Im Namen der Zwei

Das nördliche Nachbarland Mérindars, schon seit Jahrhunderten in Feindschaft mit jenem Reich. » Ortsbeschreibung
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Aelis von Avalé
Vagabund
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Heimat:Avalé
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Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 07. Sep 2016 10:39

Eine junge Frau im schwarzen Klappenrock ging in gemächlichen Schritten über den Exerzierplatz der Silberzitadelle. Eigentlich hatte sie es eilig, denn ihr Bruder Aduan würde heute die Vermählung mit seiner Braut Estelle begehen. Doch sie vermied es aufzufallen, und wäre sie im Stechschritt über den Exerzierplatz gelaufen, so hätte sie vielleicht Aufmerksamkeit erregt. Sie musste noch zu ihrem Quartier, um sich umzuziehen, und sie war ohnehin schon spät dran, weswegen sie ihre Schritte dann doch beschleunigte. Zehn Schritte später erscholl eine Stimme über den Platz. „Aelis!“ Sie zuckte zusammen, denn sie wusste, diese Stimme konnte nichts Gutes verheißen. Sie wandte ihren Kopf und erblickte Großmeister Amon, ranghöchster Priester der Zitadelle, der mit gefalteten Händen seelenruhig im großen Torbogen der Silberzitadelle stand. „Was will er nur?“ murmelte Aelis argwöhnisch zu sich selbst, und blieb abwartend stehen. Nun hob er die Hand und winkte sie zu sich. Sie seufzte, und folgte dann seinem Wink. Als sie vor ihm stand, verneigte sie sich. „Großmister Amon?“ fragte sie vorsichtig. „Ich habe einen Auftrag für dich, Aelis. Im Keller“ erklärte Großmeister Amon, und Aelis wusste, was dies zu bedeuten hatte. ‚Der Keller‘ war eine charmante Umschreibung für die Folterkammer, und Aelis wusste, was dies zu bedeuten hatte. „Großmeister Amon…“ begann sie vorsichtig. „“Es tut mir leid, aber ich bin in Eile.“ Gehobene Augenbrauen und ein pikierter Blick folgten, und Aelis senkte den Kopf. „Mein Bruder Aduan wird heute den heiligen Bund der Ehe vor den Geschwistern eingehen“ sagte sie, und fand, dass dies eine gute Rechtfertigung war. Doch Großmeister Amon schien da gänzlich anderer Meinung zu sein. „Es handelt sich hierbei aber um einen besonders schwerwiegenden Fall. Ketzerei. In Umlauf bringen von ketzerischen und aufrührerischen Schriften, und Hetze. Hetze auf einem öffentlichen Platz! Und das mitten in Irukhan! Kannst du dir das vorstellen, Aelis? Mitten in Irukhan, dem heiligen Herz unseres stolzen Volkes!“ Aelis hob den Blick. „Es ist unfassbar, Großmeister Amon. Ich werde mich morgen sofort um diesen Volksverräter und Blasphemiker kümmern, das verspreche ich Euch. Dieser Auftrag hat höchste Priorität für mich, dessen könnt ihr Euch gewiss sein. Aber ich bitte Euch, lasst mich heute zu meines Bruders Vermählung gehen. Ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen, und ich möchte diese heilige Zeremonie, über die Idalia selbst schützend ihre Hand hält, nicht versäumen. Wie ihr wisst, steht in den Lehren der Geschwister, Es gibt kein größeres Wohlgefallen für Idalia, wenn zwei Menschen demütig vor den Augen der Geschwistern den heiligen Bund der Ehe eingehen.“ Großmeister Amons Blick verfinsterte sich. „Aelis Idalia Amelya! Du weißt, dass dies nicht in den Schriften der Zwei steht. Ich dulde keinen Ungehorsam. Man kann nie glücklich werden im Glauben, wenn sich das, woran man glaubt, nicht mit dem deckt, was man tut. Wir brauchen ein Geständnis. Heute! Also geh hin, und tue deine Pflicht.“ „Kann das nicht jemand anderer machen? Was ist mir Drenndorf?“ „Drenndorf ist nicht da. Er wurde nach Mérindar geschickt. Aelis. Zwinge mich nicht, eine Verwarnung auszusprechen! Geh jetzt!“ Er deutete mit dem Arm ins Innere der Silberzitadelle und sein warnender Blick verriet, dass weitere Widerworte äußerst unklug waren. „Ja, Großmeister Amon. Vergebt mir“ murmelte sie zerknirscht. „Beeile dich, dann kannst du hinterher noch auf die Hochzeit gehen.“ Sie nickte, schob sich wortlos an ihm vorbei und ging ins Innere der Silberzitadelle.

Als sie mit langen Schritten den langen Gang durchmaß, wurde sie immer wütender und legte diese Wut bei jedem Schritt in ihre Stiefelhacken, so dass das laute Stiefelgepolter beinahe bedrohlich von den Steinwänden zurückgeworfen wurde. Sie spürte, wie angespannt ihr ganzer Körper war. Sie würde es niemals rechtzeitig zur Trauung ihres Bruders schaffen! Sie unterdrückte den Drang, vor Wut zu weinen, und bog scharf nach rechts, wo sich die Türe des Kellers befand. Mit schnellen Schritten trat sie die Stufen hinunter, hämmerte ungestüm an die kerbige Holztüre, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sich die Türklappe aufschob, und das pockennarbige, fettglänzende Gesicht des Foltergehilfens erschien. „Oh, Herrin Aelis!“ säuselte er, schob die Klappe eilends zu und nach wenigen Momenten ertönte ein Klacken und die Türe schwang ein wenig auf. Aelis stieß ungeduldig die Türe auf und trat mit festen Schritten in das Verlies. An den Wänden loderten vereinzelt Fackeln, die dem Gewölbe nur wenig Licht spendeten und das Feuer warf gespenstisch zuckende Schatten an die Mauern. „Du sollst mich nicht so nennen, Bodo…“ erwiderte sie kühl. „Ja, Vollstreckerin Aelis. Verzeiht mir…“ „Wo ist der Ketzer?“ fragte Aelis, und Bodo buckelte eifrig neben ihr. „In der hintersten Kammer, wenns gefällt.“ „Das ist keine Frage von Gefallen, mir ist das völlig egal. Ich bin nur gekommen, um meine Pflicht zu erfüllen. Und glaub mir, dafür, dass er mir mit seinem blasphemischen Schaffen den Tag verdorben hat, dafür wird er bluten…“ Bodo kicherte vergnügt auf. Aelis und der Gehilfe traten in die Kammer, und Bodo schloss die Türe, während sie ihren Blick auf den Stuhl heftete, auf welchem ein Mann mittleren Alters saß. Er wirkte müde, blass, die Haut ledern, sein eingefallenes Gesicht wirkte durch die Schatten wie ein Schädel ohne Fleisch. Auch hier spendeten die Fackeln nur wenig Licht, sodass die Vollstreckerin sich an ihren Gehilfen wandte „Bodo, hol bitte eine Laterne. So kann ich nicht arbeiten…“ sagte sie, und wartete, bis er ihr die gewünschte Lichtquelle gebracht hatte, während sie den armen Kerl der nervös auf dem Stuhl hin und herrutschte, die Hände mit Lederriemen auf den Stuhllehnen gefesselt, um den Bauch ebenso ein dickes Seil, sowie Fußfesseln tragend, wie ein Falke beobachtete. Die mit Tierhaut bespannte Lampe spendete ausreichend Licht, und Aelis platzierte sie auf die Mitte des Tischs, der neben dem Gefangenen stand. Licht fiel auf ein Tablett mit allerlei scharfen und spitzen Instrumenten und Zangen aller Art, die fein säuberlich nach Größe sortiert waren.

Die Vollstreckerin baute sich vor dem an den Stuhl Gefesselten und Geknebelten auf und verschränkte die Arme im Rücken. „Mein Name ist Aelis von Avalé. Ich bin Vollstreckerin seiner Majestät, dem Priesterkönig und demütige Dienerin der Zwei. Du weißt, warum du hier bist?“ Der Kerl nickte heftig. Aelis kräuselte ihre Lippen. „Dann weißt du auch, warum ich hier bin?“ Erneutes Nicken, nur diesmal ein wenig zaghafter. „Bodo? Wie heißt der Mann?“ „Jorin Talla ist sein Name, Herrin Aelis…“ „Gut. Wir können es kurz machen, Jorin. Du gestehst, und ersparst dir Leid. Was sagst du dazu?“ Sie entfernte den Knebel von seinem Mund. „Ich habe doch gar nichts getan! Was soll ich gestehen?“ Aelis atmete geräuschvoll ein, und wieder aus. „Da ist mir aber anderes zu Ohren gekommen. Verbreitung von aufrührerischen und ketzerischen Schriften. Hetze auf einem öffentlichen Platz!“ Sie packte sein Haar und riss den Kopf zurück, was ihn aufjaulen ließ. „Hetze gegen Janus und Idalia!“ raunte sie giftig. „Das ist nicht wahr, ich schwöre es!“ rief Jorin und seine Stimme klang verängstigt und flehend. „Du schwörst? Worauf willst du schwören? Etwa bei den Geschwistern, du Ketzer?“ rief sie verärgert. Sie wandte sich ab, und dachte einen Moment nach. Dann sagte sie „Bodo, leg ihm bitte die Daumenschrauben an…“ „Jawohl…“ sagte dieser, und griff nach einer kleinen, hölzernen und schmiedeeisernen Apparatur. Bodo trat damit an den Mann heran, packte seine Hände, und versuchte, ihm die Daumenschrauben anzulegen. Natürlich wehrte er sich, in dem er mit den Händen zappelte, was ein Anlegen der Apparatur unmöglich machte. Aelis beobachtete dies seelenruhig. Dann sagte sie „Bodo, du musst die Lederriemen an den Händen lösen. Wenn seine Hände nicht richtig durchblutet sind, tut es weniger weh…“ Der wehrhafte Gefangene machte es allerdings unmöglich, ihm die Daumenschrauben anzulegen, weswegen Aelis Bodo zur Hilfe eilte. Sie hielt abwechselnd seine Hände mit eisernem Druck fest, worauf er schließlich ruppig die Daumen in die Daumenschraube stecken und diese soweit anziehen konnte, dass sie einen leichten Druck ausübten. Dann hielt er innen in seinem Tun und wartete auf die Anweisungen der Vollstreckerin. Aelis baute sich vor dem zu peinigenden auf und begann in ruhigem Ton „Das sind Daumenschrauben. Du musst einsehen, dass ich verpflichtet bin, die Wahrheit ans Licht zu bringen. In Arcanis wird niemand dulden, ketzerische Lügen über die heiligen Geschwister zu verbreiten, und genau dafür bin da. Du hast jetzt die letzte Möglichkeit, ein umfassendes, freiwilliges Geständnis abzulegen. Erspar dir die Schmerzen und gestehe. Bekennst du dich der angetragenen Anschuldigungen für schuldig?“ „Nein. Ich habe nichts getan. Daher kann ich auch nicht gestehen“ erwiderte Jorin trotzig. Sie nickte. „Gut. Die Inquisition wird die Wahrheit ans Licht bringen. Das tut sie stets. Bodo… eine ganze Drehung, vielleicht noch eine halbe dazu, wenn du willst…“ Der Foltergehilfe ging eifrig an die Sache heran, und tat wie ihm geheißen. Der Mann zog schmerzerfüllt die Luft zwischen den Zähnen ein. „Tut es weh?“ erkundigte sich Aelis, und ihre Augen funkelten auf. Der Mann nickte, Aelis schüttelte den Kopf. „Nein, es schmerzt noch nicht einmal Ansatzweise. Gestehe!“ „Ich habe nichts getan!“ „Lügner! Bodo!“ forderte die junge Frau den Folterknecht auf, woraufhin er noch einmal die Schrauben anzog. Der Mann spürte, wie ihm der Schmerz in die Finger schoss, sich über seine Arme ausbreitete und langsam über den Rücken stechend, in sein Gehirn schoss. „Gestehst du?“ „Nein!“ kam es gequält über die Lippen Jorins. „Fester!“ Ein erstickter Schrei ertönte. „Gestehe!“ rief Aelis, wartete einige Sekunden und wies Bodo dann an „Zieh noch einmal an! Aber fester!“ Ein erneuter Schrei ertönte, nur etwas lauter und gequälter. „Willst du nun endlich die Wahrheit bekennen?“ „Ja!“ „Na also. Dann gestehe!“ „Ihr wollt die Wahrheit hören? Die Wahrheit ist, ich habe nichts getan! Ich habe weder ketzerische Schriften verbreitet, noch habe ich Hetze betrieben. Das schwöre ich bei den Geschwistern!“ Aelis Augen flammten auf. „Du wagst es, den Namen der Geschwister durch deine lügnerische Zunge in den Schmutz zu ziehen?“ schrie sie ihn an. „Nein! Nein! Ich habe nie etwas Schlechtes über die Geschwister gesagt! Das müsst ihr mir glauben!“ Aelis schüttelte den Kopf. „Bodo!“ Er zog noch einmal die Daumenschrauben an und Joris brüllte auf und spürte, wie seine Fingernägel brachen. Tränen traten in seine Augen, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aelis blickte ihm ungerührt ins Gesicht. Die Zeiten, wo sie am liebsten den Blick abgewandt hätte, waren vorbei. Mit Blasphemikern durfte man kein Mitleid haben. Sie rief sich in Erinnerung, wofür er angeklagt war. Jorins atmete heftig ein und aus. Er schien den Schmerz zu veratmen. „Du brauchst ab nun nichts mehr zu sagen, Jorin. Es genügt, wenn du nickst.“ Aelis nahm das Anklageschriftstück, welches auf dem Tisch lag und verlas noch einmal die Anklagepunkte, doch Jorin schüttelte immer nur den Kopf. „Ich kann ja noch nicht einmal schreiben! Wie soll ich da ketzerische Schriften verbreitet haben?“ stieß er atemlos hervor. „Du wurdest gesehen, Jorin! Man hat dich observiert! Die heilige Inquisition hat dich observiert! Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Beobachtet hat man dich! Es gibt dutzende Zeugen! Zudrehen!“ befahl Aelis scharf. Jorin stieß einen langen, gellenden Schrei aus. Blut lief zwischen den beiden Hölzern hervor und tropfte auf seine Hose. Die Augen traten ihm hervor und er glaubte, ohnmächtig werden zu müssen, als er glaubte, bei der nächsten Umdrehung Knochen brechen zu hören, als sich die Daumen durch die zersplitterten Nägel in das Fleisch bohrten. Jorin war zu keinem Geständnis oder Kopfnicken fähig, als Aelis ihn erneut danach fragte. Sie seufzte. „Es ist ein Jammer. Du bist wirklich hartnäckig. Aber ich versichere dir, wenn du tief in dir erkennst, welche schwerwiegenden Sünden du begangen hast, wenn du reuig bist und zulässt, dass die Liebe Idalias dich durchflutet, dann wirst du durch die Wahrheit Erlösung erfahren… Wo Liebe ist, ist auch immer nur Wahrheit! Nimm ihm die Schrauben ab, und verbinde seine Daumen. So kann er kein Schuldgeständnis unterzeichnen.“ Während Bodo ihm die Daumenschrauben abnahm, und ihn notdürftig verband, versuchte Aelis ihm noch einmal mit Nachdruck die Angelegenheit zu erklären. „Joris. Du musst verstehen, dass wir die Wahrheit herausfinden müssen. Es ist auch zu deinem Besten. Wenn du gestehst, bist du erlöst. Dann hat der Schmerz ein Ende. Gestehe, und du wirst frei sein. Gestehe, und bereue deine Sünden, und erfahre Absolution durch die Geschwister! Warum lügst du, und tust dir sowas an?“ deutete sie mit einem Nicken auf seine Daumen. „Wenn ich gestehe, werde ich frei sein?“ hakte Jorin nach. Aelis nickte. „Also gut. Ich gestehe. Ich gestehe alles! Ich bekenne mich in allen Punkten für schuldig!“ „Na also“ sagte Aelis und dachte daran, dass sie es vielleicht doch noch zu Aduans Trauung schaffen könnte. „Bodo, löse seine Fessln, und bringe mir bitte Pergament, Tinte und Feder…“ Sie zog sich einen Stuhl heran, Bodo legte fein säuberlich das Gewünschte vor sie hin und trat dann einen Schritt zurück, um Jorin zu entfesseln. Unwirsch zog er ihn dann hoch und bedeutete ihm, sich gegenüber der Vollstreckerin auf den Stuhl zu setzen. Aelis begann eifrig mit Tinte und Feder auf das Pergament zu kritzeln. Es war totenstill in der Kammer, nur das Kratzen der Feder war zu vernehmen. Es dauerte eine Weile, bis sie damit fertig war. Dann las sie die Anklagepunkte vor.

Ich, Jorin Talla, gestehe in folgenden Anklagepunkten schuldig zu sein:

Verbreitung ketzerischer, verhetzender Schriften gegen die Geschwister
Aufrühren des Volkes auf öffentlichen Plätzen, zum Zwecke, Stimmen gegen die Geschwister zu erheben
Verleumdung der Wahrheit
Belügen der heiligen Inquisition, und damit auch Belügen seiner Majestät, dem Priesterkönig
Aelis legte ihm das Pergament vor die Nase. „Unterschreib das“ forderte sie ihn auf. „Ich kann nicht schreiben. Weder ketzerische Schriften, geschweige denn meinen Namen.“ Aelis‘ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sie rührte sich keinen Zoll, doch warf Bodo einen Blick zu. Dieser holte weit aus, und schlug Jorin mit dem Handrücken ins Gesicht, so dass Jorin durch die Wucht mitsamt dem Stuhl umkippte. Als er sich ächzend mühsam wieder hochgerappelt hatte, zierte sein Jochbein eine ansehnliche Platzwunde. „Sollen wir weitermachen, Jorin? Wir haben noch andere Instrumente als die Daumenschrauben. Hast du noch nicht genug? Willst du uns zum Narren halten?“ fragte sie ihn ruhig. „Wie soll ich unterschreiben, wenn ich nicht schreiben kann?“ Aelis hatte genug. Sie sprang vom Stuhl auf und brüllte „Das ist mir egal! Halte mich nicht zum Narren! Mach irgendein Gekrakel hin, mach drei Kreuze, was auch immer! Es zählt einzig und alleine, dass du vor Zeugen mit deiner Hand unterzeichnet hast!“ Jorin brauchte mehrere Versuche, bis es ihm gelang, unbeholfen die Feder aufzunehmen und zwischen den gebrochenen verbundenen Daumen und Zeigefinger zu platzieren. Selbst, wenn er hätte schreiben können, so würde er jetzt nicht mehr als ein unbeholfenes Gekrakel zustande bringen. Durch die Verbände sickerte Blut und verschmierte damit das Pergament. Aelis war es egal. Sie hatten ein Geständnis, und damit war ihr Auftrag erfüllt. Innerlich war sie immer noch wütend auf Großmeister Amon. Jeder andere hätte es tun können. Man hätte es auf den morgigen Tag verschieben können, das hätte niemandem geschadet! Aelis wusch sich die Hände in einem Holzbottich voll Wasser. Während sie sich die Hände abtrocknete sagte sie zu Bodo „Danke für deine Hilfe. Fessle ihn wieder und bringe ihn ins Verließ. Dort kann er auf sein Urteil warten.“ Jorin starrte sie fassungslos an „Verließ? Urteil? Ihr habt gesagt ich werde frei sein!“ „Natürlich wirst du frei sein. Die Flammen werden deine Seele reinigen und dich von deinen Sünden befreien. Danach wirst du frei sein!“ Jorin schwieg fassungslos. „Bodo, ich muss jetzt gehen. Mögen die Geschwister dich beschützen.“ Bodo nickte „Und mögen sie auch euch beschützen.“ Sie nickte „Danke“ dann trat sie aus der Kammer, eilte die Stufen hinauf, und lief beinahe durch den langen Korridor nach draußen. Als sie erneut über den Exizierplatz schritt, und einen Blick auf die, an der Wand der Silberzitadelle ausgerichteten Sonnenuhr warf, erkannte sie, dass es schon viel zu spät war. Sie fluchte innerlich. Jetzt war keine Zeit mehr, sich umzuziehen. Entweder sie ging so, wie sie war, oder sie brauchte gar nicht mehr erscheinen. Im arcanischen Klappenrock, streng, militärisch, völlig unpassend für eine Hochzeitsfeier. Aber was sollte sie machen? Die Trauung hatte wohl bereits begonnen. Sie konnte noch zu den Feierlichkeiten gehen und sich bei ihrem Bruder entschuldigen. Er würde es verstehen. Die Arbeit im Dienste der Geschwister ging stets vor.

Die Feierlichkeiten des Brautpaares fanden auf Burg Ehrenfels statt, unweit von Irukhan. Als Aelis aus der Kutsche stieg, sah sie niemanden. Das war ein schlechtes Zeichen. Sie eilte durch den verschneiten Burghof, betrat die Burg, und flog förmlich die Stufen hinauf, wo sich der Festsaal befand. Im Tor des Festsaals blieb sie stehen um sich einen Überblick zu verschaffen, und ein resignierter Blick bemächtige sich ihrer. Natürlich waren alle dem Anlass entsprechend gekleidet. Besonders die Frauen, die stets damit wetteiferten, die Schönste sein zu wollen. Gerade erbrachten die letzten Gäste dem Brautpaar ihre Segenswünsche entgegen, bevor sie an der reich geschmückten Festtafel Platz nahmen. Sie, in ihrem schwarzen Klappenrock, den Hosen und den Stiefeln die bis an ihr Knie reichten, würde auffallen, wie ein bunter Hund. Und kaum, da sie einige Schritte in den Saal vorgewagt hatte, hefteten sich auch schon einige Blicke der bereits an der Tafel sitzenden Gäste auf sie, und das ausgelassene Geplapper wich neugierigem Gemurmel, welches sich wie ein Lauffeuer auszubreiten schien. Sie mochte diesen Rummel um ihre Person nicht, aber sie war es gewohnt. Wann immer sie so durch die Straßen schritt, oder einen Raum betrat, nickten die Menschen zum Gruß, senkten den Blick und hatten es plötzlich furchtbar eilig. Niemand wollte der arcanischen Inquisition einen Grund zum Auffallen geben. Oder sie begannen neugierig zu tuscheln, besonders hier, denn auf einer Hochzeit erwartete wohl niemand eine Vollstreckerin in ihrer Dienstkleidung. Aelis atmete tief durch, hob den Kopf, und ging festen Schrittes durch den Saal auf das Brautpaar zu. Aduan und Estelle hatten sie natürlich längst bemerkt, und beide lächelten erfreut. Als Aelis vor ihnen stand, ergriff Estelle ihre Hände. „Aelis! Du bist also doch noch gekommen, wie schön!“ Aelis nickte betreten. „Es tut mir leid, dass ich Eure Trauung verpasst habe. Ich habe alles versucht, rechtzeitig zu erscheinen, doch die Pflicht rief. Großmeister Amon hatte leider kein Verständnis für die Hochzeit meines Bruders. Ich kann mich glücklich schätzen, wenigstens an den Feierlichkeiten teilzunehmen.“ Sie sah kurz an sich herunter. „Bitte entschuldigt meinen Aufzug. Es lag nicht in meiner Absicht, so zu erscheinen, und damit Irritation bei den Gästen auszulösen. Doch mir fehlte die Zeit, mich umzuziehen, und ich wollte nur noch hierher kommen. “ Aduan nickte verständnisvoll. „Mach dir keinen Kopf, liebe Schwester!“ sagte er und breitete die Arme aus, worauf sie sich in die Arme fielen. „Ich gratuliere dir von Herzen, Aduan. Mögen die Geschwister euren Bund segnen. Ich freue mich für dich!“ Danach löste sie sich aus seiner Umarmung und wandte sich an Estelle. Sie war eine sehr schöne Frau. Sie war jung, sie war schön, sie war gesund und robust. Und sie war fest im Glauben. Es war Aelis stets eine Freude gewesen, mit ihr theologische Gespräche zu führen. Wenn Idalia es so wollte, würde sie den Eheleuten viele kräftige und gesunde Kinder schenken. „Auch dir gratuliere ich von ganzem Herzen, Estelle.“ Die Brautleute nickten. „Wir haben dir einen Platz an der Tafel freigehalten. Auch, wenn ich nicht mehr mit deinem Erscheinen gerechnet habe…“ neckte er sie. „Ich weiß doch, wie sehr du solche Feierlichkeiten verabscheust…“ Aelis winkte ab „Die Hochzeit meines Bruders ist etwas ganz anderes!“ Aduan grinste und sprach weiter „…daher habe ich mich bemüht, dir einen Platz zuzuweisen, auch, wenn er nicht ganz Standesgemäß ist. Du wirst nicht neben Vater und Mutter sitzen, sondern dort, wo ich annehme, dass du dich wohlfühlen wirst.“ Er nickte auf die Tafel, an einen freien Platz, und Aelis folgte seinem Blick. Ihr Gesicht hellte sich sichtlich auf. „Darion ist hier? Was für eine freudige Überraschung, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen!“ „Na, dann habt ihr euch ja viel zu erzählen! Nun geh schon, und misch dich unter die Gäste, damit diese wieder entspannter sein können. Ich glaube jeder glaubt, die arcanische Inquisition hat hier einen Auftrag zu erfüllen, anstatt zu feiern…“ lachte er. Aelis schenkte ihm ein kurzes Lächeln, dann schritt sie auf die Tafel und zu ihrem Platz zu. Ihr Mund verzog sich zu einem reizenden Lächeln, als sie Darions Blick auffing, und sie hielt ihn fest, bis sie vor ihm stand. Höflich erhob er sich, und Aelis umarmte ihn. „Graf Darion Arrun Malistaer“ sprach sie ihn mit vollem Namen an, wohlwissentlich, dass er seinen Zweitnamen nicht wirklich mochte. „Ich freue mich, dich hier zu sehen, ich war schon in Sorge, hier nur alte und langweilige Verwandte und Bekannte zu treffen.“ Sie begrüßte auch Darions Eheweib höflich, und nahm dann Platz. Ein Diener eilte heran und füllte ihr Glas mit Rotwein. „Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen. Wie geht es dir? Was treibst du so? Warum hast mich nie einmal besucht, oder mir zumindest geschrieben? Bist du sehr beschäftigt?“ bestürmte sie ihn mit Fragen. Sie nahm einen Schluck Rotwein, und ließ ihre Blicke über die Tafel schweifen, während sie seinen Worten lauschte.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ein Gesicht, das ihr nicht unbekannt war, und sie verbarg ihr Entsetzen darüber hinter dem Rotweinkelch. Graf Devin von Tarrun. Was trieb er hier? Aduan hatte noch nie von ihm gesprochen, sie hatte nicht gewusst, dass er ein derart nahestehender Freund der Familie zu sein schien, dass er auf die Hochzeit Aduans eingeladen wurde. Vor einigen Monden hatte sie ihn auf einer Feier eines entfernten Freundes kennengelernt. Er hatte sofort ihr Interesse geweckt, wie bei allen anderen Frauen auch. Aber trotz dieser vielen gutaussehenden Frauen hatte er sich ihr zugewandt und ein Gespräch mit ihr begonnen. Er war gutaussehend, er war nicht verheiratet, und er war unglaublich charmant, liebenswürdig und zuvorkommend gewesen. Die Feier war eine jeder ausgelassenen gewesen, und Aelis hatte ein wenig zu viel getrunken, hatte sich von ihm entführen lassen, und ja, dann waren sie zusammen im Bett gelandet. Es war wirklich gut gewesen, und Aelis hätte sicherlich nichts gegen eine diskrete Wiederholung gehabt. Aber danach hatte sie nie wieder etwas von ihm gehört, was selbstverständlich kein Wunder war, da er ja nicht gewusst hatte, wer sie war. Sie hatte danach einige Erkundungen über ihn angestellt. Erfahren hatte sie nicht aufregendes. Er sei ein reicher Schnösel, ein Weiberheld, oberflächlich, und gab sich nur mit ebenso oberflächlichen Frauen ab, die interessiert daran waren, ihn an sich zu binden, ihn zu heiraten, und eine vorteilhafte Partie zu machen. Aufzusteigen in der Gesellschaft. Aelis hatte für so etwas kein Verständnis, war es doch ihr Geburtsrecht. Sie hatte nur mit ihm ins Bett wollen, wo sie schon etwas betrunken und enthemmt war, ganz ohne jedwede Hintergedanken, ohne Verpflichtungen. Vielleicht war es aber auch ganz gut, dass sie danach nichts mehr von ihm gehört hatte. Alles andere wäre vielleicht aufgefallen, und dass eine arcanische Vollstreckerin in andere Betten hüpfte, war ihrem Ruf sicher alles andere als zuträglich. Er jetzt fiel ihr ein, dass sie ihm niemals gesagt hatte, dass er darüber Stillschweigen bewahren sollte. Wahrscheinlich hatte er kein Wort darüber verloren. Alles andere wäre an sie herangetragen worden. Aber sicher konnte sie sich nicht sein. Jetzt schien er zu bemerken, dass sie ihn angestarrt hatte. Als ihre Blicke sich trafen, veränderte sich seine Miene. Er, der noch bis eben ausgelassen gewesen war, wirkte nun alles andere als begeistert. Die arcanische Vollstreckerin, die bis eben noch gerätselt hatte, ob er sich wohl an sie erinnern, und sie erkennen würde, erkannte in seinem Gesicht, dass er es sehr wohl tat. Wahrscheinlich hätte er sich, säße sie hier in einem edlen Kleid, nur wenig, bis gar nichts dabei gedacht, wenn er auf einer Hochzeit eine Frau entdeckte, mit der er das Lager geteilt hatte. Vielleicht gab es hier noch eine Frau, die Aelis‘ Schicksal teilte. Aber dass sie arcanische Vollstreckerin war, das hatte er natürlich nicht wissen können. Aelis musste über diesen Gedanken schmunzeln, irgendwie fand sie das lustig. Sie hatte ihm nicht ihren Namen verraten. Nein, sie hatte sie nicht als Aelis Idalia Amelya von Avalé vorgestellt. Nur als Amelya. Das war ja nicht einmal gelogen gewesen, nur nicht die volle Wahrheit. Nun, da sie sich gesehen hatten, gebot der Anstand, ihn später zu begrüßen, und ein paar belanglose Worte mit ihm zu wechseln. Dazwischen konnte man sicherlich auch einige Sätze von Belang schieben. Wie eine nachträgliche Bitte um Diskretion. Eine schöne Frau zu seiner Rechten wandte sich ihm zu, legte ihre Hand auf seine Wange und flüsterte ihm lachend etwas ins Ohr. Sie war eine einzige Koketterie auf zwei Beinen, wirkte in ihrem Gebaren alles andere als klug oder besonders geistreich, und bestätigte nur, was Aelis über Devin in Erfahrung gebracht hatte. Aelis zuckte die Schultern und wandte ihren Blick ab, da nun zahlreiche Diener prunkvolle Platten mit aufgetürmten Essen in den Saal trugen. Jetzt erst merkte sie, wie hungrig sie war, und ließ sich reichlich Speisen auf den Teller legen. Sie wandte sich wieder Darion und dem vorangegangenen Gespräch zu. Aber trotzdem konnte sie es nicht unterlassen, Devin immer wieder verstohlene Blicke zuzuwerfen.
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mi, 07. Sep 2016 18:28

Devin hasste Hochzeiten. Sie erinnerten ihn immer daran, dass es für ihn auch langsam Zeit wurde, zu heiraten und einen Erben in die Welt zu setzen, den nächsten Grafen von Tarun. Wenn es nach seiner Verwandtschaft ging, sollte jener Sohn dann möglichst wenig von Devins Persönlichkeit abbekommen und wenn es nach Devin selbst ging, würde es diesen Spross nie geben. Er hasste Kinder fast genauso sehr wie er Hochzeiten hasste.
Devin unterdrückte ein Gähnen. Diese Zeremonie dauerte schon viel zu lange. Ödes, monotones Gerede unterbrochen von öden monotonen Gesängen. Ein nie enden wollender Schwall hohlen Geredes. Devin warf einen Blick nach links zu seiner hübschen Begleitung Nirva, die seinen Blick erwiderte und ihn mit vor Rührung feuchten Augen selig anlächelte. Devin setzte daraufhin ebenfalls ein Lächeln auf, das sich sofort wieder verflüchtigte, sobald Nirva den Blick wieder abwandte um weiter der Zeremonie zu lauschen. Devin atmete hörbar durch. Er ahnte, dass sich Nirva dort auch schon als Braut stehen sah. Wohlmöglich sogar als seine Braut, denn sie waren seit ungefähr zwei Monden so etwas wie ein festes Paar. Aber diese Träume würden sich nicht erfüllen. Es würde nie passieren. Nirva fing bereits an, ihm auf die Nerven zu gehen. Devin wusste nicht, woran es lag, dass seine (meist recht kurzen) Beziehungen immer so schnell zerbrachen. Am Anfang war es immer aufregend und lief sehr gut, aber nach meist nur wenigen Wochen begann er sich zu langweilen oder fand an den jeweiligen Frauen etwas, was ihn störte. Obwohl es bei Nirva wirklich schwer war einen Makel zu entdecken, denn sie war mit Abstand die schönste Frau hier. Devin genoss die neidvollen Blicke der Männer und Frauen, wenn er mit ihr am Arm vorbei stolzierte. Geld hatten die meisten anderen Gäste hier selbst zu Genüge. Neid erregte man mit etwas Außergewöhnlichem und Nirva war wirklich außergewöhnlich schön. Eine klassische Schönheit. Und so schmückte sich Devin mit ihr wie sich Frauen vielleicht mit einem besonders teuren Kleid schmückten oder einem edlen Pelz. Das Problem war nur, dass Nirva in Bezug auf Intelligenz einem Pelz durchaus ebenbürtig war. Devin ertrug sie eigentlich nur, wenn sie schwieg. Leider tat sie ihm diesen Gefallen nicht immer. Devin hatte sich sogar schon gefragt, ob er nur deshalb so oft mit ihr ins Bett ging, weil sie wenigstens dann mal den Mund hielt und stattdessen diese seltsam fiepsenden Geräusche von sich gab. Auf Dauer war das einfach nichts. Es wurde wohl langsam Zeit für eines dieser unangenehmen Gespräche, nach denen er immer eine ganze Flasche von dem teuren Weinbrand brauchte und zwei Tage nicht ansprechbar war.

Nach gefühlte Stunden endete dann endlich die Zeremonie und die Hochzeitsgesellschaft bewegte sich im Schleichtempo weiter, um zu „kondolieren“ wie Devin es insgeheim nannte und sich dann zur Festtafel zu begeben. Wie auf Knopfdruck erschien Devins Lächeln wieder in seinem Gesicht. Er spielte seine Rolle gut, nickte, gratulierte, lächelte, stellte vor und wurde vorgestellt, redete in höflichen Phrasen und plauderte über Unwichtiges. Ein paar der Gäste waren ihm bekannt. Devin grüßte höflich und zeigte sich erfreut, sie wiederzusehen. Die Brautleute kannte er vorher nicht. Er war heute lediglich Nirvas Begleitung. Nirva war eine alte Freundin der Braut und gerade umgeben von weiteren Freudinnen, die nun aufgeregt durcheinander quietschten und in ihren Kleidern aussahen wie ein haufen bunter Vögel in der Mauser. Nirva deutete gerade auf ihn und wollte ihn heran winken. Aber Devin hatte die Gefahr kommen sehen und sich rechtzeitig abwenden können, um einen der Diener anzuhalten, die mit einem Tablett in der Hand die Runde machten. Ohne Alkohol war das hier wirklich nicht zu ertragen.
Mit einem viel zu schnell geleerten Glas in der Hand schaute sich Devin gelangweilt um. Über der Festtafel prangte ein Banner mit den Namen der Brautleute. Aduan und Estelle von Avalé. Mit der Familie Avalé hatte Devin bisher noch nicht viel zu tun gehabt. Aber natürlich hatte er schon von Aelis von Avelé gehört. Die Vollstreckerin war ein beliebtes Gesprächsthema in der Gesellschaft. Devin fragte sich, ob sie heute auch anwesend war. Neugierig ließ er seinen Blick über die Menge schweifen. Aber woran erkannte man eine Vollstreckerin, die nicht im Dienst war? Devin hatte keine Ahnung wie sie aussah und wenn sie privat hier war, würde sie sich wohl kaum von den anderen Gästen unterscheiden. Sofern sie das Blut vorher abgewaschen hat..., dachte Devin und entledigte sich seines leeren Glases.
Devin war noch nicht weit genug entkommen, als sich Nirva wieder an ihn anschmiegte. Devin bot ihr galant seinen Arm und führte sie zu ihren Plätzen an der Tafel. Durchaus diplomatisch gewählte Plätze. Weit genug vorne um seiner Stellung gerecht zu werden und doch weit genug weg, da sie nicht zur unmittelbaren Familie gehörten. Der erste Gang wurde aufgetragen. Unvorsichtigerweise erwähnte Devin dem Herrn zu seiner Linken gegenüber, dass er bei der Kavallerie diente. Der alte Mann entpuppte sich als Veteran, der die Gelegenheit nutzte, ein paar äußerst langweilige Geschichten aus seinem bewegten Leben zu erzählen. Zwischendurch redete dann auch noch Nirva auf Devin ein oder tätschelte auf seinem Bein herum, so dass Devin anfangs gar nicht mitbekam, dass Aelis verspätet den Raum betrat. Erst einige Zeit später wurde er auf die vollkommen unpassend gekleidete Frau aufmerksam, die ihn geradewegs anstarrte und ihm seltsam bekannt vorkam. Moment, ist das nicht diese…Devin suchte in seinem Gedächtnis nach dem richtigen Namen. Emilia? Amalia? Emalja? Amelya! Das war es! Devin war sich in Bezug auf den Namen nicht hundertprozentig sicher, aber er erkannte sie zweifelsfrei wieder. Er erinnerte sich gut an sie. Sie war ziemlich angeheitert gewesen am Abend ihres Kennenlernens und war dann später erstaunlich enthemmt über ihn hergefallen. Dabei war sie eigentlich gar nicht sein Typ. Aber Devin erinnerte sich, dass sie angenehm geistreich reden konnte und er sich gut mit ihr unterhalten hatte. Und er war sicher, dass sie damals ein Kleid getragen hatte und keinen Klappenrock der Silberzitadelle. Moment mal…! dachte er und wurde gerade stutzig, als er von Nirva unsanft aus seinen Gedanken gerissen wurde: „Das ist Aelis von Avalé, die Vollstreckerin“,flüsterte ihm Nirva, die Devins Blick bemerkt hatte, leise und sehr geheimnisvoll ins Ohr. „Was? DAS ist Aelis von Avalé?“ fragte Devin verstört und Nirva lächelte glücklich als habe sie ihm gerade die letzten Geheimnisse der Menschheit enthüllt. Fröhlich plapperte sie weiter:
„Ja, ist es nicht unmöglich von ihr, hier SO zu erscheinen? In dieser grauenvollen Aufmachung!“ Nirva lachte kurz glockenhell (was überhaupt keinen Sinn machte) und machte dann ein abwertendes Gesicht, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. Devin klappte die Kinnlade herunter. DAS ist Aelis von Avalé? Heilige Scheiße, ich habe die Vollstreckerin gevögelt? Devin konnte nicht viel erschrecken, aber das hier schockierte ihn nun doch. Er hatte die Frau zu sich nach Hause mitgenommen. In Räume, die private Unterlagen beherbergten. In seine sehr privaten Räumlichkeiten. In sein Bett!!! So nah wie sie ihm gekommen war, konnte er im Nachhinein ja fast froh sein, dass er noch alle Gliedmaßen besaß. Devin konnte es nicht fassen und war sichtlich blass geworden, während sich seine und Aelis´Blicke über die Menge hinweg in trautem Erkennen begegneten. Dabei war sie mir gar nicht vorgekommen wie eine Vollstreckerin. Ganz und gar nicht. Darauf wäre Devin nie im Leben gekommen.

„Und Ihr dient also in der Kavallerie?“ fragte der alte Mann zu seiner Linken jetzt erneut und beugte sich tief zu Devin herüber, um ihn besser hören zu können, denn er war schwerhörig und Devin musste alle Antworten dreimal sagen. „Gibt es denn den Großmeister Jeramon noch?“ wollte er von Devin wissen. „Ja, ähm ich meinte natürlich nein“, sagte Devin und löste endlich den Blick von Avalé. „ Großmeister Jeramon ist im letzten Winter leider von uns gegangen“, antwortete Devin fahrig. Er musste hier weg. Devin hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Zu seinem Glück wurde gerade der Tanz eröffnet und Devin nahm die Gelegenheit war, seine hübsche Begleiterin dazu aufzufordern. Hoch erhobenen Hauptes und mit aller Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, führte er Nirva zur Tanzfläche, wo das Brautpaar unter Applaus den Anfang machte, bevor die anderen Gäste nach und nach in den Tanz mit einstimmten. Nirva strahlte. Sie schien sich prächtig zu amüsieren. „Ich liebe Hochzeiten“, flüsterte sie ihm ins Ohr, die Wange dicht an seine gepresst und so eng angeschmiegt, dass Devin ihren Herzschlag fühlen konnte. Devin schloss einen kurzen Moment die Augen und wünschte sich weit weg von hier.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Do, 08. Sep 2016 14:17

Der Neuschnee knirschte leise unter seinen schweren Schritten. Hier im Westen des Landes kamen die Winter immer etwas früher, blieben dafür aber länger und waren in ihrer Gesamtheit einprägsamer. Oft peitschten starke Winde über die Nordhügel und brachten den Schnee von weit her, manch einer behauptete, besonders schwere Stürme hätten die Kraft und die Kälte der Mauern in sich. Dies war so ein Tag. Zwar herrschte kein Sturm, aber die Kälte war hartnäckiger als sonst, deshalb entschied sich Darion bloß für eine halbe Runde und kehrte mit bloß einem Paar Feldhasen und einer Gans zu seiner Hütte zurück. Seine Hütte lag einen strammen und langen Tagesritt östlich seines Anwesens, in etwa dort, wo die nördlichen Ausläufe der Waldberge, auf das Ende jenes Flusses trafen, der Arcanis ziemlich in der Mitte teilte. Keine fünfzig Meilen westlich der Blankwehr. Hierher kam er immer dann, wenn er dem Leben eines Adeligen vom Lande entfliehen wollte, den Pflichten, den Sorgen und vor Allem der Verantwortung. Nur er und seine Hunde, blieben dann manchmal für eine Woche, je nachdem wie viel er erlegte oder viel wichtiger, wie groß sein Vorrat hier noch war, denn bei aller Güte, ein Jägersmann war Darion nicht. Er verstand sich ein paar Bärenfallen auszulegen und sich ihre ungefähre Ablagestelle zu merken oder mit dem Bogen eine fette, unvorsichtige Gans zu verwunden, bevor seine Hunde sie in der Luft zerrissen. Freilich war besagte Gans dann nicht mehr genießbar. Oder erkennbar. Auch die Hasen, welche in seine Bärenfallen gerieten, waren eigentlich auch nicht mehr so ganz als Hasen zu erkennen, aber es ging ihm weniger um Resultate, als viel mehr um die willkommene Ablenkung. Heute jedoch hatte er Glück gehabt, denn einer der Hasen war sauber enthauptet worden und auch wenn er den Kopf nicht mehr hatte finden können, war es doch noch um Welten besser, als das, was dem anderen Tier widerfahren war. Er hielt seine Beute an einen Stock gebunden über der Schulter, damit er sich nicht seine Kleidung unnötig beschmutzte, während die Gans von seinen Hunden getragen wurde, welcher Teil in wessen Maul steckte, konnte er nicht mit Gewissheit sagen. Als er seine Hütte erreichte, vergewisserte er sich als erstes davon, dass sein Pferd noch nicht erfroren war. Das Tier hatte seinen eigenen kleinen Anbau, der um einiges luxuriöser ausgestattet war, als Darions Schlafstätte. Stroh lag auf den Brettern am Boden, Lehm und Felle füllten die Lücken zwischen den Balken der Wände aus, ein immer gut gefüllter Futter und Wassertrog befand sich im Innern und eine kleine Kohlepfanne in der Ecke spendete Wärme, ohne ein allzu großes Risiko der versehentlichen Brandstiftung zu bieten. Nachdem ihm das Pferd gesund genug vorkam, machte sich Darion daran ein kleines Feuer vor der Hütte anzufachen. Gar nicht so schwer, wenn man dem armen Pferd einfach die Glühenden Kohlen stahl und mit genügend getrocknetem Unterholz bestreute. Während er sich das zum Häuten der Hasen benötigte Werkzeug, also ein scharfes Messer und ein Horn Bier holte, machten es sich seine Hunde am Feuer bequem und genossen, jeder für sich den ergatterten Teil des Vogels. Es waren prächtige Tiere, arcanische Elfenbeißer, denen Darion noch ein wenig mehr Bärenbeißer beigemischt hatte. Er wollte größere und stärke Hunde. Er nahm auf einem kleinen Schemel platz und begann damit den Hasen das Fell über die Ohren zu ziehen, würde er immerhin, wenn da noch Ohren wären. Als das erledigt war, spießte er sie auf, steckte die Stöcke in den Schnee und ließ das Feuer den Rest erledigen. Während er darauf wartete, dass das Fleisch gar wurde, wenn möglich ohne zu verschmoren, sah er seinen Hunden bei ihrem destruktiven Werk zu. Nach einer Weile hörte er ein Pferd, das nicht seines war und einen Moment später kam ein Reiter näher. „Es ist scheiß kalt, weißt du das?“, maulte eine vermummte Gestalt. Die Stimme wurde durch einen dicken Schal gedämpft, aber Darion wusste genau wer das war. „Ich habe dich nicht hergebeten Tiros. Was willst du?“ Tiros, ein aus Córalay stammender ehemaliger Söldner, mit kahlgeschorenem Schädel und einer knolligen Nase und einem ausgeprägten Talent fürs Töten, band sein Pferd an, entblößte sein hässliches Gesicht und verschränkte die Arme. „Willst du mir nicht was zu trinken anbieten?“ Darion nickte zur Hütte. „Deine Beine sehen gesund aus.“ Irgendwelche Verwünschungen nuschelt, stampfte Tiros hinein und kam mit einem Hocker und einem Horn Bier hinaus. Ohne zu fragen ob er durfte oder ob sie schon fertig waren, nahm er einen der Spieße und schlug seine Zähne in das Fleisch. „Du wurdest das Vieh auch roh fressen, wenn dich niemand aufhält oder?“, fragte Darion skeptisch und er hielt als Antwort ein einfaches Schulterzucken. Er nahm sich den anderen Spieß und sie aßen schweigend. „Es ist wegen Barthol. Er wurde unter Arrest gestellt.“, schmatzte Tiros zwischen zwei Bissen. Darion hielt inne. „Weshalb?“ Barthol war einer seiner untergebenen Bauern, einer von denen die nach dem Tod seines Vaters nicht Hals über Kopf geflohen waren, sondern geblieben war und Darion geholfen hatte, alles wieder aufzubauen. Er mochte den Mann und konnte sich nicht vorstellen, was er getan haben könnte. „Er hat die Grenzsteine verschoben.“ Der Bissen blieb ihm im Halse stecken, als er das hörte. „Um wie viel?“, fragte er mit belegter Stimme. Tiros warf ihm einen fragenden Blick zu. „Ist das wichtig?“ Darion schüttelte den Kopf. Es war überhaupt nicht wichtig. Barthol hatte die Grenzsteine, die seinen Acker von dem seines Nachbar trennte verschoben und seinem Nachbarn somit Land gestohlen, eines der schwersten Verbrechen, derer er sich hätte schuldig machen können. Er seufzte und massierte seinen Nasenrücken. „Wer klagt ihn an?“ „Ordilio. Und Burchard ist Zeuge.“ Ordilio, ein feister Kerl, dem Darion schon mehr Land geben musste als seinen anderen Bauern, da dieser durch teures, selbst erworbenes Gerät die meisten Gewinne abwarf. Darion war ein Mann der Loyalität schätzte, aber er war eben auch in gewisser Weise ein Geschäftsmann. Nur weil er jemanden mehr leiden konnte, konnte er ihm nicht mehr Land geben, wenn dieser jemand dann, das gegebene Land nicht ausreichend nutzte. Er selbst verstand zwar nicht viel von Landwirtschaft, aber er konnte rechnen und bei Ordilio stand am Ende des Jahres eine verhältnismäßig größere Summe. Darion seufzte erneut. „Sag ihnen ich komme bald.“ Tiros grinste ihn an und schwenkte ihm das Horn vor der Nase. „Ich habe es nicht eilig.“


Darion riss seinen Fuchs hart herum und das Pferd protestierte lautstark, als er auf dem zentralen Platz seines Landgutes zum stehen kam. Der Platz war lag direkt vor dem Vorhof seines Herrenhauses, die meisten Häuser waren um ihn herum erbaut worden, ebenso wie der kleine Dorftempel, der Friedhof oder vielmehr die großen Gruben, die kommenden Winter als Massengräber dienen würden, lag weit weg und die Hauptstraße, also der breiteste Teil des Pfandes aus festgestampfter Erde, auf dem kein Grün mehr wuchs, führte hier mitten durch. Man konnte also sagen, was sich hier abspielte bekam jeder mit, der grade nicht auf den Feldern arbeitete, was im Winter bedeutete, absolut jeder bekam mit was hier vor sich ging. So sammelten sich, kaum das Darion und Tiros in vollem Galapp angeritten kamen ein Haufen Schaulustiger. Es schien als hätten sich fast alle der knapp sechzig Leute, die hier lebten, blicken lassen. Auch Darion Stallwart und dessen Sohn kamen angerannt, aber nur um die Pferde in die Stallungen zu führen. Sie würden vermutlich so schnell zurückkehren wie sie konnten, damit sie ja nichts verpassten. In der Mitte des Platzes hatte man, da das Herrenhaus keinen Kerker hatte, einen Pfahl in den Boden geschlagen, an dem Gefangene angekettet wurden. Da kniete Barthol auf dem eiskalten Boden, in zerlumpten Kleidern und zitterte wie Espenlaub, vermutlich nicht bloß der Kälte wegen. Mit großen Schritten marschierte Darion auf ihn zu und ging vor ihm in die Hocke. Sie blickten sich in die Augen, aber Darion konnte nichts sagen. Der Gefangene lächelte bitter. „Ihr werden mich hängen.“ Es war mehr eine zögerliche, unsichere Feststellung, als eine Frage. Darion nickte. Er musste welche Strafe dieser Bastard Ordilio fordern würde. Tod durch den Pflug, aber das konnte er vergessen. Darion hatte oft und ausdrücklich gesagt, dass er diese grässlichen Methoden nicht praktizieren wurde. Kein Augen ausstechen für Wilderer, keine Kastration für Vergewaltiger, kein Vierteilen für Viehdiebe und kein Häuten oder Rädern für Mörder. Der Strick, bei allen Verbrechen, solange solche strenge angebracht war. Er würde keinen Jungen hängen der einen Apfel klaute. Da würde er sich was anderes überlegen. Aber hier, hatte er gar keine andere Wahl. Auf Barthols verbrechen stand der Tod. „Ich lasse Männer bereit stellen. Die Verhandlung beginnt eine Stunde vor Sonnenuntergang.“ Mit diesen Worten stand Darion auf und sah sich um. Er erblickte Barthols Frau und Kinder, schluchzend am nächsten standen. In diesem Moment scherte er sich nicht um seinen Titel oder ob es dem Benehmen eines Grafen entsprach. Entschlossen nahm er seinen mit Fell bestückten Umhang aus und legte ihn dem frierenden Mann zu seinen Füßen um die Schultern. Dieser war so überrascht, dass er gar nichts sagen konnte. Der Graf marschierte bereits davon, als er ein leises „Danke“ murmelte. Die Blicke die man ihm zuwarf ignorierte er einfach und mit einem Pfiff waren seine Hunde auch wieder an seiner Seite.
Ein paar Stunden später begann der Prozess. Zuerst berichteten Ordilio und sein Schwager Burchard was sie gesehen hatten, nämlich wie sich Barthol an den Grenzsteinen zu schaffen machte und verlangten dann, wie es Darion vorhergesagt hatte, das er durch den Pflug den Tod finden sollte. Dann kam der Angeklagte, ohne den Mantel, den hatte er wieder zurück gegeben, an die Reihe. Er gestand seine Tat, wohl wissentlich, dass Darion weder Gnade walten lassen würde, noch dass er ihm einen grausamen Tod bescheren würde. So schwer es ihm auch fiel, sprach ihn Graf Malistaer, nicht Darion, schuldig und verurteilte ihn zum Tode durch den Strick. Jeden Protest seitens Ordilios erstickte der Graf mit einem vernichtenden Blick. Der Galgen war eigentlich ein Flaschenzug, der dazu diente, Strohballen auf den Heuboden zu befördern, aber schon häufiger zweckentfremdet wurde. Die Schlinge baumelte über der Erde. Erhobenen Hauptes ließ sich Barthol von Darion geleiten und ließ sich helfen auf das Fass zu steigen, das dazu diente, wenigstens einen kleinen Fall herbei zu führen. Tiros, der wieder vollständig vermummt war, legte ihm mittels einer kleinen Leiter die Schlinge um den Hals und trat dann zurück. Der Graf trat zu dem Verurteilten. „Wenn du noch letzte Worte hast, bitte.“ Barthol blickte in die Menge und dann auf Darion herab. „Ich habe es für meine Kinder getan. Damit sie nicht mehr so hungern müssen.“ Darion nickte. „Ich weiß die letzten Jahre waren hart, aber das rechtfertigt nicht deine Tat.“ Zorn funkelte in den Augen des Verurteilten auf. „Was wisst Ihr schon?“ Graf Malistaer blickte ihn streng an. „Habe ich jemals Grund zur Annahme gegeben, dass ich in Saus und Braus lebe, während es euch schlecht geht? Da schätzt du mich aber falsch ein, mein Herr.“ Damit war alles gesagt und der Graf trat das Fass um. Sobald Barthol aufhörte wild um sich zu treten, gab Darion das Zeichen und drei Männer lösten sich aus der Menge. Sie hängten sich an den Hängenden, um sein Leiden so schnell zu beenden wie es ging. Selbst wenn er nicht mehr wild zuckte, war der Mann noch am Leben und das wollte er seinem treuen Gefolgsmann nicht antun. Zwar protestierten wieder die üblichen Großmäuler, doch darauf gab der Graf nichts. Er ging stattdessen zur frisch verwitweten Frau und sprach ihr sein Beileid aus. „Was wird jetzt aus mir und meinen Kindern?“, klagte sie mit belegter Stimme. Er bewunderte sie dafür, dass sie vor ihren Kindern Stärke zeigte. „Komm morgen zur Mittagsstunde, dann wenn die anderen Bittsteller kommen. Meine Frau kann sicher eine Magd oder dergleichen gebrauchen. Wir finden eine Lösung.“
Kaum das Darion allein in seinen Gemächern war, bröckelte die Fassade, die er den ganzen Tag schon aufrechterhalten hatte. Er befand sich in seinem Arbeitszimmer und ein Stuhl hatte das Pech, ihm am nächsten zu sein und wurde von ihm kurzer Hand um getreten, als Darion seine Wut und seinen Frust abließ. „Dieser Scheißkerl!“, fluchte er. „Wieso muss er nur so einen Mist bauen?! Ich könnte ihn umbringen.“ „Hast du doch gerade.“, meinte Tiros hinter ihm, der getarnt durch Darions Wutausbruch, unbemerkt herein gekommen war. „Ach halt dein dummes Maul!“, knurrte Darion. „Was?“, fragte Tiros gereizt. „Soll ich dich verhätscheln? Soll ich dir Honig ums Maul schmieren oder was?“ Er breitete die Arme aus und forderte eine Antwort. „Nein“, meinte Darion ruhig, „ich habe schon genug damit zu tun, mir den Honig aller Anderen aus dem Bart zu kratzen.“ Der Kahle nickte. „Na also. Du bezahlst mich dafür, dass ich dir sage was du nicht hören willst und dabei noch grinse.“ Um seine Worte zu untermauern setzte er ein breites Grinsen auf und zeigte die kleine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen. Darion runzelte die Stirn. „Kann mich nicht daran erinnern, dass ich dich bezahle.“ Tiros hatte ihm den Rücken zugewandt und stöberte in einer Holztruhe. „Doch kannst du. Steht sogar in deinen Büchern.“ Er blickte kurz auf. „Entsorgung von Scheiße, nicht gerate schmeichelhaft, danke dafür.“ „Sein froh, dass meine Frau misstrauisch ist.“, lachte Darion, „sonst stünde da nur Scheiße. Aber dann müsste ich erklären wieso ich für einen Scheißhaufen so viel bezahle.“ Plötzlich knallte Tiros eine Flasche auf den Tisch und zwei Becher. „Du hast mich damit zu tiefst verletzt, aber zum Glück habe ich bereits ein Heilmittel gefunden.“ Gerstenschnaps. Darion hatte keine Ahnung gehabt, dass er noch so etwas hier herum stehen hatte, denn er hatte fest vermuteten sein Freund hier, hätte jedem geheimen Vorrat den persönlichen Krieg erklärt und hätte sich auf jeden Tropfen gestürzt, wie ein Verdurstender. „Ich trinke so etwas nicht vor Sonnenuntergang.“, sagte Darion streng. „Falsch! Du trinkst sowas jetzt bis Sonnenuntergang.“ Dieser Logik konnte er sich nicht entziehen.
Eine Stunde später, hatten die beiden Männer einen gehörigen Schwips, jedenfalls Darion. Sein Kumpan schien noch bei bester Gesundheit zu sein. Die erste Flasche war bereits leer und auf magische Weise war eine zweite aufgetaucht. Sie plapperten wild durcheinander, ignorierten Sätze des anderen und plädierten immer für irgendeine ihrer Meinungen, bis Tiros sie mit einem knatternden Furz zum Lachen brachte und sie vergaßen, über was gerade eben noch gesprochen wurde und das nächste Thema anfingen. Je leerer die Flaschen wurden, desto häufiger wurden die Themenwechsel. Darion wischte sich gerade kichernd eine Träne aus den Augen, als die Tür aufging und seine Frau Leria herein kam. „Ich empfange erst morgen Bittsteller.“, lallte Darion. Tiros prustete los und er stimmte mit schallendem Gelächter ein. Seine Frau wartete ungeduldig, bis die beiden Männer sich wieder beruhigt hatten und begann dann mit schneidender Stimme ihr Gezeter. „Ich habe gehört, du hast der Frau dieses Verbrechers angeboten für mich zu arbeiten. Glaubst du ich gebe mich mit kriminellem Pack ab? Vergiss es. Auf gar keinen Fall. Schick sie fort von mir aus, aber diese Frau kommt mir nicht ins Haus! Hör jetzt auf zu lachen und benimm dich deines Standes entsprechend!“ Darion stand schwankend auf und hielt sich am Stuhl fest. Mit ernster Miene, die er nur mit Mühe aufrechterhalten konnte, wandte er sich seiner Frau zu. Sie trug ihr seidenes Unterkleid, ein teures Stück, darüber ein Nachthemd aus Wolle und darüber, gegen die Kälte einen Pelzumhang. Dieser wahre Berg aus Stoff kaschierte ihre Figur sehr effektiv, was Darion sehr schade fande. Zwar war es eine Zweckehe gewesen, aber er hätte es definitiv schlechter treffen können. Sie war hübsch und er war schon beinahe vernarrt in ihr rostbraunes Haar. Aber das konnte er ja jetzt schlecht sagen. „Hör mal Frau,“, begann er und strengte sich an, nicht zu lallen, „die arme Frau wird sterben. Barthol hat was dummes getan und dafür gebüßt. Wenn ich was dummes tun würde, sollte doch auch keiner dich dafür bestrafen oder? Also geh jetzt wieder ins Bett, ich komme gleich nach.“ Sie schenkte ihm einen abfälligen Blick. „Ganz sicher nicht.“ Dann ging sie. Wenigstens hatte er wohl gute Argumente geliefert, um sie etwas milder zu stimmen. Darion seufzte. „Was hab ich nur getan, um solchen Hass zu verdienen?“ „Ihren Vater umbringen lassen.“, meinte Tiros trocken. „Du weißt ganz genau, dass das anders war!“, fauchte er zurück. „Ihren Verlobten abgestochen.“ „Den konnte sie nicht leiden.“ „Ihr noch kein Kind gemacht.“ „Das liegt nicht an mir!“ „Sie in der Hochzeitsnacht enttäuscht.“ „Im Gegenteil.“ „Dann weiß ich es nicht. Brauchen Frauen überhaupt so etwas wie Gründe um unser eines zu hassen?“ Darion seufzte. „Vermutlich nicht.“ Dann widmete er sich wieder der angefangenen Flasche.

Am nächsten Morgen hatte Darion einen Kopf, der an Gewicht dem einen Schlachtrosses in voller Rüstung in nichts nach stand. Ihm war es schleierhaft wie er in das Bett gekommen war, in dem er geschlafen hatte, noch wessen Bett das war. Erst als er sich auf den Weg nach unten machte, wusste er, dass es das Gästequartier gewesen war. Nun saß er mit einem Teller voll Speisen, hauptsächlich Getreidebrei, etwas Schinken, Käse und Brot in seinem Hauptsaal und hörte den Rednern zu, die sich eingefunden hatten. Er rührte das Essen nicht an und nippte nur ab und zu an seinem Bierkrug. Etwa dreißig Mann waren anwesend und man hatte wenigstens eines der Fenster geöffnet. Natürlich waren diese nicht verglast, so was konnte sich nicht leisten, aber man hatte die Läden weit geöffnet, damit es hier nicht zu stickig wurde. Vermutlich hätte er sich übergeben, ohne die kühlen Brisen, die ihm übers Gesicht streichelten. Seine Frau warf ihm immer wieder einen hämischen Seitenblick zu. Sie und er saßen vor einem großen Kamin an einer breiten Tafel, die quer am Kopfende des Raumes und ein wenig erhöht stand. Dort saß er mit ranghohen Gästen, wenn sich solche mal hierher verirrten. Zwei weitere Tafeln standen rechts und links senkrecht zu der seiner, aber jenseits der Stufen, die zu dem kleinen Podest führten, wo seine stand. So bildete sich eine Gasse direkt zur Tür, deren einer Flügel ebenfalls einen Spalt breit offen stand. Feuerschalen hingen über den Tischen und eine große Feuerstelle in der Mitte des Raumes spendete wärme. Wer von der Tür zu Darion wollte, musste erst um sie herum gehen. Etwa dreißig Mann hatten sich hier versammelt, als über die Hälfte der Bewohner. Es ging hauptsächlich darum, wie man mit dem Stück Acker des Hingerichteten verfuhr. Der Graf war gezwungen das Land der Familie wegzunehmen und musste es jetzt wieder gerecht verteilen. Oder ungerecht, je nachdem wie gut die Argumente der Bittsteller waren. Aber im Moment ging es darum, wie man mit dem Besitz der Familie umging. Berthols Frau Gerda, konnte wohl kaum für ihre drei Kinder und Haus und Hof aufkommen. Ihnen gehörten noch ein paar Hühner und eine Milchkuh. Die Kuh wollten nun ein paar Könner kaufen. Darion hob die Hand und das Gerede erstarb. „Als euer Graf steht es mir zu, dass beste Stück im Besitz eines Toten für mich zu beanspruchen. Ich beanspruche die Kuh.“ Damit war das erst einmal geklärt, deshalb ging Darion weiter zum nächsten Punkt. „Gerda. Ich weiß welche Sorgen du nun hast. Bitte erlaube mir ein paar von ihnen zu zerstreuen. Ich überlasse dir die Kuh, aber im Gegenzug, musst du hier für meine Frau arbeiten.“ Seine Frau war am Morgen zu ihm gekommen und hatte sich einverstanden erklärt, aber nur wenn die Frau noch in ihrem eigenen Haus wohnte. Nachts wollte Leria gut schlafen können. „Tagsüber wirst du hier sein, du und deine Kinder bekommen eine Mahlzeit am Tag. Nachts wirst du in deiner Hütte schlafen müssen. Dein Sohn kann im Stall aushelfen oder sich um meine Hunde kümmern, wenn er sich traut. Deine Tochter, also die die schon laufen kann, soll dir helfen und die andere. Na ja, du darfst sie stillen, wann immer es nötig ist.“ Zustimmendes Gemurmel und ein wenig Aufstampfen ging durch den Raum, Gerda bedankte sich und damit hatte sich die Sache. Dann konnten sie jetzt weiter machen. Ordilio stand auf, trat vor die Feuerstelle, kam noch ein paar Schritte auf Darion zu und räusperte sich dann lautstark. Er war viel zu nahe für einen Bittsteller, aber noch weit genug entfernt, dass es nicht respektlos wurde. Darion gab einen leisen Zischlaut von sich und seine Hunde, die zu seinen Füßen auf der anderen Seite des Tisches lagen, entspannten sich. „Ich bin Ordilio.“, begann er seine Rede. „Ich bin der, dem dieser hinterhältige Barthol schaden wollte. Bevor wir mit der Verteilung des Ackers fortfahren, habe ich eine Forderung. Als Entschädigung, verlange ich ein Zehntel des Ackers! Über den Rest darf dann verhandelt werden.“ Der feiste Mann schaute den Grafen herausfordernd an. Er nickte. „Du bekommst die Nordseite.“ Darion hatte sich von seinem Kämmerer, der weit mehr Funktionen erfüllte, eingehend informieren lassen. Die Nordseite war die äußerste Seite seines ganzen Besitzes. Dort wuchs kaum etwas, da wilde Tiere oft Samen herauspickten oder ganze Rüben oder was auch immer seine Bauern anpflanzten herausrissen. Es die Feldrain, die Grenze, auf der hauptsächlich Gestrüpp wuchs. Diesen Teil wollte keiner haben, am allerwenigsten dieser Fettsack. „Die Rain?“, hauchte er fassungslos. „Ihr wollt mich wohl verarschen!“ Der Graf blieb gelassen. „Aber nein. Du verlangst ein Zehntel des Ackers. Bitte, ich schenke dir die Nordseite, die Rain ganz recht. Mir egal was du damit machst, aber ich danke dir, jetzt kann ich nur noch das gute Land für die Verhandlungen anbieten, das treibt meinen Gewinn in die Höhe.“ Ordilio bekam einen hochroten Kopf. „Das kannst du nicht machen! Das lasse ich mir nicht bieten JUNGE!“ In seinem Toben vergaß er ganz den respektvollen Ton. Der Graf warnte ihn streng, dass scherte den Bauern nicht. „Was willst du mir schon tun, huh? Ich bin dein bestes Pferd im Stall! Du wärst komplett bescheuert mir was zu tun! Das wäre dein Ruin!“ Wütend sprang der Graf auf, knallte die Hände auf den Tisch und bellte ein Kommando. Sofort sprangen seine Hunde auf und stürzten sich auf Ordilio. Einer verbiss sich in seinem Oberschenkel, der andere in der Schulter. Malistaer hatte ihn nicht töten wollen, sonst wären ihm die Hunde an die Gurgel gegangen. Der Bauer quiekte wie ein Schwein, als die Hunde an ihm rissen. Mit dem Zischlaut pfiff er die Hunde wieder zurück, welche sich wieder auf ihre Plätze fläzten, als sein nichts gewesen. Der Bauer wimmerte und lag blutend am Boden. „Du vergisst“, begann der Graf und seine Stimme war gefährlich ruhig, „dass ich bloß deine Geräte brauche. Ich habe ein halbes Dutzend Bauern, die genau so viel Ahnung haben wie du, denen es aber an guten Werkzeug fehlt. Wenn du also das nächste Mal glaubst, ich behandele dich ungerecht, denk daran. Ich hänge dich das nächste Mal einfach und beanspruche all deinen Besitz und den verschenke ich dann.“ Er setzte sich wieder. „Also, weiter in der Tagesordnung.“
Nachdem die Umverteilung geregelt war, blieben nur noch ein paar Leute im warmen Saal, alle die eben, die unmittelbar jetzt nichts zu tun hatten. Auch Darion wollte sich gerade davon machen, als ein Fremder in vorzüglicher Kleidung herein platzte. Der Graf hielt inne und schaute den Ankömmling fragend an. „Euer Gnaden! Ich bringe eine wundervolle Neuigkeit.“, rief er fröhlich. Wenn sich Darion nicht täuschte hatte der Mann den Akzent der im Osten Arcanis' beheimatet war. Es waren nur leichte Nuancen, aber Darion war hauptsächlich in Avalé aufgewachsen, daher erkannte er ihn sofort. Erstaunlich, dass er selbst nicht so sprach. Der Mann übergab ihm einen Brief und Darion erkannte das Siegel sofort. Er lächelte. „Du weißt sicher was da drin steht. Sprich.“ Der Mann nickte. „Aduan Janus Eledran von Avalé feiert seine Hochzeit. Nächsten Mond auf Burg Ehrenfels. Die Zeremonie finden aber in der Hauptstadt statt. Ihr und Eure Gattin seid herzlichst eingeladen.“ Darion brach das Siegel und überflog schnell die Zeilen und reichte es dann an seine Frau weiter. „Wir werden da sein. Bitte seid mein Gast. Mein Kämmerer wird Euch mit allem versorgen. Entschuldigt uns aber jetzt, wir müssen Vorbereitungen treffen, damit wir gleich morgen abreisen können.“ Leria blickte ihn fragend an. „Es ist bloß eine Woche bis zur Hauptstadt. Wieso die Eile?“ „Der Schneider brauch genügend Zeit für dein neues Kleid, deshalb.“ Ihre Augen begannen zu strahlen und sie versuchte würdevoll aus dem Saal zu stürmen. Es gelang ihr fast. Der Bote hatte sich bereits eifrig nickend zurückgezogen und nur Darion und Tiros standen noch vorne. „Gestern hast du einem sterbenden Mann gesagt, du würdest nicht in Saus und Braus leben und heute versprichst du deiner Frau ein neues Kleid von einem Schneider in Irukhan. Solch eine Doppelzüngigkeit hätte ich nicht mal euch Arcaniern zugetraut.“ Darion schaute ihn an. „Halt doch dein dummes, córalaysches Maul.“


Einen Monat später war es dann soweit. Darion und Leria präsentierten sich der edlen Gesellschaft des arcanischen Adels. Seine Frau hatte ihn dazu gezwungen seinen Bart zu stutzen und sich ein wenig Haar abschneiden zu lassen. Gebadet hatte er freiwillig, das gehörte sich so. Dann war er in seine ebenfalls neue Garderobe gestiegen. Eine knielange graue Wolltunika, die an jedem nur denkbaren Saum ein paar silberne Stickereien aufwies, darüber ein blutroter samtener Rock, ebenfalls mit Stickereien massakriert, dieses Mal jedoch in Gold und darüber einen schlichten schwarzen gesteppten Wappenrock aus Wolle, mit seinem Wappen über dem Herzen. Die Stiefel waren seine alten, aber anständig auf Vordermann gebracht. Seine Hose sah man nicht, er hätte sie auch weglassen können, aber eine frische Brise hatte ihn von dieser Idee Abstand nehmen lassen, aber sie seine gewöhnliche Reithose. An seinem Gürtel hing ausnahmsweise nicht sein Schwert, sondern bloß ein Dolch. Das Schwert ruhte zusammen mit dem restlichen Gepäck bereits auf der Burg Ehrenfels, wo sie nächtigen würden. Bewacht wurde ihr Habe von seinen beiden Hunden, die jeden umbringen würde, der auf die närrische Idee verfallen würde, etwas zu entwenden. Obwohl er sich durchaus wohl in seinem Aufzug fühlte, gingen ihm die Seitenblicke gehörig auf die Nerven. Im Nachhinein waren Wappenrock und Dolch wohl etwas zu militärisch gewesen, aber er konnte ja nichts dafür, dass hier alle ihren Reichtum auf der Haut trugen. Die Damen hatten Kolliers, die schwerer Aussahen als Darions Kettenhemd und viele trugen edle Pelze in so einem Ausmaß, dass Darion meinte dressierte Bären, statt eitle Gockel zu sehen. Leria dagegen sah, wie er fand, hinreißend aus. Er konnte wirklich von Glück reden, dass sie die Tochter seines Rivalen gewesen war. Sie war neun Jahre jünger als er, schlank uns solch einen Trubel nicht gewohnt. Darion eigentlich auch nicht, aber er kannte es weit besser als sie. Sie wirkte fast kindlich, war ganz aufgeregt gewesen. Ihr Kleid war elegant geschnitten, vorne hochgeschlossen, aber frei nach dem Motto „ein schöner Rücken, kann auch entzücken.“ Nicht zu sehr, immerhin gab es Regeln und so etwas wie Anstand. Es war von einem hellen Blau, das ihn ein wenig nostalgisch an das Seenland denken ließ, an diese Becken aus Kristall, die sich unweit von Avalé aneinander reihten. Plötzlicher Jubel riss ihn aus den Gedanken und ohne zu wissen was los war, ließ er sich mitreißen. Ihre Plätze waren bescheiden gewählt. Zu weit hinten um groß etwas verstehen zu können, aber immerhin mit einem tadellosen Blick auf das Geschehen. Hätte er hin gesehen, dann hätte er gewusst was vor sich ging. Die Gratulationen hatten begonnen. Seine Frau wollte nach vorne stützen, aber er hielt sie zurück. „Später“, flüsterte er ihr ins Ohr. Bei diesem Andrang konnte man froh sein, nicht zerquetscht zu werden. Sie warteten eine Weile und als Darion eine passende Gelegenheit wahrnahm, legte sie ihm eine Hand auf die Schulter. Beinahe erschrocken drehte sich Darion um und sah seinem alten Mentor ins Gesicht. Wahrheitsbringer Acardo Elhan von Avalé. Darions Mund klappte vor Überraschung auf. Acardo lächelte, tätschelte ihm die Wange. „Wie viel Pelz willst du denn noch zulegen?“ Darion grinste und streichelte den Bauch des Wahrheitsbringers. „Tja was soll ich denn sagen?“ Die beiden fingen an zu lachen und umarmten sich, dann stellte Darion seine Frau vor, denn Acardo hatte damals nicht dabei sein können. Sie unterhielten sich, erkundigten sich wie es dem Anderen ergangen war und Darion vergaß völlig, zu Aduan zu stürmen und zu gratulieren. Eine Ewigkeit später machten sie sich endlich zum Fest auf, Darion war am verhungern.
Während die Gäste eintrudelten, nutzte Darion die Gelegenheit und marschierte, seine Frau halb hinter sich herziehend, nach vorne und baute sich vor Aduan auf. Der blickte einen Moment verdutzt, dann lächelte er. „Darion! Schön das du da bist.“ Darion gratulierte ihm und nachdem die Höflichkeiten ausgetauscht waren, konnte sie normal weiter reden. Hätten sie, wenn nicht bereits hinter Darion weitere Festgäste auf ihre Chance warteten. Der Graf drehte sich um. „Verzeiht, ich werden ihn Euch gleich zum Fraß vorwerfen, einen Moment Geduld bitte.“ Er wandte sich wieder an Aduan und legte ihm den Arm um die Schulter. „Sagt mal, wo darf es sich der gemeine Landadel gemütlich machen? Bei den Latrinen, den neureichen Baronen, die keine wahren Männer von Adel sind oder soll ich mich gleich verpissen?“ Darion wählte solche vulgären Worte nur, wenn er mit Freunden sprach. „Ihr, Graf Malistaer, dürft Euch da hinten an meine Tafel setzten. Du gehörst doch schon fast zur Familie. Und halte Aelis bitte einen Platz frei, ich bezweifle, dass sie im Zentrum der Aufmerksamkeit sein möchte.“ Darion nickte und entschuldigte sich vorerst, geleitete dann seine Frau zu ihren Plätzen und wartete ungeduldig darauf, dass endlich aufgetischt wurde, während sich auch die Plätze rundherum füllten. Auch wenn er im Schwertkampf eine beinahe makellose Abwehr sein eigen nannte, konnte er jedoch hier nicht verhindern, andauernd in irgendwelche Gespräche verwickelt zu werden. Er hatte den Ruf des Ritter Elfentod inne, einen Ruf, der nur auf einen Zufall und sozusagen Soldatengeschwätz beruhte, sich aber umso hartnäckiger hielt. Immer wieder musste er von dem großen Reiterangriff seiner Zeit bei Candobar erzählen, als ihm ein vertrautes Gesicht auffiel. Aelis lächelte ihn an und kam auf ihn zu. Er stockte mitten im Satz, murmelte ein „Entschuldigt mich.“ zu einem Mann, der, kaum dass er die Vollstreckerin erblickte hatte, von dannen zog. Darion stand auf und sie umarmten sich. „Graf Darion Arrun Malistaer“ Sie wusste ganz genau wie sehr ihn das störte. „Wie ich sehe hast du nicht vergessen, wie man mich ärgern kann.“, sagte er lächelnd. „Ich freue mich, dich hier zu sehen, ich war schon in Sorge, hier nur alte und langweilige Verwandte und Bekannte zu treffen.“ Darion schaute an ihr vorbei und sah ein paar ihrer Verwandten. „Freue dich lieber nicht zu früh.“ Dann begrüßte sie seine Frau. Sofort rückte sie ihm mit tausenden Fragen auf den Pelz. Er hob abwehrend die Hände. „Immer langsam. Ja eineinhalb Jahre, wenn ich mich nicht täusche und ja, ich war sehr beschäftigt. Letztes und vorletztes Jahr hatten wir Missernten und da hatte ich keine Gelegenheit mein Landgut zu verlassen. Und wenn, habe ich die Gelegenheiten verpasst. Außerdem, sieh dich doch Mal an.“ Er deutete auf ihre ganze Kleidung. „Du siehst nicht gerade so aus, als hättest du viel Freiraum.“ Darion beugte sich zu ihr und tat so, als ob er ihre Stirn furchtbar interessant fand. „Sehe ich da erste Falten?“, fragte er mit gespielter Besorgnis und wurde dann wieder etwas ernster. „Ich muss gestehen, es ist anstrengend der Verantwortung gerecht zu werden, aber wem erzähle ich das. Vor knapp vier Wochen musste ich einen treuen Mann hängen, weil er eine Dummheit getan hatte, die ich als Graf nicht tolerieren durfte. Dann durfte ich mich mit größenwahnsinnigen Bauern herumschlagen und... Aelis? Hörst du mir überhaupt zu?“ Er hatte bemerkt, dass sie statt ihn anzusehen, irgendjemanden in der Menge fixierte und als er ihrem Blick folgte, sah der Mann, alles andere als glücklich aus. „Aelis“, warte Darion, „wir feiern die Hochzeit deines Bruders, ein spontane Verhaftung oder Exekution würde die ganze Stimmung ruinieren.“ Hilfe suchend blickte er zu Leria, die aber auch nicht wusste was zu tun war. Grade wurde der Tanz eröffnet und prompt forderte jemand Darions Frau auf. Darion nickte und Leria verschwand in der sich drehenden Menge. „Darion, ich habe dich noch nie um einen Gefallen gebeten oder?“, fragte ihn Aelis ruhig. Darion runzelte die Stirn. „Hilf mir, hilf mir“, rief er leise mit einer schlecht imitierten Kinderstimme, „Ich ertrinke!“ Dann grinste er und fuhr mit normaler Stimme fort. „War das etwa kein Gefallen?“ Aelis kniff die Augen zusammen und blickte ihn streng an, aber er konnte sehen, dass sie sich ein Grinsen verkneifen musste. „Das zählt nicht.“, sagte sie in einem überzeugenden Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Er wartete geduldig darauf, dass sie ihm sagte was sie wollte. Unauffällig deutete sie auf die Begleitung dieses mysteriösen Mannes. „Tanz mit ihr.“ Darion blickte sie schockiert an. „Ist das dein Ernst?“ Es war ganz offenkundig ihr ernst. „Na schön“, brummte er. „Wie heißt der Kerl? Ich kann ihm die Frau ja nicht stehlen, ohne ihn beim Namen zu nennen.“
Kurz darauf kämpfte sich der Graf durch die Menge. „Euer Gnaden.“, rief er und ein Dutzend Köpfe drehten sich in seine Richtung. „ Edler Graf von Tarun. Dürfte ich um die Ehre bitten, Eure reizende Begleitung zu einem Tanz aufzufordern?“ Er wartete die Antwort kaum und führte, oder entführte, die ein wenig überraschte Dame zurück auf die Tanzfläche. „Ich sah Euch bei Aelis von Avalé sitzen. Seid Ihr ein Freund der Familie?“, fragte sie verdutzt. „Kann man so sagen.“, gab der Graf zurück. Wie durch ein Wunder schaffte er es weder der Dame, noch irgendwem sonst auf die Füße zu treten, einen Zusammenprall zu provozieren, jemanden zu umzustoßen oder anzurempeln, kurz, sich zum Gespött zu machen. Dabei warf er immer wieder einen Blick zu Aelis, die bereits strammen Schrittes auf die Menge zusteuerte. „Oh je.“, murmelte er.
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Fr, 09. Sep 2016 16:17

„Der Landadel hat immer Probleme, um die er sich kümmern muss“ erwiderte Aelis nicht ganz ohne Sarkasmus. „Einer der Gründe, warum ich es vorgezogen habe, mein Leben in den Dienst der Zwei zu stellen“ Darion deutete auf ihre Uniform und entgegnete „Du siehst nicht gerade so aus, als hättest du viel Freiraum.“ Aelis runzelte die Stirn, als sie an Großmeister Amon dachte, der Schuld daran trug, auch, wenn sie sich nicht der Wahrheit entziehen konnte, dass sie sich in ihrer Uniform bedeutend wohler fühlte als in einem edlen Kleid. Auch, wenn die Uniform auf dieser Hochzeit für das nötige Aufsehen sorgte, womit Aelis sich in diesem Moment auch nicht gerade wohlfühlte. Doch je länger sie hier saß oder stand, desto mehr von ihrer Selbstsicherheit kehrte wieder zurück. So hatte sie immerhin ihre Ruhe, denn nur die direkte Familie und die wenigstens engen Verwandten traten freiwillig auf sie zu, wenn sie ihre Uniform trug. Dass sie das zu einer Außenseiterin machte, war sie bereits gewöhnt, und es war auch nicht zu ändern. „Sehe ich da erste Falten?“ neckte er sie, und unwillkürlich fuhr sie sich über ihre Stirn. „Ach was, dafür bin ich noch viel zu jung. Ich habe mich nur über Großmeister Amon geärgert, weil er absolut kein Verständnis dafür hatte, dass ich rechtzeitig zur Hochzeit will, wenn er mir eine Befragung anordnet. Jederman weiß, dass es keine Rolle gespielt hätte, wenn ich das erst morgen, oder übermorgen gemacht hätte.“ Sie bemerkte gar nicht, dass Darion weitersprach während sie Devin anstarrte, bis er sie aus ihren Gedanken riss, indem er sie laut beim Namen nannte. Sie wandte sich ihm wieder zu. „Oh, verzeih mir, ich habe dir gerade nicht zugehört“ gestand sie. „… wir feiern die Hochzeit deines Bruders, ein spontane Verhaftung oder Exekution würde die ganze Stimmung ruinieren“ Sie lachte glockenhell auf „Heute halte ich mich zurück, Darion… Nein, ich kenne diesen Mann…“ Sie überlegte einen Moment, dann sagte sie „Darion, ich habe dich noch nie um einen Gefallen gebeten oder?“ Darion entgegnete ihre Frage mit einer Neckerei aus ihrer Kinderzeit, als sie sich an einem der Seen des avalischen Seenlands heimlich ein Boot ‚geliehen‘ hatten, damit weit in die Seenmitte gefahren waren, und Aelis beinahe ertrunken war, als das Boot gekentert war. Die Angelegenheit war dank Darion glimpflich ausgegangen, obwohl Aelis damals noch nicht schwimmen konnte, und sie erinnerte sich überhaupt gerne an diese unbeschwerte Zeit. „Ja, das war ein Gefallen, ich verdanke dir mein Leben“ schmunzelte sie. „Aber das zählt nicht.“ Als sie seinen abwartenden Blick auffing, deutete sie auf Devin’s blonde Schönheit und meinte „Tanz mit ihr.“ „Ist das dein Ernst?“ fragte er sie mit sichtlich schockiertem Blick, und entlockte Aelis damit ein Kichern hinter vorgehaltener Hand. „Mein absoluter Ernst, Darion. Wie gesagt, ich habe dich noch nie um einen Gefallen gebeten, aber diesen musst du mir erweisen… Biiiitte…“ sprach sie das letzte Wort gespielt flehentlich aus. „Na schön… wie heißt der Kerl?“ „Willst du den vollen Namen, oder reicht dir die übliche förmliche Anrede?“ neckte sie ihn. „Es ist Graf Devin von Tarrun. Na los, geh schon, der Tanz ist gleich zu Ende!“ scheuchte sie ihn ungeduldig auf, und kaum, dass er sich aufgehoben hatte, und auf das Paar zusteuerte, erhob sie sich ebenso, und ging ihm zielgerichtet, aber nicht allzu auffällig hinterher. „Hoffentlich nimmt mir deine Frau das nicht übel, wenn sie davon erfährt“ feixte sie ihm noch hinterher.

Aelis passte genau den richtigen Augenblick ab, als Darion die Schöne eben auf die Tanzfläche führte, und Devin mit sichtlich erleichtertem Gesichtsausdruck von der Tanzfläche flüchtete. Sie räusperte sich und beugte sich leicht zu ihm vor, damit er sie zwischen dem heiteren Geplapper und der Musik auch verstehen konnte. „Graf Devin… Welch unerwartete Überraschung euch auf der Hochzeit meines Bruders zu treffen. Es ist lange her nicht wahr?“ Sie lächelte leicht. Es war ein ernstgemeintes Lächeln, gepaart mit Schalk und Schadenfreude. Sie begann während sie mit ihm sprach langsam, aber zielgerichtet zu schlendern, was ihn, wollte er nicht allzu unhöflich sein, dazu zwang, es ihr gleich zu tun. Die Menge vor ihren Schritten teilte sich dezent, was sie geflissentlich ignorierte. Auch das war ihr nichts Neues. „Ihr wirkt nicht gerade glücklich an der Seite Eurer Begleitung. Oder langweilt ihr Euch gar?“ fragte sie leise. Er entgegnete „Gibt es einen persönlichen Grund für diese Frage?“ Sie steuerte auf den Ausgang der Halle zu, während sie langsam weiterschlenderte, und ihre Hände in den Rücken legte und sie kreuzte. „Absolut nicht. Nun ja… Vielleicht ein wenig… Denn meine Erinnerungen an Euch decken sich absolut nicht mit dem, was man über Euch zu sagen pflegt, wenn man sich erkundigt. Dass ihr ein oberflächlicher, reicher Schnösel seid. Wenn ich mir eure Begleitung ansehe, wäre ich geneigt, das sofort zu glauben, vergebt mir meine offenen Worte. Aber ich hingegen erinnere mich entgegen der landläufigen Meinung an einen Mann, mit welchem man interessante, geistreiche und tiefsinnige Gespräche führen konnte. Und eure Begleitung ist… Wie soll ich das sagen…“ Sie lächelte verlegen. „Nun, sie wirkt nicht, als ob sie auch nur eines von all dem ist. Und wenn man Euch nur ein wenig beobachtet, dann erweckt es den Verdacht, dass ihr weder glücklich seid, noch euch amüsiert. Sei es nun mit, oder ohne eurer reizenden Begleitung. Aber es steht mir natürlich nicht zu, solche Gedanken zu hegen“ Sie hatten nun den Ausgang erreicht. „Aber deswegen bin ich nicht an euch herangetreten. Ich muss Euch dringend bitten, mich für einen Moment nach draußen zu begleiten, Graf Devin, wo wir uns ungestört unterhalten können.“ Sie blickte ihn eindringlich und ernst an. Er wirkte mit einem Mal nervös. Aelis schüttelte innerlich den Kopf. Es war immer dasselbe. Vielleicht hatte sie sich auch unglücklich ausgedrückt, und er dachte, sie wäre dienstlich hier. So oder so, er leistete ihrer Bitte Folge, so dass sie schließlich am Ende des Korridors einen Erker seitlich in der Mauer eingelassen fanden, so sich sogar eine steinerne Sitzbank befand. Sie setzte sich und bedeutete ihm sich zu ihr zu setzen. „Bitte, nehmt Platz, Graf Devin…“ Sie beobachtete ihn für einen kurzen Moment. „Fürchtet ihr euch vor mir, Devin?“ fragte sie leise. „Denn dazu gibt es keinen Grund, nur weil ich Vollstreckerin im Dienste der heiligen Geschwister und seiner Majestät dem Priesterkönig, bin. Ich tue niemandem etwas, sofern er kein Ketzer oder Volksverräter ist. Sie versuchte die Stimmung mit einem warmen Lächeln aufzulockern. Graf Devin, ich habe euch um diese Unterredung gebeten, weil… also… es ist mir ein wenig unangenehm. Ich wusste ja nicht, dass wir uns je wieder begegnen. Da ich euch nur meinen Drittnamen verraten habe, habt ihr bislang nicht gewusst, wer ich bin… Aber nun, da wir uns erneut begegnet sind, ist es ein wenig anders. Ich wollte euch bitten, Diskretion zu bewahren. Wenn ich erneut offen sprechen darf, dann wäre es gelinde gesagt ein Skandal, wenn es die Runde macht, wenn eine Vollstreckerin sich erlaubt, was ich mir mit euch erlaubt habe. Ich wäre euch wirklich dankbar, wenn ihr mich nicht in diese Verlegenheit brächtet. Und ich glaube, dass ich euch in meiner Position vielleicht einmal den einen oder anderen Gefallen erweisen könnte, sollte es notwendig sein, als Dank dafür. Kann ich mir also eurer Verschwiegenheit sicher sein, Graf Devin?"
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Di, 13. Sep 2016 8:12

Eins musste man Nirva lassen: Sie bewegte sich sehr anmutig über das Parkett. Dennoch fieberte Devin dem Ende des Tanzes entgegen. Irgendwann mussten die Musiker doch ein Einsehen haben und eine Pause einlegen. Rettung nahte jedoch von unerwarteter Seite in Gestalt eines ihm unbekannten Herrn, der (für Devins Geschmack) etwas zu lautstark, aber formvollendet höflich um den Tanz mit Nirva bat. Devin musterte ihn kurz unauffällig. Der Mann wirkte ernst, aber nicht unsympathisch. Haltung und Ausdruck hatten etwas Militärisches an sich. „Aber gerne doch", antwortete Devin und wandte dann den Kopf seiner Begleitung zu. "Nirva?“ Devin schien es angemessen, Nirva zumindest einen fragenden Blick zuzuwerfen, ob sie damit einverstanden war. Aber sie schien von so viel Aufmerksamkeit um ihre Person geschmeichelt und ließ sich daher gerne entführen. Devin verbeugte sich knapp und suchte erleichtert das Weite. Aber heute hatte er wenig Geschick darin, rechtzeitig zu entkommen. Ausgerechnet Aelis von Avalé war es, die ihn abfing. „Graf Devin… Welch unerwartete Überraschung euch auf der Hochzeit meines Bruders zu treffen. Es ist lange her nicht wahr?“ begann sie das Gespräch und lächelte undurchsichtig. „Lange her, da habt Ihr wohl Recht. Aber mein Gedächtnis ist außerordentlich gut“, versicherte er ihr mit einem süffisanten Lächeln. Ein paar Augenpaare folgten ihnen, als sie langsam weiter schlenderten. Aber sie waren nur eines von vielen anderen Gesprächspaaren im Raum und sicher hatte bereits jeder hier Aelis bemerkt und über sie geredet, so dass das Interesse bereits zu erlahmen begann, zumal die Anwesenheit der Vollstreckerin zumindest diejenigen nicht verwundern dürfte, die wussten, dass es sich um die Schwester des Bräutigams handelte.
„Ihr wirkt nicht gerade glücklich an der Seite Eurer Begleitung. Oder langweilt ihr Euch gar?“ fuhr Aelis fort. Devin fand diese Frage sehr direkt und ein wenig indiskret. Warum interessiert sie meine Beziehung mit Nirva? fragte er sich und schaute Aelis leicht skeptisch von der Seite an. Er nahm nicht an, dass sich Aelis ernsthaft für ihn oder sein Privatleben interessierte. Oder etwa doch? Daher fragte er vorsichtshalber, ob sie persönliche Gründe für diese Frage hatte. „Absolut nicht. Nun… vielleicht ein wenig…“, begann sie und hatte damit Devins ungeteilte Aufmerksamkeit. Bei dem, was dann folgte, hoben sich Devins Brauen erstaunt in die Höhe. Sie hielt ihn also für durchaus interessant, zumindest als Gesprächspartner, obwohl sie anderes über ihn gehört hatte. Das Wort Schnösel fiel, was Devin kurz grinsen ließ. Und Aelis ließ kaum einen Zweifel daran, dass sie Nirva für das hohle blonde Dummchen hielt, das sie ohne Zweifel war. Erfrischend offene Worte, die Devin kurz die Sprache verschlugen, ihn zum Lächeln brachten und ihn daran erinnerten, dass er sich damals wirklich sehr nett mit Aelis unterhalten hatte. Devin konnte fast vergessen, wen er hier vor sich hatte. Aber auch nur fast. Daher blieb er vorsichtig. „Nun, meine Erinnerung an Euch decken sich auch nicht gerade mit dem, was man über Euch zu sagen pflegt, Aelis von Avalé. Oder sollte ich Euch lieber Amelya nennen?“, konterte er, indem er beinah vollständig ihre Wortwahl übernahm und sie dann sehr direkt ansah. „Aber ihr habt Recht und ein geschultes Auge wie mir scheint. Wahrscheinlich seid Ihr geübt darin, die Menschen schnell zu durchschauen? Das erleichtert Eure Arbeit sicher sehr.“ Eine Spitze, der er mit einem Lächeln die Schärfe nahm. „Jedenfalls habt ihr wohl Recht. Ich glaube nicht, dass dort schon die zukünftige Gräfin von Tarun über die Tanzfläche schwebt. Ich werde weiter nach meinem Glück suchen müssen“, sagte er mit gespieltem Bedauern in der Stimme. Eine Spur echter Resignation flammte für einen kurzen Augenblick in seinem Gesicht auf. An sein persönliches Glück glaube Devin ohnehin schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Gestalt einer Ehefrau oder gar der großen Liebe, für deren Existenz er bisher noch wenig Beweise gesehen hatte.

Das Gespräch, bisher im lockeren Plauderton geführt, nahm eine ernstere Wendung, als sie auf den Ausgang zusteuerten. „Aber deswegen bin ich nicht an euch herangetreten. Ich muss euch dringend bitten, mich für einen Moment nach draußen zu begleiten, Graf Devin, wo wir uns ungestört unterhalten können.“ Sofort verebbte Devins Lächeln und sein Gesicht wurde ernst. Scheiße, sie wird das nette Geplauder doch nicht nur als Vorwand genutzt haben, um mich draußen mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren? dachte er und bemühte sich krampfhaft, nach außen hin weiter locker zu bleiben. Das gelang ihm zumeist. Vor allem, wenn er vorher Starrkraut konsumiert hatte wie am heutigen Abend. Die Droge machte ihn gelassener. Aber ihm gelang es dennoch nicht ganz, die Tatsache auszublenden, dass er mit der Arcanischen Vollstreckerin im Dienste der heiligen Geschwister und seiner Majestät, dem Priesterkönig redete. Eine nicht alltägliche Begegnung. Devin folgte Aelis nach draußen und setzte sich. Genug Zeit für Devin, um seine Beherrschung wiederzufinden oder zumindest nach außen hin zu zeigen.
„Fürchtet ihr euch vor mir, Devin?“ fragte sie leise und die ehrliche Antwort wäre gewesen. JA. Unbedingt! Natürlich fürchtete er sich vor ihr, denn er hatte allen Grund dazu. Er war zwar kein Ketzer, aber ein Verräter, was sehr viel schwerer wiegen dürfte. Er war so gut wie tot, wenn sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon hätte, was er getan hat und immer noch manchmal tat. Umso wichtiger war es, nichts durchblicken zu lassen und mittlerweile hatte sich Devin wieder im Griff. Ganz ruhig. Es ist bestimmt harmlos, beruhigte er sich selber und hatte damit Erfolg. „Ich sehe keinen Grund mich zu fürchten“, sagte er betont lässig und versuchte das durch seine Körpersprache zu unterstreichen, indem er sich entspannt zurücklehnte und Aelis ruhig in die Augen blickte. Gar nicht so leicht. Aber so Vieles in seinem Leben war Lüge, so dass er geübt darin war.
Devins Nervosität war auch nur von kurzer Dauer, denn schnell kam Aelis zu ihrem eigentlichen Anliegen, das wirklich harmlos war. Devin spürte förmlich, wie die Anspannung von ihm abfiel. Sie wollte, dass er Diskretion darüber wahrte, was zwischen ihnen vorgefallen war. Im Gegenzug wollte sie ihm irgendwann einen Gefallen tun. Devin war erleichtert. Er glaubte zwar nicht, dass der Gefallen so weit reichen würde, ihm im Notfall vor dem Henker zu bewahren, aber es war ein guter Anfang und bot viele interessante Möglichkeiten.
„Selbstverständlich!“ beeilte er sich zu sagen und in einem Gefühl grenzenloser Erleichterung wagte er es sogar, seine Hand auf ihre zu legen. Warum auch nicht. Seine Hände lagen schließlich schon an ganz anderen Stellen. „Ihr könnt mir glauben, dass ich es nie irgendjemandem gegenüber erwähnt habe und das auch zukünftig nicht tun werde. Es bleibt eine Sache zwischen uns beiden, die ich in stiller Erinnerung für mich behalten werde“, sagte er und lächelte charmant. „Aber eine Bitte hätte ich doch: Nennt mich nicht Graf Devin. Das klingt schrecklich förmlich. Devin wäre mir weitaus lieber." Er lächelte sie sehr direkt an. Normalerweise hätte er jetzt versucht, sie weiter charmant zu umgarnen. Wenn sie jemand anderes gewesen wäre als ausgerechnet die Vollstreckerin. Aber Devin war nicht lebensmüde genug, um sich wissentlich mit dieser Frau einzulassen.

Devin führte Aelis wieder zurück in den Saal, wo ihm Nirva mit Darion entgegen kam. Sie hatte nach dem Tanz darauf bestanden, dass Darion unbedingt Devin kennenlernen musste. Und in diesen Dingen konnte Nirva sehr hartnäckig sein. „Devin, stell Dir vor, das ist Graf Malistaer. Er hat auch ein Landgut genau wie du“ „Ach wirklich?“ sagte Devin mit einem Blick, der so etwas aussagte wie "Hoffentlich hat Nirva Euch nicht allzu sehr belästigt" „Darüber müsst Ihr mir bei einem Glas Wein unbedingt mehr erzählen“, meinte Devin. Ein erneuter Versuch zu entkommen. Sowohl vor Nirva als auch vor Aelis. Diesmal gelang es und Graf Malistaer erwies sich in der Tat als interessanter Gesprächspartner. Sie fachsimpelten eine Zeitlang über Missernten, Fruchtfolgen und Viehhaltung, bevor sich ihre Wege wieder trennten und sie sich ihren jeweiligen Frauen zuwandten.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Di, 20. Sep 2016 19:45

Einen Schritt nach Vorne, zur Seite, noch einen nach Vorne und dann ein Ellenbogen in die Seite. „Uff“, presste Darion zwischen den Zähnen hervor und erwiderte den bösartigen Blick den ihm der der Mann zuwarf, kapitulierte aber unter dem beinahe hasserfüllten Blick der Tanzpartnerin, die er wohl ganz in ihrem Schwelgen gestört hatte. Der Tanz war fast vorbei und Darion hatte es beinahe geschafft sich nicht zu blamieren, aber eine kleine Unaufmerksamkeit und es hätte beinahe eine kleine Katastrophe gegeben. Er war dem Paar nur eine Handbreit zu nahe gekommen, war damit aber in Ellenbogenreichweite gelangt, der mit tödlicher Präzision seine Abwehr unterwandert hatte. Gegen einen öffentlichen Tanz, sah ein Duell auf Leben und Tod wie das Spielen mit Besenstielen aus, jedenfalls wenn man Darion fragen würde. Weiterhin die Frau im Arm, deren Name sich zwar irgendwo in seinem Kopf befand, der sich aber zu verstecken wusste, näherte er sich zielsicher dem Rand der sich drehenden Meute. Zwei weitere Male bekam er einen Tritt oder Hieb ab. So musste sich ein Getreidekorn fühlen, wenn es zwischen die Mahlsteine geriet. Langsam wurde ihm warm, vielleicht sollte er sich ein paar Kleidungsstücken entledigen oder was vermutlich noch besser wäre Abstand zu allen anderen hier gewinnen, speziell dieser Nara. Nein, so hieß sie nicht. So würdevoll er noch konnte, führte er die Dame von der Tanzfläche herunter, wobei er die Menge nach zwei Dingen absuchte. Einmal nach Aelis und diesem Tarrun und nach einem Diener, der ihm was zu Trinken bringen sollte. Darion sah gerade noch wie Aelis mit dem Grafen den Raum verließ. Von wegen sie würde sich zurückhalten. „Entschuldigt mich.“, sagte er geistesabwesend zu seiner Tanzpartnerin und begann sich durch die Menge zu kämpfen. Exakt drei Schritte weiter, legte sich ein Arm um seine Schulter und bugsierte ihn vor eine kleine exklusive Gruppe. „Das edle Herrschaften, ist der Mann, dem ich mein Leben verdanke.“, sprach Arcardo voller Stolz. Am liebsten hätte Darion die Augen verdreht, stattdessen setzte er ein sanftes Lächeln auf, nicht zu sehr, er wollte nur nicht wie ein Wintersturm dreinblicken. „Ich dachte,“, begann er, „wir hätten uns darauf geeinigt, dass jeder meine Rolle hätte übernehmen können.“ „Ja, aber die heiligen Geschwister, haben dir die Rolle gewährt und das hast du jetzt davon.“ Darion nickte. Er wusste was jetzt kommen würde. Die umstehenden Männer und Frauen würden ihm nun zahllose Fragen stellen, was er getan hatte, wie er es getan hatte, dann würden sich sich schockiert darüber empören, wie abgrundtief böse ihre Feinde waren, ihn loben und ihm zuprosten und so weiter und so fort. Nun denn, auf in die Schlacht.
Ein pausbackiger, untersetzter Mann mit schütterem Haar, der mehr als einen Kopf kleiner als Darion war, streckte ihm, kaum dass dieser sich der Gruppe zugewandt hatte, eine Hand entgegen, die nur aus Ringen zu bestehen schien. Darion drückte diese kräftig, was dem Mann ein seltsames Geräusch entlockte und Darion konnte ein kurzes Lächeln nicht unterdrücken. „Baron von Skroff. Es ist mir eine Ehre Euch kennen zu lernen, Graf von Malistaer.“ Der Baron lächelte breit und falsch und hatte die ganze Zeit Darions Hand geschüttelt. „Nur Malistaer. Kein 'von'.“ Verbesserte er so höflich er konnte. Der Skroff nickte eifrig. Offenbar war er derjenige, der noch mehr wollte, als bloß von einer Geschichte unterhalten zu werden, sonst würde er sich genau so zurückhalten, wie alle anderen. Oder er war einfach nur ein Narr. „Ja sicher.“, sagte er und gab endlich die Hand frei. „Ihr müsst uns unbedingt erzählen, wie es dazu kam. Wie habt ihr dem ehrenwerten Wahrheitsbringer das Leben gerettet?“ Darion setzte ein bescheidenes Lächeln auf. „Ich rammte dem Elfen, der ihn töten wollte, mein Schwert in den Rücken.“ Eine lange Pause trat ein, während jeder wartete, das noch mehr kam, aber es kam nichts. Sie wollten wissen wie er es getan hatte, so war es passiert. „Das war alles?“, lallte eine Dame, die sichtlich und hörbar, zu viel vom dunkelroten Wein geschlürft hatte. Wie konnte man so früh schon, so unbeherrscht sein? „Im Grunde ja, aber ich weiß ja, dass die Umstände viel interessanter sind, nicht wahr?“ Darion seufzte. „Es war während eines Sturmangriffes.“, begann er und fragte sich, wie oft er das schon erzählt hatte. „Einem Wahrheitsbringer gemäß, ritt Acardo in vorderster Front und ich, als sein armer, hilfloser Knappe, natürlich direkt hinter ihm. Als wir nun auf den Feind prallten, verlor ich, wie zu erwarten, natürlich vollkommen den Überblick, ich wusste kaum wer Freund wer Feind war, in welche Richtung ich nunmehr musste und vor allem wo ER plötzlich hin war. Ich hackte hackte auf jeden ein, der nicht das arcanische weiß trug und plötzlich, ohne das ich einen Grund sah, bäumte sich mein Pferd hoch auf und warf mich ab. Dort wo ich eben noch gesessen hatte, ragte eine Lanze aus meinem Sattel heraus. Benommen blieb ich neben meinem toten Pferd liegen, jeden Moment den Todesstoß erwartend, als die die zweiten Angriffswellen über mich brandeten, ohne dass ich auch nur einen Kratzer davon trug.“ Das war nicht ganz wahr, denn ein Stein, aufgewirbelt von donnernden, tödlichen Pferdehufen hatte ihn am Kopf getroffen, aber verglichen, mit dem was alles hätte passieren können, war es nicht einmal ein Kratzer. Wie immer wenn er diesen Teil berichtete, sprang ein Raunen von Zuhörer zu Zuhörer. „Janus muss seine Hand schützend über Euch gehalten haben.“, sprach ein Mann ehrfürchtig. „Wohl eher seinen ganzen Schild.“
Darion wollte gerade fortfahren und langsam aber sicher auf das Ende zusteuern, als sich jemand sehr markant räusperte. Der Mann war ein schlaksiger Bursche in einem, mit allerlei Zierrat besticktem, dunkelvioletten, beinahe schwarzem Rock. Die Hakennase hielt er hoch in die Luft und sein selbstverliebter Blick streifte die Umstehenden geringschätzig. Sein Haar war mit irgendeinem Öl zurückgekämmt, sah aber sehr seltsam aus. Darion vermutete er hatte es gebleicht oder so etwas. Er hatte seine Frau darüber sprechen hören, ob sie es nicht auch tun sollte, als gute Arcanierin. Asche, Lauge oder der kostspielige Saft der Zitrone seien angebliche Wundermittel. So sah das also aus, wenn ein Mann es falsch machte. Das Haar wirkte bleich, ja, aber nicht blond. Mit arrogantem Lächeln stellte er sich vor Darion. „Nach so einer eindeutig göttlichen Intervention, wäre wohl jeder Mann direkt in den Dienst der Zwei eingetreten. Erst recht der Knappe eines so bekannten Wahrheitsbringers. Schon seltsam, nicht wahr?“ Irgendetwas in seiner Stimme kam Darion seltsam vertraut vor, obwohl er sich sicher war, dieses Widerling noch nie im Leben gesehen zu haben. Um ihn herum veränderte sich die Stimmung, anscheinend erging es nicht bloß ihm so. Selbst Acardo wirkte angespannt. Endlich fiel es ihm ein. So sprach Aelis, wenn sie jemanden auf den Zahn fühlte, wenn jemand die größte Dummheit beging die es gab, scherzhaft oder gar abfällig über die Geschwister zu sprechen. Genau so klang dieser Mann, dieser lauernde, kalte Unterton. Graf Malistaer schaute ihn finster an, richtete sich auf und spannte die Schultern, er hatte sich noch jedem Feind gestellt. „Und wer seid Ihr? Nur ein unbedeutender Wahrheitsbringer oder ein großmäuliger Vollstrecker?“ Die eben noch angeheiterte Dame war schlagartig nüchtern und entfernte sich etwas, Darions alter Mentor sog hörbar Luft ein, der ein oder andere verschluckte sich an seinem Wein und Zorn blitze in den Augen seines Gegenübers aus. Darion ärgerte sich, hatte er doch Aelis im Scherz gewarnt und war nur drauf und dran selbst eine Verhaftung zu provozieren. Zum Glück sprang Acardo für ihn in die Bresche. „Das hier ist Vollstrecker Anginor Lepos.“ „Ein Freund der Familie?“ Acardo schüttelte den Kopf. „Was macht Ihr dann hier?“, fragte Graf Malistaer so streng er wagte. Lepos machte eine lässige Handbewegung und pflückte wie im Flug einen Becher Wein von einem vorbei schwebenden Tablett. „Ihr wisst doch wie Hochzeiten sind. Es wird geschmaust, gelacht, getratscht, getanzt, lamentiert, getrunken und geflüstert und die beiden letztgenannten Dinge kombiniert, wecken natürlich mein berufliches Interesse. Noch Wein?“ Er bot Darion den Becher an, den dieser mit einem Nicken annahm und in einem Zug leerte. „Ich habe nichts zu verbergen.“ Lepos lächeln wurde wieder etwas selbstgerechter. „Sagt das mal nicht zu voreilig. Mit kamen wunderliche Dinge über Euch zu Ohren. Wie ist Eure Meinung zu den Aschesängern doch gleich?“ Der Graf antwortete nicht sofort. Jeder der ihn kannte, wusste um seine Haltung zu diesem Haufen Bauern mit Fackeln. Da machte er keinen Hehl draus, aber hier wollte ihm offenbar ein Vollstrecker eins auswischen. „Jedermann weiß wie ich zu diesen Leuten stehe. Sie sind nichts weiter als ein Haufen fanatischer Selbstgeißler, die ihre Verbrechen rechtfertigen wollen, indem sie sich anmaßen im Namen der Zwei zu handeln.“ Lepos blickte überrascht. „Der zweite Teil war mir neu.“ Das lag daran, dass dieser eben zum ersten Mal gesagt worden war. Für gewöhnlich stoppte Darion bei Selbstgeißler. „Jetzt ist genug!“, donnerte Acardo. „Ihr erlaubt Euch zu viel Vollstrecker! Ich habe diesen Jungen so gut wie großgezogen, meine Nichte heißt in Freund, meine Neffen Kamerad! Glaubt Ihr ernsthaft er könnte sich ketzerische Gedanken leisten? Bei uns? Bei MIR? Verschwindet ehe ich mich vergesse!“ Mit einer beinahe spöttischen Verbeugung schlich sich Lepos wieder zurück in die Menge. Darion entspannte sich wieder und auch Acardo wurde wieder ruhiger. „Was sollte das?“, fragte Darion zögerlich. „Ganz ehrlich? Er wollte nur zeigen wie groß sein Knüppel ist.“, meinte Acardo abfällig. „Verglichen mit deinem oder meinem?“ Darion konnte sich einem leichten Grinsen nicht erwehren. Acardo zuckte mit den Achseln. „Halt dich einfach an Aelis. Sie hat schon so manchen vorlauten Bengel … entwaffnet.“ Damit hatten sich wohl alle Gespräche erübrigt, selbst Baron von Skroff war nicht mehr zu sehen, also entschied sich Darion dafür, wieder nach seiner liebsten Vollstreckerin zu suchen. „Warum habt Ihr nicht gesagt wer ihr seid?“, ertönte es neben ihm und irgendetwas klammerte sich an seinen Arm. Seine Tanzpartnerin von eben hatte ihn eingefangen. Das durfte doch nicht wahr sein, gönnte man ihm denn gar keine Atempause? „Verzeiht bitte. Ich war so auf meine Füße konzentriert.“ Gönnerhaft winkte sie ab. „Über Euch wurde ja vor ein paar Jahren viel geredet.“ „Ach wirklich?“ „Ja, diese Sache mit dieser Rivalität.“ „Ah ja.“ „Hat sich das mittlerweile gelegt?“ „Hat es.“ „Wie habt ihr das geschafft?“ „Ich habe geheiratet.“ Während diesem verbalen hin und her, waren sie durch die Menge geschlendert, in etwa dahin, wo Aelis und der Graf verschwunden waren. „Ihr habt ein Landgut nicht wahr?“ Darion lächelte müde. „In der Tat.“ „Devin auch. Ihr müsst ihn unbedingt kennen lernen. Er ist ja so charmant, intelligent und aufgeschlossen.“ Darion brummte zustimmend. „Ich glaube sogar, dass er beabsichtigt mich zur Frau zu nehmen.“ „So so.“ Darion wollte sterben. Ihm klingelten die Ohren und ein lästiger Schmerz nistete sich hinter seinen Schläfen ein. Wein, er braucht Wein. Branntwein! „Oh seht da ist er ja schon.“ Sie zerrte ihn förmlich zu Aelis und … Devin. Darion war stolz darauf, das er sich den Vornamen gleicht behalten hatte.
Sogleich stellte die junge Frau ihn vor und der Graf machte auch einen ganz netten Eindruck. Auf seinen Blick antwortete Darion mit einem vielsagenden Lächeln und nahm die Einladung auf ein Glas Wein, nur allzu gerne an. „Wieso nur eines?“, fragte er lachend. Es war angenehm, weder über vergangene Schlachten zu sprechen, noch über ihn selbst. Zwar konnte Darion weniger zu den Dingen sagen, die Devin ansprach, aber immerhin. Darion merkte das sein Gesprächspartner weit mehr Ahnung davon hatte, was seine Bauern taten. „Ich gebe zu, ich vertraue den Männern die meine Felder bestellen sehr. Vielleicht zu sehr. Ich verstehe eigentlich wenig von Landwirtschaft. Ich bin in erster Linie Ritter, dann Soldat und dann erst Graf. Aber Ihr wisst wovon Ihr redet, das ist bewundernswert.“ Nachdem sie ihren Wein getrunken und die wichtigsten Höflichkeiten noch ausgetauscht hatten, trennten sich ihre Wege wieder. Wieder allein mit Aelis, warf er einen demonstrativen Blick auf sie und dann Devin. „Er ist weder gefesselt, noch konnte ich sehen, dass er Spuren eines Verhörs hat. Also entweder du wirst weich, nachlässig, faul oder alt oder das Gespräch verfolgte einen anderen Sinn und Zweck. Ich will ja nicht neugierig sein – ach was rede ich da, es gibt nichts was mich mehr interessiert.“ Darion grinste breit. Endlich keine falsche Höflichkeit mehr und er konnte seinen Lachmuskeln eine wohl verdiente Pause gönnen. Ein Vorteil, dass Aelis so unpassend angezogen war, die Leute ließen sie und damit auch ihn, in Ruhe. Sein Grinsen verflüchtigte sich, als er wieder den bleichen Schopf dieses Lepos erspähte, der in der Nähe herumlungerte. „Der schon wieder.“, grummelte er in seinen Bart und wandte sich an Aelis. „Kennst du einen Anginor Lepos? Offenbar kein geladener Gast, aber dennoch hier. Dein Onkel mag ihn nicht mehr. Und ich auch nicht.“ Darion wollte ihr nicht die ganze Geschichte erzählen, sondern bloß die wichtigen Resultate. Sein Blick folgte dem Vollstrecker kurz, bis dieser wieder zwischen den Gästen verschwand. „Ach und wenn du meine Frau siehst sag Bescheid. Die ist spurlos verschwunden.“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 21. Sep 2016 14:37

Aelis war erleichtert, als Devin ihr, ohne scheinbar groß darüber nachzudenken, versicherte, dass er nichts über ihre Begegnung erwähnt hatte, und auch in Zukunft den Mantel des Schweigens darüber breiten würde. Ob es nun an ihrem subtilen Angebot lag, oder ob er einfach Anstand besaß, ungeachtet seines Rufes den er besaß, war natürlich nicht zu sagen. Aber letztendlich war dies auch nicht wichtig. Wichtig war, dass er ihr seine Diskretion versprochen hatte, und mehr wollte die Vollstreckerin auch gar nicht. Sie warf einen flüchtigen Blick auf seine Hand, die er ihr auf die ihre legte. Sie war kalt und feucht, und Aelis war in diesem Moment davon überzeugt, dass er insgeheim doch nicht so selbstsicher war, wie er vorgab zu sein. Schon alleine seine Körperhaltung hatte sie völlig überzogen gefunden, aber vielleicht war dies auch einfach nur das Gebaren eines reichen Schnösels, der die Vorurteile über seine Person durch irgendetwas hatte untermauern müssen. Wahrscheinlich hatte er doch Furcht empfunden, als die Vollstreckerin, gewandet in ihrer Dienstkleidung, ihn zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten hatte, und insgeheim verspürte sie in diesem Augenblick ein wenig Frustration. Denn es gab natürlich Situationen, in denen es sehr von Vorteil war, wenn die Menschen sie fürchteten, aber dann gab es wieder diese Begegnungen, in denen sie sich wünschte, sie wäre nicht mehr als eine götterfürchtige Adelige, welcher die Menschen anders begegneten. Sie konnte sich nie sicher sein, ob die Freundlichkeit, die sie meistens erfuhr, echt oder nur vorgetäuscht war. Schließlich richtete er eine Bitte an sie. Sie sollte ihn nicht Graf Devin nennen, sondern lediglich Devin. Dazu schenkte er ihr ein vereinnahmendes Lächeln, und Aelis erwiderte dieses und nickte. Unausgesprochen blieb, ob dies das „Du-Wort“ miteinschloss. Daher blieb sie bei der unter Adeligen üblichen Form. Schließlich sprach man nur seine Freunde und Geschwister mit ‚Du‘ an. „Gern. Doch dann muss ich darauf bestehen, dass ihr mich auch nicht ‚Aelis von Avalé‘ nennt. Sondern einfach nur Aelis. Oder auch Amelya, wenn euch das lieber ist, Devin.“ Einen kurzen Moment blickten sie sich schweigend an, doch es war keiner dieser unangenehmen Schweigemomente. Dann verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht und sie erhob sich. „Nun, das haben wir das geklärt. Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns wieder unter die Gäste mischen. Zum einen, um keine falschen Verdachte zu erwecken, und zum anderen, da der Tanz sicherlich schon zu Ende ist. Eure Begleiterin wird sich möglicherweise bereits fragen, wo ihr steckt. Und eine Dame von ihrem Ausmaß sollte man nicht durch Unhöflichkeit verärgern. Das kann schlimmer enden, als sich mit einer Vollstreckerin abzugeben“ scherzte sie.

So gingen die beiden wieder zurück in den Festsaal, wo ihnen Darion und Nirva bereits entgegenkamen, als Nirva die beiden ausgemacht hatte. Aufgeregt erzählte sie Devon über Darion, und Aelis verfolgte das Gespräch schweigend mit wachsendem Unbehagen. Wer war sie nur? Ihre Garderobe verriet, dass sie eine betuchte Dame war, ihr gespreiztes Verhalten bezeugte dies ebenso. Aber dass sie sich durch den Besitz von Land derart beeindruckt zeigte, das ging ihr nicht ein. Ein vorbeigehender Diener, der auf einem Tablett wertvolle, geschliffene Gläser mit Wein darin trug, wurde aufgehalten. Zwei Gläser wechselten zu den beiden Herren, auch Nirva sprach dem Wein zu, nur Aelis hob abwehrend ihre Hand. „Oh nein, vielen Dank, ich vertrage keinen Wein…“ erklärte sie, und vermied es, Devin einen Blick zuzuwerfen, welchen sie stattdessen dann auf Darion haftete. Darion wusste es natürlich, dass sie keinen Wein vertrug, aber Devon, der wusste es noch viel besser. Doch Darion wäre nicht Darion, wenn er diese Worte akzeptiert hätte. Mit einem kurzen Vortrag darüber, wo sie sich befanden, und wessen Hochzeit heute begangen wurde, hielt Aelis auch schon kurz danach ebenso ein Weinglas in ihrer Hand. Sie drehte es kurz in ihrer Hand und betrachtete den feinen Musterschliff, die Filigranität und die klare Struktur, die es besaß. Es gab nur ein Volk, das die Kunst der Glasverarbeitung derartig beherrschte, dass sie für den Adel gut genug war. Die Bergelfen. Doch darüber sprach man in den höheren Kreisen von Arcanis nicht. Das Glas war einfach da. Woher es kam, interessierte nicht. Ein wenig gelangweilt hörte sie der Konversation zwischen den dreien zu und schwieg dazu. Nirva war scheinbar ein so neugieriges Ding, dass Aelis befürchtete, die nächste Frage im Kreis würde sich an sie richten, die eine über ihre Arbeit wäre. Aelis würde unhöflich sein müssen und diese Frage übergehen. Das war kein Gesprächsthema für eine Hochzeit, und schon gar keine für eine Frau von Nirvas Niveau. Dahinter stand nur Sensationslust und nicht ehrliches Interesse. Aber den Geschwistern wars gedankt, interessierte sich diese Frau kaum für Aelis, da sie die beiden Herren scheinbar vereinnahmt genug hatte. Und dann verabschiedeten sie sich, und Nirva rauschte eingehängt im Arm ihres Begleiters wieder ab.

Darion und Aelis blieben zurück. Es dauerte nur wenige Wimpernschläge, und Darion hatte mit einem Mal diesen Ausdruck in seinen Augen. Aelis kannte diesen Blick und sie wusste, was nun kommen würde. Zu verübeln war es ihm ja nicht. Sie hatte ihn schließlich geradezu dazu gedrängt, Nirva zum Tanzen aufzufordern, und Aelis hatte die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen und Devin gleich mit sich genommen. Natürlich hegte Darion Gedanken, und seine Neugierde war berechtigt. Aelis hob die Augenbrauen. „Was?“ fragte sie ihn. „Er ist weder gefesselt, noch konnte ich sehen, dass er Spuren eines Verhörs hat. Also entweder du wirst weich, nachlässig, faul oder alt oder das Gespräch verfolgte einen anderen Sinn und Zweck. Ich will ja nicht neugierig sein – ach was rede ich da, es gibt nichts was mich mehr interessiert.“ „Ich bin weder weich geworden, noch nachlässig oder faul. Und alt schon gar nicht im Gegenzug zu dir. Sehe ich da silberne Barthaare? Und als ob ich so etwas auf der Hochzeit meines Bruders machen würde, dazu gibt es doch überhaupt keinen Grund…“ schmunzelte Aelis. „Wir haben uns nur unterhalten. Aber deinem Blick zu entnehmen, glaubst du mir das sowieso nicht, und unter den gegebenen Umständen muss ich leider sagen, dass du Recht hast. Du kennst mich einfach viel zu gut“ seufzte sie theatralisch. „Aber lass uns ein Stück weit gehen, das ist nicht für jedermanns Ohren bestimmt“ erklärte sie hakte sich bei ihm unter, wissend, dass sie damit seine Neugierde umso mehr angestachelt hatte. In einer ruhigen Ecke des Saals, zwischen einem Wandteppich und einem schweren Samtvorhang, blieben sie stehen. „Ich kenne ihn bereits. Du erinnerst dich doch sicherlich an das Fest von Herzog Bartimäus… das war vor… wahrscheinlich acht Monden, ich weiß es nicht mehr genau. Eigentlich hatte ich erwartet, dass du auch dort sein würdest. Nur deswegen bin ich dort hingegangen. Ich liebe ja solche Festivitäten, wie du weißt…“ schwang ein Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme. „Aber einem Herzog erteilt man keine Absage, und du warst nicht da, und somit war ich der Gesellschaft völlig ausgeliefert. Ich kannte nur eine Handvoll dort, und dann habe ich Devin kennengelernt. Natürlich habe ich mich ihm nicht als Aelis von Avalé vorgestellt, sondern nur schlichtweg als Amelya. Wir haben uns recht gut unterhalten, und zusammen Wein getrunken. Nun ja, was soll ich sagen, ich hatte ein, zwei oder drei Gläser Wein zu viel, er vermutlich auch, und irgendwie habe ich mich dazu hinreißen lassen, mit ihm mitzugehen. Zu ihm nachhause. Man hat halt manchmal auch seine Bedürfnisse. Mehr muss ich dir nicht sagen. Und nun, da ich ihn so unerwartet wiedergesehen habe, habe ich die günstige Gelegenheit wahrgenommen und ihn gebeten, darüber Stillschweigen zu bewahren. Und das war alles.“ Natürlich grinste Darion zu dieser Geschichte, während er ihr demonstrativ das Weinglas aus der Hand nahm. Und er wäre nicht ihr bester Freund, wenn er nicht ab und an eine Spitze gegen sie führte. „Sie rechnet mit seinem Antrag.“ Aelis zuckte die Schultern und nahm ihm ihr Weinglas wieder aus der Hand, und trank es in einem Schluck aus. „Ich will ihn ja nicht heiraten, ich wollte nur in sein Bett. Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass er sie nicht als zukünftige Gräfin von Tarrun sieht.“ Nach einigem Geplänkel warf Darion einen Blick hinter sich. „Der schon wieder. Kennst du einen Anginor Lepos? Offenbar kein geladener Gast, aber dennoch hier. Dein Onkel mag ihn nicht mehr. Und ich auch nicht.“ Aelis drehte sich um. Tatsächlich Anginor. Sie runzelte die Stirn als Darion ihr noch von der Begegnung mit ihm erzählte. „Was will der den hier? Den hat Aduan ganz bestimmt nicht eingeladen. Und wenn die Inquisition ihn geschickt hat, glaube mir, dann wüsste ich davon. Zumal sie dann mich geschickt hätten, da ich ohnehin zur Familie gehöre. Ja, ich kenne ihn. Ein unangenehmer Zeitgenosse. Er ist das Sinnbild eines arcanischen Vollstreckers. Wegen Solchen wie ihm haben wir Vollstrecker diesen Ruf. Außerdem hat er krankhaftes Vergnügen mit seiner Arbeit. Ein gefährlicher Mensch, halte dich lieber von ihm fern, das tue ich auch… Oh, da ist Onkel Arcado, ich habe ihn noch gar nicht begrüßt…“ wechselte sie das Thema als sie ihren Onkel herzhaft auflachen sah. „Darion, ich habe dich sehr vermisst. Versprich mir, dass wir uns in Zukunft öfter sehen, als nur zufällig auf Hochzeiten…“ sagte sie und drückte seinen Arm. Er nickte. „Ach und wenn du meine Frau siehst sag Bescheid. Die ist spurlos verschwunden.“ auch Aelis nickte. Dann wandte sie sich um und steuerte auf ihren Onkel zu.

Der Höhepunkt des Festes, ein Feuerwerk um Mitternacht im verschneiten weitläufigen Burghof, wurde überschattet. Estelle, die neue Erbgräfin von Avalé, war verschwunden. Anfangs hatte man sich noch keinen Kopf darüber zerbrochen. Es gab so viele Gäste auf der Feier, und jeder hatte sie in regelmäßigen Abständen gesehen, so dass sich die Spur zu ihr erst zu später Stunde verwischte und sich schließlich ins Nichts auflöste. Um aber die Gäste nicht zu beunruhigen, hatte man das Feuerwerk dennoch pünktlich um Mitternacht gezündet. Gleichzeitig aber war aber eine Truppe ausgezogen, um sie zu suchen, was sich im Dunklen als äußerst schwierig erwies. Aelis mochte Feuerwerke, jedoch lieber zu einer anderen Jahreszeit. Sie hatte schließlich ihren Mantel vergessen, und so stand sie, nur mit ihrem Klappenrock bekleidet im Schnee und hatte die Hände unter die Achseln gesteckt, den Kopf im Nacken. Zwischen den „Ooohs“ und „Aaahs“ der Schaulustigen dachte sie über Estelles Verbleib nach. Wo konnte sie nur stecken? Es gab keinen Grund, sich in diese Kälte zu schleichen, ohne jemandem ein Wort darüber zu sagen, also, schlussfolgerte sie, war es sinnlos, das Gelände um die Burg abzusuchen. Ob ihr was passiert war? Aber wo, und vor allem, wie? Sie verlor urplötzlich die Lust an diesem Schauspiel, außerdem fror sie erbärmlich, und so stapfte sie durch den Schnee zurück in die Burg, um ihren Bruder aufzusuchen, vielleicht konnte sie ihm ihre Hilfe anbieten. Aduan war besorgt, was natürlich niemanden überraschte. Unruhig schritt er auf und ab, nur im Beisein seiner Eltern, die auf ihn einredeten, und vermutlich alles nur schlimmer machten. Aelis zögerte. Auf ihre Eltern hatte sie jetzt keine Lust, sie konnte sich schon denken, was sie darüber zu sagen hatte, wie sie hier aufgekreuzt war. Daher wandte sie sich kurzerhand in der Türe um, noch ehe sie jemand gesehen hatte. Die Burg besaß einige Räumlichkeiten, die für Gäste, die eine weite Reise angetreten hatten, vorgesehen war. Eine lange Anreise hatte sie zwar nicht hinter sich, doch als nahes Familienmitglied hatte Aduan freilich auch für sie ein Zimmer angedacht. Von einem Diener, der mit der Burg besser vertraut war, als Aelis, ließ sie sich zu ihrem Gemach führen. Ihr Bruder hatte wohl an alles gedacht. Das Zimmer war bereits vorgeheizt, auf einem edel geschnitzten Beistelltischchen stand eine Karaffe, ein Becher, und eine Schale mit Süßigkeiten, auf dem Bett lag ein Nachtgewand und Wollsocken, wofür sie ausgesprochen dankbar war, da sie nichts mitgenommen hatte, und auf einem Waschtisch befand sich ein Krug mit Wasser, ein Tuch ein Hornkamm und ein Stück Seife. Es war weitaus mehr, als Aelis erwartet hatte. Sie nahm ihren Gürtel mit all ihrer Habe ab, legte ihn sorgsam auf den Tisch, und zog sich dann schließlich auch Klappenrock, Tunika, Stiefel, Hose und Beinlinge aus und schlüpfte in das Nachtgewand. Die Karaffe, in die sie prüfend ihre Nase steckte, beherbergte Rotwein, und, da sie sowieso alleine war, beschloss sie, einen Becher davon zu trinken. Sie setzte auf das Bärenfell vor dem Kamin und genoss die Wärme des Feuers, und irgendwie auch die Leichtigkeit dieses Abends, die das genaue Gegenteil vom doch recht harten Leben in der Silberzitadelle war. Vollstreckerin zu sein war eben kein Honiglecken, aber nur die wenigsten wussten das...
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Do, 22. Sep 2016 18:53

Der Rest des Abends verlief aus Devins Sicht vollkommen unspektakulär. Aelis hatte ihm einen gehörigen Schreck eingejagt, aber seine Besorgnis war umsonst gewesen. Daher entspannte sich Devin nun und warf der Vollstreckerin nur noch hin und wieder einen kurzen Blick zu, wenn sie in der Nähe war. Ihm war immer noch unbegreiflich, wie eine Frau so unterschiedliche Facetten besitzen konnte. Einerseits nett, durchaus sympathisch und geradezu harmlos wirkend, andererseits eine kaltblütige Vollstreckerin. Die Vorstellung von dem, was sie zweifelsohne tat, passte nicht zu der Frau, die er damals auf Bartimäus´ Fest kennengelernt hatte und im Grunde nicht einmal zu der Frau, mit der er soeben noch gesprochen hatte. Dieser Widerspruch ging einfach nicht in seinen Kopf. Aber es machte keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken. Devin wischte den Gedanken an Aelis beiseite und genoss stattdessen den weiteren Abend. Er tanzte, trank und führte interessante Gespräche, denn Devin war durchaus neugierig, mehr über die Familie zu erfahren, bei der er heute zu Gast war. Eine Dame mittleren Alters gab ihm bereitwillig Auskunft. So erfuhr er auch einiges über Darion. Das Ganze fügte sich zu einem stimmigen Bild zusammen, obwohl er nichts Genaues über Darions zurückliegende Probleme erfuhr. Devin fragte sich allerdings, ob oder wie oft Aelis ihrem guten Freund Darion schon aus der Klemme geholfen hatte, wenn dieser in Schwierigkeiten geraten war. Wie rein war Aelis´ Weste wirklich? Und wie weit würde sie wohl gehen, wenn ein Freund um einen echten Gefallen bat? Devin selber rechnete kaum damit, darauf je eine Antwort zu bekommen. Er gehörte nicht zum Kreis der Freunde. Und zur Familie erst Recht nicht. Im Grunde schuldete Aelis ihm gar nichts, denn das, was Devin mit Aelis verband, konnte allenfalls an ihrem Ruf kratzen, hatte aber nicht das Potential, sie in ernste Schwierigkeiten zu bringen. Damit blieb sie für Devin gefährlich. Ein falsches Wort in Gegenwart eines Vollstreckers und selbst jemand in Devins Stellung mit all dem Geld und den Beziehungen musste sich gehörig winden, um den Kopf wieder aus der Schlinge zu ziehen. Die heiligen Geschwister konnten unbarmherzig sein. Devin hatte das zur Genüge beobachten können und hatte nicht vor, dem Beispiel unzähliger Gestrauchelter zu folgen. Devin schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Nirva zu, die an ihrem Kleid herum nestelte als wollte sie überprüfen, ob ihre formvollendeten Brüste noch da waren. Waren sie. Wohin sollten sie auch verschwunden sein. Devin seufzte leicht und schaute über die Menge. Am morgigen Tag würde er mit Nirva wieder abreisen und dieses Fest als eines von vielen bald in Vergessenheit geraten.

Wie die anderen Gäste traten Devin und Nirva um Mitternacht nach draußen in den Burghof, um das Feuerwerk zu betrachten. Weil Nirva aber fror und an seinem Arm herum zappelte, begab sich das Paar schnell wieder nach drinnen. Von der Aufregung um die verschwundene Braut bekamen Devin und Nirva nur am Rande etwas mit, als sie sich kurz darauf in die ihnen zugewiesenen Räume zurückzuziehen wollten. Der Höflichkeit halber wollten sie sich zuvor vom Brautpaar verabschieden. Weil aber weder Braut noch Bräutigam auffindbar waren, ließen sich Devin und Nirva zu ihren Zimmern führen. Natürlich waren es getrennte Räume. Der Anstand gebot dies, denn das Paar war weder verheiratet noch einander versprochen. Es stand zwar außer Frage, dass Devin Nirva später noch einen Besuch abstatten würde. Vorerst folgte er aber dem Diener in sein eigenes Zimmer. Als sich die Tür hinter ihm schloss, genoss er die himmlische Ruhe, die ihn umgab. Bis er eine Bewegung im Raum ausmachte und erschrocken den Kopf in die Richtung bewegte. „Varon!“ rief er und entspannte sich sogleich wieder. „Du erschreckst mich eines Tages noch zu Tode. Was tust du hier? Ich war der Ansicht, dass ich dir für heute Abend frei gegeben hatte.“ Devin sah Varon fragend an und ging dann zielstrebig auf die Flasche Weinbrand zu, die netterweise in seinem Zimmer bereit stand. Er goss zwei Gläser ein und reichte eines seinem Leibwächter, der zögerlich näher kam und den großzügigen, sehr geschmackvoll eingerichteten Raum kritisch beäugte. Varon war im Dienstbotentrakt untergebracht und teilte sich ein Zimmer mit drei anderen.
„Mir gefällt es hier nicht“, murmelte Varon und nippte nur an seinem Glas. „ Hast du gesehen, wer alles hier ist? Anginor Lepos und Aelis von Avale. Außerdem munkelt man etwas von Personen, die plötzlich verschwunden sind.“ Devin hob interessiert eine Braue an. „Ja…Aelis bin ich begegnet. Sie wollte mit mir sprechen. Aber es war ein harmloses Gespräch“, beeilte sich Devin zu sagen, als er Varons alarmierten Blick sah. „Trotzdem teile ich doch immer mehr deine Ansicht, was unseren Plan B angeht“, fügte Devin hinzu und Varon nickte zustimmend. Die beiden Männer schwiegen daraufhin eine Weile. Devin half gelegentlich Verfolgten, die in Schwierigkeiten waren, außer Landes zu kommen. Der Plan sah vor, ihn eines Tages selber aus Arcanis zu bringen, falls er in ernste Schwierigkeiten geriet. Doch dafür bedurfte es langwieriger Vorbereitungen, denn Devin hatte keinesfalls die Absicht, völlig mittellos zu verschwinden. Es sollte vorab Geld nach Merridia transferiert werden, damit Devin im Notfall unter falschem Namen dort ein neues Leben beginnen konnte, das seinen Ansprüchen wenigstens teilweise gerecht wurde. Bisher waren das alles nur unausgereifte Pläne. Devin hatte sich bisher geweigert, sie konkreter werden zu lassen. Doch mittlerweile war er zu der Ansicht gelangt, dass ein Notfallplan durchaus Sinn machte und man die ersten Schritte dazu ruhig einleiten könnte.
„Verschwundene Personen, hm? Nun, ich nehme nicht an, dass sie es auf Nirva abgesehen haben“, meinte Devin mit einer Spur Bedauern in der Stimme und stellte sein Glas unbenutzt zur Seite. „Ich werde trotzdem nach ihr sehen, ob alles in Ordnung ist“, sagte er und erntete von Varon nur ein Kopfschütteln.
„Ich bleibe hier und warte auf dich. Zu deiner Sicherheit!“, sagte Varon entschlossen und ließ sich bereits auf dem Sofa nieder, das zwar sehr bequem aber viel zu kurz für den riesigen Leibwächter war. Devin schnappte sich noch eine Flasche Schaumwein und machte sich auf den Weg durch die verwinkelten Flure hin zu Nirvas Zimmer. Unverheiratete Frauen hatte man im Westflügel untergebracht. Ausgerechnet Aelis von Avale begegnete er auf dem Weg dorthin. Aber er war zu weit hinter ihr in sicherer Entfernung, so dass sie ihn nicht sah. Devin blieb stehen und wartete, bis sie hinter einer der Türen verschwunden war. Dann setzte er seinen Weg fort und klopfte schließlich an Nirvas Tür. Sie hatte ihn natürlich erwartet. Aber der restliche Abend sollte nicht so harmonisch enden, wie Devin erhofft hatte. Nirva sparte nicht mit Anspielungen darauf, wie gerne sie doch selber eines Tages heiraten würde. Anfangs waren es geschickte kleine Äußerungen, nachdem sie sich in seine Arme geworfen hatte und ihn mit großen Augen ansah. Doch selbst als sie zusammen auf dem Bett lagen und bereits auf Tuchfühlung waren, ließ Nirva von dem Thema noch immer nicht ab. Im Gegenteil. Sie wurde konkreter und ließ gar nicht mehr locker. Devin geriet immer mehr in Bedrängnis. Schließlich fragte Nirva ihn mit tränenerstickter Stimme, ob er sie denn überhaupt liebe und jemals heiraten wollte. Devin zögerte mit seiner Antwort wohl zu lange. Jedenfalls flog bereits ein Glas an ihm vorbei, bevor er endlich zu einer Antwort ansetzen konnte und Nirva schimpfte und fluchte noch, als Devin längst das Weite gesucht hatte und draußen auf dem Flur stand. Leicht derangiert mit zerzaustem Haar und halboffenem Hemd, das er sich fahrig zurück in die Hose stopfte, spähte er in den nur schwach beleuchteten Flur. Irgendwo nicht weit weg hörte er, wie eine andere Tür geschlossen wurde und als er um die Ecke bog, huschte eine Gestalt davon. Anscheinend ging es im Trakt der unverheirateten Frauen nicht ganz so schicklich zu wie erwünscht. Devin fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Was für ein beschissener Abend das doch letztlich geworden war. Leise fluchend bewegte er sich durch den Flur, um zurück in sein Zimmer zu gelangen.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Mi, 28. Sep 2016 16:03

„Ich wäre erleichtert wenn es nur ein paar Barthaare sind.“, lachte Darion. „Wärst du an meiner statt, wärst du grau und faltig.“ Obwohl Darion bloß scherzte, kam ihm der Gedanke, wie viel Wahres dahinter lag. Er wollte ihr nicht unterstellen, dass sie ein leichtes Leben hätte, dafür wusste er zu wenig und dennoch genug über die Pflichten und Entbehrungen, die ein Leben im Dienste der Zwei mit sich brachte. Nein, es war gewiss kein einfaches und sorgenfreies Leben. Aber wenn er sich so umsah, fühlte er sich mehr und mehr bestätigt, dass das Leben in der Hauptstadt, nicht mit dem Leben auf seinem Gut zu vergleichen war. Wie seine Standesgenossen sich hier aufplusterten wie die Gockel, vor einander angeben wollten und dergleichen, ging ihm nicht in den Kopf. Sicher, es ging hier nur allzu oft um das eigene Ego und wann immer es um so etwas ging, brauchte man keinen Sinn in gewissen Taten zu suchen, aber dennoch. Darion war auch ein stolzer Mann, aber sich derart zu Verkleiden, käme ihm nie in den Sinn. Die Garderobe die für seine Frau und sich hatte anfertigen lassen, war eine absolute Ausnahme gewesen, ein Luxus, den er sich das letzte Mal an seiner eigenen Hochzeit gegönnt hatte. Umso angenehmer war es, dass es noch jemanden gab, dem feine Kleider nicht so wichtig waren. „Wir haben uns nur unterhalten.“, sagte Aelis. Skeptisch blickte Darion sie an und sie lenkte sofort ein. Ja er kannte sie gut, ebenso, wie sie ihn, was wohl auch der Grund war, weshalb sie ihn lieber auf die Folter spannte, statt einfach mit der Sprache herauszurücken. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, blieb sie stehen, gab seinen Arm wieder frei und begann ihre Erzählung über das Fest dieses Herzogs. Sie sprach so als müsste Darion sich an diesen Herrn erinnern, aber egal wie sehr er es versuchte, er hatte keinen Schimmer wer Bartimäus war. Die Einladung hatte er bekommen, das wusste er noch, aber nicht mehr warum er nicht da gewesen war. Vermutlich hatte er zu viel zu tun gehabt. „Aber einem Herzog erteilt man keine Absage, und du warst nicht da, und somit war ich der Gesellschaft völlig ausgeliefert.“ Darion kam sich vor, als würde sie ihm einen Vorwurf machen, als wäre es seine Schuld, dass sie Devin kennengelernt hatte. „Eine von Avalé vielleicht nicht, von einem Malistaer erwartet man es beinahe. Wir aus dem Westen sind da rustikaler, als ihr aus dem Osten.“, belehrte er sie. „Aber bitte, nur weiter.“ Darion war durchaus überrascht, über die Andeutungen die sie machte. So kannte er sie eigentlich nicht, aber bei drei Gläsern oder mehr zu viel, waren schon bei vielen Leuten andere Seiten zum Vorschein gekommen. Dennoch konnte er nicht anders, mit breitem Grinsen nahm er ihr das Glas ab. „Das nehme dann wohl besser ich.“ So etwas, konnte sich nicht jeder bei einer Vollstreckerin erlauben und das erfüllte ihn ein wenig mit Stolz. Selbst wenn sie es ihm kurz darauf wieder abnahm und leerte. „Ich will ihn ja nicht heiraten, ich wollte nur in sein Bett. Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass er sie nicht als zukünftige Gräfin von Tarrun sieht.“ Darion nickte zustimmend. „Kann ich verstehen. Sowohl das selbst eine Dienerin der Zwei ab und zu etwas … ungezwungen sein will, als auch dass kein Mann bei verstand sich so jemanden ein Leben lang anhängen möchte. Obwohl sie durchaus überzeugende Argumente hat, aber das sind Gedanken für unverheiratete Männer.“ Er grinste schelmisch, dieses Grinsen verschwand jedoch schnell wieder, als sie ihm von Lepos berichtete. Auf ihn machte er zwar keinen bedrohlichen Eindruck, aber Aelis musste es besser wissen. Außerdem musste man kein besonders talentierter Kämpfer sein, um Informationen aus Menschen heraus zu pressen, bloß unnachgiebig oder, wie Aelis andeutete, sadistisch genug. „Ganz ehrlich, ich reiße mich nicht darum, dem Kerl nochmals über den Weg zu laufen.“ Gewiss nicht. „Darion, ich habe dich sehr vermisst. Versprich mir, dass wir uns in Zukunft öfter sehen, als nur zufällig auf Hochzeiten…“ Er nickte. „Vielleicht müssen einfach nur mehr Leute heiraten.“, meinte er lächelt und warf ihr einen eindeutigen, vielsagenden Blick zu.

Darion gefiel der Platz am Rande ziemlich gut. Kein Mensch scherte sich um ihn, kam auf ihn zu, ja, würdigte ihn auch nur eines Blickes. Es war schlicht weg erholsam. So konnte er auch viel besser die Menge nach seiner Frau absuchen, die weiterhin nicht zu sehen war. Langsam machte er sich Sorgen, zwar glaubte er nicht, ihr könnte etwas passiert sein, aber ihre Beziehung war kompliziert und er war zwar kein eitler Gockel, aber ihm wäre es doch sehr lieb, der einzige Hahn in Lerias Korb zu sein. Er war so konzentriert, dass er sich, als Aduan ihm eine Hand auf die Schulter legte, so sehr erschrak, dass er seinen teuren Rockärmel in Wein tränkte. „Hab ich dich erschreckt?“, fragte der Bräutigam grinsend, aber Darion winkte lässig ab. „Nur zu Tode. Was möchtest du?“ „Du stehst hier so verloren, ich wollte nur sicher gehen das es dir gut geht. Könnte ja sein, dass du einen über den Durst getrunken hast und nun nur noch mit Mühe stehen kannst.“ Darion blickte ihn skeptisch an. „Als ob ich mir auf DEINER Hochzeit so eine Blöße geben würde, wo doch du und Aelis hier sind. Mein Leben wäre verwirkt. Ihr würdet meinen Enkelkindern noch von dieser Schmach berichten.“ Aduan hob abwehrend die Hände. „Du hast mich überzeugt. Eigentlich wollte ich nur ein wenig plaudern. Wir hatten noch kaum Gelegenheit. Was macht die Familie?“ Darion schnaufte höhnisch auf. „Welchen Teil meinst du? Den toten Teil, den Teil, den ich gerne tot sehen würde oder den Teil, der mich gerne tot hätte?“ Er schaute ihn fragend an und Aduan zuckte mit den Schultern. „Da die Toten tot sind, würde ich mich mit den anderen Beiden zufrieden geben.“ Darion lächelte grimmig, aber nickte. „Nun mein Onkel ist immer noch ein Säufer, im Bauch meiner Kusine wächst der zweite Bastard heran und mein Vetter geißelt sich immer noch im Namen der Zwei selbst. Also alles beim Alten.“ Aduan schüttelte den Kopf. „Irgendwann musst du dich mit deinem Onkel vertragen.“ „Muss ich das? Ich denke nicht. Ich habe genug Probleme.“ „Ah, der mörderische dritte Teil der Familie?“ Darion nickte bekräftigend. „Der Teil rund um meine Frau, sie mit eingeschlossen.“ Aduan lachte. „Mach mir keine Angst, ich habe heute erst geheiratet!“ „Lebt ihr Vater noch? Dann hast du nichts zu befürchten.“ Aduans Miene wurde erst und er beugte sich etwas näher zu Darion. „Ja, die Gerüchte habe ich auch gehört.“ Darion schob ihn auf Armeslänge zurück. „Gerüchte, nichts weiter.“, sagte er streng und machte deutlich, dass dieses Thema nicht mehr zur Sprache kommen würde. „Wo wir schon dabei sind. Hast du Leria gesehen?“ Er nickte und deutete mit seiner Hand irgendwo hin. „Ja sie ist da mit meiner … ich meine sie war da mit meiner Frau. Keine Ahnung wo die Beiden hin sind. Frauen eben.“ Darion brummte zustimmend. „Frauen eben.“

„Estelle!“, rief Darion in die Schwärze der Nacht hinein. Der Mond spendete nur unzureichend Licht und auch wenn er Schnee silbrig schimmerte, konnte man nicht allzu weit sehen. Sein Atem bildete Wolken vor ihm und er war dankbar für das Bisschen Wärme, das die Fackel ihm gewährte. Als das Fest sich mit schnellen Schritten dem großen Finale genähert hatte, war leichte Nervosität rund um den Bräutigam, ob des Fehlens der Braut, ausgebrochen. Das sie nicht ständig präsent war, war kein Problem, aber spätestens jetzt sollte sie doch wieder auftauchen. Auch Darion hatte die gehetzten Diener und die hektischen Blicke bemerkt und gefragt was los sei. Kurz darauf hatte er damit begonnen die Zimmer zu inspizieren, zusammen mit einem Dutzend Bediensteter. In zwei Zimmer erwischte er unverheiratete Paare in flagranti und nachdem er sich vergewissert hatte, dass es weder die Braut noch seine, immer noch verschwundene, Gattin war, verließ er die Räumlichkeiten wortlos. Auch sein Gemach war leer, bis auf die beiden Hunde, die er prompt in die Suche einband. Eigentlich waren sie darauf abgerichtet ganz andere Personen, mit ganz anderen Endresultaten zu finden, aber er war ja dabei, also sollte nichts passieren. Nachdem man sich sicher war, dass Estelle nicht innerhalb der Burg war, schwärmten die Suchenden aus, um die nähere Umgebung zu untersuchen. Darion hatte um einen Gegenstand der Braut gebeten und nahm mit einem Haarband vorlieb.
„Estelle! Antworte, wenn du mich hörst!“ Einer seiner Hunde lief ganz nahe bei ihm. Fria war mit ihren sechs Jahren schon eine alte Dame und Darion hatte sie erst mit einer Hand voll gebratenem Fleisch überzeugen müssen, hinaus in die Kälte zu gehen. Ihr sah er es nach, denn sie würde ihre letzten zwei, vielleicht sogar drei Jahre schon bald im verdienten Ruhestand verbringen, wenn ihr Spross Udin, der mehr durch den Schnee tollte, als ernsthaft zu suchen, endlich fertig mit seiner Ausbildung war und Darion die Zeit und Nerven für einen dritten Hund aufbrachte. „Udin! Such verdammt!“, tadelte Darion den Hund. Er war kein Welpe mehr, hatte aber immer noch mehr Flausen im Kopf, als gut für ihn war. Nichtsdestotrotz konnte er schon auf Kommando zubeißen. Das lernten sie alle sehr schnell, musste wohl in ihrem Blut liegen. Udin vergrub seine Schnauze im Schnee und begann zu schnüffeln. Er huschte umher, die Rute hoch erhoben, blieb immer wieder stehen und blickte schon beinahe verwirrt zu Darion. Dann fing auch Fria an zu unruhig umher zu laufen, was eigentlich ungewöhnlich war. Plötzlich fing sie an zu bellen und rannte in eine Richtung davon. Darion hatte es schwer hinterher zu kommen und als dann auch noch sein anderer Hund die Fährte aufnahm und ebenfalls bellend fortlief...
Beide Hunde blieben bei jemandem stehen, der auf dem kalten Boden lag. Darion stockte der Atem. Da lag nicht Estelle, sondern seine Leria. Er warf sich förmlich neben sie, legte ihr das Ohr auf die Brust und horchte nach Herzschlag, aber das einzige was er hörte, war das Hämmern seines eigenen Herzens. Aber er spürte ihren Atem im Nacken, nur schwach, aber er war mehr als dankbar für dieses Lebenszeichen. Sofort zog er seinen Umhang aus und legte ihn über seine Frau. Sie war leichenblass und kalt. Ganz vorsichtig hob er sie hoch, denn er wusste um ein Phänomen, das die Bauern auf seinem Hof 'Kälteruck' nannten. Grob gesagt, wenn man den Körper zu heftig bewegte, verreckte die Person einfach. Schwer atmend trug er sie zurück in die Burg und war sehr dankbar, für das Feuerwerk, denn es schützte ihn vor neugierigen Blicken. Vergessen war die fehlende Braut, vergessen waren die Gäste. Er brachte sie in den kleinen Nebenraum, indem Aduan und seine Eltern waren. Es tat ihm leid, als er den kurzen Hoffnungsschimmer in Aduans Augen sah, aber daran konnte er jetzt nichts ändern. „Holt etwas zu trinken. Aber keinen Wein! Am besten etwas warmes.“, befahl Darion, ohne sich speziell an irgendwen zu wenden. Vorsichtig legte er sie etwas abseits der Feuerstelle, es konnte nicht gut sein, vom Eis ans Feuer zu kommen. Er horchte nochmals ob sie noch atmete. Ja tat sie. Ihr Kleid war etwas feucht vom Schnee, also begann er behutsam damit, den Stoff an den Seiten aufzuschneiden. Zum Glück hatte er seinen Dolch immer am Mann. Ganz egal wie teuer das Kleid gewesen war. Wenn sie sich darüber aufregte, würde er ihr, ganz egal wie gern er sie hatte, eine verpassen. Nach und nach sickerten kleinere Einzelheiten zu ihm durch, die ihn einerseits beruhigten, andererseits aber genau das Gegenteil bewirkten. Ihre Kleidung war feucht, nicht vereist oder dergleichen, also konnte sie nicht allzu lange dort gelegen haben, was ihn ungemein beruhigte, aber die gerötete Stelle an der Wange, die schon anfing leicht ins Violette überzugehen, verwirrte ihn. So was kam nicht von der Kälte. Während er ihr das Kleid auszog, wunderte er sich wo das Getränk blieb. „Wo zum...“, begann er wütend, als er bemerkte das ein Diener schon da stand, etwa fünf Schritt entfernt und sich nicht traute näher zu kommen, weil seine Hunde brummend hinter ihm standen. „Platz!“, donnerte er und als die Hunde am Boden lagen, kam er Diener zögerlich näher. Er reichte Darion einen Becher mit warmen, leicht dampfendem Inhalt. Darion roch daran, wohl irgendein Kräutergemisch. Er nippte kurz, beschloss das es nicht zu heiß war und setzte es Leria an die Lippen. Er hob ihren Kopf und kippte kleine Schlucke in ihren Mund. „Wo war sie?“ Es war Aduan und Darion blickte ihn etwas wehmütig an. „Irgendwo Außerhalb.“, antwortete er. „Tut mir leid, aber ich habe nicht auf Spuren oder dergleichen geachtet, aber ich bin mir sicher, dort war niemand sonst.“ Sein Freund nickte abwesend und fuhr dann damit fort, unruhig umher zulaufen.

Am nächsten Morgen erwachte Darion allein in dem Raum, in den er Leria gebracht hatte. Er lag auf dem Boden und jemand hatte eine Decke über ihn gelegt. Das letzte was er noch wusste, war das er sich neben seine Frau gesetzt hatte und mehr oder weniger über sie gewacht hatte. Die Nacht auf dem Boden forderte ihren Tribut, denn Darion war mehr als nur ungelenk, als er sich erhob. Seine Gelenke knackten, wie die eines alten Mannes und er musste sich erst einmal richtig strecken. Er verließ den Raum und erkannte, dass man alles in die große Festhalle verlagert hatte. Einige Gäste die über Nacht geblieben waren saßen bereits beim Essen. Er entdeckte die junge Dame von Gestern, Nirva, so war ihr Name und winkte ihr freundlich zu. Sie machte irgendeine theatralische Geste um zu zeigen, dass bei ihr nicht alles in Ordnung war, aber das interessierte ihn in diesem Moment nicht einmal annähernd. Darion hielt einen Diener an, bestellte ein wenig Brot und Schinken und fragte, ob er den Gastgeber gesehen hatte. Der Diener nickte über seine Schulter. Aduan saß abseits. Er sah schlichtweg schrecklich aus und Darion bezweifelte, dass er geschlafen hatte. An seiner Stelle, hätte er es wohl auch nicht gekonnt und ihn wunderte sich überhaupt, dass er hatte schlafen können. Er drückte seinem Freund kurz die Schulter, was hätte er schon sagen können? Nahe einer Feuerstelle sah er Leria sitzen, die appetitlos eine Suppe löffelte, zu ihren Füßen lagen die Hunde. Da waren sie also, er hatte sich gewundert, wieso sie ihn alleine gelassen hatten. Das kam sonst nie vor. Darion setzte sich ihr gegenüber und sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. Das war alles was er brauchte. Das in ihrem Gesicht, was Gestern noch etwas unscheinbar ausgesehen hatte, war zu einem gut sichtbaren Bluterguss geworden. „Wenn ich den erwische...“
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Do, 29. Sep 2016 21:06

Als Aelis am nächsten Morgen erwachte, war das Feuer erloschen, und die Glut glomm nur noch schwach in der Feuerstelle. Der Raum war durch die dicken Steinmauern, und durch den Umstand, dass Winter herrschte, eiskalt, und Aelis beäugte verschlafen aus dem Bett die Feuerstelle und überlegte, ob es Sinn machte, das Feuer noch anzuheizen oder ob sie sich gleich ankleiden und in den Rittersaal gehen sollte, wo gestern die Hochzeit stattgefunden hatte. Die Vollstreckerin entschied sich für beide Möglichkeiten, und stieg schließlich aus dem Bett, von wo aus sie zur Feuerstelle huschte, und ein kleines Holzscheit in die geschürte Glut legte, bis es Feuer gefangen hatte. Als schließlich ein heimeliges wärmendes Feuer brannte, wusch sie sich mit ebenso eiskaltem Wasser und zog sich anschließend an. Ihre Gedanken galten Aduan und Estelle. Ganz sicherlich war sie wieder aufgetaucht, denn man hätte sie ganz gewiss benachrichtigt, wenn etwas nicht in Ordnung wäre. Während sie sich ankleidete, fiel ihr Blick zur Türe. Vor der Türe lag ein zusammengefaltetes Pergament, welches jemand unter dem Türschlitz durchgeschoben haben musste. Verwundert hielt sie inne und ging halb bekleidet zu der Türe und hob den Brief auf. Er war mit ‚Aelis von Avalé‘ versehen, in gestochen feiner Handschrift und mit Siegelwachs verschlossen, worin allerdings kein Siegel gedrückt worden war. Das machte sie ein wenig stutzig, und neugierig brach sie das Siegel und entfaltete das Schriftstück.
Aelis von Avalé,

ich habe etwas, das zu euch gehört. In den Verließen der Silberzitadelle fristet ein Mann sein Dasein, den ich lieber in Freiheit sähe. Eure reizende Schwägerin bleibt in meinem Gewahrsam, bis ihr Kollo Strumberg unverzüglich habt laufen lassen. Führt ihn heute Nacht auf den Marktplatz, damit ist eure Pflicht getan. Treibt keine falschen Spiele, sonst wird Aduan von Avalé Witwer, noch bevor er seine Ehe vollziehen konnte.
Ungläubig und mit wachsendem Unbehagen flogen Aelis‘ graugrüne Augen über die Zeilen. Erst, als sie den Brief dreimal gelesen hatte, ließ sie ihn sinken und starrte fassungslos ins Nichts. „Janus und Idalia… Steht mir bei…“ flüsterte sie. Estelle befand sich also in den Fängen irgendwelcher Unbekannter, die sie erpressten? Sie? Was hatte sie damit zu schaffen? Nun, sie war eine Vollstreckerin, und sie konnte in der Silberzitadelle beinahe überall ein- und ausgehen. Aber warum sie? Warum nicht jemand anderer? Wie konnte sie einen Gefangenen aus dem Verließ entkommen lassen? Es gab schon einen berechtigten Grund, warum er im Kerker saß. Und wer war dieser Unbekannte, der eine solch unglaubliche Forderung an sie stellte? Was sollte sie tun? Mit Onkel Acardo sprechen? Es war riskant. Sicherlich bedeutete ihm die Familie alles. Aber er war auch ein Wahrheitsbringer. Konnte sie mit Sicherheit sagen, dass er auf der Seite der Familie stehen würde, und dies nicht als Prüfung der Geschwister befinden würde? Sie schluckte den Kloß herunter, der ihr im Hals zu stecken schien und steckte den Brief in die Innentasche ihres Klappenrocks und zog sich eilig fertig an. Während sie den Gang entlang lief, betete sie zu den Geschwistern, dass Darion noch hier sein möge. Niemandem sonst konnte sie sich anvertrauen. Als sie den Rittersaal betrat, ließ sie ihre Augen suchend durch den Raum schweifen, bis sie Darion ausgemacht hatte. Er saß bei seiner Frau, welche ihr mit dem Rücken zugewandt auf der anderen Seite der Tafel saß. Die Gäste hatten sich an den Anblick der Vollstreckerin, deren Besuch auf dieser Hochzeit harmlos zu sein schien, gewöhnt, so dass sich kaum jemand an ihrem Anblick störte. Mit anteilnahmslosen Gesicht durchschritt sie den Saal, grüßte jeden der sie direkt anblickte oder ihr zunickte, ohne zu Lächeln. Sie entdeckte auch Nirva, die blass und mit einer Leichenbittermiene zu Tische saß, aber Devin war nicht zugegen. Aelis ließ sich neben Darion nieder. Doch als sie Lerias Gesicht sah, weitete sie unwillkürlich und entsetzt die Augen. Eine unschöne dunkle Schwellung verunstaltete ihr sonst so hübsches Gesicht. Aaelis‘ Blick wanderte fragend zu Darion. Fast ertappte sie sich dabei, sich zu fragen, ob Darion Hand an seine Frau gelegt hatte, was sie aber im selben Moment wieder verwarf. Darion würde so etwas nicht tun. Niemals. Weder im Streit, noch wenn er betrunken war. Es sei denn, es gab einen plausiblen Grund? War sie nicht gestern eine Zeitlang verschwunden gewesen? Hatte er sie in einer prekären Situation ertappt? So oder so, sie verwarf den Gedanken daran und murmelte ein ‚Guten Morgen‘ in Lerias Richtung. Was ging hier nur vor sich? Aelis war höflich genug, Leria nicht nach ihrem Befinden zu fragen, wohl aber, ob sie ihren Mann für einen Augenblick entbehren könnte. „Entschuldige, Darion, aber ich muss dich dringend unter vier Augen sprechen. Können wir kurz nach draußen gehen?“ fragte sie leise und ihr Blick verriet, dass sie keinen Aufschub duldete. Als sie alleine waren überfielen Aelis plötzlich Zweifel, ob es klug war, Darion einzuweihen. Natürlich vertraute sie ihm beinahe blind, aber wenn er davon erfuhr, könnte ihm das vielleicht früher oder später auch zum Verhängnis werden. Es war wohl das Beste, wenn es niemand erfuhr, vielleicht würde es ihr dann auch nicht zum Verhängnis werden. Nun kam sie sich blöd vor, Darion wegen nichts und wieder nichts aus dem Festsaal gezerrt zu haben. Also improvisierte sie und sagte „Würdest du Aduan bitte die herzlichsten Grüße von mir bestellen? Sag ihm, es tut mir leid, ich konnte mich nicht persönlich von ihm verabschieden. Ich muss sofort zurück nach Irukhan, die Arbeit ruft. Bitte sei so gut und kümmere dich um ihn, wegen Estelle. Er liebt sie wirklich…“ Sie drückte ihm den Arm, blickte ihm fest in die Augen und wandte sich schließlich ab, um die Burg zu verlassen.

Auf dem Nachhauseweg in der Kutsche zurück zur Silberzitadelle grübelte Aelis, und zermarterte sich regelrecht das Hirn. Sie wusste nicht einmal wer der Urheber des Briefes war. Wie also konnte sie Kontakt aufnehmen? Überhaupt nicht… Was, wenn das Ganze eine Falle war? Woher konnte sie sicher sein, dass Estelle auch wirklich befreit wurde, wenn Aelis ihren Teil der Forderung erfüllte? Und wie konnte sie überhaupt ihren Teil erfüllen? Bedeutete des nicht Verrat an ihrem Glauben und an den Geschwistern? Sie dache angestrengt darüber nach, wie ihr dieses Unterfangen gelingen könnte. Es brauchte jede Menge Kniffe… Ihr Kopf pochte vor Schmerzen, und die Kopfschmerzen dauerten noch an, als Aelis am Abend längst in Irukhan angekommen war. Von ihrem Kutscher ließ sie sich ins Armenviertel fahren, und bedeutete ihm, zu warten. Die Vollstreckerin schlenderte durch die Gassen, welche in diesem Teil der Stadt voll von Armen, Kranken und Bettlern waren. Es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann sie ansprach. „Almosen für einen Bettler?“ bat er mit dünner Stimme. Aelis blickte den Mann abschätzend an. „Ich kann dir kein Geld geben, ich habe nichts bei mir. Aber wenn du mitkommen willst, so kann ich dir Suppe und Brot versprechen, in der Armenküche.“ Selbst in der Dunkelheit konnte sie das Aufleuchten in seinen Augen erkennen, und sie fühlte sich hundselend dabei. „Das würdet ihr tun? Oh danke, danke, danke…“ hauchte er, und Aelis nickte. „Dann komm mit mir mit. Doch wir müssen uns vorsehen, die Küche ist bereits geschlossen, und es ist das Beste, wenn dich niemand sieht, verstehst du, was ich meine?“ Er nickte vertrauensselig, und sie war sich nicht sicher, ob er überhaupt wusste, dass eine Vollstreckerin vor ihr stand. Es war gut möglich, dass die Dunkelheit auf ihrer Seite war, und so bedeutete sie dem Bettler, sie zu begleiten. Der Kutscher auf dem Kutschbock gähnte gerade herzhaft, als Aelis zu ihm zurückkam, und dem Bettler mit einer Geste bedeutete, heimlich still und leise in das Wageninnere zu steigen. Es war das Beste, dass niemand ihn sehen würde, soviel stand fest. Als sie wieder den Innenhof der Silberzitadelle erreichten, bedeutete Aelis dem Bettler, dass er ebenso klammheimlich die Kutsche verlassen sollte, und sich hinter den Wagen stellen sollte. Als sie dem Kutscher eine Gute Nacht wünschte, schnalzte dieser mit der Zunge, das Pferd setzte sich in Bewegung und fuhr in gemächlichen Tempo in den zweiten Innenhof, wo sich die Wagenburg befand. Der Innenhof der Silberzitadelle lag in nächtlicher Ruhe. Vermutlich schliefen die meisten schon. Nur auf den Wehrgängen patrouillierten einige Wachen, doch niemand konnte die Zitadelle unwissentlich passieren, und als Aelis sich beim Haupttor angemeldet hatte, hatte keiner mehr Fragen gestellt. „Komm mit…“ flüsterte sie, und führte den Bettler in das Gebäude, wo sich die Verließe befanden. Zwei Wachen salutierten, als sie die Vollstreckerin erkannten, diese nickte jedoch nur und ging mit ihrem Begleiter weiter. Ihr Weg führte sie durch den langen dunklen Gang der nur von wenigen Fackeln beleuchtet wurde, und am Ende dieses Ganges befand sich das Hauptgebäude des Verließes. Als sie dieses betrat und dort erneut auf Wachen stieß, erklärte sie kurz und mehr als knapp, dass sie einen ‚Neuen‘ brächte. Diesen führte sie zu der Zelle, wo Kollo Strumberg sich befand. Sie steckte ihren Kopf hinein, leuchtete mit einer Fackel das Gewölbe aus, und entdeckte den Mann schließlich schlafend und schnarchend in einer Ecke. Dann ging alles sehr schnell, sie führte den Bettler, der noch keinen Verdacht geschöpft hatte, in die Zelle hinein, wo sie ihn mit dem Knauf ihres Schwertes bewusstlos schlug Sie zog sich ihren Klappenrock aus, knüllte diesen zusammen und drückte diesen dem Bettler auf Mund und Nase, bis sie den Verdacht hegte, dass er nicht mehr erwachen würde. Aelis‘ Herz raste, und Schweiß stand ihr auf der Stirn. Kollo weckte sie, und führte ihn durch das Kellergewölbe und schließlich durch einen Geheimgang aus der Silberzitadelle, und brachte ihn schließlich wie ihr in dem Brief geheißen auf den Marktplatz, wo eine Kutsche auf ihn zu warten schien. Eine dunkle Gestalt bellte einige Worte zu dem Mann, dann lief er auf die Kutsche zu und sprang hinein. Als sie davongefahren war, hatte Aelis niemanden erkannt.

Zitternd und mit den Nerven völlig am Ende ging sie den langen Weg den sie beschritten hatte, wieder zurück in die Silberzitadelle. Aelis betrat den Dienertrakt, um nach Bodo rufen zu lassen. Völlig verschlafen kam ihr persönlicher Gehilfe angewatschelt und blickte seine Herrin fragend an. „Bodo, ich habe eben einen Kontrollgang durch die Verließe gemacht. Gefangener 24601 ist tot. Du weisst, was das bedeutet? Wir wissen nicht, woran er gestorben ist, also wird er verbrannt, wie alle anderen. Damit sich keine Seuchen und Krankheiten ausbreite. Geh bitte unverzüglich zu Werke, und danach dokumentiere alles im Totenbuch, du weißt ja Bescheid, nicht wahr?“ Bodo nickte, verneigte sich und tat, wie ihm geheißen. Aelis verließ das Kerkergewölbe und ging zurück in ihr Zimmer, wo sie sich wusch, auszog und zu Bette ging. Sie blies die Luft aus ihren Backen, während sie an die dunkle Wand starrte. „Das kann nicht gut gehen…“ murmelte sie, und fiel alsbald in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen sprach sie bei Großmeister Amon vor und bat, sich beurlauben lassen zu dürfen. Als Grund gab sie Unwohlsein und Erschöpfung an, und dass sie dringend Ruhe und Erholung bedurfte, und sich für einige Wochen auf das Landgut ihrer Familie zurückziehen wollte. In Aelis‘ Stand war es eigentlich nur eine Formsache. Ihre Beurlaubung wurde gewährt, und noch am selben Tag reiste sie nach Arvia, wo sich einige Meilen südlich davon das kleine private Landhaus der Avalés befand, welches im Winter bis auf die Dienerschaft die es bewohnte und bewirtschaftete, so gut wie immer leer stand, und meist sogar nur von Aelis genutzt wurde, dass es die Vollstreckerin schon insgeheim als ihres bezeichnete. Als sie nach einer Woche nichts aus der Silberzitadelle gehört hatte, beruhigte das Aelis‘ aufgewühltes Gemüt. Arcanier waren erbarmungslos. Wenn irgendjemandem Unregelmäßigkeiten aufgefallen wären, dann wüsste sie das schon…
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Mo, 03. Okt 2016 17:27

Devin wünschte, er wäre tot. Das würde sich bestimmt besser anfühlen als sein gegenwärtiger Zustand. Sein Kopf schmerzte unerträglich. Schuld daran war nicht allein das Starrkraut, sondern eindeutig auch zu viel Alkohol. Devin hatte seinen gestrigen Frust mit dem restlichen Weinbrand herunter gespült und nun sah er im Spiegel die Folgen. Er sah elend aus und fühlte sich auch so. Devin schaufelte sich zuerst etwas Wasser ins Gesicht, dann steckte er gleich den ganzen Kopf in die Waschschüssel. Kaltes Wasser half nur bedingt. Aber es machte ihn zumindest halbwegs wach. Wenigstens war Varon einfühlsam genug, Devin in Ruhe zu lassen. Er kannte schließlich die Launen des Grafen und machte sich im Hintergrund nützlich, indem er bereits ihre Sachen für die Abreise zusammen packte.
„Sie ist unten in der Halle beim Frühstück und wartet auf dich“, meinte Varon beiläufig. „Wer?“ fragte Devin dümmlich und hatte tatsächlich für einen kurzen Moment die Vollstreckerin vor Augen. Das Wiedersehen mit dieser Frau war wohl doch einprägsamer als gedacht. Aber dann drehten sich die Zahnräder in seinem vom Alkohol malträtierten Hirn ein Stück weiter und ihm wurde klar, dass Nirva gemeint war. „Ich muss mit ihr sprechen“, murmelte er seinem Spiegelbild zu, das ihn aus geröteten Augen und mit triefnassen Haaren entgegensah. Devin nahm ein Handtuch und es verging noch einige Zeit, bis er tadellos gekleidet und frisiert, aber auffallend blass das Zimmer verließ. In der Halle saßen einige der Gäste vom Vortag beim Frühstück zusammen. Die Stimmung war gedämpft. Einige redeten leise miteinander. Wortfetzen drangen an Devins Ohr, die für ihn keinen Sinn ergaben. Devins Kopf schien aus einer schmerzenden Masse Füllwolle zu bestehen. Aber er riss sich zusammen und setzte ein freundliches Gesicht auf, während er an bekannten und unbekannten Gesichtern vorbei Nirvas Tisch ansteuerte. Darion und Aelis hatten zu diesem Zeitpunkt den Raum bereits wieder verlassen.

Nirva setzte sofort ein theatralisches Gesicht auf, als sich Devin näherte. Noch bevor er saß, kullerten die ersten stillen Tränen über Nirvas hübsche Wangen. Wenn es eins gab, womit sich Devin überfordert sah, waren es Tränen. Damit konnte er verdammt schlecht umgehen. „Devin, es tut mir leid, dass wir uns gestern gestritten haben. Du warst so...“ Ein leises Schluchzen entrang sich ihrer Kehle. Sie konnte nicht weiter sprechen.
Devin sah sie gequält an und rieb sich mit zwei Fingern die schmerzende Stirn. „Nirva, mir müssen darüber sprechen, wie es mit uns weitergehen soll“, sagte er leise. „Aber nicht hier und jetzt.“ Der Versuch, um ein Gespräch herum zu kommen, schlug fehl. Nirva war nun erst recht neugierig geworden und wollte wissen, was Devin damit meinte. Devin sprach leise und ruhig mit ihr, doch als er mit dem Satz endete, dass er es für gut hielt, wenn sie sich eine Zeitlang nicht sehen würden, sprang Nirva wütend auf. „Das wirst du bereuen, Devin! Du wirst schon sehen, was du davon hast!“ rief sie so laut, dass sich mehrere Köpfe in ihre Richtung drehten. Dann rauschte sie mit hochrotem Kopf und wehenden Röcken davon. Devin blieb noch eine Zeitlang sitzen, dann verließ er den Saal, ohne etwas gegessen zu haben. Wenig später reiste er ab, zurück auf sein Landgut westlich von Tarunnath.


Einige Tage später machte er sich gemeinsam mit Varon auf den Weg nach Arvia, um Aelis dort aufzusuchen. Es war ihm ganz Recht, dass sie sich auf ihrem privaten Landgut befand. Er wollte sie in einer heiklen Angelegenheit sprechen, die nicht den offiziellen Dienstweg gehen sollte. Der Weg zu ihrem Gut war beschwerlich, denn der Winter zeigte sich von seiner grausamen Seite und fegte Schneestürme über das Land. Mehr als einmal verfluchte sich Devin dafür, sein warmes Zuhause verlassen zu haben. Er hätte ihr auch einen Brief mit einem Boten zukommen lassen können. Aber die Sache ließ ihm keine Ruhe und so hatte er sich entschieden, selber zu kommen. Als er schließlich auf Aelis´Besitz eintraf, war es schon dämmerig und Devin sah aus wie ein Schneemann. Nachdem er die Fellkapuze vom Kopf gezogen und sich vorgestellt hatte, dauerte es nicht lange, bis sie eingelassen wurden. Ein Dienstbote nahm ihnen die schweren, vom Schnee durchnässten Mäntel ab und Varon wurde in einen Nebenraum geführt, während Devin zu Aelis gebracht wurde, die an einer langen Tafel ganz allein speiste. Devin verbeugte sich etwas zu förmlich vor ihr. Plötzlich kamen ihm doch Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, sie hier in ihren privaten Räumlichkeiten aufzusuchen. Seit ihrer letzten Begegnung sah er Aelis nur noch als Vollstreckerin im Dienste der Zwei. In seiner Vorstellung war sie stets in einen schwarzem Klappenrock und schwere Stiefel gekleidet. Jetzt trug sie ein Kleid, das sie sehr privat und sehr weiblich aussehen ließ.
„Bitte entschuldigt mein unangemeldetes Erscheinen, aber man sagte mir, Ihr würdet Euch für eine Zeit hier aufhalten und nicht nach Irukhan zurückkehren.“ Devin sah sie sehr direkt an und vermied gekonnt einen Blick auf ihr Dekolleté, dessen bloße Existenz er aus irgendeinem, tief in seiner Erziehung verwurzeltem Grund nicht mit ihrem Beruf in Einklang bringen konnte. Ein paar höfliche Worte der Begrüßung wurden ausgetauscht und ein Diener brachte heißen Würzwein, dann setzte sich Devin in respektvoller Entfernung zu Aelis an den Tisch und kam sogleich zur Sache:
„Ihr sagtet, dass Ihr mir einen Gefallen erweisen würdet, wenn ich Euch darum bitte…?“ begann er zögerlich und forschte in Aelis´ Gesicht, ob dieses Angebot noch immer Bestand hatte. Als seine Worte nicht auf Widerwillen stießen, fuhr er in sachlich ruhigem Ton fort:
„Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die Frau, die ich zur Hochzeit Eures Bruders begleitet habe. Nirva. Nirva von Sellim. Sie entstammt einem kleinen, verarmten Adelsgeschlecht, das Euch nicht bekannt sein dürfte. Wir waren uns in den letzten Monaten sehr zugetan, trafen uns und…“Devin wusste, dass Aelis sich den Rest denken konnte, daher sah er keine Veranlassung, auf sein Verhältnis zu Nirva näher einzugehen. "Ähm, nun ja, sie hoffte auf eine Heirat mit mir und die Hochzeit Eures Bruders muss diesen Wunsch noch beflügelt haben. Jedenfalls waren wir uns in diesem Punkt uneinig und gingen danach im Streit auseinander. Jetzt droht mir ihr Vater damit, mich zu zerstören. Etwas, das ihm ganz sicher nicht gelingen kann“, sagte Devin mit einer wegwerfenden Geste, die die Stellung der Familie von Sellim verdeutlichen sollte. „Aber ich habe erfahren, dass mich Nirva bei den Vollstreckern anschwärzen will. Mit irgendwelchen absurden Vorwürfen, die allein den Rachegelüsten einer verlassenen Frau entspringen. Noch am Morgen nach der Hochzeit hat sie vor Zeugen damit gedroht, sich an mir zu rächen. Meine Bitte an Euch ist, ihre unsinnigen und falschen Anschuldigungen gegen mich abzuwenden, sobald sie eintreffen. Bevor es größere Wellen schlägt und mich in Misskredit bringt.“
Devin sah Aelis einen langen Moment fragend an, dann schweifte sein Blick durch den Saal, in dem hundert Menschen Platz gefunden hätten. Aelis wirkte recht verloren darin und Devin fragte sich unwillkürlich, ob sie jede Mahlzeit hier allein an dem überdimensionierten Tisch einnahm.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Di, 04. Okt 2016 16:54

Es war ein ungemütlicher Abend. Der Sturm peitschte Schnee vor sich her und heulte um die Ecken des avalé'schen Anwesens. Die Mauern strahlten die Kälte aus, die sie aus dieser unwirtlichen Jahreszeit aufnahmen und aushalten ließ es sich in solchen Gemäuern eigentlich nur in ihrem Privatgemach, welches mit Wandteppichen versehen und auf dem Boden hie und da mit Fellen ausgelegt war. Schwere Vorhänge aus Samt, die nachts die Kälte abschirmen sollten, waren zwar eine bodenlose Verschwendung, aber Aelis einziger Anspruch gewesen, welche sie an ihre Gemächer gestellt hatte. Sonst gab es in diesen Räumen nur einen Tisch der für vier Personen ausgelegt war und dieser Tage recht nahe an der Feuerstelle stand, einen Erker mit einer Steinbank auf welche eine geschnitzte und polierte Holzplatte gearbeitet war und ein Himmelbett welches in einer Nische im hinteren Teil der Gemächer stand und so kaum auffiel. Es war sowohl Salon als auch Schlafgemach und eine der wenigen Räume, wo es Sinn machte, diese zu beheizen. In manchen Momenten fragte sich Aelis wo in einem solchen Anwesen der Komfort lag, während jede winzige Bauernstube, die sich das einfache Volk oftmals zusammen mit dem Vieh teilte, zumindest in punkto Wärme weitaus behaglicher war als diese großen Hallen aus Stein, die man unmöglich beheizen konnte, selbst wenn man ganz Arcanis und Mérindar abholzen würde. Meistens hielt sich Aelis aus genau diesen Gründen in ihren Privaträumen auf, aber nun war es Abend und Zeit für das Abendessen. Manchmal war es wohltuend, einfach nur den Klappenrock abzulegen und in ein relativ bequemes Kleid zu schlüpfen. Jenes, welches Aelis an diesem Abend trug, war aus nachtblauem Samt, mit geschlitzten und unterlegten Ärmeln. Zwischen den Schlitzen lugte weiße Seide hervor und um die Schultern trug sie das Winterfell eines Fuchses. Ihr Haar trug sie offen, und es fiel ihr über den Rücken. Im Grunde war es ihr egal, was sie trug und wie sie aussah. Niemand, außer ihren Bediensteten bekamen sie so zu sehen, und die meisten kannten sie schon seit ihrer Kindheit.

Das Essen war aufgetragen, und die junge Frau saß am Kopfe der langen Tafel, hatte eben einen Bissen von der Speise probiert, als die Türe aufging und ein Diener sich durchschob. Die Arcanierin blickte auf. „Ja?“ „Verzeiht die Störung, Komtess Aelis, aber eben hat sich Besuch angekündigt.“ Aelis rutschte auf dem Stuhl hin und her und sie konnte nicht von der Hand weisen, dass sie eine gewisse Nervosität verspürte. War man ihr wegen der heimlichen Freilassung des Gefangenen etwa auf die Schliche gekommen? „Besuch?“ Wer, bei den Geschwistern, wagte sich bei diesem Wetter hinaus, wenn es nicht wichtig war? „Wer ist es?“ fragte sie ein wenig argwöhnisch nach. „Ein gewisser Graf Devin von Tarun, mit seinem Diener.“ Die Anspannung fiel von der Adeligen ab und eine gewisse Verwunderung machte sich stattdessen breit. „Was will der denn hier?“ murmelte sie zu sich und wandte sich dann an den Diener. „Ich lasse selbstverständlich bitten. Bitte bringe ein weiteres Gedeck, er ist sicherlich hungrig. Lass heißen Gewürzwein kommen. Und trage Sorge dafür, dass auch sein Diener in die Gesinderäume gebracht und dort entsprechend verpflegt wird. Das wäre alles“ nickte sie und wandte sich dann wieder ihrem Essen zu. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis Devin den Saal betrat. Aelis hielt im Essen inne, und haftete ihre Augen auf ihn. In ihren Blicken wohnte wachsende Neugierde. Welchen Grund konnte es für sein Erscheinen geben? Er verneigte sich höflich, aber ein wenig zu förmlich vor ihr „Bitte entschuldigt mein unangemeldetes Erscheinen, aber man sagte mir, Ihr würdet Euch für eine Zeit hier aufhalten und nicht nach Irukhan zurückkehren.“ Ein überraschtes Lächeln zauberte sich in ihr Antlitz. „Ach, das hat man euch gesagt? So, wie ihr das sagt, klingt es ein wenig seltsam. Ich habe mich lediglich beurlauben lassen für zwei Wochen, danach werde ich sehr wohl wieder nach Irukhan zurückkehren.“ Sie beobachtete ihn wie ein Falke und dann kam der Diener mit dem Gewürzwein, sowie einem Teller Wildragout zurück in den Saal. Sie schenkte dem Diener kurz ihre Aufmerksamkeit und deutete dann mit einem Nicken an jene Stelle des Tisches, wo er dies abstellen sollte. „Ich habe mir erlaubt, euch etwas zu essen, sowie einen heißen Gewürzwein kommen zu lassen, ich dachte mir, ihr seid wahrscheinlich hungrig und durchfroren, bei diesem Wetter. Ich hoffe, das ist euch recht. Bitte, Devin, nehmt doch Platz. Ich wünsche einen guten Appetit“ machte sie eine einladende Geste. „Ich muss zugeben, ich bin neugierig. Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet. Von niemandem, und von Euch am allerwenigsten.“ Er kam dann auch gleich zur Sache. „Ihr sagtet, dass Ihr mir einen Gefallen erweisen würdet, wenn ich euch darum bitte…?“ Daher wehte also der Wind. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es jemals zu dieser Situation kommen würde, und nach so kurzer Zeit schon überhaupt nicht. Aber er war hier. Die Sache war anscheinend dringlich, sonst hätte er sich bei solch einem Wetter ganz bestimmt nicht auf den Weg gemacht. Sie blickte ihn abwartend an, und dann sprach er weiter. „Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die Frau, die ich zur Hochzeit Eures Bruders begleitet habe.“ Aelis lachte kurz auf „Wie könnte ich sie vergessen? Ich glaube aber, man hat sie mir nicht namentlich vorgestellt…“ „Nirva. Nirva von Sellim. Sie entstammt einem kleinen, verarmten Adelsgeschlecht, das Euch nicht bekannt sein dürfte. Wir waren uns in den letzten Monaten sehr zugetan, trafen uns und…“ Er unterbrach sich und Aelis hob eine Augenbraue und blickte ihn forschend an. Was hatte sie mit seinen Weiberbekanntschaften zu schaffen? War er etwa hergekommen um ihr das unter die Nase zu reiben? Ihr Blick schien ihn zu irritieren, und Aelis, stets frei von der Leber weg, vollführte eine etwas gelangweilte Geste und erwiderte „Bitte, fahrt fort.“ „Ähm, nun ja, sie hoffte auf eine Heirat mit mir und die Hochzeit Eures Bruders muss diesen Wunsch noch beflügelt haben. Jedenfalls waren wir uns in diesem Punkt uneinig und gingen danach im Streit auseinander. Jetzt droht mir ihr Vater damit, mich zu zerstören. Etwas, das ihm ganz sicher nicht gelingen kann.“ Ja, er hatte ihr angedeutet, dass Nirva mit Sicherheit nicht die Gräfin von Tarun werden würde. Aber was ging sie das an, vor allem, wenn Devin davon überzeugt schien, dass Nirvas Vater dies nicht gelingen würde? „Aber ich habe erfahren, dass mich Nirva bei den Vollstreckern anschwärzen will.“

Aelis lehnte sich unwillkürlich leicht nach vorne. Spätestens jetzt hatte er ihre vollste Aufmerksamkeit erlangt. Aelis bemerkte diese ungewollte Geste und griff beiläufig nach ihrem Weinbecher, um diese zu vertuschen. Sie trank einen Schluck Wein und fragte ihn „Sie will euch anschwärzen? Womit denn bloß?“ „Mit irgendwelchen absurden Vorwürfen, die allein den Rachegelüsten einer verlassenen Frau entspringen. Noch am Morgen nach der Hochzeit hat sie vor Zeugen damit gedroht, sich an mir zu rächen.“ Aelis schnalzte mit der Zunge und lächelte subtil und amüsiert. Vielleicht auch ein wenig boshaft. „Devin, ich sage es nicht gern, aber da habt ihr euch in ein gewaltiges Wespennest gesetzt.“ Ihr Gesicht wurde ernster. „Eure Nirva allerdings auch. Mit der Inquisitin treibt man keine solchen Scherze. Ihr scheint nicht klar zu sein, welche Folgen sich aus einer solchen Verleumdung ergeben.“ Ein wenig trocken fügte sie noch hinzu „Seid froh, dass ihr sie los seid. Aber, um zum Punkt zu kommen. Was habe ich damit zu schaffen? Ihr seid bei diesem Wetter doch sicherlich nicht nur gekommen, um mir von eurer einfältigen Verflossenen zu berichten.“ Sie lächelte diebisch, denn sie wusste längst, was er wollte. Doch sie hatte ihren Spaß daran, wie er da saß, ein wenig konsterniert, und sie musste zugeben, dass er eine willkommene wenn auch überraschende Abwechslung in dieser eher langweiligen Woche bot. „Meine Bitte an Euch ist, ihre unsinnigen und falschen Anschuldigungen gegen mich abzuwenden, sobald sie eintreffen. Bevor es größere Wellen schlägt und mich in Misskredit bringt.“ Aelis nickte verstehend. Sie hatte ihr Mahl beendet und schob den Teller ein wenig von sich weg. Auch Devin schien soweit fertig zu sein. „Nehmt euren Becher mit, und begleitet mich bitte, Devin, während ich über eure Bitte nachdenke“ sagte sie, während sie sich erhob. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie ihm, ihr zu folgen, und so führte sie ihn in ihre privaten Gemächer.

„Ihr seht sehr durchfroren aus, Devin“ erklärte sie ihm. Ich dachte, wir können hier weitersprechen, hier ist es weitaus gemütlicher und wärmer als im Saal.“ Auf dem Tisch lag ihre Abschrift der Zwei, in welcher sie manchmal las. Daneben lag der Brief des Unbekannten mit seiner frechen Aufforderung. Aelis schob das gefaltete Pergament in das Buch und klappte es zu. Dann wandte sie sich wieder Devin zu und trat einige Schritte näher an die Feuerstelle. Sie ließ sich auf ein großes Bärenfell nahe der Feuerstelle nieder. „Entschuldigt meine Unhöflichkeit. Aber wenn ich ehrlich sein darf, so finde ich das höfische, steife Getue ein wenig anstrengend auf Dauer. Ich finde es wesentlich angenehmer auf dem Bärenfell vor dem warmen Feuer zu sitzen, als meinen Hintern ständig auf die harten Holzstühle zu platzieren. Es ist ja sonst niemand da, der das kritisieren würde, und wenn es euch nicht stört, ich jedenfalls schätze euch nicht so ein…“ Devin ließ sich schließlich neben ihr nieder und blickte sie erwartungsvoll an. Natürlich wartete er auf eine Antwort auf seine Bitte. Aelis lächelte wissend und blickte auf sein blondes Haar, wo der Schnee zu unzähligen Tröpfchen geschmolzen war, die im Feuerschein glitzerten. „Wollen wir uns duzen?“ fragte sie ihn unverwandt. „Ich meine, wir haben…“ Nach einem feuchtfröhlichen Abend miteinander gevögelt… „…uns nett unterhalten, und nun teilen wir bereits zwei Geheimnisse miteinander. Da bietet sich das doch regelrecht an, oder?“ Schließlich spannte sie ihn nicht länger auf die Folter. „Dir muss klar sein, dass eine solche Anschuldigung, wenn sie denn wirklich ausgesprochen wird, nicht gänzlich ignoriert wird. Ich kann dir jetzt nicht versprechen, dass ich wie Idalia selbst über göttliche Macht verfüge, dass ich eine Anschuldigung in Nichts auflösen kann. Ich habe ja selbst Vorgesetzte, denen ich Rede und Antwort stehen muss. Aber ich verspreche dir, wenn es mir zu Ohren kommt, dass man dich verleumdet, und du kannst mir glauben, dass ich davon erfahren werde, dann werde ich mich der Sache höchstpersönlich annehmen. Das kann ich für dich tun. Die Angelegenheit wird ja aus Mangel an Beweisen fallengelassen und ich kann dir auch versprechen, dass nichts nach außen dringt, wo sich Verdachte nicht erhärtet haben. Ist das in deinem Sinne?“ Als sie so dasaßen, kam Aelis sich seltsam vor. In ihrer Uniform fühlte sie sich bedeutend selbstbewusster, und sicherer. So überbrückte sie diese Unsicherheit, in dem sie ihm dies und das erzählte. Belangloses, Ernsthaftes, Komisches aber auch Privates. Sie erzählte ihm nichts über ihre Arbeit, aber sie erzählte ihm, aus welchen Gründen sie Vollstreckerin geworden war, weil es für eine Frau von ihrem Stand nicht denkbar viele Möglichkeiten gab. Heiraten und Kinder bekommen. Dass sie sich nie als Ehefrau gesehen hatte, weil ihr das, was sie von arrangierten Ehen je gesehen hatte, mehr als genug gewesen war. Aber auch, weil sie äußerlich alles andere als dem gängigen Schönheitsideal entsprach, eine Tatsache, die selbst für arrangierte Ehen nicht unwichtig war. Dass sie keine Lust hatte, sich einem Ehemann zu beugen, und durch eine Ehe so etwas wie sein Eigentum zu werden. Und natürlich auch, dass ihr da ihr Interesse für den Glauben gelegen gekommen war und sie ihre Eltern schließlich davon überzeugen konnte, sich in den Dienst der Zwei zu stellen. Devin war ein ebenso guter Zuhörer, wie er auch selbst ein guter Erzähler war. Aelis fragte sich ernsthaft und mehrmals, was Devin je mit Nirva gesprochen haben konnte. Auch, wenn sie sie kaum kannte, aber der erste Eindruck täuschte selten, und der erste Eindruck von Nirva war gewesen, dass sie ein recht ansehnliches aber ebenso hohles Frauenzimmer war. Ein Kleingeist. Im ersten Moment vielleicht aufregend durch ihre körperlichen Attribute, aber ein Mann von durchschnittlicher Intelligenz musste sich von einer Frau wie ihr bald gelangweilt oder erdrückt fühlen. Aelis konnte nicht verstehen, was er an ihr gefunden hatte, denn die Art und Weise, wie er sich gab, oder wenn man nur ein wenig an der Oberfläche kratzte, deutete auf einen ganz anderen Menschen hin. Der Abend verging wie im Flug. Erst, als ihr Diener anklopfte und sich erkundigte, ob sie noch etwas brauchte, was in Wahrheit nur ein subtile Frage war, ob er schlafen gehen dürfe, fiel der Vollstreckerin auf, wie spät es schon sein musste. „Ich glaube, du wirst heute kaum mehr zurück nach Tarun reiten, oder?“ Sie wandte sich an ihren Diener. „Bitte lass für Graf Devin eines der Gästezimmer herrichten. Er ist unser Gast und bekommt alles, was er sich wünscht. Du kannst gehen, ich brauche dich heute nicht mehr...“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Devin » Sa, 08. Okt 2016 18:32

„Sehr freundlich von Euch!“ bedankte sich Devin, als Aelis ihn bat, an ihrer Tafel Platz zu nehmen und mit ihr zu speisen. Hungrig und durchgefroren beschrieb seinen Zustand ganz treffend, daher war er froh über die gute Mahlzeit und vor allem den heißen Wein, denn trotz aller Bemühungen konnte der Kamin den riesigen Speisesaal nicht genügend aufheizen. Es blieb kühl, genauso wie die Gastgeberin, die ihren überraschenden Gast interessiert, aber anfangs mit leichtem Argwohn betrachtete, bis Devin erklären konnte, warum er hier war. Aelis hörte sich sein Anliegen an und ließ ihn dann ein wenig zappeln. Devin war als Bittsteller hier und das ließ sie ihn durchaus spüren. Devin lächelte kühl. Er konnte ihr direkt ansehen, dass sie es genoss. „Nehmt euren Becher mit, und begleitet mich bitte, Devin, während ich über eure Bitte nachdenke“, sagte sie höflich, aber befehlsgewohnt und Devin folgte brav. Dabei fragte er sich, was sie vorhatte. Fast erwartete er, in ihr kleines, privates Inquisitionszimmer zur weiteren Befragung geführt zu werden. Der Vollstreckerin traute er so einiges zu. Erfreulicherweise war es dann doch nur ihr Privatgemach, ein gemütlicher und angenehm warmer Ort.
Mit der Wärme im Zimmer lockerte sich auch die Stimmung zwischen ihnen. Devin nahm auf dem Bärenfell Platz und genoss die Nähe des Feuers. Aelis´ Angebot sich zu duzen nahm er freudig an. Das machte alles wesentlich einfacher. Es war ohnehin seltsam, dass sie so förmlich miteinander umgingen nach dem, was sie bereits verband. Sie erhoben die Weinbecher und stießen darauf an. Dann unterhielten sie sich.
Zuerst verlief das Gespräch sehr sachlich. Aelis ließ ihn nicht länger zappeln, sondern ging nun auf seine Bitte ein. Dabei war sie ganz die Vollstreckerin. Und wie sie zuvor bereits erwähnt hatte: Mit der Inquisition trieb man keine Scherze, was zum Glück unsinnige Verleumdungen rachsüchtiger Verflossener mit einschloss. Allerdings ging natürlich alles seinen rechten Weg, von dem auch Aelis (oder gerade Aelis) nicht abweichen konnte. Doch sie machte ihm Hoffnung, dass sie sich der Angelegenheit persönlich annehmen würde. Dieses Versprechen reichte Devin vollkommen. Er lächelte zufrieden. „Danke, Aelis. Das genügt mir. Ich wusste, dass es sich lohnen würde, diese Sache persönlich mit dir zu besprechen.“
Nachdem dies geregelt war, wandten sie sich unkomplizierteren Themen zu und die Stimmung wurde lockerer. Es war warm am Kamin, der Würzwein schmeckte hervorragend und weil man auf dem Boden sitzend nicht lange gut in einer Position verharren konnte, lümmelten sie irgendwann bequem halb liegend auf dem Fell vor dem Feuer. Devin genoss es sehr, sich gut zu unterhalten. Zwar musste er hin und wieder aufpassen, was er sagte, denn im Hinterkopf vergaß er nicht ihre Stellung als Vollstreckerin, aber es gab eine ganze Menge gemeinsamer Themen und Interessen, die sie teilten. Und sogar vieles, über das sie gemeinsam lachen konnten, so dass Devin sich sichtlich wohl zu fühlen begann.
„Eigentlich sind wir uns sehr ähnlich“, fand Devin, nachdem Aelis ihm erzählt hatte, warum sie sich gegen eine Ehe entschieden hatte. „Ich liebe meine Freiheit ebenso sehr und würde nichts lieber tun, als mein Leben weiterzuführen wie bisher.“ Nachdenklich blickte er Aelis von der Seite an. „Na ja, vielleicht sollte ich bei Frauen wie Nirva zukünftig vorsichtiger sein“, gab er reumütig zu, „aber ich fürchte, dass ich irgendwann heiraten muss, wenn ich vermeiden will, dass all mein Besitz an die Familie meines Vetters fällt. Ein äußerst unangenehmer Familienzweig. Ich befürchte hin und wieder, dass sie die Erbfolge beschleunigen und mich aus dem Weg räumen werden, wenn ich nicht bald einen Erben präsentiere oder zumindest eine Ehefrau.“ Devin verzog sein Gesicht. „Aber bisher versuche ich dieses Problem noch eine Weile vor mir her zu schieben." Er lächelte matt. „Du hast es da leichter. Dich drängt wenigstens niemand mehr zu einer Hochzeit.“ Ganz sicher war sich Devin in diesem Punkt allerdings nicht. Was von einer Vollstreckerin gesellschaftlich erwartet wurde, konnte er nicht einschätzen.

Devin ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Er war hübsch eingerichtet. Mit einer sehr weiblichen Note. Einige persönliche Gegenstände ließen darauf schließen, dass sich Aelis hier oft aufhielt oder den Raum sogar vor kurzem erst verlassen hatte, um zum Essen zu gehen. Ein Buch lag auf dem Tisch, in dem sie vielleicht gerade erst gelesen hatte. Eine zerknautschte Decke im Erker, daneben ein leerer Becher, ließen darauf schließen, dass sie dort gesessen haben könnte. Sie hatte ihn tatsächlich dorthin geführt, wo ihr ganz privater Rückzugsort war. Und nicht etwa an den Tisch, der auch nahe beim Feuer stand, sondern direkt auf das Bärenfell vor dem Kamin. Devin lächelte in sich hinein. Genauso oder ähnlich hätte er es auch gemacht, wenn er unverhofft interessanten weiblichen Besuch bekommen hätte. Sie waren sich wohl ähnlicher als er dachte. Forschend sah er Aelis in die Augen. Oder irrte er sich da?
Ein Diener unterbrach seinen Gedanken. Es war spät geworden. Zu spät, um abzureisen. Devin nahm das Angebot, ein Gästezimmer zu beziehen, dankend an. Als der Diener die Tür wieder schloss, sah er Aelis an und hob fragend eine Augenbraue. „Ein Gästezimmer? Bist du sicher?“ fragte er gespielt skeptisch und hielt ihren Blick lange gefangen. „ Ich hatte angenommen, es hat einen guten Grund, warum ich hier auf diesem Bärenfell liege…?“ fragte er verschmitzt grinsend und zupfte fast beiläufig an einem der Bänder, die ihr Kleid vorne verschlossen. Sie leugnete es. Allerdings recht halbherzig und ihr Blick signalisierte ihm bereits Zustimmung. Devin konnte sehr überzeugend sein, wenn es darum ging, eine Frau für sich zu gewinnen und unter Aelis´ kühler Oberfläche lauerte eine sehr leidenschaftliche und impulsive Frau, die wahrscheinlich viel zu selten aus ihrem selbstgewählten Exil hervorgelockt wurde. Devin hatte es schon einmal geschafft und es gelang ihm diesmal wieder. So dauerte es nicht lange, bis sie sich nackt auf dem Bärenfell wälzten, bis ihrer beider Lust gestillt war. Devin blieb –entgegen seiner ursprünglichen Pläne, danach in das Gästezimmer zu gehen - sogar bei ihr und teilte in der Nacht mit ihr Bett und Wärme, während um das Haus ein wahrer Schneesturm tobte und der Wind durch die Fensterläden pfiff.

Der Morgen danach war keineswegs unangenehm. Nach ihrer ersten Nacht waren sie sich schnell aus dem Weg gegangen. Diesmal sahen sie es ganz entspannt, genossen es sogar, obwohl sich Devin nicht sicher war, ob er das Richtige tat. Wahrscheinlich nicht. Aber es fühlte sich auch nicht falsch an. Aelis war in einem Nebenzimmer verschwunden, um sich frisch zu machen und Devin stand am Fenster, um das Schneetreiben draußen zu betrachten. Dann schlenderte er durch das Zimmer und sah sich gelangweilt um, während er auf Aelis wartete. Auf dem Tisch lag eine Abschrift der Zwei. Devin überlegte, dass es eine gute Idee wäre, Bücher dieser Art bei sich zuhause an exponierter Stelle auszulegen. Wenn man schon nicht zu den streng gläubigen Arcaniern gehörte, konnte man so wenigstens den Eindruck erzeugen und so tun als ob. Aber bei Aelis schien der Glaube echt zu sein. Das Buch sah aus, als würde sie oft darin blättern. Devin nahm es zur Hand und sah überrascht zu, wie eine Nachricht daraus heraus fiel. Er hob sie auf und las sie mit gerunzelter Stirn. Ach sie an...das ist interessant! Ob sie darauf eingegangen ist? fragte er sich. Das ergab ein völlig neues Bild von Aelis. Devin saß nicht an der richtigen Stelle, um in Irukhan mehr über diesen Fall herauszubekommen ohne dass es auffallen würde. Aber er prägte sich den Namen Kollo Strumberg gut ein. Schnell steckte er den Zettel wieder in das Buch und legte es dorthin zurück, wo es gelegen hatte. Als Aelis zurück ins Zimmer kam, stand er weit davon entfernt. Devin beschloss, sie nicht mit seinem neuen Wissen um den Brief zu konfrontieren. Er hielt es für besser, dies vorerst für sich zu behalten.
Sie frühstückten zusammen und plauderten noch ein wenig. Devin erzählte, dass er nach Irukhan weiterreiten wollte. Er reiste relativ oft dorthin. Schließlich stand er im Dienst der Kavallerie und musste sich gelegentlich in der Hauptstadt sehen lassen. „ Arvia liegt quasi direkt auf dem Weg…“ sagte er vieldeutig und lächelte charmant. Dann wurde es Zeit zu gehen. Varon wartete bereits in der Eingangshalle. Mit mürrischem Gesicht. Wahrscheinlich konnte er sich denken, was zwischen Devin und Aelis gelaufen war und war nicht begeistert davon. Aber wer fragte schon Varon?
„Das war ein sehr schöner Abend, Aelis“, sagte Devin zum Abschied mit warmer Stimme. „Wir sollten das wiederholen, wenn du magst. Oder komm mich besuchen, wenn du in der Nähe von Tarunnath bist. „Ich wette, dort gibt es auch den ein oder anderen Ketzer, der deiner Dienste bedarf.“ Devins Lächeln wirkte bei diesen Worten leicht gequält. An Aelis´Bestimmung konnte er sich wohl nie gewöhnen. Er verachtete die Arbeit der Inquisition zutiefst und ging trotzdem mit der Vollstreckerin ins Bett. Ein Widerspruch, den er selber nicht verstand. Oder nur ein weiterer Beweis seines verkorksten Lebens, das keinem eindeutigen Ziel folgte, sondern oft von sprunghaften Eskapaden geprägt war.

„Das ist nicht dein Ernst, dass wir uns jetzt eine Vollstreckerin ins Haus holen“, brummte Varon unwirsch, als sie sich wenig später durch den Schnee in Richtung Irukhan kämpften. „Warum denn nicht? Es ist doch immer gut zu wissen, was die Inquisition so treibt“, widersprach Devin und verscheuchte die warmen Gedanken an das, was sie letzte Nacht getrieben hatte. Er musste unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Das konnte von entscheidender Wichtigkeit sein.

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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Darion » Sa, 15. Okt 2016 13:56

Der Wind peitschte ihm ein ums andere Mal Schnee ins Gesicht, ganz gleich in welche Richtung er sich abwandte. Mal kam er von vorn, von hinten oder einfach von überall. Der Schnee schnitt ihm in die Haut, seine Augenbrauen, Wimpern und sein Bart, waren mit Eis verkrustet und sein warmer Atem verschwand so schnell, wie er nur ausatmete. Seinem Pferd war es auch nicht besser ergangen, deshalb hatte er es in der Stadt untergebracht und stampfte nun allein durch den Schnee. Er wusste wo das Anwesen lag, immerhin war er hier nicht zum ersten Mal, wobei das letzte Mal eine Ewigkeit her sein musste. Es war noch dunkel, vielleicht ein oder zwei Stunden vor Sonnenaufgang, aber selbst mit tausend Fackeln, hätte er kaum mehr sehen können. Stattdessen verließ er sich voll und ganz darauf, dass seine Füße den Weg fanden. Seine Füße fanden ihn. Er erkannte die Silhouette des Anwesens und wusste das er richtig war. So schnell er konnte stampfte er in den Windschatten den Gebäudes und hämmerte heftig gegen das Tor. Es dauerte eine Weile und brauchte noch ein halbes Dutzend mehr Klopfer, da ging die Tür endlich auf. Ein greiser Mann starrte ihn an. „Graf Malistaer?“, fragte der Alte ungläubig. „Was macht Ihr denn hier? Kommt erst einmal herein.“ Dankbar trat Darion ein und schüttelte soviel Schnee ab wie er konnte. „Wo ist Aelis? Ich muss dringend mit ihr sprechen.“

Einige Zeit vorher marschierte Darion durch die Flure der Zitadelle. Er wurde zu dem ehrenwerten Wahrheitsbringer Acardo eskortiert. Ihm war klar, dass es sich hierbei um keine freundschaftliche Einladung handelte, sonst hätte ihn Acardo einfach durch einen Boten holen lassen, statt durch vier Mann. Bewaffnet und gerüstet. Auch Darion war bewaffnet, nach der Sache mit Estelle und seiner Frau, hatte er es für angebracht gehalten, sein Schwert immer am Mann zu haben. Die Männer führten ihn nicht zu Acardos Räumlichkeiten, sondern in einen kleinen Raum, irgendwo in den Tiefen der Zitadelle. Ein Mann blieb vor der Tür, der Rest trat mit ihm ein. „Was soll das?“, fragte Darion gereizt, als er den Wahrheitsbringer sah. Vielleicht war sein Ton etwas harscher als gewollt, aber er war sehr zornig. So hatte man ihn noch nie behandelt. Acardo bedeutete ihm, dass er ruhig bleiben sollte. „Darion.“, fing er ganz ruhig an. „Du weißt ich vertraue dir, aber das muss sein. Estelle ist wieder aufgetaucht.“ Ungläubig starrte Darion ihn an. „Und warum ist sie nicht bei Aduan? Er kommt um vor Sorge, verdammt!“ „Es ist nicht so einfach!“, donnerte der Wahrheitsbringer und Darion kam sich wieder vor, wie ein Zwölfjähriger. „Sie hat sich nicht einfach nur verlaufen. Es gibt eine Untersuchung und dazu gehört es jeden Verdächtigen zu befragen und-“ „ICH BIN VERDÄCHTIG?!“, entfuhr es Darion so laut, dass man es wohl noch in Avalé hören konnte. „Ja.“, sagte eine Stimme hinter ihm und Darion brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen wer da stand. Dieser verfluchte Lepos. „Ehrenwerter Wahrheitsbringer. Wie ich sehe, habt Ihr bereits ohne mich begonnen. Sicherlich nur ein Versehen oder? Sonst könnte man meinen, Ihr würdet Eure Pflicht auf Grund von... persönlicher Betroffenheit nur unzureichend erfüllen. Das will doch niemand.“ Darion konnte den Kerl nicht leiden, aber jetzt verstand er immerhin, weshalb Acardo ihn nicht unter vier Augen hatte sprechen können. Es gab Vorschriften und die musste er einhalten. Sie waren Arcanier, stolz und pflichtbewusst und keine Wilden oder gar korrupte Elfen. Lepos ließ sich auf einem von zwei Stühlen nieder und bot Darion den anderen an, auf der anderen Seite des Tisches. Der Graf verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich stehe sehr bequem, vielen Dank.“ Lepos seufzte theatralisch. „Wie Ihr wünscht. Ich nehme an Ihr könnt Euch denken, weshalb Ihr hier seid. Eure Frau war die letzte Person, mit der die frisch gebackene Komtess gesehen wurde. Sie verschwindet und Eure Frau taucht wieder auf. Schon komisch nicht wahr?“, endete er mit einem spöttischen Lächeln. Der Graf funkelte ihn zornig an. „Meine Frau wurde geschlagen und ist beinahe erfroren, ich finde das absolut nicht komisch.“ Lepos schaute kurz irritiert. „Ich meinte nicht diese Art von komisch.“ „Ach ja?“, fragte ihn Darion forsch, „dann lasst das Grinsen und zeigt den nötigen Ernst, Vollstrecker.“ Einen Moment lang sah ihn Lepos sprachlos an. Er war gewohnt, dass seine Verdächtigen vor Angst zitternden, statt ihm die Worte im Mund herum zu drehen. Darion setzte indes eine selbstbewusste Miene auf. Er dachte gar nicht daran, sich in irgendeiner Weise einschüchtern zu lassen. Nicht mal von einem Vollstrecker. Nun unverhohlen zornig fuhr Lepos fort. „Kurios, dann eben. Nicht komisch. Ebenso wie der überraschende und seltsame Tod eines Gefangenen, dessen Wohlergehen der Inquisition bis zur seiner Verurteilung, sehr am Herzen lag.“ Darion wurde etwas aufmerksamer, wobei er nicht verstand wo das Problem lag oder was er damit angeblich zu tun haben sollte. „Man kann doch sicher untersuchen, woran er starb.“ „Leider erfuhr das Pflichtbewusstsein eifriger Knechte, vor der Vernunft der diensthabenden Offiziere davon und schritten sogleich zur Tat. Er wurde verbrannt, wie üblich.“ Darion nickte langsam. „Und sofern Ihr mir nicht unterstellt, dass ich durch Wände gehen kann, weiß ich nicht was mich das angehen würde.“ „Nun ja Graf Malistaer. Bis letzte Nacht gar nichts, aber seid die Komtess wieder aufgetaucht ist... nun sagen wir es wäre ein Zufall zu viel. Sagt mir, wie steht es um Eure Finanzen.“ Wütend schlug Darion mit beiden Händen auf den Tisch. „Die gehen Euch weder etwas an, noch tun sie etwas zur Sache!“, fuhr ihn Darion an. „Ich war die ganze Zeit über an Aduans Seite, so wie Aelis es von mir wollte. Fragt ruhig.“ Langsam stand Lepos auf. „Nicht mehr nötig, dies wurde bereits getan. Aber dennoch bleibt die ganze Sache sehr suspekt.“ Darion schnaufte genervt. „Solange Ihr nur wüste Beschuldigungen und Verdächtigungen aussprecht, statt Beweise vorzulegen, ist das hier reine Zeitverschwendung. Das Gespräch ist beendet.“ Mit einem knappen Nicken verabschiedete er sich, drehte auf dem Absatz um und marschierte zur Tür. „Dann“, hob Lepos an, „werden wir lieber mit Eurer Frau reden.“ Darion blieb sofort stehen. Er atmete schwer, denn das war definitiv eine Drohung gewesen, da war er sich sicher. Kurz zögerte, ob er nicht vielleicht doch gehen sollte, aber er hörte, wie Lepos amüsiert schnaufte. Plötzlich stand er nur noch eine Handbreit vor dem Vollstrecker und besann sich gerade noch, ihn nicht am Kragen seines Rockes zu fassen. Er atmete einmal tief durch. „Wenn Ihr meiner Frau zur nahe kommt, schlage ich Euch den Schädel ein.“, sprach er gefährlich ruhig. Lepos blickte ihn mit gespielter Überraschung an. „War das eine Drohung, Euer Gnaden?“ Darion trat einen Schritt zurück und lächelte freundlich. „Aber nicht doch, Vollstrecker.“ Dann ging er. Darion flog förmlich durch die Flure der Zitadelle und dennoch näherten sich hinter ihm Schritte. Abrupt blieb er stehen, drehte sich um und sah Acardo hinter ihm her laufen. Er machte gerade den Mund auf, da fing er sich eine schallende Ohrfeige. „Wage es nicht noch einmal einem Vollstrecker zu drohen!“, donnerte Acardo. „Du vergisst wo dein Platz ist! Der Inquisition begegnet man mit Respekt.“ Wütend funkelte der Wahrheitsbringer Darion an, welcher ebenso zornig zurück stierte. „Dann soll die beschissene Inquisition mich in Ruhe lassen!“ Dafür fing er sich eine weitere Ohrfeige. Er schmeckte Blut, denn Acardos Ring hatte genau die Lippe getroffen. Darion leckte das Blut ab. So hatte sich das angefühlt, als er zum Ritter geschlagen wurde. Die traditionelle Ohrfeige. „Ich bin doch schon ein Ritter.“ „Und bald ein Märtyrer, wenn du dein vorlautes Maul nicht hältst.“ Darion nickte und blickte sich um. Zwei Gestalten liefen am Ende des Flures vorbei. Ja er sollte sich beherrschen, erst recht hier. Außerdem stand ihm nicht länger der Sinn nach Gesellschaft, jedenfalls nicht nach dieser Gesellschaft. „Ist Aelis hier in der Zitadelle?“ Acardo schüttelte den Kopf. „Sie hat sich freistellen lassen.“ Darion schaute ihn überrascht an. „Wir reden aber von deiner Nichte, nicht wahr?“ „Natürlich.“ „Und warum,“, zischte Darion, „erfahre ich das erst jetzt?“ Der Wahrheitsbringer runzelte die Stirn. „Ich wusste nicht, dass du ein Anrecht auf dieses Wissen hast.“ Darion trat einen Schritt vor und senkte die Stimme. „Findest du es nicht sehr kurios?“ Er ertappte sich dabei, wie er Lepos' Wortwahl nachahmte. „Gerade jetzt, wo du und ihre Familie sie am meisten bräuchten. Wo ihre Fähigkeiten als Vollstreckerin, von Nutzen wären, geht sie? Föllt mir schwer zu glauben.“ Acardo nickte langsam. „Mir auch und wir sind nicht die einzigen. Ich habe alle Hände voll zu tun, diese absurden Vorwürfe zu zerstreuen. Sie ist in Arvia.“ „Ja... dann mache ich mich gleich auf den Weg.“ Acardo hielt ihn fest. „Was auch immer du rausbekommst, komm damit ja nicht zu mir. Ich habe schon genug um die Ohren.“

Der alte Diener sah verlegen aus. „Die Komtess schläft noch.“ „Dann wecke sie verdammt nochmal auf.“, befahl Darion. Er stöhnte wehleidig. „Sie wird mich umbringen“ Darion tätschelte ihm die Schulter. „Ich bin ihr im Schwertkampf weit überlegen, ich werde dich beschützen.“ „Auch vor ihrem Gast?“ „Welchem Gast?“ Der Diener überlegte kurz. „Graf...“ „Devin?“ Es war weniger eine Frage. Der Mann nickte aufgeregt. „Die will mich wohl verarschen.“, brummte Darion. „Na schön, dann warte ich bis sie sich von ihrem Schäferstündchen erholt hat.“
Also wartete Darion in einer kleinen, warmen Stube darauf, das Aelis erwachte. Seiner Kleidung hatte er sich weites gehend entledigt, um sie vor dem glimmenden Kohlebecken zu trocknen und er wärmte sich die Hände, an einem Becher mit dampfenden Gewürzwein. Nach Stunden des Wartens, trudelte dann langsam auch die gesamte Dienerschaft ein und der Nachtwärter, der durch Darions Anwesenheit öfter seine Runde gegangen war, machte sich auf ins Bett. Die Küchenmagd, die eben erst anfing das Frühstück vorzubereiten, brachte ihm eine Schüssel mit Getreidebrei. Darion schaute dem geschäftigen Treiben zu. Irgendwann viel ihm ein Mann auf, der sogar nicht in das Bild passte, da er, ganz ähnlich wie Darion, nicht an dem Treiben teilnahm. Ihre Blicke trafen sich, als Darion sich einen Löffel Brei in den Mund schob. „Guten Morgen.“, sagte der Mann gedehnt, unsicher, ob er einen Mann von Stand vor sich hatte. „Morgen.“, gab Darion knapp mit halbvollem Mund zurück, dann ging alles wieder seinen Gang. Eine Weile später zog er sich wieder in die warme Stube zurück, um sich wieder anzukleiden. Währenddessen gab er sich der wohligen Erinnerung hin, an die vorletzte Nacht hin, in der seine Frau sehr auf seine Zuneigung bedacht gewesen war. Was genau war, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Er wollte eben wieder hinaus, als er Aelis' Stimme hörte und blieb stehen. Diesen kurzen Moment der seligen Vertrautheit gönnte er ihr, deshalb blieb solange im Hintergrund, bis die Gäste gegangen waren. Aelis hatte ihm den Rücken zugewandt, als er den Raum betrat. Er räusperte sich und sie schien sehr überrascht zu sein ihn zu sehen. Weniger freudig überrascht, stellte er fest.
„Keine Sorge. Ich werde kein Wort darüber verlieren.“, meinte er ein wenig amüsiert. Er setzte sich an die Tafel und bedeutete ihr, sich zu ihm zu setzen und scheuchte die Dienerschaft hinaus. Im Nachhinein wäre es klug gewesen, sich einige Worte zurecht zu legen. „Was machst du hier Darion? Und warum hat mir niemand Bescheid gegeben?“, fragte sie als sie sich zu ihm setzte. „Ich muss mit dir reden.“, sagte er ernst. „Deine Schwägerin verschwindet, ein Mann stirbt, sie taucht wieder auf und du gehst.“, platzte es aus ihm heraus und er schaute in die andere Richtung. „Das passt nicht zu dir. So wie ich dich kenne, hättest du dich förmlich unter Arbeit begraben und ICH hätte dir Freizeit befehlen müssen. Du wärst, wenn du nicht gerade einer Spur gefolgt wärst, niemals von Aduans Seite gewichen. Tut mir leid Aelis, aber das kommt mir sehr seltsam vor.“ Er schaute sich streng an, denn nun meldete sich wieder sein Pflichtgefühl. „Ich bin ein loyaler Mann. Nicht nur loyal zur Krone, sondern auch zu deiner Familie. Das weißt du und deshalb frage ich nur einmal. Steht das alles in einem Zusammenhang? Und lüge mich nicht an, du weißt, ich merke es, wenn du flunkerst.“ Ihm war unwohl und er hatte beinahe Angst etwas zu hören, was er nicht hören wollte. Leise verfluchte er Acardo, weil er sich davor gekonnt gedrückt hatte.
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Re: Im Namen der Zwei

Beitrag von Aelis von Avalé » Mi, 19. Okt 2016 13:25

Die Aussicht, dass Devin die Nacht in Arvia verbringen musste, ließen ihn scheinbar kühn werden. Kaum, dass der Diener gegangen war, wandte er sich ihr zu und setzte einen gespielt skeptisch Blick auf. „Ein Gästezimmer? Bist du sicher?“ fragte er sie in nicht minder skeptischem Tonfall und blickte ihr lange und eindringlich in die Augen. Aelis verstand, worauf er anspielte, und ihre Gedanken glitten zurück an die Nacht die sie miteinander verbracht hatten. Diese allzu deutliche Anspielung, diese Nacht zu wiederholen, bescherte ihr Gänsehaut, und sie begann mit sich zu hadern. Sie hatte vor langer, langer Zeit ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Von einer Dienerin der Zwei wurde das verlangt. Nun, jener Derec, in welchen sie vor einigen Jahren verliebt war, hatte ihr die Unschuld bereits genommen, noch bevor sie das Gelübde abgelegt hatte, und auch Devin war ein solches Hindernis an aufrechter Enthaltsamkeit gewesen. Aelis wusste, warum man nach dieser strebte. Zum einen konnte eine Frau in andere Umstände kommen. Zum anderen lenkten unkeusche Gedanken von Pflichtbewusstsein, Disziplin und Geradlinigkeit ab. Sie hatte das am eigenen Leib erfahren. Aber andererseits war sie nicht aus Stein. War es wirklich so, dass die Geschwister dies von ihrer Dienerin verlangten? Reichte es nicht, ihnen treu zu sein und ihre Lehren zu leben? War sie nicht gehorsam genug? Was machte es da schon aus, ab und an seine Bedürfnisse auszuleben? Ja, sie begehrte Devin. Er war nicht einfach nur ein Schönling, wie die meisten Höflinge. Er war klug und redegewandt. Sie mochte ihn, sie fühlte sich von ihm angezogen. Und sie ging keine Verpflichtungen ein. Theoretisch. Würde man ihnen auf die Schliche kommen, dann wäre das vielleicht etwas anderes. Onkel Acardo würde dies sicher nicht dulden. Aber eine drakonische Strafe würde es dafür vermutlich nicht geben. Wenn Aelis nicht enthaltsam lebte, dann würde Onkel Acardo ihren Liebhaber vermutlich dazu bringen, seine Nichte, die von ihm entehrt worden war, zu heiraten. Das war Gang und Gäbe in den Adelshäusern, wenn es zu einem solchen Skandal kam. Wollte sie dies? Nein. Mit Devin ins Bett gehen war die eine Sache, ihn heiraten zu müssen war eine ganz andere Sache. Obgleich es sicherlich unangenehmere Ehemänner geben würde, als ihn. Trotzdem. Sie mochte ihr Leben, und sie würde dieses nicht aufgeben. Wer konnte ihr schon beweisen, was sie mit Devin getrieben hatte, solange er es für sich behielt? Niemand. Aelis hatte schon viel zu lange geschwiegen, und ihm damit ihre indirekte Zustimmung gegeben, da sie ihm eine Antwort schuldig geblieben war. Beiläufig zupfte er an einem Band, welches zur Schnürung ihres Kleides gehörte. „Ich hatte angenommen, es hat einen guten Grund, warum ich hier auf diesem Bärenfell liege…?“ fügte er hinzu, und Aelis‘ Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Verdammt, sie wollte ihn. Sie wollte ihn, hier und jetzt, auch auf dem Bärenfell. „Eigentlich nicht…“ begann sie zögerlich, um einen Anstand zu wahren, den es nicht gab. „Nur, weil es am Feuer weitaus wärmer ist. Und es war ja nicht ersichtlich, dass…“ hob sie zu einer weiteren fadenscheinigen Leugnung an, die sie unterbrach. Auch, wenn sie ihn nicht bewusst auf dieses Bärenfell am Feuer zitiert hatte, damit sie übereinander herfallen konnten, so stand diese Option jetzt sehr wohl im Raum. Er schien sie ebenfalls zu wollen, warum sonst agierte er so? Das gefiel ihr. Und dass sie erst kürzlich ihre Blutung gehabt hatte, beruhigte sie dahingehend, dass es heute Nacht mit Sicherheit nicht gefährlich sein konnte. Somit fiel Aelis‘ letztes Bedenken, ihn abzuweisen. Es gab keinen Grund, ihn abzuweisen. Der Abend hatte durch seinen Besuch eine unerwartete Wendung genommen, und ihn so ausklingen zu lassen war sicherlich keine schlechte Idee. Langsam näherte er sich ihr und küsste sie, und sie erwiderte den Kuss. Er hatte einen sinnlichen, weichen Mund, und er verstand sich in diesem Spiel mit Lippen und Zunge vortrefflich. Aelis seufzte ergeben auf, und leistete keinen Widerstand, als er mit seinen Händen auf Tuchfühlung ging und sie dann langsam aber stetig von ihren Kleidern befreite. Sie wurde daran erinnert, dass er ein guter Liebhaber war, der genau wusste, was er tun musste, um eine Frau für sich zu gewinnen und ihr zu Gefallen zu sein. So liebten sie sich schließlich auf dem Bärenfell vor dem Kamin, und als sie schließlich fertig war, sah es nicht so aus, als wollte sich Devin in sein für ihn vorbereitetes Gästezimmer zurückzuziehen. Aelis musste zugeben, dass sie seine Anwesenheit in ihrem Bett durchwegs genoss. Sie sprachen noch ein Weilchen über recht belanglose Dinge, bevor sie schließlich einschlief.

Der nächste Morgen war ganz anders, als der letzte, an welchem sie sich gesehen hatten, als sie zum ersten Mal miteinander im Bett gelandet waren. Schon alleine deswegen, weil sie sich in Aelis‘ Anwesen befanden, wo sie deutlich selbstsicherer war, als damals in dem Seinigen. Als die Vollstreckerin aus dem Bett schlüpfte und prüfend die Vorhänge zurückzog, sah sie, dass es schon taghell war. Wunderbar war an dieser Tatsache, dass niemand es wagte, sie morgens zu stören, anders, als in der Silberzitadelle, wo Disziplin und feste Regeln herrschten, die Aelis besonders in der dunklen Jahreszeit schwerfielen. Sicherlich wartete das Frühstück in der Halle schon auf sie, und so ging sie schließlich in den abgetrennten Nebenraum, wo sich eine Waschschüssel und diverse andere Utensilien befanden. Als sie sich zurechtgemacht hatte, schien Devin bereits auf sie zu warten, und so ginge sie schließlich gemeinsam in die große Halle, wo die Mägde das Frühstück schon aufgetischt hatten. Die Vollstreckerin war an diesem Morgen gut ausgeruht und gut gelaunt, so dass sie mit großem Appetit aß, während sie sich unterhielten. Devin erzählte, dass er weiter nach Irukhan reisen würde, wo er in der Kavallerie diente. Aelis wusste das nicht, umso überraschter war sie, dass sie ihn dort noch nie gesehen hatte, scheinbar ließ er sich dort nicht allzu oft blicken, oder vielleicht war er ihr einfach nur nie aufgefallen. „Arvia liegt quasi direkt auf dem Weg…“ deutete er lächelnd an, und Aelis blickte ihn neugierig und auch vielsagend an. „Mein Anwesen steht gern gesehenen Gästen immer offen“ meinte sie „Auch, wenn ich mich selten hier aufhalte. In der Silberzitadelle würdest du mich bestimmt öfters antreffen“ fügte sie mit einem leichten Bedauern in der Stimme hinzu. Doch schließlich war es an der Zeit, dass Devin sich zum Aufbruch entschloss. Die Vollstreckerin begleitete ihn in die Eingangshalle, wo sein Knappe, Diener, oder wer immer er war – Aelis interessierte sich für solche Belanglosigkeiten nicht- bereits auf ihn zu warten schien. Er machte ein missgelauntes Gesicht, was Aelis‘ Aufmerksamkeit nun doch erregte. Welchen Grund konnte er schon haben, eine solche Miene aufzusetzen? Die Verpflegung der Dienerschaft in Arvia war nicht schlecht, auch standen bequemere Schlafplätze nahe am wärmenden Feuer zur Verfügung, weswegen es nicht daran liegen konnte. Möglicherweise hatte es mit ihr zu tun. Sie musterte ihn mit stechendem Blick, wandte sich dann aber Devin zu, der sich von ihr verabschiedete. „Das war ein sehr schöner Abend, Aelis“, sagte er. Aelis nickte „Ich fand den Abend auch schön“ stimmte sie ihm leise zu. „Sehr unerwartet, und überraschend, aber sehr schön…“ „Wir sollten das wiederholen, wenn du magst. Oder komm mich besuchen, wenn du in der Nähe von Tarunnath bist. Ich wette, dort gibt es auch den ein oder anderen Ketzer, der deiner Dienste bedarf.“ Aelis musste schmunzeln „Dann werde ich auf jeden Fall auf Besuch kommen, wenn meine Zeit es zulässt“ neckte sie ihn. „Ich würde aber auch kommen, wenn dort nur du bist“ meinte sie schließlich. „Auf bald“ verabschiedete sie sich, und blieb noch eine Weile mit verschränkten Armen stehen, als das schwere Tor schon längst wieder in die Angel gefallen war.

Ein Räuspern ließ sie aufhorchen. Sie wandte sich um, und saß Darion, der lässig im Torrahmen zur großen Halle stand, den sie mit großen Augen ansah. Scheinbar war dies eine Zeit voll von unerwartenden und überraschenden Besuchen. Prinzipiell hätte sie sich auch auf ein Wiedersehen gefreut, doch ganz offensichtlich hatte er das Szenario mit Devin gesehen, und man musste nicht besonders hell sein, um zu wissen, was vorgefallen war. Die Frage, die blieb, war, was er hier tat. „Darion… Was machst du hier?“ klang sie weniger erfreut, als beabsichtigt. „Und… und wieso hat mir niemand bezüglich deiner Ankunft Bescheid gegeben?“ klang sie noch weniger erfreut. „Du bist ja wohl nicht erst vor wenigen Augenblicken hier angekommen, und wir…ich… nicht erst vor fünf Minuten aufgestanden…“ stellte sie fest. „Keine Sorge. Ich werde kein Wort darüber verlieren.“ „Darüber?“ fragte sie ihn gedehnt, und ärgerte sich noch mehr, dass sie sich ertappt fühlte. „Wie großzügig von dir, Graf Arrun Malistaer. Es geht dich ja auch nichts an, kein Grund also, ein Wort darüber zu verlieren. Habe ich dich schon jemals gefragt, wie Leria sich im Ehebett benimmt? Im Übrigen habe ich ihn nicht eingeladen, er ist ebenso unerwartet hereingeschneit wie du. Ankündigungen sind dieser Tage scheinbar nicht mehr in Mode“ erwiderte sie ein wenig schnippisch, während sie in die Halle gingen. Er setzte sich an die Tafel und mit ein wenig zugekniffenen Augen bemerkte sie seine einladende Geste, sich zu ihm zu setzen. „Ich muss mit dir reden“ begann er ernst, und Aelis fühlte, dass etwas nicht stimmte. „Worüber? Was ist denn los?“ fragte sie mit wachsendem Unbehagen in ihrer Stimme. „Deine Schwägerin verschwindet, ein Mann stirbt, sie taucht wieder auf und du gehst.“ Er wandte den Blick ab und sprach weiter: „Das passt nicht zu dir. So wie ich dich kenne, hättest du dich förmlich unter Arbeit begraben und ICH hätte dir Freizeit befehlen müssen. Du wärst, wenn du nicht gerade einer Spur gefolgt wärst, niemals von Aduans Seite gewichen. Tut mir leid Aelis, aber das kommt mir sehr seltsam vor.“ Sie konnte es ihm nicht verdenken. Es klang nicht nur seltsam, es war auch nicht nur seltsam, nein, ihre Vorgehensweise war geradezu hanebüchen dumm gewesen. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl zurück. Als säße ihr nicht ihr engster und längster Freund gegenüber, sonst ein erbitterter Feind. In ihrer Position war es selten, einen guten Freund ihr Eigen nennen zu können, und selbst lange geglaubte gute Freunde entpuppten sich oft als plötzliche Feinde. Ein absurder Gedanke, wenn sie Darion anblickte. Aber kein unmöglicher. „Estelle ist also wieder da? Das wusste ich nicht, ich habe nichts darüber erfahren. Aber das ist gut. Gut für Aduan…“ murmelte sie abwesend und sah ihn dann geradewegs an. „Und, was soll ich damit zu tun haben? Ein Mann stirbt, na und? Wer überhaupt? Und müssen nicht alle einmal sterben? Täglich sterben Menschen. Ich sehe oft Menschen sterben. Und nur, weil ich mir eine Auszeit gegönnt habe, kommt dir das seltsam vor? Ich habe viel um die Ohren, und momentan ist mir alles ein wenig zu viel. Darum habe ich mir eine Auszeit genommen. Habe ich mir das nicht verdient? Darf ich das etwa nicht?“ fragte sie ihn gereizt. „Ich bin ein loyaler Mann. Nicht nur loyal zur Krone, sondern auch zu deiner Familie. Das weißt du und deshalb frage ich nur einmal. Steht das alles in einem Zusammenhang? Und lüge mich nicht an, du weißt, ich merke es, wenn du flunkerst.“ Aelis verfluchte ihn in Gedanken in diesem Augenblick. Der Zusammenhang, den es in diesem Fall gab, war nicht für jedermann klar ersichtlich. Aber er wusste es? Wenn er es schon wusste, was wusste dann bereits die Inquisition? Sie erschauerte. Aelis faltete ihre Hände, stützte ihr Gesicht auf ihre Fingerknöchel und starrte ihn lange und durchdringend an. Dann erhob sie sich und deutete auf seinen Platz. „Warte hier“ sagte sie im Befehlston und verließ die Halle, während sie einem Diener nach warmen Gewürzwein schickte. Sie ging in ihr Privatgemach, holte den Brief aus ihrer Abschrift der Zwei hervor und ging damit zurück in die Halle. Zurück an ihrem Platz warf sie ihm das gefaltete Dokument hin. „Lies das“ sagte sie ernst, und wartete, dass er es fertig gelesen hatte. Sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen, und Erklärungen waren hier wohl auch nicht mehr nötig. Sie lehnte sich zu ihm nach vor und raunte ihm leise zu „Was hätte ich denn tun sollen, Darion? Ja, natürlich hätte ich damit zu Onkel Acardo gehen können. Doch wer weiß schon, was in ihm vorgeht? Er ist Wahrheitsbringer. Wer weiß schon, auf welcher Seite er steht, wenn er sich zwischen dem Glauben und der Familie entscheiden muss? Insofern habe ich ihm diese Entscheidung abgenommen. Ich habe es für meinen Bruder getan. Mir war klar, dass es riskant ist. Ich weiß nicht einmal, wer dieser Kollo Irgendwer ist. Ich stand unter Zeitdruck, das kannst du an dem Schreiben ja wohl erkennen. Mir blieb keine Zeit für lange Nachforschungen oder gar einen Familienrat.“ Sie strich sich bedächtig über den Hals. „Mir ist bewusst, was ich getan habe. Aber dafür stehe ich gerade, wenn es sein muss. Wenn es den Geschwistern gefällt, dass ich dafür bestraft werden muss, wie auch immer, dann bleibe ich aufrecht stehen und empfange meine gerechte Strafe. Und das ist jetzt kein Aschesängerunsinn, wie du es gerne nennst, sondern mein voller Ernst.“ Die Türe öffnete sich und ein Diener brachte den gewünschten Gewürzwein. Erst, nachdem er lange gegangen war, wandten sich die beiden wieder dem Gespräch zu, auch, wenn sie darauf keine rechte Lust mehr hatte. Aelis zuckte die Schultern. „Ich weiß auch nicht, was mit mir gerade los ist“ meinte sie dumpf und trank einen Schluck heißen Wein. „Ich stehe fest hinter meinem Glauben, und was ich tue, geschieht aus Überzeugung. Aber manches… das kann ich nicht gutheißen. Es stört mich nicht, einen Ketzer oder Volksverräter auf den Scheiterhaufen zu stellen. Oder ihm alle Zehennägel auszureißen. Denn das verdienen sie. Aber verdiene nicht ein wenig… Ich meine, nehmen wir Devin her. Wieso darf ich als Dienerin der Zwei nicht ein wenig Spaß haben? Idalia, steh mir bei, ich finde ihn wunderbar! Er ist ein geistreicher, kluger Mann, man kann sich wirklich gut mit ihm unterhalten…“ Dass er auch gut im Bett war, erwähnte sie an dieser Stelle nicht. Dass es möglicherweise falsch war, was sie tat, war ihr mehr als bewusst. „Oh, bei den Geschwistern, ich muss mich zusammenreißen. Ich darf nicht… Er hat mich zu sich nach Tarrunath eingeladen… Ich muss mich irgendwie ablenken. Ach übrigens… Du erinnerst dich doch sicherlich an diese Nirva. Mit der du getanzt hast. Devin hat mir erzählt, dass sie ihm droht, weil er sie nicht heiraten möchte. Er glaubt, dass sie ihn bei der Inquisition anschwärzen will.“ Sie lachte auf „Kannst du dir das vorstellen? So dumm kann doch niemand sein, wie dieses Frauenzimmer. Man kann doch einfach in die Silberzitadelle marschieren und einen Meineid ablegen.“ Nachdenklich zupfte sie an der Unterlippe „Es sei denn, sie weiß etwas, was Devin betrifft und versucht ihn, damit zu erpressen. Und er war nur hier bei mir, um der erwarteten Anschuldigung den Wind aus den Segeln zu nehmen…“ Sie erhob sich. „Ich sollte nach Irukhan zurückkehren. Gleich heute. Und ich brauche dich an meiner Seite… Für alle Fälle. Wirst du mich mich begleiten, Darion?“
Alle Wege bahnen sich vor mir, weil ich in der Demuth wandle... (Goethe)

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