Eine Frage des Stolzes

Die Hauptstadt der Bergelfen mit Blick auf die Zhîraled-Seen. » Ortsbeschreibung
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Shínjï'ro
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Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Mi, 03. Dez 2014 20:37

Es war ein ungewöhnlich kalter Tag. Kälter, als erwartet und viel kälter als es eigentlich sein sollte. Zwei funkelnde, beinahe schillernde, Augen waren stur auf den, von Wolken verhangenen, Himmel gerichtet und ruhten in zwei argwöhnisch zusammengezogenen Augenhöhlen, welche finster, wie auch nachdenklich den Zug der dunklen Vorboten des Winters ankündigten. »Die Wolken fechten die Schlacht aus, welche dem Mond gebührt.«, murmelte die dunkle Stimme des Mannes, welcher inmitten eines Stroms an Männern und Frauen stand. Regungslos, als ob er eine versteinerte Statue wäre, und doch störte sich niemand der Umhergehenden an seiner statischen Anwesenheit. Nein, vielmehr schien es beinahe, als ob niemand so recht Notiz von diesem Fremden nahm, welcher augenscheinlich absolut nicht hierher gehörte. Hierher, in das Reich der Bergelfen, am Stadtrand der erhabenen und prächtigen Stadt Yath-Zuhárra. Hätte die Gestalt es nur für nötig befunden, seinen Kopf ein wenig zur Seite zu neigen, wären ihr wohl die hochgelegene und beeindruckenden Stadt ins Auge gefallen, welche mehr einem Bienenstock an der Felswand glich, als einer Stadt. Yath-Zuhárra.

Doch die Augen verloren wieder das Interesse an den ziehenden Wolken. Die Statue kehrte zurück ins Hier und Jetzt und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die schmerzenden Augen. Es herrschte eine unerbittliche Eiseskälte, welche in Mark und Bein zu kriechen, und das Blut zu gefrieren drohte. Ruhe war der schleichende und kriechende Tod. Bewegung hielt einen am Leben. Und so setzte die Statue ihren Weg fort, und bald schon war sie verschwunden und als wäre sie niemals an diesem Ort gewesen, streunten die anderen Männer und Frauen umher und gingen ihrem Tagwerk nach. Der Weg endete vor einem der vielen Stände, welche sich an diesem freien Markt befanden. Es war einer jener Orte, an welchen die Bergelfen Handel mit den Andersartigen trieben. Sie ließen niemanden in ihre heiligen und verborgenen Städte. Und auch wenn Yath-Zuhárra schon vom Fuße es Berges aus gesehen, dort hochoben am Gipfel dieser Felswand, einem funkelnden Juwel gleich, zu sehen war, so war der Weg dorthin alles andere als einfach zu finden, oder gar zu begehen. Wachen lauerten in den Schatten der Felsspalten und niemand, welcher nicht einer von ihnen war, durfte passieren.

Die Statue hingegen hegte kein Interesse an dem beschwerlichen Aufstieg. Dies war der Ort, zu welchem er zu gelangen gewünscht hatte. Er ließ seine Blicke über die ausgestellten Waren schweifen und bald schon erweckte er das Interesse des Händlers, welcher dahinter stand und unruhig von einem Bein auf das andere trat, nur um in Bewegung zu bleiben. »Du bist fern der Heimat, Shiín ... Freund.«, eröffnete der Händler das Gespräch und schenkte der, zum Leben erwachten, Statue ein verhaltenes Lächeln, wie es einem Bergelfen zu Eigen war. »Heimat ist, wo das Herz ist.«, antwortete Shínjï'ro und legte dabei den Kopf leicht zur Seite, um sein Gegenüber näher in Augenschein zu nehmen. Man konnte nicht viel von dem Bergelfen erkennen. Seine elfischen Züge verrieten das Blut, welches in seinen Adern floss, doch konnte man seine Ohren nicht erkennen, da er einen dicken Wollmantel und eine noch dickere, Pelzhaube trug. »Was kostet das hier?«, fragte der Shiín und hielt ein seltsames, metallisches Objekt in die Höhe, um dem Händler zu zeigen, wofür er sein Interesse bekundete. »Du hast einen guten Sinn für Qualität, Shiín ... Freund.« Shínjï'ro rollte genervt die Augen und drehte das Objekt ungeduldig zwischen Daumen und Zeigefinger umher. »Wie viel?», hakte er nur mürrisch nach und verengte dabei die Augen zu zwei schmalen Schlitzen. Ihm stand nicht der Sinn nach linkischem Gefeilsche. Er war kein Elf. Und er war kein verlogener Mensch. Er mochte Geradlinigkeit, Direktheit. Und Feilschen beruhte auf einer einfachen Tatsache. Die Preise, zu welchen sich ein Händler herunterhandeln ließ, waren Preise, welche dieser bereits im Geiste festgesetzt hatte. Alles was darüber lag, war ein Mehrgewinn für den ausgefuchsten Händler, wenn er im Feilschen obsiegte. Doch Shínjï'ro fehlte dafür jeder Sinn und so öffnete er nur seine Hand und ließ das Objekt in seine Handfläche rollen, um es dem Händler in seiner ganzen Pracht zu offenbaren, wohlwissend, dass dieser ganz genau wusste wie dieses aussah. »Drei Avahidân.« Er sah den Shiín ernst an, und dieser nickte nur stumm. Ein stolzer Preis. Zweifellos gerechtfertigt. Shínjï'ro nahm das Objekt näher in Augenschein, um es auf etwaige Mängel zu untersuchen, welche einen niedrigeren Preis rechtfertigen könnten, doch er fand nichts. Es war makellos. Und doch legte der Shiín das Objekt behutsam, als ob es ein rohes Ei wäre, wieder auf den Tisch des Händlers zurück. Dieser konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, als er das Ding wieder auf dem Tisch sah und sah den Shiín fragend an. »Wie lange wirst du heute noch hier sein?«, erkundigte sich der Shiín und der Händler schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln. »Bis die Sonne untergegangen ist.«

Bei diesen Worten wurde Shínjï'ro, wenn auch nur für einen Moment, wieder zur Statue und starrte in den dunklen Himmel voller schwarzer Wolken, bevor er sich wieder dem Händler zuwandte. »Ich komme, wenn die Sonne den Horizont berührt. Dann hast du einen besseren Preis für mich.« Ohne weitere Umschweife, wandte er sich von dem Stand ab und verschwand, so wie er gekommen war, ungesehen in der Menge, welche diesen Marktplatz mit ihrer Anwesenheit füllte.

Es war schon eine Zeit her, seit er die Heimat der Shiín, welche niemals seine gewesen war, hinter sich gelassen hatte. Zwei Jahre, um genau zu sein. Und diese zwei Jahre waren nicht sanft mit dem, zum Mörder erzogenen, Mann umgesprungen. Es hatte einige Zeit gebraucht, bis er nicht mehr an Valshiya, seine Gefährtin, hatte denken müssen. Doch an Tagen wie diesen, so kalt wie Eis und dunkel wie schwarzes Wasser, auf dessen Grund man versunken war, zerrten die verdrängten Bilder wieder hervor. Und so irrte der Krieger durch den Markt, vorbei an Ständen, die allerlei Wundersames, Begehrliches oder auch Einzigartiges feilboten. Exquisite Waffen, hochwertiges, buntes Glas oder wertvolle, metallische Legierungen. All die Dinge, wofür die Bergelfen sich auf ganz Alvarania rühmen konnten. Doch nichts davon erweckte das Interesse des einsamen Wolfs, welcher einer Schlange gleich, sich seinen Weg durch die Menge bahnte, bis er vor einem steinernen Gebäude stehen blieb. Dies war der Ort, welchen er an Tagen wie diesen zu Suchen pflegte. Ein angenehmer Duft drängte unter dem Türspalt in seine Nase und Gelächter und heitere Stimmen drangen an sein Ohr. Das Angenehme wurde stets von einem lästigen Übel begleitet. Es war ein ungeschriebenes Gesetz des Schicksals, welches ihm in den letzten, vergangenen, zwei Jahren unzählige Streiche und grausame Spiele gespielt hatte. Und so atmete Shínjï'ro noch ein letztes Mal tief ein und spürte wie die feinen Äderchen in seiner Lunge von einem eiskalten Hauch geküsst wurden, als ob sich Raureif auf diese gelegt hätte. Er genoss den kalten Kuss des Winters, bevor er die Türe öffnete. Sogleich strömte ihm eine erschlagende Wärme entgegen und weckten die erkalteten Lebensgeister seines erfrorenen Leibes. Männer und Frauen standen oder saßen an Tischen und lachten. Manche von ihnen tranken aus hölzernen Bechern, während andere einer unterhaltsamen Darbietung eines Gauklers beiwohnten. Shínjï'ro verharrte einen Augenblick in der Türschwelle, um sich ein Bild von diesem Ort zu machen, als eine raue Stimme lauthals ertönte und seine Aufmerksamkeit erregte. »Willst du dort Wurzeln schlagen? Komm herein und trink einen Gewürzwein! Deine Haut ist ja schon violett ...« Der Mann begann lauthals zu lachen, über seinen offensichtlichen Witz über die Hautfarbe des Shiín, und die meisten der anwesenden Gäste stimmten in sein Gelächter ein. Nur Shínjï'ro lachte nicht. Er strafte den Mann mit einem finsteren Blick, welcher all die Schwärze seines kalten Herzens offenbarte.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » So, 14. Dez 2014 11:23

Es war ein weiter Weg von der Eiswüste bis in die Hügelländer von Harrhy‘in und mit dem Hereinbrechen des Winters war von Anfang an sicher gewesen, dass diese Reise einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Genau genommen war Aeon davon ausgegangen die Hügelländer noch vor dem Wintereinbruch des Folgejahres zu erreichen. Doch in diesem Jahr kam der Winter früher und bremste sie aus… Ihre Vorräte gingen zur Neige, abgesehen davon war der Wunsch nach einem warmen Bett bei ihr inzwischen so stark, dass sie von einer gewissen Vorfreude erfasst wurde als in der Ferne die Umrisse einer Stadt auftauchten. Bevor sie diese jedoch betrat schickte sie Sarani fort. Wie so oft wenn Aeon eine größere Stadt betrat, schickte sie zuvor ihre Begleiterin in einem großen Bogen außen herum. Dem klugen Tier mochte das zwar nicht gefallen, doch es war besser als ein unnötiges Risiko einzugehen. Obwohl sie die Rikshan sehr mochte, vergaß sie doch nie das es sich bei ihrer Begleiterin um ein Raubtier handelte und sie wusste auch wie der Großteil der Bewohner Alvaranias reagierte, wenn jene in die Nähe ihrer sicheren Häuser kamen.

Pling… Pling… Das gläserne Klingeln begleitete jeden Schritt der schmalen Gestalt, ein Geräusch wie von hundert winzigen gläsernen Glöckchen. Es war schwer wahrzunehmen, sein klarer hoher Klag war so leise und hell, dass ihn kaum ein Ohr vernahm. Nur Kinder und jene die ein scharfes Gehör besaßen, sahen auf wenn sie vorüberging. Eingehüllt in ihren langen dunkelgrauen Mantel stapfte Aeon über einen Marktplatz. Es handelte sich wohl um einen jener freien Märkte in deren unmittelbarer Umgebung sich immer mehr Händler ansiedelten, sodass nach einigen Jahren ein kleiner Ort um den Marktplatz herumgewachsen war. Hoch über dieser Ansammlung von Häusern lag die wohl wichtigste Stadt der Bergelfen, Yath-Zuhárra. Manch einer wäre stehen geblieben und hätte den Kopf in den Nacken gelegt um sich den ungewöhnlichen Anblick jener halb im Berg verborgenen Stadt nicht entgehen zu lassen, doch Aeon war schon oft genug an diesem Ort vorbeigekommen um sich noch sehr genau an dessen Aussehen zu erinnern. Abgesehen davon hatte sie ganz andere Probleme. Das unablässige Klirren der Glöckchen in ihrem Zopf zerrte an ihren Nerven. Zusammen mit der Kälte und Lyuns andauernden Beschwerden über den Umstand wie sie zu den Glöckchen gekommen war, war Aeons Laune inzwischen an einem Tiefpunkt angelangt.
Sola, Tochter des eigenartigsten Elfen dem ich je begegnet bin… , vor ihrem inneren Auge wiederholte sich jene, erst wenige Stunden alte Begebenheit, welche sie in diese Lage gebracht hatte. Ein altes windschiefes Häuschen ganz am Rande des Marktes. Gänzlich unpassend, begannen doch direkt neben ihm die teilweise sehr auffällig gestalteten bunten Marktstände. Das Schild über seiner Tür trug die Aufschrift „Wunderwerkstatt“. Als die Tür des Häuschens aufschwang und eine gut gekleidete Frau heraustrat brachte sie den Geruch exotischer Kräuter mit sich. Darunter mischte sich kaum wahrnehmbar der Geruch von geschmolzenen Glas und Metall. Mit erwachtem Interesse betrat Aeon den Laden. Metalle in allen möglichen Formen und Variationen, buntes Glas, skurrile Steine und diverse seltsam riechende Pflanzen beherrschten den Raum. In einer Ecke befand sich der Verkaufstresen und hinter ihm stand ein Bergelf in mittleren Jahren. Er maß den Raum mit steinkalten Blicken. Seine dunklen Augen schienen jeder Bewegung im Raum zu folgen, so schnell huschten sie hin und her. Selbst als Aeon mit dem Rücken zu ihm stand um sich die faszinierendsten Glasgegenstände und im Anschluss einige der Steine anzusehen, fühlte es sich an als versuche er sie mit seinem Blick zu erdolchen. Trotzdem gelang es einem der Steine ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er war nicht viel größer als ihre Handfläche, vielleicht einen viertel Finger dick und besaß eine nahezu perfekt ovale Form. Seine tiefrote glatte Oberfläche war von schneeweißen Linien durchzogen, welche die verschiedensten Muster bildeten. Bei genauerem hinsehen und je nach Lichteinfall schimmerten die Linien perlmuttfarben und erzeugten so den Anschein als bewegten sie sich. Bei genauerem hinsehen erkannte sie an seinen Rändern Hauchfein eingemeißelte Symbole, deren Aussehen sie entfernt an die Schriftsprache der Elfen erinnerte. Kurz entschlossen drehte Aeon sich herum, streifte ihre Kapuze ab und sprach den Mann mit den kalten Augen auf den Stein an. So erfuhr sie, dass dieser Stein von einem äußerst begabten Magier präpariert worden war, sodass er seinen Träger befähigte Metalle im Umkreis von etwa einer halben Meile wahrzunehmen. Da sie sehr daran interessiert war diesen Stein zu erwerben, ließ sie sich auf eine Preisverhandlung ein. Doch nach mehreren Minuten intensiven diskutierens war sie noch immer nicht bereit den geforderten Preis zu bezahlen. Sie wollte schon gehen, als ein kleines Mädchen den Laden betrat. Sie kam aus dem hinteren Teil des Hauses hereingetrottet und bei ihrem Anblick läuteten sämtliche Alarmglocken in Aeons Geist. Jeder sichtbare Teil ihrer Haut war mit Brandnarben überzogen, ein Auge schien sie nicht ganz öffnen zu können und ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Es schien als könne nichts und niemand diesem Gesicht eine Regung entlocken, zumindest bis sie Aeon sah. Ob sie noch nie einen Shiín gesehen hatte, oder sie die blauen Strähnen in deren Haar faszinierten war nicht ganz klar, jedenfalls trat ein Leuchten in ihre Augen und sie trat einen Schritt auf Aeon zu. Unwillkürlich beugte sich das Mischblut ein wenig vor um das Mädchen genauer betrachten zu können, als der Bergelf hinter dem Tresen plötzlich das Wort ergriff. Er schickte das Mädchen für kurze Zeit wieder in den hinteren Teil des Hauses und unterbreitete Aeon dann einen seltsamen Vorschlag. Sie sollte diesen Stein als Geschenk erhalzen, wenn es ihr gelänge seine Tochter zum Lächeln zu bringen.
Als das Mädchen zurückkam bot sein Vater ihnen eine ruhige Ecke im hinteren Teil des Ladens an, wo sie sich etwas unterhalten sollten… Es lief darauf hinaus, dass Aeon sich gar keine großen Gedanken darüber machen musste, wie dem Kind eine Freude zu machen sei, denn es hatte bereits eine Idee. Nachdem sie ihren Reiseumhang abgelegt hatte, bestaunte das Mädchen ihr langes Haar und fragte schüchtern ob sie es kämmen dürfte. Nachdem Aeon ihr Einverständnis signalisiert hatte, dauerte es auch nicht lange bis das Mädchen sich dieser Aufgabe annahm. Es schien völlig fasziniert von den Strähnen die sich in allen möglichen Blauschattierungen zeigten. Das es mit dem einfachen Kämmen nicht getan sein würde, wurde Aeon in dem Moment bewusst als das Mädchen unvermittelt davonlief um dann mit einer kleinen Kiste zurückzukehren, die bei jedem ihrer Schritte klimperte. Auf die Frage: „Darf ich dir Glöckchen ins Haar Flechten ?“, schoss Aeon durch den Kopf, das sie es eigentlich hätte wissen sollen. Da ihr die leuchtenden Kinderaugen jedoch jede Chance zur freien Entscheidung nahmen, gab sie mit einem inneren Fluch und einem leicht gezwungenen Lächeln auf den Lippen ihrer Zustimmung.
Das Resultat daraus war, dass sie nun zwar den Stein besaß, dafür aber bei jedem Schritt leises Glockengeläut von sich gab…


Inzwischen hatte sie ein Gasthaus erreicht. In der kleinen Gaststube war noch nicht viele Tische belegt und es nahm auch kaum jemand Notiz von ihr als sie, nun wieder mit hochgeschlagener Kapuze, den Gastraum betrat. Sie trat an die Theke und bat den Wirt zugleich um ein Zimmer und eine warme Mahlzeit für den Abend. Der kleine Raum in den er sie führte roch angenehm nach Kerzenwachs. Nach einem kritischen Blick auf das Bett warf sie erleichtert ihren Reiseumhang über einen kleinen Stuhl in der Ecke des Raumes und sich anschließend selbst auf das Bett. Sie wusste gar nicht mehr wie lange es her war, dass sie zuletzt in einem richtigen Bett geschlafen hatte, aber es war definitiv zu lange. Als sie bemerkte das sie beinahe einschlief stand sie wiederwillig auf um die Zimmertür zu verschließen. Dann ließ sie sich mit einem leisen Seufzer wieder in das Bett fallen und dämmerte ein.

Als sie sich wieder erhob waren einige Stunden vergangen. Es war kühl im Zimmer. Sie spürte wie die Kälte trotz des geschlossenen Fensters langsam hereinkroch. Sie durchmaß den Raum mit schnellen Schritten, bis sie die Ecke erreichte in der ein Waschzuber stand. Das Wasser war angenehm kühl. Sie wusch sich rasch Gesicht, Hals und Hände, bevor sie sich ihren Umhang und den Geldbeutel griff und sich auf den Weg in den Gastraum machte. Auf halbem Weg fiel ihr auf, dass sie noch immer die Glöckchen trug und nahm sich vor diese vor dem schlafengehen zu entfernen. In den letzten Stunden musste sich der Raum stetig gefüllt haben, denn nun gab es kaum noch einen freien Tisch. Die Luft war schwer von Schweiß und Alkohol, doch darunter, kaum noch wahrnehmbar, lag ein köstlicher Essensgeruch. Also setzte sich Aeon trotz des Gestankes mit gerümpfter Nase an einem kleinen Tisch. Er stand in einer kleinen Nische, ein gutes Stück von der Eingangstür entfernt und bot einen guten Blick auf den Raum. Der Wirt kam um sie zu fragen was sie trinken wollte und ihr zu sagen, dass das Abendessen aufgrund der vielen anderen Gäste noch etwa eine halbe Stunde auf sich warten lassen würde. Aeon nahm seine Worte mit einem Nicken zur Kenntnis und bestellte sich einen Krug Wasser.
Kaum war er gegangen, wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Eingangstür gelenkt. Dort stand ein großer schlanker Shiín, der mit seinem Einteten die Aufmerksamkeit des gesamten Gastraumes auf sich gelenkt hatte. Der Mann stand stocksteif neben der Tür, während sich ein Mann von einem der vorderen Tische zu ihm umwandte und etwas sagte, woraufhin alle im Umkreis in lautstarkes Gelächter ausbrachen. Über den Lärm im Raum konnte Aeon nicht genau verstehen was gesagt wurde, doch sie vermutete das es nicht eben freundlich war, wenn sie den steinernen Gesichtsausdruck des Shiín richtig deutete. Unwillkürlich setzte sie sich etwas aufrechter hin und fixierte den Mann, der zuerst gesprochen hatte mit stechenden hellblauen Augen. In ihrem Kopf begann Lyun in Erwartung eines Kampfes unruhig zu werden und sie voller Vorfreude zu drängen sich einzumischen, egal worum es ging. Aeon beschloss jedoch das Geschehen zunächst zu verfolgen. Angestrengt versuchte sie zu verstehen was der Mann zu dem Shiín sagte, doch mehr als Bruchstücke konnte sie nicht aufschnappen.
Zuletzt geändert von Aeon am Mi, 31. Dez 2014 0:50, insgesamt 1-mal geändert.
Legende: „Aeon spricht“ / Aeon denkt / „Lyun spricht“ / Lyun denkt / „Andere sprechen“
Geh sehenden Auges durchs Leben und achte auf jeden Schatten, denn was sich vor dem Licht verbirgt hat selten gute Absichten…

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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Di, 23. Dez 2014 10:25

Shínjï'ro verharrte noch einen Moment lang auf der Türschwelle der Schenke und starrte den Gastwirt finster an. So finster es seine exotischen Augen zuließen, welchen ein matter, silberner Schimmer anhaftete, welcher das Licht der Talgkerzen widerspiegelte und so den Eindruck erweckte, als ob sie funkeln und schimmern würden. Doch dann öffnete sich plötzlich die Tür hinter Shínjï'ro und zwei, halb erfrorene, Bergelfen hasteten herein. Doch weit kamen sie nicht, denn sie stießen mit dem eisern, versteinerten Krieger zusammen, der dort gestanden hatte. Natürlich erntete Shínjï'ro sowohl entschuldigende, als auch vorwurfsvolle Blicke. Das Weibchen schien eher verlegen dreinzuschauen, doch ihr Begleiter nahm sich kein Blatt vor den Mund. »Warum stehst du so ...« Der Shiín wandte sich auf dem Fuße um und starrte dem Bergelfen finster in die Augen, was diesen wohl, wenn auch nur für einen Moment, aus dem Konzept brachte. Vermutlich hatte er schon einige seiner Art gesehen. Zwar lebten die Bergelfen lieber zurückgezogen und unter sich, doch wenn sie Handel trieben, dann vorwiegend mit den Shiín. Doch er fand schnell seine Worte wieder und wechselte daraufhin die Blicke mit seiner Begleiterin. »Aus dem Weg, Shiín.«, blaffte der Bergelf und war bereits im Begriff Shínjï'ro die Hand auf die Schulter zu legen, um diesen beiseite zu schieben, als der Meuchler behände zur Seite glitt, als ob er der Schatten fließenden Wassers wäre. Ohne die beiden Bergelfen weiter zu beachten, schritt Shínjï'ro zielstrebig auf die Ausschank hinzu und fixierte dabei, als ob er auf der Jagd nach einer verhassten Beute wäre, den Wirt. Kein Wort kam über die Lippen des violetten Kriegers, dessen Haut so anders aussah, als die der hellhäutigen und aristokratischen Bergelfen. Die heitere Stimmung ließ sich von dem eiskalten Verhalten des Shiín allerdings kaum beeindrucken.

Als Shínjï'ro die Ausschank erreicht hatte, trat er an den Wirt heran und starrte diesem tief in die Augen. Es war ein Spiel, wenn man so will. Ein geistiger Wettkampf, dessen Ausgang entscheiden würde, wer willensstärker war. Und Shínjï'ro liebte dieses Spiel. Zeigte es doch seinem Gegenüber, wo dessen Grenzen lagen. Und sollte Shínjï'ro einmal unterliegen, wusste er, dass er vor einer solchen Person auf der Hut sein musste. Und wie zu erwarten, wandte der Wirt schon bald den Blick von dem Krieger mit den weißen Haaren ab. Doch er hatte dem Blick lange Stand gehalten. »Ich trinke keinen Gewürzwein.«, brummte Shínjï'ro ungehalten, und ließ die andere Bemerkung, für welche dieser Mann an einem anderen, einem dunkleren und einsameren, Ort sein Leben verloren hätte, unter den Tisch fallen. Der Wirt schien nur wenig beeindruckt, auch wenn Shínjï'ro die verunsicherten Blicke nicht entgingen, welche in seinen Augenhöhlen umher huschten. Aber er wäre kein wahrer Bergelf gewesen, wenn er sich dadurch hätte einschüchtern lassen. »Ach, sag bloß du bist einer dieser Shiín, die nur den Nektar der Lirea trinken?« Er grinste herausfordernd, während Shínjï'ros Blicke davon drifteten. Vor zwei Jahren noch hätte er diesen Mann wohl verwirrt angesehen und somit verraten, dass er kein Shiín wie die anderen war. Doch seither war viel geschehen. Er war mit Valshiya in seine Heimat zurückgekehrt. Und die Lirea hatten in voller Blüte gestanden. Er wusste um die Wirkung der Traumblume und ihr betörender Duft wurde nun, da er daran erinnert wurde, in seine Erinnerung zurückgerufen. Doch sein verklärter Blick verhärtete sich, als er sich ins Hier und Jetzt zurück zwang. Er antwortete dem Wirt nicht, sondern kniff nur die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »Gib mir etwas von dem Tageseintopf. Und dazu ein Bergquellwasser.« Da lachte der Wirt und seine Blicke huschten zu anderen, nahen Gästen, als ob er sich ihre Zustimmung einholen wollen würde. »Hast du das Eis nicht gesehen? Alles ist vereist. Zugefroren.« Shínjï'ro seufzte und wedelte dabei lapidar mit den Fingern seiner rechten Hand. »Dann eben nur den Eintopf.« Der Wirt nickte und schien sich weitere Worte einfach zu verkneifen. Wohl würde er froh sein, wenn dieser seltsame Gast einfach in irgendeiner Ecke Platz genommen hätte.

Und so kam es schließlich auch. Shínjï'ro verließ die Ausschank um sich einen freien Platz zu suchen. Doch natürlich gab es keinen solchen. Die Menschen drängten sich, beinahe wie erfrorenes Vieh, in den Raum und Shínjï'ro starrte von einem Tisch zum nächsten, bis ihm einer auffiel, der anders war als die anderen. Während an den anderen Tischen überall Bergelfen saßen, scherzten, tranken oder einfach nur stumm in den Becher starrten, saß an diesem Tisch eine Frau die an diesem Ort so fremd war, wie er selbst, und zugleich doch ungemein vertraut. Als sich ihre Blicke kreuzten, hielt der Shiín, wenn auch nur für einen Augenblick, inne. Er sah ihr tief in die Augen und kurz darauf runzelte er die Stirn. Diese war anders als Valshiya es gewesen war. Anders, als die anderen. Er wusste nicht, was es war. Vielleicht lag es an ihrem Haar, das anders war, als das der anderen Shiín? Doch das allein konnte es nicht sein. Da war etwas, in ihren Augen, was den Meuchelmörder seltsam vertraut und zugleich ungemein fremd erschien. Doch noch im selben Augenblick, als er ihr in die Augen gesehen hatte, da wandte er sich unverwandt um und schritt auf die Tür der Schenke zu. Als er die Tür öffnete, da blaffte mit einem Mal die Stimme des Wirt im hinterher. »He! Was ist mit deinem Eintopf?« Shínjï'ro schenkte ihm keine Beachtung und zeigte ihm weiter die kalte Schulter. »Friss ihn selbst!« Mit diesen Worten hatte er die Tür auch schon geöffnet und war zurück, in die eisige Kälte, getreten.

Als die Tür, hinter ihm, wieder ins Schloss gefallen war, hielt der Shiín einen Moment inne und blies die Atemluft in die Kälte. Weißer, dunstiger Dampf stieg aus seinem Mund auf und küsste seine Haut, als ob sich unsichtbarer Raureif auf dieser niederlegen würde. Shínjï'ros Blicke folgten dem Dunst, welcher sich bereits allmählich verflüchtigte. Dicke, Eiszapfen hingen bedrohlich vom Dach der Schenke herab und der Atem des hochgewachsenen Mannes verlor sich zwischen den dicken, eisigen Zapfen. Shínjï'ro lehnte sich an die Wand des Hauses und, bei beiläufig reckte sich seine Hand empor, um einen dieser Zapfen abzubrechen. Das verräterische Geräusch von brechendem Eis ertönte, als Shínjï'ro kurz darauf den Eiszapfen in den Mund schob, um das klare Eis zu lutschen. »Zugefroren.«, murmelte Shínjï'ro nur und schüttelte dabei ungehalten den Kopf. »Verfluchter Tor.«
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » Mi, 31. Dez 2014 15:10

Siehst du, jetzt ist die Gelegenheit vertan. Und all das nur weil du dich nicht rechtzeitig eingemischt hast… Wir hätten so viel Spaß haben können und das weißt du auch. Schau dich doch mal um, der Raum knistert geradezu vor Gewaltbereitschaft. Aber das stimmte nicht, zumindest nicht mehr. Aeon hätte schwören können, dass der Shiín gleich auf den Wirt losgehen würde. Trotz der großen Entfernung, die ein verfolgen des Gespräches für sie unmöglich machte glaubte Aeon zu erkennen, dass der Mann wie eine gespannte Bogensehne auf einen Anlass wartete um loszuschlagen und dann war es plötzlich vorbei. Aus irgendeinem Grund gab er seine aggressive Haltung auf als die Tür aufging und zwei weitere Gäste eintraten. Sie verstand es nicht. Der Mann wich den beiden mit einer schattenhaften Bewegung aus und steuerte den Tresen an. Da sich ihr Tisch in der Nähe desselben befand, konnte sie den Shiín auf seinem Weg durch den Schankraum einer eingehenden Musterung unterziehen. Im Grunde entsprach sein Äußeres der Norm seines Volkes. Doch etwas störte sie. Sie konnte es zunächst nicht genau benennen bis es ihr plötzlich mit einigem Schrecken klar wurde. Der Mann besaß keine Tätowierung… Zunächst glaubte sie ihre Augen spielten ihr einen Streich. Unwillkürlich richtete sie sich auf. Ihre Augen weiteten sich und plötzlich war Lyuns andauerndes Geplapper nebensächlich. Die Überraschung vertrieb sogar die frostige Farbe aus ihren Augen, was nicht eben häufig vorkam. Fast schon manisch huschte ihr Blick über das Gesicht des Mannes während er vorüberging und suchte nach der Tätowierung. Es kam ihr nicht in den Sinn wie es geschehen konnte, dass ein Angehöriger des Volkes dieses Zugehörigkeitszeichen nicht trug.
Sie drehte sich auf ihrem Stuhl und störte sich nicht daran das ihr Zopf unter der Kapuze hervorrutschte und mit einem leisen Klimpern auf den Tisch landete. Inzwischen hatte der Mann den Tresen erreicht und bestellte sich etwas Eintopf. Das kurze Geplänkel um das ebenfalls bestellte Wasser konnte sie nicht verstehen, hatte der Wirt doch erst wenige Sekunden zuvor ihre Bestellung ohne ein Wimpernzucken entgegengenommen. Offensichtlich hatte der Mann ein eindeutiges Problem mit seinem Gast und sie fragte sich weshalb er dieses Verhalten nicht auch ihr gegenüber an den Tag legte. Er hat bestimmt erkannt das du ein Mädchen bist. Mädchen werden noch immer bevorzugt, schließlich kann man sie in der Regel zu gewissen Diensten…
Ruhe! Du weißt ganz genau was passieren würde, sollte er etwas derartiges versuchen.
Lyuns Antwort war kaum mehr als ein lautloses Gelächter, das in ihrem Geist widerhallte und doch unhörbar war. Eigentlich wollte sie auch eine passende Antwort geben als der Shiín sich mit einem Mal in Bewegung setzte, in die Mitte des Raumes trat und sich suchend umsah. Sein Blick fiel auf Aeon und verharrte. Seine silbrig violetten Augen bohrten sich kurz in ihre, ehe er sie einer raschen Musterung unterzog. Sie legte den Kopf etwas schief und ihre Augen verengten sich. Jetzt wo er sie so direkt ansah, wurde das Fehlen der Tätowierung viel deutlicher. Es war ein seltsamer Anblick, so ungewohnt das es ihr beinahe so vorkam als wäre er kein richtiges Mitglied des Volkes. Er sieht so fremdartig aus, dachte sie. Eben wollte sie aufstehen oder irgendetwas anderes tun, als der Mann sich unvermittelt umdrehte und den Gastraum verließ. Der Wirt sah ihm mit einem Kopfschütteln hinterher, bevor er einen Krug unter dem Tresen hervorholte und damit auf Aeons Tisch zusteuerte. Mit einem freundlichen Lächeln stellte er ihn vor dem Mischblut ab und erntete dafür einen schrägen Blick, der kaum verhohlene Missbilligung enthielt. „Was? Stimmt etwas mit dem Wasser nicht?“, fragte er arglos. Ohne auch nur einen einzigen Blick in den Krug zu werfen antwortete sie belustigt: „Oh nein, das Wasser ist lediglich etwas abgestanden. Es hat sich seit etwa 2 Tagen nicht bewegt, weshalb es wohl kaum jenes berühmte Quellwasser sein kann das ihr mir bei meiner Ankunft angepriesen habt. Auch die Spuren des letzten Gewürzweines, welche noch immer deutlich herauszuschmecken sein werden, stören mich nicht, denn etwas anderes erwarte ich im Grunde nicht.“ Die Augen des Bergelfen weiteten sich bei ihren Worten und seine Wangen bekamen einen leicht rosafarbenen Schimmer. Trotzdem schluckte er den Kommentar mit sichtlicher Mühe herunter ohne wirklich darauf einzugehen: „Wenn es nicht das Wasser ist, womit habe ich dann euren Unmut erregt? Ich möchte euch nämlich versichern, dass dies keinesfalls meine Absicht war.“
Oh, er gibt sich ja richtig Mühe. War der Satz nicht vortrefflich formuliert? Und er kam ihm auch so leicht über die Lippen… Wenn man darüber hinwegsehen will, dass er fast eine volle Minute gebraucht hat um ihn zusammenzubauen.“ Ohne darauf einzugehen wandte sich Aeon wieder an den Mann der vor ihrem Tisch stand: „Ich bin einfach kein Freund von Lügen, wisst ihr? “, noch ehe der Mann darauf etwas erwidern konnte erhob sie sich von ihrem Platz und griff nach dem Krug: „Ihr hattet gesagt, dass das Essen noch etwa eine halbe Stunde brauchen würde. Deshalb werde ich genau dann wieder zurück sein, wenn es euch nichts ausmacht dafür zu sorgen das ich dann wieder einen Platz habe.“ Mit diesen Worten schlug sie ihre Kapuze ganz zurück und warf den Zopf mit einem Lächeln über ihre Schulter. Erneut wurde jede ihrer Bewegungen von leisem Glockengeläut begleitet. Während sie das Gasthaus verließ folgte ihr nicht nur der Blick des Wirtes, der noch immer mit offenem Mund vor ihrem Tisch stand, auch einige andere Gäste, welche sich nach dem Ursprung des Geräusches umgesehen hatten, schauten ihr verblüfft hinterher. Aeon konnte sich gut vorstellen, dass sie sich in diesem Moment fragten wie ein Shiín dazu kam derart ausstaffiert herumzulaufen, doch es störte sie nicht.

Dir ist schon klar das das echt peinlich ist oder? Lyuns Stimme begleitete sie noch immer wie ein unablässiger Dauerregen. Warum ignorierst du mich? Denkst du, dass das etwas bringt? Glaubst du ernsthaft, dass du mich so zum Schweigen bringen kannst? Ein Schwall winterlicher Luft schlug ihr entgegen. Eine dunstige Wolke tanzte vor ihrem Mund als sie ausatmete und dabei einen stummen Seufzer ausstieß. Es interessiert mich momentan nicht was du sagst, warum sollte ich mir also die Mühe machen dir zu antworten? Auf diesen Satz folgte zunächst einmal Stille, es war eine jener seltenen Gelegenheiten in denen es Aeon gelungen war Lyun sprachlos machen, die Mischung aus Ernsthaftigkeit und stummer Resignation ihrer inneren Stimme hatte die andere unvorbereitet getroffen.
Draußen war es nicht viel heller als Inneren des Gastraumes. Noch immer war der Himmel wolkenverhangen und die Luft so kalt, dass sie beim Atmen in die Nase biss. Der Shiín lehnte an der Wand des Wirtshauses. Er hatte einen Eiszapfen im Mund und versuchte scheinbar auf diese Weise an etwas trinkbares zu gelangen. Aeon verkniff sich ein Lachen, denn es sah schon reichlich seltsam aus, wie der große dunkel gekleidete Mann da an der Wand lehnte und mit gedankenverlorenem Blick an einem Eiszapfen lutschte. Sie trat ein paar schnelle Schritte auf ihn zu, wobei ihr Zopf ein verräterisches Klingeln von sich gab und warf den Krug in seine Richtung. Es sollte allerdings dazu gesagt werden, dass sie ihn nicht einfach warf, sondern das Wasser dezent daran hinderte hinauszufließen. „Hier ist dein Wasser Eisauge. Es mag zwar kein Quellwasser sein, aber etwas Besseres wirst du hier nicht bekommen. Und es ist“, fügte sie mit einem Blick auf den Eiszapfen in Shindar hinzu: „nicht ganz so frostig wie dein jetzges Getränk.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » So, 11. Jan 2015 14:47

Shínjï'ro starrte auf die Bergelfen, die über den verschneiten Marktplatz huschten und hier und da stehen blieben, miteinander redeten oder untereinander feilschten. Oh, es gab Tage, an welchen er seine auffällige Hautfarbe verfluchte. Er fiel, wohin er auch ging, und wo er auch stand, stets auf, wie ein bunter Hund. Und Shínjï'ro hasste Hunde. Unterwürfige Viecher, die ihrem Herrn treu ergeben waren, egal wie närrisch oder falsch er auch war. Und wenn es etwas auf dieser Welt gab, dass Shínjï'ro über die Maßen hasste, dann waren dies falsche Herren. Herren, die einem das Leben zur Hölle machten, nur um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Ganz gleich, wer dabei auf der Strecke blieb. Doch Shínjï'ro war kein gehorsamer Hund. Er war ein unbeugsamer Drache. Nicht umsonst hatten die anderen in der Sekte ihn den Drachentöter genannt. Etwas, was vor ihm noch keiner gewagt hatte. Und er musste sich eingestehen, dass er darauf, in gewisser Hinsicht, stolz war. Wie hatten sie geschaut, als er mit dem Kopf dieser Echse aus den Katakomben zurückgekehrt war. Und wie hatte er geflucht, als sie ihn zum Lohn in die Schlangengrube geworfen hatten! Doch er hatte es überlebt. Wie er alles seither überlebt hatte. Und dagegen waren mürrische Wirte und eiskalte Schneeflocken nur ein geringes Übel, über welches er nur zu leicht hinwegsehen konnte. Das Eis in seinem Mund schmolz und half ihm den Durst zu stillen, während er den Niedergang der Sonne beobachtete. Es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis sie den Horizont berühren wurde, und so wog der Shiín ab, ob er den Eiszapfen nicht während er zu dem Händler ging, vertilgen sollte, oder ob noch genug Zeit war, eine Weile an der Wand zu verharren. Gerade noch hatte Shínjï'ro an der Hauswand gelehnt, an dem Eiszapfen gelutscht und über den Wirt geschimpft, als im nächsten Augenblick schon die Tür geöffnet wurde. Shínjï'ro schenkte dem Gast, welcher soeben die Taverne verlassen hatte, kaum Beachtung. Und die Tatsache, dass nun wohl ein Platz freigeworden war, ließ ihn ebensowenig aus seiner lauernden Haltung erwachen. Er hegte kein sonderlich drängendes Interesse, erneut den Schankraum zu betreten, denn er fürchtete dass dann kurz darauf seine Faust in dem bleichen Elfengesicht des Wirten landen würde. Und sicherlich würde er dabei einige Zähne verlieren. Und kurz darauf würde ein gewaltiger Tumult entbranden, welcher zur Folge hätte, dass Shínjï'ro in den Kerker geworfen würde, oder gar der Stadt verbannt. Der Shiín war besonnen genug, seinen Ärger herunter zu schlucken.

Erst als eine Stimme an ihn gerichtet wurde, wandte er den Kopf zur Seite. Und da stand sie. Diese seltsame Shiín, welche ihm in dieser Taverne aufgefallen war. Shínjï'ro konnte kaum seine Überraschung verbergen, als sie neben ihm stehen blieb und das ihre Worte offensichtlich ihm gegolten hatten. Doch als er die unzähligen Glöckchen in ihrem Haar bemerkte, hob er seine linke Augenbraue und bedachte sie mit einem kritischen Blick. »Was bist du? Ein Gaukler?«, fragte er schnippisch. Doch im selben Augenblick flog ein tönerner Krug in seine Richtung. »Hier ist dein Wasser Eisauge.« Instinktiv ließ er den Eiszapfen fallen, um den Krug zu fangen. Nicht weil er die Geste annahm, welche sie ihm darbot. Nein, vielmehr wollte er nicht von dem Wasser, was sich offensichtlich darin befand nichts abbekommen. Immerhin war es arschkalt und das letzte was er brauchen konnte, war nasse Kleidung bei dieser Eiseskälte. Als er den Krug geschickt gefangen hatte, lächelte er subtil, da es ihm gelungen war, nichts davon zu verschütten. »Wer hat dich denn gefragt?«, murrte er nur und bedachte das Wasser mit einem ebenso mürrischen Blick. »Es mag zwar kein Quellwasser sein, aber etwas Besseres wirst du hier nicht bekommen.« Shínjï'ros Blicke wanderten erneut zu dem Wasser, bevor er nur vor sich hinmurmelte. »Zumindest, solange man keine blasse Haut eines Bergelfen hat. »Und es ist nicht ganz so frostig wie dein jetziges Getränk.« Die letzten Worte waren nicht in der allgemeinen Sprache gesprochen worden. Nein, vielmehr in der Sprache seines Volkes. Shínjï'ro gab sich alle Mühe zu verbergen, dass er nur Bruchteile davon verstanden hatte. Zwar hatte er viele Worte bereits von Valshiya gelernt. Doch war er noch weit davon entfernt sie fließend zu sprechen. Immerhin war es eine komplizierte Sprache und Shínjï'ro hatte nicht gerade viel Zeit damit aufgebracht, sie zu lernen. Er hatte stets … anderes … zu tun. Mit Wehmut dachte er an all die Toten zurück, welche seinen Weg seither gesäumt hatten, als er Valshiya kennengelernt hatte. Und nun stand er da, mit einem Krug Wasser in der Hand, welches ruhig dalag, als ob es ein Spiegel wäre und schenkte der fremden Shiín ein kurzes, nicht gerade dankbares aber auch nicht abfälliges Lächeln. »Und? Was willst du nun?«, hakte er nach, als er den Krug an seine Nase heranführte, um ihn auf verräterische Gerüche zu untersuchen. Doch als ihm nichts ungewöhnliches daran auffallen wollte, spendete er seiner ausgedörrten Kehle einen tiefen Schluck daraus. »Und sag jetzt bloß nicht, dass es reine Nächstenliebe unter unseresgleichen war.« Als er den Krug geleert hatte, warf er ihn achtlos zu Boden und stieß sich mit einer geschickten Bewegung von der Wand ab, während er ihr zumindest ein verhaltenes, aber dankendes Nicken schenkte. »Außerdem habe ich keine Zeit. Die Sonne geht bereits unter, und ich habe noch Dinge zu erledigen ...« Dinge. Wie das klang… »… Shímué.« Shímué klang immerhin besser als Dinge. Und wer, wenn nicht sie, verstand dieses Wort, welches die Bedeutung dieser sogenannten Dinge beschrieb?
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » Mi, 18. Feb 2015 21:34

Der Shiín fing den Krug geschickt auf und lächelte zufrieden. Anscheinend ging er davon aus, dass es ihm zu verdanken war, das der Krug keinen einzigen Tropfen Wasser verloren hatte und Aeon ließ ihn in dem Glauben. Seine Frage, ob es sich bei ihr um ein Gaukler handelte, ignorierte sie geflissentlich. Da er sich ihr zugewandt hatte um den Krug zu fangen, konnte sie sein Gesicht nun in aller Ausführlichkeit betrachten. Der Anblick machte sie neugierig. Bar jeglicher Tätowierung wirkte es trotz der violetten Haut, die ihn unzweifelhaft als Mitglied des Shiín-Volkes auswies, fremdartig… geradezu exotisch. Hier stand ein Geheimnis vor ihr, etwas das ihr in ihren 115 Lebensjahren noch nicht begegnet war. Was sie vorhin in der Wirtsstube bereits vermutet hatte, wurde ihr jetzt unzweifelhaft bewusst: Sie würde ihre Rückkehr in die Hügelländern von Harry‘in verschieben müssen.

„Und? Was willst du nun?“ Die Stimme des Shiín riss Aeon aus ihren Gedanken. Ein schwaches Lächeln zuckte über sein Gesicht bevor er einen Schluck von dem Wasser trank und fortfuhr: „Und sag jetzt bloß nicht, dass es reine Nächstenliebe unter unseresgleichen war.“ „Nein, wie kommst du darauf?“, Aeon klang ehrlich erstaunt. Mit leicht schief gelegtem Kopf fixierte sie das eigenartige Gesicht des Fremden und sah ihm dabei zu wie er den Krug leerte, bevor sie ohne Umschweife fortfuhr: „Du hast keine Tätowierung und ich habe noch nie einen Shiín gesehen der dieses Zeichen unseres Volkes nicht trägt. Das hat mich neugierig gemacht, was einer von zwei Gründen ist warum ich dir nach draußen gefolgt bin. Den anderen kann man eher als Interesse bezeichnen.“ Sie deutete mit einer knappen Geste auf die Wirtsstube. „Der Elf hat sich beleidigt, zumindest lies deine Körperhaltung vorhin darauf schließen. Warum hast du ihn also nicht angegriffen oder anderweitig Genugtuung gefordert? Ich hätte nämlich schwören können das du kurz davor warst.

„Außerdem habe ich keine Zeit. Die Sonne geht bereits unter, und ich habe noch Dinge zu erledigen… Shímué.“ Seine Worte entlocken ihr die Andeutung eines Lächelns. „Shímué? Bei dem Wetter und noch dazu ohne einen warmen Schlafplatz für die Nacht? Bist du sicher, dass das so klug ist?“ Sie warf einen bezeichnenden Blick in den Himmel. Die Sonne hatte den Horizont inzwischen erreicht. In der kurzen Zeit, seit Aeon die Gaststube verlassen hatte, hatte ihr Niedergang die Temperatur bereits merklich fallen lassen, was die Aussicht diese Nacht im Freien zu verbringen nicht sonderlich angenehm erscheinen ließ. Während er sich von der Wand abstieß und den Krug auf den Boden warf, zog sie nur eine Augenbraue hoch. Dann trat sie einen Schritt näher und hob das Geschirr demonstrativ wieder auf. Sie unterzog den Krug einer eingehenden Musterung und stellte dabei zufrieden fest, dass er den Sturz weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Die feinen Haarrisse am Boden würden dem Gastwirt sicherlich nicht auffallen, schließlich hatte der Krug seine besten Zeiten bereits seit längerem hinter sich.

Die Geräusche des nahen Marktes waren ebenfalls leiser geworden, weshalb sich der Mischling halb herumdrehte als hinter ihnen ein lauter Tumult ausbrach. Die Tür des Gasthauses wurde aufgestoßen und eine gemischte Schar übel riechender Elfen und Menschen taumelte grölend ins Freie. Sie lagen sich gegenseitig in den Armen, was sich bei genauerem hinsehen als gegenseitiges Stützen entpuppte, da sie kaum noch in der Lage waren geradeaus zu laufen. Aufmerksam beobachtete Aeon wie sie langsam die Straße hinunter taumelten, bis sie die Straße verließen und aus ihrem Sichtfeld verschwanden. Doch bevor sie sich wieder umdrehen konnte meldete sich eine vertraute Stimme in ihrem Kopf. Mir ist langweilig!, verkündete Lyun. Sie hatte erstaunlicherweise während des gesamten Gesprächs geschwiegen, dachte nun anscheinend aber nicht daran ihr Schweigen für den Rest des Tages beizubehalten. Nur mühsam gelang es Aeon einen unwilligen Laut zu unterdrücken, doch die Vorstellung sich auf dieses Gespräch zu konzentrieren, während in ihrem Kopf die Worte – Mir ist langweilig – in einer Endlosschleife ertönten, verleideten ihr die Stimmung. Das ist dazu kommen würde stand ohne Zweifel fest, denn Lyun wiederholte ihre Worte schon das dritte Mal.

Es wäre nicht das erste Mal, dass es Lyun gelang sie durch pausenloses Reden derartig aus dem Konzept zu bringen, dass eine vernünftige Unterhaltung schier unmöglich wurde. Wenn sie besonders hartnäckig war, kam es vor das Aeon versehentlich laut aussprach was sie eigentlich ihr antworten wollte. Die pausenloses Wiederholung einer desselben Wortes oder Satzes nach einer gewissen Zeit aus zu blenden ist nicht schwer, mischt sich dann jedoch ein, in einer anderen Stimmlage gesprochenen Satz hinein, gelingt es ihr hin und wieder Aeon zu suggerieren, dass diese Worte von Ihrem derzeitigen Gesprächspartner oder einer dritten Person gesagt wurden. So kann es passieren dass sie mitten in einem Gespräch verwirrt stockt, während sie sich fragt von wem der Einwand kam oder das sie unbewusst darauf antwortet, weshalb ihr der Gesprächspartner nicht mehr folgen kann. So oder so, es ist eine sehr wirkungsvolle Methode um ein langweiliges Gespräch zu unterbrechen und ihr wieder Aeons volle Aufmerksamkeit einzubringen.

Was auch der Grund ist, weshalb Aeon in diesem Moment damit begann im Geiste ein Trinklied zu rezitieren, ehe sie sich wieder zu dem silberäugigen Shiín umdrehte. Das bei dieser Bewegung erneut die Glöckchen klingelten, erinnerte sie daran, sich alsbald auf Ihr Zimmer zurückzuziehen und sich an der langwierige Aufgabe zu widmen, den störenden Schmuck wieder aus ihrem Haar zu entfernen. „Du hast mir noch gar nicht gesagt wie du heißt… Ich bin Aeon und ich würde dieses Gespräch gerne fortsetzen, allerdings eher ungern hier. Würde es dir etwas ausmachen hier nicht noch länger in der Kälte herumzustehen? Wenn du diese ‚Dinge‘ heute noch erledigen willst, solltest du das bald tun und auf mich wartet dort drinnen noch eine warme Mahlzeit. Was hältst du also davon, wenn du erledigst was du noch zu erledigen hast und wir uns dann einen Ort suchen, an dem wir dieses Gespräch fortsetzen können? Falls auch daran interessiert bist weiß du wo du mich finden kannst.“ Mit diesen Worten trat sie ein paar Schritte von ihm zurück und griff nach der Tür des Gasthauses.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Mi, 11. Mär 2015 22:01

Shínjï'ro verzog unwirsch die Mundwinkel, als die Shiín von seinem offensichtlichen Makel zu sprechen begann. »Du hast keine Tätowierung und ich habe noch nie einen Shiín gesehen der dieses Zeichen unseres Volkes nicht trägt.« Dem Fehlen des Erkennungsmerkmales des Volkes, welchem sie beide angehörten. Die dunklen Linien und Muster, wie sie jeder von ihnen in jungen Jahren eingestochen bekam. Keine glich einer anderen. Jede war ein Einzelstück. Ein Meisterwerk. Nur er hatte keine. In seinen Augen funkelte Ablehnung und auch ein wenig Wut. »Was geht dich das an?« Seine Stimme war kalt und zischte, wie das Drohgebärden einer angriffslustigen Schlange. »Das hat mich neugierig gemacht, was einer von zwei Gründen ist warum ich dir nach draußen gefolgt bin.« Der Shiín verschränkte wieder die Arme und machte somit seine ablehnende Haltung noch deutlicher. »Schön. Du hast also deine Neugierde gestillt. Freut mich für dich.« Er hatte sichtlich keine Lust darüber zu sprechen. Und schon gar nicht mit einer dahergelaufenen Fremden. Ob sie nun von seinem Volk war, oder nicht, war ihm einerlei. Er hatte die letzten Jahre genügend dieser Worte gehört. Und vermutlich war dies auch einer der vielen Gründe, warum er das Heimatland verlassen hatte. Er war diese Fragen Leid geworden. Sie schien wohl zu merken, dass ihre Worte auf einen steinigen Pfad führten und lenkte das Gespräch in andere Bahnen. »Der Elf hat dich beleidigt, zumindest lies deine Körperhaltung vorhin darauf schließen. Warum hast du ihn also nicht angegriffen oder anderweitig Genugtuung gefordert? Ich hätte nämlich schwören können das du kurz davor warst.« Ein wölfisches Grinsen huschte über sein Gesicht. Ja, da hatte sie Recht gehabt. Zumindest in gewisser Weise. Aber er schüttelte nur den Kopf. Sie konnte lediglich von anderen Shiín auf ihn schließen. Und dass die meisten Hitzköpfe waren, hatte er selbst auch erfahren. Erneut schüttelte er den Kopf und das Grinsen erstarb auf seinem Gesicht und wich einem gleichgültigen Blick. »Und was hätte es genützt?« Shínjï'ro hatte die Gabe stets einen kühlen Kopf zu bewahren, wo andere scheiterten. Zumindest meistens. Da er keinen Spaß, in jedwelchem Sinne, verstand, war es oft schwer innerlich ruhig zu bleiben, wenn andere lachten. Besonders dann, wenn Shínjï'ro den Eindruck hatte, dass man über ihn lachte. Er hatte schon mehr als eine Nase gebrochen, da er einen Witz nicht verstanden hatte und ihn als Beleidigung empfunden hatte. Vermutlich lag seine, ansonsten sehr ausgeprägte, Besonnenheit an seiner besonders speziellen Ausbildung, die er genossen hatte. Vielleicht war dies aber auch einfach ein Wesenszug seines Charakters. Früher hatte er es für die Eigenart seines Volkes gehalten, da er nur unter Menschen gelebt hatte. Doch als er andere von seiner Art kennengelernt hatte, stellte er bald fest, dass dies keine natürliche Art der Shiín war. Er war anders, als die meisten. Natürlich hatte er auch ruhige und besonnene Männer und Frauen in der Heimat gefunden. Doch ebenso auch Heißsporne und Draufgänger, die jeder Beleidigung ihrer Ehre bis aufs Blut rächen wollten.

Shínjï'ros Lächeln erstarkte wieder auf seinen Lippen, als er weitersprach. »Die Beleidigung war …« Shínjï'ro suchte nach dem richtigen Wort. Doch es fiel ihm kein passendes ein, also zuckte er mit den Achseln. Auch wenn er eher einen sehr verkümmerten Sinn für Humor hatte, und Späße oftmals falsch verstand, so kannte er dennoch die Bedeutung dieser Worte. »Wer bin ich, einen Mann der Wahrheit wegen zu bestrafen?« Erneut zuckte er mit den Achseln. »Meine Haut ist nuneinmal wie sie ist.« Natürlich war der Scherz des Wirten rein sarkastischer Natur gewesen. Ob Shínjï'ro dies nun verstand oder nicht, war allerdings unklar. Dass er den Wirt mit finsteren Blicken gestraft hatte, lag eher daran, dass er gelacht hatte, nach seinen Worten. Und dies hatte nur bedeuten können, dass ein Scherz auf seine Kosten gemacht worden war. »Wenn ich ehrlich bin, hatte ich einfach keine Lust.« Shínjï'ro lehnte sich wieder an die Wand und strafte die Shiín mit scheinbar trotzigen Blicken. Ob er nun wirklich keine Lust hatte, oder einfach nur kein Interesse mit ihr darüber zu sprechen konnte wohl selbst der beste Gesichtsleser nicht aus ihm heraus lesen. »Ist das überhaupt wichtig?« Shínjï'ro schüttelte, als ob er sich selbst die Frage beantworten würde den Kopf.

Nachdem er offenbart hatte, dass er noch etwas zu erledigen hatte, schien dies die Shiín ein wenig zu verwirren. Und ihre Frage, nach dem Wetter und dem Schlafplatz verwirrten kurz darauf, und im Gegenzug, ihn. Hatte er ein falsches Wort gebraucht? Er wollte sich nicht die Blöße geben und zuckte nur wieder einmal mit den Achseln. »Der Winter ist nur so tödlich, wie man es ihm gestattet. Ob dies klug ist, oder nicht, wird sich weisen. Wer kann schon die Zukunft vorhersagen?« Seine Worte dienten lediglich dem Zweck über die unangenehme Situation, welche sich hier anbahnte, geschickt den Bogen zu spannen, um möglichst nicht mehr darüber zu sprechen.

Und da kamen ihm die Elfen, die lauthals aus dem Gasthaus kamen, gerade Recht. Im Sog ihrer Stimmgewalt, stieß sich Shínjï'ro von der Wand ab und schickte sich an, eben diese hinter sich zu lassen, um den bereits erwähnten Besorgungen nachzugehen. Als sie dann aber erneut ihre Stimme an ihn richtete, hielt er inne und wandte sich wieder zu ihr um. Sie war ihm gefolgt? Was hatte er nur an sich, dass sie einfach nicht locker lassen wollte? Shínjï'ro bedachte die Shiín mit einem argwöhnischen Blick. »Du hast mir noch gar nicht gesagt wie du heißt.« Shínjï'ro fiel es schwer ihre Stimme zu deuten. Schwang da ein Vorwurf mit? Oder war es eher wieder diese Neugierde? Und so wählte er den Weg der Vorsicht. »Du hast nicht gefragt.« Für einen kurzen Moment zuckte sein linker Mundwinkel in die Höhe und ließ den, tief in seinem Geist schlummernden, Schalk aufblitzen. Wenn auch nur für kurz, denn der Rest seines Gesichtes glich eher einer versteinerten Statue. »Ich bin Aeon und ich würde dieses Gespräch gerne fortsetzen, allerdings eher ungern hier.« Shínjï'ro musste ihr zumindest zugestehen, dass sie wusste, was sie zu wollen schien. Ihre Art sich auszudrücken zeugte von einem starken Charakter der, für gewöhnlich, seinen Willen durchzusetzen vermochte. »Mein Name lautet Shínjï'ro.« Auf ihre anderen Worte ging er nicht weiter ein. Stattdessen starrte er ihr Gesicht an, um darin ihre Absichten nach diesen geäußerten Wünschen zu erkennen. Doch auch ihr Gesicht schien einer undurchdringlichen Maske zu gleichen, was nun wiederum seine Neugierde weckte. »Also gut.« Er nickte. Eigentlich hatte er nichts weiter vor. Das Ding, das er am Markt angesehen hatte, war ihm ohnehin zu teuer. Und nun, wo sie es erwähnt hatte, war ein merklich kälterer Wind aufgezogen, der Shínjï'ro jede Lust raubte, noch länger in der Kälte zu stehen. »Meine Geschäfte können warten.«, meinte er gönnerhaft und öffnete seine linke Hand um diese in die Richtung des Gasthauses zu richten. »Nach dir.«
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » So, 24. Mai 2015 23:47

Sie legte ob seiner heftigen Reaktion den Kopf leicht schräg, bevor sie antwortete: „Nun, gar nichts würde ich sagen.“ Sie klang leicht erstaunt als sie fortfuhr: „Wenn du nicht darüber reden möchtest, dann werde ich es nicht wieder ansprechen.“ Damit war dieses Thema für Aeon erledigt. Es war wie sie gesagt hatte, ihre Frage war reiner Neugierde entsprungen und es entsprach nicht ihrer Art weiter auf dem Thema zu beharren, nachdem sie ein derart deutliches Stoppsignal erhalten hatte. Sie würde es nicht mehr ansprechen obgleich es sie natürlich noch immer interessierte.

„Und was hätte es genützt?“ Während sie noch nach einer passenden Antwort suchte hellte sich seine Mine wieder auf. Das schnelle Wechselspiel der verschiedensten Emotionen fesselte Aeon. Seine Launen sind so wechselhaft wie Wasser, stellte sie nüchtern fest. Sie suchte in seinem Gesicht nach dem Grund für den plötzlichen Stimmungsumschwung als er auch schon weitersprach: „Wer bin ich, einen Mann der Wahrheit wegen zu bestrafen? Meine Haut ist nun einmal wie sie ist.“ Da hat er recht, stellte sie belustigt fest. Lyuns Antwort, die noch immer ungnädig war, weil es keinen Kampf gegeben hatte, war nicht mehr als ein unwirsches Schnauben. Als er dann noch hinzufügte: „Wenn ich ehrlich bin hatte ich einfach keine Lust“, zuckte ein Lächeln um Aeons Mundwinkel. Es vertiefte sich als er sich scheinbar lässig gegen die Hauswand lehnte und ihr einen trotzigen Blick zuwarf. Nun war es nicht länger nur sein auffälliges Aussehen das sie faszinierte. Sie war noch nicht vielen begegnet die auf der einen Seite so zugänglich wirkten wie eine verschlossene Tür, auf der anderen Seite aber trotzdem die Höflichkeit besaßen mit einer wildfremden Person ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen für das augenfällig keine Geduld aufbrachten. Es war ihm innerhalb weniger Herzschläge gelungen sie so zu erheitern das sie einige Mühe aufbringen musste um sich das Lachen zu verbeißen, und das fachte ihr Interesse an seiner Person weiter an. Sie brannte förmlich von Neugier.
Schließlich fand sie dann doch noch eine passende Antwort: „Ich habe nicht nach dem Nutzen einer derartigen Reaktion gefragt“, erwiderte sie mit einem deutlichen Lächeln in der Stimme. „Es ist aber genau das was ich von einem Angehörigen meines Volkes erwarten würde. Sie sind meist hitzig und schnell unbeherrscht wenn es zu solchen Situationen kommt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein vergleichsweise harmloser Scherz in einer wüsten Prügelei geendet hätte.
Und wenn du jetzt ehrlich bist, hätte es dir mindestens genauso viel Spaß gemacht wie mir die Gaststube ein wenig aufzumischen. Schließlich hätten wir nicht zulassen können, dass ein einzelner Shiín sich allein mit einer Gaststube voller Elfen angelegt… Das wäre nicht loyal gewesen. Aeon schickt ihr ein helles Feuerwerk der Erheiterung, bevor sie zu einer Antwort ansetzte. Dies ist eine von den seltenen Gelegenheiten in denen ich dir aus tiefstem Herzen zustimmen muss. Unser letzter ordentlicher Kampf ist einfach schon zu lange her. Obwohl… Wenn ich so recht darüber nachdenke bekomme ich langsam das Gefühl, dass du immer nur nach einem Grund suchst um irgendwas kaputt zu machen. Dieses kurze Geplänkel war der eindrucksvollen Beweis für Lyuns quecksilberartige Persönlichkeit. Man konnte sich nie ganz sicher sein ob sie wirklich die Stimmung gewechselt hatte oder es nur vorgab und wie ein Spiegel das zeigte was der Gesprächspartner erwartete. Du hast ja so recht, entgegnete sie wie zur Bestätigung dieser Einschätzung mit einer kalten Stimme die Aeon in jüngerem Alter viellicht in Panik versetzt hätte, sie nun jedoch nur mir grimmiger Zufriedenheit daran denken ließ wie viel Kraft sie seitdem geonnen hatte

Als er auf die Nennung ihres Namens keine Anzeichen von Erkennen zeigte war sie zu gleichen Teilen verblüfft und erleichtert. Verblüfft, da es einfach sehr selten vorkam das ein Shiín die alte Geschichte nicht kannte und erleichtert, das es ihr vergönnt sein würde sich einmal mit einem Angehörigen ihres Volkes unterhalten zu können ohne von früheren Heldentaten berichten oder maßlos übertriebene Geschichten richtig stellen zu müssen. „Du hast nicht gefragt.“ „Das stimmt und du hast scheinbar die Angewohnheit das offensichtliche festzustellen.“, erwiderte sie als sie den Schalk in seinen Augen aufblitzen sah. Inzwischen hatte sie ihre eigene Erheiterung wieder unter Kontrolle bekommen und das Lächeln war einer ausdrucklosen Mine gewichen. So quittierte sie die Nennung seines Namens auch lediglich mit einem freundlichen Nicken.


Sie war sich beinahe sicher das er nicht auf ihren Vorschlag eingehen und stattdessen weiterziehen würde, als er plötzlich innehielt, sich umwandte und in gönnerhaftem Ton verkündete, sene Geschäfte könnten warten. Nun war es an Aeon eine Augenbraue hochzuziehen, sie ging jedoch nicht weiter auf seinen plötzlichen Sinneswandel ein. Achselzuckend packte sie die schwere Tür des Gasthauses und zog sie mit einem Ruck auf. Verbrauchte Luft waberte ihr entgegen, eine Mischung aus schalem Bier, Körperausdünstungen und den verschiedensten Essensgerüchen. Zusammen mit der stickigen Wärme des Raumes und dem schummrigen Licht des mäßig beleuchteten Gastraumes, trieb sie Aeon fast wieder hinaus. Nach der klirrend kalten, dafür aber frischen Außenluft fühlte sich der Versuch in diesem Raum zu gelangen an als versuche sie gegen eine Wand zu laufen, doch Neugier und die Aussicht auf eine warme Mahlzeit trieben sie nach einigen Herzschlägen des Zögerns doch hinein.
Bevor sie die Tür losließ versetzte sie ihr einen Stoß der sie noch ein wenig weiter aufschwingen ließ. Dann ging sie ohne sich umzusehen oder sich anderweitig zu vergewissern ob der Shiín ihr folgte auf direktem Weg zu Ihrem Tisch. Ein winziges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht als sie bemerkte wie der Wirt aufsah und mit ein paar schnellen Schritten auf ihren Tisch zuhielt ehe er sie erkannte, ihr zunickte und wieder hinter seinen Tresen zurückkehrte. Auf den scheinst du ja mächtig Eindruck gemacht zu haben… Er hat deinen Tisch bewacht wie ein scharfer Wachhund, ich bin beeindruckt. Aeon konnte das süffisante Grinsen in Lyuns Stimme beinahe hören, also sparte sie sich eine Erwiderung. Trotzdem merkte sie bei diesen Worten auf, schließlich kam so etwas nicht eben häufig vor.
Sobald sie den Tisch erreicht hatte, löste sie stumm den Verschluss ihres Mantels, faltete ihn zusammen und hängt ihn über ihren Stuhl, um sich anschließend mit einem leisen Seufzer auf eben jenen fallen zu lassen. Das leise Klirren, welches ihre Bewegung begeitete, hörte sie schon beinahe nicht mehr. Der Sitzplatz bot ihr einen guten Blick über den Raum. Sie ließ den Blick prüfend umherschweifen, nur um festzustellen das die meisten der Gäste so mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie wohl kaum besonders auf die beiden Violetthäutigen in ihrer Mitte achten würden. Zufrieden wandte sie sich Shínjï'ro zu, der sich in der Zwischenzeit ebenfalls am Tisch niedergelassen hatte. Sie studierte sein Gesicht als läge darin die Antwort auf eine unausgesprochene Frage, während sie noch überlegte wie dieses Gespräch am besten fortzusetzen sei. Dann kam ihr ein Gedanke. Es war ihr zuvor schon aufgefallen, doch aus irgendeinem Grund schien die Frage besser in dieser dämmrige Gaststube, als im kalten Abendlicht unter freiem Himmel gestellt zu werden.
Sag Shínji‘ro, kann es sein das Shindar nicht deine bevorzugte Sprache ist? Du hast einen seltsam Akzent…“, sie hielt kurz inne, suchte nach den richtigen Worten: „Einen, den ich noch nicht oft unter der Zunge von Harry‘in vernahm. Ich kann die Sprache nicht einordnen.“ Bevor sie weitersprechen konnte, oder er die Gelegenheit zu einer Antwort erhielt, wurden sie unterbrochen. Der Wirt stand mit einer dampfenden Schüssel vor ihrem Tisch. Der Geruch des Essens ließ Aeon den üblen Geruch um sich herum fast vergessen. Sie nahm die Schale entgegen und reichte ihm den Krug zurück. „Wollt ihr noch etwas trinken?“ Als sie mit einem Nicken bestätigte, wandte sich der Elf an Shínji’ro: „Und was mit dir? Hast du deine Meinung geändert und willst jetzt doch was essen?“ Na das kann ja lustig werden., war Lyuns trockener Kommentar zu dem Verhalten des Elfen und diese eine Mal stimmte Aeon ihr zu.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Mo, 08. Jun 2015 22:12

Shínjï'ro folgte der Shiín in den Schankraum und sofort schwollen ihm die vielen angenehmen, wie auch die viel zahlreicheren, unangenehmen Gerüche entgegen. Zu den angenehmeren zählte zumindest der Duft des Eintopfs, welcher schwer in der Luft hing und selbst jenen des angebratenen Fleisches übertünchte, welches gerade in einer Pfanne vor sich hinbrutzelte. Doch die unangenehmen Gerüche wie Schweiß, stinkender Atem, nasse und muffige Kleidung und abgestandener Rauch überwogen bei weitem. Shínjï'ro rümpfte angewidert die Nase, und hielt, wieder einmal, für einen Moment inne. Doch dieses Mal ließ sich der Wirt zu keinem unpassenden Kommentar herab, was wohl einfach nur daran lag, dass er zu beschäftigt war, um seine erneute Anwesenheit bemerkt zu haben. Den Meuchelmörder scherte es nicht. Viel eher begrüßte er es schweigend und stumm nickend, bis er die Verfolgung Aeons fortsetzte. Ihre bimmelnden und klimpernden Glöckchen, die zu unzähligen in ihr Haar geflochten worden waren und bei jedem zweiten ihrer Schritte ein helles Klingeln von sich gaben, machten es ohnehin schier unmöglich ihr nicht folgen zu können. Selbst in einer Menge von tausenden Menschen, die wild und kreuz und quer durch enge Gassen hetzten während an jeder Ecke ein Marktschreier stand, der seine Waren feilbot, würde er sie nicht verlieren können. Shínjï'ro maß ihre seltsame Erscheinung mit einem kritischen und ausgiebig musternden Blick. Was auch immer sie war, sie war zweifellos kein Shiín, die den Schatten vorzog. Denn diese hellen Klänge der unzähligen Glöckchen machten es absolut unmöglich ungehört und damit auch ungesehen zu bleiben. Shínjï'ro fand ihren Haarschmuck als ebenso lästig und störend, da ihm das Gebimmel gehörig auf die Nerven ging, als auch unzweckmäßig. Doch da sie eine Frau war, musste dies wohl irgendeiner dieses neuen, modischen Haarschmucks sein, für den ein Krieger und Mann keine Verwendung fand.

Obwohl der Schankraum bis an die Decke voll mit Elfen war, fand sich doch noch irgendwie ein freier Tisch. Vermutlich war er erst soeben frei geworden, denn anders konnte Shínjï'ro es sich kaum erklären, wie sie es bewerkstelligt hatte, einen freien Tisch zu finden. Und so nahm er ihr Gegenüber Platz und ruckte das dicke Stofftuch zurecht, unter welchem er die Kette seines Suruchín verborgen hielt, damit die Kette ihn nicht unangenehm im Rücken drücken konnte. Und so saßen sie sich schweigend gegenüber und starrten einander an, als ob sie noch niemals ein Wort miteinander gewechselt hätten, bis Aeon schließlich ihr Schweigen brach, und das heißeste, was ihr wohl gerade auf der Zunge brennen musste, zur Sprache brach. »Sag Shínji‘ro, kann es sein das Shindar nicht deine bevorzugte Sprache ist?« Der Shiín verzog seine Mundwinkel zu einer säuerlichen Miene. Wenn er geahnt hätte, dass diese Unterredung ausgerechnet darauf hinausliefe, wäre er nicht in die Schenke gekommen. Da wäre ihm selbst die kalte Winternacht lieber gewesen, als diese unangenehme Stille, die nun herrschte. Aeon nutzte das Schweigen des Shiín, um ihre Vermutung mit einer Erklärung zu untermalen, was die Laune Shínjï'ros kaum zu bessern vermochte. »Du hast einen seltsam Akzent…Einen, den ich noch nicht oft unter der Zunge von Harry‘in vernahm. Ich kann die Sprache nicht einordnen.« Ein beinahe bitteres Lächeln, wie eines von denen die kamen, ohne dass man es eigentlich wollte, umspielte seine Lippen. »Das kann ich mir vorstellen.« Geistesabwesend strich er sich mit der Hand über die Schläfe. An jener Stelle, wo eigentlich eine Tättowierung sein sollte, wäre er nicht vor dem Ritus von Sklavenhändlern entführt und in die Nordreiche verschleppt worden, um dort nach vielen Jahren zum Meuchelmörder ausgebildet zu werden. »Ich war lange nicht in der Heimat. Unter Menschen vergisst man…« Er fand, dass diese Erklärung ausreichend genug sein dürfte, und befand, nicht weiter darüber sprechen zu wollen. Und da kam ihm der Wirt gerade Recht, der soeben an sie herangetreten war, um die Bestellung aufzunehmen.

Aeon bestellte etwas zu Trinken, und so wandte sich der Wirt schließlich an ihn. »Und was mit dir? Hast du deine Meinung geändert und willst jetzt doch was essen?« Der Shiín starrte den Wirt einen Augenblick lang schweigend an und seine eiskalten Blicke schienen dessen Herz zu durchbohren. »Sofern du nicht vorhast, mir den kalten Eintopf zu bringen.« Der Wirt setzte ein breites Grinsen auf und stemmte dabei die Hände in die Hüfte. »Oh, daran hatte ich schon gedacht.« »Schlag dir das aus dem Kopf.«, brummte Shínjï'ro ungehalten und wedelte lapidar mit der rechten Hand. »Ich könnte natürlich einen frischen bringen, und dir einfach beide in Rechnung stellen. Immerhin hast du ihn bestellt. Ob du ihn gegessen hast, ist mir doch einerlei.« Da straffte der Shiín seinen Rücken und starrte den Wirt mit einem grimmigen Blick an. »Ich könnte auch stattdessen einfach dein Herz verspeisen. Roh, während es noch zuckt und schlägt und Blut spuckt!« Da wich der Wirt unweigerlich einen hastigen Schritt vor dem Shiín zurück, und Shínjï'ro war, als ob seine Gesichtsfarbe um drei Nuancen heller geworden wäre. Indes hatte Shínjï'ro seine linke Hand in den rechten Ärmel seiner Tunika geschoben und seine Finger um den Griff eines seiner Dolche gelegt, die er stets am Unterarm zu tragen pflegte. Aber dann wandte sich der Wirt kurzerhand um und verließ den Tisch. »Einen Eintopf.«, vor sich hinmurmelnd.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » So, 21. Jun 2015 17:58

„Ich war lange nicht in der Heimat. Unter Menschen vergisst man…“ Bei dieser kurzen Erwiderung Shínji’ros durchzuckte Aeon Erstaunen. Sie fragte sich wie es kam das bei der Erwähnung von Menschen nicht der geringste Anflug von Abfälligkeit in seiner Stimme lag. Doch hatte ihre letzten Fragen ihr deutlich vor Augen geführt wie ungern dieser Mann über sich selbst sprach, also ließ sie im Geiste die kurze Zeit Revue passieren, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Dabei fiel ihr etwas auf. Trotz der Tatsache das er sich bisher größtenteils abweisend und kurz angebunden gegeben hatte, saß er ihr nun an diesem Tisch gegenüber und redete mit ihr. Irgendeinen Grund musste er dafür ja haben. Also beschloss sie mit Auftauchen des Wirtes kurzerhand der Taktik zu wechseln und sich aufs Schweigen zu verlegen bis er von sich aus auf die Idee kam etwas zu sagen.

Äußerlich unbeteiligt griff sie sich einen Löffel und begann den warmen Eintopf zu verspeisen, derweil sie mit einigem Interesse sie den kurzen Wortwechsel zwischen Wirt und Shiín verfolgte. Na die scheinen sich ja richtig zu lieben, stellte Lyun trocken fest, als der Bergelf mit einem Grinsen vorschlug Shínjï'ro beide Bestellungen in Rechnung zu stellen. Das ist doch dumm… Dieses Geplänkel führt doch zu nichts. Ich meine, der Kerl scheint ordentlich Respekt vor Shínjï'ro zu haben, warum provoziert er ihn dann? Will er damit irgendwem etwas beweisen? Oder versucht er nur witzig zu sein und bemerkt nicht dass er sich dafür den Falschen ausgesucht hat? Nachdenklich führte sie einen weiteren Löffel Eintopf zum Mund. Lyun schwieg. Ob sie allerdings über eine Antwort nachdachte oder das Geschehen vor ihnen verfolgte, vermochte Aeon nicht zu sagen. Sie beobachtete erstaunt wie sich Shínjï'ros Blick um einige weitere Grade abkühlte. War sie sich zu Beginn der Auseinandersetzung schon sicher gewesen das dieser Blick kalt war, wurde sie nun eines Besseren belehrt. Denn dieser frostklirrende Blick ließ selbst sie unwillkürlich schaudern. Als er dann auch noch ernsthaft verkündete: „Ich könnte auch stattdessen einfach dein Herz verspeisen. Roh, während es noch zuckt und schlägt und Blut spuckt!“, wunderte es Aeon nicht das der Bergelf ohne ein weiteres Wort mit wachsbleichem Gesicht die Flucht ergriff.
Sie aß noch einige Herzschläge lang scheinbar unbekümmert weiter. Als sie die Schale mit dem Eintopf etwa zur Hälfte geleert hatte, konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Unvermittelt brach ein leichtes Kichern aus ihr hervor. Für einen kurzen Moment nahm sie an, tatsächlich die Kontrolle verloren und die Erheiterung herausgelassen zu haben, doch dann ging ihr etwas auf. Du bist unmöglich, das weißt du oder? So ungehalten ihr innere Stimme auch klang, Lyun hörte unzweifelhaft die mühsam beherrsche Belustigung heraus und lachte nur noch lauter. Der Klang veränderte sich. Aus dem heiteren offenen Gelächter wurde schnell etwas tieferes und dunkleres. Die Situation begann Aeon zu entgleiten. Mit einiger Mühe gelang es ihr den Kopf zu senken und den Löffel wegzulegen. Beides Gesten die die unvermittelte Veränderung ihrer Augen verschleiern und den Anschein der Normalität waren sollten, während sie mit Lyun rang. Es kostete zwar nicht viel Kraft, sie zurückzudrängen, doch die Leichtigkeit mit der sie eines ihrer Gefühle nach Außen projiziert hatte, erschreckte Aeon.
Du bist so ein Spielverderber, ich wollte doch nur etwas Spaß haben., nörgelte Lyun. Das ist jetzt schlechter Scherz oder? Ja, gab sie ungerührt zu: Ich würde sagen da hast du echt Glück gehabt. Die lockere Heiterkeit war vollständig aus ihrer Stimme verschwunden. An ihr Stelle war eine gefährliche Ruhe getreten, die dafür sorgte das sich die feinen Härchen an Aeons Unterarmen aufstellten. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie mit der zurück gewonnenen Kontrolle auch unvermittelt aufgehört hatte zu lachen. Hektisch suchte sie nach einer Möglichkeit das Ganze nicht noch seltsamer wirken zu lassen und produzierte schließlich in Ermangelung einer besseren Idee spontan ein Hustenanfall. Ihr Herz galoppierte wie ein fliehendes Pferd und ihre Gedanken rasten. Was war, wenn Shínjï'ro etwas bemerkt hatte?

Nach wenigen Herzschlägen hörte sie auf zu husten und schluckte krampfhaft, ganz so als sei ihr ein Stück Eintopf im Halse stecken geblieben. Ihren schnellen Atem brachte sie mit Gewalt zur Ruhe. Trotzdem war ihr ganzer Körper noch immer angespannt wie eine Bogensehne. Erst ganz allmählich beruhigte sich auch ihr Herzschlag wieder. Sie setzte sich mit einem verlegenen Lächeln wieder aufrecht hin, brach damit die Anspannung und bemühte sich um eine lässige Haltung. Absichtlich fing sie Shínjï'ros Blick auf bevor sie den Löffel wieder aufnahm und mit dem Essen fortfuhr.
Dieser kurze Zwischenfall hatte ihr eindrücklich vor Augen geführt wie unglaublich geschickt Lyun darin war die kleinste Unachtsamkeit oder Lücke in Aeons geistigen Verteidigung auszunutzen. Doch es war lange nicht mehr geschehen, dass etwas Einfaches wie ein unterdrücktes Lachen sie fast vollständig die Kontrolle gekostet hatte. Aber unter diesen Umständen ergab mit einem Mal auch Lyuns seltsam gemäßigtes Verhalten der letzten halben Stunde Sinn. Sie hatte die Faszination ausgenutzt, die Aeon für diesen Shiín empfand um eine Lücke zu finden. Das Angleichen ihres Verhaltens an das ihrer Schwester hatte dann den Erfolg gebracht. Während diese sich darauf konzentrierte zu essen, ihren Tischnachbar zu beobachten und nicht laut loszulachen, hatte es nur eins kleinen Anstoßes bedurft um dieses Lachen hervorbrechen zu lassen und als Aeon erkannte, dass es nicht ihr eigenes Lachen war, das aus ihrem Mund kam war es fast zu spät gewesen. Das gerade hätten einer Katastrophe enden können, stellte Aeon nüchtern fest.

Erst als die Schale mit dem Eintopf leer war, lehnte sich der Mischling auf seinem Stuhl zurück, dabei schlug Wellenlieds Scheide dumpf gegen den Stuhl und ihr Zopf klirrte leise. Diese normalen Geräusche brachten sie vollends in die Gegenwart zurück. Kurz entschlossen schob sie ihre Schale in die Mitte des Tisches, legte den Löffel hinein und packte ihren Zopf. Genug war genug. Sie zog die Haare nach vorn über ihre Schulter und begann vorsichtig den Zopf zu lösen.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Mo, 24. Aug 2015 14:02

Wortlos starrte Shínji’ro die fremde Shiín an und ließ dabei seine musternden Blicke über sie wandern, als ob er eine Landkarte studieren würde. Allerdings wohl eher eine dieser Landkarten, die man ohnehin schon kannte und nur der Form halber überflog und nicht gar sich angestrengt darüber beugte um sie eingehend zu inspizieren. Seine Blicke verharrten für einen Moment auf jenem Punkt ihres Körpers, welchen andere Männer mit weit begehrlicheren Blicken bedenken würden und der Grund warum Shínji’ro dort hin starrte war zweierlei Gründen zu verschulden. Zum einen endete ihr Oberkörper jäh, da er von der hölzernen Tischplatte abgeschnitten wurde und diese den Ausblick auf den Rest ihres Körpers verwehrte. Und zum anderen lag dort ihr dicker, mit unzähligen Glöckchen verflochtener Zopf und lenkte unweigerlich Shínji’ros Aufmerksamkeit darauf. Noch immer wunderte sich der Krieger, warum sie diese Glöckchen wohl im Haar trug und ob es wohl eine interessante Geschichte dazu zu hören gäbe. Doch anstatt zu Fragen starrte er nur weiter und seine violetten Augen, die im fahlen Schein der Talglichter immer wieder silbern schimmerten, wanderten von einem Glöckchen zum nächsten, bis er wieder bei Aeons Gesicht angelangt war. Sie war, wenn Shínji’ro irgendeine Bezeichnung dafür finden musste, eine wilde Schönheit. Sie hatte alles was eine Shiín ausmachte, selbst die unsägliche Bemalung im Gesicht, für die sich ihr Volk so rühmte. Und doch war sie auf eine Weise, die Shínji’ro nicht verstehen konnte anders. Er bildete sich ein, dass es wohl an ihren Augen liegen musste, die ihn zwar freundlich und neugierig ansahen, doch in welchen ein seltsamer, beinahe feindseliger Schimmer zu lauern schien.

Es kam Shínji’ro beinahe wie eine Erlösung vor, als der unsägliche Wirt endlich den Eintopf brachte. Fast schon musste Shínji’ro wohl dankbar sein, dass er ihm die hölzerne Schüssel nicht einfach auf den Tisch geknallt hatte. Shínji’ro dankte dem Wirt mit einem stummen Kopfnicken und zog mit der Linken, während er mit der Rechten bereits den hölzernen Löffel zur Hand nahm, eine kleine, abgewetzte Münze aus seinem Geldbeutel und legte sie, ohne den Wirt eines Blickes zu würdigen, auf den Tisch. Der Wirt nahm die Münze und verkrümelte sich wieder, denn offensichtlich stand ihm nicht mehr der Sinn nach weiteren Späßen oder gar einer Unterhaltung, worüber Shínji’ro mehr als erleichtert war. So stumm wie zuvor, starrte er nun auf den Eintopf und löffelte stoisch einen Happen nach dem anderen in seinen Mund. Hin und wieder fiel einer der dicken, sich im Auflösen befindlichen, Fettklumpen vom Löffel und als er in die Suppe zurück fiel erklang ein unbedeutendes und unscheinbares Platschen. Immer wieder hob Shínji’ro den Kopf, doch irgendwann empfand selbst er das Schweigen, welches zwischen den beiden Shiín vorherrschte als zu bedrückend und so brach er es schlussendlich. »Was führt dich in diese Gegend, so fern der Heimat?« Wieder verschwand der Löffel mit heißer, dampfender Suppe, die beinahe so dick wie ein Brei war, in seinem Mund.

Aeon hatte sich inzwischen zurück gelehnt und damit begonnen ihren Zopf zu öffnen, um die silbernen Glöckchen aus dem Haar zu entfernen. Wenn Shínji’ro sich zuvor noch gewundert hatte, warum sie diesen Haarschmuck an sich getragen hatte, so wunderte er sich nun nur noch umso mehr, warum sie ihn nun wieder heraus nahm. Augenscheinlich hatten diese Glöckchen doch keinen besondere Bedeutung für diese Frau. Shínji’ro zuckte mit den Schultern und leerte die letzten Reste aus der Holzschale, indem er den Kanten Brot, welchen der Wirt auf dem Holzteller, auf welchem die Schüssel mit dem Eintopf gestanden hatte, in die Schüssel drückte und den Rest der Suppe damit aufsog. »Ein Gaumenschmaus war es nicht gerade.«, murmelte der Krieger und schob die vollends geleerte Schüssel schließlich von sich, zum Zeichen dass er mit dem Mahl fertig war. »Aber einen Schnaps könnte ich wohl noch vertragen. Wärmt die Glieder und hilft den fettigen Geschmack im Mund loszuwerden.« Er grinste, wenn man das so bezeichnen wollte. Bei Shínji’ro sah es eher aus, als ob ihn ein nur allzu natürliches Verlangen plagen würde, und weit und breit kein Abort zu sehen war. Und so schnell wie das Lächeln auf seinen Lippen erschienen war, so schnell war es auch wieder verschwunden.

Einige Zeit später, und um einen Schnaps im Magen reicher, lehnte sich Shínji’ro in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Der Schnaps hatte nicht nur den angenehmen Effekt von spendender Wärme. Auch Shínji’ro taute langsam und allmählich auf und schien nun, da er etwas zu Essen gehabt hatte, und einen starken Schnaps getrunken hatte, weniger abweisend zu sein, als noch zuvor, als der Groll auf den Wirt ihn zu einem ungehobelten Eisklotz hatte werden lassen. »Wann warst du das letzte Mal in der Heimat? Lebt der alte Varíshan noch?« Varíshan. Ein Shiín in einem, für Shiín, ungewöhnlich hohen Alter. Wie gerne würde er nun aus Aeons Mund erfahren, dass der alte Mistkerl seinen Wunden erlegen war. Wunden, die Shínji’ro ihm einst beigefügt hatte, als sie die Klingen gekreuzt hatten. Und allein bei dem Gedanken huschte wieder dieses seltsame Lächeln über das Gesicht des untätowierten Mannes. »Oder lebt er etwa immer noch und behauptet der beste Kämpfer von Harrhy'in zu sein?« Shínji’ro nahm seine Hände, die er bis dahin hinter dem Kopf verschränkt gehalten hatte, wieder herunter. Auf ihre Gegenfrage, was ihn in das Land der Bergelfen getrieben hatte, verzog er unwirsch seine Lippen zu einem schmalen Strich. »Der Norden kam nicht in Frage. Und der Süden ebenso wenig. Also bleibt nur mehr der Westen übrig. Ich habe gehört, im Rômachar kann ein Mann ...« Besonders ein Mann mit seinen Gaben und Talenten. »... zu Ruhm und Reichtum gelangen, wenn er es sich nur nimmt. Und ich habe viel nachzuholen, das kannst du mir glauben...«
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » Fr, 28. Aug 2015 19:33

Aeons Atem ging noch immer etwas schneller. Während sie stoisch weiter ihre Suppe löffelte, versuchte sie einigermaßen unauffällig einzuschätzen wie viel Shínji’ro mitbekommen hatte. An seinem Verhalten konnte sie jedoch nichts erkennen was auf Erkenntnis oder Skepsis hindeuten könnte. So dauerte es auch nicht lange bis sie sich wieder ganz beruhigt hatte und sie sich nicht mehr um eine lockere Haltung bemühen musste.
Als sie ihre eigene Schale bereits zur Hälfte geleert hatte, kam der Wirt erneut an ihren Tisch und stellte ihrem Gegenüber ebenfalls etwas Eintopf vor die Nase. Der Mann wollte schon wieder gehen, doch Aeon hielt unvermittelt im Essen inne und sprach ihn mit ruhiger Stimme an: „Würdet ihr mir wohl einen Gefallen tun?“ Als er den Kopf zustimmend neigte fuhr sie fort: „Könntet ihr mir bitte einen leeren Bierkrug bringen und dort zwei Hände voll Schnee vom Dach dieses Hauses hinein tun? Wenn ihr keinen Schnee vom Dach besorgen könnt sagt es mir besser gleich, denn ich werde den Unterschied bemerken, dann bringt mir nur den Krug und ich hole mir den Schnee selbst.“ Der Wirt ließ sich nicht anmerken ob er von ihrer seltsamen Bitte befremdet war. Er nickte nur und eilte Dienstbeflissen davon. Es dauerte eine Weile, doch dann trat eine junge Schankmagd an den Tisch der beiden Violetthäutigen. Sie reichte Aeon mit einem gewissen Stolz im Blick den Krug und fügte an: „Nur die oberste Schicht frisch gefallenen Schnees Herrin, genau wie ihr wolltet.“ Die Angesprochenen warf nur kurz einen Blick in den Krug, bevor sie den Blick über den feuchten Rock der jungen Frau gleiten ließ. Kurz entschlossen griff sie nach ihrem Zopf, löste rasch die unterste Glocke aus dem Geflecht und reichte sie der Schankmagd mit einem Augenzwinkern. „Nimm sie als Dank für deine Mühen. Sie steht dir bestimmt viel besser als mir.“ Ihre Wangen rötet sich leicht. Mit einem leichten Knicks verschwand sie. Im Gehen warf sie immer wieder verstohlenen Blicke auf das gläserne Schmuckstück in ihren Händen. Aeon griff indes wieder nach ihrem Löffel und fuhr mit dem Essen fort, während sie ihre andere Hand beiläufig um den Krug legte um die Schmelze zu beschleunigen. Ein beiläufiger Blick auf Shínji’ro, zeigte ihr das er noch immer keine Anstalten machte das Schweigen zu brechen, so löffelten sie also in einträchtigem Schweigen ihre Suppe in sich hinein.
Als er endlich das Schweigen brach, hatte sie schon nicht mehr daran geglaubt das er irgendwann klein beigeben würde: „Was führt dich in diese Gegend, so fern der Heimat?“ Sie sah auf und ließ den Löffel sinken: „Ich habe eine längere Reise hinter mir und bin gerade dem Heimweg. Genau genommen habe ich ein mehr als lebensmüdes Goldauge nach Norr Bharrak gebracht und bin dann in einen der heftigsten Wintereinbrüche meines Lebens geraten. Demnach hat die Reise hierher etwas mehr Zeit in Anspruch genommen als ich eigentlich geplant hatte. Also habe ich beschlossen einen kleinen Zwischenstopp in dieser Stadt einzulegen um mich etwas aufzuwärmen, von den Strapazen der Reise zu erholen und vielleicht noch die eine oder andere Seltsamkeit als Mitbringsel zu erwerben… Ich gehe davon aus das in meiner Familie wieder ein paar Kinder dazu gekommen sind und die freuen sich immer über eine kleine Aufmerksamkeit.


Amüsiert beobachtete Aeon wie ein gefüllter Magen und ein Schnaps den frostklirrenden Blick Shínji’ros langsam wärmer werden ließen. Auch schien einer oder vielleicht auch beide dieser Umstände seine Zunge gelöst zu haben, denn erstaunlicherweise kamen tatsächlich mehr als zehn Worte am Stück aus seinem Mund. Sie dachte einen Moment über seine ersten Fragen nach bevor sie mit einer Gegenfrage antwortete. „Der alte Varíshan?“, fragte sie mit einer besonderen Betonung auf das Wort alt: „Ich bin mir nicht sicher… Kennst du seinen Familiennamen? Ich war seit ungefähr 16 Jahren nicht in der Heimat, aber wenn diese Person tatsächlich alt ist, dann ist es vielleicht möglich das ich sie kenne. Eine vage Erinnerung an einen Shiín dieses Namens ist durchaus da, aber ich wage zu bezweifeln das ich diese Person auf Anhieb wieder erkennen würde. Ob er demnach noch lebt kann ich dir leider nicht beantworten. “ Inzwischen hatte sich ein ansehnlicher Haufen Glasglöckchen vor ihr auf dem Tisch angesammelt. Während ihre flinken Finger noch immer damit beschäftigt waren das obere Drittel ihres Zopfes zu lösen, betrachtete sie halb versunken wie das Licht sich im Wasser ihres Kruges brach und geisterhafte Schatten an dessen Wände warf. Gedankenverloren löste sie Glocke um Glocke aus ihrem Haar und schichtete den unordentlichen Haufen zu einer kleinen Pyramide auf.

Unvermittelt hob sie den Kopf und sah Shínji’ro direkt in die Augen. „Was hat dich hierher verschlagen?“ Seine Antwort überraschte sie im Grunde nicht. Stand doch hier ein Shiín vor ihr, der sich wesentlich besser in einer Menschensprache verständigen konnte als im Shindar. Da er ihr jetzt ein wenig redseliger und bereiter für eine Konversation schien, beschloss sie vorsichtig auf ein Thema einzugehen dass ihr unter den Nägeln brannte: „Sag Shínji’ro, wie kommt es das du dich von allen Orten an die du gehen könntest ausgerechnet für einen entscheidest an dem so viele Menschen leben? Ist es tatsächlich nur des Geldes oder etwas Ruhmes wegen? Was spricht denn beispielsweise gegen den Süden? Sowohl Khirundan als auch die Elfenwälder sind beeindruckende Orte und, wenn ich das so dazu sagen darf, auch von wesentlich angenehmeren Zeitgenossen bewohnt. Und wenn du zu Ruhm gelangen willst, könntest du auch einfach nach Norden, bzw. nach Nordwesten gehen und dort ein Held für dein eigenes Volk werden in dem du die Menschheitspopulation im unmittelbaren Umkreis der Hügelländer etwas dezimierst.“ Sie sah ihn bei diesen Worten mit ernstem Blick und undurchdringlicher Miene an. Im Grunde war es nur ein Test da sie wissen wollte wie er dachte.

Sie ihren Zopf inzwischen vollständig gelöst und legte nun das letzte Glöckchen auf der Spitze der seltsamen Pyramide ab. Dann stand sie auf und entfernte sich ein paar Schritte von den Tisch, so das sie keine Gefahr lief jemanden zu belästigen oder ihm mit dem, was sie nun tun würde, das Essen vom Teller zu stehlen. Kaum war sie weit genug von allen entfernt blieb sie stehen und warf die Haare mit einer schwungvollen Bewegung über den Kopf nach vorn, kämmte sie kurz mit den Fingern aus bevor sie sich in einem seltsamen Spiegel der eigenen Bewegung wieder aufrichtete und die Haare erneut nach hinten warf. Dann band sie die Haare mit fliegenden Fingern zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und kehrte an ihrem Platz zurück.
Nun musterte sie sein Gesicht ganz unverhohlen. Dabei stellte sie fest das Eisauge nicht länger zu ihm passte. Etwas von der abweisenden Kälte war aus seinen Augen verschwunden. „Du trägst einen interessanten Namen, aus welcher Familie stammst du?
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » Do, 04. Feb 2016 22:47

Shínjï'ros Blicke verfinsterten sich merklich, als der Wirt, ohne auch nur den leistesten Keim eines Aufbegehrens von sich zu geben, dem Wunsch nach Schnee nachkam. Einem Wunsch, den er ihm, beinahe abfällig, ausgeschlagen hatte. Er konnte sich fast nicht entscheiden ob er Aeon oder den Wirt finster anfunkeln sollte, und so starrte er einfach nur verdrießlich mal hier hin und mal dort hin, bis die Schankmaid sich, mit einem gläsernen Glöckchen in ihrem Besitz, von Dannen gemacht hatte. Wortlos beäugte er den Krug und fühlte in sich einen Keim der Ablehnung aufgehen, der ihm verbot diesen geschmolzenen Schnee anzunehmen. Er hatte nicht darum gebeten. Und er brauchte auch keine Almosen. Nicht einmal von einer Angehörigen seines Volkes. Oder gerade deshalb nicht?

Doch als der Schnee schließlich geschmolzen war, griff er, nach längerem Zögern, nun doch nach dem Krug. Wen kümmerte der falsche Stolz? Er hatte Durst. Und das Wasser war klar und wunderbar kühl. Besser als jedes abgestandene Dünnbier, was man für gewöhnlich in einer solchen Spelunke serviert bekam. Nachdem sie den Eintopf und den Schnaps vertilgt hatten, schien Shínjï'ros Gemüt ebenso aufzutauen, wie der Schnee zuvor. Er wurde, wenn man das von ihm überhaupt bezeichnen konnte, geselliger. Das bedeutete nicht dass er die sprühende Wärme verströmte. Er war noch immer kalt wie ein Eisklotz. Doch seine Zunge war gelöster. Er war geneigter auf Fragen zu antworten, und auch selbst welche zu stellen. So es denn die richtigen Fragen waren.

Auf seine Frage, was sie in diese Gegend geführt hatte erfuhr er nur die üblichen Ausschweifungen. Eine Reise. Ein Auftrag. Der Zufall. Nichts von Bedeutung. Nichts von Belang. Und daher hielt sich sein Interesse für die Gründe ihres Hierseins auch in überschaubaren Grenzen. Seine Neugierde nach dem Befinden des alten Varíshan blieb unbeantwortet, was ihn zwar nicht allzu sehr kümmerte, denn wenn er sich ehrlich war, scherte es ihn einen feuchten Kehricht, ob der Alte Mistkerl noch am Leben war oder nicht. Doch hätte er es mit einer zufriedenen Genugtuung vernommen, hätte sie ihm berichtet, dass er verstorben war.

Aeons Neugierde schien alsbald auch geweckt worden zu sein, denn nun begann sie weitere Fragen zu stellen. Manche Fragen waren, wie es üblich war, wenn man im Begriff war jemanden Fremden kennenlernen zu wollen, oberflächlicher Natur. Andere hingegen waren, für den heimatlosen Shiín, dagegen etwas zu neugierig. »Sag Shínji’ro, wie kommt es das du dich von allen Orten an die du gehen könntest ausgerechnet für einen entscheidest an dem so viele Menschen leben?« Shínjï'ro zuckte mit den Schultern. »Es ist ein Ort, wie jeder andere auch. Außer vielleicht Orte wie dieser hier.« Er deutete in eine wahllose Richtung, um zu verdeutlichen dass er von Yath-Zuharra sprach. »Ja, hier kommen zuweilen auch ein paar Menschen vorbei. Doch sie wissen, dass sie hier nicht willkommen sind. Hier lungern nur Bergelfen herum. Engstirniges und eigensinniges Volk.« Er schnalzte abfällig mit der Zunge, während er nicht umhin kam, in die Richtung des Schankwirtes zu linsen. »Ist es tatsächlich nur des Geldes oder etwas Ruhmes wegen?« Shínjï'ro verengte seine Augen zu zwei Schlitzen. Es war nicht unbedingt ein bedrohlicher Blick, aber ein allzu freundlicher war es auch nicht. Vielleicht etwas Argwohn gepaart mit der Neugierde, was wohl hinter ihrer Frage stecken mochte. »Was spricht gegen Geld und Ruhm?« Wieder zuckte er mit den Schultern. »Familie?« Er unterdrückte ein bitteres Lächeln, welches er sogleich mit einem weiteren, finsteren Blick kaschierte. »Was spricht denn beispielsweise gegen den Süden? Sowohl Khirundan als auch die Elfenwälder sind beeindruckende Orte und, wenn ich das so dazu sagen darf, auch von wesentlich angenehmeren Zeitgenossen bewohnt.« Shínjï'ro blies die Luft aus den Wangen und lehnte sich auf seiner Bank zurück. »Die Orte, von denen du sprichst, haben keinen Platz für einen Mann mit meinen Gaben und Talenten. Und Elfen sind mir so einerlei wie die Menschen. Sie unterscheiden sich nur durch die Form ihrer Ohren. Und damit fühle ich mich weder zu Menschen noch zu Elfen zugehörig. Warum sollte ich also unter Elfen leben wollen, wenn du dich wunderst, warum ich unter Menschen leben könnte?« Er sah sie mit einem unverhohlenen Blick an und hob dabei, fragend und beinahe triumphierend, die linke Augenbraue ein wenig an. »Und wenn du zu Ruhm gelangen willst, könntest du auch einfach nach Norden, bzw. nach Nordwesten gehen und dort ein Held für dein eigenes Volk werden in dem du die Menschheitspopulation im unmittelbaren Umkreis der Hügelländer etwas dezimierst.« Da lachte Shínjï'ro. Es war sowohl ein bitteres als auch ein belustigtes Lachen. »Das klingt so einfach aus deinem Mund.« Er gluckste. »Lass uns in den Norden gehen und die Menschen abschlachten.« Shínjï'ro schüttelte den Kopf. »Hast du eine Vorstellung davon, wie viele Menschen im Norden leben? Niemals. In keinem Leben, weder in diesem, noch im nächsten, wird es genug Messer geben, um allen von ihnen die Kehlen aufzuschlitzen. Und bevor man als Held zurückkehrt, haben sie dich niedergerungen. Schwert um Schwert, Schlag um Schlag. Wie viele könntest du alleine schon umbringen? Es sind einfach viel zu viele. Ein eher zweifelhafter Ruhm, findest du nicht? Und wofür für eine verlorene Sache kämpfen? Unser Volk hat den Kampf schon lange verloren. Hast du je für die Sache unseres Volkes gekämpft? Dann weißt du sicherlich, wie viele in den Norden ziehen um den Menschen Blut für Blut zu nehmen, und wie viele von ihnen wieder in die Heimat zurückkehren. Mich verlangt es nicht nach dem Ruhm eines Märtyrers. Ich bin nicht aus diesem Holz geschnitzt.« Er beugte sich wieder an den Tisch hervor und dämpfte seine Stimme zu einem heiseren Raunen. »Ruhm verlangt es nach jenen, die ihre Gaben nicht einzusetzen wissen. Wenn die Menschen, in den Hafenschenken Rômachars, nur im Flüsterton oder hinter vorgehaltener Hand von dir zu sprechen wagen, ist dies ein größerer Ruhm, als die Anerkennung eines Freundes für große Taten. Die Furcht eines Fremden ist größerer Ruhm, als die Ehrfurcht eines Freundes.« Er nahm den kleinen Schnapshumpen und stürzte den Inhalt in einem Zug herunter, nur um den leeren Becher dann laut auf den Tisch knallen zu lassen. »Aber wem erzähle ich das?« Er maß sie mit einem herabwürdigenden Blick. »Eine Kriegerin scheinst du nicht zu sein, oder warum sonst trägst du all diese gläsernen Glöckchen in deinem Haar?« Er gluckste hinterlistig und aus ihm sprach deutlich hörbar der Alkohol, der sich langsam seiner bemächtigte. »Lass mich dir eine Frage stellen. Würdest du für die Sache unseres Volkes sterben wollen? So wie der alte Varíshan? So wie, all die anderen, die nun in der Erde verfaulen?« Erneut sah er sie mit einem musternden Blick an. »Nein. Das würdest du nicht.«, stellte er trocken fest. »Und weißt du auch warum ich das weiß?« Er sah sie fragend an und schien eine Antwort abzuwarten. Doch egal welche Antwort sie auch gab, er kam ihr unvermittelt zuvor. »Weil du hier bist und nicht im Norden, um für die gerechte Sache zu kämpfen.« Er hob seine Hände, legte seinen Kopf ein wenig auf die Seite und grinste, als ob er sie soeben durchschaut hätte.

Gespannt sah Shínjï'ro ihr dabei zu, wie sie schließlich die Glöckchen aus ihrem Zopf band und eines um das andere auf den Tisch legte. »Ich habe dich doch nicht gekränkt, oder?« fragte er, doch in seiner Stimme schwang nicht der Hauch von Mitleid oder Reue mit. »Oder warum nimmst du diese Dinger nun aus dem Haar?« Er konnte kaum mehr einen Hehl aus seiner Neugierde machen. Er hatte sich schon die ganze Zeit gefragt, warum sie diese Glöckchen im Haar trug, und umso mehr verwunderte es ihn nur, dass sie diese nun entfernte. Ihre Antwort fiel nicht sehr befriedigend für Shínjï'ros Neugierde aus. Doch seiner Neugierde wurde ein jäher Dämpfer verpasst, als sie schließlich ihrerseits eine Frage stellte. »Du trägst einen interessanten Namen, aus welcher Familie stammst du?« Damit traf sie natürlich einen wunden Punkt, denn er wusste es nicht. Und er war sich eigentlich auch nicht sicher, ob er es sie wissen lassen wollte, dass er es nicht wusste. Wäre er nüchtern und bei klarem Verstand gewesen, hätte er sich dazu ausgeschwiegen, oder ihr gesagt, dass sie das verdammt nochmal nichts angehen würde. Doch dem war nicht so. Er zuckte nur mit den Schultern. »Dazu war ich nicht lang genug in Harrhy'in um es herauszufinden. Varíshan hatte behauptet er wüsste es. Doch bevor er es mir sagen konnte, hatte meine Klinge sein Blut geschmeckt. Und damit waren seine Lippen für mich verschlossen. Eher würde er sterben, als es mir zu sagen. Und es interessiert mich auch nicht.« Der letzte Satz war eine Lüge. Dies verriet womöglich auch der bittere Unterton seiner Stimme. Doch wer vermochte schon die Wahrheit von einer Lüge zu unterscheiden, wenn man einander fremd war? Shínjï'ro zuckte mit den Achseln. »Wie dem auch sei.« Er erhob sich, und dem unsicheren Stand nach zu urteilen, hatte er wohl einen oder zwei Gläser Schnaps zuviel getrunken. »Ich brauche frische Luft.« Und damit wankte er auch schon zur Tür, um sich von der beißenden Kälte des Abends den Kopf klären zu lassen.
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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Aeon » Mo, 04. Apr 2016 1:58

Während des Gesprächs behielt sie Shínji’ros Mienenspiel im Blick. Da ist viel Wut in ihm. Was hat er nur erlebt, das ihn so hat werden lassen? Wenn man ihm so zuhört, könnte man fast auf den Gedanken kommen das er die ganze Welt zutiefst verabscheut. Sie stellte ihre Fragen absichtlich so, dass man weder an ihrer Miene noch an ihrer Tonlage erkennen konnte wie sie selbst dazu stand. Auch beantwortete sie keine seiner Fragen, antwortete stattdessen stets mit einer neuen Frage. Seine Einstellung zum Menschen überraschte sie. So gelangte es ihr nur knapp zu verhindern, dass ihre Verblüffung sich in ihrer Miene niederschlug. Sie hatte einst gemäßigte Mitglieder des Volkes gekannt, die ähnlich über Menschen dachten, wie sie nach über 100 Jahren unfreiwilligen Studiums dieser Rasse. Doch für Shínjï'ro schien es keinen großen Unterschied zwischen ihnen und den übrigen Bewohnern des Kontinents zu geben. Ein Umstand der sie nun doch mehr als nur ein bisschen verblüffte. Wie war es ihm bloß gelungen der Indoktrination, die bereits in den frühsten Kindertagen begann, so gründlich zu widerstehen?
Dann stellte er eine Frage, die sie nun doch zu einer Erwiderung veranlasste: „Warum sollte ich also unter Elfen leben wollen, wenn du dich wunderst, warum ich unter Menschen leben könnte?“ Die Art wie er sie dabei triumphierend ansah, als hätte er sie soeben ausmanövriert, ließ sie schmunzeln. „Ganz einfach, weil Elfen keine Festungen bauen um ihre Handelswege vor deinem Volk zu schützen und weil dieses Volk, vielleicht mal abgesehen von den Bergelfen in dieser Schenke, dich nicht wie einen Aussätzigen behandelt, sobald es deine violette Haut entdeckt. Und zu guter Letzt, weil Menschen einfach langweilig sind.“ Ihre Augen blieben fest auf ihn gerichtet und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Empörung, ganz so als könnte sie es nicht glauben, dass sie ihm eine so offensichtliche Tatsache auch noch erklären musste. Dann stellte sie ungerührt die nächste Frage. Sie war, zugegebenermaßen, ein wenig sehr provokant, doch die Antwort interessierte sie. Sie würde ihr wohl endgültig verraten was für eine Art von Shiín sie vor sich hatte.
Während er sich nun zunehmend über sie amüsierte und ihr zu erklären suchte, weshalb es sinnlos sei die Menschen anzugreifen, fuhr sie unbeirrt fort ihren Zopf zu lösen und beobachtete ihn lediglich mit einem Ausdruck milden Interesses in den Augen. Zumindest bis ein Satz fiel, der sie aufmerken ließ: „Die Furcht eines Fremden ist der größere Ruhm, als die Ehrfurcht eines Freundes.“ Danach sagte er Dinge, für die ein anderer Shiín vermutlich Genugtuung gefordert hätte. Ihre einzige Reaktion bestand aus einem schmallippigen Lächeln, das rasch breiter wurde, je mehr giftige Worte seinem Mund entströmten. Findest du es nicht auch erfrischend, wenn man uns mal nicht kennt? Ich meine, wie oft wird uns beiden schon die Gelegenheit geboten uns gegenüber einem Angehörigen des Volkes ganz normal zu rechtfertigen? Lyun antwortete mit einem tonlosen Glucksen.
Aeon wartete bis Shínji’ro geendet hatte und sie offen angrinste, dann richtete sie sich kerzengerade auf, sah ihm direkt in die Augen und schlug die Hände vor den Mund während sie losprustete. Sie versuchte mit aller Macht das ungestüme Lachen, das aus ihr hervorbrechen wollte zurückzuhalten um nicht die Aufmerksamkeit des ganzen Raumes auf sich zu ziehen. Es gelang mit mäßigem Erfolg… Der ein oder andere Gast an den Nachbartischen drehte sich nach ihr um und warf ihr mürrische Blicke zu. Sie glaubte schon an diesem Lachen ersticken zu müssen, doch schließlich gelang es ihr mit einiger Mühe sich wieder zusammenzuraufen. Ihre Mundwinkel zucken noch immer, als sie sich schließlich so weit beruhigt hatte das sie antworten konnte: „Ich mag dich Shínji’ro. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie lange es her ist, das jemand mit mir gesprochen hat als wäre ich ein närrisches Kind? Viel zu Lange, wenn du mich fragst… Früher hätte ich dich für diese Ansprache zum Thema Menschen gefordert, heute finde ich es erfrischend einen Angehörigen des Volkes zu treffen, der nicht so verbohrt ist wie der Rest von uns.“, sie hielt sich den schmerzenden Bauch und musste einen neuerlichen Lachanfall unterdrücken, ehe sie fortfahren konnten. „Aber um deine Fragen zu beantworten, die eigentlich keine waren: Ja, ich weiß wie viele Menschen im Norden leben; ja, ich habe schon für die Sache unseres Volkes gekämpft und ja, auch ich finde nichts am Tod eines Märtyrers.“ Inzwischen war es ihr gelungen auch noch den letzten Rest Erheiterung aus ihrer Stimme zu verbannen, lediglich ein amüsiertes Funkeln in den Augen zeugte noch von ihrer Gemütslage. Jetzt war es an ihr sich nach vorne zu lehnen und mit eindringlicher Stimme fortzufahren: „Aber ich fürchte du hast mir nicht richtig zugehört. Ich sagte nicht das du in den Norden gehen und die Menschen abschlachten sollst, ich sagte das du ihre Population im Umkreis der Hügelländer verringern sollst, das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. Jene Menschen, die sich dort zusammenrotten und immer wieder Überfälle auf unser Land, unser Volk und unsere Dörfer wagen, sind es, die aus dem Leben zu befördern ich für heldenhaft halte. Denkst du ich weiß nicht wie dumm und verquer die Denkweise ist, die sie unseren Kindern beizubringen versuchen? Natürlich können wir nicht den Norden für das Volk zurückerobern, doch das ist auch nicht was ich meinte… Es ist keine verlorene Schlacht dort oben. Jene die kämpfen um unser Volk zu beschützen, die ihre Waffen erheben um zu verteidigen was unser ist sind es, die sich wahren Ruhm und Anerkennung verdienen… Du sagst dir bedeute die Furcht eines Fremden vor dem namenlosen Schrecken mehr, als die Anerkennung eines Freundes für heldenhafte Taten. Doch was ist mit der Ehrfurcht eines Fremden? Was ist, wenn dir deine Taten vorrauseilen und man dich für das achtet was du getan hast, anstatt dich zu verfluchen?“ Sie lehnte sich zurück, ergriff ihren Zopf und fuhr fort das Flechtwerk zu lösen. Dann bohrte sich ihr eindringlicher Blick erneut in seinen. „Glaube mir Shínjï'ro, ich habe bereits alle drei Formen des Ruhmes erlebt und, auch wenn sie zugegebenermaßen auf die Dauer recht ermüdend ist, so ist die letzte meiner Erfahrung nach die langlebigste und gesündeste von allen. Sie wird nie der Grund sein, dass dich jemand aus Furcht zu ermorden sucht. Da ich sehr gerne lebe, vor allem auch lange und möglichst unversehrt, vermeide ich es Furcht zu sähen… So einen Ruf aufrecht zu halten ist außerdem anstrengend…

„Ich habe dich doch nicht gekränkt, oder? Oder warum nimmst du diese Dinger nun aus dem Haar?“ Überrascht blickte sie von ihrem kleinen Turm auf. „Ich war in einem faszinierenden Laden und wollte etwas kaufen. Anstatt Geld zu verlangen schlug mir der Ladenbesitzer einen anderen Handel vor. Ich sollte seiner Tochter ein Lächeln entlocken. Dann führte eins zum anderen und ich willigte ein mich von ihr verzieren zu lassen wie einen Gaukler, da ich das Ding wirklich sehr gern haben wollte. Immerhin hat der Vater Wort gehalten…“ Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens als sie gegangen war, huschte ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Es vertieft sich als sie sich an Lyuns Reaktion erinnerte. Allerdings regte sich nun auch ein Funke schlechten Gewissens in ihr, schließlich hatte sie die mühevolle Arbeit des Kindes nun zunichtegemacht. Andererseits konnte sie nicht umherlaufen wie ein Schellenbaum, das erregte eindeutig zu viel Aufmerksamkeit.

„Ich war nicht lang genug in Harrhy'in um es herauszufinden. Varíshan hatte behauptet er wüsste es. Doch bevor er es mir sagen konnte, hatte meine Klinge sein Blut geschmeckt. Und damit waren seine Lippen für mich verschlossen. Eher würde er sterben, als es mir zu sagen. Und es interessiert mich auch nicht.“ „Hm“, sie schürzte nachdenklich die Lippen: „Was hat dir der Mann denn getan?“ Er klang seltsam während er diese Frage beantwortete, irgendwie als sei er mit seinen Gedanken weit fort. Nach einem weiteren prüfenden Blick schob sie es auf den Alkohol, dessen Geruch den Shiín umwaberte. Trotzdem rührte es etwas in ihr an und sie ahnte, dass er jetzt nur noch um Hilfe bitten musste um sie zu binden. So war sie auch schon im Rückzug begriffen als er ihr die Entscheidung abnahm und die Wirtschaft zum zweiten Mal an diesem Abend verließ. Diesmal allerdings mit deutlich weniger geschmeidigen Bewegungen als zuvor.

Sobald die Tür hinter Shínjï'ro zugefallen war, entspannte sich das Mischblut. Sie sackte ein wenig auf ihrem Stuhl zusammen und bestellte zwei weitere Krüge mit Schnee. Um ihre Hände zu beschäftigen löste sie ein paar Stoffbänder von ihrem Gürtel, die sie dort erst vor wenigen stunden genau zu diesem Zweck befestigt hatte. Anschließend begann sie die Glöckchen nacheinander aufzufädeln, währen ihre Gedanken noch immer um das Gespräch kreisten. Aeon füllte ein Bändchen nach dem andern. Die fertigen zog sie durch ihren Gürtel und verknotete sie an den Enden.
So versunken war sie, dass sie den angetrunkenen Bergelfen erst bemerkte als er sich unter dem Gegröle seiner Kumpane auf Shínjï'ros Platz fallen ließ. Verblüfft starrte sie ihn an, abwartend was jetzt passieren würde. Der Mann blies ihr eine alkoholgetränkte Atemwolke ins Gesicht, sammelte sich und ließ dann einige eindeutige Blicke über ihren Körper wandern. Unbeeindruckt starrte sie zurück, gab sich gleichmütig als verstehe sie die Botschaft hinter seinem Auftreten nicht. Als er sie weiter anschwieg sprach sie ihn an: „Ich glaube du sitzt am falschen Tisch Elf, oder brauchst du was von mir?“ Der gelangweilte Tonfall und ihr augenscheinliches Desinteresse drangen wohl nicht bis in sein benebeltes Hirn vor, denn als er nun seinerseits den Mund öffnete und eine wahre Flut von gelallten Versprechungen, eine Einladung in sein Zimmer und ein nicht näher zu identifizierendes Angebot von sich gab, ließ er sich durch nichts anmerken das er die Ablehnung überhaupt wahrgenommen hatte. Ich glaube da musst du schon deutlicher werden. Ich würde mich ja anbieten… Vergiss es. Das mache ich auf meine Art… Wollen doch mal sehen wie betrunken unser spitzohriger Freund ist.
Was?“, sie klang regelrecht entgeistert: „Warum lädst du mich in dein Zimmer ein? Ich bin nicht so einer. Such dir für solch widernatürlichen Ideen gefälligst jemanden der deine Neigungen teilt.“ Sie schüttelte sich kurz und rückte demonstrativ ein Stück vom Tisch ab. Das war wohl deutlich genug, denn jetzt musterte er sie noch einmal. In seinem Blick lag ein Anflug von Verwirrung. Doch noch eher sie seine Zweifel vertiefen konnte, zog das Geräusch der zufallenden Tür ihre Aufmerksamkeit auf sich.
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Geh sehenden Auges durchs Leben und achte auf jeden Schatten, denn was sich vor dem Licht verbirgt hat selten gute Absichten…

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Re: Eine Frage des Stolzes

Beitrag von Shínjï'ro » So, 05. Jun 2016 23:11

Shínjï'ro grunzte. »Ja. Langweilig sind sie.« Seine Blicke verrieten allerdings kaum, wie er über Menschen dachte. Hasste er sie? Diese Frage war schwierig zu beantworten. Die meisten von ihnen waren ihm ziemlich egal. Doch manche von ihnen widerrum nicht. Er hatte vor langer Zeit die Menschen gehasst. Doch diese Zeit war schon lange vorbei. Dieser Tage galt sein Bestreben anderer Natur. Ihn kümmerte es nicht wer lebte oder starb, solange es nicht er selbst war, der sterben musste. »Aber du irrst dich, wenn du glaubst, dass nur Menschen unsereins ihrer Haut wegen verachten oder missachten.« Er schnaubte und verschränkte dann, in einer typischen Abwehrhaltung eines Mannes, der das lezte Worte in einer Diskussion gesprochen hatte, seine Arme vor der Brust. »Und überhaupt. Was kümmert es dich überhaupt?« Sein Gegenüber schien allerdings eher amüsiert zu sein, als ernsthaft was Shínjï'ro dazu veranlasste die Verschränkung seiner Arme zu lösen. »Amüsiere ich dich?«, brummte er ungehalten und verengte seine Augen zu zwei Schlitzen und beäugte sein Gegenüber missfällig. Und damit fand sich Shínjï'ro augenscheinlich auch nicht allein. Auch andere Gäste warfen dieser Frau mit der violetten Haut mürrische Blicke zu, was Shínjï'ros Laune kurz darauf wieder in eine andere Richtung lenkte. Er grinste beinahe herausfordernd. »Waren es diese Blicke von den Bergelfenn die du meintest?« Er gluckste und schüttelte dann den Kopf. »Aber nein. Du irrst dich. Diese Blicke findest du überall.« Seiner Stimme haftete eine Nuance Melancholie an. Gerade genug um sie, wenn man ein geschultes Ohr besaß, heraus zu hören.

»Ich mag dich Shínjï'ro. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie lange es her ist, dass jemand mit mir gesprochen hat, als wäre ich ein närrisches Kind?« Shínjï'ro hob die linke Augenbraue und sah Aeon fragend an. »Bliebe nur die Frage, warum sollte man das wollen?« Er zuckte mit den Schultern. »Aber die Tatsache dass du mich aufgrunddessen zu mögen scheinst, obwohl du mich überhaupt nicht kennst, bedeutet dann wohl, dass du jemanden suchst, der dir die Stirn zu bieten gewillt ist.« Er verzog seine Lippen zu einem schmalen, schiefen Strich den man durchaus als ein herausforderndes Lächeln bezeichnen konnte. Aus diesem Weib wurde er nicht so recht schlau. Sie war gänzlich anders als die anderen seines Volkes, denen er bisher begegnet war. Auf eine gewisse Art und Weise war dies ja auch interessant. Doch auf der anderen Seite war dies auch befremdlich. Über ihre Meinung konnte er aber nur geringschätzend lachen. »Ja, verbohrt sind sie gewiss. Manche sogar regelrecht verblendet. Allesamt törichte Narren. Doch in meiner Meinung steckt kaum der Wahrheit letzten Schlusses...Mir sind die Menschen einfach nur völlig egal.« Wie um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen nahm er den Humpen und tat einen kräftigen Schluck daraus, bevor er ihn wieder absetzte. So hatte er ihr Zeit gelassen auf seine Fragen zu antworten, auch wenn die Antworten nicht sonderlich tiefsinnig ausfielen. »Dann sind wir ja schon zwei. Wer will schon für eine verlorene Sache sterben? Ich jedenfalls nicht.« Erneut gluckste er und rutschte dann auf dem Stuhl in eine etwas aufrechtere Haltung.

Aber allen Anschein nach, hegte sie doch eine andere Vorstellung von Moral als er dies tat. »Aber ich fürchte du hast mir nicht richtig zugehört. Ich sagte nicht das du in den Norden gehen und die Menschen abschlachten sollst, ich sagte das du ihre Population im Umkreis der Hügelländer verringern sollst, das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. Jene Menschen, die sich dort zusammenrotten und immer wieder Überfälle auf unser Land, unser Volk und unsere Dörfer wagen, sind es, die aus dem Leben zu befördern ich für heldenhaft halte.« Erneut seufzte Shínjï'ro und hob nun seinerseits zu einer Antwort an. »Und ich fürchte, dass du mir nicht zugehört hast. Mich kümmert dieses Gefasel von Ruhm und Ehre nicht. Ich hege keinen Groll gegen alle Menschen. Und ich töte nicht aus ehrbaren Motiven.« Er krazte sich hinter dem Ohr und legte seine Stirn in Falten, doch dann entschied er sich, einfach klaren Wein einzuschenken. »Ich töte für Geld. Zugegeben, manchmal kann man das angenehme mit dem nützlichen verbinden. Und es ist ungeheuer befriedigend. Doch warum sollte ich meine Talente für nen feuchten Händedruck und leerer, schaler Worte von Ruhm und Ehre vergeuden? Mir ist es gleich wessen Leben meine Klinge schmecken darf. Ob Mensch oder Elf. Ich sehe keinen Gewinn dabei ein paar Sklavenhändler in den Hügellanden zu massakrieren. Wenn sie sterben kommen neue. So war es schon immer, und so wird es auch immer bleiben. Kein Ruhm wartet auf jene, die diesen Kampf führen. Nur der Tod. Ein einsamer Tod, lediglich von dem Ruhm der seinen begleitet. Doch dieser Ruhm ist nur Asche und Staub. Verklungen und vergangen noch ehe man selbst zu Asche geworden ist. Der Ruhm der Fremden hält ewiglich!«


»Du sagst dir bedeute die Furcht eines Fremden vor dem namenlosen Schrecken mehr, als die Anerkennung eines Freundes für heldenhafte Taten. Doch was ist mit der Ehrfurcht eines Fremden? Was ist, wenn dir deine Taten vorrauseilen und man dich für das achtet was du getan hast, anstatt dich zu verfluchen?« Er zuckte mit den Schultern. »Von dem Ruhm unseres Volkes kann ich mir nichts kaufen. Von der Ehrfurcht eines Fremden allerdings schon. Denn er ist es, der mich für meine Talente entlohnt. Und wie weitreichend kann der Ruhm eines Mannes schon sein, wenn das Volk, dem er angehört und das ihn mit Ruhm überhäuft, aus dieser Welt zu schwinden beginnt?« Shínjï'ro beugte sich ein wenig hervor und dämpfte seine Stimme. »Mir scheint, du warst entweder sehr lange nicht mehr in der Heimat, oder du hast kein besonders ausgeprägtes Gedächtnis. Aber hast du mich die letzten zehn Jahre dort vielleicht gesehen?« Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, lehnte er sich wieder gegen den Stuhl zurück. »Unser Volk, wie du es sasgst, ist mir ebenso fremd wie du es bist. Ich bin keiner von euch. Und ich werde es auch niemals sein.« Diese verbitterten Worte waren mehr die schmerzliche Erkenntnis, als eine wirkliche Feststellung. Shínjï'ros letzter Aufenthalt in seiner einstigen Heimat war etwas anders abgelaufen, als er es sich vorgestellt hatte. Er war unerwünscht gewesen und er hatte kein Interesse daran gehabt sich den gesellschaftlichen Regeln unterzuordnen nur um akzeptiert zu werden. Wenn sie ihn nicht wollten wie er war, dann sollten sie alle zum Teufel gehen! »Da ich sehr gerne lebe, vor allem auch lange und möglichst unversehrt, vermeide ich es Furcht zu sähen… So einen Ruf aufrecht zu halten ist außerdem anstrengend.« Da nickte Shínjï'ro stumm. »Führwahr. Doch du vergisst, dass man von der Furcht, die man säht, gut leben kann, wenn andere aus dieser Furcht einen Nutzen ziehen möchten.« Und wenn er sich ehrlich war. Was sollte er sonst auch machen? Seit seiner Kindheit wurde er daraufhin ausgebildet ein Meuchelmörder ohne Gewissen und Skrupel zu sein. Ihm wurde nichts anderes als das Töten beigebracht. In den friedliebenden Hügelländern war er so verloren wie eine Blume in einem Beet voller Unkraut.

Das Gespräch verlagerte sich auf Varíshan und natürlich interessierte es Aeon was genau vorgefallen war. Doch dies war eine leidliche Geschichte. »Zuviel.« Shínjï'ro wurde einsiblig. »Es ist kompliziert und würde zu lange dauern es zu erzählen.« Er ließ die Blicke durch den Schankraum schweifen und wandte sich dann wieder Aeon zu. »Und außerdem sind mir hier zu viele neugierige Ohren.« Er nahm einen letzten Schluck aus dem Humpen und stürzte ihn in einem Zuge hinunter. »Ein andernmal vielleicht.« Und mit diesen Worten hatte er sich schon erhoben und hatte die Schenke verlassen.

Die beißende Kälte zog kräftig an der Haut und schmerzte in den Augen und den Zähnen. Doch Shínjï'ros Kopf drehte sich. Er hatte entweder zu viel getrunken, oder dieser Bastard von Bergelf hatte ihm irgend ein Pulver ins Getränk gemischt. Doch trotz seines Zustandes entging ihm das Gegröhle in der Schenke nicht. Zuerst wurde noch heiter gelacht. Fast schien es so, als ob eine Gruppe Männer über jemanden lachen würde. Da wurde Shínjï'ros Neugierde größer und er öffnete die Tür einen Spalt breit um zu sehen, warum dort gelacht wurde. Und er erkannte, dass einige Betrunkene sich über einen Mann lustig machten, der gerade von dem Tisch, an welchem Aeon saß, hinfort trottete. Doch als die Männer nicht aufhörten zu lachen und ihn sogar aufzogen, packte dieser Kerl eine Flasche und zerschlug sie an der nächsten Tischkante. Augenblicklich schwang das Gelächter in Stille und Gemurmel um. »Ich werds euch z'scheigen!«, lallte der Kerl. »Erst euch, und dann der...dem da!«Damit deutete er auf Aeon, welche unbekümmert, als ob sie dies alles nichts angeinge, an ihrem Tisch saß und ihre Haare von den Glöckchen befreite. Der Betrunkene hingegen fuchtelte wild mit der zerbrochenen Flasche in der Luft herum, und einer nach dem anderen sprang ihm aus dem Weg. Als es niemanden mehr gab, den er bedrohen konnte, da wandte er sich wieder Aeon zu. »Und nun zu dir!«, schnaufte er schwerfällig, als ob ihn das viele gefuchtel alleine schon zuviel Kraft gekostet hätte. »Du hasscht mich vor meinen Freunden, und auch vor all den Fremden hier lächerlich gemacht!«, jaulte er und trat einen Schritt näher an den Tisch heran. »Diese Demütigung werde ich dir heimzahlen! Du miese ...« Seine Worte erstickten mitten im Satz, als er ohne weitere Warnung die zerbrochene Flasche hervorschnellen ließ, direkt auf das Gesicht der hübschen Shiín gerichtet...
Valar Morghulis: ♦♦♦♦♦ ♦

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