubte sie. "Eiswüste, ha?" brummte der Mann "Nie gehört." Da lächelte Kesha. Die Eiswüste war auch nicht unbedingt ein Ort, den man kennen musste. "Aber ich kenne euer Land. Die unbeugsamen, wilden Lande, ist es nicht so?" Da nickte der Mann und ließ seine Blicke schweifen, zwischen Kesha und Kewan, die optisch so ungleich, wie nur sonst was waren. "Eiswüste also." Da warf Kesha einen Seitenblick auf Kewan und wandte sich wieder an den Wilden. "Er stammt aus der Eiswüste. Ich nicht. Ich komme aus Rômachar, welches in Thasani liegt, das fruchtbare Land, am Ende des Kontinents. Aber geboren wurde ich in Arcanis." Da nickte der Mann. "Das verrückte, fanatische Volk, ich verstehe..." und schmunzelte. "Mein Name ist Kesha, aber fanatisch bin ich nicht..." lächelte sie Sie berührte Kewan am Oberarm. "Und das ist Kewan... Mein Gefährte... Er begleitet mich nach Rômachar. Als wir den Stern von der Eiswüste aus sahen, da beschlossen wir, ihm zu folgen. Es war eine unglaublich mühselige Reise. Und nun stehen wir hier... mit Nichts..." begann Kesha. Sie war müde, und erschöpft. "Ich stehe nun hier vor euch, mit nichts, aber ich bitte euch, helft uns. Wir können euch nichts anderes geben, außer unseren unsagbaren Dank..." Der Wilde nickte. "Mein Name ist Astvald. Nehmt Platz bei uns, ihr sollt Speis und Trank erhalten, aber dafür will ich ein paar wirklich gute Geschichten erzählt bekommen..."
Sie will es und so ist es fein
So war es und so wird es immer sein
Sie will es und so ist es Brauch
Was sie will bekommt sie auch

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Heimat: die wilden Lande
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Re: der Fluchstern

Beitrag von Nor » Sa, 08. Mär 2014 13:17

Bildenschen! Von allen Wesen dieser Welt, welche es am Rand des Kraters zu finden galt, so hatte Nor Menschen am allerwenigsten erwartet. Ein wenig abfällig schnaubte die dunkle Gestalt im Schutz der versengten Bäume, welche den äußersten Rand des Kraters bildeten. Die Wagen der Menschen standen nicht weit von ihm, doch dahinter gähnte eine weite, öde und verbrannte Ebene. Das schwelende Loch, in welchem der Fluchstern wohl niedergegangen war, konnte man gerade noch mit bloßem Auge erkennen, doch würden die Menschen ihn sicherlich bemerken, wenn er sich dorthin aufmachen würde. Und in der Nacht würde die Kreatur, welche in den verborgenen Schatten seines Selbst hauste, gänzlich anderen Wünschen nachgehen, als zu dem Krater zu gehen, um den gefallenen Blutgeist zu bergen. Doch hegte Nor keinen Groll gegen diese Menschen und das Letzte, was er ihnen wünschte, war der Tod durch die Zähne, Klauen und Krallen der Bestie, die er des Nachts wurde. Und so saß er auf der, von Asche bedeckten, Erde des Waldrandes und sinnierte über den weiten Verlauf seiner Wallfahrt. Er war nur gekommen, um den Blutgeist zu suchen, in der Hoffnung Erlösung zu finden. Doch sollte der Weg zur Erlösung von Blut und Tod gesäumt werden? Nor schüttelte den Kopf, doch gab es wohl keinen anderen Weg, denn der Werwolf wusste nun um die Gegenwart dieser Menschen. Ganz gleich, wohin Nor gehen würde, die Kreatur würde ihren Weg zu ihrem Lager finden. Es war keine Frage ob er sie töten würde, sondern lediglich wie. Würde er einfallen, wie ein Sturm und sie alle vernichten und verschlingen, oder würde er es wie Bhanel halten? Heimlich und verborgen, einen nach dem anderen aus deren Mitte reißen, und sie so, langsam dezimieren, ohne dass sie wussten, wer für ihr Leid verantwortlich war?

Nor konnte sich weder mit dem einen, noch mit dem anderen Gedanken anfreunden. Alles was er wusste war, dass der Tod kommen würde. Vielleicht waren diese Menschen stark. Doch würden sie stark genug sein, gegen den Werwolf zu bestehen, welcher all jene schlachtete, welche sich ihm in den Weg stellten? Nor bezweifelte es. Und als der Mittag schon weit ins Land gezogen war, da richtete er sich aus seinem Schneidersitz wieder auf. Er musste eine Entscheidung fällen. Vielleicht würden diese Menschen ihm sogar wohlgesonnen sein, wenn er sich ihrem Lager näherte? Doch würde dieses Wohlwollen den Einbruch der Nacht überdauern?

Allerdings, gerade als er sich aufmachen wollte, zu gehen, da vernahm er Stimmen und so hielt er inne. Hastig ließ er seine Blicke über das verbrannte Land schweifen, als er, nicht weit vom Lager der Menschen, zwei Gestalten erspähte, welche sich dem Lager näherten. Ein Mann und eine Frau. Noch mehr Menschen! Nor schnaubte, während er sich ein wenig tiefer in das Dickicht der kargen Bäume zurückzog, um die Ankunft dieser Menschen zu beobachten. Doch Nor war nicht der einzige, welcher sie bemerkt hatte. Die Menschen, welche gerade noch um ihr Lagerfeuer gesessen hatten, waren aufgestanden, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Nor konnte ihre Stimmen vernehmen und die Worte, die sie sprachen, doch verstand er kein einziges Wort. Er legte den Kopf ein wenig schräger und beäugte die Fremden mit wachsender Neugierde. Die Frau war jung und hatte Haar so hell wie der Schnee, während des Mannes Haar schwarz wie das Land war, auf welchem sie standen. Kohlrabenschwarz. Doch erweckten weder der Mann, noch die Frau, oder gar einer der Menschen des Lagers die Aufmerksamkeit des Schamanen. Vielmehr war es der dürre, verhungerte Hund, welcher ihnen unauffällig gefolgt war. Nor starrte auf die klägliche Töle, welche seinen Kopf erhoben hatte, und in seine Richtung starrte. Für einen Moment war es Nor, als ob das Tier ihn gesehen, oder gewittert hätte, doch als der Hund dann wieder den Kopf von dem Wäldchen abgwandt hatte, da ließ auch Nor seine Blicke über die versammelten Männer und Frauen schweifen. Die Menschen des Lagers baten die Zwei zu sich zu setzen und Nors Blicke wurden von Sehnsucht erfüllt, denn der verführerische Geruch von gebratenem Fleisch und einer würzigen Brühe, welche sie über dem Feuer in einem Kessel zubereiteten, stieg ihm drängend in die Nase. Wie lange nur war es her, dass er etwas Richtiges zu Essen gehabt hatte? Ausschließlich Beeren, Wurzeln und … rohes Fleisch. Was der Werwolf alles verschlungen hatte, daran vermochte sich Nor weder zu erinnern, noch wollte er es genau wissen. Allein der Gedanke daran bereitete dem Schamanen Übelkeit. Und doch hatte der Werwolf ihn dadurch am Leben erhalten, sonst wäre er wohl kläglich verhungert, bei seiner Reise durch die weite Ebene aus Eis und Schnee.

Den Schnee hatte der Ork inzwischen hinter sich gelassen, doch der Hunger war geblieben. Und so haderte Nor mit dem Gedanken, oder vielmehr dem Wunsch, es den beiden Fremden gleichzutun, und sich ebenfalls dem Lager der Menschen zu nähern. Doch der Hunger, der seinen Magen zum Knurren brachte, als ob der Werwolf dort hausen würde, war nicht stark genug, um den Schamanen aus seinem Versteck heraus zu locken. Allerdings drängte die Zeit. Diese Nacht war die letzte des Totenmonds. Diese Nacht würde Nor noch Nor bleiben, doch nächste Nacht würde der Werwolf erneut aus ihm hervorbrechen und dann wussten nur die Geister und Ahnen, was geschehen würde. Und so ließ sich Nor wieder in seinen Schneidersitz nieder und nahm sich seine lederne Tasche von den Schultern. Die ledernen Riemen, an welchem die unzähligen Urnen und Tongefäße hingen, in welcher Nor seinen kostbarsten Schatz, die Asche verschiedener toter Freunde und mächtiger Schamanen der wilden Lande, aufbewahrte, hängte an eine Astgabel und auch den Totemstab, in welchem der Geist des Werwolfs gebannt war, welcher den Schamanen zu dem gemacht hatte, was er heute war, lehnte er gegen denselben Baum. Erst jetzt, da er sich seiner Habe entledigt hatte, legte er sich die lederne Tasche auf den Schoß und zog zwei Dinge daraus hervor. Zum einen den Totenschädel, an welchen er den Geist jenes Mannes gebunden hatte, welchen der Werwolf in der eisigen Wildnis gerissen hatte. Er überprüfte den Schädel auf Schäden, denn die Reise war beschwerlich gewesen und als die Jäger ihn gefangen hatten war er mehr als nur einmal zu Boden gestürzt, bei dem Versuch mit den Pferden Schritt zu halten.

Doch der Schädel schien unbeschädigt und so legte der Schamane diesen, zufrieden nickend, beiseite, um eine kleine, lederne Rolle hervor zu holen. Er löste, beinahe andächtig und behutsam, die Knoten der Lederbänder, welche das gewickelte Leder zusammenhielten. Und als dies geschafft war, da breitete er die Rolle vor sich aus. Auf dem ledernen Gedeck, welches Nor nun geöffnet hatte, lagen zwei grobe Steine, sowie einiger Kräuter, Pize und zwei kleine, lederne und verschnürte Beutel. Nor klaubte einige Äste zusammen, welche auf dem Waldboden verstreut lagen. Sie waren bereits schwarz wie Kohle und zeugten von dem verheerenden Brand, welchen der Sturz des Sterns verursacht hatte. Doch der Tod des Waldes hatte Nor insgeheim ein Geschenk gemacht, denn nun waren all jene toten Bäume, welche eins vor Leben gestrotzt hatten, bevor der Blutgeist über dieses Land gekommen war, nur mehr Kohle. Jeder Ast und jeder Baum würde lichterloh brennen, würde man ihn nur gehörig in Brand stecken. Doch Nor stand nicht der Sinn danach, sein Versteck zu verbrennen. Stattdessen hub er eine kleine Kuhle in dem verbrannten Waldboden aus und schlichtete dann den Reisig und die verkohlten Zweige hinein, welche er gefunden hatte.

Eigentlich benötigte er kein Feuer, denn es war bei weitem nicht mehr so kalt, wie noch vor einigen Tagen, doch wollte er den Rat der Ahnen und Geister suchen, bevor er weitere Schritte plante. Und für dieses Gebet benötigte er ein rituelles Feuer um die Ahnen zu diesem verlassenen und toten Ort zu rufen. Einem Ort, welchen die Geister für gewöhnlich zu meiden wussten. Die Kuhle würde das Feuer weitestgehend vor den Augen der Menschen verbergen und da sie selbst mehrere Feuer geschürt hatten, würde der verräterische Geruch von Ruß und Rauch ihnen sicherlich ebenso entgehen, da sie dies mehr ihren eigenen Feuern zuschreiben würden. Nichtsdestotrotz nahm Nor seinen Platz vor dem Feuer so ein, dass sein Leib das Feuer zusätzlich vor ihren Blicken abschirmen würde, bevor er damit begann die beiden Steine gegeneinander zu schlagen. Kleine, glühende Funken stoben aus seinen schwarzen Händen, mit welchen er die beiden Steine hielt und rieselte, beinahe wie verglühende Sterne, in die Kuhle aus totem Holz und verkohltem Geäst.

Es dauerte nicht lange, da hatten sich die Glutfunken in das Geäst gefressen und die trockenen Äste in Brand gesteckt, als Nor zufrieden nickte, die Steine wieder auf das lederne Gedeck legte und sich über das Feuer beugte. Er holte tief Luft und blies, andächtig und behutsam, in die aufkeimende Glut um sie mit Leben zu erfüllen. Und als sein Atem auf die Glut traf, flammte diese binnen weniger Augenblicke auf und verschlang auch den Rest der verkohlten Äste. Und so öffnete Nor einen der kleinen, ledernen Beutel und nahm etwas von der Asche, welche er darin aufbewahrte, heraus. Er streute eine kleine Prise davon in das Feuer, welche, noch bevor sie auf den Ästen landete, knisternd und glühend verging. Sofort erfüllte der Geruch von verbranntem Harz und gemahlenen Gebeinen die nahe Umgebung um Nors Feuer, als er auch den zweiten Beutel öffnete.

Dieser wohl war der heiligste Besitz, den Nor besaß. Denn er enthielt die Asche der Götter, so nannte Nor es. Es war das verbrannte Holz eines heiligen Totems vom Knochenfriedhof. Die Seele der Geister und Ahnen war direkt in diesem Holz eingesperrt gewesen, als der Totemstab verbrannt war, und somit trug Nor die Asche seiner Ahnen und der Götter mit sich, welche ihm erst die Möglichkeit eröffnete direkt mit den Göttern Zwiesprache zu halten. Als er einen Hauch der Asche in das Feuer warf wurde Nor für einen Augenblick regelrecht Schwarz vor Augen, als der Rauch ihn einhüllte. Doch war der Rauch nicht von Dauer oder Bestand. Nur wenige Atemzüge später war nichts mehr von dem Rauch zu sehen und alles was zurück geblieben war, war ein schwarzer Ork, welcher mit geschlossenen Augen vor dem kläglichen Feuer saß, welches noch in der Kuhle brannte. Er wiegte sich immer wieder vor und zurück und summte eine ruhige und zugleich unheimliche Melodie, während sein Geist in weite Fernen schweifte, auf der Suche nach dem Rat der Ahnen.
Ich bin des Mondes düstrer Bote!

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Re: der Fluchstern

Beitrag von Kewan » Sa, 15. Mär 2014 13:20

Tagelang hatten Kewan und Kesha nun ihren Weg gesucht. Richtung und Entfernung wusste man nur ungefähr, doch es war die pure Neugierde, die das frisch gebackene Paar vorantrieb, Zumindest Kewan, der von Tag zu Tag aufs Neue Kesha davon überzeugen musste, dass dieser Weg etwas für sie bereti halten würde. Der Jäger wusste es einfach. Vom ersten Moment an, als er sah wie der Stern vom Himmel stürzte hatte er gewusst, dass etwas sonderbares an diesem Ort, jedenfalls etwas Erinnerungswürdifges passieren würde. Dies allerdings erleichterte die triste Einöde des Weges nicht. Ganz im gegenteil. Von der ursprünglichen Freude Kewans, sein Land zu verlassen war nun auch zugegebenermaßen recht wenig übrig, denn das abwechseln des dichten Waldes und der harten, trockenen Steppe hatte seinen Reitz verloren und war zu einem Einheitsbrei verschwommen, den er auch in der Heimat oft genug beobachtet hatte. Das Fernweh des Jägers musste gestillt werden. So sehr sehnte er sich nach etwas Neuem, dass er manchen Tages wie besessen marschierte und dabei vergaß, dass Wunden ihn plagten und er doch Gesellschaft hatte. Jedes Mal jedoch, wenn er einen Blick auf sie warf, die Frau die ihn überhaupt erst dazu bewegt hatte von Norr Bharrak zu verschwinden, schalt er sich selbst, denn sie war engelsgleich. Auch nach der, für ihn zumindest langen Zeit einer Beziehung, hatte sie nichts ihres Reizes verloren und die tristen Nächte zwischen der Wanderschaft wussten sie mehr als nur mit Freude zu erfüllen. Genauer gesagt waren sie sogar bald das einzige, was irgendwie noch Wonne zu bereiten schien, denn bald kamen weitere Probleme auf, als ausschließlich das werte persönliche Wohlbefinden. Nahrung wurde knapp, Trinkwasser kam diesem Dilemma gleich. Der Einschlag des Sterns hatte seine Spuren hinterlassen und je näher sie dem vermeintlichen Ort kamen, an dem sich sein Kern befinden würde, desto wüster wurde das Ausmaß der Zerstörung. Es wäre übertrieben zu sagen alles wäre dem Erdboden gleich, doch unzählige umgeknickte Bäume und eine zunehmend dickere Luft, geschwängert durch das kolossale Ausmaß der Staubwolke säumte den Weg. Diese Umstände machten es auch für den erfahrensten Jäger schwer zu jagen, wenn nicht unmöglich. Kaum ein Tier war an diesem Ort geblieben und die wenigen die es getan hatten, waren eine wahre Herausforderung. Selbst mit seinem Hund hatte Kewan nur mäßigen Erfolg, der sich zusehends im Nichts auflöste. Hunger nagte an den Reisenden, doch seine Zuversicht war ncoh immer die selbe wie zuvor. Jetzt waren sie schon so lange gewandert, ein Umkehren käme genauso einem qualvollen dahinraffen gleich wie ein gezieltes weitergehen und so taten sie es.
Schmerzhaft bemerkte der Jäger natürlich wie unzufrieden Kesha mit der Situation war und er konnte es mehr als nur nachvollziehen, da auch er das selbe Schicksal teilte. Fast täglich verschlechterte sich ihre Laune und zeigte einmal mehr auf, wie wenig sie in ihrem Leben bisher mit Strapazen zu kämpfen hatte. Einerseits sah es Kewan für sie als eine Lektion an, die ihr sicherlich gut tun würde, doch andererseits tat sie ihm Leid. Natürlich nagte auch er am Hungertuch, doch das hatte er in der Vergangenheit nicht selten getan und das was er hatte teilte er sorgsam mit seinem Hund. Auch eine Sache die Kesha mehr als nur zu stören schien. In ihren Augen erkannte er, wie wenig dieser Hund ihr bedeutete, was er als sehr schade empfand denn Kilan war ein mehr als nur treuer Weggefährte. Für ihn jedenfalls und auch wenn jeder Versuch von ihm oder auch vom hund selbst zum Scheitern verurteilt war, die Hoffnung starb zuletzt
"Was mag hier nur passiert sein? Dieser Landstrich scheint förmlich tot zu sein. Kein Vogel ist zu vernehmen, kein Tier, ja nicht einmal ein Insekt tummelt sich hier...", waren Keshas Worte, als sie nun schon mehrere Tage durch eine Ebene wüster Zerstörung gewatet waren und die ohnehin schon recht trostlose Welt noch mehr von ihrer sterbenden Lebendigkeit verloren hatte. Und damit sprach sie Kewan aus der Seele. Es war schrecklich mit anzusehen, denn es erschien nicht so als sein es schon immer so gewesen, nein, es war die pure Gewalt der Zerstörung die über diesen Ort hinweggefegt war und auch der Staub in der Luft schränkte die Sicht mehr als nur ein. Es war eine Wolke aus winzigen Partikeln des Bodens, die sich auch nach so langer Zeit noch nicht abgesetzt hatten.
"Ich weiß es nicht, Kesha...", antwortete der Jäger ungewöhnlich bedächtig, während er sich hinhockte und seine Hand mit dem Staub des Bodes füllte und ihn durch seine Finger gleiten ließ. Kilan hatte sich mit wedeldem Schwanz neben ihn gesellt und stellte neugierig die Ohren auf.
"Aber dieser fallende Stern muss eine verheerende Zerstörung hinterlassen haben, denn es ist noch ein ziemlich weiter Weg... würde ich sagen."
Durch den ganzen Nebel, der auch des nachtens die Sicht auf die Sterne erschwerte, erschwerte sich auch gleichzeitig Kewans Orientierung. Natürlich waren Wiedrigkeiten Ausnahmen die die Regeln bestätigten, doch die ungewohnte Umgebung ließ ihn unsicher werden. Eigentlich war es nciht anders als in der Heimat. Man stapfte stundenlang voran und für den oberflächlichen Blick änderte sich an der Umwelt nichts. Im Norden waren es Massen an Schnee die an einem vorbeizogen, hier waren es Staub und umgeknickte Bäume. Dennoch allerdings war sich der Jäger auch sicher, in die richtige Richtung zu wandern, denn hin und wieder hatte er die Möglichkeit sich zu orientieren und dies hatte ihm in den letzten Nächten oft genug gezeigt, dass die eingeschalgene Richtung stimmte. Doch wie lange würden sie ihr noch folgen können?

All das nagte so sehr an den Nerven, dass sich Kewan eigentlich nur wunderte, wie Kesha es geschafft hatte so lange durchzuhalten. Es war offensichtlich gewesen, dass genau dies irgendwann passieren würde und doch, als es passierte schmerzte es dem Jäger sehr. Über die Dauer dieser kräftezehrenden Reise hatte er versucht sich auf etwas derartiges Vorzubereiten, denn es ging ja nciht darum Kesha irgendwie abzuwimmeln und gut war, nein, er musste ja irgendwie mit ihr klarkommen und das war mit SIcherheit nicht eine seiner Stärken. Genau so war es auch. Ihre zornigen Worte brandeten an seine Ohren wie die eisige Gischt des Nordmeeres im Sommer an die verwitterten Felsen der Küste.
"So kann das nicht weitergehen, Kewan! Wir haben seit...ich weiß nicht wie vielen... Tagen nicht gegessen! Und bald werden auch unsere Wasservorräte verbraucht haben! Dieses Land ist ist nicht wie die Eiswüste! Es ist tot! Hier finden wir nichts! Wir werden hier sterben, und das ist ganz alleine deine Schuld! Du musstest ja unbedingt diesem gefallenen Stern folgen! Was glaubst du, da vorzufinden? Ich sage dir, was der Stern ist! Unser Todesbote! Eine Verlockung, eine Prüfung durch die Götter! Sie verhöhnen uns! Und sie bestrafen uns, für das, was wir beide getan haben! Es ist deine Schuld! Meine, aber vor allem deine! Die Götter bestrafen uns, weil wir miteinander das Lager geteilt haben, und weil du Levan umgebracht hast! SIe haben einen Fluch über uns gebracht! DIeser Stern ist ein Fluchstern, weil er unser Schicksal besiegelt hat! Lass uns den Hund essen! Er wird sowieso nicht überleben, und es ist besser, als überhaupt nichts! Ich verachte dich, K'eyshu!"
Ihre Stimme überschlug sich und legte alle Verzweiflulng dar, dass es Kewan selbst schmerzte das mit anzusehen. Doch er musste sich diese Vorwürfe gefallen lassen, doch dass sie ihn bei seinem echten Namen nannte... das war unbeschreiblich.
"Was ich gehofft hatte zu finden? Nun...Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein, vielleicht irgendwas...verrücktes. Ich war einfach vollkommen absorbiert von diesem Anblick, dass ... dass ich dachte es wäre tatsächlich ein Zeichen der Götter. Aber, aber an einen Todesbote habe ich mit Sicherheit nicht gedacht... DU hast es ja gesagt, wir sollten da nich hingehen und trotzdem haben wirs gemacht! Wir sind hier, stecken bis zum Hals in der Scheiße..."
Kewans Stimme war leise. Er streichelte Kesha sanft über die Schulter, nachdem sie sich hatte kraftlosauf den Boden fallen lassen und versuchte ihr irgendwie trotzdem zu zeigen, dass er da war und so lange das der Fall war, solange sie zusammen blieben ein Funken Hoffnung blieb.
"... aber auch wenn wir hier scheinbar mächtig tief und bis zum Hals in der Scheiße stecken, kann ich dir versichern, dass es mir Leid tut. Wenn wir hier sterben müssen, dann... dann verdammt dann ist es eben so. Ich meine was haben wir denn? Ohnehin nur uns selbst. Einen Hund, den du essen willst, um dein Leben, mit dem du ohnehin schon abgeschlossen hast noch um ein paar Tage zu verlängern? Lass den armen Hund leben, Kesha, dann stirbt er wenigstens mit uns zusammen. Aber weißt du was? Warum zur Hölle reden wir über das verschissene sterben, wenn wir noch Kraft haben hier rumzuheulen. Ich meine was soll ich zu unserer Situation sagen? Norden, Süden, Osten oder Westen! Such dir die Richtung aus! Egal wo du lang gehst, du wirst das gleiche Schicksal erleiden und hier inmitten der Chancenlosigkeit packst du aus?"
Während er sprach wurde Kewan immer energischer. Er fühlte genauso wie Kesha, auch wenn er sich das nciht eingestehen wollte und nciht aufgab, doch innerlich wusste er dass sie verloren waren. Schnauben vor Wut auf sich selbst schraubte sich der Jäger nach oben. SO laut es seine trockene Kehle zuließ brüllte er einfach in die Ebene hinein. Lange zog sich der Schrei hin und verebbte in einem zornigen schnauben, während er einen fahlen Holzknüppel vom Boden riss und einfach auf einen Baumstumpf damit einschlug, bis seine Hände vor Blut und Splittern nciht mehr imstande waren ihn zu halten. Keuchend wischte er sich über die Stirn.
"Verammt, du hast Recht Kesha, ichglaube auch wir sind verloren und werden hier irgendwo elendig verecken, aber was solls sag ich mir. Was zur verfickten Scheiße nochmal solls? Ist doch alles scheißegal! Warum klammere ich mich eigentlich an so ein verhurtes Leben? Warum zur Hölle mach ich den Müll? Und wenn ich das mache, dann ... dann gehts irgendwie. Manchmal, wenn ich nich grad kaputt Bäume noch mehr kaputt mache. Ich liebe dich, Kesha und wenn du mich hasst, dann kann ich wenigstens sagen wir sind trotzdem zusammen gestorben."
Kewan grinste matt und stellte sich vor Kesha, die noch immer am Boden kauerte und hockte sich vor sie. Sein trauriger Blick traf den ihren.
"Nur fette und nach Schweiß und Wichse riechende Verlierer geben auf und in meinen Augen siehst du verdammt heiß aus... vielleicht ein bisschen feucht um die Augen und n bisschen Dreck im Gesicht, aber nichts was man nicht wieder hinbiegen könnte."
Er reichte ihr seine Hand und zwinkerte ihr einmal zu.
"Der Tod ist immer sicher, Kesha, ob nun hier oder in zwei Jahren am Fieber oder in 30 Jahren im Alter. Irgendwann sind wir alle nur noch Staub."
Kewans Hand reichte hinunter und streckte ihr den sandigen Boden auf seiner mit Blut verklebten Handfläche entgegen.
"Gucks dir an, es ist es nicht wert sich darüber aufzuregen. Ich werde nicht aufgeben und egal was du von mir halten magst, ich gebe mein bestes um es die hier so luxoriös wie möglich einzurichten."
Seine Worte schienen sie zu erreichen. Kesha ergriff seine Hand und ihre geröteten Augen, sowie ihr Schluchzen begann sich langsam zu legen. Aber es half in der Tat nichts sich hier in der Mitte des Nirgendwos Anschuldigungen an den Kopf zu werfen. Aber trotzdem hatten Keshas Worte tiefe Furchen in seiner Seele hinterlassen. Dass Frauen sehr sprunghaft waren wusste er, doch ihre Stimme hallte ihm noch immer schmerzhaft in den Ohren. Was war, wenn sie es doch ernst meinte? Der Jäger wollte nicht darüber nachdenken. Er versuchte seine Gefühle tief in sich zu verbergen und einfach zu vergessen was vorgefallen war, doch es wollte nicht gelingen.

Was jedoch niemand mehr erwartet hatte geschah letztendlich. Eines Tages erkannten sie die verschwommenen Schemen von Wagen und... Menschen in der Ferne, die durch den Schleier des Staubes beim Näherkommen immer schärfere Konturen annahmen. Tief atmete Kewan durch, als sich seine schlimmsten Ahnungen nicht bewahrheiteten sollten und er blieb stehen. Er vernahm Keshas zitternde Stimme, die sich sofort auf sie zu bewegte. Der Jäger jedoch stützte sich auf seinen kunstvollen Speer und hockte sich hinab zu Kilan, den er liebevoll zwischen den Ohren kraulte.
"Meine Fresse bin ich froh...", seufzte er dem Tier zu, was ihn nur fragend anblickte und die Ohren aufstellte. Kewan grinste brait, erhob sich und folgte der blonden Schönheit in Richtung der Wagen. Behaglich hatte man dort ein Lagerfeuer entzündet und ein großer Topf hing darüber, er einen verlockenden Geruch von sich gab. Der Jäger stellte sich hinter Kesha und bekämpfte innig den Drangs cih einfach auf das Essen zu stürzen. Mehr und mehr der Anwesenden versammelten sich um sie. Da er selbst nicht sonderlich eloquent war und das schon gar nicht in dieser Situation, überließ er Kesha das reden. Ein Mann mit harscher Aussprache richtete schließlich das Wort an sie und fragte nach Herkunft und Begehr. Das erste was Kewan auffiel war die unheimliche Größe der hiesigen Männer und er fühlte sich ein wenig untersetzt, was ihm unangenehm aufstieß. Während Kesha alles weitere klärte verschränkte der Jäger misstrauisch die Arme vor der Brust, der Speer steckte neben ihm im Boden. Seine Laune hellte sich aber nach und nach ein wenig auf, als Kesha ihn als ihren Gefährten bezeichnete und auch nicht mehr mit K'eyshu. Den Stein der ihm vom Herzen fiel ließ er sich allerdings nicht anmerken. Unerwerteterweise jedoch erwiesen sich die Männer und Frauen, die aus einem Landstrich names "die wilden Lande" zu kommen schienen als ziemlich gastfreundlich und boten beinahe stehenden Fußes den beidenen Reisenden ohne handfeste Gegenleistung Speiß und trank.
Sichlich genoss der Jäger die Stärkung, die in den letzten Tagen so rar gewesen war, dass es beinahe wirklich das Ende bedeutet hatte. Auch verarztete man seine leicht lädierten Hände, die nach seinem kleinen Ausraster ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Beinahe unaufhörlich wurde Kewan dazu aufgefordert von seiner heimat zu erzählen, die den Anwesenden völlig unbekannt zu sein schien. Dabei interessierte ihn viel mehr wie man in den wilden Landen lebte. Die Männer und Frauen machten jedenfalls einen wehrhaften und ziemlich kriegerischen, passend nach der Benneung ihres Landes, wilden Eindruck. Aufgrund seiner Erschöpfung und seiner eher eigentümlcihen Art machte sich der Jäger nicht unbedingt beliebt. Seine Antworten waren eher einsilbig und oberflächlich, aber es war tatsächlich auch das erste Mal, dass er über seine Heimat erzählte. Bisher hatte sich niemand fremdes dafür interssiert und alle die er sonst kannte lebten selbst dort. Auf seine Fragen jedoch antwortete man gleichsam karg und so verfiel die Aufmerksamkeit, die ohnehin nie sonderlich auf ihm gelegen hatte auf Kesha. Besonders die Männer der Karawane, doch Kewan haderte noch mit sich selbst, ob er sich das nicht nur einbildete oder ob es wirklich so war. Er musste ja zugeben, die Größe dieser Menschen war beeindruckend und dagegen wirkte er schon wie ein Knirps, doch körperlich war der Jäger ganz bestimmt nciht unterlegen. Warum dachte er überhaupt darüber nach? War er etwa eifersüchtig? Auffällig begann er Keshas Nähe zu suchen und irgendwie unauffällig zu zeigen, dass sie ihm gehörte.
Im Laufe des Abends jedoch kam eine Frage auf. Die Frage nach dem Stern. Auch hier wusste man die genaue Entfernung nicht und zu allem Unglück, als man seine Richtungen verglich kam man zu dem Schluss, dass man nicht in die selbe Richtung gegangen wäre. Ehrlich gesagt waren beide Richtungen völlig entgegengesetzt. Dies klärte sich jedoch nach anfänglichem Schreck recht schnell auf, denn anscheinend lag die Eiswüste nordwestlich des Einschlags und die wilden Lande im Osten. Also lag es nahe den Kurs nach Norden oder eben nach Süden zu korrigieren. Man beschloss eine Nacht darüber zu schlafen und genau das kam gerade richtig. Scheinbar schon fast magisch kroch die Kraft in Kewans Körper und der nächste Morgen war wie eine neue, belebende Geburt. Auch wenn die Trostlosigkeit noch immer schrecklich war, so war es ein einfacher Baumstumpf, der den Jäger auf eine Idee brachte. Natürlich! Bei einem solch großen Einschlag eines Sterns musste man nur entgegen der Richtung der Zerstörung gehen. Auf den ersten Blick vollkommen logisch musste man auch ersteinmal darauf kommen, dass sich die Zerstörung kreisförmig um den Einschlagspunkt ausbreitete. Es war nur eine Idee, doch als Kewan einen Stein in die Hand nahm und ihn kraftvoll auf den Boden warf, passierte vermnutlich genau das, was auch bei dem fallenden Stern passiert war... nur eben tausend Mal kleiner. Schnell erklärte der Jäger den Führern der Karawane seine Idee und man schickte mehrere Männer in die Umgebung aus, die ungefähre Richtung der Zerstörung auszumachen, dann stand es fest, man musste nach Süden.

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Re: der Fluchstern

Beitrag von Nor » Mi, 19. Mär 2014 17:09

Bildin dunkler Schatten huschte ungesehen durch die Nacht. Eine mondlose und finstere Nacht, wolkenverhangen, unheilschwanger und düster. Kaum ein Stern leuchtete am Firmament, denn die Wolkendecke hatte seinen ewigen Schleier des Vergessens unter dem schwarzen Tuch der Nacht ausgebreitet. Und der Mond war schwarz wie der Boden eines Tintenfasses. Und so kauerte der Schatten in den Mulden und Löchern, welche hier zuhauf durch den gefallenen Fluchstern geschaffen worden waren. Es war eine dunkle Gestalt mit schwarzer Haut. Der Schamane hatte sich aus seinem verborgenen Versteck toter Bäume herausgewagt, und da dies die letzte Nacht war, bevor der Werwolf erneut erwachen würde, wollte Nor diese Nacht dazu nutzen, mehr über die Menschen herauszufinden, welche es an diesen trostlosen Ort verschlagen hatte. Allerdings war der Schamane nicht gänzlich bei der Sache, denn sein Gebet mit den Ahnen und den Geistern der Götter war nicht gerade so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Er hatte mehrere Stunden meditiert, und als die Nacht schließlich hereingebrochen war, hatte er noch weit über die Dämmerung hinaus mit den Geistern der Anderswelt Zwiesprache gehalten. Doch alles was er vernommen hatte war Gemurmel und Geflüster. Unheilvolle Worte, welche Nor kaum verstand. Als ob die Geister an diesem Ort keine Macht hätten. Vielleicht war die mächtige Präsenz des Blutgeistes schuld, dessen Gegenwart die der längst vergangenen und verblassten Erinnerungen gewordenen Ahnen weit in den Schatten stellte. Und dieser Gedanke schmerzte Nor. Es glich beinahe dem Gefühl, als ob ihm irgend etwas fehlen würde. Als ob ein Teil seiner selbst zum Schweigen gebracht worden wäre.

Und so hockte die dunkle Gestalt, welche, ob ihrer Hautfarbe, beinahe mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen schien, in einer kleinen Senke und starrte auf das Lagerfeuer, welches kaum einen Steinwurf von ihm entfernt in der Finsternis loderte und so zumindest etwas Licht spendete, was die Sterne, wie auch der Mond, diese Nacht versagten. Doch so sehr der Argwohn ihn auch daran hinderte, näher heran zu gehen, so überwog doch die Neugierde. Und auch die Tatsache, dass er zwar die dumpfen und tiefen Stimmen der Männer hören konnte, wie sie vom lauen Abendwind herangetragen wurden, aber was die Menschen dort sprachen konnte er nicht verstehen. Doch vermutlich würde er ohnehin kein Wort verstehen, denn die Sprache der Menschen war ihm, nach wie vor, ein Rätsel.

Und so erhob sich Nor aus der Senke heraus und kroch, beinahe auf allen Vieren, immer näher an die Wagen heran, bis er langsam erste Wortfetzen verstand. Zwar wurde ihm die Bedeutung der Worte, welche dort gesprochen wurden, nicht wahrlich bewusst, doch hatten sie einen freundlichen Unterton, was Nor zumindest ein wenig darin bestärkte etwas näher zu gehen. Man konnte schon allein an der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgingen, sehr viel über sie in Erfahrung bringen, und dieses Wissen würde Nor sicher zum Vorteil gereichen, wenn die morgige Nacht vorüber sein würde. Die Nacht des ersten Blutes, denn daran bestand überhaupt kein Zweifel, dass es soweit kommen würde, dessen war sich Nor, auf eine schmerzlich sehnsüchtige Art und Weise, mehr als bewusst. Natürlich konnte er sich nicht sicher sein, doch kannte er die Kreatur, welche in seiner verfluchten Seele lauerte. Und sie hatte schon viel zu lange Entbehrungen ertragen müssen. Und viel zu lange seinen Blutdurst und der Lust nach Menschenfleisch entsagen müssen. Wenn die morgige Nacht nicht die Nacht des Blutes sein würde, dann irgendeine der darauffolgenden. Es war nur eine Frage der Zeit, und hing besonders davon ab, wie besonnen und wie listig der Werwolf seinen Opfern nachstellen würde.

Während Nor seinen düsteren Gedanken nachhing, lehnte er, mit dem Rücken, an dem Rad eines der Wagen und horchte in die Finsternis der düsteren Nacht und versuchte die Worte zu verstehen, die dort gewechselt wurden. »Bei den Göttern. Eure Geschichte ist wahrlich eines Liedes wert. Nicht viele wagen, und überleben, eine Reise, wie ihr sie hinter euch habt.«, tönte die Stimme eines hochgewachsenen Hünen von Mann, welcher stattlich aber zugleich auch wild aussah. Ein Krieger, wie Nor sie nur Zuhauf aus den wilden Landen kannte. Und auch, wenn Nor diesem Mann in Größe kaum nachstand, so wusste der Schamane, dass er diesen Mann keinesfalls unterschätzen durfte. Nor verstand nicht ein Wort, was dieser Mann dort sprach. Doch klang er weder zornig, noch aufgebracht, obwohl dies bei der Lautstärke seiner Stimme leicht angenommen werden konnte. »Aber unsere Geschichte ist auch gut.«, lachte der Mann nur und tat einen kräftigen Schluck aus dem Horn eines toten Tieres, welches Nor nur als den mächtigen Hauer eines gewaltigen Wildschweines erkannte. »Der Schamane unseres Dorfes hat uns, als er die Knochen geworfen hatte um die Ahnen über da Schicksal unseres Stammes zu befragen, schon vor zwei Jahren geweissagt, dass eines Tages ein blutendes Omen vom Himmel stürzen würde.« Er machte eine kurze Pause, wohl um die Bedeutung seiner Worte in das Bewusstsein seiner Zuhörer sickern zu lassen, dass ihr Schamane die Zukunft vorausgesagt hatte, und auch Recht behalten hatte. Doch als niemand darauf etwas entgegnete, hob er seine Stimme wieder an. »Er beschwor die alten Götter herauf um die Bedeutung dieses Omens zu verstehen. Und als er seine Antwort erhalten hatte, schwieg er einen ganzen Mond, bis er unserem Stammesältesten die Wahrheit zu sagen wagte.« Nun war er sich wohl der Aufmerksamkeit aller Anwesenden, selbst jener, welche die Geschichte schon längst kannten sicher. Aller Aufmerksamkeit, mit der Ausnahme von einer. Der orkische Schamane hockte noch immer, an das Wagenrad gelehnt, im Schatten und lauschte, doch verstand zugleich kein einziges Wort. Und während er lauschte, da hatte er eines seiner kleinen Tongefäße vom Gürtel geschnallt und war damit beschäftigt den Korken aus dem Gefäß zu ziehen.

Indes fuhr der Wilde mit seiner Geschichte fort. »Dieses Omen, so wurde es geweissagt, soll die Zukunft unseres Stammes entscheiden. Manch einer sagt, dass dies ein gefallener Etáín sein soll.« Da horchte Nor auf, denn dieses Wort war ihm bekannt. Er hatte es schon oft vernommen, als er sich in den Gebieten der wilden Menschen aufgehalten hatte. Doch so sehr er es auch versuchte, er konnte lediglich raten und erahnen, was sie über die Geister der Natur zu sprechen hatten. Aber allein die Tatsache, dass sie darüber sprachen, rang Nor nur ein grimmiges Schnauben ab. Die Totemgeister waren die wahren Etáín. Bei den Ork war dieses Wort mehr ein Fluch, als ein heiliges Wort, und so war es nicht verwunderlich, dass er nun ziemlich grimmig dreinblickte. Wenn Nor allerdings verstanden hätte, worüber dieser wilde Mann aus den Nordreichen gesprochen hatte, hätte er vermutlich rasch seine Meinung geändert, denn war der Blutgeist, wie Nor sie nannte, doch kaum etwas anderes als ein Geist und somit, zumindest auf eine seltsame Art und Weise, ein Etáín.

Nach und nach erhoben sich die Menschen langsam und begannen Steine auf den Boden zu werfen, was Nor nur mit einer gerunzelten Augenbraue und einem schiefen Blick bedachte. »Gre, nok Mrehna?«, brummte er während er sich fragte, was diese verrückten Menschen nun taten. Doch dauerte ihre Närrerei nicht allzu lange, denn bald schon schien es, als ob sie sich einig geworden wären, denn manche von ihnen deuteten, sichtlich aufgeregt, in jene Richtung, in welcher der Blutgeist auf die Erde hernieder gegangen war. Und als Nor sich bewusst wurde, dass dies genau in jener Richtung lag, in welcher er sich versteckte, da zuckte er unweigerlich zusammen. Hastig tauchte er seine Fingernägel in das Gift, welches sich in dem tönernen Gefäß befand. Er schloss das Tongefäß und band es sich wieder an den Gürtel. Doch kaum war er im Begriff sich zu erheben da wurden die Stimmen mit einem Mal lauter. »He! Wer ist da?«, herrschte eine Stimme. Und obwohl Nor die Worte nicht verstand, wusste er, ob der drohenden Stimmlage, sehr wohl, dass er gemeint war. »Kommt heraus aus den Schatten! Zeigt euch, wenn ihr uns wohlgesonnen seid.« Doch Nor dachte, selbst wenn er die Worte verstehen würde, nicht daran, sich der Willkür dieser Menschen auszusetzen.
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Re: der Fluchstern

Beitrag von Lesha » Fr, 04. Apr 2014 11:45

Kesha und Kewan hatten Platz genommen am Lagerfeuer der Wilden. Die Arcanierin war unsagbar froh, dass diese Wilden sie so gastfreundlich aufgenommen hatten, und alles, was sie dafür als Gegenleistung wollten, waren Geschichten. Und Kesha war nur allzu gerne bereit, diesen Menschen Geschichten zu erzählen, welche sie hören wollten. Die junge Frau blickte sich um, während sie an der Lagerstelle Platz nahm. Es waren an die zehn Männer, aber Frauen gab es hier fast keine. Drei Frauen zählte sie, doch zwei davon waren schon recht alt. Kesha fragte sich, warum diese alten Frauen diese sicherlich beschwerliche Reise auf sich genommen hatten, und wie sie dies bewerkstelligt hatten, während sie diese musterte. Es war, als hätte Astvald ihre Gedanken erraten. „Wir haben kaum Frauen mitgenommen, wie du siehst. Ihr Platz ist in den Clans der wilden Lande. Aber zwei Kräuterfrauen haben wir mitgenommen. Trotz ihres hohen Alters sind die zäh und robust. So sind wir Wilden!“ Mit diesen Worten schlug er sich mit der Faust gegen die Brust, und die umsitzenden Männer fielen in beinahe einstimmiges „Heja!“ ein, welches sie mit unverkennbarem Stolz von sich gaben. Astvald sprach weiter, während er sich umwandte, und auf einen Mann deutete, der eine recht hübsche, junge Frau im Arm hielt „Gudja musste mitkommen. Sie ist Svens Frau. Er lässt sie niemals alleine, und nimmt sie überall hin mit. Ist wohl ziemlich eifersüchtig, der Gute. Hahaha!“ Der Angesprochene rang sich ein ehrliches Grinsen ab und meinte „Mitnichten, Astvald. Ich bin nur weitsichtiger als ihr. Während ihr von euren Frauen träumt, und dabei Hand anlegt, wärmt mir meine stets mein Lager!“ Astvald grinste verwegen und wandte sich wieder an Kesha und Kewan „Nur die Starken überleben in den wilden Landen. Aber wenn ich mir dich so ansehe…“ sprach er und blickte dabei Kewan an „Dann müssen in der Eiswüste auch nur die Starken überleben. Aber du siehst wahrlich nicht aus, nimm es mir nicht übel, ich spreche immer die Wahrheit, und ich sage was ich denke. Ich will dich nicht beleidigen. Groß bist du ja nicht, aber wie es scheint, besitzt du dennoch Stärke, die man dir nicht ansieht.“ Kesha musste bei diesen Worten leise kichern, und Kewan tat ihr beinahe Leid. Er war, seit sie hier angekommen waren, ohnehin eher wortkarg gewesen, und so war sie es, die ihn verteidigte. Sie schlang ihren Arm um seine Hüfte, drückte sich näher an ihn heran, und meinte zu Astvald „Er besitzt wahrliche Stärke, und ein großes Herz. Und für einen Eiswüstenbewohner ist er alles andere als klein, oder schmächtig. In der Eiswüste sind die Menschen kleiner, als die Menschen in den Nordreichen, oder in Thasani.“ Obwohl es gut gemeint war, rang diese Erklärung den Wilden ein Lachen ab. „Andere Männer sind noch kleiner? Na, das müssen ja Eiszwerge sein… Seht uns Wilde an! Wir sind groß, und stark, wie Bäume!“ Kesha nestelte ihre Finger zwischen die Kewans, und drückte seine Hand beschwichtigend.

„Nun also, Kesha, und Kewan... Hier, langt zu. Und während ihr speist, will ich eine gute Geschichte hören, klar?“ Kesha nickte dankbar, und erhob sich. Eine der Kräuterfrauen rechte ihr zwei Schüsseln aus geschnitztem Holz, und noch bevor Kewan sich erheb konnte, legte Kesha ihm die Hand auf die Schulter. „Bleib sitzen, Kewan, ich bringe dir etwas…“ Diese unerwartete Wendung auf der Reise hatte ihre gallebittere Laune wieder besänftigt und so trat sie beinahe vergnügt an das Feuer, über welchem der Kessel mit dem duftenden Eintopf blubberte. Sie schöpfte zwei großzügige Portionen in die Schüssel, nahm dankbar von der Alten noch zwei große Kanten Brot entgegen, und dann reichte sie eine der dampfenden Schüsseln, sowie ein Stück Brot Kewan. Dann setzte sich Kesha im Schneidersitz wieder neben ihn, und stellte die Schüssel neben sich. Zwar war sie ziemlich hungrig, aber der Eintopf war noch so heiß, dass sie sich nur Mund und Zunge daran verbrannt hätte. Astvald fixierte sie mit ruhigem Blick, und schien auf eine Geschichte zu warten. Kesha überlegte. Und sie entschied sich für das Naheliegende, die Geschichte ihrer Reise. „Eines Tages, es liegt schon viele Monde zurück, da saßen mein Mann Levan und ich mit Freunden zu Hause am Tisch und tranken Wein…“ An dieser Stelle unterbrach Astvald sie alsgleich. „Levan? Ich dachte er heißt Kewan…?“ Da schüttelte Kesha den Kopf „Nein, ich meine nicht ihn, ich meine meinen Ehemann Levan.“ „Bist du ausgebüxt vor ihm?“ grinste Astvald. „Nein, lass mich doch erzählen, dann wirst du alles erfahren!“ Astvald nickte, erhob sich, trat an sie heran und reichte ihr einen Krug mit Bier. „Da, trink. Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gutes, starkes Bier. Alma! Bring mir noch einen Humpen!“ rief er einer der Frauen zu, und dann wandte er sich an Kewan. „Du sollst auch eins bekommen, wenn du mir ebenso eine gute Geschichte erzählst. Also Kesha, bitte fahre fort!“ Er ließ sich neben ihr auf den Boden nieder, und fixierte sie erneut mit ruhigem Blick, während die Alte schon herangetrottet kam, und ihm sein geforderter Bier brachte. „All voll, Kesha. Auf eine gute Geschichte..:“ grinste er, und Kesha nickte, und stieß mit ihm an. „Also, wo hast du mich unterbrochen…“ dachte sie laut. „Bei Levan, der nicht Kewan ist…“ brummte Astvald. „Ach ja. Also Levan und ich saßen mit Freunden bei uns zuhause in Romachâr, und wir tranken ebenso. Levan war ein Händler, und stets auf der Suche nach neuen Handelswegen, oder Handelswaren. Und irgendwie im Laufe des Abends wurde das Gespräch auf die Trümmerküste gelenkt. Du musst wissen, die Trümmerküste ist eine unglaublich schwer umschiffbare Küste, und niemand wagt es, sein Schiff dorthin zu steuern. Ich hatte ein wenig zuviel getrunken, und dann habe ich gesagt, dass wir es sehr wohl wagen würden, die Trümmerküste zu umschiffen, und von dort zum Beweis die Vednammuscheln mitzubringen, die es nur dort, am äußersten Punkt der Trümmerküste, der Sturmspitze gibt. Sie sind unglaublich wertvoll, und ihre Perlen kann man nicht einmal mit Gold aufwiegen, aber wie gesagt, niemand wagt es, zur Trümmerküste zu segeln. Ich habe unseren gesamten Besitz darauf verwettet, dass Levan und ich es wagen würden. Am nächsten Morgen als wir alle wieder nüchtern waren, kannst du dir vorstellen, dass Levan nicht gerade begeistert war. Aber ich hab ihn überredet, doch sein Schiff klarzumachen. Es ging schließlich nicht nur um unseren gesamten Besitz, sondern auch um die Ehre!“ „Ja, Ehre ist wichtig“ brummte Astvald und nickte beipflichtend. Kesha nutzte diese kurze Unterbrechung, um einen Schluck Bier zu trinken. Es war ein ziemlich starkes Bier, doch nach all den entbehrungsreichen Wochen, kam ihr dieses Starkbier beinahe vor wie ein Göttertrank. „So stachen wir also in See, und erreichten auch bald und ohne Hindernisse die Sturmspitze. Doch die Götter meinten es nicht gut mit uns. Ein verheerendes Unwetter braute sich zusammen, und der Sturm beutelte unser Schiff, die Wellen waren so hoch wie zwei Männer, und die See hatte uns fest im Griff. Ich glaubte schon, dass dies das Ende sei. Aber wie durch ein Glück überlebten wir. Nur unser Schiff zerschellte an der Küste der Eiswüste. Jäger fanden uns, und nahmen uns mit nach Norr Bharrak, die Hauptstadt der Eiswüste. Während ich riesiges Glück hatte, wurde Levan dabei verletzt. Er trug einen komplizierten Bruch davon und musste über einen Mond im Haus der Heilerin liegen.“ Kesha wandte sich an Kewan und erzählte weiter. „In dieser Zeit lernte ich Kewan kennen. Du liebe Güte, wenn du Levan gekannt hättest, dann könntest du dir vorstellen, dass er wie einem Gott gleich, vor kam. Er ist das genaue Gegenteil von Levan gewesen“ sprach sie völlig frei von der Leber weg. Astvald begann zu lachen. „Ich verstehe. Bist deinem Mann also doch ausgebüxt. Im übertragenen Sinne“ und blickte Kesha herausfordernd und tief in die Augen.

Kesha errötete und senkte den Blick. „Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch meine Ehe bestand für mich im Herzen nur mehr freundschaftlich. Levan tat der Reichtum nicht gut. Er hatte sich sehr gehen lassen, war fett geworden und beinahe unansehnlich. Ich empfand durchaus Gefühle für ihn, denn zehn Jahre Ehe lassen sich nicht einfach so fortwischen. Aber er ließ mich oft für viele Monde zurück in Romachâr und ging auf Handelsreisen. Er wollte nie, dass ich ihn begleitete. Er meinte, ich solle zu Hause bleiben, und ich war sehr oft einsam. Ich hatte mir immer Kinder gewünscht, doch dieser Wunsch blieb stets unerfüllt…“ Ihr Blick wurde melancholisch und sie senkte die Augen. „Ein echter Mann zeugt viele Söhne mit seiner Frau“ meinte Astvald. „Viele starke Söhne, und meinetwegen auch Töchter.“ Kesha hob den Blick wieder und lächelte. „So ist es, doch so war es leider nicht. Auf jeden Fall ergab es sich eines Tages, dass ich Kewan davon erzählte, dass unser Schiff einige Fässer Schnaps gelagert hatte. Ein starkes, alkoholisches Getränk, dagegen ist dieses Bier hier nur Wasser… Kewan und ich reisten zurück an die Küste und bargen den Schnaps. Das Schiff war ziemlich lädiert, und noch während wir uns darauf befanden, begann es plötzlich zu sinken. Es hätte Kewan beinahe das Leben gekostet…“ Sie schlang ihren Arm wieder um seinen Leib, und schmiegte sich ganz nahe an ihn heran. „Auch, wenn ich nicht sehr gläubig bin, so danke ich den Göttern, dass sie ihn nicht zu sich geholt hatten. Auf dieser Reise kamen wir uns sehr… nahe…“ meinte sie und errötete erneut. Kesha ließ bei ihrerErzählung bewusst die Begebenheit mit Tarush aus, doch führte sie fort „Levan hat natürlich herausgefunden, dass ich ihm untreu war. Er ist unglaublich wütend geworden, er hat mich beschimpft, geschlagen, und mich gegen meinen Willen genommen…“ Sie presste die Lippen aufeinander. „Ich bin zu Kewan geflohen. Er war wirklich sehr gut zu mir, und hat mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Und dann hat er Levan seiner gerechten Strafe zugeführt. Danach sind wir geflohen. Und auf unserer Reise haben wir den Stern vom Himmel fallen sehen. Kewan wollte unbedingt zu dem Stern reisen, und so taten wir dies dann auch. Und nun sind wir hier…“ lächelte Kesha Astvald an. „Bei den Göttern. Eure Geschichte ist wahrlich eines Liedes wert. Nicht viele wagen, und überleben, eine Reise, wie ihr sie hinter euch habt.“ Kesha nickte zustimmend, und widmete sich nun ihrem Eintopf, der inzwischen ausgekühlt war. Er schmeckte ihr besser, als alles andere, was sie bisher gegessen hatte, so hungrig und ausgelaugt war sie, auch, wenn der Eintopf nichts Besonderes war.

Kewan erzählte ebenso von sich und seiner Heimat. Doch für Kesha waren es eher belanglose Geschichten, und nicht derart aufregend wie jene, die sie zum Besten gegeben hatte. Ansonsten blieb er eher wortkarg und einsilbig, was den Wilden nicht sehr zu gefallen schien. Anders als Kesha, die froh war, wieder einmal Menschen unter sich zu haben, und mit denen man sich gut unterhalten konnte. Das Feuer brannte und wärmte, und der warme Feuerschein tauchte die Umgebung in eine heimelige Atmosphäre. Kesha schmiegte sich nahe an Kewan. „Was ist los mit dir, Kewan? Du bist so ruhig, und schweigsam. Ist alles in Ordnung mit dir? War es nicht in deinem Sinne, dass ich diese Geschichte erzähle? Ich fand ehrlich gesagt, nichts dabei…“ Kesha hatte ihren Lebensmut und ihre Freude wieder gefunden, und dies wollte sie auch mit Kewan teilen. So begann sie „Kewan, es tut mir leid, was ich heute alles zu dir gesagt habe. Ich habe dir viele Gemeinheiten und Hässlichkeiten an den Kopf geworfen. Es tut mir so unsagbar leid“ Sie betrachtete ihre Hand, und die Narbe, welche sich in der Handinnenfläche befand, welche sie stets an ihren Blutschwur erinnerte, den sie einander gegeben hatten. „Ich war nicht ich selbst, ich war völlig desillusioniert, erschöpft und traurig, und ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen. Ich war so unsagbar traurig und glaubte, dass unser gemeinsames Leben, welches gerade erst begonnen hatte, schon wieder vorbei war.“ Sie blickte immer noch auf die Narbe, und hob dann den Kopf und blickte Kewan tief in die Augen. „Weißt du, dieser Blutschwur hat eine besondere Bedeutung für mich. Er ist Zeichen und Symbol dafür, dass wir stets miteinander verbunden sein sollen. Ich liebe dich über alles, Kewan, und ich möchte bis an mein Lebensende mit dir zusammen sein. Dieser Blutschwur ist wie ein Eheversprechen für mich, wenn du das auch möchtest, Kewan. Ich liebe dich, und brauche dich so sehr, du hast keinen Begriff davon…“ Sie neigte ihren Kopf und küsste ihn zärtlich, er sanft, dann intensiver und fordernder. Doch bedauerlicherweise gab es hier kaum Gelegenheit, diese Leidenschaft, von welcher sie in diesem Moment erfüllt war, auch auszuleben. Und so saß sie einfach bei Kewan, und schwieg, und lauschte dem Klopfen ihres Herzens. „Kewan…“ begann sie nach einer kurzen Schweigepause „Ich möchte ein Kind von dir. Und nicht nur eines, sondern eine ganze Schar. Erfülle mir diesen sehnlichsten Wunsch, den Levan mir stets versagt hatte. Wenn wir erst in Romachâr sind, dann erwartet uns dort ein sorgenfreies und erfülltes Leben, und es gibt niemanden, mit dem ich das lieber teilen möchte, als mit dir, und…“ Doch weiter kam sie nicht zu sprechen, denn Astvald wandte sich wieder der Allgemeinheit zu, und erzählte Kesha und Kewan, warum sie zu dem Stern gereist waren. Die Männer begannen alsbald, wilde Spekulationen über den Stern anzustellen, und es war Kewans Idee, mit Steinen den Niedergang zu rekonstruieren, und man kam darüber herein, dass man nach Süden gehen müsste, um den Stern zu finden.

Plötzlich horchte einer der Männer, Leif auf. „Scht! Seid mal leise!“ Als ihn niemand zur Kenntnis nahm, rief er „Haltet das Maul, verdammt noch mal! Ich hab was gehört!“ Die Männer schwiegen, und Leif horchte erneut. „Da hinten ist jemand! Und es ist niemand von uns, denn wir sind vollzählig!“ „Vielleicht ein wildes Tier?“ Leif zuckte die Schultern. „Das gilt es nun, herauszufinden…“ Die Männer griffen vorsichtshalber zu ihren Waffen, und es war Astvald, welcher das Wort ergrifft und in die ungefähre Richtung, von wo die Geräusche gekommen waren, brüllte: „He! Wer ist da?" Als er keine Antwort bekam, rief er "Männer, durchkämmt das Gebiet, und kommt mir erst zurück, wenn ihr was gefunden habt!" Die Wilden sprangen auf, schulterten ihre Waffen, und schwärmten aus, in die Richtung, von der sie die Geräusche vermutet hatten. Nach einer Weile rief einer "Da ist einer! Wir haben ihn!"
Sie will es und so ist es fein
So war es und so wird es immer sein
Sie will es und so ist es Brauch
Was sie will bekommt sie auch

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Re: der Fluchstern

Beitrag von Nor » Mo, 06. Okt 2014 20:51

Bildanik keimte in dem Orkschamanen auf, und er ertappte sich dabei, wie er einen flüchtigen Blick zum Himmel warf. Die Sonne stand tief und warf bereits weite und bedrohliche Schatten auf das Land. Als ob diese dunklen Schatten langsam zu jenem Ort krochen, an welchem der Blutgeist auf die Erde gestürzt war. Doch noch war es nicht soweit. Die Sonne würde noch einige Zeit am Himmel thronen. Nor knirschte mit den Zähnen und wandte sich wieder jenen Menschen zu, welche hastig und eifrig durch die Gegend huschten und ihm dabei immer näher und näher kamen. Er wollte ihnen kein Leid zufügen. Nicht, sofern sie ihn in Ruhe ließen. Doch ohne die Kraft des Werwolfs war er eine leichte Beute. Fortlaufen war ein sinnloses Unterfangen, denn sie würden ihn einholen. Doch Nor sehnte keineswegs den Sonnenuntergang herbei. All sein Hab und Gut, würde verloren gehen, wenn die Kreatur, welche in den Schatten seiner Seele lauerte, hervorbrechen würde. Es gab kein Versteck, welches er nutzen konnte. Diese Menschen würden seinen Stab, seine Asche und die lederne Tasche mit all seinen wertvollen Dingen finden. Niemand von ihnen wusste diese Dinge zu gebrauchen, und wie es den Menschen zu Eigen war, würden sie es wohl achtlos fortwerfen, wenn nicht gar zerstören. Und bei diesem Gedanken wurde Nor ganz unruhig. Und so legte er all sein Hab und Gut auf einen Haufen, streifte sich sein langes, zerschlissenes Gewand vom Leib und bereitete dieses auf dem Boden aus.

Trotz der Unruhe und der aufkeimenden Panik ließ er alle Sorgfalt walten, während er immer wieder einen flüchtigen Blick zu den Menschen warf, welche ihn wohl jeden Augenblick finden würden. Er raffte die Ecken der Gewandung zusammen und zurrte es eilig zu einem, ziemlich rustikalen, Bündel zusammen. Und gerade im Rechten Moment. Denn kaum hatte er den Knoten gebunden, da ertönten mit einem Mal laute Stimmen an sein Ohr heran. »Da ist einer! Wir haben ihn!« Nor packte sein Bündel und rannte. Er wusste, dass es sinnlos war. Er hatte keine Ausdauer, keine Kraft und seine gebrechliche Lunge würde ihn schon sehr rasch in die Knie zwingen. Doch alles was er erhoffte war die nötige Zeit zu erkaufen, welche die Sonne brauchte, um hinter dem Horizont zu versinken. »He! Bleib stehen!«, rief einer von ihnen und nahm sogleich die Verfolgung auf. Ein anderer warf einen Stein, welcher Nor nur um Haaresbreite verfehlte. »Was, bei den Vergessenen, ist das für eine Gestalt?«, rief die kräftige Stimme jenes Mannes, welcher sich dieser Frau mit dem silberblonden Haar als Astvald vorgestellt hatte. »Ein Ork!«, rief er sogleich, als er die gekrümmte Gestalt des Schamanen erkannte, und Nor war nicht die gärende Wut entgangen, welche diesen beiden Worten innewohnte. Er war ein Mann aus den wilden Landen. Ein Feind der Orks. »Fangt den stinkenden Bastard! Ich will wissen, warum er hier ist!«, befahl er lauthals, und sogleich zogen einige Männer ihre Klingen und stürmten, gröhlend, dem verängstigen Schamanen nach, welcher nichts weiter versuchte, als zu entrinnen. »Mich würde vielmehr interessieren, warum der Spinner nackt ist!«, rief ein anderer, welcher nur Kopfschütteln erntete. »Ich wills' eigentlich gar nicht wissen, was diese Missgeburt da getrieben hat.«

Die Stimmen wurden dumpfer. Zum Einen, da Nor einen respektablen Abstand zwischen sich und seine Verfolger gebracht hatte. Einen Abstand, welcher jeden Moment dahin sein würde. Und zum anderen, sprachen alle so verworren durcheinander, dass die einzelnen Worte der Männer sich in sich selbst verloren und nur in das Stimmenmeer hineinflossen. Zumal Nor kaum ein Ohr für die Worte seiner Verfolger übrig hatte, denn alles, worauf er fokussiert war, waren die langen Schatten er Bäume, welche immer länger wurden. Noch war Nor schneller, als die Schatten, welche ihn zu beider Seiten begleiteten. Doch nach und nach wurden sie länger und schneller als er. Die Sonne hatte schon längst den Rand der Welt berührt und für gewöhnlich verbrachte Nor diese Zeit in stiller, unterwürfiger Andacht. Jedes Mal fürchtete er, die Sonne könnte die Welt verbrennen, wenn sie den Rand der Welt berührte. Und jedes Mal atmete er erleichtert auf, während er zugleich den Schatten der Nacht umarmte, welcher jeden Augenblick folgen würde. Und so war es auch dieses Mal. Nors Hand krallte sich förmlich in das Bündel, welches er vorsorglich um sein Handgelenk gewunden hatte. Nichts und niemand konnte vorhersehen, was die dunkle Kreatur damit anstellen würde. Es waren ungewohnte Ereignisse, welche diesen Sonnenuntergang begleiteten. Für gewöhnlich war Nor alleine, wenn die Sonne starb und der Mond geboren wurde. Der Werwolf erwachte in verlorener Einsamkeit, wütend, hungrig und von Wut zerfressen. Doch diese Nacht würde anders sein. Hier waren Menschen. Menschen, welche ihm auf den Fersen waren. Und Nor schalt sie alle Narren, welche den Tod verdient hatten, welcher sie zweifellos alle ereilen würde.

Als der Schatten der Männer den Ork schließlich eingeholt hatten brach er zusammen. Seine Lunge bebte und die Luft in seinem Rachen brannte wie glühendes Feuer. »Jetzt haben wir dich!« Grimmige Fratzen erschienen über dem schwarzen Gesicht des Ork, welcher mit leerem Blick in den dunklen Nachthimmel starrte. Er kämpfte ums Überleben, während die Männer den Ork mit ihren Waffen stachen, um zu sehen wie der Ork reagierte. Doch er wehrte sich nicht, was die Männer lediglich dazu ermunterte, ihr Handeln fortzuführen. »Ich habe meinen Bruder und meinen Sohn an diese dreckige Brut verloren! Dies muss ein Geschenk Thargôns sein.« Die Worte waren bedeutungslos. Nors Geist nahm sie auf, und hatte sie im selben Moment auch schon wieder vergessen. Alles um ihn herum wurde schwarz und düster. Selbst die Stimmen der Männer wurden von dem Geheul verschluckt, welches in seinen Ohren erklang. Ein Geheul, welches nur er vernehmen konnte. Das Klirren der Ketten und das wütende Geheul, das Knurren der Kehle und das Fletschen der Zähne. Es waren die Vorzeichen der Nacht, welche jeden Sonnetod begleiteten. Doch dieses Mal ließ Nor es geschehen. Er wehrte sich nicht oder kämpfte gar dagegen an. Dieses eine Mal erschien es ihm beinahe wie eine Erlösung zu sein, bis der Schmerz über ihn kam. Nors Finger bohrten sich in die Erde und er riss Gras, Dreck und Steine aus dem Boden, während er sich vor Schmerz aufbäumte und wandte. Das ungewöhnliche Gebärden des Ork ließ die Männer innehalten. Einer nach dem anderen sahen sie sich verwundert an, während sie, jeder einzelne von ihnen, einen Schritt nach dem anderen von dem Ork zurücktraten. »Er ist besessen!«, rief einer. »Tötet ihn!«, befahl ein anderer. Doch aus der Verwirrung des Augenblicks folgte das blanke Entsetzen, als die Knochen des Ork brachen und sein Schädel sich, vor den Augen der Männer, in etwas neues verwandelte. Der Schmerzensschrei des Schamanen wandelte sich in ein blutlüsternes Schreckensgeheul, von welchem die Männer wie gelähmt wurden. »Was ist das?!«, rief einer von ihnen und ließ seine Waffe fallen. »Tötet es! Tötet es!«, befahl Astvald, welcher sogleich seine Axt in die Höhe reckte. Doch der Fall blieb aus. [18]Wie ein Schatten sprang der alles verschlingende Wolf, welcher Nor nun geworden war, dem Rädelsführer an die Kehle. Blut spritze, als er seine gierigen und scharfen Zähne in dessen Hals trieb und gemeinsam stürzten sie zu Boden.

Das Blut benetzte die verbrannte Erde, während Nors Krallen sich in die Brust des Mannes bohrten und dessen Gerippe buchstäblich zerfetzten. Er konnte nicht einmal mehr schreien, so schnell ereilte ihn der Tod, und als die anderen Männer sahen, wie der Werwolf das noch schlagende Herz des Wilden aus der Brust zerrte, um es zu verschlingen, lösten sie sich aus ihrer Starre. Jener, welcher Bruder und Sohn verloren hatte, verlor den Verstand. Das irre Funkeln in seinen Augen zeugte von dem Wunsch, diese Kreatur zu fällen. Doch der Werwolf war erbarmungslos. Er sprang von dem Leichnam Astvalds herunter als die Axt des Kriegers seinem toten Freund den Schädel vom Hals trennte. Wut keimte in dem Mann auf, welche sich nur einen Atemzug später in Verzweiflung überschlug, als sich die scharfen Krallen des Werwolfs tief in seinen Rücken gruben. Die übrigen Männer zerstreuten sich, und der Wolf tat sich an seiner Beute gütlich. Das Knirschen und Knacken der Knochen hallte weit über die verlorene und verbrannte Ebene, und das Schmatzen des Fleisches und des Blutes, war die reinste Symphonie in den Ohren der Kreatur.

Als der Hunger vergangen war, und die Leichname der beiden Männer erkaltet, trottete der Wolf, eine rote Spur hinterlassend, seines Weges. Er folgte keinem bestimmten Stern, oder einem besonderen Geruch. Er ließ sich einfach von seinem Instinkt leiten. Und in diesem Fall war dies der Geist des Schamanen, welcher den Werwolf behutsam, als ob jeder falsche Gedanke den Zorn der Bestie wecken würde, zu jenem Ort lenkte, an welchem der Blutgeist gefallen und gestorben war.[/18]
Ich bin des Mondes düstrer Bote!

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