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Ein hitziges Gemüt zu viel

Lebensader des dürren Landes.
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Duiliath
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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Duiliath » Sa, 08. Mär 2014 23:51

Duiliath musste beiseitetreten, um das Pferd passieren zu lassen. Doch tat er noch mehr. Er lief gut zwei-, dreihundert Schritte zurück. Dort hatte es zwei Möglichkeiten gegeben eine einzelne hohe Sanddüne zu umgehen. Möglichst fest auftretend stapfte er nun an der anderen, der linken Seite der Düne einige Schritte vorwärts, ehe er sich konzentrierte – worauf die Sandkörner unter seinen Füßen sowie in einem Schritt Entfernung plötzlich regelrecht zu tanzen schienen. Als Folge dessen verwischten sich von da an sämtliche seine Sputen. Die gelegte falsche Spur umgehend, stieg er die Düne hinauf und an der anderen Seite der dort noch nicht sonderlich hohen Flanke der Düne wieder hinab. Dann folgte er ihren Spuren bis zum Scheideweg am einen Ende der Düne und trat so nahe an die alten Spuren heran, das es ausschauen musste, als würden sich die Spuren nach rechts wenden. Die durch sein Überklettern der Düne verursachten kleinen Sandlawinen hatte indes die Frischgelegte Spur so stark wieder verwischt, das ein nicht allzu guter Spurenleser jenem Umstand wohl auch das Fehlen eines Zweiten Paar humanuider Spuren, wie auch dem gänzlichen Fehlen von Hufabdrücken zusprechen würde. Auf seinen alten Spuren erneut zum Eingang der Seitenschlucht gehend wie unverändert jenen leichten Verschleierungszauber wirkend, kam er schließlich an die Felsenöffnung heran. Schwindel erfasste ihn ob der Bemühung die Felsenwände sich über mehrere Meter nach oben hin regelrecht zu schließen und beinahe schien es als wenn ihm der Berg persönlich Widerstand dabei leistete.

Umso willkommener war ihm schließlich das Mahl, wenige Minuten später. Sich den Schweiß – ob der Anstrengung – und Dreck – ob der Reise bis hier her – mit dem feinen Sand einer nahe dem Eingang zu der nun versiegelten Schlucht schimmerten sein Gesicht und die Hände nun rosig rau, aber sauber unter den geraubten neuen Kleidern, und mit gierigen Kinderaugen mache er sich über die Köstlichkeiten her. Die Elfin würde sich schon selbst bedienen und wenn sie Dankbarkeit ob des dargebotenen Mahls oder großartige Tischsitten von dem Halbdämon sich erhofft hatte, so würde sie enttäuscht werden – wobei der halb freudige, halb gierige Blick, mit dem er mal hierhin, mal dorthin blickte, eine formale Dankesbezeugung beinahe hinfällig machte, war der Genuss ob der Vielzahl, wie Auswahl der Speisen doch unverkennbar.

„Meinen Vater kenne ich nicht. Weiß vermutlich nicht mal das es mich gibt.“, Meinte Duiliath das Brot in etwas Joghurt tunkend. „Und meine Ma‘ “, meinte er eine Honigdattel kostend. „Is‘ tot. Erinner mich kaum an sie. Hat mich bei den Wüstenelfen abgesetzt, wegen Drachenerbe und so. Aber die haben mich dann bald in die Wüste geschickt. Kamen ab und zu vorbei, schaun ob ich noch lebe, und mich zu unterrichten. Aber ansonsten“ Eine sauer eingelegte Olive angewidert ausspeiend, wie die weiteren Welchen ignorierend, fuhr er fort: „Dämonen müssen früh lernen zu überleben, oder se krepieren. Bin seit drei oder so alleine draußen inner Wüste. Ist aber auch besser so.“ meinte Duiliath schließlich siech papp satt die Finger am Hemd abwischend. „ Muss ab un‘ zu allein sein, oder – krawumm!“ Siyyin bemerkte wohl, wie seine Sprach seit seiner Ankunft in dieser Senke verrohte, wie der schattenhafte Schemen an seinem Hinterkopf immer mehr sich bemerkbar machte, Unruhe ihn erfasste und sein Blick fortwährend begierig zu einer nahen Felsspalte wanderte. „WIll übrigens gleich wieder alleine sein, das Loch da“, er blickte zu nahen Spalte. „‘n bisschen ausbaldowern und da wohl auch schlafen. Wenn was is‘ rufste dann einfach, ja?“ und als er ein weiteres Mal den Blick gen der Felsspalte wandte, zeigte sich ein gleichermaßen schatten- wie echsenhaft anmutendes Gesicht auf seinem Hinterhaupt und ein leises Wispern, wie von raschelndem Laub verkündete beinahe angeödet dabei klingend. „Und da er grad seinen Ungehobelten hat:“, Die moosgrün schimmernden, ja im Widerschein das Lagerfeuers kurzzeitig beinahe leuchtenden Augen fixierten den Blick Siyyins. „Danke!“
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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Siyyin » Fr, 14. Mär 2014 13:25

Begierig aß Siyyin das Frühstück, das allerlei Köstlichkeiten bot. Da sie sich nicht entscheiden konnte, was am besten schmeckte, aß sie von allem etwas. Es hob ihre Laune ungemein, dass sie nach dem Finden eines passenden Lagerplatzes, nun auch noch ein wüstenechtes Frühstück genießen konnten, das sich nicht viel von ihrem sonstigen Essem am frühen Morgen unterschied. Währenddessen hörte sie Duiliath' Ausführungen über seine Eltern und Kindheit zu. Noch immer fragte sie sich, welche Mutter dazu fähig war, ihr Kind in einem so jungen Alter auszusetzen. Aber vielleicht war das auch normal für Dämonen, überlegte Siyyin, in deren Augen diese Rasse sowieso nichts Menschliches in sich trug. Deshalb empfand sie auch kein Mitgefühl für seine verstorbene Mutter.. für den Drachenerben in ihm, der ohne Eltern und so einsam aufwachsen musste, hingegen schon.. zumindest ein wenig. Er hatte wohl Glück gehabt, dass er den Wüstenelfen aufgrund seines Drachenerbes zumindest nicht völlig egal gewesen war – oder dass er zur Hälfte Dämon war, was ihm das Überleben in der Einsamkeit überhaupt ermöglich haben mochte.

Nach dem Frühstück lehnte sie sich satt an eine der Felswände, müder als zuvor, während Dubhs Lebensgeister erst noch zu erwachen schienen. "Will übrigens gleich wieder alleine sein, das Loch da ‘n bisschen ausbaldowern und da wohl auch schlafen. Wenn was is‘ rufste dann einfach, ja?"
"Mir wird schon nichts passieren", antwortete Siyyin zuversichtlich, ehe sie verhalten gähnte. Das Essen hatte sie nicht gerade wacher gemacht. Es störte sie nicht, dass Dubh sich lieber der Felsspalte zuwenden wollte. Etwas Ruhe tat auch ihr gut. Seinem dämonischen Ich indes nickte sie kurz zu, da sie nicht ganz wusste, worauf genau sich sein Dank bezog und es ihr deshalb schwer fiel, zu entscheiden, wie sie darauf reagieren sollte. An Duiliath' Sprache indes störte sie sich nicht, es amüsierte sie eher, dass der Drachenerbe plötzlich so anders redete, auch wenn nichts von diesen Gedanken nach außen drang.

Während Duiliath seine Neugierde stillen ging, verstaute Siyyin das Essen und alle anderen Gegenstände, die erst einmal nicht mehr gebraucht wurden. Erst nachdem die Dinge geordnet und der Lagerplatz aufgeräumt war, suchte sie sich ein schattiges Plätzchen unter einem Felsvorsprung, der gerade groß genug war, um darunter zu sitzen. Der Lage nach zu urteilen würde die Sonne sie hier nicht erreichen. Also bereitete sie sich mittels einer Decke einen gemütlichen Platz, auf den sie sich niederließ. Zuerst holte sie das Amulett aus ihrer Hosentasche und betrachtete es überlegend, in dem Versuch, eine Ahnung davon zu bekommen, was sie damit tun konnte. Schnell jedoch wurden ihre Lider schwerer, als die Erschöpfung der letzten Stunden ihren Tribut forderte, sodass sie schließlich einschlief.

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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Duiliath » Fr, 14. Mär 2014 17:13

Duiliath zwängte sich barfuß in den schmalen Schacht und stieg hinab. Eng war es und bald drang ein unangenehmer Geruch nach Verwesung und Kot in seine Nase. Als er bereits gut sechs Meter in die Tiefe hinab begeben hatte, stieß er auf, er dachte an Tuch, welches sich an einer Wurzel verfangen hatte. Sich mit dem Rücken an der einen Seite und den Füssen an der anderen Seite der engen Schlotwandung abstützend, griff er in seine Tasche und zog Feuerstein und Pyrit hervor. Es brauchte drei Versuche, ehe der Funke sich im fest um die vermeintliche Wurzel gewickeltem Stoff verfing [18]und als die Flamme langsam hoch leckte erkannte Duiliath den Lumpen eines Stückes, das in früheren Zeiten wohl als Hemd gedient hatte und die vermeintlich aus der Wand ragende Wurzel erwies sich als der Unterarm einer vertrockneten alten Mumie. Selbst in deren jetzigen Zustand erkannte Duiliath deutlich die Tiefen Stichverletzungen in der Seite des Toten. Annehmend das der Tote wohl nichts mehr dagegen haben dürfte, nahm er – den Feuerstein wieder zurück tuend, eine scharfe Feuersteinklinge und trennte den Unterarm in Höhe des Ellenbogens ab[/18]. Nachdem er seine provisorische Fackel mit der Feuersteinklinge aus seiner Tasche so ausgelöst hatte, stieg er – das Messer wieder in seinen Beutel zurücksteckend, den Schlot tiefer hinab. “Jetzt ein Stück frisches Fleisch vom Feuer...“ sinnierte er ob der in seiner Hand blakenden und rauchenden Fackel sehnsuchtsvoll. Dann war er unten angekommen und der Geruch von alten Fäkalien, den unterschiedlichsten Tierlosungen und wohl auch verwesendem Fleisch nebst anderem Abfall vertrieb den eben noch in ihm aufgestiegenen Appetit. Mit einem aus dem Müll emporragendem langen Brett stocherte Duiliath in dem Haufen, bis er nach vermutlich dem vierten Teil einer Stunde des Suchens und Stocherns das unterste zuoberst gekehrt hatte. Drei unappetitlich riechende Leichen, scheinbar überfallen und mit Schwertern oder Säbeln niedergemetzelt, faulten dort vor sich hin und wer immer die Toten hier hinab geworfen hatte, hatte augenscheinlich dafür gesorgt, nichts wertvolles hier unten zurückzulassen[18], ja selbst drei Lücken im inzwischen grünlich aufgequollenen Mundraum eines älteren Mannes deuteten den Verlust seiner vormals wohl besessenen Goldzähne an[/18].

Enttäuscht darum wieder empor kletternd erblickten, auch weil seine Fackel es wohl nicht mehr lange Machen würde, kehrte Duiliath wieder nach oben zurück, entdeckte aber beim Emporsteigen, jenseits des Fundortes seiner Fackel einen schmalen Seitenstollen. Er hatte im beim hinabsteigen im Dunkeln wohl übersehen gehabt. Darum zur Fundstelle der ersten Fackel zurückkehrend und mit weiteren dort noch verbliebenen Lumpen und Materialien eine zweite Fackel entzündend, kroch er den zweiten Stollen entlang, der sich alsbald in eine große Höhle ausweitet. Feucht war es hier und Moose sowie schwammige Pilze wuchsen hier gleichermaßen von Boden, Decke und Wänden. Das dieses Leben ermöglichende Wasser direkt aus der gegenüberliegenden porösen Wand zu sickern, doch traute der Halbdämon sich in dieser Umgebung nicht den Mund aufzumachen oder gar etwas von hier gar herunterzuschlucken. Das er etwas schwerer zu töten war als die meisten Anderen hieß la schließlich nicht das er unsterblich etwa wäre und die skelettierte an die rückwärtige Wand gelehnte Gestalt machte sein Verlangen den Mund hier lieber geschlossen zu haben nicht kleiner. Es musste ein Kind sein, das zusammengekauert an der Wand hockend irgendwann in der Vergangenheit hier den Tod gefunden haben mochte. Bei sich eine lederne Tasche und eine leergebrannte Laterne stehen habend, vermutete Duiliath in ihm keines der Opfer eines Angriffs, wie im jenseitigen Schacht, aber vielleicht hatte das, wie er annahm, Kind ja hier Zuflucht vor den Angreifern gesucht und war dann aber ausgehungert worden? Sich die Tasche und die Laterne greifend und sicher gehend sonst nichts von möglichem Wert hier unten übersehen zu haben, stieg Duiliath, zuvor erneut durch den engen Tunnel zwängen müssend schlussendlich unversehrt wieder aus der Spalte hoch. Die weißverdrehten Augen und zurückgelegten Ohren, neben dem unruhig mit den Hufen schabenden Vorderläufe des Tieres erinnerten ihn an den augenscheinlich mitgebrachten Geruch von unten und Duiliath ging erneut zu der Sandverwehung am Eingang zu dieser Schlucht und wusch sich mit dem Sand, bis die Haut so dünn schien, das sie beim nächsten Kontakt mit dem rauen Körnern endgültig reißen mochte.

Erst dann kleidete der Halbdämon in die gleichfalls mit dem Sand saubergeriebenen Kleidungsstücke und ging zurück zum Lager und legte sich, ob des immer noch unruhigen Gebaren des Pferdes, in die abgelegenste Nische der Schlucht, wo erst zum späten Nachmittag die Sonne wohl hinreichen würde, rollte sich zusammen und schlief ein, noch ehe er seinen Fund einer näheren Betrachtung denn unterziehen konnte.
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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Siyyin » Mo, 31. Mär 2014 19:57

Ihr erholsamer Schlaf, wie auch ihre weitere Reise wurde nich unterbrochen und war glücklicherweise auch nicht durch andere Zwischenfälle gefährdet. Auch in den folgenden Tagen nutzen sie die morgendliche Dämmerung, um sich einen Platz zum Rasten und Schlafen zu suchen, während sie in den kühlen Abend- und Nachtstunden stetig gen Norden durch die Cala an Darh reisten. Das Wetter war gut und die geschwungenen Sanddünen lagen ruhig da. Einmal zeichnete sich am Horizont ein Sandsturm ab, der sich jedoch glücklicherweise von ihnen wegbewegte, sodass sie nicht weiter davon betroffen waren.

Mit jedem Tag, der verstrich - und es trennten sie so einige Tage von der Numûta-Ebene - schien die Wüstenelfe entspannter und gesprächiger zu werden. Irgendwann erzählte sie Duiliath von ihrer Heimat Aysibrir und von ihrer Familie. Von ihrem Vater, dem Pferdezüchter und -händler hatte sie ihr Handwerk gelernt. Während ihr Bruder eher nach ihrer künstlerischen und kreativen Mutter kam. Siyyin witzelte sogar gutmütig darüber, dass es nicht der erstgeborene Sohn war, der das Geschäft des Vaters weiterführte, sondern die zweitgeborene Tochter. Trotzdem war deutlich heraus zu hören, dass sie dieses Leben und ihre Familie, aber vor allem ihren Zwillingsbruder liebte - auch wenn sie es nicht ganz so frei heraus sagte. Generell wurden ihre Geschichten nie zu persönlich und intim, was zeigte, dass sie generell nicht schnell Vertrauen zu Fremden schloss, auch wenn sie Duiliath nun schon einige Tage kannte. Doch bis es dazu kommen würde, müssten sie und der Halbdämon wohl noch einige Wochen zusammen reisen, damit sich das vorsichtige Vertrauen zwischen ihnen weiter stärkte.

Aber dazu sollte es nicht kommen. In den Tagen ihrer gemeinsamen Reise grübelte Siyyin nicht nur über das Gestaltwandleramulett nach, das ihr noch immer ein einziges großes Rätsel war. Sie wusste nur aus alten Erzählungen, die sie bisher immer als Märchen abgetan hatte, wie solch ein Amulett anzuwenden war, und diese weitergetragenen Geschichten waren reine Theorie. In der Gesellschaft des Drachenerben fühlte sie sich außerdem nie völlig unbeobachtet, sodass sie nie ernsthaft versuchte, hinter das Geheimnis des Amuletts zu kommen. Sie wusste nur, dass sie es irgendwann tun würde, wenn sich eine gute Gelegenheit ergab. Zu verlockend war der Gedanke, dass das Amulett tatsächlich Kräfte besaß, die sie würde nutzen können.
Aber sie dachte auch viel an ihre Familie, an die anderen Wüstenelfen in Aysibrir und an Tharîn, ihren Bruder. Sie genoss zwar stets die Zeit, wenn sie auf einer Händlerreise war, aber sie brauchte auch von Zeit zu Zeit die Geborgenheit der ihren. In der ersten Woche der Reise dachte sie viel daran, in der zweiten begann sie dann, Duiliath von ihrer Familie zu erzählen. Und spätestens in der dritten Woche stand für sie fest, dass sie den Halbdämon nicht über die Grenze Kamîrushs hinaus begleiten würde. Sie hatte zwar einmal mit dem Gedanken gespielt, in Erfahrung zu bringen, was es mit dem gefallenen Stern auf sich hatte. Aber der Weg war weit und auf lange Sicht war die Begleitung eines Halbdämons vielleicht nicht die Beste. Auch wenn er durch seine Magie stärker war, als er aussah, und nicht so nervtötend, wie sie zuerst angenommen hatte, war doch das unbekannte Abenteuer in der Ferne nur ein Aspekt des großen Ganzen. Hinzu kam, dass sie der kalte Norden weitaus weniger reizte als die Aussicht auf einen gefallenen Stern, war die Wärme der Wüste doch seit jeher ihre Heimat gewesen.
"Morgen werden wir die Grenze erreichen" , begann sie am vorletzten Tag ihrer Reise ein Gespräch und beobachtete forschend den Drachenerben. Immerhin schien auch Duiliath nicht mehr damit zu rechnen, dass sie ihn weiter begleiten und die Wüste verlassen würde. Seine Gesellschaft war zwar nicht die Schlechteste, aber sie musste zurück nach Aysibrir - ihr Vater und die begleitenden Elfen und Menschen waren vermutlich schon längst dort und warteten hoffentlich auf sie.

Die Trennung ihrer Wege kam also nicht ganz überraschend. An diesem Morgen machten sie keine Rast, da sich im Morgengrauen schon die flache Ebene und das Sharzíkad-Gebirge in der Ferne im Norden erahnen ließen. Siyyin zügelte bald ihr Pferd und stieg in einer fließenden Bewegung von dem Rücken der Stute. "Da wären wir."
Sie sah Duiliath mit einem aufmunternden Blick an. Die roten Augen wirkten nun regelrecht freundlich. Sie ahnte, dass kein einfacher Weg vor ihm lag. Das Drachenerbe in seinen Adern mochte ihm das Leben unter Wüstenelfen und Menai etwas erleichtern. Aber jene Gefilde war er dabei, nun zu verlassen. Und sein dämonisches Erbe war weitaus dominanter, sodass viele, ebenso wie sie, ihr Augenmerk wohl vielmehr darauf als auf den schwächlich wirkenden Jungen legen würden.
Ihr Auftrag war hiermit jedoch erfüllt. Der Halbdämon hatte niemanden weiter geschadet, der es nicht verdient hätte, und sie hatte ihn, wie die Wirtin es gewünscht hatte, außerhalb der Heimat abgesetzt. Glücklicherweise waren ihnen bis zuletzt keine weiteren Leute auf den Fersen gewesen. "Ich bin zuversichtlich, dass sie dich in Ruhe weiterziehen lassen werden" , sprach sie ihre Gedanken aus. "Am Besten teilen wir das restliche Proviant. Du kannst den größeren Anteil haben, wenn du möchtest. Ich werde bald zurück in Demera sein, während dort", sie blickte kurz in die Ferne nach Norden, "nicht viele Städte liegen." Sie wartete keine Antwort seinerseits ab, sondern machte sich gleich daran, mehrere Beutel mit Proviant für ihn zusammen zu stellen. Zwar hatten sie das meiste, das ihnen die Wirtin mitgegeben hatte, schon verbraucht. Aber sie hatten noch Trockenfleisch und -früchte, sowie andere haltbare Lebensmittel. Zwischendurch hatten sie außerdem mit einem Nomadenstamm handeln können und andere, sesshafte Menschen getroffen. Im Moment hatten sie jedenfalls genug Proviant und sie wollte nicht, dass er verhungern musste, während sie mit mehr Essen als genug in Richtung Heimat ritt. Auch wenn sie keine Freunde geworden waren, hegte sie doch keinerlei Abneigung mehr gegen ihn. Sie war ihm immer noch mehr als dankbar für das, was er getan hatte und was sie nie wieder angesprochen hatte, weshalb sie inzwischen darüber hinweg sah, dass ein Dämon in ihm schlummerte. "Ich habe auch noch einige Münzen. Ich weiß nicht, ob du im Norden etwas damit anfangen kannst", dabei schmunzelte sie kurz, als ihr wieder in den Sinn kam, wie leicht Duiliath ihr damals die überaus wertvollen Edelsteine gegeben hatte, "aber es schadet wahrscheinlich nicht, wenn du welche dabei hast.. wenn du nicht zu großzügig damit um dich wirfst", fügte sie im scherzenden Ton hinzu, ehe sie wieder etwas ernster wurde. Der Moment des Abschieds war gekommen.

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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Duiliath » Di, 01. Apr 2014 18:46

Es war eine angenehme Reise, auch wenn er und die Elfe sich nicht warm wurden. Die meiste Zeit waren sie alleine unterwegs, was seinen wechselhaften Stimmungen sehr zugute kam. Wenn er alleine sein wollte, wanderte er stundenlang weit vor oder hinter der berittenen Elfe, was auch ihrem Ross meist behagte oder er stöberte am entgegengesetzten Rand ihrer gemeinsamen Lager in dem erbeuteten Fundsachen. Mit dem Buch konnte er nichts anfangen, obgleich es einige Bilder hatte. Am auffälligsten war das Abbild einer Tätowierung in der Handfläche einer Männerhand, die exakt mit einem Flecken in Siyyins Hand übereinzustimmen schien, den der Halbdämon einmal an ihr gesehen hatte. Doch da sie dort beinahe so erschrocken zurückgezogen hatte, als wenn sie ihn etwa bei einem Blick unter ihren Rock erwischt hätte, schwieg Duiliath dazu und sprach selbiges auch die restliche Reise nicht an. Er hatte schließlich auch seine Geheimnisse, wieso sollte ihr da dann verboten sein. Und wenn sie tatsächlich, wie er annahm, Teil eines geheimen Bundes war, welches dieses Mal als Erkennungszeichen in der Handfläche trug, dann war es vielleicht ja sogar sicherer vorzugeben nichts gesehen zu haben? Doch schien die Elfe ihm nicht zu grollen, behandelte vielmehr weit zuvorkommender, als selten ein Erwachsener vor ihr und wenn das Drachenerbe in ihm nach emotionaler Nähe schrie, boten ihre von Sehnsucht, Heimweh, aber auch Zuneigung den Ihren gegenüber zeugenden Erzählungen aus Ihrer, wie ja auch seiner Heimat, ihm Trost.

Also behielt er die gefundenen Schätze und schaute sich also vielmehr in den von ihr freien Zeiten die gelegentlichen gekonnten Zeichnungen zwischen den akribisch kleinen, wie ihm unverständlichen Texten. Da immer mal wieder kurze Zeilen mit Zahlen auftauchten, die ganz nach Datumsangaben ausschauten, nahm er an, es handle sich wohl um ein Tagebuch. Das die letzten Seite unbeschrieben waren, bestärkten ihn gar noch in der Annahme. Neben den Bildern von Katzen, aber auch Phantasiebilder von etwa einem katzenäugigen Gesicht oder auch einer krallenbewährten Hand, wieder mit dem Mal, das er einmal auch an Siyyin gesehen hatte – Oder sollte die Bilder etwa ein Dämon darstellen? – fand er auch einige kurze, meist durch sie einrahmende Linien von sie umfließenden Text abgetrennte ... Formeln. Zumindest glaubte Duiliath einige alchemistische Symbole oder eine Strichzeichnungen von mit Glasrohren verbundenen Kolben, Tiegeln und Mörsern erkannt zu haben. Wegen seines –ausgesprochen rudimentären Interesses an der Alchemie, hatte er sich während der Reise kleine Steintafeln geformt und die ihm unbekannten Schriftzeichen, Formeln und Apparaturen darauf eingraviert. Es waren nur 5 Tafeln, aber da er sich zu dem Zeitpunkt schon entschlossen hatte ihr das Buch zum Abschied zu schenken, war es der einzige Weg, die ihn vermutlich interessieren könnenden wie zugleich noch unverständlichen Abschriften zu bewahren. Indes er wegen ihrer ersten heftigen Reaktion auf das versehentliche Zeigen ihres Mals so drastisch reagiert hatte, würde er so noch schnell verschwinden können, ohne ihre ihm angenehme Gesellschaft in der Zwischenzeit zu gefährden.

Siyyin bekam indes wenig von dem Halbdämon zu hören, spürte nur zu deutlich die an die Angst eines zu oft von seine Herren geprügelten Hundes, Zurückhaltung des Drachenerben. Doch bewies er ihr, das er zu überleben vermochte. Zugegeben machte er sich auch schon mal über von der Sonne mumifizierte Tierkadaver am Wegesrand her, selbst wenn diese schon von Wildhunden etwa Ameisen schon für sich beansprucht wurde oder schlang schmatzend eine an einer Wasserquelle ergatterte Kröte noch lebend gierig herunter. Nein, zimperlich war er nicht. „Aber die zimperlichen unter uns überlegen auch nicht lange.“ sprach er einmal, als sie sich über seine Essmanieren leicht angewidert aber bemerkbar doch abwandte, ohne ihr ihr verhalten indes irgends übel zu nehmen. Mit der Zeit berichtete er dann tatsächlich auch einmal von sich, stockte aber immer wieder, wenn er den Namen eines Handlungsortes oder einer Person entweder beinahe oder gelegentlich tatsächlich dann auch, in seine Erzählungen hatte einfließen lasse. Und doch schien dies – für ihn – ein schier erschreckendes sich Öffnen zu bedeuten, weswegen er in der Folge solcher Missgeschicke oder auch Beinahemissgeschicke, meist dann erst einmal zurückzog und wieder auf störrischen Einzelgänger mimte. Doch wurde er ihr gegenüber niemals feindselig. Überhaupt bemerkte Siyyin das der Halbdämon sich stets bemühte die Anderen in gleicher Weise zu behandeln, wie er von diesen behandelt wurde.

Nein, harmlos war er nicht. Bei den gelegentlichen Begegnungen mit Anderen musste sie gelegentlich schon mal beschwichtigen um Schlimmeres zu vermeiden und wenn er regelmäßigen seinen Bockigen hatte... einzelne zu Staub und Dreck zertrümmerte, teilweise recht große Felsbrocken, wie auch der eine oder andere Erdtrichter hinter ihnen zeugten von den ungestümen Ausbrüchen der Magie in ihm. Aber das Ungetier, das sie zuerst in ihm vermutet hatte, sie entdeckte es nicht. Nichtsdestotrotz, dürfte auch Erleichterung in der Wüstenelfe mitschwingen, als sie schließlich an ihrem gemeinsamen Scheideweg angelangt waren. „Wenn du zuhause einen Magier triffst, der mich kennt, sag bitte das es mir gut geht und das ich“, Hier kniff er die Augen zusammen, die aufkommen wollenden Tränen seines eigenen Heimwehs zu unterdrücken – oder war auch das nur eine Woge ihres Heimwehs, das der Drachenerbe in ihm sich gerade nur zu eigen machte? Was wir sagen wollen., meinte der für den mit den Tränen Kämpfende nun einspringende Andere. „Sage ihnen dann, das wir uns schon weit besser zu beherrschen gelernt haben und uns freuen würden, wenn der Bann darum wieder von uns genommen werden kann, das wir eines Tages wieder zuhause willkommen sind.“

„Ach halt‘s Maul!“ verbat Duiliath dem, in letzter Zeit auffällig altklug sich gebenden, Anderen das Wort. „Und das hier will ich dir schenken. Ich hab es im Loch in der Schlucht getroffen, als – ich meine, als wir uns entschlossen haben Nachts zu reisen. Ich kann’s zwar nicht lesen, aber denke... “ Doch was er noch sagen wollte, sie sollte es wohl nicht mehr erfahren, drehte er sich doch um, ohne sich für das restliche Essen, die Münzen oder ihre Gesellschaft zu bedanken, und ging davon. Zwar blickten des Anderen Grüne Augen ihr noch lange nach, doch für einen Abschied nach so langer gemeinsamer Reise... Nun, ja – er war ein Dämon halt auch, nichtsdestotrotz. Eine Staubfahne hüllte seine Gestalt nach einigen Dutzend Metern kurz ein und als diese sich wenig später wieder auflöste, war er – fort!
Zuletzt geändert von Duiliath am Di, 29. Apr 2014 23:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ein hitziges Gemüt zu viel

Beitrag von Siyyin » Sa, 12. Apr 2014 11:24

Reglos sah sie dem Drachenerben nach, während sie seinem dämonischen Erbe zuvor noch zugenickt hatte. Dann jedoch war er in einer Staubwolke verschwunden und Siyyin wurde klar, dass sie ihn vermutlich nie wieder sehen würde. Nachdenklich schlug sie das kleine Buch auf, das schon einiges mitgemacht zu haben schien. Durch die Besuche in Demera und den Gesprächen mit dortigen Bewohnern war es ihr möglich, viele von den miruanischen Worten zu lesen und zu verstehen. Offenbar war es ein Tagebuch. Siyyin runzelte die Stirn. Was sollte sie damit? Doch als sie durch die dünnen, überwiegend beschriebenen Seiten blätterte, erkannte sie bald, wer dieses Tagebuch geschrieben haben musste und wieso Duiliath ihr dieses gegeben hatte. Als die roten Augen das gezeichnete Symbol aus dem Buch mit dem Brandzeichen auf ihrer Haut verglichen und ihre Gleichheit erkannten, erfasste sie ein kalter Schauer. Der Autor hatte nicht nur von Katzen und Großkatzen im Allgemeinen geschrieben und sie gezeichnet, sondern erwähnte immer wieder den Luchs im Besonderen, sodass Siyyin bald dämmerte, welches Tier genau das Amulett in sich barg.

Auf ihrer Reise zurück nach Aysibrir las sie immer wieder aus den Seiten des Tagebuchs. Einige Wörter waren ihr unbekannt, aber im Zusammenhang mit den restlichen, die sie verstand, ergab sich für die Wüstenelfe dennoch ein Gesamteindruck davon, welche Erfahrungen dieser Gestaltwandler gesammelt hatte. Tagsüber hielten sie nun nicht mehr nur die Alpträume über den inzwischen Wochen zurück liegenden Zwischenfall wach, sondern auch die Unruhe über ihr Gestaltwandler-Dasein. In der Begleitung des Halbdämons hatte sie sich sicherer gefühlt, sodass ihr nun erst die Augen zufielen, wenn die Müdigkeit sie völlig vereinnahmte. Die Reise verlief jedoch ruhig und war von keinen Verfolgern oder anderen Lebewesen bis auf vereinzelte Tiere gezeichnet. Sie kannte sich in der Wüste aus, sodass sie etwaige Gefahren der Natur früh genug erkannte, und bald erreichte sie Demera. Dort schloss sie sich einer Karawane an. Manche waren Wüstenelfen, wie sie, die nach Aysibrir zurückkehrten. Andere waren Beraij, die zurück nach Avrabêth reisten. Dadurch blieb ihr auch auf der letzten Strecke der Reiseroute jegliches Unheil erspart. Wirklichen Anschluss fand sie in der Karawane jedoch nicht. Sie wurde nicht ganz warm mit den anderen und die Gespräche, die sie führten, interessierten sie nicht sonderlich. Wenn sie sich dann nach dem Aufschlagen eines Lagers einen ruhigen Platz außerhalb der Sichtweite der anderen Reisenden suchte, wurde sie hingegen nur schief angesehen und es wurde so aufgefasst, als würde sie sich bewusst von den anderen abschotten.

Dabei wollte sie nur die Macht des Amuletts ergründen. In Kamîrush war es ihr nach unzähligen Versuchen gelungen, so etwas wie eine Bindung mit dem Amulett herzustellen. Die Aufzeichnungen des Fremden - der, je weiter sie blätterte, mehr und mehr Respekt und Furcht vor dem Amulett entwickeln zu schien -, halfen ihr sehr und ohne sie hätte sie wohl nie diese Macht, von der er schrieb, ergründen können. Nach beinahe täglichen Versuchen und stetigen Misserfolgen, nach denen sie sich stets eingeredet hatte, wie lächerlich das Ganze war und oftmals kurz davor gewesen war, das Amulett in die Weite der Wüste zu werfen, zeigte sich nach Wochen ein erster Lichtblick. Sie träumte davon, wie sie als Luchs das Reich des Salzvolks durchquerte, während die Gerüche und Geräusche der Welt auf einmal so unglaublich klar und intensiv waren. Ihre Sinne waren geschärft und ihre Reflexe viel ausgeprägter als es für eine menschliche oder elfische Gestalt möglich wäre. Dadurch war es ihr ein leichtes, einen Marder in der trockenen, staubigen Umgebung zu erbeuten, welchen sie hungrig verspeiste. Als sie aus ihrem Schlaf erwachte, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, sich auf eine Nachtruhe vorbereitet zu haben. Vermutlich war sie einfach zu müde gewesen, sagte sie sich, bis sie den metallenen Nachgeschmack von Blut in ihrem Mund bemerkte. Das war wohl das erste Mal, an dem sie tatsächlich an die Macht des Amuletts zu glauben begann. In der Folge hatte sie mehrere solcher Träume, im wachen Zustand gelang ihr das Wechseln der Gestalt aber bis dato nie.

Erst zurück in der Cala an Darh, es mochte nur noch eine Woche bis zu ihrer Heimatstadt sein, wechselte sie bewusst die Gestalt. Sie würde das Gefühl keinem anderen beschreiben können, der diese Erfahrung nicht selbst gemacht hatte. Es fühlte sich an, als würde ihr Geist den wüstenelfischen Körper verlassen, um sich jenen Gefilden und Mächten zu öffnen, die sich weit hinter den sichtbaren Grenzen der Wirklichkeit befanden. Plötzlich waren da keine Überlegungen und Anstrengungen mehr, in die Gestalt eines Luchs zu wechseln, und es gab keine Gedanken mehr, die sich Siyyin, die Wüstenelfe, machte. Da gab es nur noch die Urinstinkte einer Großkatze und die geschärften Sinne, mit denen sie die Welt aus ganz anderen Augen und Blickwinkeln wahrnehmen konnte.
Danach war sie erschöpft, aber diese Erschöpfung tat auch gut. Immer öfter kam sie in den folgenden Wochen in die Versuchung, das Amulett zu nutzen, aber sie hielt sich davon ab, als würde sie sich von einer Sucht befreien wollen. Denn sie kannte nicht nur die Geschichten über die Amulette, sondern auch jene, die erzählten, was mit jenen geschah, die sie zu oft benutzen. Das Gefühl, als Tier durch die Gegend zu streifen und seine Vorteile zu nutzen, war unbeschreiblich, aber ihr elfisches Dasein und ihr elfisches Leben war ihr zu lieb und teuer, um es vergessen zu wollen.

Erst in Aysibrir ließ sie die Finger gänzlich von dem Amulett, auch wenn es sie immer wieder in den Fingern juckte, es zu benutzen. Doch sie bemerkte, wie sich schon jetzt tierische Eigenarten selbst in ihrer Elfengestalt bemerkbar machten. Sie war ungeduldiger, das Haus ihrer Eltern fühlte sich plötzlich einengend an und bei Konfrontationen suchte sie schneller das Weite und die Ruhe in der Natur. Außerdem reagierte Nabraere ungewöhnlich scheu auf sie, je öfter sie das Amulett benutzte, was das Vertrauen zwischen ihnen negativ beeinflusste. Aber nicht nur das, glaubte sie inzwischen doch, dass ihre Fingernägel härter und die Pupillen ihrer Augen schmaler geworden waren. Doch je länger sie in Aysibrir war, desto mehr tat sie dies als Einbildung ab und desto schneller verklangen die neuen, ungewöhnlichen Eigenarten der Wüstenelfe, als hätte sie sie nie gegeben. Sie war froh, wieder zu Hause zu sein und genoss die Gegenwart ihrer Familie, die froh war, dass sie gesund zurückgekehrt war. Vor allem mit ihrem Zwilling Tharîn verbrachte sie viel Zeit. Aber es brauchte seine Zeit, bis sie ihm von all dem erzählte – von dem Drachenerben, von seinem dämonischen Ich, das das Gasthaus beinahe gänzlich in Schutt und Asche gelegt hatte, von dem Mann, der sie dort bedroht hatte und von dem Überfall. Sie erzählte ihm, wie der Halbdämon sie beschützt hatte, wie sie das Amulett gefunden hatte und schließlich von dem Abschied, an dem er ihr das Buch gegeben hatte und von wo an sie Schritt für Schritt das Geheimnis des Amuletts ergründet hatte.

Als er sie darum bat, die Gestalt vor ihm zu wechseln, wies sie ihn jedoch ab. Inzwischen war sie sich zu sehr darüber im Klaren, wie sehr das Amulett einen jeden, der es nutzte, beeinflusste. Doch hergeben wollte sie das Amulett wiederum auch nicht und nahm die Kette nicht mehr von ihrem Hals. Sie zeigte es ihrem Bruder, warnte ihn jedoch aus Sorge davor, was passieren könnte, es anzufassen. Er verstand sie – oder zumindest gab er es vor – und drängte sie nicht weiter dazu, sodass dieses Thema bald nicht mehr angesprochen wurde. Ebenso interessiert wurde ihre Geschichte von dem Halbdämon von den anderen Wüstenelfen aufgenommen. Auf einem der baldigen Feste wurde sie in großer Runde dazu aufgefordert, von dem Drachenerben-Dämon zu erzählen. Siyyin verschönerte nichts, aber sie dichtete auch nichts hinzu. Sie blieb bei der Wahrheit und die Reaktionen der anderen hätte Duiliath sicher gefallen. Zuerst zeigten sie sich zwar besorgt über das, was eine der ihren erlebt hatte und was ihr zugestoßen war – wobei sie hier den Fund des Gestaltwandler-Amuletts nicht erwähnte, während sie ihre Handinnenfläche seit ihrer Ankunft stets vor Blicken anderer verborgen hielt –, doch im Verlauf der Geschichte brachten sie dem Drachenerben immer mehr Sympathie entgegen. Sich an die letzten Worte des Jungen erinnernd, gab sie diese weiter, auch wenn es nicht in ihrer Macht lag, zu entscheiden, ob der Bann nun letztlich von ihm genommen werden würde.

Schon nach ein paar Wochen war es jedoch erneut an der Zeit, Abschied zu nehmen. Ihr Vater hatte während ihrer Abwesenheit in Demera einen Handel mit einem Mann aus Rômachar abgeschlossen. Offensichtlich schien er viel Geld zu besitzen, um sich nicht nur eines der Sihu’sai leisten zu können, sondern auch noch den weiten Weg der Überführung des Tieres bezahlen zu können. Ihr Vater und der Geschäftsmann, Beltaras war sein Name, hatten vereinbart, sich auf dem jährlichen Pferdemarkt in Thasani zu treffen – oder vielmehr hatte ihr Vater vorgesehen, dass das eine gute Aufgabe für Siyyin sein würde, die sich in der Vergangenheit doch schon des Öfteren darüber beschwert hatte, immer nur unter den Augen ihres Vaters reisen und verhandeln zu müssen. Da dieser sowieso eine andere Handelsreise in den nächsten Wochen unternehmen würde, war dies also die perfekte Gelegenheit für seine Tochter eigenständig zu reisen und zu handeln. Siyyin war noch nie in Thasani gewesen, aber die Aussicht darauf störte sie auch nicht unbedingt. Sie mochte die Wüste, aber andere Teile der Welt zu sehen, dem wollte sie sich nicht gänzlich verschließen. Vielleicht würde ja sogar Zeit dafür bleiben, Rômachar zu besuchen.

Die Reisevorbereitungen wurden also ohne größere Proteste getroffen, sah man von ihrer Mutter und ihrem Bruder ab, die sich nie gerne für so lange Zeit von ihrer Tochter und Schwester verabschiedeten. Doch dieser Trennungsschmerz gehörte wohl dazu und verdeutlichten Siyyin nur, wie sehr ihre Familie sie liebte. Dennoch gab es keinen anderen Weg. Sie war eine Pferdehändlerin und als jene verließ sie vier Wochen, nachdem sie von Demera zurückgekehrt war, ihre Heimat erneut und machte sich auf den Weg nach Thasani.

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