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Die Geschichte von Wind und Wasser

Die Heimat der Lyr.
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Nanami
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Nanami » Mi, 05. Sep 2012 13:40

Es kam Nanami wie eine Ewigkeit vor, die sie durch die beruhigende Dunkelheit des tiefen Wassers um sie herum glitt. In Gedanken ging sie immer wieder den Abschied durch, ihre Familie lag nun hinter ihr, schon Kilometer entfernt. Eigentlich hatten ihre Schwestern sie landwärts in Richtung Rômachar schicken wollen, doch die gute Seele ihrer Mutter hatte sie vor schmerzenden Füßen und der schrecklichen Schwerkraft der Landmassen bewahrt: „Fang doch erstmal klein an, mein Kind.“, sagte sie lachend. Ganz so, als würde sie Nanamis Vorhaben ihre Schwester Kumiko zu finden, nicht ganz für voll nehmen – auf eine liebevolle Art. „Schwimm' in Richtung der Bucht Eas und Hamontus – Rômachar liegt zwar von uns aus näher, der Weg für dich an Land wäre jedoch anstrengender als die doppelte Anzahl Kilometer geschwommen.“, sie seufzte. „Außerdem hätten wir es doch längst erfahren, würde Kumiko einem der älteren Lyr begegnen.. es ist nicht so, dass sie unauffällig wäre.“ Sie lächelte traurig. Nicht so wie ich., fügte Nanami leicht grimmig in Gedanken hinzu. Wäre sie abhanden gekommen, wäre es für die anderen Lyr schwieriger sie wiederzufinden? Hatte Nanami eine größere Chance ein hübsches Mädchen wie Kumiko in der Menschenwelt wiederzufinden?
So hatte sie sich also in Richtung der kleinen Bucht am großen Strom aufgemacht – eine Gegend, die zwar spärlicher von Lyr bewohnt war, aber schneller zu erreichen (Flossen trugen einen schneller als Füße, Wasser war vertrauter als trockener Erdboden). Oder war es ein Fehler gewesen, schon wieder auf ihre Familie zu vertrauen? Die Familie, die Jahre nicht unternommen hatte, um ihre liebe Schwester zu finden? Die erst jetzt, wo Nanami wirklich sesshaft werden sollte, und es nicht mehr in ihrer Heimat aushielt, nachgab und jemanden losschickte, um Kumiko zu suchen?
Nur von ihren Gedanken beseelt bemerkte Nanami kaum, wie die Stunden verstrichen und Müdigkeit sich ihrer Glieder bemächtigte, bis es Zeit war, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen..
Was sie mit einigen Schwierigkeiten auch tat – Felsen und kleine, ungemütliche Höhlen am Strand boten hierzu die Gelegenheit, auch wenn Nanami gefühlt nur eine Stunde die Augen zu tun konnte. So war es also, das Leben eines Abenteurers – leicht verstimmt knabberte sie an einer Ration Nachtalgen, nicht wirklich appetitlich, aber nahrhaft und haltbar. Wirklich begeistern tat es sie nicht.

Nach endloser Zeit einsamen vor sich hin Schwimmens und etlichen Selbstgesprächen später erreichte Nanami endlich etwas, was ihrer Vorstellung der Bucht, am ähnlichsten war – sie sprach sich selber Mut zu und schwamm an die Oberfläche, um, in einigen Kilometern Entfernung, eine Menschenstadt zu sehen.. Es war noch sehr früh am Morgen, von daher war kaum ein Haus beleuchtet und Menschen waren schon gar nicht zu sehen – nicht aus dieser Entfernung, du Dummkopf, schalt sich Nanami und machte sich daran näher zu schwimmen..

Nanami -> Bucht zwischen Ea / Hamontu

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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Mo, 10. Sep 2012 16:32

Dunkelheit umfing ihn. Er wusste nur noch, dass er über Bord gegangen war. Und bereitete sich im Geiste schon auf seinen Tod vor. Es war eigentlich schön gewesen, sein Leben, erfüllt von Freuden, glücklichen Momenten. Natürlich hatte er auch den einen oder anderen Schlag einstecken müssen, doch alles in allem würde er wohl zufrieden sterben. Am liebsten hätte er Amalia noch einmal wieder gesehen, und seinen Vater. Würde ihn ansonsten noch jemand vermissen, wenn er einmal nicht mehr auf dieser Welt weilte? Vielleicht hätte er rechtzeitig eine Familie gründen sollen, dann war eine Anteilnahme gewiss. Doch eine Frau, oder Kinder müsste er nun jedoch ebenso zurücklassen. Vermutlich war es besser, wenn es keine gab, die um ihn trauern müsste. Nur, vergessen wollte er nicht werden.

Wilde Gedanken schossen dem jungen Mann durch den Kopf, als er durch die wilden Wellen getrieben wurde und schon fest mit dem berühmten Licht am Ende des Tunnels rechnete. Alle Schmerzen, alle Sorgen schienen wie weggeblasen und beinahe war Avian erleichtert, dass mit einem Schlag alle Bürden von ihm abgefallen wären, ohne, dass er selbst etwas dagegen unternehmen hätte können. Sogar seine Mutter würde er wiedersehen, dachte er voller Freude. Doch scheinbar hatten die Götter mit ihm noch andere Pläne.

Innerhalb dieser merkwürdigen Wärme, die ihn umfangen hatte, war es wohlig und warm gewesen, wie eine Umarmung einer schönen Frau oder das Gefühl, nach einem harten Arbeitstag in die weichen Kissen eines Bettes zu fallen. Doch diese Wärme wurde gestört, er fühlte kalten Wind, der dem Seemann unangenehm ins Gesicht blies, die Nässe, die sich mittlerweile bis auf die Knochen bemerkbar machte und vor allem – was vermutlich am wesentlichsten war – seine eigene Atmung und seinen Puls. Doch da war noch etwas anderes – er war nicht allein!

Als Avian etwas Eiskaltes im Gesicht spürte, als ob jemand ihm mit einem nassen Handtuch eine Ohrfeige verpasst hätte, riss er abrupt die Augen auf und das erste, das ihn überkam, war ein unaufhaltbarer Hustenreiz. Ihm kam es vor, als ob er sämtliches Meerwasser verschluckt hätte, als er sich so die Seele aus dem Leib hustete und es dauerte eine Weile, bis er den ersten klaren Gedanken fassen konnte. Doch eins war gewiss – er war am Leben.
Den Grund dafür erfuhr er auch recht bald – in Form zweier tiefblauer Augen, umrahmt von einem recht hübschen, unverkennbar weiblichen Gesicht. Doch es war keine gewöhnliche Frau, die ihn scheinbar aus dem Wasser gezogen und nun so vehement versucht hatte, ihn zu wecken. Eine Lyr, schoss es dem jungen Mann sofort durch den Kopf. Als er sich umsah, registrierte er wohl, dass sie sich noch immer auf offenem Meer befanden, behelfsmäßig festgeklammert an einem Stück Holz, die Trümmer des Schiffes schwammen um sie, wie Reminiszenzen seines eigenen Versagens. Bilder des Unglücks flammten durch Avians Erinnerungen und ein Schauer überzog seinen ganzen Körper. Er schien nicht schwer verletzt zu sein, doch es war kalt, soweit er wusste, war die Mannschaft Geschichte und ebenso die Waren, die sie mit sich führte. Was sollte er nun tun, wohin sollte er gehen? So einfach war es nicht, einfach so mir nichts, dir nichts nach Rômachar zu schwimmen. Konnte er überhaupt irgendjemandem unter die Augen treten?

In all dem Gedankenstrudel hatte er die Lyr fast vollkommen vergessen, die ihn verdutzt und scheinbar leicht verunsichert beobachtete. „Ihr…Ihr habt mir…Ihr habt mir das Leben gerettet“, platzte er außer Atem heraus, seine Stimme von all dem Salzwasser noch ein wenig krächzend. „Habt…habt Dank. Danke. Ich stehe in eurer Schuld.“ war alles, was Avian in seinem gegenwärtigen Zustand noch hervorbrachte.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Mi, 19. Sep 2012 18:16

Erschrocken starrte Mheari den Mann an, der bei ihrer Ohrfeige sofort die Augen öffnete. In diesem Moment war ihr ihre Handlung unangenehm. Doch sie hielt sich im Hintergrund bis sich der Fremde, dem sie das Leben gerettet hatte, langsam beruhigte. Glücklicherweise schien er nicht erzürnt über ihre Ohrfeige zu sein, was sie erleichterte. Auch wenn klar war, wieso er deswegen wohl auch nie wütend sein sollte, für Mheari war diese Handlung nicht der freundlichste Umgang, weshalb sie sich einen Moment lang dafür schämte.

Nach seinem Hustenanfall konnte die junge Lyr einen Blick in seine braunen Augen erhaschen und sie glaubte zu erahnen, dass er kein schlechter Mensch war. Sie lächelte schwach, abwartend, aber freundlich. Sie wollte ihm Zeit geben, sich zu beruhigen und zu verarbeiten, was geschehen war. Währenddessen achtete sie nur darauf, dass er das Stück Holz nicht los ließ. Sie registrierte die Verunsicherung in seinen Augen und legte unweigerlich eine ihrer schmalen Hände auf die seine, die eiskalt da lag. Sie wollte ihm Mut machen und einen Halt geben, ganz egal dabei war, dass sie sich noch überhaupt nicht kannten. Sie selbst fühlte sich jedoch nicht viel selbstbewusster, auch wenn sie es versuchte, so zu wirken. Das große Schiff im Hintergrund und das langsam abklingende, aber noch deutlich hörbar wie spürbare Gewitter taten ihr übriges.

Als er endlich ein Wort sagte, Mheari hoffte, dass durch die unangenehme Anspannung verfliegen würde, lächelte sie und schüttelte sacht den Kopf. "Ich habe dich ins Meer fallen sehen." Die Worte klangen fremdländisch. Es war ungewohnt für sie in der menschlichen, romarischen Sprache zu sprechen, doch es war die Einzige, die sie beherrschte. Höfische Umgangsformen hingegen kannte sie offenbar nicht, denn sie kam erst gar nicht auf die Idee, Avian anders als mit dem persönlichen Du anzusprechen. "Ich musste dir helfen.. konnte ja nicht einfach vorbei schwimmen", versuchte sie ihn mit einem Schmunzeln aufzumuntern, während sie etwas unsicher nach den richtigen Worten suchte. "Geht es dir gut?", erkundigte sie sich, ehe ihr Blick an ihm vorbei zu dem großen Umriss hinter ihm flog. "Ist das dein Schiff?", fragte sie in ihrer Naivität und deutete nach oben zu dem Schiff, das mit den Wellen zu kämpfen hatte.

In dem Moment erschien eine Gestalt an der Reling und winkte zu ihnen hinunter. "Käpt'n!", rief er wiederholt, aber nur Bruchteile der Worte drangen durch das Tösen der Wellen und des Sturms zu ihnen hinüber. Der Mann aus Avians Mannschaft warf ein Tau zu ihnen herunter, doch es war zwecklos. Es versank irgendwo in den Wellen. Dann entfernte sich der Mann und ein paar Minuten später löste sich ein kleines Boot vom Rumpf des großen Schiffes und setzte bald schon schwankend auf den Wellen auf. Es war ein kleines Ruderboot, noch immer durch mehrere Seile mit dem Schiff verbunden. Mheari hatte das Geschehen mit offenem Mund und staunend verfolgt. Nun zog sie an Avians Ärmel, um ihm zu bedeuten, mit ihr zu dem kleinen Boot zu schwimmen. Es war weitaus sicherer als das Stück Holz, an dem er noch immer klammerte.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Mo, 29. Okt 2012 18:29

Noch immer war ihm ein wenig schummrig zumute, als Avian so dahintrieb, behelfsmäßig festgeklammert an einem Holzstück. Der Wellengang beruhigte sich langsam, doch das Herz des jungen Mannes schlug nach wie vor wie wild. Wohl wissend, nur knapp dem Tode entronnen zu sein, nahm er sich vor, in Rômachar den Tempel zu besuchen, etwas, das ihm normalerweise zuwider war, mit mehr als nur ein paar Silberstücken in der Tasche. Wer auch immer von denen da oben dafür verantwortlich war, dass Avian noch atmete, gebührte Dank. Doch auch die Frau – zwar sah er die Lyr wohl als fremdartige Wesen an, aber eine Frau war sie mit Sicherheit - schien nicht ganz unbeteiligt.

Er fixierte sie mit seinem Blick. Sie wirkte ohne Zweifel verunsichert, doch scheinbar auch froh, dass er noch am Leben war, zumindest versuchte sie sogar, ihn zu beruhigen, oder was auch immer die Geste der Lyr, die die Hand auf die seine legte, bedeuten mochte. Ob der Kälte lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er fröstelte und strich sich mit der Hand, mit der er sich nicht krampfhaft am Holzbrett festhielt, eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Retterin schien die Worte, die er zuvor rein aus Reflex hervorstieß und mittlerweile fast bereute, nicht recht verstanden zu haben, natürlich hatte er seine merridische Muttersprache gebraucht, die Sprache in der er dachte und die er für gewöhnlich natürlich auch verwendete, doch war sie es nun, die ihn ansprach. Romarisch, erkannte er sofort. Ihre Stimme klang fremd und so, als würde sie die Menschensprache nicht oft benutzen. Zudem schwang auch ein leichter Hall mit den Worten, die sie hervorbrachte, mit, nicht wie das dunkle Timbre einer gewöhnlichen Frauenstimme, eher erinnerte es ihn an das klare Rauschen eines Bächleins.

„Danke“, erwiderte Avian ehrlich auf ihre Frage. „Das war sehr freundlich von…dir.“ Auch er schwenkte zum Du über, da es scheinbar die einzige Anrede war, die sie kannte. Unter anderen Umständen hätte er sich das nicht erlaubt, doch in Anbetracht der Situation und seiner mangelnden Lyr-Kenntnisse schien ihm das nicht unangebracht. „Ja, ich glaube, ich bin nicht verletzt“, ließ er von sich hören, zwar nicht sicher, da ihm das kühle Wasser einiges an Tastsinn nahm, doch er verspürte momentan keine Schmerzen. Doch ein Schock, durchaus von positiver Natur, durchfuhr ihn, als sie von seinem Schiff sprach und er sich wie von einem Stromschlag getroffen, umwandte. Da war es, sein Schiff. Es war nicht zerstört worden, die Ware vermutlich sicher. Ein Gefühl großer Wärme durchströmte ihn, er war gerettet, sein Geschäft war gerettet und auch der Ruf bei seinem Vater und in der Handelsgesellschaft war gerettet. Er musste wirklich bei den Göttern einen Stein im Brett haben, dachte der junge Mann, die Situation auf Glück herauszureden war wahrlich ein wenig weit hergeholt. An Schicksal hatte Avian noch nie so recht geglaubt.

„Ja“, lachte er, „Ja, das ist mein Schiff! Zum Glück ist es noch heil!“ Auch einer der Besatzungsleute, Avian konnte auf die Entfernung nicht genau ausmachen, um wen es sich handelte, hatte sie bemerkt, und als ein Boot zu Wasser gelassen wurde, lockerte er ein wenig seinen Klammergriff um das Brett und holte tief Luft. Ein leichtes Zupfen an Avians Ärmel riss ihn aus seiner Trance und er blickte erneut in das lächelnde Gesicht der Lyr, die ihm mit ihrer blassblauen, feingliedrigen Hand deutete, auf das Beiboot zuzuschwimmen. So stieß er sich mehr oder weniger elegant ab und versuchte sich an kräftigen Schwimmzügen, die natürlich an die Kunst, wie es die Lyr neben ihr vermochte, niemals heranreichten, dennoch verweigerte er jegliche Hilfestellung. Das jämmerliche Bild, das er machen musste, wie er da so im Wasser dahintrieb, verletzte seinen Stolz ohnehin schon zu sehr, so konnte er zumindest beweisen, dass er durchaus noch fähig war, selbst zu schwimmen.

Seine letzte Kraft aufwendend, zog er sich ins Beiboot, wo ihn Bran und Derric, zwei Matrosen aus seiner Crew, bereits erwarteten. „Seid Ihr verletzt, mein Lord? Geht es euch gut?“ Besorgnis sprach aus ihren Blicken, doch Avian wusste diese gekonnt zu vertreiben. „Natürlich, keine Sorgen. Alles in Ordnung. Unkraut vergeht nicht.“ Er deutete der Lyr, ebenfalls ins Boot zu steigen, sie hatte ihm trotz allem sein Leben gerettet und Avian wäre nicht Avian, wenn er die Schuld nicht begleichen würde. Auch dies war ein Wert, der ihm immens wichtig war, bei niemandem in der Kreide zu stehen. Was er für sie tun könnte, ja, das war eine andere Frage, denn es schien ihm, als ob dies mit einer einfachen großen Geldsumme oder etwas Goldschmuck nicht getan war.
„Wie heißt du?“ fragte er daher erst einmal, um die Distanz ein wenig zu überwinden. Normalerweise war er nicht der Mensch, der sich um so etwas kümmerte, vor allem bei einer Frau, an der er in gewisser Weise kein Interesse hatte und sie war immerhin eine Lyr, doch, so rief er sich zum wiederholten Male ins Gedächtnis, sie trug die Hauptverantwortung, dass er noch lebte und das hieß schon einiges.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » So, 02. Dez 2012 18:07

Mheari behielt das beruhigende Lächeln bei. Sie war froh, dass es ihm soweit gut ging und er nicht verletzt war. Doch selbst wenn, er war am Leben und zu dem kleinen Boot hätte sie ihn auch vermutlich bringen können, wenn es ihm nicht möglich gewesen wäre, selbst dorthin zu schwimmen. Seine Freude über das Schiff steckte sie an, sodass sich ihr Lächeln für einen kurzen Moment in ein strahlendes, selbstsicheres Grinsen verwandelte. Sie verstand nicht wirklich, dass es tatsächlich sein Schiff war. Vielmehr ging sie davon aus, dass er eben einer der Männer war, die darauf über das Meer fuhren. Seltsamerweise empfand sie jedoch keine Angst vor ihm, obgleich er auch zu den Männern gehören konnte, die auch ihre Schwester Sijhari mitgenommen hatten. Doch irgendetwas in Avians Blick und Verhalten hielt sie davon ab, von dem Schlechten in ihm auszugehen.

Wie eine Beschützerin schwamm sie neben ihm her, als er sich von dem Holz abstieß und zu dem herunter gelassenen Boot schwamm. Aus Gewohnheit tauchte sie jedoch hinab und schwamm elegant wie es nur ein Lyr tun konnte, neben ihm her. Mal schwamm sie voraus und wartete auf ihn, ein anders mal flankierte sie ihn, während sie ihn nicht aus den Augen ließ. Unter Wasser fühlte sich sicherer und konnte außerdem nach eventuellen Gefahren Ausschau halten. Doch bis auf den Sturm schien sich keine solche in dem Wasser um sie herum abzuzeichnen. Dabei fiel ihr natürlich seine Unbeholfenheit beim Schwimmen auf, was sie schmunzeln ließ, aber nicht wirklich überraschte. Für eine Lyr sahen wohl alle Landbewohner im Wasser unbeholfen aus, was sie für Mheari nur sympathischer machte.

Erst als er das Boot erreicht hatte, tauchte auch Mhearis Kopf wieder aus dem Meer auf. Die Belustigung über seine Haltung unter Wasser, war dort jedoch aus ihrem Gesicht verschwunden. Stattdessen schaute sie still und mit großen Augen die beiden Männer in dem Boot an. So viele fremde Landbewohner war sie nicht gewohnt, sodass sie sich lieber im Hintergrund hielt. Auch die beiden Freunde erkundigten sich nach Lords Gesundheitszustand und auch jetzt wurde deutlich, dass er sich nicht weiter verletzt hatte. Als er ihr anbot, ebenfalls in das Boot zu steigen, zögerte Mheari sichtlich. Nervös schaute sie von den Männern, die sie mit offenen Mündern anstarrten, weiter zu dem freundlichen Mann, den sie gerettet hatte und dann zu dem Boot. Die Situation schüchterte sie ein. "Ich bin Mheari", antwortete sie dennoch auf seine Frage und lächelte kurz und zaghaft. Ihre Stimme klang trotz des Sturms im Hintergrund und den tosenden Wellen um sie herum unnatürlich weich und klar, selbst als sie so laut sprach, damit er sie über das Tosen hinweg hören konnte. Das Boot schwankte auf dem unruhigen Meer, Mheari behielt den Abstand zu diesem bei. Gegenüber Avian machte sie einen freundlichen Eindruck, doch sobald sie die beiden grimmigen Männer im Hintergrund sah, verblasste ihr Lächeln zunehmend.

Mheari fragte sich, wohin sie mit ihrem Schiff wohl fuhren. Sie konnte nicht sagen, ob sie von Rômachar kamen oder erst dorthin fuhren. Solche Schiffe sah sie hier immer wieder, sodass sie wusste, dass es von hier nach irgendwo eine Verbindung über das Meer geben musste. "Ich bin froh, dass es dir gut geht, Lord", sprach sie dann endlich weiter, in dem Glauben, dass dies sein Name war, denn wie eine Anrede benutzte sie diesen Titel nicht und ihre Worte klangen auch eher wie ein Abschied. Sie hatte ihm geholfen und nun musste sie weiter. Doch vorher.. sie hielt inne und schaute Avian an, das Gelächter der beiden Begleiter ignorierend, da sie nicht verstand, was so lustig an ihren Worten gewesen war. Vielleicht wusste er, wohin das Schiff, das Sijhari entführt hatte, gefahren war. "Ich suche ein Schiff. Es ist groß und ist von Rômachar weg auf das offene Meer gefahren. Habt ihr eines gesehen und wisst, wohin es gefahren ist?" Erneut glitzerte Hoffnung in ihrem Blick und gleichermaßen die Spannung, mit der sie auf eine Antwort auf ihre recht naive Frage von ihm wartete.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Sa, 08. Dez 2012 23:23

Die Zähne aufeinandergepresst, um das Klappern, welches sich vor Kälte eingestellt hatte - immerhin war er bis auf die Knochen durchnässt, zu unterdrücken, saß Avian im Beiboot und rieb sich die Oberarme. Die Lyr schwamm noch immer im Wasser neben ihm dahin und wirkte ein wenig unentschlossen, sich doch ins Boot zu begeben, jedoch konnte er sich nicht wirklich erklären, warum. Sie hatte ihn gerettet, niemand würde ihr hier etwas anhaben wollen. Tief Luft holend startete der junge Mann einen neuen Versuch „Ich danke dir, Mheari. Bin dir wirklich etwas schuldig.“

Noch immer blieb sie dem Boot, welches der Sturm ganz schön durchrüttelte, fern, wohl aus Unsicherheit, überlegte er, vielleicht fanden die Lyr die Menschen ebenso fremd, wie sie ihnen selbst erschienen. Avian warf einen Blick auf das umliegende Meer, es wäre wohl riskant, zurück zum Schiff zu rudern, solang die Wellen noch tobten, im Moment hielt das Eigengewicht der Männer das Boot noch halbwegs gerade, aber er hatte die Befürchtung, sobald sie sich in Bewegung setzten, würden die Ströme unter das Boot treiben und es viel leichter umkippen. Er deutete den Männern, die Ruder in den Halterungen zu lassen und zuzusehen, dass sie nicht ins Wasser rutschten. „Lasst uns zumindest noch ein paar Minuten hier warten. Auf ein weiteres Bad habe ich keine Lust“, sagte er und wischte sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Ich bin froh, dass es dir gut geht, Lord“, ließ Mheari von sich hören und Avian musste schmunzeln. „Ähm…Lord ist nur mein Titel“, lachte er und verdrehte ein wenig die Augen ob der Absurdität ihrer Aussage. „Mein Name ist Avian. Avian Dynth.“ Die Matrosen in seinem Boot waren inzwischen in lautes Gelächter ausgebrochen, die Lyr wirkte wieder ein wenig schüchtern und machte schon Anstalten, sich damit endgültig zu verabschieden, als ihr scheinbar noch etwas einfiel. Ihr hoffnungsvoller Blick erreichte den Seemann und er befand, dass sie wirklich schöne Augen besaß. Freilich hatten viele junge Frauen blaue Augen, doch das Leuchten ihres Blaus, das war noch einmal eine Stufe höher. Die Frage Mhearis machte ihn jedoch ein wenig stutzig. „Ja…“, erwiderte Avian nach einigen Augenblicken des Überlegens, „natürlich fahren viele Schiffe jeden Tag aus Rômachar weg. Wann ist es denn weggefahren?“ Kurz darauf kam ihm noch ein Gedanke. „Mir fällt gerade ein, irgendwo auf meinem Schiff, sofern es noch nicht weggespült worden ist, habe ich einen Ankunfts-und Abfahrtsplan des Hafens in Rômachar.“ Er wollte der Lyr wirklich helfen, da er in ihrer Schuld stand. Und wenn er dies damit konnte, dann sollte es so sein. Allerdings würden wohl einige der Männer große Augen machen, wenn er eine ‚Meerjungfrau‘ mit aufs Schiff brachte. Auch er hatte die Geistergeschichten gehört, doch dachte er viel zu pragmatisch, um all dem Glauben zu schenken. Die Mannschaft jedoch würde wohl nicht sehr glücklich sein. Doch die Sache mit Mheari war sein Problem. „Wenn du vielleicht kurz mit aufs Schiff kommst, kann ich ihn dir zeigen. Vielleicht findest du ja da das Schiff, das du suchst.“ Zum Glück hatte ihm ein Bote kurz vor seinem Aufbruch in Merridia diesen Plan zukommen lassen, da er eindeutig nicht gewillt war, mehrere Tage Wartezeit in Kauf zu nehmen, nur damit die Herren Händler ihre Waffen bekamen. Es war von Vorteil zu wissen, wann die Handelsgesellschaften planmäßig ankommen würden, um die Waren so schnell wie möglich entgegenzunehmen. Sofern der Stahl nicht schon längst gerostet war.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » So, 23. Dez 2012 18:01

"Oh." Ihre Wangen färbten sich etwas dunkler als der Rest ihrer Haut und schimmerten leicht violett, als er sie berichtigte. Er hieß nicht wirklich Lord, sondern das war sein Titel. Wahrscheinlich war die Anrede Lord so etwas wie ein Ältester oder der Hohe Rat für sie. Diese Erkenntnis ließ sie nicht nur erröten, sondern flößte ihr auch Respekt ein. Zwar konnte sie den Titel nicht genau einordnen, fest stand jedoch, dass Avian durch ihn mehr Respekt verdient hatte. Wirklich eingeschüchtert fühlte sich Mheari dadurch aber nicht. Schließlich redete sie auch mit ihrem Großvater, der ein Ältester war, ganz normal und hatte ihm erst heute Morgen Vorwürfe gemacht, dass er nicht schnell genug handelte, um Sijhari zu retten. Wie weit her das zu sein schien.. dabei hatte sie ihre Familie vor nicht einmal einen halben Tag verlassen. Sie blickte dem Mann in die Augen, dem sie das Leben gerettet hatte. So etwas verband miteinander und auch deshalb fühlte sie sich wahrscheinlich von ihm nicht eingeschüchtert.

Erneut glomm Hoffnung in ihrem Blick auf, als er ihre Frage bejahte. Sie hatten tatsächlich ein Schiff gesehen. Vielleicht war es sogar das Schiff gewesen. "Es war nachts", erwiderte sie sogleich und hoffte darauf, dass sich die Hinweise verdichteten und sie ein und dasselbe Schiff meinten. Sie spitzte die Ohren, als er ihr von seiner Idee berichtete. "Ein Ankunfts- und Abfahrtsplan?" Ihre Stimme war leiser, als sie seine Worte wiederholte, mit denen sie nichts anfangen konnte. Aber dieser Plan konnte ihr einen Hinweis geben, wenn sie Avian richtig verstand. Daher lächelte sie nach einem kurzen Moment, um ihre Unwissenheit zu überspielen. Sein Angebot, mit auf das Schiff zu kommen, ließ sie trotzdem noch etwas unwohl fühlen. Seit letzter Nacht besaß sie genügend Gründe, Fremden zu misstrauen und einen Trick dahinter zu befürchten. Sie kannte ihn nicht und sie kannte nicht den Unterschied zwischen Avian und den Entführern ihrer Schwester. Und doch hatte sie vorhin, als sie ihm in die Augen geblickt hatte, ein gutes Gefühl verspürt, das ihr sagte, dass sie auf seine Worte vertrauen konnte. Und sie würde sich diese vertane Chance nie verzeihen können. Wenn auf diesem Plan stand, wohin das Schiff fuhr, zumindest nahm Mheari das an, dann hätte Avian ihr sehr geholfen. Wenn sie sein Angebot ausschlug, konnte sie nur darauf hoffen, hier auf dem Meer jemanden anderen zu finden, der ihr mit höherer Wahrscheinlichkeit bestätigen konnte, dass er genau das Schiff gesehen hatte. Und diese Chance war denkbar schlecht, das wusste auch die junge Lyr nur zu gut.

"Danke." Sie lächelte sanft und ihre feingliedrigen Hände umfassten den Rand des Bootes. Glücklicherweise half Avian ihr, sodass er hoffentlich nicht zu offensichtlich bemerkte, wie ungeschickt sie sich darin anstellte, sich auf das Boot zu ziehen. Dort saß sie dann letztendlich und lächelte die beiden Seemänner neben sich an, um einen hoffentlich positiven Eindruck zu hinterlassen. Ihrer knappen Bekleidung war sie sich bis dahin noch nicht bewusst. Von der aus Seegras hergestellten Kleidung tropfte das Wasser herunter. Einige Fäden hatten sich schon aus den Maschen gelöst und hingen an der Kleidung hinab. Wenn man genau hinsah, konnte man das leichte Schimmern ihrer Schuppen erkennen, das jedoch zunehmend verblasste, sobald das Wasser auf ihrer Haut trocknete. Mit einer Mischung aus Neugierde, aber auch Angst vor dem Ungewissen, lächelte Mheari Avian an. Auch um sich selbst zu beruhigen.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Fr, 11. Jan 2013 17:45

So richtig drang Avian noch nicht zu dieser Lyr durch, schien es ihm. Es war, als ob jedes seiner Worte für sie ein absolutes Rätsel war, doch hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er es Mheari denn leichter machen könnte. Er schätzte ihre Güte und Hilfsbereitschaft und musste offen und ehrlich zugeben, schon lange keinen Menschen mehr mit solch einer Einstellung getroffen zu haben, so hoffte er natürlich, er könnte ihr irgendwie helfen. Tief im Inneren hinterließ die Schuld, die Verantwortung, die er sich als nunmehr ehrenhafter Mann selbst aufbürdete, weitaus größere Spuren.
Hoffnungsvoll glommen ihre blauen Augen, als er ihr von diesem ominösen Plan erzählte. Dennoch, mit „ein großes Schiff“ und „nachts“ konnte er immer noch nicht besonders viel anfangen. Sie musste doch zumindest wissen, ob das Schiff, das sie suchte, in der letzten Nacht ausgelaufen war oder ob es schon zwei Wochen her war, dann allerdings könnte es schwierig werden. Mittel und Möglichkeiten fehlten, um exakte Pläne zu erstellen und vor allem, diese zurückzuverfolgen. Hierbei würde er ihr nicht helfen können, das war ein Fall für das nautische Archiv in Rômachar. Und dass die senilen Schreiber in dieser altehrwürdigen Einrichtung eine Lyr an ihre wertvollen Akten lassen würden, war noch viel unrealistischer, als das Schiff trotz allem zu finden. Zumindest nahm sie sein Angebot an, was ihn recht positiv stimmte. Und viel mehr, als er archivarisch und persönlich fähig war, konnte er ohnehin nicht ausrichten.

Galant reichte Avian der jungen Lyr eine Hand, um ihr ins Boot, die andere nonchalant auf den Rücken gelegt. Was er nun erblicken durfte, überraschte ihn dennoch ein wenig. Sie war bekleidet, doch die Bekleidungsstücke, die sie trug, welche wohl aus einem Art Seegras bestehen mussten, hielten wohl nur das absolut Nötigste verdeckt und zeigten viel mehr Haut, als sie verbargen. Das würde man bei den Damen der Oberschicht, bei denen man sich durch tausend verschiedene Schichten wühlen musste, bevor man endlich das Interessante erreichte, wohl nicht finden, befand er schmunzelnd. Und auch die Männer im Boot ließ die Vorstellung nicht unbeeindruckt, so räusperte er sich kurz und wies die Matrosen stumm zurecht. Mheari war immerhin ein Gast, keine schmutzige, einfache Hafendirne, welche man nicht nur mit Blicken ausziehen konnte. Avian selbst, allerdings, war sich noch nicht ganz im Klaren, was er davon halten würde. Sie war hübsch, das konnte man wohl behaupten, und das was sie trug, stand ihr auf eine merkwürdige Art und Weise auch sehr gut, doch trotz allem, er wusste nicht recht, wie er es anders ausdrücken sollte, war sie…einfach…ohne es negativ zu meinen…blau. Die Lyr waren ihm stets ein wenig suspekt gewesen, hatte er sie doch bisher nur von weitem erblickt. Man erzählte sich viel über sie, doch im Gegensatz zu den Shiín oder anderen Barbarenvölkern waren die Erzählungen durchwegs positiv, beinahe mystisch und geheimnisvoll. Und dies war es wohl wert, zu verifizieren.

Stück für Stück ruderten sie Richtung Schiff, als nach nur einigen Wimpernschlägen der massive Bauch der „Windreiter“ vor ihnen auftauchte. Ganz war sie vom Sturm nicht verschont geblieben, das war auch zu erwarten gewesen, wichtig war nur, sie befand sich aufrecht, war noch fahrtauglich und vor allem – die Ware schien unversehrt. Einige Lecke im oberen Teil der Planken mussten geflickt werden, stellte er fest, und auch die Segel und Netze schienen ein wenig mitgenommen, doch alles in allem hatten sie wohl Glück im Unglück.
„Da rauf“, deutete Avian der Lyr freundlich, als eine Strickleiter zu Wasser gelassen wurde, und überließ ihr den Vortritt. Er war noch ein wenig wackelig auf den Beinen und das mulmige Gefühl in seiner Magengrube wurde auf der schaukelnden, schwankenden Leiter auf dem schaukelnden, schwankenden Meer noch verstärkt. Endlich oben angekommen, musste er sich noch kurz an der Reling abstützen, doch der erfahrene Seemann fand seine Balance bald wieder. Mheari war bereits umringt von neugierigen Männern und er spürte beinahe ein wenig Mitleid für die junge Frau. Er wusste aus den Zeiten seiner gesellschaftlichen Einführung, wie es war, wie ein wildes Tier im Zoo angestarrt zu werden und dies war wahrlich kein schönes Gefühl.

„Männer, das ist Mheari“, rief er in die Runde. „Sie hat mich wortwörtlich aus dem Meer gefischt – ohne sie wäre ich wohl nicht mehr hier.“ Die Kunstpause wirkte. „Seid nett zu ihr.“

Er bekam ein Handtuch gereicht, das er sich um die Schultern legte. „Bitte habe einen Moment Geduld“, er wandte sich wieder an die Lyr. „Ich muss nur noch ein paar Dinge klären, in einem kleinen Augenblick stehe ich dir voll und ganz zur Verfügung.“

In den nächsten zehn Minuten fand Avian heraus, dass es einen Verlust unter den Seeleuten zu beklagen gab. Arc, ein Jungspund von gerade mal siebzehn Jahren war von einem herumfliegenden Fass erschlagen worden und war nach Angaben der Besatzung sofort tot gewesen. Der junge Mann war bestürzt über den Verlust, er mochte den Jungen und hatte ihm eine glänzende Karriere prophezeit. Sicherlich würde man noch eine kleine Gedenkfeier ihm zu Ehren abhalten. Und es war wohl an ihm, seiner Familie einen Brief zu schreiben. Zusätzlich waren etwa fünfzehn Mann verletzt worden, die meisten davon allerdings nur leicht. In Rômachar würde man sie sofort in ärztliche Behandlung geben. Die Schäden am Schiff selbst waren weniger schwer, als erwartet, doch die Reparatur würde natürlich ebenfalls Geld kosten, die Ware war unversehrt. Trotz des bitteren Beigeschmacks des Verlustes musste Avian wohl zugeben, enormes Glück gehabt zu haben. Ein Sturm dieser Art war normalerweise absehbar, doch trotzdem ging jeder Seemann auf jeder Fahrt das Risiko ein, dennoch falsch zu liegen.

Nach den kurzen Gesprächen kehrte er zu Mheari zurück und nickte ihr dankend zu. „Gut, ich würde dir nun die Pläne zeigen. Komm mit!“ Die Pläne bewahrte er in seiner Kajüte auf, auf welche er nun zusteuerte, seinen ungewöhnlichen Gast im Schlepptau. Das Glück war ihm hold, dies war sicher, doch diese eine Sache war noch offen. Und sie mussten etwas finden, das war er ihr schuldig.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » So, 20. Jan 2013 13:49

Im Boot sitzend, betrachtete sie Avian genauer. Sie versuchte zu ergründen, wieso er so schmunzelte, doch so ganz verstand sie es nicht. Daher blieb das leichte Lächeln auf ihren Lippen, um möglichst verständnisvoll zu erscheinen. Die Blicke, die ihr die anderen beiden Männer zuwarfen, verstand sie jedoch gut. Auch wenn die Männer schnell ihren Blick abwandten, war ihr der Ausdruck in ihren Augen nicht entgangen und auch nicht fremd. Sie hatte ihn schon in vielen Lyraugen gesehen. Auch jetzt senkte sie daraufhin den Blick. Das Gefühl der Unsicherheit war größer als das des Geschmeicheltseins. Zumal sie nicht wusste, wie genau sie diese Aufmerksamkeit zu deuten hatte. Irgendwie war sie froh, dass Avian bei ihr war, der einen vernünftigen und ehrenvollen Eindruck machte.

Der Anblick des großen Schiffes, dem sie immer näher kamen, flößte ihr Respekt ein. Es war riesig. Die großen Augen schweiften von Avian zu der Strickleiter und dann hinauf zu dem Deck des Schiffes. Sie fragte sich, wie viele Menschen dort oben waren und wie sie auf sie reagieren würden. Sie erinnerte sich an ihren Besuch in Rômacher zurück, wo man ihr neugierig, aber auch feindselig begegnet war. Mheari konnte nur hoffen, dass diese Leute ihr mit ersterem gegenüber treten würden. Tief ein und ausatmend, griff sie schließlich nach der Strickleiter und stand wacklig auf. Erst jetzt sah man sie in ihrer gesamten, schlanken Gestalt und mit ihr die Schuppen, die auf der blauen Haut orange und rot schimmerten. Mheari war nur etwas kleiner als Avian. Ihre Bewegungen waren hier auf dem Boot etwas wackelig, aber sie ließen erahnen, wie gewandt sie sich erst im Wasser fortbewegen musste und wie geschmeidig ihre Bewegungen dann waren. Die junge Lyr sprach sich selbst Mut zu, während das Herz in ihrer Brust aufgeregt schlug, und kletterte Sprosse für Sprosse an das Deck des Schiffes. Oben half ihr ein Mann mittleren Alters über die Reling. Sie lächelte ihm dankend an, ehe sie einen Schritt zur Seite machte, um Avian und den folgenden Männern Platz zu machen. Vorsichtig schweifte ihr Blick über das Deck und die verschiedenen Gesichter, die da plötzlich aufgetaucht waren und sie anstarrten. Zu ihrer Erleichterung sah sie auf vielen Gesichtern ein zaghaftes oder aufmunterndes Lächeln. Andere jedoch betrachteten sie grimmig und fast abschätzend. Allen gemein war das aufkommende Geraune und Getuschel. Das jedoch verstummte sofort, als der Kopf ihres Anführers über der Reling auftauchte. Mheari war froh, als die angespannte Atmosphäre dadurch für einen Moment zerrissen wurde.

"Hallo." Ihre Stimme klang vorsichtig, nachdem Avian sie vorgestellt hatte. Mheari hatte das Gefühl, ihr Selbstbewusstsein im Wasser verloren zu haben. Das hier war alles so gänzlich anders und ungewohnt. Und all die beobachtenden Augen vermittelten ihr auch nicht gerade viel Sicherheit. "In Ordnung. Ich komme schon zurecht", erwiderte sie Avian, während sie lieber gefragt hätte, ob sie nicht mitkommen könnte. Aber sie biss sich auf die Lippen und schwieg, während sie ihm nach sah. Hier oben bewegte er sich sichtlich sicherer und eleganter als im Wasser. Das ließ sie einen Moment lächeln und die restlichen Männer vergessen.
Auch ihr wurde ein Handtuch gereicht, das sie zwar annahm, aber dessen Sinn sie nicht verstand. Daher behielt sie es in der Hand, auch Avian hatte es schließlich nicht weiter genutzt. Während er irgendwo verschwand, verharrte Mheari an Ort und Stelle und versuchte, einen möglichst guten Eindruck zu vermitteln. Einige Männer gingen schnell wieder ihrer Arbeit nach, andere warfen ihr immer wieder seltsame Blicke zu. "Eine Frau an Bord, noch dazu eine der Meerfrauen. Das kann nicht gut gehen." Die beiden Männer gingen in einigem Abstand an ihr vorbei, aber Mheari hörte die getuschelten Worte dennoch, die von einem der grimmig dreinblickenden Männer kamen. Wie er das Wort Meerfrau betonte, beunruhigte die junge Lyr. Glücklicherweise hörte sie jedoch keine weiteren solcher Bemerkungen und man ließ sie in Ruhe. Unruhig beobachtete sie das Treiben an Deck des Schiffes, während sie auf Avian wartete. Jede Minute war nun kostbar und konnte darüber entscheiden, wann sie Sijhari wieder sehen würde. An das ob wagte Mheari gar nicht zu denken.

Als sie Avian dann endlich wieder erblickte, atmete sie erleichtert aus. Sie war seltsam froh, seine Gestalt zu erblicken. Als Mensch sah er so gänzlich anders aus als die Männer ihres Volkes, aber er besaß etwas Aufgeschlossenes und Freundliches, das sie besser fühlen ließ. Das mochte auch daran liegen, das ihr seine äußere Erscheinung durchaus nicht entgangen war. In Rômacher war sie deutlich weniger angenehmen Männern begegnet. "Ich hoffe, es ist alles in Ordnung?", erkundigte sie sich, während sie ihm schnell über das Schiff folgte, um außer Blick- und Hörweite der vielen Männer zu kommen. "Valdysea kann sehr wütend werden. Ich hoffe, ihr Zorn hat euch nicht zu sehr getroffen." Mheari fragte sich noch immer, was ihre Göttin erzürnt haben mag. Doch das würde sie wohl nie herausfinden. Sie hoffte nur auf ihren Schutz bei der Suche nach ihrer Schwester.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » So, 03. Feb 2013 14:08

Sogar Avian bemerkte das sichtliche Gefühl des Unwohlseins, das Mheari erfüllte. Die Männer geizten nicht gerade mit ihren Blicken und er musste zugeben, dass sie nicht vollständig unbegründet waren. So viel Haut sah man an einer Frau eben nicht alle Tage. Zudem war sie eine Lyr. Und auch wenn er den Vergleich scheute, auch die Vorsteherinnen der zahlreichen Hafenbordelle wussten, dass sie am besten an möglichst exotischen Frauen verdienten. Soweit wollte er es allerdings gar nicht erst kommen lassen, so wies er seine Männer nur mit einem strengen Blick zurecht. „Hört gefälligst auf, sie anzustarren, als wäre sie ein Tier im Zoo! Sie hat mir das Leben gerettet und ist unser Gast!“ erhob er deutlich die Stimme, worauf sich die Seeleute langsam murrend abwandten. „Entschuldige sie“, richtete er seine Worte an Mheari. „Es kommt nur nicht besonders oft vor, dass man Lyr auf Menschenschiffen antrifft.“ Freundlich lächelte er und deutete der jungen Frau an, ihm zu folgen.

Auf ihre Frage hin zuckte er nur mit den Schultern. „Wir haben einen der Männer verloren“, erwiderte er verbittert. „Der Sturm hat uns härter getroffen, als erwartet, aber zum Glück ist nicht viel zerstört worden.“

In seiner Kajüte angekommen, wies er natürlich ganz der Höflichkeit entsprechend auf einen der Stühle. „Bitte, setz dich“, gab er nonchalant von sich und lächelte freundlich. „Darf ich dir etwas anbieten? Wasser? Wein?“ Er wusste absolut nicht, wie man in so einer Situation eine Lyr richtig behandeln sollte, doch im Zweifelsfall entschied er sich für die gesellschaftliche Variante. Immerhin konnte man da nichts falsch machen. Auch wenn er mit ihrer Unsicherheit nicht wirklich umgehen konnte. Für gewöhnlich verbrachte er lieber Zeit mit selbstsicheren Menschen, denen er nicht ständig unter die Arme greifen musste. Aber im Grunde genommen war Mheari sehr freundlich und er stand in ihrer Schuld, was er sich wiederholt ins Gedächtnis rief.

Kurz darauf steuerte eine Ecke seines großen Raumes, den er auch als Art Büro nutzte, an, öffnete eine große Holztruhe und holte ein paar große Rollen Pergament hervor. Sogleich begann er, die jeweiligen Daten und Zeitpunkte zu überprüfen. „Wann ist denn das Schiff aufs Meer gefahren, das du suchst?“ murmelte er vertieft. „Hatten sie etwas Bestimmtes an Bord?“ Es war auch leichter, die verschiedenen Schiffe nach ihrer Ladung zu unterscheiden.

Ein Schauer lief über seinen Rücken und er fröstelte, natürlich, immerhin trug er die nasse Kleidung noch am Körper. Doch es schickte sich in diesem Moment absolut nicht, sein Hemd und seine Hosen zu wechseln, wenn sich eine Dame im Raum befand. Außer natürlich, sie hatten - nun ja, das war eine ganz andere Geschichte. Durch ein Fenster fielen ein paar Strahlen Sonnenlicht herein und es schien, als hätte es nie einen Sturm gegeben. Mhearis Schuppen schillerten bunt in diesem Lichtspiel und er konnte nicht umhin dieses Farbenspiel für einige Augenblicke fasziniert zu beobachten. Erst als er bemerkte, dass er sie anstarrte, musste er sich zwingen, seinen Blick loszureißen. Sie war ganz anders als die Frauen in Merridia oder Rômachar, mit denen er für gewöhnlich verkehrte, dem war gewiss, doch er musste feststellen, dass sie dennoch große Schönheit auszeichnete.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Sa, 23. Feb 2013 9:11

Mheari war es unangenehm, dass Avian die übrigen Männer zurechtweisen musste. Bei dem ein oder anderen sah sie zustimmendes Nicken, wo andere nur grimmig den Blick abwandten, um sie aus dem Augenwinkel immer wieder zu mustern. Andererseits verstand sie die vielen unterschiedlichen Blicke auch – abgesehen von denjenigen, die sie mieden, weil sie eine weibliche Lyr war, was für ein paar dieser Menschen ein Problem zu sein schien. Aber Avian hatte Recht. Ebenso wenig wie die Menschen auf die Insel Ayen sin Valdysea passten, so wenig gewohnt waren sie eine Lyr in ihrer vertrauten Umgebung. Mheari nickte daher nur auf seine Worte und schenkte ihm einen verständnisvollen Blick. Gleichzeitig bestätigten sein Auftreten und seine Worte einen anfänglichen Verdacht Mhearis. Ein Lord schien wirklich so etwas wie ein Anführer zu sein, und was sie in ihrer Naivität gefragt hatte, schien tatsächlich wahr: Das hier schien Avians Schiff zu sein. Mheari konnte sich nicht vorstellen, wie so etwas Riesiges entstand und wie es fähig war, auf den Wellen der See zu gleiten, ohne unterzugehen.
Als Avian ihr von einen der toten Männer erzählte, sahen die großen blauen Augen der Lyr Avian mitfühlend an. "Es tut mir Leid um diesen Mann. Mögen eure Götter ihm gnädig sein." Ihre Worte waren ehrlich gemeint, doch weiter ging sie nicht darauf ein. Wäre es einer der ihren gewesen, sie würde vermutlich nicht darüber reden wollen, sondern die Gefühle weg drängen, bis sie alleine war.

Sie war erleichtert, als sie in dem kleinen Raum angekommen waren, außer Blickweite der vielen anderen. Es war ein kleiner Raum, begrenzter Platz und Wände waren ihr nur bedingt vertraut. Dennoch fühlte sie sich seltsamerweise nicht unwohl oder eingesperrt. Vielmehr schien sie sich langsam an dieses Schiff zu gewöhnen. Dass sie nun alleine waren und sie nicht so vielen fremden Männern auf einmal ausgesetzt war, ließ ihre Selbstsicherheit nun auch wieder etwas zurückkehren.
Sie lächelte Avian an, legte das Handtuch auf einen der gepolsterten Stühle und setzte sich dann. Sie wollte nicht, dass der Stuhl durch ihre Kleidung nass wurde. "Wasser bitte", ging sie auf sein Angebot ein und schlug den Wein lieber aus. Sie kannte Wein, doch leider blieben ihr nach seinem Genuss meist nur verschwommene Bilder und Kopfschmerzen. Daher blieb sie doch lieber bei diesem alltäglichen Getränk.

Neugierig beobachtete sie Avian und versuchte seine Fragen zu dem Schiff zu beantworten. "Das Schiff war heute Nacht in der Bucht von Nibýn. Ich weiß nicht, wann es losgefahren ist", sie seufzte und blickte ihn entschuldigend an. Nervös berührten sich die schlanken Finger ihre Hände immer wieder, während sie überlegte. Doch mehr als das konnte sie ihm nicht sagen. Auch ob das Schiff etwas Bestimmtes gelagert hatte, hatte sie nicht erkennen können. Nachdenkend schaute sie auf den Horizont des Meeres, auf den man durch eines der Fenster schauen konnte, und rief sich die vergangene Nacht ins Gedächtnis. Die Schreie von Sijhari drangen abermals an ihre Ohren und ließen sie frösteln. Der Mond hatte die Szene beleuchtet und so hatte sie ihre Schwester in dem großen Netz gut erkennen können. Die Wellen schlugen ihr immer wieder ins Gesicht, doch sie hatte versucht, ihre Schwester nicht aus den Augen zu lassen. Trotzdem hatte sie das Netz nicht aufhalten, Sijhari nicht festhalten können. Das Netz war unaufhörlich hinauf gezogen worden, vorbei an.. da war etwas gewesen, mehr als nur Holz. Da waren blaue und rote Farbe gewesen, Federn und ein Schnabel. Mheari hatte die vergangene Nacht nicht darauf geachtet, doch nun sah sie das Bildnis ganz klar in ihrem Kopf.

Als sie den Blick zurück zu Avian wandte, bemerkte sie gerade noch, wie er seinen Blick von ihr löste. Sie kam nicht umhin, über seine Reaktion zu lächeln, als hätte sie einen Verdacht, was es zu bedeuten hätte. Dann jedoch wurde sie schlagartig wieder ernst. "Da war ein Vogel. Er war auf das Schiff gemalt. Er war schlank und blau. Er hatte Federn, die auch blau und rot waren. Sein Schnabel war sehr lang und endete erst am vorderen Teil des Schiffes. Er hatte die Flügel ausgebreitet, als würde er fliegen." Plötzlich war dieser Vogel ganz klar vor ihrem inneren Auge. Sie wusste nicht, wie er hieß. Aber vielleicht konnte Avian etwas damit anfangen. Vielleicht wusste oder ahnte er zumindest, dass es sich um einen Kolibri handelte, den die junge Lyr ihm beschrieb. Und vielleicht war ihm auch schon auf seinen zahlreichen Seefahrten zu Ohren gekommen, dass sich das ein oder andere Gerücht um die Kolibri rankte, ein großes und schnelles Schiff, das vor allem in den südlichen Gewässern Alvaranias segelte. Da gab es Gerüchte um Schmuggel, um Gräueltaten, dunkle Geschichten. Manche nannten Sklavenjäger in einem Atemzug, wenn sie über die Kolibri tuschelten, oder erwähnten illegale Geschäfte. Von all dem wusste Mheari nichts, die Avian fragend und hilfesuchend ansah.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Do, 28. Mär 2013 18:26

Mhearis wohl ernst gemeinte Anteilnahme verwunderte ihn, hatte sie diesen Mann doch noch nie gesehen, geschweige denn gewusst, was für einen Verlust sie nun tatsächlich erlitten hatten. Dennoch, sie zeigte eine Art Mitgefühl, welche er so nicht kannte. Unfreiwillig musste er an die Begräbnisfeierlichkeiten seiner Mutter zurückdenken und wie viele nichtssagende, geheuchelte Handschläge und Beileidsbekundungen er erhalten hatte. Nur die wenigsten hatten auch nur einen Ansatz ehrlicher Kondolenz getragen.

Als sie in seiner Kajüte angekommen waren, atmete die Lyr sichtlich auf und Avian war auch erleichtert, dass es ebenso in ihrem Sinne war, diese Unterredung im Privaten weiterzuführen, hatte er doch absolut kein Bedürfnis nach den neugierigen Blicken der Besatzung, sei es nun Mheari oder seine eigenen Belangen betreffend. Behutsam ließ sie sich also auf dem Stuhl nieder und nahm sein Angebot bezüglich des Wassers an. Emsig nahm er die frisch gefüllte Karaffe Wasser und schenkte ihr und auch sich selbst ein Glas ein, bevor er die Pläne und Karten hervorholte. Man sah der Windreiter an, dass man an ihrer Ausstattung nicht gespart hatte, Möbel und Inventar waren vom Feinsten, das Merridia zu bieten hatte und er selbst hätte wohl nur behauptet, dass nur König Bradelus luxuriöser reiste. Sein Vater, der das Schiff bauen ließ, war alles andere als ein Geizkragen gewesen und hatte diese Eigenschaft auch an seinen Sohn weitergegeben. Auch die Mannschaft musste nicht im Laderaum hausen, sondern konnte sich durchaus einiger Annehmlichkeiten erfreuen. Und so konnte die Lyr auf feinem Mobiliar Platz nehmen, aus einem hochwertig angefertigten Wasserglas trinken und die einwandfreie Qualität der Seekarten bewundern, welche Avian ihr zeigte.

Seine Frage konnte sie nicht genau beantworten. Es waren gestern sicherlich eine Menge Schiffe ausgelaufen, um dem herankommenden Sturm auszuweichen, hatte er doch außer der Windreiter keinen anderen Segler in den Wellen ausmachen können. Der Sturm war von Westen gekommen, so war es absehbar gewesen, dass das Schiff, welches sie suchten, nach Süden ausgewichen war. Auch Norden war theoretisch plausibel, doch näherten sich nur wenige Seeleute der Trümmerküste, wenn sie nicht bereits mit ihrem Leben und ihrem gesunden Menschenverstand abgeschlossen hatten.

Als der junge Mann die Lyr mit seinem Blick fixiert hatte, erschien ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht und er wandte sich räuspernd ab. Er wollte keinesfalls, dass sie sich belästigt fühlte, doch scheinbar war dies ohnehin nicht der Fall. Eher schien es, als ob ihr doch noch eine Information über das Schiff in den Sinn kam. Und schlagartig stutzte Avian. Mit ernster Miene vertiefte er sich in die Seekarten und Abfahrtspläne. Und was er befürchtet hatte, trat ein. Eine kleine Notiz auf der Liste zeigte den Namen dieses ganz besonderen Seglers mit dem Kommentar, sie hatten neue Besatzungsleute aufgenommen und keine besondere Fracht an Bord gelagert. Doch was die 'Kolibri' wirklich im Sinn gehabt hatte, darüber wollte er sich besser nicht den Kopf zerbrechen.

Denn wenn Mheari die Wahrheit sagte, wovon er ausging, sie benötigte doch seine Hilfe, dann gab es keinen Zweifel, dass es sich um dieses Schiff handelte. Und natürlich hatte er von ihr gehört. Dunkle Geschichten rankten sich um die Kolibri, in den Hafentavernen erzählte man sich oft von Diebesgesindel, Sklavenjägern, Verbrechern und beinahe immer wurde sie damit in Verbindung gebracht. Natürlich niemals offiziell, sonst hätte sie sich wohl nicht in einem Hafen registrieren lassen und man hatte ihr wohl auch noch nie etwas nachweisen können, doch welche Geschäfte manche Seeleute unter der Hand trieben, wusste niemand so genau und wenn einem sein Leben und seine Fracht lieb war, fragte man besser auch nicht zweimal nach. Meist hatte Avian die Gerüchte nur als stinknormales Seemannsgarn abgetan, hieß es auch oft, die Kolibri wäre ein Geisterschiff und ihr Kapitän ein Dämon mit flammenden Haaren und feuerroten Augen, doch dass gerade eine unschuldige Lyr nach eben diesem Schiff suchte, weckte sein Interesse. Für gewöhnlich hatte er als rechtschaffener Geschäftsmann mit Schmuggelgeschäften nichts am Hut und ließ sie meist ihrer Wege ziehen und die Hafenwache ihre Arbeit tun, doch was auch immer die Kolibri nun wieder trieb, nun musste er sich wohl oder übel auch damit beschäftigen.

Avian holte tief Luft und sah von seinem Schreibtisch auf. „Mheari,“ sprach er die Lyr an, die ihre Augen hoffnungsvoll geweitet ihm gegenüber saß. „ich weiß, welches Schiff du meinst“, ließ er ernst von sich hören. „Jedoch muss ich wissen, warum du gerade dieses Schiff suchst.“ Sein Blick verfinsterte sich ein wenig und er runzelte die Stirn. „Was hat eine Lyr wie du mit der Kolibri zu schaffen?“

Natürlich waren in seinem Kopf sofort die ersten Mutmaßungen aufgetaucht. Doch er wollte es aus ihrem Mund hören. Es interessierte ihn zutiefst, keine Frage, da er als neugieriger Mensch Dingen gern auf den Grund ging, doch gerade wenn es um zweifelhafte Tätigkeiten ging, musste jedermann Vorsicht walten lassen, sonst war das Risiko zu groß, sich in eine Geschichte zu verstricken, aus welcher man nur schwer wieder herausgeriet. Und doch quälte ihn das unangenehme Gefühl, dass er dies schon längst getan hatte.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Fr, 05. Apr 2013 16:40

Nachdem sie von den Geschehnissen der letzten Nacht erzählt hatte, beobachtete sie Avian ganz genau. Das Herz in ihrer Brust pochte vor Aufregung und vor Zuversicht, dass er ihr Antworten geben konnte, die ihr weiterhalfen. Das eingeschenkte Wasser ließ sie vorerst unberührt und auch für die Möbel und Karten hatte sie nur einen kurzen Blick übrig. Ihr fiel zwar auf, dass dieser Raum sehr komfortabel eingerichtet war, die Möbel sehr gepflegt waren und teils viele kunstvolle und kleine Details besaßen, aber ihren wahren Wert hätte sie wohl nie schätzen können. Viel wichtiger im Moment war ihr nur, ob Avian etwas mit ihrer Beschreibung anfangen konnte. Kannte er das Schiff mit dem blauen Vogel?

Zuerst sagte er nichts, aber die Reaktion seines Gesichtes entging ihr nicht. Das kurze Stutzen ließ mit einem Mal all ihre Gefühle umschlagen und zerschlug das wenige Positive, das eben noch dagewesen war. Es war nur eine kleine Regung gewesen, aber sie bemerkte sie, so sehr konzentrierte sie sich auf Avian. Doch ihre Hoffnung, dadurch sofort den kleinsten Schimmer von Wissen und Zuversicht zu entdecken, schlug sich nur allzu schnell ins Gegenteil um. Noch bestätigte er ihre Befürchtungen, die nicht einmal klare Konturen besaßen, da dieser Vogel auf dem Schiff plötzlich so viel mehr bedeuten konnte, nicht. Auch als er auf die Papiere auf seinem Tisch schaute, äußerte er sich noch immer nicht. Doch dieser eine kurze Augenblick bereitete Mheari ernsthafte Sorgen. Er wusste, von welchem Schiff sie sprach und auf diese Erkenntnis hatte er nicht positiv reagiert.

Der Moment, als Avian langsam von all den Papieren zu ihr aufsah, ließ Mheari die Luft anhalten. Die Kiemen seitlich an ihrem Hals schlossen sich und gaben keinen, wenn auch kaum vernehmbaren Laut hier an Land mehr von sich. Die Verfinsterung seines Blickes, das Stirnrunzeln. Seine folgenden Fragen versetzten ihr kleine Stiche, die direkt ins Herz fuhren. An was für Menschen war Sijhari nur geraten? Mheari brauchte ein paar Sekunden, um ihre Stimme wiederzufinden, nachdem sie realisiert hatte, was Avians Fragen bedeuteten.
"Sie haben meine Schwester entführt", antwortete sie atemlos. Sie biss sich auf die Lippen und starrte ihn einen Moment lang an. Dann wandte sie das Gesicht ab, drehte den Kopf, sodass sie aus dem Fenster sehen konnte, auf das Meer, in dem es gestern noch so friedlich gewesen war. Mit ihren Worten brach sie nicht nur das Schweigen in der Kabine, sondern auch das ihrer Gefühle. Tränen schossen ihr widerwillig in die Augen und der Schmerz, der seit der letzten Nacht tief in ihrem Inneren ruhte und durch ihren Tatendrang verdrängt worden war, grub sich plötzlich mit aller Macht an die Oberfläche. Plötzlich war es so eng hier drin, dass sie am liebsten das Weite gesucht hätte. Es war ihr unangenehm und peinlich, doch sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Ein Schniefen entwich ihr wie von selbst, das sie nicht verhindern konnte. Sie versuchte sich zur Ruhe zu rufen, versuchte das alles mit Abstand zu sehen und sich wieder allein auf die Suche zu konzentrieren. Sie schloss einen Moment die Augen, öffnete sie wieder und blinzelte, um ihre Augen zu trocknen und dennoch lösten sich zwei Tränen aus ihren Augenwinkeln. Sie atmete tief ein und aus und hoffte nur, dass Avian nichts mitbekam oder wenigstens nichts unternahm.

"Sind diese Menschen sehr böse?" Ihre Worte waren sehr leise und die Angst belegte ihre Stimme, während sie versuchte, weitere Tränen zurück zu halten. Sie war nicht dumm. Avians Ton, als er erklärte, dass er das Schiff kannte, und die Frage, was sie mit solch einem zu tun hatte, ängstigte sie noch mehr als die Ungewissheit, in der sie zuvor gelebt hatte. Davor hatte sie noch gehofft, auch wenn sie nicht wusste, auf was genau. Vermutlich, dass diese Menschen Sijhari nichts taten, dass sie nicht grausam waren, dass sie einen Hauch Respekt vor dem Leben besaßen.
Mit zittrigen Händen griff Mheari nach dem Wasserglas, den Blick noch immer von Avian abgewandt, da sie sich noch immer nicht sicher war, sich wieder voll und ganz gefasst zu haben. Sie krallte sich förmlich an dem Glas fest, als könne es ihr den Halt geben, den sie nun brauchte, und nahm einen Schluck, um ihre trockene Kehle zu befeuchten.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Mo, 08. Apr 2013 22:18

Hätte er einen Seitenblick auf sein eigenes Spiegelbild in dem Kristallglas, welches vor ihm stand, geworfen, hätte Avian wohl einen Ausdruck erkannt, den sein Gesicht schon länger nicht mehr gezeigt hatte. Doch allein die Tränen, die in Mhearis Augen standen, als sie schlussendlich die Wahrheit über ihre Schwester preisgab, weckten in Avian das plötzliche Verlangen, seine Faust ins Gesicht eines jeden Menschen zu rammen, die ihr solch großes Leid angetan hatten. Ernst senkte er den Blick und runzelte die Stirn. „Um deine Schwester tut es mir leid“, sprach er wahrheitsgemäß. Doch normalerweise ein Mann großer Worte, fand er nun nicht die richtigen für diese Situation. Keineswegs wollte er Mheari falsche Tatsachen vorgaukeln. Jedoch berührten ihn ihre augenscheinliche Sorge, ihre Angst, ihre Scheu, ihn um Hilfe zu bitten, zutiefst, war die nervenaufreibende Oberflächlichkeit der meisten Menschen, die ihn für gewöhnlich umgaben wohl eher Gang und Gäbe. Und so kam es, dass er in diesem Moment eine Entscheidung fällte. Seinem Vater verdankte er so einiges, seinen Status, seinen Ruhm, dass es ihm nie an etwas gefehlt hatte und dass er sich in seiner Jugend auch die Hörner abstoßen hatte können. Doch der jungen Frau ihm gegenüber verdankte er sein Leben.

Als der herzzerreißende Blick der Lyr ihn erneut erreichte und die Spuren zweier Tränen so deutlich auf ihrem Gesicht zu sehen, auch wenn sie sich scheinbar dafür schämte, holte er tief Luft und vergrub seinen Kopf in seinen Händen. Angestrengt kramte er in seinem Oberstübchen nach einer galanten Form, ihr zu erklären, womit es sich mit der Kolibri auf sich hatte, doch es mochte ihm nicht einfallen. Vermutlich, so schloss er, wäre es ohnehin besser, ihr sogleich die Wahrheit zu sagen. So hob er den Kopf wieder und sah ihr ernst in die Augen. „Es…es werden Geschichten über die Kolibri erzählt. Es heißt, sie rauben Männer und Frauen, um sie auf Märkten im Süden zu verkaufen. Sie sollen dunkle Geschäfte führen, nichts offiziell, mit Waren, für die ein rechtschaffener Mann mehrere Jahre im Kerker schmoren müsste. Selbst hatte ich noch nie mit ihr zu tun, aber wenn die Kolibri deine Schwester wirklich entführt hat, dann stimmen die Gerüchte wohl oder übel.“ Er räusperte sich und nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. „Mheari“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Du hast mir das Leben gerettet und ich hatte dir versichert, in deiner Schuld zu stehen und sie auch zu begleichen. Ich bin ein Mann, der sein Wort hält.“ Er lehnte sich ein Stück nach vorne und griff nach der fragilen Hand der Lyr, mit welcher sie leicht zitternd ihr Glas beinahe umklammert hatte. „Ich verdanke dir mein Leben. Lass mich dir helfen, deine Schwester zu finden.“

Ja, sein Vater würde toben vor Wut. Mit Sicherheit würde er eine Unternehmung wie diese alles andere als gutheißen. Doch mit etwas Glück würde nicht allzu viel Zeit verloren gehen. Sie würden der Kolibri folgen, die gen Süden aufgebrochen war, wie er den Plänen entnehmen konnte, Mhearis Schwester zurückholen und schnurstracks wieder nach Rômachar zurückkehren. Um die rechtmäßige Annahme seiner Waren würde er sich natürlich noch selbst kümmern, doch auch sein erster Maat, ein ehrenwerte Herr aus Rômachar namens Salman Linari, mit welchem er schon so manche Seemeile gesegelt war und dem er neben seinem Schiff auch sein Leben anvertrauen würde, würde die Windreiter sicher nach Merridia zurückbringen.

Ein lautes Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken, Avian musste sich kurz fassen, signalisierte dem Störenfried jedoch gleich, er möge eintreten. „Mein Herr“, murmelte einer der Matrosen schüchtern, „wir erreichen in Kürze den Hafen Rômachars. Herr Salman hat mich beauftragt, Euch Bescheid zu geben.“ Avian nickte kurz und lächelte nicht ohne Ironie. „Danke, Junge. Ich werde ihm Gesellschaft leisten, sobald wir angelegt haben. Er wird es auch alleine schaffen, den Hafendirnen schöne Augen zu machen.“ Eine leichte Verbeugung andeutend, verließ der Matrose, ein hagerer Bursche, kaum sechzehn Winter alt, die Kajüte mit irritiertem Blick, während der Händler sich erneut an sein Gegenüber wandte. „Entschuldige die Unterbrechung. Allerdings werde ich mich trotzdem erst um den Verbleib meiner Waren kümmern müssen, ehe wir uns erkundigen können, wohin die Kolibri unterwegs ist, um in Folge ein Schiff zu finden, welches genau dahin fährt.“

Nachdem eine Lyr bei Handelsgesprächen wohl sichtlich fehl am Platz wäre, sie sich auch auf dem Schiff unwohl fühlte und er sie sich beim besten Willen nicht in einer Hafentaverne vorstellen konnte, wusste er nicht wirklich, was er ihr nun als eine Art Zeitvertreib anbieten sollte, doch es wäre wohl das Beste, wenn sie erst einmal von Bord gingen und vor allem mit Salman klärten, wie sie nun weiter vorgehen würden. Das Gesicht seines ersten Maates wollte er sich nämlich bei aller Dramatik, die die aktuelle Situation bot, nicht entgehen lassen.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Do, 18. Apr 2013 20:58

Sie nickte stumm, dankbar für seine Worte, aber in diesem Moment nicht fähig, etwas darauf zu erwidern. Sie hörte ihn tief Luft holen und sah durch einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln, wie er sein Gesicht in den Händen vergrub. Es überraschte sie, wie nah ihm ihre Geschichte ging. Nah genug, um scheinbar allerlei Gefühle aufzuwirbeln. Sie war froh, dass er nicht hinüber zu ihr kam, denn dann hätte sie vermutlich völlig die wenig verbliebene Beherrschung verloren. So klammerte sie sich an das Glas in ihrer Hand und fixierte den Horizont durch das Fenster. Er schwankte zwar durch die Bewegung des Schiffes, trotzdem gab er ihr etwas Halt.

Diesen brauchte sie auch, als Avian ihr von der Kolibri, so musste das Schiff heißen, erzählte. Unweigerlich breitete sich eine Gänsehaut über ihren Armen aus. Was er ihr über das Schiff erzählte, ließ ihr den Atem stocken. Einen Moment lang spürte sie, wie sich die Angst um ihre Schwester wandelte, wie sie anstieg und über ihr zusammen brechen drohte, um sie zu verschlingen. Sie spürte Panik in sich aufsteigen und umklammerte das teure Glas unbewusst fester. Ihre kleine Schwester war entführt worden, an schlechte Menschen geraten und würde irgendwo im Süden verkauft werden. Wie furchtbar! Wenn sie nur daran dachte, was ihr kleine Schwester im Moment durchstehen musste, während sie hier im Sicheren saß. Bleib ruhig, Mheari. Du bist die Einzige, die nach Sijhari sucht. Sie braucht dich. Sie musste es sich mehrmals einreden, bis das Flimmern vor ihren Augen verschwand und sie sich aus dem beklemmenden Gefühl befreien konnte. Sie versuchte nicht genauer darüber nachzudenken, was Avians Worte für Sijhari bedeuteten.

Auch Avians Stimme half ihr dabei, die Panik keine Überhand gewinnen zu lassen. Sie blinzelte, als er ihren Namen sagte, und schaute ihn an. Ihre Augen waren noch immer feucht, aber irgendwo her nahm sie die Kraft, die Kontrolle zu behalten und wenn es nur darum ging, sich nicht vor ihm zu blamieren. Außerdem wusste sie nicht, ob sie würde weiter machen können, wenn sie erst zuließ, dass die Gefühle die Oberhand gewannen. Zuerst verstand sie den Sinn seiner Worte nicht. Die blauen Augen schauten hinunter auf seine Hand, die ihre beruhigende Wirkung nicht verfehlte. Bis er ihr vorschlug, ihr bei der Suche nach Sijhari zu helfen. "Wirklich?", hauchte sie. Er hatte gesagt, er stünde in ihrer Schuld. Aber bis jetzt hatte sie nicht daran gedacht, dass er seine Worte tatsächlich ernst meinte. Sie wollte seine Hilfe ablehnen, ihm sagen, dass es nicht notwendig war und es schon in Ordnung war. Aber in Wirklichkeit würde sie diese Hilfe niemals abschlagen können. Sie kannte diesen Mann noch nicht lange, aber in dieser kurzen Zeit hatte er ihr sehr viel mehr geholfen, als es jeder andere könnte. Sie wäre verrückt, diese Hilfe, die sie im einsamen Meer gefunden hatte, einfach so auszuschlagen. "Vielen Dank, Avian." Sie schaute ihm in die Augen "Vielen Dank", wiederholte sie noch einmal. Sie hatte das Gefühl, ihm nicht deutlich machen zu können, was das für sie bedeutete. Im Moment nämlich alles.

Sie wollte sich gerade erheben, um ihn in einem neuen Gefühl der Hoffnung zu umarmen. Da wurde jedoch die Tür geöffnet. Halb in der Bewegung hielt Mheari inne und ließ sich wieder auf dem Stuhl nieder. Sie hörte dem Wortwechsel zu, beteiligte sich aber nicht daran. Das Wort Hafendirne ließ sie die Stirn runzeln, aber sie fragte nicht nach dessen Bedeutung. Sie hob den Kopf, als Avian wieder mit ihr sprach und nickte verstehend. "Ja, natürlich." Auch wenn es ihr schwer fiel, so wollte sie doch nicht den Eindruck erwecken, dass er sein Leben auf der Stelle wegwerfen sollte, um sich fortan allein um ihre Belange zu kümmern. Die Zeit rann wie Sand zwischen ihren Fingern dahin, aber ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als auf Avian zu warten. Sie wusste nun immerhin, wonach sie suchen musste. Und sie vermutete, dass Avian noch mehr über das Schiff wusste, vielleicht sogar, wohin genau es fuhr. Daher war das Warten auf ihn halb so schlimm wie die Suche nach einer anderen Hilfe. Eine spontane Verfolgung des Schiffes wäre wahrscheinlich sowieso nicht so klug, wenn das stimmte, was Avian darüber gehört hatte. Sie lächelte ihn schwach an, dankbar, aber auch sichtlich erschöpft vom ganzen Gefühlschaos. "Dann fahren wir erst nach Rômachar." Es klang wie ein Entschluss und ihr war klar, dass es nicht ihre Entscheidung war, sondern Avian das bestimmte. Doch sie hatte das Gefühl, Avians Worte noch einmal unterstreichen zu müssen und ihm zu zeigen, dass ihr klar war, dass sich trotz allem nicht alles um sie drehte und sie das auch verstand.
Wenn Nebel sich übers Wasser legt,
am nahen Ufer die Macht sich regt
in Form von lieblicher Frauengestalt
dich zu fangen,
dich zu bannen..

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