Die Launen des Schicksals

Die zwei vor Jahrhunderten in Kleinkönigreiche zerfallenen Nordreiche östlich der Wilden Lande.
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Adraéyu
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Die Launen des Schicksals

Beitrag von Adraéyu » Fr, 16. Nov 2012 22:37

Bildein Schädel dröhnte. Adraéyu fasste sich immer wieder an die Stirn, wo ihn der dicke Ast getroffen hatte, als er dagegen geritten war. Er musste zweifellos eine Gehirnerschütterung gehabt haben. Doch waren die Schmerzen schnell verklungen. Ihm war nur Schwindelig gewesen, und er hatte zu Anfangs leichte Orientierungsschwierigkeiten gehabt. Sie hatten die wilden Lande relativ schweigend hinter sich gebracht. Adraéyu spürte, dass irgend etwas vorgefallen war, doch äußerte sich Rahela nicht dazu. Sie sprach ihn weder darauf an, noch suchte sie Blickkontakt mit ihm. Und immer dann, wenn er sie ansah, wandte sie binnen kürzester Zeit den Blick ab. Er hatte einen ordentlichen Gedankenriss. Das letzte, woran er sich erinnern konnte, war dass Rahela vor allen Männern und Frauen des Clans mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte. Sie hatte neben Wheøul gestanden, und Kolgrim hatte wie ein lauernder Schatten über die Zeremonie gewacht. Und Benwick hatte direkt vor ihnen gestanden und alle hatten ihn angesehen. Sie hatte gesagt, sie würde sein Kind unter ihrem Herzen tragen, und er war davongelaufen. Er lief letzten Endes immer davon. Sie hatte seither auch nicht einmal mehr von dem Kind gesprochen. Nur Schweigen und Trübsal. Doch das war nicht das Problem. Das eigentliche Problem war, dass er sich weder daran erinnern konnte, was danach geschehen war, noch wie er auf den Waldboden gekommen war oder wie er überhaupt auf das Pferd gekommen war. Dies konnte nur eines bedeuten: seine schwarze Seele hatte ihn übermannt. Und dieses Mal für eine unglaublich lange Zeit. Was er wohl alles getan hatte, während er in sich selbst gefangen gewesen war. Er deutete Rahelas Schweigen, dass irgend etwas vorgefallen war, doch sie sagte nichts. Sie ritten stur und wortlos durch die Einöde der unberührten, wilden und ungezähmten Wälder.

Als sich langsam die Wälder lichteten, und die Ebenen sich vor ihnen erstreckten, da erkannte Adraéyu das Land kaum wieder. Er war schon so lange in den wilden Landen gewesen, dass der nahe Berg, an dessen Hang das Dorf Benwicks stand, und die dichten Wälder, welcher das Dorf umgaben, sich schon regelrecht in seinen Geist eingebrannt hatten, und die Bilder und Erinnerungen an diese Ebenen stark verwischt hatte. Córalay und Cathrad. Welches Grenze dieser beiden, gefallenen, einst großen Reiche der Menschen, lag nun vor ihnen? Er wusste es nicht mit bestimmter Gewissheit. Alles was er hoffte war, dass es nicht Cathrad war. Er wollte auf keinen Fall in die Einflussgebiete der Armaganen eintreten. Diese verrückten Fanatiker mit ihren weißen Armbinden und ihren heuchlerischen Predigten von Frieden und Freiheit. Doch sie selbst stürzen das Land in Krieg und Chaos. Als Adraéyu noch mit seinen Eltern und dem wandernden Volk durch die Lande gereist war, hatte sein Vater ihm stets eingeschärft den Süden Cathrads zu meiden. Ein weiser Ratschlag, wie Adraéyu fand, als sie eines Tages Kunde erhielten von einer wandernden Zirkusgruppe, die von den Armaganen abgeschlachtet worden waren, nur weil sie unabhängig und frei bleiben wollten, und sich nichts und niemandem, auch nicht den Armaganen, unterordnen wollten. Wahrscheinlich war es auch nur Propaganda gewesen, doch Adraéyu hatte sich stet gehütet den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte zu untersuchen.

Adraéyu hatte Feuerholz gesammelt und aufgeschichtet, als Rahela begann mit den Feuersteinen aus ihrer Zunderbüchse zu hantieren. Er sah ihr eine Weile zu, doch dann trat ihm der Schalk ins Gesicht und er legte ihr die Hand auf den Arm. »Schau mal.« Nach diesen Worten kramte er in seiner Tasche nach seiner eigenen Zunderbüchse, und erntete sogleich einen missbilligenden Blick von Rahela, als ob er ihr nicht zutraute ein Feuer zu entfachen. Doch er ignorierte sie geflissentlich und zog schließlich einen kleinen Kienspan, sowie das Gläschen mit den weißen Steinen darin hervor. »Was ist das?«, fragte Rahela, und Adraéyu musste diebisch grinsen. »Lass dich überraschen.« Er zog sanft den Stöpsel aus dem Hals des Gläschens und steckte rasch den Kienspan in einen der weichen Steine hinein, und kaum hatte er das dünne Holz wieder herausgezogen, begann es auch schon zu schwelen und zu rauchen. Und binnen kürzester Zeit flammte das Holz in zunächst bläulichen, und dann leuchtend roten Flammen auf. Rahela öffnete ungläubig den Mund, und nahm vorsichtig das brenndene Hölzchen aus Adraéyus Hand entgegen, während er das Glas wieder verschlossen und in der Zunderbüchse verstaut hatte. »Beeindruckend, nicht wahr?«, fragte er sie, während sie damit da Feuer entfachte. Als die Flammen schließlich das gesamte Holz für sich vereinnahmt hatten, saßen sie wieder schweigend am Lagerfeuer und starrten in die Flammen. Nunja, Adraéyu starrte in die Flammen. Was Rahela getan hatte, war ihm nicht so in Erinnerung geblieben. Über dem Feuer briet ein kleines, karges Kaninchen uund Adraéyu hatte Thargôn den Kropf des Tieres zugeworfen, damit dieser auch einen kleinen Leckerbissen zu Fressen hatte. Immer wieder hackte er den Schnabel in das rote Ding, zwischen seinen Krallen. Der Sommer nahte bereits in großen Schritten und über ihnen stand die Sonne im Zenit. Doch es war noch nicht sonderlich heiß. Adraéyu schwitzte, doch lag dies nicht an der warmen Luft, sondern an der Hitze des Feuers, und so rutschte er ein wenig davon zurück. Und mit einem Mal wich Rahela nicht mehr einen Blicken aus, sondern sah ihn herausfordernd an. »Arn, lass uns endlich reden …«, setzte sie forsch an und rutschte auch näher an ihn heran. »… ich will wissen was du denkst …« Adraéyu sah sie fragend an. Was dachte er schon? »Sag mir was du über das Kind denkst …« Nun kam Rahela zum Kern der Sache. Sie hatte ja lange genug darüber geschwiegen. Es war klar, dass sie irgendwann darüber hatte reden wollen. Doch Adraéyu fragte sich, warum sie so lange damit hinter dem Berg gehalten hatte. Was wenn er sich nun nicht dazu bekennen wollte, oder von ihr verlangen würde Mutterkorn zu sich zu nehmen? Würde sie es tun? Oder würde sie gehen? Sie müsste den ganzen Weg zurück gehen. »Ich muss zugeben, dass ich es zunächst für eine Finte gehalten habe, damit du aus dieser Zwickmühle entkommen konntest.« Er sah sie entschuldigend an. Er hatte ja nicht ahnen können dass es der Wahrheit entsprach. »Du hast, seit wir aufgebrochen sind, nicht ein Wort darüber verloren. Daher habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht.«, hob er abwehrend an und hob dabei seine Hände hoch, als würde er sich vor ihr zu Schützen versuchen. Als er schließlich ihres ernsten Blicks gewahr wurde, da wurde ihm erst richtig bewusst, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte. Er blickte ein wenig betreten drein, bevor er ich räusperte. »Ist es wirklich von mir?«, fragte er vorsichtig. »Verzeih' diese unhöfliche Frage, aber ich muss es wissen. Bist du dir absolut sicher?« Er hatte schließlich auch mitbekommen, dass er nicht der einzige war, mit welchem Rahela das Lager geteilt hatte. Und er wollte ganz gewiss kein Kind sein Eigen nennen, dass nicht von ihm stammte. Auch wenn es im Idealfall bei der Geburt ohnehin sofort zu sehen war, ob es seines war, oder nicht.

Mehr oder weniger geschickt ging er ihren anderen Fragen aus dem Weg. Seine Gefühlswelt war durcheinander gewirbelt. Liebte er sie? Oder war es nur der Umstand, dass sie sein Kind unter dem Herzen trug. Doch hatte ihn nicht die Wut gepackt, als Rahela in diesem schönen, roten Kleid, welches sie noch immer anhatte, vor Wheøul getreten war, um diesen zum Mann zu nehmen? Hatte da sein Geist nicht aufbegehrt, und am liebsten Rahela mit sich genommen, nur damit sie ihm gehörte? Doch war dies Liebe? Oder war es einfach nur purer Egoismus, dass er sie für sich alleine haben wollte? Er musste sich erst selbst über seine Gefühle im Klaren werden, bevor er Rahela davon erzählte. »Wohin wir gehen? Wohin der Wind mich führt? Das weiß nur der Wind.«, antwortete Adraéyu ausweichend. Sehr zum Missfallen Rahela, das war deutlich an ihrer Mimik zu sehen. »Damals bin ich einfach so lange gelaufen, bis der Wind verstummte. Dann wusste ich, dies war der Ort wohin ich gehen musste.« Rahela schien aufzustöhnen. »Und wenn wir ewig laufen müssen, weil wir nicht zu dem richtigen Ort gehen?«, fragte sie und er lächelte zuversichtlich. »Der Wind lenkt meine Schritte.« »Wie kannst du dir so sicher sein?« Er sah sie eindringlich an. »Es ist nun einmal so. Ich habe den Wind schon vor einiger Zeit gespürt, doch habe ich ihn ignoriert. Und wenn ich den Wind ignoriere, dann bläst er immer wieder, bis er ein Sturm wird, und mich davonfegt. Und so ist es nun auch geschehen. Er hat ich aus den wilden Landen geblasen, wie eine willenlose Feder im Wind. Wie ein lästiges Insekt, welches fortgescheucht wurde. Und welches Chaos der Sturm angerichtet hatte …«, murmelte Adraéyu und dachte an das Unheil, welches in den letzten Tagen über den Faernach-Clan gekommen war. »Lass uns nicht mehr darüber sprechen.«, schlug Adraéyu vor und Rahela nickte zustimmend. »Ich habe auf der Karte eine Stadt namens Imrahad gesehen. Kennst du sie?«, fragte Rahela neugierig. Adraéyu nickte. »Ich habe sie schon einmal besucht. Sie wird dir helfen dich umzugewöhnen.« Rahela hob fragend die Augenbraue, als ob sie wissen wollte, was er damit wohl meinte. »In Imrahad wirst du viele Männer und Frauen aus den wilden Landen sehen. Händler und Reisende. Diese Stadt ist die letzte, große Stadt vor der unberührten Wildnis, die du Heimat nennst. Die Händler, welche stets im Frühjahr und im Spätherbst zu den Clans reisen, sammeln sich hier regelmäßig. Viele wohnen sogar in dieser Stadt.«

Adraéyu kratzte sich durch den Bart. Er musste ihn wohl langsam abschneiden, wenn er als Barde auftreten wollte. Doch zog er zunächst erst einmal die Kapuze seines Umhangs tief ins Gesicht . »Wir müssen schauen, dass wir nicht allzu sehr auffallen, wenn wir in Imrahad eintreffen werden.« Nach diesen Worten sah Rahela ihn verunsichert an. »Dein Kleid ist schon einmal ein guter Anfang. Es ist nicht gar so bäuerlich. Es wirkt edel genug, dass du nicht sofort als eine Wilde angesehen wirst. Doch dein Haar …« Rahela griff sich instinktiv in ihr prächtiges, wildes, schwarzes Haar und sah ihn dabei aber verunsichert an. »Was ist damit?« Adraéyu legte ihr die Hand auf die Schulter und sah ihr tief in die Augen. »Einen Moment …« Er hob den Zeigefinger an und gebot ihr damit kurz zu warten. Dann zog er seinen Dolch hervor und drückte seinen Daumen prüfend auf die Schneide. Die Klinge war noch schön scharf, das konnte er sofort spüren. Rahela indes schien instinktiv vor ihm zurück zu weichen. Als ob sie glaubte, er wolle ihr die Haare abschneiden. Er lächelte »Keine Sorge. Ich werde sie nicht abschneiden.« Mit einem geschickten Schnitt, trennte er einen dicken Streifen Leinen aus ihrem Unterkleid. Es fiel überhaupt nicht auf, dass dieser Streifen fehlte, doch protestierte Rahela dennoch lauthals. Dann setzte er sich hinter sie und raffte ihre Haare zusammen. »Halt still.«, forderte er sie ermahnend auf und begann damit ihre Haare in drei ungefähr gleich große Strähnen zu teilen. Als dies geschafft war -und es war nicht einfach gewesen, da das wilde, zerzauste Haar oft miteinander verheddert gewesen war –da begann er damit ihr einen Zopf in die Haare zu flechten.

Als er schließlich damit fertig war, besah er das Ergebnis. Sie wirkte mit einem Mal so anders. So gewöhnlich. Die offene Haarpracht hatte ihr etwas Wildes und Ungezähmtes verliehen. Nun sah sie so klein und schwach aus. »Perfekt. Du sieht aus wie eine Frau aus den gefallenen Reichen.«, grinste Adraéyu spitzbübisch. »Allerdings nur so lange, bis du anfängst zu reden.«, stichelte Adraéyu um die Situation ein wenig aufzulockern. Er war sich nicht sicher, ob ihr der Zopf so recht gefiel. »Wir werden, so lange wir auf Reisen sind, an deinem Dialekt arbeiten müssen. Er muss verwaschener klingen, nicht so hart und stolz, wie der des hohen Nordens.« Rahela schien nur zu nicken. Hörte sie ihm überhaupt richtig zu? »In Imrahad kannst du leicht den gängigen Dialekt Córalays lernen, denn dort leben Menschen aus den wilden Landen, und auch Händler und Reisende aus den westlichen Herzogtümern. Höre gut zu, lerne schnell. Dies kann uns nur zum Vorteil gereichen. Und verkaufe den Alambic, der schon beinahe aus deiner Tasche herausfällt. Er ist eine Menge wert und wir können das Geld gut gebrauchen. Außerdem lässt es sich einfacher transportieren.« Rahela nickte und Adraéyu legte sich dann schließlich rücklings auf die Wiese um in den Himmel zu starren.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Mo, 09. Feb 2015 8:50, insgesamt 7-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: es kommt ein Sturm!

Beitrag von Rahela » Sa, 17. Nov 2012 11:34

Bildls Rahela sich zu dem Feuerholz bückte, und die Feuersteine aneinanderschlug, spürte sie plötzlich Arns Hand auf ihrem Arm, die ihr Einhalt gebot. Sie ließ ab von ihrem Tun und beobachtete ihn, wie er seine Zunderbüchse hervorholte. Sie verzog missbilligend die Augenbrauen. Sie konnte es doch, und das wusste er, was hatte er denn nur? Dann zog er ein kleines, mit einem Korken verschlossenes Fläschchen hervor, in dem einige weiße Steine in einer klaren Flüssigkeit schwammen. Wasser vielleicht? Er nahm einen Kienspan, zog den Korken aus der Flasche, drückte das Hölzchen in einen der Steine und als er das Hölzchen wieder aus der Flasche herauszog und den Korken schnell wieder in den Flaschenhals drückte, da entflammte das Hölzchen an seinem Kopf wie von Zauberhand! Rahela starrte ungläubig darauf und nahm ihm das brennende Hölzchen aus der Hand. „Wie hast Du das gemacht? Was ist das?“ hauchte sie fasziniert und atemlos. Er zuckte die Schultern. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, es gehörte einst Fenris.“ Rahela nickte verstehend. Sie entfachte damit das Feuer und sah zu, wie seine Feuerzungen über das Holz leckten. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Rahela nickte. Das war schon etwas Besonderes.

R
ahela konnte es Arn nicht verdenken, dass er es für eine Finte gehalten hatte. Genau genommen war es das ja auch gewesen. Doch nur die Götter wussten, warum es nun so gekommen war. Dass er sich kaum Gedanken darüber gemacht hatte, war schon weniger entschuldbar, aber er war ein Mann, also dachte Rahela sich kaum was dabei. Doch seine Frage, ob es wirklich von ihm war, war beinahe eine bodenlose Frechheit. Für wen oder was hielt er sie eigentlich? Sie führte zwar nicht Buch über ihre Liebeleien, doch, bei den Göttern, wer in Frage kam, das wusste sie. Und es kam nur einer in Frage. „Sicher ist nur der Tod... Aber ja, ich bin mir sicher. Natürlich ist es von Dir...“ brummte Rahela beleidigt. „Pass mal auf... vor Asis habe ich geblutet. Nach ihm habe ich Mutterkorn eingenommen. Drei Wochen später war das Beltane, davor hatte ich niemanden am Beltane auch nur Dich und nach dem Beltane in demselben Mond habe ich schon nicht mehr geblutet. Und den darauffolgenden auch nicht. Also kann es weder von dem Totenhorcher noch von Kolgrim sein. Und andere gab es nicht... Ich bin mir also ziemlich sicher. Doch wenn Du Gewissheit haben möchtest, dann musst Du es eben solange mit mir aushalten und Dich selbst davon überzeugen, außer, es ist Dir ohnehin egal...“ meinte sie schnippisch. Sie wusste, wie die Männer in diesen Belangen dachten, keiner war bereit, einen Bastard aufzuziehen, sie hatte es so oft bei anderen Frauen erlebt, das war auch vielfach der Grund, warum die Frauen zu ihr kamen, und sie um Hilfe baten. Manchmal war es ein leichtes, einem Mann ein fremdes Kind unterjubeln, doch manchmal wussten die Frauen schon im Vorfeld, dass das Kind verräterische Züge haben würde, die die Frau als Ehebrecherin enttarnen würde. Doch Rahela kam sich dämlich vor, jede Einzelheit genau zu erläutern, mit wem sie wann und vielleicht auch noch wo das Lager geteilt hatte, und warum sie sich so sicher war, dass es von ihm war. Es war schon schlimm genug, dass er sie absolut im Unklaren darüber ließ, wie er darüber dachte. Er hatte eigentlich gar nichts gesagt, er hatte ihre Frage mit einer Gegenfrage beantwortet. Auch ihre anderen Fragen hatte er geflissentlich übergangen. Und als er meinte, er würde gehen, wohin der Wind in führte, stöhnte sie unwillig auf. Sie hasste nichts mehr, als nicht zu wissen, was als nächstes passierte. Würde sie zumindest in anderen Belangen Gewissheit haben, könnte sie sich sorgenfrei dorthin führen lassen, wo der unsägliche Wind den Raéyun hinführte.

Was dann folgte, waren lehrmeisterhafte Ratschläge und Ermahnungen. Widerwillig hörte sie Arn zu. Sie kam sich jetzt schon wie eine dumme Wilde vor. Was war denn so schlimm an ihrem alten Kleid? Mit ein wenig Bedauern dachte sie an ihr dunkelgrünes Kleid, welches sie zurücklasse musste. Es war ihr Kleid gewesen... dieses hier war so... sie sah darin aus wie eine Hure, aber nicht wie Rahela... Dann nahm er den Dolch zur Hand, während er ihr durch das Haar fuhr. „Was hast Du vor? Willst Du sie mir etwa abschneiden? Vergiss es!“ rief sie entsetzt. „Nein, keine Sorge, ich will sie Dir nicht abschneiden...“ beschwichtigte er sie. Doch dann hob er ihr Kleid an und schnitt einen Streifen aus dem Unterkleid. „Bist Du verrückt? Das gute Unterkleid! Das franst doch nun aus! Was hast Du überhaupt damit vor?“ „Halt still!“ forderte er sie auf, während er sich hinter sie setzte und in ihrem Haar wühlte. Nach einigem hin du her hatte er ihr einen dicken Zopf geflochten und band ihn am Ende mit dem Leinenstreifen zu. Rahela tastete sich über den Kopf und befühlte den ungewohnten dicken Zopf und ließ ihr durch ihre Hand gleiten. Und dafür hatte er nun ihr Unterkleid ruiniert? Naja, es war doch hoffentlich gut gemeint. Doch was hatte er mit ihrer Sprache? Sie redete, wie sie redete, wieso sollte sie das verändern oder gar ihre Herkunft verleugnen? Sie war eine Frau aus den wilden Landen und sie war stolz darauf. Und mehr als das, sie war die Schamanin des Faernach Clans. In den wilden Landen bedeutete dies etwas, Arn hingegen tat so, als würde das überhaupt keine Rolle spielen. Wahrscheinlich war es unwichtig in den Nordreichen, aber sie hatte auch nicht vor, es irgendjemanden auf die Nase zu binden. Sie war einfach aus den wilden Landen. Punkt. „Ich werde ganz bestimmt keinen anderen Dialekt lernen“ begehrte sie auf. „Ich rede, wie ich rede. Wem das nicht passt, der hat eben Pech gehabt...“ erwiderte sie trotzig, meinte sie, während er sich ins Gras legte und in den Himmel starrte. Hatte er ihr nicht zugehört? Oder ignorierte er sie? Sie zuckte die Schultern. Er würde schon merken, dass sie sich nicht verbiegen ließ. Auf keinen Fall würde sie ihre Herkunft verleugnen oder so tun als wäre sie eine feine, hohe Frau...


Am Abend erreichten sie Imrahad. Arn verdeckte sein rotes Auge mit seinen schwarzen Haarsträhnen und zog sich tief die Kapuze ins Gesicht. Irritiert beobachtete Rahela ihn dabei. Sie kannte Geschichten, dass Raéyun nicht unbedingt zu den Lieblingsvölkern der Allgemeinheit gehörten, doch war seine Reaktion nicht ein wenig übertrieben? Naja, er musste wissen, was er tat, immerhin war er doch schon durch die halbe Welt gezogen. Sie war schon ein wenig neugierig, wie es so werden würde, sie konnte sich nichts vorstellen, was diese Stadt betraf. Rahela betrachtete die Stadtmauern. Sie kannte bisher nur die Holzpalisaden des Clans. Doch diese Mauern hier waren aus Stein... Es musste enorm viel Arbeit gewesen sein, diese Mauer zu bauen, in den wilden Landen war alles aus Holz gebaut, Stein zu bearbeiten war viel zu zeitaufwendig und schwierig. Sie stiegen vom Pferd ab und führten es durch die Stadttore. Rahela starrte ungläubig auf die zweite Mauer, die ebenfalls aus Stein gebaut, noch im Inneren stand. Zwei Mauern? Eine Stadtwache kam auf sie zu. „He, das Pferd müsst ihr in den Stallungen abgeben, das könnt ihr nicht einfach in die Stadt mithinein nehmen. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder sein Pferd in den Gassen herumführt und einfach auf den Boden scheißen lässt?“ Er lachte über seinen Witz. Rahela lachte nicht, sie fand es weder lustig, noch sonderlich höflich. Die Wache deutete mit einem Kopfnicken hinüber zu den Stallungen. Rahela roch es schon von weitem, dazu hätte sie den Deut dieses dämlichen Holzkopfs nicht gebraucht. Arn nahm das Pferd am Zügel und führte es zu den Stallungen und Rahela folgte ihm. Ein Stallbursche kam auf die beiden zu. „Ein halber Heller im Voraus, pro Nacht, versteht sich.“ Rahela sah Arn an, sie hatte kein Geld. Hatte er welches? Arn brummte leise und machte sich an seinem Gürtel zu schaffen und knüpfte seinen Lederbeutel ab. Er öffnete ihn und kramte klimpernd in den Münzen herum. "Ich habe keinen halben Heller..." meinte Arn, als er einen ganzen Heller aus dem Beutel zog. "Ich nehm auch den ganzen Heller" grinste der Stallbursche. "Auf keinen Fall..." brummte er und brach den Heller an der vorgesehenen Kerbe in zwei Hälften. „Reiner Wucher...“ murmelte er, während er dem Stallburschen, welcher die Hand bereits aufhielt, den halben Heller aushändigte. Dieser nickte dankend und nahm das Pferd an den Zügeln. „Halt! Meine Tasche!“ rief Rahela und zog die Tasche aus der Satteltasche des Pferdes, während der Stallbursche sie mit einem seltsamen Blick bedachte. Ihr gesamtes Hab und Gut befand sich darin, dies würde sie doch nicht unter Fremden lassen! Arn nahm seinen Lautenkasten an sich und ebenfalls seine Tasche und dann gingen sie zu Fuß weiter. Sie schritten durch die innere Stadtmauer und Rahela blieb der Mund offen stehen, als sie die Stadt betraten. Es herrschte reges Treiben, auch wenn es bereits dunkel war. An den Häusern, die teilweise aus Holz und teilweise aus Stein gebaut waren, steckten in regelmäßigen Abständen Fackeln, die für Beleuchtung sorgten. Rahela rümpfte die Nase. Es stank... doch wonach? Es vermischten sich die verschiedensten Gerüche miteinander, in der eine Ecke stank es nach Pisse, von dort drüben wehte ihr penetranter Schweißgeruch in die Nase, Aus einem Fenster kippte gerade eine Frau Küchenabfälle einfach auf die Straße... Rahela blickte ungläubig auf die Frau, die noch jemandem, der auf der Straße stand, etwas zurief und ihren Kopf dann wieder aus dem Fenster zurückzog. Hier hatten alle Häuser Fenster. Sie waren zwar nicht mit gläsernen Scheiben versehen, sondern nur mit Vorhängen versehen oder mit durchscheinenden Tierhäuten bespannt, aber es gab Fenster. „Wie ekelhaft... sie hat einfach ihren Dreck auf die Straße gekippt? Ist das erlaubt?“ fragte Rahela fassungslos. Hätte das jemand im Clan gemacht, hätte es eine Strafe gehagelt. Keine strenge, aber man konnte doch nicht einfach den Ort, an dem man lebte, derart beschmutzen. Hatten sie keine Angst vor Seuchen oder Ratten? Wie herbeigerufen, huschte eine fette Ratte an einer Häuserfassade entlang und verschwand fiepend hinter einem Haus. „Ratten gibt es hier auch, bei den Göttern...“ murmelte sie. Der erste Eindruck dieser Stadt war nicht der Beste. „Was nun?“ fragte sie ein wenig zögerlich. „Wo werden wir schlafen?“ Er zuckte mit den Schultern „Wir suchen uns ein Gasthaus...“ meinte er. „Hast Du noch genug Geld dafür?“ fragte sie ihn. „Ich habe keins, wie Dir wahrscheinlich aufgefallen ist...“ „Es wird schon reichen für heute...“ meinte er, doch überzeugend klang es nicht. Sie schritten durch die Stadt und Arn hielt seinen Kopf gesenkt.

Die erstbeste Schenke, die zu finden war, wurde aufgesucht. Starker Geruch und lauter Lärm drang aus einem Nebenraum, der die Wirtstube zu sein schien. Der Raum, in dem sie sich befanden, war klein und schien nur dazu da zu sein, die Gäste zu empfangen. Ein Mann saß hinter einem Tisch und erhob sich, als sie hineinschritten. Ein wenig misstrauisch musterte er Arn, dessen Gesicht man kaum sehen konnte, nur das bärtige Kinn, die Stirn und Augenpartie war unter Haaren und der Kapuze verborgen. „Ja?“ maulte der Mann unhöflich. „Ein Zimmer, was kostet das pro Nacht?“ erkundigte sich Arn wesentlich höflicher. „Wer will das wissen? Wieso verbergt ihr Euer Gesicht?“ blaffte er und versuchte, einen Blick auf Arn zu erhaschen. Rahela mischte sich ein. „Mein Bruder hat eine Augenentzündung, das Licht schmerzt ihm in den Augen...“ Der Mann schien sich mit dieser Erklärung zufrieden zu geben. „Ein einfaches Zimmer oder eines mit besserer Ausstattung?“ Sein Ton war immer noch derselbe. „Wo besteht der Unterschied?“ fragte Rahela. „Im einfachen steht ein Einzelbett, im besseren steht ein größeres, außerdem gibt’s eine Waschschüssel dazu...“ Rahela war verwundert, für eine Schüssel Wasser musste man hier bezahlen? Wasser gab es im Clan im Brunnen reichlich und für jedermann, wann immer er wollte, nur schöpfen musste man es sich selbst. „Das Einzelzimmer wird genügen...“ meinte Arn. Rahela war es egal, wenn es stimmte, was Arn erzählt hatte, dann gab es in jeder Stadt Badehäuser. Wenn sie erst den Alambic verkauft hatten, würden sie hoffentlich genug Geld besitzen, dass es für einen Besuch im Badehaus reicht. „Bruder und Schwester in einem Bett?“ fragte er mit einem seltsamen Blick nach. „Wir kommen aus den wilden Landen, da schläft die ganze Familie in einem großen Bett...“ erklärte Rahela, die sich ein wenig ärgerte, dass sie ‚Bruder‘ gesagt hatte und nicht ‚Mann‘, das hätte einige Fragen erspart. Der Mann schüttelte den Kopf. „Diese Wilden... Na, wie ihr wollt... Das macht zwei Heller für Euch beide...“ Arn kramte in seinem Lederbeutel und schüttete die Münzen in seine Handfläche. Er zählte ab und fluchend ließ er zwei Kupfermünzen in den Beutel zurückgleiten, den Rest legte er auf den Tisch. Der Mann strich das Geld ein und deutete zur Treppe. „Kommt mit, ich führe Euch hinauf...“ meinte er, während er ein kleines Talglicht nahm und ging voran. Arn schulterte seine Laute und seine Tasche und Rahela folgte beiden die Stufen hinauf. Sie gingen den Gang entlang und vor der zweiten Türe links blieb er stehen und stieß sie auf. Er ging hinein, stellte das Talglicht auf den kleinen Tisch an dem zwei Stühle standen. „Verschließt die Türe, wenn ihr Euch zur Ruhe legt. Man weiß nie, ob sich nicht Halunken herumtreiben, und die machen meist kurzen Prozess.“ Mit diesen Worten fuhr er mit einem Finger an seinem Hals von einem Ohr bis zum anderen entlang und trat, etwas Unverständliches murmelnd, wieder hinaus und schloss die Türe hinter sich. Rahela setzte sich auf das Bett und blickte mit einem schwer deutbaren Blick zu Arn.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: es kommt ein Sturm!

Beitrag von Adraéyu » Sa, 17. Nov 2012 22:40

Bilder Raéyun rollte mit den Augen. »Du sollst keinen anderen oder neuen Dialekt lernen.« Adraéyu seufzte und blies ein wenig frustriert die Luft aus der Nase aus. »Nur deinen bestehenden etwas dämpfen. Es wäre es sehr von Vorteil, wenn du den Männern und Frauen des Nordens in Imrahad gut zuhörst.« Er sah Rahela wieder mit den Augen rollen, doch er versuchte ihr klar zu machen dass er hier keine hohlen Predigten hielt. »Du wirst schnell feststellen, dass auch ihnen ihr Erbe schwer zu leugnen ist. Ihr coreonischer Dialekt klingt verwaschen … doch ihre Herkunft lässt sich nicht leugnen. Auch deine Herkunft wird schwer zu leugnen sein.« Er grübelte. Wie sollte er es ihr nur begreiflich machen? »Ja, die meisten Menschen aus den wilden Landen, würden diese Männer und Frauen nicht mehr als wahre Wildlinge bezeichnen, da sie den Stolz und die Stimme der wilden Lande verloren haben. Doch das ist dummes Gerede.« Er drehte nervös an seinem silbernen Ring herum, und schob den eingefassten Bernstein zur Handinnenfläche. Es wollte nicht dass Diebe oder gar Halsabschneider ihnen nachstellten, nur weil er seinen Schmuck zu offen trug. »Ein Wildling ist ein Wildling, ganz gleich in was für edlen Kleidern er steckt. Und bevor du mich jetzt mit dummen Fragen löcherst, warum du dich dann überhaupt verstellen sollst, glaube mir einfach, es ist besser so. Tatsache ist, dass wir es auch so schon schwer genug haben werden. Je weiter wir in den Osten voran kommen werden, desto schwieriger wird es.« Er zupfte und zwirbelte seine Barthaare, während er sprach. »Würde ich alleine reisen, dann wäre es mir ein leichtes in der Menge unterzutauchen. Oder mich als ein anderer auszugeben. Doch nun, da du an meiner Seite bist, wirst du unweigerlich neugierige Blicke und hier und da auch argwöhnische Augen auf dich ziehen. Menschen aus den wilden Landen sieht man nicht oft in den südlichen oder östlichen Gefilden. Du wirst zweifellos auffallen wie ein bärtiger Zwerg! Und das wird auch mich in ein unnötiges Rampenlicht zerren. Und glaube mir. Das ist das letzte was wir brauchen können.« Er kaute ein wenig gereizt auf seiner Unterlippe. Ihm schwante schon Übles. Rahelas wildländischer Stolz würde sicher irgendwann für Probleme sorgen. Probleme die sich nicht so einfach lösen ließen, indem er sich einfach verkrümelte. Nicht, wenn er sie nicht allein zurück lassen wollte. »Also tu mir einfach den Gefallen ja?«, er sah sie bittend an und zupfte einen langen Grashalm aus der Wiese, um darauf herum zu kauen. Er dachte noch nach, als er sich bereits in die Wiese gelegt hatte und in den Himmel starrte.

Irgendwann erschien Rahelas Gesicht in seinem Blickfeld. Sie hatte sich über ihn gebeugt und sich zwischen Adraéyu und dem blauen Himmel gedrängt. Zunächst bedachte er sie mit einem gespielt, empörten Blick, doch schon bald setzte er sein freundlichstes Lächeln auf, welches er in seinem Répertoire hatte. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.«, raunte Rahela und sah ihm eindringlich an. Doch er erwiderte ihren Blick nur mit einem großen Fragezeichen in den Augen. »Willst du mich quälen?«, fragte sie mit sichtlichem Ärger in der Stimme. Doch Adraéyu wusste beim besten Willen nicht, was sie meinte. Doch bevor er noch ihren Zorn auf sich zog, da zog er lieber eine seiner Arme unter seinem Kopf hervor und umfing sie damit hinter ihrem Nacken. Als seine Finger sich sanft auf ihren Nacken legten, da zog er sie mit bestimmendem Nachdruck zu sich heran, bis sich ihre Lippen mit den Seinen vereinten. Ihre anfängliche Gegenwehr war schnell erschlafft und sie gaben ich beide einem innigen und lange andauernden Kuss hin.

Als die beiden Vagabunden schließlich am Abend in Imrahad ankamen, da wurde Rahela sich wohl das erste Mal bewusst, was sie in der sogenannten Zivilisation erwartete. »Diese Stadt ist nur ein kleines Kaff. Im Osten liegt Merridia, eine Stadt voll von Menschen, Elfen und anderem Gesocks. Die Stadt ist größer als so manches Hochmoor, nur damit du einen ungefähren Begriff hast, wie groß diese Stadt ist. Und dort geht es noch hektischer und noch rüder zu, als hier. Hier ist es geradezu harmonisch im Vergleich dazu.« Adraéyu musste verstohlen lächeln. »Aber von mir wirst du kein Mitleid erhalten. Du wolltest ja unbedingt die Welt sehen.« Er zwinkerte ihr neckisch zu, nur um im nächsten Augenblick ihre Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihr zu gehen. Doch schon nach kürzester Zeit lösten sie ihre Hände voneinander, denn eine übellaunige Stadtwache hatte sie wegen des Pferdes angeherrscht, welches sie mit sich geführt hatten. Ja die Stallungen! Adraéyu hatte sie völlig vergessen, zu lange war er schon nicht mehr in einer richtigen Stadt gewesen. Der halbe Heller, nur für das Unterbringen des Pferdes riss ein schmerzliches Loch in seinen kläglich gefüllten Geldbeutel. »Erstick daran.«, zischte er dem Stallburschen hinterher, als dieser mit dem Pferd davongegangen war. »Willst du dem Pferd eigentlich einen Namen geben? Nur falls uns mal jemand danach fragt, und nicht am Ende jemand glaubt, wir hätten es gestohlen, weil wir keinen Namen für es haben.«, meinte Adraéyu fragend an Rahela gerichtet.

Als sie ihr Hab und Gut aus den Satteltaschen genommen hatten und zusammen durch die Gassen der Stadt schlenderten, um ein geeignetes Gasthaus zu finden, um die bereits anbrechende Nacht darin zu verbringen, da öffnete mit einem Mal eine ältere Frau einen hölzernen Fensterladen und schüttete ihre Küchenabfälle und sonstigen, stinkenden Unrat aus einem hölzernen Kübel auf die Straße hinunter. Doch als Adraéyu dann Rahelas geschockten Blick sah, musste er grinsen. »Ja, die liebe sogenannte Zivilisation.« Er kicherte. »Wie ekelhaft … sie hat einfach ihren Dreck auf die Straße gekippt. Ist das erlaubt?« »Wo kein Kläger, da kein Richter. Das Haus dieser Frau ist sicherlich so arm, dass sie sich die Sickergrube ausheben nicht leisten können. Du kannst von Glück reden, dass sie nur Unrat herunter geworfen hat. Es hätte auch ihr Nachttopf sein können, den sie mal wieder ausleeren musste.« Adraéyu lachte, doch Rahela sah ihn nur entgeistert an. »Du machst Scherze.« Doch Adraéyu schüttelte nur den Kopf. »Nein. Gelegentlich werden in den Städten sogar Menschen aus dem Fenster geworfen. Das ist der sogenannte Fenstersturz.« Rahela schüttelte nur entgeistert den Kopf, und Adraéyu legte ihr sogleich seinen Arm um die Schulter und zog sie näher an sich heran. »Wenn wir den Alambic verkauft haben, sollten wir uns zuallererst gängige Überschuhe aus Holz kaufen, wenn wir nicht knöcheltief in der Scheiße stehen wollen, im wahrsten Sinn des Wortes. In den großen Städten gibt es zwar gepflasterte Straßen, aber in kleinen Städten und Dörfern wie diesen hier, sind die Wege nur festgetretener Lehm und Schlamm. Und wehe uns wenn es heute Nacht regnen sollte.« Rahela schwieg. Sie schien diese Informationen wohl erst einmal verdauen zu müssen. »Möchtest du einen Schnaps?«, lachte Adraéyu und drückte sie kurz, was einer Art Knuffen gleichkam.

Als sie endlich ein halbwegs brauchbares Gasthaus gefunden hatten, und sich letzten Endes für das billigere Zimmer entschieden hatten, saß Rahela auf der Bettkannte und sah ihn mit einen fragenden und zugleich entsetzten Blick an. »Du hast dir das hier anders vorgestellt nicht wahr? In deinem Kopf hattest du keine Stadt die in Morast und Scheiße versinkt, sondern romantische Städte voller Wunder und rätselhafter Fremdartigkeiten. Diese fremdländischen Händler die zeitweise in den Clan kommen, vermitteln ein Bild von der Ferne, wie es nicht existiert.« Rahela nickte niedergeschlagen. »Aber keine Sorge. Es gibt weit schönere Städte als diese hier. Die Welt birgt Wunder und Sehenswürdigkeiten, du wirst schon sehen.« Rahela zog sich die Schuhe aus und streckte ihre Zehen aus und wackelte mit diesen ein wenig verspielt, um sie zu lockern. »Ach hätten wir doch das bessere Zimmer genommen …«, seufzte Rahela mit einem Blick auf die Waschschüssel, welche neben dem Bett auf einem kleinen Tischchen stand. Es befand sich noch ein wenig Wasser darin, doch nicht genug um sich darin zu waschen. Und wer wusste schon, was sonst noch darin schwamm. Adraéyu sah sie fragend an. »Warum?«, wollte er sogleich von ihr wissen. »Ich würde mir gerne den Dreck der Reise mit dem Wasser aus der Waschschüssel abwaschen.« »Sei froh, dass wir dieses Wasser nicht haben.«, meinte Adraéyu nur, und setzte sich neben sie, um sich auch die Stiefel auszuziehen. «Gibt es hier keinen Brunnen? Wir könnten uns doch selbst Wasser holen.«, fragte Rahela und Adraéyu sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ich würde dir nicht raten aus diesem Brunnen dein Wasser zu holen.« Auf Rahelas verwirrten Blick räusperte sich Adraéyu zunächst. »Nun. Hier hat beinahe jedes Haus einen Abort. Oder zumindest eine Sickergrube für den Unrat, den Unflat und auch die Notdurft aus den Nachttöpfen, wenn sie schon keinen Abort oder Donnerbalken besitzen. Und oft befinden sich auch gleich daneben die Zisternen oder die Brunnen. Nun stell dir einmal vor, wohin der ganze Dreck versickert?« Adraéyu sah Rahela eindringlich ein und als er ihren wissenden Blick erkannte da zuckte sein Mundwinkel kurz von einem kurzen Lächeln auf, dicht gefolgt von einem angewiderten Kräuseln der Lippen. »Also. Lass die Finger von dem Brunnen.« »Und woher wissen wir, dass dieses Wasser nicht auch aus diesem Brunnen ist?« »Das wissen wir nicht.«, sagte Adraéyu ernst und Rahela verstand sofort. Sie schob die Wasserschüssel von sich. »Die Städte sind widerlich.« Adraéyu lachte. »Ha, du hast nur eine, kleine Stadt bei einbrechender Nacht gesehen.« Er lachte herzhaft und wischte sich schnell eine Träne aus dem Augenwinkel.

Als Adraéyu sich neben Rahela auf das Bett legte, wünschte er sich, wieder in seiner Hütte in den wilden Landen zu sein. Auf weichen Bärenfällen und nicht auf stinkendem Stroh. Er hoffte, dass keine Flöhe oder Wanzen darin hausten. »Wir brauchen einen Freibrief.«, sagte er und sah Rahela eindringlich an. »Was ist das?« »Eine Lebensversicherung.«, murmelte Adraéyu, doch Rahela sah ihn nur verwirrt an. »Dieses Land hier. Auch diese Stadt. Sie gehört einen Mann. Ein Herzog oder ein Graf. Irgend ein Adeliger. Und diese Menschen mögen es nicht, wenn Vagabunden, und das sind wir nun einmal streng genommen, einfach so mir nichts dir nichts auf ihrem Land herumstreunen. Wir sind keine Bauern und wir sind keine Leibeigenen, doch der Kerker steht für jeden offen. Und ein Freibrief garantiert uns freies Geleit, sollte uns die Stadtwache oder eine Garde aufhalten.« Rahela nickte nur, doch schüttelte sie auch den Kopf. »Wie kann dieses Land einem Mann gehören? Das Land gehört niemanden.« Adraéyu lächelte sanft. »Wir sind hier nicht in den wilden Landen. Hier herrschen wenige über viele.« Rahela stutzte die Augenbrauen. »Warum lassen die Menschen sich das nur gefallen?« Doch darauf wusste Adraéyu keine Antwort und zuckte nur mit den Schultern. »Die Menschen sind alles Narren.« Er zupfte sich ein Stück Stroh aus dem Bett und begann sorgsam die vertrocknete Schale abzuzupfen. »Wir müssen zum Herren über diese Ländereien gehen und bei ihm vorsprechen.« Als er das Stroh halbwegs sauber geschält hatte, steckte er es sich nachdenklich in den Mund. »Wie gesagt. Nicht überall sind Streuner, wie wir es sind, gerne gesehen. Ganz besonders keine wie wir … und schon gar keine wie ich …«
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In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

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Re: es kommt ein Sturm!

Beitrag von Rahela » So, 18. Nov 2012 11:47

Bildahela seufzte. Sie verstand wirklich nicht, was genau er ihr eigentlich vermitteln wollte. Anscheinend wollte er, dass sie sich anpasste, sich verstellte, sich zurücknahm, und womöglich noch den ganzen Tag den Mund hielt. Alles Dinge, die ihr noch nie sonderlich gut gelungen waren. Aber sie hörte sich seine Worte an und als er sie bittend ansah, schwieg sie. Sie überlegte kurz und meinte dann mit sanfter Stimme, ganz ohne Auflehnung oder Widerstand. „Ich werde mich bemühen, mich so gut ich kann anzupassen und zurück zu nehmen, ich möchte Dich nicht in Schwierigkeiten bringen...“ Er nickte geistesabwesend, während er an einem Grashalm kaute. Hatte er ihr überhaupt zugehört? Nach einer Weile beugte sie sich zu ihm und blickte ihm ins Gesicht. „Du hast übrigens meine Frage nicht beantwortet“ meinte sie und sah ihn erwartungsvoll an. Doch er sah sie nur mit großen Augen an. „Willst Du mich quälen?“ fragte sie ihn und blitzte ihn verärgert an. Doch noch immer sah er sie an, als schien er nicht zu wissen, wovon sie sprach. Er legte eine Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich heran und küsste sie. Sie versuchte ein wenig borstig, sich ihm zu entziehen, doch schnell merkte sie, wie schwer ihr das fiel und sie ließ ihre Gegenwehr fallen und erwiderte den Kuss.

Erstick daran“ zischte Arn dem Stallburschen hinterher, als dieser mit dem Pferd davongegangen war. Rahela hatte es vernommen und sah ihn ein wenig verwundert an. „Wieso sagst Du immer solche Sachen? Was kann er denn dafür?“ Als Arn sie nach einem Namen für das Pferd fragte, wisperte Rahela leise zu ihm „Genau genommen, ist dieses Pferd auch gestohlen...“ Doch davon wusste er ja nichts, er konnte es nur erahnen, dass dieses Pferd kein Abschiedsgeschenk von Benwick gewesen war, doch Genaues würde er nicht erfahren. Niemals... Rahela wollte ihn mit diesem Wissen nicht belasten, es brachte nichts, es führte zu nichts, er würde sich hinterher nur schlechter fühlen. Manche Dinge blieben besser im Verborgenen. „Es scheint ein Hengst zu sein, oder?“ Arn nickte und ihre Miene hellte sich auf. „Dann lass ihn uns ‚Asis‘ nennen, immerhin ist er auch schwarz...“ grinste sie. Manchmal machte es einfach Spaß, Scherze unterhalb der Gürtellinie zu machen. Sein Blick deutete allerdings an, dass er es nicht so spaßig fand. „Ach, nun sei nicht so“, beschwichtigte sie ihn. „Es kann Dir ohnehin niemand das Wasser reichen, zumindest für meine Begriffe...“ meinte sie lächelnd, während sie ihn umfing und gab ihm einen flüchtigen Kuss. „Lass ihn uns einfach ‚Rhôak‘ nennen, was meinst Du?“ schlug sie vor. „Das ist zwar nicht sonderlich originell, weil es nur „Pferd“ bedeutet, doch ich finde es passt gut zu ‚Thargôn‘ “. Als dieser seinen Namen vernahm, krächzte er kurz und schlug mit den Flügeln. Sie hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Raben. Sie hatte ihn in letzter Zeit vernachlässigt. Sie strich ihm über sein glattes schwarzes Gefieder und kraulte über seine weichen Bauchfedern. Während sie durch die Straßen schlenderten, wurden ihr immer von den Menschen seltsame Blicke zugeworfen, wie sie so mit dem großen, schwarzen Vogel auf ihrer Schulter durch die Stadt lief. Sie blickte sich um. „Ein Kaff nennst Du das? Was ist dann erst unser Dorf?“ Eine Stadt, die größer sein sollte, als diese hier, konnte sie sich gar nicht vorstellen. „Ich will Dein Mitleid auch gar nicht“ ätzte sie. „Du weißt genau, warum ich hier bin. In erster Linie nicht, um mir die große weite Welt anzusehen, ich war recht zufrieden in den wilden Landen...“ Völlig entgeistert lauschte sie seinen Erzählungen über die Eigenarten der Menschen in den Städten. „Siehst Du, es ist nicht gut, wenn zu viele Menschen an einem Ort leben. Hier ziehen sie sich gegenseitig in den Dreck und ins Verderben. Hier gibt es bestimmt oft Seuchen... Hast Du die großen Ratten gesehen, die hier herumlaufen? Ratten hat es bei uns im Clan nie gegeben... Nur Wölfe und Bären... Schuhe, um die Stiefel zu schützen... So was gibt’s ja nicht...“ meinte sie kopfschüttelnd. „Ja, ein Schnaps wäre jetzt genau das Richtige...“

I
m Zimmer saß Rahela auf dem Bett. Sie hatte sich ihre Stiefel ausgezogen und hatte diese achtlos auf den Boden geworfen. Als er sie fragte, ob sie sich all das anders vorgestellt hatte, nickte sie. Sie fühlte sich ertappt. Irgendwie hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie wollte die Zivilisation nicht schlecht machen, doch sie kam nicht umhin, ständig Vergleiche mit dem Faernach Clan zu ziehen, der ihr um soviel besser erschien. Schon auf den ersten Blick waren die wilden Lande bedeutend besser als dieses Rattenloch hier. „Hätten wir doch das bessere Zimmer genommen...“ meinte sie schließlich, als sie das wenige Wasser in der Waschschüssel betrachtete. „Warum?“ hakte Arn nach. „Nur so, ich hätte mich gerne gewaschen... all der Dreck von der Reise, doch hier ist ja kaum mehr Wasser in der Schüssel...“ meinte sie betreten. Arn klärte sie über die zweifelhafte Herkunft des Wasser aufs und Rahela verzog angewidert das Gesicht. „Die Städte sind widerlich... Welches Wasser trinken die Menschen? Womit kochen sie? Du willst mir doch nicht erzählen, dass sie Pisssuppe essen? Und Abort-Tee kochen?“ Arn lachte. „Ha, Du hast nur eine kleine Stadt bei einbrechender Nacht gesehen.“ Er wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. Rahela legte sich auf das Bett und streckte sich aus. Das Stroh unter dem Leintuch piekte und raschelte. „Wie sehr wünschte ich mir jetzt mein Bett her... die weichen Felle... Morgen Früh bin ich wundgestochen von dem Stroh...“ „Vielleicht nicht nur von dem Stroh“ murmelte Arn. Sie drehte sich zu ihm, legte ihren Kopf auf seine Schulter und dachte nach. Gedankenverloren ließ sie ihre Hand auf seiner Brust ruhen. Irgendwie wurde es immer schlimmer, je mehr sie über die Städte erfuhr und die Länder die nicht die wilden Lande waren. Wer waren die wahren Wilden? Ihr Volk, oder jene, die das Land unterjochten, als wäre es ihr Besitz? „Wie gesagt. Nicht überall sind Streuner, wie wir es sind, gerne gesehen. Ganz besonders keine wie wir… und schon gar keine wie ich…“ murmelte er schließlich. „Ich finde es lustig, ein Streuner oder Vagabund zu sein...“ schmunzelte sie. „Aber ich kann mir das nicht vorstellen“ meinte sie schließlich, während sie den Kopf hob und sich leicht aufrichtete. „Was haben die Menschen gegen die Raéyun? Ihr seid doch auch nicht anders als wir, ihr seid auch Menschen, bis auf die Augenfarbe seid ihr nicht von allen anderen zu unterscheiden, was macht Euch so verhasst? Erzähl mir davon...“ bat sie ihn. Als er beendet hatte, dachte sie noch ein Weilchen nach. Sie war schon sehr schläfrig geworden. „Morgen sieht alles sicher ganz anders aus...“ flüsterte sie leise, bevor sie einschlief.


Und wie alles ganz anders aussah, als am Vorabend, wo das meiste in der Dunkelheit verborgen geblieben war! Es sah alles noch dreckiger aus! Das allerletzte Geld, zwei Kupferstücke, hatten sie bei einem Bäcker für zwei kleine Córalayschnecken ausgegeben. Es war ein duftendes weiches Gebäck, ein Teigstrang aus recht fein gesiebtem Mehl, versehen mit wohlschmeckenden Kräutern und ein wenig Speckwürfeln, zu einer Schneckenform aufgerollt. Der Bäckersgeselle verkaufte diese kleinen Köstlichkeiten direkt aus einem kleinen Bollerwagen, den er durch die Straßen schob. Rahela hatte ein solches Gebäck noch nie gegessen. Das Brot, welches im Clan gebacken wurde, war aus vollen vermahlenen Körnern, es wurde nichts ausgesiebt, das ganze Korn wurde verwendet und zu dunklem Brot gebacken. Doch die Idee, Speckwürfel und Kräuter hinzuzufügen, gefiel ihr. Wenn sie wieder in den Faernach Clan zurückkehrte, musste sie dies unbedingt den Bäckern Wargan und Jolf erzählen! Es hatte, den Göttern wars gedankt, in der Nacht nicht geregnet, so dass sie ohne Sorgen durch die festgetretenen trockenen Straßen schlendern konnten. Sie waren auf der Suche nach dem Markt oder nach einem Alchemisten, wo sie hofften, den Alambic loszuwerden. Rahela blickte sich um, während sie umherliefen und schnappte die zahlreichen Eindrücke auf, die sich da boten. Vor einem Haus gleich unter dem niedrigen Dach, hingen einige gehäutete Tiere, man konnte nicht genau erkennen, was sie einst einmal gewesen waren. Es konnten große Hasen sein, genauso wie es ein kleiner Hund oder eine Katze sein konnte. Aus den aufgeschlitzten und ausgeweideten Bäuchen tropfte Blut auf den Boden und versickerte dort, kleine dunkle Flecken hinterlassend, im Erdreich. Einige Fliegen umschwirrten diese summend. Vor einem anderen Haus stand eine Frau vor einem großen Kessel und kochte Fett, welches ranzig stinkend sanft vor sich hin blubberte. Sie rührte mit einem riesigen Schöpflöffel darin. Allen Anschein nach eine Seifensiederin, denn sie hatte daneben noch einen Eimer Holzasche nebst einiger Fläschchen und Essenzen, welche vielleicht für das spätere Beduften waren. Rahela hatte dies eigentlich auch vorgehabt im Clan, seit sie Arn damals in seiner Hütte zusammengeputzt hatte, ob er wohl unter die Seifensieder gehen wollte, weil er seine kalte Asche immer nur in ein Eck geschoben angehäuft hatte, anstatt sich ihrer zu entledigen. Rahela musste schmunzeln, als sie daran dachte. Doch irgendwie hatte sie keine Zeit dafür gefunden, und nun war es zu spät. Später einmal... sie würde den ganzen Clan mit Seifen eindecken, wenn sie wieder zurückkam! Es war ungewohnt für sie, Arn so verhüllt zu sehen. Damit zog er doch erst Recht die Blicke auf sie...


Sie bogen um die Ecke, aus deren Straße lauter Lärm zu vernehmen war und plötzlich tat sich vor ihnen der Markt auf. Viele Menschen drängten sich dicht aneinander und man konnte zwischen dem lauten Stimmengemurmel die Händler und Marktschreier vernehmen, die lautstark ihre Waren anpriesen. Rahela ergriff in dem Getümmel instinktiv nach Arns Hand und nestelte herum, sie sie ihre Finger mit seinen verschlungen hatte und sich so Halt oder Sicherheit suchte. „Orangen! Orangen! Sie sind so süß wie die aufgehende Sonne!“ „Süße Datteln! Süße Datteln und Feigen! Süße Datteln und Pistazien!“ Zahlreiche Düfte umwaberten ihre Nase. Es waren köstliche ebenso wie ekelerregende. Ein Fass mit eingesalzenen Fischen stank erbärmlich und kitzelte Rahelas Magen und vermischte sich mit dem Duft von Backwaren, die gleich am Nebenstand aufgeschichtet waren. Der nächste Stand war der eines Fleischermeisters und das Fleisch verströmte ebenso einen widerlichen Geruch. Rahela wurde schlecht. Sie konnte den Geruch von Fleisch nicht mehr ab, seit sie schwanger war. Essen mochte sie es sowieso nicht mehr, was mit ihrem Vorrat an Trockenfleisch in ihrer Tasche eine blöde Geschichte war. Arn war auch kein Freund von Trockenfleisch, und so würde sie es allmählich an Thargôn verfüttern. Nach einiger Zeit die sie gegangen waren, fanden sie schließlich endlich einen Alchemisten. An seinem Stand waren zahlreiche Fläschchen, offene Säckchen mit Kräutern, Pulvern und verschiedenen Steinen, und auch ein Alambic war auf dem Tisch, der allerdings in Verwendung war. Unter dem Kolben der mit Flüssigkeit und Kräutern gefüllt war, loderte ein kleines Feuer und am anderen Ende tropfte eine klare Flüssigkeit stetig in ein kleines Fläschen. „Ah, so funktioniert das...“ dachte Rahela bei sich und es tat ihr leid, dass sie ihren Alambic nicht behalten konnte. In weiteren Dicken Flaschen schwammen teilweise eklige aufgeschwemmte Gegenstände wie Augen, kleine präparierte Tierchen oder andere Absonderlichkeiten. Als der Alchemist die beiden bemerkte, musterte er sie abschätzend. „Kann ich Euch behilflich sein?“ fragte er forschend. Rahela nickte und zog den in Leinen gehüllten Alambic aus ihrer Tasche. „Was ist das?“ fragte er neugierig. „Ein Alambic“ meinte sie, als sie das Leinentuch entfernte. Sie atmete erleichtert auf. Das Glas war unversehrt geblieben. „Wir möchten ihn verkaufen, wir haben keine Verwendung mehr dafür...“ meinte sie. Er musterte gierig den Alambic, ließ dann seine Blicke über Rahela wandern und fixierte Thargôn, der still auf ihrer Schulter ruhte. „Ihr stammt aus den wilden Landen, hab ich Recht? Euer Akzent ist so stark... Er musterte erneut den Raben. Seid ihr eine Hexe? Wie kommt eine Frau wie ihr, eine Wilde, aus den wilden Landen, an einen Alambic?“ Er schien sie verunsichern zu wollen, der Lump. In Rahela stieg der Zorn hoch, doch sie ermahnte sich und erinnerte sich an das Versprechen, welches sie Arn gegeben hatte. Sie würde nicht auf diese Provokation einsteigen. „Ich bin eine Heilerin. Ja, ich stamme aus den wilden Landen. Doch wir sind längst nicht so unzivilisiert, dass wir dort keine Apparate wie einen Alambic kennen. Und wir sind uns sehr wohl über dessen Wert bewusst. Es scheint allerdings, als zeigt ihr nicht wirklich Interesse an dem Teil, sonst würdet ihr uns doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit behandeln, oder täusche ich mich?“
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » So, 18. Nov 2012 16:34

Bilddraéyu fand Rahelas dummen Namen für das Pferd nicht sonderlich amüsant. Doch scheute er sich nicht, noch eine Schippe drauf zu legen. »Ach sag bloß. Wär mir ja gar nicht aufgefallen, dass der Gaul schwarz ist. Ich hatte schon geglaubt, dass der Schwanz des Hengstes dich an den Menai erinnerte.« Er verzog ein wenig sein Gesicht zu einer Grimasse, doch war er eigentlich gar nicht wirklich sauer. Im Gegenteil. Rahelas Spaß war, wenn man es nüchtern betrachtete, durchaus gelungen. Vielleicht machte ihn einfach nur die Stadt nervös. All die neugierigen Blicke, die Rahela und ihren Raben anstarrten. Er fühlte regelrecht wie die Menschen ihm durch die Kapuze blickten und dann irgendwann sein Bernstein farbenes Auge erkennen würden. Und dann hieße es rennen. Rennen so schnell er konnte. »Ach sei nicht so.«, beschwichtigte ihn Rahela und munterte ihn mit einem gut gemeinten Spruch auf. Doch Adraéyu war gerade nicht in der Stimmung für derartige Floskeln. Nachdem sie ihn geküsst hatte schlug sie einen ernst gemeinten Namen vor. »Rhôak also. Also entweder Sonne oder Pferd.« Rahela blickte Adraéyu ein wenig überrascht an. Ja sie hatte ihm nie gesagt, was Asis bedeutete. Asis selbst hatte es ihm auch nicht gesagt. Doch war er vor vielen Jahren in das Land der Menai gekommen, und hatte einige Wörter aufgeschnappt. Er lächelte sie nur wissend und geheimnisvoll an. Sollte sie ruhig glauben, er könnte die Sprache der schwarzen Teufel aus dem Süden sprechen.

Als Rahela seine Frage nach einem Schnaps bejahend beantwortet hatte, da nickte er. Sie schlenderten, auf der Suche nach einer Taverne oder einem Gasthaus durch die Straßen, bis sie schließlich bei einem einkehrten. Nachdem sie sich das Zimmer, welches Adraéyu für reichlich überteuert hielt, angemietet hatten, setzten sie sich noch im Schankraum nahe der Ausschank nieder und bestellten jeder einen Schnaps. »Das macht einen Heller.« »Einen Heller für zwei winzige Becherlein Schnaps?«, begehrte Adraéyu ungläubig auf. »Ja, einen halben Heller, pro Becher.«, antwortete der Wirt monoton und hielt noch die Gläser in der Hand. Er wog ab, und beäugelte Rahela und Adraéyu misstrauisch. Kurzerhand entschied er, erst dann die Gläser auf den Tisch zu stellen, wenn diese seltsamen Gestalten das entsprechende Geld auf den Tisch gelegt hätten. »Ich zahle einen halben Heller für beide!«, schlug Adraéyu dreist vor, und knallte sogleich den halben Heller, den er noch übrig hatte, als er die andere Hälfte abgebrochen und dem Stallburschen gegeben hatte, auf den Tisch. Der Wirt runzelte zunächst die Stirn und blickte ein wenig säuerlich drein. Doch dann stellte er die Gläser ab und nahm das Stück Metall in die Hand. Er hielt es sich knapp vor die Nase und beäugelte es kritisch. Dann biss er prüfend hinein und kurz darauf nickte er zufrieden. »Also gut. Aber nur weil ihr schon ein Zimmer angemietet habt.« Vielleicht war es Glück gewesen, dass sonst niemand im Raum gewesen war. Vor anderen, zahlenden Gästen wäre der Wirt sicher nicht darauf eingegangen. Doch Adraéyu war es recht. Einen halben Heller gespart, das war schon viel wert. Als der Wirt außer Reichweite war, um Adraéyus oder Rahelas flüsternde Stimmen zu vernehmen, da rutschte er an Rahela heran und raunte ihr etwas zu. »Wahrscheinlich is der Schnaps eh gestreckt, und nicht einmal einen halben Heller wert.«, doch war das Adraéyu nun gleich. Er nahm den Becher zur Hand und hielt es Rahela hin, so dass sie mit dem ihren anstoßen konnte. Als die zinnernen Becher klirrend zusammenschlugen, schwappte die klare Flüssigkeit darin herum. Und kurz darauf setzte sich Adraéyu den Becher auf die Lippen an. »Auf eine gute Reise.«, murmelte er und stürzte sogleich den Inhalt herunter. Der Schnaps brannte fürchterlich. Und er schmeckte widerlich. Doch kurz darauf stellte sich die typische, wohlige Wärme ein, welche dem Schnapsgenuss unweigerlich folgte. Er nickte und klopfte sich ein Mal kurz auf die Brust. »Besser als erwartet.«, nickte der Raéyun anerkennend. Doch mehr als einen halben Heller würde er dennoch nicht dafür zahlen. Nicht einmal, wenn die Becher randvoll gefüllt worden wären. Nunja, dann vielleicht doch etwas mehr.

Als die beiden schließlich auf dem Zimmer waren und nebeneinander auf dem stechenden Stroh lagen, da rutschten sie nah aneinander. Das Bett ließ ohnehin nichts anderes zu. Es war ein schmales Bett. Für einen Moment dachte Adraéyu daran seine Hände über Rahelas Leib wandern zu lassen und ihr die Röcke hoch zu schieben. Doch das Bett war so unbequem, und das Stroh so stechend, dass es sicherlich nicht sehr angenehm gewesen wäre, auf diesem Bett das Lager zu teilen. Sie sprachen über das Wasser und die Zustände in den Städten, und auch über das Vagabundendasein. »Ich finde es lustig ein Streuner oder Vagabund zu sein.«, schmunzelte Rahela und legte ihren Kopf auf seine Schulter, während sie ihre Hand auf seine Brust legte. »Wir werden sehen wie lustig du es findest, wenn wir dem Herzog vorgeführt werden und wegen Landstreicherei in den Kerker geworfen werden. Und wenn sie erkennen, dass ich ein Raéyun bin, dann werden sie mich am nächsten Galgen aufknüpfen, und wenn es ein alter, knorriger und windschiefer Baum irgendwo hinter dem Abort ist. Lieber noch vor einem dummen Bauernmob mit Fackeln, Forken und Sensen weglaufen, als vor den Herzog geführt zu werden.« Rahela sah ihn ein wenig eindringlich an, als ob es ihr schwer fiel seinen Worten Glauben zu schenken. »Warum sollte es verwerflich sein, auf der weiten Flur zu streunen?« »Streuner und Vagabunden sind doch im Volksmund nichts anderes als Riemenstecher und Beutelschneider. Mittellose Diebe, Gängler und verarmtes fahrendes Volk. Nicht besser als die Zigeuner.« Adraéyu klang schon ein wenig müde. »Was haben die Menschen gegen die Raéyun? Ihr seid doch auch nicht anders als wir, ihr seid auch Menschen, bis auf die Augenfarbe seid ihr nicht von allen anderen zu unterscheiden, was macht Euch so verhasst? Erzähl mir davon …« Adraéyus Miene verdunkelte sich ein wenig. »Ja, du hast natürlich Recht. Ich bin nur ein Mensch, wie auch du. Doch auch du bist kein Mensch wie sie hier.« Bei diesen Worten machte er eine ausholende Geste, um all die Menschen, die sie umgaben, auch wenn gerade niemand im Raum zugegen war, einzuschließen. »Kannst du dir die Frage nicht selbst sehr gut beantworten? Wie hätte man im Clan wohl auf dich reagiert, wenn sie erfahren hätten, dass du mehr als nur Blutrituale und Runenwerfen beherrschst? Wenn sie erfahren hätten, dass ihre Hebamme und Kräuterheilerin eine wahre Schamanin war? Eine Schamanin die die Geister rufen konnte, und wenn sie es wollen würde, den Geist eines Mannes zu lenken imstande war, als ob er eine Marionette war?« Adraéyu sah Rahela an um ihre Blicke zu studieren, bevor er fortfuhr. »Du hast jetzt schon am Rand des Dorfes gewohnt, wie eine Aussätzige, die man zwar duldete, aber dennoch fürchtete. Und nun kannst du dir vielleicht vorstellen wie es bei den Menschen in den Landen der gefallenen Reiche geht. Nur können sie unsereins nicht einfach an den Rand des Dorfes verbannen. Nein, sie wollen uns gleich tot sehen. Dich wie mich. Also hüte dich deine Macht offen zu zeigen. Die Menschen fürchten alles was fremdartig ist und dem sie nicht beikommen können. Wie könnten sie auch einem Weib wie dir das Wasser reichen? Oder meiner Musik widerstehen, wenn sie nur ihre Fäuste und ihre Schwänze haben, um sich die eigene Frau untertan zu machen.« Rahela nickte nach Adraéyus Worten, und bald darauf nickte sie dazu auch noch ein. Und auch Adraéyu überkam recht bald die Müdigkeit. »Ah, die Tür.«, schreckte er noch hoch. Er kämpfte sich aus dem Bett und schlurfte zur Tür. Er hatte sich noch an die mahnenden Worte des Wirts erinnert, die Tür von innen zu verriegeln. Er hatte kein Interesse daran, am nächsten Morgen mit durchtrennter Kehle zu erwachen. Er grinste dämlich als er sich dieses bildlich vorstellte. Als er schließlich die Tür von innen verriegelt hatte, und sowohl das Schloss versperrt hatte, als auch den Riegel ins Schloss geworfen hatte, legte er sich wieder neben Rahela. Sie war schon tief in dem Reich der Träume. Er lag noch eine Weile mit offenen Augen da und starrte die schlafende Rahela an. In all der Zeit in den wilden Landen hatten sie sehr selten im selben Bett geschlafen und er kam nicht umhin ihr beim Schlafen zuzusehen. Und unweigerlich rückte er ihr immer näher, und küsste sie sanft auf die Lippen. Und bald schien sie seinen Kuss, schlafend, zu erwidern. [18]Und seine Hände strichen über ihren üppigen Busen, und rutschten unter ihr Kleid um den Busen sanft zu drücken. Und als sich schließlich sein Gemächt in der Hose regte, da schob er nun doch ihre Röcke hoch und strich ihr liebevoll über die Scham. Und wie willenlos schien Rahela ihre Beine zu öffnen um seinen Händen mehr Platz zu verschaffen …[/18]

Am nächsten Morgen kämpfte sich Adraéyu wie gerädert aus dem harten Bett. Er hatte schrecklich geschlafen. Da war sogar der moosbewachsene Boden in den wilden Landen besser gewesen. »Wie hast du geschlafen?«, fragte er mit einem sperrangelweiten Gähnen auf den Lippen. Er nahm seinen Lautenkasten zur Hand und auch seinen Langbogen, den er als Wanderstab benutzte. Die Sehne war nicht auf den Bogen aufgezogen, sondern fein säuberlich zusammengerollt in der kleinen, ledernen Tasche, welche er am Gürtel trug, verstaut. Als er sich nun auch die große, lederne Tasche umgehängt hatte, öffnete er sogleich den Riegel und entsperrte auch das Schloss. Als auch Rahela fertig war, und sich aus dem Bett gekämpft hatte häkelte sie sogleich ihre Finger in die seinen ein, und sie gingen gemeinsam aus dem Zimmer. Auf dem Weg nach unten liefen sie dem Wirt in die Arme, welcher sie sogleich mit einem skeptischen Blick bedachte. Sein Blick fiel sogleich auf ihre, einander zusammen verschlungenen Finger und sogleich hob er eine fragende Augenbraue. Er war so verwirrt, dass er nicht einmal das goldfarbene Auge des Raéyun bemerkte, welcher in seiner morgendlichen Müdigkeit völlig vergessen hatte sich die Kapuze ins Gesicht zu ziehen. »Bruder und Schwester also.«, murmelte der Wirt und verzog leicht angewidert die Mundwinkel. »Geht mir bloß aus den Augen, ihr wildes Inzuchtpack.« Sogleich trat er zwischen den beiden hindurch, und zwang sie so, sich voneinander zu lösen. Als der Wirt sie dann, leicht angerempelt, stehen gelassen hatte, trat Rahela wieder einen Schritt an Adraéyu heran, und schob ihm sogleich die Kapuze über den Kopf. Erst da fiel ihm ein, was er vergessen hatte. »Danke.«, murmelte er leise »Wir sollten, sofern wir die kommende Nacht noch in dieser Stadt verweilen, uns lieber eine andere Herberge zum übernachten suchen.«, schlug Adraéyu ein wenig betreten vor.

Als sie aus dem Gasthaus ins Freie traten, wurden sie von schalem Sonnenschein begrüßt. Eine dicke Wolke hing am Himmel und verdeckte größtenteils die Sonne. Doch es hatte zum Glück noch nicht geregnet. »Wir sollten uns schleunigst Überschuhe kaufen, bevor der kommende Regen die Straßen in eine widerwärtige Jauchegrube verwandelt.« Gemeinsam gingen sie über den Platz, welcher direkt vor dem Gasthaus lag. Es schien der Brunnenplatz zu sein. In der Mitte des Platzes stand sogar ein Dorfbrunnen. Möglicherweise war das Wasser aus diesem Brunnen sogar genießbar, da kein Abort in der Nähe zu sein schien. Doch Adraéyu würde es vorziehen, lieber etwas Bier zu trinken, bevor er das Wasser aus der Stadt trinken würde. Zum Glück hatte er noch seinen Wasserschlauch, den sie erst bei der Quelle des Chaburs aufgefüllt hatten, als sie das Gebiet des Meagar-Clans hinter sich gelassen hatten. Die wilden Menschen hatten sie glücklicherweise unbehelligt passieren lassen. Rahelas schamanischer Ruf war ihr bis in den Süden vorausgeeilt, und die Männer und Frauen hatten ihr viel Ehrerbietung entgegen gebracht gehabt. Ein wenig wehmütig dachte Adraéyu an die wilden Lande, als er den Sumpf und den menschlichen Abfall vor sich sah. Er bot Rahela den Wasserschlauch an, damit sie ihre Lippen benetzen konnte.

Sie irrten mehr als dass sie sich in den verwinkelten Gassen zurechtfanden, durch die Straßen und Gassen der Stadt. Unterwegs kauften sie sich für zwei Pfennige eine sogenannte Córalay-Schnecke. Die Spezialität des Landes. Sie schmeckte auch wirklich nicht schlecht. Auch wenn der Bäcker ein wenig dreckig gewirkt hatte. Adraéyu hoffte, er hätte nicht in den Teig gerotzt oder sich wenigstens nach dem Pissen die Hände gewaschen, bevor er den Teig geknetet hatte. Und als sie schließlich auf dem Marktplatz angekommen waren, da wurden sie von den Gerüchen beinahe überwältigt. Es stank und duftete zugleich. Hier und da lagen Unrat und Abfälle, und nicht weit daneben, standen Stände mit köstlichen Backwaren, oder mit frischem Fleisch, oder vielleicht auch nicht mehr ganz so frischem Fleisch. Adraéyu und Rahela schlenderten so über den Platz, stets Ausschau nach einem Händler aushaltend, der womöglich Interesse an einem solchen Alambic haben könnte, den sie schließlich veräußern wollten. Auf dem Weg, über den Platz, sahen sie eine dichte Menschentraube. Mehrere Männer und Frauen drängten sich vor einem Stand zusammen und riefen alle kreuz und quer durcheinander. Ein seltsames Brummen oder Grollen erfüllte immer wieder die Luft, und auch Hundegebell oder viel mehr das Heulen der Hunde war zu vernehmen. »Was da wohl los ist?«, fragte Adraéyu mehr sich selbst als Rahela und zog sie sogleich mitten in die Menschenmasse. »Halt deine Geldbörse fest. Sonst ist sie bald abgeschnitten ...«, ermahnte Adraéyu, obwohl er genau wusste, dass Rahela gar keine besaß. »… äh, oder eben deine Dolche. Besonders der eine ist eine Menge wert!«, raunte er ihr leise zu, damit es niemand hören konnte. Er hielt es ebenso. Die Laute war schon sehr sperrig, und war nicht einfach zu stehlen. Seine Rolle mit den Pergamenten war gut gesichert. Und das Messer, welches er hinten am Gürtel trug, war kaum mehr als das Material wert. Doch er hatte immerhin eine Geldbörse. Wenngleich sie auch nicht sonderlich gefüllt war. Und Rahela hatte noch den gläsernen Alambic, der allein schon fast so viel wert war, dass selbst ehrbare Diebe nicht davor zurückschrecken würden, ihnen beiden die Gurgel durch zu schneiden, nur um an das Ding zu kommen. Doch Rahela hatte ihn gut in ihrer Tasche verstaut.

Schließlich hatten sie sich bis in die erste Reihe vorgekämpft, und staunten ein wenig, als sie das dargebotene Schauspiel sahen. »Tretet näher! Verehrte Herren, und Maiden!«, rief ein bunt gekleideter Mann mit einem geschwungenen Schnauzbart. »Wer wagt es noch? Wer will nochmal?«, rief er herausfordernd. »Hier ich!«, rief einer der Anwesenden Männer und trat vor. Adraéyu fixierte den Mann und musterte ihn ein wenig. Er war ein Hänfling. Dünn und schlaksig. An seiner Leine hielt er einen großen Wolfshund, dessen gelbe Augen unheimlich in die Menge starrten. Er hechelte, und ließ die Zunge aus dem Maul hängen. Seine Lefzen tropften von Sabber und Geifer, doch ansonsten war es ein wirklich stattliches Tier. Und da erst, fiel Adraéyu der gewaltige Bär auf, welcher mit einer mächtigen Kette um den Hals an einem dicken Pfahl angebunden war, welcher tief in den lehmigen Boden getrieben worden war. »Eine Bärenhatz.«, murmelte Adraéyu ein wenig enttäuscht. Rahela rutschte ein wenig näher an ihn heran. »Was ist das?«, fragte sie neugierig. »Ach, nichts Besonderes. Ein Unterhaltungsspiel für die Städter. Und auch ein wenig Glücksspiel. Sieh einfach zu.«

Der dünne Mann trat an den bunt gekleideten Ausrufer heran und steckte ihm etwas in die geöffnete Hand. »Sein Einsatz.«, kommentierte Adraéyu, was vor ihren Augen geschah. »Sein Einsatz? Worauf setzt er?«, fragte Rahela neugierig. »Warts ab.«, antwortete Adraéyu gelangweilt. Dann ging der schlaksige Mann in die Hocke und redete auf seinen Hund ein. Er packte ihn immer wieder am Kragen und zog seinen Kopf zu sich, um des Hundes Aufmerksamkeit zu gewinnen. Kurz darauf trat er einige Schritte von dem Hund zurück und deutete auf den Bär »Fass!«, schrie er und sogleich stürzte sich der Hund auf den Bären. Er sprang, und der Bär trottete, mit einem gequälten Ausdruck auf dem Gesicht zur Seite. Vielleicht bildete sich Adraéyu diesen Blick aber auch nur ein. Der Bär richtete sich auf, und wischte mit seiner Pranke den Hund regelrecht aus der Luft. Der Hund heulte kurz auf, doch rappelte er sich wieder auf die Beine und setzte schon zum nächsten Angriff an. Der Hund ließ nicht locker und verbiss sich kurz darauf im Bein des Bären. Doch dieser brummte nur und biss nach dem Hund. Lediglich die Kette rettete den Hund davor, nicht von den Zähnen erwischt zu werden. Wieder schlug der Bär nach dem Hund und dieses Mal blieb der Hund am Rand der Zuschauermenge liegen. Der dünne Mann rannte sogleich zu seinem Hund, um nach diesem zu sehen. Doch der Kampf war vorbei. »Noch ein Freiwilliger?«, rief der Ansager, und beendete damit den Kampf. Wer wollte konnte nun mit seinem Hund antreten. »Das wars?«, fragte Rahela. »Ja. Hätte der Bär aufgeheult, und nicht nur geknurrt, hätte der Mann den doppelten Einsatz gewonnen.«, murmelte Adraéyu. »So hat er wohl einen halben Tagelohn verloren. Was seine Frau wohl dazu sagen wird?« Adraéyu konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen. Rahela schien gefasster zu sein, als er erwartet hatte. Er hatte Bestürzung oder fassungsloses Kopfschütteln erwartet. »Lass uns weitergehen.«, murmelte Adraéyu.

Als sie schließlich einen Alchemisten fanden, zeigte Rahela diesem sogleich den Alambic, um ihn zu veräußern. Adraéyu fand, es war ungemein von Vorteil, wenn dieser glauben würde, Rahela aufgrund ihrer Herkunft leicht über den Tisch ziehen zu können. Dann könnte Adraéyu ein leises Lied pfeifen, und die Verhandlungen zu ihren Gunsten lenken. Doch Rahela ließ sich von ihren Gefühlen leiten und herrschte den Mann sogleich an. Doch der Alchemist ließ sich davon kaum beeindrucken. Vielmehr sah er Rahela mit eindringlichen Augen an. »Sind alle in den wilden Landen so aufbrausend?«, fragte er neckisch. »Die Wilden, welche hier leben, sind nicht mehr gar so wild. Vielleicht haben sie ihr Feuer verloren? Oder seid ihr einfach eine besonders feurige Frau aus dem Norden?« Dem Alchemist schien es zu gefallen, Rahela zu provozieren. »Hör zu.«, ging Adraéyu dazwischen. Der Alchemist verzog unwillig seine Mundwinkel, als Adraéyu sich dazwischen schaltete. Ob es an seinem Einschreiten, oder an der Art wie er ihn angeredet hatte, und dem Mangel an Respekt lag, war nun schwer zu sagen. »Was willst du dafür zahlen? Wir haben keine Zeit für diesen Unsinn.«, murrte Adraéyu. Der Alchemist senkte prüfend seinen Kopf um den Alambic genauer zu untersuchen. »Naja. Das beste Stück ist er ja nicht. Das Glas hat Einschlüsse und Blasen. Einige Kratzer sind auch auf dem Glas. Und es scheint, als ob er schon benutzt worden wäre.« Adraéyu schwieg. Natürlich wollte der Alchemist den Preis drücken. Wahrscheinlich stimmte nichts von alldem, was er sagte, mit Ausnahme der Annahme, dass der Alambic bereits benutzt worden war. Denn das wusste Adraéyu selbst. »Wie viel?«, fragte Adraéyu daraufhin nochmals geduldig. »Zwei Goldstücke.«, hob der Alchemist an, und es schien ihm schwer das Glitzern in seinen Augen zu verbergen. Doch Adraéyu spielte das Spiel mit. Er fühlte, wie ihn plötzlich eine Welle der Empörung und des Aufbegehrens überkam. Rahela war kurz davor etwas zu sagen. Da nahm er sie schnell an der Hand, und drückte sanft ihre Hand, in der Hoffnung, sie würde schweigen. »Hälst du uns für Narren, alter Mann? Das Ding ist locker zehn Goldstücke wert.« Da lachte der Alchemist herzhaft. »Ha, nicht einmal, wenn er neu wäre.« Adraéyu verengte seine Augen zu zwei misstrauischen Schlitzen. Vielleicht hatte der letzte Alchemist gelogen? Nein, er wusste wie viel Glas kostete. Die Scheibe, die Adraéyu für sein Haus hatte anfertigen lassen wollen, hätte schon vier Goldstücke gekostet. Da war der Alambic weit wertvoller, aufgrund seiner aufwändigen Verarbeitung. Vielleicht waren die Preise in den wilden Landen höher, als in den gefallenen Reichen, doch Glas war allerorts wertvoll. »Dann vergesst es.«, zischte Adraéyu und legte sogleich seinen Umhang über den Mantel, um ihn vor den gierigen Blicken des Alchemisten zu verbergen. »Die Alten sollen euch holen.«, murrte der Alchemist. »Also gut, ich gebe euch fünf Goldstücke.«, bot er entgegenkommend an. »Fünf Goldmünzen und vier Heller.« verlangte Adraéyu und der Alchemist knirschte unwillig mit den Zähnen. Doch seine Gier und seine Gedanken verrieten, dass er das Ding unbedingt haben wollte. Es war mehr wert, das war klar. »Also gut.«, murrte der Alte unwirsch und kramte das Geld sogleich aus seinem Beutel. Rahela konnte ihre Freude kaum verbergen, als sie die fünf schönen, dünnen und vor allen Dingen goldenen Münzen in der Hand des alten erblicke. Dagegen waren die vier silbernen Münzen schnöder Mammon und kaum eines Blickes würdig. Adraéyu schnappte das Geld und verstaute es sogleich in seinem Beutel. Doch eine der Goldmünzen behielt er in den Händen, während er den verschlossenen Geldbeutel sogleich unter sein Hemd in die Bundhose stopfte. An diesem Ort war der Beutel wenigstens für kurze Zeit sicher. Kein Beutelschneider, würde ihm in die Hose greifen, um das Geld zu stehlen, nicht ohne ihn vorher zu töten. Als das erledigt war, stellte Rahela den Alambic, sichtlich erleichtert das schwere Ding endlich los zu sein, auf den Tisch des Alchemisten. «Gehabt euch wohl.« Sie deutete eine leichte Verbeugung an, und strafte damit den Alchemisten einen Narren. Die Wilde, die sich besser zu benehmen wusste, als manch ein zivilisierter Mensch.

Adraéyu hatte auf dem Weg über den Markt einen Stand, nahe einer dunklen Gasse gesehen. Das war der Grund, warum er die eine Goldmünze in den Händen behalten hatte. Als sie sich dem Stand näherten, standen auch hier einige Menschen um den Stand herum. Nicht so viele, wie bei der Bärenhatz, aber genug, um das Interesse vorbeigehender Menschen zu wecken. »Kommt näher! Wer hat ein gutes Auge? Wer die Kugel findet, bekommt den doppelten Einsatz!«, rief der Mann. Es war ein kleiner Mann, mit einer windigen Hakennase, und engen, Rattenaugen. Er sah verschlagen und durchtrieben aus. Zweifellsohne betrog er die Leute mit dem Hütchenspiel. Vor ihm lagen drei Nussschalen und er bewegte sie gerade mit einer unüberschaubaren Geschwindigkeit. »Na, wo ist die Kugel?«, rief er in die Menge, doch niemand trat vor. Da hob er die mittlere Nussschale an und offenbarte die kleine Holzperle, welche darunter lag. Kurz darauf, stellte er die Schale wieder über die Perle und ließ erneut die Kugel unter den sogenannten Hütchen tanzen. »Wer hat ein gutes Auge?« Adraéyu versuchte der Schale, unter welcher er die Nuss wähnte zu folgen, und als der Mann endete, und ein mutiger Spieler vortrat, und auf die Schale auf der rechten Seite deutete, da war sich Adraéyu auch ziemlich sicher gewesen, dass die Kugel sich dort befinden würde. Der Mitspieler legte einen ganzen Heller vor die Nussschale, doch als der Mann die Nussschale ein wenig anhob, befand sich keine Kugel darunter. Betreten verließ der Verlierer die Menge und der Spieler steckte die Münze sogleich ein. Und schon wieder ging es von vorne los. Dieses Mal konzentrierte sich Adraéyu besser, und als der Mann fertig damit war, die Nussschalen zu bewegen, da trat sofort ein weiterer Mitspieler hervor und legte ebenfalls einen Heller in die Mitte. Dieses Mal befand sich die Kugel darunter, und der Spieler hinter dem Tisch zog murrend eben jenen Heller aus der Tasche, den er zuvor gewonnen hatte. »Wie gewonnen, so zerronnen.«, murmelte Rahela. Doch Adraéyu war sich da nicht ganz so sicher. Er hatte von diesen Spielen gehört. In der Menge standen immer ein oder zwei Männer, die zu dem Spieler gehörten, um der Menge vorzugaukeln, dass man leichtes Geld machen konnte. Adraéyu beobachtete die Szenerie eine Weile. Die meisten verloren. Doch hin und wieder, wenn einige Menschen sich von der Menge abwandten, gewann wieder einer und weckten so neues Interesse. »Eine abgekartete Sache.«, flüsterte Adraéyu. Doch weckten diese Betrüger den Kampfgeist Adraéyus. Er war kein Kämpfer. In den wilden Landen hielt man ihn für nutzlos. Doch war er ein Mime. Er war ein Schauspieler und er konnte sehr überzeugend lügen. Er konzentrierte sich auf die Gefühle der Menge, und auch auf die Gefühle des Spielers. Und auch wenn er bei den meisten Menschen Neugierte und Verblüffung spürte, da fühlte er bei dem Spieler nur einen gewissen Grad an Schadenfreude. Er wusste, dass er unbesiegbar war. Er war so geschickt. Es musste irgend einen Trick geben. Irgend einen verwinkelten Betrug, der nicht zu entdecken war. Doch Adraéyu hatte einen Plan, wie er den Halunken ein Schnippchen schlagen konnte. Er hatte in der Menge drei Menschen entdeckt, die weder Enttäuschung, noch Neugierde und schon gar keine Überraschung fühlten, wenn die Kugel nicht an ihrem Platz war, oder eben doch an dem Platz war, worauf vermeintliche Mitspieler tippten. Und als eben ein solcher Mann aus der Reihe trat, um bei dem Spiel mitzumischen, da trat auch Adraéyu vor. Er wartete vorsichtig ab, bis der Mann seinen Heller vor der Nussschale platziert hatte. Und kaum war das geschehen, legte er sofort seine Goldmünze dazu. »Ich steige ein. Alles oder nichts.« Sofort ging ein Raunen durch die Menge. Eine ganze Goldmünze! Das sorgte für Aufregung. Doch auch Rahela schien aufgeregt. Sie schien vor Wut zu kochen. Wie konnte er nur das Geld verspielen, wo er doch selbst gesagt hatte, es war eine Lüge. Doch er lächelte nur in sich hinein. Er drückte seinen Finger auf die Nussschale, damit der Spieler nicht noch die Kugel darunter herausfingern konnte, wenn er sie anhob und hob die Schale selbst an. Und tatsächlich. Unter der Schale lag die kleine hölzerne Perle. Überraschung und hier und da sogar ein Funken der Freude durchging die Menschen. Allen voran Rahela. Doch der Spieler funkelte Adraéyu nur finster an, und auch der Mann, welcher neben ihm stand. Eigentlich hätte er sich doch freuen müssen. Immerhin hatte er einen ganzen Heller gewonnen. Doch er hatte genauso verloren, wie der Spieler. Denn er gehörte zu den Gaunern. »Meinen Glückwunsch.« Langsam, als könne er sich nur sehr schwer von den Münzen trennen, zählte er acht ganze Heller aus seinem Beutel und legte einen nach dem anderen auf den Tisch. »Noch eine Runde?«, doch Adraéyu winkte ab. »Wollt ihr mir nicht die Gelegenheit geben, mein Geld zurück zu gewinnen?« Adraéyu sah den Mann eindringlich an, und zog kurz darauf seine Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht. »Heute nicht.« Dann nahm er Rahela bei der Hand und drückte sich aus der Menge. »Wir müssen aufpassen. Sie werden uns vielleicht nachstellen um uns zu berauben. Halte die Augen offen.«, raunte er ihr zu, während er sich mit ihr zügig durch die Menge drückte. Es war vielleicht leichtsinnig gewesen das Geld aufs Spiel zu setzen, und noch leichtsinniger den Zorn der Gauner auf sich zu ziehen. Aber er hatte eine ganze Goldmünze von Straßengaunern ergaunert. Er hatte kein Mitleid mit ihnen.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:38, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Rahela » So, 18. Nov 2012 22:26

Bildahela musste lachen. „Ja, der Schwanz dieses Hengstes erinnert mich tatsächlich an den Menai... Der von Asis war vielleicht nicht ganz so lang... doch wesentlich dicker... Vielleicht würden Dir solche Haare auch stehen...“ neckte sie ihn und lachte über ihr gelungenes Wortspiel. „Ich meinte den Schweif, nicht den Schwanz, klar?“ Nicht damit er noch etwas in den falschen Hals bekam, er war ohnehin gerade nicht bester Laune. „Ich glaube nicht, dass ich mir meine Hautmalerei von ihm nachstechen lasse, sollten wir ihm eines Tages einmal bei einer Händlerkarawane begegnen, so eifersüchtig wie Du bist...“ grinste sie. Sie wusste, dass er es nicht war, doch manchmal schoss sie gerne übers Ziel hinaus. Sie beschloss, kein Wort mehr darüber zu verlieren und freute sich, dass sie doch noch auf ein Schnäpschen gingen. Bald würde diese sorglose Zeit vorbei sein. Wahrscheinlich blieb ihr noch ein knapper Mond, bis sie zum schweren Alkohol ‚nein‘ sagen sollte. Es wusste zwar niemand genaues darüber, dass Alkohol das Ungeborene schädigte, doch schon Morach und auch Catara hatten diesbezüglich ihre eigenen Meinungen und Niederschriften geführt. Und auch Rahela hatte im Laufe ihrer Geburten festgestellt, dass bei Frauen, die dem harten Alkohol zugetan waren, häufiger Missbildungen oder Totgeburten festzustellen waren. Morach hatte manchmal heimlich Tote aufgeschnitten um ihre Anatomie zu studieren, und dabei waren auch ab und zu schwangere Frauen gewesen. Mit Abscheu und Götterfurcht hatte Rahela ihr dabei zur Hand gehen müssen. Morach war eindeutig die düsterere von den beiden Schwestern gewesen, auch wenn Catara zweifelsohne mächtiger gewesen war. Manchmal hätte sie sich am liebsten gleich in den geöffneten Leib übergeben. Doch hierbei hatte Morach in Erfahrung gebracht, dass das Ungeborene erst ab dem dritten Mond durch die Plazenta mit dem Mutterleib verbunden war, und erst ab da wurde es gefährlich.


Sie betraten die Wirtstube ihrer Gaststätte und Arn besaß wirklich die Dreistigkeit, um die Zeche um die Hälfte herunter zu feilschen. Rahela musste dabei schmunzeln. Sie stießen mit den Bechern an. „Auf eine gute Reise“ murmelte er und kippte seinen Becher in einem Zug. „Auf die Götter...“ erwiderte Rahela und nippte daran. Es brannte wie Feuer in ihrem Leib und so wirklich schmeckte es ihr nicht. Ob es an diesem Schnaps lag oder an ihren anderen Umständen vermochte sie nicht zu sagen. Sie wurde nachdenklich. „Was sie wohl im Clan dazu sagen, dass wir einfach abgehauen sind?“ fragte sie, während sie in ihren Becher starrte. „Ich habe Finna im Stich gelassen... Du hast gesagt, ohne meinen Rückhalt durch die ehrenvolle Ausbildung zur Schamanin ist sie nichts und dass ich sie zum Tode verurteilen würde mit ihren Kindern, wenn ich sie verstoßen würde...“ Rahela war betreten. Ob Finnas Sippe wirklich so gnadenlos war? Benwick wusste, dass es seine Bälger waren, vielleicht würde er ihr Rückhalt geben, immerhin brauchte er sich nun wegen Asa keine Gedanken mehr zu machen. Dabei fiel ihr ein, dass die dunkle Seele gestanden hatte, Asa getötet zu haben... Sie schüttelte die Gedanken an Asa ab... es war vorbei, es spielte keine Rolle mehr, Asa hatte bekommen, was sie verdient hatte... Es hieß sie oder Arn, und Rahela hatte mit ihrem hinterhältigen Zauber Asas Schicksal zugunsten von Arn besiegelt. Sie war an ihrem Tod mindestens genauso mit schuldig. Sie hatten einen ordentlichen Haufen Scheiße angehäufelt die letzten Monate. Eigentlich würde es der Anstand ihnen gebieten, nie wieder in den Faernach Clan zurück zu kehren, so viel, wie sie dort angerichtet hatten... „Ich vermisse auch Benwick, er war immer so gut zu uns ... und Runjar... den alten Mann, den vermisse ich auch, wahrscheinlich wird er nicht mehr am Leben sein, wenn wir eines Tages zurückkehren. Ich mochte ihn so gern...“ sagte Rahela und ihre Augen wurden feucht. Sie nahm einen ordentlichen Schluck von dem Schnaps und ließ ihre Blicke durch die leere Schenke schweifen. „Und dennoch ist es gut, wie es ist, ich möchte jetzt an keinem anderen Ort der Welt lieber sein, als hier mit Dir zusammen in dieser dreckigen Gaststätte zu sitzen“ lächelte sie und trank den Schnaps aus. Nach einer Weile gingen sie nach oben in ihr Zimmer.


A
rn schien ein wenig missmutig zu sein... oder war er besorgt? Als Rahela ihn nach den Raéyun ausfragte, verdüsterte sich seine Miene. „Wir werden sehen wie lustig du es findest, wenn wir dem Herzog vorgeführt werden und wegen Landstreicherei in den Kerker geworfen werden. Und wenn sie erkennen, dass ich ein Raéyun bin, dann werden sie mich am nächsten Galgen aufknüpfen, und wenn es ein alter, knorriger und windschiefer Baum irgendwo hinter dem Abort ist. Lieber noch vor einem dummen Bauernmob mit Fackeln, Forken und Sensen weglaufen, als vor den Herzog geführt zu werden“ „Ich werde nicht zulassen, dass Dich irgendjemand aufhängt...“ flüsterte Rahela, ergriff seine Hand und drückte sie. „Wie man auf mich reagiert hätte?“ Sie überlegte kurz. „Ich weiß es nicht, ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Wahrscheinlich hätte es ihnen nicht gefallen. Ob sie mich aufgeknüpft oder verbrannt hätten? Keine Ahnung. Ich glaube Benwick mochte mich ganz gern, ob er es zugelassen hätte? Ich weiß es nicht...“ gestand sie. „Aber ich habe mich nie als gefürchtet oder gar nur geduldet angesehen... Ich bin einfach in die Schamanenhütte gezogen, und die stand nun einmal, wo sie stand... Vielleicht waren andere Vetteln vor mir gefürchtet oder nur geduldet... vor vielen, vielen Jahren... Benwick mochte Catara... sie war ‚seine‘ Eule... ob Taru Morach gefürchtet hatte, ich weiß es nicht. Morach war ein düsteres, hässliches altes Weib, ganz sicher hat man sie gefürchtet...“ kicherte sie und seufzte gleichzeitig... „Ja... wir sind ein großartiges Paar...“ hauchte sie leise „Deine Musik und meine Magie... wer kann uns schon etwas anhaben?“ Sie spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Augen offen zu halten. Sie wollte sie nur kurz schließen, um diese zu entlasten. Doch dann war sie eingeschlafen.

[18]Irgendwann wurde sie geweckt von Arn, welcher sie im Schlaf küsste und ihr über die Brüste fuhr. Sie erwiderte schlaftrunken den Kuss und sie lächelte, als er sie zwischen den Beinen berührte. Beinahe unwillkürlich öffnete sie ihre Schenkel um ihm mehr Raum zu gewähren, während sie ihn weiterhin küsste. Es dauerte nicht lange, da war sie hellwach. Sie löste sich kurz von ihm und zog sich schließlich ihr Kleid aus. Das Kleid war ohnehin unnötig. Es war ein warmer Abend, es wurde Sommer und sie schlief gerne nackt. Sie saß aufrecht im Bett und zog Arn das Hemd über die Schulter. Er verströmte seinen unverkennbaren Duft, den Rahela so liebte. Sie nestelte an seinem Gürtel und bedeutete, dass er die Hose ausziehen sollte. Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sie küsste ihn und legte seine Hände an ihre Brust, die, seit sie schwanger war, deutlich größer geworden war. Ob Arn es bemerkt hatte? Am Bauch konnte man noch nichts erkennen, er war flach wie eh und je. Doch es würde nicht mehr allzu lange dauern, und dann würde man eine kleine Rundung erkennen können. Rahela fürchtete sich schon davor. Sie fand schwangere Frauen hässlich, es gab an einer gesunden und schönen Frau nichts Schlimmeres als ein Bauch in dem ein Kind wuchs und den Bauch immer mehr anschwellen ließ und nun würde es ihr selbst so ergehen. Nie im Leben hätte sie sich das vorstellen können. Und Arn hatte auch schon einmal angedeutet, dass er schwangeren Frauen nichts abgewinnen konnte. Solange es nicht so weit war, konnte sie diese unangenehmen Gedanken von sich schieben. Sie ließ ihre Hände zwischen seine Beine wandern und berührte ihn zärtlich. Sie hatte ihn schon so lange nicht mehr gespürt. Wie lange war es nun her? Du liebe Güte, das letzte Mal war in der heißen Quelle, als sie gegen Bhelor gezogen waren, das war über zwei Wochen her... Sie seufzte, als sie seine Hände über ihren Körper wandern spürte. Da, wo sich die Narben der Auspeitschung befanden, hatte sie etwas weniger Gefühl, doch sie spürte dennoch, wie Arn darüber strich. Sie schmunzelte, als sie im Gegenzug über seine vernarbten Wulste auf seinem Rücken strich. Sie ließ sich langsam wieder auf das Bett nieder und zog ihn mit sich mit. Er küsste ihren Hals, suchte sich seinen Weg über ihre Brüste und ihren Bauch und verharrte schließlich bei ihrer Scham. Er küsste sie auch dort und ließ seine Zunge kreisen. Sie stöhnte wohlig auf und krallte ihre Hände in seine Haare. Nach einer Weile zog sie ihn zu sich hoch und suchte seinen Mund um ihn erneut zu küssen. Sie schmeckte dabei ihre eigene Note. Sie war sehr erregt davon und hielt es schließlich nicht mehr aus. Fordernd drückte sie sich gegen ihn und schob seinen Schwanz in sich. Beide stöhnten auf, als sie sich gegenseitig spürten. Es war plötzlich so gänzlich anders, mit ihm die Laken zu teilen, in dem Wissen, sein Kind unter dem Herzen zu tragen. Sie genoss seine heftigen Stöße. Arn hatte heute ziemlich viel Ausdauer und Rahela war glückselig und wie gelähmt vor Lust. Diesmal war sie es, die zuerst zum Höhepunkt kam. Sie atmete schwer, als es vorbei war und schmiegte sich erschöpft in seine Arme.[/18]

Sie konnte liegen bleiben, wie sie war, das empfand sie als sehr angenehm. Was sollte schon passieren? Schwanger werden konnte sie ja nicht mehr... grinste sie in sich hinein. Sie war sehr zufrieden mit ihrem derzeitigen Leben, nicht einmal dieses Kind konnte dies trüben. Nein, sie war glücklich, und das ungeborene Leben in ihrem Leib war maßgeblich daran beteiligt. Was wollte sie noch mehr? Gar nichts, außer, dass es andauerte... denn meistens, wenn sich in ihrem Leben alles zum Besten wandte, war er kurz danach auch schon wieder vorbei. Die Götter konnten so grausam sein. Doch sie redete sich ein, dass es dieses Mal anders sein würde. Sie kam noch einmal auf ihre Frage zurück, sie wollte einfach Gewißheit haben. „Was ist nun? Was denkst Du über den kleinen Bastard in meinem Leib? Wirst Du Dich um ihn kümmern?“


Am nächsten Morgen erwachte sie. Sie hatte gut geschlafen, sie war so erwacht, wie sie eingeschlafen war, das musste bedeuten, dass sie die ganze Nacht in Arns Arm gelegen hatte. „Wie hast Du geschlafen?“ fragte er sie. „Im Schoß der Götter hätte ich nicht besser geschlafen...“ grinste sie und streckte sich ausgiebig. Sie blieb noch eine Weile liegen und beobachtete Arn. Sie packten schließlich ihre Habseligkeiten zusammen, Rahela nahm Thargôn, der auf einer Stuhllehne saß, und setzte ihn sich auf die Schulter. Vor dem Zimmer küsste Rahela Arn noch und dann nahm sie seine Hand und sie gingen den Gang entlang. Auf der Treppe liefen sie dem Wirt in die Arme. Angewidert betrachtete er die Beiden, die sich als Bruder und Schwester bei ihm vorgestellt hatten und nun übertrieben vertraut miteinander agierten. Unflätig beschimpfte er sie und die beiden suchten das Weite. Rahela schüttelte sich vor lachen, als sie vor dem Wirtshaus standen.


Sie liefen weiter durch die Stadt. Irgendwann kamen sie an einen Platz, wo eine Menschenmenge dicht an einander gedrängt stand. Sie hatte einen Kreis gebildet und in der Mitte stand jemand, der den Zuschauern etwas zurief. „Was ist dort?“ fragte Rahela Arn. Dieser zuckte die Schultern, und schließlich drängte sie sich neugierig durch die Menge. „Halt Deinen Geldbeutel fest, sonst ist er abgeschnitten!“ warnte Arn Rahela, doch diese zuckte die Schultern „Ich habe gar keinen...“ „Äh, oder eben Deine Dolche... besonders der eine ist eine Menge wert.“ Sie nickte. Auf diesen Dolch war sie auch besonders stolz. Er war noch nicht repariert, die Spitze war immer noch ein wenig verbogen... Doch er lag zwischen all dem Zeug in ihrer Tasche, man musste schon ordentlich darin wühlen, um ihn zu erreichen, und da niemand von seiner Existenz wusste, machte sie sich kaum Gedanken darüber, dass ihn jemand stehlen könnte. Als sie sich durch die Menge gedrückt hatten, staunte Rahela nicht schlecht. „Ein Bär!“ meinte sie erstaunt zu Arn. „Eine Bärenhatz...“ meinte Arn, und sein Ton verriet, dass es ihn nicht sonderlich interessierte. Der ‚Kampf‘ war ein ungleicher. Ein an die Kette gelegter Bär musste sich gegen einen Hund, der auf freiem Fuß war, verteidigen. Dennoch gewann der Bär. Rahela hatte es fast nicht anders erwartet. Nicht umsonst hatte es vier bis an die Zähne bewaffnete Krieger gebraucht, um den Bären am Craegach zu töten. Und über die kaum vorhandene Redlichkeit der Menschen der Stadt wunderte sie sich schon nicht mehr. Sie schlenderten weiter und Arn zog Rahela in eine Seitengasse, in welcher sich einige windige Leute formiert hatten. Einige Schaulustige standen um sie herum. Rahela hatte dergleichen noch nie gesehen. „Was machen diese Leute hier?“ fragte sie Arn leise. „Ein Glücksspiel“ raunte er ihr zu. Rahela nickte verstehend. Doch den meisten hier war das Glück scheinbar nicht so hold, meistens gewann der Spieler. „Ein abgekartetes Spiel...“ kommentierte Arn. Umso verwunderter war Rahela, als Arn plötzlich eine Goldmünze hinzulegte. War er verrückt? Gerade eben hatte er ihr doch erklärt, dass es Betrüger waren, und nun setzte er eine ganze Goldmünze! Sie wurde wütend. Was könnte sie sich alles darum kaufen? Es wäre ein neues Kleid, oder sie konnten hier damit eine ganze Woche in Saus und Braus leben. Doch das Glück war auf Arns Seite, denn er hob sie Nussschale an, auf die er den Finger gelegt hatte, und die kleine Kugel rollte darunter hervor. Ein begeistertes Lächeln hellte Rahelas finstere Miene auf. Arn hatte es plötzlich sehr eilig, als er den Gewinn eingestrichen hatte. Er nahm sie bei der Hand und zog sie aus der Gasse um in der Menschenmenge zu verschwinden.


Als sie sich vor den Spielgaunern verdrückten, schimpfte Rahela mit Arn. „Das hätte ordentlich ins Auge gehen können... Erstens hättest Du eine Goldmünze verlieren können...“ „Hab ich aber nicht...“ unterbrach er sie. „Und zweitens...“ sprach sie unbeirrt weiter „Sie hätten uns an Ort und Stelle abmurksen können, finster genug sahen sie schließlich aus... Oder nur Dich... und mich, keine Ahnung, vielleicht hätten sie mich an Sklavenhändler verkaufen wollen...“ zwinkerte sie. „Oh, jetzt sind wir beinahe reich... soviel Geld...“ frohlockte sie. „Ob wir diese Überschuhe wirklich brauchen? Ich hab sehr robuste Stiefel... Nicht alles hier besteht aus Scheiße...“ Arn zuckte die Schultern. „Deine Sache, ich jedenfalls habe nicht vor, meine guten Stiefel zu ruinieren...“ meinte er und beide blickten hinab auf seine Schnabelstiefel. „Die sind schon sehr schön. Solche hätte ich auch gerne...“ meinte Rahela. „Jetzt, wo wir so viel Geld haben, lass uns etwas Feines essen gehen, hast Du gar keinen Hunger? Ich bin hungrig, diese Córalay-Schnecke war nicht sehr reichhaltig... Wir sind die Vagabundenkönige, und dementsprechend sollten wir uns auch benehmen... Komm, wir gehen noch ein wenig auf den Markt, vielleicht finden wir etwas Schönes... Was willst Du hier eigentlich noch alles machen? Wohin müssen wir, um diesen Freibrief zu bekommen?


Es war Mittag, als sie eine Schenke aufsuchten. Sie sah von außen recht passabel aus, nicht so heruntergekommen, als die Letzte. Sie setzten sich an einen Tisch. Der Wirt trat an die beiden heran und musterte sie, mit ein wenig Misstrauen. Rahela war verwundert. Waren dies die Sitten in diesen Städten? In den wilden Landen wurde einem weitaus freundlicher entgegen getreten. Lag es an ihr? So schlimm sah sie doch nicht aus, das hatte auch Arn gesagt. Es musste an ihm liegen, und daran, dass er sich ständig die Kapuze tief ins Gesicht zog. Kein Wunder, wahrscheinlich dachten die meisten Menschen, er hatte etwas zu verbergen, oder wäre ein Gesuchter. Ein wenig bedauerte sie ihn. Im Clan hatte er sich völlig frei und unverhüllt bewegen können, niemand nahm eine Notiz von seinen Augen oder störte sich daran, dass er ein Raéyun war. „Zwei Bier, bitte...“ sprach sie den Wirt an. „Habt ihr auch Geld?“ fragte er vorsichtig nach. „Natürlich...“ brummte sie. Der Wirt schlurfte davon und kam kurze Zeit später mit zwei Humpen mit Bier gefüllt und stellte sie auf den Tisch. „Ihr müsst im Voraus bezahlen“ forderte er und blieb stehen. Rahela wartete indes, dass Arn seinen Geldbeutel hervorholte. Arn griff in seine Hose und der Wirt glotzte ihn mit großen Augen an. „Was stimmt nicht mit Dir?“ funkelte der Wirt ihn misstrauisch an. „Wieso fasst Du Dir in die Hose?“ Kurze Zeit später wurde seine Frage bereits beantwortet und er nestelte eine blanke silberne Münze aus dem Beutel und legte sie dem Wirt auf den Tisch. Dieser nahm die Münze mit spitzen Fingern, als würde ihm davor grausen, und dann trollte er sich. Rahela sah Arn ebenso mit großen Augen an und begann dann zu lachen „Du versteckst unser Geld bei Deinem Gemächt?“ Sie begann zu kichern und konnte nicht mehr damit aufhören. „Der arme Wirt... er hat das Geld nur widerwillig genommen... von wegen, Geld stinkt nicht...“ lachte sie weiter und wischte sich schließlich die Lachtränen aus dem Gesicht. „Gib mir was davon...“ meinte sie. „Aufgeteilt ist es besser. Wenn sie Dich trotzdem beklauen, dann ist das ganze Geld weg...“ Sie fuhr sich über ihr straff nach hinten geflochtenes Haar, und zog sich schließlich den Leinenstreifen vom Zopf. Sie griff mit beiden Händen nach hinten, löste die ineinandergeflochtenen Stränge auf, und schüttelte dann das Haar auf. „Viel besser...“ murmelte sie. „Ich fühle mich so nicht wohl... Das kannst Du von mir nicht verlangen... Genauso gut könnte ich von Dir verlangen, unverhüllt durch die Stadt zu gehen...“ Sie überlegte kurz. „Die Menschen begegnen uns mit großem Misstrauen, wenn Du so verhüllt unter ihnen wandelst. Gibt es keine andere Möglichkeit, Deine Augen zu verbergen?“ Ihr Magen knurrte. „Ich hoffe, hier gibt es etwas gutes zu Essen, allmählich hab ich schon Hunger...“ meinte sie.
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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » Di, 20. Nov 2012 14:40

Bildährend Adraéyu und Rahela in der Schenke saßen und wieder einmal über die wilden Lande sinnierten, musste Adraéyu auch ein wenig an die Menschen dort denken. Rahela hatte Recht. Was würde wohl mit Finna passieren? Würde sie verstoßen werden? Wer würde Rahelas Platz einnehmen? Sie hatte ihren gesamten Clan im Stich gelassen. Die wilden Lande brauchten Schamanen wie Rahela. Als Adraéyu an diese Dinge dachte, wurde ihm ein wenig schwer ums Herz. Es schlug ihm auch aufs Gemüt. »Fühlst du dich nicht so, als ob du deinen Clan verraten hättest? Du hast sie alle im Stich gelassen, sie brauchen dich! Und wofür? Für einen Vagabunden wie mich. Ob sie dir das verzeihen?«, fragte Adraéyu, während Rahela zwei Bier bestellt hatte. »Habt ihr auch Geld?«, fragte der Wirt vorsichtig aber mit misstrauischem Blick. »Natürlich.«, brummte Rahela und schon schlurfte der Mann davon. Als er mit zwei großen, von weißen Schaumkronen gezierten Bierkrügen zurück kam, lief Adraéyu bereits das Wasser im Mund zusammen. Er klopfte sein Gewand nach dem Beutel ab, bis ihm einfiel, dass er ihn noch in seiner Bruche stecken hatte. Er sah sich ein wenig unschlüssig um, doch wollte er keinesfalls die Goldmünze auf den Tisch legen, die er noch in der Faust hielt. Zwar hatte er bei den Gaunern auch Heller erhalten, doch hatte er diese auch in den Beutel getan, die Goldmünze allerdings nicht. Immer wieder ließ er sie verspielt durch seine Finger wandern. Es war ein gutes Gefühl echtes Gold in den Händen zu halten, dass Adraéyu dieses Gefühl nicht so schnell missen wollte.

Als Adraéyu sich schließlich in die Hose griff, glotze ihn der Wirt entgeistert an. »Wieso fasst du dir in die Hose?«, fragte er entgeistert und mit einer solchen Lautstärke, dass auch andere Gäste sich nach ihm umsahen. Adraéyu stieg zweifellos die Schamesröte ins Gesicht. Soviel Aufmerksamkeit! Nur wegen einem Heller. In dem Moment wünschte er sich, doch die Goldmünze auf den Tisch gelegt zu haben. »Stell dich nicht so an.«, brummte Adraéyu dann, um die Situation zu entschärfen. »Ich hol nur den Geldbeutel, nicht meinen Schwanz raus. So schön bist du auch wieder nicht.«, Rahela musste breit grinsen, als er diese Worte ausgesprochen hatte. »Warum trägst du deinen Geldbeutel nicht wie jeder andere am Gürtel?«, fragte ihn der Wirt ein wenig angewidert. »Weil ich ihn mir ungern vom Gürtel schneiden lassen würde. Und wer würde mir schon in die Bruche greifen? Nur ne' Schwuchtel.« Bei diesen Worten ließ er anklagend seine Blicke durch den Raum wandern, und einer nach dem anderen, wandte seine Blicke von ihm ab. Schließlich hatte Adraéyu den Beutel hervor gezogen und einen Heller heraus genommen. Diesen legte er demonstrativ auf den Tisch, und ließ nebenbei unbemerkt die Goldmünze in den Beutel wandern. Als der Wirt seine Bezahlung genommen hatte, und dafür die beiden Krüge hatte stehen lassen, da öffnete sich Rahela schließlich den Zopf, den er ihr vor der Stadt noch geflochten hatte. Mit einem Mal wirkte sie wie ausgewechselt. Und nicht nur das, auch wilder und ungezähmter. »Sieht besser aus.«, murmelte Adraéyu. »Aber nun werden noch mehr Leute auf uns schauen. Nicht nur die argwöhnischen Augen, nun auch noch die lüsternen und die gierigen.« Er grinste verstohlen und setzte sogleich das Bier an um einen großen Schluck daraus zu trinken. »Wohin müssen wir, um diesen Freibrief zu bekommen?«, fragte Rahela noch, während der Wirt von Dannen schritt. »So genau weiß ich das nicht. Wir müssen uns erkundigen, welcher Graf oder Herzog über diesen Teil des Landes gebietet. Auf jeden Fall lebt er nicht hier, das ist schonmal sicher wie der Tod.« Adraéyu sah Rahela mit einer Mischung aus Ernst und mimenhafter Theatralik an, wie sie nur ein Schausteller zeigen konnte. »Gibt es eigentlich keine andere Möglichkeit deine Augen zu verbergen? Die Menschen schauen uns so merkwürdig an.« Adraéyu hob skeptisch seine linke Augenbraue. »Ich glaube eher, die Leute starren dich an.«, feixte er und drückte ihr den spitzen Finger in die Seite. Doch dann kramte er aus seiner ledernen Tasche die Augenbinde, welche er schon so lange Zeit nicht mehr benutzt hatte. »Dieser Stoff ist dünn genug, dass ich hindurch sehen kann.«, flüsterte er kaum hörbar. »Du wirst mich von nun an eben führen müssen und als deinen blinden Bruder vorstellen müssen.« Er grinste, als er den Bruder zur Sprache brachte und legte sich sogleich die Augenbinde um. Doch noch bevor er sie über die Augen gelegt hatte, da erkannte er einen Mann, der soeben die Schenke betrat. Es war einer jener, welcher bei dem Hütchenspieler in der Menge gestanden waren. Rasch legte er sich die Augenbinde auf, doch half es nichts. Er war erkannt worden, und mit ihm auch Rahela. »Wir haben Probleme.«, raunte er ihr zu. »Trink schnell aus, wir müssen verschwinden.«

Adraéyu erinnerte sich an Rahelas Worte, die sie in dem Gasthaus geäußert hatte, während sie sich durch die Menge auf dem Markt drückten. »Deine Musik und meine Magie … wer kann uns schon etwas anhaben?« Er musste lächeln. Ja Sie hatten Gaben, die andere nicht hatten. Deswegen wurden ihresgleichen auch gefürchtet. Doch war es eines, diese Gaben zu besitzen, und ein anderes sie einzusetzen. Er erinnerte sich auch, dass er ihr zwar etwas darauf erwidern hatte wollen, sie aber eingeschlafen war. Und nachdem er sie zärtlich wieder geweckt hatte, hatte er es vergessen. »Ich erinnere dich an deine Worte, wenn wir einmal vor einem Mob stehen, und weder deine Magie, noch meine Musik uns vor ihrer Wut bewahren können.« Adraéyu sah Rahela an, doch erkannte er ihren fragenden Blick. »In der Schenke. Du hattest gefragt, wer uns wohl deiner Magie und meiner Musik etwas entgegen zu setzen hätte.« Da schien sie zu verstehen, was er meinte. »Du würdest dich wunder, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich fürchten. Wozu Menschen fähig sind, die ihre Liebsten beschützen. Menschen wie Tiere, sind immer dann am gefährlichsten wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlen. Unterschätze sie nicht, oder überschätze uns nicht.« Doch nun war nicht die Zeit dazu. Sie mussten schnell aus dem Blickwinkel der Gauner kommen. Und das würde sicher nicht einfach werden. Sie waren zweifellos geschickt darin, in der Menge unterzutauchen. Nach einer Weile stubste er Rahela an und lenkte so ihre Aufmerksamkeit auf sich. »Wir werden verfolgt.«, raunte Adraéyu Rahela zu, und als diese sich umwenden wollte, da packte er rüde ihren Kopf und hielt sie fest. »Nicht hinsehen.«, zischte er. »Sonst wissen sie dass wir sie bemerkt haben.« Hektisch sah Adraéyu sich um. Er musste irgend etwas machen. Sie bogen schließlich in eine Gasse ein und da folgte ihnen ein Schatten. »Siehst du ihn?«, fragte Adraéyu und hoffte Rahela würde ihn erkennen, bevor sie erneut um eine Ecke bogen. »Merke dir sein Äußeres.«, zischte Adraéyu, und bog schon wieder in die nächste Gasse. Er beschleunigte seine Schritte und war in diesem Augenblick heilfroh, dass sie noch nicht hochschwanger war. »Wenn du einmal kurz vor der Niederkunft bist, sollten wir uns stark bedeckt halten.« Adraéyu lächelte bitter. Was für Aussichten: Ein verhasster und verfolgter Raéyun, der stets die Aufmerksamkeit von sich ablenken wollte, und eine offensichtliche Wilde aus den ebenso genannten wilden Landen, die stets die Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie würden nie unentdeckt bleiben, egal wohin sie gingen. Nicht in den Nordreichen. »Du hast mich doch gestern noch gefragt, was ich über den kleinen Bastard in deinem Leib denke.«, fragte Adraéyu, während sie eilig durch die Gassen schritten. »Glaubst du das ist der richtige Zeitpunkt dafür, darüber zu reden?«, fragte Rahela ihn mit schwerem Atem, doch Adraéyu zwinkerte sie nur an. »Ich denke vor allem eines. Das Kind wird uns vor mehr als nur ein Problem stellen. Doch ich werde dich nicht hängen lassen, das verspreche ich dir.« Rahelas Miene hellte sich ein wenig auf, als sie das hörte. »Und wirst du dich auch um ihn kümmern?« Adraéyu sah sie mit einer Mischung aus Empörung und Verärgerung an. Was für eine Frage. Natürlich würde er das. Er würde es zumindest versuchen. Solange der Wind ihn nicht rufen würde. Seine Eltern waren beide Raéyun, und sie haben es geschafft. Doch würde Rahela auch stets dem Wind folgen? Sie war keine Raéyun. Sie war sesshaft aufgewachsen und Beständigkeit gewohnt. Konnte sie ein solches, heimatloses Leben überhaupt führen, wie Adraéyu es Zeit seines Lebens, mal mehr und mal weniger, gewohnt war? »So lange du bei mir bleibst, werde ich für euch sorgen.«, versprach Adraéyu ernst.

Nach einigen dunklen Ecken und engen, verwinkelten Gassen, kamen sie wieder auf dem Marktplatz an. Dieses Mal, von einer anderen Seite. »Doch nun müssen wir erst einmal für unser eigenes Wohl sorgen.«, murmelte Adraéyu und zog Rahela zur Seite, zog seine Kapuze ins Gesicht und drückte Rahela seinen Lautenkasten in die Hand. »Stell dich hier hin. Und sobald du den Kerl siehst, dann schrei.« »Schreien? Was? Wonach?«, fragte sie verwirrt. »Schrei um Hilfe! Schrei, dass dich ein Taschendieb beraubt hat oder ein Lustmolch befingert hat. Irgend etwas.« Mit diesen Worten verschwand er in der Menge, beschrieb einen leichten Schwenk und kam hinter Rahela wieder aus der Menge. Sie sah ihn nicht, doch schlich er sich vorsichtig an einige Passanten heran. Er versuchte sich die Lektionen seines alten Meisters ins Gedächtnis zu rufen. Er hatte schon so lange keine Börse mehr von einem Gürtel geschnitten. Würde er es noch können? Ohne bemerkt zu werden? Vorsichtig zog er sein Langmesser aus der Scheide und schob es sich unter den Umhang, damit niemand die Klinge sehen würde. Dann näherte er sich einem, offensichtlich wohlhabenden Mann, der offensichtlich adeliger Abstammung war. Er war gerade in ein Gespräch mit einer schönen und augenscheinlich weit jüngeren Frau vertieft. Viel jünger als er. Adraéyu erinnerte sich noch gut an die Zeiten, als er solche jungen Dinger mit seiner Musik betört hatte. Ein wenig wehmütig dachte er an diese Zeiten zurück. Rahela trug sein Kind unter dem Herzen. Er schüttelte diese Gedanken fort. Er musste konzentriert bleiben. Der Mann trug einen weiten Umhang. Es war beinahe unmöglich den Geldbeutel auch nur zu erahnen. Es war Adraéyu zu riskant. Er musste sich ein anderes Opfer suchen. Doch da machte ihm der Gauner, welche sie verfolgt hatte einen Strich durch die Rechnung. Er trat gerade aus der Seitengasse heraus, und Rahela würde ihn jeden Moment entdecken. Adraéyu musste schnell handeln. Es blieb keine Zeit für subtiles Handeln. Kurzerhand rempelte er den Adeligen an, und gefolgt von Flüchen und wildem Gestikulieren, schob er den Umhang zur Seite, entdeckte den Beutel und fuhr sauber und genau mit der Klinge über die dicke Kordel, welche ihn am Gürtel hielt. Und schon beinahe im selben Moment, drehte sich Adraéyu auf der Ferse um, und ließ sich theatralisch zu Boden segeln. Während er fiel, rutschte ihm die Kapuze vom Haupt, doch noch hatte er seine Augenbinde über die Augen gelegt, und diese verhinderte, dass er als Raéyun erkannt wurde. »Verblödeter, blinder Köter!«, bellte der Adelige, und versetzte Adraéyu einen, nicht unsanften, Tritt. »Verzeiht, mein Herr.«, nuschelte Adraéyu demütig und stahl sich kurz darauf, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, durch die Menge davon.

Hastig schnürte Adraéyu den Beutel auf, und ließ die Münzen in seine Hände gleiten. Drei Goldmünzen, und eine nicht unbeträchtliche Menge Silber rutschten ihm in die Handfläche. Ein freudiges und zugleich spitzbübisches Grinsen huschte ihm über die Wangen. Der Tag wurde immer besser. Das erste was er sich heute noch kaufen würde, wären hölzerne Überschuhe. Und vielleicht einen neuen Umhang. Vielleicht würde er auch zu einem Goldschmied gehen, um seine Fibel reparieren zu lassen. Die drei herausgefallenen Bernsteine musste er noch irgendwo in seiner Tasche haben. Geschickt fischte er die drei Goldmünzen aus der Hand und ließ den Rest zurück in den Beutel gleiten. Während er sich die Goldmünzen in den Mund schob, damit er sie nicht verlieren würde, hielt er Ausschau nach Rahela. Und da sah er auch schon den Gauner. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf er ihm geschickt den Beutel vor die Füße. Es musste so aussehen, als ob er ihn soeben gestohlen hätte, und ihn vor lauter Schreck fallen gelassen hatte. Nun kam alles auf Rahela an. Die Zeit verging wie stillgestanden. Als ob der Beutel quälend langsam durch die Lüfte flog und nur darauf warten würde, dass Rahelas Schrei ertönte.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:38, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Rahela » Di, 20. Nov 2012 21:44

Bildahela wurde rot, als Arn begann, mit dem Wirt zu lamentieren. Brummend nahm der Wirt das Geld an sich und schlurfte davon. „Es gibt auch weibliche Diebe...“ meinte sie grinsend. „Vielleicht fasst Dir ja einmal eine in die Hose...“ Sie nahm den Bierkrug an sich und hob ihn an die Lippen. Was waren das für Aussichten? Sollte sie in Städten immer nur Bier oder Wein trinken, da das Wasser so ungenießbar zu sein schien? Das Kind würde mit einem Vollrausch zur Welt kommen, dachte sie schmunzelnd bei sich. Sie war gestern eingeschlafen, bevor er ihr Antworten auf ihre Fragen geben konnte. Sie war ein wenig genervt, sie war auch schon so ein ungeduldiges Weibsstück, doch dies waren essentielle Fragen, und bei den Göttern, sie wollte Antworten! Ihre Gedanken wurden von seiner Frage unterbrochen. „Fühlst du dich nicht so, als ob du deinen Clan verraten hättest? Du hast sie alle im Stich gelassen, sie brauchen dich! Und wofür? Für einen Vagabunden wie mich. Ob sie dir das verzeihen?“ Irritiert sah sie ihn an. „Du kannst seltsame Fragen stellen... Du tust ja beinahe so, als ob Du mir ein schlechtes Gewissen machen wolltest, immer dieses ‚Wofür? Für einen Vagabunden wie mich?‘ Was soll ich sagen? Du hättest eben nicht in den Faernach Clan kommen dürfen...“ meinte sie und nahm einen großen Schluck des Bieres. Es war ein großartiges Bier, nicht zu stark, aber auch nicht verwässert, Vollmundig und würzig, leicht süßlich, genau das Richtige für Rahela. „Was hätte ich denn sonst tun sollen? Wäre ich dageblieben, hätte ich wohl alle Hilfesuchenden vergiftet, aus lauter Frust...“ grinste sie. „Nein, jetzt einmal im Ernst... natürlich habe ich meinen Clan verraten. Ja, ich habe sie im Stich gelassen und ich glaube nicht, dass sie es mir verzeihen werden...“ meinte sie betreten. Sie wusste keine Lösung für all das. Im Grunde war es eine tragische Sache. Arn wäre oder so oder gegangen. Er hätte sie zurück gelassen. Ob mit oder ohne Kind... Das war eine Sache, die ihr gar nicht schmeckte. Sie wusste nicht viel über die Raéyun. Über den Wind wusste sie schon gar nichts. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man so ruhelos und rastlos war, dass es einen nicht an einem Ort halten konnte. Rahela hatte ihr ganzes Leben lang nur einen Menschen gesucht, den sie lieben konnte. Das an sich war nicht das Problem, das Problem war, dass diese Liebe nie erwidert wurde. Und nun, da sie Arn kennengelernt hatte, hatte egoistisch gehandelt, sie wollte herausfinden, wie es zwischen ihnen sein würde, ob er sie auch lieben konnte. Doch dass er sie im Stich gelassen hätte, das war für Rahela etwas, das alles überschattete. Und dennoch hatte sie dem Faernach Clan den Rücken gekehrt. Sie hatte eine wichtige Stellung gehabt im Faernach Clan, sie hatten nun nur noch Gudrun... Die dumme Gudrun, die lediglich Hebamme war. Menschen brauchten mehr als jemanden, der ihnen half die Kinder auf die Welt zu begleiten. Es wäre so, als hätte Benwick den Clan verlassen und seinem Schicksal überlassen. Sie konnte nicht einfach eines Tages in den Faernach Clan zurückkehren und alles würde wieder gut werden. Sie würde sich den Konsequenzen stellen müssen, und wie diese aussahen, vermochte niemand zu sagen. Sie wollte es sich nicht vorstellen. Doch momentan war es ihr egal, sie war an Arns Seite und das war alles was zählte. „Sieht besser aus“ meinte Arn als sie sich die Haare wieder geöffnet hatte. Rahela fand seine Bemerkung ein wenig seltsam, sie war in Begleitung eines Mannes, wieso sollten geifernde Säcke ein Problem darstellen? „Ich glaube nicht, dass ich Dich weiterhin als meinen Bruder vorstelle... das schafft nur Probleme... Du bist einfach mein armer blinder Mann...“ grinste sie. „Eine schreckliche Krankheit, die dir das Augenlicht nahm... Du hast niemanden mehr als Dein Weib, die sich fürsorglich um Dich kümmert...“ Während sie so philosophierte, meinte er plötzlich „Trink schnell aus, wir haben Probleme...“ „Was? Was ist los?“ fragte sie ihn doch er antwortete nicht. Sie konnte nicht so schnell austrinken, darum ließ sie den halben Bierkrug stehen, als er schließlich aufsprang und sie ging schnellen Schrittes hinter ihm her und sie verließen die Schenke.


„Du würdest Dich wundern, wozu ich fähig bin, wenn jemand meinen Liebsten ans Leder will...“ meinte sie, als sie durch die Gassen liefen. „Nicht dass ich so viele Liebste hätte... ach egal...“ Es war nicht der passende Moment, nette Gespräche zu führen, sie waren auf der Flucht vor irgendwelchem Gesocks, und sie wusste nicht einmal, vor wem... Sie drückten sich durch enge dunkle Gässchen. „Wenn du einmal kurz vor der Niederkunft bist, sollten wir uns stark bedeckt halten.“ Falls es überhaupt so weit kam... sie hatten diese Stadt eben erst betreten und hatten schon Ärger am Hals... Sie war Arn jetzt schon ein Klotz am Bein, hatte sie den Eindruck. Sie standen erst am Anfang und es würde nicht besser werden. Vielleicht ging es noch ein paar Monde gut, doch danach würde es immer beschwerlicher werden... Und mit einem Säugling würde es noch schwieriger werden. Was konnten sie dem Kind eigentlich bieten außer einem Haufen Schwierigkeiten? Sie betete zu den Göttern, dass diese ihm keine bernsteinfarbenen Augen schenkten, so wie Arn sie besaß... gab es denn auf Alvarania keinen Ort, wo Raéyun willkommen waren? Die wilden Lande... der Faernach Clan... dachte sie bitter... „Du hast mich doch gestern noch gefragt, was ich über den kleinen Bastard in deinem Leib denke“ meinte er schließlich. Nein, wieso fing er gerade jetzt damit an? Hatte das nicht Zeit bis später? Irgendwann würden sie ihre Verfolger doch abschütteln können, dann war immer noch genug Zeit um Zukunftspläne zu schmieden, so sie nicht erwischt würden... „Glaubst Du dass ist der richtige Zeitpunkt um darüber zu reden?“ Sie keuchte, und sie hatte schon Seitenstechen. Reden und Rennen gleichzeitig war eben nicht zielführend. Trotzdem, jetzt hatte er davon angefangen und ihre Neugierde war beinahe unbändig. „Ich denke vor allem eines. Das Kind wird uns vor mehr als nur ein Problem stellen. Doch ich werde dich nicht hängen lassen, das verspreche ich dir.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie diese Worte vernahm. Immerhin, aber... „Wirst du dich auch um es kümmern?“ Sie kam nicht umhin, diese Frage zu stellen. Das war nur recht und billig, eine Art, es ihm heimzuzahlen, als er sie gefragt hatte, ob dieses Kind auch wirklich von ihm war... Und es hatte gesessen, er sah sie empört, beinahe verärgert an. „So lange du bei mir bleibst, werde ich für euch sorgen.“ ‚Oder solange Du bei uns bleibst...‘dachte Rahela nachdenklich...

Sie kamen wieder auf den Marktplatz. Arn drückte ihr den Lautenkasten in die Arme und meinte „Stell dich hier hin. Und sobald du den Kerl siehst, dann schrei.“ Rahela war verwirrt. „Schreien? Was? Wonach?“ „Schrei um Hilfe! Schrei, dass dich ein Taschendieb beraubt hat oder ein Lustmolch befingert hat. Irgendetwas.“ Dann verschwand er in der Menge. Rahela war immer noch verwirrt. Eine Zeit lang stand sie ein wenig unsicher in der Menge. Die vielen Menschen wirkten bedrückend auf sie. Wieso ließ Arn sie hier einfach stehen? Was hatte er vor? Und dann sah Rahela den Mann, welchen sie sich vorher einprägen musste. Schreien fiel ihr nicht schwer. In den letzten Tagen hatte sich viel Ärger und Frust angestaut und obgleich sie immer noch nicht wusste, was los war, schrie sie gellend, ganz wie Arn es wollte. Viele Köpfe hoben sich in ihre Richtung und starrten sie an. Die meisten wandten sich wieder ab und gingen weiter oder wandten sich wieder ihren Beschäftigungen zu. Doch einige Hilfsbereite eilten zu Rahela. „Was ist los?“ „Was ist passiert?“ „Braucht ihr Hilfe?“ riefen die Leute durcheinander, doch Rahela war immer noch verwirrt und die vielen Menschen die auf sie zustürmten schüchterten sie ein. Es war anders hier als im Faernach Clan.... „Ich... ich.. wurde... ein Mann hat... „ stammelte sie. Bei den Göttern, ihr fiel nichts ein! Da rief ein Mann ebenso und schnell kamen Männer der Stadtwache angelaufen. „Ich wurde bestohlen! Verbrecher! Mein Geldbeutel!“ tobte ein dicklicher Mann, der in edle Stoffe gehüllt war. „Haltet den Dieb!“ rief er erbost in die Luft und hob drohend die Faust. Als die Stadtwache herangeeilt kam, und sich die Menge teilte, konnte Rahela den Mann noch einmal erkennen. „Der da...“ hob sie die Hand und zeigte auf ihn. Alle Köpfe drehten sich zu dem Mann, der da stand, und blöd glotzte. Zu seinen Füßen lag ein lederner Beutel. Der ganz offensichtlich Adelige kam angewatschelt, weil die Stadtwache gerade bei Rahela stand, die immer noch aufgeregt dastand. Warum ging sie nicht einfach? Der Dicke warf einen Blick zu dem Mann und rief „Da liegt ja mein Geldbeutel!“ „Ergreift ihn!“ rief der Kommandant zu seinen Soldaten. Der Mann wollte türmen, doch ein übereifriger Umherstehender hielt ihn am Arm fest. „Hiergeblieben“ brummte er, und dann hatten ihn auch schon die Wachen. „Komm mit, Du Bürschchen...“ meinte einer. Ein anderer Soldat bückte sich nach dem Beutel und überreichte ihn dem Adeligen mit einer leichten Verbeugung. Dieser bedankte sich und knurrte schließlich. „Beinahe leer...“ „Durchsucht ihn!“ rief der Kommandant, als sich die Soldaten und er mit dem Mann und dem Adeligen blaffend durch die Menge drückten. „Macht Platz, ihr Gesindel!“ Rahela stand wieder alleine herum. Was hatte das nun gebracht? Wo war Arn?“ Sie schulterte den schweren Lautenkasten und wollte diesen Platz verlassen, nur weg von hier! Sie drückte sich eilig durch die Menge und kurz bevor sie den Platz verlassen hatte, hielt sie ein und sah sich um. Wo war Arn nur? Wie sollte sie ihn finden, wenn sie den Platz nun verließ? Zögerlich blieb sie stehen, doch dann spürte sie, wie sie am Arm gepackt wurde. Sie wandte sich um und blickte in das von der Kapuze verhüllte Dunkel hinter dem sich sein Gesicht verbarg und ein Lächeln glitt über ihre Lippen und eine Welle der Erleichterung überkam sie. „Da bist Du ja...“ murmelte sie. „Komm, wir verschwinden von hier... man kann nie wissen...“ meinte er und schob sie weiter. Sie hakte sich bei ihm unter und maulte „Wir haben ja noch immer nichts gegessen... Ich geh bald keinen Schritt mehr weiter, wenn wir jetzt nicht bald wo einkehren, und Du mir sagst, was da eben los war...“

Sie liefen weiter durch die Gässchen. Rahela wurde schon allmählich müde, ihre Kräfte waren allmählich erschöpft und die Beine schmerzten sie ein wenig. Das war früher nicht so. Sie schob es auf die Schwangerschaft. Zumindest verspürte sie keine Übelkeit wie sie viele Frauen hatten. Doch sie war so unsagbar müde, besonders um die Mittagszeit war es so schlimm, dass sie sich dann am liebsten an Ort und Stelle, wo sie sich gerade befand, einfach hinlegen wollte um zu schlafen, oder einfach nur, um sich auszuruhen. Am Eck einer Häuserfassade fiel ihr eine Schenke ins Auge. Das Aushängeschild, auf welchem sonst der Name der Schenke eingebrannt oder aufgemalt war, war ein kleiner kupferner Kessel, und in diesen waren die Worte „Der Kupferkessel“ eingraviert. Von außen sah die Schenke gar nicht so übel aus. Sie deutete mit einem Kopfnicken zu der Schenke. „Sieh mal, lass uns doch hier einkehren... ich mag nicht mehr laufen...“ meinte sie ein wenig verzagt und Arn nickte. Thargôn war all die Zeit ruhig und schweigsam auf ihrer Schulter gesessen. Die Stadt war einfach nichts für den Raben. Er tat ihr leid. Sie betraten die Schenke. Pfeifenrauch schwoll ihr entgegen und sie verspürte ebensolche Lust auf eine Pfeife. Sie suchten sich einen Tisch in einer ruhigen Ecke. Sie nahm die Tasche von den Schultern und setzte sich so hin, dass Arn gezwungen war, mit dem Rücken zur Schenke zu sitzen. Vielleicht half ihm das später, die Kapuze einmal abnehmen zu können, ohne dass ihm jemand ins Gesicht blicken und sein Raéyunauge, oder das rote Auge sehen konnte. Der Wirt trat an die beiden heran. „Was darf ich Euch bringen?“ fragte er recht gelangweilt und nahm keinerlei Notiz von Arns Verhüllung, und er starrte auch Rahela nicht geifernd oder gierig an. „Zwei Bier, bitte“ meinte Rahela. Erst jetzt bemerkte der Wirt im dunklen der Schenke den Raben auf ihrer Schulter. „Das Vieh hier kann nicht da bleiben. Du musst es rausschaffen aus der Schenke...“ meinte er zu Rahela, während er sich umdrehte und zur Ausschank lief. Sie sah Arn ein wenig unsicher an und erhob sich schließlich. Sie ging vor die Türe und warf Thargôn in die Luft, während sie ihm zurief. „Flieg, doch bleib in der Nähe!“ Schnarrend erhob er sich in die Luft und flog davon. Sie ging wieder in die Schenke und setzte sich wieder an den Tisch. Inzwischen stand das Bier am Tisch. Sie prostete Arn zu und nahm einen Schluck. Auch dieses Bier war vorzüglich. Nicht so gut wie in den wilden Landen, aber nicht zu verachten. „Ob es hier etwas gutes zu essen gibt?“ fragte Rahela. Sie winkte den Wirt heran. „Was kannst Du uns zu essen anbieten?“ erkundigte sich Rahela bei ihm. Er leierte einige Eintöpfe herunter. „Graupensuppe, Steckrübeneintopf, Haferschleimsuppe mit Fleischbrocken...“ Rahela fand diese Speisen alle nicht sehr ansprechend. „Hast du auch etwas anderes?“ fragte sie nach. Der Wirt zog eine säuerliche Miene. „Wie wäre es mit gebratenen Tauben, und gespicktem Schwein, oder gar gefüllter Pfau?“ erwiderte er sarkastisch und Rahela rollte die Augen. „Ich nehme den Steckrübeneintopf...“ Sie war hungrig und wollte nur etwas essen. Der Wirt musterte sieeingehend. „Na, Du hast Dir aber eine ordentliche Backpfeife eingefangen. Hat Dich Dein Mann verprügelt?“ fragte er gerade heraus. Sie schüttelte den Kopf. Er zuckte die Schultern und ging von dannen. Sie kramte aus ihrer Tasche den Beutel mit dem Pfeifenkraut und ihre Pfeife. Arns Miene hellte sich auf und Rahela grinste, während sie Pfeifenkraut in den Pfeifenkopf stopfte. Sie entzündete einen Kienspan an dem kleinen Talglicht welches am Tisch stand und sog den Rauch dabei tief ein. Erleichtert atmete sie aus und reichte Arn die Pfeife. Ihre Gesichtsschwellung war zurückgegangen und nicht mehr zu sehen, nur die blau-lila Flecken unter dem linken Auge und auf dem Wangenknochen waren noch zu sehen. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht, bis der Wirt sie darauf angesprochen hatte, und beschämt fuhr sie sich über die Wange. Es war alles, was von Kolgrim noch übrig geblieben war. „Egal, er ist tot...“ flüsterte sie sich zu und dachte an den augenlosen Leichnam, über den sich nun sicherlich schon die Tiere hergemacht hatten, falls sie ihn nicht gefunden hatten. Doch würde er überhaupt das Recht auf eine ehrenvolle Bestattung haben? Arn bedachte sie mit einem seltsamen Blick als er ihre Worte vernommen hatte. „Hmm?“ fragte er. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Er wusste es ja nicht... woher denn auch? Sie hätte nicht davon anfangen dürfen, jetzt hatte sie sicher seine Neugierde geweckt, und würde sie abwinken, würde das die Neugierde nur vergrößern. Sie nahm ihm die Pfeife aus der Hand und zog daran. „Mein Vetter... er ist tot...“ erwähnte sie beiläufig. „Aber bitte frag mich nicht danach, es ist mir rausgerutscht, ich wollte nicht damit anfangen...“ erstickte sie jede Diskussion im Keim. Sie nahm einen Schluck Bier. Das Bier machte sie auch ein wenig müde. „Ich bin so furchtbar müde, ich kann nicht mehr..." jammerte sie. "Vielleicht können wir die Nacht heute hier verbringen" meinte sie, als der Wirt die Schüsseln mit Essen brachte. Sie starrte ein wenig irritiert darauf, was in ihrer Schüssel schwamm. „Lass uns in ein Badehaus gehen! Ich kann es kaum erwarten!“ fiel ihr schließlich ein und sie musste kichern. Gleichzeitig musste sie an das gemeinsame Bad denken und sie fühlte wie sehr sie dieser Gedanke erregte. „Hier in dieser Stadt gibt es kein Badehaus...“ meinte Arn schließlich und Rahela blickte enttäuscht drein „Oh... wie schade...“ meinte sie, während sie den unansehnlichen Eintopf löffelte. Er schmeckte nicht so übel, wie er aussah. „Ich möchte ein anderes Kleid... dieses hier ist sowieso gänzlich ungeeignet, es ist so eng in der Taille, es wird mir bald nicht mehr passen...“ meinte sie ein wenig verlegen.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » Mi, 21. Nov 2012 9:42

Bilddraéyu sah wie die schöne, dicke, lederne Geldbörse beinahe genau zwischen den Beinen des Gauners landeten. Am liebsten würde er sich ja selbst auf die Schulter klopfen, doch brauch schon kurz darauf der Tumult aus. Rahela schrie und stammelte. Adraéyu biss sich auf die Zunge. ›Ah, nun mach schon.‹, dachte er sich aufgeregt, doch da kam auch schon der Adelige, dem er die Börse vom Gürtel geschnitten hatte hinzu gelaufen. Sein Kopf war hochrot, und er keuchte und schrie. Zweifellos war er derartige Anstrengungen nicht gewohnt, und sei es auch nur zehn Meter zur Stadtwache zu rennen. »Ich wurde bestohlen! Verbrecher! Mein Geldbeutel!«, rief er keuchend. Und da machte Rahela ihre Sache gut. Sie deutete auf den Gauner, welcher sie schon seit geraumer Zeit verfolgt hatte. Binnen weniger Augenblicke hatte die Stadtwache ihn schon kassiert, und ihn fortgeschliffen, und je weiter er weg war, desto breiter wurde Adraéyus Grinsen. Erst jetzt, wo er sich sicher war, dass die Gefahr vorüber war, schob er sich den Dolch wieder in die Scheide, welche am Gürtel hing, und trat aus der Menge. Er huschte an Rahela heran und stupste sie auf der linken Schulter an, während er sich neben ihr auf die rechte Seite stellte. Verwirrt sah sie zunächst nach rechts, und als sie nichts und niemanden erkannte, nach links. Aus der Verwirrung wurde Erleichterung als sie das bekannte Gesicht Adraéyus sah. »Da bist du ja …«, murmelte sie. »Ja, da bin ich.«, raunte er ihr zu und nahm ihr sogleich den Lautenkasten ab, um ihn wieder auf den Rücken zu schultern. »Das hast du wirklich gut gemacht.«, lobte er sie aufrichtig. »Du klingst so komisch, als ob du einen Frosch im Hals hättest.« Da spuckte Adraéyu die drei goldenen Münzen aus und fing sie mit der anderen Hand auf. Ein breites Grinsen machte sich wieder einmal auf seinem Gesicht breit. »Schau, was ich gefunden habe.« Er überreichte ihr eine der Münzen und nestelte derweil an seiner Bruche, um den versteckten Geldbeutel heraus zu ziehen, um die übrigen beiden Münzen darin zu verstauen. »Dein Lohn.«, neckte er sie. Schließlich gehörte ihnen beiden das ganze Geld. Im Grunde genommen gehörten ihm die drei Goldmünzen und die Hälfte des Gewinns, von dem Hütchenspiel. Doch so genau wollte er nun nicht sein. Sie waren Freunde und Gefährten. »Kauf dir was hübsches.«, er legte ihr die Münze in die offene Hand und drückte ihr sachte mit der anderen Hand die eigenen Finger zusammen, dass sie die Münze gänzlich umschloss. »Und lass niemanden sehen, dass du Gold besitzt.« Als dies erledigt war, legte er ihr seinen Arm um die Hüfte und schob sie durch die Menge. »Komm, wir verschwinden von hier … man kann nie wissen.« Sie entzog sich recht bald seiner Umarmung und hakte sich stattdessen in seinem rechten Arm ein. »Wir haben noch immer nichts gegessen. Ich geh' bald keinen Schritt mehr, wenn wir nicht bald irgendwo einkehren.«, maulte Rahela und Adraéyu nickte Verständnis zeigend. »Ja, du hast Recht. Mir hängt der Magen auch schon bis zu den Kniekehlen. Doch wir mussten diesen lästigen Schatten loswerden. Er hätte sonst seinen Kumpanen Bescheid gegeben, wo wir nächtigen, und sie hätten uns bis auf die Knochen ausgeraubt … im Besten Fall.« Er schluckte ob dieser Worte. Eigentlich war es gar nicht weise gewesen, diese Gauner zu betrügen. Doch sie hatten es verdient, und Adraéyu und Rahela brauchten das Geld. Sie mussten sich gescheite Überschuhe kaufen und Adraéyu brauchte einen edlen Mantel, wenn er als Barde auftreten wollte, und einen Haarschnitt, sowie eine Rasur. Ja und Futter für das Pferd. Bei dem Gedanken an das Pferd, da fiel ihm ein, dass sie noch die Zeche für diese Nacht zu zahlen hatten. Doch wurde ihm bei dem Gedanken daran, noch eine weitere Nacht in dieser Stadt zu verweilen, nicht wohl. Er wollte am liebsten die Stadt hinter sich lassen, und den Hof des Herrn über diese Länder aufsuchen.

Auf dem Weg zur erstbesten Schenke fragte Rahela immer wieder, was da eben los gewesen war. »Dieser Gauner, der uns gefolgt war. Kam er dir nicht bekannt vor?«, setzte Adraéyu an, doch wartete er ihre Antwort eigentlich gar nicht ab. »Er stand in der Menge bei dem Hütchenspieler. Er war einer seiner Komplizen.« Rahela schien nicht ganz den Zusammenhang zu verstehen. »Darf ich kurz erläutern wie so ein Spiel funktioniert? Der Hütchenspieler betrügt.«, er hielt inne, als ihm bewusst wurde wie dumm diese Erklärung klingen musste und lächelte verlegen. »Also nicht offensichtlich. Er ist nur sehr fingerfertig. Er schafft es die Kugel unter den Hütchen heraus zu schummeln, ohne dass man es sehen kann. Und dann kann er die Kugel unter einer anderen Schale wieder unterjubeln. In den meisten Fällen behält er sie aber einfach in der Hand. Dann kann niemand gewinnen.« Rahela hob schon fragend an, da lachte Adraéyu fröhlich. »Ja, hin und wieder haben Leute gewonnen. Doch das waren alles Komplizen von dem Spieler. Sie sollen der Menge vorgaukeln wie leicht man schnelles Geld machen kann.« Adraéyu kratzte sich ein wenig am Bart. Er juckte und pikste. Es war höchste Zeit ihn los zu werden. »Immer wenn einer seiner Komplizen vortrat, um auf eine der Schalen zu setzen, hat er die Kugel in die Mitte gelegt. Und ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt, und sogleich unsere Goldmünze dazu gelegt. Ich habe aber auch meinen Daumen auf die Schale gelegt, damit er beim hochheben des Hütchens nicht etwa die Kugel verschwinden lassen konnte.« Adraéyu grinste unverhohlen und auch ein wenig dreist vor Stolz, ob seiner findigen Tat. »Darum waren diese Herren auch so erbost, und haben uns einen Schatten nachgeschickt. Zweifellos wollten sie ihr Geld zurück holen, und vielleicht auch noch ein bisschen mehr holen.« Adraéyu schüttelte den Kopf. Er wollte lieber nicht daran denken, was geschehen wäre, wen er den Gauner nicht bemerkt hätte, der ihnen so tölpelhaft in die Schenke gefolgt war.

Schließlich waren sie in einer Wirtsstube angekommen und Rahela bestellte auch etwas zu essen. Der Schuppen trug den Namen der Kupferkessel, wie man an dem verspielten Kessel erkennen konnte, der vor dem Haus über der Tür hing. Doch es gab anscheinend nur verschiedene Variationen von Eintopf. Was sonst konnte man auch schon in einem Kessel kochen? Adraéyu hatte keinen Hunger. Doch Rahela hingegen schon und bestellte einen Steckrübeneintopf. »Ich hätte dir ja Haferschleimsuppe mit den Fleischbrocken genommen. Da ist wenigstens etwas essbares drin.«, maulte Adraéyu und setzte stattdessen lieber das Bier an. »Bier ist auch Nahrung.«, grinste Adraéyu und tat einige tiefe Schlücke aus dem Humpen. »Aber sag. Darfst du eigentlich noch so viel Alkohol trinken? Ich habe gehört, dass das dem Kind schaden kann. Frag mich nicht wo, irgend ein Quacksalber sicher. Das Kind liegt ja wohl kaum in deinem Magen.« Adraéyu lachte ein wenig dümmlich. Vielleicht zeigte das stärkere Bier schon seine Wirkung? Es war immerhin schon der zweite Humpen an diesem Tag.

Als der Wirt Rahela auf ihre blauen Flecken ansprach, wurden die beiden Vagabunden jäh von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ja die Schwellung war schon gut zurück gegangen, doch die blauen Flecken waren noch gut zu sehen. »Egal, er ist tot.«, flüsterte Rahela mehr zu sich selbst und Adraéyu stutzte. »Hmm? Wer ist tot?«, hakte er nach. Wovon sprach sie? Rahela schien sichtlich bestürzt, da sie sich die Hände vor den Mund schlug. Das machte Adraéyu nur umso neugieriger. »Mein Vetter ist tot …«, murmelte Rahela. Und ihre nachfolgenden Worte machten den Raéyun nur umso stutziger. »Mich beschleicht irgendwie das Gefühl, dass er nicht von dem Pferd gefallen ist, und sich den Hals gebrochen hat. Eben jenen Pferdes, welches nun in den Stallungen am Rand der Stadt steht?« Er sah Rahela fragend an, doch an ihrem gequälten Blick erkannte er, dass er Recht hatte. Er musste sich nur eins und eins zusammenzählen. Doch Rahela wollte nicht darüber sprechen, also schwieg er. Es gab sicher irgendwann einen besseren Zeitpunkt, um darüber zu sprechen.

Während Rahela irritiert und ein wenig enttäuscht in ihre Schüssel sah, die der Wirt vor ihr abgestellt hatte, unterdrückte Adraéyu den Wunsch sie darauf aufmerksam zu machen, dass die Haferschleimsuppe die bessere Wahl gewesen wäre. Lustlos stocherte sie darin herum, während sie anfing von einem Badehaus zu reden. »Hier gibt’s kein Badehaus.«, erwiderte Adraéyu mit ernüchternden Worten. Er erinnerte sich, dass er ihr einmal von den Sitten und Gebrächen in solchen Badehäusern in den großen Städten berichtet hatte. »Dieses Kaff ist zu klein.« Er wurde mit einem enttäuschten Blick ihrerseits belohnt. »Oh, wie schade …« »Ja, wirklich schade.« Adraéyu grinste. In solchen Badehäusern ging es oft heiß her. »Aber in Aramad gibt es ein Badehaus. Es ist die größte Stadt der Region. Und wie es der Zufall so will, führt uns unser Weg genau dort hin.« Rahela sah ihn daraufhin fragend an, als ob sie wissen wollen würde, warum ausgerechnet dort hin. »Aramad ist der Sitz des Herzogs. Ich weiß nicht ob er über diese gesamte Region gebietet, doch ist er der einzige der mir gerade einfällt. Sonst gibt es in der Umgebung nur Dörfer und Ruinen, oder Burgen. Wir sollten nach Aramad gehen.«, beschloss Adraéyu mit einem selbstsicheren Nicken. »Vorher will ich mir aber ein neues Kleid machen lassen. Das hier ist so unpassend, und außerdem wird es bald nicht mehr passen.«, meinte Rahela und Adraéyu sah sie ausdruckslos an. »Wieso? Mir gefällt das Kleid.« Er sah sie eindringlich an. Das Kleid hatte etwas verruchtes an sich. Nicht so offensichtlich und anbiedernd wie das Kleid einer Dirne oder Hübschlerin, doch aufreizend genug, um nicht langweilig zu sein. »Aber die Goldmünze, die ich dir gegeben habe, sollte für diese Zwecke doch reichen oder?«, meinte Adraéyu, während Rahela weiter ihren Eintopf aß. »Außerdem wirst du gutes Schuhwerk brauchen, wie die meinen. Deine Schuhe sind nicht für lange Märsche ausgelegt. Und wir werden sicher nicht immer auf dem Pferd reiten können. Ich kaufe mir einen schönen neuen Umhang, dieser hier ist schon sehr verschlissen. Und zum Barbier muss ich auch gehen, bevor wir vor den Herzog treten. Eine neue Tunika wäre auch nicht schlecht. Sonst wirft er uns gleich wieder vor die Tür. Lumpenpack und Bettler sehen die hohen Herren gar nicht gerne in ihren Hallen.«, Adraéyu zählte die Dinge, die sie brauchten an seinen Fingern ab und seufzte. »Von dem vielen, schönen Geld wird ja kaum etwas übrig bleiben.«

Als Rahela die Suppe vertilgt hatte, und sie sich noch ein wenig ausgeruht hatte, da verließen sie wieder die Schenke. »Wir sollten uns entscheiden, ob wir heute noch losziehen, oder morgen in der Früh. Je nachdem, müssten wir noch zu den Stallungen gehen, um für einen weiteren Tag die Unterkunft des Pferdes zu bezahlen, sonst enteignen sie es uns! Ach ja, und Proviant brauchen wir auch. Die Reise nach Aramad wird länger dauern. Mindestens sechs Tage, wenn wir das Pferd nicht zu sehr quälen wollen.« Adraéyu legte wieder seinen Arm um Rahelas Taille und gemeinsam schlenderten sie durch die Straßen. »Zum Glück haben sich die schweren Wolken von heute Morgen bereits verzogen. Wir haben noch immer keine Überschuhe gekauft, und ich will ungern durch den Matsch waten.« Adraéyu begann ein Lied zu pfeifen, während sie sich auf die Suche nach einem Schneider machten. Und vielleicht auch einen Schmied. »Weißt du, ich habe mir überlegt, ob es nicht gescheit wäre, wenn du dir eine kleine Jagdarmbrust kaufen würdest? Sie würde dich nicht gänzlich wehrlos machen, und sie sind einfach zu bedienen. Und man kann sie gut unter dem Umhang verstecken. Ich müsste meine Fibel auch reparieren lassen, also schauen wir noch bei dem Schmied vorbei, ja?« Rahela sah ihn skeptisch an, doch nickte sie. »Wahrscheinlich sprengt eine solche Armbrust ohnehin unsere Verhältnisse. Aber ich könnte ja ein Lied singen, oder du ein wenig zaubern.«, er flüsterte die letzten Worte und raunte sie ihr mit einem diebischen Lächeln ins Ohr. Mehr fiel ihm nicht mehr ein. Doch vielleicht wusste noch Rahela einige Dinge, die sie unbedingt brauchen würden?
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:41, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Rahela » Mi, 21. Nov 2012 12:17

Bildieso? Mir gefällt das Kleid“ meinte Arn und ließ seine Blicke über den Ansatz ihrer Brüste wandern. „Weil man bis zum Nabel hinuntersehen kann... Du bist eben auch nur ein Mann...“ meinte Rahela. Es war natürlich übertrieben, doch sie hatte seit jeher Kleider nach Art der wilden Lande getragen. Die meisten Frauen dort besaßen natürliche, wilde Schönheit, und abgesehen davon, dass sie es nicht nötig hatten, war es war nicht üblich, die Reize so offensichtlich zu zeigen. Die Nordmänner, zumindest jene in ihrem Clan, fanden es reizvoller, die Kurven nur angedeutet zu sehen. Was sich darunter verbarg, war Sache zwischen Mann und Frau. Doch hier in der Stadt war es anscheinend Gang und Gäbe, Schnürmieder zu tragen, die die Brüste unnatürlich nach oben drückten, so dass sie beinahe aus dem Ausschnitt fielen, es sei denn, sie waren so dick, dass sie sich, gegeneinander gepresst im Ausschnitt behielten. Rahela war zwar recht offenherzig, was den Umgang mit Männern betraf, und doch fühlte sie sich in dem Kleid ein wenig unwohl. Für den Sommer war es ganz gut geeignet, es würde wahrscheinlich halten, bis ihr Bauch größer geworden war, dann, im Herbst würde es nicht mehr geeignet sein, und es würde um die Leibesmitte einfach nicht mehr passen. Bei einer Schwangeren wuchs nicht nur der Bauch, auch an der Hüfte würde sie ein weniger breiter werden. Rahela fand ihre Hüfte schon jetzt breit genug. „Meine Stiefel sind gut genug, sie sind beinahe neu, ich hab sie erst Ende des Winters bekommen und wenig getragen... die Schuhe kann ich diesen Sommer noch bedenkenlos tragen.“ Rahela war, was das betraf, eher genügsam. In den wilden Landen besaß man wenig, dafür war das, was man besaß, solide und wurde gebraucht, bis es nicht mehr ging. „Kauf Dir, was Du willst, ich brauche nichts, außer die notwendigen Dinge für das Kind, es wird ein Winterkind, ein Lammfell, Wollstoff, ein langes Tuch um es darin einzubinden und zu tragen...“ Hatte Arn schon daran gedacht? Er dachte meist an sich, der Egoist. Ein neuer Mantel, eine neue Tunika, ein Besuch beim Bartscherer... Sollte er doch, Rahela war es egal. Wahrscheinlich hatte er viel in seinem Leben entbehren müssen, und war ein anderes Leben gewohnt gewesen. Rahela war im Clan immer mehr oder weniger behütet gewesen. Im Clan sorgten alle füreinander. Keiner musste je hungern, und brauchte jemand Hilfe, fand sich immer jemand. Je mehr sie sich kaufen würde, desto mehr musste sie auch schleppen, und darauf hatte sie keine Lust. Sie löffelte ihre Suppe aus. Als sie fertig war, trank sie noch ihr Bier aus und ließ dann ihren Kopf in ihren Händen ruhen. Sie war entsetzlich müde. Doch sie musste der Müdigkeit nur kurz Raum geben, um sie danach übertauchen zu können. Sie schloss die Augen und hörte Arn zu wie er noch sprach. Sie nickte immer wieder, als Zeichen, dass sie ihm zuhörte. Dann verließen sie die Schenke. Rahela blickte sich kurz um, auf der Suche nach Thargôn. Er saß auf einem Häusergiebel und pickte an etwas herum. Als Rahela nach ihm pfiff, kam er sogleich angeflogen und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Arn legte seinen Arm um ihre Leibesmitte und sie gingen weiter durch die Straßen. Schon wieder begann er von den Überschuhen zu palavern! Hilfesuchend sah sich Rahela nach einem Schuhmacher um, sie mussten nur einen solchen finden, dann würde dieses Thema endlich ein Ende finden! Eine Armbrust? Ja, wahrscheinlich war das keine schlechte Idee, doch Rahela hatte Bedenken, so ein Teil war unglaublich teuer, das konnten sie sich nicht leisten. „Wahrscheinlich sprengt eine solche Armbrust ohnehin unsere Verhältnisse. Aber ich könnte ja ein Lied singen, oder du ein wenig zaubern“ raunte er ihr mit einem Lächeln ins Ohr. Ein wohliger Schauer lief Rahela über den Rücken. Es tat ihr einfach nur gut, ihn so nahe bei sich zu haben. Sie blieb stehen und zog ihn an sich heran um ihn zu küssen, während Thargôn flügelschlagend protestierte. Sie presste ihren Unterleib an seinen und plötzlich überkam sie der starke Drang, ihn in sich zu spüren, sie bekam einfach nicht genug von diesem Mann... Sie seufzte wohlig, während sich die Menschen teilweise schimpfend an ihnen vorbeischoben, weil sie mitten im Weg. „Geht doch ins Bordell... Ist nur wenige Quergassen von hier...“ brummte ein alter Drecksack. „Geh doch selbst dorthin, alter Narr, Du kriegst bestimmt anders ohnehin keine mehr ab...“ rief ihm Rahela verärgert hinterher.

Sie setzten sich wieder in Bewegung und es dauerte nicht lange, da kamen sie an ein Haus, das ein großes Tor besaß, durch welches man in einen Innenhof kam. An der Fassade war ein Schild der Schuster-Handwerkszunft abgebildet. Ein Schnabelschuh mit Schellen auf gelbem Grund und dazu Schuster Werkzeug. Arn deutete darauf und sie gingen durch das Tor. Im Innenhof standen etliche Körbe, in denen halbfertige Schuhe lagen, ein Korn voll Werkzeug, Nägel, Wassertröge. Einige Kinder, in allen verschiedenen Altersstufen liefen lachend umher, ein kleines rothaariges Mädchen war in viel zu große, fertige Schuhe geschlüpft und schlurfte damit grinsend und kichernd durch den Hof. Rahela beobachtete das Mädchen, während sie unbewusst ihre Hand auf den Bauch ruhen ließ und lächelte. Ihre Einstellung zu Kindern hatte ich ein wenig verändert. Plötzlich erschienen ihr Kinder nicht mehr so laut und lästig. So ein kleines Mädchen wäre nett. Wenn sie ihre Fähigkeiten erben würde, würde sie eine mächtige Schamanin aus ihr machen. Sie würde dann schon von den Kinderschuhen an mit diesen Dingen aufwachsen, die Rahela erst viele Jahre später zu lernen begonnen hatte. In dem Innenhof war noch eine kleine Werkstatt wo ein älterer Mann über einem Schuh gebeugt saß und gerade Leder an die Sohle nagelte. Als er die Beiden bemerkte, sah er auf und legte den Schuh beiseite. „Kann ich Euch helfen?“ fragte er. „Wir brauchen Überschuhe“ erwiderte Arn. Der Schuster nickte. „Ich habe hier einige fertige Modelle, in verschiedenen Größen und Breiten. Bitte, probiert Euch nur durch.“ Dann wandte er sich an das kleine Mädchen. „Anya! Raus aus den Schuhen! Die sind doch für eine Kundschaft und sind bereits bezahlt!“ Er klatschte in die Hände und das Mädchen sprang gehorsam aus den Schuhen und lief kichernd weg. Anya war ein schöner Name... wie würde sie ihre Tochter nennen, wenn sie eine bekommen würde? Auf jeden Fall etwas typisch nordisches , ein wilder Name, für ein wildes Mädchen... Und wenn es ein Junge würde? Egal, es war ihr genauso recht, Hauptsache, das Kind würde so kräftig sein, wie die Menschen aus den wilden Landen, sie kannte die körperlichen Konstitutionen der Raéyun nicht, doch in den wilden Landen zählte nur Stärke. Die harten Winter trennten die Spreu vom Weizen. Nur die Besten wurden groß. Ihre Gedanken wurden von Arn unterbrochen. „Willst Du nun welche?“ fragte er. „Bei den Göttern, ja...“ murmelte sie und blickte in den Himmel. Schwere dunkle Wolken waren aufgezogen und eine leichte Brise kam auf. Sie suchte sich aus dem Korb zwei heraus und hockte sich auf einen Baumstumpf und schnallte sich diese mit dem Lederriemen um ihre Schuhe. Sie stelzte probeweise durch den Hof und grinste. „Sie passen, ich nehme sie“ Auch Arn hatte sich ein Paar herausgesucht. „Was kosten diese beiden Paare?“ erkundigte er sich. „Ein Heller für beide.“ „Einen ganzen Heller?“ widerholte er gedehnt. Sie kannte diese Leierstimme. Es war ihm zu viel Geld. Rahela stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. „Schweig still, Du Narr, sieh nur wie viele Kinder er hat!“ zischte sie ihm zu. Er schwieg und kramte aus seinem Beutel eine blanke Münze. Der Schuster nahm die Münze dankend an und die beiden verabschiedeten sich. „Hier, Du wolltest sie, also trag Du sie auch, ich bin froh, endlich diesen unseligen Alambic nicht mehr herumschleppen zu müssen...“ meinte Rahela. Endlich war das Thema Überschuhe erledigt! „Manchmal bist Du peinlich...“ meinte sie. „Alles kommt auf einen zurück. Ich werde froh sein, wenn ich das Kind habe und wenn wir dann mildtätigen Menschen und keinen Halsabschneidern begegnen...“ brummte sie. „Meinetwegen nimm die Leute aus, die es nicht nötig haben, und nicht einen... siebenfachen hart arbeitenden Vater...“ Sie ergriff versöhnlich seine Hand und drückte einen flüchtigen Kuss darauf. Sie hatte es nicht böse gemeint.

Sie schlenderten an einem Stand vorbei, der Lebensmittel verkaufte. „Lass uns hier etwas zu Essen kaufen, und dann verlassen wir noch heute Nachmittag die Stadt!“ Er nickte. Ihm war es anscheinend egal. An diesem Stand gab es soviel, das Rahela noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Die verschiedensten Düfte stiegen ihr in die nase. Es waren wohlriechende Düfte... Süß, Pikant, Sauer, Scharf, Herb... Viele kleine Süßigkeiten gab es. „Was ist das?“ fragte Rahela den Händler und deutete auf kleine runde Kugeln. „Es sind in Zucker getrocknete Kirschen, umhüllt von Marzipan. Eine Kostprobe gefällig?“ „Ja, gerne, vielen Dank...“ meinte Rahela. „Ah, ihr stammt aus den wilden Landen?“ fragte er. Rahela errötete. Es gelang ihr einfach nicht, ihren Akzent zu verbergen. „Ja...“ meinte sie. „Eine unbeugsame wunderschöne Landschaft. Ich war einst selbst dort... die Frauen dort sind wie das Land...“ meinte er lächelnd, während er ihr eine Marzipankirsche reichte. Rahela schob sie in den Mund und kaute. Sie schmeckte wundervoll und Rahela nickte anerkennend. „Ich möchte gerne etwas davon“ meinte sie. „Ein Dutzend oder vielleicht zwei?“ fragte er nach. „zwei bitte...“ Immerhin waren sie nun lange unterwegs. Es gab auch viele andere Dinge, Brot, in sehr dünne Scheiben geschnitten und knusprig gebäht. Hervorragend geeignet um es auf Reisen mitzunehmen. Es war leicht und konnte nicht hart oder schimmelig werden. Rahela kaufte davon und auch etliche andere Dinge, eine Stange Rohwurst, einen getrockneten Schinken, Trockenfrüchte, ein Säcken Macadamianüsse, die sie noch nicht kannte, sie waren zwar teuer, doch sie sollten für Thargôn sein Rahela musste für all diese Dinge eine Menge Geld hinlegen. Sieben Heller, sie hatte wenig Begriffe von dem Wert. Hauptsache die Dinge schmeckten. Der Händler packte alles ein und sie schlenderten weiter. Arn entdeckte schließlich ein Häuschen, vor welchen zwei schwer bewaffnete Männer standen. Es war ein Goldschmied. Sie beäugten Rahela und Arn misstrauisch, als diese Anstalten machten, den Laden zu betreten. Einer der beiden hielt sie auf. „Was wollen zwei wie ihr hier?“ Arn deutete auf seine Fibel. „Ich möchte diese reparieren lassen“ meinte er. Der Wachmann nickte und gab den Weg frei. „Keine Mätzchen, v erstanden?“ Arn nickte missmutig und betrat die Stube, gefolgt von Rahela.

Hinter einer Budel saß ein Mann mittleren Alters. Er war gerade über eine Goldschmiedearbeit gebeugt. Auf einem Auge hatte er Vergrößerungsglas zwischen Wange und Augenlid eingeklemmt und arbeitete konzentriert, während er mit einem Werkzeug ein Schmuckstück bearbeitete. Als er die Beiden bemerkte, sah er von seiner Arbeit auf, nahm das Vergrößerungsglas von seinem Auge hinunter und legte die Arbeit beiseite. „Kann ich Euch helfen?“ fragte er freundlich. Der Goldschmied besaß einen kleinen Schrank in dem er, sogar hinter einer Glasscheibe, einige Ausstellungsstücke aufbewahrte, die Zeugnis seiner Goldschmiedekunst darstellten. Es waren einige schöne Stücke dabei, Ringe, Amulette, filigran gearbeitete Anhänger, kostbare Edelsteine wie Rubine, Smaragde oder andere seltene Steine und einige Ketten. Für jeden Geschmack etwas dabei. Rahela schlenderte zu der Vitrine und bestaunte die Stücke, während Arn sich an den Goldschmied wandte. Er holte seine Fibel hervor sowie die drei Bernsteine, die herausgebrochen waren. Es bedurfte kaum einer Erklärung, als Arn die Bernsteine sowie die Fibel vor ihn legte. Der Goldschmied nickte. „Das ist kaum Arbeit, das habe ich schnell repariert. „Was wird es kosten?“ erkundigte sich Arn. Rahela hörte mit halbem Ohr mit, dass seine Stimmlage besorgt war. Sie Schüttelte leicht den Kopf und schmunzelte. Was hatte er nur immer? Sie hatten doch gerade genug Geld! Er konnte sich eine neue Fibel kaufen, wenn er wollte... Der Goldschmied wiegte abschätzend den Kopf. „Fünf Kupfermünzen“ meinte er schließlich. Arn nickte zustimmend. „Ich werde gleich damit beginnen. Du kannst in einer Stunde wieder kommen, dann werde ich fertig sein.“ Arn bedankte sich und die beiden verließen wieder die Goldschmiede. „Dann haben wir ja jetzt noch Zeit, eine Gewandschneiderei aufzusuchen...“ meinte Arn.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » Mi, 21. Nov 2012 23:05

Bilderade noch hatten sie die Überschuhe gekauft, und schon zogen wieder schwarze Wolken auf. »Siehst du? Ich habe es gesagt.« Adraéyu lächelte Rahela besserwisserisch an. »Es wird regnen. Und dann wirst du froh sein, diese unsäglichen und fürchterlich hässlichen Dinger zu haben! Und du wirst deine selber tragen.« Mit diesen Worten hielt er ihr die kleineren Überschuhe hin. Er sah es ja gar nicht ein, beide Paare zu tragen. »Wo kämen wir denn hin, wenn ich alles schleppe? Seh' ich wie ein Packesel aus? Die Laute is schon schwer genug.«, meckerte Adraéyu und hielt kurz darauf inne. Er roch einen wundervollen, süßen Duft in der Luft. Er schnupperte und versuchte der Duftnote zu folgen. »Riechst du das auch?«, fragte er und zog Rahela sogleich mit sich mit. »Wie lecker. Das müssen gebrannte Mandeln sein.« Er hatte schon ewige Zeiten keine mehr gegessen. Das letzte Mal im Faernach-Clan, als die Händler letzten Herbst vorbei gekommen waren und Fenris ihm einige angeboten hatte … Er musste welche haben.

Er zog Rahela zu einem Zuckerbäcker. Er verkaufte Mandeln und Pistazien. Köstliche Nüsse aus fernen Landen. »Pistazien?«, fragte Adraéyu nach. Er hatte noch nie von diesen Nüssen gehört. »Kostet, kostet.«, forderte ihn der Händler eifrig auf, und bot Rahela und Adraéyu je ein paar dieser Nüsse an. Sie steckten noch alle in einer halb offenen Schale, und Adraéyu brach die Schalen auseinander und fingerte anschließend die Nuss aus der einen Schalenhälfte. Sie waren geröstet und gesalzen und schmeckten wirklich gut. Er sah Rahela fragend an, doch er konnte ihren Blick nicht wirklich deuten. Diese Nüsse schmeckten zwar, doch waren sie ihm viel zu teuer. »Ich nehme ungefähr eine Hand voll gebrannte Mandeln.« Der Händler nickte und lächelte zufrieden, ob des zustande gekommenen Geschäfts.

Kurze Zeit später bekam Rahela schon einen regelrechten Kaufrausch. Sie kaufte viele verschiedene Dinge. Gezuckerte Kirschen und seltsame Nüsse. Fleisch und Wurst und Brot. »Reicht das auch für sechs volle Tage?«, fragte Adraéyu leise, und flüsterte Rahela ins Ohr. »Eine Stange Wurst für sechs Tage?« Er sah sie ein wenig skeptisch an. Doch als der Händler ganze sieben Heller für die wenigen Lebensmittel verlangte, da war er froh dass sie nicht noch mehr gekauft hatte. »Woraus sind diese Nüsse? Aus Gold?«, fragte Adraéyu ein wenig aufgebracht. »Sie sehen jedenfalls so aus. Und diese Wurst, ist die aus dem heiligen Hirsch der wilden Lande gemacht worden?« Doch alles Aufregen half nichts. Der Händler packte die Ware, mit einem missmutigen Blick auf den Augen, in einen handlichen Leinensack und überreichte diesen Rahela. Nachdem sie den Händler bezahlt hatte ging sie forschen Schrittes weiter, wohl nur fort von dem Stand. »Du bist unmöglich.«, meckerte Rahela doch Adraéyu ließ sich nicht beirren. »Die glauben, nur weil du aus den wilden Landen kommst, können sie alles dafür verlangen. Das Zeug ist keine 5 Heller wert. Weißt du eigentlich was ein Heller wert ist? Du kennst doch nur den Tauschhandel der wilden Lande. Du weißt nicht was Geld wert ist. Weißt du wie lange eine Magd für dieses Geld arbeiten muss?« Er sah sie eindringlich an. Seine Stimme war völlig ruhig, und gelassen. Es lag ihm fern sie Maß zu regeln oder Bloß zu stellen, und daher redete er auch leise. Doch als sie ihm keine Antwort gab, da fuhr er fort. »Zwei volle Tage! Zehn Stunden harte Arbeit am Tag.« Adraéyu ließ die Worte wirken, bevor er weitersprach. »Würdest du diese Dinge kaufen, wenn du dafür derartig geschuftet hättest?«, fragte er sie doch dann erinnerte er sich, dass er erst vor kurzem selbst gebrannte Mandeln gekauft hatte. Zwar hatte er bewusst eine kleine Portion genommen, und sie hatten nicht viel gekostet. »Wenn wir nicht aufpassen, ist das ganze Geld verprasst, und wir haben keinen zweiten Alambic, den wir veräußern können. Vielleicht sollten wir in der nächsten Stadt ein paar ausgefuchste Trickbetrüger ausnehmen, oder bei einigen Wetten unser Glück versuchen.« Er sah Rahelas skeptischen Blick und schwieg. Doch dann legte er Rahela die Hand auf die Schulter und zog sie zu sich. »Ach vergiss es.«, murmelte er. »Wir haben eine Goldmünze von Gaunern ergaunert, und nun haben wir die Hälfte davon an einen anderen Gauner verloren. Ausgleichende Gerechtigkeit.« Er lächelte verschmitzt und kramte in dem Säcklein nach einigen gebrannten Mandeln. »Möchtest du eine? Sie sind noch warm.«, versuchte Adraéyu das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken und legte einen versöhnlichen Blick auf.

Nach einer Weile erreichten sie ein Haus, vor welchem zwei schwer bewaffnete Wachen standen. Sie wirkten sehr abschreckend, doch ein geübtes Auge sah, dass sie träge und ein wenig dicklich waren. Sie hatten wohl selten etwas zu tun. Vielleicht machten sie sich deshalb auch besonders wichtig, als Adraéyu und Rahela das Geschäft betreten wollten, welches sie augenscheinlich bewachten. Es war ein Goldschmied, genau das, wohin Adraéyu wollte. »Was wollen zwei wie ihr hier?« Adraéyu spitzte die Ohren. Hatte er sich verhört? Zwei wie ihr? Doch ein prüfender Blick auf die Schwerter, welche sie an ihren Gürteln baumeln hatten, ließen seine vorlaute Zunge noch ersticken, bevor sie auch nur einen Ton hervor gebracht hatte. Mit wenigen, aber deutlichen, Worten, ließ er sie zu Verstehen geben, dass er seine Fibel reparieren lassen wollte, und sie ließen sie schließlich in das Gebäude ein.

Im Inneren saß ein älterer Mann, über ein Schmuckstück gebeugt. Er vermittelte den Eindruck eines wahren Meisters seines Fachs. Und überall im Raum waren erlesene und scheinbar wirklich kostbare Einzelstücke zu sehen. Die meisten der Stücke waren hinter Glas verstaut, damit selbst geübte Langfinger nicht einfach in die Auslage greifen konnten um sich ungehindert bedienen zu können. Der Reiz war wirklich groß. Und hatte er nicht erst mit Rahela darüber gesprochen, dass sie das Geld vermehren sollten? Doch es war zu riskant. Wenn sie entdeckt würden, wären die beiden Wachen so schnell bei ihnen, da half selbst die findigste Musik nicht mehr. Als Adraéyu schließlich fragte, was es wohl kosten würde die drei Bernsteine wieder in die Fibel einsetzen zu lassen, atmete er innerlich auf, als er den Preis erfuhr. »Fünf Kupfermünzen.«, wog der Schmied wohlwägend ab und Adraéyu nickte. »Einverstanden.« Er ließ die Fibel auf dem Arbeitstisch des Goldschmieds liegen und legte auch die drei Bernsteine daneben, welche er aus seiner Tasche gekramt hatte. »Ich werde gleich damit beginnen. In einer Stunde sollte es fertig sein.« Adraéyu nickte, und zusammen mit Rahela verließen sie den Laden. »Eine Stunde. Das sollte reichen, um ein neues Kleid für dich zu finden.«, meinte Adraéyu ziemlich optimistisch.

Wie er sich irrte! Es war beinahe unmöglich ein gutes, schönes Kleid zu finden. Entweder die Farbe war schrecklich, oder der Schnitt war unmöglich. Rahela hatte an beinahe jedem Kleid etwas auszusetzen. Doch etwas anfertigen lassen, würde mehrere Tage dauern und sie wollten ja noch heute abreisen. »Vielleicht sehen wir uns lieber in Aramad um?«, bot Adraéyu an, und Rahela schien geneigt, dem zuzustimmen. Nicht einmal einen halbwegs ansehnlichen Umhang hatten sie gefunden. »Doch wird es in Aramad um einiges teurer sein als hier. Das ist sicher.«, gab Adraéyu zu bedenken. Sie würde dort vielleicht etwas finden, aber ob sie es sich leisten konnten, das stand auf einem anderen Blatt geschrieben. Nach gut zwei Stunden waren sie kurz davor aufzugeben. Sie standen gerade an einem Stand, welcher Stockbrot verkaufte, welches über einer schwelenden Glut gebacken wurde. Man konnte es so essen, oder sich eine leckere Füllung hineingeben lassen. Süßes Kompott oder eine würzige Pastete. Adraéyu hatte sich für die Pastete entschieden. Während sie das Stockbrot aßen, entschied Rahela, dass sie lieber den Goldschmied aufsuchen sollten, anstatt noch mehr Zeit zu vergeuden und Adraéyu stimmte zu.

Vielleicht war es Schicksal, oder ein unglaublicher Zufall. Doch auf dem Weg zurück zum Goldschmied, fanden sie eine kleine Schneiderei, welche direkt im Erdgeschoß eines kleinen Eckhauses eingerichtet worden war. Der Schneider schien in dem Geschoß darüber zu wohnen, und es schien ein kleiner Familienbetrieb zu sein, wo Mann, Frau und auch die Tochter gemeinsam arbeiteten. Ein letztes Mal wollten sie ihr Glück versuchen und betraten das Geschäft. Und sie wurden für ihre Ausdauer belohnt. In dem Geschäft fand Rahela schließlich das Gewand, wie sie es sich vorgestellt hatte. Einfach, aber erhaben. Gut genug, in ihren Augen, um darin dem Herzog vorzusprechen. Leider fand Adraéyu keinen Mantel. Und der Frust des langen Tages hatte ihm auch die Lust verdorben sich den Bart bei einem Barbier rasieren zu lassen. Es wäre ohnehin töricht und Geldverschwendung gewesen. Sie würden volle sechs Tage auf der Straße nach Aramad leben und schlafen müssen. Der Bart würde unweigerlich nachwachsen, und sein Gewand würde unweigerlich verschleißen. Nein es war sicher besser, wenn er sich erst in Aramad einen neuen Umhang kaufen würde.

Als sie das Geschäft, um ganze drei Goldmünzen erleichtert, verlassen hatten hakte sich Rahela vergnügt in seinem Arm ein. »Das Kleid ist jeden Heller wert.«, säuselte Rahela zufrieden. Sie hatte es in ihrer Tasche verstaut, und würde es anlegen, wenn die Zeit es zuließ. »Möchtest du noch zu einer Schmiede gehen um dich nach einer kleinen Jagdarmbrust umzusehen?«, fragte Adraéyu, obwohl er die Antwort längst wusste. »Nein. Mir schmerzen schon die Füße. Ich bin froh wenn ich heute ein paar Stunden im Sattel sitzen kann, und das Land unter meinen Füße dahinzieht.« Adraéyu nickte zustimmend. Ja sie waren heute wirklich lange unterwegs gewesen. Er versuchte sich auszumalen wie es wohl erst werden würde, wenn sie hochschwanger war. Konnten sie dann überhaupt solche Eskapaden über sich ergehen lassen? Ihm schwante schon Übles, doch ließ er sich nichts anmerken.

Es war bereits weit nach Mittag, als sie wieder bei dem Goldschmied eintraten. Die Wachen hatten sie dieses Mal unbehelligt passieren lassen, und als sie die warme Stube betreten hatten, da begrüßte sie der Goldschmied bereits überschwänglich. »Ah, Willkommen zurück. Wie versprochen, bin ich bereits fertig.« Er tastete seinen Tisch nach der Fibel ab, doch schien sie nicht da zu sein. »Oh, einen Moment.« Ein wenig hektisch suchte er den Tisch ab. Adraéyu trat näher heran und sah dem Mann kurz zu. »Stimmt etwas nicht?«, erkundigte er sich und versuchte dabei unbekümmert zu klingen. Es gelang ihm nicht sonderlich. »Nein, nein. Alles in Ordnung. Mir scheint, ich habe die Fibel nur verlegt.« Adraéyu runzelte die Stirn und kräuselte die Augenbrauen. Er warf Rahela einen vielsagenden Blick zu und nickte dezent zu einer der gläsernen Vitrinen. Doch sie glotzte ihn nur entgeistert an und er rollte mit den Augen. »Ah, da ist sie ja.«, frohlockte der Schmied und tauchte wie aus dem Nichts hinter dem Tisch wieder auf. Er hielt Adraéyu die Fibel hin und dieser beäugelte sie sogleich äußerst kritisch. »Ich habe mir die Freiheit genommen sie ein wenig zu polieren. Sie sieht nun aus wie neu.« Adraéyu wollte eigentlich nur die Steine wieder eingefasst haben. Die Fibel glänzte nu so neu, dass er sie kaum anlegen konnte, ohne Diebesgesindel zu fürchten. Doch er wollte nicht undankbar erscheinen und deutete eine dankende Verbeugung an. »Vielen Dank.« Er legte dem Mann die verlangten fünf Kupfermünzen auf den Tisch und eine weitere sechste dazu. »Für deine Mühen.«, murmelte Adraéyu. Er war froh, dass er die Fibel endlich hatte reparieren lassen. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wie viele Jahre die Steine schon aus den Fassungen gebrochen waren. Bestimmt drei Jahre. »Hast du etwas gesehen, das dir gefällt?«, fragte der Goldschmied hoffnungsvoll an Rahela gewandt. Doch sie schüttelte nur den Kopf. »Ich habe gesehen, dass du diese Kette angesehen hast. Möchtest du sie einmal anlegen?«, fragte der Schmied freundlich, doch Rahela winkte dankend ab. »Es verpflichtet nicht zum Kauf. Einfach einmal anlegen und probieren.« Adraéyu musste in sich hinein grinsen. Der Mann verstand etwas davon, Menschen etwas anzudrehen, was sie gar nicht wollten. Ohne Rahelas weitere Reaktion abzuwarten, kramte der Mann einen Schlüssel aus dem Hosenbund und sperrte ein kleines Schloss unter der Vitrine auf. Dann öffnete er vorsichtig die Tür und zog eine lange goldene Kette heraus. An der Kette hing ein schwerer, grüner Smaragd. »Komm.«, deutete er Rahela und sie trat zögerlich auf den Mann zu. Er öffnete einen filigranen Verschluss an der Kette und legte sie ihr um. Dann verschloss er die Kette wieder und hob ihr Haar sachte darüber. Als der Anhänger genau dort auf dem Kleid lag, dass er, wenn sie kein Kleid tragen würde, genau zwischen ihren Brüsten hängen würde, nickte der Goldschmied zufrieden. »Wahrlich, die Kette steht dir ausgezeichnet.« Adraéyu musste dem Mann uneingeschränkt zustimmen. »Wirklich die sieht gut aus.«, murmelte er. »Was soll die denn kosten?«, fragte Adraéyu unverbindlich und der Goldschmied lächelte ihn luchsig an. »Acht Goldstücke.« Acht Goldstücke! Wahrlich ein Vermögen. Doch wahrscheinlich war die Kette ihr Geld wert. Sie war hochwertig verarbeitet, und der Smaragd war ein makelloser Edelstein und so groß wie ein Wachtelei. »Findet sich in dieser Vitrine auch etwas günstigeres?«, fragte Adraéyu vorsichtig und wieder lächelte der Goldschmied. Dieses Mal wissend. Sahen sie wirklich so abgebrannt aus, dass er es sich schon hatte denken können, dass ihnen die Kette zu teuer war? Adraéyus Miene verfinsterte sich ungehalten und er grummelte vor sich hin. Der Schmied nahm Rahela die Kette vom Hals und legte sie wieder in die Vitrine. Dann zog er eine, etwas kürzere und auch etwas dünnere hervor. Die Kette wurde von einem schlichten Anhänger aus Bernstein geziert. »Die ist schön.«, meinte Rahela und Adraéyu musste ebenfalls zustimmen. Der Bernstein war in seinen Augen wahrlich majestätisch, doch war er auch aufgrund seiner Augenfarbe voreingenommen. »Was soll die kosten?«, fragte Adraéyu erneut, und der Alte seufzte. »Normalerweise drei Goldstücke. Aber der Anhänger hat einen Einschluss.« Adraéyu hob die Augenbraue. Er verstand nicht viel von diesen Dingen. »Hier.« Und da erkannte er, was der Goldschmied meinte. In dem Bernstein war irgend etwas eingeschlossen. Ein Tier? Oder ein Stück Metall? Er konnte es nicht wirklich erkennen. »Zwei Goldstücke und drei Heller, und sie gehört euch.«, meinte der Goldschmied hoffnungsvoll und kurz darauf erhellte sich seine Miene ungemein. »Einverstanden.« Adraéyu fixierte Rahela, als er dem Kauf zugestimmt hatte, und seine Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie glotzte ihn ungläubig an.

Er musste schmunzeln. Da hatte er ihr noch vor wenigen Stunden lang und breit erklärt, wie wertvoll jeder Heller war, und nun kaufte er eine nutzlose Goldkette. Doch Gold verlor nie an Wert. Sie würden sie wieder verkaufen können. »Eine gute Wahl.«, lobte der Goldschmied schließlich, versperrte wieder die Vitrine und schlurfte zu seiner Geldkassette. Adraéyu zählte ihm das Geld aus dem Beutel auf den Tisch, und mit einem kräftigen Händedruck verabschiedeten sie sich voneinander. »Einen schönen Tag noch, und gehabt euch wohl.«, hob Adraéyu fröhlich an und verließ, mit Rahela Hand in Hand, die Schmiede.

Kaum standen sie auf der Straße da herrschte ihn Rahela schon an. »Bist du verrückt?« Er hörte sie schon sagen, dass sie sich das nicht leisten konnten, und wie verschwenderisch er war. Doch kaum waren sie um die Ecke gebogen, da zog er die dicke, goldene Kette aus dem Wams. Der makellose Smaragd baumelte ihr vor dem Gesicht und sie verstummte augenblicklich, bevor sich beinahe erbleichte. »Hat sich doch gelohnt.«, grinste Adraéyu spitzbübisch. »Los, lass uns keine Zeit verlieren. Auf zu den Stallungen und raus aus der Stadt.«
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:42, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Rahela » Do, 22. Nov 2012 11:13

Bildahela war ein wenig beleidigt. Arns Stimme war zwar ruhig aber dennoch schwang ein gewisser vorwurfsvoller Unterton mit. Natürlich hatte sie keine Begriffe von Geld, und dennoch brauchten sie Lebensmittel. Er würde schließlich auch davon profitieren. „Ich habe in den wilden Landen auch gearbeitet, als Schamanin... als Hebamme... ich habe manchmal zwei volle Tage und Nächte bei Frauen verbracht und ihnen geholfen, ihre Kinder zu gebären, ist das vielleicht nichts wert? Und manchmal habe ich dafür gar nichts bekommen... Vielleicht habe ich nicht den Besen geschwungen, oder Holz gehackt in den Wehenpausen, aber trotzdem war das eine sehr hochgeschätzte und verantwortungsvolle Tätigkeit... Ich habe Beine amputiert und Wunden ausgeschabt, habe Krieger, die bereits dem Tode geweiht waren, von ihren Qualen erlöst... Und ich habe viele Tage und Nächte auch an meinem Bett gewacht, in dem Du gelegen bist, während ich am Tisch oder Boden geschlafen habe. Unermüdlich hab ich mich um Dich gekümmert als Du schwer verletzt warst... Und was hab ich dafür bekommen? Gar nichts!“ schimpfte sie ein wenig aufgebracht. „Und ja, ich hätte mir diese Dinge auch dann gekauft, wenn ich dafür Geld bekommen hätte. Dafür ist es ja schließlich da. Ich will leben und nicht mit schimmeligem Brot und dreckigem Wasser dahinvegetieren... Schließlich willst Du Dich auch komplett neu einkleiden, aus reiner Eitelkeit!“ Sie wollte nicht glauben, dass ein Herzog einen nur dann empfing wenn man herausgeputzt war wie ein Höfling. „Wenn wir nicht aufpassen, ist das ganze Geld verprasst, und wir haben keinen zweiten Alambic, den wir veräußern können. Vielleicht sollten wir in der nächsten Stadt ein paar ausgefuchste Trickbetrüger ausnehmen, oder bei einigen Wetten unser Glück versuchen.“ Rahela sah ihn skeptisch an. „Und dann laufen wir wieder vor ihnen davon und müssen um unser Leben bangen, ja?“ Arn schwieg, und legte ihr schließlich beschwichtigend die Hand auf die Schulter. „Ach vergiss es“ Er kramte aus dem Säckchen einige der gebrannten Mandeln hervor und bot ihr eine davon an. „Möchtest Du eine davon? Sie sind noch warm“ Rahela brummte verächtlich doch nahm die Mandel dann doch und steckte sie sich in den Mund. Sie war warm und süß und knackig und durch das im Zucker brennen hatte die Mandel an sich ein ganz intensives Aroma. Wirklich köstlich. Doch sie bevorzugte es, zu schweigen. Sie war es nicht gewohnt, dass man sie so maßregelte.

Als sie die Goldschmiede verließen, schlug Arn vor, ein Kleid für sie zu suchen. Sie willigte ein. Sie liefen durch die Straßen und fanden dann auch eine Schneiderei. Sie betraten den kleinen Laden der vollgestopft war mit Kleidern, Bruchen, Gugeln, Hemden und vielerlei anderen Tand. „Kann ich Euch behilflich sein?“ fragte ein Mann. Er war wohl der Schneidermeister. „Sie braucht ein Kleid... ein anpassungsfähiges für andere Umstände“ meinte Arn. Der Schneider nickte und begrüßte Rahela höflich. Sie war die Kundin um die es ging und ihre Gunst galt es zu erwerben, wenn er ein Geschäft machen wollte. „Wir werden schon etwas finden, was die Schönheit der Dame unterstreicht“ lächelte er. Er holte allerlei Kleider hervor und führte sie der Reihe nach vor. Das erste Kleid war eines aus schwerem Brokat. Es war dunkelblau und hatte viele silberfarbene Fänden eingewoben, die ein silbernes Floralmuster ergaben. Ein Stoff für eine Königin... doch nicht einmal die Rukaja hätte so ein Kleid angezogen, mutmaßte Rahela. „Viel zu übertrieben...“ meinte Rahela und schüttelte den Kopf. Arn lächelte. „Gut, etwas weniger aufdringliches...“ meinte der Schneider und holte ein rotes hervor. Es war wirklich knallrot, und alleine die Farbe musste ein Vermögen gekostet haben. Solch ein rot war Rahela in den wilden Landen noch nie untergekommen, als Färbemittel, höchsten Mohnblumen hatten diesen Farbton. „Eine schreckliche Farbe...“ kommentierte Rahela ungerührt. „Etwas dezenter... ich verstehe...“ meinte der Schneider und Arn lächelte erneut. Der Schneider holte ein gedeckt dunkelgrünes Kleid hervor, so ähnlich wie Rahelas altes Kleid. Ihre Miene hellte sich auf, als sie es sah. „Probiert es doch einmal... wie ihr seht, kann man die Schnürung anpassen im Rücken. Es hat einen weiten, A-Linienförmigen Schnitt, ihr könnt damit zur Niederkunft gehen, wenn ihr wollt. Ein wahrhaft bequemes Teil. Rahela verschwand damit nach hinten und kam nach einer Weile zurück. „Ein unmögliches Teil“ meckerte sie. „Diese Ärmel, was soll ich damit?“ zupfte sie an den weiten, puffigen Ärmeln. Und der Ausschnitt ist ja noch tiefer als bei meinem Kleid. Wohlwollend ließ Arn seine Blicke über das reizvolle Dekolleté schweifen. „Nein, das ist kein Kleid für mich, es tut mir Leid...“ meinte sie obwohl es ihr gar nicht leid tat. Sie lief wieder nach hinten und zog es aus und schlüpfte in ihr anderes Kleid. Arn lächelte nun nicht mehr so verschmitzt wie gerade eben noch. Etliche Kleider später konnten sowohl Arn als auch der Schneider ihre säuerliche Miene nicht mehr verbergen. „Ich glaube, hier gibt es nichts passendes für mich“ meinte Rahela unbekümmert. Sie dankte dem Schneider, grüßte, und zog Arn wieder auf die Straße. „Vielleicht sehen wir uns lieber in Aramad um? Doch wird es in Aramad um einiges teurer sein als hier. Das ist sicher“ meinte er schließlich.

N
ach einiger Zeit der erfolglosen Suche nach einem Kleid war auch Rahela schon ein wenig müde und frustriert. „Was für eine Zeitverschwendung“ meinte sie und Arn rollte mit den Augen. Sie blieben vor einem fahrenden Bäcker stehen, der Stockbrot verkauft. Es war ein Hefeteig, der um ein Stöckchen gewickelt war und über dem Feuer goldbraun gebacken war. Wenn man das Gebäck von Stock zog konnte man sich in das Loch eine Füllung geben lassen, wenn man mochte, süß oder herzhaft, ganz wie man wollte. Arn entschied sich für die pikante Variante und Rahela tat es ihm gleich. Während sie an ihrem Stockbrot knabberten und weiter liefen, schlug Rahela vor, zurück zur Goldschmiede zu gehen und die Fibel abzuholen, die ganz sicherlich schon fertig sein musste. Auf dem Weg dorthin stießen sie auf eine kleine Schneiderei in einem Eckhaus. Rahela entschied, dort noch einmal ihr Glück zu versuchen, und sie fand wirklich ein passendes Kleid. Schlicht, aber edel, aus dunkelgrünem Woll-Leinen Gemisch, warm genug für den Winter, mit Brustschnürung, einladend doch dezent, tauglich, ein Kind zu stillen ohne das ganze Kleid dafür hochziehen zu müssen, und es würde auch tragbar sein, wenn sie wieder über eine normale Figur verfügen würde. Das Kleid hatte den stolzen Preis von drei Goldstücken. Wahrscheinlich war Arn innerlich verfallen, so langam, wie er die Goldstücke an den Schneider ausgehändigt hatte, doch wenn dem wirklich so war, verbarg er es zumindest jetzt ziemlich gut. Doch es war Rahela egal, sie war zufrieden. „Das Kleid ist jeden Heller wert!“ frohlockte sie, als die beiden wieder auf der Straße standen. „Möchtest Du Dich noch nach einer Jagdarmbrust umsehen?“ fragte Arn sie doch sie schüttelte den Kopf. „Nein. Mir schmerzen schon die Füße. Ich bin froh wenn ich heute ein paar Stunden im Sattel sitzen kann, und das Land unter meinen Füßen dahinzieht“ erwiderte sie erschöpft. Diese Schwangerschaft nervte sie jetzt schon, sie war überhaupt nicht mehr belastbar und man konnte noch nicht einmal etwas sehen! Sie waren nun endlich an der Goldschmiede angelangt und konnten zwischen den Wachen ungehindert hineinmarschieren. Arn kümmerte sich um seine Fibel Angelegenheit und Rahela betrachtete währenddessen erneut die Schmuckstücke in der Vitrine. Es waren einige wunderschöne Stücke dabei. Sie hatte noch nie ein Schmuckstück besessen. Gold war in den wilden Landen etwas Unerreichbares. Viel zu kostbar, und auch viel zu unnötig. Wenn die Menschen dort Schmuck trugen, dann eher aus Holz geschnitzt, oder aus Knochen oder Klauen an Lederbändern. Höchstens irgendein Edelmetall, vielleicht Kupfer oder Messing, aber nicht einmal Silber. Doch Rahela hatte nicht einmal solches besessen. Ihre Fibel war das einzige, doch diese war lediglich ein Gebrauchsgegenstand und kein Schmuckstück. Sie schmückte sie nicht, sie tat nur ihren Zweck, nämlich den Mantel zusammen zu halten.

Der Schmied trat an Rahela heran. „Hast du etwas gesehen, das dir gefällt?“ fragte er sie, doch sie schüttelte den Kopf. „Ich habe gesehen, dass du diese Kette angesehen hast. Möchtest du sie einmal anlegen?“ Rahela winkte dankend ab. Doch der Schmied ließ sich weder beirren, noch abwimmeln. „Es verpflichtet nicht zum Kauf. Einfach einmal anlegen und probieren.“ Meinte er und war schon im Begriff, die Vitrine aufzusperren. Er holte eine lange goldene Kette heraus, an der ein großer dunkelgrüner funkelnder Smaragd hing. Er legte Rahela die Kette ungefragt an und sie spürte an ihrer Haut die kühle Kette. Es fühlte sich ungewohnt an. Der Goldschmied besaß sogar einen Spiegel und führte Rahela an diesen heran. Sie betrachtete sich im Spiegel und beachtete kaum das Schmuckstück, als sie sich selbst im Spiegel als Ganzes sah. In den wilden Landen hatte sie höchstens einmal ihre metallene Schüssel zu Hilfe genommen, und da hatte sie meist nur ihr verzerrtes Spiegelbild wahrgenommen. Höchstens in einem Teich, wenn Windstille herrscht, konnte man darin sein waberndes Antlitz erkennen, doch dieser Spiegel hier war beinahe eine Offenbarung. Doch sie konnte auch ihr von Kolgrim gezeichnetes Gesicht erkennen und sie schämte sich plötzlich. Und zum ersten Mal konnte sie auch deutlich den kleinen Höcker auf ihrer Nase erkennen, den Mira ihr vor vielen, vielen Jahren verpasst hatte, als sie ihr die Nase gebrochen hatte. Ihre Augen hatte sie nie so wirklich gesehen, das matte grün. War sie schön? Gefiel sie sich? Sie konnte es nicht beurteilen. „Wahrlich, die Kette steht Dir ausgezeichnet...“ meinte der Goldschmied verführerisch, und riss Rahela damit aus ihren Gedanken. Nun betrachtete Rahela auch die Kette und nickte zustimmend. „Wirklich, die sieht gut aus“ murmelte er Arn und erkundigte sich „Was soll die denn kosten?“ „Acht Goldstücke“ meinte er Schmied. Rahela schluckte. Es stand für sie ohnehin nicht zur Diskussion, ob sie die Kette kaufen sollten. Sie hatte ihr Kleid und das war teuer genug gewesen. Sie war zufrieden, auch ohne Kette. Doch nun schien es, als ob Arn einem Kaufrausch verfallen war, denn er fragte den Goldschmied „Findet sich in dieser Vitrine auch etwas günstigeres?“ Der Mann lächelte nickend und zog eine kürzere und wesentlich dünnere Kette hervor an der ein Bernstein baumelte. Rahela hatte etwa übrig für natürliche Schönheit und Bernstein und dessen warme schmeichelnde Honigfarbe hatte sie seit jeder gemocht. Als kleines Mädchen war sie des Öfteren ins Hochmoor gezogen um einen solchen Stein zu suchen, doch sie hatte nie einen gefunden. Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass sie die Farbe an Arns Augen erinnerte. „Die ist schön“ meinte sie. Und einige Momente später hatte Arn die Kette erstanden. Rahela hatte diesen Handel schweigend aber ungläubig dreinblickend beobachtet. War er denn verrückt? Da hatte er sie einige Zeit vorher noch maßgeregelt weil sie Lebensmittel gekauft hatte und nun kaufte er um den dreifachen Preis eine Kette! Diese Kette konnte man weder essen noch hatte sie einen anderen Nutzen. Sie verabschiedeten sich wie alte Freunde voneinander und traten schließlich Hand in Hand auf die Straße.

Während sie um die Ecke bogen, schimpfte Rahela. „Bist Du verrückt? Du herrschst mich an wegen ein paar Hellern die ich in unser leibliches Wohl investiert habe, und kaufst schließlich für fast drei Goldstücke eine Kette die überhaupt keinem Zweck dient?“ Doch er erwiderte nichts sondern pfiff wohlgelaunt ein Liedchen und zog sie weiter, bis sie eine beträchtliche Entfernung zu der Goldschmiede gewonnen hatten. Dann ließ Arn die Katze aus dem Sack. Triumphierend zog er die dicke Goldkette aus seinem Wams. Rahela glotzte ihn ungläubig an und flüsterte. „Du hast... wie hast Du... ich habe es überhaupt nicht bemerkt! Bei den Göttern, der Schmied lässt uns aufknüpfen, wenn er merkt, dass die Kette weg ist!“ Arn nickte bedächtig. „Wir wollten ohnehin aufbrechen... komm...“ meinte er und zog sie weiter. Sie liefen den Weg zurück an den Stadtrand, in Richtung der Stallungen. Auf dem Weg dahin kamen sie an einem winzigen Lädchen, das vollgestopft war von Papierrollen, wenigen Büchern und wenigen Schreibwaren. Auch einige Karten waren zu finden und Arn nahm die Gelegenheit wahr, eine teure Landkarte zu erstehen. Diese führte zwar nur bis Aramad, doch für eine größere hätte er noch tiefer in die Tasche greifen müssen. In einer kleinen dunklen Seitengasse legte er ihr schließlich die Bernsteinkette an. „Danke...“ murmelte sie verlegen doch dankbar und eine leise Röte huschte über ihre Wangen und ihre Augen glänzten, und für einen kurzen Moment hatten sie ihre Wildheit verloren. Ob es an der Schwangerschaft lag, sie sie aufblühen ließ, oder ob sie einfach nur glücklich war, konnte sie nicht sagen, doch sie wirkte gelöst und zufrieden und war in diesem Moment schöner als je zuvor. Sie hatte mehr erreicht, als sie je erträumt hatte und war mehr als wunschlos glücklich. Und dies lag ganz alleine an Arn. Dafür hatte sie gerne das Opfer gebracht, ihre Heimat aufzugeben. Sie umfing ihn, und küsste ihn zärtlich. Sie schmeckte seine Lippen und seine Zunge. Sie drückte ihn gegen eine raue, abgehalfterte Häuserfassade und begann an seiner Hose zu zerren. Sie war in dem Moment so willig, dass sie sich hier in der dunklen Gasse wie eine Straßendirne bereitwillig von ihm nehmen lassen würde. Doch plötzlich klatschten dicke, schwere Tropfen vom Himmel und es begann sogleich heftig zu regnen. Das Knistern war dahin. „Scheiße!“ fluchte sie leise lachend und Arn zog seine Überschuhe aus seiner Tasche. Rahela tat es ihm gleich und holte auch gleich ihren Mantel heraus. Eilig schnürten sie die Überschuhe um ihre Stiefel. „Komm, es ist nicht mehr weit bis zu den Stallungen!“ meinte er und sie nickte. Sie nahm Thargôn von ihrer Schultern, hielt ihn in der Hand und schlug ihren Mantel über ihn und dann liefen sie durch die Straßen, die von der Regenflut bald aufgeweicht waren. Schmatzend versanken sie bald einige Zoll tief in der schlammigen Straße und Rahela musste zugeben, dass die Überschuhe keine schlechte Idee waren. Doch das sagte sie Arn nicht, er wusste es selbst. Nach einiger Zeit waren sie bei den Stallungen angekommen. Sie forderten ihr Pferd und der Stallknecht holte es aus seiner Box. Man hatte sich sichtlich gut um es gekümmert. Es war neu beschlagen worden und das Fell war gestriegelt und glänzte matt. Rahela verstaute ihre Tasche mit dem neu erworbenen Hab und Gut in der Satteltasche und fuhr dem Hengst sanft über den Hals. „He, Rhôak...“ meinte sie. Arn bezahlte den Stallburschen für den weiteren Tag und das neue Beschlagen und war weitere drei Heller los. Er brummte, doch darauf kam es nun wahrlich nicht mehr an. Zufrieden griff er sich schließlich an seine Wamstasche in welcher sich der Smaragd nebst Kette befand und seine Miene hellte sich wieder auf. Er stieg auf das Pferd und Rahela kletterte ebenfalls hinauf. Sie umfing ihn mit ihren Armen und als er mit der Zunge schnalzte und dem Hengst in die Flanke drückte, setzte es sich in Bewegung und sie verließen die Stadt durch die Tore. Nach einer Weile, die sie geritten waren, hörte es schließlich auf zu schütten und es nieselte nur noch leicht.
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » Do, 22. Nov 2012 18:29

Bildie zu erwarten, war Rahela natürlich nicht erbaut gewesen, dass Adraéyu die Kette gekauft hatte. Doch er ignorierte ihren Wortschwall, der schon mehr einer Tirade glich, als einem Schwall. Um sein Desinteresse für ihren Unmut zu bekunden begann er munter ein locker flockiges Lied von den Lippen zu flöten. Wenn Rahela richtig hinhören würde, dann würde sie die Melodie von »Die Jungfrau und der Bär«, erkennen und so pfiff er munter weiter, bis sie um die nächste Häuserecke bogen. Dann zog er triumphierend die gestohlene Kette aus dem Wams und hielt sie Rahela kurz unter die Nase, nur um sie dann wieder unter seinem Wams verschwinden zu lassen. »Du hast... wie hast du ... ich habe es überhaupt nicht bemerkt! Bei den Göttern! Der Schmied lässt uns aufknüpfen, wenn er merkt, dass die Kette weg ist!« Rahela schien sichtlich aufgebracht, doch Adraéyu ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Dazu müssen sie uns erst einmal erwischen. Darum würde ich auch vorschlagen, dass wir schnellstens zu unserem Pferd kommen.«

Auf dem Weg zu den Stallungen kamen sie bei einem kleinen Papiergeschäft vorbei und Adraéyu ließ es sich nicht nehmen. Obwohl sie es sehr eilig hatten, blieb Adraéyu vor der Tür verharrend stehen. »Warte. Ich brauche einige Pergamente. Und eine Karte wäre auch nicht schlecht.« Er zog seinen Geldbeutel aus der Bruche und öffnete ihn. Dann schüttete er sich den Inhalt der Münzen in die offene Handfläche und zählte die Münzen ab. Aus dem vielen Gold, welches sie sich verdient und ergaunert hatten, glänzte nicht mehr sehr viel aus dem noch viel wenigeren Silber hervor. Drei ganze Goldmünzen, fünf ganze und zwei halbe Heller, sowie sieben Kupfermünzen und ein einzelner Jetsu waren der ganze Reichtum den sie noch besaßen. Hinzu kam noch die Goldmünze, welche Adraéyu Rahela geschenkt hatte, damit sie sich davon kaufen konnte was immer sie wollte. »Allein der Geruch des Geldes sollte Diebe davor abschrecken es zu stehlen.«, flachste Rahela bissig und setzte ein schiefes und durchtriebenes Lächeln auf. Adraéyu warf ihr nur einen boshaften Blick zu und nahm den einen Jetsu aus dem Geldhaufen. »Geld stinkt nicht.«, maulte Adraéyu und warf ihr die schäbige Münze an den Kopf. Es musste noch eine jeder Münzen sein, welche er seit dem Überfall auf die Orksiedlung mit sich herumschleppte, und sie war rein gar nichts wert. Die Prägung war beinahe völlig heruntergekratzt. Der kleine Kupferpfennig prallte an ihrer Kapuze ab, welche sie sich schon über den Kopf gezogen hatte und landete in dem matschigen Lehmboden. Thargôn protestierte empört und weitete einige Male die Flügel. Dann sprang er in die Luft und umschwirrte Rahela ein Mal. Doch da es zu regnen begann, hatte er sich wieder auf Rahelas Schulter gesetzt und recht schnell die Flügel zusammen gefaltet. »Ach. Gib deinem Vogel lieber mal eine dieser komischen Nüsse.«, maulte Adraéyu und betrat den Laden.

Kaum waren sie in den Laden getreten, da quoll ihnen schon der Geruch von Leim, Papier und Büchern entgegen. Adraéyu atmete tief ein. »Aah. Diesen Geruch habe ich schon ein wenig vermisst, oben in den wilden Landen.« Rahela schien ihn nur ein wenig liebäugelnd anzusehen, doch äußerte sich nicht weiter dazu. »Ihr seid aus den wilden Landen?«, erschallte eine Stimme aus den Bücherbergen. »Nein. Aber mein Weib hier.«, antwortete Adraéyu fröhlich und warf Rahela einen kleinen verstohlenen Blick zu. Er hoffte der Händler würde, wie all die anderen auch, Rahelas Herkunft zum Anlass nehmen, um die Preise ein wenig anzuheben. Dies würde den Raum für Verhandlungen erleichtern, wenn Adraéyu dem Händler vor den Kopf stoßen konnte wenn dieser erkennen würde, dass sie keine ungebildeten Wilden aus den wilden Landen vor sich hatten. Papier und Pergament war nicht billig. Darum hütete Adraéyu das wenige, das er hatte, auch wie seinen Augapfel. Doch seine Pläne wurden jäh zerstört, als der Buchhändler schließlich zwischen zwei Bücherregalen hervortrat. Er war alt und hatte schon weiße Haare. Doch seine Herkunft konnte er nicht verbergen. Er war unverkennbar ein Mann der wilden Lande. Er hob die Hand zum Gruß, wie es in den wilden Landen üblich war, und Rahela erwiderte diesen Gruß mit einem überraschten Lächeln auf dem Gesicht. Adraéyu grüßte den Mann ebenfalls, aber weniger aus Respekt oder Freude, sondern einfach nur, um nicht allzu unhöflich zu sein. Im Innern begann er bereits zu grummeln. Er würde das Papier wohl nur zum vollen Preis bekommen, auch wenn dieser Händler sicherlich ehrliche Preise haben würde. »Aus welchem Clan stammst du?«, fragte der Händler, der sofort von dem distanzierten Gehabe der Nordlande abließ und in den vertrauteren Umgangston der wilden Lande überging. »Aus dem Faernach-Clan.«, antwortete Rahela und der Mann seufzte. »Ah, Faernach. Ist Taru noch Ruka tu Nemia Faernach?«, fragte der Alte hoffnungsvoll, doch Rahela schüttelte den Kopf. »Nein, Benwick, sein Sohn.« »Benwick, der Bär?« Der alte Buchhändler lachte glucksig. »Woher stammst du?«, fragte nun Rahela ihrerseits. »Aus dem Maegar-Clan.« Der Alte legte sich sogleich die Faust auf die Brust, über dem Herzen, und blickte Rahela tief in die Augen. »Was führt euch in meinen bescheidenen Laden?«, fragte der Buchhändler und Rahela nickte zu Adraéyu. »Mein Chéol …«, bei diesen Worten blickte sie Adraéyu vielsagend an, doch dieser erwiderte ihren Blick nur mit Verwirrung. Er kannte dieses Wort nicht. Doch er wollte sich vor dem Bücherwurm Wildling nicht die Blöße geben und nahm sich vor sie später danach zu fragen. »… braucht Pergament. Und wir brauchen vielleicht eine Karte.« Die Miene des Händlers hellte sich sogleich auf. »Chéol?«, fragte er und sah zuerst Rahela, und dann Adraéyu einige Zeit an. »Er ist nicht aus den wilden Landen.« In seiner Stimme lag mehr Verwunderung, als ein Vorwurf. »Ja, und doch ist es so.« Rahelas Worte ließen keine weitere Diskussion zu.

Adraéyu räusperte sich und der Händler wandte sich ihm zu. »Ja, eine Karte habe ich. Allerdings nur von dem südlichen Córalay, bis zum Chabur.« Adraéyu besah die Karte und nickte zufrieden. »Sie wird reichen. Was kostet sie?« Der Händler rieb seinen Zeigefinger und seinen Daumen der linken Hand aneinander und hielt diese Geste Adraéyu vor das Gesicht. »Für euch, nur zwei Heller.« Adraéyu musste sich sehr zusammenreißen, nicht zu husten. Zwei Heller? Doch er zog eine der Goldmünzen murrend aus dem Beutel. Er hatte kaum noch einzelne Heller, und wollte nicht bei einem windigen Händler stehen müssen, nur mit Gold und ohne Silber in der Tasche. Das würde jedes Handeln zum Scheitern verurteilen. »Dafür erwarte ich mir aber zwei zusätzliche Bögen Pergament.«, verlangte Adraéyu und hielt dem Händler die Münze hin. Dieser nickte zustimmend. »Einverstanden.« Als der Händler die Goldmünze zwischen die Zähne schob, um darauf zu beißen, blickte Adraéyu ihn finster an. »Vertraust du uns nicht?«, blaffte er den Händler ungehalten an und baute sich ein wenig größer auf, als er war. Der Händler sah Adraéyu verdutzt an, und dann ein wenig verlegen zu Rahela. »Verzeiht. Es ist eine alte Angewohnheit.« Mit diesen Worten trollte sich der Händler zu seiner Kasse und Adraéyu grinste belustigt. Doch kaum hatte der Händler ihnen wieder den Blick zugewandt, setzte er erneut seinen säuerlichen und gekünstelt beleidigten Blick auf. »Hier. Die Karte, fünf Bogen Pergament, und euer Wechselgeld.«, Adraéyu öffnete die Hand und er Buchhändler legte die silbernen Münzen in die offene Hand. Sogleich zählte Adraéyu die Münzen ab, und nun war es der Händler, welcher sich brüskiert fühlte. »Vertraust du mir nicht?«, sagte er beleidigt, doch wirkte seine Empörung nicht sehr glaubwürdig für Adraéyu. »Nein.«, antwortete er nur und nun war der Händler sichtlich beleidigt und wandte sich von Adraéyu ab. Adraéyu zählte fünf Heller und sichtlich zufrieden ließ er die Münzen in den Münzbeutel rutschen. Kurz darauf schnürte er den Beutel zusammen und stopfte ihn sich wieder in die Bruche. Dann nahm er seine Rolle vom Rücken, öffnete den komplizierten Verschluss, und rollte die Pergamente zusammen um sie in der Rolle zu verstauen. Als dies erledigt war, schnallte er sich die Rolle wieder, neben den Pfeilköcher, welcher der Rolle sehr ähnlich sah, auf den Rücken.

»Einen schönen Tag noch.«, wünschte Rahela dem Buchhändler, als sie sich zum Gehen anschickten. »Wartet.«, rief der Händler noch und eilte in den hinteren Teil des Geschäfts. Kurz darauf kam er mit einem seltsamen, weißen Ding in der Hand zurück. Es glich beinahe einer Münze, nur schien sie aus Knochen oder Elfenbein zu sein. »Ich habe hier einen Runenstein für dich.», sagte der Alte und verbeugte sich leicht. Rahela sah ihn nur verwirrt an, da sie wohl nicht verstand, warum er ihr das schenken wollte. »Auf der einen Seite ist die Rune der göttlichen Weisheit und auf der anderen Seite die Rune des weltlichen Wissens eingeschnitzt.« Die Runen waren sehr filigran in den Knochen geschnitzt worden, und eine wunderschöne, verschnörkelte Runeninschrift war auf den schmalen Rand der Knochenscheibe eingearbeitet. Ein wahrliches Meisterwerk, und in den wilden Landen zweifellos von unbezahlbarem ideellen Wert. Die Runen selber waren auch reich verziert, und es war beinahe zu schade, sie einfach zu den anderen Runen in den Runenbeutel zu werfen. Rahela neigte dankend ihren Kopf und nahm die kleine, knöcherne Scheibe entgegen. »Warum schenkst du mir diesen schönen Runenstein?«, fragte Rahela neugierig. »Sie soll deine Gebete mit Weisheit und Wissen erfüllen, Neeskia.» Bei diesen Worten verbeugte sich der Alte ehrerbietend, während Rahela nur ungläubig und völlig überrascht dreinblickte. »Woher wusstest du es?«, fragte Rahela und sah an sich herab, als ob es ihr auf den Leib geschrieben stand. »Ich habe deine Arme gesehen. Die Schamanin unseres Clans hatte eben solche Schnitte wie du, von all den Blutriten für die Götter.« Er schenkte ihr ein demütiges Lächeln und Rahela sah ihn mit einem neuen Ausdruck an …

Nun hatte Adraéyu aber genug von den Ehrerbietungen und schnappte Rahela sanft am Oberarm, um sie aus dem Geschäft zu ziehen. »Gehab dich wohl, Herr der Bücher.«, rief Adraéyu dem Händler zu, und trat aus dem Laden vor die Tür.

Kaum waren sie draußen, da begann es auch schon langsam zu tröpfeln. Adraéyu und Rahela retteten sich in eine schmale, schattige Gasse um sich die Überschuhe anzulegen. Die Wände standen so nah beieinander, dass der Boden noch nicht so sehr aufgeweicht war, wie direkt auf der großen Straße, vor dem Laden. Als sie sich die Schuhe angelegt hatten ließ Adraéyu es sich nicht nehmen, Rahela auch sogleich die Bernsteinkette anzulegen. »Nun trägst du einen Teil von mir stets bei deinem Herzen.« Er hüstelte, als er sich gewahr wurde, wie kitschig diese Worte geklungen haben mussten. »Naja, du weißt schon. Weil dein Bernstein beim Herzen, mein Bernstein im Auge.« Rahela nickte und legte ihm den Finger auf den Mund. »Ich habe es verstanden.» Sie lächelte ihn an, und kurz darauf küssten sie sich innig und fordernd. Und sie wurde immer fordernder. Sie drückte ihn gegen die raue Häuserwand und ihre Hände glitten immer wieder suchend über seinen Hosenbund. Er war so lustvoll erregt, dass sich sein Gemächt nicht lange bitten ließ. Er wollte sie. Hier und jetzt, in dieser dunklen Gasse. Ganz gleich ob sie erwischt werden würden. Doch da riss der Himmel über ihnen auf. Ein regelrechter Wolkenbruch! Dicke, schwere Tropfen klatschten ihnen auf die Stirn und auf die Gewänder und sie lösten sich hastig von einander, um sich in die schützenden Umhänge aus Loden und Wolle zu wickeln. Es war zwar kein kühler Frühling mehr, sondern beginnender Sommer, doch das Wasser perlte an der gewirkten Wolle ab und sie blieben trocken. Und das Regenwasser war kühl. Es kühlte die Luft schnell ab, und machte es erträglicher den Umhang so dicht am Körper zu tragen. »Schnell! Zu den Stallungen, bevor die ganze Straße im Matsch versinkt!«, rief Adraéyu und nahm Rahela bei der Hand, während er umständlich versuchte die Laute auf den Schultern zu halten.

Als Rahela sich dem Pferd näherte, und die Zügel vom Stallburschen entgegen nahm, tätschelte sie ihm die Stirn. »He, Rhôak.«, begrüßte sie das Pferd. »Ich kann mich für den Namen irgendwie nicht erwähnen.«, meinte Adraéyu stirnrunzelnd. Der Stallbursche verlangte drei weitere Heller. Sie hatten das Pferd neu beschlagen, doch Adraéyu sah den Verlust der Münzen nicht allzu tragisch. Das Pferd musste beschlagen werden, sonst würde es irgendwann lahmen, und als er prüfend auf sein Wams griff, und darunter die dicke Goldkette ertastete zauberte diese ihm ein wohliges Lächeln auf die Wangen. »Acht Goldstücke.«, murmelte er nur. Acht Goldstücke war sie wert. Er würde sie sicherlich für sechs ganze Goldmünzen verkaufen können! Das genügte ihm, und er gab dem Stallburschen seine verdammten drei Heller ohne ein Wort des Aufbegehrens.

Als sie, unter prasselndem Regen, die Stadttore schließlich hinter sich gelassen hatten, und sie durch den Regen eher schweigend hindurch geritten waren, räusperte sich Adraéyu irgendwann. Der Regen ließ langsam nach, und ging von einem Prasseln zu einem Nieseln über. »Sag, Du hast mich dem Händler mit einem Wort vorgestellt, das ich nicht kenne.« »Chéol?«, fragte Rahela und sie lächelte, dass man kurz ihre Zähne sehen konnte. »Ja, was bedeutet das?«, fragte Adraéyu.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:43, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Rahela » Fr, 23. Nov 2012 12:38

Bildahela schmunzelte, als Arn sie als sein Weib vorstellte. Sie war sich nicht sicher, wie er das gemeint hatte. Für ihre Begriffe, also nach Definition der wilden Lande, war die Sache klar. Jeder Mann, der eine Frau als sein Weib titulierte, bekannte sich zu ihr, dass diese zusammengehörten. Doch Arn war kein Mensch der wilden Lande, vielleicht meinte er es anders. Und doch tat ihr Herz einen kleinen Sprung als sie diese Worte vernommen hatte. Der Händler trat zu ihnen nach vorne und überrascht musste sie feststellen, dass er ebenfalls aus den wilden Landen stammte. Sofort änderte sich sein Umgangston in den vertrauten, herzlichen, wie man ihn in den Clans pflegte, wo alle irgendwie eine große Familie waren, auch wenn jeder streng in seiner Sippe lebte und sich auch nicht scheute, bei Ärger mit einer anderen Sippe eine Fehde zu beginnen. „Aus welchem Clan stammst Du?“ wandte er sich an Rahela. „Aus dem Faernach Clan“ sagte sie und ihr Herz ward schwer bei diesen Worten. Sie vermisste den Faernach Clan und sie vermisste die wilden Lande. „Ah, Faernach. Ist Taru noch Ruka tu Nemia Faernach?“, fragte der Alte, doch Rahela schüttelte den Kopf. „Nein, Benwick, sein Sohn.“ „Benwick, der Bär?“ lachte der Alte. „Ebendieser. Er ist ein großartiger Fürst, es kann keinen Besseren geben. Obwohl ich gestehen muss, dass meine Erinnerungen an Taru sehr verblasst sind... Und woher stammst Du?“ erkundigte sie sich. „Aus dem Maegar Clan“ meinte dieser. „Die Bewacher der wilden Lande...“ lächelte sie, mit nicht wenig Stolz. Er nickte und führte seine Hand an die Brust. „Doch was treibt einen Mensch aus den wilden Landen in die Nordreiche, um sich als Händler zu verdingen?“ fragte Rahela neugierig. Der Alte winkte ab „Eine unselige Geschichte, die ich lieber nicht erläutern möchte, verzeih...“ Rahela nickte verstehend. Es ging sie ja auch nichts an. „Aber was treibt Euch in meinen bescheidenen Laden?“ erkundigte er sich. „Mein Chéol...“ damit deutete sie auf Arn und lächelte ihn vielsagend an „...möchte Pergament erstehen. Und wir werden auch eine Karte brauchen.“ Arn sah sie fragend an, doch er sagte nichts. Dafür der Händler. „Chéol?“ fragte er und blickte zu Arn. „Doch er stammt nicht aus den wilden Landen.“ „Ja, und doch ist es so.“ meinte Rahela mit Bestimmtheit, die keine Widerworte duldete. Es ging ihn schließlich genauso wenig etwas an, wie sie nicht erfahren sollte, weswegen er hier in Córalay saß anstatt in den wilden Landen. Arn indes erkundigte sich nach der Karte und bekam auch eine, die sie brauchen konnten. Arn bezahlte den Mann mit einer Goldmünze und als der Alte darauf biss, um zu prüfen ob sie echt war, blaffte Arn ihn an. „Vertraust Du uns nicht?“ Rahela spürte wie sie errötete. Manchmal war er einfach nur peinlich. „Verzeiht, eine alte Angewohnheit von mir“ meinte er entschuldigend. Rahela winkte ab „Er hat das nicht so gemeint...“ und warf Arn einen vernichtenden Blick zu. Der Alte schlurfte nach hinten zu seiner Geldkassette und kramte Wechselgeld heraus. Er legte es Arn in die Hand und dieser zählte akribisch nach. „Vertraust Du mir nicht?“ Es war nun an ihm, sich brüskiert zu fühlen. „Nein“ meinte Arn kurz und knapp, beinahe unverschämt. Rahela sagte nichts. Arn rollte die erstandenen Pergamentrollen zusammen und schob sie in seine Papierrolle. Rahela schämte sich für Arn und wollte nur noch gehen. „Einen schönen Tag noch“ meinte sie und hob erneut die Hand zum Gruße. Als sie im Begriff waren zu gehen, hielt er sie zurück. „Wartet!“ meinte er und lief für einen Moment nach hinten. Zurück kam er mit einer geschnitzten Knochenscheibe. „Ich habe hier einen Runenstein für dich“ meinte er und ließ ihn in Rahelas Hand fallen. „Auf der einen Seite ist die Rune der göttlichen Weisheit und auf der anderen Seite die Rune des weltlichen Wissens eingeschnitzt.“ Rahela war überrascht und drehte die kunstvoll geschnitzte Scheibe in ihren Händen um sie zu betrachten. „Vielen Dank! Warum schenkst du mir diesen schönen Runenstein?“ fragte sie verwirrt. „Er soll deine Gebete mit Weisheit und Wissen erfüllen, Neeskia...“ meinte er und verbeugte sich demutsvoll vor ihr. Rahela war völlig überrascht. „Woher weißt Du das?“ fragte sie nach. „Ich habe deine Arme gesehen. Die Schamanin unseres Clans hatte eben solche Schnitte wie du, von all den Blutriten für die Götter.“ Sie nickte verstehend. Sie stellte ihre Tasche, die sie, bereits zum gehen bereit, auf den Schultern trug, wieder auf den Boden ab und hockte sich hin. Sie kramte in der Tasche und holte ihren Ritualdolch hervor, der sich ganz unten am Boden der Tasche befand. Vorsorglich, damit ihn ihr niemand aus der Tasche ziehen konnte, dafür war er viel zu wertvoll... Sie schnitt sich ein klein wenig am Handgelenk auf, tippte mit dem Finger in das Blut und trat an den Buchhändler heran. Sie malte mit dem Blut ein Zeichen auf seine Stirn und murmelte dabei einige Worte, die niemand der Anwesenden verstehen konnte. Dann sah sie ihn an und meinte "Mögen die Götter Dir ein langes schicksalstuch weben. Und mögest Du immer gute Geschäfte machen..." Er nickte demutsvoll und bedankte sich tausendmal und überschwenglich. Dann schnappte Arn sie einfach am Oberarm und zog sie aus dem Laden. „Gehab Dich wohl, Herr der Bücher!“ rief er noch und dann standen sie wieder auf der Straße.


Sie liefen weiter und kamen durch ein dunkles kleines Gässchen. „Du hast Dich unmöglich benommen!“ schimpfte Rahela ein wenig sauer und baute sich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt. „Du warst so herablassend und unverschämt... das war ein Mann von meinem Volk, und Du hast ihn derart brüskiert!“ blitzte sie ihn böse an. Doch Arn erwiderte nichts darauf, sondern trat von hinten an sie heran und legte ihr die Bernsteinkette um den Hals und schloss den Verschluss. Sie legte ihre Hand auf den Anhänger. „Nun trägst du einen Teil von mir stets bei deinem Herzen“ meinte er und räusperte sich. „Naja, du weißt schon. Weil Dein Bernstein beim Herzen, mein Bernstein im Auge“ verhedderte er sich in unsinnigen Erklärungen. Rahela wandte sich zu ihm um. „Ich habe es verstanden...“ lächelte sie, während sie ihm ihre Finger auf den Mund legte und all ihr Groll gegen ihn war vergessen. Sie küssten sich innig und fordernd. Doch plötzlich schien es als öffnete der Himmel seine Schleusen, denn es begann heftig zu schütten. Rahela fluchte innerlich zu den Etáín und sie begannen zu den Stallungen zu laufen.


Als sie aus der Stadt ritten, fragte er sie „Sag, Du hast mich dem Händler mit einem Wort vorgestellt, das ich nicht kenne?“ Rahela wusste, was er meinte. „Chéol?“ „Ja, was bedeutet das?“ fragte Arn. Rahela errötete und sie war froh, dass er es nicht sehen konnte. „Das ist ein wenig schwer zu erklären...“ begann sie. „Also es bezeichnet einen Mann... einen Mann mit dem man zusammen ist. Aber auch wieder nicht... also schon zusammen, aber man hat keinen Bund mit ihm geschlossen, vor dem Clan. Und dennoch ist auch keine oberflächliche Liebelei, sondern von einem Chéol hat man meist ein Kind empfangen... Und ein Kind zu bekommen, hat in den wilden Landen immer eine Bedeutung. Darum ist auch der Beltane doch nicht so bedeutungslos... Vielleicht könnte man es als wilde Ehe bezeichnen... was aber nichts mit den wilden Landen zu tun hat, nur weil sie als wild bezeichnet wird...“ Sie seufzte. Sie war nicht gut darin, manche Dinge zu erklären. „Für so etwas habt ihr eine eigene Bezeichnung?“ hakte er nach. „Ja, denn in den wilden Landen zählt nicht unbedingt nur der Bund, sondern viel mehr, was zwei Menschen füreinander empfinden, wie sie damit umgehen und was daraus entspringt. Es gibt so viele Ehen die geschlossen wurden, ohne dass es einer von beiden wollte, meistens die Frau... und diese Ehen sind meist unglücklich, oder es passiert auch, dass sie keine Kinder bekommen können. Bei meinem Vetter traf dies zu...“ meinte sie leise. „Und wenn so etwas passiert, wie bei uns, dann gibt es eben dafür auch eine Bezeichnung.“ Sie umfing ihn ein wenig fester. „Du bist mein Charaid, und Du bist mein Chéol...“ „Was hat es für Dich zu bedeuten, wenn Du ‚mein Weib‘ sagst?“ fragte sie. Sie schwiegen eine Weile, während sie so dahin ritten. Dann raunte Rahela in Arns Ohr „Du kannst Dich also nicht für den Namen des Pferdes erwärmen? Wir können uns gerne einen anderen Namen für es überlegen, wenn dir Rhôak nicht gefällt...“ Sie dachte einen Moment nach, doch es wollte ihr kein Name einfallen. Sie ließ ihre Gedanken schweifen und plötzlich glitten ihre Gedanken zu dem unsäglichen Abend, als sie mit Arn gebadet hatte und sich dann die schwarze Seele offenbart hatte. Du und Adraéyu, ihr seid schwach... „Adraéyu...“ murmelte sie nachdenklich...
Sie ist eine Frau! Und alle Frauen sind böse...!

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Re: Windherz & Rabenseele

Beitrag von Adraéyu » So, 25. Nov 2012 0:04

Bildnzählige, dünne Regenfäden spannten sich vom Himmel bis hinab zur Erde. Gleich seidenen Spinnenfäden, welche versuchten den Himmel und die Erde mit einander zu verbinden. Der große Platzregen war schon vorbei, doch der noch andauernde Nieselregen, tränkte die Wollmäntel der beiden Reiter, die gemeinsam auf einem Pferd saßen. Das Fell des Pferdes war bereits an jeder Stelle des Körpers durchnässt. Es musste dringend unter einem Unterstand und trockengerieben werden. Das Leder der Taschen und Satteltaschen glänzte von dem ganzen Wasser. Adraéyu war sich nicht sicher, ob die Satteltaschen gut genug eingefettet worden waren, hier und da hatten sich schon recht dunkle Flecken auf dem Leder gebildet. Seine beiden Rollen, jene in welcher die Pfeile verwahrt waren, und auch jene, in welcher seine gesamten Pergamente und Papier eingerollt waren, hatte er über viele Jahre hinweg akribisch eingefettet. Sie baumelten von der linken Satteltasche und nach jedem Schritt, den das Pferd tat, flogen einige dicke Wassertropfen von den Rollen herunter. Das Wasser perlte nur so von ihnen ab, doch selbst sie glänzten von all dem Wasser. Adraéyu hatte sein gesamtes Hab und Gut irgendwie in den Satteltaschen oder am Sattel selbst befestigt, damit Rahela richtig und ungehindert hinter ihm sitzen konnte. Er fühlte sich beinahe nackt, ohne etwas am Rücken hängen zu haben. Selbst in den wilden Landen baumelte immer der Lautenkasten auf seinem Rücken, oder der Köcher mit den Pfeilen, welchen er aber stets unter seinem Umhang verborgen getragen hatte. Der Langbogen war eine Waffe der Feigheit. Eine Elfenwaffe. Er hatte stets darauf geachtet, dass er in den wilden Landen nicht allzu offen damit herumspaziert war, denn er hatte keine unangenehmen Fragen aufwerfen wollen. Und es war ihm eigentlich recht gut gelungen, die Waffe verborgen zu halten.

Adraéyu saß schweigend auf dem Pferd und hielt die Zügel. Seine Laute hatte er an dem Sattel befestigt, und Rahela saß hinter ihm und umfing ihn mit beiden Armen. Auch sein Langbogen, welcher für unwissende Augen eher wie ein Wanderstab aussah, war an dem Sattel befestigt. Eigentlich trugt er nur sein Langmesser und die kleine Ledertasche am Gürtel. Und natürlich den Geldbeutel, den er inzwischen nicht mehr in der Bruche verborgen stecken hatte. Dieser hing an einem langen Lederband um seinen Hals. Bei hastigen Bewegungen klimperte stets eine der Münzen in dem Beutel. Wenn das Pferd einen Satz machte, oder in eine schnellere Gangart überging. Was es aber seit geraumer Zeit nicht mehr getan hatte. Vielmehr trottete da Tier in einem gemächlichen Trab dahin. Die frisch beschlagenen Hufe des Pferdes versanken bei jedem Schritt beinahe bis zur Hälfte im aufgeweichten Matsch. Selbst auf der überschwemmten Wiese, wo jeder Schritt dutzende Tropfen aus den nass getränkten Halmen stieben ließ, kam das Pferd nur schwerfällig voran. Und da weit und breit weder ein Haus, noch ein trockener Unterstand zu sehen, war hatte es weder das Pferd, noch Adraéyu, welcher das Pferd führte sonderlich eilig. Nass waren sie ohnehin schon, und noch viel nasser konnten sie kaum werden. Sie hätten zum Waldesrand reiten können, und dort unter den Bäumen, und vor dem Regen, Schutz suchen können. Doch waren sie bereits ziemlich nass gewesen, als sie die Stadt gerade erst verlassen hatten. Es wäre ein sinnloses Unterfangen gewesen und hätte sie nur unnötig Zeit gekostet.

Daher ritten sie, eher schweigsam, durch den Regen und hofften er würde bald ein Ende finden. Sie konnten dann noch immer in den Wald reiten um halbwegs trockenes Feuerholz zu finden, um die nassen Glieder, und auch die nassen Gewänder trocknen zu können. Doch es hörte und hörte nicht auf. Zeitweise stachen die dünnen Fäden wie Myriaden Nadelstiche im Gesicht, und Adraéyu musste die Kapuze tiefer ins Gesicht ziehen, um den Regenfäden zu entgehen.

Er dachte über Rahelas Worte nach. Dass er ihr Chéol war, und was dieses Wort in Wahrheit bedeutete. Er erinnerte sich an die Reaktion des Händlers, und er fragte sich, was dieses Wort wohl zu bedeuten hatte, wenn der Mann so reagierte. Rahela hatte seinen Einwand ja recht bestimmend abgewürgt. Schließlich hatte Adraéyu die Stimme erhoben gehabt, um Rahela nach der Bedeutung des Wortes zu fragen. Und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hatte sie ihn aufgeklärt. Mehr oder weniger. Doch er hatte verstanden, was das Wort bedeutete. »… vielleicht könnte man es als wilde Ehe bezeichnen …« Adraéyu musste grinsen, ob dieser Worte. Wilde Ehe. »Für so etwas habt ihr eine eigene Bezeichnung?«, fragte er, und beinahe zeitgleich warf Rahela noch einen Einwand dazwischen, bevor seine Frage zu Ende gestellt hatte. »… was aber nichts mit den wilden Landen zu tun hat, nur weil es wilde Ehe heißt.« Rahela seufzte niedergeschlagen. »Ich kenne den Ausdruck wilde Ehe.«, begann Adraéyu und wandte den Kopf so gut es ging zur Seite, um Rahela das Gefühl zu vermitteln, dass er mit ihr sprach. »In manchen Teilen der südlichen Nordreiche nennt man es nicht wilde Ehe, sondern Konkubinat.« Rahela sah ihn stirnrunzelnd an. »Konkubinat?«, hakte sie fragend nach und Adraéyu drehte sich noch weiter auf dem Sattel um, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Doch an ihrem Gesichtsausdruck erkannte er, dass sie mit dem Wort nichts anfangen konnte. »Eine Konkubine … ist eine Art Mätresse.« Wieder sah Rahela ihn fragend an und er seufzte. »Oft bürgerliche Frauen, die mit höhergestellten oder gar adeligen Männern verkehren. Im wahrsten Sinne des Wortes.« Adraéyu legte ein verdorbenes Grinsen auf und lächelte Rahela wissend an. »Also Dirnen?«, schlussfolgerte Rahela und Adraéyu nickte. »Ja, so in der Art. Es wird in jenen Regionen Konkubinat genannt, da es verpönt ist im gemeinsamen Haushalt zu leben, ohne sich das Ehegelöbnis gegeben zu haben.« Rahela runzelte die Stirn. Wahrscheinlich dachte sie wieder über die seltsamen Sitten der südlichen Nordmenschen nach, die so ganz anders waren, als die Menschen in den wilden Landen. Sie erzählte, wieso es in den wilden Landen so viele verschiedene Bezeichnungen gab. Scheinbar hatte man für jede Art der Beziehung ein eigenes Wort. Was Adraéyu, wenn er so darüber nachdachte, äußerst praktisch vorkam. So musste man sich nicht stets in peinlichen Erklärungsnöten verstricken, immerhin gab es ja ein Wort, was die ganzen Erklärungen überflüssig machte. Er schenkte den Menschen der wilden Lande in jenem Augenblick ein stilles Kopfnicken der Anerkennung für diese gefinkelte Weisheit. Adraéyu dachte für einen Moment nach, doch kam er nicht umhin diese Frage zu stellen. »Wenn ich dein Chéol bin, was bist dann du in der Sprache der wilden Lande? Weil Konkubine werd' ich dich kaum nennen dürfen.« Er grinste sie herausfordernd an.

Als Rahela schließlich in ihren Ausführungen geendet hatte, rutschte sie ein wenig näher an ihn heran. Sie umfing Adraéyu ein wenig fester, und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Es tat gut, sie so nah bei sich zu wissen. Doch war ihr sein Umhang wohl zu feucht, und sie verharrte nicht allzu lange mit ihrem Kopf auf jener Stelle. »Du bist mein Charaid, und auch mein Chéol.« ›Ihr wilder Gatte.‹, schoss es Adraéyu durch den Kopf. Ja, das entsprach wohl eindeutig den Tatsachen. Sie waren zusammen. Auf ihre eigentümliche und seltsame Weise. »Was hat es für dich zu bedeuten, wenn Du ›mein Weib‹ sagst?«, fragte Rahela anschließend und Adraéyu fühlte ihren warmen Atem im Nacken. »Was glaubst du denn, was es bedeutet?«, hakte er nach. Ja sie war sein Weib, und sie war guter Hoffnung, sofern man das so nennen wollte. Und hatte er ihr nicht unlängst eine Kette mit einem großen Anhänger aus Bernstein geschenkt? Ein Bernstein, dessen Farbe so sehr seinem verlorenen Auge glich? Was mochte sie wohl aus dieser Geste gedeutet haben? Er hatte es ihr eigentlich ziemlich gedankenlos geschenkt. Einfach weil er es als eine nette Geste empfunden hatte, und weil er die Kette im Grunde ja nur gekauft hatte, um während der Händler sie Rahela anlegte, die weitaus wertvollere Kette zu stehlen. Wieder griff sich Adraéyu an sein Wams und befühlte die Kette, welche er sich um den Hals gelegt hatte. Er trug sie nicht mehr in der kleinen Wamstasche, denn er fürchtete, die wertvolle Kette zu verlieren.

Doch was musste Rahela wohl gefühlt haben, als er ihr die Kette umgehängt hatte? Und er hatte ihr noch nie gesagt, was er eigentlich für sie empfand. »Ich …«, begann Adraéyu, doch verschluckte er die restlichen Worte. Da war er so ein wortgewandter Barde. Ein Skalde, in der Sprache der wilden Lande. Und er konnte die Menge mit seinen Worten begeistern und in fremde Welten entführen, und da saß er auf dem Pferd, unter dem stetigen, nieselnden Regen, und brachte diese einfachen Worte nicht hervor. Er schalt sich einen Idioten. Und in jenem Moment war er froh, dass Rahela das Thema wechselte. »Du kannst dich also nicht für den Namen des Pferdes erwärmen?«, raunte sie ihm ins Ohr und er nickte geistesabwesend. »Wir können uns gerne einen anderen Namen überlegen, wenn dir Rhôak nicht gefällt …« Sie schien für einen Moment darüber nachzudenken, bis sie schließlich seinen wahren Namen murmelte. »Adraéyu.«

Er fiel aus allen Wolken. Hatte er sich da verhört? Woher kannte sie seinen Namen? »Was hast du da gesagt?«, fragte er ungläubig. »Adraéyu, gefällt dir der Name?«, fragte Rahela und ihre Hände glitten langsam von seiner Hüfte, wie sie ihn die ganze Zeit umklammert hatte, langsam zum Bund seiner Hose. Als ob sie auf diese Weise ihm den Namen schmackhaft machen wollte. Sie nestelten an dem Gürtel lockerte ihn ein wenig um sanft eine der Hände unter die Bruche gleiten zu lassen, um sein Gemächt zu streicheln. »Woher hast du diesen Namen? Wer hat ihn dir gesagt?«, murmelte Adraéyu verwirrt und entgeistert. Er hatte ihn ihr nie genannt. Er wurde jäh in seinen Gedanken eingeholt und er fühlte sich, als ob ihm eine große, unsichtbare Hand an den Füßen nach unten zerrte. Sie hielt in ihren Berührungen inne und zog verunsichert die Hand wieder aus seiner Hose. »Gefällt er dir nicht?« Adraéyu lachte ob dieser Worte. Es war wohl mehr ein Lachen der Verzweiflung oder des Hohns, als ein richtiges Lachen. Konnte er ihr die Wahrheit sagen? Was würde sie machen, wenn sie erfahren würde, dass sie seinen richtigen Namen gar nicht kannte. Er hatte sich ihr zwar nie vorgestellt, denn das hatten andere für ihn übernommen, doch würde es für sich zweifellos dennoch seltsam sein. »Na der sollte mir ja wohl gefallen.«, Rahela sah ihn verwirrt an doch Adraéyu schüttelte nur den Kopf und schloss daraufhin die Augen. Seine Lippen suchten die ihren und er verrenkte sich sehr umständlich auf dem Pferd, um ihr einen Kuss zu geben. Zugleich ließ er die linke Hand von den Zügeln los, um damit nach Rahelas linker Hand zu tasten.
Zuletzt geändert von Adraéyu am Do, 29. Aug 2013 4:44, insgesamt 2-mal geändert.
In den Weiden werden uns're Träume klingen,
und die Winde werden uns're Lieder singen.
Lasst uns mit den Funken übers Feuer springen,

in der Walpurgis Nacht.

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