Das Spiel des Windes

Gebiete der Orks und wilden Menschen, und die Gebiete der Clans westlich von Arcanis und Mérindar. » Ortsbeschreibung
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Rahela
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Das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Do, 04. Okt 2012 11:08

Es war tiefster Winter in den wilden Landen. Rahela saß um die Mittagsstunde im Wald an einem kleinen Lagerfeuer und rieb sich ihre von der Kälte schmerzenden und roten Hände am Lagerfeuer. Das Feuer rußte ein wenig, weil das Holz, das sie zusammengetragen hatte, ein wenig feucht war, doch sie war froh, dass sie überhaupt brennbares Holz gefunden hatte. Sie war nun schon einige Wochen unterwegs. Anfangs hatte sie für jede kalte Winternacht, die sie überlebt hatte, einen kleinen Schnitt in ihren vernarbten Unterarm geritzt, um die Nächte zu zählen, doch nach fünfundzwanzig Tagen waren schon etliche der ersten Schnitte kaum mehr sichtbar zwischen den alten zahllosen Narben verheilt und sie sah endlich ein, dass es wenig Sinn machte, und sowieso keine Rolle spielte. Sie würde deswegen nicht schneller im Faernach-Clan ankommen. Im unmittelbaren Umfeld des Feuers war der Schnee geschmolzen und an den krakeligen Schmelzrändern glitzerten die Eiskristalle und Wassertropfen im hellen Feuerschein. Sie zog die Karte, die sie erhalten hatte, aus ihrer Tasche und nahm sich einen langen Streifen Trockenfleisch. In einen kleinen Becher hatte sie Schnee gehäufelt den sie nahe ans Feuer stellte, damit dieser schmolz und sie das Wasser trinken konnte. Sie studierte sie Karte, während sie an dem Trockenfleisch knabberte. Es war nicht mehr weit. Wahrscheinlich noch zwei Tagesmärsche, dann würde sie den Faernach-Clan erreichen. Sie hatte einiges an Körpergewicht verloren, die letzten Wochen … sie bemerkte dies immer als erstes an ihrer Brust, die in solchen Zeiten ein wenig kleiner wurde. Aber auch der Rest ihres Körpers war ein wenig schlanker, um nicht zu sagen, ausgezehrter geworden. Sie nahm es gelassen. Als Schamanin im Faernach-Clan würde es ihr an nichts fehlen. Es kamen immer irgendwelche Menschen, die etwas brauchten, Medizin, Kräuter, Elixiere… und die Mutigen fragten auch schon mal nach einem hilfreichen oder begünstigenden Zauber. Geld war in den wilden Landen unüblich, es herrschte der Tauschhandel und Rahela ließ sich ihre Dienste gerne ein schönes Stück geräucherten Schinken, einen Laib Brot oder eine Flasche Wein kosten. Nachdem sie sich aufgewärmt und ausgeruht hatte, lief sie weiter.

Der Schnee lag etwa kniehoch und es war beschwerlich, zu Fuß und querfeldein durchzukommen. Als sie eine Weile gelaufen war, kam sie an einen zugefrorenen Fluss, der ihren Weg durchschnitt. Sie hatte keine Lust, durch den Schnee den Fluss solange entlang zu marschieren bis sie eine geeignete Stelle gefunden hatte, an dem sie den Fluss überqueren konnte. Sie überlegte kurz, dann setzte sie vorsichtig prüfend einen Fuß auf die gefrorene Wasseroberfläche, und als sie ihr gesamtes Gewicht auf diesen einen Schritt verlagert hatte, und sicher war, dass die Eisfläche sie tragen würde, setzte sie den nächsten Fuß auf das Eis, welches bei jedem Schritt leise knarrte und knirschte, doch ihr Gefühl sagte ihr, es würde sie tragen. Sie hielt kurz inne, warf einen Blick zurück, und dann ging sie vorsichtig weiter, bis sie das andere Ufer erreichte. Sie spürte ihre Füße, die vor Kälte kribbelten. Sie ärgerte sich, dass sie keine Stiefel hatte, sondern nur diese Halbschuhe… sie hielten kaum warm und der Schnee drang leicht in die Schuhe ein. Und überhaupt, sie hätte besser planen sollen, bevor sie völlig überstürzt den Skerôingur-Clan verlassen hatte. Es galt noch, einen anderen Clan aufzusuchen, bevor sie im Faernach-Clan ankam. Dieser war nur einen Tagesmarsch vom Faernach-Clan entfernt. Man hatte ihr im Skerôingur-Clan einen Boten geschickt aus besagtem Clan und um die Hilfe der ansässigen Schamanin gebeten, es sei dringlich, man wäre auf den Faernach-Clan ausgewichen, wenn dies möglich gewesen wäre, doch die dortige Schamanin, Rahelas Meisterin Catara, war verstorben und nun hoffe und warte man auf die gnädige Hilfe der Schamanin des Skerôingur-Clans. Rahela befand dies für einen guten Zeitpunkt, sofort aufzubrechen. Wenn die Angelegenheit so dringlich war, würde sie sofort gehen, sie brauchte zu Fuß ohnehin gute zwei Wochen, denn ein Pferd, welches man im Winter entbehren und über die verschneiten Pässe schicken könnte, gab es nicht. Doch dann hatte es viel und stark geschneit, einmal war Rahela über drei Tage eingeschneit gewesen und konnte nicht weiter. So hatte sie insgesamt über drei Wochen gebraucht, und sie hoffte, sie würde nicht zu spät kommen. Bei Schwangerschaften galt es stets, keine Zeit zu verlieren, doch was konnte man schon gegen die Naturgewalten tun, und man musste es respektieren, dass die Götter und die Etáín es so wollten. Und so stapfte sie durch den hohen Schnee, der Schnee haftete an ihrem Kleid, schmolz in ihren Schuhen und sie musste immer wieder nach einigen Stunden pausieren, weil sie fror… Als es dämmerte, suchte sie Unterschlupf im Wald, entzündete ein Lagerfeuer und rollte sich fest in ihren Mantel zusammen. Sie betete noch zu den alten Göttern, dass sie ihren Schlaf bewachen mögen und sie vor dem Erfrierungstod zu bewahren, und hoffte, sie würde am nächsten Morgen wieder erwachen.


Und es schien, als ob die Götter ihre Gebete erhört hatten, denn am nächsten Tag erreichte sie nach einem beschwerlichen Marsch endlich den kleinen Clan. Sie ging als erstes zum Dorfältesten. Er wusste über alles Bescheid, wusste, wer nach ihr geschickt hatte und würde sie dort hin bringen. Er verneigte sich demutsvoll vor Rahela, so gut er es mit seinen alten Knochen vermochte, und lud sie ein, sich am Feuer aufzuwärmen. Er bot ihr einen Becher Gewürzwein an, welchen sie dankbar annahm. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und sie nahe ans Feuer gestellt, damit diese sobald wie möglich trocknen würden. Die heiße alkoholische Flüssigkeit wärmte ihren Magen und langsam breitete sich die wohlige Wärme in ihrem ganzen Körper aus. Nach einiger Zeit spürte sie ihre Fingerspitzen und Zehen wieder. Als sie sich aufgewärmt hatte, schlüpfte sie wieder in ihre mittlerweile getrockneten Schuhe und ließ sich zu dem Haus führen, in dem ihre Hilfe gebraucht wurde. Sie klopfte an, und es wurde ihr von einer Magd geöffnet. Es war kein wohlhabendes Haus, doch in den Clans war es üblich, in Haushalte, deren Weiber kurz vor der Entbindung standen, eine Magd ins Haus zu schicken, um die Schwangere zu entlasten. Die Magd nickte, als sie die Schamanin sah und geleitete sie ins Haus, nach hinten in die Ecke, in der das Ehebett stand, wo eine Frau mit dickem Bauch lag und ab und zu leicht stöhnte. Ihr Mann saß mit dem Rücken zu Rahela an ihrem Bett und hielt die Hand seines Weibes. Als dieser die Schamanin kommen hörte, wandte er ihr sein Gesicht zu und Rahela prallte zurück. Es war Arjun… und die Frau, die da im Bett lag, musste also Mira sein… wenn es nicht doch eine andere war… Arjun sah sie für einen Moment an. In dem Haus war es dunkler, nur das Feuer an der Feuerstelle erhellte den Raum. Er kniff die Augen zusammen. „Rahela?“ sagte er leise und ungläubig. Mit einer Geste gebot sie ihm zu schweigen. Wenn Mira hören würde, dass sie es war, würde sie sich nur unnötig aufregen, wenn nicht gar schlimmeres tun. Rahela verbarg ihr Gesicht unter der Kapuze ihres Mantels und trat an die Frau heran. Sie sah auf sie herab und verzog ihr Gesicht zu einer unwilligen Miene. Natürlich war es Mira… In Rahela stieg der Zorn, der all die vielen Jahre verborgen war, wieder herauf. Sie hatte die Schmach nicht vergessen, wie sie sie angespuckt und beschimpft, sie angegriffen und ihr schließlich die Nase gebrochen hatte… noch heute erinnerte sie ein leichter Höcker an diesen Zwischenfall und sie hatte Rache geschworen… und nun lag sie hier, aufgedunsen, hochschwanger, halb ohnmächtig, ihr vollkommen ausgeliefert… Sie setzte sich zu Mira ans Bett, während Arjun sich daneben stellte. „Wie alt ist sie jetzt?“ fragte Rahela, während sie den Bauch abtastete. “Fünfunddreißig…“ sagte Arjun. Rahela runzelte die Augenbrauen. „Habt ihr schon Kinder?“ fragte sie, eher aus persönlichem, denn aus medizinischem Interesse. „Nein...“ gab Arjun zu… „Sie hatte mehrere Fehlgeburten…so lange wie jetzt hat noch keine Schwangerschaft gedauert, wenn wir richtig gezählt haben, müssten es jetzt zehn Monde lang sein… wir hatten schon Hoffnung geschöpft, doch plötzlich ging es ihr zusehends schlechter...“ „Was meinst Du mit schlechter?“ fragte Rahela, während sie die Decke zurückschlug, Miras Rock hochhob und vorsichtig ihre Beine auseinanderdrückte. „Sie hat das Kind schon zwei Wochen nicht mehr gespürt… von da an hat sie sich verändert, wollte nicht mehr aufstehen, hatte immer weniger Appetit, war nur mehr schwermütig und hat manchmal den ganzen Tag geweint…“ Rahela sah ihn an. Es sollte verächtlich sein, doch als sie ihn so ansah, kamen diese Gefühle wieder auf, die sie schon viele Jahre nicht mehr für einen Mann empfunden hatte. Sie fragte sich, ob er noch an ihren Zauber gebunden war, oder ob er mit den Jahren die sie voneinander getrennt waren, verblasst war. „Sie hätte überhaupt nicht mehr schwanger werden dürfen… sie ist schon zu alt… diese Geburt könnte sie das Leben kosten…Es sind zwei Kinder, Arjun…“ Ihm blieb der Mund offen stehen und er sagte kein Wort. „Sie sind beide am Leben… es kann immer sein, dass die Mutter ihr Kind nicht spürt… sie steht vermutlich kurz vor der Geburt, doch genaues kann ich erst sagen, wenn ich sie untersucht habe…und zwei Kinder die sich einen Leib teilen, haben nun einmal wenig Platz…vielleicht auch bewegen sie sich des nachts, wenn Deine Frau schläft… mein Wort drauf, die Kinder sind am Leben…“ Arjun nickte und man sah ihm seine Erleichterung an. Rahela fuhr vorsichtig mit drei Fingern in den Unterleib der Schwangeren und betastete den Muttermund. Währenddessen stöhnte Mira leicht auf, es war keine angenehme Untersuchung, doch leider unumgänglich. „Die Geburt wird nicht mehr lange auf sich warten lassen…ich werde ihr etwas geben, damit sie heute Nacht schläft, sie braucht dringend Ruhe, sie muss Kraft für die bevorstehende Geburt sammeln… zwei Kinder auf die Welt zu bringen ist immer ein Risiko.“ Sie warf einen vielsagenden Blick auf ihn „Und Du solltest längstens nicht mehr bei ihr liegen… falls ihr das noch tut…“ Arjuns blickte betreten drein „Wir haben seit sie schwanger wurde, nicht mehr das Bett geteilt… sie hatte Angst, dass es der Grund ihrer Fehlgeburten sei...“ Sie nickte wissend. „Das ist mit Sicherheit kein Grund für eine Fehlgeburt, aber gut…“ zuckte sie die Schultern. Rahela mischte einige Tropfen einer klaren Flüssigkeit und von einer anderen, die leicht trübe war, in einen Becher Wasser, und flößte ihr das Wasser ein. Es waren Wehen fördernde und zugleich auch schlaffördernde Essenzen. „Sie wird nun schlafen, wir sollten rausgehen... Gibt es eine Schenke hier?“ fragte sie ihn. Arjun nickte. „Nun, dann lass uns da hin gehen. Du kannst mir für den heutigen erwiesenen Dienst Wein und eine Mahlzeit ausgeben…“

Als sie die Schenke betraten, und die Leute sahen, wer eintrat, erhob sich an einigen Tischen Stimmengemurmel. Sie war es gewohnt. Ihr Ruf als Schamanin eilte ihr stets voraus. Meistens erntete sie Anerkennung und Respekt… nur manchmal gab es einfältige Narren, die sie fürchteten oder gar beschimpften. Sie ließen sich an einen Tisch nieder. Der Wirt trat an den Tisch heran und Arjun bestellte heißen Gewürzwein sowie einen Eintopf. Hier konnte man sich die Speisen nicht aussuchen. Es gab ein Tagesgericht und dieses wurde kredenzt, wenn jemand eine Speise bestellte. Der Wirt brachte den Krug heißen Wein und eine dampfende Schüssel mit dem Eintopf, nebst einem kleinen Kanten Brot. Arjun schenkte ihnen beiden Gewürzwein ein und sie tranken. Rahela brach ein Stück von dem Brot ab und löffelte damit den Eintopf aus der Schüssel. Der Eintopf bestand hauptsächlich aus Linsen, kleingehackten Rüben, Zwiebeln und wenigen Speckwürfeln, gewürzt mit Kräutern. „Wie ist es Dir ergangen?“ fragte Arjun mit ehrlich gemeintem Interesse. „Nachdem Du mit mir fertig warst?“ blitzte sie ihn leicht vorwurfsvoll an „Nun, ich ging mit Morachs Schwester in den Skerôingur-Clan… und dort habe ich viele Jahre verbracht. Es waren gute Jahre… ich habe dort alles gelernt, was ich heute bin…“ sagte sie mit nicht wenig Stolz. „Und Du?“ Arjun seufzte. „Am Anfang war unsere Ehe gut… doch Mira hat mir immer wieder gegrollt, dass ich sie betrogen habe… und dann, die vielen Fehlgeburten haben es nicht besser gemacht…“ Rahela kaute, schluckte herunter und sah ihn durchdringend an. „Ihr habt auch nie zusammengepasst… ich habe Dir das immer gesagt, doch Du hast ja nicht auf mich gehört…“ Sie nahm den Krug und goss beide Becher nach. „Als ob es so einfach wäre, ein gegebenes Versprechen zu brechen, Rahela… ich habe ihr mein Wort gegeben… hast Du so wenig Ehrgefühl, dass Dir ein Versprechen nichts bedeutet…?“ Sie funkelte ihn an. „Komm mir nicht mit Ehre… wo war Deine Ehre, als Du bei mir gelegen hast, und wo war Deine Ehre, als Du danach wieder zu ihr ins Bett gekrochen bist? Du hättest alles von mir haben können, doch Du hast alles weggeworfen… und nun sieh Dich an… denkst Du, ich wüsste nicht, dass Du unglücklich bist? Ich kann es an Deinen Augen sehen…Ich habe nie verstanden, was Du an ihr gefunden hast… sie war immer so… farblos… so ernst und vernünftig… und Du warst immer das genaue Gegenteil von ihr…“ „Ich möchte jetzt nicht über meine Frau reden, Rahela… schon gar nicht mit Dir…“ Sie nickte, während sie den Mund verzog und sich das Haar aus dem Gesicht strich. Sie hatte aufgegessen und schob die Schüssel von sich. Dann nahm sie noch einen Schluck Gewürzwein. „Hast Du all die Jahre wenigstens einmal an mich gedacht?“ fragte sie ihn gerade heraus. Der dritte Becher Gewürzwein zeigte allmählich seine Wirkung, doch Arjun ging es nicht anders. „Ich habe oft an Dich gedacht Rahela…“ gab er zu. Sie lächelte selbstgefällig und schenkte sich noch nach, doch der Krug war leer. Sie hob den Krug in Richtung des Wirtes als Geste, er sollte einen neuen bringen, was dieser sofort tat. Sie unterhielten sich den ganzen Abend, und als kaum mehr Leute in der Schenke saßen, stand bereits der dritte leere Krug am Tisch. „Ich sollte nach Mira sehen…“ murmelte Arjun schließlich. Rahela verbarg ihren Unmut darüber. „Ich komme mit, um zu sehen ob alles in Ordnung ist...“ säte Rahela Zweifel in Arjuns Herzen. Er nickte und stand auf um dem Wirt die Zeche zu bezahlen. Dann gingen sie hinaus. Als Rahela in die kalte Winterluft trat, zeigte der Alkohol erst so richtig seine Wirkung. Sie hakte sich bei Arjun unter und sie gingen gemeinsam in Arjuns Haus.

Mira lag im Bett und schlief friedlich. Sie atmete leise und regelmäßig und nichts erinnerte an vorher, als sie noch schwitzend und stöhnend im Bett gelegen hatte. Rahela hatte ihren Umhang abgelegt und trat an Arjun heran. Sie begehrte ihn nach all den Jahren immer noch und sie wollte wissen, ob der Zauber noch wirksam war. Sie umfing ihn von hinten. „Nicht…“ sagte Arjun. „...nicht im Haus meiner Frau…“ „Willst Du hinausgehen? Oder willst Du mich nicht? Es ist schon so lange her, dass Du bei Deiner Frau gelegen hast…“ raunte sie ihm ins Ohr und schob sich dann nach von hinten nach vor in seine Arme. „Sie schläft tief und fest, sie steht unter der Wirkung des Schlaftrunks, sie wird nicht vor morgen Früh munter…sie wird nichts davon erfahren, außerdem will sie Dich doch ohnehin nicht glücklich machen… und die Magd schläft schon lange in der Scheune…“ Sie umfing seinen Nacken, zog ihn zu sich herunter und ihre Lippen suchten die seinen. Arjun atmete hörbar aus. Seine Körpersprache und Gesten sagten unbeholfen Nein, doch seine Augen und sein Wille schrien laut Ja. Doch schließlich siegte die Unvernunft und er erwiderte ihren Kuss.

[18]Fordernd und stürmisch küsste er sie, befreite sie umständlich von ihren Kleidern und zog sich dann selbst aus. Seine Blicke glitten suchend durch den Raum, blieben am Tisch haften, und huschten dann doch zurück zum Bett, in dem seine schlafende Frau lag. Er legte Rahela auf das Bett und kam über sie. Er suchte erneut ihre Lippen, strich ihr das Haar aus dem Gesicht, küsste und saugte an ihrem Hals während sich Rahela unter ihm wohlig räkelte. Sie Hände wanderten über ihren Körper, berührten sacht ihre Brüste, umschlossen sie entzückt, saugten an ihr, doch dann hielt er es nicht mehr aus und schob sich in sie. Beide stöhnten in diesem Moment wohlig auf und er begann sich heftig in ihr zu bewegen während er keuchte. Rahela flüsterte ihm einige Worte ins Ohr und freudig hielt er in seinen Bewegungen inne, entzog sich ihr und legte sich auf den Rücken, und sie setzte sich auf ihn, und begann sich mit ihrer Hüfte langsam vor und zurück zu bewegen. Er stöhnte wohlig und schien es regelrecht zu genießen. „Oh... das… das hat sie nie gemacht…“ raunte er ihr zu, grinste dabei und sah dabei für einen Moment aus wie der junge Arjun, bei dem sie als junges Mädchen gelegen hatte. Rahela erwiderte nichts, sie schloss die Augen und dachte „Du hättest all das all die Zeit haben können, nur warst Du ein Narr, mich aufzugeben… und wofür? Für ein verbittertes Weib, das Dir keine Söhne schenken konnte all die Jahre…“ Sie wollte nicht erkennen, dass es nur an Morachs Zauber gelegen hatte, dass sie überhaupt eine gemeinsame Zeit hatten… Sie schob diese düsteren Gedanken beiseite. Nun war sie bei ihm, sie waren wieder beisammen…Sie konzentrierte sich wieder auf Arjun. Er hatte die Augen geschlossen und genoss es, wie Rahela auf ihm saß und ihm Wonne bereitete. Nach einiger Zeit stöhnte er heftig auf, zuckte, zitterte und blieb dann matt liegen. Rahela schmiegte sich noch in seinen Arm, doch nach einiger Zeit stand sie dann auf und zog sich wieder an.[/18]

Es war nicht von Nöten, dass irgendjemand, der überraschend das Haus betrat, sie so zusammen, neben Mira, fand. Immerhin war Arjun Jäger, es konnte immer sein, dass seine Hilfe gebraucht wurde, etwa weil ein Rudel ausgehungerter Wölfe um die Palisaden herumstreifte und es Spähern erschwerte, heimzukommen… Es war üblich, dass Schamaninnen um die Zeit der Geburt bei der Gebärenden im Bett schliefen, damit sie über sie wachen konnten, wenn irgendetwas Unvorhersehbares geschah, oder die Geburt losging. Arjun schob sich die breite Bank die beim Tisch stand an die Wand und kauerte sich zum schlafen darauf. Rahela indessen legte sich wieder in das Bett. Sie seufzte und streckte sich lächelnd und sah dann hinüber zu Mira. Auch wenn die Gesellschaft nicht die Beste war, sie hatte lange nicht in einem Bett geschlafen und es tat einfach nur wohl…

Am nächsten Tag um die Mittagszeit ging die Geburt los. Die Wehen fördernden Mittel hatten angeschlagen, und Mira lag in dem Bett und schnaufte und jammerte, wann immer die Wehen ihre Spitzen erreichten und Arjun wanderte unruhig in der Stube auf und ab. Die Magd lief hin und her, brachte Tücher und Decken, lief zurück, holte einen Krug Wasser und einen Becher und flößte Mira einen Schluck Wasser ein. Es machte Rahela nervös dass Arjun und die Magd so auf und ab liefen und schließlich schickte sie Arjun vor die Türe. Eine Geburt war ohnehin Frauensache und Männer waren überflüssig. Es war schon so heiß genug, die Luft war stickig, und Rahela öffnete kurz ein Fenster um ein wenig frische Luft hineinzulassen. Sie atmete tief und erleichtert ein, als ihr die kalte Winterluft entgegenschlug. Sie starrte in die helle Nachmittagssonne und ging dann wieder zurück. Nach einiger Zeit wies sie die Magd an, das Fenster wieder zu schließen. Mira hatte Rahela nicht mehr erkannt, was ihr sehr Recht war. Während sie Mira mit gerunzelter Stirn betrachtete, die sich unter Schmerzen bog, dachte sie an die Zeit der Demütigung, die sie von Mira erfahren hatte. Sie untersuchte Mira noch einmal am Muttermund, und stellte fest, dass dieser verstrichen war. Irgendetwas stimmte hier nicht, dachte sie bei sich. Sie hätte schon längst den Drang zum pressen verspüren müssen, die Geburt müsste schon längst vorbei sein… Sie betastete den Bauch der Schwangeren noch einmal und stellte fest, dass sich eins der Kinder im Leib gedreht haben musste, und dies war der Grund, warum nichts weiterging. Wenn sie nicht eingriff, würde sie sterben, und mit ihr die Kinder… sie hatte so lange auf diesen Tag der Rache gewartet…und nun war er da, und niemand konnte ihr daraus einen Vorwurf machen, denn Mira war schon zu alt um ein Kind zu bekommen, und sie hatte zwei in ihrem Leib… sie würde Arjun für sich bekommen… auch sie konnte seinen Kindern eine Mutter sein, und sie würde sich diesen riskanten und lästigen Weg der Schwangerschaft ersparen… Rahela entschied sich um aktives eingreifen. Es war ihr egal ob Mira litt… Unbekümmert schob sie ihre Hand langsam in Miras Leib, welches Mira mit einem lauten Aufschrei quittierte und tastete nach dem Kind… es konnte den Leib spüren, welcher quer lag und so ein heraustreiben aus dem Körper unmöglich machte, und schob vorsichtig ihre Hand daran vorbei, versuchte, das Kind zu drehen. Sie tastete und bekam den Kopf zu fassen, und umschloss ihn vorsichtig mit der Hand. Mit einem beherzten Ruck zog sie, und wirklich, sie konnte das Kind durch den Geburtskanal ziehen, bis sie es schließlich herausgezogen hatte. Mira schrie und weinte bitterlich und krallte sich in die Laken und schrie nach Arjun. Dieser steckte besorgt den Kopf zur Tür herein. „Du sollst draußen bleiben, hab ich gesagt!“ fauchte sie in seine Richtung. „Es gibt hier Komplikationen, ich brauche jetzt Ruhe und Konzentration! Es reicht schon, wenn dieses junge Ding hier mich so nervös macht! “ Er schloss eilig wieder die Türe. Rahela nahm das Kind entgegen und betrachtete es. Es war ein kräftiger aber kleiner Junge. Als die Nabelschnur auspulsiert hatte, schnitt sie sie durch und wickelte das Kind in vorbereitete, vorgewärmte Tücher und legte es der Magd in den Arm. Sie beobachtete Mira einige Zeit, ob sie es nun aus eigener Kraft schaffte, das zweite Kind herauszupressen, doch Miras Körper war völlig erschlafft und entkräftet. Es würde nicht viel zutun nötig sein, dachte Rahela, während sie schwitzte. Erneut schob sie ihre Hand in den Leib und fasste auch das zweite Kind um es herauszuziehen. Mira schrie erneut und keuchte, und ihr Blick war glasig, als Rahela auch das zweite Kind herauszog und sie wimmerte. Noch ein Junge… Arjun würde so stolz sein… Als sie auch den zweiten Jungen versorgt hatte, kam das Entscheidende. Sie sah sich kurz um, ob die Magd sie auch nicht beobachtete, doch diese war ganz verzückt dabei, das Neugeborene zu betrachten, welches sie im Arm hielt. Der Säugling schrie und wurde ganz rot und die Magd war entzückt. Dann umfasste sie die Nabelschnüre und zog mit einer heftigen Bewegung daran, um die Nachgeburten herauszureißen. Dies war etwas, was man in der Geburtshilfe niemals tun durfte. Schließlich verursachte dies eine weitaus größere Wundfläche, als wenn die Plazenta sich von alleine ablöste, und dies konnte starke Blutungen verursachen. Mira schrie gellend auf von dem stechenden Schmerz und ein Schwall Blut schwappte aus der Frau heraus und kurz darauf lag sie nur noch matt und regungslos da. Die Magd legte bestürzt das Neugeborene zu seinem Bruder und tupfte Mira den kalten Schweiß von der Stirn und sah Rahela fragend an, während diese hilflos die Schultern zuckte. Als Arjun seine Frau so schreien gehört hatte, war nun doch in die Stube gestürmt um ihr beizustehen. Rahela schwitzte, es war sehr anstrengend gewesen, die Kinder herauszuziehen. Am liebsten würde sie nun aufstehen und einfach gehen, ihre Arbeit war im Grunde getan… außerdem mochte sie nicht mitansehen, wie Arjun Miras Hand hielt. Arjun besah sich stolz die beiden Jungen und flüsterte seiner Frau zu „Es ist überstanden, wir haben zwei gesunde kräftige Söhne, Mira… jetzt wird alles gut!“ und küsste sie auf die Stirn. Rahela wandte sich ab. Sie ertrug es nicht, all die Liebe zu sehen, die Arjun seiner Frau entgegenbrachte. Es hatte in der Schenke einen anderen Anschein erweckt, als er so klagend über die schlechte Ehe mit seiner Frau berichtet hatte. Doch bald würde es vorbei sein. Mira sah sehr schlecht aus, sie war blass und ihr Körper war mit kaltem Schweiß bedeckt. Ihre Augen flackerten und allmählich wurde ihr Körper von leichten Krämpfen geschüttelt. „Sie ist zu schwach… sie stirbt…“ dachte Rahela und ihre Augen funkelten zufrieden auf. „Was geht hier vor sich, Rahela?“ fragte er sie panisch. „Sie hat ziemlich viel Blut verloren, Arjun, ich habe Dir doch gesagt, Zwillinge sind ein großes Risiko. Wenn die Götter es so wollen, dann kann ich nichts dagegen tun! Ich kann ihre inneren Blutungen nicht stillen! Auch mir als Schamanin sind in solchen Dingen die Hände gebunden! Es gibt nichts, was wir tun können, außer zu beten, wenn die Götter es wollen, wird sie überleben!“ Und dennoch, obgleich Arjun inständig zu den Göttern flehte, nach einigen Minuten hatte Mira den Kampf um Leben und Tod verloren. Sie starrte aus leblosen Augen in den Raum. Und Arjun saß fassungslos da und starrte seine Frau an. Rahela stand auf, säuberte sich die Hände und Arme vom Blut und betrachtete die Säuglinge, die nebeneinander in Laken gewickelt auf dem Bett lagen und wieder eingeschlafen waren. Plötzlich empfand sie doch ein wenig Mitleid für Arjun. Sie warf ein Laken über die Tote, und legte ihm eine Hand auf die Schulter und deutete auf die Magd, die unschlüssig daneben stand.„Sie muss schnell laufen und eine Amme holen. Du musst jetzt stark sein und an Deine Söhne denken…"
Zuletzt geändert von Rahela am Mo, 09. Feb 2015 8:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Do, 11. Okt 2012 18:11

Bilddraéyu saß stillschweigend in der dunklen Ecke, vor einem leeren Tonkrug, in welchem sich noch einige Tropfen Wein befanden. Er starrte mehr ins Nichts und wirkte ein wenig geistesabwesend, während er gemächlich etwas Tabak aus Khirundan in Fenris alte Pfeife stopfte. Fenris, der Runenmeister, stand gerade an der Feuerstelle, welche in der Mitte des kleinen Hauses, welches der Mann sein Eigen nannte, vor sich hin gloste und brühte einen frischen Gewürzwein auf. Es war kein herkömmlicher Gewürzwein, wie man ihn am Hofe des Fürsten zu Trinken bekam, oder in den Häusern anderer Sippen. Fenris hatte besondere Zutaten, aus fernen Ländern. Er hatte sie über viele Jahre hinweg angesammelt, da er den Genuss eines wahrlich guten Weins oder Mets sehr zu schätzen wusste. Da seine Lebensjahre bald gezählt sein würden, wollte er einen letzten Trunk mit seinem Freund Adraéyu zu sich nehmen. Das Bernsteinauge funkelte bedrohlich in dem Zwielicht der schattigen Ecke, und aus der leeren, linken Augenhöhle gähnte nur finstere Schwärze hervor. Adraéyu dachte nach, beobachtete Fenris und zog gemächlich an der langen, geschwungenen Pfeife aus Kirschholz. Der wohlschmeckende Rauch füllte seine Lungen und ein rauchiger Dunst umspielte sein Gesicht. Und immer wieder spukten ihm die Worte seines Freundes durch den Kopf. Worte die weise geklungen hatten, aber Adraéyu wollte nichts davon wissen.

Jäh wurde Adraéyu aus seinen Gedanken gerissen, als Fenris sich wieder an den Tisch setzte, mit zwei dampfenden Krügen in den Händen. Seine müden aber freundlichen Augen strahlten eine solche Ruhe aus, dass Adraéyu geistesabwesend die Pfeife auf den Tisch legte, und stattdessen den Tonkrug, welchen Fenris zu ihm geschoben hatte, mit seiner rechten Hand umschloss. »Das Tuch des Schicksals, welches die Götter für uns gewoben haben, birgt oftmals ungeahnte Irrwege, nicht wahr?« Adraéyu nickte zustimmend, während er an dem heißen Gewürzwein nippte. Beinahe augenblicklich züngelte ein winziges Fünkchen Aroma auf seiner Zunge. Adraéyu konnte es nicht zuordnen, doch war etwas in diesem Wein, was gar kein Wein war. An dem überraschten Blick Adraéyus schien Fenris erkannt zu haben, dass er dieses wahrgenommen hatte und nickte zwei Mal, sehr langsam. Sein Mundwinkel wurde dabei ein wenig breiter und offenbarte die vielen Falten welche sich dort über die Jahre eingenistet hatten. »An Tagen wie diesen hatte ich mir schon oftmals gewunschen, dass Raeslif das mir zugedachte Tuch einem anderen, armen Tropf hätte auflegen sollen.« Adraéyu schmunzelte gekünstelt und Fenris erkannte, dass in den Worten mehr Wahrheit steckte, als Adraéyu zu verbergen vermochte. »Die Götter wissen ganz genau was sie tun…« Adraéyu hob ermahnend die Hand und unterbrach Fenris in seiner Predigt. »Du weißt, die Etáín sind meine Wegweiser. Der Wind und die Brise, der Sturm und die Böe …«

Adraéyu unterbrach sich selbst, und kostete sogleich noch einmal von dem vorzüglichen Gewürzwein. Anerkennend nickte er Fenris zu, als er einen großen Schluck gemacht hatte. »Dies ist kein gewöhnlicher Wein. Es ist nicht einmal Wein.« Und da schmeckte Adraéyu den feinen, honigsüßen Geschmack heraus. Es war Met! Met in reinster Vollendung. »Diesen Met nennt man Skaldenmet. Es heißt nur den Einherjern, den glorreichen und heldenhaften Gefallenen war es vergönnt diesen Met zu kosten.« Natürlich war es kein wahrer Skaldenmet. Doch besaß Fenris die Gabe des zweiten Gesichts, und beherrschte unzählige Segnungen der Magie der Natur. Manche behaupteten sogar, dass er mit den Ahnen und den Göttern zu sprechen vermochte. Womöglich hatten sie ihm das Rezept des Skaldenmets verraten? Adraéyu winkte diese Gedanken fort, wie lästige Fliegen. Er wusste um die Macht Fenris' doch ob er mit den alten Göttern zu sprechen vermochte; daran zweifelte er. Ja er betete, gelegentlich, zu den Göttern. Doch hatten sie noch niemals zu ihm gesprochen, darum konnte er sich kaum vorstellen, dass es bei Fenris anders sein sollte. Doch der Wind hingegen, der sprach tagtäglich zu ihm. Mal flüsterte er betörend, oder er sang verführend. Manchmal zerrten die Etáín wild an ihm und forderten ihn auf mit ihm zu gehen, und in den Tanz der Winde einzusteigen. Oft widerstand er den Verlockungen des Windes und den Versuchungen der schönen Grazien, welche da in den Winden tanzten. Doch konnte er den Wind niemals verdrängen oder gar vergessen. Er war allgegenwärtig. Die alten Götter hingegen … Adraéyu trank erneut einen tiefen Schluck und langsam breitete sich bereits die wohlige Wärme des Mets in seinen Gliedern aus. Für einen Moment schloss Adraéyu die Augen und genoss einfach nur die Stille. Die gemächliche, ruhige Atmung Fenris, das Knistern und Knacken des Feuers in der Feuerstelle, und das gelegentliche Säuseln des Windes, der durch die Ritzen des alten Mauerwerks pfiff. Die Flammen tanzten zum Gesang des Windes und warfen lange Schatten an die steinernen Wände. Manche wirkten bedrohlich, und andere tanzten ausgelassen. Doch Adraéyu achtete nicht auf sie.

Fenris nahm die Pfeife vom Tisch auf, und tat einen kräftigen Zug. Sofort glomm das Rauchwerk in dem Pfeifenkopf glühend rot auf und verblasste zusehends zu einem goldenen Schimmer. Es glich beinahe dem Auge Adraéyus, welches in der Glut der Pfeife zu flackern schien. In Wahrheit flirrten winzige, goldene und leuchtende Funken unter der Iris des Raéyun umher. Nur den wenigsten fielen diese Funken überhaupt auf, denn man musste wahrlich genau hinsehen. Als Fenris die Pfeife von seinem Mund löste, quoll ihm der Rauch zunächst aus der Nase, wie bei einem dampfenden Kessel, und als er den Mund öffnete wurde sogleich sein ganzes Gesicht in qualmende Schwaden gehüllt. »Mein Freund«, drang Fenris' Stimme durch die Nebelschwaden. »Es wird Zeit, dass du dich entscheidest« Mit diesen Worten reichte er die Pfeife wieder an Adraéyu, und nachdem dieser seinen Zug gemacht hatte, blies er einen Rauchkringel in die Luft. Für einen Moment zuckte der Schalk auf Adraéyus Oberlippe, und kurz darauf blies er einen zweiten Ring, direkt durch den ersten hindurch. Müde legte er daraufhin die Pfeife auf den Tisch. »Quäl' mich nicht, mein Entschluss steht fest.«

Fenris seufzte, und nahm die Pfeife, sowie die Tonkrüge an sich. Er brachte die Krüge zur Feuerstelle und klopfte die Reste des Pfeifenkrauts und die Asche in die Glut der Feuerstelle. Dann schöpfte er neuen Gewürzmet in die Krüge und wandte sich zurück zum Tisch. Doch bevor er sich in Bewegung setzen konnte, wurde er auf einmal von einem heftigen Schmerz gepeinigt, dass er beinahe die Krüge hätte fallen gelassen. Er verkrampfte sich innerlich, damit Adraéyu nichts bemerken würde, und stellte zitternd und mit sich ringend, die Krüge nochmals ab. Dann tastete er sich langsam zu seinem Tisch vor, und zog eine kleine, aus Ton gebrannte, Phiole aus einer Art Arzneischrank. Darin schwamm eine milchige, dickflüssige Arznei – Mohnsaft. Er stürzte den Inhalt komplett herunter und krallte sich kurz in die Tischplatte, bis die Wirkung des Saftes eingesetzt hatte. Als die Schmerzen vergangen waren, schlurfte er zu den Krügen zurück und nahm sie vorsichtig an sich. Als er sich wieder zu Adraéyu an den Tisch setzte, spielte dieser gerade an seinem silbernen Ring mit dem Bernstein darin herum. Er drehte den Ring über den Finger. Immer wieder in die eine und dann in die andere Richtung, bis Fenris sich kurz räusperte. »Dich plagt die Entscheidung. Doch ich habe sie längst gefällt. Es gibt keine Alternative, und du wirst dich damit abfinden …« Fenris Worte klangen harscher, als er sie gemeint hatte, doch Adraéyu nahm ihm das nicht übel. Müde senkte er sein gesundes Auge, denn er wollte vermeiden Fenris in die Augen zu sehen. »Ich kann deine Seele nicht annehmen. Denn ich habe mein Auge durch meine eigene Torheit und meine vermessene Arroganz verloren. Deine Seele anzunehmen käme einem Betrug an dem Schicksal gleich.« Doch Fenris lächelte nur müde. Er wusste, dass Adraéyu ihm vor wenigen Tagen nicht die volle Wahrheit erzählt hatte, als sie auf sein fehlendes Auge zu sprechen gekommen waren. Doch war dies Adraéyus Entscheidung gewesen.

»Ich habe fürchterliche Dinge getan, als ich in Merridia war. All die guten Dinge, welche du und die wilden Lande mich gelehrt haben, habe ich mit Füßen getreten. Nur um Macht und Ruhm zu erlangen. Ich hielt mich für so viel besser als all die anderen Menschen dort…« Adraéyu hielt für einen Moment inne, und suchte den Blick Fenris'. Doch fand er keine Verachtung in seinem Blick, noch nicht. Also fuhr er mit seiner Beichte fort …
»Als Forél damals an mich herangetreten war, um mir eine lukrative Arbeit zu versprechen, loderte die Gier in mir auf. Er wollte meine Fähigkeiten, und ich hatte endlich die Gelegenheit zu zeigen, zu welchen Taten ich wahrlich fähig war.« Adraéyu seufzte, nach diesen Worten und tat einen kräftigen Schluck aus dem Tonkrug, bevor er fortfuhr. »Am Anfang war alles noch recht harmlos …« Adraéyu zuckte mit den Schultern. Er wusste nicht so recht wo er anfangen sollte und er rang mit sich die wahre Geschichte vor seinem Freund zu enthüllen. Wie würde Fenris wohl reagieren, wenn er erfahren würde, welche Greul Adraéyu begangen hatte? Und als ob Fenris um sein Hadern wissen würde, räusperte dieser sich. »Hrm, weißt du … vor langer Zeit, als ich noch jünger war, und die wilden Lande wilder waren, da hatte ich eine Frau. Sie war wunderschön und wild und unzähmbar, wie unser Land, und die Menschen die es sich untertan machen. Doch konnte ich sie nie wahrlich besitzen. Sie liebte mich, das fühlte ich. Und nicht nur weil ich in der Lage war in ihr Innerstes zu schauen. Doch …« Fenris fehlten die passenden Worte, und so stand er müde auf und ging zu der Feuerstelle in der Mitte des Hauses. Von der vergehenden Glut stieg eine dünne, kaum sichtbare Rauchfahne auf. Er legte einige Scheite auf die Glut, damit das Feuer nicht vergehen würde und wandte sich dann der Pfeife zu, welche noch immer neben der Feuerstelle lag. Adraéyu beobachtete ihn mit wachsamem Blick, und zugleich überlegte er wie er mit seiner Geschichte fortfahren könnte. Während dessen nahm Fenris die ausgeklopfte Pfeife und pustete kurz in den Pfeifenkopf hinein, um ihn von Staub und Asche zu befreien. Dann schlurfte er zu seinem Arbeitstisch und zog einen großen Topf heraus. Als er den Topf hervor gezogen hatte, rollte ihm eine kleine Wurzel der Alraune aus dem Fach entgegen. Fast als ob sie ihn verspotten wollen würde. Beiläufig ließ er die Wurzel in seine Tasche wandern und widmete sich wieder dem Topf. Als er den Deckel von dem Topf zog, entwich das wohlriechende Aroma, welches darin gefangen war und atmete tief ein. Dann zog er einiges an Tabak aus dem Topf, stopfte es in die Pfeife und verschloss den Topf wieder.

Als er sich wieder zu Adraéyu an den Tisch gesetzt, und seine Pfeife kurz auf den Tisch gelegt hatte, tastete er suchend seine Taschen ab. Doch er fand nicht wonach er suchte und grummelte. Er war schon im Begriff sich erneut von seinem Platz zu erheben, als Adraéyu eine kleine, silberne Schachtel vom Tisch aufnahm und es Fenris hinhielt. »Suchst du die hier?« Er grinste den Runenmeister wohlwissend, dass er die Zunderbüchse gesucht hatte, an. Fenris nahm die Büchse dankbar an und ließ sich wieder in den Sessel zurücksinken. »Ich werde alt …«, murmelte Fenris, denn er hatte die Zunderbüchse nicht auf dem Tisch liegen sehen. Er steckte sich die Pfeife in den Mund, öffnete die Zunderbüchse und stellte sie vor sich auf den Tisch. Darin befanden sich einige kleine Fächer, in welchen der Zunder verteilt war. Fenris hatte eine beeindruckende Sammlung an verschiedenstem Zunder, je nach Notwendigkeit. Von den einfachen, in Salpeter eingelegten Zunderpilze, welche in kleine Würfel geschnitten waren, hatte er am meisten. Doch lagen auch kleinere Mengen Faulbaum Kohle, Bärlappsporen, Distel Flugsamen oder Zunderpulver in den Fächern. Letzteres lag nicht offen in der Büchse, sondern war in einem kleinen Lederbeutel verwahrt. Für das Anzünden einer Pfeife genügte für gewöhnlich das Zunderpulver. Es war im Grunde eine Mischung aus verschiedenen Zunderarten, wie dem Pilz oder der Kohle, und war getrocknet und in einem Mörser zu Pulver zerstoßen worden. Neben dem Zunder befanden sich noch der Feuerstein, der Pyritstein und ein kleines Gläschen in welchem seltsame, weiße Steinchen lagen. Fenris zog einen kleinen, getrockneten Pilz hervor. Normalerweise verwendete Fenris keine getrockneten, in Lauge getränkten Pilze um das Feuer zu entfachen, sondern das Pulver. Doch dieser Pilz war kein gewöhnlicher Pilz. Es war ein sogenannter Zauberpilz, ein unscheinbarer Kahlkopf von besonders intensivem Aroma. Man konnte nur den Hut gebrauchen, denn der Stängel war giftig. Fenris wusste was ihm blühen würde, wenn er diesen Pilz rauchen würde, doch er nahm es in Kauf, denn er wollte dass Adraéyu auch diesen Pilz rauchte. Und so stopfte er den Pilz tiefer in die Pfeife, und nahm die beiden Steine aus der Büchse. Er schlug die Steine zusammen, immer wieder und wieder, doch gelang ihm kein ausreichender Funke. Er war schon ein wenig müde. Adraéyu rutschte ein wenig unruhig auf seinem Sessel herum, bis er seine Hand nach den Steinen ausstreckte. »Lass mich dir helfen.«, bot er an, doch Fenris winkte ab. »Ich zeige dir etwas. So etwas hast du bestimmt noch niemals gesehen!« Fenris legte die Steine zurück in die Schachtel und zog stattdessen ein einzelnes Zündholz aus der Büchse. Adraéyu verzog ungläubig seine Augenbrauen. An dem Holzspan aus Kiefer war nichts Besonderes. Doch dann zog Fenris das kleine Fläschchen hervor, stöpselte den Korken aus und steckte den kleinen Span kurz in die weichen, weißen Klumpen. Dann zog er das Hölzchen aus dem Glas und beinahe augenblicklich züngelten helle Flammen auf dem Holz. Adraéyu weitete erstaunt die Augen. Dies ging so schnell, dass Fenris das Glas schon wieder verschlossen und in der Büchse verstaut hatte. Diese Steine waren sehr kostbar, und auch sehr gefährlich. Doch diese Zunderhölzer vermochten den Tabak zu entzünden, ohne Beihilfe eines Zundermittels. Als er das Zündholz in die Pfeife führte, und saugend die aufkeimende Glut entfachte schüttelte er das Zündholz aus und legte es auf den kleinen Zinnteller auf dem Tisch.

»Was sind dies für weiße Steine?«, erkundigte Adraéyu sich neugierig, doch Fenris antwortete nicht und tat so, als ob er die Frage nicht gehört hätte. Er wollte ihm nicht sagen, dass es sich bei diesen Steinen um Phosphor handelte, und schon gar nicht woher er ihn hatte.

Stattdessen zog er kräftig an der Pfeife und stieß immer wieder kleine Rauchwolken aus, bis die Glut in der Pfeife den Tabak und auch den Pilz sich völlig einverleibt hatte. »Wo war ich stehen geblieben?«, grübelte Fenris und rollte den Rauch auf seiner Zunge, bevor er sie an Adraéyu reichte. »Bei deiner Frau.«, half Adraéyu ihm auf die Sprünge und nahm zugleich die Pfeife entgegen. »Ah, ja…meine Frau« Fenris beobachtete Adraéyu, wie dieser den dunstigen Rauch aus der Pfeife sog. Der Raéyun bemerkte die feine Nuance des Pilzes, welcher dem Tabak einen süßlichen aber auch etwas herberen Geschmack verlieh und er verengte seine Augen kurz zu misstrauischen Schlitzen. »Diese herbe Süße …« Fenris lächelte wissend, doch klärte er Adraéyu nicht über den Pilz auf.

»Wie ich sagte, ich liebte meine Frau, und sie mich. Dessen war ich mir sicher. Doch sie war eigensinnig und starrköpfig, und sie machte oft anderen Männern schöne Augen. Und ich schäme mich es selbst heute zuzugeben doch wollte ich sie ganz für mich allein.« Fenris gönnte seiner Erzählung eine dramaturgische Pause, wohl um seinen folgenden Worten mehr Wert beizumessen. »Und so nutzte ich meine Macht. Ich wühlte in ihrem Geist und zerbrach ihren Willen. Ich wollte dass sie nur mir gehörte. Ich wollte sie nicht zerstören…« Bei diesen Worten stockte Fenris kurz, denn ein stechender Schmerz kündigte sich langsam in seinen Eingeweiden an, und so zog er die Alraunwurzel aus seiner Tasche und begann darauf herum zu kauen und sah Adraéyu in das goldene Bernsteinauge. Der tiefe, mitfühlende Blick der ihn traf war beruhigend und Fenris sammelte seine Worte. »Ich habe sie an jenem Tag verloren. Nicht an einen anderen Mann, sondern an die Götter. Ihr Geist, oder ihr Wesen … Ich kann es selbst heute nicht besser beschreiben … sie ließ sich nicht beugen, selbst als ich ihren Willen zerbrach. Und als ihr das Blut aus der Nase und aus den Ohren gelaufen war und ich mich hastig aus ihr zurückgezogen hatte, war es bereits zu spät. Sie starb in meinen Armen und ich habe mir niemals vergeben.« Fenris nahm Adraéyu die Pfeife ab und zog einen kräftigen, langen Zug. Adraéyu schwieg, ihm fehlten die Worte seinen Freund zu trösten und so ergriff Fenris erneut das Wort. »Kannst du nun, nachdem du diese dunkle Seite meiner Vergangenheit kennst, über die deine sprechen?«

Adraéyu stürzte den letzten Rest des Skaldenmets herunter und stellte den Krug auf der rauen Tischplatte ab. »Du musst wissen, Forél war ein sehr geschickter Lügner. Und Hagen hatte Fähigkeiten, die unerklärlich waren. Wenn ich darüber nachdenke, dann glaube ich, dass er mein Handeln in eine gewisse Richtung gelenkt hat.« »Die Lenkung …«, murmelte Fenris »… eine gefährliche Gabe der Naturmagie. Es ist eine Schande, wenn Menschen sie zu ihren Zwecken missbrauchen!« Fenris spuckte symbolisch neben sich aus. Adraéyu nickte nur beiläufig und fuhr mit seiner Erzählung fort und unterdrückte den Gedanken welcher ihm durch den Kopf geisterte. Nämlich dass Fenris seine eigene Frau mit seiner Gabe umgebracht hatte. »Zu anfangs wurden Hagen und diese Elfe … ich glaube sie war eine Bergelfe gewesen …« »Dunkelelfe …« unterbrach Fenris Adraéyu. »In den wilden Landen nennt man sie nur Dunkelelfen, denn sie sind skrupellos, selbstsüchtig und niederträchtig, noch mehr als alle anderen Elfen.« »Ich habe nie ihren Namen erfahren.«, murmelte Adraéyu. »Jedenfalls … zu anfangs hielten sie sich im Hintergrund. Forél begleitete mich eines Tages zu einem Gerber. Er stellte ihm Fragen und ich sollte anhand der Gefühle, welche er während der Befragung zu verbergen versuchte, deuten ob er die Wahrheit sagte. Natürlich verschwieg er einiges. Doch war mir damals nicht bewusst, was mit ihm geschehen würde. Später musste ich erfahren, dass dieser Gerber in Foréls Schuld gestanden hatte. Eine sehr hohe Blutschuld, welche nach diesem Gespräch beglichen wurde.« Adraéyu hielt kurz inne, um an der Pfeife zu ziehen. Der wohlschmeckende, milde Rauch bahnte sich seinen Weg durch seine Luftröhre in die Lungen, tanzte dort ein wenig, bevor er als ebenmäßiger Rauchkringel aus Adraéyus Mund entwich. »Wie dem auch sei, er musste dabei zusehen, wie Hagen seine Tochter vor seinen Augen zuerst vergewaltigte, dann tötete und schließlich häutete. Sie zwangen den Gerber sogar die Haut seiner eigenen Tochter zu gerben, nur um ihn anschließend in seinem eigenen Gerberbottich zu ersäufen. Forél ließ alle seine Feinde häuten, manche von ihnen sogar bei lebendigem Leib. Und damit nicht genug. Er demütigte sie oder zwang sie zu grauenvollen Taten um ihr eigenes Leben dadurch frei zu erkaufen. Viele Verbrechen, wurden von Opfern Foréls begangen, da sie Angst hatten ihr eigenes Leben zu verlieren. Doch früher oder später konnte keiner von ihnen ihre Schuld begleichen. Denn die Blutschuld stieg immer höher, anstatt getilgt zu werden. Es lag eine geniale Raffinesse in Foréls Machenschaften, und die Stadtwache konnte ihm nichts nachweisen. Es war immer ein anderer für die Verbrechen verantwortlich, und die wenigsten von ihnen überlebten lange genug, um als Zeugen auszusagen …« Adraéyu seufzte müde. Doch war die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Und nun da er sie begonnen hatte, musste sie auch beendet werden. »Du fragst dich sicher, warum ich bei solchen Greul mitgemacht habe? Wie ich bereits sagte, habe ich davon zuerst sehr wenig mitbekommen. Es war mir im Grunde auch egal. Ich hatte die Macht. Zumindest ließen mich Forél und auch Hagen dies glauben machen. Ich las die Gefühle der Opfer, ich spielte Musik um andere dazu zu bewegen nach meiner Pfeife zu tanzen. Und ich genoss diese Macht. Dieses unvergleichliche Gefühl frei zu sein und alles nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Natürlich wuchs ich, während ich immer tiefer in diesen verbrecherischen Sumpf hinabrutschte, auch in die tieferen Kulissen hinein. Man vertraute mir, und Hagen gebrauchte seine Macht nicht mehr allzu oft. Ich ließ es einfach zu. Mein Gewissen war stumm, denn ich hatte es mit meiner eigenen Musik in mir selbst eingekerkert. Ich kann heute nicht mehr sagen ob es dieses berauschende Gefühl dieser ungreifbaren Macht war, oder ob es einfach die böse Ader in mir war, die mich dazu getrieben hatte. Aber eines Tages befahl mir Forél ein hochrangiges Mitglied der Magiergilde zu Tode zu singen. Ich war nicht der Mann, der Kinder umbrachte. Doch dafür hatte er Hagen. Und Hagen hätte sicher, bei dem Versuch diesen Mann zur Strecke zu bringen, versagt. Forél hatte große Pläne gehabt. Er wollte in der Gilde Fuß fassen, Macht gewinnen und Einfluss ausüben. Und ich habe es getan! Ohne mit der Wimper zu zucken, oder Fragen zu stellen. Bei den Alten, es war nicht leicht gewesen. Doch als dieser alte Mann, von dem Forél behauptet hatte, er sei einer der mächtigsten seiner Zunft gewesen, in den Fängen meiner Musik eingesponnen war, gab es kein Entkommen für ihn. Sein Wille war so stark gewesen, dass ein einziger, schiefer Ton, oder eine zu lange Pause ihm gereicht hätte aus meinem Netz aus Noten und Tönen zu entkommen. Meine Finger bluteten nach jener Tat und meine Stimme war heiser wie noch nie. Doch der alte Mann lag tot am Boden, und niemand konnte es sich erklären warum er gestorben war, während alle anderen Menschen um ihn herum zu meiner Musik getanzt hatten. Wie auch, hatte er sich schließlich mit seiner eigenen Magie selbst gerichtet.«

Die Worte sprudelten nur so aus Adraéyu heraus, und Fenris erkannte, dass der Pilz langsam seine Wirkung entfaltete. Er hütete sich weitere Züge aus der Pfeife zu rauchen, und da er diese nicht mehr an sich genommen hatte, zog Adraéyu immer wieder daran, bis sie schließlich völlig aufgeraucht war. Er spürte die Wirkung bereits und sah das Licht heller als es war, spürte die Schwingungen von Adraéyus Stimme und schmeckte die Farbe des Feuers auf seiner Zunge. Er war sich sicher, dass es Adraéyu ähnlich ergehen musste, denn er hatte weit mehr von dem Pilz inhaliert, als er selbst.

»Auch wenn ich meine Taten heute bereue. Du ahnst nicht wie gut ich mich damals gefühlt hatte. Und welch Balsam das Lob Foréls für mich war und wie die schönen Augen dieser Dunkelelfe meine Seele geküsst hatten. Nur Hagens finstere Blicke waren der schiefe Ton in dem perfekten Lied. Doch dieser Tat folgten nur weitere. Ich erzählte dir doch, dass Hagen als der Kindermörder bekannt war. Die Menschen huschten in dunkle Gassen wenn sie ihn kommen sahen. Und zogen ihre Kinder eng an sich oder verbargen sie unter ihren Umhängen. Er hatte einen Mantel aus Kinderhäuten! Und ich habe nichts dagegen unternommen, denn ich genoss die Furcht der anderen. Selbst wenn sie nicht mich, sondern ihn fürchteten. Viel zu spät erkannte ich die tiefen Abgründe, an denen ich stand. Und ich kann mir nicht verfarben …« »… verfarben?«, unterbrach ihn Fenris. Adraéyu sah ihn verwirrt an. »Du hast verfarben gesagt.« »Habe ich nicht, ich sagte vergeben.« »Nein, verfarben.« Fenris grinste. Denn die Wirkung des Pilzes setzte ein. »Ich glaube du … äh, dein Gesicht wird ganz gelb … Nein, grün!« Adraéyu konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihm wurde schwindelig, alles um ihn herum war verzerrt, oder veränderte die Farbe. Fenris erschien ihm als würde er schimmern und der Tisch kräuselte sich. Und egal ob er seine Augen schloss oder offen hielt, es spukten die seltsamsten Bilder von vergangenen Begebenheiten und völlig unbekannten Personen vor ihm herum. Er stützte sich auf den Tisch und versuchte aufzustehen. Doch der Raum drehte sich um ihn und dennoch fühlte er sich auf eine angenehme Weise berauscht. »Schlaf gut, mein Freund.«, murmelte Fenris, als Adraéyu zu Boden ging und mit weit geöffnetem Auge die Decke anstarrte. Fenris zog Adraéyu auf ein weicheres Bärenfell, welches nahe der Feuerstelle am Boden lag, und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, sowie dem Mittelfinger über die geöffneten Augenlider, um diese zu schließen.

Adraéyu träumte einen wilden, verwirrenden Traum. Er war in einem Wald in den wilden Landen. Es war Sommer und die Vögel zwitscherten. Und während er sich umsah, verwandelte der Wald sich langsam. Die Bäume bewegten sich und er glaubte zwischen den Ästen eine geflügelte Kreatur mit spitzen Zähnen zu sehen. Erschrocken trat er einige Schritte zurück, doch stolperte er und stürzte in einen Fluss. Die Strömung riss ihn sofort mit sich und er war umgeben von Wasser, und verschwommenen Bildern. Er japste und schnappte nach Luft. Doch atmete er nur eiskaltes Bergwasser ein.

Während Adraéyu in seinem Traum ertrank, brach ihm auf dem Bärenfell der kalte Schweiß auf die Stirn und seine Atmung raste dahin. Fenris beugte sich über ihn, tupfte den Schweiß ab und entzündete einige Räucherwerke. Während er auf den Knien saß und betete, summte er eine beruhigende Melodie. Es war eines der Gebetslieder, wie es auch die alten Kräuterweiber sangen, wenn ein Mann im Sterben lag. Doch Adraéyu lag nicht im Sterben, er hatte eine wahrlich überwältigende Vision, wie er sie noch niemals erlebt hatte.

In seinem Traum wurde ihm zuerst schwarz vor Augen, bevor er die Augen aufriss und alles um ihn herum in weißes Gewand getaucht war. Er blinzelte zuerst, bis er begriff, dass der Wald im tiefsten Winter lag. Der Fluss war zugefroren und der Schnee bedeckte das gesamte Land, wie eine weiße Decke. Adraéyu stand inmitten des gefrorenen Flusses und eine Frau mit schwarzen Haaren und grünen Augen ging an ihm vorbei. Das Eis knackte und ächzte bei jedem ihrer Schritte, doch schien sie ihn gar nicht wahrzunehmen. Als Adraéyu nach ihr griff, um sie am Arm fest zu halten, glitt seine Hand einfach durch sie hindurch, als wäre er ein Geist. Erschrocken zog er seine Hand zurück und sah auf seine Finger herab. Doch er konnte nichts Ungewöhnliches an ihnen erkennen. »Ist dies die Wirklichkeit?«, Adraéyu trat vorsichtig einen Schritt auf dem Eis, und es knackte und splitterte. Wie ein Spinnennetz, breiteten sich die Brüche in dem Spiegel aus Eis immer weiter aus, bis die Brüche das Ufer erreichten. Die Frau betrat gerade das Ufer, als das Eis aufbrach und Adraéyu verschlang.

Mit wild pochendem Herz richtete Adraéyu sich auf dem Bärenfell auf und blickte sich panisch um. Es war dunkel, und vor dem Haus hörte er einen Uhu rufen. »Was für ein irrer Traum …« »Das war kein Traum, mein raéyun'scher Freund.«, brummte Fenris' Stimme in der Finsternis.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 13. Okt 2012 18:02, insgesamt 1-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Do, 11. Okt 2012 18:11

Es war früher Abend. Die Dunkelheit hatte bereits eingesetzt und Rahela saß im Haus des Dorfältesten Gerret, an seinem Tisch und hielt einen Becher heißen Gewürzwein umfasst. Der Dorfälteste hatte ihn ihr eingeschenkt, vermutlich, weil er dachte, Rahela war mitgenommen, weil Mira förmlich unter ihren Händen weggestorben war. Rahela war jeder Anlass zu einem Becher Wein willkommen. „...ich kann Euch nur sagen, dass Mira nicht mehr die Jüngste war. Arjun selbst hat gesagt, sie hatte schon mehrere Fehlgeburten und dass dies die erste Schwangerschaft war, die, nun im Nachhinein betrachtet, erfolgreich war…“ „Das ist mir bekannt, und ich möchte Euch nicht anklagen, die Magd bestätigte ja auch, dass sie nichts Ungewöhnliches feststellen konnte, es ist in Ordnung. Nur ist es meine Pflicht, Fragen zu stellen, versteht ihr...“ beschwichtigte er sie. „Mir ist nur Gutes über Euch zu Ohren gekommen, deswegen habe ich auch nach Euch schicken lassen. Es ist tragisch, dass es nun so gekommen ist, aber es war der Wille der Götter… da können wir Sterblichen nichts ausrichten…“ Rahela nickte. „Leider ist es so… ich wünschte, ich hätte ihren Tod verhindern können… die armen Kinder… wer nimmt sich Ihrer nun an? Ein Mann, dazu noch ein Jäger, alleine mit zwei Säuglingen… er ist nicht zu beneiden…“ Ein falsches Bedauern umspielte ihren Mund, doch Gerret hatte sich von ihr abgewandt, und sah es nicht. Vermutlich hätte er es auch nicht gesehen, wenn er sie angesehen hätte, denn immerhin kannte er Rahela nicht. „Im Clan helfen wir einander, es gibt Ammen und kinderlose Frauen, die helfend zur Seite stehen… und er kann sich auch durchaus ein neues Eheweib nehmen…“ Rahelas Augen funkelten berechnend… Arjun und sie konnten auch gemeinsam in den Faernach-Clan zurückkehren. Sie konnte sich zwar wirklich nicht vorstellen, seine Kinder großzuziehen, sie wollte ihn ganz für sich alleine, doch es gab immer Mittel und Wege sich ungewollten Kindern zu entledigen… „Wie lange werdet ihr noch bei uns verweilen?“ fragte Gerret sie. „Ich denke, ich werde in ein paar Tagen den Clan wieder verlassen haben...“ meinte sie abschätzend. Damit stand sie auf. „Ich danke Euch für den Gewürzwein… ich werde noch einmal nach Arjun sehen…“ Der Dorfälteste nickte und begleitete sie zur Türe und öffnete sie. Es hatte zu schneien begonnen und Rahela warf sich ihren Wollumhang um, zog die Kapuze auf und verließ dann das Haus. Sie stapfte durch den Schnee, der bei jedem Schritt knirschte und im Feuerschein der Fackeln, die hier und da an Hausfassaden befestigt waren, glitzerten der gefallene Schnee und die Schneeflocken beinahe um die Wette. Bald erreichte sie Arjuns Haus und trat in die Stube. Sie trat sich den Schnee von den Schuhen und blickte sich um. Sie sah die Amme nahe der Feuerstelle sitzen, einen der Säuglinge in ihrem Arm stillend, während Arjun ihr gegenüber saß, an einem Stuhl den er sich dorthin gerückt hatte und ebenfalls einen Säugling im Arm hielt. Als er Rahela bemerkte, stand er auf und drückte ihr ungefragt das Kind in die Arme. Rahela betrachtete das Neugeborene emotionslos. Sie fühlte nichts für das Kind, kein Mitleid, dass es ohne seine Mutter aufwachsen müsse, keine mütterlichen oder sehnsüchtigen Gefühle auf ein eigenes Kind, allerhöchstens Abneigung. Es konnte zehnmal Arjuns Sohn sein, sie konnte sich mit dieser Situation bestimmt nie anfreunden. „Er heißt Meran…“ meinte er zu Rahela. Sie nahm kaum Notiz von dem Säugling, viel mehr sah sie Arjun an und er sah elend aus. Für ihn empfand sie Mitleid, es tat ihr leid, ihn so sehen zu müssen. Die Amme stand auf, und nahm Rahela den Säugling aus der Hand. „Ich nehme sie jetzt mit. Morgen Früh komme ich mit beiden wieder.“ Arjun nickte dankend. Rahela blieb schweigend stehen und wartete, bis die Amme gegangen war. Dann fragte sie ihn. „Wie soll es nun weitergehen mit Dir?“ Arjun zuckte die Schultern. „Du könntest mit mir kommen, Arjun…“ „Wohin?“ „Ich wurde zum Faernach-Clan zurückgerufen. Wir könnten gemeinsam in unseren Heimatclan zurückgehen… wir könnten zusammen sein, ich ziehe Deine Kinder groß und wir werden glücklich sein…“ Arjun erwiderte trotzig „Du sprichst von Glück, wo der Leib meiner Frau gerade erst erkaltet ist… das kann ich nicht, Rahela…“ Sie legte ihm eine Hand auf die Wange. Er war gerade so verletzlich… dieser große starke Nordmann wirkte beinahe zerbrechlich… es würde ein leichtes sein, ihn zu trösten. Voll Liebe betrachtete sie ihn und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf seine Lippen zu drücken. Er erwiderte ihren Kuss sachte, und schob sie dann doch weg. „Was hast Du?“ fragte sie ihn. „Es wäre nicht richtig…“ „War es richtig, dass wir uns liebten, während Deine Frau neben Dir schlief?“ fragte sie ihn verärgert. „Das war etwas anderes…“ „Nein, das war nichts anderes… im Gegenteil… jetzt bist Du frei und ungebunden… Du kannst Dir ins Bett holen, wen immer Du begehrst und Du kannst Dir ein neues Weib nehmen, wenn Du das möchtest…“ „Du bist eine Hexe, Rahela…“ Sie sah ihn beleidigt an. „Wie darf ich das verstehen?“ „Du hast eine gewisse Macht über mich… Du bist eine Dirne, Du spielst Deine Reize aus und ich kann nicht anders als diesen Reizen zu erliegen…“ Sie lächelte. „Ich kann noch ganz andere Reize ausspielen… was hieltest Du davon, wenn Du mit mir und meinen Schwestern im Geist schläfst?“ Irritiert sah er sie an. Rahela ging zu ihrer Tasche und holte ein kleines Fläschchen heraus, stellte es auf den Tisch, holte zwei Tonbecher und einen Krug in dem noch ein Rest süßer schwerer Wein war, verteilte ihn auf die zwei Becher und in den einen goss sie ein wenig von der Flüssigkeit ein. Diesen Becher reichte sie ihm. „Was ist das?“ fragte er sie skeptisch. „Lass mich Deinen Kummer trösten heute Nacht…“ flüsterte sie und animierte ihn zum trinken, in dem sie rasch ihren Becher leerte. Er kippte ebenso den Wein hinab, er war in einem Zustand, in dem ihm alles egal war, selbst wenn sie ihn vergiften wollte.

[18]Sie drängte ihn zum Bett, in dem erst vor wenigen Stunden seine Frau gestorben war, zog ihm sein Wams über den Kopf, kniete nieder vor ihm, zog ihm seine Stiefel aus, öffnete seinen Gürtel, befreite ihn von Bundhose und Bruche und gab ihm einen kleinen Schubs, so dass er sich nackt auf das Bett setzen musste. Sie beobachtete ihn. Die Wirkung der Tropfen musste bald einsetzen. Derweil zog sie sich langsam aus und fixierte seine Augen, die ein wenig gläsern dreinblickten und er verfolgte jeden ihrer Gesten mit wachsendem Interesse. Als sie nackt vor ihm stand, regte sich seine Männlichkeit und sie lächelte. Dann kam sie auf ihn zu und setzte sich auf seinen Schoß. Sie küsste ihn stürmisch und fordernd und flüsterte ihm dann ins Ohr „Bist Du bereit für einen Höhenflug mit meinen Schwestern?“ Er nickte beinahe mechanisch und sie drückte ihn auf das Bett. In diesem Zustand, in dem er war, würde er alles glauben und sehen, was sie ihm einflüsterte… diese halluzinogenen Sekrete würde ihn alles vergessen lassen, er würde nicht mehr wissen, dass sie ihm etwas gegeben hatte, doch niemals diese Nacht vergessen und er würde sich nach ihr verzehren und sie nie wieder gehen lassen wollen. Sie liebkoste seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr „Siehst Du meine Schwestern schon? Sie kommen eben zur Tür herein… sie tragen nichts unter ihren Mänteln, und sie sind alle nur gekommen, weil sie Dich wollen und begehren…“ Er hob seinen Kopf kurz an und blickte zur Türe und murmelte… „Ja… ich sehe sie… viele hübsche Frauen… und sie wollen nur mich…?“ „Ja…“ hauchte sie. „Siehst Du, sie legen ihre Mäntel ab… betrachte ihre makellose Schönheit, ihre wundervolle Scham… sie warten nur bis Du sie Dir nimmst… eine nach der anderen oder alle auf einmal…“ „Ich kann sie alle haben?“ „Das kannst Du...“ flüsterte sie ihm zu und bedeckte seine Brust mit vielen kleinen Küssen, dass er erschauerte und Gänsehaut bekam. „Ich habe nichts dagegen, wenn Du mehr als ein Weib begehrst… nimm Dir alles und sei ein freier Mann…“ Er lachte glucksend. Sie nahm seine Hände und führte sie an ihre Brüste, ließ ihn sie kneten und liebkosen. „Fühl, wie sie sich anfühlen, meine Schwestern…“ Er seufzte auf. „Sie fühlen sich gut an… ich möchte sie jetzt haben… eine nach der anderen…“ „Sie möchten Dich auch, Arjun…immerzu…jede Nacht für den Rest deines Lebens, wenn Du das möchtest…“ Sie setzte sich auf ihn und ließ ihn vorsichtig hineingleiten. Er stöhnte auf und begann sich auf und ab zu bewegen. Sie sog seinen Duft ein und war beinahe ähnlich berauscht, von der Wirkung, die die Tropfen auf ihn hatten. „Lass Dich reiten wie einen wilden Hengst, von all meinen Schwestern ...“ raunte sie ihm wohlig zu und er keuchte, während sie diese Beschreibung heftig ausführte. Er begann zu zittern und zu stöhnen, schrie und schrie und nach einigen Momenten war alles vorbei. Schwitzend legte sie sich auf seine zitternde Brust und keuchte in sein Ohr „Meine Schwestern sagen Dir Lebewohl…“ „Ich freue mich, sie bald wieder begrüßen zu dürfen…“ murmelte er matt. Sie küsste ihn noch einmal zärtlich und schmiegte sich in seinen Arm.[/18]

So sollte es immer sein… dachte sie zufrieden und seufzte wohlig auf. Nach einer Weile war sie eingeschlafen. Sie kümmerte sich nun nicht mehr darum, ob sie jemand zusammen in seinem Bett finden würde. Er war ein freier Mann und sie eine ungebundene…und mehr oder weniger mächtige…Frau. Niemand würde es wagen, sie allen Ernstes anzuprangern. Schon bald würden sie zusammen aufbrechen zum Faernach-Clan…
Als sie am Morgen erwachte, schlief Arjun noch. Sie stützte den Kopf auf und betrachtete ihn lächelnd, bis auch er erwachte. Er betrachtete sie irritiert. „Die Amme wird bald kommen… zieh Dich an, na los…“ „Es kümmert mich nicht, was sie denkt… ich möchte noch mit dir hier liegen...“ „Aber mich kümmert es, Rahela. Ich möchte nicht, dass die Clanmitglieder tuscheln und mit dem Finger auf mich zeigen…“ „Hat es dir nicht gefallen, heute Nacht?“ fragte sie ihn. „Oh, es hat mir gefallen, nur die Götter wissen, wie Du das bewerkstelligt hast…doch diese verruchten Spiele sind nichts für mich. Ich habe zwei Söhne, und sie brauchen mich.“ „Wir gehen zusammen fort von hier…“ rief sie atemlos. „Du nimmst Deine Söhne und meinetwegen diese Amme und wir gehen zum Faernach-Clan. Morgen bereits sind wir da! Und dann sind wir für immer zusammen!“ Dann meinte sie leise. „Ich habe immer nur Dich geliebt…immer…all die Jahre… ich wollte immer nur Dich… ich liebe Dich, Arjun…“ Seine Miene versteinerte sich. „Aber ich liebe Dich nicht, Rahela… ich werde hier bleiben und meinen Söhnen ein guter Vater sein. Ich werde sie großziehen und zu anständigen Menschen erziehen. Und wenn es die Götter wollen, finde ich ein neues Eheweib… aber nicht Dich… Du bist nicht zur Ehefrau oder gar Mutter geschaffen… Du bist eine Hure, eine Hexe… aber mehr nicht...“ Nach diesen harten Worten war Rahela erstarrt. Sie fand es gar nicht so schlimm, dass er sie als Hure und Hexe bezeichnet hatte, oder dass er sie nicht geeignet fand als Ehefrau und Mutter… doch dass er sagte, er liebe sie nicht, wo sie doch all die Jahre fest davon überzeugt war, das war ein harter Schlag. Wortlos stand sie auf, zog sich an, raffte ihre wenigen Dinge die sie dabei hatte, zusammen und schlug die Türe fest zu, als sie das Haus verließ. Erst draußen band sie sich den Gürtel um, zog sich ihren Mantel an, und ging um Dorfältesten, um sich zu verabschieden. „Meine Dienste werden hier nicht mehr gebraucht…“ meinte sie knapp zu Gerret und verneigte sie kühl vor ihm. „Ich breche noch heute Morgen zu meinem Clan auf.“ „Lebt wohl, Rahela. Vielen Dank für Eure wertvollen Dienste, die ihr uns erwiesen habt… ich hoffe, wir dürfen auf Eure Hilfe hoffen, wenn wir sie einst benötigen…“ „Das dürft ihr, Hoffnung ist wichtig…“ nickte sie, doch voll Hass dachte sie, dass sie diesen Clan bei Lebzeiten nie wieder aufsuchen wollte. Sie durchquerte das Tor an den schwer befestigten Holzpalisaden des Clans und trat hinaus.

Es war nur mehr ein Tagesmarsch. Sie würde heute den ganzen Tag laufen. Es hatte gestern nur wenig Neuschnee gegeben und wenn sie Glück hatte, erreichte sie noch vor Anbruch der Dunkelheit den Faernach-Clan. Sie war sehr missmutig und wieder einmal völlig übereilt aufgebrochen. Sie wollte sich in diesem Clan eigentlich Stiefel besorgen. Sie hätte einfach Arjuns Haus durchsuchen sollen, vielleicht hätte Mira ein Paar gehabt. Doch nach seiner überraschenden Ansprache hatte sie nur mehr gehen wollen. Sie stapfte durch den verschneiten Wald, die festgetretenen Wege entlang und lauschte der Stille des Waldes. Die Wut, der Zorn und die Enttäuschung über die Zurückweisung gaben ihr viel ungeahnte Kraft und sie nutzte diese, solange sie sie hatte. Es war schon weit nach Mittag, als sie ihre erste Rast machte. Sie wollte ein Feuer machen, doch hier war alles zugeschneit und das Holz war nass. Sie würde ohne ein wärmendes Feuer auskommen müssen. Sie wischte den Schnee von einem umgestürzten Baumstamm und setzte sich darauf. Sie holte ein paar Trockenfrüchte aus ihrer Tasche und ein Stück Schinken, welcher der Dorfälteste ihr noch als Wegzehrung eingepackt hatte. Die Scheibe Schinken war leicht angefroren von der Kälte, trotzdem biss sie hinein und lutschte an dem Fleischbissen, bis er in ihrem Mund warm und nicht mehr angefroren war. „Sollte sich Morachs Fluch bewahrheiten?“ dachte sie ein wenig bitter. Egal, sie würde sowieso nie wieder jemanden lieben, all die Jahre waren verschwendet an einen Mann, der es nun rückwirkend betrachtet, nicht Wert gewesen war…


Als sie so grollend da saß und leicht fror, hörte sie plötzlich flatternde Geräusche. Sie ignorierte es, vermutlich nur ein paar Vögel, die über den schneebedeckten Waldboden flatterten, auf der Suche nach Futter… Sie widmete sich wieder ihrem Schinken. Doch sie konnte dieses Geräusch nicht ignorieren, es war stetig da und es klang bei genauem hinhören eigentlich nicht wie ein futtersuchendes Tier… Es ließ ihr keine Ruhe, darum stand sie auf und ging dem Geräusch nach. Im Schnee sah sie Spuren eines größeren Vogels und diesen ging sie langsam nach, bis sie zur Quelle der Geräusche kam. Im Schnee saß ein Kolkrabe. Als er sie auf sich zukommen sah, hüpfte er weg, immer schneller, und dennoch flog er nicht weg. Sein rechter Flügel hing ein wenig schlaff herab und Rahela erkannte bald, dass der Rabe verletzt war. Er betrachtete sie aus seinen dunklen Knopfaugen und sie wiederum beobachtete ihn, bewunderte seine Schönheit. Sie kniete nieder und betrachtete sein Gefieder, das im Sonnenlicht, das zwischen den Baumstämmen durchschien, bräunlich schimmerte. Dies war ein Anzeichen dafür, dass es sich um einen Jungvogel handelte. Es wäre denkbar, dass der Rabe sich noch an sie gewöhnen könnte. Sie überlegte einen Moment und beschloss, ihn einzufangen. Dies würde ein etwas schweres Unterfangen werden, immerhin waren Raben Aasfresser, die einen kräftigen Schnabel besaßen. Rahela setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und ging langsam auf das Tier zu, um es nicht zu erschrecken. Der Rabe blieb sitzen und beobachtete Rahela, doch als sie langsam nach ihm griff, machte er ein paar Sprünge und Rahela griff in den Schnee. Dieses Spiel ging noch einige Male so. Sie fluchte leise, doch gleichzeitig musste sie lächeln. Sie ging langsam rückwärts, ohne ihn aus den Augen zu verlieren und holte den Rest der Schinkenscheibe. Dann ging sie zu ihm zurück, biss ein Stück davon ab und warf es ihm vorsichtig in den Schnee. Der Rabe beobachtete diese Geste, hielt seinen Kopf leicht schief, und beäugte misstrauisch das Stück Fleisch, das da im Schnee vor ihm lag. Dennoch hüpfte er langsam hin und schnappte sich das Fleisch, und sprang damit einige Meter weiter und vertilgte es. Rahela warf ihm erneut ein Stück zu, und wieder holte er es sich, und so ging es weiter, bis die ganze Schinkenscheibe aufgebraucht war. Trotzdem blieb das Tier misstrauisch und Rahela gab langsam auf. Sie hatte keine Lust mehr, sie wollte weiterziehen. Missmutig und ein wenig das gute Fleisch bedauernd, ging sie zu ihrem Lager zurück, holte ihre Tasche und packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Als sie sich umwandte, stutzte sie, denn der Vogel war ihr nachgesprungen. „Du willst mich zum Besten halten, nicht wahr? Na geh schon, sieh zu, dass Du weiterkommst… schhht…!“ rief sie ihm zu und wachelte mit den Händen, um ihn zu verscheuchen. Doch das half nichts, er blieb sitzen. Rahela kniff ein Auge zusammen und überlegte. Es reizte sie total, das Tier einzufangen, doch vermutlich würde sie hier nur mit List weiterkommen oder... Spontan sprang sie auf das Tier zu und konnte ihn wirklich mit beiden Händen packen. „Hab ich Dich!“ frohlockte sie. Vorsichtig hielt sie ihn und zog den scheinbar verletzten Flügel nach außen, wobei das Tier unruhig zu zappeln begann. „Das krieg ich schon wieder hin…“ murmelte sie ihm zu und betrachtete ihn. Der Rabe sah sie mit klugen Augen an, die Rahela bis ins innerste ihrer Seele zu blicken schienen. Sie überlegte kurz, ob sie ihn in ihre Tasche stecken und ihn oben rauslugen lassen sollte, sie entschied sich dann aber doch, ihn in ihren Händen zu transportieren, es erschien ihr sicherer. „Ich werde Dich Thargôn nennen…“ meinte sie zu ihm „…nach dem Göttervater…“
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Do, 11. Okt 2012 18:15

Bilds war früher Morgen, als Adraéyu aus seinem unruhigen Schlaf erwachte. Sein Schädel brummte und er massierte sich die Schläfen. Müde zog er sich in eine aufrechte, sitzende Haltung und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Das Haus war dunkel, denn es hatte keine Fenster und das Feuer war erloschen. Fenster waren in den Häusern der Clans eher unüblich, denn im Winter war jedes Loch in der Mauer eine Einladung für die kalte Luft und den Schnee. Die Dachluke, aus welcher der Rauch der Feuerstelle für gewöhnlich entwich, war noch offen, und spendete das einzige, wenige Licht. Adraéyu brummte, und schlug die Felle und Decken zurück. Er schwitzte, denn obwohl der Herbst bereits in all seiner Farbenpracht an die Türen des Nordens anklopfte, war es noch nicht allzu kalt in den Nächten. Vor dem Haus herrschte geschäftiges Treiben. Dumpfe Stimmen drangen an Adraéyus Ohren und vermischten sich mit dem Zwitschern der Vögel und dem Bellen der Hunde. In der Luft lag noch der süße Geruch des Rauchs, welchen Fenris und Adraéyu am Abend zuvor aus der Pfeife geraucht hatten, und Adraéyu wurde ein wenig schummrig zumute. Was hatte Fenris nur für einen fürchterlichen Pilz in die Pfeife gesteckt? Und wo war er überhaupt? Er würde ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen! Der Runenmeister war nicht da, denn er hatte schon mit dem ersten Schrei des Hahns das Haus verlassen um Fleisch, Gemüse und anderes vor allen Dingen neue Alraunwurzeln oder Mohnkapseln zu besorgen.

Außerdem waren reisende Händler im Dorf angekommen, und sie brachten immer viele verschiedene Nachrichten und Neuigkeiten aus den anderen Clans, und auch aus fremden Landen und Fenris war von Natur aus neugierig auf jede Art von Wissen. Nicht umsonst war er der Runenmeister - der weiseste und belesenste Mann eines Clans des Nordens. Er war es der die Runensteine beschriftete, und Geschichten und Legenden wusste, die sonst kaum einer kannte. Natürlich interessierte es auch die wenigsten. Doch eine gute Geschichte hörte jeder gerne, besonders an kalten Wintertagen, wenn man nicht einmal das Haus verlassen konnte, da der Schnee so hoch lag und der Wind unerbittlich kalt jeden biss, der es wagen würde vor die Tür zu treten.

Verhandlungen mit den Händlern waren immer eine langwierige Angelegenheit. Sie würden mindestens eine Woche im Dorf verweilen, bevor sie das nächste besuchen würden, denn so war es Brauch. Da es in den wilden Landen keine richtige Währung gab, und somit auch kein Geld, mussten die Nordmänner und die Händler sich immer irgendwie arrangieren. Meistens verkauften die Nordländer ihnen Felle, Zähne von Raubtieren, Waffen und Holzschnitzereien um sogleich von dem Erlös jene Dinge zu erstehen, die sie ins Auge gefasst hatten. Doch solche Dinge brachten nicht viel Geld ein. Felle hatte schließlich jeder Clan zu bieten, und Waffen mussten schon von erlesenster Qualität sein, und solche Waffen brauchten die Krieger selbst, wenn die Orks kamen. Außerdem konnte kaum ein Clan mit den Schmieden des Skerôingur-Clans konkurrieren. Doch hin und wieder hatte ein Sippenbruder Glück und fand einen Klumpen Gold im Fluss, oder einen schönen Edelstein im Wald. Seltene Geweihe oder kunstvolle Handwerksarbeiten waren weit mehr gefragt. Und so stritten und verhandelten die Händler mit den Nordmännern und Fenris streifte zwischen den Wagen hindurch, immer auf der Suche nach einer guten Geschichte und natürlich auch Neuigkeiten von den anderen Clans. Wie ging es dem Dorf Zynt? Das letzte, was Fenris erfahren hatte war, dass ein finsteres Wesen diesen Clan heimsuchte. Er hoffte sie hatten ihn inzwischen getötet. Doch er erfuhr nichts Neues. Er befürchtete schon das schlimmste, nämlich dass das Dorf ausgelöscht worden war.

Während Fenris von Händler zu Händler streifte, und hier und da etwas verkaufte und dort etwas erstand, hatte Adraéyu sich inzwischen aus dem Bett gekämpft. Er schleppte sich zum Wassertrog und schüttete sich das kühle Wasser in das Gesicht. Sein Schädel brummte und er würde mit Fenris ein ernsthaftes Wort reden müssen. Die Vision, welche er letzte Nacht gehabt hatte, ließ ihn einfach nicht mehr los. Wer war diese fremde Frau in dieser Landschaft aus Eis und Schnee gewesen? Und wo lag zu dieser Jahreszeit schon Schnee? Er musste sich eingestehen, dass sein Wissen um die wilden Lande sehr beschränkt war. Er wusste gerade einmal genug über den Faernach-Clan und die Wälder in unmittelbarer Umgebung, doch die wilden Lande waren groß und unerforscht. Und Adraéyu kannte nichts von alledem. Möglicherweise war es weiter oben im Norden, im Herrschaftsgebiet der Orks, weit kälter als es hier der Fall war? Nachdem Adraéyu sein Gesicht gewaschen hatte, und halbwegs munter war, taumelte er in Richtung der Tür. Mit der Hand auf dem Knauf atmete er noch einmal tief durch, bevor er schließlich in die helle Morgensonne hinaus trat. Das Licht blendete ihn kurz. Es war jeden Morgen so, doch heute ganz besonders. Er fühlte sich wie gerädert, und sah sich unschlüssig um. Wohin sollte er gehen? Es waren viele Menschen auf den Beinen, auch die Leibeigenen huschten von Haus zu Haus und verrichteten ihren Frondienst. Adraéyu beachtete sie nicht. Schließlich wandte er sich an einen hochgewachsenen Krieger des Clans. »Verzeih, aber wo ist Fenris?« Der Mann blickte Adraéyu ein wenig ungehalten an, doch deutete er schließlich auf den Rand des Dorfes. Adraéyu war diese Reaktion gewohnt. Auch wenn er sich unter vielen Menschen des Clans einen Namen gemacht hatte, waren nicht alle so hellauf von ihm begeistert, wie er es sich vielleicht erhoffen würde. Die Nordmänner ehrten die Skalden. Unter Nordmännern vermochte ein gutes Lied, ein lyrisches Gedicht oder gar eine epische Heldensage einem kostbaren, handwerklichem Werk gleichgestellt sein. Doch hatte Adraéyu bisher noch nie eine Gegengabe für eine seiner Geschichten erhalten, auch wenn er so manches Lachen geerntet hatte. Fenris meinte immer, Adraéyu müsse Geduld haben. Der Norden lernt langsam, der Norden liebt lange und der Norden vergibt niemals. Fenris Worte spukten Adraéyu durch den Kopf. Adraéyu sah kurz über die Schulter, doch der Nordmann hatte sich wieder seiner Arbeit gewidmet, und so entging ihm der finstere Blick Adraéyus. ›Möge dich die Pest holen!‹, dachte Adraéyu.

Der Weg, welchem der Raéyun folgte, führte zum Ausgang des Dorfes. Er sah schon die Palisaden, und die Wachen, welche neben dem Ausgang standen und sich unterhielten. Dies konnte nur eines bedeuten, die Händler waren vor der Stadt. Denn bei einem Angriff wäre das Tor versperrt, und die Wachen würden sich am Kampf beteiligen, zumal die Stimmung innerhalb des Dorfes zu ausgelassen war. Als Adraéyu vor das Tor schritt, sah er acht Wagen im Halbkreis vor dem Torplatz stehen. Sie standen in gebührendem Abstand, denn es galt als äußerst unhöflich sich einem Clan zu sehr anzubiedern. Keiner der Händler wollte einen Clan beleidigen, indem er sich zu nahe am Tor aufhielt. Und als Adraéyu sich langsam den Wagen näherte, drangen ihm die verschiedensten Eindrücke, Gerüche und Geräusche entgegen. Die Pferde der Händler wieherten und schnaubten. Auch sie hatten einige Hunde bei sich, welche miteinander im braunen Gras tollten, kläfften oder ihren Schwanz jagten. Zwischen den Wagen standen hier und da einige stumme und stets argwöhnische Söldner. Die wilden Lande waren gefährlich und hart, und was die Hunde mit ihrem Gebell nicht verjagen konnten, dessen mussten sich die Söldner annehmen. Diese angeheuerten Krieger kosteten zwar ein halbes Vermögen, aber das war noch immer besser als das ganze Vermögen und möglicherweise sogar das eigene Leben zu verlieren. Viele Händler waren alleine unterwegs. Ihr Weib und ihre Kinder lebten in fernen Ländern und sahen ihre Männer oft nur ein oder zwei Mal im Jahr. Meistens kamen die Händler am Spätherbst nach Hause, verweilten über den Winter bei ihrer Familie, und brachen im Frühjahr wieder auf. Es war ein hartes Leben. Doch einige hatten ihre Frau und ihre Kinder dabei. Und die Kinder spielten Fangen zwischen den Wagen, oder stibitzten leckere Kuchen oder süße Früchte, wenn keiner der Erwachsenen hinsah. Vielen Händlerkarawanen hatte sich oftmals auch ein Tross des wandernden Volkes angeschlossen. Sie lebten von der Hand in den Mund, und spielten ihre einfachen Weisen, erzählten ihre fantastischen Geschichten und versuchten sich mit kleineren Trickbetrügereien und Scharlatanismus über Wasser zu halten. Sie suchten den Schutz, den eine große Karawane bot, aber viele Clans des Nordens wollten die Zigeuner und ihre Wahrsager, Zauberer und Spielleute nicht in ihren Dörfern wissen. Daher lagerte das wandernde Volk etwas abseits vom Händlertross. Doch auch hier spielten die Kinder der Händler, mit denen des wandernden Volkes. Und zwischenzeitlich sah man auch den einen oder anderen Blondschopf zwischen den Kindern herumrennen. Kinder waren frei, sie scherten sich nicht um die Zwistigkeiten und Regeln der Erwachsenen.

Da Adraéyu Fenris zwischen den Wagen nicht ausmachen konnte, versuchte er sein Glück beim fahrenden Volk und suchte ihren Wagen auf. Denn wenn auch in den wilden Landen das Skaldentum hoch geehrt war, so konnte man damit kaum einen Händler bezahlen. Für einen Händler zählte nur bare Münze. Die wenigsten kauften ein Gedicht oder ein Lied, und mehr hatte Adraéyu nicht zu bieten, und so erreichte er schließlich den abseits stehenden, einzelnen Wagen der Zigeuner. Er war schlicht, und kaum verziert. Vermutlich wollten sie in den wilden Landen nicht allzu sehr auffallen. Adraéyu fragte sich stets, warum sie nicht in den verlassenen Königreichen ihr Glück versuchten. Doch wollte er sie nicht beleidigen, indem er sie dies fragen würde. Es befand sich eine Wahrsagerin unter ihnen, das erkannte Adraéyu an dem eigentümlichen Siegel, welches in das Holz des Wagens gebrannt worden war. Das Zeichen für einen Zauberer oder Blender konnte er nicht erkennen. Also verdiente sich diese Truppe ihr Geld wohl, neben der Wahrsagerin, ausschließlich mit dem Gesang, dem Musizieren und dem Tanz. Kein Angehöriger des wandernden Volkes wäre so dumm einen Nordmann zu bestehlen. Nicht nur, weil es bei ihnen nichts zu stehlen gab, sondern auch weil im Norden die Strafen so hart waren wie das Land selbst. Neben dem Wagen brannte ein kleines Feuer, über welchem ein Kessel mit einem schlichten Eintopf hing. Um das Feuer saßen einige Frauen und Kinder, doch die meisten Kinder rannten um den Wagen herum, spielten mit den Hunden und warfen kleine Steine den Hang hinunter. Die Männer stimmten ihre Musikinstrumente oder saßen in einer kleinen Runde beisammen. Und dort war auch Fenris. Adraéyu schwieg zunächst, als er sich neben ihn stellte, hielt aber sein Bernstein Auge gesenkt. Er wollte vermeiden, dass die Spielleute des wandernden Volkes ihn als Raéyun erkannten. Nicht weil er ihre Ablehnung oder gar Schmähung fürchtete. Die Zigeuner waren, wenn es um Raéyun ging, noch viel aufgeschlossener und offenherziger als die Nordmänner der wilden Lande. Doch würde seine Herkunft Fragen aufwerfen, die er nicht beantworten wollte. Sie würden ihn wohl nach seinem Instrument fragen, oder ihn bitten, ob er ihnen eine Weise vorspielen würde. Es wäre eine höfliche Frage, und Adraéyu würde sie höflich mit einem Lied beantworten. Und dann würden sie ihn fragen, warum er alleine im hohen Norden, nur unter Nordmännern lebte, und ob er sie nicht begleiten wollen würde. Und das würde er nicht wollen, nicht weil er das wandernde Volk nicht mochte, sondern weil er die wilden Lande mochte und auch der Wind zog ihn im Moment nicht fort von hier, und diese Zeiten waren kostbar. Und; hier im Norden war sein Freund Fenris. Bei dem Gedanken an Fenris, wurde er aus seinen Gedanken gerissen und Adraéyu räusperte sich, als er sich wieder an ihn wandte. »Na? Auf der Suche nach einer guten Geschichte?« Adraéyu grinste den überraschten Fenris an, als dieser seinen Blick auf Adraéyu heftete. »Ja, fürwahr, Charaid. Und diese Männer wissen in der Tat eine interessante Geschichte zu erzählen. Sie war mir sogar einen kleinen Beutel Geiststaub wert!« Geiststaub war ein wertloses, grünes Pulver. Jedenfalls in den wilden Landen. Nur die Schamanen und die Runenschreiber konnten damit etwas anfangen. Doch je weiter man aus den wilden Landen herauskam, desto wertvoller wurde dieser Staub. Fenris wusste das, doch ließ er die Zigeuner meist in dem Glauben, dass sie ein besonders raffiniertes Geschäft gemacht hatten. Dies lockerte meist ihre Zungen, und so bekam Fenris das was er am meisten ersehnte: eine gute Geschichte, oder zumindest eine halb wahre Lügengeschichte. Und seinem Gesichtsurteil nach zu schließen, war er fürstlich entlohnt worden. Für Fenris war dieser Beutel kein großer Verlust. Er würde einen mühevollen Aufstieg auf den Berg auf sich nehmen müssen, die Moosflechten nahe des Gipfels abkratzen und diese, nachdem sie getrocknet waren, zu neuem Geisterstaub zermahlen. Adraéyu wusste nicht so recht, wofür dieses Pulver verwendet wurde. Er hatte einmal die Schamanin Catara damit eine Heilpaste anrühren sehen. Womöglich war dieser Staub in den fernen Ländern nur sehr schwer zu bekommen, und die Zigeuner würden ihn für gutes Gold verkaufen können. So hatten beide etwas davon.

Leider war Adraéyu wohl zu spät eingetroffen, denn Fenris stand bereits auf. Er würde Fenris bitten müssen die Geschichte nochmal zu erzählen, und wer weiß, was er dafür als Gegengabe erwarten würde … sicherlich keinen Geisterstaub.

Adraéyu begleitete Fenris schweigend, fort von dem Wagen der Zigeuner, zurück zu den Händlern. Die Händler hatten zwar auch immer einige Geschichten auf Lager, aber diese waren meist bodenständiger. Der Fürst eines Clans war gestorben und sein Sohn hatte sein Erbe angetreten. Es war zu brutalen Kämpfen zwischen zwei Sippen gekommen, da eine von ihnen das Erbe nicht anerkannt hatte, da sie den Sohn für schwach und ehrlos hielten. Doch diese Arten von Geschichten interessierten Fenris nicht allzu sehr. Sie waren wichtig für den Clan, aber nicht wichtig für ihn. Der Fürst musste wissen, wer das neue Oberhaupt jenes Clans war, denn wenn er jenen Sippenstreit ignorierte, konnte bald schon sein Clan in Ungnade fallen. Adraéyu hatte das Gefühl, das Nordmänner stets einen Grund zum Streiten suchten, ganz gleich wie nichtig er war. Und so schlenderten sie die Wagen entlang bis sie den letzten erreicht hatten. Hier fand Fenris einige gebrannte Honigmandeln und kaufte sie, vielmehr tauschte er sie gegen ein seltsames und süß duftendes Gewürz. Da Fenris' Wissensdurst für den Moment gestillt war, und Adraéyu ohnehin kein Geld bei sich hatte um etwas kaufen zu können, verließen sie das Treiben bei den Händlern und gingen zurück in das Dorf.

Da Adraéyu noch immer schwieg, bot Fenris ihm auf dem Weg zu seinem Haus einige der gebrannten Honigmandeln an. Sie schmeckten süß doch waren sie sehr hart. Man musste kräftig zubeißen um die harte Honigkruste, welche die Mandel umgab, zu zerbrechen. Doch war der dafür Kern umso wohlschmeckender. Adraéyu hatte bisweilen nicht oft solche Süßigkeiten gegessen. »Hab Dank.« Fenris nickte Adraéyu zu. »Bei den Zigeunern hast du mich Charaid genannt. Ich kenne dieses Wort noch nicht, was bedeutet es?«, fragte Adraéyu und Fenris lächelte. »Freund.« Adraéyus Miene hellte sich auf, doch schließlich lenkte Adraéyu das Gespräch auf den vergangenen Abend. »Was war das für ein Pilz, den du gestern in die Pfeife gesteckt hattest? Mein Kopf dreht sich noch heute!« Fenris sah Adraéyu entschuldigend an. »Dieser Pilz vermag es zu vollbringen, dass dein Geist sich öffnet. Was du gestern gesehen hattest, war kein Traum.« Adraéyu verzog seine Augenbrauen zu einem grimmigen Ausdruck. »Eine Vision? Was sollte sie bedeuten?« »Was hast du gesehen?«, hakte Fenris neugierig nach. »Nicht viel. Ich war im Wald, und ertrank auf einmal in einem Fluss. Und als ich erwachte stand ich auf jenem Fluss, nur war er völlig vereist. Es war mitten im Winter, aber auf dem Fluss ging eine Frau mit schwarzen Haaren und grünen Augen. Ich konnte von ihrem Gesicht leider nicht viel erkennen, denn kaum war sie erschienen, brach ich wieder im Eis ein.« Fenris runzelte die Stirn und tippte sich nachdenklich an die Unterlippe. »Oh, was ich vergaß. Ich wollte die Frau berühren, doch glitt meine Hand einfach durch sie hindurch, als ob ich ein Geist gewesen wäre.« »Dies war das zweite Gesicht. Du hast etwas gesehen, was irgendwann passieren wird. Vielleicht schon diesen Winter. Wenn wir das zweite Gesicht erleben, dann ist unsere Seele wirklich an jenem Ort. Nur unser Körper nicht. Daher konntest du sie auch nicht berühren.« »Was spielt diese Frau für eine Rolle, dass ich ausgerechnet sie sehe?« »Das wissen nur die Götter. Ich hoffte dass die Götter dir mehr als diese Vision schenken würden, bevor du diese Gabe für immer verlieren wirst.« »Fang nicht schon wieder damit an!«, harschte Adraéyu Fenris erbost an. Doch Fenris ließ sich davon nicht beeindrucken. »Es ist vorherbestimmt, und es ist beschlossen. Wir werden heute Abend beten, vielleicht schenken dir die Götter eine letzte Gunst.« Damit war für Fenris das Gespräch beendet. Adraéyu wusste, dass es zwecklos war sich mit ihm zu streiten. Und er wollte sich nicht mit ihm streiten. Also zog er es vor wieder schweigend neben ihm herzugehen, bis sie das Haus des Runenmeisters schlussendlich erreicht hatten.

Gerade, als Fenris die Tür öffnen wollte, kam ein junger Leibeigener angerannt. Sein Gesicht war rot, und sein Atem ging schwer. Er schnaufte und keuchte und hielt direkt bei Adraéyu und Fenris. Die beiden sahen sich unschlüssig an, doch zweifellos wollte er zu ihnen. Denn er stand direkt bei ihnen, beugte sich leicht nach vorne und versuchte verzweifelt etwas zu sagen. Doch blieb ihm stets die Luft aus, und er musste erneut tief einatmen. »Nun beruhige dich doch erst einmal.«, sagte Fenris geduldig. Adraéyu ahnte, dass etwas nicht in Ordnung war. Der unfreie Knecht war gerannt, als wären die Peitschen seiner Herren hinter ihm her gewesen. Und als er endlich zu Atem gekommen war und sein Gesicht wieder eine normale Farbe angenommen hatte, da hatte er wohl auch seine verlorene Sprache wieder gefunden. »Runenmeister, Herr … äh …« Scheinbar war dem Frondiener der Name des Runenmeisters entfallen und man konnte seinem angestrengten Gesicht entnehmen, dass er verzweifelt versuchte sich daran zu erinnern. Zu seinem Glück war Fenris eine gutmütige Seele, und so drohten ihm keine Prügel, auch wenn der Mann dies wohl nicht wusste. »Komm zur Sache.«, herrschte Adraéyu ihn an und erntete einen maßregelnden Blick von Fenris. »Die Kräuterweiber lassen nach Euch schicken … es geht um die Schamanin!« Mehr hatte er nicht zu sagen, und doch nahm Fenris dies sich zum Anlass ihm zu folgen. Es musste dringend gewesen sein, denn immerhin hatte er sich beinahe die Seele aus dem Leib gerannt. Adraéyu holte noch schnell seine Laute aus der Stube, denn wenn es um die Kräuterweiber ging, da konnte man nie wissen. Fenris war schon beinahe außer Sichtweite, als Adraéyu wieder aus seinem Haus heraus gekommen war, und er musste seine Schritte beschleunigen, um ihn noch einzuholen, bevor er die Hütte der Schamanin und der Kräuterweiber erreicht hatte. Als er Fenris, mit der Hand auf dem Türknauf, endlich eingeholt hatte, ging auch sein Atem etwas schneller und er grummelte Fenris von der Seite an.
Als Fenris die Tür öffnete, klangen bereits Gebetslieder aus dem verdunkelten Raum entgegen. ›Dies bedeutet nichts Gutes.‹, dachte sich Adraéyu ins Geheim. Das Licht war schwach, denn die Feuerstelle in der Mitte des Raumes war erloschen. Es brannten nur einige Kerzen, und Räucherwerke. Adraéyu kannte den Geruch, welcher ihm in die Nase stieg. Es waren Totenkerzen. Sie hatten einen ganz eigentümlichen, sumpfigen Geruch. Als wären sie aus dem verdorbenen Harz morscher Sumpfhölzer gezogen worden. In der Ecke des Raumes lag eine Frau auf dem Bett. Und die Kräuterweiber knieten vor dem Bett, erhoben ihren Oberkörper und fielen kurz darauf wieder auf die hölzernen Dielen nieder. Sie sangen ein Lied an die Götter. Adraéyu hatte dieses Lied schon einmal gehört. Vor langer Zeit. Er verstand die rituelle Sprache der Heilerinnen nicht, doch kannte er den Inhalt des Liedes. Es handelte davon, dass die Götter einer Seele gewähren sollten, sein Schicksalstuch etwas länger zu weben. Doch solche Gebete waren meist zwecklos. Die Götter ließen sich nicht dazu herab, das Tuch eines Sterblichen zu verändern. Gewoben war gewoben, und der Tod war der Urteilsspruch der Götter. Unumstößlich, unumkehrbar, unwiderruflich.

Als Adraéyu an das Bett herangetreten war, da erkannte er die Frau, welche auf dem Bett lag. Es war Catara … die Schamanin des Faernach-Clans. Betreten senkte er sein Haupt und schloss kurz sein Auge. Dies war ein großes Unheil. Wenn die Schamanin sterben würde, wäre der Clan bald völlig ohne geistigen Führer. Fenris' Zeit war kaum mehr als einige Sandkörner in der Sanduhr des Lebens. Er war er Mann des Wissens, der Runenmeister. Und angeblich konnte er die Ahnen hören und zu den Göttern sprechen. Fenris Verlust würde eine tiefe Kerbe in den Glaubensweg des Clans schlagen. Doch was der Tod der Schamanin bedeuten würde, das konnte Adraéyu sich kaum vorstellen. Er schnallte sich seinen Lautenkasten ab, und legte ihn sorgsam auf den Tisch der Schamanin. Als er die Verschlüsse aufschnappen ließ, hielten die Kräuterweiber kurz in ihren Gesängen inne. Doch Adraéyu ließ sich davon nicht beirren und hob seine Laute aus dem Kasten hervor, und ließ seine Finger über die Saiten gleiten. Er hoffte dass er sein Lied nicht in ein Klagelied wandeln müssen würde.
Den Raéyun die Musik verwehren!
sprach der Tod und seine Stimme bebt.
Stattdessen in stiller Andacht ehren,
den Toten und wie er einst gelebt.

So sprach es sich herum im Land,
die Schergen waren brutal und roh
und jedes Instrument, das man fand,
brannte schon bald lichterloh.

Doch meine Laute fand man nicht,
ich stehe hier und singe dieses Lied.
Die Geister tanzen wild um mich,
auf dass der Tod bald vor uns flieht!

Die Skalden bringen ihren Met
trinken auf dein langes Leben.
Auf dass es niemals vergeht,
möge Honigwein ewig im Kruge kleben!

Hörst du den Tod, und wie er singt?
Seine Fidel in den Schatten spielt,
Doch meine Laute, heller klingt!
Fenris legte plötzlich seine Hand auf die Saiten der Laute, und sah Adraéyu mit einem niedergeschlagenen und zugleich auch schmerzverzerrten Blick an. »Sie ist tot. Wir sind zu spät gekommen.« Adraéyu trat einen Schritt an das Bett der Schamanin heran, denn er konnte es nicht glauben. Doch ihre Brust hob oder senkte sich nicht, und ihre Augen standen offen und blickten leer und ausdruckslos in die Ferne. »Heute hat der Tod gesiegt, Zaubersänger.«, sagte eine der Kräuterweiber. In ihrer Stimme schwang Trauer und Trost mit. Trauer um die verstorbene Schamanin, und Trost für den Raéyun, welcher dieses Mal nicht hatte helfen können. Sie machten ihm keinen Vorwurf, das sah er in ihren Augen. Doch hätte er lieber die Schamanin gerettet, als den Sohn des Taru. Doch das Schicksal kannte keine Gesichter. Adraéyu und Fenris waren zu spät gekommen, als ob die Götter ihren grausamen Scherz mit den Sterblichen trieben. Ob der dämliche Unfreie seine Mitschuld an dieser Tragödie hatte, wagte Adraéyu nicht laut auszusprechen. Der Tod hatte lange genug seinen Zauberbann auf seiner schwarzen Fidel spielen können, so dass Adraéyus Weise wirkungslos gewesen war. Adraéyu konnte sich nicht eingestehen, dass Catara an einer schweren Krankheit erlegen war, und der Tod schon viele Jahre für sie aufgespielt hatte. Er hatte niemals eine Chance gehabt sie retten zu können. Müde setzte er zu einem instrumentalen Klagelied an. Er fand keine Worte um den Tod der Schamanin zu betrauern, denn dafür kannte er sie zu wenig, und so überließ er das Singen den anderen …
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 13. Okt 2012 18:03, insgesamt 1-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Do, 11. Okt 2012 21:25

Rahela setzte ihren Weg fort. Sie trug den Raben, dem sie den Namen Thargôn gegeben hatte, nahe an ihrem Körper und hatte vorsichtig über ihn den Mantel geschlagen. Normalerweise war dies bei einem Wildtier eher nicht nötig, denn diese waren an die Kälte und die Witterung gewöhnt. Doch Rahela war nicht sicher, ob es sich bei einem verletzten Tier wie ihm genauso verhielt, darum trug sie ihn so, um ihm Wärme geben zu können. Die Nachmittagssonne schien wärmend auf die wilden Lande und überzog den Schnee mit einem goldenen Schein. Rahela beschloss, noch eine letzte Pause zu machen. Es war nicht mehr weit bis zum Faerach-Clan, doch sie war von den wochenlangen Märschen schon müde und erschöpft, so dass jeder erneute Tag immer beschwerlicher wurde. Sie war einfach schon zu lange in den Clans gewesen und war das ständige marschieren nicht mehr gewohnt. Die Nachmittagssonne hatte das herumliegende Holz ein wenig angetrocknet so dass Rahela erneut ihr Glück versuchte, ein wärmendes Feuer zu entzünden. Sie sammelte auf Knien dünnere und dickere Ästchen zusammen, brach jene, welche zu lang waren, über dem Knie durch und wischte den Schnee am Boden beiseite. Sie häufte die Äste auf und holte ihre Zunderbüchse aus der Tasche. Es war ein schweres Unterfangen, die Äste mithilfe des Zunders zu entzünden, doch nach einigem hin und her gelang es ihr schließlich doch. Das Feuer war kein beachtliches, es brannte schlecht und es rauchte stark. Das Holz war einfach zu feucht, die Unterlage ebenso, doch es wärmte, und darauf kam es letztendlich an. Sie stellte einen Becher mit Schnee gefüllt ganz nahe ans Feuer. Rahela suchte in ihrer Tasche nach etwas essbarem, doch es fand sich nichts mehr darin außer einer Dörrzwetschke und einem Streifen Trockenfleisch. Sie seufzte. Davon würde sie nicht satt werden. Daher beschloss sie, vom Fleisch kleine Bissen ab zu reißen und diese dem Raben zu geben. Er hatte mehr davon als sie, und solange sie Wasser hatte, würde es ihr nicht schaden. Vermutlich würde sie noch mehr Hunger bekommen wenn sie das Stück Trockenfleisch aß anstatt gar nichts. Gierig schlang der Rabe die kleinen Stückchen Trockenfleisch hinunter, bis nichts mehr davon übrig war. Als sie den Eindruck gewann, dass der Rabe mehr wollte, bot sie ihm ein Stück von der Dörrzwetschke an. Auch dies verputzte er mit großem Appetit. Sie riss ihm die Zwetschke auch in kleine Stücke und rieb sich danach die klebrigen Finger im Schnee sauber. Eine Zeit lang saß Rahela einfach nur da und beobachtete die kleine Dampfwolken, die sie in die kalte Winterluft hauchte. Sie musste an Catara denken. Sie konnte nicht glauben, dass sie tot war. Wie alt war sie eigentlich geworden? Sie rechnete kurz nach. Als Rahela vierzehn war und Catara sie zu sich holte, war sie ungefähr zweiundvierzig gewesen. Also war sie knapp sechzig Jahre alt geworden. Ein passables Alter, doch nicht außergewöhnlich… manche wurden siebzig oder gar achtzig. Woran sie wohl gestorben sein mochte? Darüber hatte nichts in der Nachricht an sie gestanden. Sie würde den Dorfältesten im Faernach Clan danach fragen. Sie nahm den Becher mit dem mittlerweile geschmolzenen Schnee und trank das eiskalte Wasser schluckweise. Nach einiger Zeit löschte sie das Feuer und setzte ihren Weg fort...


Am Abend, kurz nach der Dämmerung kam Rahela im Faernach-Clan an. Sie war sehr müde, erschöpft und hungrig und ihre Glieder schienen kalt zu sein bis auf die Knochen. Sie wusste nicht, ob sie einfach in das alte Haus gehen sollte, welches früher so lange Zeit Morach gehört hatte und danach Catara. Im Prinzip war es ihres, Morach hatte darin gewohnt und danach deren Schwester Catara, ihre ehemalige Meisterin… Sie beschloss, wie immer, zuerst den Dorfältesten aufzusuchen. Sie wollte den Fürst nicht behelligen, und außerdem war sie ohnehin keine Kriegerin. Ob es wohl immer noch den alten Taru gab? Eigentlich war er schon alt, als sie den Faernach-Clan verlassen hatte, solange konnte er unmöglich gelebt haben… Sie klopfte an die Tür des Hauses an. Als ihr geöffnet wurde, blickte sie in das Gesicht eines alten Mannes, der nicht Taru war. Doch sie erinnerte sich an das Gesicht, sie konnte es im ersten Moment nur nicht zuordnen. „Rahela?“ fragte dieser, als er sie ansah. „Ja, und ihr seid…?“ „Runjar…“ Rahela hob die Augenbrauen weil sie ihn erst jetzt wieder erkannte und verneigte sich leicht. „Es ist mir eine Freude, Dich wiederzusehen, Runjar… nun bist du also der Dorfälteste… mögen die Götter dir ein langes Schicksalstuch gewoben haben.“ So war es Brauchtum, dem Dorfältesten mit solchen Worten Ehre zu erweisen. Denn noch war ihm die Ehre eines heldenhaften Todes nicht beschieden worden. „Es ist mir auch eine große Freude, Dich wieder zu sehen… bei den Göttern, Du bist so erwachsen geworden… Du warst noch ein Mädchen, als ich Dich zuletzt gesehen hatte… und nun bist du eine solch schöne Frau… Bitte, komm herein und sei mein Gast…“ Damit trat er zur Seite und ließ sie herein, dabei fiel sein verwunderter Blick auf den Raben in ihren Händen, doch sagte er nichts.


Rahela nahm auf dem ihr angebotenen Stuhl Platz und setzte den Raben auf den Tisch. Sie schlug ihre Kapuze zurück, zog dann ihren Mantel aus und legte ihn über die Stuhllehne. Sie nahm dankbar den ihr angebotenen Gewürzwein an und während sie ihn trank und ihren kalten Körper wärmte, kam sie gleich zum wesentlichen. „Gibt es das Haus der Schamanin noch?“ Runjar nickte. „Wir haben alles unverändert gelassen. Es ist ja doch erst wenige Wochen her, seit sie verschieden ist. Das Haus gehört nun Dir, Du hast es nach eigenem Ermessen und nach Deinen Wünschen verändern. Sofern es in unseren Möglichkeiten liegt, wird der Clan Dich hierbei unterstützen, wenn Du etwas brauchst.“ Rahela nickte, während sie den Raben beobachtete. Er pickte an der Tischkante, vermutlich auf der Suche nach Futter.“ Runjar sprach sie drauf an. „Woher, bei den Göttern, stammt dieser Vogel?“ „Ich habe ihn im Wald gefunden, ich musste ihn einfach mitnehmen…“ lächelte sie. „Vielleicht gelingt es mir, ihn zu zähmen, es sind sehr kluge Tiere, und warum auch nicht?“ meinte sie. Er zuckte unbeholfen mit den Schultern. Allmählich kroch die Wärme zurück in Rahelas Körper. „Wie ist es Dir ergangen, nachdem Catara Dich ausgebildet und fortgeschickt hatte?“ Rahela trank einen Schluck Wein, welcher ihr warm und wohlig in en Magen lief. „Ich war im Skerôingur-Clan, doch dort hat es mir nicht gefallen... der Schamane dort war… wie soll ich es ausdrücken…“ sie suchte nach den passenden Worten. „Charor?“ Sie nickte. „Oh bei den Göttern, Charor ist ein verfluchter [18]Hurenbock[/18]…“ „…war ein verfluchter [18]Hurenbock[/18]…“ korrigierte sie ihn. „Er ist tot?“ „Ja, ein glühender Verehrer hat ihn erstochen… dieser dumme Junge… dafür musste er mit seinem eigenen Leben bezahlen…“ schmunzelte sie, doch sie selbst wusste am besten, wie es sich tatsächlich zugetragen hatte. Runjar schnalzte mit der Zunge. „Also bist Du bei ihm gelegen?“ fragte er interessiert. Er war zwar alt, doch trotz allem war er doch auch nur ein Mann, den gerade solche Sachen brennend interessierten. „Es ließ sich leider nicht vermeiden… er hatte mich in der Hand, ich war neu in dem Clan, ich war alleinstehend und ich hatte keine Bleibe. Er hatte mir großzügig angeboten, bei ihm bleiben zu können und bevor ich auch nur ahnte, mit welchem Preis das verbunden war…“ sie verzog angewidert das Gesicht. „Und noch heute bist Du ungebunden…“ „Selbstverständlich, ich bin Schamanin, das ist der Preis dafür… doch das bedeutet nicht, dass ich ganz allein sein muss.“ „Du warst nie ein Mädchen von Traurigkeit, Rahela…“ grinste der alte Mann. „Bei den Göttern, sie haben noch lange nach Deinem verschwinden über Dich geredet… doch keine Angst, heute denkt keiner mehr daran, zu viele Geschichten sind seitdem vergangen… doch pass auf, man erhält als alleinstehende Frau schnell einen gewissen Ruf…“ „Es kümmert mich nicht, was die anderen sagen oder denken…“ winkte sie ab. Sie plauderten noch eine Weile und es wurde immer später. Nach einiger Zeit verabschiedete sie sich. „Ich begleite Dich noch zu Cataras… ich meine, zu Deinem Haus…“ Er nahm ihre Tasche. Sie warf sich den Mantel über, nahm Thargôn wieder hoch, der sich überraschenderweise nicht wehrte und folgte Runjar.

Sie stapften durch den knöchelhohen Schnee, welcher den gefrorenen Boden des Dorfes bedeckte, welches bereits im Dunklen lag und nur von einigen Fackeln beleuchtet wurde. Das Haus lag ein wenig abseits am Rande der Nordseite des Clans. Es unterschied sich von außen kaum von den anderen Häusern, es war nur ein wenig kleiner. Sie war alleine, für sie würde es reichen. Rahela war in dieser Hinsicht recht genügsam. Sie betraten das Haus und ein muffiger abgestandener Duft schwall ihnen entgegen, ganz offensichtlich hatte schon lange niemand die Hütte betreten. Runjar half ihr, in dem er ihr Feuer in der steinernen Feuerstelle entfachte. Dann nahm er die Öllampe, die am Tisch stand, und entzündete diese am Feuer und stellte sie auf den Tisch, damit es nicht gar so dunkel war. Er sah sich kurz um in dem Haus. „Nun, ich werde nun wieder gehen, Du bist wahrscheinlich müde. Wenn Du etwas brauchst, scheue Dich nicht, zu mir zu kommen. Vermutlich sehen wir uns ohnehin schon morgen wieder…“ Er nickte ihr zu, sie erwiderte es und dann trat er aus der Tür und schloss sie. Rahela sah sich ebenfalls in dem Raum um. Sie war ein wenig stolz. Dies alles sollte nun ihr gehören… Doch dann beschloss sie, sich alles für morgen aufzuheben. Sie suchte einen Platz für den Raben, an dem er schlafen konnte. Fürs erste setzte sie ihn auf eine Stuhllehne und löschte das Öllicht wieder. Kurz darauf plusterte der Rabe sich ein wenig auf, und schob den Kopf ins Rückengefieder. Das Feuer in der Feuerstelle, die mitten im Raum errichtet war, ließ sie brennen. Es waren nur zwei Holzscheite darinnen und die Feuerstelle war sicher angelegt, es würde mit Sicherheit nichts passieren, und sie benötigte die Wärme in der Nacht. Sie legte sich in das einfache, aber recht bequeme Bett von Catara. Es war mit unzähligen Lammfellen ausgelegt, die als Matratze dienen sollten und darüber lagen Leintücher. Darüber noch ein mit Daunen gefüllter Überzug. Sie freute sich, endlich wieder in einem Bett zu schlafen, und so würde es nun immer sein. Sie seufzte zufrieden und schlief dann recht bald ein.


Am nächsten Morgen erwachte sie recht früh. Rahela schürte die Glut, die noch ein wenig gloste und legte dann ein Holzscheit rein, welches nach wenigen Minuten Feuer fing. Sie hatte noch Trockenfleisch und ein wenig trockenes Brot in ihrer Tasche. Sie ging die Kräuter von Catara durch und fand dann etwas Krauseminze. Sie brühte sich daraus einen Tee und nahm Platz an dem Tisch, wo Thargôn, ebenfalls bereits munter, auf der Stuhllehne saß. Er krächzte, als er Rahela beim essen beobachtete. Sie warf ihm ein Stück Trockenfleisch und Brot zu, und unbeholfen hüpfte der verletzte Vogel auf den kerbigen Tisch, umfasste mit seinen Krallen zuerst den Streifen Trockenfleisch, und pickte daran herum. Als sie fertig gegessen hatte, öffnete sie zunächst einmal die Fensterläden, um Licht in die Hütte zu lassen. Catara hatte, trotz ihres hohen Alters, die Hütte recht gut durchdacht geführt, sodass Rahela keine Veranlassung sah, viel zu verändern. Sie verschaffte sich lediglich einen groben Überblick über die ganzen Kräuter, Essenzen und Mixturen, sah sich die wenigen Bücher durch die auf einem Regal standen und prägte sich alles gut ein. Ihr Blick fiel auf Thargôn und sie beschloss, ihm eine Schiene für den Flügel anzulegen. Sie hatte dies bei einem Tier zwar noch nie gemacht, aber es kam lediglich darauf an, den Flügel gut zu schienen, damit dieser wieder gerade zusammenwuchs und den Vogel nicht flugeingeschränkt oder flugunfähig machte. Der Rabe störte sich an dem Schienenverband und zupfte mit dem Schnabel daran herum. „He, lass das!“ schimpfte sie ein wenig mit ihm „Ich habe mir solche Mühe gegeben und Du möchtest auch sicher wieder fliegen können…!“ Doch der Jungvogel war davon wenig beeindruckt und zupfte weiter daran herum. Doch es gelang ihm nicht, den festen Knoten zu lösen und irgendwann gab er dann schließlich auf.

Am Vormittag verließ sie ihr Haus um sich im Clan umzusehen Rahela fiel in den Clans mit ihrem dunklen Haar meistens sofort auf, doch in diesem Fall hatte es sich einfach wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Rahela, die ihr halbes Leben bereits außerhalb des Faernach-Clans verbracht hatte, zurückgekehrt war. Sie wurde vielfach und herzlich begrüßt und viele Leute sprachen sie an und hießen sie willkommen. Die meisten, die in ihrem Alter waren, kannte sie noch aus Kindestagen. Auch Runjar war dabei. Er bot sich ihr an, sie ein wenig herumzuführen. „Du hast bestimmt noch nicht die Fürstenhalle gesehen…“ Ich kenne die Fürstenhalle…“ meinte sie. „Oh, Du kanntest die alte Fürstenhalle, doch sie wurde komplett neu errichtet… Ja, es gab einmal eine großes Rauferei… dabei wurde viel zerstört, und wir nahmen dies zum Anlass, sie dem Erdboden gleichzumachen und neu aufzubauen und prächtiger zu errichten!“ grinste er. „Außerdem will Dich der Fürst ohnehin begrüßen und willkommen heißen, komm mit!“ Sie liefen durch das halbe Dorf und kamen dann an dem Fürstenhof an. Die Halle war wirklich beeindruckend. Sie war etwa sechs Klafter breit und ungefähr zwanzig Klafter lang. Von außen eher unscheinbar, innen jedoch prächtig. Es gab viele kunstvoll geschnitzte Deckenbalken, an den Wänden hingen kunstvoll gewebte Wandteppiche und viele verschiedene Tierfelle, meistens Bärenfelle. Es herrschte reges Treiben in der Halle. In der Mitte der Halle gab es eine große Feuerstelle um die viele Bärenfelle ausgelegt waren, um darauf zu sitzen, und es saßen auch einige Leute zusammen und tranken. Rahela musste zugeben, dass diese Halle wahrhaft prächtig und beeindruckend war. In der Mitte am langen Seitenteil der Halle saß der Fürst an einem Tisch und plänkelte gerade mit einer Frau, und beide waren umringt von einigen Kriegern und anderen Leuten. Vermutlich war es seine Frau, denn sie war vornehmlich schön und mit viel Gold und Zierrat behängt. Viele Kinder liefen durch die Halle und spielten und lärmten. Runjar richtete das Wort an ihn. „Mein Fürst?“ Der Fürst unterbrach das Geplänkel und richtete den Blick auf Runjar. „Ich bringe Dir Rahela, die Schamanin, sie ist seit gestern Abend im Clan…“ Rahela nickte mit gesenkten Augen und der Fürst erwiderte ihren Gruß seinerseits ebenfalls mit einem Kopfnicken. „Sei mir willkommen, Rahela. Ich erinnere mich dunkel an Dich … bei den Alten, da waren wir alle noch jung…“ lachte er und nahm seinen Humpen Bier auf, der bei Tisch stand, und nahm einen großzügigen Schluck. „Ich danke Euch, mein Fürst…“ erwiderte Rahela demutsvoll. „Nun, ich hoffe, Du wirst Deiner großen Aufgabe als Schamanin und Heilerin in unserem Clan gerecht…“ „Ich hoffe es auch…“ meinte sie. „Gut, gut… hast Du schon etwas zu trinken?“ „Nein, mein Fürst…“ Er winkte einen der Leibeigenen, der mit einem Krug eben unterwegs war, zu sich heran, schob ihm zwei große Krüge zu und ließ diese mit Bier auffüllen. Er reichte die beiden Krüge an Rahela und Runjar. „Ich trinke auf Dich, Rahela“ und stieß mit seinem Krug ihren an. „Ihr entschuldigt mich… ich war gerade beschäftigt…“ meinte er mit einem Grinsen und wandte sich wieder seiner Frau zu. Runjar schlenderte zu der Feuerstelle und Rahela folgte ihm. Die beiden ließen sich auf einem Bärenfell nieder. Rahele kniete und saß auf ihren Füßen. Ein wenig weiter entfernt, doch trotzdem nah an der Feuerstelle saßen einige Skalden, die dort vor dem Ruka aufspielten...
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Fr, 12. Okt 2012 0:01

Bildwei volle Tage waren seit dem Tod Cataras vergangen, und die drei Kräuterweiber Gudrun und die Schwestern Jodis und Myrun, der Erilar Fenris und der Stammesführer, - Ruka tu Nemia Faernach - Benwick stritten noch immer darüber, wer ihre Aufgaben im Clan übernehmen sollte. Wobei Fenris hier mehr eine neutrale Rolle eingenommen hatte, und dem Streit als stiller Beobachter beigewohnt hatte. Es war ihm zunehmend schlechter ergangen, und er kämpfte stündlich mit heftigen Schmerzen. Er kaute beinahe rund um die Uhr Alraunwurzeln, denn der Baldriantee wirkte schon lange nicht mehr. Und wenn er noch mehr Mohnsaft trinken würde, als bisher schon, dann würde er nicht nur völlig bescheuert werden, nein er würde sich selbst vergiften. Und so zog Fenris es vor zu schweigen, gegen den Schmerz anzukämpfen und er hoffte inständig, dass Adraéyu endlich einmal zur Einsicht kommen würde. Während dessen stritten die Kräuterweiber - vom Fürsten vielmehr als alte Vetteln bezeichnet -mit dem Fürsten und verschonten Fenris weitgehend. Catara hatte keine Nachfolgerin bestimmt gehabt, denn seit sieben Jahren hatte es im Clan keine Frau, oder gar einen Mann, gegeben, welcher Anzeichen höherer Begabungen gezeigt hatte.

Der Ruka tu Nemia Faernach, so lautete der volle Titel des Fürsten, wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ihm war es gleich, wer die Aufgaben der Schamanin übernahm. Gleich ob es eine oder gar alle drei Kräuterweiber machen sollten, welche Catara die letzten Monate zur Seite gestanden waren. Seiner Meinung nach verstanden alle genug von der Arbeit der Schamanin. Und ihm war es egal wer den Frauen beim Gebären half, oder Wunden versorgte. Doch die Kräuterfrauen meinten, dass es weit mehr bedürfte, als nur dieser Tätigkeiten. Bei dem Gedanken daran den Platz der Schamanin einzunehmen, war keiner von ihnen wohl. Denn auch wenn die Schamanin Ansehen genossen hatte, so wurde sie von vielen auch mit zweifelhaften Blicken bedacht. Die Schamanin vermochte einen zu verhexen, wenn sie es gewollt hätte, sagten die Leute hinter ihrem Rücken – selbst die Kräuterweiber hin und wieder. Einen solchen Ruf strebten die alten Weiber nicht an. Und dennoch funkelten sie sich bereits untereinander an, da sie das Amt mit keiner der anderen teilen wollten. Wenn es eine der Kräuterweiber werden würde, dann nur eine von ihnen. Und wenn sie die anderen beiden umbringen würde. Fenris hatte all die Streitereien mit gerunzelter Stirn verfolgt, doch schweigend erduldet. Er hatte sich dem Ganzen so lange zu entziehen vermocht, bis der Stammesführer ihn schließlich um seine Meinung gebeten hatte. »Erilar!« Der Fürst hatte Fenris mit seinem Titel angesprochen, nicht mit seinem Namen, was der Bedeutung dieses Gespräches den nötigen Nachdruck verliehen hatte. »Was meinst du zu dieser Angelegenheit?« Fenris hatte den Schmerz, so gut er es vermochte, versucht herunter zu schlucken und sich kurz über die Lippen geleckt um sie zu befeuchten, bevor er geantwortet hatte. »Meine bescheidene Meinung wäre…«, doch wurde er von einer der Kräuterfrauen jäh unterbrochen. »Was weiß der Runenmeister schon von der Arbeit der Schamanin?« »Genug!« Der Fürst hatte seine Faust auf den Tisch gedonnert. »Du vergreifst dich im Ton, Weib!«, hatte die tiefe Stimme des Fürsten durch den Raum gedonnert. »Ich habe den Erilar um seine Meinung gebeten, nicht dich! Wage es nicht noch einmal meine Entscheidung in Frage zu stellen, oder dein Kopf gesellt sich zu den verwesenden Schädeln der Orks auf den Spießen!« Bei diesen Worten waren die Kräuterweiber wie eine Stimme verstummt und hatten demütig ihre Köpfe gesenkt.

Fenris hatte kurz der Stille gelauscht, bevor er fortgefahren hatte. »Soweit ich mich erinnere, gab es nicht vor sieben Jahren eine junge Frau, welche Catara unter ihre Fittiche genommen hatte? Wie war noch einmal ihr Name gewesen?« Der Fürst hatte nur mit den Schultern gezuckt und seinen Blick auf die Kräuterweiber gelenkt. Er hatte seine Schläfen zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten, und immer wieder über die geschlossenen Augenlider gerieben. Er war dieser Unterredung überdrüssig und das war ihm deutlich anzusehen gewesen. Keine von ihnen wagte ein Wort zu sprechen, bis seine Mimik immer ungehaltener geworden war. »Ihr sprecht von Rahela.« Die alte Vettel hatte den Namen mehr ausgespuckt als benannt gehabt. »Ja, Rahela, ich erinnere mich an sie.«, hatte die Zweite eingestimmt. »Schlaues Mädchen, war sie …« »Zu schlau. Sie hatte beide Schwestern umgarnt, wie eine Spinne.« »Spinne ist das treffende Wort.«, spie die Erste wieder. »Morach war all die Jahre niemals krank gewesen, und nur fünf Jahre, nachdem sie dieses falsche Ding unter ihre Obhut genommen hatte, starb sie.« Bei diesen Worten hatte sich Fenris erneut in den Streit eingeschalten. »Selbst Catara hatte nichts Außergewöhnliches am Tode ihrer eigenen Schwester gefunden. Und immerhin hatte Rahela zwölf Jahre unter der Obhut Cataras das Schamanentum gelernt. Sie lebt jetzt das siebte Jahr im Skerôingur-Clan, und wir erhielten nie schlechte Kunde über sie. Ich halte sie für die beste Wahl, und sie entstammt unserer Sippe!« Das hatte dem Fürst gereicht. Mehr hatte er nicht hören wollen, und endlich hatte er dieses mühselige Gespräch beenden können. »Also ist es beschlossen! Schickt einen Boten zum Skerôingur-Clan, dass wir unsere Schamanin wieder haben wollen!« Bei diesen Worten verzogen die Kräuterweiber – eine mehr, die andere weniger – ihre Münder, doch wagten sie keinen Widerspruch. »Mein Ruka, ich bitte untertänigst um Vergebung.«, wagte eine von ihnen die Stimme zu erheben. »Der Winter naht, und in den Bergen schneit es bereits. Es wird nicht lange dauern, bis der Pass zum Skerôingur-Clan verschneit sein wird. Der Bote wird sehr lange unterwegs sein.« »Scheißt gerade eines unserer Weiber ein Balg aus? Nein? Dann kann der Bote Meinetwegen auch einen vollen Mond unterwegs sein. Bis Rahela wieder da ist, werdet ihr die Aufgaben der Schamanin für sie übernehmen. Und nun behelligt mich nicht weiter damit! Hinaus mit euch!« Er hatte die Weiber aus seiner Halle gescheucht, und sich schließlich Fenris zugewandt. »Sorgt dafür, dass der Bote eine fürstliche Gegengabe mitnimmt. Eine Schamanin gibt keiner gerne her, und ich will den Skerôingur-Clan nicht zu meinem Feind machen, Verstanden?« Fenris hatte nur genickt und somit hatte der Fürst ihn entlassen. Als Fenris vor die Halle des Fürsten getreten war, hatte er sogleich einem der Büttel befohlen gehabt, die Worte des Fürsten augenblicklich in die Tat umzusetzen. Anders als der Fürst, gedachte Fenris nicht den Boten alleine zu schicken. Er ließ dem Boten zwei Rukh Deyôa, Krieger von hohem Rang, welche ihm als Wachen dienen sollten, zur Seite stellen, welche die fürstliche Gegengabe mit ihrem Leben bewachen sollten, und sogleich die Schamanin nach Hause begleiten sollten … Als Fenris den Boten und die beiden Wächter das Dorf verlassen sah, dachte er wehmütig daran, dass er Rahela wohl niemals kennen lernen würde. Das Ritual mit Adraéyu würde noch diese Tage stattfinden müssen, oder die Schmerzen würden ihm den Verstand rauben. Und da der Clan keine vier Pferde für diese Unternehmung hatte entbehren können, würde ihre Reise zum Skerôingur-Clan mindestens eine ganze Mondphase in Anspruch nehmen. Schon das einzelne Pferd, welches die Gegengabe trug, fehlte dem Clan. Als die Drei durch das Tor verschwunden waren, wandte Fenris sich wieder in Richtung seines Hauses …

Als Fenris bei seinem Haus angekommen war, war Adraéyu dort nicht anzutreffen gewesen. »Wo ist dieser Halunke schon wieder?«, murmelte Fenris und kratzte sich am Kinn. »Die Händler vielleicht? Oder die Zigeuner?« Er zuckte die Schultern. Er hatte keine Lust sich auf die Suche nach seinem Freund zu machen und betrat sein kleines Haus um das Feuer zu schüren und um alles für das Ritual vor zu bereiten.

Adraéyu war durch den Clan gestreift und hatte sich die verschiedenen Sippenmitglieder angesehen. Er war nun schon einige Tage im Faernach-Clan, und er musste alte Bekanntschaften neu aufleben lassen. Er musste seinen Platz unter den wilden Nordkriegern erringen, und er hatte dafür weder Axt noch Speer. Er hatte Fenris' Tochter besuchen wollen, um über alte Zeiten zu plaudern, doch Fenris hatte angedeutet, dass sie nun verheiratet war, und sogar schon Kinder hatte. Er wollte sich nicht in ihr Leben drängen. Und schon gar nicht den Ehemann erzürnen. Es lag ihm nichts ferner als das.

Darum hatte Adraéyu sich nach einiger Zeit auf einen alten Baumstumpf gesetzt, welcher nahe des großen Platzes vor sich hin verwitterte. Er erinnerte sich, dass hier früher eine mächtige Eiche gestanden hatte und fragte sich warum der Baum gefällt worden war. Ob ihn ein Blitz gespalten hatte? Seine Gedanken schweiften von Ort zu Ort und von hier nach da, während er seine Laute stimmte und einige Noten vor sich hin summte. Er fühlte den inneren Zwist, welcher in seinem Wesen tobte, und der einzige Balsam, welcher seiner Seele Linderung verschaffte, war das Singen und Musizieren. Er wollte unbedingt vermeiden, hier im Norden bei den Clans, sein zweites Ich zu offenbaren. Die Nordmenschen würden es nicht verstehen, und ihn nicht weiter unter ihresgleichen haben wollen, wenn er ihnen erst schlechtes angetan hatte.

Bis sich ihm eine junge Frau näherte. Zuerst hatte er sie gar nicht bemerkt, denn er war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass die Welt an ihm vorbei gezogen war. Erst als ihr Schatten sich langsam über ihr Gesicht legte, hatte er in seinem Gesumme und Lautenspiel inne gehalten, um sein Haupt zu erheben. Zuerst war er überrascht, dass da jemand vor ihm stand, doch dann zauberte er schnell ein freundliches Lächeln auf die Lippen. »Den Fünf zum Gruße«, begrüßte er die Frau und nickte kurz. Sie hielt ihre Hände vor ihrem Schoß zusammen und musterte Adraéyu ausgiebig. »So auch dir, Zaubersänger« Adraéyu runzelte die Stirn und wusste nicht so recht, was er von der Frau halten sollte und so schwieg er für einen Moment. Seine Hände ruhten auf den Saiten der Laute und er überlegte, wie er am besten ein Gespräch beginnen könnte. »Spiel doch weiter.«, forderte sie ihn kurzerhand auf, doch Adraéyu verharrte noch weiter auf den Saiten. »Was war das für ein Melodie, die du da gesummt hast?« Adraéyu versuchte sich zu erinnern, welches Lied es gewesen sein mochte, doch er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. »Keine besondere …« er beobachtete die Frau ein wenig neugierig. Sie vermochte ihre Enttäuschung nicht vollends zu verbergen. »Hat dir die Melodie gefallen?«, erkundigte Adraéyu sich interessiert und sie nickte. Er kam nicht umhin ein diebisches Lächeln aufzusetzen und ließ die Finger kurz über die Saiten gleiten. »Dann wird dir dieses Lied hier vielleicht auch gefallen.« Seine Aussage war mehr eine Frage als eine Behauptung, doch erhielt er von ihr keine Antwort. Er verzichtete darauf etwas zu singen, denn er wollte nur seine Laute für sich sprechen lassen. Während er spielte, wippte sie ein wenig zögerlich im Takt der Musik. Während Adraéyu auf seiner Laute spielte, ließ er seine Blicke über sie schweifen. Er betrachtete das junge Gesicht, welches von goldenen, langen Haaren förmlich eingerahmt wurde. Sie war eine richtige Schönheit der wilden Lande und hatte einen wohlgeformten Schmollmund. Ihr Gewand verhinderte einen Blick auf ihre Rundungen, doch ließ sich zumindest ein üppiger Busen erahnen. Von derartigen Reizen beflügelt, begann Adraéyu ein wenig schneller zu spielen, und scheinbar gefiel ihr das Lied, denn ihre Anspannung schien von ihr ab zu fallen. Doch Adraéyu empfand es ein wenig seltsam zu sitzen, während sie vor ihm stand und so rutschte er auf dem Baumstumpf ein wenig zur Seite und zog seinen Mantel hinter sich, und bot ihr den frei gewordenen Platz mit einer saloppen Geste an. Als sie sich neben ihm niedergelassen hatte zog er erneut seinen Stimmschlüssel aus der Tasche und begann die Spannwinden am Wirbelkasten etwas nach zu ziehen. Denn das Lied, welches er nun anschlagen wollte, erforderte einige Änderungen an der Saitenspannung. Während er sein Instrument stimmte, nestelte die Frau mit ihrem Kleid und wirkte ein wenig unruhig. Adraéyu konnte ihr Verhalten nicht eindeutig deuten, und so ließ er seine raéyun'sche Gabe ein wenig wandern. Sanft strich er über ihre Gefühle um jene zu finden, welche ihr gerade im Herzen loderten und wurde recht bald fündig. Die aufgewühlten Gedanken der jungen Frau kreisten um nichts anderes. Er erfuhr kurzzeitig ihre Gefühle, als wären es die seinen, doch konnte er sie nicht gänzlich von den seinen auseinander halten. Er fühlte sich mit einem Mal zu ihr hingezogen, und zugleich fand er sie faszinierend. Eine große Unsicherheit überkam ihn und Neugierde flammte in ihm auf. Welche Gefühle davon waren wirklich die ihren, und welche waren nur seine, die durch ihre verstärkt worden waren? Er vermochte es nicht genau zu sagen und so glitt er ein wenig tiefer in ihre Gefühlswelt ein. Es war nicht allzu schwer, denn ihre Gedanken lagen vor ihm, wie ein offenes Buch. Und er musste aufpassen nicht von all ihren Gefühlen überflutet zu werden, bis er sich Klarheit verschafft hatte und als es soweit war, lächelte er wie ein Schelm.

Er sah ihr kurz in die Augen, und war in dem Moment froh, dass ihm seine halbe Haarlänge ins Gesicht gefallen war und so die leere Augenhöhle verbarg. »Verrätst du mir deinen Namen?« Sie wirkte kurz ein wenig verlegen doch erwiderte sie seinen Blick. »Finna.« »Finna, ein schöner Name.« Adraéyu schmeichelte der schönen Frau mit geschickt gewählten Worten. In Wirklichkeit fand er ihren Namen weder schön noch einfallslos. Es war einfach nur ein Name. Doch vermochten solche Floskeln oft die Zunge zu lockern. »Dir scheint eine Frage auf der Zunge zu brennen.« Finna öffnete kurz ihren Mund, doch schien sie nicht genau zu wissen, wie sie die Frage formulieren sollte. Doch schließlich fasste sie sich ein Herz. »Ich habe gehört, du hast für unsere Schamanin gegen den Tod gespielt?« Adraéyu seufzte, doch nickte er. »Das erzählen diese drei Kräuterweiber.« »Kann man diese Kunst lernen?« Sie legte ein wenig weiblichen Charme in ihren Blick um ihre Frage besser zu unterstreichen. Doch Adraéyu ging darauf nicht näher ein. »Diese Kunst erfordert neben der nötigen Gabe auch das nötige Blut. Und ich fürchte dieses Blut fließt nicht in deinen Adern.« Doch Adraéyu spürte, dass dies nicht die eigentliche Frage war, welche ihr auf dem Herzen gebrannt hatte. Sie versuchte lediglich das Eis zu brechen.

»Du bist doch ein guter Freund unseres Erilar …« »Fenris?« Sie nickte und Adraéyu dämmerte langsam wohin sie dieses Gespräch zu führen gedachte. »Ja, das kann man so sagen.« »Hat er dir gesagt, wen der Fürst als die neue Neeskia benennen wird?« Fenris hatte noch nicht mit Adraéyu über dieses Gespräch gesprochen. Es war zwar vor gut drei Stunden geführt worden, doch hatte er Fenris seither nicht gesehen. Und so musste er den Kopf schütteln. »Würdest du mir ein Lied vorspielen?«, fragte sie mit einem unterschwellig herausfordernden Blick und rang ihm dadurch ein leichtes Lächeln ab. Sie war dreist, aber sie wusste ihre weiblichen Reize geschickt einzusetzen, das musste er ihr zugestehen. Doch wollte er ihr diesen Gefallen gerne erweisen. Der Wind verlangte ohnehin nach mehr, da er zuvor unterbrochen worden war.

Und so stimmte er einen melodischen Akkord an, bevor er eine sanfte Weise über die Saiten tanzen ließ. Er verzichtete auf Gesang, denn er spürte in den sprunghaften Gefühlen Finnas, dass sie noch nicht alles gefragt hatte, was sie wissen wollte. »Könntest du Fenris, wenn du ihn das nächste Mal siehst …« Bei diesen Worten legte sie ihm ihre rechte Hand auf seinen linken Oberschenkel. Sie verstand es diese Geste in einer derartigen Beiläufigkeit zu bewerkstelligen, dass es beinahe bedeutungslos erschien. »… für mich etwas fragen?« Adraéyu zupfte nun einige Saiten, und streichelte die anderen ein wenig und erreichte so einen harmonischen Klang, welcher der Brandung glich, die sich immer wieder gegen die Klippen warf, während er ihre Frage mit einem einfachen Nicken beantwortete. »Ich habe einige Erfahrungen…« Bei diesem Wort bewegte sich ihre Hand ein wenig. Sanft und beinahe kaum spürbar wie ein Windhauch glitt sie in die über seinen Oberschenkel. »… in der Kräuterkunde und habe auch schon Catara als Hebamme geholfen.« Adraéyu spürte ein sanftes Kribbeln unter seiner Haut. Doch dies lag nicht an der sanften Berührung ihrer Hand, oder den sinnlichen, sorgsam gewählten Worten auf ihrer Zunge. Da war etwas anderes. Doch fehlte Adraéyu die Konzentration. Sie spielte ihre Karten geschickt und auch gezinkt aus. Denn sie besaß einen Quent dessen, was Fenris die Lenkung nannte. Catara hatte Finna bereits vor einigen Jahren abgelehnt gehabt, da sie Finna für ungeeignet gehalten hatte. Doch das wusste weder Adraéyu noch Fenris, noch eines der Kräuterweiber. Sie witterte ihre Chance und versuchte ihr Glück über Adraéyu. Denn Fenris würde ihre Gabe mit Leichtigkeit abschmettern können. »Würdest du ein gutes Wort für mich beim Erilar einlegen?« Bei diesen Worten glitt ihre Hand von seinem Oberschenkel auf sein Gemächt und drückte sanft zu. In ihrem Blick lag ein Versprechen. Ein Versprechen, wenn nötig, auch ihre Schenkel zu öffnen.

Jäh endete er in seinem Spiel und wer Adraéyu kennen würde, dem würde der dunkle Schleier auffallen, welcher über sein Auge zog. »Was ist los? Warum hörst du auf?«, fragte ihn Finna verspielt. »Spiel doch weiter.« Lüstern streichelte sie die Beule in seiner Hose, welche unter ihren Berührungen langsam größer wurde. Alles in Adraéyu war bereit ihr diesen kleinen Gefallen zu erweisen. Sie hatte ihn mit der Kunst, wie sie nur eine Frau haben vermochte, mit einem geschickten Dreh um den Finger gewickelt. Doch machte ihr, und vielleicht auch ihm, das Schicksal einen bedeutenden Strich durch die Rechnung. Denn just in diesem Moment, als Adraéyu sich schon langsam ihren Lippen genähert hatte, brach seine schizophrene Persönlichkeit ans Tageslicht. Diese Person war nicht romantisch oder freundlich. Er schnappte ihren Kopf und zog sie brutal an sich heran. Ein erstickter Schrei kam ihr über die Lippen, bevor er die seinen auf die ihren presste. Sie versuchte ihn nur von sich weg zu drücken, doch gelang es ihr nur schwer. Und in ihrer Bange drückte sie mit ihrer vollen Macht gegen Adraéyus Geist. Es hatte geholfen, denn er hatte von ihr abgelassen. Doch zog er daraufhin seine Laute näher an sich, und setzte eine zackige, schnelle Weise an. Und er sang im Flüsterton ein Lied.

[18]
Das Weib allein,
lag dort im Wald.
Sie war einst mein,
doch ward sie kalt.

Sie grad erst tot,
der Leib noch warm.
Ihr Kleid tiefrot,
und weit die Scham.

Die Sense lang,
sie aufgeschlitzt.
Tief bis zum Darm,
das Blut noch spritzt.
[/18]

»Aufhören!«, schrie Finna und umklammerte sich den Unterleib, welcher sich vor Schmerzen zusammengekrampft hatte. Mit Tränen in den Augen stürmte sie davon und ließ Adraéyu allein zurück. Ihr Schrei hatte ihn wie eine Ohrfeige aus seiner schwarzen Besinnungslosigkeit geholt und die dunkle Seite seiner Seele in ihre tiefe Ecke geworfen. Schlagartig wurde Adraéyu bewusst, was hier geschehen war, und er packte seine Laute zusammen und rannte eilig zu Fenris. Als er sich dem Haus näherte, sah er gerade, wie Finna in der Tür verschwand. Er fluchte innerlich und beschleunigte seine Schritte. Hastig riss er die Tür auf, und kam kurz darauf neben Finna zum Stehen und sie blickte ihn wütend an.

»Schön dass du da bist Adr…«, begrüßte Fenris Adraéyu, bis er Finna bemerkte. »Wer ist denn deine Begleiterin?«, fragte Fenris erstaunt. »Das ist Finna.«, antwortete Adraéyu nur, denn ihm fiel beim besten Willen nicht ein, wie er die Sache erklären sollte. »Und warum bringst du Finna zu mir?« »Er hat mich nicht hier her gebracht!«, keifte Finna. Fenris kräuselte die Stirn. Er war sichtlich verwirrt. »Der Zaubersänger …«, sie spuckte auf den Boden »Er hat versucht mich mit seiner Musik zu verhexen!«. Fenris trat näher an sie heran und sah sie näher an. »Finna, die Tochter von Thoror?« Finna nickte nur, doch fehlten ihr die Worte, da Fenris ihr den Wind völlig aus den Segeln genommen hatte. Adraéyu bemerkte den gequälten Ausdruck auf seinem Gesicht. Er hatte wieder einmal Schmerzen, und diese schienen ihm langsam den Verstand zu rauben. »Warum bringst du Thorors Tochter zu mir? Du hast doch nicht …« »Nein!«, unterbrachen Adraéyu und Finna ihn beinahe im Chor. »Was im Namen der Alten und der Etáín?«, fragte Fenris entgeistert und verständnislos ob dieses Ausbruch der Beiden. Nun war es Finna die das Wort ergriff. »Erilar, ich wollte den Zaubersänger …« Adraéyu bedachte sie mit einem vernichtenden Blick , doch ließ sie sich davon nicht beeindrucken. »… er hat mich mit dunkler Musik verhexen wollen!« Fenris sah Adraéyu an, doch konnte er nicht glauben was er da gehört hatte. Doch Fenris schüttelte den Kopf. Er schob einen Stuhl zur Seite und deutete auf die Sitzfläche. »Setz dich, Kind.» Als Finna sich gesetzt hatte, sah Fenris Adraéyu mit fragendem Blick an. »Du auch.« Seine Worte duldeten keine Widerworte, und er holte sich drei Tonkrüge, welche er mit heißem Tee füllte. In den Krug Finnas warf er eine Baldrianwurzel in den Tee, um ihr erhitztes Gemüt ein wenig zu beruhigen. Für seinen eigenen Tee ließ er eine geschälte Alraunwurzel in den Tee fallen. Er sah kurz Adraéyu an, doch zuckte er schließlich mit den Schultern. Der Raéyun saß völlig ruhig auf seinem Stuhl und starrte Finna mit verengtem Auge an. Er stellte die Krüge auf den Tisch und ließ sich gegenüber der Beiden nieder. Zuerst musterte er Adraéyu, doch wurde er aus der ernsten Miene seines Freundes nicht wirklich schlau. Und so widmete er sich Finna. Sie quoll beinahe über vor Wut und Frust, dass Fenris ihre Gedanken förmlich entgegenflogen. »Trinkt.«, gebot er Beiden, und sah zu wie sie ihren heißen Tee Schluck für Schluck niederzwangen. Er selbst nippte nur beiläufig an dem Tee. Er war ihm zu heiß, und die Schmerzen waren gerade erträglich. »Und nun erzählt, langsam, was geschehen war.« Dieses Mal war Adraéyu schneller. »Ganz einfach. Sie wollte mir einen Gefallen ableiern…« Finna unterbrach ihn und bezichtigte ihn der Lüge. Doch hierfür war sie bei Fenris an den Falschen geraten. Er war müde, und so stand er kurzerhand auf, umfasste die Schläfe Finnas mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand und schloss kurz die Augen. Finna keuchte kurz darauf auf, und kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Und als Fenris sie wieder losgelassen hatte, sackte sie kurz zusammen. Langsam ließ Fenris sich wieder auf seinem Stuhl nieder und bedachte derweil Adraéyu mit einem Kopfschütteln. »Finna, du sollst in einem Monat mit Vebjorn, vom Nachbarclan vermählt werden und wolltest …« Fenris sprach es nicht aus. Stattdessen verzog er eine Augenbraue. Finna wusste, dass er ihre Gedanken gelesen hatte. Sie senkte nur ihr Haupt. »Und du, mein Freund. Was hast du nur getan? Finnas Unterleib war so von Krämpfen und Schmerzen durchzogen gewesen, dass es ein Wunder ist, dass sie nicht blutete.« Fenris ließ den Beiden für einen Moment Zeit die volle Tragweite seiner Worte zu verstehen. »Du trägst ein Kind unter deinem Herzen, Kind. Hast du es noch nicht gespürt?« Finnas Augen weiteten sich bei diesen Worten Fenris'. »Du solltest zu den Kräuterweibern gehen, sie können dir vielleicht helfen. Es ist nur für Kurz, denn unsere neue Schamanin ist bereits auf dem Weg zu uns.« Fenris sah Finna eindringlich an und als sie keine Anstalten machte zu gehen gab er ihr einen Stubs. »Du solltest nun gehen Kind.«, ermahnte Fenris Finna, und sie zögerte nicht lange und huschte so schnell sie konnte aus dieser unliebsamen Situation.
Als das Mädchen aus der Tür herausgetreten war, besah Fenris Adraéyu mit einem finsteren Blick. »Die Leute werden reden. Wenn dich jemand gesehen hat …« Fenris sprach die Worte gar nicht erst zu Ende und schüttelte nur den Kopf. »Dann sorge dafür, dass es nicht dazu kommt.«, brummte Adraéyu und brachte seine Laute in die Ecke, wo er sie stets ablegte, wenn er bei Fenris zu Gast war. »Du machst es mir wahrlich nicht einfach, Adraéyu.«, murrte Fenris und zupfte sich ein Stück Alraunwurzel aus der Tasche, schob sie sich in den Mund und kaute gleichmäßig darauf herum. Scheinbar schien sie nach einer Weile zu helfen, doch schlurfte Fenris noch zu seinem Tisch und stürzte einen weißen, milchigen Mohnsaft herunter. »Ich werde das sogleich erledigen. Bitte bleibe so lange hier. Ich habe keine Kraft mehr dich wieder im halben Dorf suchen zu müssen. Und dann reden wir über diesen Zwischenfall!«

Als Fenris zurück kehrte, dämmerte es bereits und ein einsamer Wolf heulte irgendwo in den nahen Bergen. Fledermäuse jagten tief über den Dächern der Häuser und die Hunde bellten vereinzelt. Adraéyu öffnete seine verschlafenen Augen, als die Tür sich knarrend öffnete und Fenris schließlich in das Haus eintrat. Müde kämpfte er sich wieder zu seinem Tisch, um erneut einen Mohnsaft zu trinken. Adraéyu zog sorgenvoll die Stirn kraus. Es ging ihm zusehends schlechter, und Adraéyu hatte ein schlechtes Gewissen. Denn Fenris kämpfte sich nur wegen ihm so sehr ab. Er betete wann immer er die Zeit dazu fand, und die Schmerzen es zuließen. Doch schienen die Götter seine Gebete nicht zu erhören. Welch grausames Spiel die Götter zuweilen zu spielen pflegten. Es kursierten verschiedene Gerüchte, welcher Plage Fenris erlag. Ein Dämonenbiss, oder ein Fluch. Doch Fenris winkte diese Gerüchte ab. Er litt an keinem Fluch, doch mergelte er zusehends aus. Seine Schmerzen hatten ihn gezeichnet, und er war in wenigen Wochen um Jahre gealtert. Kein Mensch würde glauben, dass Fenris ungefähr im selben Alter wie Adraéyu war. Wenn die Schamanin Catara etwas gewusst hatte, dann hatte ihr Wissen um Fenris' Leiden mit in ihr Grab genommen, und die drei alten Kräuterweiber, welche nur ihr altertümliches Wissen vorzuweisen hatten, taten es als göttliche Strafe oder einen Dämonenbiss ab.

»Und?«, erkundigte sich Adraéyu neugierig. Er versuchte sein Mitgefühl, welches er für Fenris empfand, in seine Stimme zu legen. Doch Fenris antwortete nicht. Er krampfte sich mit seinen Fingernägeln um die Tischplatte und hatte seinen ganzen Körper versteift um gegen den Schmerz anzukämpfen. Als der Mohnsaft schließlich endlich seine Wirkung zeigte, schlurfte er entkräftet zu Adraéyu, und setzte sich in den bequemen Sessel, welcher mit einem Bärenfell ausgelegt worden war. »Ich denke es wird gehen.«, schnaufte Fenris, als er in den Sessel sank. »Wenn sie schlau ist, wird sie schweigen. Dann kann sie das Kind ihrem zukünftigen Mann unterjubeln und im Stillen gegen dich grollen.« Adraéyu verzog skeptisch seine Augenbraue, denn er war nicht sonderlich davon überzeugt. »Wenn sie sich als nicht so schlau erweisen sollte, wird sie nicht nur den Mann verlieren, der ihr versprochen war, sondern auch ihren Ruf. Kein Mann würde sie heiraten wollen …« Fenris schüttelte den Kopf. »Es wäre töricht von ihr …« Doch mehr sagte Fenris nicht mehr dazu. Adraéyu hoffte nur, dass niemals jemand auf die Idee kam, zu behaupten jenes Kind stamme von ihm. Doch war dies unwahrscheinlich. Finna hatte strohblondes Haar und ihr Verlobter ebenfalls.

Adraéyu ließ seine Gedanken frei schweifen, bis ihm die verschiedenen Kerzen nahe der Feuerstelle aufgefallen waren. »Was haben die ganzen Kerzen zu bedeuten?«, erkundigte er sich schließlich bei Fenris und dieser zwang sich zu einem Lächeln. »Gut dass du endlich fragst. Es sind Gebetskerzen.« Adraéyu verengte seine Augen zu zwei misstrauischen Schlitzen. Was dem Ganzen ein leicht groteskes Bild verlieh, da in einer Augenhöhle kein Augapfel wohnte. Doch als sein Blick zu Fenris wanderte und er sein gequältes Gesicht bemerkte, wie er in dem Sessel saß und sich immer wieder in das zottelige Bärenfell krallte, welches über dem Sessel lag, da überkam Adraéyu schließlich die Erkenntnis. Während Fenris in kurzen, heftigen Stößen atmete, um den Schmerz zu bändigen, erkannte Adraéyu die schmerzliche Wahrheit. Fenris hatte Recht, und er wäre mehr als nur egoistisch, sich dem weiterhin zu entziehen. Beinahe erschrocken bemerkte er, dass Fenris erneut unter Schmerzen litt, obwohl er vor wenigen Augenblicken erst den letzten Mohnsaft geschluckt hatte. Der Saft zeigte bereits kaum mehr Wirkung. Adraéyu stand auf und ging zu dem Tisch, auf welchem Fenris all seine Heilkräuter, Tinkturen und Wurzeln aufbewahrte. Er grübelte, denn er konnte keinen Mohnsaft sehen, und die Wurzeln sahen für ihn alle gleich aus. Fenris hatte ihn mit seinem Blick verfolgt. »Suchst du etwas?« Er machte sich kaum mehr die Mühe seine Schmerzen in der Stimme zu verbergen. »Ich wollte dir eine Alraune bringen, oder einen Mohnsaft.«, antwortete Adraéyu, ohne aufzublicken. Fenris erhob seine linke Hand und deutete zitternd auf ein kleines Regal, welches über dem Tisch an der Wand hing. »Dort, in den kleinen Tonphiolen.« Adraéyu nahm zwei dieser tönernen Gefäße und brachte sie Fenris. Doch fehlte ihm die Kraft den Korken aus dem engen Hals zu ziehen, und so nahm Adraéyu ihm die kleine Flasche wieder ab, und zog den Korken für ihn heraus. Fenris schluckte den Mohnsaft in einem Zug herunter, und er bat sogleich um die zweite Flasche. Adraéyu sah ihn ein wenig unschlüssig an, doch reichte er ihm auch diese, nachdem er den Korken heraus gezogen hatte.

Es brauchte einige Augenblicke, bis der Saft seine volle Wirkung erzielt hatte, und Fenris Blick wurde langsam immer glasiger. Der Mohnsaft vernebelte ihm zusehends die Sinne. Bald würde er das Ritual nicht mehr vollziehen können, da ihm die nötige Konzentration fehlen würde. »Ich habe meine Entscheidung gefällt.«, hob Adraéyu langsam seine Stimme und Fenris horchte neugierig auf. »Es schmerzt mich dich in diesem Zustand zu sehen, und zugleich tut es mir unsäglich leid, dass ich so lange mit dieser Entscheidung gehadert habe. Ich erkenne nun dass du Recht gehabt hast …«, Fenris lächelte milde. Als ob er es in seinem tiefsten Innern immer gewusst hatte, dass Adraéyu die Wahrheit erkennen würde. »Was nun?«, erkundigte sich Adraéyu und wandte seinen Blick kurz zu den Gebetskerzen. Fenris zog seine Zunderbüchse aus der Tasche und reichte sie an Adraéyu, und ohne ein weiteres Wort verstand Adraéyu diese Geste. Er ging zu den Kerzen und zog eines der langen Hölzer aus der Tonvase, welche nahe der Feuerstelle stand. Da die Feuerstelle erkaltet war, musste Adraéyu die Zunderbüchse öffnen, und rätselte einen Moment, welchen der Pilze er verwenden konnte, und welchen nicht. Er zog den kleinen Beutel aus der Schachtel doch hielt er dann inne und legte den Beutel wieder zurück. In der Feuerkuhle lag kein Holz oder gar Reisig, allerdings hing noch der kleine Kupferkessel an der eisernen Kette. Adraéyu beugte sich über den Kessel und stellte fest, dass Fenris in seiner Abwesenheit eine Art Suppe oder Tee vorbereitet hatte. Allerdings war der Inhalt des Kessels kalt und so beugte er sich ein wenig tiefer, um einige Holzscheite aus dem Fach unter der Feuerstelle zu entnehmen. Dann zerrte er aus dem Flechtkorb, welcher neben der Feuerstelle stand aus den unzähligen Reisig Zweige zwei zufällige heraus und drückte sie zu einem kleinen Herz aus Reisig zusammen. Dieses Herz legte er in die Mitte der Feuerkuhle, unter den Kessel, und ordnete die Holzscheite wie ein spitzes Dach über dem Reisig an.

Nun wandte er sich wieder der Zunderbüchse zu und zog den kleinen Lederbeutel aus dieser heraus. Vorsichtig lockerte er das Lederband, welches den Beutel zusammenhielt und schüttete ein wenig von dem Zunderpulver über das Reisigherz. Als er den Beutel wieder fest verschnürt, und in der Schachtel abgelegt hatte grübelte er für einen Moment. Schließlich entschied er sich dafür, die beiden Steine in der Schachtel liegen zu lassen und zog stattdessen das kleine Glas mit diesen seltsamen, weißen Steinen hervor. Er öffnete die Flasche, steckte den langen Kieferspan, welchen er zuvor aus der Tonvase gezogen hatte, in einen der weißen Steine, wie er es einmal bei Fenris beobachtet hatte und zog das Holzstäbchen wieder aus dem Glas heraus. Beinahe augenblicklich entzündete sich das, von den weißen Steinen, klebrige Ende des Holzes. Erschrocken stopfte Adraéyu den Korken in das Glas, bevor das Feuer auf die Steine darin übergehen konnte. Die weiße Flamme fraß sich förmlich in das Holz hinein und so hielt Adraéyu das Stäbchen in das Reisigherz, welches – Dank dem Zunderpulver – Augenblicklich Feuer fing. Dann erst wandte sich Adraéyu den Gebetskerzen zu, und entzündete eine nach der anderen, bis alle schließlich brannten. Als dies vollbracht war, warf er den stark abgebrannten Kieferspan in das Feuer, welches schon fröhlich in der Feuerkuhle loderte.

Während Adraéyu die letzten Kerzen entzündet hatte, hatte Fenris sich aus dem Sessel gekämpft. Der Mohnsaft dämpfte seine Sinne so stark, dass seine Sicht verschleiert und verschwommen war, und seine Zunge leicht betäubt. Doch hatte er sich schlussendlich neben Adraéyu gesellt und starrte mit ihm kurz in die tanzenden Flammen des Feuers. Adraéyu klappte die Zunderbüchse zu, welche noch immer am Rand der Feuerstelle offen lag, und reichte sie an Fenris. Doch dieser legte nur seine Hand auf die metallische Schachtel und schüttelte leicht den Kopf. »Behalte sie, ich brauche sie nicht mehr.« Und so ließ Adraéyu die Schachtel in seine Manteltasche wandern und wandte sich, wie Fenris, wieder dem Feuer zu. Nach einer Weile begann die Flüssigkeit in dem Kessel zu kochen und unzählige Luftblasen stiegen darin auf. Sogleich zog Fenris an der Kette, um den Kessel vom Feuer zu nehmen. Adraéyu ging ihm dabei sogleich zur Hand bis der Kessel auf dem Tisch, neben der Feuerstelle stand. Als der Skaldenmet halbwegs abgekühlt war, zog Fenris zwei Trinkhörner von einem Haken und füllte beide Hörner mit einem großzügigen Schöpfer aus der hölzernen Kelle. »Dies ist der Trunk der Reinigung. Mögen die Götter heute Nacht über uns wachen.« Nach diesen Worten überkreuzten Fenris und Adraéyu ihre Arme und setzten jeder sein Horn an seine Lippen. Als der honigsüße Met Adraéyus Kehle hinabrann, erfüllte ihn die wohlige Wärme des Trunks welche sich langsam in seinem gesamten Körper ausbreitete. Als Adraéyu sein Horn geleert hatte, legte er es neben der Feuerstelle ab und bemerkte erst dann, dass Fenris seinen schon längst geleert hatte. Was er allerdings nicht bemerkt hatte war, dass Fenris sein Horn in die Glut geleert hatte.

Als die weiße Glut langsam in seinen Augen brannte, wandte Fenris schließlich seinen Blick ab, und kniete sich langsam vor den Kerzen nieder. Adraéyu zog den Schneidersitz vor. Er empfand keine so tiefe Verbundenheit mit den Göttern, wie Fenris. Und er würde, während Fenris betete, seine Gedanken den Etáín widmen. Fenris beugte sich vor den Kerzen nieder und breitete ein weißes Gebetstuch vor sich aus. Dann angelte er aus seiner Tasche dreizehn kleine Holzscheibchen, an welchen dünne Fäden baumelten. Eines nach dem anderen spannte er diese Schicksalsdeuter vor sich und ließ sie auf das weiße Tuch fallen, bis alle dreizehn vor ihm auf dem Tuch lagen. Sie hatten ein wirres Muster geformt, doch Adraéyu fehlte die Gabe daraus etwas zu sehen. Fenris begann zu summen und schloss die Augen zum Gebet. Er riss sich einen Streifen von seinem Gewand, hielt es über die Flamme einer Gebetskerze bis es brannte und warf den brennenden Stoff in die kleine Zinnschale, welche neben den Kerzen stand. Als die Flammen den Stoff völlig verzehrt hatten, und nur ein wenig Asche übrig gelassen hatten, griff Fenris, ohne hin zu sehen, in die Zinnschale und förderte eine Handvoll Asche heraus. »Für Civá …«, murmelte Fenris und warf ein wenig der Asche vor sich. »Für Brânwil …«, folgte Fenris Stimme und er warf ein wenig Asche hinter sich. »Für Finlír und Raeslif …«, endete Fenris sein Ritual und warf die Asche zuerst nach rechts von sich, und schließlich den Rest der Asche nach links von sich. Adraéyu hob rasch die Hand um sein Gesicht zu bedecken, als ein Teil der Asche ihn traf und klopfte sich danach die Asche von der Schulter. Als dieses Ritual beendet war, beugte Fenris sich zu dem Tuch herab und betete im Stillen zu den fünf alten Göttern der wilden Lande. Adraéyu starrte eher an die Decke und lauschte dem Wind, welcher vor dem Haus sein Unwesen trieb. Fenris war rasch dem rituellen Gesang an die Götter verfallen. Die alte Sprache der wilden Lande, welche Adraéyu nicht verstand, erfüllte den Raum. Und während Fenris betete, wurde Adraéyu immer schläfriger. Während er Fenris beten sah, huschten vor seinem geistigen Auge verwirrende Bilder und Farben umher. Er sah einen Wolf, welcher im Eis einbrach, und einen großen Adler, welcher seine weiten Kreise im Himmel zog. Da waren schwarze Schatten zwischen den Bäumen und rotes Blut auf unberührtem Schnee. Adraéyu schüttelte den Kopf und die Bilder verschwammen. Zurück blieben die Kerzen und Fenris, welcher noch immer in der alten Sprache murmelte und betete. Wurde Adraéyu schon verrückt? Müde sah er sich um, denn er fand keine Worte an die alten Götter. Und mit einem Mal entdeckte er in der Ecke des Hauses eine zierliche Gestalt. Er kniff sogleich die Augen zusammen doch war die Gestalt verschwunden, als ob sie niemals da gewesen wäre. Und doch … da war ein Hauch von Wind. Adraéyu erhob sich aus dem Schneidersitz, und Fenris schien so tief in sein Gebet versunken zu sein, dass er es nicht bemerkte. Langsam schritt Adraéyu in die Richtung, wo er diese Gestalt gesehen hatte, doch stand dort nur das Bett von Fenris. Doch stieg ein dünner, kaum sichtbarer Nebel von den Fellen und Laken auf. Adraéyu rieb sich die Augen, denn er glaubte zu spinnen, doch als er die Augen wieder geöffnet hatte, war der Nebel noch immer dort. Zögerlich trat er noch einen Schritt an das Bett heran, und noch einen, bis er nahe genug war. Langsam streckte er die Hand aus und ließ diese durch den Nebel gleiten. Und was er dann fühlte, hatte er gewiss nicht erwartet. Er hatte erwartet nichts zu fühlen, oder die kühle, feuchte Luft welche einem Nebel für gewöhnlich anhaftete. Doch dem war nicht so. Die Luft war warm, und als Adraéyu in den Nebel glitt, da war ihm als ob er ein freudiges Kichern in der Luft vernahm. Spielten seine Sinne ihm einen Streich? Er streichelte nochmals über den Nebel und ihm war, als ob er eine sanfte Rundung verspürt hatte. Erschrocken zog er seine Hand zurück, doch war dort nichts. Der Nebel löste sich auf und wurde zu einer Ritze im Mauerwerk gezogen. Und als er ein drittes Mal über die Stelle fuhr, wo der Nebel zuvor gewesen war, da glitt sie ins Leere.

Verunsichert wandte er sich auf dem Fuße zu Fenris um. Doch als er der Ecke des Raumes den Rücken zugekehrt hatte, stand er mit einem Mal in einer weißen Winterlandschaft. Vor ihm kniete eine Frau, welche in einen schwarzen Umhang aus dicht gewirktem Loden trug. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, und ihre Kapuze ins Gesicht gezogen. Etwas Kaltes küsste seine Nasenspitze, und als er den Blick gen Himmel erhob, sah er dass es schneite. Er streckte die Hand aus und sah die Flocken, welche auf den Fingern und der Handfläche landeten, langsam zu kleinen Tropfen schmelzen. Die Frau, welche vor ihm kniete hielt einen Raben in der Hand und sie sprach mit dem Raben. Adraéyu konnte die Worte nicht verstehen, und so trat er einen Schritt vor, um ihr die Kapuze vom Kopf zu ziehen. In dem Moment, als er nach ihrer Kapuze greifen wollte, stob ein kalter Wind auf. Er wirbelte die Schneeflocken, welche auf der dichten, weißen Schneedecke lagen auf und warf der Frau elegant die Kapuze vom Kopf. Und dann erkannte Adraéyu sie. Es war die selbe Frau, wie in der letzten Vision. Ihre heugrünen Augen kreuzten die seinen und eine tiefe Seele spiegelte sich in diesen wilden, grünen Augen. Die schwarzen Haare flatterten im Wind und ihre blutroten Lippen stachen aus diesem gemeißelten Gesicht heraus, dass Adraéyu sie nur anstarren konnte. Konnte sie ihn sehen? War dies ein Traum? Der Wind säuselte ihm in den Ohren. Es glich einem Flüstern, so leise waren diese Worte. Sie streichelten über seine Seele wie eine Feder. Doch mit einem Mal spannte der Rabe seine Schwingen auf, und krähte aus tiefster Kehle.

Seine schwarzen Augen leuchteten im Schein des Feuers der Gebetskerzen. Adraéyu stolperte zurück und der Schnee war wie weggewischt. Für einen Moment war da nichts als Dunkelheit, der Schein der Kerzen und Fenris, wie er vor den Kerzen kniete, als Adraéyu gegen das Bett stolperte und rücklings in die Felle stürzte. Er stöhnte leise auf, als ihm die Luft aus den Lungen getrieben wurde und blieb für einen Moment einfach liegen. Ihn fröstelte leicht, als aus der Ritze in der Mauer erneut ein lauer Luftzug über seine Haut strich. Die feinen Härchen auf seinen Armen richteten sich auf und der Wind strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Wie eine zärtliche Liebhaberin kroch der Wind über seine Haut und Adraéyu war, als ob er einen Kuss auf den Lippen verspürt hatte. Er öffnete die Augen und war umhüllt von waberndem Nebel. Erschrocken weiteten sich seine Augen, und er griff instinktiv in den Nebel hinein. Doch umfing ihn der Nebel und er fühlte ein Gesicht, und Haare. Er strich durch diese Haare, und ein leichtes Kribbeln durchfuhr seine Finger. Langsam ließ er seine Hand sinken und ertastete weiche, sanfte Rundungen. »Was geschieht hier?«, murmelte Adraéyu verwirrt und zog seine Hand langsam zu sich zurück. Und dann schälte sich aus dem Nebel eine zierliche Gestalt einer jungen Frau. Sie war wunderschön und ihre bezaubernden, weißen Augen blickten direkt in das seine. »Was geschieht hier? Träume ich?«

[18]Langsam wanderte ihre Hand über seine Brust und zog dabei neckisch an der Schnürung seines Hemdes. Adraéyus Auge wanderte von dem Gesicht der Gestalt langsam nach unten. Sie war vollkommen, rein und völlig unverhüllt.[/18] Adraéyu hatte die Etáín der wilden Lande immer als Geister der Natur gesehen. Etwas nicht Greifbares und für die Augen Sterblicher; unsichtbare Wesen. Er hätte nie zu träumen gewagt einer von ihnen leibhaftig zu begegnen. Doch war dies zweifellos nur ein wirrer Traum. Fenris musste ihm ein berauschendes Kraut oder eine umnebelnde Essenz in den Skaldenmet gegeben haben.

[18]Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn sanft auf die Stirn und ihr vollkommener Busen streifte sanft über seine Brust. Adraéyu spürte wie seine Männlichkeit, völlig betört von diesen Reizen, langsam anschwoll. Ihre Hände streichelten über seine Haut und schienen durch den Stoff seiner Gewandung hindurch zu dringen und direkt seine Haut zu liebkosen. Er war wie von Sinnen und eine enorme Hitze wallte in ihm auf. Er zog seine Arme aus seinem Mantel und schnürte langsam sein Hemd auf. Und während er dies tat, zog die Etáín fordernd an der Kordel, welche seine Hose zusammenhielt. Völlig willenlos ließ er es geschehen, und hob sein Becken leicht an, als sie an seiner Hose zog und seine harte Männlichkeit offenbarte. Und kaum war dies geschehen, da blies sie schon auf seiner Flöte und er räkelte sich unter ihren Berührungen willenlos, wie ein Blatt im Wind. Seine Haut kribbelte am ganzen Leib und ihn durchfuhr eine Lust wie er sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte, als sie von seinem besten Stück abließ. All dies war geschehen, ohne dass sie auch nur ein Wort gesprochen hatte. Und nun sah sie ihn mit ihren verführerischen und magischen Augen an und als sie die Lippen öffnete, klang die süßeste Stimme an sein Ohr, welche er je vernommen hatte.

»Sing für uns.«, hauchte die schöne Etáín in Adraéyus Ohr. Er befand sich in einem unglaublich beflügelnden Rausch, ganz als ob er den Geistern der Winde hörig wäre, und begann eine romantische und ruhige Weise zu singen. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und jede Silbe glich einem Kuss, welchen er ihr schenkte. Und während er sang, setzte sie sich auf seinen Schoß und Adraéyu spürte wie er langsam in sie hineinglitt. Als dies passierte küsste ihn mit einem Mal ein zweites Paar Lippen auf der Brust, und vier Paar Hände streichelten ihn an jeder Stelle seiner Haut. Die Etáín bewegten sich langsam auf ihm, vor und zurück, bedachten ihn mit Küssen und Adraéyu schwebte in den höchsten Gefilden der Ekstase, bis – beinahe betäubend – sein Körper von erlösenden Zuckungen überflutet wurde. Und als es vorbei war, da waren die Beiden verschwunden.[/18]

»Finde sie«, flüsterte der Wind und Adraéyu riss die Augen auf. Vor ihm stand Fenris und blickte ihn aus müden Augen an. Und in seiner Händen hielt er in der rechten das glühende, gläserne Auge und in seiner Linken eine Weihrauchschale, aus welcher dichter, weißer Rauch heraus quoll.
Adraéyu richtete sich ruckartig von seinem Bett auf und suchte den Raum nach Nebel oder Wind ab, doch konnte er nichts sehen. War dies alles nur ein Traum gewesen? Der Rauch aus Fenris' Weihrauchschale umspielte schließlich seine Nase und er blickte Fenris mit einem misstrauischen Blick an. »Du hast mir schon wieder etwas in den Wein gemischt! Du Giftmischer!«, knurrte Adraéyu. Fenris lächelte und ihm entkam ein leises Lachen aus der schmerzgeschundenen Kehle. »Und? Hast du gut geträumt?« Adraéyu antwortete nicht. Er war sich nicht einmal sicher, ob dies ein Traum gewesen war. Hatte er sich gebärdet, und Fenris hatte es mitbekommen? Mit einem Mal stieg ihm eine gewisse Schamesröte ins Gesicht, und er kämpfte sich aus dem Bett.

Sein Schädel brummte und der Raum drehte sich, doch stand er auf beiden Beinen und war nicht wieder ins Bett gefallen. »Es ist Zeit, mein Charaid.« Geistesgegenwärtig wanderte Adraéyus Blick auf das glühende Ding in Fenris' rechter Hand. Unweigerlich verzog er ein wenig missgünstig den Mund. »Dann bringen wir es hinter uns.« Fenris nickte. Ihm war die Erleichterung, dass er all seine Schmerzen bald hinter sich lassen würde, deutlich an zu sehen. Und Adraéyu zerbrach es in diesem Moment das Herz. Nach dieser Nacht, würde er ihn niemals mehr wieder sehen. Doch in gewisser Weise war er auch froh, denn nicht jedem war es vergönnt sich von einem guten Freund zu verabschieden. Denn der Tod ereilte einen oft unerwartet. Als der Rauch aus Fenris Räucherschale bereits so dicht angequollen war, dass Adraéyu kaum die Hand vor Augen sah, vernahm er Fenris' dumpfe Stimme. Sie sprach in einem kanonischen Singsang. Sie wuchs zu einem kräftigen Bass an, und schrumpfte zu einem leisen Flüstern. Auf und ab. Der Gesang war beinahe hypnotisierend. Und Adraéyu starrte in den Rauch, welcher ihn eingehüllt hatte. Das rote Licht, des Auges flog durch die Schwaden und zeichnete seltsame Gebilde in den weißen Dunst. Fenris ließ seine Hand durch den Raum tanzen, doch war es dämmrig und düster. Die Gebetskerzen waren bereits erloschen und das Feuer in der Feuerstelle zu einer schwachen Glut vergangen. Nur das Auge spendete ein wenig Licht, und Fenris huschte mit seiner Hand so schnell durch die Luft, dass er mit dem Auge Bilder in die Luft zu zeichnen vermochte. Der Rauch wurde aufgewirbelt, wenn Fenris durch ihn fuhr, und alles vermischte sich zu einem wirren Bild aus Schwaden und Feuerlinien. Der Gesang, die verwirrenden Eindrücke und der starke Geruch des Räucherwerks öffneten langsam Adraéyus Geist. Und wie ein Blitz durchfuhr es ihn, als Fenris Adraéyu das Auge in die leere Höhle drückte. Zugleich berührte Fenris den Geist Adraéyus und sein monotoner Gesang kroch in Adraéyus Ohren. Fenris reizte alle fünf Sinne zugleich und Adraéyu taumelte wie im Rausch der Gefühle umher.

Sanft hatte Fenris seine rechte Hand um die Schläfen Adraéyus gelegt, während sein linker Daumen auf dem gläsernen Auge ruhte. »Webt das Band, nehmt an das Opfer.« Fenris' Stimme wurde immer schriller und lauter. »Das dritte Auge wird vergehen, und mit dem zweiten wirst du sehen!« Ein brennender Schmerz kroch in Adraéyus Kopf. Das Auge begann zu glühen und die Flamme darin wütete und züngelte an der gläsernen Wand, welche es gefangen hielt. Doch kam es nicht frei. Es schrie und es wirbelte umher, und das Glas wurde immer heißer. Fenris zog seinen Daumen von dem Glas und wenige Augenblicke später hatte er einen seltsamen Dolch in der Hand. Die Klinge lief in Wellen vom Heft bis zur Spitze zu. Die eine Seite der Klinge bestand aus strahlendem Silber, während er die andere Seite mit blutrot gefärbtem Lehm bestrichen hatte. Während Fenris noch mit der rechten Hand Adraéyus Schläfe umfasst hielt hob er mit der anderen Hand den Dolch über sein Haupt und richtete seinen Blick durch die Dachluke zum Himmel. Fenris' Körper stand gleich einem Mahnmal da, während sein Geist in Adraéyus Kopf alte Formeln flüsterte. »Göttervater, Thargôn, deine Macht reichst du uns durch deine Hand. Diese verbindet uns wie ein heiliges Band. Vereine unsere Schicksalsfäden, verbinde unser beider Leben. Wir waten durch ein Meer von Blut. Gib uns dafür Kraft und Mut.« Mit diesen Worten ritzte Fenris sich mit dem Dolch den Unterarm auf, und warmes, rotes Blut sprudelte aus den verletzen Adern heraus. Das meiste davon lief seinen Unterarm hinauf und tropfte am Ellbogen auf den Boden. Doch einige Tropfen fielen auf Adraéyus Gesicht und liefen dort in dünnen Linien langsam bis zum Kinn. Bis auch sie schließlich ihren langen Sturz gen Boden antraten. »Möge der Webstuhl ewig weben und die Etáín meiner Seele goldene Fäden in das Tuch Adraéyus sticken.«

Als das Blut über Adraéyus Gesicht lief, schloss er die Augen. Rinnsale liefen in seine Mundwinkel und seine Zunge kostete den metallischen Geschmack des Lebenssaftes. Es schmeckte wie verrostendes Eisen und barg eine gewisse Süße in sich. Salzige Tränen quollen aus Adraéyus Augenlidern hervor und vermischten sich mit dem Blut. »Lebe wohl, mein Freund.«, flüsterte Adraéyu und dann erstarb der Gesang Fenris'.
Da Adraéyu die Augen geschlossen hatte, konnte er nicht sehen was geschah. Der Rauch aus dem Räuchergefäß wirbelte um die Beiden herum, als tobte ein Wirbelsturm. Fenris stand nur da, mit offenem Mund und leeren Augen. Er starrte in den Himmel, und aus seinem Arm lief das Blut. Der Dolch stak in einer der hölzernen Dielen des Bodens, denn die Klinge war ihm aus der Hand entglitten. Sein Herz raste, und seine Augenlider flackerten. Und für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille. Man mochte glauben dass aus Fenris' Augen ein heller Schimmer entwich. Er vermischte sich mit dem wirbelnden Nebel und war dann nicht mehr zu sehen. Adraéyu keuchte auf, seine Hände zuckten und das Auge loderte auf, als hätte man gleißenden Zunder hinein geworfen. Er schrie und weitete Schmerzerfüllt die Augen. Sein gesamter Körper verkrampfte sich, während Fenris zusehends erschlaffte. Und dann wandelte der Wirbel seine Gestalt. Der Rauch löste sich langsam auf, denn das Räuchergefäß war ausgebrannt. Die wirbelnden Schwaden verloren sich im Nichts und stoben davon. Und mit einem dumpfen Schlag ging der leblose Körper Fenris' zu Boden. Adraéyu stand noch verkrampft über ihm, doch übermannte ihn bald die Besinnungslosigkeit. Er taumelte, versuchte sich an irgend etwas fest zu halten, doch war da nichts und er stürzte ebenfalls zu Boden. Er hielt sich das Auge, welches fürchterlich brannte und konnte seine Augen nicht öffnen. Denn der Rauch hatte sein gesundes Auge so sehr gereizt, dass es nun nässte und gerötet war. Tränen liefen über seine Wange. Tränen der Trauer, Tränen des Schmerzes aber auch die Tränen des gereizten, nässenden Auges. Er keuchte und sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, bevor sein Körper sich schließlich der Ohnmacht ergab.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 20. Okt 2012 19:15, insgesamt 5-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Fr, 12. Okt 2012 9:30

Es klopfe an der Tür zu Rahelas Hütte. Sie öffnete diese und vor der Tür stand eine junge Frau. Sie wirkte ein wenig verschüchtert und unsicher. Rahela sah sie an. „Ja?“ Die junge Frau faltete die Hände. „Ihr seid die neue Heilerin, nicht wahr?“ Rahela nickte. Was für eine Frage… war dies doch das Haus der Schamanen… „Willst Du hereinkommen?“ fragte sie und trat beiseite. Die junge Frau nickte und trat ein. Sie sah sich ein wenig unsicher in dem Haus um. Rahela blickte sie erwartungsvoll an und wartete darauf, dass sie zu sprechen begann. Als die junge Frau nichts sagte, wurde Rahela ein wenig ungeduldig. „Was kann ich für Dich tun?“ Die junge Frau errötete. „Es darf niemand etwas erfahren… doch ich glaube, ich bin in anderen Umständen… es ist bereits der zweite Mond verstrichen, an dem ich nicht mehr geblutet habe…“ Rahela nickte. „Und wie kann ich Dir helfen? Leidest Du an Übelkeit?“ „Nein… es ist mehr… es… es passt mir nicht… ich glaube, er wäre damit nicht einverstanden…“ „Wer?“ „…der Vater…“ Rahela verstand nicht… „Wer? Euer Vater oder der Kindesvater?“ Die junge Frau druckst herum. „…der Vater… der Vater des… des Kindes…“ Rahela begann ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte zu klopfen. Die junge Frau bemerkte dies und es steigerte ihre Nervosität. „Ich weiß nicht, ob ich Dir helfen kann… ihr jungen Leute macht es Euch immer so einfach, wisst ihr denn nicht, was passieren kann, wenn man mit jemandem das Lager teilt?“ „Doch… ich wusste es… doch was sollte ich denn dagegen tun?“ Rahela wurde unwillig. Sie legte der jungen Frau die Hand in den Rücken und schob sie sanft aber bestimmt Richtung Türe. „Du kannst heute Abend noch einmal kommen… und bring den Kindesvater mit… dann werden wir gemeinsam über alles sprechen… einstweilen werde ich darüber nachdenken, was ich für Dich tun kann…“ Mit diesen Worten hatte die junge Frau die Türschwelle übertreten und Rahela schloss die Türe. Sie seufzte auf und ging an den Kräuterschrank. Sie suchte sich eine Kräutermischung aus und warf ein kleines Häufchen, das zwischen zwei Finger passte in einen Tonbecher und ging zur Feuerstelle. Sie nahm den Kessel mit heißem Wasser, der dort simmerte und goss die Kräuter auf. Sie setzte sich an den Tisch und betrachtete das Wasser, das sich allmählich schlammgrün verfärbte, während ihr das sanfte Aroma der Kräuter in die Nase stieg und der heiße Dampf ihr Gesicht umwaberte. Thargôn krächzte und sie warf ihm einen Blick zu. „Was willst Du?“ fragte sie ihn. Er sah sie aus klugen Augen von der Seite an. Es war denkbar, was er wollte… sie stand auf und holte ein Stück Brot hervor und hielt es ihm vor dem Schnabel, weit genug, dass er es nicht erhaschen konnte, solange er auf der Stuhllehne saß. Sie streckte ihren Arm aus und hielt das Stück Brot so, dass er auf ihren Arm klettern müsste, um es zu erreichen. „Hier, hol es Dir…“ forderte sie ihn aufmunternd auf und wedelte mit dem Stück Brot. Er fixierte mit leicht schiefem Kopf das Brotstück und setzte sich dann tatsächlich in Bewegung. Rahela lächelte. Das erste Vertrauen zu gewinnen war bewältigt. Thargôn schnappte gierig nach dem Brot. Rahela erschrak und zog ihre Finger zurück. „Vorsichtig…“ ermahnte sie ihn. „Du bist noch nicht ausgewachsen, aber bald… und dann wird Dein Schnabel eine scharfe Waffe sein…“ Er hielt den Leckerbissen mit einer Kralle und mit der anderen krallte er sich fest in ihrem Arm. Es schmerzte ein wenig. Sie nahm den Raben vorsichtig, setzte ihn auf die Tischplatte und strich langsam und sanft über sein schimmerndes Gefieder, während er das Brot vertilgte. Er ließ sie gewähren und Rahela lächelte erneut. Dieser Vogel erfüllte sie mit Zufriedenheit. Sie beobachtete ihn, während sie ihren Tee trank. Sie überlegte. Sie sollte ihrem Vater einen Besuch abstatten. Sicherlich hatte er schon von ihrem Eintreffen gehört und wartete auf ihren Besuch.


Es war kurz vor der Mittagszeit. Sie stand auf, zog ihren Mantel über und verließ das Haus. Nach wenigen Gehminuten erreichte sie es. Es sah noch aus, wie an dem Tag an dem sie es verlassen hatte, vielleicht ein wenig verwitterter, aber sonst hatte sich nichts verändert. Sie klopfte an die Tür und eine Frau, die vermutlich in Rahelas Alter war, vielleicht ein wenig älter, öffnete die Tür. Sie sah sie erwartungsvoll an. Rahela war ein wenig verwirrt… „Verzeihung, … habe ich mich im Haus geirrt? Wo ist das Haus von Magnus Norrsken?“ Die Frau erwiderte „Du bist im richtigen Haus. Ich bin die Hausherrin… und Du bist…?“ Rahela schüttelte leicht und irritiert den Kopf. „Die Hausherrin..? Ich… ich bin Rahela Norrsken… die Tochter von Magnus Norrsken…“ Die Miene der Frau hellte sich auf und sie lächelte… „Rahela… wie schön Dich kennen zu lernen! Komm doch herein!“ Sie zog sie am Arm in das Haus und rief „Magnus… Deine Tochter ist da!“ Dann schloss sie die Türe und schob Rahela weiter. Sie schnupperte und roch köstlichen Eintopf und ihr Magen knurrte. Rahela sah sich in dem Haus um. Auch hier drinnen hatte sich wenig verändert. Es war ein wenig ordentlicher und sauberer als zu dem Zeitpunkt als sie fortgegangen war. Hinten am Tisch konnte sie ihren Vater sitzen sehen. „Rahela?“ fragte er in den Raum, doch er blieb sitzen. Die Frau ging zurück an die Feuerstelle und schob den Kessel vom Feuer, der an einem gusseisernen Hebel hing und rührte einmal kräftig durch. „Ja, Vater, ich bin es…“ sie schritt an den Tisch und betrachtete ihren Vater. Er war alt geworden. Das einst blonde Haar war weiß geworden, doch es war immer noch voll und war in einem sauberen gepflegten Zustand zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Haut war wettergegerbt und unter den leicht hängenden Augenlidern waren seine Augen trüb und hinter seinen ehemals blauen Iriden konnte sie im schwachen Feuerschein der Feuerstelle einen gräulichen Schimmer erkennen. Man nannte diese Erkrankung „den Wasserfall“, da die Menschen glaubten, hinter den Iriden würde Flüssigkeit herabstürzen, einem Wasserfall gleich, der gleichzeitig die Sehkraft trübte, als würde man durch einen Wasserfall blicken. Nun konnte sich Rahela erklären, wieso es in dem Raum so dunkel war und warum sie auf eine Lichtquelle bei Tisch verzichteten… es war schmerzhaft für ihn, ins Licht zu blicken. „Komm her, meine Tochter…“ er blickte ihr ins Gesicht und kniff die Augen zusammen. Er machte gar keinen Hehl daraus, dass er sie nicht erkennen konnte. „Ich wünschte, ich könnte Dich sehen, Rahela… wie lange ist es her?“ „Beinahe sieben Jahre, Vater…“ Sie war selbst überrascht, als sie diese Zahl aussprach, die Zeit war beinahe wie im Flug vergangen. „Sieben Jahre…" meinte er ungläubig. „Malta, komm einmal her…“ meinte er zu der Frau die geschäftig mit den Holzschüsseln klapperte. Sie ließ ab von ihrem Tun, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und trat zu Magnus an den Tisch. Er umfasste ihre Taille und sagte zu Rahela „Das ist Malta… meine Frau…“ Rahela hatte es sich schon gedacht, dass es keine Magd war, besonders, da sie sich als Hausherrin vorgestellt hatte. Sie nickte ihr zu. „Hast Du schon gegessen, Rahela? Möchtest Du mit uns essen?“ fragte diese sie freundlich. Rahela dachte an ihren knurrenden Magen und nickte „Das wäre nett, danke…“ Malta ging mit schnellen Schritten zurück zur Feuerstelle und füllte drei Schüsseln mit dem heißen Eintopf und brachte diese drei zum Tisch. Sie holte noch Besteck und Brot und drückte Magnus den Löffel in die Hand und schob ihm die Schüssel nahe heran. Ein wenig unbeholfen aß dieser und Rahela beobachtete ihn. Er war nun ein alter Mann… all die Jahre war sie nicht hier gewesen, hatte immer nur gelernt und hatte mehr als ihr halbes Leben hier versäumt. Er hatte sich eine neue Frau genommen… wann? Sie wollte ihn nicht fragen, doch er hatte dreizehn Jahre alleine gelebt, und für sie gesorgt, als ihre Mutter nach Rahelas Geburt gestorben war. Nun hatte er jemanden gefunden, der für ihn sorgte, es war gut. Nach dem Essen saßen sie noch lange am Tisch, sprachen über dies und jenes und die Zeit flog dahin. Als es dämmerte, sah sie aus dem Fenster. „Ich muss nun gehen, Vater, ich erwarte heute noch eine junge Frau die meine Dienste als Heilerin braucht.“ Magnus nickte. „Es ist gut, dass Du endlich wieder hier bist, Rahela“ und drückte ihre Hand. „ich komme Dich sicher oft besuchen...“ meinte sie und erhob sich dann.


Sie verzichtete für die wenigen Gehminuten darauf ihren Mantel umzuhängen und klemmte ihn sich nur unter den Arm und lief dann zurück zu ihrem Haus. Sie fröstelte leicht, als sie an ihrem Haus ankam. Zuhause angekommen schürte sie als erstes die Glut auf und legte ein Holzscheit hinein. Bald fraß sich die Glut in das weiche Kiefernholz und das Feuer entzündete sich. Sie entzündete noch einige Talglichter an einer Flamme des Feuers und verteilte diese in dem Haus um eine gleichmäßige Helligkeit zu erzielen. Sie ging zu Thargôn und begrüßte ihn, denn er war durch den Feuerschein erwacht. Sie betrachtete ihn und überlegte dass sie ihn nun bald abrichten sollte, er sollte nicht immer alleine in der Hütte sitzen, sobald sein Flügel verheilt war, und er an Rahela gewöhnt war, würde er ruhig umherfliegen können, wenn er nur wieder zurückkam. Als es Dunkel wurde, klopfte er an der Tür. Er war die junge Frau von heute Morgen. Schüchtern betrat sie das Haus. Rahela warf einen Blick vor die Türe, schloss diese dann verwundert und wandte sich an die Frau. „Wo ist er? Ich dachte, Du hast ihn mitgebracht? Wir hatten doch eine Vereinbarung! „ fuhr sie die junge Frau ein wenig unwirsch an. „Wie sollen wir denn weiteres Vorgehen besprechen, wie soll ich Dir helfen, wenn es jetzt schon scheitert?“ Die junge Frau brach in Tränen aus „Es geht nicht, ich kann ihn nicht herbringen…es…es geht einfach nicht…“ Rahela betrachtete sie ungerührt und wies zur Türe. „Ich glaube, es ist besser, wenn Du wieder gehst. Ich kann Dir nicht helfen.“ „Bitte… er weiß nichts davon und er darf nie etwas davon erfahren… bitte helft mir, die Schande ist schon so groß genug…“ „Ist er verheiratet? Hat er Dich gegen Deinen Willen genommen?“ fragte Rahela. Die junge Frau senkte den Kopf und schwieg. Rahela wurde stutzig. Also ging es doch in diese Richtung… Einlenkend legte sie ihr die Hand auf den Rücken und schob sie in den Raum, Richtung Tisch. Dann holte sie eine Flasche Hausbrand und goss ihr ein wenig in einen Becher. „Beruhige Dich erst mal und trink das…“ meinte sie ruhig. „Wie heißt Du überhaupt?“ „Teresa…“ meinte die junge Frau und nahm einen Schluck von dem Schnaps und zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Rahelas Augen ruhten auf der jungen Frau. Wie alt mochte diese sein? „Wie alt bist Du?“ „Zwölf…“ Ein wenig jünger, als sie selbst war, bevor sie sich zu Arjun gelegt hatte, aber gut, das war von junger Frau zu junger Frau verschieden… „Wie lange geht das schon zwischen Euch?“ Teresa schwieg. „Wie lange?“ fragte Rahela mit Nachdruck. Die junge Frau schwieg immer noch. „Ich werde… ich kann Dir nicht helfen, wenn Du mir nicht die Wahrheit sagst…“ erwiderte Rahela mit Nachdruck und beugte sich zu ihr herunter und zwang sie, sie anzusehen… „Drei Jahre…“ Rahela blieb der Mund offen stehen. Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. „Drei Jahre…“ wiederholte Rahela ungläubig… „Wer ist es?“ Teresa schlug die Augen nieder. „…mein Vater…“ „… und nun bist Du zur Frau erblüht und es ist passiert dass er Dich geschwängert hat?“ sagte sie leise und entsetzt. Teresa schlug die Hände vors Gesicht und begann erneut zu schluchzen. Rahela musste schlucken. Sie erhob sich, holte sich einen Becher und goss sich ebenfalls einen Schnaps ein. Sie trank einen großen Schluck und fragte „Und Du willst es nicht haben… ich meine das Kind…?“ „Ich könnte mit dieser Schande nicht leben“ flüsterte Teresa… es ist schon schlimm genug dass ich mit ihm unter einem Dach leben muss…“ „Deine Mutter ist…?“ „…gestorben… schon vor sieben Jahren…“ ergänzte Teresa. Rahela nickte. „Und was soll ich für Dich tun?“ „Macht es weg, bitte…“ Rahela nickte. „Das stell kein großes Problem dar… doch Dein Vater… er muss bestraft werden… dafür würde man ihn zu Tode prügeln lassen oder den Kopf abschlagen… weißt Du das nicht…?“ „Doch… aber wer sorgt dann für mich? Ich habe sonst keine nahestehenden Verwandten, nur einen Oheim…“ „Und hast Du einen anderen Einfall?“ forschte Rahela nach. Teresa blickte ihn an „Ihr könntet ihn mit einem Zauber belegen…!“ Rahela sah die junge Kindfrau irritiert an. „Wer sagt, dass ich so etwas kann?“ „Die Leute flüstern es hinter vorgehaltener Hand…“ „Soso.. tun sie das…“ „Ihr seid meine einzige Hoffnung. Bitte helft mir!“ Rahela überlegte kurz dann sagte sie. „Ich helfe Dir. Du musst mir nur etwas von ihm bringen, etwa eine Haarsträhne… Wenn Du damit zurückkommst, werde ich Dir etwas geben, damit Du das Kind nicht behältst…“ Teresa nickte und sprang auf, sie wirkte merkbar zuversichtlicher. Sie bedankte sich überschwänglich, bis Rahela sie aus der Tür schob. Sie nahm ihren Becher mit dem Schnaps und setzte sich an den Tisch und dachte nach. Sie wusste, was zu tun war, doch was genau es sein würde, darüber musste sie sich erst klar werden. Sie sah sich in dem Haus um. Manchmal war es ein wenig trist, alleine zu sein. Sie leerte den Becher mit dem Schnaps, spürte das heiße Gefühl, das er im Magen verursachte und stand dann auf. Sie beschloss, an den Fürstenhof zu gehen. Viele Clanmitglieder suchten abends die Gesellschaft der anderen, und vielleicht würde sie dort die Zerstreuung finden, die sie brauchte, um für das Ritual, welches sie vermutlich morgen durchführen würde, gewappnet zu sein. Manchmal brauchte man nur andere Menschen beobachten, Liedern oder Gesprächen lauschen, um einen ganz anderen Blickwinkel zu finden. Sie löschte die Talglichter, nahm sich ihren Mantel, verließ das Haus und lief in die Dunkelheit, auf zum Fürstenhof…

Es war ein stürmischer kalter Abend. Der Wind, der beinahe orkanartig durch den Clan fegte, brachte viel Schnee und Verwehungen. Heute brauchte man nichtmehr daran denken, noch vor die Türe zu treten. Rahela hatte einen Trank für Teresa vorbereitet. Er enthielt neben Schnaps hauptsächlich Mutterkorn. Der Alkohol würde dafür sorgen, dass die Substanz schnell ins Blut ging und rasch ihre Wirkung entfaltete. Rahela hatte davor lange zu den Göttern gebetet. Die Wirkung von Mutterkorn war immer schwer abzuwägen, da der Giftgehalt in den Körnern mitunter stark schwankte. Weder ein Zuviel noch ein Zuwenig war ratsam. Doch Rahela vertraute letztendlich in die Götter und ihre Fähigkeiten. Sie schob ihr die Mixtur zu und Teresa kippte sie ohne großartig nachzudenken mit einer beherzten Geste hinunter. Rahela fragte sich, was sie ihrem Vater wohl erzählt haben mochte, warum sie heute nicht nach Hause kommen würde, doch sie wollte Teresa nun nicht beunruhigen. Die Wirkung des Trankes würde nicht lange auf sich warten lassen und sie würde all ihre Kraft und Energie dafür aufwenden müssen. Die beiden Frauen schwiegen und lauschten dem Sturm der draußen tobte. Er rüttelte an dem verriegelten Fenster und pfiff und heulte durch kleinste Ritzen des Hauses. Es stimmte, dass die Häuser im Norden üblicherweise keine Fenster hatten, sondern die einzige Lichtquelle die Abzugsöffnung über der Feuerstelle oben im Dach die einzige Öffnung war. Doch schon Morach hatte sie gehasst, diese allgegenwärtige Dunkelheit, und so gab es dieses eine Fenster, aus dem man blicken konnte, durch Glas, echtes Glas, vermutlich eine Gabe der Nordelfen, die eine ganz andere Kultur und Bildung und Fertigkeiten besaßen als die wilden Menschen. Rahela war nicht minder stolz darauf. Würde es jemand je wagen, dieses Fenster, egal ob mutwillig oder nicht, zu zerstören, sie würde ihn umbringen … sie würde ihn wirklich und wahrhaftig töten… Ihre Augen ruhten auf der jungen Frau, während sie einen Schluck Brandwein trank und ihre Blicke glitten zu der blonden Haarsträhne, die auf dem Tisch auf einem kleinen Tüchlein lag. Rahela hatte auf ihrem Bett eine Ziegenhaut ausgebreitet, und auf dieser lagen einige Tücher. Sie seufzte. Ihr Vorrat an solchen Dingen war nicht unerschöpflich, doch irgendwo musste die junge Frau liegen und sie hatte keine Lust, ihr Bett besudelt zu sehen von ihrem Blut. Sie musterte Teresa weiterhin. Solange die Wirkung nicht einsetzte, hatte es keinen Sinn, mit dem Ritual zu beginnen. Nach kurzer Zeit fing Teresa an, nervös auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Eine Unruhe breitete sich in ihr aus und ihre Pupillen weiteten sich. „ Steh auf und leg Dich auf das Bett. Doch schiebe Deine Röcke hoch…“ wies Rahela sie an. Die junge Frau tat wie ihr geheißen. Nach einiger Zeit begann sie zu keuchen und zu stöhnen. Sie riss ihre Augen weit auf und starrte an die Decke. Alles in ihrem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Eine furchtbare Angst, wahnsinnig zu werden, packte sie und sie fühlte sich als wäre sie in eine andere Welt geraten. Als sie einen hilfesuchenden Blick zu Rahela warf, schrie Teresa auf, denn in ihrer durch das Mutterkorn veränderten Wahrnehmung kam sie ihr vor wie eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze, und die Einrichtung in dem Haus nahm groteske, bedrohliche Formen an. Thargôn war durch ihr hysterisches Geschrei aufgewacht und flatterte nervös auf der Stelle. Zwischen ihren Beinen begann klumpiges Blut aus ihr zu laufen. Rahela beobachtete sie. Sie konnte nicht viel für sie tun. Sie kannte diese Zustände selbst zur Genüge. Es konnte noch Stunden andauern… Sie entschied, ihr ein Schlafmittel zu geben. Es war nicht einfach, ihr das Mittel einzuflößen, denn als sie näher kam, begann Teresa wieder zu schreien. Rahela blickte manchmal sorgenvoll zur Türe. Sie war froh, dass dieser Sturm tobte, so war niemand mehr draußen unterwegs und auch der Sturm würde ihre Schreie verschlucken. Sie war erleichtert, als Teresa eingeschlafen war. Sie hätte dieses Geschrei nicht länger ertragen und wäre ansonsten vor die Türe gegangen, und darauf hatte sie wirklich keine Lust. Sie dachte angestrengt darüber nach, was sie tun sollte, um Teresas Vater von ihr fernzuhalten. Wenn es nach Rahela ginge, wüsste sie, was zu tun wäre. Solch eine abscheuliche Kreatur hatte ihr Leben in ihren Augen schon längst verwirkt. Doch was sollte man machen, solange Teresa keinen Mann hatte, war sie auf ihren Vater angewiesen, da hatte sie leider Recht… Rahela grübelte, dann hatte sie einen Einfall… Keuschwurz wurde auf Alvarania schon seit Jahrhunderten eingesetzt, um Priester erektil dysfunktionell zu machen… ihr Trieb wurde zwar nicht ausgeschalten, doch zumindest körperlich war dann nichts mehr zu machen. Rahela erschien dies sicherer als die regelmäßige heimliche Gabe von Kräutern wie Mönchspfeffer, es gab so viele Möglichkeiten dass die Einnahme nicht regelmäßig stattfand oder unterbrochen wurde, wie etwa durch ein banales Virus… Sie durchsuchte die Kräuter und fand ein Stück getrockneten Keuschwurz. Sie schnitt dieses in kleine Stücke, und legte diese in Rotwein ein. Zusammen mit etwas Zimtrinde und Honig ergab dies einen verheerenden Hyprocras. Sie musste beinahe schmunzeln über ihre raffinierte Vorgehensweise. Er musste nur ein paar Stunden durchziehen, solange würde Teresa schlafen, und wenn sie ihm den Gewürzwein zu trinken gab, würde sich das Problem in Wohlgefallen auflösen. Sie lächelte zufrieden, als sie die Talglichter löschte, und sich neben die Feuerstelle mit einer Decke zum schlafen zusammenrollte.


Am nächsten Morgen erwachte Teresa. Sie blinzelte unsicher zu Rahela und wusste scheinbar nicht, was sie tun sollte. Rahela trat an ihr Bett. „Es ist überstanden…“ meinte sie zuversichtlich. Sie zog die blutigen Leintücher unter ihr weg und hieß sie, sich zu waschen. „Du hast schlecht geträumt in der Nacht, nicht wahr? Du hast wild um Dich geschlagen und geschrien…“ „Es war alles nur ein Traum?“ fragte Teresa. Rahela nickte. Es war nicht notwendig, dass sie um die Wahrheit wusste, dass alle Halluzinationen im Wachzustand erfolgten. „Doch das Elixier hat gute Wirkung getan, Du bist nun ganz bestimmt nicht mehr schwanger…“ Teresa nickte dankbar und erleichtert. „Bei den Göttern, der Traum war heftig… ich sah die verworrensten Bilder, ich dachte, ihr seid eine Hexe und eine Tür ins Reich der Dämonen hätte sich geöffnet…“ Rahela gab ihr das Fläschchen mit dem Hypocras. „Gib das Deinem Vater erwärmt zu trinken, es schmeckt wie Gewürzwein, dann wird er Dich nicht mehr besteigen…“ versprach sie ihr. Die junge Frau nahm die Flasche an sich. „Was verlangt ihr für Eure Dienste?“ Rahela überlegte kurz… „Es wird sich zur rechten Zeit schon etwas ergeben… aber nun derweil mach Dir keine Sorgen darüber…“ Bevor Teresa das Haus verließ, hielt Rahela sie kurz zurück. „Was wirst Du Deinem Vater sagen, wenn er Dich fragt, warum Du heute Nacht nicht nachhause gekommen bist?“ Die junge Frau überlegte kurz „Ich wurde vom Schneesturm überrascht als ich mir bei der Heilerin etwas gegen Kopfschmerzen holen wollte und musste dann bei Euch bleiben?“ Rahela nickte „Das kannst Du sagen…“ Teresa knickste dankend, und lief dann aus dem Haus.


Sie blickte ihr von der Türschwelle aus nach als sie durch den Schnee stapfte. In der Nacht hatte es ziemlich heftig geschneit, der Neuschnee der gefallen war, war bestimmt ein Fuß hoch. Sie fröstelte und ging dann zurück in ihre Hütte. Sie setzte Wasser im Kessel an und kochte sich Kräutertee. Sie hatte keine Lust, einen Getreidebrei zu kochen, und nahm daher mit ein paar Trockenfrüchten vorlieb. Des Morgens aß sie am liebsten süß, für Fleisch, Käse oder dergleichen hatte sie nichts übrig in aller Frühe… Sie raffte die blutigen Leintücher zusammen und warf sie in die Feuerstelle. Rasch und hell lodernd verbrannten die Leinenfasern, wie Papier, und zurück blieb nichts außer hellgrauer Asche. Rahela sah sich in dem Haus um während sie den Kräutertee trank. Es hatte sich ziemlich viel Staub angesammelt, in den Ecken, und eigentlich überall… Sie hatte eigentlich keine Lust, den Besen zu schwingen, doch Sauberkeit war wichtig in ihrem Beruf, sonst würde sich bald das Ungeziefer zwischen den Kräutern einnisten, und wer wusste, wo sonst noch…
Doch zunächst beließ sie es vorerst dabei, das Haus in Gedanken auszufegen. Sie wollte sich nun einmal Thargôn widmen. Solange er nicht wieder fliegen konnte, bot es sich geradezu an, ihn auf ihrem Arm oder auf der Schultern sitzend auf ihren Streifzügen durch den Clan mitzunehmen. Sie hob das Tier hoch und setzte es auf ihren Arm. Dann holte eine Walnuss aus ihren Vorräten hervor und hielt sie ihm hin. Begierig schnappte Thargôn es mit seinem Schnabel und begann darauf herum zu picken, während sie das Haus verließ.

Am Hauptplatz traf sie Runjar, den Dorfältesten. „Guten Morgen, Rahela!“ rief er ihr zu „So früh schon auf den Beinen?“ Er kam näher und betrachtete den Raben auf ihrem Arm. „Ein prächtiges Tier! Was willst Du damit anstellen?“ Sie zuckte die Schultern und betrachtete ihn. „Es hat sich angeboten, ihn mitzunehmen, mit einem gebrochenen Flügel hätte er im Wald nicht überlebt, ich hatte Mitleid mit ihm… und Du sagst ja selbst, es sind prächtige Tiere… und unglaublich klug… ich könnte ihm einige Wörter beibringen, oder ihn darauf abrichten jemandem Nachrichten zu bringen… aber einstweilen ist er nur zu meiner Gesellschaft bei mir.“ Runjar nickte. „Was hast Du nun vor?“ „Ich laufe mehr ziellos herum“ gestand sie. „Na dann komm mit, ich führ‘ Dich ein wenig herum, die Schamanin muss wissen, was in ihrem Clan vor sich geht…“ „Hier…“ deutete er auf einige Menschen, während sie durch das Dorf liefen „… alles Leibeigene… wir haben beinahe mehr unfreie Menschen hier, als unsereins…“ „Oh, einen Leibeigenen könnte ich ab und an auch gebrauchen… er könnte mir diese leidliche Arbeit des Saubermachens ersparen. Erst gestern habe ich einige blutige Leinentücher verbrannt, weil es mir zu widerwärtig war, diese zu säubern…“ „Wenn Du einen brauchst, ich kann bei Rorin anfragen… er hat so viele, er weiß gar nicht, was er mit ihnen anstellen soll...“ „Das geht?“ fragte Rahela ihn ungläubig. „Oh ja!“ meinte Runjar überzeugt und meinte weiter „Wenn Du ihm Deine Dienste dafür anbietest, könnte ich mir vorstellen, dass er sofort einwilligt, der alte fette Sack kommt kaum mehr aus dem Haus, so schmerzgeplagt ist er…“ „Was fehlt ihm?“ erkundigte sich Rahela „Ich habe keine Ahnung, ich bin hier nicht der Heiler…“ zwinkerte er. „Komm, lass ihn uns gleich aufsuchen…“ stieß er sie an. Thargôn erschrak und krächzte empört und flatterte mit den Flügeln aufgeregt auf und ab. Rahela hatte ohnedies nichts Besseres zu tun und je schneller sich ihr Ruf als Heilerin und Schamanin in dem Clan verbreitete, umso besser.


Rorins Haus war prächtig. Einst war er ein angesehener Krieger, doch seine besten Zeiten hatte er hinter sich und nun verbrachte er sein Leben hauptsächlich nur mehr mit saufen und fressen, anders konnte man es nicht bezeichnen. Als sie sein Haus betraten, schwall ihnen warme, abgestandene Luft entgegen. Es roch übel nach Schweiß und Exkrementen. Sie runzelte die Augenbrauen als sie ihn sah, er war ein hünenhafter aber fetter Mann, mit einem gewaltigen Doppelkinn, dickem Gesicht und Schweinsäuglein, ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er wirkte fiebrig und von Schmerzen verkrampft und gezeichnet. Er lag in seinem Bett, neben dem Bett auf einem Tischchen lag eine große Fleischkeule in fettiger Soße und daneben stand ein großer Humpen Starkbier. „Guten Morgen, Rorin, ich bringe Dir die neue Schamanin, Rahela… sie ist nun nach unglaublichen sieben Jahren wieder zu uns zurückgekehrt!“ Rorin betrachtete sie skeptisch und nickte zum Gruß. Sie trat näher an sein Bett heran und sie musste sich zusammennehmen, um sich nicht gleich auf seinem Bett zu übergeben. Sie betrachtete seine dicken Wurstfinger und die geschwollenen geröteten Fingergelenke und wusste eigentlich schon, was los war. „Schmerzen!“ greinte der Fettsack „Den ganzen Tag nur Schmerzen, und das schon seit über einer Woche! Mir bleibt kaum eine Wahl, als mich besinnungslos zu saufen, um den Schmerz zumindest kurzweilig zu vergessen! Sogar die Bettdecke ist mir zu schwer, sie verursacht mir Schmerzen auf den Beinen!“ Rahela schlug die Decke zurück und prallte entsetzt zurück. Rorin, der nackt im Bett lag, weil er so stark schwitzte, lag in einem Haufen Exkrementen, es stank säuerlich, und sämtliche Gelenke waren stark geschwollen und gerötet. Ein fiebriger Schweiß bedeckte seinen Körper. „Er hat die Gicht!“ meinte Rahela und warf einen Blick auf seine Fleischkeule und den Humpen Starkbier. „Kein Fleisch mehr! Nur noch Wasser, und das ab sofort! Er darf die nächsten Tage nichts zu sich nehmen außer viel Wasser… Was ist mit seinen Leibeigenen, wieso liegt er in seinen Exkrementen, wieso hat ihm niemand auf den Abort geholfen?“ „Ich habe sie verjagt, ich wollte sie nicht sehen, ich wollte niemanden bei mir haben… es ekelt mich vor mir selbst!“ jammerte dieser. Rahela sah ihn ungerührt an. Dann rief sie einen der Leibeigenen zu sich. „Bring eine Schüssel heißes Wasser, viele Lappen und einen Stuhl!“ Der Unfreie lief und brachte schnell die gewünschten Dinge. „Nun hilf mir, ihn hinüber auf den Stuhl zu setzen!“ Sie raffte sie verschmutzten Laken zusammen und warf sie auf den Boden. „Sag den Waschweibern, sie sollen sich sofort nützlich machen! Lüftet die Lammfelle, alle!“ Lammfell hatte den entscheidenden Vorteil, dass es sich selbst reinigte, sofern es nicht zu stark verschmutzt war. Zwischen den Lammfellen und den Laken lagen noch einige gegerbte Ziegenhäute, Diese waren so stark verschmutzt mit Urin und Fäkalien, dass Rahela fand, man konnte sie nur noch verbrennen. Doch die Lammfelle darunter waren zwar muffig doch Großteils sauber. Man musste sie nur einige Stunden in die Sonne legen und danach waren sie wieder brauchbar. Mit viel Kraftanstrengend hievten sie den Fettsack vom Bett auf den Stuhl und während die Leibeigenen emsig umherliefen und das Bett frisch machten, tränkte Rahela die Lappen im Wasser, und wusch ihn vorsichtig ab. Danach kleidete man ihn in ein sauberes Nachthemd und legte ihn in das frische Bett zurück. „Ich muss Medizin für Dich holen. Ich warne DIch, kein Fleisch mehr, kein Bier, kein Met, keinen Schnaps, nur noch klares Wasser! Für die nächsten Tage wird das das einzige sein, das Du zu Dir nehmen darfst!“ schärfte sie ihm ein und er nickte matt. Rahela lief zu ihrem Haus und holte eine Essenz von Herbstzeitlosen. Dazu nahm sie noch ein Schlafmittel mit und lief dann zurück zu Rorins Haus. Sie träufelte einige Tropfen in einen Becher, dazu einige Tropfen eines starken Opiats und hieß ihm, es auszutrinken. Sie war überrascht, dass plötzlich Rorins Frau hier war. „Er wird nun ein wenig schlafen…“ meinte Rahela zu ihr. „Ich habe ihm ein starkes Schmerzmittel gegeben, sowie eine Essenz gegen die schlimmsten Entzündungen… Es wird ihm helfen, doch nur, wenn er nicht mehr so maßlos lebt. Ihr habt mich gehört… nur Wasser! Das alleine wird seinen Zustand erheblich verbessern! In einigen Tagen werde ich erneut kommen, dann werden wir weitersehen!“ Sie wusch sich noch die Hände mit einem sauberen Lappen. Die Frau nickte dankbar und warf einen Blick auf ihren bereits schlafenden Mann. Dann verließ Rahela zusammen mit Runjar das Haus. „Es ekelt mich so sehr!“ flüsterte sie und strich sich ihr Haar zurück. „Na komm, wir gehen an den Fürstenhof, etwas trinken…“ Sie wehrte ab. „Es tut mir leid, Runjar, ein anderes Mal vielleicht… ich muss nachhause, ich muss mich waschen… ich muss diesen Gestank loswerden…“ Runjar nickte und grinste und ließ sie von dannen ziehen…
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Fr, 12. Okt 2012 14:15

Bildm nächsten Morgen, als Adraéyu mit einem brennenden Stich im Schädel erwachte, schwirrten schon einige Fliegen um den Leichnam Fenris'. Es war dunkel in dem Haus, und Adraéyu sah nur sehr wenig. Er hatte leichte Kopfschmerzen und sein linkes Auge juckte. Geistesabwesend wollte er sich das Augenlid etwas reiben, um den Juckreiz zu bändigen. Erschrocken fuhr er zurück, als er nicht, wie sonst, ins Leere fuhr. Schlagartig wurde ihm die letzte Nacht bewusst. Das Ritual! War es geglückt? Er konnte nichts sehen, und so tastete er sich langsam zur Tür. Er schloss die Augen, damit ihn das Licht nicht blenden würde und öffnete die Tür. Als die Sonne sein Gesicht beschien öffnete er langsam die Augen und war überwältigt. Er konnte wieder normal sehen! Mit beiden Augen! Und das Auge brannte oder schmerzte nicht. In seinem frohlockenden Eifer vergaß er zwei wichtige Dinge: Er war mit Blut besudelt, und in dem Haus hinter ihm lag ein toter Erilar, Fenris der Runenmeister. Er hatte seine Seele an das Auge und Adraéyu gebunden, damit dieser das Auge für immer nutzen konnte.

Als er an Fenris dachte, wurde ihm kurz ein wenig schwer ums Herz, und mit einem Mal überkam ihn ein starker Brechreiz. Er rannte hinter das Haus, damit ihn keiner sehen konnte, und übergab sich in die Wiese. Die Erfahrungen, und das neu gewonnene Augenlicht, und auch der schwere, rituelle Wein, welcher ihm noch vom Abend im Magen gelegen hatte. All dies ergoss sich in einem Schwall auf die karge, braune Wiese. Der Herbst kämpfte bereits gegen den Winter, und es hatte vereinzelt sogar schon Schneeflocken gegeben. Das Grün des Sommers war beinahe gänzlich den verschiedenen braunen, gelben, goldenen und roten Tönen des Herbstes gewichen und weit im Norden rückte der Winter unaufhaltsam näher.

Müde tastete Adraéyu sich an der Häuserwand entlang, zurück zur Tür. Er erntete einige spöttische Blicke, die sich immer mehr ins Misstrauische wandelten, je länger man ihn beobachtete. Sein Geist war noch nicht völlig erwacht, aber als er an sich herunter sah, und das Blut auf seiner Leinentunika entdeckte, da durchfuhr ihn ein Schreck, wie schon lange nicht mehr. ›Scheiße! Scheiße!!‹, fluchte Adraéyu innerlich. Eilig ging er wieder in das Haus des Runenmeisters und verschloss die Tür hinter sich. »Scheiße!«, zischte er, als er sich von innen an die Türe lehnte. ›Hättest du nicht daran denken können Fenris? Was sollen die Menschen von mir denken? Wer würde schon glauben, dass Fenris sich rituell selbst getötet hatte?‹ Die Gedanken kreisten wild in Adraéyus geschundenem Kopf umher. Was sollte er machen? Wenn er Fenris Leichnam verschwinden lassen würde, dann würden die Leute früher oder später Fragen stellen. Und man hatte ihn blutverschmiert vor der Tür gesehen! Und wie sollte er den Leichnam schon verschwinden lassen? Verbrennen? Dafür war die Feuerstelle zu klein. Und der Rauch würde fürchterlich qualmen und stinken! Und da das Haus keine Fenster hatte, konnte er die Leiche nur durch die Tür nach draußen bringen. Doch es war helllichter Tag! Und jeder würde ihn sehen! Das ging auf gar keinen Fall. Panisch zog er Fenris in die Ecke des Raumes und schob seine Leiche unter das Bett. Dann suchte er verzweifelt nach der Zunderbüchse in seinen Taschen. Er hatte sie doch vor dem Ritual in seine Tasche wandern lassen? »Wo ist das verfluchte Ding?«, fluchte Adraéyu und kroch auf allen Vieren auf dem Boden herum. Er konnte kaum etwas sehen, und tastete sich umher. Die Zunderbüchse musste aus seiner Tasche gerutscht sein, als er nach dem Ritual gestürzt war. Und nach einiger Zeit fand er sie tatsächlich. Sie lag in der Blutlache, welche aus Fenris Armen gelaufen war. Das Blut klebte an der metallischen Schachtel und Adraéyu verzog angewidert den Mund. Adraéyu hoffte, dass Fenris genug Wasser im Haus hatte, um das ganze Blut weg waschen zu können. Zitternd öffnete er die Büchse und zog zwei Zunderpilze hervor. Diese warf er in die Feuerstelle, zerrte einen größeren Reisigzweig aus dem geflochtenen Korb und zerdrückte ihn halbherzig. Dann warf er einige Holzscheite über den Reisighaufen und nahm die beiden Steine aus der Schachtel. Der Zunderstein – ein flacher Pyrit, und den Feuerstein. Seine Hände zitterten, als er die Steine immer wieder gegeneinander schlug. Einige Male schlug er sich auf den Daumen und fluchte laut, als der Schmerz ihm in die Glieder fuhr. Doch endlich flogen einige Funken auf den Reisig und die Zunderpilze fingen augenblicklich Feuer. Das Feuer knisterte und der Reisig stand augenblicklich lichterloh in Flammen. Achtlos ließ Adraéyu die Zundersteine fallen und zog sich das blutverschmierte Leinengewand aus. »Wäre es nicht ohne Blut auch gegangen, Fenris?», murrte Adraéyu, doch Fenris konnte ihm nicht antworten. Er war doch tot.

Er warf das Leinengewand einfach in das Feuer dazu. Fenris hatte keinen Seifenkrautsud, und das Wasser war überhaupt sehr wenig. Nein, er nahm sich einfach eines von Fenris' Gewändern. Er wusch sich das Blut aus dem Gesicht, und richtete sich notdürftig die Haare. Dann schüttete er den Rest des Wassers auf den Boden. Sofort ärgerte er sich, dass er sein Gewand in das Feuer geworfen hatte. Womit sollte er den Boden schrubben? Doch dann fiel sein Blick auf den Wassertrog, und dort lag eine hölzerne Scheuerbürste. Sein Herz machte einen kleinen Sprung und er nahm die Bürste zur Hand. Wie ein wilder Gestörter schrubbte Adraéyu den Boden, bis ihm der Schweiß auf der Stirn stand. Seine Hände waren schon aufgeweicht von dem ganzen roten Wasser, welches da auf dem Boden schwamm. Dann nahm er sich noch ein weiteres Gewand aus dem Schrank von Fenris, und wischte damit die restliche Sauerei auf. Dieses versaute Gewand, warf er schließlich auch in das Feuer, was er sofort bereute. Es begann, wegen dem vielen Wasser, unglaublich zu qualmen. Er zog es wieder aus dem Feuer und verbrannte sich dabei die Finger, so dass er das rauchende Gewand auf den Boden fallen ließ. Hastig trat er das Glutnest aus, welches in dem Leinen schwelte. Doch konnte er einen großen Brandfleck auf den hölzernen Dielen nicht verhindern.

»Verflucht noch eins! Warum haben wir nicht einfach im Wald dieses beschissene Ritual durchgeführt?« Adraéyu war völlig fertig. Adraéyu stopfte das blutverschmierte Gewand zu Fenris unter das Bett und zog sich dann ein brennendes Holzscheit aus der Glut der Feuerstelle. Damit ging er zu der Stelle, an welcher Fenris gestorben war, um zu sehen, ob man noch Blut oder andere Spuren sah. Zufrieden stellte er fest, dass der Boden wie neu aussah. Und so warf er das brennende Scheit wieder in das knisternde Feuer. Als es auf die Glut traf, stoben kurz viele kleine Feuerfunken von der Glut auf und verloren sich langsam in der Luft. Einige stiegen beinahe bis zur hölzernen Decke auf, doch verglühten auch diese am Ende. Als dies endlich alles vollbracht war, strich sich Adraéyu das Gewand glatt und überlegte fieberhaft was er nun machen sollte. Fliehen? Alle seine Sachen zusammenpacken und den wilden Landen auf immer den Rücken kehren! Das würde die einzige Lösung sein!

Hastig eilte er von einer Ecke des Hauses in die andere, und sammelte nach und nach alle seine Habseligkeiten zusammen. Hier lag der Mantel, dort der Umhang. Sein Bogen, mit dem einfallslosen Namen »Zweifinger«, lehnte bereits nahe der Tür. Seinen Lautenkasten stellte er neben dem Bogen ab und ebenso seine Taschen und Rollen. Bis er endlich alles zusammengetragen hatte.

Als er endlich fertig war, war es bereits Mittag geworden. Er schulterte sein Hab und Gut und langsam öffnete er die Tür und spähte hinaus. Er lugte nach links und dann nach rechts, doch war niemand zu sehen. Sie waren wohl alle beim Mittagsmahl. Doch als er sich schließlich aus der Tür heraus geschoben hatte, lief gerade Finna über den Platz. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment, und kurz schien die Zeit wie verlangsamt zu vergehen. Zuerst sah sie ihn mit einem ausdruckslosen Gesicht an, doch dann wandelte sich ihr Gesicht zu einer abschätzenden Mine und sie spukte auf den Boden. »Die hat mir gerade noch gefehlt.«, murrte Adraéyu. Und nun, wo sie ihn gesehen hatte, konnte er nicht einfach verschwinden. Sie würde dem Clan erzählen, was sie gesehen hatte und wohin er gegangen war. Er würde keinen halben Tagesmarsch weit kommen und sie hätten ihn eingeholt. Nicht einmal, wenn es ihm gelingen würde ein Pferd zu stehlen. Als er weiterhin vor der Tür verharrte und sie nur anstarrte, wandelte sich ihre Verachtung in Misstrauen. Und so trat er einen Schritt zurück in Fenris' Haus, warf sein Hab und Gut neben die Tür und wollte wieder vor die Türe treten. Doch da kam sie schon auf ihn zu gelaufen. Sein Herz schlug schneller und sein Kopf arbeitete fieberhaft an einer Lösung, welche ihn aus dieser Zwickmühle retten könnte. Bis ihm ein beinahe wahnwitziger Einfall kam.

Mit forschen Schritten kam Finna auf ihn zu gestürmt. »Du! Du …«, ihr fehlten die richtigen Worte. Und so holte sie kräftig aus, und ehe Adraéyu es sich versah, gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. »Mein Vater hat mich grün und blau geschlagen, nachdem der Erilar bei ihm gewesen war!« Sie wollte Adraéyu noch eine verpassen, doch dieses Mal war er schneller und umschloss eisern ihr Handgelenk. Sie zerrte, doch war er ein wenig stärker als sie und so nahm sie die andere Hand um ihm eine Kopfnuss zu geben. Doch auch diese Hand umfasste Adraéyu gekonnt. Er grinste sie diebisch an, doch sie war keineswegs auf den Kopf gefallen. Sie trat ihm kurzerhand gegen das Schienbein. »Er hat die Verlobung mit Vebjorn gelöst, als er erfahren hatte, dass ich bereits ein Kind unter meinem Herzen trage!« Sie rang mit den Tränen und nur die geschürte Wut hielt sie davon ab, sich diesen zu ergeben. Adraéyu hätte nicht gedacht, dass Fenris die Probleme auf diese Weise gelöst hätte. »Und was noch viel schlimmer ist! Er hat mich stattdessen an einen grobschlächtigen Kerl aus dem Geldren-Clan verschachert.« Nachdem Adraéyu darauf nicht antwortete rollte sie mit den Augen. »Er ist fast doppelt so alt wie ich! Ich wäre nur eine seiner Nebenfrauen! Ich bin das Gespött meiner Sippe und mein Vater hat mich so weit wie möglich weggeschickt! Alles nur deine Schuld, du Bastard!« Sie wollte erneut nach seinem Schienbein treten, da umschloss er sie kurzerhand mit beiden Armen und drückte sie ganz nah an sich heran, damit sie keinerlei Bewegungsfreiheit mehr genoss. »Lass mich los!«, fauchte sie und wand sich unter seinem Griff. Doch als dies nichts half, schlug sie mit ihrem Kopf nach seiner Nase, so dass Adraéyu seinen Kopf zur Seite neigen musste. Das konnte so nicht weitergehen, entschied Adraéyu. Er ließ sie mit einem Arm los, griff schnell hinter sich und öffnete die Tür. Dann zog er sie mit sich in das Haus und verriegelte die Tür. »Was hast du vor? Lass mich gehen! Ich werde schreien!«, drohte sie ihm. Doch Adraéyu hob beschwichtigend die Hände. »So höre mich doch erst einmal an.« Sie hielt inne, nur um ihn misstrauisch zu beäugen. »Ich könnte dir helfen.« »Wie?«, hakte sie augenblicklich nach. Ihrem Blick nach zu urteilen, war sie mehr als nur skeptisch. »Ich könnte bei Benwick ein gutes Wort für dich einlegen, dass er dich als Schamanin benennt.« »Ha! Du überschätzt dich. Der Ruka schert sich nicht um der Worte eines Skalden. Ihr Skalden dient doch nur zur Unterhaltung!« »Die Skalden sind hoch geehrte Gäste in den Hallen der wilden Lande.«, murrte Adraéyu gekränkt. »Und wenn schon. Benwick hört auf den Erilar, nicht auf dich. Du kannst mir gar nichts versprechen!« Adraéyu dachte angestrengt nach. Wie konnte er sie nur dazu bewegen ihm zu helfen?

Es half nichts, er musste in das kalte Wasser springen und sie einweihen. Wenn sie ihm nicht glauben würde, dann würde er sie töten müssen, damit sein Vorsprung gewahrt bleiben würde. »Fenris … der Erilar, ist tot.« Sie sah Adraéyu mit ungläubigen Augen an. Dann bemerkte sie aber anscheinend, dass Adraéyu alle seine Sachen in der Ecke – neben der Tür – aufgehäuft hatte und zählte eins und eins zusammen. Sie trat instinktiv einen Schritt vor ihm zurück. »Aber … aber ihr wart Freunde … wie konntest du …« In diesem Moment erkannte Adraéyu dass sie Angst vor ihm hatte. Sie hatte die Gabe am eigenen Leib erfahren, zu welcher er fähig war. Adraéyu hob beschwichtigend die Hände. »Nein! Nein, ich habe ihn nicht umgebracht. Sieh her!« Er strich sich seine Haare aus dem Gesicht und hielt sie hinter seinem Kopf zusammen. »Sieh her, er hat mir ein neues Auge geschenkt!« Das rote Auge glühte in dem Zwielicht des kleinen Hauses. Finna erschrak für einen Moment, doch wurde sie auch ein wenig neugierig. »Er gab sein Leben bei diesem Ritual.« Finna sah ihn misstrauisch an. Scheinbar verstand sie nicht, was er von ihr eigentlich wollte. »Und was hab ich damit zu schaffen? Lass mich gehen!« »Ich sage das nur ungern, aber ich brauche deine Hilfe.« Sie lachte plötzlich gehässig und schrill. »Meine Hilfe? Das ich nicht lache.« »Alle werden glauben, dass ich Fenris umgebracht habe. Niemand wusste von dem Ritual!« »Ah, daher weht der Wind.« Finna grinste unverhohlen. »Du willst doch Schamanin werden, oder? In diesem Clan bleiben und deinen Ruf wiederherstellen.« Adraéyu biss sich auf die Lippen. Diese Wortwahl war dumm. Sie verzog zornig die Lippen. »Du bist Schuld, dass meine Sippe mich verstoßen wird!«, sie ballte die Fäuste und blickte ihn zornig an. »Wenn du mir hilfst, dann werde ich mit Benwick reden, ich verspreche es!« Man sah, dass sie ernsthaft darüber nachdachte. »Und was erwartest du von mir?« »Du musst ihm nur sagen, dass du dabei gewesen bist. Fenris war schwach und schmerzgeplagt. Er brauchte Hilfe beim Ritual. Kerzen entzünden, Kräuter im Mörser zerstoßen, Feuerholz in die Feuerstelle legen…« »Eine Gehilfin des Runenmeisters also?« Finna schüttelte den Kopf. »Das wird nicht funktionieren. Benwick ist gerissen! Er wird es merken, und dann rollt mein Kopf! Lieber bin ich verbannt als tot!« Sie wandte sich zu gehen, doch Adraéyu schnappte sie und zog sie wieder eng an sich heran. Sie war bewegungsunfähig. Und dieses Mal hielt er ihre langen Zöpfe fest, so dass sie ihn nicht mit der Stirn schlagen konnte.

»Lass mich sofort los!« In ihrer Stimme gärte der Zorn. Doch Adraéyu dachte nicht daran, sie frei zu lassen. Sie war noch imstande ihre Ehre mit seinem Leben zu erkaufen. Er verharrte kurz, doch dann drückte er ihr einen langen und bestimmenden Kuss auf. Sie wehrte sich, versuchte sich seinen Lippen zu entziehen, doch er hatte sie fest im Griff. Er streichelte ihre Lippen mit seiner Zunge, und versuchte sie zu teilen, um mit seiner Zunge die ihre zu liebkosen. Und nach anfänglicher Gegenwehr spürte er wie sie sich fallen ließ und den Kuss entgegen nahm. Sie küssten sich, nur ganz kurz, bevor sie auseinander gingen. »Du glaubst doch nicht, dass ein Kuss reicht, um dir mein Wort zu erkaufen?« Adraéyu senkte die Augen. Sie war hoffnungslos. Er trat einen Schritt beiseite um sie gehen zu lassen, und legte schon seine Hand auf den Griff des Dolches, um ihr im Vorbeigehen die Kehle aufzuschlitzen. Doch sie tat nichts dergleichen.

[18]Sie trat an ihn heran, und packte bestimmend aber nicht zu fest sein Gemächt. Adraéyu keuchte erschrocken auf, denn damit hatte er wirklich nicht gerechnet. Sie zog ihn an seinem Schwanz in Richtung des Bettes. Und im Gehen schnürte sie die Hose auf und griff hinein. Wild zerrte sie daran, wie an einem Seil und zog es aus der Hose heraus. Das Adrenalin schoss Adraéyu in die Adern und sein pulsierendes Blut ließ seine Männlichkeit hart werden. Als sein Schwanz in ihrer Hand wuchs, grinste sie ihn lüstern an und als sie das Bett erreicht hatten, warf sie ihn auf die weichen, zotteligen Bärenfelle, riss ihm die Hose vollends von den Beinen und öffnete die Schnürung ihres Kleides. Dann zog sie sich das Kleid geschickt über den Kopf und stand kurz darauf völlig nackt vor ihm. Sie war eine bildschöne Frau. Ihre goldenen Haare, welche sie zu zwei dicken Zöpfen geflochten hatte, lagen über ihrem üppigen Busen und verdeckten gerade so ihre Brustwarzen. Ihr Bauch zeigte bereits eine leichte Wölbung, welche verriet, dass ein Kind in ihrem Bauch heranwuchs. Auf eine gewisse Weise, fand Adraéyu diesen Umstand sehr erregend. Er spürte wie ihm das Blut ins Gemächt schoss und er verzehrte sich schon unglaublich nach ihr. Ihre Scham war beinahe so blond wie ihre Zöpfe und sie fackelte nicht lange. Sie setzte sich auf ihn, schnappte Adraéyus Männlichkeit um damit an ihrer feuchten Vulva zu reiben bevor sie sich rittlings auf ihn setzte und sofort begann sich wild auf ihm zu bewegen. Adraéyu krallte sich in ihre weichen Brüste und keuchte bei jeder Bewegung. Sie räkelte sich auf ihm, und ritt ihn unbarmherzig, bis ihr der Schweiß selbst zwischen ihren Schenkeln herunter lief. Ihre Fingernägel krallten sich in seine Brust, und es war schon fast zu heftig. Es schmerzte und Adraéyu versuchte ihre Hände zu lockern. Doch sie grinste ihn nur an. »Versprich mir, dass du mit Benwick reden wirst!« Adraéyu nickte und keuchte und nickte nochmals. »Versprich es!«, herrschte sie ihn an und krallte sich noch tiefer in das Fleisch, dass es rot anlief. »Ich verspreche es! Du Hexe!«, zischte Adraéyu, doch sie gab sich damit zufrieden. Abermals wurde sie schneller, und dann konnte Adraéyu es nicht mehr lange halten. Ein Beben durchzuckte seine Männlichkeit, welche beinahe seinen gesamten Körper erfüllte und er sich schließlich in ihr ergoss. Keuchend rutschte sie von ihm herunter und sah den Raéyun ein wenig abfällig an, wie er zwischen den Bärenfellen lag und keuchte. »Mir scheint du hattest noch nie eine richtige Frau. So sind wir in den wilden Landen! Wild und ungezähmt. Vergiss das nie!«[/18]

»Komm zur frühen Abendstunde zu Benwicks Hof. Dann regeln wir die Sache.« Nach diesen Worten zog sie sich ihr Kleid beinahe so schnell an, wie sie es ausgezogen hatte und verließ die Hütte.

Adraéyu hatte sich langsam auf dem Bett aufgerichtet, und erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass die Leiche von Fenris die ganze Zeit unter dem Bett gelegen hatte. Unweigerlich wurde ihm schlecht. Und aus irgend einem Grund schämte er sich ein wenig.

Als erstes zog er sich seine Hose wieder an, und schließlich zog er Fenris wieder unter dem Bett hervor. Wenn alles glatt gehen würde, war Adraéyu aus dem Schneider und es war nicht mehr nötig ihn unter dem Bett zu verstecken. Er holte ein Tuch, welches bei dem Wassertrog lag, und tauchte es in den letzten Rest Wasser, welcher am Grund des Trogs schwamm. Dann begann er das Blut von Fenris abzuwaschen. Er sollte in Würde von den anderen gesehen werden. Sein Gewand wies kaum Blut auf, das meiste davon war auf den Boden gelaufen. Und so musste er ihn zum Glück nicht neu einkleiden. Sie würden ihm den ehrenvollen Tod einer Feuerbestattung zuteil werden lassen, dessen war sich Adraéyu sicher. Als dies erledigt war, ging Adraéyu zu Fenris' Tisch und nahm sich die geschwungene Pfeife aus Kirschholz und öffnete den großen Tontopf. Er zupfte einige Fingerspitzen voll Tabak heraus und stopfte diese in den Schlund der Pfeife. Dann ging er zur Feuerstelle, in der Mitte des Hauses. Es war bereits zu einer schwachen Glut heruntergebrannt, und er warf achtlos einige Scheite in die Glut hinein. Er zog eines der Kieferspane aus dem Tongefäß und hielt es in die Glut bis es Feuer gefangen hatte um damit den Tabak in seiner Pfeife zu entzünden. Als die Pfeife endlich glühte und rauchte, sog er kräftig an dem Mundstück, bis seine Lungen sich endlich mit dem wohligen Rauch füllten. Erst dann wandte er sich an den großen, mit Bärenfell ausgelegten Sessel, in welchem Fenris immer gesessen hatte, wenn er Schmerzen litt. Nun saß Adraéyu in Fenris' Sessel, blies Rauchkringel in die Luft und wartete auf die Abenddämmerung.

Mit einem nervösen Klopfen in der Brust wartete Adraéyu vor Benwicks Haus auf Finna. Er haderte schon mit dem Gedanken, dass sie kalte Füße bekommen hatte und ihm schnürte sich langsam der Hals zu. Doch schließlich kam sie und sie betraten gemeinsam die Halle. Finna hatte richtig entschieden, als sie die frühe Abendstunde gewählt hatte. Es war zu spät für die vielen freien Bittsteller und normalen Männer des Clans. Heute hatte Benwick kein Fest ausgerufen und sobald es dunkel wurde, suchten die meisten Menschen ihre eigenen Häuser auf, um bei ihren Familien zu sein. So trat Adraéyu vor das Oberhaupt des Faernach-Clans und senkte sein Haupt in aufrichtiger Demut. Finna ging sogar so weit, dass sie auf die Knie gegangen war. Adraéyu ließ sich dazu allerdings nicht herab. Er wollte Stärke zeigen, damit Benwick ihm später eher Glauben schenken würde. »Benwick, Ruka tu Nemia Faernach! Ich habe eine traurige Nachricht für dich.«, begann Adraéyu ganz formell. Der hochgewachsene Mann horchte auf und blickte Adraéyu eindringlich an. »So sprich, Arn.« Adraéyu biss sich unweigerlich auf die Lippe, als er diesen Namen vernahm. Keiner außer Fenris hatte seinen wahren Namen gekannt. Und doch fühlte er sich ein wenig unwohl, bei dem Gedanken noch mehr Unwahrheiten zu verbreiten. »Ich überbringe eine traurige Kunde. Fenris, der Erilar des Clans ist verschieden. Er hat seinen Platz unter den Sternen der Ahnen eingenommen.« Benwick sah Adraéyu eindringlich an, bevor er seinen Blick auf Finna lenkte. »Und warum bist du hier, Finna, Tochter des Thoror?« Finna schluckte kurz, doch spielte sie ihre Rolle gut. Ein gewisses Zittern schwang in ihrer Stimme mit, doch würde es Benwick wohl der Nervosität zuschreiben, welche das junge Ding zweifellos verspüren musste, wenn sie vom Fürsten angesprochen wurde. »Ich bin Zeugin des Todes geworden. Fenris und der Skalde … Arn …« »Wie ist der Erilar gestorben? In Ehren?«, unterbrach Benwick Finna und in seiner Stimme schwang die Erwartung mit, dass Fenris in Ehre gestorben war. »Ja, mein Ruka. Er ist im Beisein der Etáín gestorben, in höchsten Ehren. Er gab sein Leben damit es nicht unnütz vergehen würde.«, antwortete Adraéyu. »Ja, er litt an starken Schmerzen, jeder wusste es.«, brummte Benwick niedergeschlagen. Auch er hatte Fenris gern gehabt. Er war ihm wie ein Bruder gewesen, in all den Jahren. »Fahre fort Finna.«, sagte er dann und Finna sah zuerst ihn, und dann Adraéyu erschrocken an. Sie hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Benwick sie weiter anhören wollte. »äh, Fenris hatte ein Ritual vollzogen … meine Aufgabe war Fenris dabei zu dienen.« Benwick nickte und sah dann wieder Adraéyu an. Es fiel Adraéyu äußerst schwer die innere Ruhe zu bewahren. Benwick verunsicherte ihn, und er sah aus den Augenwinkeln dass Finnas Hände zitterten. Sie würde wohl auf die Knie fallen und alles gestehen, wenn Benwick sie noch einmal ansprechen würde. »Aus welchem Grund hat Fenris dieses Ritual vollzogen?«, erkundigte sich Benwick bei Adraéyu. »Seine Schmerzen waren schier unerträglich geworden. Er suchte den Tod und er wollte mit seinem Tod noch eine Tat vollbringen, bevor er sterben würde. Er schenkte mir mein verlorenes Augenlicht wieder.« Adraéyu trat auf eine winkende Geste Benwicks hin, einen Schritt näher an Adraéyu heran. »Für so ein hässliches, rotes Auge, hat Fenris sein Leben geopfert?« In seiner Stimme schwang ein wenig gereizter Unmut mit. »Ich habe genug gehört!« Plötzlich stand Benwick auf und zog seine Axt aus dem Block neben seinem Thron. »Ich glaube dir nicht, Zaubersänger!« Bei diesen Worten traten zwei der Hersen aus Benwicks eigener Sippe hervor. Sie waren zuvor so unscheinbar gewesen, dass Adraéyu völlig überrascht war, dass sie ihn überrumpelt hatten. Finna kreischte und rappelte sich unbeholfen auf. Sie stürzte Hals über Kopf aus der Halle und stieß dabei einen Hörigen zur Seite, so dass dieser hart auf den hölzernen Brettern aufschlug. Einer der Anwesenden wollte ihr nachgehen, doch Benwick erhob mahnend die Hand. »Lass sie ziehen.« Mit diesen Worten erhob Benwick die Axt über sein Haupt und stellte sich vor Adraéyu auf. Adraéyu kniff verzweifelt die Augen zusammen und erwartete den Hieb. »Noch ein paar letzte Worte, bevor ich dich zu den Ahnen schicke, Raéyun?«, brummte Benwick. Doch Adraéyu fielen keine ein. »Was für ein Barde. Keine großen letzten Worte, welche den Mut der Skalden zur Ehre gebührt?« Benwick zuckte mit den Schultern »Nun denn …« Er ließ die Axt niedergehen und es folgte ein lautes Krachen. Adraéyu zuckte erschrocken zusammen, doch begann Benwick mit einem Mal aus tiefster Kehle lauthals zu lachen. »Lasst ihn los.« Adraéyu sackte zusammen und verstand die Welt nicht mehr. »Steh auf, du Waschlappen! Oder willst du in meiner Halle auf dem Boden schlafen?« Adraéyu hob verwirrt den Kopf an und sah Benwick, wie er über ihm stand und ihm die Hand dar reichte. Adraéyu ergriff diese und Benwick zog den verwirrten Raéyun auf die Beine. »Ich, … ich verstehe nicht.« »Fenris hat mir von dem Ritual bereits erzählt.« In diesem Moment ging Adraéyu ein Licht auf. »Du wusstet es?« »Ha! Wohl schon eher als du es wusstest!« Benwick klopfte Adraéyu auf die Schulter und schnippte zwei Mal »He! Du da!«, er deutete auf einen der Hörigen, welche demütig in den Ecken standen. »Bring uns zwei Hörner Met! Sofort!« Der Leibeigene nickte und rannte sofort los und wenig später überreichte er Benwick die zwei geforderten Hörner. Benwick reichte eines davon an Adraéyu weiter und hielt ihm seines zum Anstoßen hin. Sogleich ließ Adraéyu seines gegen das Benwicks knallen und ein wenig von dem kostbaren Honigwein schwappte über die Ränder der Hörner und tropfte auf den Boden. »Ein gutes Zeichen! Ein Opfer für die Götter!« Nach diesen Worten stürzte Benwick den Inhalt seines Trinkhorns beinahe in einem Zug herunter. Adraéyu brauchte deutlich länger. Er war bei weitem nicht so trinkfest wie die wilden Krieger des Nordens. Doch schlug er sich tapfer und als sein Horn leer war, schlug der Met bereits hart in seinem Geist zu und er war leicht berauscht.

Benwick lachte noch ein wenig und scherzte doch dann wurde seine Stimme ernst. »Arn, die Sache mit Fenris ist schlimm. Es ist ein herber Verlust für unseren Clan. Und dass du eine Rolle an seinem Tod trägst, wird vielen nicht schmecken!« Adraéyu schluckte hart. Er hatte gehofft es wäre bereits alles ausgestanden und nun kam dies. »Ich schicke dich in einen der Clans, welche in unserem Gebiet leben. Sie haben keine Schamanin und da unsere noch nicht eingetroffen ist, hoffe ich dass du mit deiner Zaubermusik vielleicht dort helfen kannst! Du brichst gleich morgen in der Früh auf.« Die Stimme Benwicks war hart und bestimmend und duldete keine Widerworte. Und Adraéyu nickte gehorsam. Er war nur froh seinen Kopf noch auf seinen Schultern sitzen zu haben, und umfassete dabei unweigerlich seinen Hals. Auf Adraéyus Frage, was nun mit Finna geschehen würde meinte Benwick nur, dass man sie schon finden würde. Adraéyu konnte sich ein diebisches Lächeln nicht verkneifen. Er hatte bekommen was er wollte, und musste nicht einmal sein Versprechen, welches er Finna gegeben hatte einlösen. Wenn er wieder von dem benachbarten Clan zurück kehren würde, wäre sie längst auf dem Weg zu ihrem neuen Mann. Er wünschte er könnte ihr zorniges Gesicht sehen, wenn sie davon erfahren würde.

Zumindest ein Gutes, hatte der Tag gehabt. Er hatte bereits alle seine Sachen zusammengerafft, und konnte sich dies nun für den morgigen Aufbruch sparen. Müde und erschöpft begab er sich in das Haus des Fenris und wollte nur mehr schlafen. Doch als er über die Türschwelle von Benwicks Halle schritt, da fiel ihm wieder ein, dass Fenris' Leichnam noch in dem Haus lag. Er räusperte sich und Benwick sah nochmals zu ihm. »Ich … Fenris' Leichnam liegt noch immer in seinem Haus. Was …« Benwick unterbrach ihn. »Wir werden uns morgen um ihn kümmern. Er wird in allen Ehren zu den Ahnen geschickt werden. Du kannst heute Nacht in meinem Haus schlafen!« Adraéyu nickte ergeben. Es war eine große Ehre unter dem Dach des Stammesführers zu ruhen. Benwick ließ Adraéyu eine Schlafstatt herrichten und dankend ließ er sich auf den Fellen und Decken nieder. Der, vom Met umwobene Geist, sank schnell in einen Schlaf voller wilder Träume hinab.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 13. Okt 2012 18:04, insgesamt 1-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Fr, 12. Okt 2012 16:42

Nach einigen Tagen suchte Rahela abends Rorin erneut auf. Sie wollte sich vergewissern, ob die Medizin angeschlagen hatte. Er sah nun bedeutend besser aus. Das Fieber war abgeklungen, die Schwellungen und Rötungen waren zurückgegangen und er wirkte sichtlich erleichtert und zufrieden. Rahela war ebenso zufrieden. „Du darfst wieder essen, wenn Du willst. Alles, was Dein Herz begehrt, doch alles mit Maß und kein Fleisch, keine Fleischbrühe und keinen Alkohol…“ „Kein Braten der Welt schmeckt so köstlich wie das Gefühl, ohne Schmerzen zu sein…“ Sie nickte. „Wie darf ich mich erkenntlich zeigen?“ fragte Rorin. „Was immer Dein Herz begehrt, sag es mir…“ Rahela überlegte. „Stiefel sind das Dringendste, das ich brauche, doch sie sind teuer…“ „Und Du sollst sie bekommen! Ich lasse sogleich nach dem Schuhmacher schicken“ Rahela scherzte „Und vielleicht leihst Du mir einmal einen Deiner zahlreichen unterbeschäftigten Leibeigenen… mein Haus müsste gründlich ausgefegt werden…“ „Das stellt kein Problem dar!“ rief Rorin und schnippte mit den Fingern, als einer der Leibeigenen vorbeiging „Du da! Du kannst gleich mit ihr mitgehen! Faules Pack! Behalte ihn gleich!“ Rahela lachte „Nein danke, für einmal gerne, aber danach schicke ich ihn Dir wieder zurück!“


Am selben Abend noch war Rahelas Haus gründlich ausgekehrt, gesäubert und aufgeräumt, auch war der Schuhmacher bei ihr gewesen und hatte ihre Füße vermessen. Rorin hatte ihr außerdem noch einen Korb mit köstlichen Dingen schicken lassen, darin gab es zahlreiche geräucherte Würste und viele getrocknete Schinken, ein Topf Honig, in Honig eingelegte Nüsse, ein Topf Kompott, sowie Brot, Trockenfrüchte, und zahlreiche Flaschen Schnaps und Met. Es war verschwenderisch und viel und sie empfand es als beinahe protzig, ganz so wie Rorins augenscheinlicher Lebensstil, vermutlich würde es für den restlichen Winter reichen… Rahela war dennoch zufrieden, mit einem Schlag hatten sich alle ihre Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst. Sie beschloss, heute Abend wieder einmal die Halle des Fürsten aufzusuchen. Sie war nun schon einige Tage nicht da gewesen, vielleicht gab es interessante Neuigkeiten, Geschichten, Unterhaltung… Sie nahm eine Flasche Met mit, wenn Runjar da war, konnte sie ihn ja einmal auf einen Trunk einladen. Doch er war nicht da. Ein wenig enttäuscht setzte sich Rahela kniend in die Mitte der Halle ans Feuer und stellte die Flasche ab. Sie überlegte kurz, ob sie wieder gehen sollte, wahrscheinlich war Runjar zuhause, sie konnte genauso gut bei ihm zuhause sitzen, anstatt hier, doch Rahela fiel einer der Barden auf, der gerade einigen Leuten eine Geschichte erzählte. Er war gänzlich anders als die anderen. Er mochte in Rahelas Alter sein, möglicherweise ein wenig älter, und das erste, was Rahela zu allererst auffiel, waren seine Augen. Genauer gesagt, das eine Auge, denn das andere wurde von einer dicken schwarzen Haarsträhne verdeckt, die in sein Gesicht fiel. Das sichtbare Auge war bernsteinfarben und schien im Feuerschein nahezu zu leuchten. Rahela hatte so etwas überhaupt noch nie gesehen. Es weckte ihr Interesse und sie betrachtete den Mann eingehend. Er trug ein graublaues Leinenhemd und dazu eine dunkelgraue Hose, und darüber einen braunen Ledergürtel. Auffallend waren auch seine Schnabelstiefel. Irgendwann kam auch Runjar, und setzte sich zu ihr. Rahela beobachtet den Barden noch eine Weile und stieß dann Runjar an und fragte ihn leise, mit einem dezenten Kopfnicken in dessen Richtung. „Wer ist dieser Fremde? Er ist keiner von uns…“ stellte sie fest. Runjar sah auf den Mann und meinte dann „Das ist der Zaubersänger…“ Rahela hob die Augenbrauen. „…der Zaubersänger…?“ fragte sie. „Einst hat er mit seiner Musik und seinem Gesang den Bruder von Benwick ins Leben zurückgeholt, man hatte ihn schon aufgegeben und sein Leben hing nur noch an einem seidenen Faden. Doch dann kam er, und spielte unermüdlich für ihn, und dann plötzlich wurde er wieder gesund, und er lebt heute noch, und erfreut sich bester Gesundheit und Laune…“ „Das klingt nicht wirklich glaubwürdig…“ meinte Rahela zweifelnd und wandte sich dann wieder ihrem Bierkrug zu und nahm einen kräftigen Schluck. „Ja, ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte!“ meinte Runjar beinahe bewundernd, doch auch diese Behauptung überzeugte Rahela nur wenig. „Fenris, der Runenmeister meinte, er wäre ein Raéyun.“ „Ein Raéyun? Von diesen habe ich noch nie gehört, was sollen das für welche sein?“ „Es sind ihrer nur noch wenige, die sich zu diesem Volk zählen können… Barden meist, ein verdammtes, verfluchtes und gejagtes Volk. Sie sollen die Gedanken anderer lesen können… durch einen Blick in die Augen alle Gefühle erfahren können, nur zu ihrem eigenen Zwecke, zum Beispiel um sich Frauen hörig zu machen oder Macht anzustreben…doch was davon wirklich stimmt und was nicht, vermag ich nicht zu sagen, ich weiß es nicht, es ist vermutlich nur dummes Gerede…denn hier hat er seinen Wert bewiesen… aber sieh Dich dennoch lieber vor…!“ meinte er alte Mann vorsichtig. „Das werde ich, Runjar, ich bin mit Männern ohnedies fertig“ sagte sie, ohne weitere Erklärungen zu geben und sie musste unweigerlich an Arjun denken.
Doch hinter dem Bierkrug versteckt, warf sie doch immer wieder verstohlene Blicke zu diesem Mann, der mit seinen Erzählungen die Menschen so zu fesseln vermochte. Denn auch wenn sie diese Geschichten über ihn unglaubwürdig fand, strahlte der Mann eine gewisse Faszination aus, der sie sich nicht zu entziehen vermochte. Vielleicht war es aber auch gerade wegen dieser Geschichten über Raéyun, dass sie so fasziniert davon war, so dass sie am liebsten aufgestanden wäre und sich hinübergesetzt hätte, um den Erzählungen lauschen zu können...


Sie trank einen Met mit Runjars Bruder, sie kannte ihn nicht so gut wie Runjar selbst doch er erzählte ihr einige Neuigkeiten aus dem Dorf. Dagmar war schon wieder schwanger. Es würde ihr neuntes Kind werden. Rahela schweifte gedanklich ab und ließ ihre Blicke über die Anwesenden in der Halle wandern, doch dann fiel ihr wieder der Fremde auf. Der, den sie den Zaubersänger nannten… Er saß in der Hocke auf einem Fell und zupfte an seiner Laute. Rahela verstand nicht viel von Musikinstrumenten, möglicherweise stimmte er sie… Rahela beobachtete ihn lange, und da sie sich unbeobachtet fühlte, starrte sie ihn unverhohlen an. Nach einiger Zeit hob er den Kopf, so, als ob er ihren Blick bemerkt hatte, und sah in ihre Richtung. Als er sie betrachtete, weiteten sich seine Augen für einen kurzen Moment und sie sah Überraschung in seinem Blick. Rahela konnte diesen Blick nicht deuten, doch es irritierte sie. Sie sah, dass sein Auge, welches das letzte Mal von einer Haarsträhne verdeckt war, rot war und wie eine glühende Kohle leuchtete, man konnte nichts weißes in dem Auge erkennen, was dem ganzen einen unheimlichen Eindruck verlieh. Ein wenig unbehaglich rutschte sie auf ihren Füssen hin und her. Schon sein bernsteinfarbenes Auge hatte sie ein wenig irritiert, doch das hier war schon beinahe grotesk. Rahela konnte ihre Neugierde nur schwerlich in Zaum halten. Wenn Runjar hier gewesen wäre, hätte sie ihn sogleich ausfragen können. Doch er war nicht hier und nun wurmte es sie noch mehr.

Sie erhob sich und nahm ihre Flasche Met in die Hand. Sie wollte nun zu Runjar nachhause gehen, es war erst früher Abend und er würde bestimmt noch wach sein, bestimmt hatte er einige interessante Geschichten auf Lager und zu einem Met sagte er auch bestimmt nicht nein. Doch dann zögerte sie, und kam sich plötzlich dämlich vor, wie sie hier so wie angewurzelt stand, während der Raéyun sie mit einem nicht deutbaren Blick bedachte. Dann, ohne viel nachzudenken, ging sie zu ihm. Sie sah auf ihn herab und meinte mit ihrer samtigen tiefen Stimme „Du bist der, den sie den Zaubersänger nennen…“ „So nennen mich einige hier…“ meinte dieser ruhig und bescheiden. Sie nickte und blieb etwas unschlüssig stehen. „Bitte, setz Dich doch“ meinte er mit einer einladenden Geste. Rahela hockte sich hin und musterte ihn zurückhaltend. „Ich bin eigentlich wegen Runjar hier“ meinte sie ein wenig abwesend und ließ ihre Blicke noch einmal durch die Halle schweifen. „Doch wie ich sehe, ist er nicht hier…“ Sie stellte die Flasche Met vor sich. „Möchtest Du auch einen Becher trinken?“ Er nickte höflich und legte seine Laute neben sich. Rahela erhob sich wieder und holte zwei Tonbecher. „Warm würde er sicher besser schmecken…“ meinte sie, als sie den Stopfen aus dem Flaschenhals zog und den Met in die Becher goss. Sie schob ihm einen der Becher zu und nahm den anderen an sich. Sie musterte ihn immer noch interessiert, gepaart mit ein wenig Misstrauen, als er schließlich sagte: „Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?“ Rahela legte ihren Kopf leicht schief und meinte „Wohl kaum… diese Begegnung hätte ich bestimmt nicht vergessen…“ und sie nahm einen großen Schluck Met aus dem Becher. Sie war überrascht, dieser Met war nicht zu verachten, Rorin hatte einen exzellenten Geschmack. „Mein Name ist Rahela, ich bin die Schamanin des Clans… ich bin erst seit kurzem wieder hier…“ stellte sie sich vor. „Und hast Du auch einen Namen, Zaubersänger?“ „Man kennt mich hier als Arn.“ stellte er sich seinerseits vor. „…Arn der Zaubersänger“ schmunzelte sie und sah ihm die Augen. Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit jäh abgelenkt, als sie Teresa in der Halle sah.


Sie kniff ungläubig die Augen zusammen, und als Teresa sie sah, kam sie eiligen Schrittes zu der Schamanin gelaufen. Rahela sprang auf und musterte die junge Frau. Sie hatte ein blutunterlaufenes Auge, die Lippe war aufgeplatzt und sie hatte eindeutige Würgemale am Hals. „Verzeih…“ meinte sie entschuldigend zu dem Raéyun, nahm Teresa am Arm und zog sie sacht aber bestimmt aus der Halle, ohne dabei viel Aufmerksamkeit zu erregen. Vor der Halle blieben sie in der Dunkelheit stehen. „Was ist passiert?“ fragte Rahela die junge Frau bestürzt und diese begann zu schluchzen. „Hast Du ihm den Wein zu trinken gegeben?“ „Ja, ja, er hat ihn getrunken… und er ist mir seitdem auch nicht mehr zu nahe getreten…“ „Aber?“ hakte Rahela nach. „Ich weiß auch nicht, seitdem er das nicht mehr tut ist er nur noch missmutig und schlecht gelaunt und hat mich dafür öfters geschlagen…“ Rahela war bestürzt. Sie hatte nicht bedacht, dass sich die Wirkung des Keuschwurz so ins Gegenteil verwandeln würde. Nun war er zwar seiner Manneskraft beraubt, doch schürte dies allen Anscheins nach Aggressionen in ihm und er ließ sie an der jungen Frau aus, womöglich gab er ihr noch die Schuld an seinem Zustand. Rahela wurde wütend. Doch was konnte sie jetzt noch tun? Rahela hieß Teresa, nachhause zu gehen. Für einen Moment dachte sie an den Raéyun, der wohl immer noch in der Halle des Fürsten saß, und ihren Met trank... Doch er war unwichtig… Es gab jetzt wichtigeres, als in der Halle zu sitzen und oberflächliche Gespräche zu führen. Sie hatte schon so lange keinen wirklichen Zauber gewirkt und sie war Feuer und Flamme es jetzt und sofort zu tun.

Zuhause angekommen zog sie ihren Mantel aus, ging zu der Feuerstelle Sie schürte das Feuer in der Feuerstelle und legte ein Holzscheit nach. Sie ging zu einer Truhe, in der sie ihren Ritualdolch hineingelegt hatte und öffnete diese. Sie hatte nicht angenommen, diesen sobald nach ihrer Ankunft zu benötigen. Sie nahm ihn heraus und betrachtete die wunderschöne Damaszener Klinge und ihre Finger glitten über den glattpolierten Hirschhorngriff in den kleine Goldintarsien eingearbeitet waren, viele kleine Efeublätter, die sich an dem Griff entlang rankten. Es war wirklich ein einmaliges Stück, sowohl die Schmiedekunst der Klinge, als auch der Griff. So etwas bekam man nur im Skerôingur-Clan und normalerweise musste man ein Vermögen für einen Dolch dieser Art bezahlen, gut genug für einen Fürsten. Rahela hatte ihn von dem Schmied bekommen, der ihn gefertigt hatte. Eine Liebelei, ein Strohfeuer, nichts Ernstes… er hatte für Rahela nur so geglüht, weil sie ihn mit einem Zauber belegt und ihn sich hörig gemacht hatte. Sie war diese einseitige Liebe, die nicht echt war, bald leid. Einzig diesen Dolch wollte sie noch, bevor sie ihn wieder von dem Zauber entbunden hatte. Sie hatte Tag und Nacht auf ihn eingeredet, die süßesten Versprechen gemacht, ihn betört und mit ihren weiblichen Reizen eingewickelt… Sie bekam meistens, was sie wollte. Wenn nicht aus freien Stücken, dann mit einer List oder einem Zauber. Doch nach dem sie ihn von dem Zauber losgesagt hatte, ward sein Interesse an ihr wie vom Wind verweht und sie gingen sich aus dem Weg, als hätten sie sich nie gekannt. Manchmal dachte Rahela mit Bitterkeit daran, was wohl gewesen wäre, wenn sie Morach nicht umgebracht hätte. Vermutlich wäre sie nie so hoch aufgestiegen und Schamanin geworden, oder vielleicht erst etliche Jahre später, man konnte nie wissen… aber vielleicht hätte sie dann wahre Liebe erfahren, würde glücklich mit einem Mann und einer Schar Kinder im Clan leben… es wussten nur die Götter, wie ihr Leben verlaufen wäre…

Sie schüttelte die Gedanken ab und widmete sich wieder ihrem Vorhaben. Irgendwo musste noch die Haarsträhne verwahrt sein, die Teresa ihr mitgebracht hatte… sie fand sie zwischen den Essenzen, die sie für Teresas Abtreibung benutzt hatte. In der Truhe befand sich noch ein Kreidestein, mit diesem zog sie einen einigermaßen runden Kreis aus dem Boden. Sie stand auf und holte ein Glas hervor, in dem kleine Beeren waren. Tollkirschen. Sie nahm drei der getrockneten Früchte und aß diese. Sie schmeckten süß und bitter gleichzeitig. Es würde ihr noch ein wenig Zeit bleiben, bis das Gift seine Wirkung entfaltete. Zufrieden summend legte sie noch ein Holzscheit ins Feuer nach und goss sich noch einen kleinen Becher Hausbrand ein und leerte den halbvollen Becher in zwei großen Zügen. Der Alkohol kroch brennend in ihren Magen und sie schüttelte sich. Rahela nahm eine kleine Kupferschale und legte die Haarsträhne von Teresas Vater hinein und stellte diese in den Kreidekreis. Sie spürte bereits die Wirkung des Giftes und nahm ihren Damaszenerdolch zur Hand. Sie überlegte für einen Moment, wo sie ihn ansetzen sollte, und eigentlich fiel ihr nur ihr Unterarm ein, sie wollte nicht ihren gesamten Körper verunstalten… sie zog den scharfen Dolch über ihren Unterarm und fluchte leise auf, denn sie hatte ein wenig zu fest gedrückt und durchgezogen, und der Schnitt geriet ein wenig tiefer als sonst. Hellrotes Blut strömte aus dem Schnitt und besudelte ihr Kleid, tropfte in dicken Tropfen in den Kreidezirkel und schließlich auch in die Kupferschale, als sie den Arm darüber hielt. Das Blut tränkte die blonde Strähne und färbte sie dunkelrot, bis sie schließlich in einer Blutlache schwamm. Es war zu viel Blut für dieses Ritual, wer konnte schon den Ausgang bestimmen? Rahelas Blick verschwamm allmählich, als sich ihre Pupillen vom dem atrophischen Gift vergrößerten. Rahela ließ sich leiten von den Halluzinationen und sie hörte Stimmen, die in ihrem Kopf zu wühlen schienen und sie begann das Wahrgenommene langsam und leise vor sich her zu murmeln. Es schien, als hätte sie sich heute in der Dosis ein wenig vergriffen, doch dies nahm sie nicht mehr wahr. Es fiel ihr schwer, die Worte zu murmeln, ihr Mund war trocken geworden von dem Gift und ihr Herz raste, doch dies waren unvermeidliche Nebenwirkungen. Immer wieder murmelte sie die Beschwörungen vor sich her, die schließlich in einem flüstern verebbten. Rahela spürte die Wirkung des Giftes immer stärker. Sie warf einen Blick in das Feuer und es wummerte und loderte bedrohlich in ihrer Wahrnehmung, bis sie es schließlich nicht mehr aushielt. Sie erhob sich wankend und lief torkelnd zu den Essenzen, auf der Suche nach einem beruhigenden Mittel. Zitternd durchwühlte sie die Fläschchen und Leinensäckchen, sie richtete dabei eine heillose Unordnung an und einige der Fläschchen fielen dabei zu Boden und zerbrachen oder deren Inhalt ergoss sich zwischen die Dielen. Schließlich fand sie ein Stück Baldrianwurzel. Sie versuchte diese zu kauen, doch durch die Mundtrockenheit gelang es einfach nicht. Wütend spuckte sie das Wurzelstück auf den Boden und hangelte sich zum Tisch um sich einen Schluck Schnaps einzugießen. Als der Schnaps ihren Mund füllte begann sie zu husten, und wie eine Fontäne stob der Schnaps in alle Richtungen davon. Sie lief vor die Tür, steckte sich den Finger tief in den Rachen bis sie sich schließlich erbrach. Sie hustete und keuchte und ging dann wieder ins Haus und warf sich auf ihr Bett und schloss sie Augen. In ihrem Kopf hämmerte und wummerte es und bald fiel sie in eine tiefe Ohnmacht.


Als sie am späten Vormittag erwachte, hatte sie starke Kopfschmerzen. Sie erhob sich langsam vom Bett. Sie öffnete das Fenster um frische Luft zu bekommen und das Sonnenlicht strömte in das Haus. Erst jetzt konnte sie sich einen Überblick verschaffen und sie pfiff leise durch die Zähne. Ihre Essenzen waren heillos durcheinander, etliche Fläschchen waren zerbrochen und deren Inhalt hatte sich über andere Leinensäckchen und den Boden ergossen. Es schien völlig außer Kontrolle geraten zu sein, wieso war sie nur so unvorsichtig gewesen? Sie ging zu dem Kreidezirkel und betrachtete das dicke geronnene Blut darin. Viel zu viel Blut! Es sollten nur einige wenige Tropfen sein! Sie schnappte sich ihren Mantel und ungerührt von Thargôns Gekrächze lief sie aus dem Haus. Sie musste sich vergewissern, ob der Zauber angeschlagen hatte und was passiert war. Am Hauptplatz standen einige Leute und unterhielten sich aufgeregt. Sie runzelte die Augenbrauen und ging zu dem Mob. „Was ist passiert?“ fragte sie neugierig. „Heinar ist heute Nacht gestorben…“ meinte eine der Frauen. „Wer ist Heinar?“ fragte sie unwissend. „Er hatte eine Tochter, Teresa, Du weißt schon, das kleine Ding… Du hattest Dich einmal mit ihr unterhalten…“ Rahela durchfuhr ein unmerkliches zucken und sie nickte „Woran ist er gestorben?“ „Das ist ja das Seltsame, er ist an seinem eigenen Blut im Schlaf erstickt. Als hätte ihm jemand im Schlaf seinen Mund mit Blut gefüllt bis er daran ertrunken war…“ „Dafür kann es viele Erklärungen geben… einige Krankheiten fallen mir ein, die dieses erklären würden…“ meinte Rahela. „Du bist doch bewandert in der Anatomie…“ meinte einer der Männer „Wieso schneidest Du ihn nicht auf und siehst einmal nach?“ Rahela wehrte ab „Ich schneide keine toten Menschen auf, das ist gottlos… wenn er gestorben ist, so war es der Wille der Götter…“ Bei diesen Worten senkte sie demutsvoll den Kopf und wandte sich um, um zurück zu ihrem Haus zu gehen.


Sie musste erst einmal das Chaos, welches sie verursacht hatte, beseitigen, nicht, dass jemand unerlaubter oder unerwarteter Weise. Sie verwischte den Kreidezirkel bis er nicht mehr sichtbar war, säuberte die Kupferschale von dem eingetrockneten Blut und begann dann, alles vom Boden aufzulesen. Es waren, den Göttern sei Dank, keine wichtigen Essenzen verloren gegangen... dennoch würde es dauern, bis sie alles wieder beisammen hatte, immerhin war Winter, und das meiste wuchs erst im späten Frühjahr oder Sommer wieder. Vorwurfsvoll krächzte der Rabe und begann mit beiden Flügeln zu flattern. Erfreut bemerkte dies Rahela. „Ist Dein Flügel verheilt?“ fragte sie ihn und nahm ihn in die Hand um sich den Flügel genauer zu betrachten. Er schien, als sei der Flügel wieder zusammengeheilt. Vermutlich war er gar nicht gebrochen gewesen, sonst wäre dies mit Sicherheit nicht so schnell geschehen. Sie widmete sich den ganzen Vormittag dem Vogel, sprach mit ihm, forderte ihn auf kurze Strecken im Haus zu fliegen und belohnte dies immer mit einem Stück Trockenfleisch.

Am späten Nachmittag klopfte es an der Türe. Als Rahela die Tür öffnete, stand Teresa vor der Türe. Sie wirkte eingeschüchtert doch sie fragte: „Hast Du etwas mit seinem Tod zu tun?“ Rahela war verblüfft. Sie fand es ganz schön mutig, dass dieses junge Ding hier aufkreuzte und ihr solche freche Fragen stellte. „Natürlich nicht… wie kommst Du auf solch haarsträubende Geschichten, Mädchen? Willst Du meinem Ruf schaden?“ „Nein, es ist nur so… die Kräuterweiber finden es seltsam… zumindest eine von ihnen… sie meint, vielleicht war der Trank den Du mir gegeben hast, vergiftet…“ „Ach was… es waren harmlose Kräuter darinnen… die seine Lust bremsen… nicht mehr… hör nicht auf das Gerede dieser alten Weiber… ich habe Dir doch auch geholfen, oder nicht? Habe ich Dir geschadet?“ „Nein, das hast Du nicht…“ „Na siehst Du…“ Dann sah Rahela die drei Weiber auftauchen. „Das kann doch kein Zufall sein… sie taucht hier auf und schon haben wir wieder einen seltsamen Tod…“ schürte eine von ihnen Teresas Zweifel. Rahela war für einen kurzen Moment fassungslos. Da kamen diese alten hässlichen Weibsbilder tatsächlich an ihre Hütte, und wagten es, ihr solche Dinge zu unterstellen… Sie schüttelte den Kopf und funkelte sie böse an „Habt ihr nichts besseres zu schaffen, ihr alten Vetteln? Beweist dies doch nur von Eure klägliche Unwissenheit, ihr seid es überhaupt nicht würdig, Euch Kräuterweiber zu nennen… wisst ihr denn nicht, welche und wie viele Krankheiten solche Zeichen hervorrufen?“ Sie lächelte überheblich „Der Clan muss wahrlich arm gewesen sein, als Catara gestorben war… hatte er doch nur solche untauglichen alten Weiber…“ „Und doch ist keiner in dieser Zeit gestorben…“ fügte eine von Ihnen hinzu. „Das war reiner Zufall…“ meinte Rahela zuversichtlich „Ihr seid gotteslästerlich, wenn ihr nicht anerkennt, dass es die Götter sind, die unser Schicksal bestimmen. Ihnen allein obliegt es, wann unsere Lebensfäden durchtrennt werden. Und nun verschwindet hier, sonst sollt ihr mich wahrlich kennenlernen…“ spuckte sie aus und ließ die Weiber, einschließlich Teresa stehen und schlug die Türe zu. Innerlich grollte sie. Es war ihr eine Lehre, nie wieder würde sie sich so in das Schicksal eines Hilfesuchenden einmischen. Es gab nur Probleme, und das Risiko war es nicht wert…“ Sie beschäftigte sich noch eine Weile mit Thargôn. Sie verspürte Hunger, doch sie hatte keine Lust, hier alleine zu sitzen. Sie raffte sich auf, zog sich ihren Mantel an und lief in die Halle des Fürsten. Sie musste lächeln, der Fürst sorgte gut für seinen Clan. Es gab Eintopf bestehend aus Fleisch und Wurzelgemüse und Gerste. Sie nahm sich eine Schüssel voll, hockte sich an das Lagerfeuer, wo sie am liebsten saß, hielt die Schüssel in ihrem Schoß und aß. Als sie damit fertig war, schob sie ihre Schüssel zur Seite. Wein, Bier oder Met, das wäre nun genau das Richtige, doch sie war zu faul dazu und zu erledigt, die alten Weiber hatten ihr das letzte Quentchen Geduld abgezapft. Sie stieß schwer die Luft aus und schloss die Augen…
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Fr, 12. Okt 2012 20:36

Bildm nächsten Morgen ging Adraéyu zu Fenris' Haus um sein Hab und Gut, seine Laute und seinen Bogen zu holen. Er überraschte einige Hörige, wie sie gerade dabei waren den Leichnam Fenris' in weiße Leintücher einwickelten. Als er zur Tür herein trat, blickten sie alle kurz von ihrer Arbeit auf, und als sie ihn erkannten, widmeten sie sich wieder Fenris. Es schmerzte Adraéyu ein wenig, dass er bei der Beisetzung nicht anwesend sein würde. Aber vielleicht war es besser so.

Die Ältesten würden Totenlieder für ihren Runenmeister singen, während er langsam in Flammen aufgehen würde. Es würde eine altehrwürdige und heilige Zeremonie sein. Doch er würde auf dem Weg zu dem anderen Clan, irgendwo in der Wildnis schlafen und hoffen dass ihm kein Puma oder Wolfsrudel begegnen würde.

Adraéyu kämpfte sich durch die unwegsamen Straßen nach Süden. Die Sippe, zu welcher Adraéyu von Benwick geschickt worden war, trug das Wappen des Berglöwen. Sie lebten am Fuß des Lunzar, eines der drei großen Gipfel. Sie waren der südlichste Stamm, welcher dem Faernach-Clan Tribut zollte und ihre Abgaben an Benwick waren Steine, welche sie aus dem Berg schlugen, seltene Kristalle und Edelsteine, welche sie in den Bergbächen fanden und hin und wieder auch etwas Gold. Doch das Gold behielten sie meistens, und gaben es selten an Benwick ab. Was er nicht wusste, das machte ihn schließlich nicht heiß.

Nach zwei Tagen Marsch hatte er schließlich den Fuß des Berges und damit auch das kleine Dorf am Rande des Faernach Gebietes. Er wollte nicht als der Zaubersänger erkannt werden, und so legte er sich eine Augenbinde um, um die verräterischen Augen – das Bernsteinfarbene mit den goldenen, flirrenden Punkten, wie auch das glutrote Glas, welches mehr einer Kohle als einem Auge glich – zu verbergen. Er warf sich den alten, zerschlissenen Mantel über, und stützte sich ein wenig gebeugt, auf seinen Wanderstab. »Zweifinger« war mit vielen, verschiedenen Schnitzereien versehen, um stets den Anschein eines harmlosen Stabes zu erwecken. Kaum jemandem fiel auf, dass es ein mächtiger Langbogen war. Er entschied seine Laute am Rand des Dorfes in einem alten, verlassenen Dachsbau zu verstecken. Er wollte zunächst ergründen, was in dem Dorf los war, bevor er sich offenbarte. Falls es nötig wäre, würde er seine Laute dann sofort holen können.

Die wilden Menschen waren ein offenherziges Volk. Sie begegneten fremden Wanderern zunächst selten mit Misstrauen. Außer seine Haut war grau oder aschgrün. Adraéyu gab sich als alter, blinder Reisender aus, welcher sich verirrt hatte. Er wurde in die große Halle des Sippenführers geführt um dort seine Geschichte zu erzählen. Was hatte ihn in den Norden geführt? Und kannte er Geschichten aus dem Süden? Die wilden Lande lebten stets für eine gute Geschichte, um sich aus dem tristen Alltag etwas Abwechslung zu verschaffen.

»Für einen Kanten Brot und etwas Bier will ich euch gerne meine Geschichte erzählen.«, lächelte der Alte gütig. Und er bekam einen ganzen Humpen edelsten Tropfen, da die Familie des Anführers gerade zu Abend speiste, und auch viele andere Männer und Frauen des Dorfes gerade anwesend waren. Es gab einen saftigen Wildschweinbraten. Dazu Wurzeleintopf und Steckrüben. Der Braten war mit süßlichen, weichen und auch herzhaften Maronen gefüllt worden. Und obwohl Adraéyu nur einen Kanten Brot erbeten hatte, gaben sie ihm ein Stück vom Fleisch ab. Er bedankte sich demutsvoll und begann mit seiner Geschichte ...

Als Adraéyu mit seiner Geschichte geendet hatte, da erkundigte er sich nach Neuigkeiten aus dem Dorf. Er gab vor sie an das nächste weiter zu tragen, und so erfuhr er ein wenig vom Alltag in den Bergen. Der Winter nahte auf großem Fuß, und nahe der Berge war stand er immer ein wenig früher auf der Schwelle. Sie erlegten kaum mehr Wild und das Gemüse und die Wurzeln litten am Frost. Es waren alltägliche Probleme. Doch dann kamen sie auf ihre eigentlichen Probleme zu sprechen. »Wir haben keinen Schamanen. Und der Winter steht vor der Tür. Wir haben unserem Lehnsherrn einen Raben geschickt, ob er uns nicht die Schamanin seines Dorfes schicken könnte. Unser Kräuterweib ist mit ihrem Wissen am Ende. Sie hat sie aufgegeben und betet nur noch für ein rasches Ende.« »Von wem sprecht ihr?«, erkundigte sich Adraéyu. »Von der Frau des Schmieds. Sie liegt in einem Fieber und es geht ihr zusehends schlechter.« Adraéyu ließ seine Gedanken kreisen. Was erwartete Benwick von ihm? Er war ein Musiker, kein Heiler. Er konnte keine Wunder vollbringen. »Bevor ich mein Augenlicht verlor, war ich ein wandernder Priester.«, log Adraéyu. »Vielleicht kann ich euch helfen?« Durch den dünnen Stoff sah Adraéyu die Skepsis in den Augen der anderen, doch zuckte der Häuptling mit den Schultern. Was hatten sie zu verlieren? »Führt ihn zu Mirra.«, befahl er und so und sie geleiteten Adraéyu aus der Halle und führten ihn zum Haus der Kräuterfrau. Sie lebte weit abseits des Klans, am Rande der Palisade. Ihr Haus war komplett aus Stein, da es direkt aus dem Felsen geschlagen worden war. »Wir warten draußen. Algis mag es nicht, wenn man sie bei ihrer Arbeit stört«, meinte einer der Männer, welche Adraéyu zum Haus geführt hatten. Als er das Haus betreten hatte, schwoll Adraéyu ein unangenehmer, süßlicher Geruch entgegen. Im Haus lagen zwei Kranke. Mirra und ein Mann, welcher immer wieder stöhnte und wimmerte. Der süßliche Geruch schien von ihm aus zu gehen. Adraéyu war kein Heiler. Doch dieser Geruch konnte nur eines bedeuten: Der Mann verfaulte bei lebendigem Leib. Sie sollten ihm den Gnadenstoß verpassen. »Was riecht hier so süß?«, fragte er in den Raum. Die Kräuterfrau sah von ihrer Arbeit auf. Sie verbrannte Kräuter, mischte Salben an und hatte gar nicht bemerkt, dass er in das Haus gekommen war. Schließlich sah sie ihn an und seufzte. »Wer bist du?« Ich bin Angrod. Sie nahm es zur Kenntnis und ging nicht weiter darauf ein. »Der süße Geruch den du hier riechst ist eine schlimme Sache. Ich muss dem armen Grimm sein linkes Bein abnehmen.« Adraéyu hätte ihn getötet. Scheinbar war nur das Bein am Faulen, nicht der ganze Körper. »Was führt dich zu mir, Angrod?«, murrte Algis. »Ich bin wegen Mirra hier. Vielleicht kann ich helfen?« Sie schnaufte nur verächtlich die Luft aus. »Ha!« Doch sie deutete auf den hinteren Bereich des Hauses. Dort lag Mirra auf einem Bett und zuckte immer wieder mit den Armen und Beinen. Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Atem rasselte. »Sie wird sterben.«, murmelte die alte Frau. Adraéyu sah ihre Augenlider flackern und dass ihre Haut ungewöhnlich bleich war. Er berührte ihre Stirn und verbrannte sich beinahe die Finger an ihrer heißen Haut. »Du solltest gehen. Was kannst du mir schon nützen! Du bist blind!« Doch Adraéyu ignorierte sie. Er konnte sich nicht helfen. Er hatte von Ragnar viele Geschichten gehört. Einige davon kursierten auch unter den Zigeunern. Und dieses Fieber erinnerte ihn an etwas. Etwas was tief in seiner Erinnerung vergraben war. Er zog Mirra die Schnürung des Leinenhemdes auf und streifte ihr den Stoff von den Schultern. Algis beobachtete Adraéyu misstrauisch. Und als er ihr die Haare aus dem Gesicht strich um ihren Hals zu begutachten, da zischte sie unmerklich. Er befühlte den Hals, doch konnte er keine ungewöhnlichen Merkmale feststellen. Er runzelte die Stirn. »Seltsam. In den Geschichten war immer von deutlichen Malen die Rede.« »Wovon sprichst du!«, fragte ihn Algis unwirsch. »Die Zigeuner tragen immer Knoblauch und Silber mit sich …«, begann Adraéyu doch Algis unterbrach ihn wirsch. »Zigeuner sind ein abergläubisches Lumpenpack!« Sie spuckte vor sich auf den Boden. Und Adraéyu hielt es nicht für nötig ihr zu sagen, dass er auch ein solcher Zigeuner war. »Sie tragen den Knoblauch nicht ohne Grund mit sich.« »Ha! Das sind Ammenmärchen! Ich habe dich für einen weisen, alten, blinden Mann gehalten. Doch nun glaube ich du bist einfach nur ein Narr! Verschwende nicht meine Zeit, und verschwinde!«, blaffte die Alte. Doch Adraéyu war nicht gewillt so schnell zu verschwinden. Er zog sein Langmesser unter seinem Gewand hervor und näherte sich Mirra. »Was hast du vor? Halt!«, zischte die Alte misstrauisch und trat an Adraéyu heran. Doch er schob den Dolch unter Mirras Gewand und hob dann den Dolch ruckartig an. Er schnitt das Leinen in zwei Teile und offenbarte ihren makellosen Busen und ihren geschwungenen Bauch. Er legte seine Hand auf den Bauch und strich sanft darüber. Mirra stöhnte unter seinen Berührungen und wälzte sich ein wenig herum. »Sie ist schwanger?« Algis schien sich beruhigt zu haben. Sie hatte angenommen, Adraéyu würde den Dolch anders gebrauchen. »Ja, eine Tragödie. Ihr Mann ist verzweifelt und Trauert jetzt schon um den Tod des ungeborenen Kindes.« Der Bauch war viel zu klein. Wenn Mirra starb, gab es für das Kind keine Hoffnung. »Zuerst vermutete ich es wäre eine Gestose …«, sie hielt inne, als sie Adraéyus verwirrten Blick sah, welcher sich auf seinem Gesicht breit machte, obwohl er eine Augenbinde trug. »… Es ist eine Krankheit, welche schwangere Frauen oft befällt. Es gleicht einer Vergiftung.« Als Adraéyu nichts darauf erwiderte fuhr sie fort. »Ich habe schon alles versucht. Ingwer gegen die Übelkeit, welche leider viele Frauen befällt, und Blutegel gegen das Fieber. Ja sogar schon einen Aderlass! Doch nichts half!«, sie seufzte traurig. Adraéyu bemerkte, dass er seine Hand noch immer auf ihrem Bauch ruhen hatte und zog seine Hand vorsichtig zurück. Gerade als er die Frau wieder bedecken wollte, fielen ihm zwei kleine, braune Punkte unter ihrem Busen auf. Er tat so als ob er Mirra befühlen würde, um den Schein zu wahren, er wäre blind. Langsam strich er über den Leib der bebenden Frau, bis seine Hand sich ihren Brüsten näherte. »Was machst du da! Lass deine Hände von ihr, oder der Schmied wird dir den Schädel einschlagen!« Doch Adraéyu kümmerte sich nicht um die Alte. Er strich sanft über den festen Busen der Frau. Seine Hand legte sich beinahe vollständig darüber, und dann zog er seine Hand zurück. »Sind euch diese beiden Male unter ihrer linken Brust aufgefallen?« Er trat von Mirra zurück um der alten Frau einen Blick auf die besagte Stelle zu ermöglichen. »Nein, aber vermutlich ist das nichts.«, murrte sie. Adraéyu rollte die Augen. »Ich sage eines Weib …«, sie blickte ihn empört an, als er sie so nannte. »… wenn Mirra stirbt, dann treibst du ihr besser einen Holzpflock durchs Herz.« Doch die Alte belächelte Adraéyu nur. »Du verstehst die wilden Lande nicht. Fremder. Wir erweisen unseren Toten Respekt und die Ehre einer anständigen Feuerbestattung.« »Sie wird verbrannt? Das ist auch gut.« »Ja, nach der Totenwache.« Totenwache? Wie lange wird das dauern?« »Belästige jemand anderen mit deinen törichten Fragen. Sie wedelte mit ihrer alten, fleckigen und knochigen Hand um Adraéyu aus ihrem Sichtfeld zu verjagen. Und Adraéyu verließ das Haus. »Dummes, altes Weib.«, murrte er. Er stützte sich auf seinen Stab und schritt langsam durch das Dorf. Er war stets darauf bedacht, dass er wir ein blinder Mann wirkte, und so dauerte es eine gewisse Zeit, bis er in der Halle des Sippenführers angekommen war.

»Und? Weisst du was Mirra fehlt?«, fragte er Adraéyu. »Sie wird sterben.«, sagte er resigniert. Schweigen machte sich in der Halle breit. Nur ein Mann stand auf und schien mit sich selbst zu kämpfen. »Algis sagte, es bestünde noch Hoffnung! Wer bist du, dass du mehr als unser Kräuterweib zu wissen glaubst?« Anhand der Reaktion des Mannes, schloss er darauf, dass er der Schmied war. Mirras Gemahl. Er empfand Mitleid für den Mann. Denn mit Mirras Tod bestand das schlimmste erst vor ihm. »Ich kenne viele Geschichten, viele Legenden und vieles mehr. Glaubt mir, ich habe schon von diesem Fieber gehört.« Er erinnerte sich an die Schauergeschichten, am Lagerfeuer im Birkenhain, oder wenn seine Eltern ihm immer wieder ermahnten niemals mit Fremden zu reden, oder stets eine Knoblauchzehe in der Tasche zu haben. Es konnte kein Ammenmärchen sein, wenn so viele Menschen daran glaubten. Und doch, er selbst hatte noch niemals einen Vampir getroffen. Und doch sprach er es aus. »Deine Frau wird sterben. Und damit nicht genug. Sie wird wieder auferstehen.« Der Mann blickte Adraéyu zuerst verwirrt und dann belustigt an. »Was redest du für wirren Unsinn?« Doch Adraéyu ließ sich nicht beirren. »Sie wird nicht mehr die selbe sein. Sie wird Menschen töten und Blut trinken.« Doch da war es mit Adraéyus Glaubwürdigkeit dahin. Die Anwesenden lachten und beachteten ihn nicht mehr.

Die Tage vergingen und auch wenn Adraéyu niemand mehr ernst nahm, so blieb das Dorf dennoch Gastfreundlich. Immerhin war er ein blinder, alter Mann. Ein verwirrter, abergläubischer Mann in ihren Augen. Mirras Mann saß beinahe jeden Tag an ihrem Bett, und er hielt schließlich auch ihre Hand an jenem Tag als sie starb. Trauer und Gram erfüllte sein Herz und er bedachte Adraéyu stets mit einem bösen Blick, wenn er ihn sah. Als ob Adraéyu am Tod seiner Frau verantwortlich gewesen war. Adraéyu drängte Mirras Herz mit einem Pflock zu durchbohren, oder sie zu verbrennen, doch wollten sie Mirra die letzte Ehre erweisen. Ihr Mann saß bei ihr Totenwache. Volle zwei Tage, ohne von ihr zu weichen. Und am dritten Tag öffnete sie schließlich ihre Augen. Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Mit Tränen der Freude. Seine Frau lebte! Die Götter hatten sie ihm zurück gegeben! Er lobpreiste die Etáín und schloss seine Frau in seine Arme. Sie küssten sich innig und lange. Zu lange. Mirra hatte einen unsäglichen Durst. Sie saugte an seinen Lippen, an seiner Zunge und an seinem Hals. Und eine ungeheure Lust überkam die Beiden. Sie knabberte an seinem Hals [18]und er ließ seine Hand über ihren Körper wandern. Langsam, bis sie sich in ihre Scham vergruben[/18]. Ihre Küsse und Bisse wurden fordernder, und dann geschah es. Sie biss ihm in ihrer Ekstase in die Zunge, bis das Blut floss. Er schrie auf, doch hatte sie seine Zunge fest zwischen ihren Zähnen. Und sie saugte und saugte. Sie trank sein Blut und wurde immer gieriger, während er verzweifelt versuchte seine Zunge aus ihrem Mund zu zerren. Er drückte mit den Händen gegen ihr Gesicht und versuchte sich aus ihrem Griff zu entwinden. Sie biss immer fester zu, bis sie ihm schließlich die Zunge abgebissen hatte. [18]Blut schoss aus seinem Mund, wie eine Fontäne und er kroch benommen aus dem Haus der alten Kräuterfrau heraus.[/18] Während der Schmied blutend aus dem Haus torkelte, und vor sich hin stammelte, erhob sich Mirra von ihrem Bett. Algis versuchte die Blut verschmierte Frau ins Bett zurück zu drücken, doch wischte sie die Alte achtlos zur Seite. Sie schlug hart mit dem Kopf gegen die Bettkante und stand nicht mehr auf. Leere Augen starrten aus den alten Höhlen heraus, und Blut sammelte sich unter ihrem Kopf. Mirra trat vor die Tür und sie war ein grauenvoller Anblick. Ihre Haut war bleich der Stamm einer Birke. Sie hatte Wochen in dem dunklen Haus gelegen, und ihr Fieber hatte ihrer Hautfarbe auch nicht gut getan. Ihr Mund war rot vom Blut ihres Mannes. Es lief ihren Hals hinab und hatte ihr Leinengewand durchtränkt. Die Männer und Frauen welche um den Schmied gestanden hatten, und versuchten sein zungenloses Gebrabbel zu verstehen sahen Mirra entsetzt an. Entsetzen machte sich in ihren Gesichtern breit und sie waren wie gelähmt.

Da stürmte ein Krieger auf Mirra zu und schlug sie mit seinem Schild zu Boden. »Dämon! Hexe! Stirb!«, hatte er gerufen, und als Mirra auf dem Boden lag, bohrte er sein Schwert in ihre Brust. Sie erschlaffte und sank in sich zusammen. Ihr Blick wurde leer und die Menschen sammelten sich. Einige eilten zu dem Schmied, doch war er an dem immensen Blutverlust an seiner Wunde erlegen. Doch das Schwert hatte Mirra nicht im Herzen durchbohrt. Nach einiger Zeit stand sie wieder auf und zog sich das Schwert aus dem Brustkorb. Die Menschen schrien entsetzt und fielen auf die Knie. Sie beteten zu den alten Göttern und baten flehten Mirra um Gnade an. Mirra schwang das schwere Schwert, und es lag in ihrer Hand wie eine Feder. Die Blutige Klinge beschrieb einen Halbkreis vor ihr. Es durchtrennte die Luft, und nur einen Wimpernschlag später auch Haut, Fleisch und Knochen. [18]Der Kopf des Kriegers flog ihm von den Schultern und zurück blieb nur ein leblos zuckender Körper, aus dessen Hals das Blut sprizte.[/18] Einer der Bauern warf eine Mistgabel, doch fing Mirra sie in der Luft auf.

Da erklang eine seltsame, und fremde Weise in der Luft. Die Menschen sahen sich verwirrt um, und sahen hinter sich Adraéyu stehen. Er spielte auf seiner Laute und sang ein fremdartiges Lied. Es war in einer alten Sprache geschrieben, welche weder die Menschen der wilden Lande verstanden, noch Adraéyu selbst. Er hatte diese Weise einst von seinem Vater gelernt, und sie niemals vergessen. »Wenn du eines Tages dunklen Mächten trotzen musst, dann sing dieses Lied.«, hatte er ihm immer wieder erzählt.

Adraéyu sang aus Leibeskräften. Und Mirra schien wie gebannt von seiner Musik. Wie ein Rattenfänger, spielte er um ihre Gunst, und sie klebte an seinen Lippen wie Motten an dem Licht der Laterne. Es war ihm ein leichtes sie zu umgarnen, denn sie kannte nur ein einziges Gefühl: den Hass. Adraéyu nährte das Lied mit diesem Hass und wandte es gegen Mirra. Und sie stand da, gelähmt durch ihre eigenen Gefühle. Und dies war alles was nötig war. Mirra wurde überwältigt [18]und ihr wurde der Schädel in zwei Hälften geschlagen[/18].

Als es endlich vorbei war, verloren die Männer und Frauen, welches dieses Grauen erlebt hatten, keine Zeit. Sie schichteten Feuerholz in der Mitte des Dorfplatzes auf, und warfen Mirras Leiche, nebst der des Schmiedes und Algis leblosen Körper auf das Holz und warfen die Fackeln darauf. Das trockene Holz knackte und die Flammen leckten und züngelten, bis es sich schließlich alle Leiber einverleibt hatte.

»Angrod, wir stehen in deiner Schuld.«, begann der Sippenführer, doch Adraéyu winkte nur ab. »Ich habe nichts weiter getan, als ein Lied zu spielen. »Wie können wir dir nur danken?«, vergesst mich nicht und vergesst auch nicht, dass es Benwick war, welcher mich zu euch geschickt hatte.« Bei diesen Worten nahm er seine Augenbinde ab, und offenbarte den Menschen wer er wirklich war. Und er war sich sicher, dass sie noch lange über diese Geschichte und über seinen grotesken Anblick reden würden.


Adraéyu kehrte recht zügig zurück zur Sippe Benwicks. Er war über einen Mond weg gewesen. Der Abend dämmerte bereits, als er schließlich den Faernach-Clan wieder erreichte. Er hatte Hunger und Durst, und sicherlich wollte Benwick hören, wie es ihm ergangen war. Und so trat er in die volle Halle des Fürsten. Musik und Gelächter schwall ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Benwick lachte in der Menge und Adraéyu trat an ihn heran und räusperte sich. »Charaid.« Benwick sah Adraéyu an und erkannte ihn zunächst nicht. Über die Zeit, die er fort gewesen war, war ihm ein üppiger Vollbart gewachsen. Doch als das rote Auge aufloderte, da hellte sich Benwicks Miene auf. »Arn! Du bist zurück. Wie ist es dir ergangen?« »Gut, mein Ruka.« »Und konntest du Frals Sippe helfen?« »Ja Benwick.« »Und? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Verdammt« Adraéyu haderte. Benwick würde die Geschichte ebensowenig glauben, wie die Männer in jenem Dorf. »Die Frau des Schmieds war ein Vampir.« Benwick sah Adraéyu schief an und grinste unverholen. »Was? Du nimmst mich auf den Arm!« Adraéyu rollte mit den Augen. »Nein.« Adraéyu sah Benwick ernst an, doch Benwick lachte nur »Ach! Trink erst einmal ein Bier!« Mit diesen Worten entließ Benwick ihn und er suchte sich einen Platz etwas Abseits von Benwicks Thron aus.

Adraéyu saß auf einem weichen Bärenfell, sehr nahe an der Feuerstelle des Hauses des Stammesführers namens Benwick. Er trug den ehrenvollen Beinamen Voruad, was ›der Bär‹, bedeutete, und seine Halle war voll von Bärenfellen. Es war eine große Ehre im Haus des Fürsten aufspielen zu dürfen, und doch war Adraéyu ein wenig missgelaunt. Denn er war nicht der einzige Skalde, welcher zugegen war. Und doch war er der einzige, der am Feuer saß. Während seiner Abwesenheit im Süden des Faernach Gebietes, hatten sich einige wandernde Skalden an Benwicks Hof eingefunden. Und sie buhlten um seine Aufmerksamkeit, wie Bittsteller. Einige betrunkene Rukhs lungerten in seiner Nähe herum, und lauschten seiner Musik. Doch er zog es vor, nur zu summen. Denn beim Fürst spielten gerade zwei Skalden des Skerôingur-Clans auf. Der eine spielte auf einer Laute, nicht unähnlich der seinen, und der andere bändigte eine Sackpfeife. Und sie sangen im Duett, und machten es wirklich gut.

Adraéyu lauschte den nahen Gesprächen, während er seine Finger über die Saiten tanzen ließ. Sein Lautenspiel war bei weitem harmonischer, als das der Skalden. Doch machte der wilde Lautenspieler diesen Makel durch seinen frivolen Gesang wieder wett. Und der Fürst war ein raubeiniger Mann, welcher derbe Musik zu schätzen wusste. Seine neidischen Gedankengänge wurden jäh unterbrochen, als eine dunkelhaarige Frau den Hof des Ruka betrat. Er erkannt sie sogleich als jene Frau, welche ihm in seinen Träumen erschienen war. Augenblicklich war sein Interesse für sie geweckt und sein Blick heftete sich auf sie. Der Dorfälteste hatte ihm schon von ihr erzählt. Er hatte ihm ihren Namen gesagt, Rahela wenn er sich recht erinnerte. Sie wirkte ein wenig erbost und schien ihn gar nicht bemerkt zu haben, als sie sich nahe des Feuers niedergelassen hatte. Er verstaute seine Laute in seinem Kasten und lehnte diesen dann an den gemauerten Verbau, welcher um die Feuerstelle errichtet worden war. Er wollte seine Laute nicht einfach auf dem Boden ablegen, denn es waren zu viele angetrunkene Sippenmitglieder anwesend. Rahela schien mit ihrem Groll so sehr vereinnahmt zu sein, dass sie ihn noch immer nicht bemerkt hatte und dies machte ihn ein wenig neugierig. Doch er musste sich hüten. Sie war Neeskia, die Schamanin des Clans. Womöglich hatte sie ähnliche Gaben, wie Fenris sie gehabt hatte. Er hörte schon förmlich die Stimme seines alten Freundes in seinem Kopf dröhnen. »Nimm dich in Acht. Erzürne sie nicht.« Sein glühendes, rotes Auge spielte ihm wieder einmal Streiche. Denn da flogen wirre Gedankenfetzen durch den Raum. Verwirrt blickte er sich um. Kurz schien das Feuer in seinem Auge auf zu lodern, denn es durchzog ihn ein leichter, brennender Stich. Doch er war genauso schnell vorüber, wie er gekommen war. Und doch vermochte er es nicht dem Rat Fenris' zu befolgen. Da stoben starke Gefühle aus Rahela heraus, beinahe wie Rauch aus einer Pfeife oder Öl aus einer zerbrochenen Flasche, welche sich am Grund des Meeres in die See ergoss. Sie war zornig und beleidigt. Diese Gefühle schlugen Adraéyu förmlich entgegen, als er sich ihr genähert hatte. Sie musste sich erst ein wenig abkühlen, und so wandte Adraéyu sich an den großen Speisentisch um sich drei hölzerne Becher zu nehmen. Zwei von ihnen füllte er mit einem kühlen, schaumigen Bier, und den anderen mit klarem Bergwasser. Das Wasser war noch eiskalt, denn ein Höriger hatte es erst vor wenigen Augenblicken aus dem Brunnen geschöpft, was Adraéyu verwunderte. Denn keiner der anwesenden Männer trank für gewöhnlich das Wasser. Es stand oft Stunden auf dem Tisch, ohne Beachtung zu finden, bis es letzten Endes dazu verwendet wurde etwa Erbrochenes weg zu schwemmen, oder sich die Hände darin zu waschen.

Mit den drei Krügen in der Hand näherte er sich wieder Rahela. Sie hatte ihren Eintopf inzwischen vertilgt, und starrte ins Leere. Als er direkt neben ihr stand, wandte sie unverholen ihren Kopf zur Seite und ihre Blicke kreuzten sich für einen kurzen Moment. »Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte Adraéyu und nickte leicht mit dem Kopf in Richtung der Bierkrüge. Wohl um ihr die Entscheidung leichter zu machen. Und tatsächlich. Sie richtete sich etwas aus ihrer bequemen Sitzhaltung heraus auf, und nickte nur zustimmend. Elegant ließ Adraéyu sich direkt aus dem Stand in den Schneidersitz nieder und stellte die Krüge vor sich auf den hölzernen Boden. »Wenn einem die Wut im Bauch gärt, und der Zorn einem das Gemüt erhitzt, hilft oft ein kühles Bier.« Er tippte mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers auf den Griff eines Bierkruges. Doch war er sich nicht sicher, ob er ihr das Bier auch zuschieben sollte. Wer wusste schon, ob sie nicht lieber das Wasser trinken würde? Und so hob er auch den Wasserkrug kurz an und lächelte. »Das Wasser ist eiskalt, falls dir das lieber ist?«

Adraéyu schob ihr schließlich beide Krüge näher hin, und tat daraufhin einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug. Doch kaum hatte er den Krug von seinen Lippen abgesetzt, da schoss ihm ein unangenehmer Gedanke durch den Kopf ›Verdammt, der Trinkspruch. Wie konnte ich das nur vergessen? Und die Krüge miteinander angestoßen haben wir auch nicht.‹ Adraéyu grummelte in sich hinein, und hielt ihr schließlich den Krug zum Anstoßen hin und setzte ein freundliches Lächeln auf.

Diese Frau verwirrte ihn ein wenig, denn er wurde nicht so recht aus ihr schlau. Sie war offensichtlich aus dem Norden, doch wirkte sie zugleich so fremd. Ob dies nur an ihrer dunklen, für die wilden Lande eher seltene, Haarfarbe lag, oder an ihrem wissenden Blick, vermochte Adraéyu im Moment nicht zu sagen. Sie hatte die ganze Zeit eigentlich noch nicht viel geredet, und Adraéyu wollte ihr zumindest ein Lächeln abringen, bevor er sie ihrem Trübsal wieder überlassen würde.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 13. Okt 2012 18:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Fr, 12. Okt 2012 21:21

Als sie die Augen wieder öffnete, stand plötzlich der Raéyun neben ihr. Er hatte drei Krüge in der Hand und fragte sie ob er sich zu ihr setzen dürfe. Rahela nickte und er ließ sich geschmeidig wie eine Katze in den Schneidersitz nieder. „Der Zaubersänger… du kannst Gedanken lesen, nicht wahr?“ Er sah sie für einen Moment überrascht an und sie fuhr fort „Eben dachte ich, etwas zu trinken wäre gerade richtig, und wie aus dem Nichts taucht Arn, der Zaubersänger auf, mit einem Krug Bier…“ Das Wasser schob sie zur Seite. „Danke, doch mit dem Wasser pflegen wir hier eher die Böden von dem Erbrochenen der Betrunkenen zu säubern…“ grinste sie. Sie ergriff den Bierkrug und beobachtete ihn, während er einen kräftigen Schluck nahm. Er hielt ein und wirkte beinahe entschuldigend, als er ihr den Bierkrug entgegenhielt. „Auf die Götter…“ meinte sie lächelnd und stieß an. „Ist es so offensichtlich dass ich Wut im Bauch habe?“ fragte sie, als sie einen Schluck aus dem Bierkrug genommen hatte und nachdem sie den Krug abgestellt hatte, wischte sie sich mit Daumen und Zeigefinger kleine Schaumreste aus den Mundwinkeln und der Oberlippe. „Es mag an Deinem düsteren Blick gelegen haben, aber es liegt in der Natur der Raéyun die Gefühle anderer zu verstehen…“ meinte er. „Es ist nicht leicht, sich gegen drei giftspritzende alte Weiber zu behaupten, wenn man gerade erst wieder in den Clan gekommen ist. Zum Henker mit ihnen… Man muss achtsam sein als Schamanin, Neider stehen an jeder Ecke, und sie scheuen sich nicht, einem beherzt das Messer in den Rücken zu stoßen… doch ich rede zu viel…“ meinte sie, nahm einen Schluck aus dem Krug und fügte hinzu „Ich habe gehört, Du hast in Cataras Todesstunde für sie gespielt…“ Er nickte. „:..und doch ist sie noch in dieser Stunde gestorben…“ setzte sie drauf. Er nickte abermals. „Vielleicht bist Du doch kein Zaubersänger…?“ Diese Worte kamen einem subtilen Todesstoß gleich. „Diesen Beinamen habe auch nicht ich mir gegeben…“ erwiderte er und ein wenig Unmut lag in seiner Stimme. „Sie war doch einfach nur uralt…“ zwinkerte sie ihm zu als sie seinen Unmut bemerkte. „Wem wird schon die Gnade zu solch einem langen Leben zuteil? Manchmal tun sich die Menschen schwer damit, gewisse Umstände zu akzeptieren und suchen dann die Schuld bei jemand anderem… ich als Schamanin kenne das zur Genüge…“ Sie nahm noch einen Schluck Bier während sie auf sein glühendes Auge starrte und meinte dann frech „Ein wahrhaft interessantes Auge besitzt Du… erschreckst Du damit die Kinder des Clans, oder dient es noch einem anderen Zweck?“ „Das und noch mehr…“ erwiderte er. Sie schmunzelte „Ich bin neugierig… und wie hast du es erhalten?“ „Das ist eine lange Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie Dir einmal…“ „Tu das Beizeiten, ich höre abends gerne lange Geschichten… denn meine Nächte sind mitunter einsam…“ lächelte sie ihn herausfordernd an. „Du gibst Dich sehr geheimnisumwittert, Zaubersänger… ich muss zugeben, darin liegt ein gewisser Reiz…“ Sie senkte die Augen und ihre langen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen die im Feuerschein tanzten.

Sie verharrte eine Weile so und wurde dann jäh zurückgeholt als sie Runyars Worte vernahm. „Guten Abend, Rahela…!“ Sie blickte auf, sah ihn an und nickte zum Gruß. Runyar senkte den Kopf zum Gruß in Richtung des Barden. Er sah sich ein wenig unschlüssig um und fragte dann „Störe ich?“ „Aber nein, setz Dich doch…“ erwiderte Rahela. Er setzte sich mit seinem Bierkrug zwischen die beiden und schnaufte kurz, als seine Kniegelenke laut knackten. „Es gibt Unstimmigkeiten?“ wandte er sich Rahela zu. Sie runzelte die Stirn „Welche Unstimmigkeiten meinst Du?“ „Mir ist da einiges zu Ohren gekommen von drei gewissen Kräuterweibern…“ „Ach das…“ meinte sie abwertend. „Wie kommt es zu solchen Gerüchten?“ bohrte er neugierig nach. „Woher soll ich das denn wissen? Du weißt Runjar, ich kann Dir nichts sagen… das ist eine Angelegenheit zwischen der Schamanin und der Hilfesuchenden.“ versuchte Sie die Diskussion im Keim zu ersticken. „Natürlich, natürlich, doch wenn es irgendwann Probleme geben sollte, wäre es doch gut, wenn ich eingeweiht wäre, meinst Du nicht?“ grinste er listig. „Habe ich Grund zur Sorge?“ fragte sie frei heraus. „Natürlich nicht, der Fürst hält auf jeden Fall mehr von Dir als von den alten Weibern… und doch liegt der Nachteil auf deiner Seite, weil Du noch so jung bist und noch nicht lange hier…“ „Es ist immer dasselbe“ meinte sie bitter, mehr zu sich, als zu dem Dorfältesten. „Heinar lag bei seiner Tochter“ flüsterte sie. „Und als sie hilfesuchend zu mir kam, trug sie sein Kind unter dem Herzen… sie bat mich, es weg zu machen, und das habe ich getan… Du weißt, dass die Blutschande bei weitem schwerer wiegt als der Verlust eines solchen Bastards…“ Er pfiff überrascht. „Doch wieso sprechen die Alten von einer solch schweren Anschuldigung, Du hättest etwas mit seinem Tod zu tun?“ „Sie sind verbitterte, gelangweilte, alte Vetteln…“ sprach sie gerade heraus. „Ich habe dem Mädchen einen Gewürzwein gegeben, damit die Lust dieses [18]Hurenbocks[/18] sich dämpft… Wein, Honig, Zimt und Keuschwurz, mehr war es nicht… Dass er im Schlaf an seinem eigenen Blut erstickt ist, kann viele Ursache gehabt haben… vermutlich hatte er eine bösartige Geschwulst in seiner Speiseröhre oder in seiner Kehle. So etwas blutet stark, wenn es aufbricht… vermutlich haben ihn die Götter damit gestraft…und er konnte noch froh sein, dass es so gnädig und schnell zu Ende ging… “ Runjar nickte. Rahela leerte den Bierkrug, stellte ihn neben sich auf den Boden und schob ihn ein wenig weg. „Doch ich sage Dir, ich lasse mir ein solch unflätiges Verhalten nicht gefallen. Ich bin die Schamanin und die Ranghöhere und der Fürst hat mich bestimmt, im Gegensatz zu diesen neidigen, geschwätzigen und verbrauchten alten Weibern, die von nichts etwas verstehen. Wenn sie es unbedingt wollen, dann scheue ich mich nicht, eine Fehde mit ihrer Familie anzufangen. Noch habe auch ich Familie…“ Es war ihr ein wenig unangenehm, dass sie diese Sache vor dem Raéyun ausdiskutiert hatte. Andererseits war es auch egal. Wenn er es weitererzählen würde, würde sich zumindest diese Version der Geschichte verbreiten, was nur zu ihrem Vorteil sein konnte. Die Halle wurde nur von lautem Gelächter, Raunen, Stimmengemurmel und Geschirrgeklapper erfüllt.

Keiner der Skalden spielte in diesem Moment und Runjar wandte sich an den Barden. „Würde es Euch etwas ausmachen, uns mit einem Eurer Lieder zu erfreuen?“ Er warf einen Blick auf Rahela und meinte dann schelmisch grinsend „Ich glaube, unserer Schamanin würde eine beruhigende und berührende Weise sicherlich gut tun…“ Rahela warf einen giftigen Blick zu dem Dorfältesten und kräuselte leicht die Lippen. Der Barde nickte höflich und griff zu seiner Laute. Rahela hangelte nach dem Krug mit Wasser. Ein weiterer Krug Bier wäre ihr zwar lieber gewesen, doch in diesem Moment herrschte eine Stimmung, in der man einfach so verharren wollte, wie man gerade war, weil man die Blicke die einem hinterhergeworfen würden, im Rücken förmlich spüren würde. Der Barde warf ihr einen kurzen Blick zu und meinte schließlich „Wird in diesen Hallen mit Wasser nicht nur Erbrochenes weggespült?“ Rahela funkelte ihn an und erwiderte schließlich „Manchmal lässt sich damit auch Gift und Galle herunterspülen…“ Doch dann schmunzelte sie, um der Situation ein wenig die Brisanz zu nehmen. „Spiel lieber für mich, Zaubersänger…“
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Sa, 13. Okt 2012 9:59

Bilddraéyu hatte sich ein wenig ertappt gefühlt, als Rahela ihn gefragt hatte, ob er Gedanken lesen könne. Natürlich war es ein wenig komplizierter gewesen, als einfaches Gedanken lesen, doch hatte er versucht, seine Überraschung dahingehend zu verbergen, dass er einen leichten, geheimnisvollen Blick aufgesetzt hatte. Doch er erkannte in Rahela einen äußert wachen Geist, der sich nicht allzu leicht ins Bockshorn jagen ließ. Er würde in Zukunft mehr Vorsicht walten lassen und seine raéyun'schen Gaben mit mehr Bedacht einsetzen.

Sie hatte ihn Zaubersänger genannt, doch hatte ein gewisser Hohn oder Spott in ihrer Stimme gelegen, was einen gewissen Unmut ihn ihm aufsteigen hatte lassen. Sie hatte aber eine faszinierende Art an sich, und er konnte nicht anders, als das Gespräch mit ihr zu suchen. Die Visionen, welche er vor einigen Monaten von ihr gehabt hatte, hatten sich wie Bilder in sein geistiges Auge eingebrannt. Die alten Götter, oder wohl eher die Etáín hatten ihm in seinen Visionen Rahela gezeigt. Ein zufriedenes Grinsen huschte für einen Moment über seine Mundwinkel, als er an die Etáín dachte. Diese Visionen und Bilder konnten doch nur von ihnen stammen, dessen war Adraéyu sich sicher. Diese Erfahrungen hatte seinen Glauben an die alten Götter und noch mehr an die Etáín gefestigt. Und er wollte unbedingt erfahren warum Rahela ihm in diesen seltsamen Träumen erschienen war. Und nun, da sie endlich vor ihm saß, spürte er einen unsäglichen Drang sie näher kennen zu lernen. Er wusste nicht, ob es Rahela genauso erging, oder ob sie das unscheinbare Knistern, welches in der Luft lag ebenso vernahm wie er. Doch kam er nicht umhin sie näher zu betrachten.

Ihr Gesicht wurde von den wilden Haaren, schön eingefangen. Doch wirkten ihr Haare chaotisch und ungekämmt. Ihre roten Lippen stachen aus dem Gesicht mit der hellen Haut angenehm hervor. Adraéyu empfand helle Haut schon seit jeher als etwas, welches einer Frau gut zur Zierde stand. Es verlieh dem Bild einer Frau einen edlen Rahmen, welcher ihre natürliche Schönheit gut unterstrich. Als ihre Blicke sich kreuzten sah er in ihre wilden, unergründlichen Augen und verlor sich für einen Moment darin. Und ihre heugrünen Augen strahlten, trotz der Wärme in der Halle des Fürsten, eine gewisse Kühle aus. Adraéyu konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob dies an ihrem derzeitigen Gemüt lag, oder ob sie eher ein kühler Mensch war. Doch dann huschte ihr ein diebisches Lächeln über die Wangen, und Adraéyu war sich sicher, dass sie tief im Herzen kein Eis in sich tragen konnte. Und Adraéyu löste seinen Blick von ihren Augen und sein Blick blieb auf ihrer Nase hängen, welche ihr Gesicht ein wenig entstellte. In der Kühle ihrer Augen hatte etwas gelegen, ein dunkler Glanz, welcher Adraéyu ein gewisses Unbehagen bereitet hatte.

Sie war eine wilde und faszinierende Frau. Adraéyu kam nicht umhin dies als angenehm zu bemerken. Und doch, saß sie alleine in der Halle des Fürsten. Sie trog weder einen Ring an einem ihrer Finger, noch trug sie einen eisernen Schlüssel an einem Band um ihren Hals. Sie war schon weit über dem Alter, in welchem Väter ihre Töchter für gewöhnlich verheirateten, und doch hatte er nie einen Mann an ihrer Seite gesehen. War sie frei und ungebunden? Oder war sie gar geächtet aber geduldet? Adraéyu war so in Gedanken versunken, dass er Rahelas herausforderndes Lächeln gar nicht so richtig wahrgenommen hatte. Denn seine Gedanken waren zwiegespalten, wenn er Rahela betrachtete. An ihr haftete der Reiz des Unbekannten, des Geheimnisvollen, und vielleicht auch des Verbotenen. Wer war diese Frau? Warum führten die Etáín ihn zu ihr? Und er konnte sich nicht von diesem Gedanken losreißen. Und zugleich war Rahela ein wenig unheimlich und schien eine berechnende Frau zu sein, welche um ihre Vorzüge wusste. Sie war wild und kühl und trug die wilden Lande im Herzen. Adraéyu hatte schon viele schöne Frauen gehabt, makellose Schönheiten und hochgeborene, edle Jungfrauen. Rahela entsprach ganz und gar nicht diesem Bild von Frau, welche er in den großen Städten umgarnt hatte. Auf gewisse Weise wirkte sie eine gewisse Faszination auf ihn aus. Die Faszination einer fremden Frau. Doch lag dies an ihr und ihren wilden, aber dennoch weiblichen Reizen, oder an seiner Vision? Würde Adraéyu sie auch beachten, wenn er nicht von ihr geträumt hätte? Wäre sie ihm dann überhaupt aufgefallen? Ja ihre Haarfarbe war etwas Besonderes in den wilden Landen. Rote Haare waren schon selten, und man sagte Rothaarigen nach, sie hätten das Feuer der Drachen im Herzen, als ob sie vom Feuer geküsst worden wären. Doch ihre schwarze, wallende Haarpracht, stach unter dem blonden Strähnenmeer regelrecht hervor. Unweigerlich musste Adraéyu schmunzeln, hatte er doch schließlich auch pechschwarze Haare. Und auch er war ein Fremder für sie. Je länger er sie betrachtete, desto mehr wurde ihm eines klar: Er wollte ihr Geheimnis ergründen. Doch, so reizvoll sie auch war, wollte der Funke nicht so ganz überspringen. Lag es an dem bedrohlichen Funken, welcher zuweilen in ihren Augen aufblitzte, oder das dunkle Unbekannte, welches sie umwehte? Oder an dem mangelnden Wissen über die Sitten der wilden Lande. Keinesfalls wollte er sich in die Nesseln setzen, denn auch wenn Adraéyu schon einige Zeit in den wilden Landen zugebracht hatte, wusste er noch nicht um alle Regeln und Gepflogenheiten.

Adraéyus Gedanken wurden unterbrochen, als einer der Ältesten des Clans an sie herangetreten war. Innerhalb weniger Augenblicke war Rahelas Aufmerksamkeit für Adraéyu wie vom Winde verweht und sie hatte sich ganz dem Ältesten gewidmet. Es schien um eine wichtige Angelegenheit zu gehen, und Adraéyu schweifte gedanklich ab. Er wollte die beiden nicht belauschen, denn da sie sich gedämpft unterhielten, schien es vertraulich zu sein. Eine gewisse Neugierde konnte Adraéyu allerdings nicht verbergen, und so nahm er den einen oder anderen Wortfetzen aus diesem Gespräch mit sich. Sein Blick wanderte durch die Szenerie, und er bemerkte, dass die wenigsten sich für die Schamanin, den alten Mann und den Raéyun interessierten. Der Abend war schon weit voran geschritten. Manche der anwesenden Männer wankten mehr, als dass sie standen. Und allen voran lachte und donnerte die Stimme Benwicks. Seine tiefe Stimme übertönte selbst das Gröhlen einiger Hersen, welche wohl zu seiner Sippe zählten und ein Trinklied angestimmt hatten. Doch Adraéyu war aufgefallen, dass die beiden Skalden, welche zuvor für Benwick und seine Frau Asa aufgespielt hatten, verschwunden waren. Er suchte die Halle ab, und bald entdeckte er jenen, welcher die Sackpfeife geblasen hatte. Er lag betrunken unter dem Tisch und schnarchte. In seiner Linken hielt er ein leeres Trinkhorn, dessen Inhalt sich über den hölzernen Boden ergossen hatte. Die Tür zur Halle ging immer wieder auf, und es traten stets neue Menschen ein, um dem Fest beizuwohnen. Und da entdeckte er schließlich auch den zweiten Skalden. Er verließ gerade mit einer Unfreien die Halle. Adraéyu musste schmunzeln. Er durfte sich keinesfalls erwischen lassen, wenn er mit einer von Benwicks Hörigen die Halle verlassen hatte.

Als Adraéyu sich wieder Rahela widmete, sprach sie noch immer mit Runjar, dem Ältesten. Neben Adraéyu lag ein betrunkener Krieger und brabbelte zusammenhanglose Worte, wohl die eines Trinkliedes, vor sich hin. Hinter Runjar standen zwei Hörige und wischten den Boden auf und tuschelten miteinander. Einer von ihnen deutete immer wieder auf Rahela oder Runjar und nickte dann eifrig. Adraéyu zuckte mit den Schultern. Dies ging einige Zeit so, bis Runjar das Wort an Adraéyu richtete. » Ich glaube, unserer Neeskia würde eine beruhigende und berührende Weise sicherlich gut tun …« Adraéyu war der missbilligende Blick Rahelas nicht entgangen und er verzog unweigerlich den Mund bevor er höflich nickte. Doch sie hatte ihn noch nicht spielen gehört. Er war nicht mit den Skalden, welche sie sonst kannte, zu vergleichen. Er öffnete den Lautenkasten und strich sanft über die Saiten. Als ob sein Musikinstrument eine Liebhaberin sei. Als Rahela den Wasserkrug nahm, und daraus trank, ließ es Adraéyu sich nicht nehmen, sie ein wenig zu necken. »Wird in diesen Hallen mit Wasser nicht nur Erbrochenes weggespült?« Rahela funkelte ihn an und erwiderte schließlich »Manchmal lässt sich damit auch Gift und Galle herunterspülen …« Doch dann schmunzelte sie und Adraéyu grinste ein wenig schelmisch. »Spiel lieber für mich, Zaubersänger« und das brauchte man Adraéyu selten zwei Mal sagen.

Adraéyu nahm seine Laute zur Hand und räusperte sich. Sie wollte ein Lied hören? Nun sie sollte ein Lied bekommen. Er suchte nochmals ihren Blick, bevor er in die Saiten griff.

[18]
Es war einst ein Weib,
jung sie war, und manchmal fies.
Sie hatte einen Leib,
der mir die Hose platzen ließ!

Ihre Augen waren grün,
und ihre Lippen rot.

Nach ihren Schenkeln ich mich verzehrte,
doch ließ sie sie mich nicht teilen.
So sehr ich sie auch begehrte,
ich durfte nicht verweilen.

Ihre Haare waren schwarz,
schwarz wie ihr Bär!

Ach, wär's mir doch vergönnt,
meine Flöte sänge Lieder.
Tag und Nacht ich könnt'!
Und immer, immer wieder!

Ihren Bär zu bändigen,
mich an ihr versündigen!

Ihre Lippen rot wie Blut,
ihr Bär so schwarz wie Kohle!
In mir schwelt die Glut!
Bis ich sie mir einst hole.
[/18]

Die Männer gröhlten bei diesen Reimen und Adraéyu brauchte seine Gabe nicht einmal zu benutzen um die Stimmung an zu heizen. Der Alkohol war der beste Freund des Barden. Adraéyu suchte hier und da Augenkontakt mit den anwesenden Männern, welche beim Refrain mitsangen. Doch Rahela, wagte Adraéyu nicht an zu sehen. Langsam tanzte er durch die Reihen, und brachte einen angenehmen Abstand zwischen sich und Rahela. Er sah sogar Benwick tanzen. Seine Frau schien eher ungehalten über dieses Lied, doch war dies Benwicks Fest. Seine Gunst galt es zu erwerben. Und das war Adraéyu gelungen.

Adraéyu verbrachte den Rest des Abends in der Gesellschaft Benwicks. Dies war ihm nur recht. Denn er hatte bei seinem Lied wohl über die Stränge geschlagen, das wusste er spätestens nach Rahelas Ausbruch. Der Fürst war dafür umso angetaner von seiner Gesellschaft. Er erzählte ihm die Geschichte, wie er gegen einen Raéyun im Birkenhain gekämpft hatte. Allerdings ließ er die schmachvolle Erniedrigung dabei aus.

Als das Fest sich langsam dem Ende neigte, packte Adraéyu seine Laute zusammen. Rahela war nicht mehr anwesend. Und so verschlug es ihn auch nach Hause. Er wohnte noch immer im Hause Fenris', da es keinen neuen Runenmeister gab, und das Haus ansonsten nur leer stehen würde. Der Alkohol war ihm schon sehr zu Kopfe gestiegen, als er endlich das Haus erreicht hatte. Zwar hatte die kühle Nachtluft ihm ein wenig von dem Rausch abgenommen, doch als er endlich in das Bett gefallen war, war er sehr schnell in einen tiefen, traumlosen Schlaf verfallen.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Sa, 13. Okt 2012 18:06, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Sa, 13. Okt 2012 11:34

Er warf ihr noch einen vielsagenden Blick zu und sie lächelte. Doch kaum hatte er die Saiten angeschlagen, bereute sie, dass sie heute Abend die Halle des Fürsten aufgesucht hatte, und mehr noch, dem Raéyun gewährt zu haben, bei ihr zu verweilen. Er hatte sich während des Spiels immer weiter von ihr entfernt, und er tat gut daran! Rahela kochte innerlich. Sicher, es war nur ein Lied, ob er sang und dichtete, wie es gerade aus ihm heraussprudelte oder ob es sich um eine althergebrachte, mit Sicherheit umgemünzte Weise handelte, war Rahela in diesem Moment egal. Sie ertrug mit Widerwillen das Gelächter und Gegröle, welches zum größten Teil ihr galt. Als er sein Spiel beendet hatte, sprang sie auf. „Ruhe! Ruhe!“ schrie sie aufgeregt in die Halle und es dauerte ein Weilchen, bis auch der letzte Lacher verebbt war. Sie starrte in viele rote Gesichter, die, Lachtränen wegwischend, gespannt verharrten. Sie suchte den Blick des Barden, der triumphierend grinsend seine Blicke über die Halle schweifen hatte lassen. Doch, eines musste der Neid einem lassen, er hatte heute Abend sicherlich den einen oder anderen Anhänger gewonnen. „Wie kannst Du es wagen, mich derart zu beleidigen?“ rief sie und die Zornesröte stieg ihr ins Gesicht. Bei den Alten, sie war bestimmt nicht schamhaft oder züchtig, doch sie vor allen Anwesenden zum Gespött zu machen, war ihr dann doch zu viel gewesen. „Was bildest Du Dir ein?“ schimpfte sie. „Niemals wirst Du meinen…“ sie hielt kurz inne, weil sie nach dem passenden Wort suchte, doch es fiel ihr keines ein, darum ergänzte sie „...meinen Bären bändigen, noch werde ich je auf Deiner Flöte spielen…!“ Erneut brach lautes Gelächter los, und auch der Barde konnte sein Lachen nicht zurückhalten. Zornig ergriff sie einen Bierkrug und schmetterte ihn auf den Boden wo er klirrend in viele kleine Stücke zerbrach. Sie schob sich ungehalten zwischen den Bänken und Menschen durch und lief aus der Halle, bis sie außer Atem an ihrem Haus ankam.

Am nächsten Tag saß Rahela am späten Vormittag bei Tisch, und trank einen Becher Kräutertee. Auf ihrem Arm saß Thargôn und sie sprach ihm vor. Immer und immer wieder, unermüdlich sprach sie ihm seinen Namen vor, schon seit Wochen. Einmal hatte er ihn wiederholt, doch das war schon einige Tage her und seitdem, so hatte sie den Eindruck, hatte er sich nicht bemüßigt gefühlt, es noch einmal zu tun. Kein Leckerbissen half, das Tier hatte scheinbar seinen eigenen und auch starken Willen. Es war klug und eigensinnig. Rahela seufzte „Thargôn… einmal nur… für mich…“ Doch er hielt seinen Kopf schief, sah sie an und hoffte, noch eine Nuss zu erobern. „Genug für heute… Du willst mich zum Narren halten…“ „Narr…“ schnarrte der Rabe. Rahela blickte ungläubig zu ihm und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. Sie hielt ihm die Nuss, die sie bis jetzt umschlossen gehalten hatte, hin. „Möchtest Du ein wenig fliegen?“ fragte sie ihn, während sie zu ihrem Kräuterschrank ging und einige Leinenbeutel, Fläschchen und dergleichen einpackte und schließlich zur Türe ging. Sie musste ohnehin in den Clan. Es machten sich Anzeichen einer Grippe bemerkbar und sie war zu einigen Häusern gerufen worden, um nach dem Rechten zu sehen. Der Rabe flog auf und landete auf ihrer Schulter. Sie lächelte. Sie hatten sich schon ziemlich gut aneinander gewöhnt, das Tier folgte ihr beinahe auf Schritt und Tritt. Nur mit dem Sprechen zeigte er sich eigensinnig und selbstbestimmt, doch auch diese Hürde würde sie meistern, er konnte schließlich, wenn er wollte. Sie trat aus der Türe, schloss sie hinter sich und ging den Weg ins Dorf. Thargôn balancierte von ihrer Schulter auf den Arm und von dort auf ihre Hand. Er rutschte ab, krallte sich in ihre Hand und hinterließ mit seinen Krallen einige Kratzer auf ihrem Handrücken. „Na los, flieg!“ Rahela senkte ihre Hand und stieß sie schließlich in den Luft, um den Raben zum fliegen zu animieren. Er stob in die Höhe und flog schließlich mit kräftigem Flügelschlag über den Clan, hinüber zu den kieferbewaldeten Hängen. Sie sah ihm noch eine Weile zu, bis er mit dem dunkelgrün der Kiefern verschwamm und dann setzte sie ihren Weg fort. Als erstes ging sie ins Haus der Familie Thorjen. Die Kinder waren beide erkrankt, doch es stellte sich als eine harmlose Erkältung und nicht als echte Grippe heraus. Rahela ließ der Mutter für die beiden einen honigsüßen Kräuterauszug der das Abhusten erleichtern sollte da und gab noch einige Ratschläge, die der Genesung förderlich waren.


Danach ging sie ins Haus eines Paares der Familie Skarl, deren lang ersehnter Kinderwunsch sich nicht einstellen wollte. Eine heikle Angelegenheit. Nicht jedem war es von den Göttern vorbestimmt, Kinder zu bekommen, und den Willen der Götter durfte man nicht ignorieren. Doch es war Arbeit, wie jede andere und sie würde sie entlohnt bekommen, das war das Einzige, das zählte. In den besten Fällen gab es kleine körperliche Einschränkungen die diese Anlaufschwierigkeiten verursachten und wenn sie diese beseitigen konnte und die Frauen doch noch schwanger wurden, stieg Rahela noch im Ansehen, was ihr nur zu Gute kommen konnte. Sie untersuchte die Frau. Es stelle sich heraus, dass sie im inneren ihrer Scham Knötchen und Geschwulste hatte. Rahela runzelte die Stirn. Sie hatte solch einen Fall zusammen mit Catara einmal in einem Clan erlebt. Es waren mehrere Erwachsene daran erkrankt gewesen. Sie betastete sie an den Armbeugen, am Hals, in der Leiste und überall konnte sie kleine Knötchen erfühlen. „Ich möchte auch Euren Mann untersuchen…“ meinte Rahela ein wenig unsicher… „dazu muss er allerdings seine Hose ausziehen“. Der Mann grinste, und Rahela ärgerte sich ein wenig, doch sie musste Gewissheit erfahren. Als sie sein Glied betrachtete, fiel ihr auf der Unterseite ein aufgebrochenes Geschwür auf, und die Hautstelle war stark gerötet. „Schmerzt das?“ fragte sie ihn und er verneinte. Rahela stand auf, ging zu ihrer Tasche und schüttete sich aus einem Fläschchen in dem sich reiner Alkohol befand, eine große Menge in die Hände und rieb diese solange, bis der Alkohol verdunstet war. „Du hast den harten Schanker…“ meinte sie zu ihm. „Und Deine Frau hast du damit angesteckt… seid froh, dass Euch ein Kinderwunsch bisher versagt blieb.“ Die Frau blickte sie verständnislos an. Offenbar wusste sie nicht, worum es sich handelte, was Rahela nur noch stärker zu der Annahme brachte, dass es nicht die Frau war, die sich zuerst damit infiziert hatte, da sie augenscheinlich nicht sehr erfahren war. Dem Mann blieb der Mund offen stehen. „Ich muss alle Namen erfahren jener, mit denen Du Dich außer Deiner Frau vergnügt hast… ihr seid eine Gefahr für den gesamten Clan… ihr seid imstande und setzt eine wahre Epidemie in Gange… Es tut mir leid, aber ich kann nichts für Euch tun, für diese Krankheit gibt es weder Heilung noch Linderung.“ Die Frau begann zu schluchzen und der Mann wirkte betreten. Nachdem der Mann ihr die Namen der drei Frauen genannt hatte, mit denen er sich außerehelich vergnügt hatte, verließ sie die Hütte. Solche Geschichten stimmten Rahela oft nachdenklich. Die einzigen Sorgen, die Menschen beim Geschlechtsakt hatten, waren, einen Bastard zu zeugen, doch es gab wahrlich schlimmeres als dies. Ein Kind war harmlos, die Krankheiten, die man sich dabei einfangen konnte, endeten immer in einer qualvollen und immer tödlich verlaufenden Krankheit.

Sie musste ihre Arbeit nun unterbrechen und lief zur Halle des Fürsten. Dies war eine dringliche Angelegenheit und sie musste sogleich vor dem Fürsten vorsprechen. Sie verneigte sich, als sie vor den Fürsten trat. „Ruka tu Nemia Faernach …“ sprach sie ehrerbietend und verneigte sich vor ihm. „Rahela… was kann ich für Dich tun? Nicht so förmlich, es ist ja kaum jemand da, bis auf meine Familie… komm, setz Dich zu mir und trink etwas mit mir.“ Dem Fürsten konnte man keinen Wunsch abschlagen. Es geziemte sich ohnehin nicht, und der Fürst hatte eine solch einnehmende Art, der man sich kaum zu entziehen vermochte. Er füllte ihr ein Horn mit Met und reichte es ihr. „Also…“ sprach er, als er einen kräftigen Schluck getrunken hatte. „Was führt dich zu mir?“ „Es ist das Paar der Skarl Familie. Der Mann hat den harten Schanker… eine hochansteckende gefährliche Krankheit wie Du weißt… er hat seine Frau damit angesteckt und drei andere Frauen des Clans. Ich kenne diese Frauen nicht, daher weiß ich nicht, ob es verheiratete Frauen sind und ob diese nicht noch mit anderen Männern Unzucht getrieben haben…“ Der Fürst kratzte sich seinen Bart „Heieieieiei…“ murmelte er ein wenig ratlos. „Es gibt nur eine Möglichkeit…“ rief sie ihm in Erinnerung. „Dieses Paar muss aus dem Clan verbannt werden, die drei Weiber ebenso, und es muss hieb und stichfest geklärt werden, ob diese sich auch mit anderen vergnügt haben… sonst dauert es nicht lange und diese verheerende Krankheit wird sich im gesamten Clan verbreiten…“ Der Fürst nickte. Sie nannte ihm die Namen und er rief einen Boten zu sich. „Du da, Du schickst sofort drei Boten zu den Häusern der Familie Kors, Mjalden, und Bargan… die Töchter haben sich unverzüglich hier einzustellen um mir Rede und Antwort zu stehen, wir werden ein Thing einberufen!“ Der Bote nickte und verschwand. Dann wandte er sich wieder Rahela zu und klopfte ihr hart auf die Schulter. „Ich wusste ja, warum ich Dich ausgewählt habe, Du gefällst mir, Du hast was im Kopf!“ Rahela senkte demütig die Augen und wandte sich wieder ihrem Met zu „Du ehrst mich, mein Ruka…“ Sie hielt noch kurz ein, wollte etwas ansprechen, aber sie beließ es dabei, stand auf, verneigte sich und ging dann Richtung Ausgang.

Als sie die Halle verließ, stieß sie auf die drei Kräuterweiber. Rahela ignorierte sie und beachtete sie nicht weiter. Eine der drei Weiber unkte „Sieh an, unsere Schamanin beim Fürsten… was das wohl zu bedeuten hat?“ Rahela wandte sich nun doch um. „Ihr wisst gar nichts, ihr alten Weiber!“ rief sie erbost. Das fehlte gerade noch, dass eine der drei Giftspritzen Gerüchte in die Welt setzte. Sie hätte auf ihren Instinkt vertrauen sollen, und dem Fürsten erzählen sollen, dass es Differenzen mit den Weibern gab, die ihr eigentlich hilfreich zur Seite stehen sollten. Am liebsten war es ihr, sie würden gleich zusammen mit den Erkrankten verbannt werden, doch dann fehlten dem Clan Kräuterweiber und Rahela kannte noch keine Frauen, ob sie nun geeignet waren, oder nicht, denen sie vertraute und die sie um sich haben wollte. Doch der Plan, die Weiber loszuwerden, gefiel Rahela dennoch. Zumindest die eine, Rahela wusste nicht, wie sie hieß, es interessierte sie auch nicht, doch sie war besonders giftig und gab Rahela die Schuld an Morachs Tod. Dass dies eine Tatsache war, ließ sich nicht abstreiten, doch es gab keine Spuren und aus reiner Antipathie einen Menschen zu beschuldigen, war selbst für Rahela eine Spitze der Dreistigkeit… Thargôn kam krächzend angeflogen, Rahela sah es, und hielt ihm ihren Arm entgegen, damit er darauf landen konnte. Eine der Weiber kreischte leise auf. „Da seht ihr es, sie schart Raben um sich… diese geflügelten unheilbringenden Seelenräuber…“ „Was redest Du, Weib?“ rief Rahela überrascht. „Selbst die Götter finden Wohlgefallen an diesen edlen klugen Tieren…“ Die dritte von Ihnen flüsterte. „Es heißt, dass ein Rabe, der das Herz eines Menschen frisst, weiser wird als alle anderen. Er weiß um alle verborgenen Dinge und um viele nur selten gehörte…“ Rahela funkelte sie böse an „So dann, lass es uns herausfinden und wir werfen ihm Dein Herz hin…“ Sie hatte genug. Sie kehrte den Weibern den Rücken zu und ging zurück zu ihrem Haus. Sie schenkte sich einen Schnaps ein und tobte, als sie im Haus auf und ab lief und ihre Röcke wirbelten herum. Sie schimpfte zu Thargôn. „Diese verfluchten alten Weiber! Was habe ich ihnen getan? Ich schwöre bei den Alten, liebend gerne werde ich Dir ihre Herzen zum Fraß vorwerfen! Alle drei! Eins nach dem anderen!“ Thargôn schnarrte…
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Adraéyu » Sa, 13. Okt 2012 18:51

Bildit Anbruch des Tages, wurde Adraéyu am nächsten Morgen unsanft von aufgebrachten Schreien und verzweifelten Bitten geweckt. Vor dem Haus war ein heftiger Tumult und die Stimmen drangen dumpf durch die Türe und Mauerritzen. Er konnte eine Frau weinen hören, und eine tiefe Männerstimme schrie. Da Adraéyu in seinem Gewand geschlafen hatte, musste er sich nicht anziehen und eilte sogleich vor die Tür, um zu sehen was denn los war. Und als er auf den Platz vor dem Haus trat, sah er eine kleine Menschengruppe, welche stetig anwuchs. In der Mitte der Menge lag eine junge Frau am Boden. Sie weinte und stützte sich mit beiden Händen am Boden ab, um nicht gänzlich danieder zu liegen. Über ihr stand ein Mann mittleren Alters. Er schrie und war sichtlich zornig. »Was ist hier los?«, erkundigte sich Rahela. Die Schamanin war ebenso wie Adraéyu von dem Tumult geweckt worden, und hatte sich in die vorderste Reihe geschoben. Adraéyu trat einen Schritt zurück, damit sie ihn nicht sofort bemerkte. Doch zog der Tumult ohnehin alle Aufmerksamkeit auf sich.

»Sie hat ihren Vater umgebracht!«, brüllte der Oheim der jungen Frau. Viele sahen sich bei diesen Worten ungläubig an, und bedachten die am Boden liegende, junge Frau sogleich mit bösen Blicken. Doch Rahela hob gleich beschwichtigend die Hände. »Wer hat das behauptet? Hast du es gesehen?« Adraéyu hatte das Mädchen noch nicht erkennen können, denn sie hielt ihr Haupt gesenkt und die Haare fielen ihr ins Gesicht. Doch als Rahela keine Antwort bekommen hatte, war es für einen Moment still. »Nein …«, erschall dann schließlich doch die Antwort. »… aber ich habe heute Morgen erfahren, dass er bei ihr gelegen hatte! Von einem Thraell! Selbst dieser wertlose Dreck wusste es, nur ich nicht! Und ich gehöre zu ihrer Sippe. Sie hat meinen Bruder getötet, weil er bei ihr gelegen war.« Diese Tat war bei in den wilden Landen wohl genauso schändlich, wie Vatermord. Dies entnahm Adraéyu den Reaktionen der Umstehenden. Als niemand etwas auf diese Anschuldigungen sagte, fuhr der Bruder des Toten fort. »Hätte ich davon früher gewusst, hätte ich persönlich meinen Bruder vor den Thing geführt! Doch sie hat ihn vergiftet oder erdrosselt!« »Sein Tod kann viele Ursachen gehabt haben! Eine geplatzte Krampfader, oder starkes Nasenbluten während er schlief!« Doch der Mann winkte die Schamanin nur abfällig ab. »Er war all die Tage zuvor kerngesund! Ich habe auch gehört, dass sie bei dir war! Hat sie bei dir Gifte gekauft? Ich gebe nichts auf deine Worte, Bärenhexe! Für den Mord an ihm verlange ich Blutrache! Ich verlange mein Recht auf den Blutaar!« Bei diesen Worten keuchte die junge Frau auf und sah hilfesuchend zur Schamanin.

Diese Forderung schien aber einige der Anwesenden als sehr hart zu empfinden. Sie begannen zu murmeln und einer von ihnen erhob seine Stimme. »Ein Thing!« »Ja ein Thing soll entscheiden!« »Lasst sie eine Götterprobe bestehen! Wenn niemand gesehen hat, was geschehen ist, sollen die Götter über ihr Schicksal entscheiden!«

Adraéyu sah, wie die Menschenmenge sich langsam auflöste. Teresa wurde von ihrem Oheim getrennt. Man wollte verhindern, dass er ihr etwas antat, bevor das Thing über sie gerichtet hatte. Zu diesem Zweck wurde sie zum Fürsten in die Halle gebracht, um dort bis zum Thing auszuharren. Adraéyu war noch nie bei einem Thing anwesend gewesen. Er wusste, dass es für Außenstehende verboten war, daran teilzunehmen. Doch er wollte mit Benwick darüber reden und folgte den Männern und Frauen zu der Halle des Ruka.

Ein Thing war einberufen worden. Als Mann, welcher seinen Platz unter den Männern des Clans errungen hatte, stand ihm auch hier das Recht zu, dieser Versammlung bei zu wohnen. »Kannst du mir sagen, was dort geschehen wird?«, fragte Adraéyu Benwick, und dieser schloss ein wenig betrübt die Augen. »Nichts Gutes, Charaid. Das heutige Thing wird ein hartes Gericht werden. Viele werden mit einigen Entscheidungen nicht einverstanden sein. Aber so will es das Gesetz, und so wollen es die Götter.« Abfällig warf Benwick seine Axt gegen den großen Stamm, welcher das Dach seines Hauses abstützte. Die Axt drang zitternd in das weiche Holz ein und Adraéyu spürte den Zorn der Axt, welcher in das Holz fuhr, sogar in seinen Beinen. »Wird von mir erwartet, dass ich dem Thing beiwohne?« Benwick bedachte Adraéyu mit einem zweigeteilten Blick. Zum einen Schwang ein gewisser Respekt mit und zum anderen ein wenig Überraschung. »Nein. Viele würden es wohl sogar begrüßen, wenn nicht. Mir schwanen schon Zwistigkeiten, weil die Schamanin zugegen sein wird. Doch bleibt mir nichts übrig. Fenris ist tot, und sie ist die einzige, welche seinen Platz einnehmen kann.« Adraéyu verstand die Problematik dahinter nicht, und Benwick erkannte dies in seinem verwirrten Blick. »Frauen ist das Beiwohnen eines Things verboten. Es gibt keine Ausnahmen …« Benwick unterbrach sich selbst, als er seine Worte vernahm. »Nun ja, kaum Ausnahmen …«, brummte er. »Warum willst du dem Thing nicht beiwohnen?« »Obwohl ich viel von Fenris gelernt habe und schon lange unter euch lebe, verstehe ich nur wenige eurer Gebräuche. Ich fürchte ich würde einige Entscheidungen nicht verstehen oder verurteilen. Daher werde ich dieser Versammlung fern bleiben.« Benwick nickte nach diesen Worten. Adraéyu konnte nicht sagen ob es einfach nur ein Nicken der Zustimmung war, oder gar eines der Anerkennung. »Du bist weise, Zaubersänger. Viele werden deine Entscheidung fern zu bleiben als Respekt vor unseren Traditionen sehen …, begann Benwick, und Adraéyus Miene hellte sich ein wenig auf. »Doch werden einige dich auch als Feigling ansehen, der wohl das Blut nicht sehen kann, welches heute fließen wird.« Adraéyu verzog beleidigt die Mundwinkel. »Das werde ich wohl aushalten.« Benwick klopfte ihm auf die Schultern, bevor sie sich mit einem Handschlag voneinander verabschiedeten. Benwick zog die Axt, welche noch immer in dem Stamm stak mit einem kräftigen Ruck heraus, und schulterte dann seinen schönsten Schild, bevor er den Weg zum Thing antrat.

»Walder!«, knurrte Benwick ungehalten. Nicht wegen Walder, sondern wegen des kommenden Things. Walder war Benwicks ergebenster Rukh und Herse. Er war der Erste Krieger seiner Sippe. Benwicks persönliche Leibgarde, wenn man so wollte. Walder war stets ein ruhiger Kerl. Verschwiegen, beobachtend, unberechenbar. Er zählte laut vielen Gerüchten als einer der besten Krieger des ganzen Clans. Manche behaupteten sogar, besser als Benwick. Doch Walder strebte keine Führung an. Er schien zufrieden mit der Rolle die ihm zugedacht war. Walder trug unzählige Ehrentitel und Ruhmnamen. Daher wurde er einfach nur Rukh Nôrya genannt. Es bedeutete »Erster Krieger des Nordens«. Die höchste Ehre welche ein Ruka seinen Kriegern und Hersen verleihen konnte. »Nimm Teresa mit.«, befahl Benwick, als Walder sich stumm neben ihn gesellt hatte. »Wie du wünschst.«, sagte Walder mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme. Er sprach sehr selten. Man konnte nie wissen ob er einfach ein Griesgram war, oder mit seiner Art seine wahre Stärke zu verbergen suchte. Walder kämpfte nie bei den Saufgelagen oder Raufereien auf den Festen. Doch wagte es niemand, sich über ihn lustig zu machen, oder ihn einen Feigling zu nennen. Walder genoss einen Ruf, den niemand herausfordern wollte. Indem Walder nie kämpfte, außer es war Vonnöten, konnte niemand seine wahre Stärke einschätzen. Das machte ihn gefährlicher als jeden anderen im Clan.

Walder schritt zu Teresa und bot ihr ihre Hand dar. Sie saß still in einer Ecke zwischen Hörigen und den unverheirateten Frauen. Sie war nicht aus dieser Sippe, doch in ihrer eigenen Sippe konnte sie auch nicht bleiben. Sie würde es sehr schwer haben, selbst wenn das Thing sie für unschuldig erklären würde. Seit bekannt wurde, dass ihr eigener Vater bei ihr gelegen war, wurde sie von vielen mit Abscheu betrachtet, nur wenige spendeten ihr Mitleid. Sie nahm Walders Hand und ließ sich von den anderen Frauen fortführen. »Keine Angst Kleine.«, brummte Walder und zog sie schließlich mit sich mit. Adraéyu sah den dreien nach, wie sie die Halle verließen, bevor er sich schließlich auch aufmachte Benwicks Haus zu verlassen.
Adraéyu war sich nicht sicher, was er nun machen sollte. Und so schlenderte er durch das Dorf und ging zum Hause Fenris'. Er kramte in seinen Kräutertöpfen und Gewürzdosen nach etwas Rauchtabak. Er neigte sich langsam dem Ende zu. Wehmütig dachte Adraéyu an den kommenden Tag, an welchem der Tabak völlig verbraucht sein würde. Er würde niemals die Händler bezahlen können, sofern sie überhaupt etwas hatten. Und der Winter würde noch lange dauern. Zeit genug auf die Händler zu warten.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: das Spiel des Windes

Beitrag von Rahela » Sa, 13. Okt 2012 21:26

Es war Nachmittag und die Männer des Clans trafen sich an der Thingstätte, die ein wenig abseits am Dorfrand lag. Es war ein großer Platz, umfasst von vielen Baumstämmen, die als eingrenzende Umrandung dienten. Der Platz war einst eine Wiese gewesen, doch die vielen schweren Nordmänner und die regelmäßige Häufigkeit der Things ließen auf diesem Platz kein Gras mehr wachsen, so dass es nur mehr festgetretene Erde war. Nun, im Winter, war alles mit Schnee bedeckt, nur der Boden des Thingplatzes war von den vielen schweren Stiefeln zu braunem Schneematsch zertreten worden. In der Mitte des Platzes stand ein großer, mannshoher Runenstein, auf dem die Namen aller Fürsten eingemeißelt worden waren. Ganz unten in der letzten Reihe stand der Name des derzeitigen Fürsten, Benwick… Die Nordmänner hatten sich alle eingefunden. Frauen und Kinder waren nicht zugelassen auf einem Thing, doch Rahela durfte dem Thing aktiv bei wohnen. Zum einen, weil sie den kürzlich verstorbenen Runenmeister Fenris vertrat und zum anderen, da sie die Schamanin war und als einzige wirklich Kenntnis über den zu verhandelnden Fall besaß. Von dem einen oder anderen Nordmann erntete sie missbilligende Blicke, doch wagte es niemand, im Beisein des Fürsten dagegen aufzubegehren, weil es seine Entscheidung gewesen war, Rahela in dieses Thing einzubeziehen. Als es schien, dass niemand mehr fehlte, schlug Benwick seine schwere riesige Doppelaxt, die ein kunstvoll geschmiedetes Stück war, das vermutlich aus dem Skerôingur-Clan stammte, gegen seinen Schild, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Er besaß eine laute, donnernde Stimme, und diese schlug er auch an.

„Seid gegrüßt… ich habe dieses Thing einberufen, weil wir im Clan einige plötzliche und dringliche Angelegenheiten zu klären haben… Bringt Ruwen Skarl her!“ Zwei seiner freien Männer schoben den Mann in die Mitte des Platzes und ehrfürchtig verneigte sich dieser vor dem Fürsten. Benwick deutete mit der Hand auf Ruwen, blickte in die Menge und ließ seine laute Stimme erneut verklingen. „Dieser Mann…“ er machte eine dramatische Pause… „…hat sich mit dem harten Schanker angesteckt… während er bei einer anderen Frau lag…“ Stimmengemurmel machte sich breit. Nun, das an sich war nichts ungewöhnliches, dass ein Mann seiner Frau nicht treu bis in den Tod war. „Ich weiß, was ihr denkt… Und doch hat Ruwen Skarl bei drei weiteren Frauen gelegen. Auch bei Ihnen wird diese Krankheit mit Sicherheit ausbrechen. Wer vermag schon zu sagen, welcher von Euch [18]Hurenböcken[/18] danach bei einer von Ihnen gelegen hat und sich ebenso angesteckt hat? Und darum sind wir heute hier, um über ihr aller Schicksal zu entscheiden, wenn wir erst Gewissheit haben! Bringt die Weiber heran!“ Allgemeines Gegröle machte sich breit und verebbte, als die drei jungen Frauen in die Mitte des Things geholt wurden. Drei wunderschöne, von der Natur vorteilhaft und mit vielen Reizen beschenkte Frauen, die Etáín konnten nicht schöner sein, doch waren zwei von ihnen Unfreie, und eine von Ihnen war die Witwe von Eryk Darn … Der Fürst betrachtete die beiden unfreien Frauen. „Zwei Hörige?“ fragte er ungläubig. Dann wandte er sich an die Witwe. „Schwörst Du, beim alten Glauben, die Wahrheit zu sprechen?“ Die Frau sank in die Knie „Ich schwöre es, beim alten Glauben, bei den Göttern… ich möge von den Ahnen verflucht sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche…“ Benwick nickte. „So dann… hast Du das Lager geteilt mit Ruwen Skarl?“ Die Frau nickte wahrheitsgemäß. „Du weißt, was dies bedeutet?“ Die Frau nickte. „Hast Du danach noch mit einem anderen Mann das Lager geteilt?“ Die Witwe schüttelte den Kopf. „Hmm… mit einer anderen Frau vielleicht?“ Leises Gelächter erklang aus der Menge. Sie schüttelte wieder den Kopf, diesmal allerdings heftig. „Nun denn, fortan seist Du verbannt aus dem Clan… Du wirst noch heute und in dieser Stunde den Clan verlassen, und niemals wieder unseren Boden betreten. Wenn Du doch zurückkehrst, ist Dein Leben verwirkt…“ Die Frau sank mit einem Aufschrei in die Knie und begann heftig zu weinen und zu jammern… Und doch, es half nichts, die zwei Männer zogen sie an den Armen hoch und schleppten sie von dem Thingplatz. Dann wandte er sich an die beiden unfreien Frauen.

„Nun zu Euch…“ murmelte er. Dann wandte er sich an die Männer und schrie: „Bei den Alten, ich glaube nicht, dass wir diesen gottlosen Unfreien einen glaubhaften Schwur auf unsere Götter und den alten Glauben abringen können!“ Allgemein zustimmendes Raunen ging durch die Menge. Benwick hob seine Axt in die Höhe und schrie ihnen entgegen. „Ich sage, ihr Leben ist verwirkt!“ Ein heftiger Lärm erhob sich, vom zustimmenden Aneinanderschlagen der Waffen und von dem Gejohle und Gegröle der Nordmänner. Bei solchen Entscheidungen vollzog der Fürst das Urteil, da die Rechtsprechung es so vorsah. [18]Er drückte eine der beiden Frauen auf den matschigen nassen Boden, so dass diese darauf kniete. Dann nahm er seine Axt, holte weit damit aus, und zielsicher glitt diese mit einem dumpfen metallenen Geräusch durch den Hals und trennte den Kopf vom Rumpf. Der Kopf flog gen Menge und das Blut spritzte in alle Richtungen, besudelte das Wams des Fürsten, verteilte sich in dem Gesicht der anderen unfreien Frau, die entsetzt aufkreischte. Die Männer johlten auf und das Geräusch der aneinanderschlagenden Waffen erhob sich erneut, doch diesmal verebbte es nicht. Benwick fackelte nicht lange und drückte die andere zitternde Unfreie ebenso auf den Boden, ungerührt von ihrem hysterischen bitten und flehen, welches in dem Lärm ohnehin unterging. Er hob die Axt, holte erneut weit aus und die Frau schloss die Augen. Mit einem sauberen Treffer trennte die Axt den Kopf ab, dieser rollte schmatzend über den Boden und das hellrote Blut schoss Fontänen artig aus der weitläufigen Wunde des Halses. Der kopflose Rumpf fiel in den Schneematsch und das noch heraussickernde Blut tränkte und färbte den Boden dunkelrot. Ungerührt bückte er sich zu der toten Frau, wischte dann das Blut vom Axtblatt penibel am Kleid der Frau ab und ließ den Stiel der Axt dann lässig auf seiner Schulter ruhen. „Es ist vollbracht…“ murmelte er.[/18] Dann hob er die Hand, um Ruhe zu gebieten und das Gegröle und Waffengeklirre endeten beinahe abrupt. Dann wandte er sich an Ruwen, welcher erschrocken vor dem Fürsten in die Knie ging. „Du…“ sprach Benwick ihn an „…Du verlässt ebenfalls noch in dieser Stunde und mit deiner Frau den Clan. Und wenn Du oder Deine Frau den Boden des Clans noch einmal betreten sollten, sind auch Euer beider Leben verwirkt…“ Ruwen nickte und verließ grußlos und eilend den Thingplatz, noch bevor sich einer der freien Männer an ihn wenden konnte.


Dann wandte sich Benwick erneut an die Menge. „Nun bleiben noch zwei Dinge zu klären…! Teresa Turjen, Tochter von Heinar Turjen, wird von ihrem Oheim Vatermord vorgeworfen! Doch nicht genug damit… dabei glitt sein Blick zu Rahela, die bislang teilnahmslos ein wenig Abseits gestanden hatte. „Es wird unter anderem auch unserer Schamanin vorgeworfen, ihre Finger dabei im Spiel zu haben.“ Rahela wurde blass und sah den Fürsten erschrocken an. „Was wird mir vorgeworfen?“ rief sie. „Der Oheim behauptet, Du hast Teresa auf ihr Anfragen hin Gift gegeben, um ihren Vater damit umbringen zu können, weil er bei ihr gelegen hatte!“ Erneut ging ein allgemeines Raunen und Murmeln durch die Menge „Diese Aussage entbehrt allerdings einer glaubhaften Untermauerung, denn die einzigen Zeugen, die es gibt sind zwei Unfreie.“ Rahela überlegte fieberhaft. „Doch so war es nicht… Ja, Teresa war bei mir, denn sie vermutete, einen Bastard in sich zu tragen, da sie schon seit zwei Monden nicht geblutet hatte…“ Aufgeregtes Raunen und Murmeln lief durch die Menge. Rahela sprach weiter „Sie hat mich gebeten, sie von dieser Schande zu befreien und das mögliche Kind wegzumachen… ich spreche hier natürlich nur von der Möglichkeit einer Schwangerschaft, denn es war noch viel zu früh um sicher zu sein, dass sie in anderen Umständen war… doch ich hatte Mitleid mit dem armen Mädchen und ich habe es getan. Sie hat gesagt, sie kann ohne Ihren Vater nicht sein, weil sie nicht wüsste, was sonst mit ihr passierte… Aus diesem Grund glaube ich nicht an ein Eingreifen ihrerseits, sondern an einen unglücklichen Zufall… vielleicht eine Götterstrafe für seine schändliche Inzest…?“ Die Menge teilte sich und Runjar, der Dorfälteste schob sich durch die Menge. Mit einer umständlichen Geste, versuchte er, sich in den Schnee zu knien um dem Fürst seine Ehrerbietung zu zeigen. Benwick trat an ihn und klopfte ihm auf die Schulter „Lass gut sein, alter Mann, erheb Dich…“ Zitternd erhob er sich und begann „Mein Fürst, darf ich sprechen..?“ Benwick nickte. „Ich verbürge mich für unsere Schamanin, sie ist eine kluge, fähige und vertrauensvolle Frau… sie hat Teresa kein Gift gegeben… es war lediglich ein harmloser Trank um die Manneskraft einzubüßen, um Teresa vor den weiteren schändlichen Übergriffen ihres Vaters zu bewahren, dies hat sie mir beim gestrigen Fest erzählt…“ „Ist das wahr, Rahela?“ „So ist es, mein Ruka…“ sank Rahela demutsvoll und mit gesenktem Blick in die Knie. Nun schaltete sich der Bruder von Heinar ein. „Nein! So einfach darf es nicht sein! Ich fordere eine Probe!“ Rahelas Körper durchfuhr ein Zucken. Sie kannte diese Proben, es war unmöglich, man konnte dabei nur verlieren. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust. „So sei es…!“


Er winkte den Oheim heran und zu Rahela. „Ihr sollt die Kreuzprobe bestehen. Derjenige, der sich zuerst bewegt, ist schuldig!“ Dann gebot er beiden, sich gegenüber an den Runenstein zu stellen und die Arme auszubreiten. Rahela seufzte innerlich auf. Dies war zumindest eine einfache Probe. Doch nach einigen Minuten, in denen sie verharrte, stellte sich für Rahela heraus, dass es nicht so einfach war, wie zunächst gedacht. In ihren Armen und Schultern stellte sich allmählich ein Zittern ein, das sie zumindest noch vorläufig vor den anderen verbergen konnte, doch bald begann ihr Oberkörper heftig zu schmerzen und sie hatte das Gefühl, der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter. Der Oheim stellte sich recht geschickt an und aus seiner Miene konnte sie ablesen, dass er fest entschlossen war und eisern dastand, ohne sich zu rühren, wenn es sein musste, auch für Stunden. Er lächelte sie verachtend an. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Was bot sich besser an, als seinen Blick zu fesseln und ihn zu manipulieren? Sie suchte seinen Blick mit dem ihren und als sie ihn hatte, fesselte sie ihn damit. Es erforderte ein Höchstmaß an Konzentration, was in Anbetracht der Muskelschmerzen leichter gesagt als getan war. Doch sie schalt sich, sich zusammen zu reißen, schließlich ging es hier um ihr Leben…! Schließlich hatte sie es geschafft, seinen Blick für sich einzunehmen. In Gedanken kreisten Beschwörungen umher, die sie nicht zu murmeln wagte und plötzlich strauchelte der Mann und fiel in den Dreck. Ein allgemeines Gelächter machte sich breit und Rahela warf einen fragenden Blick zu dem Fürsten. Dieser nickte und Rahela senkte erleichtert ihre Arme. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen wie sehr ihre Arme schmerzten. „Nun denn…“ lachte der Fürst und half dem Oheim der im Dreck lag, wieder auf die Beine. „Damit ist die Unschuld unserer Schamanin bewiesen. Ich hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet… Du weißt, was Du zu tun hast…“ sagte Benwick zu dem Mann und nickte ihm zu. Er senkte den Kopf und bat Rahela in aller gespielten Demut und vor allen teilnehmenden des Things um Vergebung. Rahela kochte innerlich, dieser Narr hatte sie beinahe ans Messer geliefert… doch nach außen hin gab sie sich gnädig und entgegenkommend. „Die Götter haben ihr Urteil gefällt, und Recht gesprochen…“ meinte sie sanft und süß und warf einen dankbaren Blick auf Runjar, welcher diesen aufmunternd erwiderte…


Benwick hob die Hand und rief. „Kommen wir nun zum letzten Punkt des heutigen Things… Es wurden Stimmen laut, die nach dem Kesselfang verlangten“…. Allen voran der Oheim, denn er wollte verhindern dass sie auch so leicht davonkam wie Rahela. Allgemein zustimmendes Waffengeklirre und Gegröle schwoll an… Eine solche Götterprobe bekam man im Clan schließlich nicht alle Tage zu sehen… „Bringt einen Kessel mit Fett!“ befahl Benwick. Die Zeit, die verstrich, bis der Kessel gebracht wurde , begannen die Nordmänner, ihre Waffen wild und durcheinander an ihre Schilder zu schlagen, irgendwann löste sich der laute ungleiche Rhythmus auf und vereinte sich zu einem gleichmäßigen Takt. Als die Männer sich mit dem Kessel den Weg durch die Menge bahnten, wurde der Takt immer schneller und wilder und erreichte seinen Höhepunkt, als der Kessel über die bereits gerichtete Feuerstelle gehängt wurde und endete abrupt. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis das Fett in dem Kessel geschmolzen war und zu sieden begann. „Bringt das Mädchen!“ befahl der Fürst, und es dauerte nicht lang, da wurde sie in die Mitte des Thingplatzes gebracht. Rahela betrachtete die junge Frau, die ängstlich um sich blickte und augenscheinlich nicht verstand, wieso sie hier war. Sie war aufgeregt, so dass sie nicht daran dachte, sich vor dem Fürst zu verneigen. Einer der beiden Männer gab ihr einen harten Stoß und murmelte „Auf die Knie mit Dir, na los…“ Sie fiel mehr auf die Knie anstatt auf diese zu sinken. Der Fürst betrachtete sie und meinte „Du weißt, wieso Du heute hier bist?“ „Nein, das weiß ich nicht…“ erwiderte sie leise. Benwick räusperte sich, strich sich durch den Bart und erklärte ihr dann „Dein Oheim klagt Dich an, dass Du Deinen Vater ermordet hast. Das ist eine schwere Anschuldigung und die Götter werden Deine Schuld oder Deine Unschuld durch eine Probe beweisen.“ Damit deutete er auf den Kessel, in dem das Fett mittlerweile schwelte. „Ich habe nichts mit seinem Tod zu tun!“ rief Teresa verzweifelt und hob anklagend den Finger Richtung Rahela. „Die da war es!“ Rahela runzelte die Augenbrauen. „So dankst Du mir es also, dass ich versucht habe, Dir in Deiner Schande zu helfen? Meine Unschuld wurde heute durch die Götter geprüft und bewiesen…“ „So ist es“ fiel der Fürst ein „Und genauso werden wir es mit Dir halten…“ Er nickte und zwei der freien Männerpackten sie und schoben sie zu dem Kessel. „Steck Deine Hand da rein, Kleine… wenn Du unschuldig bist, wird dir nichts passieren…“ grunzte einer der Freien. Doch Teresa, welche die Hitze spürte die von dem Inhalt des Kessels ausging, weigerte sich und schrie „Nein, nein, ich werde da nicht hineinfassen!“ Einer der Krieger warf einen unsicheren Blick zu Benwick und dieser nickte ermunternd. Dann nahm der Mann ihren Arm, schob den Kleiderärmel hoch bis zum Oberarm und tauchte ihren Arm in das heiße Fett. Es zischte, während Teresa aus Leibeskräften schrie, so dass sich Rahela abwandte. Das heiße Fett um ihren Arm begann zu blubbern und schwappte über den Rand des Kessels, und rann über die bauchige Rundung hinunter ins Feuer wo es sich augenblicklich entzündete und hell aufloderte. Der Krieger zog ihren Arm wieder heraus und fluchte, er hatte sich selbst an dem heißen Fett verbrannt. Teresa schrie schmerzgeplagt auf, heulte, fluchte, und brüllte und warf sich, schief wahnsinnig vor Schmerz auf den Boden, wo sie verzweifelt und heftig mit den Beinen zu strampeln begann. Der Arm war regelrecht gekocht worden und es hatten sich so heftige Blasen gebildet, die auf dem harten gefrorenen eisigen Boden aufrissen und bot einen Blick auf das ebenso verbrannte Fleisch…
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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