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Ein notwendiges Übel

Eines der mächtigsten Reiche der Menschen im Norden. » Ortsbeschreibung
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Noro'elle
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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Fr, 31. Jul 2020 15:52


Helle Sonnenstrahlen durchbrachen das Zwielicht der Scheune. Noro’elle hatte die Nacht tief und fest geschlafen und wäre - hätte Riân sie nicht unabsichtlich geweckt - noch viele weitere Stunden einfach liegen geblieben. Schläfrig blinzelnd blickte sie den Mann an ihrer Seite an. Sie beide lagen nach wie vor eng aneinander geschmiegt im Stroh und Riân hatte seinen Arm um sie geschlungen. Und seine Hand? Es trieb Noro die Schamesröte ins Gesicht als sie sich der intimen Berührung bewusst wurde. Ohne es wirklich zu wollen, setzte sie sich auf und richtete die kläglichen Reste ihrer Bluse. Dann räusperte sie sich verlegen, nickte Riân sacht zu und sagte:
„Ist schon in Ordnung, es war gewiss nur ein Versehen.“. Anschließend änderte sich ihre Mimik und sie fügte zynisch hinzu: „Und einmal ganz davon abgesehen, sollte man doch meinen, dass ich nach all den Geschehnissen der letzten Tage langsam daran gewohnt sein müsste.“. Sie bemühte sich zu lächeln, doch wenn man in ihre Augen blickte, mochte man die düsteren Abgründe darin erkennen. Es würde wohl einige Zeit brauchen, bis die junge Frau all die schrecklichen Dinge verarbeitet hatte. Ein Augenblick der Ruhe legte sich über die ungleichen Gefährten. Dann besann sich Noro’elle und legte sanft ihre Hand auf Riâns Stirn. „Du hast immer noch Fieber, aber dein Herzschlag ist schon wieder kräftiger. Ich denke, dass ist ein gutes Zeichen.“.

Sichtlich mühsam erhob sich die junge Beraij und schob den noch immer halb vollen Wassereimer zu Riân hinüber.
„Du solltest noch etwas Wasser trinken, das würde dir gewiss gut tun.“, sprach sie fürsorglich. Während sie abwartete bis er seinen Durst gelöscht hatte, blickte Noro’elle stirnrunzelnd an sich hinab. Sie sah einfach fürchterlich mitgenommen aus. Die Kleider waren zerrissen und ihr gesamter Körper war von blauen Flecken und Schürfwunden überzogen. „Hmmm….“, seufzte sie nachdenklich. „Vielleicht sollte ich mich dringend etwas waschen, bevor ich der Bäuerin unter die Augen trete und versuche uns etwas Essbares zu organisieren.“. Sie begann damit ihr Gesicht gründlich zu waschen und auch ihre Arme waren schnell vom gröbsten Dreck befreit. Dann blickte sie Riân an und räusperte sich verlegen: „Könntest du dich vielleicht… ähm… umdrehen?“. Sie wartete einige Augenblicke und legte dann zögerlich ihre Kleider ab. Gewiss sie hatte keine Seife und auch keinen Schwamm, dennoch fühlte es sich einfach großartig an. Als sie fertig war schlüpfte sie zu ihrem Unmut zurück in ihre schmutzigen Kleider. Sie besaß tatsächlich nur noch das, was sie am Leibe trug. Und selbst das, war wirklich nicht mehr viel. „Ich wäre dann fertig…“, sagte sie zu Riân und zupfte frustriert an ihrer Bluse herum. Die alte Vettel hatte am Abend zuvor wohl Recht gehabt. Sie sahen tatsächlich aus wie Gesindel und ein leises, resignierendes Seufzen kam über ihre vollen Lippen.

Noro’elle machte sich auf den Weg zum Bauernhaus und klopfte zögerlich an die Türe. Wieder war es die Alte, welche ihre die Türe öffnete. Die Bäuerin beäugte sie abschätzend und schnalzte mit der Zunge:
„Ich hoffe du erwartest nicht, dass ich euch aus lauter Nächstenliebe versorge. Ich erwarte natürlich eine Gegenleistung…“. Natürlich hatte die Beraij nichts anderes erwartet und nickte zustimmend: „Wir können Euch bezahlen, ich werde mich sogleich darum kümmern.“ , antwortete Noro freundlich und bemühte sich um ein Lächeln. Die Alte lachte gackernd und schüttelte amüsiert den Kopf: „Ach Mädchen… Gold bestellt nicht das Feld und Gold hilft mir nicht den Haushalt zu schmeißen. Du musst wissen, ich habe vier Söhne und unsere Magd ist vor vielen Monden von uns gegangen das arme Ding. Ich selbst bin alt und gebrechlich, die Wäsche türmt sich zum Himmel und Haus müsste dringend geputzt werden. Ich will kein Gold, ich verlange deine Hilfe im Haushalt für Kost und ein Dach über dem Kopf solange bis dein Gefährte sich erholt hat. Was sagst du dazu?“. Unbewusst kaute Noro sich auf der Unterlippe herum und nickte zögerlich. Was für eine Wahl hatte sie denn auch? So ging auf das Angebot der Alten ein. Diese drückte ihr sogleich ein Tablett in die Hand und erklärte ihr, was ihre heutigen Aufgaben waren. Dann sprach sie gut gelaunt: „Aber nun geh mein Kind, ich schicke dir sogleich meinen Sohn, er soll dir etwas anständiges zum Anziehen bringen. Du kannst hier nicht halb nackt über unseren Hof laufen.“.

Vorsichtig trug Noro das Tablett rüber in die Scheune. Besonders großzügig zeigte sich die Bäuerin nicht. Etwas Brot, ein Stück alter Käse und zwei Becher Milch. Ein klägliches Mahl, jedoch war es immer noch besser als gar nichts. Sie betrat die Scheune und stellte das Tablett neben ihrem provisorischen Schlaflager ab.
„Zeit für das Frühstück.“, sagte sie und half Riân sich aufzurichten. Dann aßen sie gemeinsam als plötzlich jemand in die Scheune trat. Neugierig drehte Noro sich um und erblickte einen jungen Mann. Er war groß, gut gebaut, hatte blondes Haar und stahlblaue Augen. Ein charmantes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er die neue Dienstmagd entdeckte. „Meine Mutter schickt mich dir dies hier zu bringen.“, sprach er mit wohlklingender Stimme und überreichte Noro einen Stapel mit Kleidern. Diese mussten der ehemaligen Magd gehört haben, denn sie waren nicht besonders schön anzuschauen und der Stoff war billig und fühlte sich kratzig an. Dennoch bemühte sich Noro ebenfalls um ein Lächeln und nahm die Kleider entgegen. Der Blonde musterte die kläglich bekleidete Frau vor ihm mit deutlichen Interesse, bevor sein Blick auf den noch immer halb nackten Riân fiel. Augenblicklich erstarb das freundliche Lächeln und er wandte sich zum Gehen um. Doch dann blieb er noch einmal stehen und sagte: „Mutter verlangt nach dir. Du sollst am Bach die Wäsche waschen und ich werde dich dorthin begleiten und dir den Weg zeigen.“. Dann verließ er die Scheune. Noro blickte auf den Stapel Kleider und konnte ein leises Seufzen nicht unterdrücken.

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H'adriân
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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Fr, 31. Jul 2020 23:40

Noro war entspannter als das letzte Mal. Genau wie dieses Mal war es tatsächlich nicht mit Absicht geschehen, sondern einfach passiert. Wie alles was sie betraf. Er hatte getötet und sich nun auch noch eine gefährliche Verletzung zugezogen. Einfach so. Völlig ungeplant. Riân war zu müde um rot zu werden und außerdem tat das seine Begleiterin schon für ihn. War ihr das etwa peinlich gewesen? Eine kühle Brise wehte zu ihnen herein und kühlte den erhitzten Körper des Bergelfen, was dieser mit Frösteln quittierte. Sofort wollte er die Decke nach oben über seine Brust ziehen, bereute jedoch sofort, seinen lädierten Arm zu nehmen und sog zwischen zusammengebissenen Zähnen die Luft ein. "Wird schon wieder. Gib mir einige Tage für das Fieber. Die Wunde wird wohl einige Wochen dauern.", schätzte Riân nüchtern ein und wischte sich mit seinem Schal etwas Schweiß aus dem Gesicht. Dieses Kleidungsstück, was auch seine Ohren verhüllte, hatte er bisher noch nicht abgenommen und das würde er wohl auch so schnell nicht tun.
Mittlerweile war er stark genug, dass er von selbst trinken konnte, was Riân überraschte. Das war wirklich ein gutes Zeichen. Viel war es jedoch nicht. Das nutzte Noro'elle um sich zu waschen. Der Krieger bemerkte gar nicht, wie er sie dabei beobachtete. Es war eine Mischung aus Müdigkeit und dem typischen Verlorensein in den eigenen Gedanken und erst ihre Worte ließen ihn aufschrecken. "Natürlich.", raunte er und drehte den Kopf zur Seite. Dachte sie etwa? Nein. Bestimmt nicht. Halbnackt hatte er sie immerhin schon gesehen und Riân kam nicht umhin sich dieses Bild in Erinnerung zu rufen. Sie war hübsch für eine Menschenfrau, vielleicht sogar sehr hübsch, doch warum machte er sich darüber überhaupt Gedanken? Als sie fertig war, drehte er den Kopf wieder in ihre Richtung. Sie sah wirklich gut aus. Selbst wenn man die verschlissenen Klamotten nicht ausblendete. "Wir werden schon neue Kleider für dich finden...", sprach Riân leise und monoton, doch das würde wohl auch für den Augenblick keine wirkliche Aufmunterung bringen.

Kurz darauf war Noro verschwunden, um etwas essbares zu besorgen. Riân hatte bisher keine guten Erfahrungen mit menschlichen Bauern gemacht und hegte nicht viel Hoffnung. Etwas Proviant hatte er auch noch in seinem Seesack, doch warum dieses Verbrauchen, wenn es auch anders ging? Wenn der Krieger ehrlich war, hatte er nicht einmal Hunger. Ein bisschen aber würde er essen müssen, sein Körper würde jedes bisschen Energie benötigen, dass er ihm zukommen lassen würde. Und kurz darauf kam seine Begleiterin auch schon wieder. Sie war bewaffnet mit einem Teller und zwei Bechern. Wortlos nahm er seinen Anteil entgegen und knabberte schwach und lustlos an seinem Kanten Brot. Nach der kläglichen Hälfte gab er auf und versuchte sich an der Milch. Diese war einfacher zu schlucken und kam ohne anstrengendes Kauen aus! Kaum hatte Riân aber auch das geschafft, sank er müde und erschöpft wieder zurück in das Stroh.
Kaum hatte der Bergelf sein Auge geschlossen, kam auch schon ein Mann in die Scheune und unterbrach die Ruhe. Sofort schlug er wieder das Auge auf. Die Muskeln unter seiner Haut spannten sich schwach an und instinktiv wollte Riân mit seinen Fingern nach dem Griff einer Waffe suchen. Diese aber lagen weit weg und selbst wenn er eine gehabt hätte, in seiner Verfassung würde er ein leichter Gegner sein. Genau aus diesem Grund mochte er den Neuankömmling schon nicht. Menschen, die eine Gefahr für ihn darstellten waren selten und für gewöhnlich fühlte sich Riân deshalb auch sicher. Jetzt aber konnte ihn jedes Kind aber vermutlich abstechen und das beunruhigte ihn. Darüber hinaus beunruhigte ihn die Art, wie er Noro ansah. Er konnte sie nicht beschützen aber da war noch mehr. Mehr? Ungelenk drehte sich der Bergelf auf die Seite´und schloss das Auge wieder. Was sollte da schon mehr sein? Absurd.
"Lass dich nicht umbringen.", sagte Riân kühl, ohne sich ihr zuzuwenden oder das Auge überhaupt zu öffnen, "Ich traue ihm nicht.".

Draußen wartete der hochgewachsene blonde Mann auf Noro mit verschränkten Armen. Er musterte sie, als sie die Scheune verließ wieder mit sichtlichem Interesse und einem schiefen Grinsen auf den Lippen. "Wollen wir dann?", fragte er und nahm eine der Wäschetragen, während er die andere für Noro'elle ließ. Als sie ein Stück schweigend gegangen waren und etwas Platz zwischen sich und die Scheune gebracht hatten, räusperte er sich: "Wie heißt du? Und ist der Soldat da drin sein Mann?". Sein Tonfall war schnippisch, fast schon fordernd. Er machte keinen Hehl daraus, dass er Interesse an ihr hegte. Schon allein damit, dass er recht nah neben ihr lief.
Das Rauschen des Wassers konnte man in der Entfernung schon hören. "Ich bin übrigens Alrik."

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » So, 02. Aug 2020 21:03


Riâns Reaktion ließ Noro schmunzeln. Sie blickte ihn an und schüttelte amüsiert den Kopf.
“Mir wird schon nichts geschehen. Du brauchst dir also keine Sorgen machen.“, sagte sie während der Meuchler sich abwandte. Sie nutzte die Gelegenheit um in eines der abgetragenen Kleider zu steigen. Abgesehen von ihrem Azurblauen Kopftuch sah sie nun aus wie ein graues Mäuschen. Aber immerhin waren die Kleider sauber. “Im Übrigen… Tue ich das Ganze für dich. Damit du Zeit hast dich zu erholen…“, gab sie Riân noch etwas Stoff zum Nachdenken und hob sein schmutziges Hemd auf. Anschließend verließ sie ohne ein Wort des Abschieds die Scheune und ließ ihn allein im Halbdunkel zurück. Draußen wartete wie abgesprochen der Blonde auf sie. Wie es schien wollte er sich von seiner besten Seite zeigen und nahm Noro einen der schweren Wäschekörbe ab. Noro’elle hievte ihrerseits den zweiten Korb hoch und gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Der Blonde ging nah an ihrer Seite und schien sie nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Als er nach ihrem Namen fragte, zögerte Noro für einen Augenblick. Vermutlich war es keine gute Idee ihre wahre Identität zu offenbaren und so antwortete sie spontan: „Mein Name ist Mira…. Und ob der Mann in der Scheune mein Mann ist willst du wissen?“. Sie lachte glockenhell und schüttelte dann den Kopf. „Nein, nein er ist nicht mein Mann. Er ist mein Leibwächter und ich verdanke ihm mein Leben. Er mag etwas grummelig sein, aber im Grunde kann er auch sehr fürsorglich sein.“, versuchte sie ihre Verbindung zu erklären.

Bis zu dem nahegelegenen Bach war es nicht sehr weit und so erreichten sie ihr Ziel schon nach kurzer Zeit. Mit einem leisen Stöhnen setzte Noro den schweren Wäschekorb ab. Alrik reichte ihr ein Waschbrett herüber und sah sie erwartungsvoll an.
„Ich… ich habe so etwas noch nie gemacht…“, gestand Noro’elle und ihre Wangen begannen rot zu leuchten. „Ich habe Magda einige Male dabei beobachtet, du hältst das Brett einfach in das Bachbett und schrubbst die dreckige Wäsche so lange darüber, bis sie sauber ist. So schwer kann das schon nicht sein, Kleines.“, erklärte der Blonde leicht abschätzig, setzte sich selbst auf einen Baumstamm und machte dieses Mal keine Anstalten Noro zu helfen. Also ging die Beraij an die Arbeit. Das Wasser im Bach war eiskalt und schon nach kurzer Zeit begannen ihre zierlichen Arme von der anstrengenden Arbeit zu brennen. Ihre Finger waren rot und starr vor Kälte, doch sie wollte sich nicht die Blöße geben und um Hilfe betteln. Alrik hatte es sich wahrlich bequem gemacht und beobachtete Noro mit seinen eisblauen Augen. Was wohl in seinem Kopf vorgehen mochte? Fast war die Arbeit geschafft, als Noro’elle nach Riâns Hemd griff, um auch dieses zu säubern. Der Himmel begann langsam sich zu verfärben und die junge Beraij war zu Tode erschöpft. „Ich bin fertig…“, wandte sie sich sichtlich müde an den Blonden. Alrik erhob sich und streckte sich, nicht ohne dabei seinen wohl proportionierten Körper zur Schau zu stellen. Doch Noro hatte im Augenblick andere Dinge im Kopf als auch nur darauf zu achten.

Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg zum Gehöft. Dort wartete bereits die Bäuerin auf sie, die Hände verärgert in die Seite gestemmt. Sie schimpfte und fluchte, warum das Waschen denn so lange gedauert habe und dass die nasse Wäsche noch im Hof aufhängt werden solle, denn vorher gäbe es rein gar nichts zu essen. Noro tat wie ihr geheißen und hing ein Wäschestück nach dem anderen auf eine gespannte Leine. Sie blickte sich immer wieder um, denn aus irgendeinem Grund fühlte sie sich die ganze Zeit beobachtet. Dabei war sie doch ganz allein? Dieses seltsame Gefühl konnte sie deinfach nicht abschütteln, doch als auch das letzte Hemd aufgehangen war, wagte sie es zögerlich an die Türe zu klopfen. Die Alte öffnete die Türe und beäugte ihre Arbeit kritisch. Dann brachte sie ihr zwei Schüsseln mit einer dünnen Suppe und ließ sie wieder allein im Hof zurück. Müde betrat Noro die Scheune und flüsterte
„Riân? Bist du wach? Ich habe Suppe mitgebracht.“. Mit zittrigen Fingern stellte sie eine der Schüsseln neben das Nachlager und ließ sich selbst erschöpft nieder. Vorsichtig setzte sie die Schüssel an ihre vollen Lippen und begann gierig die Suppe zu schlürfen. Während sie aß grübelte sie über die Geschehnisse des Tages. Würde ihr Leben jetzt so aussehen? Würde sie Tag ein Tag aus schuften bis zum Umfallen, nur um am nächsten Tag wieder von vorn zu beginnen? Wie lange würde Riân wohl brauchen um sich zu erholen? Und wenn er sich erholt hatte, würde er überhaupt Wert auf ihre Gesellschaft legen? Vielleicht würde er sie auch einfach in der Obhut der Bäuerin zurück lassen. Sie dachte auch an die vergangene Nacht und an das Gefühl von Geborgenheit, welches sie in seinen Armen verspürt hatte. Ob sie es wohl noch einmal wagen könnte?

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H'adriân
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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Mo, 03. Aug 2020 8:11

Trotz aller Erschöpfung und Müdigkeit konnte Riân nicht sofort schlafen. Zu viele Dinge gingen ihm durch den Kopf und nicht zuletzt auch die Unzufriedenheit mit sich selbst. Er hatte seinen Weg verlassen und wohin hatte es gebracht? Hier hin. In die Pflege eines Menschen. Der Krieger dachte über Noros Worte nach. Sie tat es für ihn? Im ersten Augenblick hätte er am liebsten geantwortet, dass sie es eben lassen soll, doch er wusste, das wäre vermutlich sein Ende. Hilfsbereitschaft gab es nur selten unter den Menschen. Vermutlich mehr noch als unter seinem Volk, aber sie war trotzdem sehr sehr selten. Man musste auch an seinen eigenen Vorteil denken, Riân verstand das , immerhin war er auch so. Zumindest bis er Noro'elle getroffen hatte und sich irgendetwas veränderte. Aber was? Der Krieger seufzte und drehte sich unruhig auf seinem Lager umher, wobei noch immer alles schmerzte. Er wusste nichts über seine Begleiterin und dafür, dass diese Bekanntschaft so platonisch war, hatte er bereits erstaunliche Einblicke erhalten. Körperlich zumindest. Warum zur Hölle tat er das? Warum dachte er jetzt über sie als Frau nach? Riân kannte die Antwort nicht, doch er schlief ein mit einem angenehmen Gefühl und der Erinnerung darüber, dass sie letzte Nacht neben ihm gelegen hatte.

Der Tag war völlig ereignislos für den Bergelfen, der die meiste Zeit mit schlafen verbrachte. Das Fieber war nach wie vor hoch und in den kuren Phasen der Wachheit lauschte er in den Trott der Arbeit, die ihn umgab. Riân bemerkte, dass wohl jemand seinen Verband gewechselt hatte als er schlief, denn nicht mehr die Lumpen der Bluse bedeckten sie, sondern frische Bandagen. Auch ging von ihnen ein merkwürdiger Geruch aus. Eine Salbe, dachte der Krieger, als er daran roch. Zumindest machte es einen kräuterigen Eindruck. Vielleicht waren die Menschen doch nicht so übel...
Riân wachte am frühen Abend einmal mehr auf und fühlte sich tatsächlich etwas besser. Ihm war noch immer heiß, doch das Fieber hatte zumindest etwas abgeklungen und er rutschte nach hinten, um sich mit einem großen Heuballen im Rücken aufzurichten. Riân war, als ob er seit Tagen nicht mehr in dieser Position gewesen war, was ihm ins Gedächtnis rief, wie schwach er war. Seufzend reckte er sich, dehnte die müden Muskeln und wartete einfach, bis Noro zurückkehrte. Irgendwie machte er sich Sorgen um sie und dachte zurück an den Blick, den der Bauer auf sie geworfen hatte. Wenn er ihr.... Sogleich verwarf der Bergelf diesen Gedanken, denn er würde ihn ohnehin nicht verwirklich können. Nicht gleich zumindest.

Es dauerte aber nicht lange, da kam seine Begleiterin zurück. Riân bemerkte es nicht gleich, denn er hatte das Auge wieder geschlossen und war eingedöst. Als er ihre Stimme aber hörte, schlug er es wieder auf. Er nickte und beobachtete die junge Frau dabei, wie sie sich neben ihm niederließ. Hunger hatte er noch keinen, doch das war normal bei Fieber und so zwang er sich es Noro gleichzutun und setzte die Suppe an. Sie war wässrig und sehr salzig, doch besser als nichts. Er hatte schon schlechter gespeist. In einem Zug war die Schüssel leer. "Und hat der Blonde dich in Ruhe gelassen?", fragte Riân vielleicht etwas zu schnell und atmete dabei noch etwas schwer, nachdem er die Suppe so hinuntergeschlungen hatte, "Ich hoffe es für ihn.". Während er sie beobachtete, auf eine Reaktion wartete, bemühte er sich wieder in die Horizontale zu kommen. Es war gut gewesen dort für den Moment einmal rauszukommen, doch die Welt hatte sich bereits wieder leicht zu drehen angefangen. Wieder im Liegen zog der fröstelnde Bergelf die Decke wieder unter das Kinn. Noro sah erschöpft aus und müde. Vermutlich hatte sie den ganzen Tag gearbeitet. Für mich, dachte Riân und seufzte. "Leg dich hin", sagte er vielleicht etwas zu forsch und sogleich ärgerte er sich für seinen Ton. Mit Frauen zu reden war einfach nicht sein Ding. Einladend hob er die noch immer einzige Decke, die sie hatten. Hoffentlich ließ sie ihn jetzt nicht wie einen Vollidioten aussehen.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Mo, 03. Aug 2020 10:32


Riân schien sich bereits ein wenig erholt zu haben. Noro’elle bemerkte seinen frischen Verband und fragte sich, ob die alte Bäuerin vielleicht doch nicht so übel war. Vielleicht mochte der erste Eindruck auch einfach getäuscht haben und in der alten Frau steckte doch eine gute Seele. Als Noro ihre Schüssel bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, wischte sie sich wenig damenhaft mit dem Handrücken den Mund ab und lehnte sich ihrerseits mit dem Rücken gegen den Heuballen. Sie wollte schon beinahe erschöpft die Augen schließen, als Riâns Worte sie neugierig machten. Sie sah den Meuchler überrascht an und lächelte schief.
„Nun, wie du siehst bin ich noch am Leben und wohlbehalten zu dir zurück gekehrt. Alrik war wohl also kein Triebtäter, der sich gern an jungfräulichen Frauen vergeht.“, sprach sie mit einem leicht amüsierten Unterton. Doch dann hielt sie plötzlich inne. Hatte sie Riân gerade erzählt, dass sie noch jungfräulich war? Erneut färbten sich ihre Wangen purpurrot und sie hoffte inständig, dass Riân dies im Halbdunkel der Scheune nicht bemerken würde. Dann räusperte sie sich verlegen und sprach weiter: „Nein, im Ernst… Alrik war wirklich sehr zuvorkommend und freundlich zu mir. Ich denke du musst dir wegen ihm keine Sorgen machen.“. Dann war es tatsächlich auch schon wieder Schlafenszeit und ihr Begleiter machte es sich unter der Decke bequem. Noro’elle zögerte noch immer sich zu ihm zu legen, doch dann geschah etwas Unerwartetes.

Fast schon einem Befehl gleichkommend wollte Riân tatsächlich, dass sie sich erneut zu ihm gesellte. Als er die Decke anhob verspürte Noro ein seichtes Kribbeln in der Bauchgegend. Mit wild klopfenden Herzen löste sie die Verschnürung ihres Kleides. Der grobe Stoff rutschte ihren zierlichen Körper hinab und eilig schlüpfte sie – nur noch mit ihrem Untergewand bekleidet – zu Riân unter die Decke. Sie spürte wie sich ein kräftiger Arm um sie legte und sofort kehrte das Gefühl der Geborgenheit zurück. Vorsichtig ließ sie ihren Kopf auf seine Brust sinken und flüsterte:
„Ich habe übrigens erzählt, dass ich Mira heiße. Ich dachte, vielleicht wäre es keine gute Idee meinen richtigen Namen zu verraten. Du weißt schon, falls Kamal wieder nach mir Suchen lässt oder so…“. Dann lauschte sie dem stetigen Herzklopfen des Meuchlers und sank rasch in einen tiefen erholsamen Schlaf. In der Nacht merkte Noro’elle gar nicht, wie sie selbst ihren Arm um Riâns Leib schlang und sich nach Wärme suchend eng an ihn schmiegte. Es war der der Hahn, der die schlafenden Gefährten bereits früh am Morgen mit seinem Geschrei weckte. Blinzelnd schlug Noro die Augen auf, verhielt sich jedoch vorerst ruhig, um noch einige Augenblicke liegen bleiben zu können. Doch irgendwann gab sie sich einen Ruck, befreite sich Sacht aus der nächtlichen Umarmung und richtete sich auf. „Guten Morgen…“, sagte sie leise und kam nicht drum herum sich ausgiebig zu strecken. Dann drehte sie sich um und ihr Blick fiel auf eine sorgfältig zusammen gelegte Decke. Darauf gebettet lag eine einzelne, wunderschöne Blume, welche einen sanften blumigen Duft verströmte.

Noro’elle legte neugierig den Kopf schief und griff nach der Blume um daran zu riechen.
„Wo kommst du denn her?“, fragte sie beinahe schon zärtlich und ein schüchternes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Dann wandte sie sich an Riân: „Ich habe wohl sehr tief und fest geschlafen. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass jemand hier gewesen ist.“. Gerade wollte sie nach ihrem Kleid greifen um sich anzukleiden, als sich das Tor der Scheune öffnete und jemand herein trat. Es war Alrik, der gut gelaunt herein trat und ihnen etwas zu Essen brachte. Als er die spärlich bekleidete Noro erblickte, begannen seine stahlblauen Augen zu strahlen. „Guten Morgen Kleines. Du hast gestern so hart schuften müssen, da wollte ich dir etwas Gutes tun.“, sprach er mit wohlklingender Stimme und stellte das Tablett neben ihrem Lager ab. Noro’elle lächelte schüchtern und blickte zu dem Blonden empor. „Heißt das, diese geheimnisvolle Blume habe ich auch dir zu verdanken? Sie ist wirklich wunderschön…“, sprach Noro und steckte sich die Blüte kurzerhand hinter das Ohr in ihr rabenschwarzes Haar. Alrik lächelte siegessicher und nickte eifrig: „Gewiss ist sie von mir. Aber lass dir gesagt sein Kleines, diese wunderschöne Blume kann mit deiner Schönheit niemals mithalten.“. Dann zwinkerte er der Beraij zu und wandte sich zum Gehen: „Mutter erwartet dich schon im Haus. Ich würde sie nicht allzu lange Zeit warten lassen. Sie kann ein sehr ungeduldiger Mensch sein musst du wissen.“. Mit diesen Worten warf er einen letzten begehrenden Blick auf Noro und verschwand anschließend aus der Scheune um seiner täglichen Arbeit auf dem Hof nachzugehen.

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H'adriân
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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Mo, 03. Aug 2020 15:46

Hatte sie ihm gerade verraten, dass sie eine Jungfrau war? Riân zog die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen ein und machte ein ausdrucksloses Gesicht. Er selbst war mehr oder weniger auch eine Jungfrau, denn jedes Techtelmechtel mit einer Frau hatte geendet, noch ehe es wirklich ernst werden konnte. Außerdem waren alle samt beruflicher Natur gewesen. Es gab etwas, dass Frauen oder Personen in ihrem Umfeld besaßen, oder vielleicht mussten die Personen aus dem Weg geräumt werden... es gab viele Variationen. Riân hatte diese Frauen ausgenutzt um seine Aufträge zu erfüllen. Es war arbeit gewesen. Überhaupt hatte sich der Bergelf niemals mit solchen Dingen ernsthaft beschäftigt, da sie ihn angreifbar gemacht hätten und dass es Feinde gab, die so etwas ohne Skrupel ausnutzten zeigte seine Situation sehr deutlich.
Der Krieger räusperte sich: "Gut, dann habe ich... nichts gesagt.". Die Antwort war unbeholfen und eine Lüge. Er kannte diese Blicke, wie sie dieser Alrik Noro zuwarf zur Genüge und auch wenn er aufhören wollte sich zu sorgen, waren seine Gedanken von eben solchen Sorgen umwölkt. Diese lösten sich aber mit der Verschnürung des Kleides, welches die junge Menschenfrau zu Boden gleiten ließ. Riân beobachtete sie genau, jede ihrer Bewegungen. Sogar eine leichte Röte umspielte seine Nase, als er bemerkte, dass er vielleicht etwas zu aufdringlich starrte, ehe er den Blick an einen neutralen Blick abwandte. Zugegeben sah das noch bescheuerter aus, doch der Krieger wusste nun einmal nicht, wie man solche Situationen in die Hand nahm. Es war schon ironisch, dass ihm ein tödliches Gemetzel keine emotionale Reaktion abzuverlangen vermochte, doch hier, in einfacher Zweisamkeit schoss ihm das Blut in die Wangen.
Dann aber stieg sie zu ihm unter die Decke und hatte Riân zuvor noch etwas gefröstelt, wurde das nun durch wohlige Wärme verdrängt. Er sog ihren Geruch ein und atmete tief durch. Lange hatte sich der Bergelf nicht mehr so wohl gefühlt, das musste er widerwillig zugeben. "Ich verstehe...", raunte Riân auf ihre Information, "Ich denke in wenigen Tagen sollte das Fieber abgeklungen sein. Dann können wir weiter. Es wird zwar noch einige Zeit dauern, bis ich meinen Arm und meine Hand wieder richtig benutzen kann, doch dann musst du hier nicht niedere Arbeit verrichten.". Er hoffte, dass es eher schneller als langsamer ging und nicht nur, weil Fieber unangenehm war. Er wollte auch Noro aus der Nähe dieses Mannes bringen.

Früh am Morgen erwachten sie beide durch das Krähen des Hahns. Riân riss halb erschrocken das verbliebene Auge auf, unterdrückte aber den Drang sich blitzartig aufzurichten, da Noro noch halb auf ihm lag. Ja, dachte er, es war schön so aufzuwachen, aber nur nicht weich werden... Er nickte der jungen Frau zu als sie erwachte und blickte sich um, denn es lag ein merkwürdiger Geruch in der Luft. Eine Blume? Noro'elle hatte sie auch bemerkt und sprach das aus, was er auch gedacht hatte. Als kurz darauf Alrik die Scheune betrat erklärte sich alles. Genervt ließ Riân den Kopf wieder ins Stroh sinken. Warb man so um Frauen? Mit schmalzigen Komplimenten? Niemals würde er so einen Mist auch nur im Traum machen, dachte der Krieger, der nicht übel Lust hatte, diesen aufgeblasenen Gockel die Kehle aufzuschlitzen. Bin ich etwa eifersüchtig? Verdammt, was macht diese Frau mit mir? Und als Noro sie sich auch noch hinter das Ohr steckte, drehte sich Riân einfach nur genervt auf die Seite und ignorierte den Schmerz der alten Pfeilspitze in seiner Schulter, die unangenehmen Druck von innen auslöste. Vielleicht war es das Beste einfach so zu tun, als hätte man nichts bemerkt, dachte er und dachte krampfhaft an Kampfübungen, um sich abzulenken. Aber wie dreist konnte man sein? Einfach bei zwei Schlafenden reinzuplatzen? Es klappte nicht.

Er schwieg, während Noro sich ankleidete und tat so als wäre er wieder eingeschlafen. Es war zu hören, wie sie schließlich die Scheune verließ, um der Arbeit nachzugehen, die ihnen die Rekonvaleszenz auf den Hof ermöglichte. Im Haus angekommen, wurde Noro ungehalten begrüßt. "Ich weiß ja nicht, wo ihr zwei herkommt, aber hier steht man früher und mit der Sonne auf. Gestern hatte ich noch ein Auge zugedrückt, aber damit ist jetzt Schluss! Ich weiß ja nicht einmal, wen ich hier auf unserem Hof Obdach gewähre! Ich habe gestern den Verband deines Geliebten gewechselt. Er sieht nicht ehrlich aus! Viel eher wie ein Mörder. Und auch die Verletzung. Wo kam die her?". Ihr Schwall wüster Worte zeigte, dass sie mit Misstrauen nicht hinter dem Haus hielt. Die kräftigen Hände hatte sie in die Hüften gestemmt und das Haupt hoch erhoben. "Ich will mehr Einsatz sehen dafür, dass ich so ein Risiko auf mich nehme!"

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Mo, 03. Aug 2020 17:43


Noro schlang das klägliche Frühstück hungrig hinunter und kleidete sich rasch an.
„Je früher wir hier weg kommen, desto besser.“, stöhnte sie leise während sie an der Verschnürung ihres Kleides herum nestelte. Ihre Arme fühlten sich an als wären sie aus Blei und ihre Muskeln rebellierten gegen jegliche Bewegung. Riân unterdessen verhielt sich merkwürdig. Er hatte sich abgewandt und sein Essen nicht einmal angerührt. Vielleicht hatte er gar keinen Hunger und war einfach nur müde. Da er immer noch unter den Fieberschüben litt, könnte dies eine Erklärung für sein seltsames Verhalten sein. Noro’elle blickte ihn noch einmal an, ehe sie leise aus der Scheune schlüpfte und über den Hof zum Haupthaus eilte. Dort angekommen wurde sie unangenehm empfangen. Die alte Bäuerin bohrte ungehalten ihren Zeigefinger in ihre Brust und redete wild auf sie ein. „Ich… es tut mir Leid….“, murmelte sie leise und versuchte selbst Ruhe zu bewahren. Was fiel diesem ungehobelten Weibsbild nur ein derart mit ihr zu reden? Noro atmete tief durch und bemühte sich um eine plausible Antwort auf ihre Fragen: „Zum Einen, ist er nicht mein Geliebter, sondern mein Leibwächter. Die Wunde stammt von einem Wolf! Er hat mich mit seinem Leib beschützt und nur deshalb geht es ihm jetzt so schlecht. Deswegen werde ich tun, was auch immer Ihr verlangt, nur bitte… Er darf nicht meinetwegen an diesem Fieber sterben.“. Die Alte schien nicht im Geringsten mit der Antwort zufrieden zu sein, denn sie zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe.

Die Liste ihrer Aufgaben für den heutigen Tag war lang. Wäsche abnehmen und zusammen legen, das Haus ausfegen, das Geschirr spülen und den Kamin reinigen… Mit jedem Zögern ihrerseits schien die Liste um einen neuen Punkt ergänzt zu werden und so sah Noro zu, sich schleunigst an die Arbeit zu machen. Sie schnappte sich die leeren Wäschekörbe und begann damit die Wäsche abzunehmen. Leise vor sich hin summend nahm sie ein Kleidungsstück nach dem anderen ab und legte es mehr schlecht als recht zusammen. Und wieder hatte sie dieses merkwürdige Gefühl dabei beobachtet zu werden. Gerade als sie die Klammern des letzten Hemdes löste, trat ein dunkelhaariger Mann aus dem Haupthaus und kam auf sie zu. War dies ein weiterer Sohn der Bäuerin? Es musste wohl so sein, schließlich hatte sie erzählt, dass sie hier allein mit ihren vier Söhnen wohnte.
„Hey schöne Frau….“, sagte der Mann und schenkte ihr ein charmantes Lächeln, welches deutlich die Verwandtschaft zu Alrik deutlich machte. „Ich heiße Rodrik und Mutter lässt nach dir rufen. Sie ist bereits ziemlich aufgebracht und ich an deiner Stelle würde sie nicht weiter warten lassen. Auch wenn ich deiner wunderschönen Stimme gerne noch etwas gelauscht hätte….“, sprach Rodrik und zwinkerte ihr zu. Die Männer dieser Familie schienen wohl erzogen und aufmerksam zu sein, dachte Noro und nickte eifrig. Schnell legte sie auch das letzte Hemd zusammen und trug den übervollen Wäschekorb ins Haus, wo sie ihn in der Küche absetzte. Die Alte hatte sie bereits erwartet und drückte ihr einen Besen in die Hand.

Unterdessen waren die beiden Brüder Alrik und Rodrik im Stall zusammen gekommen um das Vieh zu versorgen.
„Du hattest Recht Bruder, die neue Magd ist wahrlich eine Augenweide. Du hast auf jeden Fall nicht untertrieben und nun verstehe ich auch deinen eifrigen Drang ihr das Frühstück zu bringen.“, sprach der eine und lachte anschließend laut und ungehalten. „Ach Rodrik, lass bloß die Finger von ihr, ich habe sie schließlich zuerst entdeckt! Ich kann es kaum erwarten das nächste Mal allein mit ihr zu sein, ohne diesen verschrobenen Krieger der im Stroh liegt und mir vernichtende Blicke zuwirft. Sie war so entzückt von der Blume, die ich ihr heute Morgen aus Mutters Garten gestohlen habe. Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit bis sie mir erliegen wird.“, sprach Alrik und stimmte in das Gelächter mit ein. „Egal was du tust, seh nur zu dass du sie nicht alleine mit Hugo lässt. Ich habe gesehen, dass auch er sie gestern Abend beobachtet hat. Und du weißt doch noch, was unser zurückgebliebener Bruder mit Magda angestellt hat? Diese Mira ist ein hübsches Ding und es wäre doch wirklich allzu schade wenn unser Bruder dir zuvor kommt, nicht wahr?“, sagte Rodrik und wurde plötzlich ganz ernst. Das Gelächter verklang und eine merkwürdige Stille legte sich über den Stall, sodass das Kauen der Rindviecher nun deutlich zu hören war. Es schien so, als hätten die beiden Brüder ihre Arbeit im Stall abgeschlossen, denn beide verließen den selbigen zur gleichen Zeit.

Der Tag schien sich schier endlos in die Länge zu ziehen und immer wenn Noro eine Aufgabe erfolgreich erledigt hatte, kam die alte Vettel und trug ihr etwas Neues auf. Erschöpft strich sich die junge Frau eine Haarsträhne hinter das Ohr. Skeptisch beäugte sie den Kamin, welchen sie nun reinigen sollte.
„Los, los! Nehm den Kehrer und steig nur hinein mein Kind. Es ist nur Ruß und etwas Dreck. Es wird dich schon nicht umbringen.“, sagte die Bäuerin und schob ihre neuernannte Magd in den Kamin. Dort drinnen war es düster und staubig. Vorsichtig begann Noro den Kamin auszufegen und schon bald war sie selbst ganz und gar mit schwarzen Ruß bedeckt. Doch dies war ihre letzte Aufgabe für diesen Tag und endlich durfte sie in die Scheune zurück kehren. Auf dem Weg schöpfte sie noch einen Eimer Wasser aus dem Brunnen, doch noch ehe sie den selbigen anheben konnte, kamen ihr starke Arme zu Hilfe. „Warte doch Kleines, ich helfe dir beim Tragen. Oh… wie siehst du denn aus? Du bist ja vollkommen schwarz im Gesicht!“, sprach Alrik und tunkte ohne zu zögern einen Zipfel seines Hemdes in das Wasser, um damit Noro’elle das Ruß von den Lippen zu wischen. „Du hast die schönsten Lippen, die ich jemals gesehen habe.“, raunte er dabei leise und beugte sich vor um eben jene sanft zu küssen. Noro’elle war wie erstarrt und rührte sich nicht. Sie wehrte sich nicht gegen den Kuss, doch erwidern konnte sie ihn auch nicht. Sie war einfach vollkommen überrumpelt worden. Verwirrt blickte sie Alrik an, dann nahm sie ihm wortlos den Eimer ab und floh sogleich in die Geborgenheit der Scheune.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Mo, 03. Aug 2020 20:15

Erst als Noro die Scheune verlassen hatte, machte sich Riân daran sein karges Frühstück zu essen. Das Schlucken war noch immer schwer und das Kauen anstrengend, doch es wurde immer besser. Die Zuversicht wuchs, dass auch die Wunde dann gut verheilen würde, denn das war nicht unbedingt gegeben. Aber der Krieger hatte den Verband genauer untersucht und er war sehr fachmännisch angelegt worden. Er selbst hätte es nicht besser machen können und der Gestank war eher der nach Kräutern als der nach verfaultem Fleisch. Gefühl hatte der Bergelf zwar noch immer nicht an der Stelle am Arm, doch das war normal bei solch tiefen Wunden und besorgte ihn weniger. Zum Beispiel dieser Alrik besorgte ihn mehr und es ärgerte ihn sogar so sehr, dass Rriân nicht schlafen konnte. Stundenlang lag er wach auf seinem Stroh und drehte sich von der einen auf die andere Seite.
Irgendwann, es mussten Stunden vergangen sein, da betrat ein unbekanntes Gesicht die Scheune. Riân rümpfte die Nase und nickte dem Neuankömmling zu. Es war nicht Alrik, doch die Ähnlichkeit war unverkennbar. Vielleicht sein Bruder? "Hallo!", sagte der Mann freundlich und hob eine Hand zum Gruß. Der Krieger schwieg, blickte den Fremden nur misstrauisch aus seinem verbliebenen Auge an. "Bist nicht so der gesprächige Typ, was?", fragte er mit einem leichten Grinsen auf den Lippen und stellte sich neben Riân, "Sag mal, du hast doch nichts dagegen, wenn wir ein bisschen um deine Begleiterin werden, oder? Ich meine, da ist doch nichts zwischen euch?". Riân hob eine Braue. "Versteh mich nicht falsch, ich will einfach nur nicht umgebracht werden und deshalb habe ich mir gedacht, ich komme einfach vorbei und frage! Also, was sagst du?". Was war das für ein Kindergarten, dachte der Bergelf ungehalten und seufzte einmal. "Deshalb weckst du mich? Mach doch was du willst.", gab er tonlos zurück und drehte sich wieder auf die Seite, sodass dem Fremden der Rücken zugewandt wurde. "Ich bin übrigens Rodrik. Und ähm, danke für dein Verständnis!". Mit dieses Worten ging der Mensch und so konnte er nicht sehen, wie die Kiefermuskeln in Riâns Gesicht arbeiteten. Was dachten sich diese kleinen Wichte? Waren sie hier bei einem Schaulaufen? Sah er aus wie ein Vater, der überzeugt werden musste? Oder war er vielleicht einfach nur eifersüchtig? Zornig packte der Bergelf einen Büschel Stroh und warf ihn so fest es sein schwacher Körper erlaubte in irgendeine Richtung. Schmerz durchfuhr ihn, doch er ignorierte das während einzelne Halme unbeeindruckt zu Boden waberten.

Da Roderik das Tor nicht geschlossen hatte, vernahm Riân im Laufe des Tages durchaus noch einige Gesprächsfetzen und lauschte unbekannten Menschen beim Arbeiten. Alles war so monoton, dass es ihn tatsächlich doch irgendwann in den Schlaf wog. Es war ein unruhiger Schlaf, ohne Erholung. Zu sehr drehten sich seine Gedanken um wirre Erinnerungen. Gesichter von längst toten Menschen und Elfen, die er einmal umgebracht hatte. Sie alle lachten ihn aus und er wusste nicht warum. Als er erwachte, war er wieder schweißgebadet und er schob es auf einen weiteren Fiebertraum. Die kühle Brise von draußen zeugte vom Abend und auch das dämmrige Licht, dass seinen Elfenaugen allerdings wenig anzuhaben vermochte. Das Tor stand immer noch offen und jemand schien sich am Brunnen zu schaffen zu machen.
Die Laune sank sofort als er eine bekannte Stimme hörte und noch tiefer, als er hörte, was diese Stimme sagte. Unbewusst ballte sich Riâns Hand zur Faust. Trotz seiner guten Ohren konnte er nicht genau hören, was Alrik sagte, doch er raunte etwas in einem Tonfall, der ihn zur Weißglut brachte. Kurze Zeit später kamen schnelle Schritte näher und eine beinahe völlig geschwärzte Noro'elle trat zu ihm in die Scheune. Nur ihre Lippen waren sauber und genau dieses Wort hatte er Alrik zuvor sagen hören. Der Elf ließ den Kopf wieder nach hinten sinken und schloss sein Auge wieder. Er hatte genug gesehen und eine eigene Decke hatte sie ja nun auch. Riân wollte fragen, ob alles in Ordnung war, doch er biss sich auf die Lippe und unterdrückte diesen Drang. Was sollte das überhaupt? Sollte sie doch machen was sie wollte! Es wurde Zeit sich einmal zusammenzureißen und sich nicht dauernd emotional kompromittieren zu lassen. "Glaubst du das reicht, um dich sauber zu machen?", fragte er nüchtern und blickte auf den kleinen Eimer, der niemals ausreichend Wasser beinhaltete um derart viel Ruß von Noros Haut zu lösen, "Ich denke es ist klüger, wenn du dich direkt am Brunnen wäscht.". Riâns Stimme war etwas zu eisig, als dass man es mit seiner normalen Art abtun konnte, wie das eigentlich sein Ziel gewesen war.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Di, 04. Aug 2020 9:02


In der Scheune angekommen, stellte Noro’elle den Eimer wortlos ab und schloss gewissenhaft das Tor hinter sich. Ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust, während sie versuchte das Geschehene zu verarbeiten. Alrik hatte sie nicht gezwungen, hatte ihr kein Leid angetan oder sie gar verletzt. Er hatte sie einfach nur zärtlich geküsst. Nachdenklich legte sie zwei Finger an ihre Lippen, an eben jenen Ort, wo noch eben die von Alrik geruht hatten. Ihre Gedanken rasten. Hatte sie Alrik die entsprechenden Signale gegeben? Hatte sie den Kuss selbst herausgefordert? Noro’elle war jung, hübsch anzuschauen und sich selbst ihrer Reize mehr als bewusst. Unter normalen Umständen verstand sie sich sehr gut darauf Männer um den kleinen Finger zu wickeln und sie zu ihren Gunsten zu manipulieren. Doch welchen Vorteil sollte es ihr verschaffen, die Söhne der Bäuerin zu verführen? Nachdenklich trat Noro weiter in die Scheune hinein. Sie wollte nachsehen wie es dem Meuchler ging und ob sich sein Fieber mittlerweile gebessert hatte. Von dem Kuss würde sie ihm nichts erzählen, vermutlich würde es ihn ohnehin nicht interessieren.
„Riân, bist du wach?“, flüsterte sie leise als sich im Stroh nichts zu regen schien. Er wird wohl schlafen, dachte Noro und ließ sich im Schneidersitz neben dem Wassereimer nieder, um sich zu säubern. Mit beiden Händen schöpfte sie das kalte Nass aus dem Eimer und schlug sich das Wasser ins Gesicht. Kohlrabenschwarze Rinnsale liefen ihr am Kinn und am Hals hinunter, doch wirklich sauber wurde sie dadurch nicht. Grummelnd wiederholte sie den Vorgang noch ein zweites Mal als Riân sich doch noch zu Wort meldete.

Augenblicklich hielt Noro in der Bewegung inne und starrte in das Halbdunkel hinter sich. Er war also doch die ganze Zeit wach gewesen. Ein Funke von Trotz wurde allein durch diese Tatsache geweckt und sein lächerlicher Vorschlag - sie solle sich doch am Brunnen waschen - tat das Übrige, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Streitlust funkelte in den braunen Augen der Beraij, als sie sich erhob und zu dem wehrlosen Verletzten hinüber ging. Obwohl die Wut in ihr tobte verhielt sie sich doch erstaunlich ruhig und kam nur langsam näher, geradewegs wie es eine Katze auf der Pirsch tun würde. Sie kam dicht neben dem Schlaflager aus Stroh zum Stehen und blickte auf den ihr abgewandten Riân hinab.
„Du bist also wach.“, stellte sie nüchtern fest und zog eine Augenbraue hoch während sie die Arme vor der Brust verschränkte. Mit den Augen suchte sie den Boden der Scheune ab und stellte zu ihrer Zufriedenheit fest, dass die Waffen des Meuchlers außerhalb dessen Reichweite lagen. „Hast du mir gerade ernsthaft vorgeschlagen, ich solle mich nackt auf den Hof stellen und mich dort, draußen in der Kälte mit dem eisigen Wasser aus dem Brunnen waschen?“, fragte sie Riân gerade heraus und der Tonfall in dem sie sprach, ließ nichts Gutes erahnen. „Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede! Deine Gleichgültigkeit treibt mich noch einmal in den Wahnsinn!“, fauchte sie ihn an und wartete darauf, dass der Elf sich ihr zuwandte.

“W
eißt du Riân, ich verstehe dich wirklich nicht. Du versuchst die ganze Zeit zu beweisen wie gleichgültig ich dir bin. Du bist ein Meuchler und hast mir gedroht mit die Kehle aufzuschlitzen und aus meinen Knochen eine Flöte zu schnitzen! Ja, du bist ein gefährlicher Mann, das hast du mir mehr als nur einmal bewiesen und doch… Du kamst mir jedes Mal zu Hilfe, wenn ich in Gefahr war. Du hast mich gerettet, immer und immer wieder. Du liegst hier, verletzt und hilflos wie ein kleines Kind, nur wegen mir! Und erzähl mir nicht, du tust das alles des Geldes wegen! Denn ich habe rein gar nichts, was ich dir geben könnte. Hörst du? Rein gar nichts!“, schimpfte Noro auf den wehrlosen Riân ein. Doch sie war noch nicht bereit dazu ihn zu Wort kommen zu lassen und so sprach sie ungehalten weiter: „Meinst du ich hätte es nicht bemerkt, wie sehr es dir missfällt wie Alrik mich anschaut? Ich weiß nicht, was genau in deinem Kopf vor sich geht. Doch was willst du erreichen? Willst du ernsthaft, dass ich mich nackt auf den Hof stelle? Vielleicht stehst du ja drauf wenn fremde Männer sich an mir vergehen und du warst deswegen stets zur Stelle? Möchtest du dabei zu sehen? Oder erhoffst du dir einfach nur eine besser Versorgung zu erhalten wenn ich für die Söhne der Bäuerin meine Unschuld opfere?“. Noro hatte sich in Rage geredet und die letzten Worte spie sie voller Abscheu aus. Schwer atmend blickte sie auf den Verletzten hinab und wartete auf eine Antwort.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Di, 04. Aug 2020 10:32

Riâns Zorn verflog nicht sofort. Aber es war als würde Noro genau diesen aussaugen und bei sich unterbringen, während sie nüchtern feststellte, dass er wach war. Es war dunkel, doch nicht dunkel genug, dass er nicht erkennen konnte, wie sich ihre Züge verhärteten und die Arme streitlustig vor der Brust verschränkt wurden. Es war wie eine kleine Ruhe vor dem Sturm und dieser entlud sich ohne zu zögern. Je mehr sein Zorn mit jedem ihrer Worte verflog, füllte sich die entstandene Leere mit Reue. Tatsächlich sprach Noro'elle genau jene Gedanken an, die Riân seit ihrer ersten Begegnung verdrängt hatte. Der wunde Punkt war, dass er sich selbst nicht verstand und genau das hatte sie scharfsinnig durchschaut. Der Krieger blickte sie an. Von unten. Stoisch wie immer. In seinem Inneren aber rumorte es und er wollte einfach nur kotzen. Aber warum? Warum nahm in das alles so mit? Er wusste aber sehr genau, dass er nicht wollte, was sie sagte. Er wollte nicht, dass sie sich nackt auf den Hof stellte. Er wollte nicht, dass sie dort fror. Er wollte nicht einmal, dass dieser Alrik sie schief ansah und erst recht wollte er nicht, dass sie an diesen Bauern ihre Unschuld verlor.
Hätte Riân ein normales Leben geführt, dann wäre diese Art von Erkenntnis vermutlich sehr schnell gekommen. Vielleicht. Wer wusste das schon. Der Bergelf aber brauchte lange. Er brauchte bis Noros Worte verklungen waren, ehe er erkannte, dass er sie mochte. Krampfhaft suchte Riân nach einer rationalen Erklärung dafür und zog die Stille, die sie mit Warten auf eine Antwort seinerseits verbrachte in die Länge. Wie konnte das sein? Sie war eine Menschenfrau. Sie war minderwertig! Nein, das war sie nicht. Sie war wunderschön. Und sie war stark. Vielleicht sah man ihr das nicht sofort an, doch sie hatte viel durchgemacht und machte nicht den Anschein, dass ihr Blick in die Zukunft durch ihre Vergangenheit getrübt war.

Langsam richtete sich Riân auf. Es drehte sich sofort alles, doch er ignorierte den Schwindel. Ungeschickte robbte er in ihre Richtung. Sie war nicht weit weg und sonderlich gefährlich sah er dabei auch nicht aus, zumal seine Waffen in einer anderen Richtung lagen. Er hoffte, sie würde nicht wegrennen. Kurz darauf hatte er die Distanz zwischen ihnen überwunden und blickte zu ihr auf. Es sah komisch aus, denn sein Kopf war im Sitzen auf der Höhe ihres Bauches. Was der Krieger dann tat war völlig neu für ihn. Es war eine Kurzschlussreaktion. Er packte mit seiner gesunden Hand die Ihre und zog sie zu sich nach unten. Viel Kraft war es nicht, die er aufbringen konnte, doch es genügte, um zumindest mit ein bisschen Mithilfe ihrerseits sie auf seine Höhe zu bringen. "Ich ..., begann er mit schwacher Stimme und blickte ihr dabei in die Augen, "Ich möchte nicht, dass du das alles machst.". Riâns Herz klopfte wie wild und drohte aus seiner Brust zu springen. Er bereute was er gesagt hatte. Sehr sogar. Seine Rechte hob sich und fuhr sanft über ihre Wange. "Es tut mir Leid. Ich... Wir... ", stammelte er krampfhaft auf der Suche nach Worten um ihr seine Gefühle zu erklären, doch er brachte keinen Ton zustande. Und so ließe er sich einfach von eben diesen Gefühlen leiten und beugte sich vor, um sie küssen.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Di, 04. Aug 2020 16:34


Noro’elle hatte mit vielen möglichen Konsequenzen ihres Wutausbruches gerechnet. Ignoranz, Zorn oder gar Abscheu, alles war diesem widerwilligen Meuchler zuzutrauen. Riân jedoch blickte sie an und die junge Frau mochte etwas ganz anderes in seinem Blick lesen. War es so etwas wie Reue? Tat es ihm etwa Leid, wie er sie behandelt hatte? Hilflos wie ein angeschossenes Reh kam er auf sie zugekrochen, doch wahrlich bedrohlich war sein Anblick nicht. Wären sie in einer anderen Situation gewesen, hätte sie es vermutlich als bemitleidenswert empfunden, doch für den Augenblick war sie einfach zu wütend. Immer noch die Arme vor der Brust verschränkt ragte sie hoch über dem Mann auf, der sie vor wenigen Minuten noch bis zur Weißglut getrieben hatte. Dann setzte er sich auf und griff nach ihrer Hand. Was hatte dieser vermaledeite Kerl nun schon wieder vor? Dennoch ließ Noro’elle sich nicht lange bitten und ließ sich leicht widerwillig auf die Knie fallen. Er blickte ihr in ihre wunderschönen nussbraunen Augen, nun da sie sich auf der selben Höhe befanden. Riân wollte ihr etwas mitteilen, doch seine Worte ergaben kaum einen Sinn und wirkten als würde er unbeholfen vor sich hin stammeln. Und was dann geschah, raubte Noro schier den Atem. Seine Rechte hob sich und legte sich sanft, ja beinahe schon zärtlich auf die Wange Noro’elles, was die junge Frau kaum merklich zusammen zucken ließ.
„Riân, was hast du vor…“, keuchte sie leise ehe er ihre Lippen mit den Seinen versiegelte und sie somit zum Schweigen brachte.

Erneut wusste die junge Beraij nicht, wie sie sich verhalten sollte und so mochten einige endlos erscheinende Augenblicke vergehen, ehe sich ihre Angespanntheit legte. Die Lippen des Meuchlers waren rissig vom Fieber und sein Atem war heiß wie Feuer. Noro’elle schloss die Augen und forschte nach ihren Gefühlen. Ihr Herz begann wie wild zu schlagen und in ihrer Körpermitte breitete sich ein angenehm warmes Wohlgefühl aus. Ihr Zorn schien nach und nach zu schwinden und ebenso auch ihre Widerstandskraft. Wirkte der Kuss anfangs noch unbeholfen und einseitig, begann sie nun eben jenen mit wilder Leidenschaft zu erwidern. Und so verschmolz das ungleiche Paar zu einer vollkommenen Einheit. Atemlos trennten sich die zwei und sahen sich in die Augen.
„Ist dies deine Art mich zum Schweigen zu bringen, wenn du keine Waffe hast, um mir die Kehle aufzuschlitzen?“, flüsterte Noro leise und ihr warmes Lächeln nahm ihren Worten die Schärfe. Sie legte nun ihrerseits die zierliche Hand auf die von Riân und schmiegte sich mit ihrer Wange in seine Handfläche. „Du machst es mir einfach unmöglich dich zu verstehen…“, fügte sie nachdenklich hinzu und während sie seine sanfte Berührung sichtlich genoss. Ein leises Seufzen kam über ihre Lippen, dann löste sie sich von ihm und rappelte sich langsam auf. Ihre Knie waren weich wie Butter und ihr Herzschlag hatte sich immer noch nicht beruhigt. Dann blickte sie schmunzelnd auf Riân hinab und sagte schelmisch: „Ich fürchte ich bin nun nicht mehr die Einzige, die ein Bad ganz dringend nötig hat.“.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Di, 04. Aug 2020 17:05

Sonderlich gut war Riân sicher nicht im küssen, doch war er zuerst der einzige Antrieb, erwiderte Noro die Zärtlichkeiten bald. Der Krieger hatte Angst gehabt. Was wenn sie sich von ihm abgewendet hätte, Abstand gesucht hätte? Er hätte dagestanden wie ein Idiot, erniedrigt durch sich selbst. Er hatte vermieden darüber nachzudenken und als auch sie ihre vollen Lippen öffnete war diese Angst mit einem Mal fortgewischt worden. Glück breitete sich in seinem ganzen Körper aus und überdeckte das Schwächegefühl des Fiebers. Wann hatte er das letzte Mal eine Frau geküsst? Eine Antwort auf diese Frage fand Riân nicht, doch es war zum ersten Mal nicht aufgrund irgendeines Auftrags, sondern weil er es wirklich wollte. Er spürte ihre Leidenschaft und die Zeit hielt für einen Augenblick an, als sie so verschmolzen ihre Zweisamkeit genossen. Als sie sich voneinander lösten verharrte seine Hand noch an ihrer Wange. Vermutlich war es das erste Mal, dass Noro ihn lächeln sah und tatsächlich fühlte es sich so fremd an in seinem Gesicht. "Verzeih mir, dass ich das jemals gesagt habe...", antwortete Riân mit heiserer Stimme und hoffte, dieser Moment würde nicht mehr enden, wie sie sich mit ihrem wunderschönen Gesicht an seine Hand schmiegte. "Du bist... wunderschön.", hauchte er zu ihr und erinnerte sich daran, was er zuvor über Komplimente gedacht hatte. Er schämte sich schon ein wenig, doch Riân meinte es dennoch ernst.

Als sie sich erhob folgte der Bergelf Noro in der Bewegung. Schmunzelnd blickte sie auf ihn herab und er lächelte zurück. Riân mochte dieses ungewohnte Gefühl in seinem Gesicht. Wirklich zu lächeln. Das war selten. Sehr selten. Seine Gedanken hielten inne und er fuhr sich über die Lippen und besah sich seine Finger. "Du hast recht.", murmelte er, als er das Ruß dort entdeckte. Sein Auge fuhr wieder nach oben zu Noro'elle: "Das habe ich sowieso schon eine ganze Weile lang bitter nötig. Aber die Umstände waren bisher immer recht wenig darauf bedacht, mir eines zu vergönnen.". Wieder grinste er schwach. Zwar war die Schwäche in seinem Körper noch da, doch er fühlte sie nicht mehr so recht. Man konnte beinahe sagen, dass Riân beflügelt war, denn wieder ergriff er die Hand seiner Begleiterin und zog sie diesmal bestimmter zu sich nach unten. Sie fiel nicht hart, sondern auf seine Brust und da sie nicht allzu schwer wog, verkraftete der Krieger den sanften Aufprall ganz gut. Sogleich ließ er sie los und zog den Eimer zu sich heran, wobei einige wilde Wassertropfen zu allen Seiten rausschwappten. Mit seinem verletzten Arm griff Riân um Noro herum und kippte den Eimer über den beiden aus. Seine Wunde brannte höllisch ob der unerwarteten Anstrengung, doch er ignorierte den Schmerz sondern lachte nur schwach. "Und fühlst du dich jetzt sauber genug?"

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Di, 04. Aug 2020 18:28


Der Kuss schien in Riân ungeahnte Kräfte mobilisiert zu haben. Erneut packte er die zierliche Noro und zog sie zu sich hinab, sodass sie nun eng an ihn gepresst auf ihm zum Liegen kam.
„Hey… Hey, was hast du denn vor?“, sagte die junge Frau kichernd und wehrte sich nur halbherzig gegen seine Umarmung. Eiskaltes Wasser ergoss sich über das ungleiche Paar und durchtränkte ihre Kleidung als auch das provisorische Nachtlager. Noro’elle verdrehte schmunzelnd die Augen und antwortete auf Riâns Frage hin: „Nun ja… Jetzt sind wir weder sauber, dafür aber klitsch nass. Ich weiß ja nicht, ob dieser Umstand wirklich eine Verbesserung darstellt.“. Sie trommelte mit ihren zierlichen Fäusten sanft auf die Brust des Meuchlers, bis er sie endlich freigab und sie sich aufsetzen konnte. Nun rittlings auf ihm sitzend erlosch die Freude in ihren Augen als sie begann sanft mit ihrem Zeigefinger die Narben auf seinem Oberkörper nachzuzeichnen. „Du wirst dir noch den Tod holen, wenn du die nassen Sachen nicht aussiehst.“, sagte sie leise und ehrliche Sorge schwang in ihrer Stimme mit. So schön es sich auch anfühlte sich gemeinsam im Stroh zu wälzen, umso wichtiger war es, dass Riân sich endlich von seinem Fieber und im besten Falle auch von seiner Verletzung erholte. Doch bevor sie sich erhob, ließ sie es sich nicht nehmen sich noch einmal vorzubeugen, um sich erneut einen Kuss einzufordern. „Nur um noch einmal sicher zu gehen, dass du nicht fort läufst, wenn ich gleich noch einmal zum Brunnen muss, um neues Wasser zu holen.“, raunte sie ihm zu.

Schweren Herzens stieg Noro dann von Riâns Schoß hinunter, schnappte sich den nun restlos leeren Eimer und trat in die Nachtluft hinaus. Kühler Wind erfasste die pitschnasse Noro’elle und erzeugte eine unangenehme Gänsehaut auf ihrem gesamten Körper. Eilig huschte sie über den stock finsteren Hof und schöpfte hastig frisches Wasser aus dem Brunnen. Von den Glücksgefühlen beflügelt merkte sie dieses Mal jedoch nicht, wie sie heimlich beobachtet wurde. Als sie erneut die finstere Scheune betrat, hielt sie in der Rechten den aufgefüllten Wassereimer und in der Linken etwas aus Stoff.
„Hier, das ist für dich…“, rief sie und warf Riân sein frisch gewaschenes Hemd zu. Sie schleppte den schweren Eimer zu ihm hinüber und stellte ihn vor ihm ab. „Du zuerst…“, flüsterte sie leise, ging vor ihm in die Hocke und wollte nach dem Tuch auf seinem Kopf greifen. „Du kannst es ruhig abnehmen, ich habe keine Angst vor dem, was darunter verborgen liegt.“ , flüsterte sie leise und sprach selbstredlich von dem unter dem Tuch verborgen liegenden Auge, da sie von den spitzen Ohren nichts wissen konnte. Unerwartet kräftig schloss sich Riâns gesunde Hand um ihr Handgelenk und hinderte sie daran, ihr Vorhaben in die Tat umsetzen. Noro’elle blickte ihn sichtlich verwirrt an und verharrte in der Bewegung. „Ist… Ist schon okay, du musst es mir nicht zeigen, wenn du nicht bereit dazu bist.“, flüsterte sie unsicher, als sie die offensichtliche Anspannung des Meuchlers am eigenen Leib zu spüren bekam.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von H'adriân » Di, 04. Aug 2020 23:46

Riân konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so ausgelassen gewesen war. Es war als wären alle Sorgen von ihm abgefallen und vielleicht waren sie das auch. Schon sehr lange laborierte er an seiner Flucht aus seiner Heimat, doch seine Häscher hatten sich nun schon eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen und so bestand Hoffnung, dass er ihnen endgültig entkommen war. Das Problem, was er sonst mit diesem Gedanken hatte war die Frage nach dem 'Und nun?'. Riân hatte sich kein Leben inmitten von Menschen vorstellen können. Er hatte sie gehasst für ihre Minderwertigkeit und er hatte sich selbst gehasst dafür, dass er nun unter ihnen wandelte. Und wenn er Noro so ansah, die sich aus seiner Umarmung löste und aufrichtete, dann wusste er nicht mehr was er meinte. Aus einem einfachen und unverhofften Auftrag war diese Bekanntschaft gewachsen und das Schicksal hatte sie immer wieder zusammengeführt. Der Krieger sagte nichts, beobachtete sie nur, wie sie mit ihrem Finger seinen Oberkörper entlang fuhr und schloss das Auge, als sie sich vorbeugte, um ihn einmal mehr zu küssen. Er würde nicht weglaufen. Nicht einmal, wenn er gekonnt hätte.
Einen Moment später kam Noro zurück und schleppte erneut einen vollen Eimer an seine Seite. Ungeschickt griff er das gewaschene Hemd mit der gesunden Hand auf und legte es neben sich. Und dann kam sie zu ihm. Ihre Hand legte sich an das Tuch auf seinem Kopf und für einen Moment bekam Riân seine Angst zurück. Sie wusste gar nicht, wer er war. Wusste nicht, dass er ein Elf war. Und so hatte Riân instinktiv nach ihrer Hand gegriffen. "Es ist nicht, was du denkst.", sagte er leise und suchte mit seinem verbliebenen Auge ihren Blick. Er suchte nicht nur in ihren Worten nach Vertrauen, sondern auch in ihren Augen, sie ihn so wunderschön anblickten. "Ich will es dir zeigen.", sagte er schließlich und begann mit seiner gesunden Hand das Geflecht aus Stoff zu lösen.

Seine Haare waren lang geworden und fielen recht wirr bis auf seine Schultern, auf sein Gesicht. Doch sie vermochten nicht zu verdecken, was der Schal ursprünglich zu verdecken gedachte. Die spitzen Ohren. Aber auch die üble Narbe, die über sein verlorenes Auge hinaus ging. Es war nicht so, dass sie ihn vollständig entstellte, doch das Narbengewebe war wie ein fremdes Geflecht, dass sich bis zu seiner Stirn hochzog. "Ich bin ein Bergelf, Noro.", sagte er in einem beichtenden Ton, "Ich trage den Schal nicht wegen meines Auges. Es ist wegen der Ohren.". Riân ließ den Schal neben sich fallen und sich selbst zurück ins Stroh. Es war noch nass von seiner Schnapsidee und er begann zu frieren. Die Muskeln unter seiner Haut zitterten leicht. "Jetzt weißt du es.". Nach einigen Sekunden betreten Schweigens, begann der Krieger schließlich an seiner Hose zu nesteln, denn er wollte nun einmal nach vielen Tagen wieder richtig sauber werden.

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Re: Ein notwendiges Übel

Beitrag von Noro'elle » Mi, 05. Aug 2020 8:46


Noro’elle atmete erleichtert auf, als Riân ihre Hand nach endlos erscheinenden Augenblicken wieder freigab. Verhalten rieb sie sich über das zierliche Handgelenk, dass er doch ziemlich kräftig gepackt hatte. Selbst in dieser Phase der Schwäche schienen noch ungeahnte Kräfte in dem Meuchler zu stecken. Vermutlich war es eine Art Überlebensinstinkt, dachte Noro. Sie hatte viele seiner Narben bereits gesehen, wieso zögerte er nur, diesen Schal abzunehmen? Er blickte ihr tief in die Augen und es war beinahe, als würde er die Abgründe ihrer Seele erforschen wollen. Was hoffte er dort zu finden? Es kostete die verunsicherte Frau einiges an Überwindung, doch sie erwiderte seinen Blick. Letzten Endes schien sie ihn überzeugt zu haben, denn er begann trotz seines Zögerns den Schal abzunehmen. Die Narbe, welche beinahe sein halbes Gesicht bedeckte und sich über sein Auge zog, sah nicht so furchteinflößend aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Zusammen mit seinem normalerweise mürrischen Ausdruck, ergab sie ein fast schon harmonisches Gesamtbild. Das Gesicht eines Meuchlers. Ein Gesicht, das kleinen Kindern Alpträume bescheren würde. Ein Gesicht, das mutigen Männern das Grauen lehren mochte. Ein Gesicht, das Noro’elle unentwegt anblickte, um zu erforschen welche Gefühle es bei ihr selbst auslöste.
„Wie ist das passiert?“, fragte sie leise als Riân zu seiner Stimme zurück fand und sie auf seine Ohren und seine Herkunft aufmerksam machte. Noro hielt inne und atmete nur noch flach. Sie versuchte den Impuls, vor dem Elfen zurück zu weichen, zu unterdrücken. Sie kannte die Mären über die Bergelfen zur Genüge.

Riân erlöste sie aus seinem forschenden Blick und ließ sich zurück ins Stroh sinken. Noro’elles Gedanken rasten wie wild. Sie musste an all die grausamen Geschichten denken, die man ihr über eben jenes Volk erzählt hatte. Die Bergelfen sollten auch sehr eigen in ihrer Kultur und vor allem fürchterlich arrogant sein. Nüchtern betrachtet, passte Riâns gesamtes Verhalten ganz ausgezeichnet zu diesem Bild. Nervös strich sich Noro einige Haarsträhnen hinter das Ohr. Sie räusperte sich leise und zwang sich zur Ruhe. Was machten diese spitzen Ohren schon für einen Unterschied? Im Grunde wusste sie bereits vorher, dass er ein gefährlicher Mann war. Ein gefährlicher Mann, der ihr das Leben gerettet hattte und sie vor wenigen Augenblicken noch hingebungsvoll geküsst hat, rief sie sich selbst ins Gedächtnis.
„Danke…“, murmelte sie leise. „Danke, dass du es mir gezeigt hast.“, fügte sie noch hinzu, als sei damit alles Notwendige gesagt. Noro atmete noch einmal tief durch, dann war der gröbste Schock überwunden. Riân unterdessen versuchte unbeholfen mit einer Hand seine Hose zu öffnen. „Warte, ich helfe dir dabei.“, sprach Noro und öffnete rasch mit ihren geschickten, zierlichen Fingern seine Hose. Der grobe Stoff war nass und klebte an der Haut des Elfen, sodass es schwierig war ihn davon zu befreien. Der jungen Frau stieg erneut die Schamesröte ins Gesicht, doch sie versuchte sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. Stattdessen griff sie ohne zu zögern nach dem Fetzen Stoff, der einst ihr Hemd gewesen war und begann damit Riâns Oberkörper vorsichtig zu waschen.

Als der gröbste Dreck beseitigt war, häufte sie ein Stück entfernt einen neuen Strohhaufen auf und reichte Riân sowohl das saubere Hemd, als auch die zweite Decke, die Alrik ihnen am Morgen gebracht hatte.
„Nun bin ich wohl an der Reihe…“, sagte Noro seufzend und begann nun ihrerseits sich zu entkleiden. Vermutlich hätte sie sich ihrer Nacktheit mehr geschämt, wäre es in der Scheune nicht ohnehin sehr Dunkel geworden. Immer und immer wieder tunkte sie den Stoff in das eiskalte Nass und rieb damit über die verschmutzte Haut, bis sie einigermaßen sauber und das Wasser im Eimer Kohlrabenschwarz war. Zum Schluss nahm sie das Azurblaue Tuch vom Kopf, welches ihre Haare größtenteils vor dem Ruß geschützt hatte. Das Tuch, seiner einstigen strahlenden Farbe beraubt, war das letzte Stück aus ihrer unbeschwerten Kindheit, das sie noch besaß. Während ihr langes dunkles Haar ihr über die Schultern fiel, legte sie das Tuch beiseite und zog ein frisches Untergewandt aus den einstigen Gewändern der ehemaligen Magd. Der dünne Stoff legte sich wie eine zweite Haut über ihren noch vom Waschen feuchten Körper. Sie blickte sehnsüchtig zu Riân hinüber, der es sich bereits unter der Decke bequem gemacht hatte. „Nun, so richtig sauber bin ich nicht. Vermutlich hattest du Recht und es war einfach nicht genügend Wasser. Vielleicht sollte ich morgen im Bach ein ausgiebiges Bad nehmen. Lässt du mich dennoch mit unter die Decke?“, fragte sie beinahe schon schüchtern als sie neben ihm auf die Knie ging. Ihre Menschenohren unterdessen nahmen das merkwürdige Keuchen von der Rückseite der Scheune gar nicht wahr.

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