Wo die Wege sich kreuzen...

Das südwestlichste Land Alvaranias.
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Aveyn
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Do, 16. Jan 2014 18:24

Aveyn biss sich auf die Lippe. Hatte sie Varo verletzt? Weshalb war er so ruhig? Die Sache mit dem Geruch, das hatte er doch mit angefangen nicht sie. „Hey, war nur Spaß.“, beeilte sie sich zu sagen. „Selbst schuld, wenn du davon anfängst.“ Sie lachte wieder, etwas gezwungen dieses Mal, um die Situation aufzulockern. Vey hasste diese Momente, in denen Stille herrschte, weil keiner so richtig wusste, was zu sagen war. Sie schielte zu Varo. Er blickte an ihr vorbei in den Dschungel, in Gedanken scheinbar schon wieder ganz woanders. Es war schon komisch, dass sie, die kleine, muntere und ständig erzählende Katzenelfe und Varo, ein großer, sehr schweigsamer Tigún zueinander gefunden hatten und trotz ihrer verschiedenen Persönlichkeiten miteinander auskamen.
„Wusstest du, dass Tigún von den Katzenelfen abstammen sollen?“, fragte Vey in die Stille hinein. „Ja“, fuhr sie fort, „Meine Amme hat mir einmal erzählt, dass es ursprünglich Menschen und Taurrin waren, deren Kinder die ersten deiner Art werden sollten. Eben diese steckten sich mit dem Virus der Wolfsmenschen an und erschufen so eine neue Rasse. Aber so ganz habe ich ihr nicht geglaubt. Ich meine, es ist schwer vorstellbar, dass aus einer halben Taurrin“ Das Mädchen schaute an sich herunter, auf ihre Größe anspielend, „nur durch einen Biss, irgendwann zu, nun ja, dir wird.“ Sie lächelte, dann als sie dachte, dass das Ganze vielleicht etwas verwirrend gewesen war, hängte sie noch ein: „Du weißt, was ich meine, oder?“ hinten dran.

„N…natürlich, tut mir Leid.“, stammelte Vey. Sie war nicht direkt sauer oder enttäuscht, dass Varo nicht mehr über sich verraten wollte, sondern eher traurig. Gerade hatte sie es geschafft, ihn zum Reden zu bringen, etwas über sich zu erzählen. Und jetzt verschloss er sich wieder vor ihr und sie konnte nichts dagegen tun. Vielleicht ein andermal. „Ruh dich nur aus.“
Was war ihm wohl passiert?, fragte sich Vey. Schön konnte es nicht gewesen sein, sonst hätte er es ja gesagt. Aber was war so schlimm, dass man nicht darüber reden konnte? Hatte er vielleicht jemanden getötet? In seiner nächtlichen Gestalt wäre das durchaus nicht abwegig, aber dann hätte er ihr doch davon erzählen können. Bei den Göttern, letzte Nacht hatte sie mit angehört, wie er drei Menschen das Leben nahm! Vey schüttelte sich und beschloss, ihre Gedanken auf später zu verschieben und versuchte, das Bild in ihrem Kopf mit allen Mitteln zu verdrängen.


Sie spürte, wie sich Varos Brust hob und senkte, wenn er atmete. Es war ein beruhigendes Gefühl, sie konnte ihre Atemzüge an die seinen anpassen um sich zu entspannen und nicht mehr zu schluchzen. Das Gefühl seines Herzschlages spendete ihr Trost, auch wenn das Mädchen nicht wusste, weshalb. Sie spürte einen leichten Druck an ihrer Schulter, als sie sich näher an Varo kuschelte. „Nein, musste ich nicht. Es hätte gereicht, wenn ich ihn bewegungsunfähig gemacht hätte.“, flüsterte sie. Vey zuckte kurz zusammen, als Varo ihr übers Haar strich, doch dann entspannte sie sich umso mehr und versank kurz in dem Trost, den ihr seine kühle Haut und der warme Atem in ihrem Nacken spendeten.

Vey wandte sich zu Varo um, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. „Passt doch perfekt.“, sagte sie in dem schwachen Versuch, ein Gefühl der Normalität zu schaffen. Doch sie hatte Recht, die Kleidung sah gut aus. Das Hemd hatte einen tiefen Ausschnitt, der mehr Haut zeigte, als sein anderes Oberteil es getan hatte. Die Hose war vielleicht etwas kurz, was aber nicht weiter störte. Irgendwann, dachte Vey, würde er sie in der Hitze sowieso hochkrempeln, und dann fiel es nicht mehr auf. Langsam machten sie sich auf den Weg, Vey darauf bedacht, besonders langsam zu gehen, um Varos Wunde nicht zu strapazieren. Sie folgten dem Fluss, der sich seinen Weg durch den Dschungel bahnte. Immer noch liefen der Taurrin Tränen über das Gesicht, sie war unfähig, diese zu stoppen. Irgendwann drehte sich Varo zu ihr. „Meinst du wirklich?“ Hoffnungsvoll schaute sie durch ihre schwarzen Wimpern hindurch zu Varo herauf und klammerte sich hilfesuchend an seine Worte. Es war so lieb von ihm, sie zu trösten, dachte Vey. Auch wenn Varo nicht an die Götter glaubte, freute sie sich, dass er für sie so sprach, als gehörten die Götter genauso auch zu ihm. Ein Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus und ohne Vorwarnung schlang sie die Arme um Varo, vorsichtig, um ihm nicht wehzutun. „Danke“ hauchte sie. Dann ließ sie den Tigún los und ging weiter.
„Wohin gehen wir eigentlich?“, fragte sie dann, um von der Umarmung abzulenken. Sie war bestimmt rot geworden, aber das war ihr egal.
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » So, 19. Jan 2014 11:44

Àlvaro bemerkte, wie die junge Elfe sich auf die Lippen biss und in ihrem Gesicht zeichnete sich Unsicherheit ab. Die dunklen Augen des Tigún glitten musternd über ihre feinen Züge, doch er konnte sich diese Reaktion partout nicht erklären. Was hatte sie so verunsichert? Er? Hatte er denn schon wieder etwas Falsches getan oder gesagt? Wobei gesagt ja schon ausfiel, immerhin hatte er seit ihrer letzten Anmerkung nachdenklich geschwiegen. Vielleicht lag ja die Ursache genau darin! Das Schweigen - aber natürlich. Wie hatte er nur so kurzsichtig sein können? Ein leichter Ärger über seine eigene Fehleinschätzung der Situation stieg in ihm auf und zeichnete ihm eine Falte zwischen die dunklen Augenbrauen. Vey redete für ihr Leben gern - das hatte er doch schon bald nach ihrem ersten Zusammentreffen mitbekommen. Wie konnte ihm da einfallen, zu schwiegen oder keine Reaktion zu zeigen? Wenigstens ein Zucken seiner Mundwinkel, ein belustigtes Funkeln in den Augen oder einige knappe Worte. Alles wäre besser gewesen, als zu schweigen. Das war es, was das Mädchen verunsichern konnte. Wenn man ihr nicht antwortete. Anscheinend schien sie in seinen Gesichtszügen nicht allzu viel lesen zu können und zugegebener Weise gab es da meist sowieso nicht sonderlich viel zu lesen. Er kannte sich selbst doch gut genug, um das zu wissen. Gefühle und deren Ausstrahlung waren noch nie seine Stärke gewesen. Vor allem letzteres beschränkte sich meist nur auf Zorn oder Grimm - was vermutlich daran lag, dass diese Gefühle sein Gesicht nur allzu oft beherrschten.
Sein vorher nachdenklicher Blick klärte sich wieder, als Aveyns Worte zu ihm durchdrangen. Er schaute auf und betrachtete das Mädchen mit unauslöschlicher Ruhe, auch wenn er registrierte, dass sein Blickfeld an den Seiten leicht verschwamm. Mit einem Blinzeln versuchte er, diese Erscheinung zu verdrängen, doch vergebens. Schmerz pulsierte urplötzlich durch seine Adern und er kniff die Lippen fest zusammen. Veys Worte gingen in dem Rauschen seiner Ohren unter, doch er hörte noch ihr Lachen, welches nicht allzu locker, sondern eher angespannt klang. Seine Vermutung war also berechtigt gewesen …
Endlich klärte sich sein Sichtfeld wieder und auch das Rauschen in seinen Ohren klang ab. Àlvaro entspannte seine Muskeln wieder, die er für kurze Zeit vor Schmerz angespannt hatte. Wieder richteten sich seine dunklen, violett blauen Augen auf die junge Elfe, die nun wieder die Stille zwischen ihnen durchbrach. Er brachte ein schwaches Schmunzeln zu Stande. Sie redete mal wieder - was für eine Überraschung! Amüsement spiegelte sich in seinen Zügen wieder. Aveyn konnte ein Schweigen, das länger als einen Augenblick andauerte, einfach nicht ausstehen. Und deshalb redete sie wieder.
Er schüttelte leicht den Kopf und zog eine Augenbraue hoch, während Verwunderung und eine gewisse Portion Neugier sich in seinen Zügen abzeichneten. Tigún stammten von Katzenelfen ab? Wer hatte dem Mädchen dieses Märchen erzählt? Sein musternder Blick glitt über den schlanken, weiblichen Körper der jungen Elfe, in deren Adern wie sie erzählt hatte das Blut der Taurrin floss. Sie war klein, zierlich, hatte feine Züge, helle Augen und zarte, spitze Ohren. Keine dieser Eigenschaften traf auf ihn zu. Außerdem verwandelte sie sich des Nachts nicht in eine riesige Katze, wie es ihm zu Eigen war. Wie kam sie also auf die Idee, seine Rasse könnte von der ihren abstammen?
Trotz seiner Zweifel lauschte der junge Mann Aveyns Worten, denn natürlich musste er nicht lange warten - sie hielt Worte nie lange zurück, so auch dieses Mal. Es stellte sich heraus, dass diese Geschichte von ihrer Amme stammte. Eine Amme - das musst demnach wohl eine Frau gewesen sein, die sich um sie gekümmert hatte. Menschen und Taurrin waren angeblich eine Bindung eingegangen, aus der wiederum Wesen, die zur Hälfte Katzenelfe und zur Hälfe Mensch waren entsprangen. Diese sollten sich dann mit dem Virus der Werwesen angesteckt haben.
Unwillkürlich verzog Àlvaro missbilligend den Mund. Werwesen, bah! Er tolerierte die anderen Rassen, nur eine Art konnte er wie seine Brüder und Schwestern nicht ausstehen: Die Werwesen. Wer auch immer seine Vorfahren waren - es war sicher, dass die Werwesen sie vom Festland vertrieben und zu einem Leben auf den kargen Inseln verdammt hatten. Hass brodelte in ihm auf und er vergaß die junge Elfe ihm gegenüber. Seine Erinnerungen erhoben sich und er wurde zurückversetzt zu seinem ersten Kampf in der Arena.

Seine Eisenfesseln wurden gelöst und er schüttelte sich. Ein Kreis aus Fackeln umgab ihn und ihre Flammen tauchten die Szenerie in flackerndes Licht. Hinter den Fackeln ließen sich Wagen erahnen. Auf einigen von ihnen hatten Zuschauer Platz genommen, die dem Kampf beiwohnen wollten. Er hatte recht gehabt, dieser Kampf würde einigen Leuten wohl eine Menge Geld einbringen. Àlvaro lächelte kalt. Wenn sie einen spannenden Kampf wollen, dann würde er ihnen einen liefern. Er würde zeigen, was er gelernt hatte und wie stark seine Rasse war.
Seine silbernen Augen fanden die andere Gestalt ihm gegenüber. Àlvaro brauchte nur einen Moment um zu erkennen, um was es sich handelte: Ein Werwolf, ungefähr in seinem Alter, aber augenscheinlich etwas weniger muskulös. Abgrundtiefer Hass und Verachtung schlugen wie riesige Wellen über ihm zusammen, Gefühle einer Stärke, die er lange nicht mehr erlebt hatte, denn bisher hatte er alle Emotionen verdrängt. Doch heute Nacht war alles anders. Diese Wesen hatten seine Rasse vertreiben, sie hatten sie hatten Unzählige getötet und ihren Lebensraum stehlen wollen. Das Verlangen zu töten kämpfte sich an die Oberfläche, aber das störte ihn keineswegs. Fast genoss er es, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. Das letzte, was er wahrnahm, waren der Geruch von Blut und schmerzerfüllte Schreie, die ihm in den Ohren gellten …


„…es ist schwer vorstellbar…“ Diese Satzfetzen rissen ihn aus seiner kurzweiligen Trance. Die Augen noch immer vor Hass auf die Werwesen funkelnd auf Aveyn gerichtet hörte er ihr zu und rang sich zu einem Nicken durch. Ein Lächeln jedoch wollte ihm einfach nicht gelingen, zu tief hatte die Erinnerung an seinen ersten Kampf in der Arena ihn getroffen. Wie kalt er damals gewesen war, wie dumm und wie ehrlos, alle seine Prinzipien fahren zu lassen. Er hatte den Zuschauern einen guten Kampf bieten wollen - er hatte ihnen tatsächlich Vergnügen freiwillig bereiten wollen! Wie tief er doch gesunken war, dort in der Arena. Es war schwer vorstellbar - Ja! - das ein so unschuldiges, reines Wesen wie Vey mit ihm über viele, viele Umwege verwandt sein sollte.
„Diese Geschichte kling durchaus reichlich seltsam“, bemerkte er nach einer Zeit des Schweigens düster und auch wenn ihn ein schlechter Gewissen zu plagen begann, dass er Vey seiner Laune aussetzte und sie mit einem solch hasserfüllten Blick bedacht hatte. Dieser hatte zwar eigentlich nicht ihr gegolten, aber woher wusste sie das denn? Wenn er sie nicht verletzen musste, sollte er das jetzt klarstellen. Nachdenklich und mit schuldiger Miene erwiderte er ihren offenherzigen Blick. Àlvaro suchte nach Worten, doch er fand nicht die passenden Ausdrücke, um eine Erklärung auszusprechen. Warum musste ihm das so schwer fallen? Sie war doch fast immer freundlich und würde ihm kaum etwas übel nehmen - hoffte er zumindest. Und doch fürchtete er, sie mit seinen Worten noch mehr zu verletzen oder zu verwirren.
„Bitte verzeih mir meinen Grimm - deine Erzählung hat mich nur an das erinnert, was jedem Tigún von Geburt an berichtet wird. Werwölfe haben uns vom Festland vertrieben und wie jeder meiner Art hege ich einen unverzeihlichen Hass auf diese Rasse.“ Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, wobei seine schwarzen, krallenartigen Fingernägel über seine dunkle, mit Tigermustern überzogene Haut strichen. „Dieser Hass ist nicht gegen sich gerichtet, denn als mein Blick dich traf, weilten meine Gedanken bei den Werwölfen. Verzeih, wenn ich dich verschreckt haben sollte.“

Veys Kopf weilte noch immer auf seiner Brust, während der Bach fröhlich gluckernd an ihnen vorbei strömte. Er konnte spüren, wie die junge Elfe sich entspannte, aber auch kurz zusammen zuckte, als er ihr über das Haar strich. Instinktiv hielt er inne, spannte sich leicht an und betrachtete ihren dunklen Haarschopf. Hatten seine krallenartigen Fingernägel sie verletzt? Blut oder Schrammen konnte er zumindest nicht entdecken, aber vielleicht hatte sie die Tatsache einfach verschreckt, das ebenjene Krallen, die schon so viele Tiere und erst letzte Nacht drei Menschen aufgeschlitzt hatten, nun über ihren Kopf gestrichen waren. Sie musste sich der Gefahr bewusst sein, die seine Gesellschaft für sie barg und doch blieb sie. Blieb und setzte sogar ihr Leben auf’s Spiel, um ihm Kleidung zu besorgen. Sie war wirklich mutiger und willensstärker, als es ihm anfangs bewusst gewesen war. Ihre Tat jedoch traf sie hart - was für ein Versager er doch war, nicht einmal vor einem einfachen, aber mordlustigen Mann konnte er sie beschützen.

Sie kamen nur langsam voran, da seine Wunde ihm das Gehen erschwerte und sie nur allzu oft vom dichten Pflanzenwuchs zu Umwegen gezwungen wurden. Um sie herum erhob sich mächtiger Urwald, in dem es vor Tieren und exotischen Pflanzen nur so wimmelte. Farbenfrohe, leuchtende Blüten unterschiedlichster Arten entfalteten an jeder Ecke ihre Blätter und prächtig schillernde Vögel stoben zwitschernd zwischen den sich sacht hin und her wiegenden Lianen und riesigen Stämmen umher. Hoch über ihnen erhoben sich die Kronen der Bäume und selbst Àlvaro mit seinem ansehnlichen Wuchs kam sich im Vergleich zu diesen Baumriesen wie ein Zwerg vor. Noch dazu ein schwächlicher, verletzter Zwerg. Es musste hier auch andere Räuber geben, katzenartige Wesen vielleicht, die sie schon jetzt im Visier hatten. Vielleicht Panter, wie sie es auch auf Naleryan gab. Des Nachts war Àlvaro zwar nie auf sie getroffen, aber er hatte Geschichten gehört. Hier würde er zwar nicht auf andere Tigún treffen, die ihr Revier verteidigten oder sich einfach nicht unter Kontrolle hatten, aber wer wusste, welche Gefahren hier sonst lauerten? Giftige Pflanzen oder Tiere etwa. Bisher hatte er sich noch an keine der Pflanzen hier heran getraut, da er natürlich nicht wusste, ob sie essbar oder doch giftig waren.
„Sicher hast du doch bei deinen Lehrern auch etwas über Pflanzen und Tiere hier gelernt“, durchbrach er schließlich das Schweigen zwischen ihnen. Nur kurz wanderte sein Blick zu dem Mädchen herüber, ehe er sich wieder auf die Umgebung konzentrierte. „Kannst du mir vielleicht einige Pflanzen hier nennen, die man gefahrlos verzehren kann?“

So gingen sie weiter den Fluss entlang. Während des Laufens stieg eine zunehmende Hitze in Àlvaro auf, die nicht mit seiner Wunde zu tun hatte. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Wie sehr er sich doch das angenehm kühle Klima von den Inseln hierher wünschte. Da war man kaum unterwegs und schon in Schweiß gebadet. Wunderbar. Zum Glück war sein Hemd recht dünn und doch krempelte er es bis zu den Ellenbogen hoch, um einem größeren Hitzestau zu entgehen. Bei der Hose war das schon wieder etwas anderes. Sie war etwas dicker. Sollte er sie abreißen oder auch hochkrempeln? Vielleicht keine schlechte Idee …
Aveyn musste sich seine Worte zu Herzen genommen haben, denn nach einer längeren Zeit des Nachdenkens wandte sie sich mit hoffnungsvollem Blick erneut an ihn, während Tränen über ihr hübsches, zartes Gesicht kullerten. Götter … er hatte noch nie an solche wesen geglaubt, doch Vey schienen sie sehr wichtig zu sein. So wichtig und vollkommen, dass sie darüber sogar ihre schmerzliche Tat vergessen konnte. Seine Worte waren ehrlich gewesen, auch wenn er nicht an ihre Götter glaubte. Doch wenn es sie geben sollte, dann mussten sie die Gutherzigkeit und Reinheit der jungen Elfe spüren und ihr diese Tat verzeihen. Er hatte ernst gemeint was er gesagt hatte - für sie war sie ein reines, unschuldiges Wesen und auch ihre Tat konnte nichts daran ändern. Auch wenn seine Worte in ihm leise Zweifel hatten aufsteigen lassen. Wenn er ihre Tat damit rechtfertigte, sie habe nur ihr Leben retten wollen und das daran nicht schlimmes sei - wie konnte er sich dann für seine Morde verurteilen? Er war sich dieses Widerspruchs durchaus bewusst und doch … Nein! Er war alles andere als unschuldig. Zu viele waren durch seine Hände gestorben.
Da breitete sich plötzlich ein Lächeln auf Veys Gesicht aus und sie schlang ihre zarten Arme um ihn. Etwas verblüfft zögerte der junge Mann zuerst, nahm dann die Halb Taurrin vorsichtig in die Arme, darauf bedacht, sie nicht mit seinen Krallen zu verletzen und seine Wunde nicht zu strapazieren. Sie hauchte ihm ein „Danke“ ins Ohr und löste sich schließlich wieder aus seiner Umarmung. Schon ging sie weiter, während der Tigún noch einige Herzschläge lang zögerte. Ihr eleganter Gang, ihre leichten, weiblichen Rundungen, die sicher mit der Zeit noch stärker hervor treten würden. Sie hatte etwas Verzauberndes an sich.
Mit einigen größeren Schritten holte er wieder auf und bemerkte bei einem Seitenblick ihre leicht geröteten Wangen. Schämte sie sich für die Umarmung? Ein seltsames Lächeln zeichnete sich auf seinen dünnen Lippen ab. Es war ja im gewissen Sinne schon interessant, ihr Verhalten ihm gegenüber zu beobachten …
Auf ihre Frage hin schürzte Àlvaro nachdenklich die Lippen. Sie folgten dem Bach nach Norden, immer in Richtung der Gebirgskette, die er passieren wollte. Wo wollte er hin …? Tja, das wusste er zwar schon, hatte aber nicht das Bedürfnis, es ihr zu verraten. Damit würde er das junge Mädchen nur verletzen, denn dazu mussten sich ihre Wege trennen. Belua - diesen Namen hatte ihm ein Matrose genannt und den Hafen als Piratenstadt bezeichnet. Dort, so hoffte der Tigún, würde er abenteuerlustige Entdecker finden, die ihm eine Schiffpassage zu den Inseln verschaffen konnten. Doch davon würde er Vey erst später berichten.
„Nun, ich hatte vor in dieses Grasland nördlich der Gebirgskette zu reisen“, antwortete er schließlich wahrheitsgemäß. „Dort soll es eine große Hafenstadt geben - Rônachar oder etwas in der Art. Dort wollte ich mir Arbeit suchen, um Geld zu verdienen.“ Bis hierhin war alles richtig, auch wenn er in der Stadt nur einen Zwischenstopp einlegen wollte. „Und dann… Mal sehen, wohin die Wege uns führen werden - wenn du mich bis dahin noch begleitest.“ Er lächelte ihr zu und verdrängte das schlechte Gewissen, das ihn nun zu plagen begann. Natürlich wusste er, wohin ihn seine Wege führen würden. Ihn allein.
"Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten."
John F. Kennedy

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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Mo, 27. Jan 2014 19:30

Vey hielt kurz inne, als sie sah, wie Varo die Lippen zu einem dünnen Strich verzog. Hatte er Schmerzen? Wie unachtsam von ihr, nicht daran zu denken. Stattdessen hatte sie geredet, wie immer. Ging Varo das auf die Nerven? Hatte er deshalb die Lippen zusammengepresst? Doch die junge Taurrin wollte nicht nachfragen. Varo war zu stolz, um Schwäche zu zeigen – dieser Ansicht war das Mädchen. Was würde es dann bringen, ihn darauf hinzuweisen, wenn er sowieso lügen würde?
Also sprach Vey einfach schnell weiter und nach kurzer Zeit entspannte sich die Mimik des Mannes wieder. Ja, er schien sich regelrecht zu amüsieren. Veys Gedanken schwirrten umher. Lächelte er über sie? Hatte sie etwas gesagt, getan, das ihn zum Lachen brachte? Ohne es zu wollen, verfiel die Taurrin in Zweifel – was hatte sie falsch gemacht?
Sie sah die hochgezogene Augenbraue und wusste sofort, dass Varo ihr nicht glaubte. Kein Wunder, dachte Vey, ich glaube mir ja selbst nicht. Sie spürte seinen Blick über ihren Körper streifen und verkrampfte sich unwillkürlich. Aber dazu gab es doch gar keinen Grund! Das Mädchen wusste nicht weiter. Was an Varo veränderte sie so? Mit Yassa und Nia hatte sie nie solche Probleme gehabt, keine komischen Situationen, in denen sie nicht zurecht wusste. Aber andererseits hatte es etwas faszinierendes, sich mit Varo zu unterhalten. Wenn sie lachten war es, als fegten Stromschläge durch Veys Körper. Und als er sie berührt hatte…
Das Funkeln in den Augen des Mannes holte Vey in die Wirklichkeit zurück. Sie erschrak. Die Augen hasserfüllt zusammengekniffen, schaute Varo sie an. In diesem Moment erinnerte er sie an den Tigún, den sie letzte Nacht gesehen hatte. Ein Schauer lief ihr den Nacken hinunter, doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Was ist los? Was hast du? Das muss ein Missverständnis sein!, schrie es in ihr, aber sie wartete auf eine Erklärung Varos, bemüht, ruhig zu bleiben, jedoch hatte sie die Augen vor Schreck geweitet. „Diese Geschichte kling durchaus reichlich seltsam.“ Seine Stimme ließ sie erneut erschaudern. Sie wollte gerade zu einer Frage ansetzen, doch da klärte Varo die Situation auf.
„Oh, das wusste ich nicht. Entschuldigung.“ Ihre Fingerspitzen zwirbelten eine ihrer Locken, doch Vey merkte es gar nicht. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie mit großen Augen zu Varo aufschaute. „Aber musst du mich deswegen so erschrecken?“

Sie liefen schweigend durch den Wald und erstaunlicher Weise war es dieses Mal Varo, der die Stille durchbrach. Seine Frage erstaunte das Mädchen, hatte sie doch nicht gedacht, dass ihn die Pflanzen Menaions interessierten. Vey hatte geglaubt, er ernähre sich nur von…Fleisch. „Natürlich“, antwortete sie deshalb zögernd und etwas verwirrt. Dann aber besann sie sich. Hiermit habe ich mich mein halbes Leben lang befasst. Das ist das, was ich kann. Sie sah sich kurz um, bis sie eine vertraute Frucht entdeckte. Ihr Frühstück vom Vortag. „Siehst du die unauffälligen kleinen Blüten dort? Sie sind fast so grün wie die Blätter, nur wenn man genau hinschaut, erkennt man den leichten Stich ins Rosa. Etwa eine Handbreit weiter hängt eine große grüne Frucht. Warte kurz!“ Sie lief die wenigen Meter bis zur Frucht, sprang nach oben und pflückte sie von ihrem Ast. Mit ihr in den Händen lief sie zurück zu Varo. „Wenn du die harte Schale entfernst, kannst du das orangene Fruchtfleisch essen.“ Sie zog im Gehen ihren Dolch unter dem Kleid hervor und zog damit ein Stück der Schale ab, sodass darunter die süße Frucht zum Vorschein kam. „Siehst du? Genau so. Möchtest du mal ein Stück probieren?“
„...Oh, siehst du die violetten Himmelssterne dort hinten? Die mit den fünf Kronblättern? Die Beeren dieser Pflanze schmecken richtig gut, doch an sie muss man erst einmal herankommen. Denn die lila Blüten verströmen ein giftiges Gas, unter dessen Einfluss du dich mehrere Minuten nicht bewegen kannst. Im schlimmsten Falle stirbst du sogar. Ich würde dir erst einmal davon abraten. Aber dort, die weiß schimmernden Blätter neben diesem Baum kann man gefahrlos essen. Aber schmackhaft sind sie nicht wirklich. Ach ja, und das am häufigsten auftretende Gewächs dieses Waldes ist der Mvendua. Menaion ist für ihn berühmt. Leider blüht er nur alle 19 Jahre und seine Blütezeit ist fast zu Ende, also werden wir die kleinen weißen Blüten mit dem farbigen Rand so schnell nicht wieder sehen. Seine Frucht wird hoch angepriesen und wenn du den Stängel anschneidest oder abbrichst, kannst du das Mark darin essen. Apropos essen.“ Vey hielt immer noch die orangene Frucht in der Hand, inzwischen fast zur Gänze geschält. Sie schnitt sich ein großzügiges Stück ab und biss herzhaft hinein. „Wenn du auch etwas möchtest, musst du es nur sagen. Wir haben auch noch das Trockenfleisch, wenn dir das lieber ist?“

Vey beobachtete Varo unauffällig von der Seite. Hatte ihre Umarmung ihn aus dem Konzept gebracht? Nein, danach sah es nicht aus. Denn ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel…Nein, Vey, denke nicht einmal daran. Vielleicht hat deine Umarmung ihm gefallen, sehr wahrscheinlich sogar, aber wer bitteschön mag keine Umarmungen? Obwohl Varo ihr nicht wie der Typ erschien, der ungeplante Berührungen gut fand. Also vielleicht…
„Nach Rômachar? Eine schöne Stadt soll es sein. Ich hatte mir fest vorgenommen, irgendwann einmal dorthin zu fahren.“
„Willst du denn, dass ich dich begleite?“
, fragte das junge Mädchen und schaute Varo tief in die Augen.
Er musste Ja sagen. Es ging nicht anders. Was sollte sie denn ohne ihn machen? Sie würde keine drei Schritte gehen können, ohne angegriffen, von den Männern ihres Vaters geschnappt oder verletzt zu werden. Außerdem wollte sie Varo nicht verlieren. Sie hatte den Tigún liebgewonnen, auch wenn sie erst so kurze Zeit gemeinsam verbrachten. Außerdem hatte sie ihn gerettet. Da konnte er sie doch gar nicht wegschicken, oder? Andererseits würde das Mädchen sich nicht weigern, zu gehen. Lieber irrte sie allein durch die Gegend, als der Klotz am Bein eines anderen zu sein. Ihr Blick intensivierte sich. Bitte, sandte sie ein stummes Gebet an die Götter, während ihre türkisen Augen sich in seinen nachtblauen spiegelten und sich darin verloren…
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » Do, 30. Jan 2014 17:01

Àlvaro hatte die junge Halb Katzenelfe wohl mächtig verwirrt - ihre Züge verrieten ihm diesen Umstand nur allzu genau und als sie begann, nervös ihre Haarsträhnen zu zwirbeln, bestätigte sich seine Vermutung nur umso mehr. Es war schon erstaunlich, wie schnell er sie hatte aus dem Konzept bringen können … Nun gut, sein Ausdruck hatte recht wenig Freundliches an sich gehabt und Vey kannte ihn ja auch noch nicht allzu lange. Woher sollte sie also wissen, was in ihm vorging? Vor allem, wenn sie - wie es schien - sich bisher eher wenig mit dem Lesen der Gefühle andere Personen beschäftigt hatte. Ganz im Gegenteil zu ihm. Das Mädchen kam ihm manchmal fast wie ein offenes Buch vor - nein, nicht wie ein offenes Buch, er konnte schließlich nicht lesen. Dennoch kannte er diese Redensart von seinem Kampflehrer in der Arena. Er hatte ihm einst gesagt, sein Kampfstil sei zu lesen wie ein offenes Buch. Sprich: Sein Lehrer hatte jeden seiner Züge voraussehen können, vor allem, weil seine Augen den Tigún nur zu oft verraten hatten.
Mit einem schwachen Lächeln auf ihren zarten, roten Lippen, versuchte Vey schließlich ihre Verwunderung zu überspielen. Àlvaro betrachtete sie weiterhin eingehend, immer noch leise schmunzelnd. Er hatte ebenfalls bemerkt, dass sie sich unwohl gefühlt hatte, als er ihren Körper eingehender gemustert hatte, ihre schlanken Beine und Arme, die dennoch muskulös waren, ihre Weiblichkeit, ihre langen, dunklen Haare … Er wusste, manche Männer vergingen sich an hübschen Frauen und einige hätten diese Situation schamlos ausgenutzt, um die Unschuld diese noch reinen Wesens zu befleckten. Seit er auf dem Festland von den Praktiken dieser Schweine gehört hatte, hatte er stets Abscheu gegen solche Kerle gehegt. Solche Männer durfte man gar nicht so nennen, denn ihnen fehlte eindeutig die Ehre, wenn sie die Eigenständigkeit einer Frau nicht akzeptierten. Selbst hatte er noch nie mitbekommen, wie es zu einem solchen Vergehen kam, aber wenn, wäre er mit Sicherheit eingeschritten. Es konnte immerhin doch nicht angehen, dass man tatenlos zuschaute, wenn eine Frau vergewaltigt wurde! Nein, solange man nichts tat, konnte die eigene Schuld fast mit der der eigentlichen Täter gleichgesetzt werden. Dies war einer der Gründe gewesen, warum er auch vor wenigen Tagen eingeschritten war, als die Männer Vey hatten verprügeln wollen. Im Antlitz ihres Anführer hatte nicht nur die Gier nach Gewalt sondern auch unzähmbare Lust gestanden - ein Anblick, der in Àlvaro den puren Ekel geweckt hatte. Diese ehrlosen Kerle hätten sich sicher nicht mit Schlägen, Tritten und Beschimpfungen zufrieden gegeben, nein, der Tigún war sich fast sicher, dass sie sich später auch an Vey vergangen hätten.
Aber dachte die zierliche Elfe nun auch von ihm, er würde ihr so etwas an tun? Weil er sie gemustert hatte? Eine Sorgenfalte bildete sich auf seiner Stirn, während er die dunklen, violett-blauen Augen fest auf Vey gerichtet hielt. Ihre scheuen Worte jedoch drückten andere Gefühlregungen aus. Seltsamerweise schien es ihr einfach nur … peinlich, von ihm gemustert zu werden und hatte seinen grimmigen Blick gefürchtet. Letzteres erschloss sich ihm sogleich, aber warum wohl spürte sie eine solche Scham, wenn ein Mann sie musterte? Er seufzte leise. Wieder eine Frage, die er sich kaum beantworten würde können, da seine Frauenkenntnisse sich auf weibliche und vor allem junge Tigún beschränkten. Keine guten Voraussetzungen, um die Gefühle einer jungen Frau vom Festland zu verstehen.
Nachdenklich erwiderte er ihren Blick und schwieg für kurze Zeit, konnte aber aus ihrem Ausdruck einfach nicht schlau werden. Manche Geheimnisse blieben eben doch jedem Menschen bewahrt.
Fast unsicher erwidert er schließlich ihr Lächeln, um das junge Mädchen zu beruhigen, dessen große Augen ihn so aufmerksam zu mustern schienen, dass er fast meine, sie müsse seine Gedanken erraten. „Das liegt wohl an meinem im Allgemeinen recht düsteren ... Antlitz“, bemerkte er und zögerte nur bei dem letzten Wort kurz, weil ihm der Begriff nicht sogleich einfallen wollte. Zwar sprach er Menon-Emenisch wirklich fließend, doch einige Vokabeln vergaß er doch schon mal.
Vorsichtig fuhr er mit seinen ‚krallenbewerten‘ Fingern über sein Gesicht und zeichnete dabei die dunklen Linien nach, die ihm des Nachts da Aussehen einer Werkatze, ja fast eines Tigers verliehen. „Es liegt mir wohl im Blut, feindselig und grimmig dreinzuschauen - meine Vorfahren hatten ja recht wenig zu Lachen in ihrem Leben.“ Den letzten Worten verlieh er einen spöttischen Unterton, um Vey nicht das Gefühl zu verleihen, er würde sich über diese Tatsache ärgern. Soweit konnte er sie zumindest einschätzen, diese Bemerkung konnte die Stimmung grundlegend ruinieren.

Veys Antwort kam zögerlich, als habe sie nicht erwartet er würde die Frage stellen oder gar erst das Schweigen durchbrechen. Doch, auch er war eben für Überraschungen zu haben. Sie musste von ihm denken, er ernähre sich wirklich ausschließlich von Fleisch - aber welchen anderen Eindruck hätte sie auch gewinnen sollen? Bisher hatte sie ihn nur beim Töten von Menschen gesehen, ihn aber noch nie Früchte oder Kräuter zu sich nehmen sehen. Wie auch, er wusste ja nicht, welche man gefahrlos verzehren konnte. Genau deshalb hatte er eben nach essbaren Pflanzen gefragt.
Bei dieser Gelegenheit fiel ihm auf, wie wenig er in letzter Zeit zu sich genommen hatte. Die Soldaten hatte er in seinem Wahn aus Wut und Schmerz nur zerfleischt, ihr Fleisch aber keineswegs verzehrt. Auch wenn seine Ernährung sich auf Fleisch stützte, dass er aus den Körpern erlegter Tiere riss, stieg in ihm doch eine gewisse Abneigung auf, bei der Vorstellung, Menschenfleisch zu essen. Es … Es war einfach etwas anderes, als das eines Tieres zu sich zu nehmen … einfach nicht normal. Man fraß doch nicht diejenigen denen man tagtäglich im Leben begegnete! Soweit Àlvaro sich erinnern konnte, hatte er bisher noch kein Menschenfleisch gegessen - zumindest nicht, während er bei Verstand war, was ja nicht viel hieß. Des Nachts konnte es schließlich durchaus mal vorkommen, dass er in einem Wutausbruch einen Menschen tötete … und vielleicht auch fraß. Keine schöne Vorstellung - aber eine mögliche.
Schließlich begann die zart gebaute junge Frau zu erklären, deutete auf verschiedenste Blüten und Früchte und erklärte ihre Wirkung und ihren Wert. Interessiert und mit aufmerksam blitzenden dunklen Augen verfolgte der Tigún ihre Erklärungen, bedachte die Pflanzen mit seinem eindringlichen Blick und merkte sich im Stillen diese neuen Informationen. Später konnten sie ihm nur nützlich sein.
Mit raschen Schritten näherte sich Vey schließlich einer Frucht, pflückte sie vom Ast und kehrte zu ihm zurück. Während ihres sehr langsamen Dahinschreitens zog sie ihren Dolch und durchtrennte die Schale der Frucht mit einem geübten Strich der Klinge. Àlvaro spürte, wie sein Magen das Verlangen äußerte, etwas zu sich nehmen, weshalb er die Schnitte aufmerksam beobachtete. Vey jedoch machte ihn schon wieder auf eine weitere Frucht aufmerksam, eine mit violetten Blüten und fünf Kornblättern. Sie erklärte, diese Blätter würden giftiges Gas verströmen, was ihn darin bestätigte, bisher ohne Kenntnis der Pflanzen noch nichts probiert zu haben. Womöglich würde er dann schon verfaulend unter irgendwelchen, ausladenden Baumkronen dieses Waldes liegen, vergiftet von fremden Blüten. Den Rat, sich zuerst einmal nicht an diesen Früchten nahe der Gift ausströmenden Blätter zu versuchen, nahm er sich zu Herzen - sein Leben war ihm dann doch noch etwas mehr wert, als eine dieser Früchte, wie köstlich sie auch schmecken mochten.
Kaum hatte sie ihre Erklärungen zu den giftigen Blättern beendet, fiel der jungen Elfe auch schon eine nächste Pflanze auf. Sie deutete auf ein paar weiß schimmernde Blätter, die sich in regelmäßigen Abständen in diesem Urwald ausbreiteten. Auch essbar, wenn auch nicht schmackhaft, sollte man ihren Worten glauben schenken. Aber lieber etwas nicht allzu wohlschmeckendes essen, als zu verhungern. Gleich darauf deutete Vey auch schon auf die nächste Pflanze, welche sie Mvendua nannte, ein wohl typisches Gewächs für Menainon. Schon seltsam, dass diese Pflanze nur alle neunzehn Jahre blühte und er gerade das Glück hatte, ebenjene Pracht zu erleben. Schon vorher waren ihm die weißen Blüten mit farbigem Rand aufgefallen, die sich nur allzu oft unter dem Blätterdach der Baumriesen ausbreiteten. Frucht und Mark sollten essbar sein - bei dieser Gelegenheit sollten sie beides wohl noch probieren. Später.
Schließlich hatte Vey die Frucht gänzlich abgeschält, schnitt sich etwas ab und biss ordentlich hinein. Àlvaro schmunzelte, als ihr daraufhin Tropfen des Fruchtsaftes aus den Mundwinkeln liefen und ihre reine Haut hinab kullerten, machte sie aber nicht darauf aufmerksam. Stattdessen entwand er ihr geschickt Frucht und Dolch, schnitt sich ein Stück der Frucht ab und führte es zum Mund. Kurz roch er daran, nur um sich zu versichern, dass sie wirklich nicht giftig war, doch der Geruch gab zu dieser Annahme keinen Anlass. Also führte der junge Mann die Frucht nach kurzem Zögern zum Mund und nahm einen Bissen von dem saftigen Fruchtfleisch. Süße und ein angenehmer Geschmack breiteten sich in seinem Mund aus, während er humpelnd weiterschritt und den Bissen zerkaute. Diese Frucht schmeckte tatsächlich gut, wenn auch ganz anders, als es jene in Naleryan taten.
Sobald er sein Stück verzehrt hatte, wischte er sich den Fruchtsaft von den Lippen und reichte Vey Frucht und Dolch. „Das schmeckt in der Tat sehr gut.“, bestätigte er und unterdrückte einen Schmerzenslaut, als er sich den Fuß vertrat und sogleich heftiger Schmerz in seiner Wunde pochte. Bisher hatte sich der Schmerz in Grenzen gehalten, war akzeptabel gewesen, doch der Tigún spürte zu seinem eigenen Missfallen, wie er schon immer schwächer wurde. Viel weiter würden sie nicht mehr wandern können, dafür war die Verletzung zu tief.
Dennoch versuchte er es mit einem Lächeln, um den kurz aufblitzenden schmerzlichen Ausdruck in seinen Augen zu vertuschen. Sein Blick wanderte kurz zu Vey, ehe er den Blick wieder auf den Boden richtete, um nicht noch einmal falsch zu treten. Nur die Falte zwischen seinen Augen verriet noch, dass er von einem ständigen Schmerz geplagt war und strafte sein Lächeln lügen. „Aber denk bloß nicht von mir, ich würde nur Fleisch zu mir nehmen - tagsüber verzehre ich auch gerne Kräuter oder eben Früchte, doch bisher habe ich mich damit zurückgehalten. Wer weiß, vielleicht hätte ich gerade die Früchte diese violetten Blüten erwischt und mir eine Vergiftung eingefangen.“ Sein Blick fiel auf seine Fingernägel, deren schwarze Färbung er durch regelmäßiges Einreiben mit einer Pflanzenpaste erreicht hatte. Diese Paste jedoch hatte er bei den toten Soldaten zurück gelassen. Dabei brauchte er sie, denn bis jetzt rieb er seine krallenartigen Nägel noch immer regelmäßig ein, um eine Entfärbung zu verhindern. Wie Ärgerlich - graue Fingernägel geben sicher kein gutes Bild ab! Und sein Aussehen war hm schließlich schon sehr wichtig. Doch vielleicht kannte Vey ja auch eine Pflanze, die Schwatz färbte. Er warf ihr einen knappen Blick von der Seite zu. Einen Versuch war es wert.
„Sag‘ kennst du eigentlich auch eine Pflanze, die Dinge schwarz färben kann?“

Ein für Vey ungewöhnliches Schweigen breitete sich für kurze Zeit zwischen ihnen aus, vielleicht dachte sie nach. Worüber wohl …?
Schließlich lenkte sie das Gespräch wieder auf Rômachar - das vermittelte Àlvaro den Eindruck, dass ihre Gedanken ihr vielleicht peinlich waren. Mit vor Neugier funkelnden, dunklen, blau violetten Augen musterte er die junge Halbelfe von der Seite, konnte aber außer ihrem offenen Lächeln und der zarten Röte ihrer Wangen nichts aus ihren Zügen lesen. Schon unpraktische, wenn man die eine Hälfte seines Lebens auf abgeschiedenen Inseln und die andere in einer Kampfarena verbracht hatte.
„Dann wird sich dein Wunsch wohl erfüllen - wenn es deine Planungen zulassen kannst du mich gerne begleiten.“, erwiderte er freundlich lächelnd, wobei er die Sinne anspannte, um ihre Reaktion so genau wie möglich wahrzunehmen. Es interessierte ihn einfach, wie sie dachte, was sie fühlte und welche Reaktionen bestimmte Verhaltensmuster bei ihr auslösten. Es war wie ein … ein Studium. Ja, er versuchte, sie zu studieren, mehr über sie zu erfahren, um sein Wissen auszuweiten. Warum er dies gerade bei ihr vorhatte, war ihm selbst nicht klar. Vielleicht, weil sie die erste Person auf dem Festland war, der er vertrauen konnte und sie ihn einfach ständig mit diesen warmen blaugrünen Augen musterte, die gleichzeitig unergründlich und offen waren.
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Sa, 08. Feb 2014 22:18

„Ach, so schlimm siehst du nun auch wieder nicht aus.“, Vey grinste den jungen Mann an und ihre spitzen Eckzähne blitzten zwischen ihren Lippen hervor. „So ganz kann das aber nicht stimmen. Ich glaube, ein oder zwei Mal habe ich so etwas wie ein Lächeln bei dir gesehen. Oder habe ich mir das eingebildet..?“ Die Taurrin fasste sich an die Stirn, so als ob sie scharf nachdenken müsste. Doch konnte sie sich abermals ein Lachen nicht verkneifen und blinzelte zwischen ihren Locken hindurch hoch zu Varo, um zu sehen, ob er mit in ihr Lachen einfiel. Sie folgte mit den Augen seinen Fingern, die die feinen blauen Linien nachzogen, welche ihm bei Tag etwas Exotisches verliehen. Doch Vey hatte diese Streifen auch schon bei Nacht gesehen. Dort waren sie ihr gefährlich vorgekommen, erinnerten sie an das Fell eines Tigers. Doch ein Tiger war ihr im Vergleich zu Varo wie ein zahmes Hauskätzchen erschienen.
Vey – hör auf an so etwas zu denken. Den Mann, den du vor dir siehst, DAS ist Varo. Nicht das Tier, das die Soldaten angefallen hatte. Da war Varo nicht er selbst gewesen, er wurde von Wut und Schmerz geleitet. Aveyn wiederholte diese Worte so lange in ihrem Kopf, bis sie an sie glaubte. Es musste einfach so sein. Bei den Göttern, warum hatte sie nur so oft den Unterricht geschwänzt? Vielleicht wüsste sie dann mehr über ihn. Andererseits, etwas wirklich Sinnvolles hatten ihre Lehrer ihr nie vermittelt. Wieso sollte es dann anders gewesen sein, wenn sie zum Unterricht gegangen wäre.
„Dann musst du bestimmt einer der freundlichen Tigún sein.“, klinkte sie sich wieder in das Gespräch ein, „Da habe ich aber Glück gehabt. Was wäre nur gewesen, wenn ich auf einen normalen Vertreter deiner Art getroffen wäre? Der hätte sich bestimmt längst vor mir in Sicherheit gebracht.“ Ja, Aveyn wusste, dass sie mache Leute ganz schön durcheinander bringen konnte, indem sie so viel redete. Und sie merkte, dass auch Varo so seine Schwierigkeiten mit ihr hatte. Aber sie bewunderte den jungen Mann für seine Bemühungen.

Die junge Frau stellte erfreut, aber auch etwas überrascht fest, dass Varo ihre Worte über die verschiedenen Pflanzen aufmerksam verfolgte. Aber ob er auch alles verstand? Vielleicht sprach sie zu schnell…Es wäre ja nicht das erste Mal. Sie schielte zu ihm rüber, konnte aber keine Verwirrung in seinen Zügen lesen. Gut. Denn wenn sie in ihrem Element war, konnte sie sich nur schwer bremsen. Sie hoffte, Varo würde ihre das nicht übelnehmen.
Nach einem Biss in die Frucht ging es ihr schon viel besser. Den ganzen Tag lang hatte sie nichts gegessen und umso leckerer schmeckte es. Zufrieden stellte Vey fest, dass auch Varo Gefallen an der Süße fand. „Und, gibt es so etwas auf den Inseln auch?“
Nach einem weiteren köstlichen Bissen wischte sie sich verstohlen mit dem Arm über den Mund. Wenn das ihre Eltern sehen würden. Da wäre es undenkbar gewesen, so etwas zu tun. Sie schaute aus Reflex zu Varo rüber, um sich zu vergewissern, ob er ihren „Verstoß gegen die Manieren“ -wie ihr Lehrer es genannt hätte- gesehen hatte. Aber er hatte anscheinend ganz andere Probleme. Sie sah den Schmerz in seinen Augen, bevor er diesen mit einem Lächeln kaschieren konnte. Wie unachtsam von ihr! Doch da sie Varo nicht darauf ansprechen wollte, überlegte die Taurrin sich etwas anderes. „Wie wäre es, wenn wir bald eine Pause machen? Ich bin die ganze Nacht umhergelaufen und wenn es so weiter geht, kann ich bald keinen Schritt mehr gehen. Vielleicht finden wir ja einen geeigneten Platz. Was meinst du?“

„Ein Pflanze, die etwas schwarz verfärbt? Tut mir Leid, da fällt mir nichts ein. Ich werde noch mal in Ruhe nachdenken, in Ordnung? Aber wieso nimmst du nicht einfach Kohle dafür? Die ist viel einfacher zu besorgen. Wofür brauchst du die denn?“

„Wirklich? Das freut mich.“ Ein echtes, warmes Lächeln breitete sich in Veys Gesicht aus. Varo wollte, dass sie ihn begleitete. Oder bot er es nur an, um sie nicht traurig zu machen? Den Gedanken verwarf das Mädchen aber sofort. Genauso wie den, was denn passierte, wenn sie in Rômachar angekommen waren. Das könnte sie später immer noch fragen. „Von dort aus kann man das ganze Land bereisen. Also wenn ich irgendwann mal einen Fuß auf eines dieser Schiffe setzen sollte, würde ich in die Wälder von Sieryan reisen. Dorthin, wo meine Mutter herkommt. Aber das wird bestimmt nicht passieren. Ich kann zwar schwimmen, doch wenn ich draußen auf dem Meer wäre…allein. Naja, du weißt schon.“ Sie wollte keinesfalls so dastehen, als ob sie Angst vor Wasser hätte. Denn das war keineswegs der Fall. Doch sie konnte sich nicht lange über Wasser halten. Und normalerweise erzählte sie das auch gar nicht. Warum vertraute sie sich also gerade Varo an?
Und weshalb war alles so rätselhaft, wenn sie mit ihm zusammen war? Wieso stellte sie sich so viele Fragen? So war es ihr bisher noch nie ergangen...

Irgendwann war die Hitze so unerträglich geworden, dass selbst Vey, die an diese Verhältnisse gewöhnt war, ins Schwitzen geriet. Sie ließ sich am Ufer auf ins Gras sinken und ließ ihre Beine ins kühlende Wasser hängen. Sie klopfte neben sich auf die feuchte Erde und bedeutete Varo Platz zu nehmen. „Wenn wir jetzt weiterlaufen, bringt die Hitze uns um den Verstand. Lass uns nur so lange hier bleiben, bis es wieder kühler wird.“
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » Di, 11. Feb 2014 15:57

Die junge Elfe war wirklich ein wahrer Sonnenschein. Irgendwie schien es so, als würde nichts sie von ihrer optimistischen Sicht der Dinge abbringen können - keine prügelwütigen Raufbolde wie die in der hinter ihnen liegenden Stadt, keine Blessuren, spitze Bemerkungen oder oftmals bösartig dreinblickende junge Männer wie er. Es war schon seltsam, dass ausgerechnet sie beide nun zusammen eine Reise antraten, die Àlvaro doch eigentlich als Alleingang geplant hatte. Natürlich aus gewissen Gründen. Dabei waren sie scheinbar vollkommen gegensätzlich: Sie eine aufgeweckte, lebensfrohe Elfe mit feinen Zügen, hellen Augen, einem freundlichen, offenen Lächeln und zierlicher Gestalt. Er dagegen ein häufig grimmig anmutender, von Selbstzweifeln, Angst und Trauer getriebener, großer, dunkler Kämpfer, auf dessen Gewissen so unzählige Tode lasteten. Worin ähnelten sie sich denn überhaupt? Im Aussehen schon mal nicht. Zum einen war der Tigún recht muskulös gebaut, sie dagegen klein und mit filigranen Gliedmaßen ausgestattet. Und zum Zweiten war ihr Körper nicht von unzähligen, feinen, dunkelbraunen Linien geziert, die ihn des Nachts wie einen Tiger aussehen ließen. Damit waren natürlich noch längst nicht alle äußerlichen Unterschiede zwischen ihnen fest gemacht, doch das waren wohl die Hauptmerkmale, die einem Fremden beim Betrachten ihrer beiden Körper aufgefallen wären. Wenn man einmal von den offensichtlichen geschlechtsspezifischen Unterschieden absah, die natürlich noch wesentlich gravierenden hervor traten.
Ihre Abstammung stimmte ebenso wenig überein - auch wenn Veys Geschichte nach ein Zusammenhang zwischen ihren Vorfahren bestand. Doch das konnte nicht als Verbindung zwischen ihnen, als Ähnlichkeit gewertet werden! Auch ihre Charakterzüge unterschieden sich scheinbar gänzlich, ganz zu schweigen von ihren Fähigkeiten, ihren Vorgeschichten, Vorlieben … Würde er alle Unterschiede zwischen ihnen aufzählen, würde er wohl niemals zu einem Ende kommen - leichter konnte er es sich da mit ihren Gemeinsamkeiten machen. Deren Vorhandensein zweifelte er nämlich sehr stark an, zumindest, was seine bisherigen Erfahrungen mit der jungen Frau betraf, die sich natürlich auf einen recht kleinen Zeitraum beschränkten. Aber ganz ehrlich … Es sah nicht danach aus, als ob sich jemals irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen ihnen heraus kristallisieren würden.
Die Augen des jungen Mannes richteten sich auf Veys Gesicht, das wie so oft von einem Lächeln beherrscht wurde. Zwischen ihren kräftig roten Lippen lugten spitze, weiße Zähne hervor, die Àlvaro schmerzlich an die seines kleineren Bruders Ieuan erinnerten. So lange war es her, da er ihn das letzte Mal gesehen hatte, mit ihm gesprochen und sein Lachen vernommen hatte. Trauer zuckte in seiner Brust wie ein junger, flugunfähiger Vogel, doch äußerlich ließ er sich nichts anmerken. Es war schlimm genug, dass Vey ständig zu bemerken schien, wie er litt. Nein, er wollte sie nicht mit noch mehr Sorgen um ihn belasten - denn er hatte da so etwas im Gefühl, was ihm eben dies schon jetzt bestätigte.
Entschlossen, sich dieser Erinnerungen und Gedanken zu entledigen, konzentrierte er sich schließlich wieder auf Vey. Es schien ihm, als würde sie stets lange auf eine Antwort von ihm warten müssen, weil er mit seinen Gedanken einfach nie zum Ende kam. Ständig weckte etwas an ihr lang vergrabene Erinnerungen in ihm und löste damit einen Sturm verschiedenster Gefühle und Gedanken in ihm aus. Was sie von hm denken musste, da er ihr stets für unzählige Momente eine Antwort schuldig blieb! Er hatte ihr doch gesagt, er würde ihr nun zu vertrauen versuchen und damit auch versprochen, sich ihr etwas zu öffnen. Etwas. Das hieß nicht, dass er ihr alle seine Gedanken offenbaren musste und doch erschien es ihm der Elfe gegenüber ungerecht. Aber würde sie überhaupt verstehen, wie viele Verbindungen ihre Worte und ihr Verhalten oft in ihm auslösten?
Und schon wieder habe ich mich in die wunderbare Welt meines Geistes zurück gezogen … Er schüttelte langsam über sich den Kopf, senkte den Blick auf das weiche Gras und seufzte dann leise. Er zweifelte daran, eben diesen Charakterzug je in den Griff zu bekommen … Vielleicht sollte er einfach das Beste aus der Situation zu machen versuchen.
Endlich hob er wieder den Kopf und musterte Vey mit grimmiger Miene. Ihr zartes Lachen drang zu ihm durch, doch er wahrte seinen ernsten Ausdruck - keine Schwierigkeit für ihn, wo er diesen doch vor seinem Zusammentreffen mit Vey fast ständig zur Schau getragen hatte.
„Denkst du wirklich, ich würde je lächeln?“, grollte er mit gesenkter Stimme und hob in einer stolzen Geste das Kinn. „Da hat dir dein Verstand wohl eher einen üblen Streich gespielt …“ Er ließ einige Momente des Schweigens verstreichen, bis schließlich doch ein Lächeln sich auf seine Lippen schlich, er sich vorbeugte und ihr freundschaftlich, aber sehr sanft gegen die Schulter boxte. Während er sich wieder zurücklehnte und seine stolze Pose aufgab, blickten nun auch seine Augen weniger grimmig. Mit etwas Fantasie konnte man sogar ein amüsiertes Funkeln in seinen dunklen, violett blauen Augen ausmachen. „Naja … Mit etwas Glück wirst du auch in nächster Zeit ab und zu ein Lächeln auf meinen Lippe entdecken können - solange du mich nicht zu anderen Gefühlsregungen bewegst.“, bemerkte er und zwinkerte der jungen Frau bei seinen letzten Worten fast schelmisch zu.

Entschlossen, ihre nächsten Worte schneller mit einem Antwort zu beehren, als die vorhergegangenen, lauschte er ihrer hellen Stimme. Was sie sagte, traf die Situation recht gut … Obwohl es sicher noch weitere Tigún gegeben hätte, die sich mit dieser lebenslustigen Elfe abgefunden und vielleicht sogar gut verstanden hätte. Solche, die seine Vergangenheit teilten.
„Man könnte schon meinen, du hättest mit mir so etwas wie … Glück gehabt“, erwiderte er dieses Mal rascher und mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. „Als freundlich würde ich mich zwar nicht bezeichnen … Aber doch, ich glaube es gäbe da schon einige andere Tigún die dich nicht ganz so behandelt hätten, wie ich es tue. Was nicht heißt, dass ich mich für mein Verhalten dir gegenüber rühmen möchte.“ Vor seinem inneren Auge zeichnete sich ein Bild eines Tigún ab, der ihm auf den Inseln stets aggressiv begegnet war und ihm immerzu mit hasserfüllten Blicken bedacht hatte - Vakhor. Bei ihm konnte er sich durchaus vorstellen, dass er trotz Erfahrungen wie der Nötigung zum Töten in der Arena mit Vey nicht allzu freundlich umgegangen wäre, geschweige denn überhaupt in die Prügelei eingegriffen hätte. Doch wer wusste das schon? Vielleicht schätzte er seinen alten Feind ja auch völlig falsch ein - was er zwar nicht glaubte, aber doch möglich war. Und Personen änderten sich tagtäglich, das konnte auch auf den anderen Tigún zu treffen.

Mit einigen wenigen Bissen hatte Àlvaro du wunderbar süße Frucht verzehrt, leckte sich rasch mit der Zunge über die dünnen, blassroten Lippen und konzentrierte sich dann wieder auf den Boden. Noch immer zeigte die Falte zwischen seinen Augenbraune, wie sehr ihm die Verletzung doch zusetzte, aber natürlich ließ er sich - wie immer - diese Pein nicht anmerken oder bat geschweige denn um eine Pause. Nein, er wollte ihre Reise nicht unnötig verzögern. Solange er weitergehen konnte, sollten sie das auch tun. Seine Beine würden ihm schon zu verstehen geben, wenn ihnen wirklich alle Kraft entwichen war. Auch wenn ein Zusammenbruch vor Vey wohl nicht unbedingt dazu beitragen würde, dass ich sie von der Erträglichkeit meiner Schmerzen überzeugen kann. Durchaus ein Argument, um sich doch der jungen Elfe mitzuteilen. Aber andererseits …
Seine Gedanken würden zum Glück von Vey unterbrochen, die ihm eine Frage zu der soeben verzehrten Frucht stellte. Gab es solche Früchte auf den Inseln? In Gedanken ging er all jene Pflanzen durch, die er von Naleryan kannte. Dazu gehörten vor allem allerlei Kräuter und Beerensträucher - solche grünen Früchte mit orangenem Fruchtfleisch waren ihm in seiner Heimat jedoch niemals untergekommen.
„Nein“, erwiderte er somit schlicht und hob auch nicht den Blick, denn er fürchtete, dann erneut zu Straucheln und die Schmerzen nicht allzu schnell verbergen zu können. „Wie gesagt - das Klima auf Naleryan ist eher rau, solche Früchte benötigen sicher mehr Wärme und Sonne, die in meiner Heimat nicht zur Verfügung stehen. Ich kenne fast ausschließlich Beerensträucher und Kräuter, die aber teilweise auch einen ähnlich süßen Geschmack beweisen.“
Trotz seiner Achtsamkeit trat der Tigún erneut in eine Erdkuhle und Schmerz durchzuckte seine Wunde. Wieder verbiss er sich jegliche Laute, doch dieses Mal gelang es ihm weniger schnell, den Schmerz aus seinem Gesicht zu verbannen - und in seinen dunklen Augen konnte jeder halbwegs gute Menschenkenner ebenfalls die Pein lesen. Auch Vey schien dies aufgefallen zu sein, denn sie schlug ihm unverblümt eine Pause vor. Dabei stellte sie es so dar, als würde sie es sein, die es nach dieser Rast verlangte - was zwar äußerst rücksichtsvoll und freundlich war und ihm nur entgegen kam, aber dennoch war ihm durchaus bewusst, weshalb sie diese Pause wirklich vorschlug. Der Gedanke, diesen Vorschlag auszuschlagen kam ihm gar nicht erst, denn er wusste schon wie schwierig der weitere Weg werden konnte. Da war es besser, auf das Angebot der jungen Frau einzugehen, als seinen Stolz siegen zu lassen und dafür die Heilphase heraus zu zögern. Es war schon schlimm genug, dass er zurzeit unfähig war, seine Begleiterin zu beschützen. Besser, er unterdrückte seinen Stolz jetzt, um sich dann später jeglicher möglicher Gegner erwehren zu können. Außerdem schlug sie ja nicht vor, sich sofort niederzulassen, somit würden sie noch eine gute Entfernung bis Sonnenuntergang zurücklegen können. Er nickte also nur und verfiel in Schweigen.

Natürlich währte die kurze Gesprächspause nicht lange. Aber immerhin hatte er auch eine Frage an Vey gerichtet. Es war ihm wichtig, bald wieder eine schwarze Paste zu haben, mit der er seine Fingernägel verfärben konnte, er würde ihr in diesem Fall also gerade heraus antworten. Und es sprach ja auch sowieso nichts dagegen - außer vielleicht, dass er seine Schwäche für ordentliches Aussehen damit preisgab. Doch welche Frau fand schon etwas an einem Mann, der nicht auf sein Äußeres achtete?
„Es geht um meine Finger- und Fußnägel“, gab er zu, ohne den Blick vom dicht mit fremden Kräutern und Farnen bewachsenen Boden zu heben. „Normalerweise wären sie gräulich, doch in meiner Familie gibt es eine Tradition: Dem Erstgeborenen jeder Generation werden die Nägel regelmäßig mit einer schwärzenden Paste bestrichen, sodass sie sich schwarz färben. So auch bei mir. Am letzten Tag musste ich die Paste mitsamt meinem Bündel zurücklassen … Aber die Farbe wird sich vermutlich mit der Zeit ausdünnen und in ein Grau übergehen, was nicht besonders ansehnlich ist. Doch um die Paste herzustellen, benötige ich eben eine Pflanze, die Schwarz färbt.“ Er stoppte kurz, denn ein Begriff, den Vey verwendet hatte, war ihm völlig fremd. Erst scheute er sich, danach zu fragen, sagte sich dann aber, dass sich die Elfe nicht darüber lustig machen würde. „Würdest du mir erklären, was du mit Kohle meinst? Ich … ich habe dieses Wort noch nie gehört.“

Auf Àlvaros Lippen zeichnete sich nun ebenfalls ein schwaches Lächeln ab, welches auch den Schmerz in seinen violett blauen Augen um einiges trübte. Vey schien sich tatsächlich zu freuen über seine Antwort - wahrscheinlich wäre es ihr furchtbar unangenehm, wenn sie ganz alleine durch diesen Dschungel reisen musste, der doch unendliche Gefahren bot. Mal ganz abgesehen von den Männern ihres Vaters, die ihr noch immer auf der Spur waren. Das sie sich jedoch etwas vor dem Meer zu fürchten schien … Eine seltsame Begebenheit, aber dabei durfte er nicht vergessen, dass sie nicht wie er auf einer Insel aufgewachsen war. Dort waren das Meer, seine heftigen Wellen und Stürme Alltag gewesen, doch die junge Elfe war damit anscheinend nicht vertraut. Den Gedanken, dass sich ihre Wege in Rômachar trennen würden, verdrängte er währenddessen meisterlich.
„Es stimmt schon, das Meer birgt einige Gefahren, aber du wirst sicher nicht allein auf einem Schiff in See stechen.“, bemerkte er, warf kur einen Blick zu und richtete seine Augen dann wieder auf den unebenen Boden. „Und außerdem findet sich - wenn man genug Geld besitzt - eine verantwortungsvolle Crew, die jeden sicher über das Meer bringt.“ Er zögerte kurz, als ihm bei dem Bild von Veys schlankem Körper ein unangenehmer Gedanke kam. „Dennoch solltest du als Frau wohl eher nicht alleine reisen.“

Mittag war schon seit einer Weile vorüber und sie wanderten schweigend durch die unerträgliche Hitze des Dschungels. Um sie herum zwitscherte, raschelte und knackte es unentwegt, aber außer einigen ungefährlichen Vögeln, seltsam schillernden Insekten und einer armdicken Schlange, die sie von einem hohen Ast aus beobachtet hatte, waren ihnen keine Tiere begegnet. Dennoch spürte Àlvaro eine immer größere Erschöpfung, die nicht nur seiner Glieder sondern inzwischen auch seinen Kopf erfasste. Er spürte, wie seine Gedanken sich immer schwerfälliger bewegten und sich ein seltsamer Nebel über seinen sonst doch recht wachen Geist zu legen drohte. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen, um von Veys Vorschlag gebrauch zu machen. Eine Pause an dem kühlen Bach, dem sie schon seit langer Zeit folgten, würde ihm sicher gut tun. Zu seiner Erleichterung nahm die junge Frau ihm diese Aufgabe jedoch ab, ließ sich an dem dünnen, leise dahin plätschernden Wasserlauf nieder und bedeutete ihm, es ihr nachzutun. Langsam, ja fast schwerfällig, ließ sich der Tigún neben sie sinken, beugte sich nach vorne und schöpfte etwas Wasser aus dem Bach, um es sich ins Gesicht zu werfen. Das kühle Nass traf auf seine erhitzen Wangen und brachte augenblicklich Linderung. Mit einem Seufzer schluckte er auch einiges von dem Wasser, um sich nach getaner Arbeit zurück zu lehnen und die angenehme Kühle in seinem Gesicht und in seiner Kehle zu genießen. Veys Worte quittierte er nur mit einem stummen Nicken.
Unter sich spürte er das weiche Gras, weshalb er sich kurzer Hand entschloss, sich gänzlich zu Boden sinken zu lassen. Die Knöchel im Bach mit aufgestellten Beinen legte er sich nieder und schloss für kurze Zeit die Augen, um seinem Geist und seinem Körper etwas Ruhe zu gönnen.
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Fr, 21. Feb 2014 20:37

Aveyn strich sich die Haare aus dem Gesicht und schaute ihren Begleiter fragend an. Doch dieser schien davon nichts zu bemerken. Varo reagierte oft erst nach kurzer Zeit, es schien der Taurrin, als würde er ständig in Gedanken woanders sein. Woran er wohl gerade dachte? Was hätte sie dafür gegeben, das zu erfahren. Sie wollte unbedingt wissen, was in dem Kopf des jungen Mannes vorging, warum er nicht bei der Sache war, fast immer nachdenklich und vorsichtig war und ob sie etwas damit zu tun hatte. Doch leider konnte Vey keine Gedanken lesen. Plötzlich hob Varo den Kopf, als hätte er ihren Blick gespürt, schaute sie mit grimmiger Miene an und knurrte ihr mit tiefer Stimme entgegen. „Denkst du wirklich, ich würde je lächeln?“ Veys Herz machte einen Satz, während sie die Augen vor Angst aufriss – bevor sie bemerkte, dass das Ganze nur ein Spiel war. Sie entspannte sich wieder und hielt dem Blick des Mannes stand, bis sie beide anfingen zu lächeln. Vorsichtig boxte er ihr gegen die Schulter, was sie mit einem breiten Grinsen erwiderte. Hätte sie versucht, das Gleiche zu tun wie er, hätte sich das Mädchen mit ihren kurzen Armen nur lächerlich gemacht. Bei seinen nächsten Worten zog sie fragend, fast spöttisch eine Augenbraue hoch und sein Zwinkern zwang sie fast zu einer neckischen Antwort. „Ach ja? Und die wären?“ Vey baute sich – so gut es ging – vor dem jungen Tigún auf und verschränkte die Arme, aber ein Zucken ihrer Mundwinkel konnte sie nicht unterdrücken, genau so wenig wie das Strahlen in ihren Augen.

„Die Bekannten meiner Eltern waren immer so aufgesetzt freundlich, mit eingemeißeltem Lächeln und dem Ganzen. Sie mussten ja freundlich zu mir sein, sonst hätte es ihre Beziehung zu meinem Vater geschädigt. Aber ich wusste, dass sie mich in Wahrheit für jemanden hielten, der das Blut der Adeligen beschmutzt.“ Die kleine Katzenelfe senkte Traurig den Kopf und biss sich auf die Lippe. Oh nein, sie würde auf keinen Fall wegen diesen Leuten weinen. Das waren sie nicht wert. Sie blickte Varo wieder in die Augen. „Da bist du mir tausend Mal lieber.“, sagte sie völlig ernst.
„Erzählst du mir etwas über dein Leben? Wie hast du deine Kindheit verbracht? Du wurdest bestimmt nicht von einschläferndem Unterricht gequält, oder?“ Die Taurrin neigte ihren Kopf leicht zur Seite und schaute ihren Begleiter fragend an. Sie überlegte, wie Varo wohl als früher ausgesehen haben konnte. Als kleines Kind mit pausbäckigem Gesicht und großen blau-violetten Augen und dunklen – vielleicht lockigen? – Haaren, der auf wackligen Beinen seine ersten Schritte geht; als vielleicht acht- oder neunjähriger Junge mit einem viel zu ernsten Gesichtsausdruck. Aber vielleicht war er ja früher wie jedes andere Kind gewesen, befreit und glücklich. Und der junge Mann, den Vey kennenlernte, war durch seine Zeit auf dem Land geprägt.

„Da hast du aber was verpasst.“, sagte Vey scherzhaft, während sie sich ein weiteres Stück des orangenen Fruchtfleischs in den Mund schob. Beim Essen reden – etwas, dass in ihrem alten Leben nie vorgekommen wäre. Nein, Aveyn würde die unzähligen Verbote und Vorschriften nicht vermissen. Sie hatte erst innerhalb der letzten Monate gelernt, was Freiheit bedeutete, obwohl sie dachte, es schon ihr Leben lang gewusst zu haben. Erstaunlich, wie man sich irren konnte. Auf ihren Vorschlag, eine Pause zu machen, nickte Varo nur kurz, schwieg aber. Vey musste sich beherrschen, um ein belustigtes Funkeln zu unterdrücken. Eigentlich war es gar nicht zum Lachen, schließlich hatte Varo Schmerzen, aber sein Stolz, der schon fast an Sturheit grenzte, belustigte Vey eigenartigerweise. Sie kniff sich in den Arm, um nicht die Mundwinkel nach oben zu verziehen oder den Mund zu öffnen, um irgendetwas zu sagen und ging schweigend neben dem viel größeren Mann her.
Die Katzenelfe legte den Kopf in den Nacken und blinzelte gegen die Sonne. Sie war kurz hinter ihrem höchsten Standpunkt. Es musste kurz nach Mittag sein. Bis jetzt hatten die vielen Schichten von Blättern die heißen Strahlen von den Beiden ferngehalten, doch langsam nahm die Hitze immer stärker zu. Interessiert lauschte Vey Varos Ausführungen über die schwarzfärbende Paste. „Das ist ja interessant. – Was Kohle ist? Warte mal!“ Sie nahm ihren Rucksack von den Schultern und kramte darin herum, bis sie das Papier und einen ihrer Kohlestifte fand. Dann setzte sich das Mädchen auf den Boden und bedeutete Varo, sich neben sie sinken zu lassen. „Hier, das ist ein Kohlestift. Ich glaube aber, es funktioniert genauso gut, wenn du einen dünnen Ast an kokelst, nach kurzer Zeit aber die Flammen löschst. Dann kannst du es damit auch probieren. Und wenn wir den hier nehmen.“ Sie hielt den Kohlestift hoch. „Geht es ganz einfach – hier, siehst du?“ Sie schrieb mit geschwungenen Buchstaben ihren Namen auf das Blatt: VEY. Daneben setzte sie ein ebenso verschnörkeltes: VARO. „Ich denke, auf deinen Fingernägeln sollte es auch halten. Weißt du was? Hier – nimm ihn. Ich habe noch ein paar in meinem Rucksack.“ Sie drückte ihm den Stift in die Hand, wobei sie mit ihren Fingerspitzen seine raue Handfläche berührte. Wieder fühlte sie dieses Knistern. Was es damit wohl auf sich hatte? Und wieder das Gefühl, als würde sie zu schnell reiten. Reagierten alle so auf Tigún? War das eine Art „Nebenwirkung“?

Vey beobachtete, wie die Wassertropfen Varos Wangen hinunterliefen und auf seine Sachen tropften, bevor er sich hinlegte und die Augen schloss. Wäre es unverschämt, ihn jetzt zu beobachten? Ja, beschloss Vey. Doch trotzdem warf sie einen kurzen Blick auf ihren Begleiter – wie er so im Gras lag, wirkte er ruhig und entspannt, fast schon friedlich - der harte Zug um seinen Mund war verschwunden und kein Fältchen grub eine Furche zwischen seine Augenbrauen. Doch fühlte sich die Taurrin auch daran erinnert, wie Varo reglos auf der Wiese gelegen hatte, inmitten all seines Bluts und ohne eine Regung. Schnell wandte sich Vey ab und verdrängte das Bild von dem völlig weißen Gesicht des Tigúns. Stattdessen sah sie an sich herunter. Ihr Kleid war fast vollständig von getrocknetem Blut bedeckt, genauso wie ihre nackte Haut. Kurzerhand sprang die Elfe ins Wasser. Sie wusch ihre Arme und Beine und versuchte auch, den gröbsten Dreck von ihrem Kleid zu beseitigen. Schließlich tauchte sie auch ihre langen Haare ins Wasser und spülte sie aus. Tropfend nass kletterte das Mädchen wieder ans Ufer, wrang ihre Haare aus und fasste sie zu einem hohen Zopf zusammen, den sie mithilfe eines blauen Bandes befestigte. Bei den Temperaturen würden sie schnell wieder trocknen, ebenso wie das durchnässte Kleid. Inzwischen fragte sich die junge Frau, wieso sie nicht etwas Passenderes als ihr Kleid mitgenommen hatte. Das Kleidungsstück war so ziemlich das unpraktischste hier draußen im Dschungel. Vielleicht, überlegte sie, könnte sie aus ihrer alten Hose etwas Neues machen…eventuell die Beinlänge kürzen und sich aus den restlichen Streifen ein Oberteil binden. Das sollte funktionieren. Sie schielte zu Varo, der immer noch im Gras lag – war er eingeschlafen? Naja, selbst wenn, er hatte die Ruhe verdient, dachte Vey und begann sogleich mit der Arbeit. Aus dem Rucksack holte sie die Hose mit dem abgerissenen Bein hervor – der andere Teil befand sich an Varos Wunde – und riss beide Hosenbeine ab, bis sie so kurz waren, dass sie gerade bis zur Hälfte der Oberschenkel reichten. Die abgerissenen Stofffetzen knotete sie zusammen. Und das war es auch schon. Vey schlich sich zusammen mit ihrer neuen Kleidung ins Gebüsch und zog sich um. Die Hose saß nun locker und ließ viel Luft hindurch, das Oberteil schlang sie sich ein paar Mal um die Brust und verknotete es hinter dem Nacken. So ließ sich die Hitze schon viel besser aushalten. Ihr Kleid wrang sie aus und legte es neben den Rucksack zum Trocknen. Gerade wollte Vey wieder zu Varo gehen, als ein Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregte. Irgendwo aus dem Unterholz drang ein Rascheln zu ihr. Ihre Hand zuckte zu dem Dolch an ihrem Bein, dann, während sie langsam rückwärts zum Fluss ging, sagte sie leise aber drängend: „Varo? Wir haben ein Problem. Ich glaube, wir bekommen Besuch…“
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » Di, 14. Apr 2015 16:31

Àlvaro zog die rechte Augenbraue leicht nach oben, als er Veys neckische Antwort vernahm. Die kleine Halbelfe drückte die Schultern durch, schnitt eine Grimasse und schien sich vor ihm aufplustern zu wollen wie ein Vogelmännchen auf Brautschau - oh, was ein charmanter Vergleich ihm da gelungen war -, doch ihr Bemühen grimmig dreinzublicken, war nicht von allzu großem Erfolg geprägt. Dennoch blieb der Tigún einen Augenblick stehen und betrachtete mit einem leicht spöttischen Lächeln seine Begleiterin. Sein Blick verharrte einige Sekunden bei ihren Augen, deren helles Türkisblau ihn immer wieder faszinierte. Eine solch helle, fröhliche Tönung sah man selten, erst recht, wenn man auf den Inseln und dann in einer Todesarena aufwuchs und lebte. Umso schöner war es nun, dieses neckische Funkeln in den Augen des Mädchens zu sehen. Dort war nicht einmal ein Ansatz von Gram, Hass, Trauer oder einem gebrochenen Herzen zu erkennen - sondern reine, ausgelassene Lebensfreude. Hoffentlich bewahrte sie sich diesen Ausdruck noch für lange Zeit.
Endlich ließ sich Àlvaro gespielt genervt zu einem Seufzen herab und ahmte die Pose der jungen Frau nach, indem er sich breitbeinig vor ihr hinstellte, die Arme vor der Brust verschränkte und dann mit spöttisch gehobenen Augenbrauen zu ihr hinab sah. Nicht, dass er sie wirklich verspottete, nein, das tat er keinesfalls! Jedoch wollte er diese seltene Gelegenheit nutzen, ein wenig herumzualbern ohne sich Sorgen um seine Zukunft, seine Vergangenheit oder die nächste Nacht zu machen. Er konnte wirklich nur dankbar sein, dass Vey ihm dies ermöglichte.
„Lass mich überlegen …“, setzte er an und heftete seinen Blick auf ihre Augenpartie. Wie dunkelblau-violett schimmernde, polierte Edelsteine in einer Wüste auffielen, so stachen auch Àlvaros Augen aus seinem Gesicht heraus, als er sein Gegenüber fest fixierte. „Ich könnte dir alle möglichen, negativen Gefühle aufzählen, die du lieber nicht in mir auslösen solltest.“ Sein einer Mundwinkel hob sich leicht zu einem beinahe schelmischen Lächeln, welches überhaupt nicht zu der eher gefährlich anmutenden Erscheinung des stattlichen, jungen Mannes passen wollte. Dann löste er seine Arme und beugte sich zu der jungen Halbelfe herunter, sodass sein Atem über ihr zartes Ohr strich. Ohne es zu wollen hielt er einen Moment inne und sog ihren Duft ein … Ein angenehmes Gemisch aus Pflanzenaromen. Ob sie wohl eine bestimmte Paste verwendete, um sich zu waschen? Ihre langen Haare benötigten vermutlich sehr viel mehr Pflege, als sein praktischer Kurzhaarschnitt.
Wie auch immer .., rief er sich zur Ordnung, ehe seine Gedanken noch weiter abschweifen konnte. So befeuchtete er sich kurz die Lippen, ehe er fortfuhr: „Denn ich vermute mal ganz stark, dass ich dir in vielen Aspekten körperlich überlegen bin.“ Ein schwaches, erwartungsvolles Lächeln umspielte seine Mundwinkel bei diesen Worten, doch noch während er sich wieder aufrichtete, erlosch dieses, um schließlich von einem provokant selbstsicheren - ja, fast arroganten - Schmunzeln ersetzt zu werden. Dazu muss man sagen, dass der Tigún kein Mann war, der sonderlich viel auf sich hielt, im Gegenteil hatte er nur oft genug an seinen Fähigkeiten und seinem Geisteszustand gezweifelt. Doch trotzdem war es ihm schon immer nahezu perfekt gelungen, anderen etwas vorzuspielen - ob sie nun einfach nur zu necken oder ihnen eine Lüge schmackhaft zu machen. Bei ersterem könnte man meinen, er wäre ein wenig aus der Übung, nach dem er so lange Zeit ohne Freunde oder Verwandte verbracht hatte, doch in dieser Zeit hatte er die Fähigkeit, seine Gefühle zu verstecken nur umso mehr perfektioniert. So viel es ihm nun nicht schwer, das kleine Schauspiel für kurze Zeit aufrecht zu erhalten.

Langsam schritten sie nebeneinander her, doch inzwischen fiel es Àlvaro schon sehr viel leichter zu laufen. Er konnte von Glück reden, dass Vey genug von Medizin und den Pflanzen in der Umgebung verstand, um ihn zu verarzten. Ansonsten … Ansonsten hätte ihm alles Mögliche zustoßen können! Eine Entzündung, eine Vergiftung vielleicht, wenn er aus lauter Verzweiflung ein falsches Kraut aß, Raubtiere, die der Blutgeruch anlockte und die in ihm ihr nächstes Festmahl sahen … Es war zwar nicht so, als hätte er sonderlich viel auf sein Leben gegeben, doch es gefiel ihm schon besser, noch auf Erden zu wandeln. Immerhin zählte er gerade mal 23 Sommer - manche Tigún auf den Inseln hatten in diesem Alter noch nicht einmal eine Frau gefunden und eine Familie gegründet, geschweige denn diese Dinge erlebt, welche ihm wiederfahren waren. So war er Vey wirklich zu tiefsten Dank verpflichtet - da bot sich ihm immerhin noch die Möglichkeit, etwas aus seinem bisher weniger erfolgreichen Leben zu machen. Ja, er hatte zum Beispiel die Chance seine Verbrechen an den unzähligen, fremden Kämpfern der Arena wenigstens teilweise wett zu machen. Niemals würden seine Hände so rein sein, dass er sich als ehrenvollen Mann hätte bezeichnen können, doch ein Stück seiner Ehre wiederherzustellen … Allein das reichte ihm schon.
Während er in diese düsteren Gedanken versunken war, hatte sich ein Schatten über das Gesicht des jungen Tigún gelegt. Seine Mundwinkel hatten sich gesenkt, seine Augen verengt und zwischen seinen Augenbrauen zeichnete sich die allzu bekannte Falte ab. Erst als Vey wieder das Wort ergriff, um zu einer Erwiderung anzusetzen, wurde sich Àlvaro seines grimmigen Gesichtsausdruckes bewusst und setzte sogleich eine halbwegs offene Miene auf. Ob diese nun so wirklich überzeugend wirkte - das konnte er natürlich nicht beurteilen.
Die junge Halbelfe an seiner Seite berichtete inzwischen von den Begebenheiten aus ihrem Leben, welche ihr wirklich zu schaffen zu machen schienen. Ihre traurig gesenkter Kopf löste in Àlvaro das Bedürfnis aus, sie zu trösten, ihr zu helfen - doch wie so oft wusste er, dass er für solche Sachen nicht geschaffen war. Um zu trösten, musste man sanfter Natur sein, musste man zärtlich sein, die richtigen Worte finden … Doch genau diese drei Dinge waren ihm nicht gegeben. Natürlich hatte er sich auf Naleryan wirklich bemüht, seinen kleinen Bruder zu trösten - was ihm durchaus gelungen war - aber seit dem war so viel passiert, so viel hatte sich verändert. Er hatte sich verändert und - was ebenso wichtig war - Vey konnte er wohl kaum mit Ieuan gleichsetzen. Vermutlich hätte er sie nur verschreckt, ihr womöglich noch wehgetan mit schlecht gewählten Worten. Außerdem gehörte zum Trösten immer auch dazu, dass man sich selbst ein wenig öffnete und damit hatte der Tigún weniger gute Erfahrungen. Unbehaglich wandte er den Blick ab. Der Halbelfe gegenüber hatte er sich schon ungewohnt offen verhalten, einfach, weil sie so offen und freundlich zu ihm gewesen war und das in einer unschuldigen, ja manchmal ein bisschen naiven Weise. Aber es hatte ihm gefallen, gefiel ihm immer noch. Dennoch traute er sich selbst nicht über den Weg, wusste er doch selbst, wie sehr er sich an eine Person band, wenn er sie erst einmal vollkommen in sein Herz geschlossen hatte. Und irgendwann würden sich ihre Wege ja sowieso wieder trennen …
Trotzdem berührte sie etwas tief in ihm, etwas, das er schon lange versteckt gehalten hatte. „Da bist du mir tausend Mal lieber.“ Für einen Augenblick schloss der junge Mann die Augen. Aus dieser Sache schien er wirklich nicht mehr herauszukommen. Nicht, dass er es wirklich gewollt hätte, aber es barg so viele Gefahren …!
„Niemand kann das Blut irgendeiner Familie, Rasse oder eines Volkes beschmutzen.“, erwiderte er endlich leise und seufzte. Die nächsten Worte waren aus seinem Mund ehe er sie stoppen konnte, denn er hatte schon so lange darauf gebrannt, sie auszusprechen. Erst in und nach der Arena war ihm wirklich bewusst geworden, was die Einteilung in Rassen und Völker für Folgen hatte, welche Ungerechtigkeiten sie provozierte. „Ich weiß nicht, wer diesen irrsinnigen Gedanken in die Welt gesetzt hat, aber jeder hat ein Recht zu leben - und zwar gut zu leben. Es ist doch vollkommen egal, wie man aussieht oder von wem man abstammt. Letztendlich machen unsere Taten uns zu dem, was wir sind.“ Doch auch wenn er wirklich an diesen letzten Satz glaubte, Werwesen konnte er immer noch nicht in dieser Art akzeptieren. Dagegen sträubten sich seine tiefsten Instinkte. Vermutlich war kein Lebewesen dazu geschaffen, nach dem Prinzip zu leben, welches Àlvaro soeben genannt hatte.

Dann zuckten die Mundwinkel der jungen Tigún unwillkürlich. Sein Blick wanderte herüber zu Vey, die ihren Kopf fragend zu Seite geneigt hatte und ihn aus unschuldig glänzenden, türkisen Augen ansah. Etwas an ihrem Gesichtsausdruck machte ihn misstrauisch … Ja, es sah fast so aus, als wolle sie sich über ihn lustig machen. Für einen Augenblick verengte Àlvaro die dunklen Augen, zwang sich jedoch gleich darauf dazu, seine Züge zu entspannen. Sie konnte ja nicht wissen, wie er auf Spott reagierte, außerdem hatte er sich selber auch schon mal die eine oder andere spöttische Bemerkung über sie erlaubt.
Doch diese Frage nach seinem Leben, genauer gesagt seiner Kindheit … Das weckte in ihm wirklich eine kühle Abweisung. Grund dafür war die Notwenigkeit sich emotional abzuschirmen, was ihn die Arena überleben hatte lassen. Da dies erst wenige Wochen zurücklag, konnte man ihm es wohl nicht verdenken, dass er auf persönliche Fragen etwas empfindlich reagierte. Außerdem war er Fremden gegenüber nie sonderlich offen gewesen, immerhin war es nicht notwendig, andere Leute mit der eigenen Lebensgeschichte zu langweilen beziehungsweise ihnen damit Informationen zu geben, die später gegen einen selbst verwendet werden konnten. Es war also ein reiner Schutzmechanismus, der sich nun in ihm regte.
Dieses Mal konnte und wollte er seine Stimmung nicht verbergen und so seufzte der junge Mann nur und wandte den Blick gedankenverloren ab ins Dickicht.
„Um ehrlich zu sein, spreche ich nicht gerne über meine Kindheit.“, begann er leise, während sich zwischen seinen Augenbrauen erneut die wohlbekannte Falte bildete und ein abwesender Blick in die dunkelblauen Augen trat. „Eigentlich bin ich die meiste Zeit über die Inseln gestreift, habe gelernt, in der Wildnis zu überleben und - als es soweit war - mich auch mit meiner Nachtgestalt vertraut gemacht.“ Erst jetzt wandte er seiner Reisegefährtin wieder den Blick zu. Ob sie sich damit zufrieden geben würde? An sich war sogar alles gesagt, er hatte eben nur die Details ausgelassen.

Bald hatten sie zusammen die süße Frucht verzehrt und Àlvaro genoss noch für einige Momente mit einem schwachen Lächeln den angenehmen Nachgeschmack. Am Tage aß er selten mehr als ein paar Beeren, doch selbst das war in letzter Zeit oft ausgefallen - immerhin kannte er hier so wenige Pflanzen, er würde sich wohl jeden zweiten Tag aus Unwissenheit vergiften. Gerade das konnte er natürlich gar nicht gebrauchen, wenn er in einem fremden Land überleben wollte - noch dazu mit einem Mädchen an seiner Seite, das seinen Schutz benötigte.
Sein Blick wanderte unauffällig zu Vey herüber, die nun schweigend neben ihm herlief. Sie war wirklich zierlich und klein, wirkte fast zerbrechlich in ihrem weiten Kleid. Ob sie in ihrem Leben je eine wirklich gefährliche Situation erlebt hatte? Einen Raub, einen Mord oder vielleicht einen Vergewaltigungsversuch? Bei dem Gedanken an letzteres verzog der Tigún den Mund zu einer verächtlichen Grimasse und in seinen Augen glomm jene Wut auf, die er stets bei solcher Art von Taten empfand. Es war einfach nur schrecklich egoistisch, abartig und ehrlos, einer Frau seine Lust aufzuzwingen. Natürlich gab es Situationen, in denen ein Mann sich allzu gerne beim Anblick der Weiblichkeit erleichtert hätte, doch selbst dann hatte man sich zu zügeln. Àlvaro hätte nie auch nur im Traum daran gedacht, sich mit Gewalteinwirkung Befriedigung zu beschaffen. Wenn dann sollte es freiwillig geschehen - denn der freie Willen war wohl das Kostbarste, was man besaß. Jemandem das zu nehmen war noch schlimmer, als ihn zu töten.

Schweißtropfen rannen über die Schläfen des jungen Mannes, während er erneut mit einem Schmerzanfall rang, diesen aber erfolgreich niederkämpfte. Zwar hatte seine Anspannung vermutlich gezeigt, dass ihm nicht allzu wohl war, doch immerhin hatte er sich jedwede Klage verbieten können. Welche Art von Mann ließ sich denn auch zum Jammern hinreißen …?
Dennoch war er ein wenig erleichtert - was der Tigún natürlich niemals zugegeben hätte -, als Vey sich niederkniete, um ihm Kohle zu zeigen. Was auch immer es war, Àlvaro ließ sich mit einem ungewohnt neugierigen Funkeln in den Augen neben der Halbelfe nieder und wartete, bis sie einen Bogen Papier und einen schwarzen Gegenstand aus ihrem Rucksack hervorgeholt hatte. Dann beobachtete er verwundert, wie sie mit dem dunklen Ding über das helle Papier kratzte und dabei einige Striche hinterließ. Sie malte … Nein, schrieb! Àlvaro hatte Menschen oder auch Elfen schon vorher dabei beobachtet, wie sie Nachrichten auf Papier niederschrieben, um es weiterzuschicken oder sonst wie zu verwenden. Er selbst hatte nie lesen und schreiben gelernt.
„Was hast du dort aufgeschrieben?“, fragte er also langsam, nachdem sie den Gegenstand - einen Kohlestift - benannt und eine vereinfachte Art der Herstellung beschrieben hatte. Mit seinen schwarzen langen Fingernägeln näherte er sich vorsichtig dem Blatt Papier, als könne er es mit einer bloßen Berührung zerreißen. Dann tippte er mit der Spitze seines Nagels am Zeigefinger darauf - nichts passierte. Ermutigt fuhr er die Linien nach, zuerst die des ersten Wortes dann die des zweiten. Der Anfangsbuchstabe schien gleich zu sein - was hatte sie da wohl geschrieben?
Er blinzelte kurz überrascht, als die junge Frau ihn gleich darauf erneut ansprach und hob den Blick von dem Blatt, um sie anzusehen. Da drückte sie ihm plötzlich den Kohlestift in die Hand, anscheinend hatte sie genug. Mit leicht gehobener Augenbraue betrachtete der Tigún das schwarze Ding in seiner Hand. Ob es wohl halten würde? Einen Versuch war es vielleicht wert.
„Danke“, erwiderte er also knapp, widmete sich dann aber erneut der Schrift. Irgendwie faszinierte es ihn, dass es eine Möglichkeit gab, Nachrichten über weite Entfernungen auszutauschen, ohne sich treffen zu müssen.

Der junge Mann hatte sich gänzlich im weichen Gras am Wasserlauf ausgestreckt und genoss die Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Die nackten Zehen bewegte er leicht, um sie von dem ganzen Gelaufe zu lockern, entspannte Beine und Arme und hielt die Lider geschlossen. Seiner Wunde ging es schon wesentlich besser, es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er wieder voll einsatzfähig war. Es gelang ihm sogar, einige Minuten zu dösen, doch als es dann in der Nähe platschte und einige Wassertropfen auf seine Schienbeine niederregneten, öffnete er die Augen zu schmalen Schlitzen.
Beruhigt stellte er fest, dass es nur Vey war, die sich gewaschen hatte. Da er nicht den Eindruck machen wollte, er würde sie heimlich beobachten, schloss der Tigún erneut die Augen und lauschte nur vollkommen reglos ihrem geschäftigen Hin und Her und den Geräuschen des Dschungels. Dieses Gezwischter der Vögel und andere eigenartige Laute - ob sie nur von Tieren stammten, wusste er nicht genau - vermischten sich zu einem beinahe angenehmen Hintergrundgeräusch, welches ihn beinahe an seine Heimat erinnerte. Zwar hatte man dort im Wald ganz andere Laute gehört, meist auch unterlegt vom Rauschen des Meeres oder der Baumkronen, doch auch hier konnte er das pulsierende Leben der Natur erahnen. Auch hier befand er sich in unberührter Wildnis - fast wie auf Naleryan. Bloß, dass er hier beinahe unerträglich heiß war.
Plötzlich erregte ein Rascheln seine Aufmerksamkeit, dass scheinbar nicht von Vey stammte. Gleich darauf folgten einige Worte der Halbelfe, welche seinen Verdacht bestätigten. Ruckartig öffneten sich seine Augen und auch wenn seine Wunde protestierte und Schmerzen durch sein Bin schossen, richtete sich der Tigún rasch zu voller Größe auf. Seine guten Ohren verrieten ihm, dass es sich um ein Tier handelte, das mit bedächtigen Pfotenschritten auf sie zu schlich. Es befand sich auf ihrer Seite des Flusses, was Àlvaro sofort dazu bewegte, Vey ohne Rücksicht auf möglichen Widerspruch hinter sich zu schieben.
„Geh hinüber zur anderen Seite des Baches.“ Ohne sich zu vergewissern, dass sie tat wie ihr geheißen, trat er einen Schritt vor und begab sich in eine leicht geduckte Haltung, die Hände zur Abwehr bereit zu leichten Fäusten geballt. Auch wenn es sich um ein Tier handelte, konnte er es mit seinen bloßen Fäusten für einige Zeit aufhalten, je nach Größe es womöglich sogar zurückschlagen. Auch das hatte er auf den Inseln gelernt.
Endlich bogen sich einige riesige Farnhalme beiseite und der geschmeidige Körper einer Raubkatze schob ich langsam aus dem Dickicht. Ihr Fell war von einem goldenen Braunton, gespreckelt mit schwarzen Flecken. Der Kopf war breit, die Leftzen zu einem Fauchen zurückgezogen und der Geruch von Wildheit und Aggression schlug Àlvaro entgegen.
Das Tier erinnerte ihn an eine der Katzen, die auf den Inseln lebten - die nachtschwarzen Panther. Selbst wenn sie sehr gefährlich waren, auch ihnen konnte man entkommen. Im Allgemeinen duldeten Tigún und Panther einander, so kam es selten zu Kämpfen, doch manchmal hört man durchaus von einer getöteten Werkatze. Àlvaro selbst hatte nie mit einem solchen Tier gekämpft - aber es gab schließlich immer ein erstes Mal.
Mit einem tiefen Knurren näherte sich die Raubkatze um einige Schritte und hielt dann inne, um ihn zu beobachten. Àlvaro wich nicht zurück, stattdessen knurrte er ebenfalls aus tiefster Kehle, ein Geräusch, was alles andere als menschlicher Klang. Es kam aus den Tiefen seinen Körpers, aus den Regionen, in denen die Bestie lauerte. Wäre es Nacht gewesen, hätte er angegriffen und die Katze gnadenlos abgeschlachtet. Doch in seiner menschlichen Gestalt war er diesem Tier vermutlich unterlegen.
Was also sollte er tun? Schon beim ersten Anblick war ihm das stumpfe Fell der Raubkatze aufgefallen. Man konnte die Rippen unter ihrem Fell zählen - dieses Tier war halb verhungert und in seiner Verzweiflung verschmähte er jetzt nicht einmal Menschenfleisch. Doch neben der Wut und der Aggression, die die Haltung des Tiers ausstrahlte, erkannte Àlvaro auch die tief sitzende Angst der Raubkatze. Ihre Ohren waren lange nicht so ruhig angelegt, Schnurrhaare und Schweif zuckten unruhig. Vielleicht bedurfte es ja nur einiger Einschüchterung, um dieses Tier in die Flucht zu schlagen …
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » So, 03. Mai 2015 13:37

Aveyns Blick fixierte den ihres Gegenübers. Eine kleine Ewigkeit - so erschien es Vey, in Wirklichkeit mochten es wohl nur ein paar Sekunden gewesen sein - starrten die Beiden sich an, jeder in dem Wissen, würde er zuerst wegschauen, stände er als der Verlierer da. Natürlich sah sie lächerlich aus, das wusste die Taurrin, wie sie Àlvaro nicht mal bis zu den Schultern reichte. Aber bei den Göttern, es war nur Spaß und ein bisschen Spaß war doch wohl nicht verboten?! Also stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um etwas an Größe zu gewinnen und stach das Violett seiner Augen mit dem Türkis ihrer eigenen nieder. Beziehungsweise - sie versuchte es. Ein lustiger Anblick musste das sein. Endlich antwortete Varo auf ihre Frage, wenn auch anders, als sie erwartet hatte. Gab sie ihm denn einen Grund für negative Gefühle? Sie hoffte es nicht. Sie wollte doch, dass er sich freute und...Bevor die junge Frau in ihre Gedanken abtauchen konnte, erregte Varo wieder ihre Aufmerksamkeit, indem er sich aus seiner steifen Pose befreite und sich zu ihr herunterbeugte. Vey versteifte sich kaum merklich, als sein Atem ihr Ohr streifte. Ihr Herz begann wie wild zu pochen, sie befürchtete schon, Varo konnte es hören. Warum sie so auf ihn reagierte? Dass wussten wohl nur die Götter! Sie wusste nur, dass es nicht Angst war, die sie dazu veranlasste. Kurz verharrte er neben ihr, und Vey ermahnte sich, den Blick starr nach vorn gerichtet zu halten. Dann, endlich, flüsterte er ihr die Begründung für seine vorige Aussage zu, bevor er sich aufrichtete und sie provokant anlächelte. Doch Aveyn wollte noch nicht aufgeben. Sie tat es Varo gleich, indem sie ganz nah an ihn herantrat und sich so sehr streckte, wie ihr Körper es zuließ. Sie waren immer noch nicht auf gleicher Höhe, doch es musste reichen. "Sei dir da mal nicht so sicher."[/color], hauchte sie dem jungen Mann entgegen. Dann ging sie wieder einen Schritt auf Abstand, um sich nicht den Hals verrenken zu müssen, um ihn anzuschauen - verdammte Größe - und tauschte einen kurzen, überlegenen Blick bevor sie sich einfach nicht mehr zurückhalten konnte. Sie kicherte los und schlug Varo sanft gegen den Arm. "Du kannst ganz schön...überzeugend sein. Und dabei immer noch ein wenig düster. Lach doch mal!" Dabei stupste sie ihn wieder an.

"...Letztendlich machen unsere Taten uns zu dem, was wir sind." Vey blickte zu dem Tigún auf und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, die sich irgendwie dorthin verirrt hatte. "Oh, das hast du aber schön gesagt." Ihre Stimme zitterte etwas und sie schluckte. "Vielleicht schlummert in dir ja doch irgendwo noch ein lieber, sensibler Tigún.", sagte sie nun mit fester Stimme und einem Zwinkern in den Augen. "Und ich habe mir fast vorgenommen, diesen zu wecken." Sie lächelte ihren Begleiter an. "Ob du willst, oder nicht!"
Den Kopf zu Seite geneigt wartete sie auf eine Antwort, doch dann sah sie, wie Varos Blick sich verdunkelte und sie zog die Augenbrauen verunsichert zusammen. Hatte sie etwas falsches gemacht? War sie zu weit gegangen? Doch gleich darauf war der Ausdruck aus seinem Gesicht verschwunden, vielleicht hatte Vey sich ihn ja auch nur eingebildet. Doch dann verriet er ihr, dass er nicht gerne über seine Kindheit redete und wurde wieder so abweisend. "Das tut mir leid, ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen." Also war es doch keine Einbildung gewesen. Seine Kindheit war wohl nicht sonderlich schön gewesen. Vey konnte gar nicht anders, sie bemitleidete diesen armen jungen Mann. Ein Recht auf eine schöne Kindheit hatte doch wohl jeder. Ob er Freunde gehabt hatte? Sie hoffte es für ihn, aber gleichzeitig auch wieder nicht, denn das würde ja bedeuten, dass er diese auf den Inseln zurückgelassen hatte - wenn auch nicht freiwillig. Und dann war doch noch seine Nachtgestalt, wie er es nannte. Über die wollte Aveyn lieber nicht nachdenken, denn sobald sie sich an diese Nacht erinnerte, hörte sie brechende Knochen und die Schreie der Sterbenden. Sie schüttelte sich bei diesem Gedanken. Konnte Varo diese BEstie kontrollieren? Hatte er die Menschen mutwillig getötet. Hoffentlich nicht. Und so verfielen sie wieder ins Schweigen.

Es war schon lustig, wie fasziniert die Elfe von Àlvaros Faszination war. Er beobachtete jeden Schwung, den sie mit dem Kohlestift machte ganz genau. Er fragte sie nach der Bedeutung der Worte - hatte er nie lesen und schreiben gelernt? Eigentlich hätte sie das gar nicht wundern müssen, schließlich gaben die meisten nicht sehr viel auf solche Fähigkeiten. Für sie zählte nur das Überleben. Varo fuhr mit seinen Fingern vorsichtig die Buchstaben nach. "Das sind unsere Namen. Hier links steht meiner, Vey." Sie nahm seine Hand und fuhr nun mit ihm zusammen die Linien entlang. "Und dort steht dein Name, jedenfalls glaube ich, dass Varo so geschrieben wird." Wieder malten sie zusammen die einzelnen Buchstaben nach. "Willst du es auch mal probieren?" Sie hielt ihm den Stift und das Blatt hin. Und als sie sah, dass Varo den Blick gar nicht von den Wörtern abwenden konnte, fügte sie hinzu: "Wenn du willst, kann ich dir auch noch mehr zeigen?"

Kaum hatte sie ihren Verdacht ausgesprochen, stand Varo auch schon und hatte sie hinter sich geschoben, bevor die Halbelfe ein weiteres Wort sagen konnte. "Ich kann dich doch nicht hier allein lassen!", empörte sich die Elfe, doch Varo konzentrierte sich voll und ganz auf das Unterholz vor ihnen. Also tat sie, wie ihr geheißen uund watete in den Fluss hinein. Wie sollte sie Varo auch helfen? Ein Mädchen von ihrer Größe und mit ihrer Kraft...da könnte er auch gleich allein kämpfen. Und immerhin konnte sie ihn dann wieder zusammenflicken, sollte er sich erneut verletzen. Etwa in der Mitte der Baches hielt sie jedoch an und drehte sich zu Varo um. Sie kramte ihre Zwille und ein paar Steinchen aus dem Beutel und spannte den ersten ein. Bereit zum Loslassen positionierte sie sich so, dass sie im Notfall würde eingreifen können. Dann öffnete sich das Blätterdickicht un ein Jaguar trat hervor. Oh nein! Das Tier sah völlig ausgehungert aus und hielt direkt auf Varo zu. Dieser blieb einfach seelenruhig stehen. Dafür hatte er Veys größten Respekt..sie wäre schon auf dem nächsten Baum gewesen...Na gut, wahrscheinlich wäre sie nicht so weit gekommen.. Die Raubkatze knurrte und dann tat der junge Mann etwas, das Vey nie von ihm erwartet hatte - er knurrte zurück. Und wie er das tat! Bei dem Geräusch stellten sich Aveyns Nackenhaare auf. Zitternd hielt sie die Zwille in der Hand, ihre Nerven zum Zerreißen gespannt, und wartete, was als nächstes passieren würde...
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » So, 10. Mai 2015 10:40

Beinahe zuckten Àlvaros Mundwinkel, als Vey sich auf die Zehenspitzen erhob und ihm unerschütterlich und mit vor wilder Entschlossenheit funkelnden, türkisblauen Augen anstarrte. Ihm bereitete es keine Mühe, ihren Blick zu erwidern - schon als Kind war er außerordentlich stur gewesen, das hatte ihm auch allzu oft Ärger gebracht, doch gelernt hatte er daraus trotzdem nichts. Sein Wille blieb sein Wille, daran konnte kein Mensch oder Elf oder Was-auch-immer etwas ändern. In der Arena war sein Will gebeugt worden, er hatte tatsächlich die Schande auf sich gezogen, nach der Nase andere zu tanzen und dabei das Interesse der Allgemeinheit vernachlässigt. Manchmal, ja leider relativ selten, hatte er sich wiedersetzt und allein seinen Willen durchzubringen versucht - aber das hatte ihm weder Erfolg noch Genugtuung eingebracht, sondern Schmerzen, Narben und einen tief sitzenden Grimm.
Trotzdem war er nicht gebrochen, auch wenn der Tigún mehrmals knapp davor gewesen war. Er wusste selbst nicht so recht, wie er diese grauenhafte Zeit durchgestanden hatte, ohne größere, psychische Schäden davonzutragen … Fakt war, er hatte er geschafft. Und nun konnte er endlich wieder nach seinem Willen leben, seine Freiheit einfordern und würde sich von nichts und niemandem niedermachen lassen.

Ein Hauch von Unsicherheit schlug ihm entgegen als Vey sich nun ihm näherte und erwiderte dabei seinen starren, beinahe herausfordernden Blick. Ohne sich etwas anmerken zu lassen beobachtete er jede Regung ihres Gesichtes und meinte dabei, ein leicht nervöses Funkeln in ihren hellen Augen zu sehen. Ob er es tatsächlich geschafft hatte, sie zu verunsichern? Einerseits wirkte Aveyn manchmal so stark wie man selten eine Frau erlebte, dann jedoch wieder zeigte sich an ihr auch eine leicht hilflose, zerbrechliche Seite. Letzteres hatte er bisher weniger oft wahrgenommen, doch vermutlich war die Elfe insgeheim nicht ganz so tough wie sie sich gab. Aber war das nicht eine ganz normale Schutzfunktion eines jeden? Er selbst tat doch auch nichts anderes, als sein angreifbares Inneres zu schützen - wenn auch durch andere Mittel als Vey.
Schließlich hatte sich das Mädchen ihm bedächtig genähert, sodass nicht einmal mehr eine Handbreit sie trennte. Ihr Duft umschwebte ihn wie das liebliche Aroma einer reifen Frucht und er musste sich tatsächlich ein wenig zusammenreißen, um zu verbergen, was diese Nähe gerade in ihm auslöste. Ihr zierlicher, dennoch drahtiger Körper nur so knapp von ihm entfernt, dass er ihre Wärme schon spüren konnte. Ihr Mund so nah an seinem Gesicht, dass ihr entweichender Atem auf seiner Wange prickelte… Es war seltsam für ihn, eine Frau so nahe bei sich zu haben. Wann hatte er sich bloß das letzte so nah bei einer befunden? Vor einigen Monden oder gar Sonnenläufen? Quinta hatte stets Abstand zu ihm gehalten, weshalb auch immer - er hatte dies ohne Nachfrage akzeptiert. Immerhin hatte sie genug für ihn getan, da musste er sich ihr nicht auch noch aufzwingen. Aber … Was wäre wohl passiert, wenn sie sich ihm angenähert hätte? Wäre er darauf eingegangen? Hätte er überhaupt das Richtige getan oder es - was wesentlich wahrscheinlicher war - einfach vermasselt?
Mit einem Mal war sich Àlvaro der Tatsache nur allzu bewusst, dass noch nie zuvor in seinem Leben so nahe bei einer Frau gewesen war, die er nicht hatte bekämpfen müssen oder die aus seiner Familie stammte. Und noch deutlicher wurde ihm seine mangelnde Erfahrung mir Frauen bewusst. In seinem bisherigen Leben war nie Zeit für Beschäftigungen mit dem anderen Geschlecht gewesen. Wäre er nicht von den Inseln entführt worden, hätte er vielleicht um eine Tigún geworben, sich verliebt, sich getrennt, sich erneut verliebt … Ja, er hätte vielleicht schon vor einigen Jahren das erste Mal bei einer Frau gelegen. Doch das Leben hatte ihm dies wohl nicht gönnen wollen und so war Àlvaro noch immer vollkommen unberührt.
Instinktiv fragte er sich, ob dies bei Vey auch der Fall war. Fragen konnte er sie schlecht - das würde sie ihm sicherlich übel nehmen - aber vielleicht würde er ja über Umwege erfahren, ob sie schon vor ihrer geplanten, arrangierten Ehe mit dem Auserwählten hatte schlafen müssen oder sie bei jemand anderen gelegen hatte. Ob es wohl Brauch war hier in Menainon, schon vor einem Bund für’s Leben mit dem baldigen Partner das Bett zu teilen? Àlvaro konnte nur raten, hätte aber keinen Penny darauf gewettet, dass seine Annahme stimmte. Er kannte sich ja mit einigen Dingen aus - aber die Traditionen der Festländler gehörten sicherlich nicht ddazu.
Ihr Hauchen noch im Ohr, zeigte er sein bestes überhebliches Grinsen und wollte schon zu einer Antwort ansetzen. Da brach die Halbelfe in ihr Schweigen und fing an ausgelassen zu kichern. Fasziniert beobachtete der Tigún, wie ihre sanften Lippen erbebten, ihre Augen sich leicht verengten und dafür umso heller und glücklicher strahlten. Dieses Spiel hatte ihr also gefallen - das musste er sich merken.
Er machte sich nicht die Mühe, auszuweichen, als sie ihm leicht gegen den schlug. Ihre Worte entlockten ihm ein müdes Lächeln und sogar in seinen dunklen, blau-violetten Augen schimmerte für einen Augenblick Belustigung.
„Mal sehen, ob sich das in nächster Zeit einrichten lässt …“

Verwundert stellte der junge Mann fest, dass Vey Tränen in den Augen standen. Noch bevor er hätte fragen können oder sich weiter darüber Gedanken machen konnte, wischte Vey die kleine, flüssige Perle mit einer raschen Handbewegung weg und fasste sich. Dennoch kam Àlvaro nicht umhin sich nach dem Grund dieser Reaktion zu fragen. Eigentlich meinte er nicht, etwas falsch gemacht zu haben - aber er war schon so oft davon ausgegangen, er habe alles richtig gemacht und hatte im Nachhinein festgestellt, dass er sich nicht hätte dümmer anstellen können. Vermutlich hatte er wieder irgendeine Andeutung gemacht, die hier auf dem Festland - wo so unglaublich viele Regeln selbst bei der Sprache zu beachten waren und man nicht sagte, was man auf dem Herzen hatte sondern alles peinlichst umschrieb - als anstößig oder beleidigend aufgefasst wurden.
Dann jedoch lieferte ihm Vey mit zittriger Stimme eine kleine Erklärung. Anscheinend hatten seine Worte sie berührt - deshalb waren ihr vermutlich die Tränen gekommen. Zwar war es Àlvaro immer seltsam vorgekommen, wenn Frauen geweint hatten, weil etwas so wunderbar war (das hatte er auch schon manchmal auf den Inseln erlebt), aber es schien, als wäre das etwas typisch Weibliches.
Weinen, wenn etwas Schönes Passierte. Der Tigún runzelte kaum merklich der Stirn, während er Veys weiteren Worten lauschte und ihr dabei gelegentlich prüfend ins Gesicht sah, um sich zu versichern, dass die junge Frau sich beruhigt hatte. Eigentlich war es ja ziemlich unlogisch, Tränen dabei zu vergießen, obwohl man sich doch hätte freuen sollen. Aber das war wohl eines der Mysterien an Frauen, die einige Männer in der Arena manchmal erwähnt hatten. Ein Mann würde wohl das wohl niemals verstehen … Und erst recht nicht einer, der so ungebildet und unerfahren mit Frauen war wie er selbst.
Als die Elfe mit einem entschlossenen Lächeln ihre kleine Ansprache beendete, presste Àlvaro die Lippen einen Augenblick fest zusammen, ehe ein leichtes Seufzen ihn überkam. Wie sollte er Vey nun wieder erklären, dass das nicht so einfach war, wie sie sich das vorzustellen schien? Erstens war er gefährlich und in ihm schlummerte nicht nur vielleicht eine sensible Seite, sondern - und da war er sich ganz sicher - eine Bestie, die jede Nacht nach Blut schrie und manchmal auch am Tage, wenn ihn unbändiger Zorn überkam. Er würde nicht zulassen dürfen, dass sie ihm noch näher kam, immerhin würde er sie damit nur in Gefahr bringen. Und außerdem - und das war der zweite Hacken an der Sache - hatte er ja gar nicht vor, hier auf dem Festland zu bleiben. Er wollte zurück in seine Heimat, nach Naleryan, und auf diese raue Insel voller Gefahren würde er die liebenswerte Halbelfe sicherlich nicht mitnehmen.
Aber was davon konnte er ihr eigentlich wirklich sagen?
„Sei mal lieber vorsichtig mit deinen Wünschen“, ermahnte er sie und schlug dabei eine halb ernsten, halb scherzenden Tonfall an, um sie nicht zu sehr zu verschrecken. Betont entspannt schritt er weiter neben ihn einher. Sein Blick wanderte einige Mal kurz zu ihr herüber, verweilte auf ihren Zügen und strich dann langsam weiter. „Es ist nicht ungefährlich mit einem Tigún zu reisen, aber das solltest du wohl schon bemerkt haben.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und hoffte, die unangenehme Stille zwischen ihnen, nur durchbrochen vom Gekreische und Gezwischter der Vögel um sich herum, würde sie an das erinnern, was sie in jener Nacht gesehen hatte. In jener Nacht, in der ihr vor ihren Augen zur Bestie geworden war und die Soldaten mitleidslos zerfleischt hatte. Sicher würden diese Erinnerungen an den Gestank nach Blut und Eingeweiden ihr ins Gedächtnis rufen, was für ein Balanceakt diese Reise für sie eigentlich war.
„Aber andererseits möchte ich dir nicht zu viel Angst machen“, fuhr er schließlich bedächtig fort und wandte den Blick ab. Seine Miene verschloss sich wie das Eisentor einer Festung, welches keinem einen Blick auf das Dahinterliegende gestattet. Er wollte nicht, dass sie seine Sorge, ja, seine Angst sah. Denn er musste sich eingestehen, sie zu verschrecken oder zu vertreiben wäre zwar zweckmäßig gewesen und hätte ihm das Leben um Einiges erleichtert, hätte ihm aber doch sehr zugesetzt. Weshalb wohl weckte gerade sie diese … seltsamen Gefühle in ihm? Dieses zierliche, kleine Elfenmädchen vom Festland! Warum denn nicht eine Tigún, warum passierte ihm gerade dieses … ja, Missgeschick, dass er sich öffnete, sich unbewusst an jemanden band … Warum verdammt nochmal hatte das nicht noch ein paar Monde Zeit gehabt?
Während diese Gedanken wie aufgeschreckte Vögel in seinem Kopf durcheinander flogen und eine unangenehme Hitze, ein gefährliches Gemisch aus Selbsthass und Ignoranz, in ihm aufstieg, sprach er weiter ohne sich jegliche Beunruhigung anmerken zu lassen.
„Für Tigún Verhältnisse habe ich mich relativ gut unter Kontrolle - auch wenn es natürlich immer besser sein könnte.“, fügte er abschließend mit einem kleinen, bitteren Lächeln hinzu und ließ das Thema endlich fallen.

Mit grimmiger Zufriedenheit stellte Àlvaro fest, dass Vey nicht weiter nachfragte, sondern seine Schweigsamkeit akzeptierte. Der bittere Geschmack der Erinnerungen lag ihm immer noch auf der Zunge, doch nun entspannte sich wenigstens seine Kieferpartie, die zuvor ununterbrochen gemahlt hatte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, richtete er seinen Blick auf den Dschungel vor ihnen und konzentrierte sich auf die Geräusche des Waldes. Es hatte etwas Beruhigendes an sich, der Natur zuzuhören, mal nicht reden und sich Gedanken machen zu müssen. Er war froh, sich nicht noch einer elenden Diskussion hingeben zu müssen über seine Kindheit, in der Vey versuchte, ihm doch noch Informationen zu entlocken. Zu seinem - und ihrem - Glück war die Halbelfe eine einfühlsame Person und schien zu wissen, wann es taktvoll zu schweigen galt.

Interessiert fixierten die dunklen Augen des Tigún die geschwungenen Zeichen auf dem Papier und die violett-blauen Iriden funkelten voll Faszination. Vey konnte also schreiben … Àlvaro hatte diese Fähigkeit zwar nie gebraucht - er hatte sich immer nur auf seine Fäuste verlassen müssen - aber trotzdem schien es ihm auf dem Festland eine ziemlich nützliche Fähigkeit zu sein. Die ‚zivilisierten‘ Menschen und Elfen, wie sie sich selbst nannten, konnten somit Geschehenes dokumentieren, Nachrichten versenden und andere wichtige Dinge tun, die in ihrer ach so feinen Gesellschaft notwendig waren. Einerseits verachtete Àlvaro sie deshalb, für ihren Stolz auf das, was sie Zivilisation nannten, doch auf der anderen Seite gab es auch ein paar Dinge, die ihm hier tatsächlich besser gefielen als auf Naleryan. Dort war alles wild und rau - man war der Natur immer nah, lebte von ihr und mit ihr. Hier wurde sie eher ausgenutzt, was dem jungen Mann nicht allzu gut gefiel. Doch einzelne Familien lebten viel friedlicher miteinander, schufen sichere, beständige Lebensgrundlagen und es wurde nicht ständig ums Überleben gerangelt. Auf den Inseln war das anders - dort musste man ständig fürchten, von irgendwem verletzt oder getötet zu werden. Oder man musste um seine Familie und Freunde bangen, die schließlich auf der Wildheit der Landschaft überlassen waren.
Dieser Punkt war es, der in Àlvaro plötzlich Zweifel an seinem Wunsch aufkommen ließ, nach Hause zurück zu kehren. Auch wenn es leise Zweifel waren, sie waren immerhin vorhanden und sollten ihn von nun an plagen.
Der Tigún presste die Lippen zusammen, als ihm dies bewusst wurde und beinahe wäre ein Knurren in ihm aufgestiegen. Nur, dass es keinen Feind gab, den er hätte bekämpfen können. Sein Gegner war er selbst, war die Seite in ihm, die sich langsam mit dem Leben auf dem Festland anfreundete. Und mit Vey.
Sanft führte sie seine Hand, während er die Buchstaben nachmalte und dabei sorgfältig darauf achtete, das Papier mit seinen Krallen nicht zu beschädigen. Für einen Augenblick löste er den Blick von den Schnörkeln und sah zu Vey, in deren Augen ebenso eine Faszination zu liegen schien, wie er sie verspürte. Bloß … Wovon war sie bitte so fasziniert?
Um das Papier nun doch nicht unabsichtlich zu beschädigen, drängte er diese Frage beiseite, sah auf die Buchstaben hinab und ignorierte auch das leichte Kribbeln, welches die Berührung der Halbhelfe an seiner Hand auslöste. Lange hatte ihn niemand mehr so sanft berührt, so ohne Angst … Vey hatte ihn schon nach dem Kampf versorgt und sich dabei nicht gescheut, seine Haut zu berühren. Alle anderen Festländler hatten ihn stets gemieden als sei er eine besonders giftige Spezies - oder, sie hatten ihn nur grob angefasst, um ihn zu verletzen, töten oder einzusperren. Veys Sanftmut und Unbefangenheit war etwas völlig Neues für ihn.
„Es wäre wirklich sehr freundlich von dir, mir noch mehr davon zu zeigen“, brachte er schließlich hervor, fixierte mit ihren Augen erneut ihr fein geschnittenes Gesicht und hielt dann in den Bewegungen inne. Inzwischen hatten sie all die Linien nachgefahren - und zumindest hatte er bemerkt, dass der Buchstabe am Anfang ihrer beiden Namen derselbe zu sein schien. „Aber vielleicht sollten wir das auf den frühen Abend verschieben“, natürlich vor der Dämmerung, fügte er in Gedanken hinzu und erhob sich langsam. In der linken Hand hielt er noch immer den Kohlestift. Stirnrunzelnd betrachtete er das schwarze Gebilde. „Dann kannst du mir in Ruhe in einem halbwegs sicheren Lager mehr zeigen und ich kann es auch mal ausprobieren.“ Er streckte die Hand mit dem Kohlestift aus und hielt ihr die geöffnete Handfläche hin. „Ich weiß dieses Geschenk zu schätzen, habe aber nichts zum Aufbewahren. Könntest du ihn solange einstecken, bis ich etwas Passendes gefunden habe?“

Ein leises Platschen verriet ihm, dass die Halbelfe ihm den Gefallen getan hat, sich aus dieser Angelegenheit heraus zu halten - oder zumindest hielt sie sich hinter ihm, sodass er sie gegen das Gröbste abschirmen konnte. Sich ganz aus der Sache rauzuhalten … Àlvaro hatte seine Zweifel, Vey würde sich mit bloßem Zuschauen begnügen.
Seine Konzentration richtete sich wieder gänzlich auf der Jaguar, der nun erneut mit gefletschten Zähnen ein Stück näher kam, jedoch kaum merklich zurück zuckte, als der Tigún ein tiefes Grollen hören ließ und ebenfalls die Zähne zeigte. Die Raubkatze in ihm brach zwar nur des Nachts an die Oberfläche, doch er profitierte von ihren Reflexen und den geschärften Sinnen auch am Tage. Nun ließ er das schlummernde Tier an die Oberfläche, kontrolliert, aber zumindest so weit, dass es seine Handlungen weitgehend lenkte. Zwei Raubkatzen untereinander konnten schließlich viel besser miteinander kommunizieren, als ein Mensch und eine solche.
Einige Augenblicke starrten die beiden einander an, stillschweigend und mit zum Zerreißen gespannten Muskeln. Dann wanderte der Blick des Jaguars zu etwas hinter ihm und der eben noch leicht eingeschüchtert wirkende Jäger, fletschte erneut die Zähne.
Es brauchte nur eine Herzschlag bis Àlvaro begriff: Die Raubkatze dachte nun, sie sei seine Beute. Dass er sie nur deshalb verteidigte. Ihn hätte sie vielleicht nun nicht mehr angegriffen, auch wenn er vermutlich unterlegen wäre - doch das galt nicht für Aveyn. Wenn es um Nahrung ging, konnte er Tier sehr hartnäckig sein und riskierte natürlich auch die ein oder andere Gefahr. Und auch der Jaguar riskierte es, von ihm angegriffen zu werden, wenn er nur einen Happen Fleisch ergattern konnte.
Der Tigún sah, wie sich das Tier eicht zurücklehnte, die Kraft sammelte und die Krallen ausfuhr. Dann nur einen Augenblick später, stieß es sich mit seinen mächtigen Hinterbeinen vom Boden ab und sprang auf Vey zu. In Àlvaros Kopf schrie etwas auf, eine Stimme, die er in der Arena zum Schweigen gebracht, nun aber wieder zum Leben erweckt hatte. Sie drängte ihn, etwas zu tun, die kleine, unschuldige Halbelfe zu beschützen und dem Jaguar den Gar auszumachen.
Und natürlich gab er ihr nach.
Mit einem tierischen Knurren ging er in die Hocke, nur um sich gleich darauf vom Boden abzustoßen und mit ausgestreckten Händen auf die Raubkatze zuzuspringen. Seine krallenartigen Fingernägel blitzten in der Sonne auf, als sie das goldfarben, schwarz gesprenkelte Fell des Jaguars zerrissen und sich in das Fleisch darunter bohrten. Die Wucht warf den Jaguar aus der Bahn und so trafen sie auf dem Boden der Böschung auf. Der abschüssige Grund wollte das schwere Gewicht jedoch nicht halten, rutschte teilweise weg und machte er beiden schwer, Halt zu finden, um den anderen effektiv zu attackieren. Àlvaro stemmte seine Füße gegen einen Stein im Bach, löste seine Krallen und hieb erneut zu. Im selben Moment jedoch schoss eine Pranke des Jaguars mit ausgefahrenen Krallen auf sein Gesicht zu.
"Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten."
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Fr, 29. Mai 2015 17:56

Merkte Vey da etwa eine Unsicherheit von Seiten Varos, als sie so dicht vor ihm stand? Sie musste zugeben, wenn sie da war, hatte er sie gut kaschiert. Doch sie glaubte, an nervöses Funkeln in seinen sonst so unergründlichen violetten Augen. Nicht, dass sie weniger aufgeregt war. Sein Geruch war so...wild. Nach Wald und Regen und noch etwas anderem, fast betörenden, das sie nicht einordnen konnte...das Meer vielleicht? Oder ob das die Inseln waren? Vey war so neugierig, wie es auf diesen Inseln wohl aussah. Ähnelte es dem Dschungel hier? Wahrscheinlich weniger, sonst hätte er sich hier bestimmt ausgekannt. Aber danach zu fragen brachte ja auch nichts. Der Tigún stellte seinen abwesenden Blick zur Schau, sobald sie auch nur Andeutungen einer Frage nach seiner Vergangenheit machte. Und das fand sie ganz schön unfair. Sie hatte ihm seine Fragen schließlich auch beantwortet..na gut, das Meiste hatte sie wohl von sich aus erzählt, aber mit irgendwas musste sie ja die Stille füllen, die ihr schweigsamer Begleiter verursachte. Ob sie je schlau aus ihm werden würde? Vielleicht könnte sie ihn ja noch mal genauer über die Inseln fragen, ohne dass er ihr etwas Privates erzählen musste. Würde er wohl zurück in seine Heimat wollen? Schließlich war seine Familie ja dort. Und würde er Vey dann mitnehmen. Vermutlich nicht. Und das musste sie ändern..,sie hatte nicht vor, allein gelassen zu werden. Außerdem hatte sie Gefallen an dem verschlossenen jungen Mann gefunden, ob sie das zugab oder nicht. Ihr gefiel einfach seine geheimnisvolle Art. Während die Wirklichkeit sie einholte und sie bemerkte, dass sie immer noch nur einen Hauch von Varo entfernt stand, flüsterte sie schnell den Satz, den sie die ganze Zeit schon hatte sagen wollen. Ihr darauffolgendes Lachen entlockte sogar dem Miesepeter vom Dienst ein Lächeln und es war ein echtes, das verrieten ihr seine Augen. Vey freute sich umso mehr, dass sie es geschafft hatte, eine positive Gefühlsregung bei ihm hervorzurufen. "Ich werde mein Bestes geben, damit 'in nächster Zeit' nicht mehr soweit entfernt ist.", antwortete sie immer noch lächelnd.

Varo schien von ihren Plänen nicht sehr erfreut zu sein. Wie typisch. Und er fing wieder damit an, wie gefährlich er als Tigún war und und und...Als ob sie das nicht selbst wusste. Nur dass er nicht verstand, dass sie das nicht weiter kümmerte. Und dass sie nicht so wehrlos war, wie sie aussah. Und schneller klettern als er konnte sie allemal, egal in welchem Zustand er sich befand. "Alter Pessimist" murmelte sie, so laut, dass er es auf jeden Fall hören konnte, zog dabei aber einen Mundwinkel hoch, damit er sehen konnte, dass sie es nicht ernst meinte. Jedenfalls nicht ganz. Aber unwillkürlich schweiften ihre Gedanken zu der Nacht, an dem sie seine Verwandlung gesehen...und dann die Schrei gehört hatte. Aber sowas würde er ihr nicht antun, da war Vey sich sicher, sie hoffte es zumindest sehr stark. Und sie wollte es auch wirklich glauben, aber sie hatte doch keine Ahnung, was nachts mit ihm passierte. Kann er dieses Tier kontrollieren? Hat er....So viele Fragen und Vey wusste keine Antworten. Und in nächster Zeit würde sie bestimmt auch keine bekommen.
Da war er wieder, der Blick, der ihr sagte, dass Varo dicht gemacht hatte. Doch er überraschte sie trotzdem, und zwar mit der Antwort auf die Frage, die sie sich gerade eben gestellt hatte. "Siehst du. Du würdest mir bestimmt nichts tun.", sagte sie, so optimistisch sie konnte.

"Früher Abend klingt gut.", Vey lächelte, "Wie weit hast du denn vor, heute noch zu gehen?" Sie nahm ihm den Kohlestift aus der Hand und verstaute ihn zusammen mit dem Rest wieder im Rucksack. "Kein Problem." Sie freute sich, dass er sich so fürs Schreiben interessierte. Mit Schwung hievte sie ihren Rucksack auf den Rücken und setzte sich wieder in Bewegung, bedacht darauf, so langsam zu gehen, dass er mit ihr mitkam.

Als der Blick der Raubkatze sich von Varo löste und stattdessen an ihr hängen blieb, hielt Vey den Atem an. Das Raubtier spannte seine Muskeln an und bevor sie auch nur blinzeln konnte, sah sie es schon auf sich zufliegen und wusste, ihre Zwille würde ihr auch nicht mehr helfen, wenn das Tier schon abgesprungen war also blieb ihr nur noch eins - ausweichen und laufen. Doch Varo kam ihr zuvor - er warf sich mit voller Wucht gegen den Jaguar und riss sie beide zu Boden. In dem Wirrwarr aus Gliedmaßen und Krallen konnte sie nicht erkennen, was passierte. Doch das hielt sie nicht davon ab, die Zwille erneut zu spannen. Sie zielte, ließ das Band los - und der Stein flog. Und er verfehlte sein Ziel, das Auge des Tiers, nur um Millimeter. Trotzdem reichte es, um von Varo abzulassen und sich stattdessen auf die Taurrin zu konzentrieren. Sie zog ihren Dolch und stellte sich kampfbereit hin. Vielleicht konnte sie das Tier ablenken, sodass der Tigún Zeit hatte ,den Rest zu erledigen. Kaum dass sie stand, bewegte sich die Raubkatze auch schon in ihre Richtung. Dem ersten Pranken hieb wich sie aus, der zweite traf sie an der Schulter und riss die Speerwunde wieder auf. Dann stich sie zu, wobei sie versuchte, keinen lebensbedrohlichen Schaden bei dem Tier anzurichten. Sie erwischte ein Bein, wusste aber nicht, ob es nur oberflächlich war, oder sie eventuell sogar eine Sehne durchtrennt hatte. Dann musste sie sich auch schon wieder ducken, um dem nächsten Hieb auszuweichen. Wo blieb nur Varo?
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Àlvaro » So, 07. Jun 2015 14:46

Als Vey schon dabei war, sich abzuwenden, zuckten Àlvaros dichte, dunkle Augenbrauen anerkennend ein Stück nach oben. Er hatte es selten erlebt, dass jemand so mit ihm sprach, es war ein ganz neuerliches Gefühl … Und es war ein schönes Gefühl. Jemand schien sich gerne in seiner Gesellschaft aufzuhalten, etwas, was er vor einem Monat niemals für möglich gehalten hätte - zumindest nicht hier auf dem Festland. Aber die Elfe war eben anders, offener, netter … und wesentlich geduldiger mit ihm, der ziemlich viel Zeit brauchte, um wirklich aufzutauen und sich jemandem zu öffnen.

Eine kleine Falte bildete sich zwischen Àlvaros Augenbrauen, als Vey seine Warnungen mit einem für sie untypischen, ja fast gereizt oder genervt klingenden Murmeln quittierte. Gingen seine Vorsichtsmaßnahmen ihr etwa gegen den Strich? Wollte sie nicht einsehen, dass sie notwendig waren, um ihr Überleben zu sichern? Der Mund des Tigún presste sich zu einem schmalen Strich zusammen, alles Rot wich aus seinen Lippen und in die Augen trat ein von unzähligen Erfahrungen gehärteter Ausdruck. Sie wusste ja nicht wie es war zu töten, oder etwa doch? Kannte sie das Gefühl, Blut an den Händen kleben zu haben? Und das jeden Abend, jeden gottverdammten Tag? Sie war behütet aufgewachsen, hatte wahrscheinlich nie etwas allzu Schlimmes erfahren - außer verächtliche Seitenblicke der Freunde ihres Vaters und vielleicht die Aussicht auf eine nicht gewollte Partnerschaft mit einem geldgierigen, einflussreichen Schnösel. Sie konnte nicht wissen wie es war, für mehrere Jahre nur verachtet zu werden, ausgenutzt und vorgeführt, die Persönlichkeit heruntergebrochen auf tierische Instinkte, auf ein blutgieriges Monster. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie sehr ihn all diese Seelen belasteten, denen er den Körper geraubt hatte, wie sehr ihn sein eigenes, egoistisches und vollkommen ehrloses Verhalten noch heute anwiderte. Sie kannte ihn noch nicht lange genug, um diese Seite seiner selbst zu können, den Ekel und Hass, welchen er manchmal so intensiv auf der Zunge schmeckte, dass er sein Leben am liebsten gleich beendet hätte. Wäre er noch so unbescholten, wie in der Zeit vor der Arena hätte er einer Person wie ihm die Kehle aufgerissen, in unendlicher Wut und Empörung über deren Taten.
Ganz langsam stieß der junge Mann die Luft aus, ließ den Blick unverwandt auf das Dickicht vor ihnen gerichtet und hielt einige nach ihnen beiden greifende Äste für die Halbelfe beiseite. Ihm war fast wieder so, als hätte er kein Recht, Zorn auf ihr Verhalten zu spüren, auf die Gedankenlosigkeit ihrer Worte. Immerhin wusste sie nicht, was er wusste. Wie konnte sie da auch nur im Mindesten einschätzen, wie gefährlich er war?
Für einen Augenblick spielte er tatsächlich mit dem Gedanken, sie auf der Stelle zu verlassen - um ihrer eigenen Sicherheit willen. Dann wieder überlegte er, ob er ihr alles erzählen sollte, ihr die ganze Last seiner Vergangenheit aufladen sollte, damit sie sein Handeln verstand. Doch beide Dinge wiederstrebten ihm, einerseits, weil er sie allein in der Wildnis zurücklassen und damit dem Tod noch näher bringen würde, andererseits, weil er ihr damit sicher Angst machen oder sie zumindest für lange Zeit verstören würde. Weder das eine noch das andere ist eine gute Lösung, dachte er, verwarf diese Gedanken, leerte seinen Geist und gab sich der äußerlichen und innerlichen Stille gänzlich hin.

Seine Gemütslage hatte sich wieder einigermaßen entspannt, als Vey ihn fragte, wie lange sie ihre Wanderung denn noch fortsetzen wollten. Kurz sah Àlvaro hinauf zum Himmel, doch durch das dichte Gewirr an Blättern, Ästen und herabhängenden Pflanzen ließ sich die Tageszeit kaum erkennen. Er vermutete, dass es gerade früher Nachmittag war - demnach hatten sie nicht mehr allzu viel Zeit, wenn sie ihm noch etwas beibringen wollte.
„Nicht mehr allzu lange.“, erwiderte er also, ließ den Blick schweifen und bedachte das dichte Gestrüpp aus exotischen Pflanzen mit forschenden Blicken. Dann wanderte sein Blick einen Baumstamm entlang nach oben bis zur ersten Gabelung. Fast jeder Baum hier eignete sich als Schlafplatz für die recht zierliche Halbelfe, sie würden es mit dem Finden eines guten Lagerplatzes also nicht so schwer haben. Dennoch … Es sollte ein Baum sein, dessen Gabelung hoch genug lag, als dass er sie nicht erreichen konnte - weder im menschlichen noch im tierischen Zustand. Außerdem musste Vey relativ gut verborgen sein, zu gefährlich waren die Bewohner dieses Dschungels. Die Vorstellung eine Schlange könnte ihr Gift in die Adern seiner Begleiterin spritzen behagte ihm überhaupt nicht, doch er wollte auch nicht, dass der Elfe erneut eine Begegnung mit weniger gastfreundlichen, menschlichen Bewohnern der Wälder wiederfuhr.
„Ich würde vorschlagen, wie halten ab jetzt Ausschau nach einem geeigneten Platz“, fuhr er schließlich fort. „Und es wäre durchaus praktisch, wenn wir vorher nochmal an einen Bach gelangen würden - in dieser Hitze kann der Mangel an Wasser einen leicht umbringen.“

Àlvaro sah die Pranke der Katze auf sich zurasen, biss die Zähne zusammen und knurrte vor grimmiger Entschlossenheit. Er hatte schon viele Kämpfe geführt, viele Wunden davongetragen und noch mehr Wunden anderen zugefügt. Doch in der Arena war das etwas anderes gewesen. Er war nach jedem Kampf medizinisch versorgt worden, immerhin brauchte man seine Kämpfe um Geld einzuspielen. Außerdem war es etwas gänzlich anderes, gegen Tiere zu kämpfen, als gegen Menschen, Elfen oder andere Wesen, die des Denkens mächtig waren. Nicht das er Tiere für dumm hielt - auf keinen Fall! - aber sie waren doch weniger berechenbar. Vor allem, wenn sie so abgemagert waren, wie dieser Jaguar.
So kam es, dass er diesem Schlag nicht ausweichen konnte, zu schnell war das ganze Gemetzel gegangen und zu verzwickt seine Lage. Schon machte er sich bereit, wappnete sich gegen gellenden Schmerz - und vielleicht gegen die Verzweiflung, welche folgen würde. Wenn die Krallen sein Auge treffen würden … Nun, ohne Augenlicht lebte es sich wesentlich beschwerlicher.
Es kniff die Augen im letzten Augenblick zusammen, dann traf die Kralle sein Gesicht. Doch etwas war anders, der Schwung war vermindert und ein empörtes Kreischen der Raubkatze veranlasste ihn dazu, sich Hoffnung zu machen und die Augen zu öffnen. Schmerz pulsierte durch seine Adern, brannte über seinem Auge und sein Sichtfeld war teilweise verschleiert von einem roten Nebel. Der Jaguar hatte sich von ihm abgewandt, war fauchend von ihm gewichen und konzentrierte sich auf etwas außerhalb seines Sichtfeldes …
Vey!
Alarmiert sprang Àlvaro auf, ignorierte die schmerzende Glieder, den Prostest seiner noch nicht gänzlich verheilten Wunde und seiner neuen Verletzung über dem Auge. Die Halbelfe hatte gerade den Dolch gezückt, da sprang das Tier schon auf die zu. Mit aufgerissenen Augen hastete der Tigún in die Richtung des Kampfes, beobachtete mit Entsetzen, wie die Katze einen Treffer landete und weiter fauchend nach Vey schlug. Wut verzerrte sein Gesicht, Wut auf sein erneutes Versagen ihr gegenüber und Wut auf diese wilde Katze, die es wagte, die Halbelfe unter seinem Schutz anzugreifen. Seine vollständigen Schnelligkeit und Kraft noch immer nicht wieder mächtig, streckte der junge Mann grollend die langen, scharfen Fingernägel, holte aus und verpasste der Katze einen großen Kratzer an der linken Flanke. Gleich danach traf Vey das Tier am Bein, woraufhin es fauchend einen Satz zurückmachte, sich dadurch aber als perfektes Ziel für Àlvaro positionierte. Voll grimmiger Entschlossenheit holte er erneut aus, rammte erst die rechte Faust auf den Rücken der Katze und grub dann die Krallen seiner linken Hand mit aller Macht in die linke, vordere Schulter des Tieres. Es schlug nach ihm, doch verletzt wie es war, richtete es kaum Schaden an, zerriss nur den Stoff seines neuen Hemdes auf Höhe der rechten Brust und hinterließ wenige, kleine Kratzer. In einem letzten Aufbäumen seiner Kraft donnerte der junge Mann seine Faust auf den Kopf des Tieres, sodass es benommen zur Seite taumelte, setzte ihm nach und hob die Linke, um die Kehle der Raubkatze aufzureißen.
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Re: Wo die Wege sich kreuzen...

Beitrag von Aveyn » Mi, 17. Jun 2015 16:14

Wie nicht anders zu erwarten kamen Aveyns geflüsterte Worte nicht gut bei Varo an. Er kniff die Lippen zusammen und in seine Augen trat ein bitterer Ausdruck. Vey sah, dass er in Gedanken mal wieder ganz woanders war und blieb deshalb ruhig. Sie wüsste auch gar nicht, was sie sagen sollte, außer vielleicht "Stimmt doch", was ihren Begleiter ganz sicher nicht aufgemuntert hätte. Aber entschuldigen wollte sich die Taurrin auch nicht. Ganz gleich wie friedliebend und freundlich sie auch sein mochte, irgendwann war auch bei ihr Schluss. Und bei Varos ständig wechselnden Launen viel es sogar ihr manchmal schwer, optimistisch zu bleiben und Ruhe zu wahren. So sehr ihr der Tigún auch ans Herz gewachsen war, wie konnte man nur so übellaunig und verbittert sein? Vor allem, wenn es da noch eine andere Seite an ihm gab, die er aber gut zu verstecken wusste. Dabei gefiel Vey es so viel besser, wenn Varo ausgelassen und nett, ja fast schon fröhlich war. Und wieder einmal überlegte sie, was der Grund für sein Verhalten war. Er hatte zwar gesagt, dass die Tigún an sich kein freundliches Volk waren, was sie einfach mal der Abgeschiedenheit der Inseln zuschrieb, aber er erwähnte auch, dass man ihn, nachdem er unberechtigt auf einem Schiff gesehen wurde, gefasst und verkauft hatte. Verkauft, so wie ein...Sklave? War es das? Daran hatte Vey noch gar nicht gedacht. Aber wie hatte er sich befreien können? Die Narben auf seinem Körper könnten zu ihrer Vermutung passen, vor allem, wenn er so stur gewesen war wie sie ihn auch schon erlebt hatte. Sie verachtete Sklavenhalter. Sich jemanden zu Eigen zu machen war einfach unmenschlich, und denjenigen ohne Lohn für sich arbeiten zu lassen einfach nur Ausbeuterei. Doch so ganz schien Sklaverei nicht zu Àlvaro passen zu wollen...

"Das ist gut! Ich meine, ich fall hier nicht gleich um aber mit deinem Schritt mitzuhalten ist auf Dauer schon echt anstrengend.", antwortete die Taurrin. "Ich halte die Augen offen und ja, etwas Wasser in der Nähe ist immer gut." Die Hitze war immer noch kräftezehrend, aber nicht mehr so unerträglich wie zur Mittagszeit. Bis Sonnenuntergang waren noch genügend Stunden Zeit, sie würden also noch Zeit haben, um etwas Schreiben zu üben. Vey fragte sich, was Varo wohl für Worte lernen wollte. Vielleicht weitere Namen, eventuell ja sogar aus seiner Familie oder seinem alten Freundeskreis? Ob sie die Namen wohl buchstabieren konnte? Oder vielleicht ein paar alltäglich gebrauchte Wörter? Oder doch eher so etwas wie Zahlen? Es würde auf jeden Fall ein schöner Abend werden...bis der Mond am Himmel stand. Vey hoffte, dass sie auf den Bäumen sicher war, auch wenn sie Varo wirklich vertraute. Er würde ihr nichts tun!

Noch während sie den Dolch zurückzog, von dem nun das dunkle Blut ihres Gegners tropfte, und sich erneut positionierte, sah sie Varo hinter der Raubkatze. Endlich! Über sein eines Auge verlief ein Kratzer, der zwar stark blutete und um den herum die Haut schon leicht anschwoll, aber soweit Vey auf den ersten Blick erkennen konnte, nicht besonders tief war. Wenn sie ihn bald behandelte, würde nur eine kleine Narbe bleiben. Ihn schien seine Wunde jedoch nicht zu interessieren, sofort stürzte sich der junge Mann wieder in den Kampf. Und wie er kämpfen konnte! Vey konnte gar nicht so schnell schauen, wie er sich bewegte. Ob er das irgendwo gelernt hatte? Schon damals in der Stadt, in der sie sich getroffen hatten, war es so gewesen. Als wäre er mit den Techniken aufgewachsen, hätte sie Tag für Tag geübt. Wieder landete er einen Treffer, der das Tier fast völlig aus der Bahn warf. Und dann sah die Halbelfe, wie er langsam die linke Hand hob und den Hals der Raubkatze fixierte. Wollte er sie etwa...? "HALT!", schrie Vey und stürzte auf die Kämpfenden zu. Sie umgriff Varos Arm und grub ihre Finger in seine Haut. "Tue was du tun musst, damit sie uns in Ruhe lässt, aber töte sie nicht. Heute wurde schon zu viel Blut vergossen. Die Götter würden das nicht gut heißen. Außerdem hatte sie doch nur Hunger..." Sie schaute ihn flehend an. "Bitte, Varo. Niemand verdient es, getötet zu werden."
Don´t grow up - It´s a trap...

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