Ein notwendiges Übel

Eines der mächtigsten Reiche der Menschen im Norden. » Ortsbeschreibung
Benutzeravatar
Noro'elle
Wanderer
Beiträge: 38
Avatar: Ashley-Q
Alter: 16
Rasse: Mensch/Beraij
Heimat: Avrabêth
Waffen: keine
Inventar: Ein Beutel voller Schmuck

Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Fr, 20. Mai 2016 22:32

Ihre Reise dauerte bereits eine gefühlte Ewigkeit an. Sie konnte sich gar nicht mehr recht entsinnen, wie sie in diese verfängliche Lage geraten war. Ihr Ziel, so wusste sie bereits von einem jüngeren Sklavenmädchen, sollte Merridia sein. Was auch immer Kamal dort mit ihr anstellen würde, wollte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Kamal ibn Kasheris Handlanger waren es damals gewesen, die sie auf ihrer Flucht eingefangen, entführt und verschleppt hatten. Woher der einstige Handelspartner ihres Vaters geahnt hatte, dass sie mit ihm nicht die vereinbarte Eheschließung eingehen würde, wusste sie ebenfalls nicht. Doch offenbar hatte er viele Vorkehrungen getroffen das Objekt seiner Begierde dennoch in seine schmierigen Finger zu bekommen. Kamal war ein Mann, der ihr Vater hätte sein können. Er war alt, fettleibig und hatte offenbar eine perfide Vorliebe für junge, hübsch anzusehende Mädchen, wie Noro’elle eines war. Und sie war es immer noch. Ihr Körper war in den vergangenen Monden mehr und mehr zu dem einer Frau heran gereift und es verging beinahe kein Tag, an dem sich ihr Peiniger nicht an ihrem Anblick labte. Seine Blicke waren ihr zu jeder Zeit unangenehm und obwohl sie auf seinen Befehl hin ohnehin nur das nötigste an Stoff am Leibe trug, schien er sie dennoch mit seinen Augen auszuziehen. Wer ihr Antlitz erblickte, würde wahrscheinlich nicht direkt darauf stoßen, dass sie nicht selbst Herrin über ihr Leben war. Sie besaß wunderschöne Kleider aus teuren, seidigen Stoffen und wertvollen Schmuck, von dem andere Frauen nicht einmal zu träumen wagten. Sie trug keinerlei Fesseln, sie wurde nicht geschlagen und dennoch war sie nicht frei zu entscheiden, wo ihre Zukunft sie hinführen sollte. Noro’elle durfte sich unter dem Gefolge Kamals sogar frei bewegen, jedoch war sie niemals alleine, nicht eine einzige Sekunde. Wie demütigend es auch sein mochte, immer war mindestens einer von diesen Handlangern in ihrer unmittelbaren Nähe und sorgte dafür, dass sie sich zu benehmen wusste.

Kamal hatte sehr schnell gelernt auf seinen wohl wertvollsten Besitz ausgiebig Acht zu geben. Noro’elle gehörte schließlich nicht zu derlei Mädchen, die sich einfach fügten und ihrem Schicksal ergaben. Schon immer hatte sie ein loses Mundwerk und besaß keinerlei Feingefühl dafür, wann es besser war, einfach die hübschen Lippen geschlossen zu halten. Doch auch dafür hatte ihr Herr einen Weg gefunden. Während andere Sklavenmädchen in seinem Gefolge bei Ungehorsam Stockschläge erhielten, kam sie in den Genuss einer viel edleren Variante der Pein. Im Grunde sollte das Konzept ganz einfach zu erklären sein: Wer kaum Luft zum Atmen hatte, konnte diese auch nicht vergeuden um zu sprechen. In diesem Sinne ließ er ihr eine vergoldete Halsmanschette schmieden, die derlei eng an ihrem zierlichen Hals lag, dass ihre Stimme vollends in Vergessenheit geriet. Somit hatte er Noro ihres größten Schatzes beraubt, der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung. Unter diesen Umständen war die junge Frau gezwungen schweigend vor sich hin zu leben und obwohl sie nach all der Zeit gelernt hatte, die ihr unbekannte Zunge der Mérindarer in ihren Grundzügen zu verstehen, so war sie selbst der Aussprache nicht mächtig. Den Klang ihrer lieblichen Stimme war schon lange in Vergessenheit geraten, doch Demut hatte es sie kaum gelehrt, denn auch Blicke voller Abscheu konnten Bände sprechen und die Beraij verstand sich darauf, ganze Romane über diese Art der Kommunikation zu vermitteln. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ihr Peiniger sich auch dieser Form der Verachtung entledigen würde. Doch Noro’elle el Darr’akur war einfach zu stolz, um sich ihrem Schicksal kampflos zu ergeben. Sie würde eines Tages einen Weg aus dieser misslichen Lage finden, ganz gewiss, so redete sie sich ein.

Die mittelgroße Reisegesellschaft des Kamal ibn Kasheris würde am morgigen Tage auf ihrer Reise am Aras entlang die Stadt Cadron erreichen. Dort würden sie wohl, so hatte Noro’elle in Erfahrung gebracht, einige Zeit rasten, bevor sie die letzte Etappe Richtung Merrdia antreten würden. Schweigend saß Noro auf ihrer Schimmelstute und ritt direkt an der Seite Kamals. Hinter ihnen folgten zwei Wachen hoch zu Ross. Eine Flucht war einfach aussichtslos. Und wo sollte sie auch hin? Dann richtete Kamal plötzlich das Wort an sie:
„Nun meine schöne Zahra…“. Zahra war der Name, den er ihr gegeben hatte, denn schließlich sollte niemand wissen, wer diese geheimnisvolle, stumme Dame an seiner Seite wirklich war. „Ich weiß, meine Liebe, du bist immer vollstens daran interessiert, dir meine Pläne anzuhören, also möchte ich dir diesen Gefallen tun. Cadron ist keine sehr interessante Stadt, doch wir werden dort auf einen meiner ältesten Freunde treffen. Du wirst ihn natürlich kennenlernen und er wird deine Schönheit zu schätzen wissen. Und falls du es über dein reines Herz bringen solltest brav zu lächeln und ihm mit dem nötigen Respekt entgegen zu treten, so verspreche ich darüber nachzudenken, dir dein entzückendes Halsgeschmeide abzunehmen.“, fuhr er fort und erlangte so ihre volle Aufmerksamkeit. Dunkelbraune Augen blickten ihm stur entgegen und ließen keinen Zweifel daran, was sie von seinem Vorschlag hielt. War es wirklich besser eine Stimme zu besitzen, wenn man doch nicht sagen konnte, was man dachte? Sollte sie ihren Stolz gegen etwas eintauschen, dass anschließend vollkommen nutzlos erschien? Nun wie es schien, hatte sie noch ein wenig Zeit darüber nachzudenken, bevor sie eine endgültige Entscheidung treffen musste. Vorerst richtete sie den Blick wieder stur geradeaus und ließ ihre Gedanken davon wehen. Sie tagträumte von ihrer Heimat, ihrer Familie und von Freiheit…
Zuletzt geändert von Noro'elle am So, 22. Mai 2016 21:14, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Yasha
Herumtreiber
Beiträge: 15
Avatar: Wizi
Alter: 10
Rasse: Taurrin (Vampir)
Heimat: Lun Daria
Waffen: Wurfmesser, Wurfnadeln, Kettenwaffe

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Yasha » Sa, 21. Mai 2016 13:32

Eigentlich wollte Yasha sich an diesem Abend nur ein wenig stärken. Hätte er sich auch nur ansatzweise vorstellen können was in der unscheinbaren Stadt Cadron, weit im Westen Mérindars im Fürstentum Nejun am Ufer des Aras gelegen, geschehen würde, so hätte er sich zweifelsohne trotz des nagenden Hungers in eine andere Richtung aufgemacht. Doch wer kann schon vorhersehen was die Zukunft bringt…

Was willst du in Mérindar? Warum kehrst du ausgerechnet an den Ort zurück, an dem deine Mutter starb? Diese Frage stellte Chione ihm, wann immer er sich mit ihr unterhielt. Inzwischen bildete er sich schon ein ihre Stimme auch im hellen Licht des Tages zu hören, wie sie ihm mit der ihr eigenen Beharrlichkeit die stets gleiche Frage stellte. Das schlimmste daran war, dass er sie nicht beantworten konnte. Er verstand es ja selbst kaum. Irgendetwas zog ihn dorthin zurück. Vielleicht musste er in jenes Land zurückkehren um mit dem Tod seiner Mutter endgültig abzuschließen? Er wusste es nicht.
Seit er vor nicht ganz zwei Wochen den Entschluss gefasst hatte, dem Wald von Sieryan, der immerhin für ein knappes Jahr seine Zuflucht dargestellt hatte, den Rücken zu kehren und sich gen Norden, zurück in die Menschenreiche aufzumachen, war er beinahe pausenlos unterwegs. Lediglich zu den Mahlzeiten und um sich für den Tag zur Ruhe zu legen, verhielt der junge Vampir. Diese Art des Reisens, die Nacht hindurch zu wandern oder auf Windläufers Rücken zu reiten und den Tag geschützt in einer Höhle oder einem dichten Gestrüpp zu verbringen hatte sich im vergangenen Jahr bereits vielfach bewährt. Des Nachts waren zum einen viel weniger andere Reisende unterwegs, zum andern biss das Licht nicht beständig in seine Augen sobald er den Schutz der Bäume verließ. Und das musste er. Spätestens als er den Aras überquerte um westlich davon noch teilweise im Schutz des Waldes durch die Grafschaft Trestvor zu reisen anstatt im Osten das spärlich bewachsene Gelände im Umkreis der Burg Stromwall zu durchqueren. Doch sein Hunger wuchs. Er war es auch, der ihn gezwungen hatte sich aus dem Schutz des Waldes herauszuwagen und weiter nach Norden in dichter besiedeltes Gebiet vorzudringen. Seine letzte Blutmahlzeit lag schon über drei Wochen zurück und seine Selbstbeherrschung geriet bei der kleinsten Sichtung von Wild bereits gefährlich ins Wanken. Lichtfrost und Windläufer waren in seiner Gegenwart zunehmend unruhig geworden. Mit gespitzten Ohren und wachsamem Blick hatten sie seit wenigen Tagen deutlich Abstand zu ihm gehalten. So kam er, als er die Grafschaft und damit den schützenden Wald verließ, nur noch langsam voran. Er kannte sich in dieser Gegend nicht so gut aus. Im Fürstentum Nejun hatte sich der Zirkus Wintersonne selten länger aufgehalten, da es vor Jahren einen Streit mit den Oberhäuptern der Gilde in Aymân gegeben hatte und die tätowierten Söldner der Frostschatten dort seitdem nicht mehr gern gesehen waren. Die genauen Hintergründe waren Yasha nicht bekannt, doch für sein aktuelles Vorhaben wäre diese Stadt wohl die denkbar schlechteste Wahl. Die Vorstellung eines Frostschatten-Mitgliedes das sich des Nachts vermummt durch die Straßen stahl um einen unbescholtenen Bürger um sein Blut zu erleichtern fänden die Mitglieder besagter Gilde vermutlich nicht besonders erheiternd und ihm lag wenig daran durch eine unbedachte Tat die Beziehungen weiter zu verschlechtern. Zumal es sich nicht empfahl in seinem Zustand, hungrig genug das seine Wachsamkeit stetig nachließ, ein derartigen Ort aufzusuchen. Denn obwohl er dem Zirkus den Rücken gekehrt hatte, wollte er ihnen nicht schaden, schließlich hegte er keinen Groll gegen sein altes Zuhause.
So hatte der junge Vampir beschlossen Aymân zu umgehen und den Chabur eine halbe Tagesreise westlich der Stadt überquert. Er wusste das sich weiter im Norden eine kleinere Stadt befand. Obgleich er sich an deren Namen nicht erinnern konnte, hatte er doch eine ungefähre Vorstellung ihrer Lage.

Als die Stadt dann am Horizont auftauchte, beschloss Yasha den anbrechenden Tag in einem kleinen Waldstück im Südwesten zu verbringen. Er fand rasch einen geeigneten Unterschlupf. Ein dichtes, ringförmig gewachsenes Dornengestrüpp in dessen Mitte genügend Platz war, das auch Windläufer und Lichtfrost sich dort bequem aufhalten konnten. In seiner Mitte thronte eine alte Eiche, deren mächtige Krone die Sonne wirkungsvoll fernhielt. Er wartete bis die Sonne hoch genug stand um sicher zu sein, das ihre Strahlen ihn dicht am Stamm des alten Baumes wirklich nicht erreichen konnten, bis er seinen beiden Begleitern signalisierte, dass sie für den Tag hier rasten würden. Als er zu Windläufer hinüberging um ihn von der Last seines Gepäcks zu befreien, blähte der kleine Hengst die Nüstern und versuchte mit großen Augen vor ihm zurückzuweichen. Mit einem leisen melodischen Summen blieb der junge Vampir in ein paar Schritt Entfernung stehen und streckte seinem Freund eine Handfläche entgegen. Es dauerte ein Weilchen, doch schließlich senkte der den Kopf, seine Nüstern berührten Yashas Hand und die Anspannung wich aus seinem Körper. Wenn es schon so weit ist, sollte ich wohl wirklich dringend etwas unternehmen… Sonst lassen mich die beiden in ein paar Tagen gar nicht mehr in ihre Nähe. Während er die Verschlüsse des Gurtes löste und seinen Beutel auf dem Boden ablegte, kraulte er Windläufer sacht hinter den Ohren. Eine Geste die ihn beinahe unwillkürlich näher rücken ließ. Als der Kopf des Pferdes schwer auf Yashas Schulter sank, lachte er leise. „Du bist unmöglich, weißt du das? Anschmiegen an den Feind… Wenn du so weitermachst, sollte ich dich vielleicht wirklich mal beißen… Nur damit du lernst deinen Instinkten wieder zu vertrauen, du Vertrauensseliger.“ Trotz seiner scherzhaften Worte war er tief im Inneren froh über das Vertrauen des Tieres. Vor allem in einer Situation wie dieser, wo der Hunger so energisch an ihm nagte das selbst die vertrauten Gerüche seiner Freunde ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Verärgert über die Reaktion seines Körpers schob er Windläufers Kopf sacht von seiner Schulter. Trotz des mulmigen Gefühls, zuckten seine Mundwinkel unwillkürlich in die Höhe als er das entrüstete Prusten des Hengstes vernahm, der über das Ende der Liebkosungen offensichtlich nicht erbaut war. Trotzdem ging Yasha zurück zum Baum und legte sich dort nieder. Am Abend musste er entweder einen geeigneten Stadtbewohner finden oder auf die Jagd gehen, er hatte es schon zu lange aufgeschoben.

Als die Dämmerung hereinbrach, weckte ihn Lichtfrost. Das samtene Maul der schlanken Stute strich über seine Wange. Für eine Weile genoss er das Gefühl. Doch mit der Rückkehr seines Bewusstseins, kam auch der Hunger zurück. Als er die Augen aufschlug und warnend knurrte, zuckte Lichtfrost zurück. Seufzend blickte Yasha ihr nach, als sie langsam vor ihm zurückwich. „Es ist gut meine Kleine“, der warme Singsang seiner Stimme genügte für gewöhnlich um sie zu beruhigen, doch heute nicht. Mit wachsamem Blick folgte sie jeder seiner Bewegungen. Fast als warte sie darauf, dass er sich knurrend und geifernd auf sie stürzen würde. Als ob ich das jemals getan hätte. Wobei… Vermutlich sagt mein Geruch gerade genau das, also kann ich es ihr wohl nicht übel nehmen. Ich frage mich nur warum sie trotzdem immer dicht neben mir steht wenn ich schlafe. Vor allem, weil sie jedes Mal davonspringt wie ein verschrecktes Reh sobald ich die Augen aufschlage wenn ich hungrig bin. Riecht ein schlafendes Raubtier etwa weniger gefährlich als ein waches? Kopfschüttelnd rappelte er sich hoch und streckte sich ausgiebig.
Ein rascher Blick über die Lichtung zeigte ihm Windläufer schlafend am anderen Ende der Lichtung stehen. Im Halbdunkel des dämmrigen Waldes war seine aschfarbene Gestalt nur wegen dem hellen Schimmer seiner Mähne auszumachen, während Lichtfrosts helle Silhouette sich deutlich vor dem dunklen Hintergrund des Waldes abzeichnete. Mit einem Mal war er sehr froh die beiden durch das dichte Dornengestrüpp gelotst zu haben. Hier gab es genug zu fressen für mehrere Tage. Außerdem war es mehr als unwahrscheinlich das sich irgendein zweibeiniger Bewohner dieser Gegend die Mühe machen würde jenes unwirkliche Gestrüpp zu durchdringen, das seine beiden Pferde zuverlässig vor allzu neugierigen Blicken verbarg. Auch konnte er keine größeren Raubtiere riechen, also hoffte er, dass seine beiden Begleiter hier für eine ganze Weile sicher sein würden.
Gähnend ging er zu seinem Beutel hinüber und begann seine Kleider zu wechseln. Er genoss das Gefühl des weichen dunklen Stoffs seiner ehemaligen Arbeitskleidung auf seiner nackten Haut. Besonders froh war er endlich die Lederhose ablegen zu können, die sich für das Leben im Wald zwar als praktisch, doch nicht sonderlich bequem erwiesen hatte. Das grob gewebte wollene Wams, gestohlen in irgendeinem kleinen Dorf, um nicht seine eigene gute Kleidung auftragen zu müssen, hatte schon bessere Tage gesehen. Es roch zwar nicht schlecht, hing aber nach ein Jahr täglichen Tragens im dichten Wald, regelrecht in Fetzen. Außerdem kratzte es unangenehm auf der Haut. Kurz entschlossen warf Yasha es zur Seite, während er die Hose ordentlich zusammenlegte und in seinem Beutel verstaute um ihn anschließend wieder zu verschließen. Er band sein Haar zusammen und verstaute es unter seinem Hemd, bevor er das schwarze Lederwams und den Gürtel mit seinen Messern anlegte. Zuletzt zog er noch seine leichten Lederstiefel an. Das ungewohnte Gefühl von Schuhen brachte ihn durcheinander. Er war jetzt so lange ohne störendes Schuhwerk umhergelaufen, das es sich sehr merkwürdig anfühlte das weiche Gras der Lichtung nicht unter seinen Füßen spüren zu können. Amüsiert über sich selbst, trug er seinen Beutel zu der Eiche hinüber und lehnte ihn an deren Stamm. Sollte es regnen während er weg war, würden so wenigstens seine Habseligkeiten trocken bleiben, hoffte er. Mit einer Abfolge von Pfiffen verabschiedete er sich von Windläufer, der inzwischen aufgewacht war und Lichtfrost, die ihn noch immer nicht aus den Augen ließ. Diese Tonfolge verwendete Yasha immer wenn er die beiden für einen längeren Zeitraum sich selbst überließ um jagen zu gehen. Als ihr Köpfe herabsanken und beide entspannt zu grasen begannen, verließ er die Lichtung. Er wusste, sie würden hier auf ihn warten, egal wie lange er fortblieb… Denn das taten sie immer.

Der Weg in die Stadt gab ihm ausreichend Zeit sich einen Plan zurechtzulegen. Je näher er ihr kam, desto deutlicher wurden die Zeichen landwirtschaftlicher Nutzung der Umgebung. Bald ging er nicht mehr über Wiesen, sondern durch Felder auf denen alles Mögliche wuchs. Als er die ersten Häuser erreichte, schwang er sich mit geübten Bewegungen auf das erstbeste Dach. Wie erhofft besaß das Gehöft einen verrußten Schornstein. Er zog die Handschuhe aus und begann sein verräterisch helles Gesicht mir Ruß einzureiben, bevor er die Kapuze aufsetzte. Anschließend säuberte er seine Hände am Dach und zog sich die Handschuhe wieder an. Dann setzte er seinen Weg ins Innere der Stadt fort. Ärgerlicherweise war diese Stadt seltsam aufgebaut. Nach ein paar erfolglosen Versuchen das Zentrum zu finden, suchte er sich einen erhöhten Aussichtspunkt und blickte stirnrunzelnd auf die nächtliche Stadt hinab um sich einen Überblick zu verschaffen.
Zuletzt geändert von Yasha am Fr, 10. Jun 2016 9:26, insgesamt 3-mal geändert.
Legende: „Yasha spricht“ / Yasha denkt /Chione/ Niak/ Beowan/Lapis/Fianna/„Andere sprechen“

Benutzeravatar
Malia
Glücksritter
Beiträge: 52
Avatar: jojo080889
Alter: 18
Rasse: Mensch
Heimat: Coralay
Waffen: Dolch
Inventar: Kleider, Lederbeutel mit Münzen und einem Kräutermesser

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Malia » So, 22. Mai 2016 18:02

Die letzten Tage und Wochen waren an Malia vorbeigezogen wie die Wolken am azurblauen Himmel, den sie, auf dem Dach der verlassenen Scheune, die sie ihr Zuhause nannte liegend, beobachtete. Nach der bizarren Begegnung mit Eceros rasender Zwillingsschwester hatte das Straßenmädchen das Weiße Ross einige Tage lang gemieden. Sie war wenig überrascht, dass Ecero bei ihrem nächsten Besuch bei Jakob nicht mehr zugegen war. Doch der Gedanke, den der hübsche Jüngling ihr den Kopf gesetzt hatte, war dort geblieben und hatte wie ein Samenkorn, dass guten Nährboden fand, Wurzen geschlagen und war zu einem zarten Pflänzchen herangewachsen.
Merridia.
Cadron verlassen.
Lange hatte Malia darüber nachgedacht, über die Hauptstadt des Landes, von der sie nur wenig wusste außer, wo sie ungefähr lag und dass sie sehr groß war. Und fast hätte sie ihre Habseligkeiten auch wirklich gepackt und wäre gegangen, wenn nicht just in der Nacht, bevor sie aufzubrechen gedachte, ein sehr seltsamer und beunruhigender Traum sie heimgesucht hätte. In diesem Traum hatte sie gefühlte Ewigkeiten auf einem wackeligen, stinkenden Schiff zugebracht um dann in einer Stadt anzukommen, die nur Cadron in einem größeren Maßstab war. Malia war nicht besonders gläubig, aber diesen Traum nicht als Warnung zu verstehen, dass kam selbst ihr sehr töricht vor. Und so blieb sie in Cadron und bald dachte sie über Merridia nicht weiter nach.

Und dennoch... Seufzend setzte sie sich auf und anstatt in den Himmel starrte sie nun auf das satte Grün des Waldes. Heute wusste sie einfach nichts mit sich anzufangen. Seit sie sich ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt hatte, Cadron zu verlassen, kam die Stadt ihr fad und langweilig vor. Im Herbst würde sie neunzehn Jahre alt werden und noch immer wusste sie nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Bevor sie vor zwei Jahren in Shuridron Meriam kennengelernt hatte, hatte sie sich mit vielen Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen. Immer wieder hätte es Gelegenheiten gegeben, sesshaft zu werden und ein ganz normales Leben zu führen, doch genau diese Gelegenheiten waren es gewesen, die Malia verschreckt die Flucht hatten ergreifen lassen. Sie wollte nicht dieses normale Leben, dass ihre Mutter gehabt hatte, als Untertan eines gewaltsamen Ehemanns. Nein, Malia wollte mehr vom Leben, aber was, das wusste sie selbst nicht so genau. Nur vorschreiben lassen wollte sie sich nichts. Wenn sie nur mehr Geld hätte... wäre sie als reiche Prinzessin und nicht als bettelarmes Mädchen aufgewachsen, könnte sie den lieben langen Tag tun und lassen, was ihr beliebte. Reiten oder... na... was reiche Leute eben so taten. Was wusste Malia schon davon, wie man sein Geld verprassen konnte? Sie hatte ja nie welches. Die feinen Herrschaften sah sie bloß hin und wieder auf ihren kostbaren Pferden in edlen Gewändern und vermutlich ebenso kostbaren Hunden durch den Wald trampeln um dann in großen Gesellschaften einem Fuchs hinterher zu jagen, den irgend ein armer Tropf vorher hatte fangen und dann freilassen müssen, damit die Herrschaften auch ja ein solches Tier finden konnten. Merkwürdig waren sie ja schon - aber was kümmerte es sie?
Ja, wenn Malia reich wäre, dann würde sie auch lauter Dinge tun, die ganz und gar sinnlos und sündhaft teuer waren - einfach so. Weil sie es eben konnte.

Aber bis es so weit war würde sie wohl noch eine Weile von dem Leben, was die Straße, freigiebige Menschen und solche, die nicht auf ihren Geldbeutel achteten, hergaben. Denn nur von Wunschträumen füllte ihr Magen sich wohl nicht, daran erinnerte er sie gerade mit einem lauten grummeln. Verdrießlich rappelte sie sich vollends auf, klopfte den Staub von ihrem ohnehin fleckigen, viel zu weiten Leinenhemd, streckte sich und kletterte leichtfüßig vom Dach auf den oberen Heuboden, um dann mit einem gewagten Sprung im Heu auf dem Boden zu landen. Schmutziger als vorher, aber zufrieden grinsend schlüpfte sie durch den Spalt des Scheunentores, dass lose in den Angeln hing und machte sich, einzelne Halme aus den Haaren klaubend, auf dem Weg zur Stadtmauer.

Dabei machte sie an diesem Tag einen kleinen Umweg, um viel weiter östlich über die Mauer zu klettern. In den letzten Wochen hatte sie zunehmend das Gefühl gehabt, dass man sie beobachtete und sie hatte keine große Lust, dass man sowohl die heraus gebrochenen Steine in der Mauer, die ihr als Aufstieg dienten, als auch den Heuschober, der ihr Zuhause war, finden und entweder wieder in Besitz zu nehmen oder zerstören würde. Auch wenn es kein Luxusschloss war und sie Cadron überdrüssig war - für den Moment war das ihr zuhause und das würde sie nicht leichtfertig aufgeben, so lange sie es brauchte.

Gerade wollte sie das schützende Dickicht verlassen, als sie das Schnauben von Pferden vernahm. Sie erstarrte einen Moment und zögerte, doch dann verwarf sie den Gedanken - sie würde nicht schnell genug über die Mauer klettern können, ohne, dass man sie sah. Flink wie ein Eichhörnchen kletterte sie auf den nächsten Baum und verbarg sich mit klopfendem Herzen in der dichten Baumkrone. Nur wenige Minuten später ritt eine Reisegesellschaft unter ihr vorbei. Malia hielt den Atem an und verhielt sich mucksmäuschenstill, doch nicht einer der Reiter hob den Kopf, niemand beachtete sie.

Es war eine seltsame Gesellschaft.
Auf einer schneeweißen Schimmelstute saß ein Mädchen, dass noch etwas jünger als Malia sein musste, gekleidet in so kostbare Gewänder, dass Malia geneigt war, sie für eine der Prinzessinnen zu halten, über die sie noch vor kurzem nachgedacht hatte. Ihr Begleiter, wohl ihr Vater, sprach zu ihr, doch Malia war zu weit weg, um das Gesagte zu verstehen. Lediglich das Wort 'Cadron' schwebte zu ihr hinauf. Ihr fiel auf, dass der Akzent sonderbar war, genau wie die Hautfarbe der gesamten Gruppe, die deutlich dunkler war als ihre eigene. Sie mussten aus dem Süden Alvaranias kommen, dachte Malia bei sich. Die Wachen, die die kleine Kolonne aus Vater, Tochter und mehreren Dienerinnen begleitete, waren schwer bewaffnet, unbemerkt würde Malia hier wohl keine Beute machen. Aber vielleicht... einen Moment lang überlegte sie, ob sie der Gruppe folgen sollte, doch hier im Wald konnte sie sich bei weitem nicht so lautlos bewegen, wie in der Stadt, und genug Deckung würden die Bäume ihr auch nicht bieten. So verwarf sie den Gedanken und blieb noch auf dem Baum, als die Karawane schon lange verschwunden und auch der letzte Hufschlag verstummt war. Sie würde nach diesen Menschen, die offenbar sehr viel Geld hatten, Ausschau halten, wenn sie sich morgen auf dem Marktplatz umschaute, denn so eben hatte sie beschlossen, dass sie das tun würde. Doch nun begann es bereits zu dämmern, der unvorhergesehene Zusammenstoß, von dem die Fremden gar nichts mitbekommen hatten, hatte Malia Zeit gekostet. Aber nun war sie schon mal auf dem Weg, und Hunger hatte sie außerdem immer noch. Wohl oder übel würde sie heute Zum Weißen Ross gehen müssen und hoffen, dass Jakob einen guten Tag und einen Kanten Brot nebst einem Teller Suppe für sie übrig hatte. Vielleicht hatte sie Glück und ein paar junge Soldaten versoffen ihren Lohn in der Schenke und hatten hier und da einen oder zwei Jestu für ein Glas, dass sie Malia ausgeben konnten übrig.

Also kletterte sie von ihrem Baum wieder herunter und an der nächsten Mauer wieder hinauf, um sich mit sicheren Schritten auf den Hausdächern bis ins Innere der Stadt vorzuarbeiten. Der Gedanke, hier oben noch jemanden zu treffen, kam ihr nicht, als sie behände vom Dach eines Hühnerstalls auf den festgestampften Boden einer kleinen Seitengasse sprang. Noch war es nicht richtig dunkel, und so waren hier und da noch immer Menschen auf den Straßen, aber niemand nahm Notiz von dem mageren Straßenmädchen, dass mit gesenktem Blick durch die Gassen huschte, bis sie ihr Ziel, die Spelunke 'Zum Weißen Ross', erreichte und schnell durch die Tür schlüpfte.
Zuletzt geändert von Malia am So, 22. Mai 2016 22:11, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn man zu den Göttern spricht, ist man religiös. Wenn die Götter einem antworten, ist man irre."

Benutzeravatar
Noro'elle
Wanderer
Beiträge: 38
Avatar: Ashley-Q
Alter: 16
Rasse: Mensch/Beraij
Heimat: Avrabêth
Waffen: keine
Inventar: Ein Beutel voller Schmuck

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » So, 22. Mai 2016 21:20

Als sie Cadron endlich erreichten, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Noro’elle war von der langen Reise erschöpft, denn mit ihrer Kurzatmigkeit zu reiten, war nicht ihre leichteste Übung. Kamal hatte ihr in seinen endlosen Reden viel von seinem alten Freund berichtet. Wie lange sie sich kannten, warum er als Handelspartner für ihn solch eine wichtige Bedeutung hatte und vieles mehr. Die junge Frau hatte ihm jedoch nur halbherzig zugehört und konnte ihm daher schnell nicht mehr folgen. In endloser Aneinanderreihung prasselten seine Worte auf sie ein, ohne dass sie über deren Sinnhaftigkeit nachdachte. In ihrem Kopf war nur noch Platz für einen einzigen Gedanken: Absteigen und in einem weichen Federbett versinken. Gewiss würde ihre Reisegesellschaft in einem der vornehmeren Gasthäuser einkehren, denn ihr reicher Herr würde niemals auf ein gewisses Maß an Bequemlichkeit verzichten wollen. Als sie das Stadttor ungehindert passieren durften, hatten sie es beinahe geschafft. Sie ritten durch enge Gassen, von der jede genauso ausschaute wie die vorherigen. Schnell hatte Noro’elle sämtliche Orientierung verloren. Sie war noch nie in solch einer merkwürdigen Stadt gewesen. Die Straßen folgten keiner geregelten Struktur und es gab kaum auffällige Anhaltspunkte, die einem im Gedächtnis hängen bleiben konnten. Sie ließ sich also einfach mit dem kleinen Trupp treiben und überließ es ihrer Stute, den anderen Pferden zu folgen. Doch dann blieben sie endlich stehen. Die Fassade ihrer vorrübergehenden Unterkunft schien schlicht und einfach gehalten. Starke Hände streckten sich ihr entgegen und halfen ihr von ihrem Reittier. Noro war nach dem langen Ritt etwas wackelig auf ihren langen, schlanken Beinen, doch als sich Kamals schmierige Finger um ihre Hüfte legten, um ihr Halt zu geben, versteifte sie sich erschrocken. Nicht zum ersten Mal war ihr aufgefallen, dass er sich immer häufiger nicht mehr nur damit begnügte sie anzuschauen, sondern zunehmend oft sie in scheinbar unauffälligen Situationen berührte. Sie selbst empfand diese Entwicklung als äußert beunruhigend.

Als sie eintraten war Noro’elle überrascht. Die Innenräume des Gebäudes schienen genauso rudimentär zu sein, wie sie es bereits von außen befürchtet hatte. Ihr Blick schien Bände zu sprechen, denn Kamal trat an ihre Seite und sprach:
„Nun mein Kind, Cadron ist nicht gerade eine Stadt des Reichtums und so müssen wir uns einige Tage mit dem Nötigsten begnügen. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie enttäuscht du sein musst, doch wenn wir erst Merridia erreichen und du meine dritte Frau wirst, werde ich dir all deine Wünsche von den Augen ablesen.“. Scheppernd brach ihre kleine Welt in sich zusammen. Hatte er ihr gerade ganz nebenher offenbart, dass sie ihn doch noch ehelichen musste? Nein, das durfte nicht sein! Sie spürte die Wut in sich aufsteigen und ihr Zukünftiger schien sich an ihrem erschrockenen Blick auch noch laben zu wollen. Ein selbstgefälliges Grinsen hatte sich auf seine speckigen Lippen gelegt, die sie niemals küssen wollte. Er trat so dicht an sie heran, dass sie seinen sauren Atem riechen konnte und raunte in ihr Ohr: „Was hast du eigentlich geglaubt, wieso ich dich mit mir nahm? Du wirst mein sein, für immer und ewig und du solltest besser lernen dich damit abzufinden. Ich weiß nicht, wie lange ich gefallen an einer schweigenden Frau finde. Doch immerhin hast du ein hübsches Gesicht und wirst mir sicherlich viele gesunde Söhne gebären.“. Eine einzelne Träne sammelte sich in ihrem Augenwinkel und rann anschließend ihre zarte Wange herab. Ihre Situation war einfach aussichtslos und der Gedanke daran, dass sie gezwungen sein würde bei diesem Greis zu liegen und sie ihm vollkommen ausgeliefert war… Es war einfach mehr, als sie zu ertragen wusste. „Nun geh in dein Zimmer und lass dich von den Mädchen hübsch machen. Wir werden heute Abend noch mit Mustafa el Barr’akim zu Abend speisen.“, befahl er Noro’elle und sie hatte nicht die Kraft, sich ihm zu widersetzen. In ihrem kleinen Schlafgemach angekommen, begannen die anderen Sklavinnen damit sie ausziehen und gründlich zu waschen. Noro selbst schien dabei rein gar nichts mehr zu empfinden und ließ es einfach über sich ergehen. Als sie endlich fertig waren, wurde die junge Beraji angekleidet. Sie trug ein aufreizendes, azurblaues Wickelkleid, dazu ein passend farbiges Kopftuch und goldenen Schmuck.

Das gemeinsame Mahl sollte eine lange, äußert langweilige Tortur werden. Während die Männer sich angeregt unterhielten, schwiegen sämtliche Frauen zu Tisch. Obwohl Noro durchaus Hunger verspürte, so fehlten ihr letzten Endes der Appetit und die Willenskraft, um etwas Essbares zu sich zu nehmen. Stattdessen trank sie einen Becher Wein nach dem anderen. Es war ein süßer Goldener, der ihr wirklich ausgezeichnet mundete. Doch es war nicht nur der Geschmack, an dem sie sich labte, sondern ebenso die benebelnde Wirkung, die sie zu schätzen wusste. Es dauerte nicht lange und ihr Blick wurde getrübt. Kamal blieb diese Tatsache offenbar nicht verborgen. Sie bekam kaum mit, wie er mit einem seiner Handlanger sprach, der sich kurz darauf erhob und sie unsanft am Oberarm packte. Sie hatte keine andere Wahl und so ließ sie sich nach draußen an die kühle Nachtluft begleiten. Die Botschaft, die ihr vermittelt werden sollte, war durchaus nachvollziehbar. Sie sollte wieder einen klaren Kopf bekommen, denn das Trinken geziemte sich nicht für eine Dame. Doch verdammt nochmal, sie war keine Dame! Müde und erschöpft lehnte sie sich gegen eine kühle Hauswand und fühlte ihre Lungen, so gut es ihr eben erlaubt war, mit frischer Luft. Der berauschende Nebel in ihrem Kopf verursachte, dass sich um sie herum alles drehte und so musste sie sich abstützen, um nicht zu fallen. Die Wache, die sie im Auge behalten sollte, stand einige Meter abseits und machte einer vorüberziehenden Dirne schöne Augen. Doch selbst wenn sie jetzt nicht vom Wein benebelt gewesen wäre, sie hätte ihm kaum davon laufen können. Noro’elle schloss ihre Augen, da ihre Lider ohnehin immer schwerer wurden, und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte heute viele schreckliche Dinge erfahren. Ihr junges Leben war bereits jetzt verwirkt. Vielleicht sollte sie einen anderen Weg der Flucht einschlagen. Einen, von dem alle Reichtümer der Welt sie nicht wieder zurückholen konnten. Ein merkwürdiges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich Kamals schockiertes Gesicht vorstellte, wenn er sie kalt und leblos in seinen Armen hielt.

Benutzeravatar
Yasha
Herumtreiber
Beiträge: 15
Avatar: Wizi
Alter: 10
Rasse: Taurrin (Vampir)
Heimat: Lun Daria
Waffen: Wurfmesser, Wurfnadeln, Kettenwaffe

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Yasha » Mo, 23. Mai 2016 20:30

Er war fast so weit seine Suche nach dem Stadtkern… oder zumindest etwas das auch nur andeutungsweise an so etwas erinnerte, aufzugeben. Ein Blick in den wolkenverhangenen düsteren Himmel zeigte ihm das er sich mit diesem Problem wohl zweifelsohne allein auseinandersetzen musste. Er sah keine Chance Niak oder einen der anderen um Rat zu fragen. Nachdenklich federte er leicht auf den Fersen auf und ab. Für gewöhnlich suchte er sich für seine nächtlichen Zusatzmahlzeiten ein prunkvolles Haus aus, besonders wenn er so hungrig war wie heute. Eben eines in dem sich vermutlich reiche Herrschaften häuslich niedergelassen hatten. Dieses Auswahlverfahren hatte zwei recht praktische Gründe. Zum einen war diese Art von Haus häufig bewacht und bot damit einen gewissen Nervenkitzel, was der Blutjagd ein wenig mehr Bedeutung verlieh eine notwendige Form der Nahrungsaufnahme andernfalls besaß. Zum anderen würde ein Mitglied des Adels oder des wohlhabenden Bürgertums durch die unweigerliche Schwächung, die der vom Hunger erzwungene höhere Blutverlust darstellte, nicht so große Nachteile haben wie ein einfacher Bauer oder Handwerker. Während ersterer durch ein oder zwei Tage Schwächung und eine mögliche Bettlägerigkeit vielleicht etwas Geld einbüßen würde, konnte es bei jemandem der harte körperliche Arbeit verrichtete und dadurch länger ausfiel, durchaus bedrohlich werden. Er wollte nicht erleben das eines seiner Opfer Folgeschäden davontrug , weil es seinem Körper nach seiner unfreiwilligen Spende keine Ruhe gönnte. Es genügte ihm das er ein Blutsauger war, zu einem Mörder musste ihn seine Krankheit noch lange nicht machen.
Er hatte sich gerade entschieden das Risiko dieses eine Mal einzugehen und ein beliebiges Haus zu wählen als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung ausmachte. Der plötzliche Geruch eines menschlichen Körpers, aufgefangen durch hungergeschärften Sinne, wies ihm zielsicher die Richtung wo seine Augen zunächst nichts zu finden vermochten. Ein paar Dächer entfernt huschte ein schmaler Schatten entlang. Er oder sie bewegte sich geübt und mit einer Sicherheit über den Hochweg der Stadt, die von langer Erfahrung mit den Dächern dieses Ortes oder dem Dächerlaufen allgemein herrührte. Ohne lange zu überlegen, machte der junge Vampir sich mit gebührendem Abstand an die Verfolgung. Sollte die Person vor ihm erfahren genug sein um ihn zu bemerken, war er weit genug entfernt um sich mit einigem Vorsprung davonmachen zu können. Träfe aber der andere Fall zu, wovon er bei näherer Beobachtung schlicht ausging, da sich die Person kein einziges Mal umdrehte oder auch nur stehen blieb um sich zu vergewissern das sie noch auf dem richtigen Weg war, konnte sie ihn wohlmöglich in das Zentrum der Stadt führen… So es denn überhaupt eines gab.

Yasha musste sich nicht lange gedulden. Bereits nach wenigen Minuten sprang sein unwissender Führer behände von einem Dach und verschwand in einer der schmaler werdenden Gassen. Ein sicheres Zeichen, dass es hier zumindest einen Ortskern gab. Nach seiner Erfahrung führten meist einige breitere Straßen, nach einem abschätzigen Blick auf seine Umgebung korrigierte er sich im Geiste: Hier wohl eher nur eine Hauptstraße die quer hindurch führt…, zum Zentrum. Je dichter man besagtem Zentrum kam, desto schmaler wurden die Nebenstraßen. In dem Versuch möglichst viel, möglichst dicht am Zentrum unterzubringen, unterschied sich die Bauweise von Vierteln in der Nähe eines Ortskerns deutlich von den quer über eine Stadt verteilten Wohnvierteln.
Mit einem hungrigen Glitzern in den wachen Augen, setzte Yasha seinen Weg über die Dächer fort. Es dauerte nicht lange bis er eine Straße fand die breit genug war, um sie als Hauptstraße durchgehen zu lassen. Der gerüstete Fackelträger, der ihr in gemächlichem Tempo zielstrebig folgte, gab den Ausschlag. Obgleich der Mann nicht aufmerksam genug schien um ihn zu bemerken, selbst wenn er direkt hinter ihm vom Dach spränge und in aller Seelenruhe einen knarrenden Ast über den Schädel zog, mahnte Yasha sich zur Vorsicht. Er wusste nur zu gut wie nachlässig ihn der Hunger machte und die scheinbar leichte Beute dort unten ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sei froh das du kein Waldelf bist Wächter… Sonst hätten deine offensichtliche Unaufmerksamkeit und der Wunsch nach deinem Blut, mich wohl gezwungen dich zu wählen…, kam es lautlos über seine Lippen: Hab trotzdem dank für die Wegweisung.
Geräuschlos zog er sich weit genug von der breiten Straße zurück um das Licht der Fackel nur noch schwach wahrzunehmen, bevor er in dieselbe Richtung lief wie der Wächter.

Im Ortskern angekommen fand er schnell ein passendes Ziel. Der Ort zu dem der Wächter scheinbar wollte entpuppte sich als Marktplatz. Es gab wohl einige Geschäfte in den Häusern die den Platz säumten, doch sie waren es nicht auf die Yasha es abgesehen hatte. Am Eingang des Platzes befand sich scheinbar die örtliche Wache, denn durch ein erleuchtetes Fenster registrierte er im Vorbeigehen zwei weitere bewaffnete und gerüstete Männer. Vermutlich die Ablösung für die patrouillierenden Nachtwächter, der Gedanke verschwand beinahe ebenso schnell wie er gekommen war, als er ein Haus erspähte. Genau genommen war es eher DAS Haus. Mit leicht schräg gelegtem Kopf musterte er es von oben bis unten. Das Gebäude auf der anderen Seite des Marktplatzes und besaß mindestens drei Stockwerke. Im unteren Bereich vermutete Yasha die Geschäftsräume, doch der Teil darüber sah ganz nach dem Stadthaus eines Bürgers aus. Zudem war es eindrucksvoll genug um zumindest ein wenig Reichtum, jedoch keinesfalls einen Stadtherren zu beherbergen. Damit war es für seine Zwecke nahezu perfekt.
Rasch umrundete er den Platz, erkletterte das Dach des Gebäudes und ließ sich dann mit geschmeidigen Bewegungen an seiner Fassade herabgleiten. Direkt unter dem Dach befand sich ein rundes unverglastes Fenster, durch das er sich Zutritt verschaffte. Besonders vorsichtig scheint man hier nicht zu sein… Er konnte sein Glück kaum fassen während er den, wohl als Lagerraum genutzten Dachboden durchquerte. Seine Aufregung erhielt einen Dämpfer als er die massive Holztür am unteren Ende der Stiege verschlossen vorfand. Das Knacken des Schlosses mit einer seiner Knochennadeln kostete ihn kaum eine Minute, besonders kompliziert war der Mechanismus nicht. Im mittleren Stockwerk des Hauses trat er ein ums andere Mal auf verräterisch nachgiebige Dielen von denen die ein oder andere trotz seines leichten Schritts leise knarrte.

Er machte einen kurzen Rundgang durch das Stockwerk um sich eine Überblick zu verschaffen. Es beherbergte zur Zeit vier schlafende Menschen. Eine ältere Frau von an die sechzig Jahren, einen groß gewachsenen kräftigen Burschen von vielleicht fünfzehn Jahren, einen jungen Mann um die dreißig und eine Frau, etwa im gleichen Alter. Yashas Wahl fiel auf den Burschen.
Nachdem er in sein Zimmer gehuscht und ihn einige Herzschläge lang beobachtet hatte, trat er leise näher. Ein Bein seines Opfers ragte unter dessen Decke hervor. Er vergewisserte sich durch einige tiefe Atemzüge, dicht über der Haut des Menschen, das dieser sauber war und seine Haut nicht erst gereinigt werden musste bevor er, der üblichen Prozedur folgend, zunächst zweimal mit einer Wurfnadel zustach. Die Einstichstellen lagen ein halbe Fingerbreite auseinander. Die Stiche selbst erfolgten im zeitlichen Abstand einiger Atemzüge. Nach Yashas Erfahrung wachte ein Opfer, dessen Schlaf zwei tiefe Nadelstiche nicht stören konnten, auch durch Rest der Prozedur nicht auf. Sorgsam zog er eines seiner doppelschneidigen Messer aus einer seiner Unterarmscheiden und senkte es langsam auf das Bein des Menschenjungen, genau auf die Linie der beiden Nadelwunden. Der Geruch des Blutes aus den Nadelstichen raubte ihm fast die Selbstbeherrschung, so fiel der eigentliche Schnitt um einiges tiefer aus als eigentlich geplant.
Mit Genuss trank er das austretende Blut von der Haut seines Opfers. Als die Blutung nachließ träufelte er ein paar Tropfen Wasser aus einem kleinen ledernen Gefäß, das er zu diesem Zweck unter seiner Kleidung trug, auf die Wunde. Es brauchte eine weitere Wunde dieser Art bis sein Durst gestillt und der nagende Zwang vorerst aus seinem Inneren gewichen war. Denn in diesem Punkt machte er sich keine Illusionen, während er die Wunden routiniert mit einem angefeuchteten Tuch säuberte, sich anschließend aus dem Haus stahl und langsam auf demselben Weg über die Dächer in Richtung Stadtrand bewegte, der ihn zuvor zu seinem Opfer geführt hatte.. Der Hunger kam immer zurück. Es war nur eine Frage der Zeit.
Legende: „Yasha spricht“ / Yasha denkt /Chione/ Niak/ Beowan/Lapis/Fianna/„Andere sprechen“

Benutzeravatar
Malia
Glücksritter
Beiträge: 52
Avatar: jojo080889
Alter: 18
Rasse: Mensch
Heimat: Coralay
Waffen: Dolch
Inventar: Kleider, Lederbeutel mit Münzen und einem Kräutermesser

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Malia » Do, 26. Mai 2016 23:06

Dieser Abend versprach nicht mehr, lustiger zu werden. Im Weißen Ross waren nur einige alte Haudegen, die Malia bereits kannte und Jakob, der Wirt, der abwesend den Tresen mit seinem fleckigen Tuch polierte und dabei doch nur den schmierigen Belag - eine Mischung aus Schweiß, Wein, Bier und Eintopf, ein bisschen mehr verteilte. Der Vorteil an der wenige Kundschaft war, dass Jakob der Auffassung war, er könne Malia gleich 3 Mal Nachschlag auftischen, da das Essen sonst ohnehin verderben würde, auch wenn sie argwöhnte, dass er für sie, ganz egal wie voll die Schenke gewesen wäre, so oder so genug zu essen über gehabt hätte. Aber sie beschwerte sich nicht und fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig satt. Die Alten erzählten mit dröhnenden Stimmen und noch dröhnenderem Gelächter begleitete Geschichten, die Malia alle schon kannte und gaben ihr dabei hier und da einen Wein aus und so verbrachte sie doch ein paar Stunden in ihrem Stammlokal. Aber bald versanken die Männer immer öfter in längeres Schweigen, in denen jeder an seiner Pfeife herumkaute und seinen eigenen Gedanken an seine Jugend, seine Frau oder längst vergangene Abenteuer nachhing. Malia zeichnete mit dem Finger die Maserung des Holzes nach, aber irgendwann erhob sie sich, streckte sich genüsslich und sagte laut: "Es war nett Jungs, aber ich muss jetzt los. Man sieht sich."
Die Alten murrten Abschiedsworte und Jakob unterbrach für einen Moment sein monotones Herumreiben auf dem Holz.
Er warf ihr einen langen, sorgvollen Blick zu.
Er spürt, dass ich weg will.", dachte Malia beklommen, tat aber, als hätte sie seinen Blick nicht bemerkt, winkte ihm munter zu, ehe die Tür hinter ihr zuschlug und sie wieder auf der Straße stand.
Jakobs Blick war wie ein kleiner Stich in ihrem Herzen. Sie wusste sehr wohl, dass er in ihr die Tochter sah, die er nie gehabt hatte und sie wusste, dass es ihn kränken und verletzten würde, wenn sie verschwand. Unbehagen bereitete ihr, dass sie das traurig machte. Es sollte ihr egal sein. Sie sollte dankbar für seine Gastfreundschaft sein - und nicht mehr.
Aber sie fühlte sich schuldig, als würde sie ihm Unrecht tun. Sie schüttelte seufzend den Kopf, als sie ihren einsamen Weg durch die nun menschenleeren Gassen antrat. Zuerst wanderte sie ziellos durch die Straßen bog mal hier nach links und dort nach rechts ab - sie wollte noch nicht zurück in ihre Scheune. Dieser Tage fühlte Malia eine altbekannte Einsamkeit, die sich wie ein schweres Tuch um ihre Schultern gelegt hatte. Seit Meriams Tod vor zwei Jahren hatte Malia keine richtige Freundschaft mehr gepflegt, zu sehr hatte sie sich vor einem erneuten Verlust gefürchtet. Und doch... sie seufzte erneut. Was sollte nur aus ihr werden?

Sie bog um eine weitere Ecke und stieß heftig mit einer jungen Frau zusammen. Sie murmelte ein hastiges "'tschuldigung." und wollte weitergehen, doch die Frau hielt sie am Arm fest. Verdutzt sah Malia auf, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
Jasna!", rief sie halblaut aus, als sie das Mädchen erkannte. Jasna war ein wenig älter als Malia und lebte schon lange in Cadron. In den letzten Jahren hatte sie sich im Freudenhaus als Hure verdingt und war damit recht zufrieden. Immer wieder hatte sie versucht, auch Malia zu überreden, mit ihr zu kommen, doch die hatte immer abgelehnt. Um ihren eigenen Willen über ihren Körper zu behalten hatte Malia ihr altes Leben hinter sich gelassen, niemals würde sie nun genau das freiwillig abtreten. Ihr Körper gehörte ganz alleine ihr. Jasna sah das lockerer und in diesem Punkt wurden die beiden jungen Frauen sich nie einig. und trotzdem mochte Malia die meist fröhliche Jasna, mit der man sich alles in allem gut unterhalten konnte. Außerdem kannte Jasna die Männer in der Stadt und wusste, bei wem der Geldbeutel locker saß.
"Grüß dich Malia. Lang nicht gesehen.", antwortete Jasna lächelnd.
"Jaaaaa.", sagte Malia gedehnt und zuckte mit den Schultern, "du weißt ja, wie das ist. Man is' mal hier mal da, nich?"
Jasna nickte nur.
"Hör mal, um die Ecke steht so ein schmieriger Kerl. Trägt komische Sachen und spricht auch seltsam. Such dir lieber 'nen anderen Weg.", sagte sie ernt. Malia nickte irritiert.
"Ja...", murmelte sie abwesend, "ja, danke."
Jasna nickte.
"Klar. Wir sehen uns, ich muss weiter.", sagte sie, ehe sie eilig ihren Weg fortsetzte.
"Ja... wir sehen uns.", antwortete Malia zerstreut, als Jasna schon längst in der nächsten Gasse verschwunden war. Fremde Sprache, seltsame Kleidung... gehörte der Kerl, von dem Jasna gesprochen hatte zu der Kolonne, die sie heute mittag im Wald beobachtet hatte? Was die hier wohl machten...? Neugierde flackerte in Malia auf, als sie vorsichtig um die Ecke spähte.

Und ja! Da stand der Kerl und stierte gelangweilt gerade aus und hinter ihm, an eine Hauswand gelehnt, stand das schöne Mädchen. Malia musterte sie interessiert. Aus der Nähe erkannte sie die dunkle Hautfarbe, die fremdartigen, bunten Gewänder und ein ungewöhnliches Schmuckstück, dass um ihren Hals lag. Schaudernd fuhr Malia sich mit der Hand über den eigenen Hals. Sie trug nie Schmuck und besonders Halsketten empfand sie, selbst wenn sie weit und locker und gar nicht schwer waren, als einengend. Und dieses Ding um den Hals der Fremden sah sehr schwer und eng aus. Das Mädchen wirkte auch nicht besonders glücklich, auch wenn Malia bezweifelte, dass das an ihrem Halsband lag.
Sie wandte den Blick wieder ab und sah sich in ihrer Gasse um. Wohnte sie hier, in diesem Gebäude?
Ein wagemutiger Gedanke packte Malia. Wenn das Mädchen hier unten war, dann war vermutlich auch ihr Vater und sein Gefolge hier - sie saßen vermutlich gerade zu Tisch und das hieß, dass die oberen Stockwerke leer waren. Vollkommen unbewacht... und wenn doch, dann nur von innen, vielleicht stand eine der Wachen vor einer Tür, doch was nützte das, wenn Malia gar nicht durch eine Türe hereinschlüpfte....?

Sie spähte umher. Die Gasse lag vollkommen verlassen da, in den Häusern ringsum herrschte Stille, nur hier und da flackerte im Erdgeschoss noch ein Licht. ie eine Katze kletterte Malia auf ein kleines Mäuerchen, griff auf den Zehenspitzen stehend zum Sims des Fensters, dass direkt über ihr lag und zog sich mit einem Schwung nach oben. Auf der Bank verharrte sie einen Moment, doch es blieb alles still. Sie könnte sich auch durch dieses Fenster Zutritt verschaffen, doch erfahrungsgemäß befanden sich die Schlafgemächer auf der nicht der Straße zugewandten Seite und dieses große Gebäude hier hatte wie Malia wusste, einen großen Hinterhof. Also richtete sie sich wieder auf und schwang sich auf das Dach.

Ein Ziegel löste sich, rutschte vom Dach und fiel dann berstend zu Boden. Malia fluchte halblaut. Sie kletterte zum Schornstein und presste sich an die Mauer. Ihr Herz raste. Von allen Dachziegeln hatte sie ausgerechnet den erwischt, der locker gewesen war! Vorsichtig schob sie sich mit dem Rücken weiter nach hinten, in den Schatten des Schornsteins und lauschte dann. Hoffentlich hielt man das Ganze bloß für das Werk einer streunenden Katze....
"Wenn man zu den Göttern spricht, ist man religiös. Wenn die Götter einem antworten, ist man irre."

Benutzeravatar
Noro'elle
Wanderer
Beiträge: 38
Avatar: Ashley-Q
Alter: 16
Rasse: Mensch/Beraij
Heimat: Avrabêth
Waffen: keine
Inventar: Ein Beutel voller Schmuck

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Di, 31. Mai 2016 21:12

Nahezu lautlos fiel ein offenbar loser Ziegelstein zu Boden und schlug nur wenige Ellen neben Noro’elle krachend auf das Straßenpflaster. Erschrocken fuhr die schwarzhaarige Schönheit auf und sah sich panisch um. Kurz wandten sich ihre dunkelbraunen Augen gen Himmel, doch im flackernden Licht der Straßenlaterne vermochten sie nichts Außergewöhnliches auszumachen. Irritiert trat nun auch die wachgerüttelte Wache an ihre Seite und begutachtete den Ziegel. Er schüttelte nachdenklich den Kopf, beschloss aber anscheinend, dass dies das Werk einer herum streunenden Katze gewesen sein musste. Als wäre das Herunterfallen ein Zeichen zur rechten Zeit gewesen, um den Platz zu Tisch wieder einzunehmen, packte die Wache die junge Frau wieder am Oberarm und schob sie unsanft zurück in den Schankraum. Immer noch vom Wein benebelt, wehrte sich Noro nicht gegen die barsche Behandlung und fügte sich widerstandlos ihrem Schicksal – zumindest dieses Mal. Im Schrankraum war die Luft warm und stickig und fast schien es, als könnte man sie mit einem scharfen Messer in Scheiben schneiden. Vermutlich war es die gefährliche Mischung aus schlechter Luft, betrunkenem Zustand und zu wenig Atemfreiheit, weshalb der Beraij plötzlich schwindelte und letzten Endes schwarz vor Augen wurde. Langsam sackte der zierliche Körper in sich zusammen, doch ein paar starke Hände fingen sie auf und verhinderten so, dass sie sich verletzte. Die aufgeregten Stimmen um sie herum, nahm Noro’ell el Darr’arkur, gefangen in der festen Umklammerung der Ohnmacht, nicht wahr. „Bringt sie in ihr Zimmer und lockert ihren Halsschmuck ein klein wenig, damit sie wieder zu Bewusstsein kommen kann.“, sprach Kamal verärgert und ein kleiner, goldener Schlüssel, den er an einer prachtvollen Kette wie ein kostbares Schmuckstück um den Hals trug, wechselte für den Moment den Besitzer. Seine Handlanger taten umgehend was ihnen befohlen wurde und legten die junge Frau vorsichtig auf ihre Strohmatratze. Geistesgegenwärtig öffnete einer der Männer noch das Fenster, damit es der Bewusstlosen nicht an frischer Luft mangelte, dann verließen sie das Zimmer und ließen sie allein.

Leicht benommen schlug Noro die Augen auf und wusste für einen kurzen Moment weder was geschehen war, noch wo sie sich befand. Hilflos blinzelte sie gegen die Dunkelheit an, doch ihre Pupillen gewöhnten sich nur sehr langsam an das fahle Mondlicht, welches durch das kleine, geöffnete Fenster in ihr schlichtes Zimmer fiel. Sie probierte ruhig zu atmen und konzentrierte sich auf die letzten Erinnerungen, die sie vor ihrem Zusammenbruch hatte. Sie waren in Cadron angekommen und haben in einem schlichten Gasthaus Quartier bezogen. Die furchtbaren Offenbarungen Kamals, das Abendmahl, der viele Wein… Wie eine immer fortlaufend sprudelnde Quelle flossen die Ereignisse des Tages durch ihren Kopf und die Wände um sie herum begannen sich quälend langsam zu drehen. Gegen den Hauch von Panik ankämpfen zwang Noro’elle sich zur Ruhe und setzte sich unbeholfen im Bett auf. An Schlaf war wohl in dieser Situation kaum zu denken, denn sobald sie die Augen schloss, drohte sie die Übelkeit zu übermannen. In Selbstmitleid versunken, saß sie dort allein in der Dunkelheit und starrte auf die silberne Mondsichel, die genauso einsam am Himmelszelt thronte. Der Anblick des Nachtgestirns wirkte seltsam beruhigend auf die junge Frau, während eine einzelne Träne ihre Wange hinab rann und dort eine im Mondlicht funkelnde Spur der Trauer zurück ließ. Doch war da nicht das seltsame Geräusch von einem gedrosselten Atem zu vernehmen? Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränenflüssigkeit aus dem Gesicht. Sie selbst hielt den Atem nun an und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Hatte sie sich so sehr getäuscht? Hatte sie ihren eigenen unsteten Atem für den eines Fremden gehalten? Sie war müde und benebelt vom Wein, wer weiß welche Geister sie sich einbildete. Vielleicht sollte sie nun doch probieren etwas Schlaf zu finden, doch zuerst musste sie sich dieser unangenehmen Wickelkleidung entledigen, welche Kamal so gern an ihr sah. Sie schlug die Decke beiseite und erhob sich vorsichtig aus ihrem Bett. Danach wickelte sie unbeholfen den blauen, durchscheinenden Stoff von ihrem zierlichen Leib, bis sie letztendlich vollkommen nackt war.

Benutzeravatar
Yasha
Herumtreiber
Beiträge: 15
Avatar: Wizi
Alter: 10
Rasse: Taurrin (Vampir)
Heimat: Lun Daria
Waffen: Wurfmesser, Wurfnadeln, Kettenwaffe

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Yasha » Sa, 04. Jun 2016 18:51

Der Rückweg fiel Yasha leichter als der Hinweg, da ihn der seltsame Aufbau der Stadt nun kaum noch verwirrte. Leichtfüßig huschte er von Dach zu Dach. Kaum mehr als ein flüchtiger Schatten vor dem Hintergrund des schwarzen Himmels, ganz so als sei ein schwere Last von seinen Schultern genommen worden. Er folgte dem Hochweg mit sichtlichem Vergnügen. Oh wie hatte er das Dächerlaufen vermisst. Er hatte sich schon in seiner frühen Kindheit in Lun Daria immer wieder im Klettern versucht. Auf Häuser, auf Bäume… Eben auf alles wo ein kleines Kind hinaufkam ohne sich den Hals zu brechen. Auch im letzten Jahr, hatte er sich vermehrt in die Kronen verschiedener Bäume hinaufgeschwungen um die Umgebung zu beobachten, sich einen Überblick zu verschaffen oder einfach nur die Aussicht zu genießen. Aber das war nicht mit dem Gefühl zu vergleichen geschmeidig von Dach zu Dach zu springen, völlig frei und in dem Wissen, dass seine Beute kaum je einen Blick nach oben warf. Es war das ultimative Gefühl der Jagd und es hatte ihm gefehlt, wenn er ehrlich zu sich selbst war. In den kleine Ortschaften, manchmal kaum mehr als ein kleines Dorf, hatte er zwar auf das ein oder andere Hausdach klettern können, aber einen richtigen Hochweg hatte es nicht gegeben.

Ein flüchtiger Geruch ließ ihn aufmerken. Er traf ihn just in dem Moment als er über eine schmale Gasse hinwegsegelte. Es war derselbe Geruch dem er zuvor gefolgt war. Neugierig verhielt er, wandte sich um und schlich vorsichtg zur Dachkante zurück. So alt wie dieses Dach aussah, stand zu befürchten, dass einige der Ziegel lose waren und nach seiner Erfahrung war es gerade am Rand nicht leicht einen fallenden Ziegel zu erwischen, bevor dieser auf dem Boden zerschellte. Er ging in die Hocke und spähte über den Rand des Daches hinunter in die Gasse.
Dort stand ein Gestalt. Eine junge Frau oder ein schlaksiger Junge, das war in der Dunkelheit und auf die Entfernung schwer zu sagen, mit schulterlangen Haaren, spähte um eine Hausecke. Ein flüchtiger Blick in dieselbe Richtung zeigte Yasha zwei Personen, einen kräftiger Mann und ein Mädchen. Beide besaßen eine eigenartig dunkle Hautfarbe, die ihn entfernt an jene der Wüstenelfen aus dem Zirkus Wintersonne erinnerte. Der bullige Mann trug einen Knüppel am Gürtel und starrte gelangweilt in die Nacht hinaus, während das Mädchen mit geschlossenen Augen und einem leisen Lächeln dastand. Ihre selbst im Dunklen noch leuchtend blaue Kleidung sah teuer aus, von den goldenen Schmuckstücken die sie trug. Das spärliche Licht, das aus den umliegenden Fenstern auf die Straße fiel, fing sich in den Schmuckstücken und verlieh ihnen einen eigentümlichen Glanz. Seine Augen blitzten belustigt, das versprach interessant zu werden. Obwohl… so abgelenkt wie der Mann ist, könnte man das Mädchen vermutlich vor seinen Augen bewusstlos schlagen, es ausrauben und sich dann in aller Seelenruhe aus dem Staub machen ohne das er etwas mitbekommt. Er beschloss sich das Ganze trotzdem nicht entgehen zu lassen.

Eine Bewegung am Rand seines Gesichtsfeldes lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Keinen Augenblick zu früh, denn der Bobachter war aus der Gasse unter ihm verschwunden und machte soeben Anstalten sich auf das Dach zu schwingen, auf dem Yasha hockte. Mit einem lautlosen Fluch wich er behände vom Dachrand zurück. Keinen Augenblick zu früh, denn schon tauchte ein Kopf über der Kante auf. Während die Fremde, denn nun konnte er deutlich erkennen das es sich um eine junge Frau handelte, sich ganz auf das Dach zog, huschte er um den Schornstein herum und verbarg sich dahinter. Im nächsten Moment zerriss ein lautes Krachen die Stille der schlafenden Stadt. Das Geräusch eines auf dem Straßenpflaster berstendes Dachziegels. Obwohl er halb mit so etwas gerechnet hatte, fuhr er bei dem lauten Geräusch unwillkürlich zusammen. Ein leiser Fluch folgte auf das Missgeschick, dann erklangen leise Schritte und der Geruch wurde stärker. Der junge Vampir überlegte kurz, dann kletterte er auf den Schornstein, wo er wie ein übergroßer Vogel hocken blieb. Seine Vermutung war richtig, die junge Frau stand im Schatten des Schornsteins unter ihm, wenn sie jetzt den Kopf hob würde sie ihn wohl sehen. Doch das war ihm in diesem Moment gleichgültig. Er saß vollkommen unbeweglich und beobachtete das Treiben in der Gasse unter sich.

Das laute Geräusch schien den abgelenkten Mann nun doch alarmiert zu haben. Er begutachtete das Stück Dach eine ganze Weile, fast als warte er darauf das es ihm erklären würde was es sich dabei gedacht hatte ihm vor die Füße zu fallen. Als es das nicht tat wandte er sich ab, griff sich rüde die verschreckte blaugewandete Frau und schob sie in das Haus auf dessen Dach ihre zwei Beobachter saßen. Yasha schüttelte ungläubig den Kopf. Ich glaube ich sollte mein Urteil revidieren… Um diesen Mann misstrauisch zu machen, hätte man ihm wohl ein Messer vor die Nase halten und ihn dann darauf hinweisen müssen das es sich um ein ebensolches handelt... Aber egal, mal sehen was die Beobachterin jetzt vorhat.
Die junge Frau unter ihm stand nicht mehr im Schatten des Schornsteins, nein sie ging langsam wieder auf die Dachkante zu. Kopfschütteld sah er zu, wägte ab. Sie spähte hinunter, schien zu einer Entscheidung zu kommen. Noch ehe sie erneut die unterste Ziegelreihe direkt an der Dachkante erreichte sprach er sie leise an: „Bist du dir sicher das das eine gute Idee ist?“ Er bewegte sich noch immer nicht, doch der Blick seiner verschiedenfarbigen Augen war fest auf sie gerichtet.
Legende: „Yasha spricht“ / Yasha denkt /Chione/ Niak/ Beowan/Lapis/Fianna/„Andere sprechen“

Benutzeravatar
Malia
Glücksritter
Beiträge: 52
Avatar: jojo080889
Alter: 18
Rasse: Mensch
Heimat: Coralay
Waffen: Dolch
Inventar: Kleider, Lederbeutel mit Münzen und einem Kräutermesser

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Malia » So, 05. Jun 2016 20:25

Malia konnte, dicht an den Schornstein gepresst, nicht sehen, was unter ihr vorging. Sie hörte Stimmen, Schritte, eine Tür ging auf und wieder zu. Ihr Herz klopfte laut.
Doch alles blieb ruhig. Malia seufzte tief. Sie verharrte dennoch einige weitere Minuten regungslos in ihrer Deckung. Gerade hatte sie sich wieder ein wenig nach unten gewagt, da hörte sie unter sich schwere Schritte. Eine Tür ging auf, Ein Fenster wurde geöffnet. Es blieb kurz still, dann ging die Tür wieder zu und die schwere Schritte entfernten sich. Malia zog eine Augenbraue nach oben. Das Fenster war nicht geschlossen worden. Sollte sie es wagen...? Und wenn das nun eine Falle war? Sie haderte mit sich, während sie sich langsam, Schritt für Schritt, weiter an den Rand des Daches vorarbeitet, sorgsam darauf bedacht, nicht wieder einen losen Ziegen zu erwischen.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, dachte sie sich dann. Gerade beugte sie sich über den Sims - da ertönte wie aus dem Nichts eine helle Stimme. Vor Schreck hätte Malia fast das Gleichgewicht verloren und wäre in die Tiefe gestürzt, nur ihre Instinkte bewahrten sie vor einem unschönen Flug. Sie fuhr herum. Auf dem Schronstein kauerte einen schmächtige Gestalt. In der Dunkelheit sah es fast so aus, als hätte der Junge weißes Haar, es leuchtete gespenstisch im Mondlicht. Das Gesicht war dunkel gefärbt, nur zwei Augen, die augenscheinlich zwei unterschiedliche Farben hatten, blitzen hervor - er hatte sich mit Ruß eingeschmiert. Nicht dumm, wie Malia zugeben musste. Sie kannte den Jungen nicht. Er kam folglich nicht aus Cadron, denn auch wenn Malia nur lose Kontakte zu den anderen Straßenkindern der Stadt geknüpft hatte, kannte sie doch jeden von ihnen. Und dieser hier, selbst wenn sein Gesicht getarnt war, war doch allein durch seine Haar- und Augenfarbe eine recht auffällige Gestalt, die Malia hätte auffallen müssen.
"Was soll das?", fauchte sie leise, "Willst du mich umbringen?"
Ihre braunen Augen funkelten wütend. Wo war dieses Bürschchen nur hergekommen? Hatte er die ganze Zeit da gesessen? Sie war wohl doch ein wenig leichtsinnig geworden in letzter Zeit, dass sie dieses Kind überhaupt nicht bemerkt hatte. Unwirsch murrte sie: "Hau ab, Kleiner. Das hier geht dich nichts an."
Mit diesen Worten rutschte sie vom Dach in das geöffnete Fenster. Kurz verharrte sie auf dem Sims, ehe sie sich lautlos in das Zimmer gleiten lies.

Sie sah sich um - luxuriös eingerichtet. Ein wuchtiger Kleiderschrank aus dunklem Holz nahm fast die gesamte Wand ein. Ein Frisiertisch aus Mahagoni mit einem Spiegel stand direkt neben ihr. Auf dem Tischchen standen mehrere, faustgroße Flakons aus dickem Glas - oder vielleicht sogar Kristall? Sie alle waren mit Parfum gefüllt. Malia schüttelte den Kopf. Ein unglaublich unnützer Luxus. Dennoch ließ sie flink einen der Flakons in ihre Tasche gleiten. Nur weil sie nichts damit anfangen konnte, hieß das ja nicht, dass andere Menschen dafür nicht viel Geld ausgeben würden... alleine der Behälter war viel Geld wert. Malia hob den Blick und starrte plötzlich in ihr eigenes Spiegelbild. Ihre eigenen, haselnussbraunen Augen, die tief in ihren Höhlen lagen, blickten sie fragend aus ihrem ausgemergeltes Gesicht an. Ihre schmutzig blonden Haare waren im Moment fast braun .- sie sollte dringend mal wieder ein Bad nehmen. Malia riss sich von ihrem eigenen Anblick los und ließ den Blick weiter durch das Zimmer wandern. Hier und da lagen große, bunte Kissen auf dem Boden. Malia runzelte die Stirn. Sie alle waren kreisrund und mit vielen verschiedenen Mustern und Farben verziert. So etwas hatte sie noch nie gesehen - was sollte das? Wozu wurden diese Kissen benutzt? Anscheinend dienten sie bloß der Dekoration, so nutzlos, wie sie am Boden herumlagen. Ansonsten war hier nicht viel. Der Raum schien nicht oft genutzt zu werden. Vielleicht ein Gästeraum. Und das Fenster hatte man wohl geöffnet, um die stickige Luft herauszulassen. Malia fiel ein, dass unter ihr ja die Fremden, die sie heute mittag beobachtet hatte, gerade ein reichliches Abendmahl zu sich nahmen. Vermutlich würden sie also die Nacht hier verbringen und irgendjemand würde wohl in diesem Zimmer hier schlafen.

Ein Geräusch ließ sie erstarren. Hinter ihr hatte sich auf dem breiten Bett etwas bewegt. Malia erstarrte. Sehr, sehr langsam drehte sie sich um - und starrte geradewegs in das Gesicht des fremdartigen Mädchens. Malia unterdrückte einen Fluch. Heute war anscheinend nicht ihr Tag. Sie legte einen Finger an die Lippen, während sie sich langsam wieder in Richtung Fenster schob, ohne den Blick von der Fremden abzuwenden.
Bitte bleib ruhig, bitte, bitte bleib ruhig...", flehte sie das Mädchen in Gedanken an. Ihre rechte Hand glitt in ihre Hosentasche und umfasste das kleine Kräutermesser in seiner Lederscheide, dass Malia immer bei sich trug. Sie umklammerte den Griff und zog es heraus, gerade so weit, dass die Fremde sehen musste, dass Malia eine Waffe in der Hand hatte - dass es sich hierbei um ein stumpfes, nutzloses Kräutermesserchen handelte, brauchte sie ja nicht zu wissen.
"Ich tu dir nichts, du tust mir nichts.", schlug sie leise vor, den Blick noch immer unverwandt auf das Mädchen gerichtet. Hoffentlich verstand sie überhaupt, was Malia gesagt hatte...
Zuletzt geändert von Malia am Mi, 08. Jun 2016 21:43, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn man zu den Göttern spricht, ist man religiös. Wenn die Götter einem antworten, ist man irre."

Benutzeravatar
Noro'elle
Wanderer
Beiträge: 38
Avatar: Ashley-Q
Alter: 16
Rasse: Mensch/Beraij
Heimat: Avrabêth
Waffen: keine
Inventar: Ein Beutel voller Schmuck

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Mo, 06. Jun 2016 20:45

Vor die helle Mondsichel im Fenster schob sich ein dunkler Schatten. Erschrocken fuhr Noro’elle zusammen, als sie darin menschliche Umrisse erkannte. Sie hatte sich also doch nicht verhört! Wie wild pochte das zarte Herz in ihrer Brust. Da funkelte etwas auf. Es war eine Klinge! Zitternd beugte sie sich vor und griff nach einer Decke, um wenigstens ihre Blöße zu bedecken. Wenn man ihr hätte etwas antun wollen, so wäre sie längst in ihrer Bewusstlosigkeit gemeuchelt worden. Nein, um einen Mörder handelte es sich wohl kaum. Doch was wollte die Unbekannte von ihr? Genauer betrachtet wirkte die Gestalt wenig angsteinflößend. Sie war klein und schmächtig, von der Statur her ein Mädchen oder eine junge Frau. Schleichend kehrte die innere Ruhe wieder zurück und legte sich schmeichelnd wie ein Kätzchen um ihre geschundenen Nerven. Sie selbst hatte vorhin noch mit dem Gedanken gespielt sich das Leben zu nehmen und nun hatte sie panische Angst vor einer einfältigen Diebin? Wohl kaum! Eine weibliche Stimme drang an ihr Ohr und auch wenn Noro deren Bedeutung nicht Wort für Wort verstand, so konnte sie sich denken, was die Fremde ihr vermitteln wollte. Sie sollte ruhig bleiben, sich nicht bewegen und vor allem nicht um Hilfe rufen. Dieses Gesinde konnte schließlich nicht ahnen, dass sie, selbst wenn sie es gewollt hätte, keinen Ton hervor bringen konnte. Da sie nicht die Möglichkeit hatte, ihr zu antworten, hob sie ebenfalls ihre feingliedrige Hand und legte einen Finger auf ihre vollen Lippen. Diese Geste war vermutlich überall gleich und würde ihre Wirkung nicht verfehlen. Eine stumme Übereinkunft, ein Zeichen des Schweigens. So verharrte sie eine kleine Weile, nur um ganz sicher zu gehen, dass das Mädchen im Halbdunkel des Zimmers ihr Minenspiel verstand. Dann ließ sie, ganz sanft und langsam, nur um etwas Verwirrung zu stiften, die Decke wieder gen Boden gleiten. Sie schämte sich nicht ihrer Nackheit, schon gar nicht vor anderen Frauen. Seit sie ein kleines Mädchen war, wurde es ihr zur Gewohnheit, von fremden Händen entkleidet, gewaschen und wieder angekleidet zu werden. Was Männer betraf, so sah die Geschichte wieder ganz anders aus, doch hier war weit und breit kein männliches Wesen anwesend.

Nachdenklich bildeten sich kleine, feine Falten auf der sonst so glatten Haut ihrer jugendlichen Stirn. Vielleicht konnte sie dieser merkwürdigen Begegnung etwas abgewinnen. Sie hatte schließlich viel zu geben. All die Dinge, die ohnehin nicht ihr gehörten, sondern Kamal. Sie bedeuteten ihr nichts, ihr verlangte es vorerst nur nach Freiheit, ein selten kostbares Gut. Ob sie für die geschickten Finger einer Diebin Verwendung finden würde? Gewiss! Da gab es etwas, das sie dringend brauchte, etwas, das klein und golden war, etwas, das um Kamals fettleibigen Hals hing. Doch wie sollte sie ihrem Gegenüber begreiflich machen, dass es bei mir mehr zu holen gab, als das, was sie ohnehin schon hat mitgehen lassen? Langsam schwenkte sie ihren Kopf nach links. Das Mädchen hatte vermutlich damit begonnen ihre Sachen zu durchwühlen, doch bevor sie wirklich fündig werden konnte, war sie erwacht und hatte sie dabei gestört. Langsam setzte sie ihren geschmeidigen Körper in Bewegung und ihre Finger tasteten rücklings nach ihrer Truhe, nicht ohne das offene Fenster auch nur eine Sekunde aus dem Blick zu lassen. Noro nestelte einen Moment an dem Schloss herum, bis es sich letzten Endes mit einem leisen „Klick“ endlich öffnete. Sie kniete sich nieder und griff in das ihr vertraute, versteckte Fach an der Seite, wo sie ihren kostbarsten Schmuck aufbewahrte. Schmuck, den Kamal ihr geschenkt hatte, Schmuck, der in ihr nur Abscheu hervor rief. Ohne zu zögern ergriff sie ein goldenes Collier, an dem rote Rubine im Schein des Mondes geheimnisvoll funkelten. Ohne weiter über die Folgen ihres Handelns nachzudenken, ging sie auf die Fremde zu, das Schmuckstück in ihren Händen wie einen Schutzschild vor sich haltend.
„Hier nimm schon.“, wollte sie sagen, doch die Worte kamen nicht über ihre Lippen. Sie konnte nichts anderes tun, als der Diebin die wertvolle Kette direkt vor die Nase zu halten. Natürlich konnte sie sie nicht davon abhalten einfach zuzugreifen und für immer zu verschwinden. Doch Noro’elle el Darr’akur hoffte inständig, dass sie auch nur einen Augenblick über ihr seltsames Verhalten nachdenken würde. Dass die Neugier über die Vernunft siegte, dass sie sich die Frage stellte, ob hinter all dem ein perfider Plan steckte. Sie schaute der Diebin fest in die Augen, Angst war darin keine mehr zu finden.


Derweil unten im Gasthaus…

Der Abend hatte sich Kamals Meinung nach ganz prächtig entwickelt. Er und sein alter Freund Mustafa el Barr’akim hatten eine neue Geschäftsidee ersonnen, die mehr als vielversprechend war. Er würde sie binnen drei Tagen nach Merridia begleiten und dort könnten sie ihren gemeinsamen Plan umgehend in die Tat umsetzen. Geschäftig rieb sich der alte, dickleibige Beraij die Hände. Das einzige, was ihn von der Abwesenheit von Noro’elle ablenken konnte, war die Aussicht auf Geld. Sehr viel Geld. Natürlich war er darüber verärgert gewesen, dass dieses nichtsnutzige Stück den Abend damit vergeudet hatte, sich zu betrinken und anschließend vor den Augen aller auch noch zusammen zu brechen. Er hatte gegenüber den anderen Herren einfach behauptet, dass die Reise für sie sehr anstrengend gewesen war, doch innerlich kochte er jetzt noch vor Wut. Dieses kleine widerspenstige Kind! Sie würde schon noch lernen, ihm zu gehorchen, spätestens dann, wenn sie endlich die Ehe vollzogen hatten. Lange würde es nicht mehr dauern. Ob er sich vielleicht in der heutigen Nacht einen kleinen Vorgeschmack holen sollte? Wer sollte ihn schließlich daran hindern sich mit seinem Eigentum zu vergnügen? Andererseits hatte er nun so lange Zeit gewartet, dass er sich die paar Tage auch noch gedulden konnte. In dieser Zeit würde er sich einfach an ihrer Ungewissheit laben. Dennoch, einen Blick konnte er sicherlich riskieren, sozusagen eine Art Vorgeschmack auf das, was er sich in naher Zukunft von ihr erhoffen durfte. Ja, so würde er es machen. Er würde hinauf in ihr Zimmer gehen, wenn ihm die Götter gewogen waren, würde sie noch tief und fest in Ohnmacht liegen und dann könnte er sich sein kleines Juwel aus der Nähe betrachten. Doch vorerst galt es den Abend abklingen zu lassen. Als die Gespräche nach und nach verstummten und immer mehr Gäste sich erhoben, um sich zu verabschieden, nutzte auch Kamal die Gelegenheit. Laut und vor aller Augen sichtbar gähnte der alte Mann und streckte sich ausgiebig.
„Meine Herren, ich bitte mich nun zu entschuldigen. Der Tag war lang und der Ritt mehr als anstrengend. Ich wünsche allen Anwesenden eine angenehme Nachtruhe, ich werde mich nun zurückziehen.“, sprach er mit seinem merkwürdigen Dialekt und erhob sich anschließend. Sein Weg führte ihn ohne Umschweife die Treppe zum oberen Geschoss hinauf, schwer und deutlich hallten seine Schritte auf den Stufen.

Benutzeravatar
Yasha
Herumtreiber
Beiträge: 15
Avatar: Wizi
Alter: 10
Rasse: Taurrin (Vampir)
Heimat: Lun Daria
Waffen: Wurfmesser, Wurfnadeln, Kettenwaffe

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Yasha » Fr, 10. Jun 2016 9:23

Yashas Augenbrauen fuhren in die Höhe. Da versucht man es mit einem gut gemeinten Rat… Laut sagte er: „Wäre doch mal eine Maßnahme oder? Zumal du dich ja nicht besonders vorsiehst, oder?“ Der leichte Spott in seiner Stimme war keine bewusste Absicht gewesen, doch er fand es im Nachhinein passend. Immerhin war sie es gewesen, die durch ihre Unachtsamkeit die Aufmerksamkeit auf dieses Dach gelenkt hatte, was auch in seiner Entdeckung hätte gipfeln können. Jetzt wo sie sich ihm zugewandt hatte, sah er sie deutlicher. Magere Figur, undefinierbare Haarfarbe und braune Augen. Er suchte nach Auffälligkeiten, Merkmalen anhand derer er sie später wiedererkennen würde und legte dabei unbewusst den Kopf ein wenig schräg, wie ein Vogel der ein interessantes Objekt mustert. Wenn er das im Dunkeln richtig deutete, vermittelte ihr Gesicht den Eindruck als könne sie kein Wässerchen trügen. Unschuldig sieht sie aus, naja zumindest bis sie den Mund aufmacht Was sie natürlich just bei diesem Gedankengang seinerseits erneut tat. „Hau ab, Kleiner. Das hier geht dich nichts an.“ Er rührte sich nicht vom Fleck, würdigte diesen Kommentar keiner Antwort. Stattdessen beobachtete er wie sie sich vom Dach, wohlgemerkt dieses Mal ohne Lärm zu verursachen, in ein geöffnetes Fenster gleiten ließ.

Nachdem sie aus seinem Sichtfeld verschwunden war, nahm er sich einen Moment um sein weiteres Vorgehen abzuwägen. Er hatte gegessen, damit würde der Hunger noch eine ganze Weile schweigen und er benötigte nun, wo er sich allein in bevölkertes Gebiet begeben würde, eindeutig Geld. Schließlich kam man ohne diese seltsamen Metallstücke nicht weit. Wenn es ihm gelänge sich etwas davon zu beschaffen, würde er vielleicht auch irgendwann begreifen was es damit auf sich hatte.
Ein Plan begann in seinem Kopf Gestalt anzunehmen. Die teuer gekleidet Frau, der Wachmann und eine Diebin. Das ließ vermuten, dass es dort eventuell etwas Lohnendes zu stehlen geben würde. Selbst wenn er keine Münzen fände, etwas wertvolles das sich verkaufen ließ war genauso gut. Kurz entschlossen federte er von seinem erhöhten Platz auf dem Schornstein auf das Dach zurück und trat bedächtig an die Dachkante. Glücklicherweise fielen auch dabei keine weiteren Teile des Dachbelages in die Tiefe. Ein Blick an der Hauswand hinab offenbarte, dass nicht nur eines der Fenster offen stand. Direkt neben dem, in welchem die junge Frau verschwunden war, befand sich ein weiteres. Die Öffnung bestand hier jedoch lediglich in einem kleinen Spalt, so ließ der Junge sich zunächst auf das Fensterbrett hinunter, bevor er es mit einem seiner Dolche aufhebelte. Die Waffe fest in der Hand, schwang er sich in das Zimmer. Das massive Bett nahm etwa ein Drittel des Raumes ein. Auf einem weich aussehenden Ledersessel türmte sich schwere Reisekleidung. Der intensive Geruch nach Pferd war ihm vertraut und willkommen, darunter mischten sich jedoch unverkennbar unangenehmere Gerüche. Sie hielten ihn auf Abstand und sorgten wirkungsvoll dafür, dass er sich dem Kleiderhaufen nicht näherte. Ein schmuckloser Schreibtisch mit Stuhl stand in einer Ecke neben dem Fenster, die andere wurde von einem Taschenberg eingenommen. Yasha konnte seine Blicke kaum davon losreißen. Es waren nicht nur ungewöhnlich viele Taschen für eine Person, einige wiesen aufwändige Verzierungen auf. Dies wäre ohne Zweifel eine lohnende Beute. Wenn ihm genug Zeit blieb.
Rasch griff er sich die schmuckvollste und zugleich kleinste Tasche des Stapels. Als er darin herumwühlte, förderte er nach einigem Suchen einen breiten Silberring hervor, der mit jadefarbenen Mustern irgendeines Edelsteins durchsetzt war. Ein leises Fauchen entwich ihm und er hätte das Schmuckstück beinahe fallen lassen. Reiß dich zusammen, es kann dir durch den Stoff der Handschuhe nicht tun, rief er sich selbst zu Ordnung. Nach kurzem Zögern ließ er den Ring in eine kleine Tasche an der Außenseite seines Wamses fallen, bevor er die Durchsuchung der Tasche fortsetzte. Er förderte einen roten Lederbeutel von der Größe einer Männerfaust zu Tage. Darin befanden sich zwar keine Metallmünzen, doch ein daumennagelgroßer durchsichtiger Edelstein, eingeschlagen in ein buntes Stofftuch, und ein faszinierendes kleines Ding aus schlichtem grauen Eisen entschädigten ihn dafür. Bei dem Gegenstand handelte es sich um einen Fisch. Angefertigt aus verschiedenen Lagen feinen Metalls die einander so überlappten, dass sie eine Bewegung der Schwanzflosse zuließen, zog der fingerlange schlanke Fisch seine Aufmerksamkeit kurzzeitig völlig in seinen Bann.

Das gequälte Ächzen alten Holzes ließ ihn den Kopf hochreißen. Schnell stopfte er seinen Fund in den Beutel zurück und kotete sich diesen an den Gürtel. Die Tasche verschloss er um sie wieder auf den Haufen zu werfen. Schwerfällige Schritte kämpfen sich, den Geräuschen nach, eine Treppe hinauf. Der schlanke Vampir huschte zur Tür des Zimmers, spähte durch das Schlüsselloch. Das eingeschränkte Sichtfeld zeigte ihm einen verlassenen Flur und den oberen Teil einer Treppe. Vorsichtig zog er an der Klinke, schob die Tür einen Spalt auf und begutachtet die ganz Umgebung. Er gab nur sechs Türen in diesem obersten Stockwerk. Vier lagen links von der Treppe auf beiden Seiten des Flures, auf der rechten Seite befanden sich dagegen nur zwei. Einander gegenüber gelegen mussten die Räume zu denen sie führten ungleich größer sein als jene am anderen Ende des Flures, denn die Treppe schien sich genau in der Mitte des Hauses zu befinden, womit auf beiden Seiten etwa gleich viel Platz zu Verfügung stehen musste. Verärgert schüttelte er den Kopf. Wenn er nicht gut Acht gab, würde er noch stundenlang hier stehen um sich über den Gegensatz zwischen der Symmetrie des Stockwerkes und der Asymmetrie der Raumaufteilung den Kopf zu zerbrechen. Lautlos schloss er die Tür um wieder durch das Schlüsselloch spähen zu können.
Als der Verursacher der Schritte schwerfällig seine Massen nach oben gewuchtet hatte, blieb er zunächst kurz stehen und verschnaufte, bevor er sich sehr langsam aber eindeutig in Yashas Flurrichtung aufmachte. Der flüchtige Blick zeigte einen alten Mann mit gebräunter Haut, gekleidet in eindeutig westliche Mode.

Die Reaktion des Jungen kam ohne das er lange nachdenken musste. Er wich von der Tür zurück und flitzte die Längswand entlang zur schmalen Seite des Zimmers wo das Fenster lag, durch das er eingestiegen war. Mit einem Satz war er auf dem Sims. Die Mühe das geöffnete Fenster wieder zu verschließen sparte er sich, er hatte ohnehin nicht vor in dieser Stadt zu bleiben.
Auf halbem Weg zurück aufs Dach fiel ihm etwas ein. Die Einbrecherin… Es war eigentlich nicht seine Art sich einzumischen, doch irgendwie hatte er das Gefühl ihr einen Gefallen zu schulden. Immerhin war er durch ihre unfreiwillige Führung in der Lage gewesen ein sehr schmackhaftes Abendessen zu genießen. Also schwang er sich zu dem anderen Fenster hinüber und zog sich daran hoch, bis er eine bequeme Sitzposition auf dessen Sims gefunden hatte. Was er sah, ließ ihn einmal tief durchatmen. Zwei Personen standen sich gegenüber. In dem Mädchen, dessen unerwartete Nacktheit Yasha an einer genaueren Betrachtung hinderte, meinte er bei flüchtigem Hinsehen dieselbe Person zu erkennen, die zuvor mit dem unaufmerksamen Wächter in der Gasse gestanden hatte. Die andere war unverkennbar die Diebin wegen der er zurückgekommen war. Das nackte Mädchen hielt der Andern ein golden schimmerndes Schmuckstück vor die Nase.
Nach ein paar Schrecksekunden räusperte er sich vernehmlich: „Auch auf die Gefahr hin das du vor Schreck tot umfällst, dachte ich, ich sage dir Bescheid das ein schwerfälliger alter Mensch auf dem Weg hierher ist. Es kann natürlich auch sein, dass er in das andere Zimmer will… Aber ich würde nicht drauf wetten. Daher würde auch ich vorschlagen, dass du“, jetzt warf er bewusst eine Blick zu dem nackten Mädchen hinüber, bevor er einer Eingebung folgend vom Coreonischen in gebrochenes Romarisch wechselte, da er glaubte im Aussehen des Mädchens einen jener Menschen aus Canehas Erzählungen von ihrer Heimat wiedererkannt zu haben: „dir was anziehst.“
Legende: „Yasha spricht“ / Yasha denkt /Chione/ Niak/ Beowan/Lapis/Fianna/„Andere sprechen“

Benutzeravatar
Malia
Glücksritter
Beiträge: 52
Avatar: jojo080889
Alter: 18
Rasse: Mensch
Heimat: Coralay
Waffen: Dolch
Inventar: Kleider, Lederbeutel mit Münzen und einem Kräutermesser

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Malia » So, 19. Jun 2016 21:48

Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust und sie presste die Zähne fest aufeinander. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt. Die Gestalt ihr gegenüber hätte dem Straßenmädchen leid tun können, entblößt und zitternd, die großen Rehaugen weit aufgerissen und die Diebin anstarrend, doch für den Moment machte sie sich größere Sorgen um ihre eigene Sicherheit. Nicht das Mädchen fürchtete sie, sondern seine bewaffneten Begleiter im Schankraum direkt unter ihren Füßen. Würde Malia schnell genug fliehen können? Würde das Mädchen versuchen, sie aufzuhalten? Malias wilder Herzschlag beruhigte sich ein wenig, als die Fremde nach einem kurzen Zögern einen Finger an den Mund legte. Also selbst, wenn sie Malias Worte nicht verstanden hatte, war sie zu dem Schluss gekommen, dass es für sie beide einträglicher wäre, wenn Malia sich stillschweigend verabschiedete. Sie unterdrückte den Impuls, befreit aufzuatmen. Die Fremde musste nun wirklich nicht wissen, dass Malia sich vor ihr vermutlich genau so sehr fürchtete, wie sie sich vor Malia. Der Griff um ihr harmloses Kräutermesser lockerte sich, sie ließ es zurück gleiten und nahm die offene Hand aus der Tasche, während sie einen weiteren Schritt in Richtung Fenster machte. Sie ließ das Mädchen dabei keine Sekunde aus den Augen.

Zuerst schien sich doch noch alles zu Malias Gunsten zu entwickeln, doch dann schien ein Ruck durch die Fremde zu gehen. Die Decke, an die sie sich eben noch panisch gekrallt hatte, als könne sie das Mädchen vor einer echten Waffe schützen, ließ sie wieder sinken. Die Angst war binnen eines Lidschlags aus ihrem Gesicht verschwunden.
Verdammt. Sie ist mir drauf gekommen. Sie weiß, dass ich keine Waffe habe.", dachte Malia. Doch noch immer ließ sie sich nicht zu einer schnellen Flucht hinreißen, noch war das Fenster, ihr Weg in die Freiheit, zu weit entfernt, das Risiko zu hoch... sie behielt die Fremde fest im Blick, die es Malia gleich tat, und hinter ihrem Rücken blind an einer Truhe herumnestelte. Was hatte sie nur vor?
Der Verschluss öffnete sich klickend und das Mädchen kramte etwas daraus hervor.

Malia stockte der Atmen. Etwas so wertvolles hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Eine goldene Kette mit roten Edelsteinen. Und das Mädchen stand auf und hielt sie Malia direkt vor die Nase. Ihre Lippen bewegten sich, doch kein Ton kam hervor. Versagte ihre Stimme? Oder war sie gar stumm?
Das Straßenmädchen konnte ihr Glück kaum fassen. Das war viel zu schön um wahr zu sein. Die Fremde hätte sie einfach gehen lassen können. Und nun stand sie hier und hielt ihr ein Schmuckstück entgegen, dessen Wert Malia sich nicht einmal bildlich vorstellen konnte.
Warum tat sie das?
Neugierde und Unvernunft hatten Malia schon des Öfteren in brenzlige Situationen gebracht, doch niemals hatte sie auch nur etwas vergleichbares erlebt.
"Du willst mir das geben?", fragte sie und konnte dabei nicht verhindern, dass eine Mischung aus Unglaube und Misstrauen in ihrer Stimme lag, die sie eigentlich kalt und emotionslos hatte klingen lassen wollen.
"Nimm es. Nimm es und hau ab!", murmelte die Stimme der Vernunft in ihrem Kopf, doch Malia regte sich nicht.
"Warum?", fragte sie stattdessen und sah die Fremde fragend an.

Doch die Antwort der dunkelhäutigen Schönheit ging in einem Knarzen unter, dass von der Treppe verursacht wurde. Malia machte einen Satz in Richtung Fenster.
"Beim nächsten Mal vielleicht.", sagte sie mit einem Grinsen, und war schon mit der Hand auf dem Fensterbrett, als aus heiterem Himmel der Bengel vom Dach genau dort auftauchte, wo Malia gerade hatte verschwinden wollen. Oder hatte er die ganze Zeit dort gesessen?
War denn heute Nacht ganz Cadron auf den Beinen?
Malia unterdrückte einen Fluch, als sie ins Taumeln geriet und sich nur mit einer Verrenkung am Fensterrahmen abstützen und so einen Sturz vermeiden konnte.

Na warte, Bengel, dir werd ich..., dachte sie wütend, doch der Knirps unterbrach Malias Gedanken dazu, was sie würde, mit der erhellenden Mitteilung, dass gerade jemand auf dem Weg in dieses Zimmer sein könnte.
Malia schnitt eine Grimasse.
"Ach? Tatsächlich? Ich hätte das Poltern doch glatt für den Wind gehalten.", murrte sie sarkastisch, doch der rußige Zwerg ignorierte sie glattweg, er sprach einfach weiter und sah dabei die Fremde an. Was er sagte, verstand Malia nicht. Sie zog eine Augenbraue in die Höhe, doch nur für eine Sekunde.
"Vielen Dank für die Warnung. Wenn du dann so freundlich wärst und mir aus dem Weg gehen würdest...?"
Ihre Stimme zitterte vor unterdrücktem Ärger, doch im Moment hatte sie wirklich andere Probleme als einen vorlauten Gossenjungen.
"Wenn man zu den Göttern spricht, ist man religiös. Wenn die Götter einem antworten, ist man irre."

Benutzeravatar
Noro'elle
Wanderer
Beiträge: 38
Avatar: Ashley-Q
Alter: 16
Rasse: Mensch/Beraij
Heimat: Avrabêth
Waffen: keine
Inventar: Ein Beutel voller Schmuck

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Mi, 22. Jun 2016 17:47

Wiedererwartend griff die kleine Diebin nicht nach dem Schmuckstück, welches sie ihr immer noch hin hielt. Was ein sonderbares Mädchen sie doch sein musste, diese einmalige Gelegenheit nicht zu nutzen. In den Augen der Fremden blitzte ein Hauch von Neugier auf, ihr Interesse war offenbar geweckt. Sie sagte etwas zu Noro’elle, doch der Beraij war die seltsam klingende Sprache immer noch nicht recht vertraut und so konnte nur raten, was sie gefragt wurde. Vermutlich wollte das Mädchen wissen, wieso sie ihr die Kette einfach überlassen wollte, doch selbst ohne ihren Halsreif, der sie am Sprechen hinderte, hätte sie sich wohl kaum verständlich machen können. Langsam ließ sie die Kette sinken, bis sie letzten Endes leise klirrend zu Boden fiel. Ihr musste einfach eine Möglichkeit einfallen, um zu erklären, in welch einer misslichen Lage sie sich befand. Mit einem Finger tippte sie auf ihre vollen Lippen, danach schüttelte sie energisch den Kopf und letzten Endes versuchte sie an ihrem Halsschmuck zu zerren. Ob sie mit diesen Gesten deutlich gemacht hatte, dass sie aufgrund der goldenen Manschette nicht sprechen konnte? Sie hielt in der Bewegung inne, als sie plötzlich ein Geräusch vernahm. Wie zur Salzsäule erstarrt stand sie da, die Augen vor Angst geweitet. Sie hätte diese Schritte unter hunderten erkannt. Es war Kamal, der schwerfällig die Treppe hinauf kam! Ein eisiger Schauer jagte ihr über den Rücken. Was wäre, wenn er die Diebin hier finden würde? Sie wollte gar nicht daran denken, was er ihr alles antun könnte. Auch die Fremde schien seine Schritte vernommen zu haben, denn sie war bereits auf dem Sprung, doch dann tauchte wie aus dem Nichts ein Junge im Fenster auf. Es war wirklich eine verrückte Nacht. Die zwei schienen sich zu kennen, denn sie unterhielten sich. Wie konnten sie in diesem Augenblick noch die Zeit finden, einen gemütlichen Plausch zu halten? Und plötzlich richtete er das Wort an Noro und zu ihrer Überraschung verstand sie, was er sagte. Etwas anziehen? Oh verdammt! Sie war ja immer noch nackt!!! Hastig angelte sie nach ihrer Bettdecke, welche sie panisch mit zu ihrem Bett zerrte. Draußen auf dem Flur wurden Stimmen laut, doch was genau geredet wurde, war nicht zu verstehen.

Gerade noch rechtzeitig gelang es der Beraij ihren schlanken Körper mit der Decke zu verhüllen, als ein Schlüssel in das Schloss gesteckt wurde. Natürlich wurde stets darauf geachtet, dass sie nicht ohne weiteres einfach fliehen konnte. Offene Türen gab es für schon lange nicht mehr. Der Schlüssel wurde gedreht, ein leises Klacken war zu hören und schon wurde die Klinke vorsichtig hinunter gedrückt. Begleitet von einem Knarzen im Scharnier fiel ein schmaler Lichtstreifen in das Halbdunkel ihres Zimmers. Er war hier, in ihrem Zimmer und sie war mit nichts bekleidet als ihrer Haut. Was wollte er von ihr? Kamal macht sich gewiss nur Sorgen, versuchte sie ihr rasendes Herz zu beruhigen, als ihr plötzlich die zwei anderen wieder einfielen. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt gewesen, dass sie ihren nächtlichen „Besuch“ einfach vergessen hatte. Auf den ersten, hastigen Blick, konnte Noro’elle die beiden nicht ausmachen. Waren sie wieder aus dem Fenster geklettert? Oder hatten sie sich woanders versteckt? Ihr blieb keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen, denn greller Fackelschein blendete in ihren Augen, sodass sie erst einmal gar nichts mehr sah.
„Soso… Du bist ja wach meine Schöne und ich dachte, du würdest erschöpft in deinem Bett liegen und schlafen.“, erklang Kamals Stimme. Er trat näher heran und setzte sich neben sie, sodass die dünne Strohmatratze deutlich tiefer sackte. Das Herz in ihrer Brust schlug aufgeregt, ängstlich zog sie die Decke noch etwas höher und krallte sich daran fest, als würde das dünne Tuch ihren Herren daran hindern sie anzufassen. „Nun sei doch nicht so schüchtern, schließlich wirst du früher oder später ohnehin mein Eheweib sein. Du wirst mir gehören und niemand kann etwas daran ändern.“, sagte er im aufmunternden Singsang Tonfall, der die Boshaftigkeit hinter seinen Worten jedoch nicht verschleiern konnte. Seine Hand legte sich auf ihr Bein und strich langsam nach oben. Beinahe schon panisch versuchte Noro von ihm wegzurutschen, erreichte jedoch nur, dass sich seine speckigen Finger in ihr zartes Fleisch gruben und sie festhielten. „Psssscht…. Hab keine Angst mein Liebstes, die größte aller Freuden werde ich mir für unsere Hochzeitsnacht aufheben…“, flüsterte er und dieses Mal klang seine Stimme durchaus so bedrohlich, dass der Körper Schwarzhaarigen zu zittern begann.

Benutzeravatar
Yasha
Herumtreiber
Beiträge: 15
Avatar: Wizi
Alter: 10
Rasse: Taurrin (Vampir)
Heimat: Lun Daria
Waffen: Wurfmesser, Wurfnadeln, Kettenwaffe

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Yasha » So, 26. Jun 2016 23:43

Hört Hört, ein Mensch der nicht so taub ist wie der Rest seiner Art. Ein verächtlicher Ausdruck stahl sich auf Yashas Züge, wurde jedoch beinahe sofort wieder durch eine neutrale Miene ersetzt. Offenbar benötigte oder wollte das Menschmädchen seine Hilfe nicht und er würde sich gewiss nicht aufdrängen. Er hatte sie gewarnt, was offenbar nicht notwendig gewesen war und damit seine Schuldigkeit getan. Mit einem raschen Sprung ins Zimmer räumte er den Fluchtweg für die Diebin. „Bitte nach euch meine Dame“, verkündete er nun wieder auf Coreonisch. Eine einladende Geste mit der Hand und eine bühnenreife Verbeugung zogen die in ernstem Ton gesprochenen Worte jedoch ins Lächerliche. Ohne sich noch weiter mit ihr zu befassen, wandte er sich um, es war ihm gleich was sie jetzt tat. Er verfolgte eigene Interessen.
Dem Mädchen, das damit beschäftigt war sich in fliegender Hast in ihre Bettdecke zu hüllen, gönnte er nicht mehr als einen flüchtigen Blick. Das funkelnde Schmuckstück auf dem Boden war es, das seine Aufmerksamkeit magisch anzog. Wie eine Krähe, die etwas glänzendes entdeckt hat, stürzte er sich auf die Kette und stopfte sie in den roten Lederbeutel zu dem Metallfisch. Als er sich wieder aufrichtete um mit seiner Beute aus dem Raum zu stürzen, sah er sie zum ersten Mal aus der Nähe. Der Anblick prägte sich ihm ins Gedächtnis ein. Die Augen weit aufgerissen, Panik im Blick, brauchte sie eine gefühlte Ewigkeit um ihren Körper zu verhüllen, doch das war es nicht das ihn innehalten ließ. Im düsteren Zimmer hatte er sie zuvor nicht bemerkt. Das Mädchen trug eine Art Halsband. Der Anblick erfüllte ihn mit Grauen, als er begriff was dessen Zweck war. Etwas derartiges hatte er noch nie gesehen. Es ließ ihn zurückzucken, als sei der Halsschmuck aus Silber. Leicht verzögert drang das lauter werdende Geräusch von Schritten an seine Ohren. Sie waren jetzt so nah, dass es sich nur noch um eine Zeitspanne von wenigen Herzschlägen handeln konnte bis ihr Besitzer das Zimmer betrat.

Yashas Gedanken rasten. Er könnte aus dem Fenster klettern und über die Dächer verschwinden. Niemand wäre in der Lage ihm zu folgen. Der Silberring und die goldene Kette ließen sich bestimmt für einiges Geld veräußern. Außerdem schuldete er diesem Mädchen nichts. Es war nicht seine Sache, dass sie ihrer Stimme beraubt und vermutlich wie eine Sklavin gehalten wurde. Immerhin kannte er sie nicht einmal und sie bedeutet ihm nichts. Andererseits könnte sie vielleicht wertvoll oder selbst reich sein. Bei genauerem nachdenken musste sogar eines davon der Fall sein, wer würde sich die Mühe machen ein wertloses Mädchen mit einem goldenen Halsband zum Schweigen zu bringen, ein schlichtes Eisen- oder Stahlband hätten diesen Zweck immerhin genauso gut erfüllt. Für das andere sprach die teure Kette, die sie zuvor der Diebin hatte geben wollen. Das Geräusch des Schlüssels im Türschloss brachte seine Überlegungen jäh zum Schweigen. Mit einem unhörbaren Fluch auf den Lippen huschte er zum Fenster. Um ohne Geräusche zu verursachen auf das Dach zu gelangen war es zu spät, der Mensch würde ihn hören. Spätestens wenn er oben ankam und sich von der Kante entfernte oder schon früher, sollte er unglücklicherweise einen losen Ziegel erwischen. Kurz entschlossen presste er sich in den schmalen Spalt zwischen dem hölzernen Kleiderschrank und der Wand mit dem Fenster. Die Nische lag im Schatten und war so dunkel, dass nicht einmal helles Mondlicht, wenn es durch das Fenster gefallen wäre, in der Lage gewesen wäre sie zu erhellen.

Er lehnte sich gegen die Wand und suchte eine einigermaßen bequeme Position, ehe er sich darauf einstellte eine lange Zeit bewegungslos verharren zu müssen. Es klickte und das Licht einer Fackel flutete den Raum. Dann erklangen wieder die schweren Schritte. Yasha wandte das Gesicht zur Wand um zu verhindern das sich das Licht in seinen Augen spiegelte, sollte es ein kleine Stück in die Ecke fallen. Wenn der Mann beschloss die Fackel direkt vor die Öffnung zu halten, würde er ihn sehen, doch wozu sollte er? Solange Yasha kein Geräusch von sich gab, war dieses Versteck gut. Er verließ sich nun allein auf sein Gehör um die Lage im Raum abschätzen zu können. Die Stimme eines Mannes erklang. Er sprach kein Romanisch, was verhinderte das Yasha jedes Wort verstand, doch die Sprache klang ähnlich. Der säuselnde Tonfall benötigte jedoch keine Übersetzung. Wenn der gleich das tut was ich vermute, werde ich mich entweder übergeben oder auf die Konsequenzen pfeifen und aus dem Fenster springen. Das Bett knarzte und das Licht hörte auf sich zu bewegen. Dann erklang wieder die Stimme des Mannes: „Nun sei doch nicht so schüchtern, schließlich wirst du früher oder später ohnehin mein Eheweib sein. Du wirst mir gehören und niemand kann etwas daran ändern.Wer legt seiner künftigen Ehefrau bitte ein Halsband an? Dann war mein erster Verdacht wohl richtig, sie muss wohl eine Sklavin sein. Die nächsten Worte des Mannes waren so leise gewispert, dass er sie kaum verstehe konnte. Wortfetzen drangen an seine Ohren. „… Keine Angst… Hochzeitsnacht… Wirst Wonnen erleben… nie gekannt… viele Kinder“ Ein heiseres Lachen unterbrach ihn, dann sprach er wieder etwas lauter. Seine Stimme eine Mischung aus Drohung und Verlangen. Yasha lief es kalt den Rücken hinunter. Er war froh nicht an der Stelle des Mädchens zu sein. „Glaube mir mein kleines Juwel, ich werde dir so viele Kinder schenken, dass du Zeit deines Lebens nichts anderes mehr zu tun haben wirst als Schwangerschaften zu durchleben, Kinder zu gebären und die restliche Zeit damit verbringen kannst sie nach meinen Wünschen zu erziehen, während wir gemeinsam daran arbeiten das du wieder schwanger wirst.“ Er schnaufte wie ein Brauereipferd nach einem Tag harter Arbeit, dann erklangen schmatzende Geräusche, gefolgt von beinahe unhörbarem Wimmern. Jetzt drehte sich Yasha der Magen um. „Weißt du was meine Schöne?... Anblick genügt … schwer zu beherrschen…“ Die Worte kamen gedämpft, immer wieder unterbrochen von ekelerregenden Geräuschen und der junge Vampir begann sein scharfes Gehör zu verfluchen, als sich ein andere Geräusch einschlich.

Es kam vom Fenster und war so leise, dass auch er es beinahe nicht gehört hätte. Vor allem kam es auf ihn zu. Unendlich langsam drehte er den Kopf und sah…
eine große grau-getigerte Katze mit bernsteingelben Augen zu sich aufblicken. Sie starrte ihn an, die Schwanzspitze zuckte auf Katzenart. Dummerweise stand sie nur halb in der Nische. Ihr hinterer Teil ragte in den Raum und war im Licht der Fackel gut zu sehen. Yasha beäugte das Tier. Er überlegte wie er sie vertreiben konnte ohne die Aufmerksamkeit auf sein Versteck zu lenken. Die Nische war so eng, dass er sich kaum bewegen, geschweige denn hinabbeugen konnte. Er könnte sie anfauchen, das erfüllte in der Regel seinen Zweck, doch dies war eine Katze. Von allen klugen und dämlichen Tieren die auf Alvarania lebten, musste es ausgerechnet ein Vertreter der Stursten und zugleich Furchtlosesten Art sein, der ihn in dieser Lage heimsuchte. Warum immer ich?, murrte er vor sich hin: Hättest du dir kein anderes Fenster suchen können, Katzenviech? Als hätte sie seine Gendanken gehört, krümmte die Katze den Rücken und fauchte ihn an. Die übrigen Geräusche im Raum verstummten, das Bett knarrte verdächtig. Yasha machte eine eindeutige Handbewegung, doch die Katze rührte sich nicht. Entnervt wandte er ihr sein Gesicht zu, bleckte die Zähne und fauchte sie an. Das Geräusch aus den Tiefen seiner Kehle trug eine bedrohliche Botschaft von Blut, Hunger und der Jagd in sich. Die deutliche Warnung des überlegenen Raubtieres.
Die Wirkung war durchschlagend. Die Katze jaulte auf, ihr Fell stellte sich auf und der Schwanz schwoll auf die dreifache Größe an, ehe sie wüst fauchend die Flucht ergriff. Dummerweise hatte das Geräusch den fetten Mann auf den Plan gerufen. „Ist da jemand? Komm raus!“ Da er keine Antwort bekam, tapste er mit schweren Schritten auf Yashas Ecke zu, das Licht der Fackel rührte sich jedoch nicht. Mit einem unhörbaren Fluch, zog er die Stahlmesser aus ihren Scheiden und senkte den Kopf, sodass die Kapuze seine Augen verbarg. Seine Position war zwar denkbar ungünstig, doch wenn er jetzt überhastet aus seinem Versteck kam, konnte ihm die Tatsache, dass er aus dem Dunkeln kam schnell zum Nachteil gereichen, denn dann wäre er für mehrere Minuten blind. Es blieb nur zu hoffen, dass der Mann, dessen Augen auf das helle Licht der Fackel eingestellt waren, ihn nicht entdeckte, so drückte er sich noch tiefer in die Schatten und hielt seine Klingen bereit. In der engen Nische könnte er eines der Messer werfen, ansonsten waren seine Möglichkeiten stark eingeschränkt.
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er stand vollkommen reglos da und wartete auf das Unvermeidliche.
Legende: „Yasha spricht“ / Yasha denkt /Chione/ Niak/ Beowan/Lapis/Fianna/„Andere sprechen“

Benutzeravatar
Malia
Glücksritter
Beiträge: 52
Avatar: jojo080889
Alter: 18
Rasse: Mensch
Heimat: Coralay
Waffen: Dolch
Inventar: Kleider, Lederbeutel mit Münzen und einem Kräutermesser

Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Malia » Mi, 29. Jun 2016 22:43

Malia hatte nicht erst auf eine Aufforderung gewartet und war schon halb auf dem Dach, als der Bengel sich wie ein sehr hungriger Hund auf die Halskette warf, als wäre es ein saftiges Stück Fleisch, die das dunkelhäutige Mädchen gerade noch Malia vor die Nase gehalten und dann fallen gelassen hatte. Malia schüttelte den Kopf. Hatte der Zwerg nicht gerade selbst noch verkündet, dass jemand herein kam? Sie zog sich am Dachfürst hinauf und kauerte wieder an ihrem Ausgangspunkt, dem Schornstein, nieder. Nachdenklich saugte sie an ihrer Unterlippe, während sie zu erlauschen versuchte, was unter ihren Füßen vor sich ging. Sie hörte eine Tür knarren und schwerfällige Schritte das Zimmer betreten. Der Bengel war in der Zwischenzeit nicht wieder herausgekommen.
"Selbst schuld.", dachte Malia verdrießlich. Habgier war eben doch ein Laster.
Ihre Gedanken wanderten weiter. Was hatte das Mädchen ihr sagen wollen? Sie hatte ihr die Halskette hingehalten. Malia zweifelte nicht an der Echtheit des Schmuckes. Und sie hatte so ein enttäuschtes, verwirrtes Gesicht gemacht, als Malia sie nicht sofort genommen hatte. Und das lag wohl kaum daran, dass Malia ihre Vorstellung einer skrupellosen Diebin zunichte gemacht hatte, indem sie ihr nicht auf der Stelle die Kehle durchgeschnitten hatte, um sie zum Schweigen zu bringen.
Was ja ohnehin unnötig war. Im Geiste erlebte Malia die Sekunden, bevor der Bengel aufgetaucht war, noch einmal. Das Mädchen hielt ihr die Kette hin. Auf Malias Frage hin wurden ihre Augen groß und etwas schwer zu deutendes lag darin. Angst, Verzweiflung, Enttäuschung... oder irgendwas dazwischen. Dann ließ sie die Kette fallen, deutete nochmal an, dass sie nicht sprechen würde.. oder nicht konnte? Denn sie schüttelte den schönen Kopf und zerrte an dem goldenen Halsreif. Hinderte das Ding, das Malia für einen ungewöhnlichen Halsschmuck gehalten hatte, das Mädchen daran, zu sprechen? Und wenn ja, hatte sie gehofft, dass ausgerechnet Malia ihr helfen konnte.
Ging sie das etwas an?
Nein, entschied Malia. Das war sicher nicht ihre Angelegenheit. Dennoch blieb sie sitzen. Unter ihr ertönte eine männliche Stimme, doch Malia konnte die fremde Sprache nicht verstehen. Die Stimme schien erst munter, dann erbost zu sein, doch was hieß das schon?
Nur auf den Tonfall konnte man sich bei einer Sprache, die man nicht verstand, nicht verlassen.

Und wenn die Kleine in einer ähnlichen Lage steckte, die einst Malia heimatlos gemacht hatte?
Dann ging es sie trotzdem nichts an.
Eigentlich. Malia blieb sitzen und nagte weiter an ihrer Unterlippe.
Sie war für jede Hilfe dankbar gewesen. Aber sie hatte auch in Armut gelebt. Dem fremden Mädchen ging es definitiv nicht schlecht. Andererseits hatte sie keinen besonders glücklichen Eindruck gemacht.
Aber auch keinen besonders unglücklichen. Allerdings konnte sie auch nicht sprechen - warum auch immer.
Malia entschloss sich, zu warten, bis der Besucher das Zimmer wieder verlassen hatte. Dann würde sie noch einmal zum Fenster klettern un versuchen herauszufinden was das Mädchen ihr hatte sagen wollen.
Sie hatte reiche Beute gemacht. Sie musste sich für die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate, keine Gedanken mehr um ihren Magen machen. Vielleicht würde sogar genug für eine neue Hose übrig bleiben.
Da konnte sie sich die paar Minuten Zeit auch nehmen. Und außerdem war sie neugierig.

Eine Katze fauchte laut. Ein Bett knarrte, die schwerfälligen Schritte erklangen. Malia näherte sich dem Sims, um besser lauschen zu können. Der Mann rief etwas.
Auch wenn Malia die Sprache nicht verstand, konnte sie sich denken, dass der Dicke einen Eindringling vermutete.
Da war der Bengel wohl aufgeflogen. Ganz langsam ließ Malia sich auf den Bauch nieder und schob sich Stück für Stück über den Abgrund, bis sie kopfüber durch das Fenster spähen konnte.
Ihr Blick wanderte durch das Zimmer, doch bis auf das Mädchen, dass zusammengekauert auf dem bett verharrte, dem beleibten Mann, den Malia für ihren Vater gehalten hatte, war niemand zu sehen.
Es gab einige Nischen, in die der schmächtige Hungerhaken wohl hineinpassen könnte. In welcher er sich wohl verborgen hielt?
Zuletzt geändert von Malia am Fr, 15. Jul 2016 21:40, insgesamt 1-mal geändert.
"Wenn man zu den Göttern spricht, ist man religiös. Wenn die Götter einem antworten, ist man irre."

Antworten