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Die Geschichte von Wind und Wasser

Die Heimat der Lyr.
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Avian
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Mo, 06. Mai 2013 17:43

War Avian, sofern er sich in Gesellschaft einer oder auch mehrerer schöner Damen befand, noch nie um eine Antwort verlegen gewesen, wusste er nun nicht wirklich, wie er mit dieser Situation richtig umgehen sollte. Einerseits konnte man jede kleinste Gefühlsregung in Mhearis Augen erkennen, andererseits unterschied sie sich so entschieden von allen Frauen, mit denen er bisher zu tun hatte. Obgleich schon das Aussehen zu anderen Schlüssen leitete, hatte der junge Mann doch stets eine Art Ähnlichkeit zwischen Lyr und Menschen angenommen, doch konnte er bisher noch nicht behaupten, viel von ihrem Verhalten in seinem eigenen und dem der Personen, die ihn umgaben, wiedererkennen zu können. In Gedanken versunken zwirbelte er an einem Ende seines Schnurrbartes, während er sich erneut Mheari gegenüber niederließ und ihr schwaches Lächeln ein wenig abwesend erwiderte.

Ein paar Momente unangenehmen Schweigens folgten und Avian wäre kein guter Gastgeber, hätte er nicht versucht, die Situation durch ein wenig Geplänkel aufzulockern, hatte er auch Salman ausrichten müssen, ihm heute wegen seines Gastes keine Gesellschaft zu leisten. „Also…Mheari,“ erwiderte er, nachdem er sich kurz räusperte. „Schon mal in Rômachar gewesen?“ Zwar war es nicht Gang und Gäbe, doch hatte er im Zuge seiner zahlreichen Besuche wohl bereits den einen oder anderen Lyr am Festland erblickt. Manche von ihnen lebten sogar dort und hatten sich mit Menschen vermählt, doch war er nur selten in diesen Teil der Stadt gekommen und hatte die Gesellschaft dieser Leute bisher vorrangig gemieden. Ein Bild der stereotypischen hochadeligen Dame, die sich naserümpfend abwandte, schoss ihm in den Kopf und ließ ihn kopfschüttelnd lächeln.

Kurze Zeit später war das Schiff auch bereits zum Stillstand gekommen und der Seemann vernahm das vertraute Geräusch der Taue, wie sie an Land geworfen wurden und die Stimme Salmans, der Befehle brüllte. Erleichtert klatschte Avian in die Hände und sprang förmlich auf. „Gut, wir sind da! Wenn du mir bitte folgen würdest.“ Galant öffnete er der Lyr die Tür, so wie es sich gehörte, übernahm danach jedoch wieder die Führung. An Deck wurde er bereits von seinem ersten Maat erwartet, ein ein wenig klein geratener, sonnengebräunter Mann im besten Alter, der ihn sofort mit einem eindeutig zweideutigen Blick bedachte. „Nein“, sagte Avian laut und deutlich. „Vergiss es.“ Beschwichtigend hob Salman die Hände, konnte sich das Grinsen jedoch nicht verkneifen. „Was? Ich habe nichts gesagt!“ Avian verdrehte zynisch, aber nicht böswillig die Augen. „Hättest du deinen Arsch aus deiner Kajüte bewegt, als sie mich aus dem Meer fischten, nachdem ich fast ertrunken wäre, hättest du die Gelegenheit dazu gehabt!“ Dieser kleine Schlagabtausch war bereits seit Jahren Gang und Gäbe bei ihnen, zuvor bei seinem Vater und der junge Mann musste zugeben, dass er ihn durch genoss. Da Salman ein ebenso großartiger wie unverzichtbarer Seemann war, verzieh er ihm seine große Klappe nur zu gerne, und so lachte er nur, als sein Maat wie erwartet, konterte. „Entschuldigt, werter Herr, dass ich annahm, ihr könntet euch selbst die nasse Haarpracht trockenreiben. Dieser Fehler wird mir nie mehr unterlaufen.“

Verschmitzt zwinkerte Avian Mheari zu, die das Schauspiel ein wenig irritiert zu beobachten schien, und trat an ihre Seite. „Salman, das ist Mheari. Sie hat mir das Leben gerettet und ich habe mich dazu entschlossen, ihr im Gegenzug zu helfen, ihre Schwester zu finden. Sie wurde von den Männern der ‚Kolibri‘ entführt, welche höchstwahrscheinlich gen Süden unterwegs ist.“ Eine kleine Kunstpause folgte. „Ich werde einen Brief an meinen Vater aufsetzen und ich darf dich bitten, nach den Gesprächen mit den Händlern die Windreiter nach Merridia zu bringen und meinem Vater den Brief zu überreichen.“ Salman runzelte die Stirn, als ob er auf ein „Reingefallen!“ warten würde, doch Avian hatte gesagt, was zu sagen war. Nachdem er den Ernst der Aussage wohl erkannt hatte, schüttelte der Seemann nur den Kopf. „Er wird dich umbringen, ich hoffe, dass ist dir bewusst.“ Avian nickte und hob eine Augenbraue. „Das lass aber bitte meine Sorge sein.“ Nach kurzem Zögern, in der Hoffnung, der junge Mann würde seine Meinung vielleicht doch noch ändern, willigte Salman schließlich ein. Dankbar legte Avian ihm eine Hand auf die Schulter. „Auf dich ist Verlass, alter Freund. Ach ja, und hab bitte ein Auge auf die Männer. Nicht, dass sie Mheari zu nahe kommen, während ich weg bin.“ Kurz linste der Maat in Richtung der Lyr und nickte. „Eine berechtigte Sorge.“

Nach diesem kurzen Gespräch wandte Avian sich wiederum Mheari zu. „Ich muss nun zusehen, dass meine Waren sicher ihren neuen Besitzer erreichen. Das wird eine Weile dauern und ich kann dir sagen, Handelsgespräche sind furchtbar langweilig“, versuchte er sie mit seinem charmantesten Lächeln zu überzeugen. „Ich kann dich natürlich nicht zwingen, in der Zwischenzeit hierzubleiben, aber auf dem Schiff bist du sicher. Salman ist ein guter Mann, er wird dir helfen, solltest du etwas brauchen.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Ich verspreche, ich werde versuchen, das Geplänkel der Bürokraten so kurz wie möglich zu halten. Danach komme ich wieder und wir machen uns auf die Suche nach einem Schiff. In Ordnung?“ Zugegebenermaßen fiel es ihm ein wenig schwer, so nonchalant und entspannt zu reagieren, wie er es bei jeder anderen Frau getan hätte, war doch sein vorrangiges Ziel ein vollkommen anderes. Doch so verunsichert, wie die Lyr aussah, war es wohl an ihm, ihr eine Stütze zu sein. Sie würden das Kind schon irgendwie schaukeln, wie man so schön sagte.
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muss bis zum Grund des Meeres tauchen.

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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » So, 12. Mai 2013 17:53

Die Fahrt in die Hafenstadt Rômachar dauerte nicht so lange, wie sie erwartet hatte. Das Schiff war schneller als sie hätte schwimmen können und so verharrte sie ruhig, während Haut, Haare und die wenige Kleidung langsam trockneten. Die Zeit überbrückten sie, in dem sie über die Stadt sprachen, auf die sie geradewegs zusteuerten. Mheari erzählte Avian, dass sie vor ein paar Jahren in Rômachar gewesen war, zusammen mit ihrer kleinen Schwester, wie sie lächelnd bemerkte. Die junge Lyr verschwieg ihm dabei nicht, dass die Stadt auf sie sehr wirr und eng gewirkt hatte. Die Menschen seien alle freundlich gewesen, wenigstens hatten sie keine Angst vor ihnen haben zu müssen. Ganz geheuer war ihr die Stadt aber nicht gewesen, weshalb sie auch nicht lange dort geblieben waren, sondern schon nach kurzer Zeit zurück ins Meer gekehrt waren.

Schon bald stoppte das Schiff, es gab einen kurzen Ruck und dann stand es still. Mhearis Herz begann bereits schneller zu schlagen. Zum einen, weil sie nun ihrem Ziel, der Kolibri zu folgen, näher kamen. Zum anderen, weil sie nun zum zweiten Mal in Rômachar war und sich fragte, wie Avian sich die folgenden Stunden vorstellte. Sie würde sicher viel zu viel Aufmerksamkeit an seiner Seite erregen und seine Erledigungen unnötig in die Länge ziehen. Alleine in die Stadt wollte sie jedoch auch nicht gehen. Sie befürchtete, sich dann nur zu verlaufen und damit unnötig Zeit zu verschwenden, wenn sie sich erst auf die Suche nach dem Rückweg machen müsste. Außerdem war ihr der Weg durch eine unbekannte Stadt voller Menschen dann doch etwas angenehmer, wenn sie in Begleitung war.

Noch überlegend, wie sie nun die wertvolle Zeit überbrücken sollte, folgte sie Avian hinaus, kurz lächelnd über seine höfliche Art, die er auch beim Öffnen der Tür an den Tag legte. Etwas, das Mheari so nicht kannte. Auf dem Deck wartete bereits ein kleiner Mann, von dem sie richtig annahm, dass er der erwähnte Erste Maat war. Den Blick, den er Avian beim Betreten das Decks zuwarf, versuchte sie zu ignorieren oder allenfalls misszuverstehen. Solche und ähnliche Blicke hatte sie schon damals vermehrt in den Gesichtern der romarischen Männer erkannt und nicht sehr geschätzt. Schließlich kannte sie Avian kaum. Über ihre wenig bekleidete und für Menschen unübliche Erscheinung war sie sich noch immer nicht ganz bewusst. Die Unterhaltung der beiden Männer, die sich sehr zu mögen schienen, verfolgte Mheari schweigend und hier und da mit einem kleinen Lächeln, auch wenn sie mit einigen Wortwechseln nicht viel anfangen konnte. Aber das hatte sie schon erwartet, denn schon allein in der kurzen Zeit mit Avian hatte sie schon einige Worte gehört, die ihr fremd waren und von denen sie vielleicht gar nicht wissen wollte, was genau damit gemeint war. Als er ihr Salman vorstellte, nickte Mheari ihm freundlich zu und wartete sonst weiter im Hintergrund. Sie wollte nicht im Weg stehen und außerdem konnte sie sowieso nicht viel zu dem Gespräch beitragen. Erst als Avian Salman bat, ein Auge auf die Männer und sie zu werfen, schien Mheari wieder etwas anwesender zu sein. Sollte sie sich tatsächlich Sorgen machen? Sie kannte die Menschen zu wenig, um sie einschätzen zu können. Dass Avian ihr Salman zur Seite stellte, ließ sie jedoch an das Gute, an das sie zunächst immer zu glauben versuchte, leicht zweifeln.

Als sich Avian dann wieder ihr zuwandte, schaute sie zu ihm auf und nickte. "Das verstehe ich." Und zugegebener Maßen wollte sie eigentlich auch gar nicht bei all diesen Gesprächen dabei sein, von denen sie nur die Hälfte verstehen würde und deren Gesprächspartner sie sicherlich noch nervöser machen würden. Daher gefiel ihr sein Vorschlag, hier auf dem Schiff zu bleiben, sehr gut und sie sah sichtlich erleichtert aus. "Ich bleibe gerne hier." Sie warf einen Blick auf Salman, der sie zuversichtlich anlächelte. Als sie zurück zu Avian sah, war ihr sein Blick in die Augen fast unangenehm und ihre Wangen fühlten sich plötzlich etwas wärmer an. Seine Art und seine Blicke verfehlten ihre Wirkung jedenfalls nicht. "In Ordnung, ich werde hier warten", erwiderte sie und blickte kurz zu Salman, um seinem tiefen Blick auszuweichen. Bevor er sich jedoch gänzlich abwenden konnte, griff sie kurz nach seinem Arm, um ihn zurück zu halten, bevor sie die Hand auch schon zurückzog. "Ich hoffe, ich mache dir nicht zu viel Ärger wegen deinem Vater. Ich möchte nicht, dass er verärgert ist.. und dich umbringt." Sie musste kurz schmunzeln, war ihnen beiden doch klar, dass das nicht passieren würde. "Vielleicht lässt sich eine andere Lösung finden?" Sie wollte nicht der Auslöser für einen Streit zwischen ihm und seinem Vater sein. Auch wenn sie von einer anderen Lösung sprach, hoffte sie doch, dass Avian so entspannt auf diese Worte antworten würde wie auf Salmans Warnung diesbezüglich. Schließlich würde sie gar nicht wissen, wie sie weiter verfahren sollte, sollte Avian ihre Worte zum Anlass nehmen, die frisch geschmiedeten Pläne über Bord zu werfen und sein Leben wie bisher weiter zu leben.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Di, 28. Mai 2013 23:29

Keck zwinkerte Avian seinem Gegenüber zu, die erleichtert über seinen Vorschlag, auf dem Schiff zu bleiben, zu sein schien, wohingegen sie sein Blick beinahe verlegen machte. Er wusste um seine Wirkung bei den Damen, mit denen er sich für gewöhnlich umgab, doch besonders durch Mhearis Reaktion fühlte er sich erneut bestätigt. Und auch sie selbst, so befand er, war wohl auch nicht die schlimmste Gesellschaft, als er seinen Blick über ihren Körper schweifen ließ. Das Gespräch schien beendet, er wollte sich bereits abwenden, als er ihre kühle Hand an seinem Oberarm spürte, doch als er erneut in ihre Augen sah, hatte sie sie bereits zurückgezogen. „Ich hoffe, ich mache dir nicht zu viel Ärger wegen deinem Vater. Ich möchte nicht, dass er verärgert ist.. und dich umbringt,“ murmelte sie leise, versuchte sich dann jedoch auch an einem Lächeln. „Vielleicht lässt sich eine andere Lösung finden?“ Lauthals lachte Avian auf. "Das soll er mal versuchen!“ Er fuhr sich durch seine mittlerweile trockenen Locken und schmunzelte beruhigend. „Nein, keine Sorge. Ich bin mir sicher, er versteht, warum ich das tue. Und wir sind sicher bald wieder zurück.“ Insgeheim wusste er natürlich, dass er keineswegs verstehen würde, warum er heillos mit einer Fremden nach Süden verschwand und sein Schiff ohne ihm selbst an Bord zurückschickte und er konnte sich den Wutanfall seines Vaters, der wohl oder übel folgen würde, bereits relativ blumig ausmalen. Doch seine Entscheidung stand fest. Und Carn würde auch eine Weile ohne ihn auskommen können, sowohl persönlich, als vor allem auch finanziell.

Nach einem kurzen Abstecher in seiner Kajüte, um sich für die folgenden Gespräche etwas angemessener zu kleiden, als durchnässte Seekleidung es war, was ihm dank eines sehr eindeutigen Blickes Salmans, als er sich bereits empfehlen wollte, doch noch eingefallen war, hatte er sich in edler Gewandung und in Begleitung zweier bewaffneter Matrosen schließlich in Richtung des sich am Hafen befindendem Handelshauses Degenhardt aufgemacht. Schon lange arbeiteten sie mit ihnen zusammen, ehrbare Leute, die für die angemessene Lagerung und den Vertrieb ihrer Waffen in Rômachar und weiter ins Land hinein sorgten. So war die Vertragsunterzeichnung und anschließende Begutachtung der Waren, nur um erneut festzustellen, dass die Qualität einwandfrei war und die Kundschaft hochzufrieden sein würde, mehr eine Formalsache als dass wirkliches Geschick erforderlich war. Um die Degenhardts musste er sich keine Sorgen mehr machen, für die nächsten Tage hatte Avian seine Anwesenheit eigentlich bei einigen Gesellschaften ankündigen lassen, um seine Kontakte wieder etwas aufzufrischen und neue zu knüpfen, vor allem mit den aufstrebenden Waffenhändlern des Westens, doch dies müsste er wohl auf die nähere Zukunft verschieben.

Zurück an Bord musste er Mheari nur noch kurze Zeit vertrösten, um das versprochene Schreiben an seinen Vater fertigzustellen, die paar Zeilen, die er ihm mit seinem persönlichen Siegel versehen hinkritzelte, würden zwar keinen Preis gewinnen, doch sie mochten wohl fürs Erste ausreichen. Anschließend wies er ein paar seiner Leute an, etwas an haltbarer Verpflegung zu besorgen und diese tragbar zu verstauen. Zwar wusste er noch nicht, wann sie nun wirklich ablegen würden, zudem sie auch noch kein Schiff gefunden hatten, doch daran zweifelte er kaum. Er hatte einen Freund bei der Hafengesellschaft Rômachars - nun ja, besser gesagt hatte seine bildhübsche Schwester einmal ein gutes Wort für ihn eingelegt - und mit etwas Glück konnte dieser ihnen genau die Informationen beschaffen, die sie benötigten. Zwei Schlucke Wein, ein Blick in den Spiegel und ein Griff in seine Kleidertruhe, um einen langen, aber relativ schlichten Mantel für Mheari hervorzuholen, um ihre Blöße zu bedecken, später befand Avian sich auch schon wieder an Deck und winkte die Lyr zu sich. „Bereit?“ Er nickte ihr aufmunternd zu und reichte ihr den Mantel. „Für dich. Ich weiß, ihr tragt sowas normalerweise nicht, aber dann starren die Männer dich nicht zu sehr an.“ Galant bot er ihr einen Arm an und geleitete sie die Landeplanke hinunter. Nur wenige Minuten trennten sie vom Stützpunkt der Hafengesellschaft, ein wie beinahe alle Häuser Rômachars schöner Bau aus weißem Stein, nach kurzem Vorzeigen seines Amtssiegels gewährte man ihnen auch sofort Einlass. Das Glück war ihnen hold und einer der ersten Männer, der ihnen über den Weg lief, als sie das schmucke Gebäude betraten, war ebenjener, an den der junge Mann aus Merridia sich bereits erinnert hatte.

„Herr Sforigan, habt es doch nicht so eilig“, sagte er recht laut, um die Gestalt, die im Empfangsraum an ihnen vorbeihuschte, auf sich aufmerksam zu machen und lächelte schelmisch. Der Angesprochene, ein edler Herr namens Kilian Sforigan, seines Zeichens Handelsbeamter der Stadt Rômachar, wandte sich um und auch sein Gesicht hellte sich auf. „Avian Dynth, was für eine Überraschung! Hat es Euch auch wieder in unsere schöne Stadt verschlagen?“ Er nickte und die beiden Männer schüttelten sich die Hände. „Das ist Mheari.“ Avian deutete auf die Lyr. „Hast du einen Moment Zeit für uns?“ Verdutzt runzelte Kilian die Stirn, nickte jedoch und deutete ihnen den Weg in ein Hinterzimmer, welches scheinbar für Besprechungen genutzt wurde. An den Wänden prangten Seekarten, Ölgemälde von berühmten Kapitänen, sowie ein Ziersäbel, der vermutlich noch nie einen richtigen Kampf gesehen hatte. „Was kann ich für euch tun?“ fragte der junge Mann und wies sie an, sich zu setzen, bevor er sich selbst auf dem Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches niederließ. „Wir suchen ein Schiff gen Süden, so schnell wie möglich. Vorzugsweise in die gleiche Richtung, die auch die Kolibri angesteuert hat“, ließ Avian gleich die Katze aus dem Sack. Er wusste nicht, inwieweit Mheari ihr Vorhaben geheim halten wollte und er würde auch sicherlich nicht alles erzählen. Doch an und für sich war es nichts Gesetzloses, das sie taten und möglicherweise könnte ein einziger Mann, der ihr Geheimnis teilte, bereits die Chance auf Erfolg erhöhen.

Vollkommen verwirrt öffnete Kilian den Mund und hatte dabei erschreckende Ähnlichkeit mit einem Seebarsch. Danach hob er eine Augenbraue, kramte jedoch wortlos ein paar Karten und Pläne hervor. „Nach Süden also. Darf man Sinn und Zweck erfahren?“ Charmant lächelte Avian und zog seinen wohlpräparierten Beutel voll Goldmünzen hervor. Er wusste genau um Kilians größte Schwäche Bescheid - er war bestechlich. „Wir suchen die Kolibri. Und sie ist doch dafür bekannt, nach Süden zu fahren.“ Was auch immer ihr Gegenüber nun dachte oder ob er ahnen konnte, was der Grund ihres Vorhabens war, er ließ sich nichts anmerken, nickte verstehend und beugte sich über ein paar Pläne. „Die Kolibri, gestern Nacht ausgelaufen, angegebenes Ziel Koseye. Inwieweit das zutrifft, kannst du dir vermutlich selbst ausmalen. Die Richtung Menainon sollte jedoch stimmen.“ Er blätterte weiter in seinen Unterlagen. „Wir hätten da die Aurora, ein kleines Handelsschiff aus Ikhal. Sie läuft schätzungsweise in zwei bis drei Stunden aus, wenn ihr Glück habt“, er beäugte Mheari aufmerksam, „haben sie noch Platz für euch. Pier 7. Andere Schiffe nach Menainon habe ich ansonsten erst für morgen notiert.“ Zufrieden nickte Avian. „Ikhal sollte ausreichen. Danke, Kilian. Du hast uns sehr weitergeholfen.“ Er schob ihm den Geldbeutel zu, welchen der Beamte sogleich in seiner Tasche verschwinden ließ, sich anschließend ruhig aufrichtete, eine Verbeugung andeutete und sie nach draußen geleitete. „Immer wieder eine Freude, dich zu sehen“, verlautbarte Avian schmunzelnd, als sie sich vor dem Gebäude zum Abschied die Hände reichten. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte der Angesprochene stoisch, nickte kurz und verschwand wieder hinter der Tür. Tief Luft holend klatschte der junge Mann in die Hände. „Na, das lief doch besser, als erwartet. Was meinst du?“
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Sa, 15. Jun 2013 19:02

Mheari entspannte sich, als Avian ihre Bedenken mit einem Lachen und lockeren Worten verwarf, auch wenn sie ihm nicht gänzlich glaubte. Trotzdem freute es sie zu hören, dass er an dem Plan festhalten würde und ihr weiterhin helfen wollte. Genau wie er, hoffte auch sie, dass sie bald wieder zurück sein würden, zusammen mit Sijhari, wie sie aus tiefstem Herzen wünschte. "Dann bin ich beruhigt", erwiderte sie auf seine Worte und ließ ihn dann endgültig gehen.

In seiner Abwesenheit stellte sich Salman als eine angenehme Gesellschaft heraus. Er war zwar etwas rauer im Ton, kein Vergleich zu den Lyr in ihrer Heimat, aber dennoch sehr nett. Er nutzte die Gelegenheit und zeigte ihr das Schiff, angefangen beim Deck. Danach führte er sie durch das Innere, sodass sie einen Blick in den großen Lagerraum werfen konnte und dann in die Küche, mit dessen Koch Salman ähnlich umging wie mit Avian. Er sprach so innig von dem Schiff, als wäre es sein eigenes und man merkte ihm an, dass sein Herzblut an der Windreiter hing. Er zeigte ihr sogar einen der recht gemütlich eingerichteten Räume, die er Kajüte nannte und die, wie er betonte, sehr großzügig eingerichtet worden waren. Schließlich musste man die Besatzung mit gutem Essen und Komfort bei Laune halten. Und generell hatten es die Männer seiner Meinung nach sehr gut unter dem Käpt’n. Während des Rundgangs verlor Mheari jegliches Zeitgefühl, aber das Schiff mit all seinen Räumen und Charakteren mochte sie ablenken und ihre Gedanken beschäftigen. Unterwegs trafen sie auf mehrere Männer der Besatzung, die sie, wie vorhin schon auf Deck, mit offensichtlich verschiedenen Gedanken beäugten. Salman fand jedoch stets die richtigen Worte, konterte einen Blick der Männer mit einem Scherz, der seine ernste Botschaft nicht verschleierte, oder machte auf andere Wege deutlich, was er von dem Misstrauen hielt. Er versuchte Mheari das Verhalten der Männer zu erklären und bat sie, es zu entschuldigen. Immerhin sei sie eine Lyr, von denen man nicht viele sah und die man entsprechend selten erblickte. Und dann war sie auch noch so eine Hübsche, bei denen die Gedanken der Männer gerne durcheinander gerieten. Als er Mhearis geschmeicheltes Lächeln auf seine Worte erblickte, durchbrach er die Stille schnell mit einem Räuspern und wechselte das Thema.

Während Salman zu Anfang nicht genug gute Worte über Avian sowie ihre Beziehung zueinander verlauten lassen konnte und einige Geschichten aus seinem Leben erzählte, traute er sich schließlich auch nach einiger Zeit seinen fremdartigen Schützling über das Leben unter Wasser auszufragen. Die Beschreibungen ihrer Heimat - wobei Mheari den genauen Ort dieser verschwieg, musste sie doch jetzt am eigenen Leib erfahren, was passierte, wenn fremde Menschen in ihre Heimat eindrangen -, schienen Salman gleichermaßen zu faszinieren und zu erfreuen, sodass er sich auch nicht vor weiteren Fragen scheute. Mheari freute sich über sein Interesse und darüber, dass er so offen mit ihrem Wesen umging. Zwar war sie sich nicht sicher, ob sie seinen Humor verstand, aber er hatte eine sympathische Art und Ausstrahlung, die sie mochte.

Am Ende gelangten sie zurück an das Deck der Windreiter, wo er sie für einige Momente alleine ließ. Mheari ließ sich auf ein paar Kisten nieder und genoss den vertrauten Anblick des Meeres. Als sie den Blick über das Deck schweifen ließ, erblickte sie plötzlich und früher als erwartet Avian. Schon von weiten konnte er erkennen, dass sie es gut in Salmans Nähe gehabt hatte und er die richtige Gesellschaft gewesen war. Sie erhob sich auf sein Zeichen und ging zu ihm hinüber. "Wie war es?", erkundigte sie sich, während sie den Mantel mit einem kurzen Stirnrunzeln annahm und hinein schlüpfte. Der Stoff fühlte sich fremdartig auf ihrer Haut an und es würde wohl seine Zeit dauern, bis sie sich an das mehr als ungewohnte Kleidungsstück gewöhnt hatte. Auch wenn sie seinen Sinn nachvollziehen konnte und im Grunde froh war, dass Avian soweit gedacht hatte. Noch etwas unentschlossen schaute sie an sich hinab und betrachtete ihr neues Erscheinungsbild, das ihr noch nicht gänzlich gefiel. Aber so war es wohl besser. Als sie den Blick wieder hob, sah sie Avians gehobenen Arm, deren Geste sie auch einige Augenblicke später verstand. "Ich bin bereit", erwiderte sie und hakte sich mit einem verschmitzten Lächeln bei ihm ein. Zugegeben genoss sie seine höfliche und zuvorkommende Art, und welche Frau würde das nicht tun, ganz gleicher welcher Rasse. Trotzdem war es ungewohnt für sie, gerade von einem Menschen so behandelt zu werden und diesem nach so wenigen Stunden so nahe zu sein. Dennoch konnte sie nicht bestreiten, dass es ihr gut tat und ihr Halt gab, auch wenn dies wohl nicht nur auf ihre jetzige, unglückselige Situation zurück zu führen war.

Als sie Rômachars Hafen betrat, fühlte sich der feste Boden unter den nackten Füßen erst einmal ungewohnt an. Auf dem Schiff hatte sie das Schaukeln kaum bemerkt, der Wechsel zwischen Deck und festem Boden gestaltete sich deshalb für die ersten Augenblicke etwas schwierig, bis Mheari sich darauf eingestellt hatte, dass der Boden unter ihr nicht mehr schwankte. Zumindest der Hafen der Stadt wirkte recht hübsch, aber auch sehr voll. Hier herrschte reges Treiben und Mheari war abermals froh, dass sie nicht alleine hier war, auch wenn sie nicht so lange laufen mussten, denn nach wenigen Minuten betraten sie ein helles Haus. Wie so oft an diesem Tag, was eigentlich nicht unbedingt typisch für sie war, hielt sie sich auch dieses mal im Hintergrund und beobachtete das Geschehen still. Das alles war vollkommen ungewohnt für sie, sodass sie sich entsprechend unsicher fühlte, auch wenn sie versuchte, mit einem selbstbewussten Auftreten darüber hinweg zu täuschen. Avian hatte offenbar wirklich viele Beziehungen in der Stadt, sie hatte wohl genau den Richtigen mitten im Meer gefunden, kaum auszumalen, was sie in diesem Moment tun würde, wenn diese Begegnung nicht gewesen wäre.

Wieder lächelte sie, als ihr der nächste Mann vorgestellt wurde. "Hallo." Sie wusste nicht, ob sie es schaffen würde, seinen Namen richtig auszusprechen und deshalb beließ sie bei dem zurückhaltenden Gruß und folgte Kilian Sforigan und Avian, von dessen Arm sie sich mittlerweile gelöst hatte, erschien es ihr in diesem Moment doch irgendwie unpassend, sich geradezu an ihn zu hängen. Mit einer fließenden Eleganz, die sich in all ihren Bewegungen zeigte, ließ sie sich auf den Stuhl nieder und wartete mit einer gewissen Anspannung. Sie hoffte, dass das Gespräch gut verlaufen würde. Tatsächlich ließ Avian nicht lange mit dem Grund für ihren Besuch warten. Die Kolibri schien ein außergewöhnliches Schiff zu sein, das niemanden, mit dem sie bisher geredet hatten, zu behagen schien. Stets regte sich etwas in den Minen der Angesprochenen, das keine gute Assoziation mit dem gesuchten Schiff bedeuten konnte. Mheari selbst hatte keinerlei Probleme damit, ihr Ziel bekanntzugeben – oder besser gesagt vertraute sie Avian soweit, ob und wem man davon erzählen konnte. Ihr war der Name des Schiffes und seine Bedeutung bekannt; wie man mit diesen Menschen hier umging, konnte sie jedoch noch immer nicht einschätzen. Alles war so gänzlich anders und fremd.
Auch Kilian schien überrascht von ihrem Plan zu sein. Mheari erwiderte seinen Blick beinahe regungslos und fest. In ihren Augen waren keine Zweifel an ihrem Plan zu erkennen. Sie wollte zur Kolibri, sie musste einfach dorthin. Als er begann, in mehreren Papieren zu blättern, atmete die junge Lyr erleichtert und leise aus. Der Beutel, unverkennbar sein Inhalt, tat sein Übriges dazu, den Mann zum Reden zu bringen. Koseye, Menainon – auch das sagte ihr nichts, genauso wenig wie Ikhal. Das mussten wohl alles Städte sein, aber ihre Namen lösten Ahnungslosigkeit in ihr aus. Nichtdestotrotz hellte sich Mhearis Mine auf, denn dieser Mann wusste, wohin die Kolibri unterwegs war und er konnte ihnen ein Schiff nennen, das sie noch an diesem Tage dorthin bringen konnte.

Mit Unruhe und Vorfreude folgte sie Avian nach draußen und atmete dort all die von ihr abgefallene Anspannung aus. "Das war wirklich hilfreich. Du scheinst eine Menge Leute zu kennen, die dir gerne helfen", erwiderte sie lächelnd und von neuem Mut beflügelt. "Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin!", wiederholte sie noch einmal, da sie das Gefühl hatte, es tatsächlich nicht oft genug sagen zu können. Sie kannten sich noch nicht sehr lange und was er tat, war alles andere als selbstverständlich. Auch wenn sie ihm das Leben gerettet hatte, hätte sie dafür im Grunde nichts erwartet. "Ich denke, diese Aurora ist unsere einzige Chance. Warst du schon einmal in .. Ikhal?", fragte sie, nachdem sie noch einmal überlegen musste, wie die Stadt hieß. "Liegt es in der Nähe von .. dieser anderen Stadt, die der Mann genannt hat?" Mheari hatte wohl Glück, so schnell Vertrauen zu jemanden fassen zu können. Alle anderen hätten das alles vermutlich misstrauisch beäugt und sich oft gefragt, ob Avian nicht doch ein falsches Spiel spielte. Mheari war sich aber schon beim ersten Blick in seine dunklen Augen sicher gewesen, dass er ein guter Mensch war und seine Absichten ehrlich waren. Außerdem hatte sie kaum eine andere Wahl, als ihm zu vertrauen. Jede Hoffnung setzte sie in ihn und seine Hilfe.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Di, 09. Jul 2013 14:41

Avian hatte schon oft dabei zugesehen, wie sich manche Frauen abmühten, ein elegantes Auftreten an den Tag zu legen, wie sehr sie versuchten, einen Stapel Bücher auf dem Kopf zu balancieren, ihre Haare zu kunstvollen Frisuren flochten oder ihre Körper in enge Korsette zwängten, doch Mheari schien dies alles nicht zu benötigen. Jede ihrer Bewegungen wirkte fließend und anmutig, wenn sie sich zu ihm wandte, war es, als ob ihre Haare Wellen schlagen würden wie der Ozean, aus dem sie stammte. Sie war so anders als alle Frauen, die er bisher kennengelernt hatte, selbst die schönsten Damen des Hofes wirkten blass und scheinlos neben ihr. Und aus einem Grund, den er noch nicht kannte, verunsicherte es ihn. Kilian hingegen schien der Geldbeutel um einiges mehr zu reizen, denn nur zu schnell hatte er sie hinausgewunken.

„Das war wirklich hilfreich. Du scheinst eine Menge Leute zu kennen, die dir gerne helfen“, ließ Mheari von sich hören, ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen. Avian zuckte nur mit den Schultern. „Alles hier läuft über gute Kontakte. Wenn du niemanden kennst, kommst du in meiner Welt leider nicht weit.“ Verschmitzt schmunzelte er. „Hat man das jedoch erst mal rausgefunden, hat man leichtes Spiel.“ Sein Vater war ihm einerseits ein guter Lehrmeister gewesen, doch andererseits hatte Avian sich auch seit jeher hervorragend in die Riege der Reichen und Mächtigen einfinden können, hatte er doch stets gewusst, wie er seinen Charme gewinnbringend einsetzen hatte können.

Er konnte neue Hoffnung in Mhearis Augen sehen, als sie ihm sehr nachdrücklich für seine Hilfe dankte und charmant bescheiden winkte er ab. „Du hast mir mein Leben gerettet, ich rette deines. Oder eben das deiner Schwester, sieh es wie du möchtest.“ Schief lächelnd bot er ihr erneut seinen Arm an, um sie zurück zur Windreiter zu führen, während seine Männer in der Zwischenzeit hoffentlich bereits zwei Proviantpakete zusammengestellt hatten. "Ich denke, diese Aurora ist unsere einzige Chance. Warst du schon einmal in .. Ikhal?" fragte die Lyr neben ihm schüchtern und er schüttelte den Kopf. „Nein, leider noch nie. Wir hatten bisher noch nie das Vergnügen, mit den Menai zu handeln.“

"Liegt es in der Nähe von .. dieser anderen Stadt, die der Mann genannt hat?" Avian runzelte die Stirn. „Koseye? Ja, dies sind beides Städte in Menainon.“ Die Antwort war jedoch nur ein fragender Blick. „Das Land im Süden“ versuchte er sich an einer Erklärung. „Koseye ist eine der Residenzstädte des Königs, Ikhal ist ein Handelszentrum. Ich kann sie dir auf dem Schiff zeigen, ich habe Karten des gesamten Südwestens.“ Aufmunternd nickte er ihr zu. „Lass uns zurückgehen und unsere Sachen packen, danach suchen wir die Aurora.“

Seine Männer hatten wie üblich gute Arbeit geleistet und er belohnte diejenigen, denen er zusätzliche Aufgaben erteilt hatte, mit einem großzügigen Trinkgeld. Sie hatten zwei Taschen vorbereitet, die etwas Proviant, sowie eine Decke, ein Seil und andere Dinge, die eventuell nützlich werden könnten, enthielten, das einzige, das noch fehlte, war Avians Säbel, den er sich sogleich umschnallte. Seine edle Kleidung hatte er gegen praktische, seefeste Gewandung getauscht und er gewährte auch Mheari einen Blick in die Kleidertruhe, doch wollte er ihr nicht vorschreiben, was sie anziehen sollte. Er wusste ohnehin nicht, ob diese Fetzen, die sie am Körper trug, ihre Alltagskleidung waren, oder besondere Schwimmkleidung, oder was auch immer, eines war nur gewiss, in diesem luftigen Aufzug würde sie mehr als nur auffallen. Mit jeder Minute, die ihre Abfahrt nun näher rückte, klopfte sein Herz stärker, auf die selbe Art und Weise, wie es geklopft hatte, als er zum ersten Mal mit seinem Vater mit auf Reisen durfte. Ein ungewohntes Gefühl für den jungen Mann. Aufregung. Es war, als wäre er wieder ein kleiner Junge, der ein Abenteuer erleben durfte, ohne die Erlaubnis seiner Eltern, allein in die Fremde, um zu beweisen, wie erwachsen man bereits war. Und dies bereitete ihm Freude.

Hochoffiziell verabschiedete er sich anschließend von seiner Besatzung und zuletzt von Salman, der ihm unter Höchststrafe verbot, etwas Blödes anzustellen und ihm anhielt, ja wohlbehalten wieder zurückzukommen, doch er versicherte ihm erneut, die Windreiter und den Brief sicher zu seinem Vater zurückzubringen. Beinahe überkam ihn ein wenig Wehmut, als er schlussendlich zusammen mit Mheari die Landeplanke hinunterschritt. Bekanntes zurücklassen war ohnehin stets eine beschwerliche Angelegenheit und diesmal ganz besonders, brachen sie doch ins gänzlich Unbekannte auf. Doch war er überaus froh, zumindest eine gute Seele an seiner Seite finden zu können.

Das Schiff der Menai war gelinde gesagt, kompakt und die kleine Besatzung mit der typischen dunklen Haut des Volkes aus dem Süden, allesamt gekleidet in farbenfrohe Hosen und Hemden, war schon eifrig am Beladen des Seglers, als sie Pier 7 erreichten. Bei den Waren, die sie lieferten, handelte es sich scheinbar um Stoffe und Gewürze, doch besonders viel Platz hatten sie ohnehin nicht für etwaige Ladung im Bauch der kleinen Aurora. Neugierig beobachteten die Männer sie, als sie sich näherten, Avian setzte sein freundlichstes Lächeln auf und breitete seine Arme zum Gruß aus. „Guten Tag, werte Herren. Und Damen“, fügte er hinzu, als er auch zwei mit kunstvollem Goldschmuck behängte Frauen erblickte. „Dürfte ich möglicherweise ein Wort mit Eurem Kapitän wechseln?“ Verdutzt mit den Schultern zuckend und etwas in der Sprache der Menai bellend, die der junge Mann nicht sprach, reagierte einer der Seeleute scheinbar auf seine Frage und nur wenige Augenblicke später kam ihnen schließlich ein sehr großer, breiter Mann entgegen, seinen Kopf vollständig rasiert, Hautmalereien auf seinen Oberarmen und zwei große Ringe durch Löcher in seinen Ohren gesteckt. Belustigt hob Avian eine Augenbraue. Dies würde wohl noch sehr unterhaltsam werden.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Mi, 17. Jul 2013 18:49

Sie konnte wohl noch eine Menge von Avian lernen. Mit einem verlegenen Lächeln hakte sie sich erneut bei ihm ein und ließ sich zurück zu seinem Schiff führen, die vielen Blicke der Bewohner der Hafenstadt ignorierend. Der lange Mantel konnte eben nicht über ihre Herkunft hinweg täuschen und dass sie scheinbar so vertraut mit einem Menschen umging, weckte nur umso neugierigere Blicke. Mheari hörte Avian aufmerksam zu, als er ihr von Koseye, Ikhal und dem Land Menainon erzählte. Für sie waren das nur Namen unbekannter Städte und Orte. Die einzige Stadt, die sie bisher kannte, war Rômachar. Unter alle anderen konnte sie sich leider nicht viel vorstellen. Sie hoffte nur, dass die Menschen in Ikhal ähnlich waren wie diese hier in Rômachar, oder zumindest nicht böswillig. Dass selbst Avian noch nie in Ikhal gewesen war, beruhigte die Lyr nicht unbedingt. Ihr Herz begann schon jetzt schneller zu schlagen, wenn sie nur an all das dachte, was noch vor ihnen lag. Sie hoffte sehr, dass ihnen Valdysea wohl gesonnen war und sie Sijhari schnell finden würden, damit sie gemeinsam in ihre vertraute Heimat zurückkehren konnten.

Mheari war überrascht, dass und wie viel die Männer auf Avians Schiff in Taschen gepackt hatten. Unerfahren wie sie war, wäre sie mit nichts weiter als den Kleidern an ihrem Leib zur Aurora gegangen. Sie besaß eben keinerlei Erfahrung, wenn es ums Reisen ging.. oder darum, auf einen Schiff zu fahren, fremde Städte zu bereisen, Lyr aus den Fängen skrupelloser Männer zu befreien..
Auch wenn Avian es vormachte, wusste sie selbst mit den vielen Kleidungsstücken in der Truhe nur wenig anzufangen. Deshalb nahm sie auch nichts weiter aus der Truhe heraus, der Mantel würde ihrer Meinung nach ausreichen. Selbst an ihn hatte sie sich noch nicht gänzlich gewohnt und fand ihn eher einschränkend als alles andere. Sie ahnte ja nicht, dass auch dafür Avians Besatzung vorgesorgt hatte und sich in einer der Taschen eine passende Seemannsgarnitur für die Lyr befand.

Alles in allem fühlte sie sich eher überfordert mit der unbekannten Situation und wartete auf der Windreiter deshalb die meiste Zeit einfach ab, während sie versuchte, nicht im Weg herum zu stehen. So nah und so lange hatte sie nur selten Menschen beobachtet. Sie musste zugeben, dass sie immer interessanter fand. Schon in der kurzen Zeit waren ihr so viele verschiedene Charaktere begegnet. Dieses Volk schien vielfältiger zu sein, als sie bisher angenommen hatte. Als es endlich so weit war, verabschiedete sie sich höflich und freundlich von Salman und wünschte ihm eine gute Reise und eine ruhige See. Vielleicht würde sie ihn irgendwann wiedersehen, aber damit rechnete sie eigentlich nicht, schließlich verband sie mit Avian im Moment allein die Suche nach ihrer Schwester, der sie mit der Aurora hoffentlich ein großes Stück näher kommen würden.

Die junge Lyr musterte das kleine Schiff Aurora neugierig. Noch mehr jedoch zogen die dunkelhäutigen Menschen ihren Blick auf sich, ohne dass sie allzu aufdringlich wirkte oder sie gar anstarrte. Kannte sie dieses Gefühl, anders auszusehen als die Allgemeinheit, doch selbst gut genug von ihrem ersten und dem jetzigen Ausflug nach Rômacher. Trotzdem faszinierte sie die dunkle Haut der Menschen und die bunten Gewänder, die sie trugen. Auch wenn ihr Kapitän zunächst eine einschüchternde Wirkung auf die Lyr hatte.
"Was kann ich für Euch tun?" Der Akzent des Menai klang trotz der romarischen Sprache, die er benutzte, fremd und hart. Wie Mheari war auch er nicht von hier, sprach die Sprache dieses Volkes aber besser als sie, nutzte er sie als Händler doch regelmäßig. Er blieb vor den beiden stehen und stütze sich, die Arme vor sich ausgestreckt, mit den Händen auf der niedrigen hölzernen Rehling ab, während er den beiden Gestalten, die in seinen Augen nicht wirklich zusammen passten, einer Musterung unterzog. Dabei schaute er ernst und abschätzend, aber da war auch etwas in den dunklen Augen, was darauf schließen ließ, dass das auch nur eine gesunde Vorsicht sein konnte. Schließlich waren sie nur zwei Fremde, die augenscheinlich etwas von ihm wollten. Der Menai hatte für solche Gelegenheiten seine eigene Taktik, kamen die beiden doch bestimmt nicht grundlos zu ihm.

Sein Aussehen flößte Mheari Respekt ein, aber sie erkannte etwas in seinem Blick, das sie Mut fassen ließ. Sie konnte nicht immer nur Avian das Reden überlassen, auch wenn er nach dem Gespräch gebeten hatte. Aber sie musste handeln, um ihre Schwester zu finden und sicher nach Hause zurück zu bringen. "Ich grüße Euch. Mein Name ist Mheari und das ist Avian", begann sie es so förmlich, wie sie es schon ein paar mal von den Menschen gehört hatte, und überließ es ihrem Begleiter, sich als Lord und Besitzer der Windreiter zu nennen, da sie nicht einschätzen konnte, ob das nicht noch zu seinem Nachteil gereichen konnte. Ihre Begrüßung wirkte befremdlich für eine Lyr und war entsprechend steif. Aber immerhin huschte ein kleines Lächeln über die Lippen des Menai. "Wir wollen nach Ikhal und haben gehofft, dass Ihr uns mitnehmen würdet.", beantwortete sie dann ohne lange Vorrede die Frage des Mannes.
"Nach Ikhal?", wiederholte dieser mit hochgezogener Augenbraue und versuchte so viele Reaktionen wie möglich von den beiden auf seine skeptische Nachfrage einzufangen.
"Ja, genau", erwiderte Mheari, etwas zu hastig. "Wir haben etwas.." Wie nannte man das noch? Sie überlegte kurz, ehe es ihr wieder einfiel. "..Geschäftliches dort zu tun."
"So so, habt Ihr das?" Der Menai schmunzelte. Er war nicht dumm. "Eine Lyr aus dem Meer und ein Edelmann aus Rômachar, die etwas Geschäftliches in Ikhal zu tun haben. Was das wohl ist?" Offenbar brauchte er nicht die emphatische Begabung ihres Volkes, um sie zu durchschauen. Obwohl sie selbst Lügen oftmals an Mimik und Gestik instinktiv erkannte, war ihr jenes Laster selbst nicht gegeben. Ein leichter Schimmer legte sich über ihre Wangen und sie senkte kurz den Blick.

Der Menai betrachtete die beiden mit belustigtem Blick und löste sich von der Reling, um die Arme vor der Brust zu verschränken, ohne abweisend zu wirken. "Ich bin Sukhaî Harrâk, Kapitän der Aurora. Zufällig hätte ich noch etwas Platz auf meinem Schiff." Mhearis Augen funkelten bei seinen Worten, als sie wieder zu ihm aufsah. "Aber", sprach der Menai dann auch gleich weiter, "alles hat natürlich seinen Preis." Damit sah er zu Avian. "Ihr könnt Euch vermutlich vorstellen, was passiert, wenn ich die Geschichte Eurer hübschen Begleiterin erzähle." Er schüttelte den Kopf, sprach aber mit keinem Wort abwertend. "Das würde mir niemand abnehmen." Dann lachte er. Ein tiefes, schallendes Lachen, bei dem die anderen Anwesenden an Deck zu ihnen hinüber schauten. Er konnte ein angenehmer und gutmütiger Mann sein. Aber er war eben auch ein Geschäftsmann.
"Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn ich nichts darüber weiß. Nicht wahr?" Erwartungsvoll schaute er Avian an. Schweigen ließen sich viele teuer bezahlen. Avian sah so aus, als könne er einen gewissen Preis zahlen. Und wenn sich sein Instinkt nicht täuschte, und das tat er nur in Ausnahmefällen, schien die blauhäutige Meeresfrau einiges Schweigen Wert zu sein.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Sa, 20. Jul 2013 15:48

Sicherlich hatte dieser ominöse Kapitän eine einschüchternde Wirkung auf seine Umgebung und ausnahmsweise wurde auch Avian davon nicht verschont. Vermutlich weniger, weil ihn seine Anwesenheit derart beeindruckte, sondern eher weil der Menai ihn wie eine Fliege zerquetschen könnte, wenn er denn wollte, schoss es dem Händler durch den Kopf. Zudem glaubte er wohl, dass er hierbei mit Charme und Überredungskunst weniger weit kommen würde als bei romarischen Edelmännern. Dieser Kamerad hier wollte Geld sehen.

Umso überraschter war er, als, bevor er etwas entgegnen konnte, Mheari zu sprechen begann. Erst wollte er sie unterbrechen, da er davon ausging, sie würde furchtbar nervös sein, doch der interessierte Ausdruck in den Augen des Kapitäns blieb ihm nicht verborgen, so hatte eine hübsche Rarität, wie sie es war, vermutlich mehr Chancen, etwas bei ihm zu erreichen, als er selbst. „Ich grüße Euch. Mein Name ist Mheari und das ist Avian“, seltsam ungewohnt verließen diese förmlichen Worte die Lippen der Lyr. Avian selbst nickte nur. Er war nicht im Auftrag seines Vaters unterwegs, noch hatte er das Verlangen, mit ihnen zu handeln. Mehr als sein Rufname hatte sie also nicht zu interessieren. Zudem erwartete er ohnehin nicht, dass sich die Menai viel aus edlen Familien aus fremden Ländern machten. „Wir wollen nach Ikhal und haben gehofft, dass Ihr uns mitnehmen würdet." Avian lächelte freundlich, als der Kapitän eine Augenbraue hob. „Genau.“

Ein wenig hastig sprach Mheari weiter, bevor sie kurz ins Stocken kam. „Wir haben etwas…Geschäftliches zu tun.“ Scharf sog Avian die Luft ein. Ei, das war vermutlich nicht die taktisch klügste Variante, dachte er. Hoffentlich würde der Menai nicht zu viele Fragen stellen, solange sie ihm versicherten, dass sie erstens nichts Böses wollten, und zweitens für die Überfahrt aufkommen konnten. Natürlich wussten Männer wie Kilian Sforigan, warum man ihn in seinem Fall einfach gewähren lassen sollte, doch leider bestand ein kleiner Unterschied zwischen einem steifen Beamten aus der Großstadt und einem erfahrenen Seebären und Geschäftsmann. Und wie erwartet konnte man den Hünen nicht mit solch einfachen Worten abwimmeln. „So so“, raunte er verschwörerisch. „Habt ihr das? Eine Lyr aus dem Meer und ein Edelmann aus Rômachar, die etwas Geschäftliches in Ikhal zu tun haben. Was das wohl ist?“ Kaum sichtbar verdrehte Avian die Augen. Er griff an seinen Gürtel und berührte seinen Geldbeutel. Das würde nicht billig werden.

Schlagartig weiteten sich die Augen des Kapitäns, als er jeder von Avians Bewegungen folgte und sogleich wich der misstrauische Ausdruck auf seinem Gesicht einem breiten Lächeln. „Ich bin Sukhaî Harrâk, Kapitän der Aurora. Zufällig hätte ich noch etwas Platz auf meinem Schiff.“ Höflich neigte der junge Mann seine Stirn. „Es freut uns, Eure Bekanntschaft zu machen und diese Nachricht freut uns noch mehr.“ Es schien nicht so, als wäre der Menai auf Konflikt aus, er wirkte entspannt und gelassen. Vermutlich konnten sie sich glücklich schätzen, nicht an ein nach Rum stinkendes, wankendes Raubein geraten zu sein. „Aber alles hat natürlich seinen Preis." Wissend lächelnd löste Avian seinen Geldbeutel vom Gürtel. „Hört hört…“ Fröhlich klimperten die Goldmünzen, die wohl bald den Besitzer wechseln würden. Und das war wohl der Zeitpunkt für Avian, das Kommando zu übernehmen.

„Wisst Ihr, meine hübsche Begleiterin Mheari und ich“, zitierte er ihn, „müssen wirklich auf eine Art und Weise Dinge geschäftlicher Natur in eurem schönen Land klären.“ Freundlich breitete er die Arme aus. „Auch ich bin Geschäftsmann und wenn ein Ort auf dieser Welt es wert ist, ihm einen Besuch zu Handelszwecken abzustatten, dann ist es wohl Menainon. Seht, wir wollen euch keine Unannehmlichkeiten bereiten und wenn ihr uns eine sichere Überfahrt garantieren könnt, dann bin ich gerne bereit, um einen großzügigen Preis zu verhandeln.“ Geschickt spielte er mit dem Beutel in seinen Händen und blickte Sukhaî erwartungsvoll entgegen. Der stellte sich nur an die Seite der Landeplanke und wies ihnen galant mit einer Handbewegung an, sie könnten das Schiff betreten. Avian faltete die Hände und nickte ihm lächelnd zu, bevor er Mheari an der Hand nahm und sie den kurzen Weg bewältigten.

Sie folgten dem Kapitän und gelangten in eine kleine Kajüte, in der er vermutlich nächtigte. Die Luft war schwanger vom Geruch merkwürdiger Düfte, am Boden lagen Felle gestreifter Pelztiere. Sukhaî ließ sich auf der Stirnseite eines Tisches nieder und wies die beiden an, Platz zu nehmen. „Also gut“, begann er in seiner dunklen, volltönigen Stimme. „Um welche Art von großzügig sprechen wir hier?“ Avian holte ein paar der dünnen, merridischen Goldmünzen aus seinem Beutel und schnippte sie vor ihm auf den Tisch. „Diese hier sind mehr wert, als ein Mann der Nordreiche je zu Gesicht bekommen würde.“ Misstrauisch runzelte der Menai die Stirn. „Ich kenne diese Münzen, drei davon sind nicht mal so viel wert wie eine Blaue. Das Doppelte davon und wir sind im Geschäft!“ Avian hatte wohl einmal von der merkwürdigen Währung der Menai gehört, es hieß, sie würden mit Muscheln handeln, doch er kannte den genauen Wert dieser Blauen nicht und vor allem keinen Vergleich zu den Münzen Merridias oder Rômachars. Er lehnte sich etwas vor und hob selbstbewusst eine Augenbraue. „Wisst Ihr, wie viel eine Überfahrt normalerweise kostet. Einen Bruchteil! Ich bin bereit, noch einmal die Hälfte davon dazuzugeben, denn ich denke, Ihr seid ein Ehrenmann.“ Ein paar weitere Münzen fanden den Weg zu ihren Freunden. „Das Doppelte.“ Unnachgiebig schüttelte Sukhaî den Kopf.

„Drei Viertel?“ versuchte es Avian erneut, doch erfolglos. „Das Doppelte. Ich geleite euch ansonsten gerne wieder hinaus.“ Aus den Augenwinkeln fing er Mhearis unsicheren Blick auf, woraufhin er resignierend aufseufzte. „Das Doppelte für eine Flasche Wein, einen Blick auf Eure Seekarten und viele Blicke durch eines Euer Fernrohre.“ Sukhaî klatschte in die Hände und ein breites Lächeln zierte sein dunkles Gesicht. „Es ist mir eine Freude, mit Euch Geschäfte zu machen.“ Avian wedelte mit den Händen. „Ganz meinerseits“, entgegnete er nicht ohne Zynismus. Er fühlte sich merkwürdig zurück an das Gespräch mit Kilian erinnert, nur dass nun die Rollen nun vertauscht waren. Die Überfahrt war nun also gesichert, wenn das Glück ihnen besonders hold war, hatte die kleine Aurora nicht nur schiffahrtstechnisch einen überaus großen Vorteil der Kolibri gegenüber und würde schnell aufholen, sondern auch die Besatzung hatte womöglich Informationen über das Sklavenschiff zur Hand. Auch wenn er seinen Goldmünzen ein paar figurative Tränen nachweinte, seine Begleiterin wirkte erleichtert, nun endlich auf dem Weg zu sein, ihre Schwester zu retten und das erschien ihm in diesem Moment wichtiger.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Sa, 10. Aug 2013 8:58

Mheari schaute zu Avian, der auf Sukhaîs auffordernde Worte, die selbst die naive Lyr verstand, mit dem Lösen des Geldbeutels reagierte. Die Menschen waren ihr fremd, aber wenn sie etwas in den letzten Stunden auf ihrem Land gelernt hatte, dann, dass man mit diesen klimpernden, runden Münzen alles erreichen konnte. Einen Moment fragte sie sich, wie viel das Geld wert war, das Avian schon für sie, eine Fremde und nicht mal von seinem Volk, ausgegeben hatte und wie weit sie wohl ohne dieses und dem Menschen bisher gekommen wäre. Vermutlich nicht sehr weit. Aber über die Möglichkeit, andernfalls geschlagen nach Hause zurück zu kehren, um den langatmigen Beschluss des Rates abzuwarten, wollte sie erst gar nicht nachdenken.

Die Lyr lächelte, während sie Avian nun wieder das Wort überließ, denn mit anderen Menschen kannte er sich eben besser als sie aus, wie die letzten Stunden sie ebenfalls gelehrt hatten. Sie verfolgte das Gespräch und prägte sich so viele Worte und Formulierungen wie möglich ein, auf die sie später vielleicht zurückgreifen musste. Offensichtlich hatten ihre förmliche Anrede und Worte zum guten Verlauf des Gespräches beigetragen. Das nahm jedenfalls die Lyr an, die wohl einfach an den richtigen Seemann geraten war. Im Grunde hatten wohl weniger die holprigen, höflichen Formulierungen dazu beigetragen, Sukhaîs Sympathie für sie zu wecken als vielmehr seine offene Art und sein Geschäftssinn.

Sie sah erwartungsfroh zu Sukhaî hinauf, als dieser ihnen Platz machte und griff nach Avians Hand, der ihr half, das leicht schwankende Schiff zu betreten. Den umstehenden Personen lächelte sie etwas zurückhaltend, aber freundlich zu, während Avian und sie selbst ebenfalls offen angesehen und gemustert wurden. Diese Menai schienen Fremde gewöhnt zu sein und ihnen nicht sehr misstrauisch und abweisend gegenüber zu stehen.

Als sie in den kleinen Raum eintraten, blieb Mheari zuerst stehen. Die Luft voll unbekannter Gerüche war für sie wie eine Wand, gegen die sie lief. Sie kräuselte ihre empfindliche Nase, während sie bereute, nicht draußen an der frischen Luft geblieben zu sein. Ihr wurde bei den vielen Gerüchen fast schlecht, aber sie wollte nicht unhöflich erscheinen, weshalb sie blieb. Auch wenn es nicht viel Beobachtungsgabe brauchte, um zu sehen, dass es ihr plötzlich nicht mehr so gut ging. Ihr Blick streifte den Pelz auf dem Boden, der wohl einmal zu einem Tier gehört hatte. Sie hatte noch nie ein Fell einfach so auf einem Boden liegen sehen und der Sinn erschloss sich ihr nicht. Aber sie kannte schließlich auch Landtiere, wenn auch nicht viele, weshalb sie wusste, was das am Boden war. Die Menschen nannten sie Pferde und Hunde und der Mensch, der am Meer für sie auf der Handharfe, die heute ihr gehörte, gespielt hatte, hatte ihr einmal ein Schaf gezeigt, das ans Meer gelaufen war, während sie seiner Musik gelauscht hatte. Sie wusste nicht, wie dieses Tier, das getötet worden war und nun auf dem Boden dieses Schiffes lag, hieß, aber es machte sie traurig und sie bedauerte den Verbleib des Lebewesens. Während Sukhaî und Avian sich schon an den Tisch gesetzt hatten, blieb Mheari stehen und betrachtete den Raum, während sie versuchte, die Übelkeit und das Unverständnis über den Tod des Tieres zu ignorieren.

Von den Gesprächen über das Geld verstand sie nur sehr wenig und was die Farbe Blau damit zu tun hatte, gar nicht. Deshalb war sie einfach froh, als der Menai und Avian sich geeinigt hatten. Glücklicherweise bot Sukhaî ihnen an, mit ans Deck zu kommen. Die Aurora würde bald auslaufen und seine Mannschaft würde sich zuvor noch stärken. Auch Mheari und Avian sollten etwas essen, wenn es nach dem Menai ging.
Als sie an Deck des Schiffes traten, herrschte schon mehr Geschäftigkeit als vorhin. Jeder schien zu wissen, was er zu tun hatte. Die Lyr war froh über die frische Salzluft, die ihnen entgegen wehte und langsam kehrte die Farbe in Mhearis Gesicht zurück. Nur die Sonne, die in den letzten Stunden immer höher gewandert war, blendete sie, sodass sie sich die Hand vor die Augen hielt. Trotzdem sah sie mehr als zufrieden aus. Sie würden mit der Aurora in das fremde Land reisen und dort Sijhari finden und nach Hause holen. Noch ahnte sie ja nicht, was für Schwierigkeiten und Strapazen das bedeutete.

Eine hoch gewachsene Frau, deren dunkle Haut fast rötlich erschien, kam auf sie zu, als sie die drei erblickte. Ihre schwarzen langen Haare waren zu einem Zopf gebunden und die dunklen Augen schauten sie freundlich an. Die farbenfrohen Gewänder, in die sie gehüllt war, umschmeichelten ihren schlanken Körperbau. Sukhaî gab ihr einen Kuss auf die Wange und legte dann einen Arm um ihre Hüfte. "Darf ich euch meine Frau vorstellen. Das ist Nakija." Diese begrüßte die Fremden mit der freundlichen Zurückhaltung, die man den Menai oft nachsagte. Offensichtlich hielt dieser Menai nichts von den Geschichten, die viele Männer davon abhielt, Frauen mit auf das Schiff zu nehmen - noch seine eigene Frau Tag und Nacht bei sich zu haben. "Das sind Mheari und Avian, sie werden uns nach Ikhal begleiten. Sei so gut und bring ihnen etwas zu essen." Nakija nickte, lächelte sie beide an und verschwand dann unter Deck. Sukhaî sah ihr noch einen Augenblick nach, ehe er sich wieder an seine Gäste wandte. "Ich habe noch einiges zu tun. Ihr könnt euch ein Plätzchen an Deck suchen. Fühlt euch wie zu Hause und wenn ihr etwas braucht, wendet euch an Nakija." Da sonst keine Fragen oder andere Bemerkungen zu kommen schienen, drehte auch er sich schließlich um und bellte den Männern und Frauen Befehle in seiner eigenen Sprache zu. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sie ablegen würden. Mheari seufzte glücklich. Sie konnte ihr Glück noch gar nicht fassen.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Fr, 30. Aug 2013 21:28

Freundlich, jedoch reserviert, nickte Avian, als der Kapitän sie nach draußen geleitete. Die Geschäfte waren getätigt, doch waren sie noch immer auf einem fremden Schiff und man wusste nie, wem man denn nun sein Vertrauen schenken konnte. Besser zu achtsam als zu wenig war hierbei seine Devise. Doch wenn ihn seine Menschenkenntnis nicht trog, war Sukhaî trotz seines abwegigen Äußeren kein Halsabschneider und war ebenso froh wie er selbst, wenn seine Handelsbeziehungen ohne größere Probleme über die Bühne gingen.

Unter freiem Himmel wurde soeben die ausständige Ladung verstaut, Seile wurden gelöst, Fässer und Kisten wurden festgezurrt, während ein großer Teil der Mannschaft sich bereits an die Riemen setzte. Das merkwürdige Gespann wurde von einer Frau erwartet, die sie freundlich musterte. „Darf ich euch meine Frau vorstellen. Das ist Nakija“, erwiderte Sukhaî nach einem kleinen Küsschen, das wohl herzallerliebst ausgesehen hätte, wäre der Kapitän nicht mindestens doppelt so breit wie Avian selbst. Nonchalant neigte der Nordmann den Kopf. „Es ist mir eine Freude.“ Nakija war wohl in etwa zehn Jahre älter als er selbst, doch ohne Zweifel eine äußerst attraktive Frau. Keine Spur von Falten war auf der dunklen Haut zu sehen, die die Puderquasten des Hochadels doch so vehement zu verbergen versuchten. Als sie sich unter Deck begab, um ihnen etwas zu essen zu organisieren, konnte Avian nicht umhin, sie mit seinem Blick zu verfolgen. Die tiefe Stimme Sukhaîs ließ ihn jedoch seine Aufmerksamkeit fast ein wenig unfreiwillig wieder von ihr abwenden. „Ich habe noch einiges zu tun. Ihr könnt euch ein Plätzchen an Deck suchen. Fühlt euch wie zu Hause und wenn ihr etwas braucht, wendet euch an Nakija.“

Avian lächelte freundlich. „Gut, das werden wir. Habt Dank.“ Mit einem Nicken verabschiedete sich der Hüne und ließ die beiden zurück. Aufmunternd schmunzelte der junge Mann und wandte sich an Mheari. „Na komm, lass uns irgendwo hingehen, wo wir nicht im Weg stehen.“ Sie fanden sich an der Reling wieder, an einem der wenigen kurzen Stücke, an dem im Moment nichts festgezurrt war. Entspannt lehnte sich Avian dagegen, atmete einmal tief ein und sog genussvoll die Seeluft, die vom offenen Meer kommend den schalen Geruch der Hafenkloaken verdrängte, in seine Lungen. „Alles in Ordnung?“ fragte er sein Gegenüber, die während des Gespräches nun noch stiller gewesen war, als gewöhnlich. „Meinst du, wir sind auf dem richtigen Weg?“ Grinsend schüttelte er den Kopf, als er in der Ferne zwei Möwen beobachtete, die sich lautstark um ein Stück Fisch zankten. „Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, der loszieht, um Abenteuer zu erleben“, sprach er seine Gedanken, die sich früher am Tag in seinen Kopf geschlichen hatten, nun auch laut aus. „Wie in den Geschichten, die man als Kind so gerne hört.“ Meist hatte ihm seine Mutter vorgelesen oder eine der Gouvernanten mit ihren ulkigen Kostümen, wie Avian sie immer genannt hatte, doch war zweifellos die abendliche Gutenachtgeschichte, die Abenteuer von mutigen Seemännern, die gegen Seeschlangen und Piraten kämpften und immer siegreich waren, eine seiner schönsten Kindheitserinnerungen. „Gibt es bei euch auch solche Geschichten? Die man Kindern vor dem Einschlafen erzählt?“

Nur wenige Minuten waren vergangen, als Nakija mit einem Korb in der Hand zurückkam. In ihm befand sich etwas Brot, ein paar Brocken Dörrfleisch, Äpfel, ein merkwürdiges süßes Gebäck, das Avian noch nicht kannte, sowie die von ihm geforderte Flasche Wein und zwei Becher aus Holz. „Lasst es euch schmecken“, sagte die Menai, „die Reise wird lang.“ Der Mann reichte seiner Begleiterin den Korb, bevor er sich einen Apfel schnappte und genussvoll seine Zähne darin versenkte. „Es ist eigentlich erstaunlich“, setzte er fort, als er die ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte, „wie wenig wir über euch wissen. Ich meine, ich war schon so viele Male in Rômachar und ich habe, bevor ich dich kennengelernt habe, noch nie mit einem Lyr gesprochen. Woran liegt das? Bleibt ihr lieber unter euch oder mögt ihr uns Menschen einfach nicht besonders?“ Diese Frage beschäftigte ihn schon eine Weile, man hörte weder Positives noch Negatives von den Lyr, man hörte schlicht und einfach gar nichts. Natürlich verlor irgendjemand mal ein böses Wort und sicherlich wurde eine Menge Seemannsgarn gesponnen, doch im Grunde genommen war dieses Volk nur ein weiteres Geheimnis, das das Meer nicht preisgeben mochte.

Laute Schreie in der voluminösen Sprache der Menai hallten alsbald über das Deck, ein Ruf Sukhaîs, der sich gefühlt tausendfach wiederholte und wohl „An die Riemen!“ bedeuten sollte, denn sogleich setzte sich das Schiff in Bewegung und wurde von der geübten Besatzung sicher aus dem Hafen gesteuert. Eine Träne schlich sich in Avians Augenwinkel, als schlussendlich die Segel gehisst wurden, die selbst ein kleines Schiff wie die „Aurora“ majestätisch erscheinen ließen wie eine Königin auf dem Weg zu ihrem Thron. Genau dieser Moment war für den jungen Mann nichts als pure Magie. Wenn der Wind übers Deck fuhr und von den Segeln eingefangen das Schiff sicher auf seinen Schwingen weit, weit fort trug, wenn der Kapitän am Steuerruder stand und über seine Herde blickte wie ein Vater über seine Kinder, wenn ein Schwarm Möwen sie ein Stück begleitete, nur in der Hoffnung, den Seeleuten den einen oder anderen Fisch abluchsen zu können, der Ausbruch aus der Enge des Hafens, der Stadt, des Festlandes, hin zu nicht als purer Freiheit. Genussvoll schloss Avian die Augen, er fühlte seinen gesamten Körper, spürte das Beben, als das Schiff Geschwindigkeit aufnahm und Sukhaî sie sicher aufs offene Meer hin führte.
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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » Fr, 13. Sep 2013 13:27

Mheari begrüßte die dunkelhäutige Frau freundlich. Sie war froh, dass es hier, anders als auf Avians Schiff, auch Frauen gab, mit denen sie sich später sicherlich austauschen konnte. Außerdem freute es sie, Sukhaîs und Nakijas Glück zu beobachten. Da die junge Lyr selbst der Fau hinter her sah - sah sie doch mit ihrer gebräunten Haut, den dunklen Haaren und den weiten, farbenfrohen Stoffen doch so völlig anders aus als die Frauen ihres Volkes -, entging ihr auch Avians Blick, der wohl von anderen Hintergedanken als der ihre gesteuert war. Sie winkte dem großen Menai kurz zu, als er sie wegen anderer Verpflichtungen allein ließ, und suchte sich zusammen mit Avian einen stilleren Platz, an dem sie etwas ausruhen konnten. Die Anstrengungen der letzten Nacht und folgender Stunden forderten langsam ihren Tribut. Erschöpft sah sie zu Avian, der fragte, ob alles in Ordnung sei.
"Ja, mir geht es wieder besser", antwortete sie ehrlich. "Die Grüche hier auf dem Land, und dort unten, sind nur so anders und ungewohnt für mich", fügte sie dann noch erklärend hinzu, ging sonst jedoch nicht weiter darauf ein. Die fremdartigen Gerüche, die in der Nase stachen, waren das eine. An den dunklen Raum, der für ihren Geschmack viel zu klein für all diese Gerüche war, und das tote Tier wollte sie lieber nicht weiter denken.

Ihr Blick schweifte über das Meer und sie sog den wohltuenden Salzgeruch auf. Hier draußen fühlte sie sich fast wie zu Hause. Die Sonnenstrahlen ließen die Schuppen auf dem zart geschnittenen Gesicht und den anderen Körperstellen, die das Licht erreichte, sanft und bunt schimmern.
„Meinst du, wir sind auf dem richtigen Weg?“
"Ich hoffe es sehr", erwiderte sie innig und kurz erfüllte ein trauriger Glanz ihre Augen, die an die Tiefen der See erinnerten. Sie hoffte es so sehr, dass ihr Herz schmerzte, wenn sie an Sijhari dachte und all die Wege, die dieses Abenteuer, wie Avian es nannte, nehmen konnte. Sie wusste nichts über diese fremde Welt oberhalb der See und außerhalb ihrer Heimat. Sie ahnte, dass dort draußen Dinge auf sie warteten, die sie sich bisher nicht vorstellen konnte.

Für einen Moment dachte sie, er würde ihr von einer Geschichte erzählen, die sie von den schmerzenden Gedanken ablenken würde. Sie strich die inzwischen trockenen, silbernen Haare zur Seite, sodass sie Avian interessiert von der Seite anschauen konnte. Dann jedoch fragte er sie stattdessen nach Geschichten von ihrem Volk. Unweigerlich erschien ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen.
"Ja, wir haben viele Geschichten. Viele über unsere Göttin, Valdysea, die Mondschöne. Sie herrscht über den Mond und gebietet über das Meer und alle Lebewesen darin." Mheari schaute zurück auf das Meer, auf dem sich leichte Wellen wogen, als hätte es nie ein Gewitter gegeben. Ob ihre Göttin sie wohl hier her gebracht hatte? Wäre das Gewitter nicht gewesen, dann hätte sie Avian nicht gefunden und wäre in diesem Moment auch nicht auf der Aurora. "Die Alten erzählen auch oft Geschichten über Männer und Frauen, die Magie beherrschen und das Wasser lenken und verformen können, ganz wie sie es wollen." Sie lächelte kurz und zuckte dann mit den Schultern. "Aber das sind eben Geschichten, die den Kindern erzählt werden. Wie sollte so etwas auch gehen.." Und dann gab es natürlich noch Gruselgeschichten. Geschichten über eine Valdysea, deren Zorn sich gegen verschwenderische oder grausame Menschen richtete, Geschichten über den Vollmond und Menschen, die Lyr fingen. Aber davon erzählte Mheari nichts. Zu intensiv war ihre eigene Gruselgeschichte, in der sie und auch Avian steckten.

Als Nakija daraufhin mit etwas zu essen zurückkehrte, bemerkte Mheari erst, wie hungrig sie war. Sie war lange geschwommen, hatte Avian aus dem Meer gezerrt und die vielen neuen Eindrücke strengten sie auf eine andere Art und Weise zusätzlich an. Sie betrachtete die fremden Speisen und griff dann ebenfalls nach der Frucht, die Avian sich genommen hatte. Dabei hielt sich an seine Vorgehensweise, diese zu essen. Sie biss in das fruchtige Fleisch und verzog kurz das Gesicht, ehe sie sich an die unbekannte Süße gewöhnt hatte und Gefallen daran fand. "Was ist das?", fragte sie kurz dazwischen, da sie so etwas noch nie gegessen hatte. Dabei schmeckte es ihr sehr gut.

Sie freute sich, als Avian mehr über ihr Volk wissen wollte und erzählte ihm gerne und ohne falsche Scheu darüber. "Ich würde nicht sagen, dass wir euch Menschen grundsätzlich nicht mögen. Ihr seid eben.. anders." Sie hoffte, dass sie ihn mit ihren Worten nicht verletzte, sie war einfach ehrlich. Kein Mensch war mit einem Lyr vergleichbar. "Es gibt viele Menschen, die nutzen es aus, wenn wir von Valdysea in den Vollmondnächten an die Wasseroberfläche gelockt werden. Wir können nichts dagegen tun, die meisten von uns sind ihrer Macht schutzlos ausgeliefert. Und dann kommen sie, die Menschen, und .. fangen uns. Wie Sijhari." Sie stockte kurz, wandte den Blick auf das beruhigende Blau unter der Aurora, ehe sie leiser weiter sprach. "Deshalb sind die meisten von uns misstrauisch und vorsichtig gegenüber eurem Volk und leben lieber in unserer sicheren Heimat, wo ihr nicht hinkommt." Sie lächelte ihn etwas an, um zu unterstreichen, dass er ihr nicht böse sein sollte.
"Aber ich habe auch schon andere Menschen kennen gelernt, die so nett wie du waren. In Rômachar zum Beispiel. Die meisten betrachteten meine Schwester und mich zwar misstrauisch, aber viele lächelten uns auch freundlich zu oder sprachen mit uns. Ein paar Lyr leben sogar mit den Menschen in der Stadt. Und vor vielen Jahren traf ich in einer Bucht einen Musiker. Immer wieder kam er dorthin und hat mir etwas auf seiner Harfe vorgespielt. Es war wunderschön.", sprach sie dann weiter, um ihm zu zeigen, dass sie nicht alle Menschen für grausam hielt. Vor allem den Musiker hatte sie sehr gemocht. Bis er eines Tages nicht mehr aufgetaucht war. Mheari hätte sich gerne von ihm verabschiedet und sie hoffte, dass es ihm gut ging.

Die junge Lyr schaute kurz zu Avian, gespannt auf seine Reaktion auf ihre Erlebnisse. Das Erzählen aus ihrem Leben machte ihr nichts aus, stattdessen freute sie sich über sein Interesse. So kam es auch, dass sie zunehmend ihre Zurückhaltung ablegte, je mehr sie erzählte. Es schien, als könnte Avian zum ersten mal einen Blick auf die freundliche und herzensoffene Lyr werfen, die sich hinter der schützenden Hülle aus Vorsicht und Zurückhaltung verbarg. Als die Lautstärke auf dem Deck plötzlich merklich anschwoll, beobachtete Mheari die Menschen eine Weile. Es dauerte nicht lange, da setzte sich das kleine Schiff in Bewegung und strömte zielsicher aus dem Hafen hinaus. Mheari spürte, wie die Aufgeregtheit über das Unbekannte erneut in ihr hochkroch und ihr Herz schneller schlagen ließ. Trotzdem fühlte sie sich momentan nicht unwohl oder eingeengt. Das blaue Meer, das sie alsbald völlig umgab, beruhigte sie und gab ihr ein sicheres Gefühl. Was auch kommen mochte, in jenem würde sie Sicherheit finden. Als sie zu Avian sah, bemerkte sie, dass er in etwas versunken zu schein schien, auch wenn sie nicht bestimmen konnte, was genau es war. Sie überließ ihm jedoch das glückliche Gefühl, das sie zu spüren glaubte, und setzte sich leise auf eine nahe Kiste. Sie griff noch einmal in den Korb und nahm das Gebäck, das sie in keinster Weise als dieses bestimmen konnte und deshalb erwartungsvoll in die weiche Masse hinein biss. Sobald sie sich sicher war, dass Avian wieder ein Gespräch aufnehmen wollte, fragte sie ihn nach diesem unbekannten Merridia, das, wenn sie es richtig verstanden hatte, der Ort war, von dem er kam und ob er mehr Zeit seines Lebens dort oder auf dem Meer verbracht hatte.
Wenn Nebel sich übers Wasser legt,
am nahen Ufer die Macht sich regt
in Form von lieblicher Frauengestalt
dich zu fangen,
dich zu bannen..

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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Avian » Mi, 23. Okt 2013 22:16

Es war nicht so, dass Avian sich auf dem Festland nicht wohlfühlte, immerhin war er in einer Großstadt aufgewachsen und hatte dort die meiste Zeit seines Lebens verbracht, doch das vertraute Schaukeln eines Schiffs, das Geräusch der Segel, wie sie den Wind einfingen und der salzige Geruch der Wellen gaben ihm ein Gefühl von Zuhause, mit dem nichts auf der Welt zu vergleichen war. Und auch Mheari schien mit dem Meer verbunden zu sein, wie kein Geschöpf, das er bisher kennenlernen durfte, allein ihr Aussehen erinnerte ihn an die offene See nach einem Sturm, in jenem Moment, in dem sich das Licht in den Wassertropfen in allen Farben des Regenbogens brach.

Als sie begann, Geschichten aus ihrer Heimat zu erzählen, lauschte Avian interessiert, hatte er doch noch nie Kontakte zur scheinbar blühenden und vielseitigen Kultur der Lyr pflegen dürfen. Valdysea, ihre Mondgöttin, erinnerte ihn ein wenig an die Göttin Cirian, wie sie in Merridia verehrt wird, die Gebieterin über den Mond und damit auch über die Gezeiten. Womöglich waren sich Menschen und Lyr in einigen Belangen gar nicht so unähnlich. „Die Alten erzählen auch oft Geschichten über Männer und Frauen, die Magie beherrschen und das Wasser lenken und verformen können, ganz wie sie es wollen", sprach Mheari weiter. „Aber das sind eben Geschichten, die den Kindern erzählt werden. Wie sollte so etwas auch gehen.“ Während sie diese Worte wohl nur beiläufig verlor, weiteten sich Avians Augen, war die Magie der Elfen scheinbar vollkommen unbekannt für sie. „Von eurer Göttin habe ich noch nie gehört, ich würde mich freuen, bei Gelegenheit mehr über sie zu erfahren. Doch die andere Sache, die du erwähntest - das sind keine Geschichten. Einige Männer und Frauen des Elfenvolks sind wirklich in der Lage dazu, das Wasser und auch die anderen Elemente zu kontrollieren.“

Besonders viel hatte er nie mit den Elfen zu tun gehabt, war doch die elfische Kundschaft eher spärlich gesät, doch das eine oder andere Mal hatte er, wenn auch nur in geringem Maße, bewundern dürfen, wie sie einen Zauber wirkten. „Zwar habe ich nicht die geringste Ahnung, wie sie es zustande bringen“, fuhr er fort. „aber es ist recht eindrucksvoll. Ich hoffe, du erlebst es einmal selbst.“

Die kleine Mahlzeit konnte Avians Hunger zumindest für den Moment stillen, doch was er mittlerweile spürte, war die Müdigkeit, die ihm in den Knochen hing. Es schien der Adrenalinrausch ob des unmittelbaren Todes gewesen sein, der ihn wach gehalten hatte, doch wünschte er sich, nun in relativer Sicherheit, momentan nichts lieber herbei, als eine gemütliche Bettstatt, und sei es nur eine Hängematte oder ein Bündel Stroh, denn er hatte das unangenehme Gefühl, dass die Menai auf diesem Schiff nicht mit mehr Luxus dienen konnten. Die Versorgung mit gutem Essen funktionierte, soweit er dies zumindest erkennen konnte, jedoch prächtig. „Was ist das?“ fragte Mheari irgendwann, nachdem sie in einen Apfel gebissen hatte. Der junge Mann runzelte die Stirn. „Ähm…ein Apfel?“ entwich ihm verdutzt, ein weiteres Mal vergessend, dass sie scheinbar kaum etwas über die Welt der Oberfläche wusste. „Ein Obst, das auf Bäumen wächst, und wie ich finde, wunderbar schmeckt.“ Er zwinkerte ihr zu, nachdem der Geschmack scheinbar auch ihr nicht vollkommen widerwärtig erschien.

Die Erzählungen über ihr Volk glichen beinahe exakt den Vorstellungen, die auch die Menschen von den Lyr hatten - nicht unbedingt feindselig, einfach anders und nicht wirklich fassbar. Außer eben der Tatsache, dass die Lyr keine Menschen entführten, oder sich ihre Schwächen zunutze machten, nur um selbst Profit daraus zu ziehen. Er war ihr nicht böse, nein, er konnte sogar verstehen, warum sie Misstrauen gegen viele Menschen hegte. Genauso, wie sein Volk die grundlos mordenden und plündernden Shiín schon seit jeher verabscheut hatte. Beruhigend legte er daher eine Hand auf die ihre, die beinahe vollständig darunter verschwand. „Mheari, diese Menschen sind grausam und hinterhältig. Sie werden unter unseresgleichen ebenso sehr gehasst, wie du sie hassen magst. Natürlich macht jeder Mensch Fehler, aber sobald ein anderes Leben im Spiel ist, ziehen die meisten von uns eine Grenze.“ Avian strich sich ein paar Haare aus dem Gesicht. Natürlich wurde er als Waffenhändler bereits das eine oder andere Mal mit moralischen Fragen konfrontiert, doch wer war es, der einen anderen Soldaten tötete, derjenige, der die Klinge schmiedete, oder der, der den Streich auch wirklich ausführte? „Mein Vater hat immer gesagt, die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Und danach versuche auch ich zu leben.“

Als Mheari von den Treffen mit diesem ominösen Harfenspieler berichtete, grinste Avian in sich hinein. Wenn da mal keine Gefühle im Spiel gewesen waren, dann wusste er auch nicht mehr weiter. Die offensichtliche Freude, die seine Begleiterin während der Erzählungen überkam, öffnete jedoch auch das Herz des Seemannes und ließ Sorgen und Zweifel in diesem Moment keinen Platz darin finden. Er genoss es, ihr zuzuhören, ihre Stimme hatte einen sehr angenehmen Ton, und obwohl er wusste, dass es keinen Sinn machte, diesen Vergleich immer und immer wieder zu treffen, konnte er nicht umhin, sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie sehr er das schrille Gelächter der meisten Hofdamen und Gesellschafterinnen verabscheute. Es war nun mal keine ausgeprägte Philanthropie, die ihn aufs offene Meer zog.

Bald hatte das leichte, schnelle Schiff Fahrt aufgenommen und die Stadt aus weißem Marmor wurde immer kleiner und kleiner, bis sie der Horizont schließlich vollkommen verschluckt hatte. Auf Backbordseite würden sie wie gewohnt noch ein Stück dem Festland entlang segeln, um die Bucht zu verlassen, würden die kleinen Inseln und die größere, im Volksmund „Pirateninsel“ geschimpft, umschiffen, bevor sie dann nach Süden beidrehen würden, war ihm diese Route wohl bereits bekannt, wie seine Westentasche.

„Ja, ich wurde in Merridia geboren“
, beantwortete er kurz darauf Mhearis Fragen. „Das ist die größte Stadt des Kontinents, sie liegt weit im Norden und ist noch viel verrückter als Rômachar.“ Und obendrein auch sehr viel hässlicher, was er jedoch nicht zusätzlich erwähnen musste. „In meiner Kindheit habe ich natürlich sehr viel mehr Zeit dort verbracht, ich bin dort aufgewachsen, bin dort ausgebildet worden und auch meine Familie lebte dort. Ich war aber schon in die Wellen und Wogen des Meeres verliebt, als ich noch ein kleiner Junge war.“ Er zwinkerte Mheari kurz zu. „Vor etwa fünf Jahren begann ich ganz offiziell, für das Handelsunternehmen meines Vaters zur See zu fahren. Und ich bin seither nicht mehr davon losgekommen.“

Sie standen noch ein paar Momente gemeinsam an der Reling und genossen den lauen Wind, der ihnen durch die Haare pfiff, als plötzlich Sukhaî an ihre Seite trat und mit misstrauischem Blick die Küste Thasanis beäugte. „Seid bitte wachsam“, brummte er. „In diesen Gewässern treiben sich Gesellen herum, die es auf kleine Menai-Schiffe ganz besonders gerne abgesehen haben. Nur weil sie euch“ - er tippte auf Avians Brust - „große Dreimaster voller Waffen und einer Besatzung, die damit umgehen kann, in Ruhe lassen, heißt das nicht, dass es uns genauso geht. Meistens hängen wir sie ab, bevor sie ihre Enterhaken werfen können, aber lasst es bitte nicht darauf ankommen.“ Avian nickte. Natürlich wusste er, dass diese Inseln voll von Piratengesindel waren, doch hatte der Kapitän sehr treffend formuliert, warum sie stets weniger zu befürchten hatten, als die Aurora. Doch hoffte er inständig, dass jegliche Mutmaßungen darüber vollkommen überflüssig wären, denn ein Piratenangriff war wohl das letzte, das sie im Moment brauchen konnten.
Wenn du dir eine Perle wünschest,
Such sie nicht in einer Wasserlache.
Denn wer Perlen finden will,
muss bis zum Grund des Meeres tauchen.

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Re: Die Geschichte von Wind und Wasser

Beitrag von Mheari » So, 17. Nov 2013 14:06

Still saß die Lyr auf der Kiste, biss noch einmal von dem ungewohnten und köstlichen Küchlein ab, und dachte über das nach, was Avian gesagt hatte, bevor sie den Hafen verlassen hatten. Die Geschichten ihres Volkes um die Magie anderer Rassen oberhalb des Meeres waren also nicht nur erfunden? Mhearis Augen hatten sich auf Avians Worte vor Erstaunen geweitet. All die Jahre hatte sie das für fantastische Märchen abgetan und darüber geschmunzelt, wenn ihre kleine Schwester ihr mit stolzgeschwellter Brust verkündet hatte, dass sie auch einmal eine Magierin werden würde. Unter den ihren kannte Mheari keine einzige Seele, die das Wasser mittels Magie beeinflussen konnte. Kein Wunder also, dass sie bisher nicht daran geglaubt hatte, dass diese Geschichten einen wahren Kern beinhalteten. Doch selbst Avian konnte ihr nicht erklären, wie genau das funktionierte, sodass sich in ihrem Kopf nicht gerade genauere Züge um diese Magie bildeten, sondern nur eine grobe Vorstellung blieb. Deshalb blieb etwas Rest-Skepsis in der Lyr, konnte sie sich dieses Bild von dem Magie wirkenden Elfenvolk doch noch immer nicht vorstellen. Sie hoffte wie Avian, dass sie es selbst einmal sehen würde, denn jetzt war ihre Neugier geweckt. Vielleicht befand sich sogar hier auf dem Schiff jemand, der ihr diese fremdartige Magie zeigen konnte?

Die großen blauen Augen schauten zu Avian hinauf, als sich seine Hand auf die ihre legte, und dort ein leichtes Kribbeln hinterließ. Sie war froh darüber, dass er ihre Worte über sein Volk nicht übel nahm. Offenbar verstand er sie sogar sehr gut und das ließ sie erleichtert lächeln. Als er sich die Haare aus dem Gesicht strich, blieb ihr Blick für einige Momente an dem markant geschnittenen, gut aussehenden Gesichtszügen hängen, ehe ihr bewusst wurde, was sie tat, und den Blick schnell abwandte. Unbeabsichtigt fiel ihr Blick im nächsten Moment auf seine Hand, die noch immer über ihre lag und die verständnisvolle und beruhigende Wirkung nicht verfehlte. Ihr gefiel, was er da über die Freiheit anderer sagte, und sie vermutete zunehmend, dass sie noch keinem gutmütigeren Menschen begegnet war.

Nun saß sie auf der Kiste, genoss den Geschmack des Küchleins, überrascht davon, wie gut ihr dieser, genau wie der Apfel, schmeckte. Sie schloss die Augen, während der Seewind mit ihrem Haar spielte, und öffnete sie erst wieder, als Avian ihr ihre Fragen beantwortete. Sie hatte noch nie von Merridia gehört. Für sie war Rômachar schon groß und sie fragte sich, wie groß dann wohl Merridia erst war und wie weit entfernt die Stadt von hier war. Mheari wusste nicht einmal, wie weit südöstlich ihre eigene Heimat in Alvarania lag, da konnte sie sich die Lage von anderen Ländern und Städten nur sehr schwer vorstellen. Sie hatte erwartet, dass er schon länger auf der See unterwegs war, aber auch fünf Jahre waren lang. Sie versuchte sich, seine Kindheit in der fremden Stadt vorzustellen, aber es gelang ihr nicht.

Sie wollte ihn noch weiter ausfragen, über seine Heimatstadt und das Handelsgeschäft zum Beispiel, doch da erschien Sukhaî neben ihnen. Mheari folgte seinem misstrauischen Blick fragend, konnte jedoch kein anderes Schiff in unmittelbarer Nähe erkennen. Offenbar war es nicht ganz so ungefährlich auf dem Meer, wie sie erwartet hatte. Die Worte des Menai an Avian ließen sie die Stirn runzeln, doch wartete sie mit ihren Fragen, bis der andere Kapitän sich wieder von ihnen entfernt hatte. "Und du fährst immer von Rômachar nach Merridia, oder besuchst du noch andere Städte, um zu handeln? Wie lange dauert solch eine Fahrt?" Als sie zu ihm hinauf blickte, war da aber noch etwas anderes als nur Interesse in ihrem Blick und das Lächeln auf den vollen Lippen war merklich erblasst. "Waffen.. ist es das? Handelst du damit?" Der Klang ihrer Worte war deutlich distanzierter als zuvor. Sie kein Recht dazu, ihn dafür zu verurteilen und doch konnte sie nichts gegen das Missfallen tun, das sich nach außen spiegelte, wenn sie daran dachte, dass er Waffen verkaufte, mit denen Lyr, andere Rassen und Tiere verletzt oder getötet wurden.
Wenn Nebel sich übers Wasser legt,
am nahen Ufer die Macht sich regt
in Form von lieblicher Frauengestalt
dich zu fangen,
dich zu bannen..

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