Unter Dieben

Die einst mächtigen Reiche der Menschen und Elfen, die nach den Drachenkriegen gegründet wurden. Die unwegsame Heimat der Orks und Wilden Menschen und das Felsenreich der Bergelfen.
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Caradan
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Mi, 03. Okt 2018 19:37

Es hatte geklappt! Es hatte doch tatsächlich geklappt! Sie war ihm zu Willen gewesen und das nur weil er es mit bestimmender Stimme verlangt hatte. Diese Offenbarung hatte ihm den Höhepunkt noch um einiges versüßt und nun, da er wohlig erschöpft in den Laken lag und sie im Arm hielt, da war er sehr zufrieden mit sich selbst und dem Rest der Welt. Vielleicht würde sie ihre Meinung ja noch ändern und doch mit nach Lanyamere kommen ohne zu klagen. Falls sie dennoch klagte, nun, er wusste jetzt wie er sie überzeugen konnte, das zu tun was er wollte. Morgen würden sie dem Schneider einen letzten Besuch abstatten, ihn ein letztes Mal heimsuchen und dann eilenden Fußes Cadron verlassen. Mittlerweile hatte er gehörig die Schnauze voll von diesem Ort. Nicht nur das es furchtbar Öde war, diese Stadt hatte absolut gar keinen Reiz, nein, es gab auch nichts dass sie irgendwie voran brachte. Zwar hatte Aen gesagt, dass Ardor für sie nun erledigt war, aber das glaubte er erst, wenn sie es unter Beweis stellte und da das ziemlich schwierig sein dürfte, würde er dieser neuen Einstellung wohl eine ganze Weile misstrauisch gegenüber stehen. Dennoch, nach Arcanis war es ein weiter Weg, der Winter nahte und sie sollten keine Zeit verlieren. Sie lagen im Bett, draußen war die Sonne bereits hinterm Horizont verschwunden und man bemerkte das Fehlen der wärmenden Sonnenstrahlen sofort. Es wurde kühl und Caradan zog das Laken etwas höher, während er Aen etwas dichter an sich zog. So wurde es schnell warm und war auch viel angenehmer. Schließlich begann Aen, in die harmonische Stille hinein, mit ihrer Erzählung. Der Dieb hatte die Augen geschlossen, aber hörte ihr aufmerksam zu, strich ihr an passender Stelle über den Arm, drückte sie sanft, aber als sie von dem Priester erzählte, der sie gegen ihren Willen nehmen wollte, verkrampfte er sich. Diese elenden Heuchler! Gelobten Keuschheit und predigten Tugendhaftigkeit, aber trieben sich in Schenken und Hurenhäusern herum. Lutschten an Schnäpsen und Fotzen gleichermaßen und steckten ihre kleinen Schwänze in jedes Loch, dass in Sicht kam, egal ob Frau, Mann, Kind oder Ziege! Elendes Pack. “Ich wurde gebrandmarkt, konnte entkommen, und habe den Tempel angezündet um es ihnen allen zu zeigen.”, meinte Aen und Caradan hob den Kopf, um sie interessiert anzusehen. “Das warst du?”, fragte er, teils neugierig, teils belustigt, denn er erinnerte sich noch zu gut daran, welche Beute er an diesem Tag gemacht hatte. Keiner hatte auf seinen Geldbeutel geachtet, sondern wollte entweder gaffen oder helfen. Die meisten wollten gaffen. Es war das reinste Freudenfest für findige Taschendiebe. “Ja, ich war das, der Tempel ist durch mein Zutun abgebrannt. Verstehst du jetzt, wieso ich nicht unbedingt nach Lanyamere möchte?” Caradan holte bereits Luft um sein Verständnis auszudrück, um ihr zu sagen das er sie nicht zwingen wollte, zu gar nichts, aber sie sprach schneller weiter, als er reagieren konnte. “In Lanyamere lernte ich Thero kennen.” Der Dieb hielt den eingezogenen Atem an. Das durfte nicht wahr sein. Konnte sie mal einen Tag nicht über ihn reden? Einmal in seinen Armen liegen und nicht von ihm anfangen? Nicht mal nachdem sie miteinander geschlafen hatten, verschonte sie ihn. Allein die Erwähnung seines Namens löste bei ihm einen Würgereiz aus und schaffte es binnen eines Wimpernschlags jegliches Hochgefühl aus seinem Körper zu fegen. Ja, wenn Aen beim Vögeln Theros Namen rufen würde, dann würde Caradan sofort erschlaffen und keiner von beiden hätte was davon. Doch er weigerte sich ihr seine Abneigung zu zeigen. Betont gelassen, entspannte er sich und verbot sich den angehaltenen Atem in einem Seufzer in die Freiheit zu entlassen. Stattdessen ließ er den Atem ganz langsam entweichen, während sie weiter sprach. Irgendwie waren seine Gedanken ungerecht, immerhin erzählte sie ihm bloß von ihrer Zeit in Lanyamere und dass eben genau in dieser Zeit dieser verdammte Wilde aufgetaucht war, war eben ein beschissener Zufall gewesen. Was sie allerdings erzählte, überraschte ihn sehr. Das Aen ihre dunklen Seite hatte, hatte er mit eigenen Augen gesehen, aber das ihre Abgründe so tief waren, hätte er nicht gedacht. Er konnte nichts sagen. Nicht bloß, weil sie ihn gar nicht die Möglichkeit dazu gab, sondern weil er nicht wusste was er dazu sagen könnte. Daher hielt er sie einfach nur fest. Und was ihre seelischen Wunden anging… dagegen war seine kleinliche Eifersucht geradezu jämmerlich lächerlich. “Ich glaube, ich habe nun genug gesagt. Für heute reicht es mir.” Er wollte gar nicht mehr nach Lanyamere, nicht wenn das bedeutete, dass es alte Wunden aufriss, die sie zerreißen würden. “Gute Nacht Caradan.”, flüsterte und er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. “Gute Nacht Aen.”

Es war bisher, wenigstens soweit sich Caradan erinnern konnte, eine Seltenheit, dass Aen vor ihm erwachte. Als er die Augen aufschlug, bemerkte er zuallererst, dass das Bett neben ihm leer war. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und sah, wie Aen auf einem der Stühle am Tisch saß. So leise er konnte wandt er sich aus dem Bett und schlich zu ihr. Sie brütete wie am Vorabend über den Karten. Es waren mehrere Karten die sie erstanden hatten, zusammen mit einer ewig langen Belehrung, wie man eine Karte richtig zu lesen hatte. Die Wegstrecken zu berechnen, konnten sie beide nicht, ihnen ging es eher darum überhaupt erst in die richtige Richtung zu reiten. Wie schnell sie voran kämen, wäre eine Frage die sie erst im Nachhinein beantworten könnten. Er trat an ihren Stuhl ran und legte ihr eine Decke um die Schultern. Morgens war es verdammt kalt und eine Erkältung konnten sie sich nicht leisten. “Guten Morgen.”, murmelte, noch halb verschlafen, schnappte sich seinerseits eines der Laken und wickelte sich warm ein, ehe er sich ihr gegenüber auf den anderen Stuhl fallen ließ. Sie sah fertig aus, fand er. Erschöpft, zerzaust und unentschlossen. Offenbar hatte sie nicht annähernd so gut geschlafen wie er. Obwohl sie schwiegen, hatte der Dieb nicht das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen stand. Sie hatte sich ihm geöffnet, ganz und gar und er hatte es, sie, so hingenommen. Es gab keinen Grund sie mit anderen Augen zu sehen und das wollte er ihr auch zeigen. Nachdem sie sich angekleidet hatten, beschlossen sie ordentlich zu frühstücken. “Heute Mittag können wir zum Gewandschneider gehen”, merkte Aen an, während sie auf das Frühstück warteten. “Ich hoffe, es ist alles fertig. Wahrscheinlich ist der Schneider froh, wenn er uns nie wieder sehen muss.” Der Dieb erwiderte ihre gute Laune und grinste. “Der soll sich wagen zu jammern. Wir zahlen mehr als genug.” Das stimmte wohl. Der Wirt brachte Brei und Bier, ein ordentliches Frühstück, ein arcanisches Frühstück. Caradan lächelte nostalgisch, als er den Gerstenbrei umrührte und begann in sich hinein zu schaufeln. Er war verdammt hungrig und so eine einfache Mahlzeit die satt machte, war genau das was er brauchte. Festmahl hin oder her, dass war das Essen, das er gewöhnt war und das brachte ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Plötzlich ergriff Aen seine Hand und er ließ den Löffel überrascht in die Schüssel sinken. Sie eröffnete ihm, dass sie tatsächlich nicht gut geschlafen hatte, da sie einige Gedanken umtrieben, Gedanken die sie ihm mitteilen musste und er deshalb gut zuhören müsste. “Und das musst du, denn ich möchte dir nicht wehtun. Nichts liegt mir ferner, als das.” Sein Magen verkrampfte sich unwillkürlich. So begannen keine angenehmen Gespräche, eher im Gegenteil. “Also. Wie du weißt, sind Thero und ich den Bund eingegangen vor den alten Göttern, aber letztendlich getrennter Wege gegangen, ganz gleich, was wir aneinander hatten und füreinander fühlten. Doch ich kann ihn einfach nicht vergessen.” Das war so überhaupt nicht das was Caradan hören wollte. Dieser verdammte Wilde verfolgte ihn wie ein Geist, nach dem Ficken, beim Früstücken und sicherlich bald auch beim Scheißen. Caradan hätte niemals gedacht, dass er einen Fremden derart hassen könnte. Doch genau das tat er. Er hasste diesen Kerl, auch wenn er ihn noch nie getroffen hatte. Er hasste ihn einfach nur für seine Existenz und seine Spuren die er bei Aen hinterlassen hatte. “Immer muss ich an ihn denken, obwohl dieses Kapitel längst abgeschlossen sein sollte. Ich finde, nun da wir beide, du und ich… nun ja… zusammengehören, und ich für dich frei sein will, muss das ein für alle Mal aufhören. Das bin ich dir schuldig, und das will ich auch so. Ich habe die halbe Nacht gegrübelt, was ich tun könnte, und dann fiel es mir ein. Womöglich liegt es an diesem unsichtbaren Band, durch welches wir miteinander verbunden wurden. Ich möchte dieses Band endgültig durchschneiden. Und das geht vermutlich nur, wenn man diesen Bund auflöst. Ich habe überlegt, wer so etwas machen könnte und bin zu dem Entschluss gekommen, dass es schon höhere Macht sein müsste, so wie die alten Götter eine höhere Macht darstellen. Wer also hätte die Macht dazu? Eine Naturmagierin. Eine Hexe, ein Götterweib. So eine werden wir in Arcanis höchstwahrscheinlich nicht finden, darum müssen wir das hier machen. Am ehesten finden wir ein solches Weib in den Sümpfen und Mooren Coralays. Also bevor wir nach Arcanis reisen, müssen wir noch einen Abstecher dorthin machen. Was sagst du?”
Caradan runzelte die Stirn. Was sie sagte, freute ihn, mehr als er zugeben wollte, aber hatte seine Zweifel, ob es mit diesem kleinen Umweg getan wäre. Er glaubte kaum, dass die Worte einer Hexe sie davon abhalten könnte, diesem Kerl auf ewig hinterher zu hängen. Er glaubte er war auf ewig dazu verdammt, einer Frau hinterher zu laufen, die er nie ganz erreichen würde. Aber davon ließ er nichts hören. Stattdessen blickte er sie streng an. “Ich hab dich durchschaut.”, zischte er mit vorwurfsvoller Stimme. “Coralay ja? Schön weit weg vom Meer.” Seine Miene bröckelte ein wenig, als ein Lächeln über sein Gesicht huschte. “Damit du ja bloß auf kein Schiff musst, ich hab’s kapiert.” Mit jedem Wort, war er ein wenig lauter und lockerer geworden, bis er sie schließlich breit an grinste. Er legte seine freie Hand auf die ihre, die seine schon umklammerte. “Wenn es dich glücklich macht… und du dann endlich aufhörst über diesen scheiß großartigen Thero zu reden…” Er grinste sie breit an. “Dann sollten wir keine Zeit verlieren.” Er strich ihr über die Wange und widmete sich wieder seinem Brei. Seine Gedanken kreisten um die Landkarten. “Ich schlage vor.”, begann er zwischen zwei Bissen, “Entlang des Thóran nach Nordwesten. Da gibt es bestimmt ein paar Dörfer zum Rasten und falls nicht.” Er warf ihr einen anzüglichen Blick zu. “Halten wir uns schon irgendwie warm. Hab ja nicht umsonst einen Wintermantel.”

Ihr erster Halt war nicht der Schneider, sondern das Badehaus. Nicht etwa um sich erneut so ausgiebig zu waschen, nein, dazu gab es keinen Grund, sondern um sich vor der Reise noch einmal ordentlich zu reinigen. Wer wusste schon, wann das nächste Bad auf sie wartete. Oder wo. Ein paar zusätzliche Münzen ließen den Badeknecht kurzzeitig erblinden, sodass er nicht mitbekam, wie Aen und Caradan gemeinsam einen Zuber mieteten. Erholt, frisch und sauber begaben sie sich dann zum wackeren Schneiderlein. Der Mann hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Aen früher am Morgen. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, Stoppeln entlang des Kiefers, gar nicht mehr so hochnäsig fein wie noch vor zwei Tagen. Ganz im Gegensatz zu den gestriegelten Arcaniern. Es lag ein Hauch von schadenfroher Genugtuung lag in der Luft. Ein junges Mädchen brachte ihnen dampfenden Tee und warf Aen einen anklagenden Blick zu. Wohl die Tochter des Schneiders, die sich die Finger wund genäht hatte. Aen probierte die Kleider an, Caradan die Wämser. Somit stand einer Abreise nichts mehr im Wege, bis auf die lästige Sache mit der Bezahlung. “Nun…”, begann der Schneider und blickte dabei Caradan an. “Was die Bezahlung angeht.” Der Dieb hob eine Hand. “Die hast du bereits erhalten.” Der Mann verzog keine Miene. “Ihr spracht von einem dritten…” “Wenn du bis zum selben Abend fertig geworden wärst.”, schnitt Caradan ihm das Wort ab. “Bist du nicht und wir zahlen auch so schon zu viel. Den einzigen Lohn den wir dir noch schulden, ist deine wohlverdiente Ruhe vor uns.” Damit verließen sie die Scheiderstube und begaben sich zu den Pferden. Caradan verstaute seine neuen Kleider an seinem Sattel, noch wollte er sie nicht strapazieren und sie ritten gen Westen davon, kehrten scheiß Cadron und scheiß Merindar den Rücken.
Sie folgten dem Fluss Thóran, blieben stets in Sichtweite des Wasserlaufs und kamen gut voran. Es gab keine Straße hier, aber viel genutzte Pfade, voll fest gestampfter Erde, stellenweise hatte man Steine zu kleinen Mauern aufgetürmt, die als Wegbegrenzungen dienten. Gegen Abend erreichten sie einen, sich für eine Rast geradezu anbietenden, Platz. Am Ufer stand eine wahrlich riesige Trauerweide, die mit ihren tief herabhängenden Ästen ausreichend Schutz vor Wind und Wetter versprach. Mit dem Beil ein paar Äste heruntergeschlagen und wenig später hatten sie wärmendes Feuer. Die Decken wurden ausgebreitet, die Pferde getränkt und angebunden, das Essen ausgepackt und die Füße hochgelegt. Die erste Nacht in Freiheit, seit sie dieses verschissene Großdorf erreicht hatten. Als sie so da saßen, warf der Dieb Aen einen Blick zu. “Glaubst du das klappt?”, fragte er gerade heraus, wohl wissend, dass es nun so oder so zu spät war. “Glaubst die Worte irgendeiner Frau kriegt ihn aus deinem Kopf raus?” Der Dieb seufzte und bedachte sie mit einem traurigen Lächeln. “Für ihn gilt das Band doch noch. Vielleicht liegt es nicht an dir sondern an ihm… vielleicht bist du verflucht, auf ewig an ihn zu denken.” Dann lachte er. “Und ich wäre verflucht, bei dir zu sein, auch wenn du nicht ganz bei mir wärst. Aber das wäre gar nicht so schlimm.” Er ließ sich auf die Decke sinken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Eine kühle Brise ließ ihn frösteln, aber allein das Geräusch des prasselnden Feuers wärmte ihn schon. Zur Not hatten sie ja noch den Wein.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Do, 04. Okt 2018 15:56

Aen grinste erheitert, als sie den Gewandschneider verließen. “Dem hast du’s aber gegeben. Fast tut er mir leid…” meinte die Arcanierin und hielt ihre in Leinenstoff gewickelten Bündel wie einen Schatz in Händen, bevor sie ihre Pferde abholten, ihre Habseligkeiten verstauten und aufsaßen. Die Gegend in die sie ritten, war Aen noch unbekannt, hier war sie noch nie gewesen. Doch die Landschaft war wunderschön, so wie ganz Coralay ihr gut gefiel. Uralte knorrige Bäume dominierten die Gegend. Riesige einzelne Bäume, aber auch ganze Wälder davon. Zusammen mit den kargen Mooren und Sümpfen ergab dies eine ganz wunderbare Natur. Und Caradan hatte Recht. Sie war wirklich nicht für das Meer geschaffen. Viel besser gefiel es ihr im Landesinneren, und je grüner und bergiger, desto besser. Sie lauschte dem Rauschen des Thoran, atmete bewusst die kühle frische Luft ein und erfreute sich an den gelb und rot und orange werdenden Blättern der Bäume. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, und dennoch fand die Arcanierin, dass heute ein sehr schöner Tag war. Dieser verging wie im Flug und als des dämmerte, und der Nebel aus den Ufern des Thorans kroch, hielten sie an, um sich ein Nachtlager zu bereiten. Eine riesige Trauerweide bot genau, was sie brauchten. Ihre weit ausladenden und tiefhängenden Äste boten Schutz vor Regen, Kälte und Wind. Hinter den Ästen war es beinahe wie in einer Höhle. Dort breiteten sie ihre Decken aus und vor der Trauerweide errichteten sie ein Lagerfeuer. Aen spießte Brotschnitten auf einen Ast und hielt diesen ans Feuer um sie zu rösten. Während sie dies tat, starrte sie gebannt in die Flammen. Sie konnte sich einfach nicht sattsehen am warmen Feuerschein. Es war einfach zu faszinierend! Als sie das Stöckchen drehte, um auch die andere Seite anzurösten, begann Caradan “Glaubst du, das klappt?” Aen warf ihm einen Blick zu und legte die Stockbrote beiseite. “Was meinst du?” fragte sie ihn. “Glaubst die Worte irgendeiner Frau kriegt ihn aus deinem Kopf raus?” Aen zog eine Brotschnitte vom Stock und stopfte sie sich in den Mund. Sie kaute, und mit vollen Backen nuschelte sie “Wieso denn auch nicht?” “Für ihn gilt das Band doch noch. Vielleicht liegt es nicht an dir sondern an ihm… vielleicht bist du verflucht, auf ewig an ihn zu denken.” Dann lachte er. “Und ich wäre verflucht, bei dir zu sein, auch wenn du nicht ganz bei mir wärst. Aber das wäre gar nicht so schlimm.” Sie schluckte den Brotbrei hinunter und sah ihn forschend an. Es beschäftigte ihn anscheinend sehr. Viel zu sehr. Sie seufzte schwer “Ach Caradan. Es tut mir leid, dass ich dir so viel Ungemach bereite. Es… es ist sehr schwierig und kompliziert. Er war mein erster Mann. In jeder Weise. Wir haben soviel zusammen erlebt und so viel miteinander durchgestanden. Gute wie auch schlechte Zeiten. Und am Ende haben die schlechten Zeiten überwogen. Ich bin ihm lange nach unserer Trennung, als ich ihn totgeglaubt habe, noch einmal begegnet. Und letzten Ende war er es, der mir den Rücken gekehrt hat und in die Wälder verschwunden ist. Ich glaube nicht, dass es an ihm liegt. Der Werwolf in ihm gewinnt Überhand. Er beherrscht seinen Körper, er beherrscht seinen Geist. Und er lässt es zu. Er genießt es, er sucht die Einsamkeit in den Wäldern. Er hasst Menschen und er hasst Städte. Er wird sie immer meiden, wenn es geht. Er lässt zu, dass er immer mehr Bestie wird und eines Tages wird sie auch den letzten Funken Menschlichkeit niederringen, bis nichts mehr übrig bleibt als ein übergroßer Wolf der mit sich und der Welt zufrieden ist. Um ehrlich zu sein, war ich damals ganz froh als er gegangen ist. Er ist mir sehr auf die Nerven gegangen. Ich konnte nicht mit ansehen wie er sein Essen verschlang, ich konnte nicht zusehen wie er sein Bier oder Wein heruntergestürzt hat und die Hälfte davon durch den Bart geronnen ist. Wirklich, es hat mich krank gemacht! Alles was er dann noch war, war Wut, Hass, Blut und Gewalt. Alles, woran ich heute vielleicht noch festhalte, ist die Erinnerung an die Zeit vor der Katastrophe in den wilden Landen. Ich weiß, dass diese Zeit längst vorbei ist und ich weiß dass er nicht mehr gut für mich ist. Ich weiß das alles, und es ärgert mich, dass ich damit nicht abschließen kann. Aber unterschätze nicht die Macht einer Naturmagierin. Ich habe es schon einmal erlebt. In Shuridron lebte vor Jahren eine solche Hexe. Sie hat….” Aen stockte und wurde blass. “Du liebe Güte, das habe ich vergessen. Sie hat damals einen Blutzauber gewirkt. Thero wollte wissen, wessen Kind es ist, das ich in mir trage. Sie hat einen Blutzauber gewirkt. Sein und mein Blut vermischt und… Ob es sein könnte, dass es daran liegt? Blutzauber sind sehr mächtig, wie man hört.” Sie entnahm dem Ast die letzte Brotschnitte und knabberte daran herum. “Mach dir keine Sorgen, Caradan. Wir finden eine Lösung. Alles wird gut. Daran glaube ich ganz fest. Mein Herz gehört dir, und längst nicht mehr Thero. Würde ich heute eine Wahl treffen müssen, würde ich mich nicht für ihn entscheiden, sondern nur für dich.” Sie legte ihre Hand auf die Seine und drückte sie tröstend. Warum nur war das Schicksal nur so grausam?

Auch am nächsten Morgen erwachte Aen früher als man es von ihr gewohnt war. Der Boden war hart und unbequem, dass man sich da nicht direkt noch einmal auf die andere Seite drehen und weiterschlafen wollte. Sie setzte sich auf und begann direkt in Gedanken zu jammern, als ihr Rücken schmerzte. Sie lauschte und hörte, dass es regnete. Sie erhob sich, tauchte den Vorhang aus Trauerweidenästen beiseite und sah sich um. Das Lagerfeuer war erkaltet nass und man konnte es vergessen, es noch einmal neu zu entfachen, so wie alles Holz ringsherum nass und unbrauchbar sein würde. Da half es auch nicht in der kalten nassen Asche herumzustochern. Aen stellte fest, dass sie für das Leben in der Wildnis denkbar schlecht ausgerüstet waren. Nicht mal einen dämlichen verbeulten Kochtopf besaßen sie, in welchem man Wasser heiß machen konnte. An diesem kalten Morgen hätte sie beinahe alles für einen heißen Becher Tee gegeben, oder einen erhitzten Wein. Aber nein, sie hatte sich ausgiebig um Tand wie Kleider gekümmert, Seife und Naschwerk, aber rudimentäre Dinge wie ein Kochtopf, daran hatten sie beide nicht gedacht. Sie wusste auch nicht wirklich, wie es um Caradans Fertigkeiten stand wenn es ums nackte Überleben ging, aber sie war sich fast sicher, dass er da nicht übermäßige Talente mit brachte. Nein nein nein, sie wollte nicht schon wieder an Thero denken, der in der Wildnis wunderbar überleben konnte. Nein! Aber auch Silvar hatte sich auf diese Dinge bestens verstanden. Was er wohl gerade machte? Ob er noch lebte? Ob er sie suchte? Ob er sie bereits verflucht und vergessen hatte? Das gab ihrem Herzen einen kleinen Stich und sie seufzte innerlich. Alle ihre Männer besaßen Vorzüge. In einem Manne alleine konnte man nicht alles finden. Sie grinste bei dem Gedanken daran, wie es wohl wäre, mit ihnen allen dreien leben zu können. Aber davon würde wohl keiner von ihnen etwas halten. Auch, wenn es ihr natürlich nicht schmecken würde, wäre es umgekehrt und Aen nur eine von drei Weibern. Aber Gedanken waren frei. Niemand konnte sie erahnen, und das war bisweilen auch ganz gut so! Sie kroch zu Caradan, der noch unter der Decke zusammen gemummelt schlief. “Wach auf du Langschläfer!” flötete sie in sein Ohr. “Wenn wir nicht rumtrödeln, erreichen wir heute Abend noch eins der Waldkäffer!” Als er sich nicht rührte, schob sie ihre kalte Hand unter sein Hemd und lachte diebisch, als er mit einem Mal wach war. “Wir können heute Abend noch Kolling erreichen. Da war ich schon mal.” Mit Thero. Und auch mit Silvar. Und nun mit Caradan. Aen grinste in sich hinein. “In Kolling gab es eine Hexe…” erklärte Aen. Dass Thero sie allerdings umgebracht hatte, weil er Hexen verabscheute, das verschwieg sie. Brachte ja auch nichts. Üblicherweise zog in das Haus einer Heilerin, einer Kräuterfrau, Hexe oder Magierin immer eine neue. Es gab immer fähige Frauen die eine solche Stelle nachbesetzten. Hoffte sie zumindest. Sicher war sie sich da nicht. Aber seitdem war ein Jahr vergangen. Es musste einfach eine neue Hexe dort wohnen. Wenn nicht, dann mussten sie sich woanders umsehen. In der Dorfschenke wusste man über dergleichen sicher Bescheid. Das erinnerte sie direkt an Kolling und Pethelfurt. In diesem Moment blickte sie stolz und bewundernd auf ihr Leben. Was ihr in ihrem kurzen Leben bereits alles widerfahren war, was sie alles erlebt hatte, damit konnte nicht jedermann aufwarten. Wenn es sich aber vermeiden ließ, würden sie Pethelfurt nicht aufsuchen. Wer weiß, vielleicht gab es den jungen Wirt noch, dem sie die Ehe versprochen hatte. Vielleicht erinnerte er sich an ihr Gesicht. Ja, ganz sicherlich würde er sich an sie erinnern. In dieser Gegend rundherum gab es, wenn man der Kollinger und Pethelfurter Menschen glauben durfte, nur Weiber, deren Arme und Beine stämmiger waren, als die der Männer. Wenn es stimmte, so gab es dort einige zu enge Familienbande… Oder besser gesagt Inzucht Weiber mit Namen wie Adelheid, Ursula oder Edeltraud. Sagte viel aus. Ja, Aenaeris war mit ihrem ansehnlichen Äußeren dort aufgefallen wie ein bunter Hund, und dies würde sie wieder tun, falls dort jüngst nicht eine Reisetruppe an jungen Mädchen eingefallen war, die auf der Durchreise zu einem Schönheitswettbewerb waren. Der junge Wirt würde sich an sie erinnern und wie sie Caradan das erklären sollte, dass sie ihm damals ein Heiratsversprechen gegeben hatte, um Informationen über Ardor zu erhalten, das wollte sie ihm in dieser ohnehin angespannten Situation rund um Thero ersparen. Also auf keinen Fall nach Pethelfurt. Kolling war in Ordnung, aber man musste sich um die Diebesbande die dort vielleicht noch hauste, Gedanken machen. Sebastiéns Truppe. Na, der würde sich vielleicht noch an sie erinnern. Und Ole. Und wie sie alle noch hießen. Nein, besser war es, der Diebesbande nicht zu begegnen. Die Schenke in Kolling war aber sehr nett gewesen. “Kommst du?” riss Caradan sie aus ihren Tagträumen. Er hatte indes bereits das provisorische Trauerweidenlager abgebaut und an den Pferden verstaut. “Ja” lächelte sie und folgte ihm zu den Pferden.

Während die Pferde gemächlich dahin trotteten, unterhielt sie sich angeregt mit Caradan. “In Kolling müssen wir uns vorsehen. Ich war da schon einmal und wie du dir denken kannst, wo auch immer ich auftauche, gibt es nichts als Probleme.” Sie grinste verschmitzt. “Aber sonst wäre das Leben ja langweilig… In Kolling bist du am besten dran, wenn du keine Probleme machst und dich unauffällig verhältst. Viele Männer, wenig Frauen, und die Frauen dort könnten glatt auch als Männer durchgehen. Es schüttelte sie bei der Vorstellung der untersetzten, kräftigen Weiber. Nicht einmal in den Wilden Landen gab es solche Weiber. Die Frauen in den Wilden Landen waren kräftiger als in den übrigen Nordreichen - vom Kollinger Niedermoor abgesehen- dennoch waren sie schön und weiblich. Es war ein echtes Rätsel warum die Frauen um Kolling so waren. Vielleicht doch ein Nebeneffekt von Inzucht? Vielleicht gab es dort etwas im Wasser? Stimmte etwas mit der Pethel nicht? “Vertrau mir, dort musst du mich mit beiden Händen festhalten, wenn ich dir lieb und teuer bin…” grinste sie.
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Do, 04. Okt 2018 22:16

Die Arcanier kamen gut voran, selbst dann noch als sie den Lauf des Thórans nicht länger folgten, sondern sich durch die dichten Wälder der gefallenen Reiche schlugen. Die Bäume waren teils in goldenen, braunen und orangenen Tönen gefärbt, jedoch hier und da stachen dunkelgrüne Nadelbäume heraus. Der Waldboden war übersät mit Totholz, das von heftigen Windstößen abgerissen wurde. Kastanien, Walnüsse, Eicheln und Bucheckern säumten die Wege, die Aen und Caradan unter keinen Umständen verließen. Zu gefährlich war die tückische Moorlandschaft. Unter dem noch immer dichten Blätterdach herrschte angenehmes Zwielicht und der Waldboden sonderte einen wohlriechenden, aromatischen Duft ab. Wälder hatten einen magischen Charme, dem sich der Dieb nicht entziehen konnte. Unzählige Pilze schmückten den moosbewachsenen Boden, Pilze von denen Caradan nicht einmal die Hälfte auch nur annähernd bestimmen konnte. Das rascheln der Blätter unter den Hufen ihrer Pferde wirkte beruhigend, klang angenehm im Zusammenspiel mit dem Gezwitscher der Vögel. Ein Phänomen, dass dem Dieb erst jetzt klar wurde, war dass das Geräusch der Baumkronen, wie sie im Wind hin und her wiegten, wie das Geräusch der Brandung klang. Nun war es an Caradan sich der Sehnsucht nach der Heimat hinzugeben. Er sehnte sich nach dem Meer, nach dem salzigen Geruch und der kühlen Brise. Aen meinte zwar sie könne nie mehr sesshaft werden, aber wenn er sie davon überzeugen konnte, wenigstens ein paar Wochen in einer Stadt am Meer zu verweilen, so wäre er mehr als zufrieden. Ach was vermisste er Lanyamere. Unwillkürlich fragte er sich, wie viele der Huren die er kannte, noch dort waren. Über die Jahre herrschte dort ein kommen und gehen, was die leichten Mädchen anging, aber manche blieben länger als andere. Ob Illayna noch dort war? Illayna war etwa in seinem Alter, vielleicht ein paar Jahre älter, hatte langes rotbraunes Haar, eine schmale Taille und nicht viel, aber genug Oberweite. Mit ihr hatte er sich immer gut verstanden und war immer schrecklich Eifersüchtig gewesen, wenn ein Mann sie genommen hatte. Sie hatte ihm mehrfach angeboten ihren Schoß für ihn zu öffnen, aber er hatte stets abgelehnt und das würde er auch heute noch tun, selbst wenn er Aen nie getroffen hätte. Sein Blick wanderte zu seiner arcanischen Gefährtin und er verscheuchte die Gedanken an eine Andere. Er ärgerte sich wenn sie von Thero anfing, da wollte er sich nicht dabei ertappen, wie er in gleiche Muster wie sie verfiel. Da lauschte er lieber den Geräuschen des Waldes, den Blättern, dem Wind und den Tieren, die entweder in weiter Ferne ihrem Treiben nachgingen oder in der Nähe hastig die Flucht ergriffen, wenn die Arcanier an ihnen vorbei galoppierten. Zwar hatte der Dieb keine Ahnung von Spurenlesen oder dergleichen, aber er meinte an ein paar Bäumen erkennen zu können, das sich dort Rehböcke oder Hirsche die Geweihe abgeschabt hatten oder was sie so taten. Er meinte sogar die ein oder andere Falle erkennen zu können, die zwischen den Bäumen aufgestellt waren. Und überall die spiegelnden Oberflächen von Pfützen die ihre wahre Tiefe zu verbergen wussten und von Glühwürmchen verlockend aufgehübscht wurden. Zu gerne würde er sich dort hinein wagen, aber eine gesunde Vorsicht und rational gerechtfertigte Angst hielt ihn von solch einer Torheit ab.
Gegen Abend ertönte erneut das wohlklingende Geplätscher eines fließenden Gewässers. Die Pethel führte sie zielsicher dorthin, wo sich Kolling befinden sollte. Tatsächlich lag das Dorf ein ganzes Stück weiter südlich des Flusses, aber man konnte bereits meilenweit erahnen, dass das Köhlerdorf nicht mehr allzu weit sein konnte. Unterwegs trafen sie ein paar Torfstecher, die an den Trockenplätzen den schwarzen Schlamm flach stampften, die letzten warmen Tage noch so gut nutzend wie möglich. Bei besonders guten, also besonders nassen Stellen im Moor hatte die Köhler ihre Meiler aufgehäuft, aus denen Tag ein, Tag aus der rauchige Geruch schwelenden Holzes drang. Die Männer die an den Meilern arbeiteten, machten alle den Eindruck, miteinander verwandt zu sein. Sie wahren alle von ähnlicher Statur und Erscheinung, was vermutlich eher an der gemeinsamen Arbeit, denn an verwandtschaftlichen Beziehungen lag, aber dennoch. Sie folgten den Kohlemeilern nach Süden. Die rauchenden Erdhügel fungierten wie Meilensteine und Wegweiser. Dennoch hielt es Caradan für eine gute Idee, kurz vor der hereinbrechenden Abenddämmerung nach dem Weg zu fragen. Weniger nach dem Weg, als viel mehr nach dessen Dauer. Er bedeutete Aen etwas langsamer zu werden und näherte sich einem der Köhler. „Entschuldigung mein Herr, wie weit ist es noch bis Kolling?“, fragte Caradan höflich. Als sich der Köhler umdrehte, fiel Caradan vor Schreck fast vom Pferd. Der Köhler war eine Köhlersfrau. „Ich bin eine Frau!“, grunzte ihn das Weib an, mit einer Stimme wie ein Mahlstein. Der Dieb klappte den Mund auf und wieder zu, runzelte die Stirn, rieb sich die Augen und hob fragend eine Augenbraue. „Hoppla…“, fasste er die Situation messerscharf zusammen. Sein Blick wanderte hilfesuchend zu Aen. Die hatte sich allerdings von ihm abgewandt und ihre Zähne in der eigenen Hand versenkt, um, wie Caradan wusste, nicht laut loszulachen. Immer noch unschlüssig wie er nun weiter verfahren sollte, wandte er sich wieder an die Köhlersfrau. „Und wie weit ist es nun?“, fragte er zögerlich und das Weib zuckte mit den Schultern. „Ne Stunde zu Fuß.“, mahlten ihre Kiefer hervor und der Dieb nickte nur hastig, bevor er seinem Pferd die Sporen gab. Da es nun nicht mehr allzu weit sein konnte, gestatteten sie sich ein etwas gemächlicheres Tempo, das auch Luft für Gespräche bot. „In Kolling müssen wir uns vorsehen.“, begann Aen und erzählte ihm, das sie dort schon einmal gewesen war. Sie warnte ihn vor den Weibern die es dort gab, wohl als kleiner Scherz, denn das was sie ihm berichtete, hatte er eben noch mit eigenen Augen gesehen. „Vertrau mir, dort musst du mich mit beiden Händen festhalten, wenn ich dir lieb und teuer bin.“ Sie grinste und er erwiderte ihr Grinsen, obwohl er sich ernsthafte Gedanken machte. Er hatte die Männer… oder Weiber gesehen, die es in diesem Dorf gab und bezweifelte ob er genug Kraft aufbringen konnte, um sie fest zu halten. Aber würde es verdammt nochmal bis zum letzten Schweiß- und Blutstropfen versuchen. Auch auf die Gefahr hin, von Aen erneut getadelt zu werden. „Ich vertrau dir.“, antwortete er, ritt näher an sie heran und legte ihr seine Hand die Schulter. „Wenn ich mir die Leute so ansehe, dann hätten wir unsere Lumpen vielleicht erst einmal behalten sollen.“ Er lachte und blickte sich nach seinem Gepäck um. Die Wämser waren immer noch in Leinentuch geschlagen, um sie vor Wind, Wetter und dem Dreck der Straße zu schützen. Er zupfte etwas an Aens Kleid herum. Dann packte er sie fest und auf ihren fragenden Blick zuckte er nur unschuldig mit den Schultern. „Ich übe nur schon etwas.“

Sie erreichten das Dorf noch im letzten Schein des Tages. Es war genau so, wie man es erwarten konnte. Eine Ansammlung von Häusern, gebaut aus von Ruß geschwärzte Balken, Bretter und Dachschindeln. Im Dorfzentrum stach ein Gebäude recht deutlich hervor. Nicht nur das es mit seinen drei Stockwerken alle anderen überragte, nein, auch das steinerne Fundament und die gekalkten Wände stachen in dem sonst so düsteren Ort hervor. Es war das Haus des örtlichen Schultheiß, der im Auftrag des spitzohrigen Grafen, der irgendwo auf seiner Burg hockte, das Dorf verwaltete, Richter, Bürgermeister und Steuereintreiber in einem spielte. Doch das war den Leuten hier scheinbar ganz gleich, denn solange sie ihre Abgaben leisteten, ließ sie der Graf und somit auch dessen Beamter in Frieden. Gegenüber des großen weißen Hauses war ein kleiner Schrein für die sieben Götter aufgebaut und passend nebenan, die Schenke. Die Schenke erkannte man ganz leicht an dem Schild über der Türe, die sie auf den Namen ‚Zur Kohlegrube‘ taufte und daran, dass sie der Straße ihre breite Seite zeigte, statt weitläufig von ihr fortzuführen. Ein weitläufiger Hof war von einem hüfthohen Holzzaun umschlossen und beherbergte ein halbes Dutzend Tische und Bänke, neben jeder Anordnung ein Feuerkorb, in denen wärmende Flammen loderten. Die Bänke waren voll besetzt. Es war nach dem Regen am Vormittag ein recht schwüler Abend geworden, aber immerhin noch warm genug um bei Feuerschein die kühle Nachtluft den aufkommenden Alkoholrausch bekämpfen zu lassen. Zwei Schankmaiden liefen hinein und hinaus um Bier, Wein, Eintopf und Brot zu bringen und Caradan musste zugeben, im krassen Gegensatz zu den übrigen Weibsbildern, sahen die beiden, wohl noch recht jungen Dinger, gar nicht so übel aus. Etwas fülliger als gut für sie war, aber alles in allem recht ansehnlich. Die beiden Arcanier banden ihre Pferde bei der Schenke an, nickten den trinkenden Gästen freundlich zu und verschwanden im Innern. Drinnen roch es nach gebratenem Fleisch, Eintopf, Fett, Bier, saurem Wein, Rauch, Schweiß und… und… und. Es roch wie in jeder anderen Schenke auch. Der Wirt war ein wahrer Hühne, das aufgedunsene Gesicht hinter einem mächtigen rotbraunen Bart versteckt. Der Mann saß aus, als könne er Bäume mit bloßen Händen ausreißen und stellte sich ihnen überraschend freundlich als Lutz vorstellte und ihnen umgehend sein bestes Zimmer gab. Vermutlich waren sie mit die einzigen Gäste die er diesen Abend dort behalten durfte. Auch im Inneren der Schenke saßen Gäste und wurden vom Wirt selbst bedient. Aen und Caradan ließen sich an einem Tischende, eines nicht allzu belegten Tisches, nieder und orderten Bier und ein ordentliches Abendessen. Es wurde ein dampfender brauner Eintopf serviert, dazu knuspriges graues Brot und Käse. Caradan hatte einen Mordshunger und fiel über das dampfende Braun her. Es schmeckte besser als es aussah. Nachdem der erste Hunger gestillt war, nahm sich Caradan die Zeit, die anderen Gäste zu mustern. In einer Ecke saßen vier Kumpanen, die ordentlich zechten. Sie hatten Jägerskleidung an und trugen schlammige Stiefel, hatten allerlei Werkzeuge an den Gürteln und einer hatte eine Armbrust neben sich an eine Stuhllehne gelehnt. Womöglich gehörten sie zum Gefolge des Grafen, wenn dieser sich mal zu einer Jagd bequemte, denn sie wirkten hier sehr vertraut und trotz ihres lauten Gebärens recht gern gesehen. Sie spielten Karten, tranken und fluchten. Gar nicht weit von ihnen war ein rundlicher Kerl bereits versackt. Der Mann lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schnarchte selig. Er trug die Kleidung eines Priesters. Der Dieb schüttelte den Kopf, musste aber grinsen. Nach einer Weile kam ein Mann herein. Er trug einen totschicken Hut, einen edlen Wams, mit geschlitzter Hose und hohen Stulpenstiefeln. Der Wirt nickte ihm respektvoll zu und brachte ihm unaufgefordert einen Becher Wein. Offenbar war Schulze eingetroffen, um sich seinen allabendlichen Wein zu gönnen. „Soweit alles in Ordnung?“, fragte Lutz als er bei ihnen vorbei kam. Caradan hatte seine Schüssel bereits leer gelöffelt und knabberte an einem Stück Brot. Er nickt, doch ehe sich der Mann abwenden konnte, räusperte der Dieb sich. „Aber du kannst uns bestimmt eine Auskunft geben, guter Mann.“ Sie waren mittlerweile lange genug hier, um sich endlich dem Grund ihres Kommens zu widmen. Zumindest Caradan konnte es nicht erwarten, diese Sachen hinter sich zu bringen. Je eher irgendein Götterweib diese Last von Aens Schultern nahm, desto besser. „Wir suchen nach einer kundigen Frau.“, erklärte Caradan mit einem freundlichen Lächeln. Lutz runzelte die Stirn und blickte zu Aen. „Ungewollter Nachwuchs aufm Weg?“, fragte er gerade heraus und Caradan schüttelte ernst den Kopf. „Nein… wir brauchen den Rat einer götterfürchtigen Frau.“ Er warf einen verschwörerischen Seitenblick auf den schnarchenden Priester. „Im Namen der alten Götter.“, fügte er leise hinzu. Lutz der Wirt kratzte sich am Bart und beäugte die beiden Arcanier interessiert. „Vor nem Jahr gabs da eine, aber die is ihrem eigenen Haus verbrannt.“, überlegte er laut. „Seitdem hat sich hier keine andere mehr blicken lassen. Is auch nicht so verlockend, wenn man einen Elfen zum Lehnsherren hat. Das schreckt ab. Um was gehts denn?“, fragte neugierig und blickte von Aen zu Caradan und zurück. „Danke für die Informationen.“, brummte Caradan und nippte an seinem Bier. Er fixierte Aen mit seinem Blick und wartete bis Lutz sich vom Tisch entfernt hatte. „Und nun?“, fragte der Dieb, sichtlich enttäuscht über die soeben erhaltene Auskunft.
Caradan war niedergeschlagen und das konnte man auch den restlichen Abend spüren. Gereizt nippte er an seinem Wein. Seinem mit lauwarmen Wasser verdünnten Wein, denn dieser Fusel war unerträglich sauer und nur mit genügend Wasser überhaupt zu genießen. Kein Vergleich zu dem güldenen Tropfen in ihren Satteltaschen. Aen hockte neben ihm und hatte ihre Beine in seinem Schoß. Er bemerkte die gierigen Blicke der anwesenden Männer und legte besitzergreifend eine Hand auf ihre Knie und versucht so grimmig und gefährlich drein zu blicken, wie es nur ging. Wenn sich keiner wagte sich mit ihm anzulegen, dann konnte er sich einer Auseinandersetzung nicht blamieren. Eine Gruppe Männer, die sich als fahrende Spielleute zu erkennen gaben, spielte ein Lied nach dem Anderen, bald ruhig und melancholisch, bald zotig und laut. Gerade als Caradan einem Kerl durch Blicke signalisierte, dass es eine gute Idee wäre damit aufzuhören, Aen auf die Brüste zu starren, erklang ein Lied über einen Mann, der drei Frauen in einer Schenke traf. Unwillkürlich musste Caradan an die drei Frauen denken, die in den letzten Jahren sein Leben irgendwie beeinflusst hatten und schmunzelte, als die Beschreibungen des Sängers hörte. Da war Lesha, das wildgeile Zickenluder. schamlos und verschämt und willig, dann die unnahbare Darween, die vermutlich nicht mal dann eine Regung gezeigt hätte, wenn er seinen Schwanz in sie geschoben hätte und dann war Aen. Aen, das fleischgewordene Feuer, genauso begehrenswert wie gefährlich. Richtig lachen musste er, als die Pointe des Liedes kam, denn am Ende landete der Protagonist offenbar mit einem Weib aus Kolling im Bett. Der Dieb war so ziemlich der einzige der es lustig fand und nach mehreren bösen Blicken, schluckte er die letzten Lacher und spülte sie mit dem sauren Weinwasser herunter.
Mit einem Mal setzte sich eine Gestalt zu ihnen an den Tisch, die Caradan zuvor gar nicht bemerkt hatte. Es war eine Frau, deren Alter wohl genauso rätselhaft wie ihr plötzliches Erscheinen war. Sie sah recht jung aus, doch ihre Hände waren alt. Entweder hatte sie sich gut gehalten oder war krank. Sie hatte helles, fast weißes Haar, dunkle Augen, aus denen eine ruhige Autorität strahlte. Ihr Hals und große Teile ihres Nackens und Kiefers waren mit Symbolen überzogen, sie trug ein Amulett um den Hals, hatte diverses Schmuckwerk, Knochen und Federn in die Haare eingeflochten. Ihre Kleider waren von verschiedensten Brauntönen, schichtartig übereinander gelegt. Sie blickte zwischen Aen und Caradan hin und her. „Ihr sucht jemanden.“, stellte sie fest und ihre Stimme klang warm und dunkel, mit einem eigentümlichen Akzent. „Jemanden wie mich.“ Sie lächelte und entblößte eine Reihe, nicht annähernd weiß zu nennender Zähne. Caradan starrte sie misstrauisch an. Was wollte diese Frau denn von ihnen? Und wie unhflich es war sich einfach an den Tisch zu einem Paar von Fremden zu setzen.„Ihr wollt ein Götterweib, hier bin ich.“ Sie breitete die Arme aus und Caradan warf Aen einen überraschten Blick zu. Er war sich sicher nicht laut genug gesprochen zu haben und hatte auch nicht gesehen, wie Lutz mit irgendwem Geplaudert hätte, außer um Bestellungen aufzugeben. „Aber wir reden nicht hier. Kommt.“, forderte sie und erhob sich. Ohne auf die Arcanier zu warten, ging sie nach draußen. Der Dieb tauschte einen langen Blick mit Aen, ehe sie sich misstrauisch, aber neugierig geworden erhoben und der Frau nach draußen folgten. Caradan klammerte sich an seinen Weinbecher. Sie fanden die Frau ein abseits der Schenke, sogar außerhalb des Dorfes, in etwa dort, wo das Moor beginnen dürfte. Sie stand mit den Rücken zu ihnen und starrte hinauf in den Himmel. Der Mond stand hoch am Himmel und tauchte den Wald, das Moor und die drei Menschen in schaurig, silbernes Licht. „Die Herbstmonde haben magische Eigenschaften.“, schwärmte die Frau. „Mondlicht ist ein ganz besonderes Licht… Genauso wie ein Tropfen Blut mehr bewirken kann, als man glaubt.“ Mit diesen Worten wirbelte sie herum und starrte Aen in die Augen. Caradan lief es kalt den Rücken herunter. Irgendetwas ging mit diesem Weib vor sich, das nicht natürlich war. Dann wandte sie sich an Caradan, musterte ihn von oben bis unten. Dann schmunzelte sie. „Hast du schon mal getötet?“, fragte sie und der Dieb war sich unsicher, ob er ihr antworten sollte. Er entschloss sich ihrem Blick stand zu halten und zu antworten. „Ja.“ Die lächelte wissend. „Wie oft?“ Caradan runzelte die Stirn. „Oft genug...“, knurrte er. Sie packte ihn am Kinn und schien ihn zu untersuchen. Er löste sich aus ihrem Griff und schlug ihre Hand weg. „Hände weg!“, fauchte er, doch sie lachte nur. „Seltsam.“ Sie schüttelte den Kopf und nickte zu Aen. „Wenn ich in ihre Augen schaue, sehe ich die Seele einer Mörderin. Bei dir nicht… wirklich seltsam.“ Eine Gänsehaut überkam ihn und er blickte Aen an. „Ist das ein Kompliment?“, zischte Caradan. „Eher eine Warnung.“, lächelte die Frau. Der Arcanier schnaubte verächtlich. „Ich verzichte.“ Er griff nach Aens Hand. „Ich weiß wer sie ist und was sie getan hat.“ Er warf Aen einen bestätigenden Blick zu. Sie hatte ihm erzählt was sie getan und erlebt hatte und für nichts in der Welt, würde sie dafür verurteilen. Und ganz sicher nicht wegen der mysteriösen Wörter irgendeines Götterweibes, oder was diese Frau auch immer sein mochte. Ihr schien es einerlei zu sein, denn sie lächelte nur weiterhin wissend. „Mein Name ist Dorothea und ich kann euch helfen.“ Sie fixierte Aen mit ihrem Blick. „Aber alles hat seinen Preis.“ Etwas drohendes schwang in ihrer Stimme mit und wie sie dort im Mondschein stand, verstärkte nur dieses mulmige Gefühl das er hatte.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Fr, 05. Okt 2018 16:39

Als sie die Schenke “Die Kohlegrube” betraten, richteten sich schlagartig alle Blicke auf sie beide. Alle hielten sie inne in ihrem Tun, ob sie nun würfelten, Karten spielten, stritten, diskutierten oder lachten. Mit Ausnahme von einem Kerl, der selig auf seinen Armen auf der Tischplatte schlummerte, seines Zeichens wohl der Dorfpriester. Aen gab Caradan in Gedanken Recht Sie hätten ihre abgehalfterte Kleidung behalten und hier anziehen sollen, dann wären sie nicht so auffällig. Hier, in ihren einfachen, aber dennoch teuren Gewändern, wirkten sie völlig fehl am Platz. Wobei man sagen musste, dass hier in Kolling sowieso alles auffällig war. Sie waren Fremde, das bot schon genug Anlass zur hellen Aufregung. Und wenn durch ihr beider Zutun nun etwas geschah, dann war es mit dem Dorffrieden ganz vorbei. Und wenn Fremde in ein Dorf kamen, und hernach Unregelmäßigkeiten geschahen, dann würde man selbstredend ihnen die Schuld daran geben. So waren die Menschen, besonders die Abergläubischen. Aen und Caradan stolzierten durch den Schankraum und ließen sich an einem Tischende nieder, wo ihnen Abgeschiedenheit sicher war. Das wichtigste zuerst: Bier und eine warme Mahlzeit. Aen hatte heute noch nichts gegessen außer ein paar Äpfeln und sie hatte einen wahren Bärenhunger. Trotzdem fischte sie mit spitzen Fingern die Paar Fleischbrocken die in ihrem Eintopf schwammen, heraus und warf sie in Caradans Schüssel. Sie tat sich am restlichen Eintopf samt Brot und Käse gütlich. Als sie ihre Schüsseln geleert hatten, lehnte sich die Arcanierin zufrieden zurück, und hielt sich den Bauch. Vielleicht hätte sie sich die letzte Brotscheibe doch nicht einverleiben sollen. Sie tat es Caradan gleich und musterte die Anwesenden, die sich, den Geschwistern wars gedankt, wieder um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. Der Dorfschulze hatte die Schenke betreten. Aen erkannte ihn, doch sie hatte damals nichts mit ihm zu tun gehabt, weswegen er sie vermutlich nicht wieder erkennen würde. Den Respekt, den er genoß, darauf war die Arcanierin direkt neidisch. Er musste kein Wort sagen, und bekam doch ehrfürchtig einen Becher Wein serviert, dann stellte er sich am Ausschank hin, und ließ seine Augen aufmerksam über die Menschen hier schweifen. Plötzlich benahmen sich alle, keiner schimpfte, fluchte oder stritt, ja selbst die Jäger waren verstummt. Nach einer Weile sagte Aen “Als ich vorhin sagte, du musst mich mit beiden Händen festhalten, war das nicht wortwörtlich gemeint. Ich meine, dass du dich nicht darüber aufregen darfst, wenn mich jemand anglotzt, anspricht oder antatscht.” Sie begann zu lachen. “Ich meine wir reden hier von Männern, die sind doch alle so!” Ihr Lachen wurde vom Wirten unterbrochen, der an den Tisch getreten war und sich erkundigte, ob alles in Ordnung war. Caradan nutzte die Gelegenheit, sich nach der Gesuchten zu erkundigen, wurde jedoch herb enttäuscht. Das Weib war in ihrer Hütte verbrannt, so war die Antwort von Lutz dem Wirten, und, ganz wie Aen befürchtet, aber in keinster Weise gehofft hatte, war weder die Hütte neu aufgebaut worden, noch überhaupt eine neue Dorfheilerin an ihre Stelle getreten. Es war Aen unbegreiflich, wie man auf solch wertvolle Dienste freiwillig verzichten konnte! Als Lutz gegangen war, wirkte Caradan sichtlich niedergeschlagen. “Und was machen wir jetzt?” fragte er Aen und diese zuckte die Schultern. “Mach dir keine Sorgen, Caradan, dann reisen wir morgen eben weiter. Hier in der Umgebung gibt es so viele Dörfer, irgendwo werden wir schon eine Hexe finden.” Sie rutschte näher an ihn heran, bis sie seine Körperwärme spüren konnte, und setzte sich nach einer Weile schließlich auf seinen Schoß und legte einen Arm um ihn. Ihr war nicht entgangen, dass die Kerle sie hier anstierten, etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet. Umso wichtiger war es für Caradan, dass sie den Kerlen zeigte, dass sie zusammengehörten und nicht Bruder und Schwester waren. So drehte sie mit der Hand seinen Kopf zu sich und schenkte ihm einen innigen und kaum enden wollenden Kuss. “Was hälst du davon, wenn wir unser Zimmer aufsuchen, und genau das weitermachen wo wir eben aufgehört haben?” raunte sie ihm begehrlich ins Ohr und ihre Hände rutschten in seinen Schoß. Doch soweit kam es nicht, denn mit einem Mal waren sie nicht mehr alleine am Tisch…

Während Caradan sichtlich entsetzt war von diesem ‘Götterweib’, wie sie sich nannte, war Aen ein wenig entspannter. Selbst Hexen waren nur aus Fleisch und Blut, und man konnte sie ebenso töten wie jeden anderen Menschen. Das hatte sie schon zweimal miterlebt. Aen hatte nicht das Gefühl, dass von diesem Weib eine Gefahr ausging, aber trotzdem schmeckte ihr nicht, wie das Weib sprach, besonders über sie. Mörderin hatte sie sie genannt. Das mochte zwar stimmen, aber trotzdem wollte Aen davon nichts hören. Was Caradan betraf, so war dieser wirklich süß, als er seine Hand ergriff und sich auf ihre Seite stellte. “Mir gefällt es nicht, wie du über mich sprichst, Weib…” erwiderte Aen. Da lächelte Dorothea und begann geheimnisvoll “Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.” Spätestens jetzt lief der Arcanierin ebenso die Gänsehaut auf. Die Worte der Frau waren wohl gewählt und wahr. “Und wenn du nicht als Mörderin bezeichnet werden willst, dann darfst du nicht derselben handeln.” Sie winkte mit der Hand ab “Aber seis drum. Mein Name ist Dorothea und ich kann Euch helfen!” Dann blickte sie die Arcanierin fest an und fügte hinzu “Aber alles hat seinen Preis.” “Das ist mir bewusst” brummte die Arcanierin. “Nun, folgt mir.” erwiderte die Frau. “Und wohin?” erkundigte sich Aen. “In mein Haus. Es ist da hinten, hinter dem Wald auf einer kleinen Lichtung. Aber bleibt dicht hinter mir, und verlasst unter keinen Umständen den Weg. Ignoriert Irrlichter, und lasst euch von nichts und niemanden abbringen, verstanden?” warnte sie die beiden. Sie nickten, und als Dorothea sich in Bewegung setzte, folgten die beiden ihr. Der Weg führte auf verschlungenen Pfaden in das Dickicht des Waldes. Das Licht des Mondes drang nur schwach durch die dichten Baumkronen und man konnte den festgetrampelten Weg nur erahnen. Und es war, wie Dorothea prophezeit hatte. Nach einiger Zeit blitzen hier und da kleine Lichter auf. Oft nur für den Bruchteil einer Sekunde. Aen erinnerte sich an die Irrlichter in den Sümpfen Coralays. Sie war ihnen wie eine Motte hinterhergelaufen und es war nur dem Wilden zu verdanken gewesen, der sie aus dem Moor gezogen hatte, sonst wäre sie wohl in dem schlickigen schlammigen Wasser versunken. Nein, sie hatte ihre Lektion gelernt und würde sich an die Wege halten, ganz gleich wie faszinierend oder Neugierde erregend die Lichter auch waren. Hin und wieder war es der Arcanierin, als würde an bestimmten Orte, wo ihr Blick hinfiel, eine Gestalt stehen und so sehr sich sich auch bemühte, sie konnte nicht sagen, ob ihre Phantasie ihr einen Streich spielte, oder ob da wirklich jemand stand. Unweigerlich griff Aen in der Dunkelheit nach Caradans Hand. Sie war sich nicht sicher, ob sie damit Caradan dazu zwingen wollte, dicht bei ihr zu bleiben, dass er der Verlockung der Irrlichter nicht erlag, oder ob es aufkeimende Furcht war die sich ihrer bemächtigte. In jedem Fall war es tröstlich und gab ihr ein gewisses Gefühl der Sicherheit, seine warme Hand in der ihren zu spüren. Der düstere Wald lichtete sich nach einiger Zeit und nach wenigen weiteren Momenten tat sich eine kleine Lichtung auf, wo der Mondschein eine kleine windschiefe Hütte beschien. “Wir sind da” erklärte die Alte und nun ließ Aen Caradans Hand wieder los.

Die Türe quietschte in den Angeln, als die Frau die Türe öffnete, und eine einladende Geste vollführte. “Tretet nur ein!” sagte sie, und Aen folgte dieser Aufforderung, denn sie war sehr neugierig. An einigen Stellen brannten Talglichter und auch einige Kerzen, die nicht sehr viel Licht spendeten, doch genug, um einigermaßen gut zu erkennen, wie es in dem Häuschen aussah. Aen blickte sich neugierig um. Von der Decke hingen unzählige Kräuterbündel, sie war sich nicht sicher, glaubte aber, dass sich am Ende des Dachbalkens im Eck etwas bewegt hatte. Vielleicht eine Eule, oder ein Rabe? Am Tisch stand ein großer Steinmörser und einige kleine Schälchen und Becher, Döschen und Schachteln und Leinenbeutel. Die seltsamen, unheimlich aussehenden Gebilde in einer Schüssel entpuppten sich schließlich als harmlose, dicke, noch mit Erde bedeckten Wurzeln und alles in allem wirkte hier gar nichts bedrohlich. Aen blickte sich um und sah neben der Feuerstelle einen kleinen Tisch mit vier Stühlen. Auf einem der Stühlen döste eine Katze, die sich maunzend trollte, als Dorothea sie mit einer unwirschen Bewegung weg scheuchte. “Bitte, setzt euch” sagte sie leise und holte einer der herumstehenden Kerzen und stellte diese an den Tisch bevor sie sich ebenfalls setzte. “Nun…” faltete sie ihre Hände am Tisch und blickte die beiden erwartungsvoll an, während das Kerzenlicht tanzende Licht und Schattenspiele in ihr Gesicht malte. “Was also kann ich für euch tun?” “Ich denke, du weißt es längst?” fragte die Arcanierin misstrauisch. Da begann die Frau zu lachen. “Ich weiß längst nicht alles. Ich kann in Menschen lesen, das stimmt, wer sie sind, was sie tun oder getan haben. Aber ich kann keine Gedanken lesen. Das ist eine ganz andere Kunst, und das kann niemand. Jedenfalls ist mir noch keine begegnet, die das vollbringen konnte.” Aen nickte verstehend und sie räusperte sich, nachdem sie Caradan einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte. “Es ist so… ich möchte mich von einem Mann lösen. Wir haben uns vor Jahren vor den alten Göttern einander versprochen. Aber wir haben uns auseinander gelebt und sind längst getrennter Wege gegangen und ich möchte diesen Bund, dieses möglicherweise unsichtbare Band lösen. Ich war guter Hoffnung von ihm, aber… ach es ist kompliziert. Es war nicht sicher, dass es sein Kind war, und so gingen wir zu einer weisen Frau die weissagen sollte, ob es sein Kind sei. Sie hat dazu sein und mein Blut verwendet und möglicherweise liegt es daran. Ich liebe ihn nicht mehr aber ich kann ihn nicht vergessen. Es quält mich. Meine Gedanken kreisen stets um ihn und es macht mich allmählich schon wütend und rasend. Sie warf einen kurzen Blick auf Caradan. Ich habe einen neuen Mann an meiner Seite, und alles was ich will, ist frei zu sein. Meine Gedanken sollen frei sein, mein Herz soll frei sein. Deswegen sind wir hier.” Die Alte nickte verstehend, aber sie blickte ernst drein. Sie atme tief ein und wieder aus und dann begann sie. “ Wenn du nur einen Bund eingegangen wärest, dann wäre es kein Problem, diesen zu lösen. Aber Blutzauber sind eine ernste Angelegenheit. Ich halte Abstand von Blutzaubern, weil man nie weiß, wie sie sich entwickeln.” “Also kannst du nichts machen?” fragte Aen und in ihrem Gesicht zeichneten sich wachsende Sorge und Entsetzen ab. Da schüttelte die Frau ihren Kopf. “Nur der Tod kann einen Blutzauber auflösen.” “Das… das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut…” entfuhr es ihr und sie starrte auf die Tischplatte. Sie wagte es nicht Caradan anzusehen. Die Alte erhob sich und trat an die Feuerstelle, wo ein kleiner Kessel hing. Sie goss sich einen Becher ein und brachte auch Aen und Caradan einen Becher Tee. “Es muss doch irgendetwas geben, was man tun könnte…” meinte Aen. “Lass mich nachdenken… murmelte die Alte, über ihrem Tee brütend. Sie schloss die Augen und schwieg, und auch Aen und Caradan schwiegen. nach einer Weile öffnete sie die Augen wieder. “Ich habe eine Idee. Das könnte funktionieren.” “Und was wäre das?” fragte jetzt Caradan nach. Wer wusste schon, was in seinem Kopf vor sich ging, was er befürchtete, was nun geschehen würde? “Ich kann versuchen, diesen Mann aus ihrem Kopf zu bannen. Sie davon zu heilen. Ich beherrsche die Gabe des Bannens und Geistheilens. Es käme auf einen Versuch an.” Aen nickte “Dann mach das” bat sie. “Aber, was ist der Preis? Du sagtest, alle Dinge haben ihren Preis!” “Eine Silbermünze” “Eine Silbermünze? Das ist alles?” fragte Aen verblüfft, das hatte sie nun wirklich nicht erwartet, was für ein geringer Preis! Die Alte grinste und zuckte die Schultern. “Nun, auch ich muss essen, nicht immer kann ich meine Dienste gegen Naturalien tauschen. So ist nun einmal das Leben.” Aen nickte und wies Caradan mit einem Kopfnicken an, die Alte zu bezahlen. Nachdem sie die Münze eingestrichen hatte, fragte sie Aen “Besitzt du etwas, das diesem Mann einst gehört hatte? Was ein Geschenk von ihm an dich war?” Da schüttelte Aen den Kopf. Nein. Nichts besaß sie mehr von ihm. Der Ring war ihr im Gefängnis enteignet worden, und selbst wenn sie ihn zurückbekommen hätte, würde er sich nun sicher schon am Grund des Aras befinden. “Nun gut, es wird auch so gehen.” Sie schritt hinter die Arcanierin, die auf dem Stuhl saß und wühlte durch ihr Haar und legte eine Hand an ihren Kopf, die andere legte sie an ihre Brust. “Schließ deine Augen. Du musst jetzt ganz intensiv an diesen Mann denken. Streng dich an, denk an frühere Erlebnisse, Gespräche, meinetwegen wie ihr Euch geliebt habt. Das ist sehr wichtig.” Aen schloss die Augen und dachte an Thero, wie schon lange nicht mehr. Es strengte sie richtig an. Da begann die Alte zu murmeln. Erst leise und langsam, dann immer lauter und schneller, bis es einem unheilvollen Singsang glich, der schließlich in einem ohrenbetäubenden schrillen Schrei endete. An diesem Punkt sackte die Arcanierin ohnmächtig an dem Tisch zusammen. Die Alte wandte sich an Caradan “Sei unbesorgt, das ist völlig normal. Sie sollte jetzt schlafen. Und sie sollte diesen Mann vergessen haben. Doch den Blutzauber kann ich nicht rückgängig machen das sollte euch klar sein. Es kann sein, dass durch den Blutzauber nicht alles vergessen wird. Erinnerungen an die man sich nicht erinnert. Unbewusste Erinnerungen. Wie sich das äußert, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht wird sie von einer Traurigkeit übermannt, deren Ursache sie nicht kennt. Oder anders. Das weiß ich nicht. Aber dagegen kann ich auch nichts tun. Damit muss sie leben. Ihr könnt noch hier bleiben. Oder du bringst sie nach Hause, deine Entscheidung.”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Heimat: Arcanis
Waffen: Küchenmesser
Inventar: Kleines Messer, Dietriche, fremdes Geld

Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 06. Okt 2018 19:31

Als Aen seine Hand los ließ, strich Caradan ihr noch mal sanft über die Schultern. Ihre Berührung hatte ihm Sicherheit auf Weg gegeben. Er fürchtete sich mehr, als er zugeben mochte, erst recht mehr als er Aen bereit war zu zeigen. Sie sollte nicht denken, dass sie hier irgendwas für einen miesen Feigling tat. Am Ende bereute sie es und ihre Beziehung, die er mit jedem Tag mehr schätzte, wäre dahin. Auf die Aufforderung der Hexe einzutreten, traten sie ein. Aen weitaus bereitwilliger als Caradan. Das Innere der Hütte sah nicht ganz so aus, wie der Dieb erwartet hatte. Das Bild vor seinem geistigen Auge, besaß zahlreiche Schädel an Ketten, wie Perlen auf einer Schnur, gläserne Phiolen voller Augen, Zungen oder Gliedmaßen und Krüge voller eingelegter Tierkadavern. Nichts entsprach diesem Bild und kurz fragte er sich, ob sie das Weib hinters Licht geführt hatte. Dann besann er sich jedoch eines besseren. Er hatte schlicht keine Ahnung was eine richtige Hexe machte und wie sie zu hausen hatte, so einfach war das. Dennoch schlug er den angebotenen Platz aus. Er stand lieber und hatte alles im Blick. Argwöhnisch verfolgte er das Gespräch zwischen den Frauen. Aen wollte frei für ihn sein. Das war das, was für ihn zählte. “Nur der Tod kann einen Blutzauber auflösen.”, meinte jedoch die Alte und machte seine Hoffnungen zunichte. Betreten blickte er zu Boden, starrte seine Stiefel an und seufzte leise. Er wollte Aen kein schlechtes Gewissen machen, wollte ihr beistehen, statt sie zu entmutigen, aber es war schwer. Mit widerwilliger Dankbarkeit nahm er den Tee entgegen und nippte dran. “Ich habe eine Idee. Das könnte funktionieren.” Meinte die Alte plötzlich, nachdem sie eine ganze Weile schweigend nachgedacht hatte. Der Dieb wurde hellhörig. “Und was wäre das?”, fragte er ungeduldig. Und dann erklärte sie es. Sie wollte Thero aus Aens Erinnerungen holen, wollte ihn Bannen, ihren Geist von ihm befreien. Aen war dafür und Caradan stellte sich ihr nicht in den Weg. Bereitwillig gab er der Alten die Münze, auch wenn er kaum glauben konnte, dass sie so einfach davon kamen. Dann begann es. Rechnete Caradan noch mit einem aufwendigen Ritual, so wurde er herb enttäuscht. Ein wenig Singsang, ein Aufschrei und Aen brach zusammen. Erschrocken hechtete er zu ihr, doch ihr schien nichts zu fehlen. Na, abgesehen vom Bewusstsein. Zornig blickte er die Alte an. “Sei unbesorgt, das ist völlig normal. Sie sollte jetzt schlafen. Und sie sollte diesen Mann vergessen haben.”, versuchte ihn die Hexe zu beruhigen, doch er dachte gar nicht dran. Sie erklärte ihm noch irgendwas mit Blutzaubern. Ausreden, soweit es Caradan anging. “Ihr könnt noch hier bleiben. Oder du bringst sie nach Hause, deine Entscheidung.” “Wir bleiben.”, knurrte er. “Ich trag sie doch nicht durch diese Todesfalle da draußen.” Dorothea war es einerlei, sie schlürfte genüsslich ihren Tee und schwieg. Der Dieb kümmerte sich um Aen. Er lehnte sie in den Stuhl zurück, bettete ihre Füße auf einem anderen und legte ihr eine Decke über. So schlief sie und schlief. “Das war’s?”, fragte er, als ihm das Schweigen zu viel wurde. “Ja.”, lächelte die Hexe. Caradan hob die Arme. “So einfach? Kein Blut von Neugeborenen, Tränen einer Jungfrau oder Samen einer Wühlmaus?” Herrisch schnalzte Dorothea mit der Zunge. “Du redest von Dingen die du nicht verstehst.”, maßregelte sie ihn. “Du hast keine Ahnung von meinem Handwerk. Und wie alle Männer spottest du über die Dinge, von denen du keine Ahnung hast und die du nicht verstehst.” Caradan klappte den Mund zu. An ihren Worten war etwas Wahres dran und er wollte sie lieber nicht erzürnen, jetzt wo er allein mit ihr und keine Hilfe von Aen zu erwarten war.

Caradan saß draußen vor der Hütte auf einer Bank, ein umgedrehtes Fass neben ihm diente als Beistelltisch und er blickte in das Dunkel der Nacht. So zauberhaft Wälder bei Tag sein konnten, so gruselig waren sie bei Nacht. Erst recht, wenn man, wie der Arcanier, genau wusste, dass auch nur ein falscher Schritt in einem feuchten Grab enden konnte. Wie konnte man nur an Orten wie diesen freiwillig leben und dann auch noch so abgeschieden? Als Kind einer großen Stadt konnte er die Sehnsucht nach Stille nur allzu gut nachvollziehen, aber er wusste auch, dass er diese gleichfalls nicht ertragen könnte. Stets würde er auf heißen Kohlen sitzen, so wie jetzt, da er gebannt und besorgt darauf wartete was mit Aen war. Krampfhaft hielt er sich an seinem Becher Tee fest, der dampfend die kalte Abendluft mit seinem Aroma zu betören suchte. Dem Dieb war warm. Was auch immer in diesem Tee war, es wärmte besser als Branntwein. Sein Blick glitt über das, was er im Dunkeln für das Moor hielt. Ja, es war überall, aber es gab ja auch Wege, die nicht dazu zählten. Wer sie nicht kannte, war in Nachts verloren und Caradan würde einen Teufel tun, mit Aen im Schlepptau sein Glück zu versuchen. Unwillkürlich lief ihm ein Schauer über den Rücken. Niemand hatte sie mit der Alten mitgehen sehen und selbst wenn, er glaubte kaum das einer von ihnen die verschlungenen Pfade zu dieser Hütte kannte. Und wieso sollte einer von ihnen überhaupt nach ihnen suchen? Sie waren Fremde, die so wenig zu diesem dreckigen Dorf passten, wie diese Hexe hier. Hier in den Wald, da gehörte sie hin, hier konnte ihr keiner das Wasser reichen, aber im Dorf oder gar in einer Stadt, da würde man sie in die Gosse werfen und liegen lassen. Für Irre hatte mein kein Mitleid und selbst wenn diese Frau keine Irre war, sie würde von weniger aufgeschlossenen Menschen - und zu denen zählte sich der Arcanier eigentlich auch - immer als solche betrachtet werden. Wenn sie Glück hatte. Eine Hexe würden sie in Arcanis verbrennen. Sofort und ohne zu zögern. Hier, hier schien man sie immerhin zu dulden, selbst im Schatten der großen Sieben.
Etwas in scheinbar weiter Ferne erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Lichterpaar tanzte auf und nieder, stets parallel zueinander und auf gleicher Höhe. Der Rhythmus war faszinierend und gebannt beobachtete Caradan die Lichter. Bald schienen sie näher zu kommen, bald sich zu entfernen, mal verschwanden sie an einer Stelle und tauchten ganz woanders wieder auf. Sie bewegten sich hin und her und je länger er hinsah, desto müder wurde er. Dann waren sie plötzlich weg. Eine ganze Weile starrte er in die Dunkelheit, immer auch der Suche nach den Lichtern, doch sie waren weg. Eine Gänsehaut überkam ihn. Plötzlich spielten seine Erinnerungen seinem Verstand grausige Streiche. Mit einem Mal namen die Lichter vor seinem geistigen Auge die Formen von Augen an, riesigen gelben Augen, wie die einer Bestie, die draußen zwischen den Bäumen lauerte. Sein Hand wanderte dorthin wo für gewöhnlich ein Messer hing, doch er war ohne Waffe in die Schenke getreten und hatte sie somit auch ohne verlassen. Er schimpfte sich einen Narren und beäugte den Tee argwöhnisch. Das Dampfen hatte aufgehört und das Gesöff war erkaltet, so lange hatte er den Lichtern bei ihrem Treiben zugesehen.Mit Nachdruck schob er den Becher fort von sich. Etwas an dem Zeug war ihm nicht geheuer. Da tauchten die Lichter wieder auf und dieses Mal waren es eindeutig Augen. Es waren die Augen eines Tieres, eines Raubtieres, dass die Hütte umkreisend immer näher kam. Es fasste Caradan in den Blick, hatte ihn als sein Opfer, seine Beute auserkoren, das spürte er genau. Erschrocken sprang er auf und seine Beine wollten ihn kaum tragen. Doch er musste stehen, er konnte gar nicht anders. Er hörte ein Heulen, ein markerschütterndes, bedrohliches Heulen. Es klang zu animalisch für den Wind, aber zu fremdartig für einen gemeinen Wolf… Das konnte nicht sein. Die Wälder der Wilden Lande waren meilenweit entfernt! Man hätte doch sicherlich Gerüchte gehört, wenn ein riesiger Wolf durch die gefallenen Reiche gezogen wäre. Mit zitternden Knien machte Caradan ein paar Schritte auf die Augen zu, die nun geradewegs auf ihn zu kamen. Nein, das konnte nicht sein, durfte nicht! Nicht jetzt, wo sie ihn endlich los sein sollte! “Geh weg…”, flehte er und verkrampfte sich, als die Bestie, die er nun zu erkennen glaubte, zum Sprung ansetzte und sich auf ihn stürzte.

Nichts. Der Wald war dunkel, ruhig, der Mond schien wunderschön vom Himmel, spiegelte sich in den wässrigen Flächen des Moores und der Wind spielte sein Lied in den Ästen der Bäume. Keine Bestie, kein toter und zerfleischter Dieb. Nichts. Caradans Atem ging stockend, der kalte Schweißen blanker Angst stand auf seiner Stirn und lief ihm zwischen den Schulterblättern herunter. Keuchend Blickte er sich im Wald um, ob er noch irgendwelche Lichter sah. Er sah rein gar nichts. “Irrlichter.”, hörte er die Hexe hinter sich und erschrak so fürchterlich, dass er ernste Sorge hatte, ob er sich nicht vielleicht doch eingenässt hatte. Er blickte über die Schulter. “Was?”, krächzte er mit trockener Kehle. “Manche glauben es sind die Geister der Toten… Die Seelen totgeborener Kinder und Unschuldigen, die im Moor ihr Ende gefunden haben.” Der Dieb wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte die Alte genervt an. “Ich kenne die Geschichten auch. Und ich weiß, wer ihnen folgt ist ein Narr. Zum Glück, bin ich kein Narr.” Dorothea lachte hell auf. “Und warum stehst du bis zu den Knien im Wasser?” Caradan runzelte die Stirn und blickte an sich hinab. Tatsächlich. Er stand bis zu den Knien in schwarzem Wasser, das bei jeder noch so kleinen Bewegung sofort krause Wellen warf. “Meine Stiefel!”, fluchte er und lief rückwärts hinaus. Ein Glück schien es sich hier nicht um irgendwelches Schlickwerk zu handeln, denn er musste sich kaum anstrengen dem kalten Nass zu entfliehen und seine Stiefel hatte er danach auch noch an den Füßen. Die Hexe lachte erneut und wies mit der Hand nach drinnen. “Stell sie vor den Ofen.”, bot sie ihm an und er nickte nur. Er lief hinein und sein Blick wanderte umgehend zu Aen, die immer noch tief und fest schlief, das Kinn auf die Brust gesunken und die Beine immer noch über kreuz auf dem anderen Stuhl. Beiläufig strich er ihr eine Strähne aus dem Haar, bevor er seine Stiefel auszog und vor dem Ofen ab stellte. Auf dem Kopf, damit das Wasser aus ihnen laufen konnte. Er schnappte sich aus einem der Regale ein paar Lumpen und wickelte sie sich um die Füße und dazu noch eine kratzige Wolldecke, damit er draußen nicht fror. Fast wie früher.
Er hockte sich wieder auf die Bank und zog die Decke fest um sich. Dorothea stand einfach da und starrte hinauf zum Mond. Sie schien sich weder um ihn noch um die Kälte zu scheren. Erst jetzt bemerkte er, dass sie eine Maus auf der Schulter sitzen hatte, die ihr über den Nacken, die Arme und die Brust lief. Sie liebkoste die Maus, fütterte sie mit kleinen Körner oder dergleichen, so genau konnte er es nicht erkennen und blickte als weiter in den Himmel. Eine Weile beobachtete er das Treiben misstrauisch, bis er sich schließlich räusperte. “Darf ich dir eine Frage stellen?”, fragte Caradan mit zittriger Stimme. Dorothea schaute ihn einen Moment mit einem schiefen Lächeln an. “Stell keine Frage auf die du die Antwort fürchtest.” Der Dieb senkte den Blick und überlegte es sich nochmal, ob er dieser Frau wirklich eine Frage stellen sollte. Doch er konnte nicht anders. er musste sie fragen, ob er wollte oder nicht. “Was ist das schlimmste das passieren kann?”, fragte er unsicher. “Mit Aen, meine ich…” Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort, blickte ihn an, ja durchdrang ihn förmlich. Mit jedem Moment der schweigend verstrich, wurde er unruhiger und ungeduldiger. “Unsere Erinnerungen machen uns aus.”, meinte sie schließlich. “Sie formen unseren Charakter und bestimmen wer wir sind.” Caradan nickte langsam. “Und…”, hob er unsicher an und schluckte schwer. “Das heißt?” “Vielleicht ist sie nicht mehr die, die du zu kennen glaubst.” Der Arcanier seufzte schwer. Er glaubte Aen nicht nur zu kennen, er kannte sie, gefühlt schon länger als die wenigen Wochen seit sie sich getroffen hatten und der Gedanke, dass sie nun nicht mehr sie sein könnte, machte ihn krank. Wieso hatte er ihr wieder ihren Dickkopf lassen müssen? Hätte er sie doch davon abgehalten. “Oder nicht.”, lachte die Hexe. “Vielleicht wacht sie auf und es ist alles so, wie ihr euch wünscht. Wer weiß.” Dann verschwand sie im Haus. Zurück blieb ein zutiefst verunsicherter Dieb, der sich den Arsch abfror.

Als seine Stiefel wieder akzeptabel getrocknet waren, begann Aen sich allmählich unruhig zu räkeln. Besorgt ging Caradan neben ihr in die Hocke und ergriff ihre Hand. Es gab ihm vermutlich mehr Sicherheit als ihr, aber seis drum. Immerhin war er bei klarem Verstand, der von Sorge und Angst bestimmt war. Ja, er hatte Angst. Angst um Aen, Angst um sie beide, Angst vor der Hexe und Angst vor dem Wald und was darin lauern konnte. Es war einfach eine scheiß Idee gewesen, einer völlig Fremden an einen Ort zu folgen, von dem sie nie wieder alleine weg finden würden! Wenn sie wenigstens bei Tag gegangen wären, dann hätten sie sich vielleicht den Weg einprägen können, aber mitten in der Nacht, da würde er nicht einmal einer geraden Strecke sorgenfrei folgen können. Aber das interessierte ihn alles nicht mehr, als Aen blinzelnd die Augen aufschlug. Er drückte ihre Hand sanft, während sie sich verwirrt im Haus umblickte. Ihr Blick blieb zunächst an der Hexe und dann an ihm hängen. “Wie geht es dir Aen.”, fragte Caradan vorsichtig, Sorgenfalten zierten seine Stirn. Sie hob die Brauen und musterte ihn von oben bis unten. “Wer bist du?”, fragte sie ihn und lehnte sich zurück, als wäre ihr die Nähe zu ihm unangenehm. Caradan hatte das Gefühl, als würde ihm jemand mit einem glühenden Schürhaken die Eingeweide aus dem Arsch ziehen. Seine Knie drohten nachzugeben und er krallte sich an den Tisch, wie ein Ertrinkender, der sich an Stück Treibholz klammerte. Der Atem blieb im Halse stecken und er spürte wie ihm abwechselnd heiß und kalt wurde. Dann sah er einen Wimpernschlag den Schalk in Aens Augen aufblitzen und er stieß den Atem, der ihn zu ersticken drohte in einem erleichterten Japsen aus. “Verarsch mich nicht.”, keuchte er, teils zornig, teils erleichtert. Sie grinste ihn an. “Ich? Niemals.” Er strich ihr über die Wange. Vergessen waren die Worte der Hexe, das war die Aen die er kannte und die ihm so den Kopf verdreht hatte. Ihr ging es gut, sie wirkte eher wie immer, wenn man sie aus dem Schlaf riss. Seine Sorge verflüchtigte sich. Mit einem Grinsen öffnete er den Mund, aber hielt inne. Obwohl er soeben leichtfertig die Worte Dorotheas als Gewäsch abgetan hatte, echote ihre Stimme in seinem Geiste. Gerade wollte er Aen eine Frage stellen, dessen Antwort er nicht hören wollte, wollte sie fragen ob sie noch an Thero dachte, wollte Fragen ob der Zauber wirkte, doch er tat es nicht. Er klappte den Mund auf und zu, bis er sich mit einem Räuspern selbst zur Raison ruf. Seine Knie waren immer noch weich und so setzte er sich, indem er Aens Beine anhob, sich auf den Stuhl fallen ließ und ihre Beine in seinem Schoß drapierte. “Im Ernst Aen. Wie geht’s dir?”
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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Fr, 12. Okt 2018 9:50

“Verarsch mich nicht!” keuchte Caradan. “Ich? Niemals!” grinste Aen und konnte schließlich nicht mehr an sich halten. Sie begann glockenhell zu lachen, sie lachte und lachte, bis ihr der Bauch schmerzte. “Du solltest dein Gesicht sehen, Caradan!” japste sie und als Caradan den Mund auf und zu, auf und zu klappte, um offenkundig etwas zu sagen das er nicht hervor brachte, da lachte die Arcanierin weiter. “Du siehst aus wie ein Fisch. Wie ein dümmlicher Karpfen!” Übermütig ahmte sie seine Mundbewegungen nach, bis er sich setzte, ihre Beine auf seinem Schoß ruhten und er sie unterbrach. “Im Ernst Aen, wie geht's dir? Sie blickte ihn verständnislos an. “Wie soll es mir denn gehen?” fragte sie ihn, während sie sich umsah. Dann fiel ihr Blick auf die Alte, die mit ihrem Teebecher auf einer kleinen Bank nahe der Feuerstelle saß und sie beide beobachtete. “Ach so… jetzt weiß ich es wieder. Wir sind dieser Alten hier gefolgt. Wir sind hierher gekommen um…” Sie unterbrach sich und ihre Miene wandelte sich zu einer seltsamen. Sie schien angestrengt nachzudenken, unter Caradans wachsamen Blicken. “... um zu vergessen…” flüsterte sie mit Grabesstimme. “Zu vergessen… Aber ich…” Erneut unterbrach sich. “Du liebe Güte, ich fühle mich wie besoffen” hob sie nach einer gefühlten Ewigkeit an. “Und ich hab furchtbare Kopfschmerzen!” stöhnte sie und legte ihre Hand auf die Stirn. “Also wie es aussieht, hat es funktioniert. Wir sind hierhergekommen um zu vergessen. Aber bei den Geschwistern… was denn bloss? Ich weiß schon, das ist der Sinn des Ganzen. Aber es macht mich jetzt schon rasend, nicht zu wissen, warum. Wie wird es in Zukunft sein?” Sie dachte nach. Sie war schon immer ein furchtbar neugieriger Mensch gewesen. Und nun war sie scheinbar einen Schritt gegangen und das Endresultat entzog sich ihrer Kontrolle. Zu wissen, dass man sich an etwas nicht mehr erinnern konnte, machte sie rasend. "Mach dir keinen Kopf Aen, sonst wirst du noch wahnsinnig" erwiderte Caradan schließlich. “Ich weiß. Ich tue es aber trotzdem. Du weißt es ganz bestimmt. Also sag es mir.” Caradan schien zu überlegen. Er überlegte sehr lange, und nach einiger Zeit seufzte er und sagte schließlich “"Du wolltest jemanden vergessen, der dir Kummer bereitet hat."Und damit hatte er bei Aen einen empfindlichen Nerv getroffen. Sie beugte sich leicht vor zu ihm und fragte “Wirklich? Wer ist es?” Und auch damit schien sie bei Caradan einen empfindlichen Nerv getroffen zu haben, denn er wurde ein wenig ungehalten. “Ist doch egal! Der Zauber hat gewirkt, das zählt doch!” Aen lehnte sich wieder zurück und verschränkte die Arme. “Du hast Recht…” meinte sie dann. Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl zurück und gedankenverloren knabberte sie an ihrer Unterlippe. Da war schon wieder etwas, das zwischen ihnen stand, und das schmeckte ihr gar nicht. Vielleicht hätten sie diese Hexe gar nicht aufsuchen dürfen. Vielleicht wäre es besser gewesen, mit der Gewissheit zu leben, zu wissen, wer ihr da Kummer bereitet hatte, als mit der Tatsache, dass es da jemanden gegeben hatte, und von dem sie jetzt nichts mehr wusste, aber wusste, dass es ihn gab. Sie versuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben und winkte mit der Hand ab “Es war ein langer Tag. Ich bin müde, ich bin erschöpft und ich habe Kopfschmerzen. Lass uns nach Hause…” Sie unterbrach sich. Es gab kein Zuhause. Es gab eine Schenke, und es gab eine andere Schenke, und es gab immer nur Schenken, in denen sie einen oder mehrere Tage verweilten, aber nicht länger. Sie hatte kein Zuhause, keinen Ort an dem sie sich wohl fühlte, der ihr Heimat und Rückzugsort war, und an dem sie sich sicher fühlte. “Lass uns zurück in die Schenke gehen…” verbesserte sie sich. Doch Caradan erhob Einwände. “Wir können heute abend nicht zurück gehen. Wir kennen die Wege nicht, und du hast bestimmt keine Lust, im Moor zu versinken…” “Das stimmt wohl…” erwiderte die Arcanierin und schielte zu der Alten die immer noch auf ihrer Bank saß und ihren Tee schlürfte. “Dürfen wir denn verweilen?” fragte sie Caradan, und dieser nickte.

“Nun… in einem Hexenhaus habe ich auch noch nie übernachtet…” kicherte sie und erhob sich schließlich. Unsicher, was sie nun tun sollte, begann sie, sich in dem Häuschen umzusehen. Skeptisch ließ sie ihre Augen über die zahlreichen Töpfchen, Schälchen und Beutel schweifen die da unordentlich herumstanden, und sich dennoch zusammen in eine gewisse Grundordnung zusammen fügten. Sie konnte nichts entdecken, was irgendwie schlecht oder unheimlich war. Immer wieder warf sie der Alten einige argwöhnische Blicke zu, bis sie schließlich zu ihr herüber schlenderte und sich neben ihr auf die Bank setzte. Eine Weile schwieg sie, dann hob sie an “Was hast du mit mir gemacht?” Die Alte zuckte die Schultern “Ich habe getan was ihr von mir verlangt habt.” Aen nickte. “Und was?” fragte sie nach einer Weile. Da stieß die Alte einen leisen Pfiff durch die Zähne aus “Warum willst du das jetzt wissen? Was hast du davon?” Diesmal war es an Aaen, die Schultern zu zucken. “Ich weiß nicht… es ist seltsam, zu wissen, und gleichzeitig nicht zu wissen. Es ist mir, als fehle mir plötzlich ein Teil meines Lebens, und das ist beunruhigend” “Ist es nicht beunruhigender, von Dingen zu wissen, die einem das Leben schwer machen?” Aen nickte mit dem Kopf “Das schon aber…” “Und ist es nicht so, dass die Menschen sich stets erinnern und wieder vergessen? Unwissenheit ist manchmal ein Segen. Du hast dich dazu entschlossen, einen Teil deines Lebens vergessen zu wollen, das ist geschehen, und nun musst du damit leben, Punkt!” unterbrach sie sie. Aen beobachtete die schwarze Katze die lautlos durch die Hütte trottete, vor ihr stehen blieb und schließlich einen Satz auf die Bank zu den beiden Frauen tat. Nach einer kurzen Weile kletterte sie auf Aens Schoß, ließ sich darauf nieder und machte es sich darauf gemütlich. Vorsichtig legte Aen ihre Hand auf den Rücken der Katze und begann diese zu streicheln. Sie spürte das Vibrieren, als die Katze zu schnurren begann, und sich verstärkte, als sie sie ein wenig fester streichelte. Die Katze wirkte beruhigend auf die Arcanierin und so saß sie einfach nur schweigend da und gab dem Tier, wonach es verlangte. Nach einer Weile erhob sich die Alte. “Es war ein langer Tag, ich begebe mich nun zur Ruhe. Ihr könnt wie gesagt da bleiben. Im Kessel ist heißes Wasser daneben hängt ein beutel mit Teekräutern. Da drüben sind Winteräpfel. Bedient euch, wenn ihr wollt, aber ansonsten fasst nichts an! Ich merke, wenn ihr es tut!” “Jaja, wir fassen ja nichts an…” brummte die Arcanierin. “Bevor ihr schlafen geht, legt noch Feuerholz nach.” “Und wo sollen wir schlafen?” fragte Aen. “Was weiß ich. Dies ist nur eine einfache Hütte. Meine Hütte, und ich habe nur einen Schlafplatz.Ihr müsst selbst sehen, wo ihr die Nacht verbringen könnt.” Aen brummte erneut, und folgte der Alten mit den Augen. Sie verzog sich in eine dunkle Ecke in der Hütte, die Aen vorhin noch nicht aufgefallen war. Dort legte sie sich auf einen raschelnden Strohsack und deckte sich mit einer groben Wolldecke zu.

Aen warf einen Blick zu Caradan, und klopfte mit ihrer freien Hand neben sich, bedeutete ihm, zu ihr zu kommen. “Und bring Tee mit!" wisperte sie. Die Katze schlief immer noch schnurrend auf ihrem Schoß, als Caradan schließlich mit zwei dampfenden Bechern kam und sich neben sie setzte. “Herzallerliebst, diese Katze!” meinte Aen verzückt. “Am liebsten würde ich sie mitnehmen!” “Das habe ich gehört, und die Katze bleibt hier!” drang es vom Schlafplatz der Alten zu ihnen herüber. Aen begann zu kichern. “Ich nehme sie schon nicht mit, keine Sorge!” rief Aen zu ihr herüber und widmete sich dann schließlich Caradan. “Ohren wie ein Luchs…” meinte sie. “Schade, ich wollte schon zu dir sagen ‘In einem Hexenhaus hab ich es auch noch nie getrieben’, aber das können wir wohl vergessen!” gluckste sie. Aen trank schluckweise von dem heißen Tee. “Weisst du, ich habe nachgedacht, Caradan. Über das, was du gestern gesagt hast. Dass du nach Lanyamere möchtest. Dass du dort einige Zeit bleiben möchtest. Warum auch nicht? Ich bin müde, so müde. Immerzu bin ich auf Reisen, rastlos und ruhelos. Vielleicht wird es an der Zeit, einmal zur Ruhe zu kommen. An einem Ort zu verweilen. Vielleicht ein rechtschaffenes Leben führen… Ein Zuhause zu finden, in der Heimat. Ein kleines gemütliches Haus…” Sie sah auf die Katze herunter, die immer noch auf ihrem Schoß döste. “Und eine Katze…” lachte sie. “Ich weiß nicht, ob ich Ruhe finden kann, ob ich an einem Ort verweilen kann. aber ich möchte es gerne einmal versuchen. Was meinst du dazu?”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Sa, 22. Dez 2018 22:17

Die Pferde trotteten schon seit Stunden über den gefrorenen arcanischen Boden. Der Winter hatte das Land in festem Griff, auch wenn der Schnee noch auf sich warten ließ und den Bäumen und dem verwitterten, erfrorenen Gras lediglich Raufreif anhaftete. Nichtsdestotrotz herrschte eine klirrende Kälte, und der Frost kroch der Arcanierin trotz warmen Wollmantel in alle Glieder. Obwohl sie ein Wolltuch wie ein altes Weib über den Kopf geschlungen hatte, und damit auch Mund und Nase bedeckte, zitterte sie am ganzen Leib, und ihre Zähne schlugen unkontrolliert gegeneinander, während ein unbarmherziger Wind wie Glasscherben über ihr Gesicht strich. Dichte, weisse Atemluft drang hinter dem Wollschal hervor und Aen konnte diese lange mit den Augen verfolgen, bevor sie sich schließlich und letztendlich in Luft auflöste. “Diese elende Dreckskälte!” schimpfte sie dumpf durch ihren Mundschutz. “Was gäbe ich nicht alles für einen heißen Gewürzwein, oder ein heißes Stachelbier…” waren ihre ersten und einzigen Worte seit ihrem Aufbruch, und das wollte bei Aen schließlich etwas heißen. Eine Starrkrautpfeife wäre wohl in der Lage gewesen, für kurze Zeit die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben, doch es hatte sich schon des Öfteren als schwierig erwiesen, zu Pferde das so dringend benötigte Feuer mit der Zunderbüchse zu entfachen, um damit einen Kienspan anzuzünden, der wiederum die Pfeife zum Glühen bringen würde. Außerdem zitterten ihre klammen Finger dermaßen, dass es sowieso keinen Sinn hatte, das auch nur zu versuchen. Wann würden sie endlich Lanyamere erreichen? Wie spät mochte es wohl sein? Sie hatten am späten Vormittag Aens Geburtsstädtchen Wynricea verlassen, und seitdem hatte sie nur gefroren. Die Zeit anhand des Sonnenstandes war aufgrund der dichten Wolkendecke unmöglich. Sie war so dicht und schwer, dass man nicht einmal erahnen konnte, wo die Sonne sich gegenwärtig befand. Soweit sie sich erinnerte, war es zu Fuß von Wynricea nach Lanyamere ein Marsch von etwa fünf Stunden, und zu Pferd war man ganz sicherlich noch schneller. Das Problem war hierbei die Kälte. Aen wagte es nicht, den Pferden ein schnelleres Tempo als einen gemächlichen Schritt zu erlauben, auch, wenn dies bedeutete, diese relativ kurze Distanz in einer gefühlten Ewigkeit zu überwinden. Sie hatte schon einmal ein Pferd an den Winter verloren. Abari. Ihr heißgeliebter Hengst Abari. Niemals zuvor und niemals danach war ihr ein Pferd dermaßen ans Herz gewachsen. Abari war nicht nur ein Pferd, nein, Abari war ihr ein treuer Freund gewesen. Er war ein Geschenk gewesen von… von… So sehr sie auch darüber nachdachte, es wollte ihr nicht einfallen. Wie konnte an nur vergessen, wer einem ein kostbares Pferd geschenkt hatte? Ein dermaßen großzügiges Geschenk bekam man schließlich nicht alle Tage! Damals, in den wilden Landen war er verendet. Gut, in den wilden Landen war es weitaus kälter als hier in Arcanis gewesen, damals, in den Nächten nach der Wintersonnenwende. Nach dieser verheerenden, feuerwütigen Nacht im Clan der Wilden Menschen… Mit wem war sie verdammt noch einmal dort gewesen? Sie? Bei den Wilden Menschen? Während sie darüber nachdachte, und versuchte, ihre Erinnerungslücken mit Gewissheit zu stopfen, schüttelte sie schließlich den Kopf. Sie hatte vergessen wollen. Es war ihre freie Entscheidung gewesen. Oder? Ihr Blick fiel auf Caradan, der ebenso dick eingemummelt und nicht minder schweigsam gute zwei Meter schräg vor ihr dahin ritt. Sie hatte es für Caradan getan. Weil sie wusste, wie er reagiert hatte, wenn Aen von …. sprach. Weil sie es in seinen Augen gesehen hatte. Weil sie es in dem Zucken in seinen Mundwinkel gesehen hatten, die jedes Mal einen harten Zug angenommen und sich nach unten geneigt hatten. Auch, wenn er sich stets alle Mühe gegeben hatte, sich nichts anmerken zu lassen, doch so etwas konnte man nicht verbergen. Sie hatte es für ihn getan. Für seinen Seelenfrieden. Sie hatte zugelassen, dass diese Hexe in ihrem Kopf gewühlt und diesen verdreht hatte. Wie Tyn in den Wilden Landen dies vermocht hatte. Der umrisslose, beinahe unsichtbare Schatten in ihren Gedanken und Erinnerungen hatte es gehasst, er hatte Hexen gehasst. Die Hexe Tyn, die sie so gern gehabt hatte, die ihr wie ein Mütterchen gewesen war. Die umgebracht worden war von… Egal, sie war tot und es war nicht zu ändern… Und jetzt fühlte sie sich ein Stück ihrer Vergangenheit und ihrer Erinnerungen beraubt, und sie konnte es nicht und nicht lassen, in jener Vergangenheit zu wühlen. Sie hatte es für Caradan getan, sagte sie sich in Gedanken immer wieder vor. Sie gehörten nun zusammen. Sie waren nun ein Paar und nun konnte man nicht so einfach mehr irgendwen ficken. Nun war alles reichlich komplizierter geworden zwischen ihnen. Ob sich dieses Opfer gelohnt hatte? Waren die nächtlichen Alpträume, die sie immer wieder heimsuchten, die voll waren von Blut, Feuer, Tod, von markerschütterndem Gebrüll und einem namenlosen, riesigen Schatten, das wert? Waren die Kopfschmerzen, die sie seit dieser Angelegenheit immer wieder plagten, das wert? War er es wert, dass man einen Teil seiner Vergangenheit weggeworfen hatte? Während sie sich das fragte, wandte er sich plötzlich um, als könne er Gedanken lesen, und warf ihr einen kurzen Blick zu. Sie erwiderte diesen Blick, der ihr bis ins Mark ging, mit ihren großen, dunklen Augen, und zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch heute Morgen, war ihr plötzlich warm. Wenn auch nur für einen kurzen Moment, bis die Kälte sie wieder ins Hier und Jetzt zurückholte. sie ritten schweigend weiter, und als sie eine sanfte Anhöhe verließen, da konnte sie die Ausläufer von Lanyamere, und dahinter das graue Meer sehen. “Endlich!” stieß sie dumpf hervor. Unweigerlich stieß sie dem Pferd ihre Stiefelhacken in die Flanken. Sie hatte genug von der Kälte, endlich hatten sie ihr Ziel erreicht!

Die Arcanierin stieg vom Pferd ab und landete mit ihren halb erfrorenen Füßen unsanft auf den Boden. Beinahe befürchtete, ihre Zehen würden brechen, aber selbst wenn, dann hätte sie das kaum gespürt. Die Pferde wurden in die Stallung der nächstbesten Taverne geführt und der Obhut des Stallknechtes überlassen. Mit schnellen Schritten betraten sie den angrenzenden Schankraum und wohlige Wärme schlug ihnen entgegen. Sie steuerte einen Tisch ganz hinten in der abgelegensten Ecke des Schankraums an, und als sie endlich ihr Gesicht und ihren Kopf aus dem Wollschal schälte, schlugen ihr die Ausdünstungen der ungewaschenen Wirtshausgäste und unangenehmen Gerüche entgegen, die den Schenken und Tavernen so zu eigen waren. Aber das war ihr nun auch egal. Ihr Mantel und ihr Schal landeten achtlos über der Stuhllehne des freien Stuhls neben sich und sie ließ sich mit einem Ächzer auf dem anderen Stuhl nieder und streckte ihre kalten Füße unter dem Tisch aus, während sie schon den Arm hob und den Wirten zu sich heran winkte. Es dauerte eine ganze Weile, bis er die beiden in ihrer Ecke bemerkt hatte, aber als er dann angewatschelt kam, pries er seinen Eintopf an, der, so versprach er, in ganz Lanyamere nirgendwo so gut schmecken würde, wie bei ihm. Aen und Caradan ließen es darauf ankommen und orderten dazu noch zwei heiße Gewürzweine. Als die dampfenden Becher endlich am Tisch standen, umfasste die Arcanierin den ihren mit ihren eisigen Händen um sich daran aufzuwärmen, und auch in die Füße kehrte allmählich wieder das Leben zurück. Sie blickte sich in der Taverne um. Sie hatte das Gefühl, dass sie hier schon einmal gewesen war. Aber bei den Geschwistern, wann denn? Und sie hatte Kopfschmerzen, entsetzliche Kopfschmerzen, welche sie auf die Kälte schob, obwohl sie wusste, dass es nicht daran lag. Sie stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch auf und massierte sich die Schläfen. Caradan blickte sie besorgt an, doch Aen winkte ab “Ah, halb so wild. Das hab ich schon seit einer ganzen Weile, wahrscheinlich vertrage ich das arcanische Wetter nicht mehr. Das vergeht wieder.” Da der Eintopf noch unerträglich heiß war, griff sie zwischen den Schüsseln nach Cardans Hand und lächelte. “Also wollen wir es jetzt wagen? Ein Haus? Ein Haus für uns beide in Lanyamere? Im Bogenviertel gefällt es mir besonders gut, falls es da leerstehende Häuser gibt. auch, wenn es natürlich billigere Gegenden gibt...” Das Bogenviertel hieß deswegen so, weil sich die Sitte eingebürgert hatte, dass zahlreiche kunstvolle Steinbögen aus Steinmetzmeisterhand das Viertel und seine Häuser zierten. Jeder Hauseingang besaß eine bogenförmige Türe und bogenförmige Fenster, samt dazu passenden oben abgerundeten Fensterläden, jede Straße, jedes Gässchen, war verschwenderisch mit Bogentoren versehen. Die Straßen waren mit Kopfsteinpflaster ausgelegt. Nicht die beste Gegend, aber auch nicht die Schlechteste. Gutbürgerlich. Eine Gegend für Kaufleute, Händler und angesehene Handwerkszünfte. Mehr als angemessen für zwei Taugenichtse, wie sie sie waren. Aens Wangen waren gerötet von der Kälte und nun von der Wärme und dem heissen Wein, und ihre Augen glänzten vor Aufregung. “Das klingt alles so… so ungewohnt… so… häuslich… Aber schön… Am liebsten würde ich sofort aufspringen und mich nach einem Haus umsehen!” Und wieder hob sie die Hand um den Wirten zu sich heran zu winken. “Frollein?” hob er fragend an, als er an den Tisch herangetreten war. “Wir wollen uns ein Haus kaufen. Kannst du uns sagen, ob es welche zu verkaufen gibt? Am liebsten im Bogenviertel!” sprudelte die Arcanierin hervor. “Ein gemütliches kleines Häuschen.” “Um Kinder darin großzuziehen?” fiel der Wirt in Aens vergnügte Laune mit ein. “Nein, das nun nicht unbedingt…” murmelte die junge Frau. Was hatten sie nur immer alle mit Kinder bekommen? Als ob Kinder die Erfüllung im Leben wären. War es nicht besser ohne sie? “Soso… aha… jaja…” begann der Wirt und kratzte sich nachdenklich den Kinnbart. “Dann fiele mir sogar etwas ein. Vor kurzem ist der Alchemist und Gelehrte Zacharias Arkenstein gestorben. Zeit seines Lebens Junggeselle. Hat gelebt wie ein Eremit. Nur geforscht und gelernt und getüftelt. Keine Erben, keine Nachkommen. Das Haus ist also denkbar ungünstig, wenn man Kinder hat, oder haben will. Ein kleines Haus, für ein, bis zwei Personen. Ist der Stadt zugefallen, nach seinem Tod. In großartigem Zustand, bleiverglaste Butzenscheiben, Palisanderholztüren, Erker, ein kleiner steinerner Innenhof, voll möbliert... daher etwas hochpreisig. Darum wollte es bisher niemand haben. Obwohl es recht schön ist. Große Häuser sind derzeit gesucht. Um große Familien zu gründen, nach arcanischem Vorbild!” “Also müssen wir zum Bürgermeister von Lanyamere?” hakte Aen nach, die von Familiengründung schon die Schnauze voll hatte. “Wohl wohl” nickte der Wirt und verschwand hinter seinen Tresen, wo er mit einem Lappen Becher zu polieren begann.

Aen holte Pfeife, Pfeifenkraut und Starrkraut hervor und begann sich eine schöne Pfeife zu stopfen. Die Wärme in der Schankstube hatte sie bereits völlig eingelullt, und das Starrkraut würde sein Übriges tun. Sie entzündete die Pfeife mit einem Kienspan, welchen sie an dem Talglicht entfachte, und verschwand zunächst in einer Rauchwolke der anpaffenden Pfeife. Der Rauch strömte in ihre Lunge und behaglich rutschte sie tiefer in den Stuhl hinein, während sie den Rauch wieder langsam wabernd aus dem Mund, und auch aus der Nase entließ. Während das Starrkraut langsam seine mannigfaltige Wirkung verbreitete, sinnierte Aen und zählte auf, was ein Haus alles bieten musste, damit sie sich dort wohlfühlen würde und dort leben konnte. “... eine Feuerstelle. Ich kann ganz passabel kochen. Aber das wusstest du bisher nicht, da ich bisher noch nicht in der Lage war, den Löffel schwingen zu müssen. Ausgenommen das ekelhafte Wiesel, dass du in der Flur erschossen hast, aber das kann man nicht wirklich zählen, da ausser dem Vieh und einer Glut nichts da war, was dieses grässliche Ding in eine halbwegs wohlschmeckenden Mahlzeit hätte verwandeln können. Mit Rosshaar und Stahlfedern gepolsterte Lehnsessel wären himmlisch. Und natürlich ein großes bequemes Bett. Ich wollte schon immer in einem Himmelbett schlafen. Mit zarten seidenen Stoffbahnen…” Sie seufzte wohlig auf. “Aber ob wir uns das leisten können? In einem solchen Himmelbett muss man wie eine Königin schlafen… Außerdem trägt ein schönes Bett auf jeden Fall zur Stimmung bei. Das kannst du nicht mit einem abgewälzten und abgeranzten und verlausten Strohsack vergleichen.” Das Starrkraut brachte ihr Blut in Wallungen. Sie fixierte Caradan mit einem raubtierhaften Blick, bis sie schließlich die verglosende Pfeife beiseite legte, sich erhob und sich zu ihm hinüber gesellte. Sie setzte sich auf seinen Schoß, umfing ihn mit ihren Armen, zog ihn zu sich heran, und begann ihn leidenschaftlich zu küssen. Aromen von Pfeifenkrautrauch und Gewürzwein vermischten sich, und Aen begann, recht ungeniert an seinem Hosenstall herum zu fummeln. Diesen zu öffnen, war ebenso leicht, wie ihre Röcke zu lüpfen, und sich auf sein erhärtetes Gemächt zu setzen. Sie stöhnte erregt in seinen Mund, während sie ihn weiter stürmisch küsste und sich etwas weniger stürmisch auf ihm räkelte. Niemand schien die beiden zu bemerken, oder beachten, und so konnten sie ihr freches Spiel ungestört weiterführen, und schließlich auch zum Ende bringen. Dann flüsterte sie ihm ins Ohr “Und jetzt lass uns den Bürgermeister aufsuchen.” Dann setzte sie sich auf den anderen freien Stuhl neben ihn und blickte nun wie er in den Schankraum. “Aber vorher trinken wir noch was, ja? Sind ja grad erst angekommen, da muss man nichts übers Knie brechen” säuselte sie. Sie fühlte sich wirklich gut! Ihre Blicke schweiften durch den Schankraum, dann wandte sie sich an Caradan. “Sag mal kennst du das Gefühl dass du glaubst, an diesem oder jenen Ort schon einmal gewesen zu sein, oder genau diesen Moment schon einmal erlebt zu haben?” Sie beobachtete die Schankmaid, die zwischen den Tischen umherlief, die Gäste bediente und sie beobachtete auch jenen Tisch der mittig vom Schankraum stand, an welchem ein paar Strolche saßen, die dem Schankmädchen nachstellten. Als sie vorbeilief, legte einer seine Arme um ihre Hüften und zog sie auf seinen Schoß. Aen blickte sich ruckartig um, von den Strolchen zu Caradan, von Caradan auf ihren Platz, von ihrem Platz wieder zu Caradan und von Caradan wieder zu den Kerlen. Plötzlich schoß Aen die Erkenntnis ins Bewusstsein wie ein Blitz. Sie sprang von ihrem Stuhl auf, ging ein, wie Schritte nach vor, wandte sich wieder um zu Caradan, blickte ihn entgeistert an, umklammerte die Stuhllehne mit beiden Händen, schwankte, und glaubte im ersten Augenblick, dass das Starrkraut an ihrem urplötzlichen Zustand Schuld sei. Die Kopfschmerzen waren unerträglich, also ließ sie die Stuhllehne los und presste sich beide Handflächen gegen die Schläfen, als ob das in irgendeiner Weise helfen würde! “Scheisse…” flüsterte sie und schloss die Augen. “Scheisse…” flüsterte sie, als sie die Augen wieder öffnete. Sie ließ sich auf dem Stuhl nieder und fühlte ein feuchtes Rinnsal unter ihrer Nase. Sie wischte sich mit dem Handrücken darüber und stieß noch ein verzagtes “Scheisse!” hervor, als sie Blut auf ihrer Hand entdeckte. Caradan, der ob dieser Ereignisse unbehaglich aber seinem Stuhl hin und her rutschte, aber dennoch bewundernswert ruhig und abwartend geblieben war, fragte sie “Gehts dir nicht gut, Aen?” Sie hob den Blick und sah ihn ruhig an. “Ich bin hier schon gewesen. Vor zwei Jahren. Da, wo du jetzt sitzt, saß ich, und da wo ich jetzt sitze, saß…” Sie unterbrach sich, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. “Alles war umsonst, Caradan. Umsonst, umsonst umsonst…” Ihre Stimme drohte zu brechen. Ihr Mund war trocken, ihre Kehle war trocken, aber kein Bier der Welt hätte ihr jetzt geholfen, diese wieder zu befeuchten. “...Thero…” stieß sie heiser hervor.
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 22. Dez 2018 22:39

Das war Heimat. Dieses Gefühl der Vertrautheit das man empfindet, wenn man an einem Ort ist. Kaum das die Arcanier das südliche Tor der Stadt passiert hatten, stellte sich eben jenes Gefühl in Caradan ein. In dieser Stadt war er aufgewachsen. Den längsten Teil seines Lebens waren die Mauern der Stadt und die Weite des Meeres sein Horizont gewesen. Ein kurzer Wortwechsel mit der Torwache war nötig um in die Stadt eingelassen zu werden. Nichts außergewöhnliches. Kaum dass der Mann den arcanischen Akzent, genauer den lanyamerer Dialekt raushörte, wollte er wieder in sein warmes Wachstübchen verschwinden. Die erstbeste Taverne wurde ausgewählt und Caradan war genauso gierig darauf sich aufzuwärmen wie Aen. Das Wams und der Mantel hielten warm, aber im Galopp gelang es jedem Wind sich einen Weg hinein zu bahnen. Er zog sich das Halstuch vom Gesicht und verstaute es an seinem Gürtel. Seinen Mantel warf er über eine Stuhllehne. Sollte er sich mit Wärme vollsaugen. Aen besorgte ihnen etwas zu Essen und zu Trinken und das war auch bitter nötig. Nichts wärmte besser und schneller als ein heißer Eintopf im Bauch. Vielleicht würde es Aen dann auch besser gehen. Er machte sich Sorgen um sie. Seit sie bei der Hexe gewesen waren, war sie seltsam, wirkte unentspannt und müde. Doch sie quittierte seinen sorgenvollen Blick mit Ausflüchten. Auch erkundigte sich Aen sogleich nach einer Bleibe… aber einer dauerhaften, dieses Mal. Einem Haus, für sie beide. So freudig und aufgeregt sie dabei auch war, so ruhig blieb Caradan. Er traute dem Braten nicht. Das konnte doch gar nichts werden, mit ihnen beiden, häuslich niedergelassen? In drei Monaten stand das Bogenviertel in Flammen, weil die Langeweile überhand nehmen würde. Dennoch, offenbar schienen sie Glück zu haben, denn ein ewiger Junggeselle war vor kurzem von ihnen gegangen und nun stand sein Haus leer. Vielleicht würde es ja doch etwas werden.
Mit schief gelegtem Kopf beobachtete er Aen beim Rauchen. Er wusste gar nicht mehr, wann er die letzte Pfeife geraucht hatte, nicht eine mit Starrkraut, sondern einfach so. Doch er gönnte es ihr. Sie litt unter etwas, was sie ihm nicht sagen wollte und wenn der blaue Honig ihr Linderung verschaffte, dann sollte sie sich ruhig ein Pfeifchen gönnen. Sie erzählte ihm was sie sich von einem eigenen Heim erwartete und Caradan versuchte sich ein Bild vorzustellen, wie sein Heim aussehen sollte, aber seine Gedanken und Wünsche blieben recht schlicht. Solange sie zusammen dort waren, war es ihm eigentlich egal, was das Haus zu bieten hatte. “Außerdem trägt ein schönes Bett auf jeden Fall zur Stimmung bei. Das kannst du nicht mit einem abgewälzten und abgeranzten und verlausten Strohsack vergleichen.” Caradan lachte. “Als ob wir ein Bett brauchen.”, witzelte er doch, offenbar fühlte sich Aen aufgefordert seine Behauptung unter Beweis zu stellen. Ihre Küsse taten gut, aber er war doch überrascht, als er sich plötzlich in ihrem Schoß wiederfand. Er blickte sich um, aber keiner schenkte ihnen sonderliche Beachtung und so gab er sich diesem reizvoll offenem Liebesspiel hin. Als er kam, erstickte er sein aufstöhnen mit einem Kuss und blickte sie dann mit einem frechen Grinsen an. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und schweiß glänzte ihm auf der Stirn. Er streichelte ihr gedankenverloren über die Wange. Wenn sie ihm einen Moment zum Verschnaufen ließ, könnten sie nach oben gehen, den Bürgermeister für heute Bürgermeister sein lassen und dann würde er sich bei ihr gebührend revanchieren. Doch soweit kam es nicht, denn plötzlich sprang Aen auf und hielt sich die Schläfen. Blut lief ihr aus der Nase und Caradan rutschte etwas auf dem Stuhl umher. Er fragte sie ob es ihr nicht gut ginge. Eine dumme Frage, war die Antwort doch so offensichtlich. Sie erklärte ihm, dass sie schon mal hier gewesen sei und sprach dann ein Wort aus, von dem er gehofft hatte, es nie wieder hören zu müssen. Kein Wort… ein Name… ein Fluch… sein Fluch… “Thero…”

“Gleich wieder da.”, keuchte Caradan. Ungläubig, fassungslos, um seine Selbstbeherrschung bemüht, wankte er mit schwächer werdenden Knien zur Tür. Er warf sich mehr dagegen, als sie zu öffnen und stolperte schließlich in die eisige Abendluft. Es konnte noch nicht so spät sein, doch es dämmerte bereits. Die Kälte durchfuhr ihn wie ein spitzes Messer und der erste gierige Atemzug brannte in den Lungen. Doch es half. Seine Blick wurde wieder klarer, er spürte jede Faser seines Körpers, der sich begann aufzubäumen, um sich der Kälte die urplötzlich auf ihn eindrang zu erwehren. Sein Geist leerte sich, seine Gedanken nahmen wieder Form an und er realisierte nun letzten Endes, was da eben geschehen war. Umsonst, es war alles umsonst gewesen. Das hatte Aen gesagt, bevor sie diesen Namen wieder ausgesprochen hatte, den der Dieb seit ihrer Abreise nicht mehr gehört hatte. Aber er hatte an ihn Gedacht, jeden Tag. Jeden Morgen hatte er sich gefragt, ob er den Namen heute hören würde, jeden Abend hat er sich gefragt ob er den Namen am nächsten Tag hören würde. Und in Aens Blicken hatte er sehen können, dass sie mehr als je zuvor über Thero nachdachte, ohne jedoch wirklich einen echten Gedanken zu fassen zu bekommen. Der Dieb warf den Kopf in den Nacken und blickte mit zornigen Blick gen Himmel. Wie war das möglich? Was konnte sie nur von diesem Mann befreien, wenn es nicht mal die Magie einer Hexe vermochte. Sein Schatten war verschwommen gewesen, doch größer, bedrohlicher als vorher. Und nun, nun war Theros Schatten wieder klar zu erkennen und verdunkelte alles, was vor ihnen lag. Caradan fühlte sich verarscht, betrogen und absolut hilflos. Er war nie ein Mann der Götter gewesen und langsam beschlich ihn das Gefühl, es war deren Rache die er da zu spüren bekam, in eine Frau verliebt zu sein, die er nie haben konnte. Zumindest nicht auf die Art, die er wollte oder brauchte. Sein Blick wanderte über die Straße, auf der Suche nach etwas, von dem er selbst nicht wusste was es sein könnte. Einem Zeichen vielleicht, das ihm den Weg weisen konnte oder dem Versprechen, dass sich schon alles wieder richten würde. Er fand nichts, bloß zwei Krähen, die auf dem Kadaver eines Hundes am Straßenrand herumpickten. Eine von ihnen hackte dem toten Köter gerade ein Auge aus und begann es wie eine Walnuss auf den Plastersteinen der Straßen zu schlagen. Es war kein unbekannter Anblick für den Dieb. Jeden Winter verreckte ein Hund in den Gassen der Stadt und jedes mal fand Caradan den Leichnam, während sich die Vögel daran gütlich taten. Alle Jahre wieder…
Zwar war er noch gar nicht lange draußen vor der Tür, dennoch zitterte er am ganzen Leib. Die Kälte war in ihn gekrochen, raubte ihm das Gefühl in den Fingern und sein Schwanz, noch feucht von Aens Schoß, meldete sich energisch zu Wort. Seine Zähne schlugen unkontrollierbar aufeinander und würden ihm Wohl die Zunge glatt durchbeißen. “He Meista!”, rief eine Stimme neben ihm. Ein Bettler, kaum zu erkennen unter einer zerlumpten Decke, hatte sich in einen der vielen Hauseingänge eingenistet und streckte neugierig den Kopf aus der Pforte. “Kalt?” Mit zittrigen Fingern fischte er eine Münze aus seinem Beutel und warf sie dem Bettler vor die Füße. “Ver--p-p-piss dich.”, schnauzte er ihn an und der Mann antwortete mit einer unflätigen Geste, zog sich aber überrascht zurück, als der den Wert der Münze erblickte. Doch er hatte ja recht. Caradan erfror noch hier draußen. Er wandte sich um zur Tür, doch zögerte er. Wie sähe es aus, wie sähe er aus? Hals über Kopf hatte er den Schankraum verlassen, hatte mehr als deutlich gezeigt, wie überfordert er mit der Situation auch war. Auf der einen Seite meinte, dass ihm daraus niemand einen Strick zu drehen vermochte, aber auf der anderen Seite war es Aen, für die er nun da sein musste und das konnte er wohl kaum, wenn er selbst Hilfe gebrauchen konnte. Zur Abwechslung musste er mal Stärke zeigen oder zumindest so tun, als ob. Der Dieb zückte ein Halstuch und schritt zur Pferdetränke neben der Tür der Taverne. Das Wasser war eiskalt, aber noch schwamm kein Eis auf der Oberfläche. Er tränkte das Tuch mit Wasser und begab sich wieder hinein. Aen saß zusammengesunken am Tisch und schien ins Leere zu starren. Er wollte sich gar nicht ausmalen was nun in ihrem Kopf los sein mochte. “Hier.”, flüsterte er und legte ihr das kalte Tuch in den Nacken. “Das sollte helfen.” Er setzte sich neben sie und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Einen langen Moment blickte er sie einfach nur an. Ihm fielen keine aufmunternden Worte ein die er aussprechen konnte. Eigentlich fiel ihm gar nichts ein, was er sagen könnte und so schwieg er. Sie schwiegen eine ganze Weile lang, abgeschieden in ihrer Ecke ungestört und unbeachtet saßen sie da. Mehrmals klappte er den Mund auf um was zu sagen und jedes mal klappte er ihn wieder zu, ohne das ein Wort über seine Lippen gekommen war. Irgendwann hob er die Hand, bestellte zwei Becher Branntwein und schob Aen einen zu. Mit einem unergründlichen Lächeln hob er seinen Becher und kippte sich den Inhalt hinunter. Das Zeug machte seinem Namen alle Ehre. Es brannte sich einen Weg in seine Eingeweide und durch sie hindurch. “Wir sollten…”, versuchte er zu sagen, doch er scheiterte in einem Hustenanfall. “... morgen zum Bürgermeister gehen….”

“Wie warum?”, fragte er mit gerunzelter Stirn. “Ich will mit dir ein Bordell, fertig aus.” Er grinste sie frech an. Die beiden Arcanier saßen beim Frühstück in der Taverne, in der sie nach dem Vorfall geblieben waren und planten den Tag. Natürlich stand ein Besuch beim Bürgermeister ganz oben, doch diese plötzlich wieder aufgeflammte Sache zwischen ihnen, drohte sich zwischen sie zu drängen. Caradan versuchte so gut es ging sich nichts anmerken zu lassen, tat so, als wäre alles beim alten, tat so als hätten sie der Hexe nie einen Besuch abgestattet, tat so, als wäre ihr Zauber nicht so kolossal fehlgeschlagen. Es gelang ihm nur halb, das merkte er selbst. “Nun…”, begann er etwas ernster. Nein, nicht ernster, sondern ernst. “Da dich deine Vergangenheit wohl nicht loslassen will, dachte ich mir, ich teile etwas von meiner mit dir.” Etwas peinlich berührt stocherte er in seinem Brei herum. “Du weißt ja sicher noch, dass ich ein wahrhaftiger Hurensohn bin und… nun ja, das Hurenhaus war meine zu Hause.” Er spülte einen Löffel Brei mit einem großzügigen Schluck Dünnbier hinab und unterdrückte einen Rülpser. “Ich meine.”; fuhr er fort. “Ich könnte auch allein ins Bordell gehen, aber ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Also, komm bitte mit.”
Gegen Mittag schlurften sie durch das Hafenviertel von Lanyamere. Trotz der Kälte herrschte geschäftiges Treiben. Schiffe wurden beladen und entladen, Zölle wurden bezahlt, es wurde über Gebühren gefeilscht und die Matrosen der einen Mannschaft lieferten sich ein hitziges Gesangsduell mit einer anderen. Es ging wohl darum, welche Ansammlung ungewaschener Männer die größere Spannweite an Tonhöhen aufweisen konnten. Das Duell endete einer wüsten Prügelei, als der erste Maat der ersten Mannschaft dem Ausguck der zweiten dermaßen in die Eier trat, dass sich dessen Stimme um gefühlte drei Oktaven überschlug und ihn dann unter dem Gejohle seiner Männer zum Sieger erklärte. Plötzlich ertönten laute Pfiffe und die Stadtwachen von Lanyamere stürmten in den Hafen. Sie trugen die charakteristischen weißen Gambesons mit senfgelben Wappenröcken, waren mit Knüppeln, Pfeil und Bogen bewaffnet und droschen auf die Matrosen ein, trieben sie auseinander und drängten sie eine Ecke des Stegs. Ein Matrose bekam einen gefiederten Schaft in den Arsch und fiel schreiend auf die rutschigen Planken. Zwei Stadtwachen stürzten ins eisige Nass des Hafenbeckens, als ein Matrose dem einen von ihnen derart eine klatschte, dass sich die Wachen an einen Kameraden klammerte um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und riss den ahnungslosen Mann mit sich in die Tiefe. Das ganze Schauspiel dauerte kaum fünf Minuten und zog erstaunlich wenig Aufmerksamkeit auf sich. Einige Dinge blieben eben immer wie sie waren, dachte sich der Dieb mit einem Lächeln. Wie viele Schlägereien er schon aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, konnte er gar nicht sagen.
Letzten Endes bogen sie in jene unscheinbare Gasse ein, in der ein Haus zwischen den gedrungenen Steinbauten hervor tat. Nicht nur das Nachts ein verführerisches rotes Licht in den Buntglaslaternen über der Tür glomm, nein, auch die Fenster waren von innen mit schweren Samtvorhängen verdunkelt, die Fassade war mit Ornamenten bestückt und eine, bei diesem Wetter nicht ganz so leicht bekleidete Dame winkte einzelne oder Gruppen von Männern heran. Ohne zu zögern lief Caradan auf die Dame zu, nickte ihr kurz zu und hielt Aen dann die Tür auf. Den irritierten und auch empörten Blick der Hure ignorierte er so gut er konnte und folgte Aen hinein. Mal abgesehen von den verschwenderisch behangenen Wänden, den gepolsterten Liegen statt einfacher Sitzbänke, dem Geruch nach schweren Duftwässern statt Schweiß, war es ein Schankraum wie jeder andere auch. Ein Leuchter mit Kerzen hing in der Mitte des Raumes und erleuchtete ihn zu großen Teilen. Auf jedem der Tische, entweder kleine Beistelltische neben den Liegen oder tatsächlich richtige, große Tische waren mit Blumen und Kerzen bestückt. Woher die Blumen kamen war Caradan schleierhaft, aber er war sich sicher, dass er der einzige Mann war, der einen Gedanken an sie verschwendete. Die beiden Arcanier ließen sich auf einer der Liegen nieder, doch statt sich hinzuflätzen, hockte sich Caradan an die Kante, faltete die Hände auf den Tisch und blickte sich um. Hier sah es noch aus wie früher. “Hat sich nicht verändert.”, kommentierte er seine Untersuchung. “Ich wette wenn ich das Sitzkissen umdrehen würde, dann wäre da immer noch derselbe Brandfleck, den vor vier Jahren ein besoffener Seemann da hinterlassen hat, als er versucht hatte, sein Pfeifenkraut in einer Pergamentrolle zu rauchen.” Der Dieb legte Aen eine Hand auf den Oberschenkel, als eine junge Frau zu ihnen trat. Sie hatte hellbraune Locken, eine spitze Nase und ihre Figur war zu schlank um sie fraulich zu nennen. Wie jung mochte sie wohl sein. “Darf ich euch etwas gutes tun?”, fragte sie und bemühte sich ihre Unsicherheit ob Aens Anwesenheit zu verbergen. Caradan drückte ihr zwei Münzen in die Hand. “Eine Karaffe Wein bitte.”
Egal ob draußen die Sonne schien oder der Mond am Himmel stand, Betrieb herrschte hier immer. Abends konnte man kaum ein Wort aus dem eigenen Mund verstehen, aber Mittags konnte man sich ganz gut unterhalten. Ab und an wurde die Stille mal von einem hohen Stöhnen oder tiefen Grunzen gestört, wenn in den Zimmern oben eine Dame sich ihr täglich Brot verdiente, aber sonst war es recht ruhig. Caradan hatte sich zu Aen gebeugt. “Ich erkenne keine der Huren hier.”, meinte er ein wenig traurig. Natürlich herrschte hier ein Kommen und Gehen, nicht nur bei der Kundschaft. “Wir trinken aus und gehen.”, schlug er vor und Griff nach dem Becher, da schob sich eine Gestalt in sein Sichtfeld. Die Frau mochte mitte dreißig sein, hatte ein längliches Gesicht, das blonde Haar war zu einem langen Zopf geflochten und ihre weiblichen Reize standen in aller Pracht. Bella, er erkannte sie sofort wieder. Er war vierzehn oder fünfzehn gewesen, als sie hierher kam und mit ihrer freundlichen, rustikalen Art hatte er sie sofort ins Herz geschlossen. Ihre Blicke trafen sich und er musste unwillkürlich Lächeln. Doch Bella missdeutete seinen Gesichtsausdruck und kam mit einer weiteren Karaffe an ihren Tisch. Ungefragt ließ sie sich neben ihm nieder und legte ihm ihre Hand auf den Schoß. “Darf ich dir noch einen Becher Wein einschenken?”, stellte sie eine rhetorische Frage, denn sie hatte bereits damit begonnen, seinen Becher wieder zu befüllen. Er nickte dankend, nahm einen Schluck und forschte in ihrem Gesicht nach einem Anzeichen des Wiedererkennens. Plötzlich griff sie ihm völlig ungeniert in den Schritt. Überrascht hob er die Augenbrauen und rutschte unangenehm ein Stück weg von ihr, nähe zu Aen. Womöglich um sie wenn nötig zurück zu halten. “Ich bin noch nicht betrunken.”, wehrte er etwas ungeschickt ab. Bella hob amüsiert eine Augenbraue. “Gut.” Sie sprach mit diesem verführerischen Hauch auf der Stimme. “Dann haben wir beide mehr davon.” Ihr Blick fiel auf Aen. “Oder wir drei.” Der Dieb schüttelte den Kopf. “Nein du missverstehst. Ich bin noch nicht besoffen genug, um zu übersehen, dass du mir Tropfen unterjubeln willst.” Sie runzelte einen Wimpernschlag zu spät die Stirn. Zwar hatte er sie nicht bei frischer Tat ertappt, aber offensichtlich wusste er etwas über sie, das er nicht wissen sollte. “Ich verstehe nicht…”, versuchte sie, doch er hob die Hand. “Bella, bitte.” Nun ließ sie die Scharade sein. Sie runzelte die Stirn, rutschte ein Stück zurück und verschränkte die Arme. “Kennen wir uns?” Fort war der Hauch. Sie sprach mit ihrer eigenen, forschen und unerbittlichen Stimme, die Antworten verlangte, statt drum zu bitten. “Vielleicht.”, zuckte der Dieb mit den Schultern und grinste breit. Bella überlegte einen Moment und hatte dann deutlich sichtbar einen Geistesblitz, den sie selbst nicht ganz für wahr hielt. “Nein oder?”, murmelte sie und Caradans Grinsen wurde breiter. “Du verschissener, kleiner Hurensohn.”, entfuhr es Bella und sie umarmte ihn, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und musterte ihn nochmals, mit anderen Augen. “Willkommen daheim, Caradan.”
“Und wer ist das?”, nickte Bella zu Aen. “Das ist Aen…” Meine Gefährtin, wollte er noch hinzufügen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Verdammter Wilder, verfluchte er im Geiste Thero. “Und bevor du fragst”, fuhr er hastig fort, damit sein Zögern nicht zu offensichtlich wurde, “Nein. Sie will hier nicht anfangen.” Bella lachte auf. Es war ein helles, ehrliches Lachen. “Weiß ich doch mein Lieber. Die Kleine schluckt bestimmt Schwänze besser als jede andere hier, aber diesen verächtlichen Blick kenne ich. Hab ich von Anfang an gesehen. Dir passt es nicht das wir so unser Geld verdienen, nicht wahr meine Schöne?” Ehe sich die Situation aufheizen konnte, schritt Caradan ein. “Bella.”, hob er an. “Wir suchen eine Bleibe. Wir habe schon ein Haus im Blick. Wir -” “Du willst dich häuslich niederlassen?”, rief sie amüsiert. “Wieso nicht?”, knurrte er ärgerlich. Sie schüttelte den Kopf und wendelte mit der Hand, er solle fortfahren. “Ein Kerl mit Namen Arkenstein wäre vor kurzem gestorben. Kennst du ihn.” Sie schüttelte den Kopf. “Ich kenne doch nicht jeden Mann in Lanyamere.” Caradan lächelte. “Ja aber du kennst sicher einen, der uns zu einem Gespräch mit dem Bürgermeister verhelfen kann.” Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. “Der Neffe des Vogtes kommt hier regelmäßig. Und einer der Gehilfen des Schulzes. Aber, auch wenn ich mich freue dich wieder zu sehen, alles hat seinen Preis mein kleiner Caradan.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Sa, 22. Dez 2018 23:33

Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Schlimm genug, dass die ganzen Erinnerungen wieder hochkamen, und nun war dies auch für Caradan zuviel. Er erhob sich und murmelte, dass es gleich wieder da sei. Und damit verließ er die Schenke. Aen blickte ihm nach, ließ ihn aber von dannen ziehen und folgte ihm nicht. Sie stützte stattdessen die Ellbogen auf den Tisch und ihren Kopf in ihre Hände. Wie sollte das nur weitergehen? Was war das nur für eine Scheiße? Sie verstand das alles selbst nicht. Als sie ihr Leben mit Silvar verbrachte, da hatte sie kaum Gedanken an Thero verschwendet. Sicher, hin und wieder hatte sie an ihn gedacht War ja irgendwie normal. Und heulte sie heutzutage etwa Silvar nach? Nein. Aber das hier, das war etwas ganz anderes. Und Caradan tat ihr leid. Das hatte er nicht verdient. Und sie selbst tat sich auch leid. Denn vielleicht würde Caradan eines Tages seinen sprichwörtlichen Hut nehmen, und Aen konnte ihm dies nicht einmal verübeln. Denn wer wollte schon ständig etwas über Verflossene hören? Aen gehörte ganz sicherlich nicht zu jenen die das wollten. Und Caradan auch nicht. Was könnte sie tun? War sie vielleicht verrückt? Und zwar richtig… Geistesgestört? Es gab Besserungsanstalten für geistig Abnorme. Aber war das das Richtige? Gerade hier in Arcanis? Sie würden sie einsperren, in einen Käfig. Oder sie fesseln. Oder beides. Gefesselt in einen Käfig. Man würde versuchen, durch auspeitschen die Dämonen zu vertreiben. Oder ein Loch in den Kopf bohren, damit der Dämon entweichen konnte. Man würde durch Nahrungsentzug versuchen, den Dämon zu vertreiben. Nein, das war vielleicht keine gute Idee. Vielleicht konnte sie ihr Wohl bei den Geschwister suchen? Beichten gehen? Mit einem Geistlichen sprechen? Alles, was ihr in den Sinn kam, war nicht das Wahre. Alles barg ein Risiko. Nein, damit musste sie selbst fertig werden. Sie musste der Angelegenheit auf den Grund gehen. Sie musste herausfinden, was das Gute an der Sache war, und was das Schlechte. Was man für Vorteile daraus ziehen konnte, und welche Nachteile. Was wahr war, und was nicht. An allererster Stelle musste sie sich über ihre Gefühle klar werden. Was fühlte sie wenn sie an Thero dachte? Eigentlich nichts. Sie liebte ihn nicht mehr. Sie vermisste ihn nicht mehr, als man einen lieben Freund vermissen würde. Die Wahrheit war, er war ein ‘richtiger Mann’ gewesen. Er war groß, er war stark, er konnte kämpfen, er konnte sich zur Wehr setzen, er konnte jedermann verteidigen, er konnte in der Wildnis überleben. Und zuletzt hatte er sie im Stich und sie einfach sitzen lassen. Caradan, nun ja… War auch ein Mann. Aber er war anders. Ganz anders. Er war normal groß, nicht besonders stark. Seine Stärken lagen weder im Kampf noch in Wehrhaftigkeit. Würde man ihn in der Wildnis aussetzen, würde er ziemlich alt aussehen, wenn er nicht gerade zufällig Wiesel erschoss. Aber Caradan besaß Eigenschaften, die wertvoller waren, als all das zusammen. Er war ziemlich ergeben und charaktervoll. Er hielt zu ihr, er ließ sich nicht von ihr verschrecken. Er behandelte sie, im Gegensatz zum anderen, nicht wie ein junges Mädchen und hielt ihr das auch nicht stets vor Augen. Er verlangte nicht von ihr, endlich erwachsen zu werden. Er machte weder Vorwürfe noch Drohungen, noch Mordversuche, als sie mit einem anderen in die Kiste gestiegen war. Er ließ ihr ihren freien Willen und ihre Freiheit. Zum Henker mit Thero! Der war doch nur ein Schatten der Vergangenheit. Und mit Schatten war es so. Man konnte zum Licht zugewandt stehen, dann fiel der Schatten hinter einen. Oder man wandte sich vom Licht ab, dann lag der Schatten bedrohlich vor einem. Aen war ob dieser Erkenntnis und dieser anschaulichen Metapher ziemlich beeindruckt. Ob das dem Starrkraut zu verdanken war? Es war schlussfolgernd also einfach eine Sache der Betrachtung. Wenn man es genau betrachtete, so erzählte sie Caradan ja nie vom ach so tollen Thero. Sie erzählte einfach. Sie erzählte von ihrer Vergangenheit, und in der Vergangenheit war ihr Schicksal mit dem eines anderen Schicksals verknüpft. Vielleicht bauschten sie beide, Aen und Caradan die Sache viel zu viel auf?

Caradan war zurückgekommen, und hatte ihr einen eiskalten Lappen in den Nacken gelegt. Der Schreck fuhr ihr in der Glieder und schon wollte sie ihn schimpfen. Aber als er sich zu ihr setzte und sie einfach nur anblickte, da sagte sie ebenso nichts. Und so saßen sie eine Weile einfach nur schweigend da, bis er schließlich zwei Branntwein bestellte. Caradan wusste eben des Öfteren, wann was half. Und so kippten sie den arcanischen Gerstenbranntwein hinunter, der gewohnheitsmäßig ein wahres Feuer im Inneren der Arcanier entfachte. “Wir sollten…” begann Caradan, bevor er zu husten begann, “...morgen zum Bürgermeister gehen.” “Ja…” stieß Aen hervor und lächelte.

Die beiden Arcanier saßen sich gegenüber in der Taverne die sie gestern Abend aufgesucht hatten. Vor ihnen zwei dampfende Schüsseln mit typisch arcanischem Gerstenbrei. Caradans war ein pikanter mit Speckwürfeln und Zwiebeln, und Aen hatte sich für die Variante mit Milch Honig und einigen Gewürzen entschieden. Caradan hatte sie eben gefragt, ob sie mit ihm in ein Bordell gehen würde, und Aen, in höchstem Maße irritiert, hob den Kopf und ließ den Löffel beinahe aus der Hand fallen. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. “Warum?” war alles, was sie diesbezüglich hervorbrachte. “Wie warum?”, fragte er mit gerunzelter Stirn. “Ich will mit dir ein Bordell, fertig aus.” “Du sagst das so, als sei das etwas völlig normales?” stellte sie schließlich fest. Seine Miene wurde ernst. “Nun, da dich deine Vergangenheit nicht loslassen will, dachte ich, ich teile etwas von meiner mit dir.” Sie hatten seit gestern Abend nicht mehr über diese Sache mit Thero gesprochen. Aen hatte auch keine rechte Lust dazu, weil es im Grunde nichts brachte. Aber diese Aussage war für sie eine fiese Spitze. “Willst du mir etwa deine verflossenen Liebchen vorstellen, oder wie?” erwiderte sie nicht ganz erst gemeint und mit etwas Sarkasmus in der Stimme. “Du weißt ja sicher noch, dass ich ein wahrhaftiger Hurensohn bin und… nun ja, das Hurenhaus war mein zu Hause.” Aen wühlte in ihren Erinnerungen. Stimmt, das hatte er ihr erzählt. “Ich meine. Ich könnte auch allein ins Bordell gehen, aber ich will nicht, dass du dir Sorgen machst. Also, komm bitte mit.” Da grinste Aen. “Da hast du Recht, ich würde nur ungern wie ein Köter vor der Türe warten, während du in ein Hurenhaus gehst und dort weiß der Henker wem einen ‘Besuch’ abstattest. Natürlich begleite ich dich, wenn du mich schon so bittest.”

Lanyamere bei Tag war ganz anders als Lanyamere bei Nacht. Wie es den meisten Städten so zu Eigen war. Aber nun, da sie endlich realisiert hatte, nach Jahren wieder in der Heimat zu sein, da ging ihr das Herz auf. Nirgendwo war es so schön wie in der Heimat! Nicht einmal im dreckigsten Teil des Hafens. Ein vertrautes und behagliches Gefühl stellte sich bei der jungen Frau ein, das sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Auch, wenn sie von Lanyamere zeitlebens nur den Tempel von Innen gesehen hatte. Am Hafen gab es eine Rauferei. Doch kaum jemand beachtete diese. Auch Aen und Caradan zogen es vor, dieser nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu widmen. Wie schnell konnte es passieren, dass man ungewollt ins Geschehen gezogen wurde, nur weil man dastand, gaffte, und sich den Unmut der Kontrahenten zuzog! Aen, die sich in dieser Stadt nicht wirklich auskannte, ließ sich also von Caradan führen, und es dauerte nicht lange, bis sie in eine kleine Seitengasse des Hafens einbogen und bald vor jenem charakteristischen Haus standen, dessen rote Laterne ein beinahe untrügliches Zeichen dafür war, was für ein Etablissement man hier vorfinden wurde. Caradan hielt Aen die Türe auf, diese trat zögernd ein und gefolgt von Caradan, ging sie langsamen Schrittes weiter hinein. Anders als in Schenken fand man hier Duft von schweren und billigen Parfüms vor, vermischt mit etwas Schweißgeruch, aber ansonsten war es hier eigentlich ganz passabel. Schwere Vorhänge, generell viel Stoff und gepolsterte Sitzbänke in kleinen Nischen ließen diesen Ort durchaus anheimelnd wirken, wenngleich es auch nicht ganz so sauber war, wie man auf den ersten Blick vermuten mochte. Die beiden Arcanier nahmen Platz, Caradan faltete die Hände auf dem Tisch, und Aen tat es ihm gleich. “Hat sich nicht verändert. Ich wette wenn ich das Sitzkissen umdrehen würde, dann wäre da immer noch derselbe Brandfleck, den vor vier Jahren ein besoffener Seemann da hinterlassen hat, als er versucht hatte, sein Pfeifenkraut in einer Pergamentrolle zu rauchen.” bemerkte Caradan und legte seine Hand auf ens Oberschenkel, als eine junge Frau zu ihnen an den Tisch trat. Caradan ließ eine Karaffe Wein kommen, was die Angespanntheit, die Aen hier verspürte, ein wenig zu lockern vermochte. Sie war ja nun, wussten die Geschwister, wirklich nicht prüde. Aber hier fühlte sie sich alles andere als wohl. Zwischendurch drangen brünftige Geräusche, Gestöhne und Schreie an ihr Ohr, was nun nicht unbedingt zur Stimmung beitrug. Aber wie es wohl den Anschein machte, war das hier Caradans Zuhause, und so zog es die Arcanierin vor, höflich zu schweigen, und zu hoffen, dass der Besuch nicht allzu lange dauern würde. Wie schnell das vonstatten ging, zeigte sich, als Caradan sich zu ihr beugte und meinte “Ich erkenne keine der Huren wieder. Wir trinken aus und gehen.” Aen nickte, und tätschelte tröstend seine Hand, um die Freude darüber zu verbergen. Sie drehte den Bechern in ihren Händen und starrte auf den Lichtpunkt, der sich von einer Laterne auf der Oberfläche des Weines widerspiegelte, als sich plötzlich eine Frau zu ihnen setzte. Ungefragt. Ungefragt fasste sie auch in Caradans Schritt, was den Arcanier etwas näher an Aen rutschen ließ und derselben eine empörte Miene ins Antlitz zauberte. Nach einigem Wortgeplänkel zwischen den beiden stellte sich heraus, dass sie sich kannten, was Aens Laune nicht unbedingt hob. Sie konnte es nicht leiden, wenn man nicht direkt, sondern über Umwege gefragt wurde, wer man sei, was einen ja indirekt dazu brachte, den anderen für sich sprechen zu lassen. Caradan stellte sie lediglich als Aen vor. Aen. Mehr nicht. Als sei es ein großes Geheimnis, dass man in einem Hurenhaus auf keinen Fall offenbaren durfte. “Und bevor du fragst”, fügte er schnell hinzu, “Nein. Sie will hier nicht anfangen.” Bella lachte auf. Zu schnell, um da eine Anmerkung zu machen. “Weiß ich doch mein Lieber. Die Kleine schluckt bestimmt Schwänze besser als jede andere hier, aber diesen verächtlichen Blick kenne ich. Hab ich von Anfang an gesehen.” Sie redeten einfach über Aen hinweg, deren Miene immer finsterer wurde. Schließlich richtete sie doch noch das Wort an Aen. “Dir passt es nicht das wir so unser Geld verdienen, nicht wahr meine Schöne?” “Wie ihr euer Geld verdient, ist mir so ziemlich Scheißegal.” war die weniger freundliche Antwort Aens. Dann folgte wieder ein Geplänkel. Caradan offenbarte Bella seine, nein, ihre Pläne von Lanyamere, und ob sie ihm weiterhelfen könne, aber Aen hatte nach diesem Ausflug schon kaum mehr Lust, sich hier niederzulassen, auch, wenn das Bogenviertel am anderen Ende vom Hafen war, und somit recht weit weg vom Hurenhaus. Trotzdem. “Ja aber du kennst sicher einen, der uns zu einem Gespräch mit dem Bürgermeister verhelfen kann.” wandte er schließlich. “Der Neffe des Vogtes kommt hier regelmäßig. Und einer der Gehilfen des Schulzes. Aber, auch wenn ich mich freue dich wieder zu sehen, alles hat seinen Preis mein kleiner Caradan.” Nun hatte Aen wirklich genug. Mehr als genug. Ihre Hand wanderte an das Feuerrohr, und als sie dieses spannte, erscholl das Klacken, was auch Caradan nur allzu gut bekannt war, und urplötzlich wandte er seinen Blick zu ihr. Sie lächelte ihn freundlich an wie eine Schlange, als sie sich nun endlich seiner ungeteilten Aaufmerksamkeit sicher war, und er legte ihr vorsichtig, aber warnend die Hand auf die ihre, die auf dem Feuerrohr ruhte. “Du wolltest längst gehen, mein kleiner Caradan, oder nicht?” sagte sie ebenso freundlich, wenn auch mit warnendem Unterton. Es klackte erneut, als Aen den Abzug wieder entspannte, und dann erhob sie sich. “Hab Dank. Doch wir brauchen eigentlich keine Hilfe, die von irgendwelchen Gefallen abhängt. Der Bürgermeister wird uns auch ohne Hurenschlichen Gehör schenken. Oder siehst du das anders, Caradan? Wir gehen” entschied sie. Aenaeris warf sich den Mantel über die Schultern. Dann stapfte sie grußlos aus dem Hurenhaus.

“Bist du verrückt? Ich werde mich ganz sicher nicht in die Abhängigkeit von einer hochnäsigen Hure begeben. Alles hat seinen Preis. Jaja. Mancher Preis ist teuer bezahlt. Wenn eine Münze nicht Preis genug ist, dann vergiss es” begann sie zu schimpfen, nachdem sie einige schnelle Schritte vom Hurenhaus entfernt waren. “Und außerdem hast du mich da drinnen wie eine Idiotin dastehen lassen. Ich kann selbst für mich sprechen. Ich weiß, wie ich heiße, und kann das auch selbst sagen.” fuhr sie direkt fort. “Das ist Aen…” säuselte sie. “Aen wer? Ich mach-die-Beine-breit-für-Caradan-und-das-ist-alles-was-du über-mich-wissen-musst-Aen?” schnaubte sie. “Ich habe jetzt keine Lust mehr, den Bürgermeister aufzusuchen. “Vielleicht sollten wir das alles noch überdenken. Ob du das wirklich willst. Denn so klingt es mir eher als eine lockere Wohngemeinschaft als etwas Ernsthaftes. Fand Bella ja offensichtlich auch ziemlich komisch, dass du häuslich werden willst. Steht dir wohl nicht.” Sie unterließ es dann doch, ihm vorzuwerfen, dass Thero sich nicht so geziert hatte, sie als seine Gefährtin zu bezeichnen, und es kaum hatte erwarten können, sich in den wilden Landen in dem steinernen kastell niederzulassen. Im Gegenteil. Von ihm hatte sie ja schon einen Ring geschenkt bekommen, noch ehe sie wusste, dass sie nun seine Gefährtin war. Aber es war wohl besser, dass sie damit hinterm Berg hielt. Um des lieben Friedens Willen. “Es ist nicht leicht mit dir, das ist dir schon klar, oder?” Immer noch etwas aufgebracht, was auch damit zu tun hatte, dass sie sich der Tatsache bewusste geworden war, dass sie sich offenbar lückenlos wieder an alles erinnerte, begann sie sich eine Pfeife zu stopfen, aber nirgendwo gab es offenes Feuer, an dem man mittels eines Kienspans diese hätte entzünden können. Etwas genervt steckte sie die fertig gestopfte Pfeife wieder in ihren Beutel zurück, und zog sich den Mantel enger um den Leib, als ein auffahrender Windstoß in ihre Kleider fuhr. “Naja, seis drum” brummte sie etwas versöhnlicher als vor wenigen Augenblicken. “Lass uns spazieren gehen, bevor wir hier noch festfrieren. Lass uns…” Ihre Miene hellte sich merkbar auf. “Lass uns den Tempel besichtigen. Oder das, was davon noch übrig ist!”

Sie liefen die kleinen Gässchen und Straßen entlang, bis sie schließlich auf einen kleinen Platz kamen, an dessen Ende die Hauptstraße begann. Auf dem Platz war ein kleiner Markt, wo es allerlei zu bestaunen galt. Lanyamere war zwar nicht Merridia, nichtsdestotrotz gab es hier in Lanyamere die erstaunlichsten Dinge zu bewundern und zu ergattern. Man munkelte, dass man unter der Hand sogar elfische kunsthandwerkliche Gegenstände bekam, und man munkelte weiter, dass diese Dinge sogar recht begehrt waren. Der Duft von würzigem süßen Wein drang ihnen an die Nase und als sie sich ein wenig umschaute, entdeckte sie einen kleinen Stand, der eigentlich nur aus einigen verwitterten Brettern zusammengezimmert war, und daneben stand ein großer gusseiserner Kessel über dem Feuer. Endlich konnte sie ihre Pfeife entzünden! Aen kaufte zwei Becher von dem schweren, süßen und würzigen Wein und während sie dastand, und ihre kalten Finger an dem Tonbecher wärmte, begannen plötzlich zarte Flöckchen vom Himmel zu rieseln. Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel, und je länger sie das tat, desto mehr Flocken fielen vom Himmel. Sie lächelte still, denn sie mochte Schnee sehr gerne, auch wenn der immer mit Kälte und Frost verbunden war. Die Schneeflocken setzten sich auf ihrem Mantel ab, und Aen kam nicht umhin, die kleinen Flöckchen in ihrer einzigartigen Schönheit zu betrachten. Jede für sich war ein einzigartiges Kunstwerk, und keine glich einer anderen. Fast hätte sie darüber sogar ihre Pfeife vergessen. Allerspätestens jetzt war die Arcanierin wieder völlig mit sich im Reinen und gut gelaunt. Als sie die Becher ausgetrunken und zurückgegeben hatten, hakte sich Aen bei Caradan unter. “Komm, gehen wir weiter…” meinte sie sanft, und so schritten sie weiter Richtung Hauptstraße. Während sie so dahin schlenderten, und die Flocken immer dichter vom Himmel fielen, begann Aen plötzlich “Caradan? Weisst du was mir gerade eingefallen ist? Wenn wir ein Haus kaufen wollen, dann brauchen wir eine Abstammungsurkunde. Man muss doch etwas vorlegen, wer man ist, woher man kam, wer seine Eltern waren… Du verstehst? Ich besitze so etwas nicht mehr, und die Geschwister wissen, selbst wenn ich diese noch hätte, dass ich diese bestimmt nicht vorlegen könnte.” Sie blieb stehen und lächelte ihn schief an.”Und ob der rechtschaffene Sohn einer Hure das Anrecht hat, im Bogenviertel, oder überhaupt in einer arcanischen Stadt ein Haus zu kaufen, das bezweifle ich doch stark… Das bedeutet also, wir brauchen vorher sowieso einen Urkundenfälscher…”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

† † † † † † † † † † † † † † † †

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » Sa, 22. Dez 2018 23:38

Es lief ihm eiskalt den Rücken runter, als er hörte, wie sich der Hahn des Feuerrohres spannte. Das Klicken der Apparatur, die Tod und Zerstörung in Form von Feuer und Blei spucken konnte, war mittlerweile kein unbekanntes Geräusch mehr. Und da er mittlerweile mehr als genug um Aens aufbrausendes Temperament wusste, um ihre Zornesausbrüche und ihre kalte Missachtung menschlichen Lebens, überkam ihm fast panische Angst um seine alte Freundin Bella. Aen konnte ja nicht ahnen, von welcher Sorte der Preis sein konnte, den die Hure verlangte. Aen sah nur eine käufliche Fotze und nahm das Schlimmste an, nahm wohl an, dass der Preis Caradans Schwanz wäre oder dergleichen. Aber der Dieb wusste es besser, er kannte Bella und wusste, dass es etwas anderes sein musste. Schockiert wandte er sich um und ihr Lächeln verstärkte sein ungutes Gefühl noch. “Aen…”, hauchte er und legte seine Hand sanft, aber bestimmt auf ihre, genauer auf die, die sich an das Feuerrohr klammerte. “Du wolltest längst gehen, mein kleiner Caradan, oder nicht?” Er hasste sie dafür, er hasste sie so abgrundtief dafür. Nicht nur das sie ihn hier vorführte wie einen dressierten Esel, nein, sie zwang ihn dabei hörig mitzuspielen. Er traute ihr voll und ganz zu, mitten im Hafen Lanyamere die einzige Frau zu töten die Caradan außer ihr hier noch kannte und dafür hasste er sie einfach. Keinen Ton sprach er zu ihr, sondern erdolchte sie mit Blicken, brannte sich hoffentlich in sie hinein und verursachte ihr Qualen bis zur Besinnungslosigkeit. “Hab Dank. Doch wir brauchen eigentlich keine Hilfe, die von irgendwelchen Gefallen abhängt. Der Bürgermeister wird uns auch ohne Hurenschlichen Gehör schenken. Oder siehst du das anders, Caradan?”, fragte sie aufmüpfig wie sie nunmal war, doch Caradan schenkte ihr nicht die Genugtuung irgendeiner Reaktion. “Wir gehen”, entschied sie, stand auf und ging. Der Dieb erhob sich betont langsamer, zog sich den Mantel an und umfasste Bellas Hand mit seinen Beiden. “War schön dich wiederzusehen, Bella. Wenn du mich entschuldigst, ich muss einen Mord begehen.”, sein Lächeln war aufrichtig, aber sein Blick sprach Bände. Er war ja so einiges von Aen gewohnt, aber das ging ihm entschieden gegen den Strich! Diese Frau was sozusagen das klägliche Überbleibsel dessen, was er einst Familie genannt hatte.
Die eisige Luft draußen tat gut. Sie verscheuchte den Geruch der zahllosen Duftwässer aus der Nase, machte den Kopf frei der von den verschiedenen Düften langsam aber sicher benebelt wurde. Zornig funkelte er Aen an. “Sie wollte uns helfen!”, fuhr er sie an. ““Bist du verrückt? Ich werde mich ganz sicher nicht in die Abhängigkeit von einer hochnäsigen Hure begeben. Alles hat seinen Preis. Jaja. Mancher Preis ist teuer bezahlt. Wenn eine Münze nicht Preis genug ist, dann vergiss es.” Caradan verdrehte die Augen. Ja, natürlich hatte sie es so aufgefasst. “Sie hat ihren Preis doch noch gar nicht genannt.”, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Doch der Einwand schien sie gar nicht zu scheren, denn sie fuhr ungerührt fort. “Und außerdem hast du mich da drinnen wie eine Idiotin dastehen lassen. Ich kann selbst für mich sprechen. Ich weiß, wie ich heiße, und kann das auch selbst sagen.” Da konnte er ihr nicht widersprechen. Diesen Schuh musste er sich wohl oder übel anziehen lassen, doch das rechtfertigte noch lange nicht ihre Reaktion mit dem Feuerrohr. Verdammt nochmal, sie hätte wieder all ihre Pläne zum Elfen gejagt! “ Das ist Aen. Aen wer? Ich-mach-die-Beine-breit-für-Caradan-und-das-ist-alles-was-du-über-mich-wissen-musst-Aen?” Hilflos warf er die Hände Luft. “Tut mir leid, verdammt.”, rief er. “Können wir jetzt zum scheiß Bürgermeister?” Doch Aen schien auf Streit aus zu sein. “Ich habe jetzt keine Lust mehr, den Bürgermeister aufzusuchen. Vielleicht sollten wir das alles noch überdenken. Ob du das wirklich willst. Denn so klingt es mir eher als eine lockere Wohngemeinschaft als etwas Ernsthaftes. Fand Bella ja offensichtlich auch ziemlich komisch, dass du häuslich werden willst. Steht dir wohl nicht.” Caradan stand da, wie vom Blitz getroffen. Er konnte nicht fassen was er da hörte. Es war alles so kompliziert wie vorher! Diese Wechselhaftigkeit, diese elenden Launen und der Hang zum Dramatischen. Sie war die Königin des Dramas und machte es stets dann, wenn man es sogar nicht gebrauchen konnte. Mit offenem Mund starrte er sie an, schüttelte den Kopf und klappte den Mund wieder zu.
Hinter ihm, im obersten Stockwerk des Hurenhauses öffnete sich ein Fenster. Eine Negerin steckte den Kopf heraus und warf einen flüchtigen Blick hinab auf die Straße. So eine schwarze Schönheit wie sie, war sehr selten so weit oben im Norden und wenn sie nicht von irgendeinem reichen Fettsack als Haushälterin eingestellt wurde, die wegen ihrer Hautfarbe nur die niedersten Arbeiten verrichten durfte, von der Hausherrin verachtet und ab und an vom Hausherren vergewaltigt wurde, dann landete sich mit einer gewissen Sicherheit in einem Freudenhaus, wo sie, ebenfalls wegen ihrer Hautfarbe, oftmals Gefahr lief, einfach totgebumst zu werden, weil die lüsternen Kerle schlange standen um ihre Schwänze in so ein exotisches Weib zu stecken. Sie entleerte einen Nachttopf aus dem Fenster, dessen Inhalt keine zwei Schritte von Caradan entfernt mit lautem Platschen landete. Ein paar Spritzer des Gemisches aus Pisse und Scheiße landeten auf Caradans Stiefeln.
“Es ist nicht leicht mit dir, das ist dir schon klar, oder?”, meinte Aen und das brachte das Fass nun wirklich zum Überlaufen. “Da muss ich dir recht geben.”, antwortete er so ruhig er konnte. “Wie hältst du mich nur aus? Meine Sprunghaftigkeit, meine Launenhaftigkeit, meine… unglaublich selbstzerstörerische Ader? Du bist SO bewundernswert!” Seine Stimme war mit jedem Wort lauter geworden, bis er kurz vor einem ausgewachsenen Wutanfall stand, doch er zwang sich ruhig zu bleiben. Einen Streit wollte er nicht vom Zaun brechen. Nicht jetzt, nicht mit ihr. Er atmete einmal tief durch und legte ihr eine Hand die Schulter. “Ich weiß, du hast alles andere als gute Erinnerungen an deine Familie, aber das ist bei mir eben nicht so.” Er wies mit einer Hand auf das Haus hinter sich. “Ich habe nie mit einem der Mädchen geschlafen, obwohl sie es mehr als einmal angeboten haben, weil sie Familie waren. Allen voran Bella. Sie war für mich wie eine große Schwester und auf diese Art liebe ich sie auch, also auf eine ganz andere Art und Weise wie dich. Es wäre also sehr … nett von dir, beim nächsten Mal weniger… so wie eben zu sein.” Es dauerte eine ganze Weile bis ihm bewusst wurde was er da eben gesagt hatte, was er ihr da eben gestanden hatte, wenn man so wollte.

Wein wärmte, das war allgemein bekannt. Heißer Wein allerdings, der wärmte nicht nur, der vertrieb Kälte aus Gliedern und Gedanken, belebte den Geist und stieg sofort in den Kopf. Schon nach dem halben Becher kam es dem Dieb so vor, als glühten seine Wangen und um eines versöhnlicher gestimmt als zuvor, zog er Aen so nah an sich heran, wie sie es zuließ. Der Schnee der vom Himmel fiel, legte sich sanft auf die umliegenden Häuser, die Dächer der zahlreichen Stände hier am Markt und auf die Schultern des Diebes. Ärgerlich schlug er den Saum seiner Kapuze hoch. Schnee war vielleicht ganz schön anzusehen, aber Caradan verband einfach keine gute Erinnerungen an den Winter, die Kälte und eben an den Schnee. Sicherlich wäre er jeden Winter erfroren, wenn er nicht so viel Hilfe von den Mädchen im Bordell bekommen hätte. Und dann hätten die Vögel ihn gefressen, bis sich einer der guten Bürger der Stadt dazu herabgelassen hätte, sich des armen kleinen Waisenjungen anzunehmen. Nein, Schnee war nicht sein Freund, aber er wurde das Gefühl nicht los, dass Aen durch aus Begeisterung ob des Wetterumschwungs empfand, also sagte er nichts weiter, sondern genoss die Wärme des Weins. Sie gaben dankend die Weinbecher zurück und wärmten sich noch einen Moment am Feuer. “Komm, gehen wir weiter.”, meinte Aen und Caradan stimmte ihr zu. Mit jedem Schritt schienen mehr Schneeflocken vom Himmel zu fallen und bald war das Kopfsteinpflaster eine rutschige Todesfalle. Plötzlich fing Aen mit einem durchaus wichtigen Thema an. Man benötigte offizielle Papiere, wenn man etwas vom Bürgermeister kaufen wollte. Und weder der Dieb noch Aen besaßen so etwas, oder konnten es ohne Sorge vorlegen. Er erwiderte Aens Lächeln. “Und ob der rechtschaffene Sohn einer Hure das Anrecht hat, im Bogenviertel, oder überhaupt in einer arcanischen Stadt ein Haus zu kaufen, das bezweifle ich doch stark… Das bedeutet also, wir brauchen vorher sowieso einen Urkundenfälscher…” Der Dieb nickte geistesabwesend. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Aber er kannte sich natürlich in der Stadt aus. Dies war seine Stadt und er kannte die richtigen Leute für solche Angelegenheiten. Verzweifelt versuchte er sich an einen Namen zu erinnern. “Remus die Feder…”, murmelte er mehr zu sich selbst. “Ein idiotischer Name, aber…” Er zuckte mit den Schultern. “War vor Jahrzehnten Schreiber in der städtischen Kanzlei. Ist in Ungnade gefallen, hat wohl schon damals Urkunden gefälscht und was weiß ich. Ist abgetaucht und arbeitet nun für die richtigen Leute der Stadt.” Caradan grinste breit. “Der kann alles fälschen, wenn der Preis stimmt. Familiendokumente, Adelsurkunden, Briefe aller Art, Besitzurkunden und Eheverträge und und und.”

Nach einer Weile des Schlenderns erreichten sie schließlich den Tempelbezirk. Die Veränderung war deutlich sichtbar. Es lag kein Unrat auf der Straße, ja die selbst die Gassen zwischen den Häusern waren penibel sauber gefegt worden, es herrschte nicht der übliche Gestank wie im Rest der Stadt und auch die Menschen die sie unterwegs trafen, schienen gepflegter zu sein. Im Angesicht der Geschwister musste man schon samt Haus und Hof was hermachen, so gehörte es sich eben als guter Arcanier. Trotz des Schneefalls herrschte ein wenig Betrieb am Tempel, der beinahe in all seiner alten Pracht wieder hergestellt war. War er früher das mit Abstand beeindruckendste Gebilde gewesen, wenn man den Palast des Stadtrates mal außen vor ließ, wurde seine Silhouette nun von Holzgerüsten entstellt, auf den Arbeiter wie Ameisen in ihrem Bau umher huschten und sich bemühten, die Fassade des Tempels wieder sehenswert zu machen. Die Arcanier waren ein praktisches Volk. Kein Wunder bei dem vergleichsweise harten Leben das sie führten, aber diese praktische Veranlagung traf in keinster Weise auf den Bau von religiösen Bauten zu. Statt den Tempel so gut es ging auszubessern, nicht schön aber zweckdienlich zu gestalten damit der Betrieb wieder aufgenommen werden konnte, wurde Flügel um Flügel, Raum um Raum, Wand um Wand nacheinander wieder hergerichtet und noch aufwendiger verziert als zuvor. So kam es, dass sich mit reichlich Stuck verzierte Simse unter hohen Fenstern bläulichen Glases an kahle, tote Wände schmiegten, die noch darauf warteten verputzt zu werden, dass die Front des Tempels den Anblick des alten Gemäuers in den Schatten stellte, aber seine Rückseite aussah, wie der Arsch eines Pferdes. Offenbar waren momentan die Arbeiten am Nördlichen Teil im Gange, denn dort sah man dutzende Zelte, Leitern, Kräne, Wagen und so fort. Es war für jeden Menschen mit etwas Verstand, ein Trauerspiel. Aber man konnte auch irgendwo nachvollziehen, jedenfalls zu dieser Zeit. Die Wintersonnenwende stand bevor und die ganze Stadt war damit beschäftigt, die Gaben für die Janusnacht anzuhäufen und das Holz das zum Bau verwendet werden könnte, wurde zum großen Janusfeuer gebraucht. Ein schöner Brauch, an dem man die Heldentaten des Janus ehrte, in dem man ihm nacheiferte und nächstenliebe simulierte. Die beiden Arcanier liefen um den Tempel herum, wie zwei Wölfe, die ein verletztes Reh umkreisten. “Was wohl der größere Frevel wäre.”, meinte Caradan halblaut. “Auf die Pforte scheißen oder auf dem Altar vögeln?” Der Dieb wusste was er davon bevorzugen würde, aber zur Not würde er auch beides tun, nur um sicher zu gehen. Im Geiste machte er sich eine grobe Vorstellung des Tempels und vermerkte einige vielversprechende Eingänge. Doch seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sich ihnen eine, unter einer schwarzen Kapuze verborgene, Gestalt näherte.
“Ich bitte demütigst um eine Spende!”, kam vond er Gestalt in einem sonderbar hohen Singsang. “Der Tempel muss sich erheben.” Caradan runzelte die Stirn und zog seinen Mantel enger, als er sah, dass der Kerl eigentlich viel zu wenig am Leib trug für diese Jahreszeit. Genervt kramte er eine Kupfermünze hervor und warf sie in den Zinnkessel, den die Gestalt ihm unter die Nase hielt. Prüfend schob der Kerl seine Nase über den Kessel und gab ein verärgertes Schnauben von sich. “Willst du mich verarschen!”, rief er aufgebracht und riss sich die Kapuze vom Kopf. Vor ihnen stand ein Junge von vielleicht vierzehn Jahren. Er hatte ein rundliches Gesicht, mit knolliger Nase, geröteten Pausbacken und seine Haare war kahl geschoren. Caradan grinste ihn spöttisch an. “Das mit der Demut solltest du noch üben.” “Halt doch die Fresse.”, brüllte er und seine Stimme drohte sich zu überschlagen. Er fischte die Münze aus dem Kessel und hielt sie Caradan anklagend entgegen. “Ihr seht aus aus wie welche, die das Zehnfache zahlen könnten.” Zwei weitere Jungen kamen angelaufen, bei in der gleichen Montur wie ihr Kumpane. “Ich könnte das Hundertfache zahlen, ohne eine Stunde mehr oder weniger zu schlafen.”, grinste Caradan zurück, “Aber ich werde einen Scheiß tun, dir oder dem Tempel Geld in den Arsch zu blasen.” Er hatte gerade so laut gesprochen, dass die beiden Neuankömmlinge es hören konnten. “Das ist Blasphemie!”, schrie ein langer, dürrer, der das gleiche Gewand und den gleichen Haarschnitt trug, wie sein pausbäckiger Freund. Der Dritte im Bunde war klein und zierlich und man musste acht geben, dass man ihn nicht für ein Mädchen hielt. Die Knaben konnten einem beinahe leid tuen, es waren einfach nur arme Kinder, die den Versprechungen eines alten Bocks Glauben schenkten und so zu diesen idiotischen Aschesängern gehörten. Caradan zuckte bei dem Vorwurf bloß mit den Schultern. “Ich bin der Sohn einer Hure.”, erklärte er gelangweilt. “Ich wurde in Sünde geboren, ich lebe in Sünde und werde in Sünde sterben.” Daraufhin bedachten die drei Halbstarken Caradan mit wüsten Beschimpfungen und Flüchen und der dicke nannte ihn einen Betrüger. Der Dieb lachte auf und beugte sich zu ihm ans Ohr. “Und wenn schon…”, flüsterte er und rief dann so laut, das ihn jeder hören konnte. “Und jetzt verpisst euch.” Der Dieb wandte sich zum Gehen um, da knalle ihm der feiste kleine Bastard den Zinnkessel gegen den Kiefer. Caradan stolperte zwei Schritte zurück und spuckte aus. Die feine Schicht Neuschnee färbte sich rot. Langsam wanderte seine Hand an den Rücken, zog seinen Mantel ein Stück nach oben und umklammerte den Griff seinen Dolches. Scheiß drauf, ob das nur Knaben waren, er würde diesem Fettsack die Eier abschneiden. Doch der ließ sich in der Zwischenzeit von seinen Kumpanen feiern und wandte sich kackendreist an Aen. “Wie wärs mit etwas Dankbarkeit Frau!”, rief er und stellte sich breitbeinig vor Aen auf. “Ich hab dich eben vor einem Betrüger gerettet.” Er reckte seine Hüfte nach vorn. “Wie wärs wenn du mir gleich hier und jetzt dankst?”, meinte er und dabei lupfte er mit der einen Hand den Saum seiner Tunika ein Stück und zog mit der anderen den Bund seiner Hose nach unten. Mit unangebrachten Stolz präsentierte er Aen sein Gemächt und grinste sich anzüglich einen ab. Caradan zückte den Dolch und verbarg ihn mit seinem Ärmel. Ja, diesen kleines Mistkerl würde er wohl ausnahmsweise aufschlitzen.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » So, 23. Dez 2018 0:21

“Na… da bin ich aber sehr erleichtert, dass du es niemals mit deiner Familie getrieben hast. Auch wenn sie es dir angeboten hat… die liebe Familie…” erwiderte Aen schnippisch. “Offensichtlich ist dir Bella nicht die ‘Schwester’ die dir wünschtest, denn wäre sie auch nur halb so eine gute ‘Schwester’, dann würde sie dir ohne jegliche Gegenleistungen helfen” schnaubte sie und verschränkte die Arme, während sie von einem Bein aufs andere trat, um die Scheißkälte zu vertreiben. Bella war ihr von der ersten Sekunde an unsympathisch gewesen, und das würde sie auch bleiben, mochte Caradan auch noch so sehr erklären und beschwören. Plötzlich hielten sie beide Inne, und starrten sich wortlos an. Hatte sie sich verhört? Was hatte er da eben gesagt? Er liebte sie? Nicht zum ersten Mal verfluchte sie ihre Eigenart, im Streit ihrem Gegenüber nicht die volle Aufmerksamkeit zu schenken, die er eigentlich verdiente. Doch dann war sie still. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie war allerdings unfähig, ein weiteres böses Wort zu sagen, sondern schwieg einfach nur, aber zeigte sich durchaus versöhnlich. Beim heißen Gewürzwein merkte man schon gar nichts mehr von dem Disput und als der Wein ausgetrunken war, war Aen wieder so sanft wie ein Kätzchen dem man die Krallen gezogen hatte. Sie hörte sich Caradans Ausführungen über “Remus die Feder” an, und das klang eigentlich genau nach dem, was sie brauchten. “Der kann alles fälschen, wenn der Preis stimmt. Familiendokumente, Adelsurkunden, Briefe aller Art, Besitzurkunden und Eheverträge und und und…” führte er weiter aus und da glitt ein Grinsen über Aens Gesicht “Ha! Wir könnten sogar Adelige werden. Dann wären wir aber im Bogenviertel falsch aufgehoben. Da scheint mir eher die gehobenere Kaufmannschicht und Gelehrtenschicht zu wohnen. Nein, Adel ist etwas zu groß für uns. Aber weisst du, was wir noch brauchen? Einen Ehevertrag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bürgermeister von Lanyamere ein Haus an ein Paar verkauft, die nicht verheiratet sind. Und selbst wenn wir sagten, wir wären Bruder und Schwester, wird das niemals gut gehen. Im Gegenteil, dann säßen wir noch weitaus schlimmer in der Tinte”

Schließlich standen sie vor der Baustelle des niedergebrannten Tempels. Eigenartigerweise verspürte die Arcanierin so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Und irgendwie rührte der Anblick des wohlvertrauten Tempels, oder was davon noch übrig war, an vergangene Zeiten. Viele Erinnerungen kamen in ihr hoch. Sie hatte eigentlich erwartet, dass der Tempel nach zwei Jahren längst wieder aufgebaut worden war. Aber da hatte sie sich getäuscht. Statt alles notdürftig wieder aufzubauen, wurde verschwenderisch und aufwendig renoviert, erweitert und verziert. Aen fragte sich, ob sie dem Volk von Lanyamere damit einen Gefallen getan hatte, oder nicht, doch sie kam nicht wirklich auf einen grünen Zweig. “Was wohl der größere Frevel wäre? Auf die Pforte scheißen oder auf dem Altar vögeln?” Aen knuffte ihn in die Seite. “Wirst du wohl still sein! Bist du wahnsinnig! Wenn uns jemand hört!” flüsterte sie. Sie wandte schließlich ihren Blick wieder im Tempel zu. “Ich würde beides nicht wagen. Das ist respektlos!” “Ich bitte demütigst um eine Spende! Der Tempel muss sich wieder erheben!” Aen wandte sich nebst Caradan zu der Gestalt um, die das gesagt hatte und es offenbarte sich ihnen eine verhüllte Gestalt, die einen Kessel am Henkel vor sich her schwenkte. Bevor Aen auch nur reagieren konnte, hatte Caradan schon eine Münze in den Kessel geworfen. Doch leider fing damit das Unglück erst an. Die Münze war dem Kerl zu wenig, und das tat er auch laut und erbost kund. Caradan ließ sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen und während er seelenruhige Antworten gab, wurde der Junge, der sich inzwischen die Kapuze vom Kopf gezogen hatte, immer wütender und aufbrausender. Er mochte keine vierzehn sein, und Aen sah in ihm irgendwie sich selbst, als sie noch selbst ein Kind gewesen war und alles begierig über die Geschwister aufgesaugt und geglaubt hatte, was ihre Eltern und später die Priester ihr erzählt hatten. Wer nichts wusste, der musste glauben. Anklagend hob der Junge die Kupfermünze hoch. “Ihr seht aus aus wie welche, die das Zehnfache zahlen könnten.” Zwei weitere Jungen kamen durch diese hitzige Debatte angelaufen, die ähnliche Kittel trugen, und Aen rollte genervt mit den Augen. “Ich könnte das Hundertfache zahlen, ohne eine Stunde mehr oder weniger zu schlafen.”, grinste Caradan zurück, “Aber ich werde einen Scheiß tun, dir oder dem Tempel Geld in den Arsch zu blasen.” Aen lief es heißkalt den Rücken herunter. Wie dumm konnte man sein, in Arcanis öffentlich so zu reden, in der Nähe des Tempels? Sie erwartete schon, dass in den nächsten Augenblicken irgendwo ein Priester, oder gar die Stadtwache ums Eck kam und sie beide gleich mitnehmen, und als Glaubensverräter anzuklagen. Als die Kerle Caradan Blasphemie vorwarfen, hatte er nichts besseres zu tun, als über sein Dasein als Hurensohn zu lamentieren, was die Arcanierin nun schon allmählich fuchsteufelswild machte. Aber alles was sie tun konnte, war daneben zu stehen und ungläubig diesen Streit zu verfolgen. Dann wurde es der jungen Frau zu bunt. “Caradan…” sagte sie kurz und knapp, und ruckte den Kopf als Signal zu gehen. Und als sie sich umwandten, da knallte Der Junge Caradan den Kupferkessel auf sein freches Maul. Aen erschrak, aber nach der ersten Schrecksekunde musste sie grinsen. Man konnte nämlich nicht bestreiten, dass er das nicht verdient hatte. Er spuckte Blut und sah alles andere als begeistert aus. Und just in dem Moment, wo Aen ihn erneut zum gehen drängen wollte, da entblösste der dreiste Junge sein Gemächt vor ihr und machte obszöne Hüftbewegungen, Dankbarkeit fordernd. Aen runzelte die Stirn. Ihr wurde das langsam zu blöd. Aber was sollte man von einem halben Kind erwarten? Erheitert verzog sie schließlich ihre Miene in diesem Possenspiel und deutete mit dem Finger auf den kleinen Schwanz. “Damit könntest du nicht einmal eine Gossenkatze befriedigen” lachte sie hell auf. “Schämst du dich überhaupt nicht, auf so ein kleines Ding stolz zu sein?” Seine Kumpels begannen zu lachen, was den Jungen nur noch wütender machte. Er stieß einen unbändigen Schrei aus, und Aen wusste nicht, ob er sie sogleich auf sie stürzen würde, oder einfach nur zornig im Schnee herumspringen würde. Da sah sie in Caradans Ärmel eine Klinge schimmern. Sie ignorierte den Kerl und trat an ihren Gefährten heran und hielt ihm sanft am Arm fest, so wie er es am selben Tag bei ihr getan hatte, als sie das Feuerrohr gespannt hatte. “Caradan…” raunte sie und schüttelte langsam den Kopf. “Tu das nicht…” wisperte sie. “Es sind doch nur Kinder. Kinder wie ich eines war, als sie mich in den Tempel geschickt haben…” Sie blickte ihn bittend an. “Außerdem ist es den Ärger nicht wert…” Dann wandte sie sich um zu den Jungs, zog ihren Geldbeutel auf und holte eine glänzende Silbermünze hervor. “Um der Geschwister Willen, Friede! Es is bald Weihe-Nacht” rief sie. “Hier, wir geben das Hundertfache! Für Janus und Idalia. Für den Tempel. Damit er sich umso schöner und umso strahlender wieder erhebt, für das Volk von Arcanis!” Dann vollführte sie eine Segnungsgeste, die sie einst im Tempel gelernt hatte, und dann nickte sie zum Abschied. So schnell sie nur konnte, packte sie Caradan am Arm und zog ihn um fünf Häuserecken, ehe sie wieder das Wort erhob. “ Eine Kupfermünze…” schüttelte sie missbilligend den Kopf. “Wieso nicht gleich ein Jestu!? Es war unnötig und auf eine bestimmte Art und Weise auch gefährlich, diese Aschesänger zu provozieren. Auch wenns noch halbe Kinder sind. Caradan! Ich muss dir, als Arcanier, doch nicht in Erinnerung rufen, dass das hier nicht die Nordreiche sind, wo man sich über die Geschwister und Religion ungestraft lustig machen kann. Und du hast anscheinend vergessen, dass es in Lanyamere für mich nicht ganz ungefährlich ist. Was, wenn mich jemand kennt oder erkennt? Zwing mich nicht, durch weiteres solches Verhalten meine Pläne bezüglich Lanyamere über den Haufen zu werfen.” ließ sie eine Moralpredigt über ihn hernieder gehen. “Nun, seis drum. Bring uns zu ‘Remus, die Feder’.

Ihr Weg führte sie aus dem besseren Viertel, in das Westende von Lanyamere. Man konnte förmlich erkennen, wie zufrieden und heiter Caradan war, seit sie in Lanyamere waren, er blühte regelrecht auf. An jeder Ecke gab es etwas zu bestaunen oder zu entdecken, er machte mit Aen regelrechte Streifzüge durch die verwinkeltsten Gässchen, Straßen und Plätze, zeigte ihr diese und jene Attraktion, und hatte auch zu allem etwas zu berichten. Aen hatte den Verdacht, dass es einen weitaus kürzeren und direkten Weg zu Remus gegeben hätte, doch so waren sie mehrere Stunden unterwegs, bis sie schließlich in ein Viertel kamen, wo nicht alles typisch arcanisch streng und ordentlich war. Viele Bettler lungerten in Arkaden, Nischen, Hauseingängen, am Straßenrand oder auch mitten auf der Straße herum, streckten die Hände nach ihnen aus. Anfangs machten die beiden einen Bogen um die heruntergekommenen Arkadenbögen, doch irgendwann taten der Arcanierin die Bettler leid, die bei der elenden Kälte im Dreck und im Schnee krochen, also holte sie ihren Geldbeutel hervor und gab bereitwillig einer Mutter mit zwei kleinen Kindern einige Kupfermünzen. Als dies andere Bettler sahen, versuchten sie natürlich ebenfalls ihr Glück, und es fiel Aen schwer, der einen etwas zu geben und den anderen nicht. So wurden die Kupfermünzen in Aens Beutel immer weniger, doch es schien sich wie ein Lauffeuer auszubreiten, dass hier großzügig gegeben wurde, und als keine Kupfermünzen mehr da waren, aber noch genug Bettler, da griff die Arcanierin zu den Silbermünzen. Eine junge ausgemergelte Frau zog Aen gar am Rockzipfel, was Caradan eine unwirsche Miene bereitete, doch auch dieser steckte Aen eine Silbermünze zu. Kaum am Ende der Straße angekommen, war Aens Beutel leer, sodass sie nur mehr bedauernd den Kopf schütteln konnte. Schließlich nahm Caradan sie schweigend bei der Hand und zog sie in eine kleine, dunkle Seitengasse. “Was ist?” fragte Aen ihn, und er antwortete “Wir sind da.” Sie blickte sich um. Hier sollte der bekannteste Urkundenfälscher von Lanyamere wohnen? In dieser heruntergekommenen Gasse? Sie hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Aber dann folgte sie Caradan, der voran in die Gasse ging, immer tiefer hinein, und schließlich blieben sie an einem unscheinbaren Haus stehen. Er klopfte dreimal und geräuschvoll und nach einer Weile öffnete sich die Türe einen Spalt weit. “Ja bitte?” drang eine Stimme durch den Türspalt und Caradan räusperte sich “Wir brauchen Orangen.” “Orangen gibts keine mehr. Schon seit drei Jahren nicht…” “Zitronen?” “Zitronen gabs nie…” Die Tür war im Begriff, sich wieder zu schließen, als Caradan mit seiner Hand dagegen drückte und Einhalt gebot “Ach komm schon. Wir waren seit drei Jahren nicht mehr in Lanyamere. Du weisst genau, was wir wollen.” “Soso?” Aen warf Caradan einen fragenden Blick zu und dieser blickte sie hilflos und schulterzuckend an. Dann knüpfte er seinen Geldbeutel vom Gürtel, hielt ihn hoch und ließ ihn klingeln.” Nach einer kurzen Weile öffnete sich die Türe und man ließ sie hinein. “Korinthen wärs gewesen…” erwiderte ein jüngerer Mann mit blondem borstigen Haar, der sich an einem Ausschlag am Hals kratzte. ‘Remus die Feder’ hatte Aen sich irgendwie anders vorgestellt. Caradan warf die Hände in die Luft. “Also. Was braucht ihr?” begann der Mann und während Aen Caradan das Reden überließ, blickte sie sich um. Eine unscheinbare Hütte. Nicht wie die Hütte eines Schreibers. Oder eines Dokumentenfälschers. Nichts davon ließ auch nur irgendeinen Rückschluss darauf ziehen. Ein ganz normales Haus mit ganz normalen Hausrat. Ein wenig ärmlich und heruntergekommen. Aber wenn man Caradan glauben durfte, dann waren sie hier bei ‘Remus die Feder’. Aen wandte sich wieder zu den beiden Männern um. “Ich verstehe...” begann der Mann und kratzte sich erneut an seinem Ausschlag und Blut sickerte aus einem kleinen Kratzer hervor. “Nun dann…” begann er, trat mit einem Fuß einen Bodenteppich beiseite, der ein wenig abseits im Hauptraum war, und eine Bodentüre offenbarte sich. In das nachgedunkelte Holz war ein Eisenring eingelassen, und zu diesem bückte er sich und zog die Türe quietschend auf. Schwacher Kerzenschein drang hervor und eine schiefe kleine Steintreppe offenbarte sich. Der Kerl nickte, und bedeutete ihnen, voranzugehen. Aen folgte Caradan zögernd und langsam traten sie Stufe für Stufe in das Kellergewölbe.

Nun sah es aus wie in einer Schreibstube. Einige Regale mit dicken alten Wälzern, Stöße von Pergamenten, Tintenfässern, Gläsern die mit Schreibfedern vollgestopft waren, heilloser Durcheinander das trotzdem eine gewisse Ordnung nicht entbehrte. An einem Schreibpult, an dem zahlreiche Bienenwachskerzen sauber und wohlriechend brannten, saß ein Mann mit langem, grauen Haar das zu einem ordentlichen Zopf zusammengebunden war, der nicht einmal für einen kurzen Moment aufsah, sondern eifrig an einem Pergament kritzelte. “Meister, Kundschaft” erwiderte der junge Mann knapp. Der Alte kritzelte weiter, dann legte er den Federkiel beiseite und blickte auf. Er unterzog die beiden einer eingehenden Musterung durch dunkle, wache und äußert klugen Augen unter buschigen weiß grau melierten Brauen, dann räusperte er sich und unterhob sich. Viel Größe gewann er nicht, als er aufgestanden war. Sein Antlitz war von tiefen Falten durchzogen und langsam trat er an die beiden heran. “Was benötigt ihr?” sprach er mit rauher, dunkler Stimme. “Wir benötigen eine Abstammungsurkunde. Nichts Großartiges.” “Und wofür braucht ihr die?” hakte er nach, wobei er ‘wofür’ besonders betonte. “Wir wollen uns ein Haus kaufen” erklärte nun Aen. “Dafür brauchen wir eine Abstammungsurkunde.” “Und wo sind Eure hinverschwunden?” Aen wiegte den Kopf. “Nun… was mich betrifft, so ist sie wohl bei einem Feuer vernichtet worden. Zusammen mit meinen Eltern und dem ganzen Hausrat. Und meine wahre Herkunft wäre nichts, was ich heutzutage noch in meiner Abstammungsurkunde lesen wollen würde. Falls ihr versteht…” gab Aen wahrheitsgemäß zu. Der Alte kicherte. “Nun ja… eigentlich geht es mich ja auch nichts an. Abstammungsurkunden sind keine große Angelegenheit, das ist wahr. Aber billig ist es nicht. Meine Fähigkeiten kosten. Dafür garantiere ich Euch eine Hieb- und Stichfeste Urkunde. Nicht einmal die Geschwister selbst würden an der Echtheit zweifeln.” “Und was bedeutet, ‘Nicht billig’?” erkundigte sich Caradan mit gerunzelter Stirn. “Zwei Coryn. Pro Urkunde, versteht sich.” Aen blieb die Luft weg, als sie die Augen aufriss. “Zwei Coryn? Bei den Geschwistern, das ist…” Ihr fiel kein passender Vergleich ein, was es war. Es war kein Wucher, es war keine Beutelschneiderei, es war… nicht in Worte zu fassen. “Vier Coryn für zwei Pergamente…” flüsterte Aen. “Wir benötigen aber auch noch einen Ehevertrag…” erklärte sie Remus. “Macht auch zwei Coryn. Pro Vertrag. Wie ihr vielleicht wisst, oder eben auch nicht wisst, da ihr augenscheinlich nicht verheiratet seid… Mann und Frau bekommen je eine Urkunde ausgehändigt.” “Aber… aber… Wenn wir schon vier Urkunden in Auftrag geben, dann muss man doch etwas am Preis machen können… Acht Coryn… Davon kann ich mir zwei gute Pferde kaufen. Oder genug Vieh für einen Bauernhof!” stotterte Aen. Der Alte lächelte wissend. “Dann tut das. Vielleicht wäre das Geld darin besser investiert?” Aen runzelte die Augenbrauen. “Die Geschwister wissen, ich eigne mich nicht zur Bäuerin. Vielleicht er…” deutete sie mit dem Daumen seitlich zu Caradan. “Aber ich nicht… Acht Coryn! Das ist vermutlich der halbe Preis eines Hauses, oder zumindest eine Jahresmiete! Wenn nicht sogar für zwei Jahre!” Remus presste die Lippen aufeinander und zuckte die Schultern. “Das ist mein Preis. Habt ihr das Geld nicht, oder seid ihr nicht bereit, ihn zu bezahlen, dann muss ich euch bedauerlicherweise wieder fortschicken. An Aufträgen mangelt es mir nicht…” “Nein! Wir brauchen diese Abstammungsurkunden! Ohne die kein Haus. Aber bei dem Preis können wir uns nachher auch kein Haus mehr leisten, nicht mal zur Miete…” “Nun, ihr könntet Euch die Hälfte, und somit eine Jahresmiete sparen.” Aen sah ihn hoffnungsvoll an, als sei er ein guter Mensch der sich zwei jungen Menschen erbarmte. “Ja?” “Ihr könntet richtig heiraten. Eine Heirat beim Stadtpriester kostet meines Wissens nach lediglich die Pergamente, die Tinte und das Siegel, das es erfordert. Eine Silbermünze wohl...” Aen blickte ihn ungläubig an. “Ich soll heiraten? Um Geld zu sparen? Wo sind wir denn bitte?” Außerdem, ohne Abstammungsurkunde geht auch das sowieso nicht…” murrte sie, was Remus ein fuchsiges Lächeln auf sein faltiges Gesicht zauberte. Das Schlimmste war, Remus war ein durchwegs sympathischer Mensch. Kein ausgekochtes Schlitzohr auf den ersten Blick, eher wie ein Großvater. Man konnte ihm kaum böse sein! “Ein Teufelskreis, nicht wahr?” wandelte sich sein fuchsiges Lächeln zu einem beinahe verständnisvollen. “Ihr zwei seid mir ja durchaus sympathisch. Aber bedauerlicherweise verschwendet ihr gerade meine Zeit. Überlegt es Euch, und kommt dann gegebenenfalls wieder. Elram?” Er nickte ihnen zu, dann wandte er sich ab und schlurfte wieder zu seinem Schreibpult zurück, als der junge Mann wieder neben ihnen stand. “Ich begleite Euch hinauf.” erwiderte er. Enttäuscht trat Aen langsam Stufe für Stufe hinauf, bis sie sich schließlich wieder auf der Hauptstraße fanden. “Ich brauch jetzt erstmal etwas Starkes zu trinken…” murmelte Aen und wandte sich zur nächstgelegenen Schenke um.

Gedankenverloren drehte sie ihren Becher Stachelbier in den Händen und beobachtete den Dampf der daraus aufstieg. Ihr Gesicht war mürrisch, ihr hübscher Mund, der sonst immer zu einem Lächeln verzogen, oder offen zum Schwatzen war, ein dünner Strich. Sie hatte nicht einmal Lust auf eine Pfeife, weder mit Starrkraut, noch ohne. Schweigend saßen sie da, während jeder seinen Gedanken nachhing. Die Arcanierin hob den Becher an ihren dünnen Strich und schlürfte einen Schluck der heißen Flüssigkeit. Das Stachelbier war heiß, würzig, malzig und süßlich. Zu einer anderen Zeit und einem anderen Ort hätte sie sich daran erfreuen können, aber nicht hier und jetzt. Die Laune war ihr gründlich verdorben. Sie war einfach nicht bereit, ein solches Vermögen für vier blöde Pergamente auszugeben. Unerheblich, ob es ihr Geld war, oder Caradans. Außerdem hatte Remus da einen empfindlichen Nerv getroffen, als er vorschlug, doch einfach zu heiraten. Ob sie wollte, oder nicht, sie konnte nicht anders, als darüber nachzudenken. Und das ärgerte sie maßlos. Seit dem Schwur “Keine Kinder, keine Ehe” war viel Zeit vergangen. Kinder kamen ohnehin nicht, keine gewollten, und auch keine ungewollten. Und seit Caradan so etwas von Liebe genuschelt hatte, konnte Aen auch nichts anderes, als darüber nachzudenken, wie er das gemeint hatte. Den ganzen verdammten Tag dachte sie schon darüber nach! Natürlich könnte sie ihn einfach fragen. Aber das wollte sie nicht. Weil sie sich vor der Antwort fürchtete. Wie auch immer sie ausfallen würde, sie würde sich in jedem Fall davor fürchten. Natürlich könnte sie ihm vorschlagen, einfach zum Stadtpriester zu gehen um sich vier Coryn zu ersparen. Aber wollte sie das? Nein. Nicht so. Da war sie wohl zu altmodisch. Man sollte den Bund eingehen aus Liebe. Nicht des Geldes wegen oder der Macht wegen, um seinen Besitz zu vergrößern oder seinen Einfluss auszuweiten, so wie dies der Adel tat. Sie blickte kurz von ihrem Stachelbier hoch zu ihrem Gegenüber. Liebte sie Caradan? Sie wusste es nicht so ganz. Aber sollte man so etwas nicht wissen? Sie war sich in diesem Augenblick nicht einmal sicher, ob sie Thero wirklich geliebt hatte.Oh, es war so furchtbar anstrengend, immer den Kopf voll Gedanken zu haben, und immer nachdenken zu müssen. Thero und sie, das war reichlich kompliziert gewesen. Es war wohl eine Mischung aus vielen verschiedenen Aspekten gewesen. Er war ihr erster Mann gewesen. Sie war noch recht jung gewesen. Jung, unerfahren, naiv. Er war nicht mehr ganz so jung gewesen, erfahren und nicht ganz so naiv. Er war auch recht bestimmend gewesen. Um nicht zu sagen, dominant. Sie war in diese Beziehung und letztendlich in diese ‘Ehe’ geschlittert, ohne eine wirkliche Wahl gehabt zu haben. Hätte er ihr eine Wahl gelassen, und sie hätte ihre Entscheidung getroffen, die vielleicht nicht so ausgefallen wäre wie er sich das erhofft hatte, dann hätte er sie das spüren lassen. Oder sie verlassen, weil er ein Schwarz oder Weiß Denker war. Aen tat einen ordentlichen Schluck aus dem Becher, um Thero wegzuspülen, und auch gleich Silvar, bevor sie auch nur an ihn denken konnte. Das war die Vergangenheit. Seltsamerweise dachte sie immer seltener an die Vergangenheit mit Thero, und wenn sie es doch tat, dann tat es nicht mehr weh. Was war nur geschehen, in der kurzen Zeit, seit sie in Lanyamere waren? Sie wusste es nicht, aber es war heilsam gewesen. So, wie auch Caradan auf eine seltsame Art und Weise heilsam für sie war. Natürlich war sie Aen. Sie würde immer anders sein als die meisten anderen Frauen. Sie würde immer Blödsinn machen und Dinge, über die sie besser vorher als nachher nachgedacht hatte. Aber lag es einfach daran, dass sie älter wurde, oder lag es an Caradan? Was sie wusste war, sie empfand viel für ihn. Sie begann, Rücksicht auf ihn zu nehmen. Es war ihr nicht egal, was er über sie dachte. Und sie  wollte ihn auch nicht verletzen. Sie war gerne mit ihm zusammen und das am liebsten den ganzen Tag. Und die ganze Nacht. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe. Er war stets so besonnen und ruhig. Er erdete sie. Wenn man von der dämlichen Blondine absah, war er vermutlich auch treu. Aber das konnte man nicht wissen. Noch heute versetzte es ihr einen rasenden Stich, wenn sie an das Miststück dachte. Erneut hob sie den Blick vom Becher zu ihm, und ein Lächeln entglitt ihr, und ihr Herzschlag erhöhte sich. Und da wusste sie es. Ja, sie liebte ihn. Wie konnte sie auch anders, nach allem, was sie miteinander erlebt und durchgemacht hatten? Und weil ihr nichts egal war, was ihn betraf, erhob sie das Wort. “Caradan? Vielleicht sollten wir uns das Ganze noch einmal überlegen. Ich meine, ein Haus. Sind das wirklich wir? Wollen wir das? So ein Haus bedeutet auch sicherlich einiges an Verantwortung. Wir müssen das beide wollen, wir müssen beide sicher sein. Was, wenn wir uns so ein Haus nehmen, und dann feststellen, das ist nichts für uns? Was machen wir denn so den ganzen Tag an einem festen Ort? Ich war in den letzten zwei Jahren nicht mehr an einem festen Ort. Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann. Ich wollte immer ein eigenes Haus haben, und Herrin meiner selbst sein. Und jetzt, wo ich es sein könnte, da bin ich mir nicht mehr sicher. Weil ich dich habe. Ich möchte dich nicht in etwas hineinziehen, was ich dann vielleicht doch nicht wollte. Und ich möchte nicht Unsummen für eine Abstammungsurkunde und einen Ehevertrag ausgeben. Zumal Remus ja eigentlich Recht hat. Für etwas am Papier brauchts keinen gefälschten Ehevertrag. Da könnte man ja gleich direkt zum Priester laufen und… dann stehts ebenso am Papier. Vielleicht sollten wir uns einfach einmal klar darüber werden, was wir wollen. Was wir wirklich wollen. Du, ich, gemeinsam. Und dann handeln. Du zum Beispiel, was willst du denn eigentlich?”
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

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Inventar: Kleines Messer, Dietriche, fremdes Geld

Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » So, 23. Dez 2018 0:25

“Zwing mich nicht, durch weiteres solches Verhalten meine Pläne bezüglich Lanyamere über den Haufen zu werfen.”, predigte Aen und Caradan verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. “Du wolltest zum Tempel.”, murrte er. “Nicht ich. Aber mal ehrlich Aen. Diese Halsabschneider verdienen nicht mehr.” Er wollte noch mehr böse Dinge sagen, schwieg aber stattdessen und hob nur beschwichtigend die Hände. “Wenn die Priesterin mich rügt, werde ich gehorchen.” Er zwinkerte ihr zu und bot ihr seinen Arm an.
Sie wanderten ein paar Stunden durch die Straßen und Gassen der Stadt, was genau genommen zwei Gründe hatte. Zum einen wollte Caradan einfach die Stadt sehen genießen, wollte Aen seine Heimatstadt bis ins kleinste Rattenloch zeigen und zum anderen wollte er sicher gehen, dass sich niemand an ihre Fersen heftete. Denn kurz nachdem sie die Grenze zum Westende überschritten hatten, waren ihm ein paar Schatten aufgefallen, die hier und da kurz auftauchten nur um sogleich wieder zu verschwinden, wenn er versuchte etwas mehr zu erkennen. Schließlich klopften sie an jenes unscheinbare Haus, in dem Caradans Wissen nach die Feder hausen sollte. Sie waren um eine ganze Menge Münzen leichter, weil Aen den Fehler gemacht hatte einer dieser bettelnden Gossenratten eine milde Gabe zuteil werden zu lassen. Darüber konnte der Dieb nur mit dem Kopf schütteln. Die wenigsten Krüppel die hier herum lungerten waren wahre Krüppel. Manche taten bloß so um das Mitleid der Bürger zu erregen. Die Bandenführer in dieser Gegend müsste alles Wundertäter und Heilige sein, denn so vielen Blinden gaben sie das Augenlicht wieder und so viele konnten wieder gehen, wenn sie die Pforte einer Tür überschritten. Caradan verstand Aen nicht. Wie konnte sie so naiv und weichherzig sein, wenn sie ohne zu zögern eine Frau in seinem Bett erschoss, wenn sie ein junges Mädchen, das gerade ihren Vater durch Caradans Hand verloren hatte, kaltblütig nieder machte. Wie konnten zwei so unterschiedliche Herzen in ein und derselben Brust schlagen. Caradan verstand es nicht, widmete seine Aufmerksamkeit aber lieber dem kommenden Besuch.
“Also was braucht ihr?”, fragte der blonde Mann, nachdem er sie trotz anfänglicher Missverständnisse ins Haus gelassen hat. Korinthen… Caradan wusste nicht einmal was Korinthen waren. Das Wort kannte er und die Frucht mit Sicherheit auch, aber aus dem Stehgreif konnte er damit nichts anfangen. Nie im Leben wäre er auf diese Losung gekommen. “Wir brauchen die Dienste deines Herren.”, meinte Caradan während er sich umsah. “Meines Herren?”, fragte der Mann scheinheilig und der Dieb verdrehte die Augen. “Ach komm. Ich weiß du bist nicht Remus. Und ich weiß das du ganz genau weißt, dass ich es weiß. Ich wäre dir also sehr verbunden, wenn du aufhören würdest, unsere Zeit zu vergeuden.” Der Mann zuckte mit den Schultern. “Ich weiß nicht wie ich dir helfen könnte.” Der Dieb rieb sich die Schläfen. “Hör mal. Wir brauchen ein paar Urkunden und sind bereit dafür zu zahlen. Geld spielt keine Rolle.” Der Mann kratzte sich an seinem Ausschlag bis es blutete. “Ich verstehe. Nun dann…” Somit gab er eine Treppe ins Kellergewölbe preis in dem sie den wirklichen Herren des Hauses trafen.
Remus sah genauso aus, wie Caradan ihn in Erinnerung hatte. Er hatte den Schreiber nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen und das auch nur sehr kurz und aus einiger Entfernung, aber Gestalt und Silhouette passte. Aen riss das Gespräch an sich, da war Caradan auch gar nicht böse drum, denn so konnte er sich ein wenig umschauen. Aen wusste ziemlich genau was sie wollte und erst als es ums Geld ging, mischte sich Caradan wieder ein. Der verlangte Preis war stattlich und weitaus höher als Caradan erwartet hätte. Das es nicht billig werden würde, war ihm von vorneherein klar gewesen. Remus war eine Koryphäe auf seinem Gebiet und dementsprechend kostenaufwendig musste es sein, aber dass er unwissentlich einen großen Teil ihres gesamten Vermögens verlangte, dass traf den Dieb hart. “Und ich dachte, wir sind Verbrecher…”, murmelte er leise vor sich hin und folgte Elram, dem blonden Burschen ebenso resigniert wie Aen.

“Vielleicht sollten wir uns einfach einmal klar darüber werden, was wir wollen. Was wir wirklich wollen. Du, ich, gemeinsam. Und dann handeln. Du zum Beispiel, was willst du denn eigentlich?” Caradan hob den Arm und winkte den Wirt heran. Für solche wichtigen Fragen, für solche philosophischen Fragen war nicht annähernd benebelt genug. Weinbrand musste her, der machte munter und brachte hervorragende Ideen mit sich. Wenig später standen eine Tonflasche und zwei Fingerhut hohe Becher auf dem Tisch. Noch rührte der Dieb die Flasche nicht an, es war bloß eine Art Rückversicherung, falls das Gespräch ungeahnte Wendungen nahm, was bei Aen, so wussten die Geschwister, nicht so unwahrscheinlich war, wie es Caradan lieb wäre. “Nun.”, hob er gedehnt an um noch mehr Zeit zu schinden. “Früher hätte ich gesagt überleben.” Das stimmte. Vor zwei Jahren noch war das Überleben in dieser Stadt das Einzige was ihn wirklich scherte und das war gar nicht so einfach wie sich vielleicht anhörte. Die Gefahr im Winter zu erfrieren, in einen Konflikt zwischen zwei Banden zu geraten oder gar von der Stadtwache gestellt und gehängt zu werden, diese Gefahren waren sein ständiger Begleiter gewesen und hatten ihm den Blick für die wirklich großen Dinge getrübt. Er war sich fast sicher, das Aen mit den Augen rollen würde, sie die einen Winter in den Wilden Landen verbracht hatte und ach so viel mehr durchgemacht und erlebt hatte als er und ihm das nur allzu gern auf die Nase band. Aber auch er hatte seine Schwierigkeiten gehabt, die gemessen an seinem Horizont nicht minder bedeutungsschwer waren, als ihre. Doch da biss er bei Aen auf Granit und das wusste er auch. “Aber darüber bin ich hinaus.”, fuhr er fort und legte seinen Kopf nachdenklich auf seine gefalteten Hände. “Ich… ich will nicht bloß überleben, ich will leben. Weißt du was ich meine?” Jetzt langte er doch nach der Flasche und befeuchtete seinen Rachen mit dem flüssigen Feuer. “Ich will nicht in Saus und Braus leben, aber auch nicht am Hungertuch nagen. Ich will keinen geregelten Tagesablauf, aber ein wenig Berechenbarkeit und Sicherheit. Ich will kein Haus, aber ewig durchs Land ziehen auch nicht. Ich bin ein Taschendieb, Aen, kein Räuber. Mein Kopf ist meine Waffe und die kann auch gefährlich sein. Ich will mich beweisen, weißt du? Vor wem auch immer…” Caradan seufzte schwer, rieb sich zuerst den Nasenrücken und legte seine Hand dann auf Aens. “Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn du dabei wärst.”, zwinkerte er ihr zu und grinste breit.
“Aber es ist egal was ich will.”, meinte er mit einem milden Lächeln. Es war keineswegs als Vorwurf gemeint, aber er wusste genau, dass es früher oder später nach ihrem Kopf gehen würde, spätestens dann, wenn sie keine Lust mehr auf das Leben einer einfachen Frau hatte. “Wenn du ein Haus willst, kaufen wir eines. Oder ergaunern uns eines. Verdammt nochmal, wir könnten eine kleine Burg klauen, wenn wir wollen. Du setzt dir was in den Kopf und ich, ganz der folgsame Narr der ich bin, ich folgte dir und versuch dich am Leben zu halten. Und wenn das bedeutet alles aufzugeben, was ich kenne…” Er zuckte mit den Schultern. “Ich bin nicht sentimental.” In diesem Moment sprang eine Katze aus dem Nichts auf den Tisch und rieb sich schnurrend an der Weinbrandflasche. Es war eine gänzlich schwarze Katze, die hier und da silbergräuliche Schattierungen, in Form von gerippten Streifen, zeigte. Die Augen waren von einem charaktervollen Grün, die intelligent zu ihm herüber schauten. Der Blick des Tieres fixierte ihn, musterte ihn von Kopf bis Fuß und schien beinahe herablassend auf ihn hernieder zu blicken. Caradan fand die Katze auf Anhieb unsympathisch. Wenn ein Tier klüger auszusehen vermochte als er selbst, machte ihn das misstrauisch, um nicht zu sagen paranoid. Immerhin war er der Mensch, fähig zu Wort, Satz und Gedanke. Und als spüre das Tier seine wachsende Abneigung, kam es wie an der Schnur gezogen auf ihn zu, presste sich an seine aufgestellten Arme und kitzelte ihn mit der Schwanzspitze unter der Nase. Der Dieb ließ es mit regloser Anspannung über sich ergehen, bis das Tier einlenkte und sich anschickte, sich bei Aen den Rest an Schmuserei zu holen. Die blöde Katze hatte Caradan völlig aus dem Konzept gebracht. Er hatte vollends den Faden verloren und wusste nicht mehr wo er war, geschweige denn wo er mit seinen Worten hin wollte. Missbilligend schnalzte er mit der Zunge. Seis drum…

Gegen Abend hockten die beiden Arcanier im Schankraum an einem heimeligen Feuer und wärmten sich ordentlich auf. Einen Spaziergang durch die Straßen, um Lanyamere bei Nacht zu erleben, kam aus zwei Gründen nicht infrage. Erstens war die Gegend in der sie sich befanden nicht gerade ein Ort, an dem man sich gerne aufhielt, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war. Und Zweitens wäre nur ein absoluter und unglaublich dämlicher Idiot bei solch einem Schneetreiben und solch einer Eiseskälte freiwillig vor die Tür gegangen. So ließ es sich, die Füße zum Feuer gestreckt und ein dampfenden Gewürzwein in der Hand, Leben. Die Stadt versank in einer Art feierlichen Lethargie. Bald würde die Weihe-Nacht stattfinden. Die Bürger der Stadt würden zum Tempel pilgern, sich segnen lassen und wieder nach Hause gehen ehe sie auf offener Straße erfroren. Am nächsten Tag allerdings, wäre kein Durchkommen mehr in den Straßen des Tempelbezirks. Die Entzündung des Janusfeuers, ein wahrlich gigantischer Scheiterhaufen auf dem symbolisch spitzohrige Vogelscheuchen verbrannt wurden, würde ein Dutzend Nächte durchbrennen, um den Gläubigen ein stetes Licht in den dunkelsten Nächten des Jahres zu sein. Oder so in der Art… der Dieb war stets zu beschäftigt damit gewesen, in Taschen zu greifen und Beutel auf zu schneiden, anstatt der Messe Aufmerksamkeit zu schenken und den Worten des Priesters zu lauschen. Wenn er ehrlich war, hatte er nie so ganz verstanden, wie man so viel teures Holz einfach so verschwenden konnte, gerade in den kalten und stürmischen Nächten hier am Meer. Die Priester oder vielmehr die Stadtherren mussten sogar Wachen beschäftigen, damit sich die Armen nicht in todesverachtender Manier Holz vom brennenden Haufen stahlen.
Hinter ihnen spielte ein Sänger, ein junger Bursche mit dicken Wurstfingern, auf seiner Fiedel ein paar melancholische Lieder, während er hin und wieder ein paar Verse dazu sang. Eines deprimierender als das andere. Es passte zum Wetter, passte zur nachdenklichen Stimmung tief in Caradans Schädel, aber es passte einfach nicht hierher. Doch niemand schien erpicht darauf es dem Jungen zu sagen, alle waren eingelullt und wie in Trance, kippten stumm Bier und Wein in sich hinein, aßen ihr Brot, ihren Käse und Eintopf schweigend und unterdrückten sogar weitestgehend Rülpsen und Furzen. Und wenn einer der Anwesenden mal einen knatternden Wind fahren ließ, auf die Fliegen im Sommer tot von der Decke gefallen wären, brandete kein Gelächter und Gejohle auf, sondern es wurde totgeschwiegen und der übelriechende Übeltäter versteckte sein Antlitz in seiner Suppenschüssel. Gerade hob der Bursche zu einem neuen Vers an, da schleuderte Caradan unvermittelt seinen beinahe leeren Weinbecher nach ihm. Er verfehlte knapp den Kopf des Jungen und der Tonbecher wurde von einem äußerst geschickten Wirt aus der Luft gefischt, der den Dieb sogleich mit vernichtendem Blick anstarrte. “Hör auf mit dem Gejaule!”, flehte Caradan. “Du klingst als würdest du jeden Moment anfangen in Tränen zu zerfließen.” Überraschung, Scham und ja, doch auch ein wenig Empörung spiegelten sich auf dem rotwangigen Gesicht des Sängers. “Das… das sind die Klagelieder unserer Herrin Idalia…”, rechtfertigte er sich. Dabei klammerte er sich an seine Fiedel, wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz. “Und wenn wir in einem Tempel wären”, erklärte Caradan ruhig, aber betont, “dann würde ich auch demütig mein Haupt senken.” Er demonstrierte es und warf Aen einen kurzen Blick zu. Wollte sie dass er sich so benahm im Angesicht des Göttlichen? “Aber hier sind wir in einer Schenke.”, fuhr Caradan fort und wandte sich an alle Gäste, die dem Gespräch träge folgten. “Hier wird gezecht und gesungen. Getanzt und gelacht. Also bitte, spiel etwas fröhliches.” Der Dieb warf ihm zwei Kupfermünzen zu, als Bezahlung für seine wohl zu ausgefallenen Wünsche. “Aber…”, hob der Bursche an, “was denn?” Caradan warf hilflos die Hände in die Luft, aber da nahte Rettung. Ein drahtiger Kerl, mit einem graubraunen Spitzbart und Glatze trat vor. Der Mann war in eine grobe braune Tunika gekleidet, die Ärmel hatte er nach oben geschoben und entblößte kräftige Unterarme. Er trug drei schwere Ringe im rechten Ohr und mit dem wettergegerbten Gesicht, sah ganz aus wie Seemann auszusehen hatte. “Setz dich Jung.”, lachte er mit tiefer Stimme und legte dem Burschen eine schwielige Hand auf die Schulter, während er ihm mit der anderen Fiedel und Bogen abnahm. “Trink was, dann kommen die Lieder ganz von allein.” Dann fing er an eine Melodie zu spielen und stimmte kurz darauf ein anständiges, beinahe züchtiges Lied über Wein und Weib an, das an manchen Stellen jedoch von der arcanischen Frömmigkeit abließ. Er sang eine Strophe, dann spielte er während ein paar aus ihrer Lethargie erwachte Kerle mit der nächsten Antworteten und so erwachte nach und nach die Schenke zum Leben. Der geworfene Becher war bald vergessen, denn nun hatte der Wirt alle Hände voll mit dem Ausschenken zu tun, sodass unaufgefordert den beiden Arcaniern am Feuerschein zwei volle Becher zukommen ließ. Die Lieder wurde mit der Zeit lustiger und immer weniger züchtig. Es wurde zum Saufen, Streiten und anderen Dingen motiviert und schon bald waren die trüben Töne des jungen Burschen vergessen.

Wenig später zog Caradan Aen zu sich und gab ihr einen Kuss, legte ihr den Arm um die Hüfte und strich ihr über die Schenkel. Er sagte nichts, signalisierte ihr aber mit eindeutigen Blicken und einem recht eindeutigen Lächeln, dass er nichts dagegen hätte für ein oder zwei Stunden zu verschwinden. Gerade wollte er sich mit etwas Nachdruck erheben, denn er wollte sie, da rückte jemand geräuschvoll einen Stuhl zu ihnen und ließ sich ächzend darauf nieder. Der Kerl war stämmig, das kurze blonde Haar wurde an der linken Schläfe durch eine übel aussehende Narbe zerteilt, der trug Kleider, die nicht so abgewetzt waren, wie man vermuten konnte und in seinem Blick lag nicht die Art dummheit und stumpfsinn, die man bei solch grobschlächtigen Männern seines Schlages erwartete. Caradan schätzte den Mann auf mitte dreißig, vielleicht älter und blickte ihn stumm fragend an. Der Mann grinste und entblößte zwei Zahnlücken. “Man hört ihr wart bei Remus. Schau nicht so, wenn jemand die Losung nicht kennt, kommt die Feder zu uns.” Caradan hob interessiert die Braue und blickte sich um. Er sah niemanden der sie beobachtete, niemanden der so tat als ob er es nicht tun würde oder sonst irgendwelche Anzeichen auf ungebetenen Besuch. “Bemüh dich nicht.”, winkte der Mann ab. “Von uns bin nur ich hier. Ist eine Redewendung. Darf man fragen, was ihr von ihm wolltet?” “Nein.”, gab Caradan entschieden zurück, aber ihn überkam ein ungutes Gefühl. “Dann lass mich anders anfangen.”, meinte der Mann freundlich. “Ihr seid offensichtlich von hier und kennt die richtigen Leute. Oder kanntet. Es gibt Regeln hier in dieser Stadt und an die müssen sich Neuankömmlinge nunmal halten. Mit anderen Worten, wenn ihr zuerst Streit im Tempelbezirk anfangt und dann eine Abstammungsurkunde wollt… das wirft Fragen auf.” Caradan verzog das Gesicht. “Wir haben den Streit nicht angefangen… Moment. Woher weißt du davon.” Der Mann lachte rau auf. “Die Aschesänger sind ein Segen. Unser Nachwuchs kann sich austoben unter dem Deckmantel des religiösen Eifers und die Stadtwachen drücken ganz ohne Bestechung ein Auge zu.” Der Dieb hob die Hand. “Das soll heißen, die drei Knaben waren…” “Halsabschneider.”, vollendete der Mann den Satz. Caradan hieb sich auf den Oberschenkel und wies mit der Hand auf Aen. Sein Blick sprach die magischen drei Worte: Sag ich doch! “Zurück zu meiner Frage.”, hob der Mann Ernst an. “Was wollt ihr beiden mit Abstammungsurkunden.” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Ein Haus kaufen.”, antwortete er ehrlich. “Und unserer familiären Situation ist es zu verdanken, dass wir unsere familiäre Situation nicht offen und ehrlich darlegen können.” Der Mann nickte verstehend. “Könnt ihr auch das leisten?” Der Dieb nickte. “Könnten.” Es kam keine Antwort. Der Mann nickte nur wieder nachdenklich und schwieg einen Moment. “Nun… Was würdet ihr sagen, wenn ich euch jedes Dokument von Remus beschaffen könnte. Ohne Kosten.” Caradan grinste. “Ich würde sagen: Wo ist der Haken?” Der Mann lächelte entschuldigend. “Ihr müsstet mir natürlich einen Gefallen tun.” Dieses Mal nickte Caradan langsam und gebot dem Mann mit einer Handbewegung fortzufahren. “Ihr müsstet jemanden zu mir bringen. Lebend.” “Hast du dafür keine Leute?”, fragte Caradan grinsend. Der Mann kratzte sich am unrasierten Kinn. “Wenn es so einfach wäre, wäre ich wohl nicht hier. Wie bereits erwähnt, gibt es Regeln in dieser Stadt, an die auch ich mich zu halten habe und wenn einer meiner Männer dort auftauchen würde, gäbe es Konsequenzen die ich nicht bereit wäre zu tragen. Jedenfalls nicht wenn es noch eine andere Möglichkeit gibt.” Caradan runzelte die Stirn. “Wo auftauchen?” “Nun…”, lächelte der Mann entschuldigend. “Das wäre der Haken an der Sache. Die Person ist in der Gewalt der Inquisition, hier in Lanyamere. Aber bevor ich euch mehr erzähle, will ich erst eure Zusage. Trefft mich morgen zur Mittagszeit an den Stufen des Tempels. Wenn ihr nicht kommt, vergessen wir dieses Gespräch wieder.” Mit diesen Worten erhob er sich, ließ eine Goldmünze auf dem Tisch zurück und verschwand hinaus in den Schnee.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » So, 23. Dez 2018 0:28

Aens Augen folgten Caradans Arm, den er hob. Der Wirt verstand die Geste sofort. Und Caradan bestellte gleich eine Flasche Weinbrand, was Aen mit hochgezogener Augenbraue quittierte. Erst, als die Flasche nebst zwei kleinen Bechern am Tisch stand, begann er weiterzusprechen. “Nun…” hob er an und Aen blickte ihn abwartend, während sie die Flasche Weinbrand mit beinahe vernichtenden Blicken maß. Sie hatte jetzt überhaupt keine Lust auf Weinbrand. die letzte Ausuferung, die Übelkeit und die mit Kopfschmerzen begleitete Ernüchterung steckten noch zu gut in ihrer Erinnerung, als dass sie auch nur daran denken mochte, einer eventuellen Versuchung zu widerstehen. So umklammerte sie ihren Becher, lässig in die Stuhllehne gelehnt, die Beine auf dem leeren Stuhl neben sich, und wartete, was er nun sagen würde. “Früher hätte ich gesagt überleben. Aber darüber bin ich hinaus.Ich… ich will nicht bloß überleben, ich will leben. Weißt du was ich meine?” Aen nickte gedankenverloren. “Ich will nicht in Saus und Braus leben, aber auch nicht am Hungertuch nagen. Ich will keinen geregelten Tagesablauf, aber ein wenig Berechenbarkeit und Sicherheit. Ich will kein Haus, aber ewig durchs Land ziehen auch nicht.” Erneut nickte sie zur Bekräftigung seiner Worte. Sie wusste genau, was er meinte. Sie war ähnlich kompliziert, was das betraf. Sie wollte alles, aber wenn sie es hatte, wollte sie es meist nicht mehr. Und das war verdammt anstrengend. Unter diesen Umständen zog Aen Erwägung, einen kleinen Becher mit dem Weinbrand zu füllen, aber sie zog die Hand schließlich wieder zurück, bevor sie nach der Flasche langen konnte. “Ich bin ein Taschendieb, Aen, kein Räuber. Mein Kopf ist meine Waffe und die kann auch gefährlich sein. Ich will mich beweisen, weißt du? Vor wem auch immer…” Vor sich selbst vermutlich. Caradan seufzte, rieb sich zuerst den Nasenrücken und legte seine Hand dann auf Aens. “Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn du dabei wärst.” Diese Worte erzielten bei der Arcanierin nicht die vermutlich gewünschte Wirkung. Sie zog ihre Hand unter der seinen zurück, und während sich ihre Stirn runzelte, lehnte sie sich wieder zurück und verschränkte die Arme. “Oh, wie nett von dir, nichts dagegen zu haben. Weisst du, ich will ja nicht ständig davon anfangen, aber Thero sah das ganz anders. Er war verrückt nach mir. Für ihn war es keine Frage der Duldung. Und genau so klingt es. Du hast ‘nichts dagegen’... Vermutlich hast du auch nichts dagegen, wenn zwei Straßenköter sich um den letzten kahlen Knochen balgen.” Nun war es Caradan, der sich ein Stück weit vorlehnte. “Machst du das mit Absicht? Verstehst du mich absichtlich falsch, um mir eine reinzuwürgen?” Sie hatte viel erwartet. Dass er wieder aufstand und die Schenke verließ. Dass er wütend wurde. Schweigsam. Aber nicht, dass er die offenkundige Wahrheit so unverblümt aussprach. Sie blickte ihn mit großen Augen an. “Nein!” sagte sie, obwohl das eine bodenlose Lüge war. Natürlich wollte sie ihm stets eins reinwürgen, wenn er sie nicht so behandelte oder hofierte, wie sie sich das wünschte. Und wie würde das wohl besser gelingen, als mit dem Exmann? “Aber was bitteschön gibts da falsch zu verstehen, wenn du mir lapidar entgegen schleuderst, du hättest nichts dagegen? Ich dachte, wir gehören zusammen. Und ich dachte...” ...du liebst mich… Es lag ihr auf der Zunge, aber die Wörter wollten ihr nicht über die Lippen kommen. Oh wie wünschte sie sich, dass er Dinge klar und deutlich sagte. Nicht so, dass man sich tagelang darüber den Kopf zerbrechen konnte, wie das gemeint war. Sie nahm einen tüchtigen Schluck vom nicht mehr ganz so heißen Stachelbier, und meinte schließlich. “Sag was du denkst, und zwar so dass man es nicht mal im Ansatz falsch verstehen kann!” In Anbetracht der Tatsache, dass sie den verhassten Thero erwähnt hatte, schien Caradan sich relativ schnell wieder zu entspannen. "Gut... Ich wollte nur sagen, ich will nicht ohne dich. Ich wollte es nur mit Witz und Charme sagen, wie ich eben bin." Er grinste, und das war absolut entwaffnend. “Gut.” entgegnete sie. “Denn ich wollte, dass du weisst, dass mir deine Meinung über die nahe Zukunft wichtig ist.” “Aber es ist egal was ich will. Wenn du ein Haus willst, kaufen wir eines. Oder ergaunern uns eines. Verdammt nochmal, wir könnten eine kleine Burg klauen, wenn wir wollen. Du setzt dir was in den Kopf und ich, ganz der folgsame Narr der ich bin, ich folgte dir und versuch dich am Leben zu halten. Und wenn das bedeutet alles aufzugeben, was ich kenne…” Sie hing an seinen Lippen, während er dieses Zugeständnis machte. Seit sie ihn kannte, war er ihr stets nachgelaufen. Er war ihr hinterher, hatte sie verfolgt und gesucht und aufgestöbert, als sie Brisangen verlassen hatte, nachdem sie ihn wie einen Idioten auf der Straße hatte stehen lassen. Nur einmal hatte er sie auflaufen lassen, nämlich im Streit wegen der Blondine. Aber sonst war er ihr ergeben, durch und durch. Das wärmte ihr das Herz, wie es kein Feuer der Welt, oder Stachelbier vermochten. “Du bist…” Ihr fiel kein passendes Wort ein. Süß? Kein Mann wollte süß sein. Wunderbar, einzigartig, unglaublich… zu abgedroschen. Er zuckte mit den Schultern. “Ich bin nicht sentimental.” Aber dennoch süß, wunderbar, einzigartig und unglaublich. Sie beugte sich zur Mitte der Tischplatte, und die Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde als sie seinen Blick auffing. Die Wärme in der Schankstube, die Erkenntnis und nicht zuletzt das Stachelbier röteten ihre Wangen auf reizvolle Art und Weise.

“Ich liebe dich” sagte sie ihm ohne jegliche Vorwarnung und unverwandt über den Tisch. Und wie aus dem Nichts sprang plötzlich eine Katze auf den Tisch, verbarg Caradan vor ihrem Blick, verbarg sie vor Caradans Blicken, und sie hatte nicht einmal in dem Moment als sie diese drei Worte ausgesprochen hatte, auch nur eine Sekunde lang in seinem Gesicht lesen können. Die Katze war ausgesprochen aufdringlich. In einer anderen Situation wäre es Aen völlig egal gewesen, ja sogar absolut willkommen, aber just in diesem Moment auf den Tisch zu hüpfen war schon unsägliches Pech. Die Katze schmierte ihren freudig erregt aufgeplusterten Schwanz an der Weinbrandflasche und wandte sich schließlich Caradan zu, schmiegte sich an ihm an, verlor aber deutlich schnell das Interesse, vermutlich da sie nicht die erwartete Aufmerksamkeit erhalten hatte und wandte sich stattdessen Aen zu, und fixierte sie mit ihren tiefgrünen leuchtenden Augen. Die Arcanierin kam nicht umhin zu bemerken, dass das Verhalten einer Katze dem ihren nicht so unähnlich war. Aen beobachtete das schwarze Tier und hob ihre Hand, bereit, das samtige Fell zu streicheln, und die Katze begab sich unter ihre Hand, bereit, gestreichelt zu werden. Sie drückte regelrecht den Kopf in die Hand der jungen Frau, bewegte ihn hin und her, nach oben und unten und begann hörbar zu schnurren. Kurz galt Aens Aufmerksamkeit einzig und allein dem Tier, doch als es sich auf die Tischplatte legte und auf den Rücken rollte, da zog sie es kurzerhand auf ihren Schoß, wo sie es zu kraulen begann. Aen spürte das tiefe vibrierende Schnurren unter ihrer Hand und hob den Blick vom Katzentier zu Caradan herüber. Ihr Blick schien zu wiederholen, was sie ihm eben gesagt hatte, und natürlich erwartete sie eine Reaktion, welcher Art auch immer. Er lächelte, und das war schon mal nicht schlecht. Doch am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte ihn am Kragen gepackt und geschüttelt, um irgendeinen Satz von ihm herauszubekommen. Dann lächelte er und erwiderte “Ich weiß…” Aen legte den Kopf schief und blickte ihn herausfordernd an. ”Ich dich nämlich auch…” Dies war so ein Moment wo man für gewöhnlich schwach wurde und sich leidenschaftlich küssend in die Arme fiel. Aber Aen blieb, der Katze auf dem Schoß wegen sitzen, und lächelte ihn einfach nur an. Irgendwann verlor die Katze das Interesse an ihrer Seelenverwandten, nämlich in dem Moment, als sie die Ohren spitzte, und etwas in den auf dem festgestampften Lehmboden ausgestreuten Binsen zu entdecken schien, vielleicht eine Maus, und vom Schoß der Arcanierin sprang. Endlich erlöst erhob sich Aen, trat um den Tisch an Caradan und zog ihn hoch und von dort auf die leere Bank die an einer Wand stand, recht nahe an der Feuerstelle.

Nachdem der junge Spielmann endlich seine Klagelieder der Idalia beendet hatte und mit Hilfe eines anderen Lieder spielte, die in einen Schankraum und nicht in einen Tempel gehörten kehrte in die Stube endlich die Gemütlichkeit und Ausgelassenheit, die man in einer Schenke erwartete. Aens Herz klopfte stark. Eigentlich hatten sie kein Wort mehr miteinander gewechselt, saßen einfach nur stumm da. Zwischenzeitlich war Caradan übermütig geworden als er andere Lieder gefordert hatte, doch nun gab es nicht mehr zu meckern. Manchmal brauchte es keine Worte. Es war alles gesagt, und es war wohltuend, einfach dazusitzen und die Klappe zu halten. Besonders für Aen. Sie war in diesem Moment mit sich und der Welt völlig im Reinen. Momente wie diese waren viel zu selten. “Ich liebe dich wirklich und wahrhaftig.” wiederholte sie leise. “Ich möchte mit dir gemeinsam die Welt bereisen und irgendwo sesshaft sein. Wo, ist mir völlig egal, solange du nur bei mir bist. Ich will mit dir leben und das Leben genießen, nicht zu opulent, aber auch nicht zu ärmlich. Ich will mir dir aufregende und langweilige Zeiten erleben. Ich will…” Caradan schloss ihre Lippen mit einem Kuss. Zuerst ruhte sein Arm um ihre Hüften, doch schon bald gingen seine Hände auf Wanderschaft und signalisierten nur allzu deutlich, was er wollte. Spätestens ein prüfender Griff in seinen Schritt bewies das. Und das wollte sie auch. Sehr dringend sogar. Nur war es ihnen nicht vergönnt, denn ein vierschrötiger Kerl zog sich einen Stuhl heran und ließ sich bei ihnen nieder. Völlig unverwandt kam er auf des Pudels Kern zu sprechen. Ein wenig verarscht fühlt sie sich, als sie erfuhr, dass die Aschesänger keine waren, sondern lediglich Bandenkinder. Schließlich unterbreitete der Hüne noch ein Angebot. Die teuren Dokumentenfälschungen völlig für lau. Natürlich gab es einen Haken. Und der war nicht ohne. Doch das wurde den Arcaniern erst so richtig bewusst, als der Kerl sich wieder erhoben und aus der Schenke gestapft war. Aen nahm die Goldmünze auf und drehte sie nachdenklich im Schein des Feuers, und zauberte damit gelbe tanzende Lichtpunkte auf die dunkle Wand. Sie begann zu lachen. “Das ist völlig absurd! Man kann doch nicht einfach zur Inqusition marschieren und dort jemanden aus dem Kerker befreien. Das ist doch ein schlechter Scherz! Ich bin nicht Aelis von Avalé… Nicht mit zehn Mann kann man das schaffen! Stell dir das einmal vor. Wenn wir erwischt werden, werfen sie uns in die Folterkammer. Und das kommt einem Todesurteil gleich.” Und das wollte sie nicht noch einmal erleben, auch wenn es damals glimpflich ausgegangen war. Sie steckte die Münze in ihren Geldbeutel und wurde nachdenklich. “Nur wegen ein paar Urkunden, die wir uns auch kaufen könnten? Aber neugierig bin ich schon, das muss ich zugeben. Treffen wir ihn, ist das für ihn offenbar eine Zusage, oder hab ich das falsch verstanden?” Sie blieben noch eine Weile sitzen, beobachteten das Schenkentreiben, tranken noch etwas, und gingen dann schließlich das tun, was sie längst tun wollten.

Schließlich lagen sie aneinandergeschmiegt da, und Aen dachte nach. Für gewöhnlich war es in ihrem Leben stets so gewesen, dass, wenn ihr Leben in geraden Bahnen verlief, ja wenn sie glücklich und zufrieden war, das Schicksal grausam zuschlug. Entweder durch die Arcanierin selbst, die bislang noch alles zerstört hatte, durch Langeweile, Unzufriedenheit oder Dummheit. Oder höhere Mächte zerstörten es. Und das machte ihr in diesem Moment Angst, sodass sie ihr Glück nicht so genießen konnte, wie man es tun sollte. “Ich denke wir brauchen kein Haus. Keine Burg, kein Jagdschloss, gar nichts… Ich meine ein Haus zu besitzen hieße ja, häuslich zu werden. Die Geschwister wissen, ich bin nicht zur Hausfrau geschaffen. Kannst du dir ein langweiliges Leben mit mir vorstellen? Ich koche dir drei Mahlzeiten am Tag? Ich halte das Haus in Ordnung?” Nur bei der Vorstellung daran stellten sich ihr die Nackenhaare auf. “Ich finde, es sollte alles so bleiben, wie es ist. Wenn es uns an einem Ort hält, dann bleiben wir da. Wenn es uns fortzieht, dann gehen wir. Wir brauchen keine Urkunden auf denen Namen stehen die wir nicht kennen und die wir nicht sind. Wir könnten uns ein Zimmer mieten, und wenn wir da länger verweilen, kann man da doch auch einen angemessenen Preis aushandeln. Dieses Gasthaus hier ist doch nett. Was spricht dagegen, dass wir den Winter hier aussitzen? Im Frühjahr werden wir weitersehen...

Es war geradezu magisch, was drei kleine Worte zu verändern vermochten. Aen erwachte an diesem Morgen in aller Frühe und konnte ums Verrecken nicht mehr einschlafen. Sie entzündete ein Talglicht und sah Caradan beim Schlafen zu, weckte ihn schließlich, weil ihr langweilig war, mit Liebkosungen, um sich anschließend mit ihm zu lieben, und danach umso besser gelaunt in die Schankstube zu gehen um dort ein reichhaltiges Frühstück zu sich zu nehmen. Meistens stocherte sie eher in ihren Frühstücksbreien umher, aß wie ein Vögelchen, aber heute hatte sie einen geradezu unermesslichen Appetit. Und liebenswürdig war sie! Liebenswürdig, freundlich und gut gelaunt, wie man es von ihr an einem grauen, kalten Morgen nicht gewöhnt war. Wenn man sie gut kannte, musste man direkt denken, dass da etwas nicht in Ordnung war. Oder sie zumindest voll unter Starrkrauteinfluss war. War sie aber nicht. Nur liebeskrank. Und das war verdammt anstrengend. Während sie sich eine Pfeife entzündete, und diese genüsslich rauchte, beobachtete sie Caradan akribisch, der sich eben die zweite Portion Gerstenbrei hinein schaufelte. Es schien alles in bester Ordnung zu sein zwischen ihnen. Das wars aber nicht. Eine graue Wolke hing zwischen ihnen, und das wussten sie beide. Jetzt war es endlich einmal an der Zeit, diese trübende Wolke zu vertreiben. Sie räusperte sich, und spuckte den Schleim, der dem Rauchen geschuldet war, seitlich neben sich in die Binsen. Dann wartete sie, bis er fertig war mit seinem Gerstenbrei und fing seinen Blick auf. “Können wir offen sprechen, Caradan?” begann sie. “Also ich denke nun schon seit gestern Nacht darüber nach. Wir beide wissen, dass Thero zwischen uns steht. Ich bin nicht sicher, ob du mir wirklich und wahrhaftig glaubst, was ich für dich empfinde. Ich denke eher, dass du dich fragst, wie ich dich lieben kann, wenn er noch immer meine Gedanken beherrscht?” Caradan blickte sie an, als hätte er diese Frage schon kommen sehen. Nach einer Weile in der sie sich einfach nur angesehen hatten, antwortete er "Ich will dir glauben. Ehrlich... und ich bin sicher, hier…” Er tippte sich auf die rechte Seite seiner Brust, “Tue ich das auch. Aber der Arsch hier oben…” Dann tippte sich an den Kopf “Der versucht mir was anderes einzuflüstern." Aen schluckte. Hier war sie also schon, die erwartete Grausamkeit des Schicksals, oder die von ihr selbst herbeigeführte. Etwas veränderte sich kaum, aber schmerzhaft, in ihrem Gesicht, Sie spürte das ganz deutlich, wie der Schmerz ihre Gesichtsmuskeln anspannte, und sie runzelte, um das zu verbergen, ihre Augenbrauen. “Der Arsch irrt sich aber…” sagte sie heiser und griff dann etwas fahrig zu ihrem Dünnbierbecher, um die Heiserkeit herunter zu spülen. “Weißt du…” begann sie. “Mein Leben war von Anfang an nicht das Beste. Aber so wirklich kompliziert wurde es erst, als ich Thero begegnet bin. Er war mein allererster Mann. Und wir haben viel zusammen durchgemacht. Wir waren nicht füreinander bestimmt, so schien es immer. Und dennoch waren wir zusammen. Dann hat uns das Leben auseinander gerissen, als ich dachte er wäre tot. Und dann, als ich mein Leben wieder auf die Reihe bekommen habe, da sind wir einander wieder begegnet. Aber da war nichts mehr. Wir waren einfach nur wie alte Bekannte, wie Freunde. Und alles, was ich damals vermutlich gebraucht hätte, wäre eine einfache Aussprache gewesen. Aber manche Männer reden nicht gerne…” seufzte sie. “Und er ist einfach wieder abgehauen. Heute denke ich, wir hätten uns im Guten trennen können, vielleicht wäre das heutzutage alles einfacher. Aber das ist es nicht. Wenn ich meine Klappe gehalten, und nie diesen Namen erwähnt hätte, dann wäre wohl alles anders zwischen uns, richtig?” Erneut seufzte sie. “Wahrscheinlich hast du Recht. Wahrscheinlich will ich dir eins reinwürgen. Immer dann, wenn du mich nicht so behandelst, wie ich mir das vorstelle. Dann musst du dir immer anhören, wie Thero das getan hätte, was er gemacht hätte, was er gesagt hätte… Aber du bist nicht Thero, und du handelst anders als er. Das muss mir erst mal in den Kopf rein. Was jetzt nicht bedeutet, ich wünsche mir, dass du er wärest. Ganz bestimmt nicht. Aber was ich mir wünsche ist, dass du dich nicht zum Narren machst, meinetwegen. Du sollst kein folgsamer Narr sein, sondern du selbst, ohne dich für mich zu verbiegen, verstehst du? Aber was soll ich nur mit dir machen?” Sie deutete auf seinen Kopf. “Den kann ich ja schlecht abreißen… Aber wie soll ich dir beweisen, dass ich es Ernst meine, und dass Thero dir keine Kopfzerbrechen machen sollte?"
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Caradan » So, 23. Dez 2018 0:29

Es war der, seit einer gefühlten Ewigkeit, beste Morgen den Caradan erleben durfte. Und das dachte er nicht etwa, weil Aen ihn nur geweckt hatte um das Feuer des Vorabends wieder zu entfachen, sondern weil einfach als an diesem Morgen so war, wie es sein sollte. Ihn plagten keine Sorgen, Ängste oder trübe Gedanken, er hatte keinen Kater vom Saufen oder irgendwelchen Drogen und dann war doch Aen. Es könnte alles perfekt sein, wäre da nicht dieses gesunde Misstrauen. Was war geschehen? Sie waren immer noch ein und dieselben Menschen wie vor zwei Tagen, nur um eine gefühlsduselige Unterhaltung reicher. Denn so empfand er den vergangenen Abend oder zumindest wollte er sich das einreden. Er wollte denken, dass es nur ein oder zwei schwache Momente von ihnen allen Beiden gewesen war, dass dieses Zugeständnis Opfer der Umstände gewesen war und nicht offen und ehrlich so gemeint war, wie es ausgesprochen war. Denn in Wahrheit hatte er Angst davor. Er hatte Angst, dass es genau das gewesen ist, was er sich so vehement einzureden versuchte, hatte Angst davor, dass Aen und er sich wieder distanzieren würden, wenn ihr die Laune danach stand. Er war sich nicht sicher, ob er das so einfach wegstecken könnte. Ihm war bewusst, dass Menschen viel mehr ertragen konnten, als sie selbst glaubten und für möglich hielten, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er dies bereitwillig austesten wollte. Nein, er hatte Angst auch wenn er sich einredete, dass dem nicht so wäre und dieser Morgen frei von Sorgen, Ängsten und trüben Gedanken wäre. Mit mäßigem Erfolg, denn Aens Begeisterung und Lebensfreude steckten ihn nur bedingt an, auch wenn er sich alle Mühe gab, wenigstens ansatzweise so viel Begeisterung an den Tag zu legen. Aber mit Aen konnte er nicht mithalten, weder in ihrem Zorn, ihrer Begeisterung oder sonstigen Gefühlsdingen. Dafür schlug er sie beim Essen um Längen. Während sie sich ein Pfeifchen stopfte, vergrub er sein Gesicht sprichwörtlich in einer Schüssel Gerstenbrei. Gerstenbrei, nach guter, alter arcanischer Art. Zur Feier der baldigen Feiertage mit Rosinen. Mit ganzen zwei Rosinen... es war ein Armutszeugnis.
Während er so seine Schüssel leer löffelte, spürte er Aens Blick auf ihm und mit jedem Löffel lag ihm der Brei schwerer im Magen. Etwas lag im Argen und er wollte gar nicht wissen was es, denn schon sah er seine heimliche Angst zur Realität geworden. “Können wir offen sprechen, Caradan?”, fragte Aen. Er nickte bloß stumm und meinte zu spüren, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. “Also ich denke nun schon seit gestern Nacht darüber nach. Wir beide wissen, dass Thero zwischen uns steht. Ich bin nicht sicher, ob du mir wirklich und wahrhaftig glaubst, was ich für dich empfinde. Ich denke eher, dass du dich fragst, wie ich dich lieben kann, wenn er noch immer meine Gedanken beherrscht?” Der Dieb fühlte sich ertappt. Er fühlte sich, als hätte sie seine Gedanken gelesen und würde ihn nun darauf ansprechen. Er wusste nicht was er sagen konnte, um ihre Zweifel zu zerstreuen, denn er wusste ja nicht mal, wie er seine eigenen Zweifel abschütteln konnte. "Ich will dir glauben. Ehrlich... und ich bin sicher, hier” Caradan tippte sich auf die Brust, “tue ich das auch. Aber der Arsch hier oben…” Dann tippte sich an den Kopf “Der versucht mir was anderes einzuflüstern." Das war die offenste und ehrlichste Antwort die er Aen geben konnte, obwohl er wusste, dass es nicht die Antwort war diese hatte hören wollen. Er konnte es in ihrem Gesicht sehen, versuchte sich das aber um ihret Willen nicht anmerken zu lassen. “Der Arsch irrt sich aber.”, meinte sie und er senkte den Blick. “Ja, ich weiß das…”, murmelte er als Antwort. Sie begann wieder von Thero, diesem dem Arcanier so verhassten Wilden. Aber ausnahmsweise, nahm er es ihr nicht übel. “Aber was soll ich nur mit dir machen?” Sie deutete auf seinen Kopf und er musste kurz lächeln. “Den kann ich ja schlecht abreißen… Aber wie soll ich dir beweisen, dass ich es Ernst meine, und dass Thero dir keine Kopfzerbrechen machen sollte?”
Caradan sagte nichts, er hatte keine Antwort auf diese Frage parat. Es war ungerecht, dass sie ihn das fragen musste, aber er konnte es weder ändern noch ungeschehen machen. Er hatte ihr nunmal gesagt, wie er fühlte und sie, wie sie fühlte und nun mussten sie beide mit den Konsequenzen leben. Nachdenklich blickte er ins Leere, während er sich seine Worte überlegte. “Es ist das erste Mal, dass ich diese drei Worte zu jemanden gesagt habe…”, begann er mit trockenem Mund und leiser Stimme. “Du hast schon genug getan, aber… ich weiß nicht… ich habe keine Antwort.”, stockte und stotterte er vor sich hin. Diese Unsicherheit die er an den Tag legte, ließ ihn sich erbärmlich fühlen. Er zeigte Schwäche und das passte ihm nicht. Unwillkürlich fragte er sich ob Thero jemals Schwäche gezeigt hatte. Sein Blick wanderte zurück zu Aen. Er wollte ihr so gerne sagen, was sie tun konnte, wollte ihr sagen, dass er das Problem nicht bei ihr sah, aber solche abgedroschenen Floskeln wollten ihm nicht über die Lippen kommen. “Ich… wenn…”, stotterte er vor sich hin und zwang sich letztendlich sich zusammenzureißen. “Ich glaube, wenn wir nur zusammen bleiben, finden wir einen Weg…”, brachte er schließlich hervor und das Lächeln das über seine Lippen zuckte, ließ seine sonst allgegenwärtige Selbstsicherheit schmerzlichst vermissen. Er fühlte sich, als müsse er sich jeden Moment in die Hose pissen und als ihm ein unangenehm, säuerlicher Geruch in die Nase stieg, fragte er sich kurz, ob es schon geschehen wäre. Doch es waren nur in Essig eingelegte Heringe, die ein anderer Gast zum Frühstück aß. “Vielleicht…”, meinte er nach einer Weile. “wäre es gut, wenn uns unser Weg erstmal in ein Badehaus führen würde… nach der anstrengenden Reise, meine ich.”

Dank Aens frühem Erwachen, stand den beiden Arcaniern der Vormittag zur freien Verfügung. Nicht das sie irgendwelche Verpflichtungen hatten, nein, sie waren so frei wie sie nur sein konnten, aber Vormittags war noch so herrlich wenig Hektik an den Orten der Stadt, die sich um das Wohlergehen zahlender Kunden scherten. Die meisten Menschen wollten ihre furchtbar wichtigen Angelegenheiten möglichst vor dem Mittag abschließen und so tummelten sich hunderte von Menschen in den Straßen und Gassen der Stadt, aber niemand strebte auf das gleiche Ziel zu, wie die Beiden. Sie liefen über den Markt und näherten sich dem Hafen. Der salzige Duft der See wehte zu ihnen herüber, während sie durch den Schneematsch wateten. Der frisch gefallene Schnee des Vorabends war bereits von tausenden Fußpaaren zertrampel, mit Pisse und Scheiße aus Nachttöpfen oder gleich dem Menschen selbst verseucht und von schweren Wagenrädern zerfurcht worden. Überall hörte man laute Schreihälse die Waren anpriesen. Gebackene Fische, heiße Beeren, gerösteten Speck, gebuttertes Gebäck und so fort. Fett würde man werden, wenn man an jedem Stand etwas essen und trinken würde, denn es wurde Wein ausgeschenkt, der mit Gewürzen zugekippt wurde um zu verschleiern, mit wie viel Wasser er gestreckt worden war, es gab Stachelbier und natürlich auch gewöhnliches Bier und so fort. Caradan hasste diese Zeit, auch wenn er als Dieb stets auf seine Kosten gekommen war. Aber diese Ausgelassenheit reizte ihn. Für ein paar Tage ihm Jahr taten die Menschen so, als gäbe es keine Sorgen mehr, die man sich machen müsste, als sei alles gut so wie es ist. Eigentlich ganz schön, aber so schrecklich anstrengend mit der Zeit. Aber ein großer Vorteil bestand darin, dass sich die meisten Menschen auf den Straßen tummelten und man durch ein paar Seitengassen unendlich viel schneller sein Ziel erreichen konnte, selbst wenn in den meisten von ihnen auch ordentlich gedrängelt und geschubst wurde. Sie hielten zielstrebig auf ein kleines Badehaus zu. Das Haus der heißen Quellen, wie es phantasielos genannt wurde. Es war ein unscheinbares Haus - klein, unauffällig, schmucklos, zumindest nach außen hin. Das Geheimnis des Hauses war, dass das Kellergewölbe gut und gerne sechzig Fuß tief war und sich über etwas die fünffach Fläche erstreckte, wie das Haus über dem Erdboden. Woher die heißen Quellen flossen wusste keiner so genau und so kursierten allerlei Legenden. Eine besagte zum Beispiel, dass zur Zeit der Drachenkriege hier eine Schmiede der Elfen gewesen sein mochte, eine Schmiede, die während des Krieges überflutet worden ist. Alle lebenden Wesen seien ertrunken, seien aber durch Hexenwerk immer noch zu ihrer Arbeit gezwungen und so schmieden die Elfen noch heute unter den Fluten der Quelle und deshalb ist sie so heiß. Eine andere besagte einfach, dass ein Drache viele hunderte Fuß unter ihnen hauste und sein Feuriger atem das Wasser zum Brodeln brachte. Was es mit der Sache auf sich hatte war dem Dieb einerlei, für ihn zählte bloß die wohltuende Annehmlichkeit eines heißen Bades.
Sie wurden an der Tür von einem stämmigen Kerl, der in einen dicken Wollmantel gehüllt war, am Betreten gehindert. Abschätzig musterte er die Beiden, begutachtete ihre Kleider, den Zustand ihrer bisherigen Körperpflege, ihr Auftreten und formte diese Beobachtungen im Geiste zu einem Bild. Er beurteilte sie, ob sie sich den Besuch des Bades leisten konnten und steckte sie dann in die entsprechende Schublade oder vielmehr das entsprechende Becken. Denn es gab insgesamt drei Becken unter dem Kopfsteinpflaster der Straße, die streng nach Einkommen und Stand getrennt waren. Natürlich kannte Caradan die beiden besseren Becken nur vom Hörensagen. Das Weiße Bad war reserviert für den Adel und den Klerus. Dort wandelten die edlen Herrschaften auf Marmorböden, ließen sich in ein dampfendes Becken gleiten, wurden von Dienern aller Art umgarnt und umsorgt und eine ausgeklügelte Seilvorrichtung im Gebälk ermöglichte es Bahnen aus Tuch zu spannen, um kleinere Separees zu schaffen, um für genügend Privatsphäre zu sorgen. Das Becken wurde von gleich zwei heißen Quellen gefüllt, goldene Wasserspeier ließen kühles Wasser hinein, damit sich die Mächtigen des Landes nicht ihre kleinen Schwänze verbrannten und schließlich wurde das Wasser in einem endlosen Zyklus in die anderen beiden Bäder abgelassen, während frisches Quellwasser nachlief. Es konnte also sein, dass man an einem schlechten Tag in adeliger Pisse badete. Der Türwächter hatte seine Musterung noch nicht abgeschlossen, im Gegenteil, hatte er Caradan genau begutachtet, studierte er nun jedes Detail Aens. Um das Ganze zu beschleunigen schnippte Caradan dem Kerl einen Heller zu, den dieser mit geübten Handgriffen unter seiner Kleidung in die eigene Tasche steckte. Mit einem freundlichen Lächeln stieß er die Tür auf und wies hinein. “Rot.”, war das einzige Wort das er sprach.
Das Rote Bad war für die gehobene Mittelschicht. Es soll etwas größer sein als das Weiße Bad, wurde nur von einer Quelle erhitzt und war somit auch nicht so heiß wie das privilegierte weiße Bad, wurde dafür aber von dessen Abwässern bereichert und gefüllt. Die Ausstattung sollte nicht ganz so verschwenderisch sein und die Dienerschaft weit weniger arschkriecherisch, aber alles in allem konnte man es sich dort recht gut gehen lassen. Schließlich wurden die Abwässer ins unterste Becken abgelassen. Dieses Bad, das Schwarze Bad, kannte Caradan nicht bloß vom Hören. Nein, dort war auch er schon oft gewesen. Das Becken wurde von keiner eigenen Quelle gespeist, war dafür jedoch größer als Weiß und Rot zusammen. Die einzige Möglichkeit dort heißes Wasser zu finden, war das Wasser aus den anderen Becken dorthin abzuleiten und durch die überraschend warmen Steinböden und Wände kühlte es auch nicht so schnell ab. Dennoch waren es Abwässer in denen sich die einfachen Leute für ein kleines Entgeld waschen durften. Um Epidemien zu verhindern und auch sonstigen Krankheiten keinen Nährboden zu bieten, wurde das ganze Becken durch ein ausgeklügeltes Kanalisationsnetz einmal in der Woche mit Meerwasser ausgespült. Dann war das Wasser allerdings eiskalt. Daher gab es die Weisheit in den Straßen der Stadt: Kaltes Wasser, ist sauberes Wasser. Und tatsächlich. Wer sich in warmen Wasser waschen wollte, der musste das Risiko in Kauf nehmen, in den Exkrementen einer ganzen Woche zu waten. Wer sauberes Wasser wollte, musste frieren. Ganz einfach.
Die beiden Arcanier stiegen glitschige Stufen hinab. Nebelschwaden hingen bis unter die Decke und obwohl sie ihre dicken Wintermäntel im Haus über ihnen hatten abgegeben, trat dem Dieb der Schweiß auf die Stirn. Die Treppe nach unten befand sich im Innenhof des Hauses und eine Luke im Boden ließ Licht hinein. Caradan wusste, es war sechzig Fuß unter ihnen die einzige Lichtquelle. Die Armen badeten zumeist ist beinahe undurchdringlicher Finsternis. Der Vorteil war, man war nahezu ungestört und das nutzten die Meisten auch aus. Im Schwarzen Becken wurde gefickt und gebumst, wie nichts. Caradan hatte da Geschichten gehört, dass manch Mann im Glauben die eigene oder eben bewusst eine andere Frau zu bumsen, eigentlich einen anderen Mann von hinten genommen haben soll. Ein gruseliger Gedanke. Beinahe so gruselig wie der Gedanke an einen Absturz hier, denn die Treppe auf der sie wandelten besaß kein Geländer, an das man sich klammern konnte. Nur ein raues Tau war mit eisernen Ringen in die Wand geschlagen worden. Eine Rote Tür markierte den Ort ihres Begehrens. Sie traten ein. Der Dampf nahm einem beinahe die Sicht und einfrieger Badeknecht führte sie einen Nebenraum in dem sie sich entkleiden sollten. Wenig später ließen sie sich in das angenehm warme, dampfende Wasser nieder. Der Dieb seufzte wohlig auf, spürte wie sich seine Muskeln augenblicklich entspannten und er ohne jedes Eigengewicht einfach nur weiter existierte. Der Knecht hatte ihnen Wein angeboten, duftende Öle, heiße Tücher und sie darauf aufmerksam gemacht, dass es auch ein Dampfbad gäbe, das man für einen kleinen Aufpreis auch nutzen durfte. Dort konnte man sich, wie im Weißen Bad, mit Öl einreiben und sich mit komischen Schabern reinigen, was die Mächtigen natürlich von Dienern und Dienerinnen erledigen ließen, die Bürger der Stadt jedoch selbst Hand anlegen mussten. Obwohl ihn der Gedanke schon reizte, das er bei Aen und Aen bei ihm Hand anlegen könnte. Der Gedanke gefiel ihm so sehr, dass sich etwas zwischen seinen Beinen regte.
Seine Hand glitt durch das Wasser wie ein Fisch, erzeugte Wellen, tauchte ab und wieder auf, bis seine Finger Aen fanden. Er strich ihr mit den Fingerspitzen über den Rücken und die Schultern, zog sie zu sich ran und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Er sagte nichts und schloss die Augen. In seiner Umarmung gefangen, ließ er seine Hände ihren Körper entlang fahren und studierte ihn, als würde er ihn zum ersten Mal berühren. Dort wo sie wohlig aufstöhnte, erregt seufzte oder bloß kicherte, dort verweilte er länger, während er ihr immer wieder mal blind versuchte einen Kuss zu schenken. Bald erwischte er ihren Hals, ihr Kinn, ihr Ohr. Eigentlich war es eine Frechheit! Sie besaß Dutzende von Stellen, an denen er eine Reaktion hervorrufen konnte, eine besser versteckt, als die andere und sie? Sie musste ihm nur zwischen die Beine greifen und hatte ihn vollkommen und absolut in der Hand. Buchstäblich. Er schlug die Augen auf und blickte ihr tief in die Augen. “Ich könnte hier ewig mit dir bleiben.”, flüsterte er ihr zu und grinste sie anzüglich an. Sie waren nicht allein. Außer ihnen waren vielleicht noch ein halbes Dutzend Gäste anwesend und ebenso so viele Diener. “Bis meine Eier aussehen wie Korinthen.”, kicherte er. Zärtlich strich er ihr über die Wange und blieb an ihren Lippen hängen. “Wenn du den Winter hier in Lanyamere bleiben willst, bleiben wir. Und im Frühling sehen wir dann, wohin uns der Wind weht.”

Es war beinahe schockierend erfrischend, als sie nach dem wohltuenden Bad hinaus in die eisige Kälte der Stadt traten, dabei zusahen, wie ihr Atem in kleine Wolken aufstieg und in einer leichten Meeresbrise zerstob. Sauberkeit war ein nicht zu unterschätzender Wohlfühlfaktor im täglichen Leben. Caradan murmelte sich in seinen Mantel ein und machte sich auf den Heimweg, Aen an seiner Seite. In einer Seitengasse bemerkte er eine schwarze Kutsche. Vermutlich wartete dort ein halb erfrorener Kutscher darauf, dass sein Herr aus dem Badehaus schlenderte, die Lippen einer Zuberdirne noch um den Schwanz. Sie passierten einen Mann. “Mein Herr?” Gewohnheitsgemäß reagierte Caradan nicht, fühlte sich gar nicht erst angesprochen und schritt dementsprechend ungerührt weiter. Seine Gedanken kreisten um ganz andere Dinge, die meisten betrafen die Frau neben ihm, manche auch ihn selbst, aber sicherlich verschwendete er keinen Gedanken, an einen beliebigen Kerl auf der Straße. “Mein Herr Caradan?” Abrupt blieb der Dieb stehen. In ganz Lanyamere kannten vielleicht, nur vielleicht, dreißig Personen seinen Namen, davon zwei Dutzend Frauen, die meisten aus dem Bordell. Die Handvoll Männer kannte er gut und würde sie auch nach den paar Jahren garantiert an der Stimme wiedererkennen. Sein Misstrauen war geweckt und er war in aller höchster Bereitschaft. Aber nun war es zu spät den Unwissenden zu mimen, seine reaktion hatte ihn verraten. Er drehte sich um und blickte den Mann feindselig an. Es war ein älterer Mann, mit grauen Haaren und faltigem Gesicht. Er lächelte freundlich und vieldeutig, wies mit der Hand auf die schwarze Kutsche in der Seitengasse und nickte auffordernd. “Mein Dienstherr wünscht eine Unterredung.” Der Mann trug einen dicken schwarzen Mantel aus feiner Wolle, einen Filzhut und gefütterte Handschuhe. Seine Kleider sollten Bescheidenheit symbolisieren, zeigten den Wohlstand aber eindeutig. Caradan wurde mulmig zumute. Unsicher näherte er sich der Kutsch und trat ein. Die Fenster waren mit dunkelvioletten Samt verhängt, sodass niemand hinein oder hinaus sehen konnte. Selbst die Geräusche wurden durch den schweren Stoff gedämpft.
Vor ihnen saß ein Mann, vielleicht Anfang dreißig. Er war schlaksig gebaut, seine kühlen Augen blickten herablassend über seine Hakennase und er hatte sich die gebleichten Haare mit einem schwer duftenden Öl zurück gestrichen. Er war ganz in schwarzen Samt gekleidet, hatte ein paar Felle über den Schoß geworfen und selbst über die dicken Handschuhe hatte er einen Ring geschoben, der einen violetten Stein fasste. Der Mann strahlte eine professionelle Arroganz aus und war dem Dieb auf Anhieb unsympathisch. “Woher kennst du meinen Namen.”, knurrte Caradan ehe der Mann den Mund öffnen konnte. Ein überhebliches Lächeln kräuselte sich auf dessen Lippen. “Ich glaube Ihr habt vor wenigen Jahren einen meiner Ordensbrüder kennen gelernt. Simael Drenndorf?” Caradan erstarrte. Seine Augen wurden weit und sein Atem stockte für einen Moment. Drenndorf? Jener Gardeoffizier, der ihn, Lesha und Urban in diesem scheiß Gasthof aufgestöbert und erpresst hatte? Das durfte nicht sein, das konnte nicht sein! “Ah ich sehe schon.” Purer Hohn lag in der Stimme des Unbekannten. Panik stieg in Caradan auf, Panik die er nicht zu erklären vermochte. Drenndorf hatte ihm Absolution gewährt in Arcanis und noch hatte er auf diesem Grund und Boden kein weiteres Verbrechen begangen. Ihm drohte schlecht zu werden. Der kalte Schweiß brach ihm aus. “Das ist absurd.”, keuchte er. “Einfach absurd! Lanyamere beherbergt tausende Menschen, wie hat er mich gefunden?” Der Unbekannte lachte auf. “Vielleicht hättet Ihr nicht in das Bordell gehen sollen, in dem ihr aufgewachsen seid? Jemand hat Euch erkannt und schon pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Wir haben Euch sofort beschatten lassen. Und keine Sorge. Drenndorf weiß nichts davon. Ich habe Euch gefunden, nicht er.” Caradan beschlich das Gefühl, dass das nicht unbedingt besser war. “Und wir wissen Bescheid.”, fuhr der Unbekannte ungerührt fort. “Ihr ward bei Remus der Feder. Und ihr wurdet angeheuert, einen Mann aus unserem Gewahrsam zu befreien. Oder irre ich mich?” Der Arcanier atmete hörbar aus, sein Atem gefror in der Luft und stieg als kleine blasssilberne Wolke an die Decke der Kutsche. “Du irrst… Wir haben nicht angenommen…”, zischte er. Der Unbekannte war die Hände in die Luft. “Jammerschade. Weil genau das ist es, was ich von euch Beiden verlange.” Ein selbstsicheres Lächeln umspielte die Lippen des Unbekannten. “Ich will, dass ihr diesen Mann aus dem Gewahrsam der Inquisition befreit, denn auf freiem Fuß ist er um ein Vielfaches nützlicher. Leider kann ich selbst ihn nicht einfach laufen lassen, das wäre zu auffällig. Ihr versteht?” Caradan verzog das Gesicht zu einer zornigen Grimasse. “Du hast ihn umgedreht… er soll für dich spionieren.” Der Unbekannte tippte sich an die Nasenspitze. “Kluges Kerlchen.” Der Mann rutschte etwas hin und her und wechselte seine Sitzhaltung. “Der Gefangene wird bald verlegt. Er wird mit einer minimalen Eskorte aus Lanyamere geschmuggelt. Genaue Informationen, werde ich euch noch zukommen lassen.” Erneut ergötzte er sich, an seiner eigenen Überheblichkeit. “Lasst mich gesagt haben: Es ist besser mich zum Freund zu haben, als zum Feind, wenn auch ungemein schwerer. Flieht ihr, bin ich euer Feind, verratet ihr mich, bin ich euer Feind, scheitert ihr, bin ich euer Feind. Habt ihr Erfolg, bin ich euer Freund. Klar soweit? Eine gute arcanische Strategie ist das. Sieg oder Tod...” Der Dieb nickte stumm. “Und dieser Freund ist der ehrenwerte Vollstrecker…?” “Netter Versuch.”, lachte der Unbekannte freudlos und wies dann auf die Tür der Kutsche. “Ihr solltet euch beeilen. Der Mittag naht und es ist weit bis zum Tempel. Ihr solltet Euch an Euren Liebhaber halten, Liebes.”, meinte er zu Aen, als sie die Kutsche verlassen wollte. “Er weiß wie großzügig die Inquisitions sein kann.”
Es dauerte nur wenige Augenblicke, nachdem die beiden Arcanier ausgestiegen waren, da polterte die Kutsche über das Kopfsteinpflaster hinweg. Caradan begann zu fluchen und zu toben, bis ihm so heiß wurde, dass er seinen Mantel am Liebsten vom Leib gerissen hätte, er spuckte nach der Kutsche, verfluchte Drenndorf, die Inquisition und die Geschwister. Er fluchte sie dafür, dass sich der lindernde Regen dem sie ihm geschickt hatten, als Pisse und Scheiße entpuppte. Als er sich wieder beruhigte blickte er Aen an. Eine unausgesprochene Frage lag auf ihrem Gesicht. “Hör nicht auf ihn.”, brummte Caradan. “Dieser Drenndorf hat mich genau so gezwungen wie diese Fotze! Hat mir Absolution versprochen.” Das er diesen Zettel, dieses Dokument nicht mehr sein Eigen nennen konnte, verschwieg er. Die Urkunde musste im gleichen Feuer in Brisangen verbrannt sein, wie der Wärter der die Schlüssel zu Caradans Zelle gehabt hatte.

Gezwungenermaßen machten sich die Beiden auf zum Tempel, um sich mit dem dicken Kerl vom Vorabend zu treffen. Es war ähnlicher Betrieb wie tags zuvor. Es dauerte eine kleine Weile, da erspähte Caradan die drei Halbstarken, die wieder versuchten Almosen zu ergattern. Als der Dicke ihn bemerkte, flüsterte er etwas zu seinen Komplizen und der Kleinste rannte davon. Wenig später kam der Kerl aus der Schenke an, winkte sie zu sich und führte sie durch ein zwei Hinterhöfe in ein kleines Kabuff, dass verschwörerisch von einem einzelnen Talglicht beleuchtet wurde. “Bitte setzt euch.”, forderte der Mann sie auf und deutete auf ein paar Fässer. “Hier, bedient euch.” Er schob ihnen eine Schale mit Walnüssen zu, bei der Caradan nur zulangen um seiner Mimik und Gestik etwas zum Kaschieren zu geben. Er traute seinem Gegenüber durchaus zu, dass er lesen konnte, das etwas ganz und gar nicht bei den beiden Arcaniern stimmte. “Ihr seid also neugierig geworden?”, stellte er mit einem schiefen Lächeln fest. “Ja.”, antwortete Caradan mit trockenem Mund und der Dicke schob ihm eine Karaffe Wasser zu. “Sehr schön.”, lächelte er. “Dann lasst mich die Formalia zuerst klären. Mein Name ist Magi und wenn ihr mich übers Ohr hauen wollt, bring ich euch um. Klar soweit?” Der Dieb nickte. “Schön. Dann komme ich direkt auf den Punkt. Ich hab einen Freund, der über Umwege in den Gewahrsam der Inquisition gelangt ist. Nun kann ich mich selbst nicht mit dieser Institution anlegen, aus Gründen, die wohl auf der Hand liegen. Ich bin Anführer einer Bande und die würde da niemals mitmachen. Also brauche ich euch.” Caradan hob die Hand. “Da muss aber mehr rausspringen, als ein paar Blatt Papier.” Der Dieb versuchte so zu klingen, als müsse er sich erst noch überzeugen lassen. Magi lächelte wissend. “Ja das dachte ich mir, aber glaubt mir, wenn ich euch sage… Geld, spielt keine Rolle.” Der Dieb nickte. “Gut. Wie gehen wir vor. Wie heißt der Mann eigentlich?” “Mirregal. Und er wird wohl heute Nacht nach Irukhan gebracht. Legt euch an der Weststraße auf die Lauer. Dann… habt ihr sowas schonmal gemacht?” Caradan warf einen Blick zu Aen. “Oh ja…” Magi warf einen gehetzten Blick hinaus. “Gut. Gut, dann los. Ich lasse einen meiner Männer im Schankraum der Herberge. Wenn ihr was braucht, sagt es ihm. Ihr habt nicht viel Zeit los jetzt.” er scheuchte sie hinaus und schon standen sie mitten auf dem Tempelplatz. “Ich hab da ein ganz mieses Gefühl…”, brummte Caradan, dann sah er zu Aen und lächelte. “Da dachte ich, ich hab endlich alles Glück der Welt im Schoße liegen, da passiert sowas.” Er legte seine Hände auf Aens Schultern. Einen Moment sah er sie bloß an, dann strich er ihr über die Wange. Er wusste nicht was er sagen sollte und schwieg einfach nur.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Unter Dieben

Beitrag von Aenaeris » Mi, 16. Jan 2019 12:05

Die Schenkentüre öffnete sich und eine Gruppe Reisender betrat die Schankstube, schüttelte sich vor Kälte, und nahmen dann laut gestikulierend und schwatzend an einem der Tische Platz. Nach einer Weile diskutierten sie ebenso laut und gestikulierend mit dem Wirten über eine Unterkunft für die Nacht, sowie über eine Mahlzeit. Die Arcanierin verschränkte ob des kalten Hauchs, der für einen Moment die beheizte Stube erfüllte, die Arme, doch sie würdigte den Neuankömmlingen keines Blickes, sondern sah Caradan weiterhin abwartend an. Nach einer beträchtlichen Schweigepause hob er an “Es ist das erste Mal, dass ich diese drei Worte zu jemandem gesagt habe.”, was der Arcanierin eine überraschte Miene ins Gesicht zauberte. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet, und sie fragte sich im Stillen, ob er durchaus schon für eine Frau solche Gefühle gehegt und es nur nicht ausgesprochen hatte, oder ob dies überhaupt noch nie der Fall gewesen war. Aen lächelte ihn an, auch, wenn ihr gar nicht nach Lächeln zumute war. Es war eine absolute Ehre. Eine Ehre, die sie sehr wahrscheinlich nicht verdient hatte, die ihr jedoch trotzdem zuteil wurde. Wie konnte er sie nur lieben? Wie hatte Thero sie lieben können, wie war es Silvar möglich gewesen? Sie, diese zerstörerische, selbstverliebte, egoistische und schwierige Frau? hatte sie überhaupt gute Eigenschaften? Wenn ja, so vielen ihr ad hoc keine ein. Welches waren die Eigenschaften, die sie trotz allen schlechten liebenswert zu machen schienen? Dennoch war dieses Geständnis überwältigend. Sie wünschte sich, sie könnte das ebenso von sich behaupten, dass sie diese Worte noch nie zu jemandem gesagt hatte, doch so war es nun einmal nicht. Seit sie Caradan kannte, war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob sie Thero überhaupt je geliebt hatte. Rückwirkend betrachtet war das natürlich schwierig zu beurteilen. “Das ist das Schönste, das mir je jemand gesagt hat.” sagte sie leise, löste die Verschränkung ihrer Arme und legte vorsichtig ihre warmen Hände auf die Seine. “Ich glaube, wenn wir nur zusammen bleiben, dann finden wir einen Weg.” Er klang unsicher, aber Aen nickte zuversichtlich und blickte ihm fest in die Augen. “Das werden wir, Caradan. Wir werden zusammenbleiben, weil wir zusammengehören, und wir werden einen Weg finden. Mach dir keine Sorgen.” Etwas rührte an ihrem Herz. Sie verspürte das Bedürfnis, ihn beschützen zu wollen, vor allem Unbill auf dieser Welt, vor jedem Schmerz, sei er noch so groß oder klein, ihn mit Liebe und Zuneigung zu überschütten, und ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie drückte ihre Hände über seiner zusammen, und wiederholte ihre Worte, so, als müsse sie sich dies selbst einreden. “Mach dir keine Sorgen..”

Später schlenderten sie über den Markt, auf dem Weg zum Hafen. Caradan hatte einen hervorragenden Vorschlag gemacht; das hiesige Badehaus aufzusuchen. Die Arcanierin freute sich darauf. Sie liebte es einfach, zu baden, und im Winter, an solchen eiskalten Tagen, umso mehr. Sie freute sich auf die gemeinsame Zeit, die sie miteinander verbringen würden. Am Wochenmarkt von Lanyamere gab es so viel zu bestaunen. Fahrende Händler, fahrende Küchen, ansässige Händler und Kaufleute. Lanyamere war der Umschlagplatz von Waren aller Art aus aller Welt. Man munkelte, dass es hier sogar Sklaven zu erstehen gab. Aen grub ihre Finger zwischen die von Caradans linker Hand, und wann immer sie irgendwo stehen blieb, konnte sie ihn auf diese Art und Weise noch besser zum stehenbleiben bewegen. Sie ertappte sich dabei, dass sie bei Schmuckständen stehen blieb und sich heimlich fragte, warum Caradan ihr eigentlich nichts schenkte, wie etwa einen kleinen goldenen Ring. Wenn er sie doch so liebte, wie er sagte… Aen war einfach ein Mensch, der solche Gesten mochte. Sie liebte Geschenke, sie liebte vollste Aufmerksamkeit und wenn sich alles um sie drehte. Und es war ja nicht so, dass sie sich selbst nichts kaufen konnte. Sie fand sich ohnehin zu schmucklos. Sie besaß weder eine Kette, noch einen Anhänger, noch einen Ring, noch eine Brosche, noch eine Fibel die nicht aus schlichtem Eisen bestand. Aen fand aber auch, dass ihre Beziehung zueinander schon viel zu kompliziert und vorbelastet war, als dass sie dieses Thema auch noch zur Sprache bringen würde. Bei einem fahrenden Bäcker kaufte sie sich ein dunkles süßes Gerstenbrötchen, welches intensiv mit Zimt gewürzt, und obendrein noch in Sirup getränkt war. Es war widerlich klebrig, aber, bei Idalia, war es köstlich! “Da! Das musst du probieren!” rief sie begeistert und schob Caradan direkt und ungefragt ein Stückchen in den Mund. Den Rest der kleinen Köstlichkeit verschlang sie in drei großen Bissen, und leckte sich hernach noch die Finger ab. Beinahe zog sie in Erwägung, noch einmal zurück zu gehen, und sich noch ein solches Brötchen zu kaufen, aber vermutlich würde ihr dann schlecht werden, daher ließ sie es dann doch bleiben…

Aen tat es Caradan im heissen Wasser gleich, in dem sie wohlig aufseufzte. Eine leichte Gänsehaut fuhr über ihren Körper, die jedoch bald verschwand, als sie sich an die Temperatur des Wassers gewöhnt hatte. Es war schon ein paar Tage her, seit sie das letzte Bad genommen hatten. Eine Weile ließ sie sich, am Beckenrand mit den Armen schwerelos vom Wasser tragen, mit geschlossenen Augen, ihrem eigenen Atem, und dem Plätschern des Wasser, lauschend. Aber dann spürte sie Caradans Hand, wie sie wie beiläufig ihr Bein berührte, hoch wanderte, sodass man nicht mehr von beiläufig sprechen konnte, und dann wahrhaft gezielt das Ziel zwischen ihren Beine fand. Aen seufzte leise auf, und richtete sich nun auf. Seine Hände fuhren über ihre Schultern und Rücken, umfingen sie und zogen sie an sich heran. Lippen fanden Lippen, verschmolzen zu einem Kuss, Aens Hände gingen ebenfalls auf Wanderschaft zum Objekt ihrer Begierde, umfassten es, massierten es, während sie vor Lust und Verlangen zum schnurren begann. “Ich könnte hier ewig mit dir bleiben.” raunte er, während er ihr einen tiefen Blick schenkte. “Mir geht es genauso…” hauchte Aen. “Bis meine Eier aussehen wie Korinthen…” Aen kicherte, und nahm besagtes Körperteil prüfend in ihre Hand und wog es im Wasser auf und ab. “Scheint noch alles in Ordnung damit zu sein…” meinte sie. “Wenn du den Winter hier in Lanyamere bleiben willst, bleiben wir. Und im Frühling sehen wir dann, wohin uns der Wind weht.” Sie nickte zustimmend, während sie in Gedanken längst woanders war , umfing seine Hüften und zog ihn an die ihren heran. Sie spürte sein hartes Gemächt an ihrer Scham und ihr entfuhr ein lüsternes Stöhnen. “Gehen wir da rüber…” flüsterte sie, und ließ sich von ihm durch das Wasser in eine dünklere Ecke tragen, wo sie ein wenig ungestörter waren. Im Wasser war es ein Leichtes, ihn mit ihren Beinen zu umschlingen, seinen Hals zu liebkosen, und ihn durch eine kleine Bewegung ihres Beckens in sich gleiten zu lassen. Sie blickte ihm tief in die Augen, als er in sie eindrang und ein leises Seufzen entkam ihr. Das Wasser wurde sacht aufgewühlt unter seinen Bewegungen. Sie bekam einfach nicht genug von diesem Mann! Es war immer noch Morgen und sie liebten sich bereits zum zweiten Mal. Wenn sie an diesem Tag nichts mehr weiter vor hätten, dann würde sie wohl in der Schenke gleich nochmal über ihr herfallen. Und dann war erst Mittag… Wie konnte er nur Zweifel an ihr hegen? Es lief doch wunderbar zwischen ihnen! Sie verstanden sich mit, aber auch ohne Worte. Spürte er nicht, was sie für ihn empfand? Ging ihm das nicht in den Kopf? Das lüsterne Treiben fand ein jähes Ende, als plötzlich ein Badeknecht am Beckenrand stand und ihnen Einhalt gebot. Da half kein Protestieren, dass es in der untersten Schicht noch toller zugehen mochte, und dass sie wohl kaum die Einzigen wären, die das je getan hatten und täten. Er forderte sie auf, das Becken zu verlassen, sich anzukleiden, ihre Sachen zu packen. Wenig später fanden sie sich wieder auf der kalten Straße wieder. Ein wenig missmutig, gestört und rausgeworfen worden zu sein, aber dennoch war Aenaeris amüsiert. Da es ohnehin so kalt war, beschlossen die beiden, zurück in die Schenke zu gehen, selbst dieses kurze Bad hatte die Arcanierin müde gemacht, so dass sie nichts gegen einen kleinen Mittagsschlaf hatte. Im Gegensatz zu Caradan, stutzte sie nicht, als ein Mann sie mit seiner Stimme aufhielt. Woher sollte sie schließlich auch wissen, dass das etwas ungewöhnliches sein sollte? Immerhin war Lanyamere Caradans Heimatstadt, und dass er hier Leute kannte, war nicht weiter ungewöhnlich. Doch Caradans Reaktion war ungewöhnlich, so dass die junge Frau die im Laufe der Zeit gelernt hatte, bei der kleinsten ungewöhnlichen Reaktion ihrer Gefährten in Alarmbereitschaft zu sein, unwillkürlich den Atem anhielt und sich ebenso umwandte. “Mein Dienstherr wünscht eine Unterredung.” sprach er und wies auf die auffällige schwarze Kutsche die sie vorhin schon bemerkt hatte, denn so eine Kutsche war in der Tat etwas höchst außergewöhnliches. Caradan stieg nach einer kurzen Weile schließlich in die Kutsche und Aen folgte ihm und setzte sich neben ihm hin. In einer anderen Situation wäre sie sicherlich aufgeregt gewesen, da sie noch nie in einer Kutsche gesessen hatte, aber jetzt war sie eher angespannt, da Caradan augenscheinlich ebenso ahnungslos war wie sie. Ihr Gegenüber sorgte auch nicht unbedingt für eine heimelige Atmosphäre. Kurz und gut… eine unangenehme Diskussion mit vielen unterschwelligen Drohungen folgte, und dann schließlich eine Überraschung. Schon wieder sollten sie den Kerl aus den Fängen der Inquisition befreien. Am meisten überraschend war das Netz, das sich in dieser Stadt zu spannen schien. Nur weil sie bei Remus gewesen waren, nur weil Caradan das Bordell aufgesucht hatte, hing ihnen jetzt noch die Inquisition an der Backe. Und wer über die Inquisition Bescheid wusste, der wusste, dass man sie nicht mehr losward, wenn sie einen einmal im Visier hatte.

“Ihr solltet Euch an Euren Liebhaber halten, Liebes. Er weiß wie großzügig die Inquisition sein kann.” ließ er sie noch wissen, bevor sie aus der Kutsche steigen konnte. “Mir ist nichts an Reichtum gelegen, ich will nur ins Bett mit ihm…” entgegnete Aen auf diese Worte frech, und nicht weniger barsch. Als ob sie es nötig hätte! Der Kerl hielt ihre Hand fest und drehte die junge Frau ein wenig hin und her. “Ach so? Aber wie man deutlich sehen kann, an kostbaren Stoffen und Geschmeide ist Euch gelegen. Um das, was darinnen steckt, ein wenig aufzupolieren, ist es nicht so? Sonst würdet ihr wohl kaum Kleider tragen, deren Farben, Schnitt und Material für euren geringen Stand mehr als nur unpassend sind. Aber wie ich bereits sagte, die Inquisition kann sehr großzügig sein. Freifrau von Edoris. Wie klingt das?” lächelte er süffisant. “Das klingt mir, gemessen am Gefallen, nach etwas zuviel Großzügig” gab sie zurück. “Aber keinesfalls unmöglich.” “Remus kann mir ebenso ein Dokument ausstellen, auf dem ‘Freifrau von Hier und da’ steht, und der Preis dafür ist weitaus geringer.” “Und gibt Euch Remus auch ein leerstehendes Herrenhaus samt Wald und Flur und Bediensteten dazu?” Aen schnaubte wütend. Wütend, weil das Angebot verlockend war, und sie das durchaus interessant fand. “Jedermann weiß, dass man sich nicht mit der Inquisition einlässt.” “Falsch, mein Liebchen. Ihr habt Euch mit ihr längst eingelassen. Und jedermann weiß, dass man die Inquisition nicht fallen lässt, wenn man sich mit ihr eingelassen hat.” “Als ob ich so ein Angebot annehmen würde…” hielt sie dagegen. “Noch niemand hat so ein Angebot abgelehnt. Und jetzt geht, es zieht kalt herein…” Damit schubste er sie aus der Kutsche, sodass sie beinahe ins Stolpern kam. Die Türe wurde zugeklappt und die Kutsche setzte sich bereits in Bewegung. Eine Weile sah die junge Frau der Kutsche hinterher, die sich immer mehr entfernte und bald in der Dunkelheit der Gasse verschwand und nur das vom Schnee gedämpfte Klappern der Pferdehufe zurückließ. Dann blickte sie Caradan fragend an, denn noch immer nicht verstand sie die Zusammenhänge dieser Geschichte. “Hör nicht auf ihn. Dieser Drenndorf hat mich genau so gezwungen wie diese Fotze! Hat mir Absolution versprochen.” “Als ob…” brummte Aen zurück.

“Hier bedient euch…” bot der Hüne vom Vorabend den beiden eine Schale mit Walnüssen an. Während Caradan zugriff, schlug Aen das Angebot schweigend aus. Sie mochte keine Walnüsse. Sie waren ihr zu bitter, ließen sich nur mühsam zerkauen und hinterließen zwischen den Zähnen stets einen bitteren, krümeligen Brei. Da sie von Caradans Machenschaften, die er ihr noch nicht erklärt hatte, immer noch keine Ahnung hatte, schwieg sie, und überließ Caradan das Reden. Es war nur ein kurzes Gespräch, bevor er sie wieder auf die Straße scheuchte. Die Bedingungen klangen nicht besonders vielversprechend. Es gab nur eine Möglichkeit. Nicht versagen. Der Kerl aus der Kutsche hatte das klar gemacht. Versagen bedeutete, ihn zum Feind zu haben. Und wer auch immer er war, er gehörte zur Inquisition. Diesen Magi, so hatte er sich vorgestellt, würde sie umbringen, wenn es nicht nach seinen Wünschen lief. Ha! Das sagte er nur, weil er sie beide nicht kannte. Weil er Aen nicht kannte. Er hatte keine Ahnung, wer oder was sie war. Was sie besaß! Sie besaß nur nicht mehr viele Kugeln. Aber das war kein Problem, die konnte sie sich bei einem Schmied geradezu für lau gießen lassen. Von so einem Kerl würde sie sich ganz bestimmt nicht umbringen lassen! “Ich hab da ein ganz mieses Gefühl” brach Caradan das Schweigen, dann lächelte er sie unerwarteter Weise an. “Da dachte ich, ich hab endlich alles Glück der Welt im Schoße liegen, da passiert sowas.” Aen zuckte ungerührt die Schultern. “Du machst dir zuviele Gedanken, und zuviele Sorgen. Wenn es nicht so läuft, wie es laufen soll, dann hauen wir einfach ab. Wer sollte uns denn schon aufhalten? Wer sollte es aufhalten?” Sie tätschelte das Feuerrohr an ihrem Gürtel. “Also in der Schenke sitzt ein Mann, der ein offenes Ohr für unsere Wünsche in diesem Vorhaben hat? Wieso befreit er dann nicht diesen… wie hieß er nochmal… Kerl..? Das ist typisch. Etwas wollen, aber nicht bereit sein, sich dafür die Hände schmutzig zu machen. Dafür gibt es Leute wie uns, die man damit behelligen kann… Würde mich mal sehr interessieren, wer der Kerl ist, dass die da alle so einen Aufriss drum machen… das Geld keine Rolle spielt... Und ich persönlich bin ja kin Freund von Überfällen im Dunkel der Nacht. Das ist etwas für Feiglinge. Und Idioten. Nun ja, sei es wie es sei… lass uns zurück zur Schenke gehen.

Wenig später saßen sie wieder in ihrer Schenke, auf der Bank neben der Feuerstelle. Aen hatte sich ihr, vom Badehaus immer noch nasses Haar, aufgelöst, und ließ es, über ihre Schultern und den Rücken wallend, trocknen, während sie ihre Stiefel abgestreift hatte, und es sich mit ihren Füßen auf Caradans Knien bequem gemacht hatte, und sich von ihm die nackten, kalten Waden streicheln ließ. In ihrem Schoß ruhten ihre Hände, die einen Humpen warmen Stachelbier hielten. Sie blickte sich um, um den Kerl zu entdecken, den zu ihrer Seite stellen man ihnen versprochen hatte. Ganz hinten im Schankraum saß ein Kerl, der sie beobachtete, aber wie oft traf man in Gasthäusern auf zwielichtige Gestalten, die einen anglotzten? Aen konnte ihn in der dunklen Ecke nicht erkennen, sah lediglich das Funkeln der Augen, in welchen sich die Flammen der Talglichter spiegelten, doch sie begann den Kerl nicht minder zu beobachten, um ihn vielleicht dazu zu bringen, seinen Arsch zu erheben und zu ihnen rüber zu tragen. Und wirklich, als hätte er ihre Gedanken gelesen, erhob er sich, und steuerte auf sie zu. Aen musste den Kopf in den Nacken legen, als er vor ihnen stand. Ein großer, breiter blonder Hüne mit blitzblauen Augen. Würde er sich einen Vollbart wachsen lassen, dann hätte sie denken können, dass Thero vor ihr stand. So ähnlich hatte er wohl ausgesehen, als seine Augen von dem Fluch noch nicht raubtierhaft verfärbt gewesen waren. Er musterte die beiden lange und ausgiebig. “Also ihr seid die Beiden, von denen Magi mir erzählt hat?” Aen nickte mit dem Kopf und er ließ sich auf der Bank neben ihr nieder, dass diese erzitterte. “Ihr seht mir nicht so aus. Was hat sich Lepos nur dabei gedacht?” Dann streckte er ihnen mit einer schwungvollen, beherzten Geste die Hand entgegen und schüttelte ihnen die Hände. Ein echter Knochenbrecher. “Ich bin Theobald. Aber den Namen kann ich nicht leiden, also Theo. Und ihr seid…?” “Aen…” stellte sich die junge Frau vor. Innerlich fühlte sie sich ein wenig angespannt, und sie wagte es nicht, Caradan anzusehen. Ob er dasselbe dachte, wie sie, ohne zu wissen, wie Thero aussah? Sie versuchte sich, nichts anmerken zu lassen und begann ein belangloses Gespräch “Also du bist jener, der uns tatkräftig zur Seite steht, ja?” Er nickte und hob die Hand um den Wirten auf sich aufmerksam zu machen. “Joh, das bin ich wohl.” “und du kannst uns auch mehr erzählen, was wir wissen müssen? Denn das ist bisher nicht so viel…” gab sie zu. “Was müsst ihr denn wissen?” “Nun” dämpfte sie ihre Stimme zum Schutz vor unerwünschten Zuhörern, “...wir sollen uns auf die Lauer legen an der Weststraße raus aus Lanyamere. Und dass diese Verlegung in der Nacht stattfinden soll. Und das ist auch schon alles. Wie jedermann weiß, beginnt die Nacht etwa zur achten, neunten, zehnten Stunde nach Mittag? Und dauert dann… hmm… bis zur dritten, vierten Stunde nach Mitternacht?” “Joh, so könnte man das wohl sagen.” “Nun, dann wirst du vielleicht merken, dass das ein ziemlich großes Zeitfenster ist. Dann wäre es auch noch interessant zu wissen, wie schwer bewacht diese Überstellung sein wird.” “Das kann ich nicht sagen. Ich kann auch nicht sagen, wann diese Verlegung vonstatten geht.” Aen runzelte die Brauen “Das ist nicht sehr hilfreich, weisst du?” “Joh, aber sieh es mal so. Kaum jemand wird bei diesen Wetterbedingungen nach Einbruch der Dunkelheit die Stadt verlassen…” Der Wirt trat an die drei heran und Theo bestellte sich ein Bier. Dann sprach er weiter “Also so gesehen könnt ihr davon ausgehen, dass wenn sich dann mal ein Wagen erblicken lässt, es dieser Wagen sein müsste.” Er grinste, doch Aen war nicht nach lachen zumute. “Gut, ich fasse dann mal zusammen. Wir müssen uns bei dieser Arschkälte in der Pampa auf die Lauer legen, warten warten warten, das selbstverständlich ohne wärmendes Feuer, und wenn wir dann kältestarr, klamm, blau gefroren sind, müssen wir einen Wagen überfallen, eine nicht bekannte Anzahl an Männern überwältigen um einen Kerl zu befreien. Seh ich das richtig so?” Er grinste erneut, tat das aber so charmant, dass sie ihm kaum böse sein konnte. “Das klingt so in etwa richtig.” Sie schnaubte aus “Das ist Scheisse. Es gibt doch sicher bessere Wege. Und warum wir? Es wird da wohl bessere Haudegen für geben. Du sagst doch selbst, wir sehen nicht so aus. Ist das nicht ein Risiko für euch?” “Ich habe eine Ahnung, was sich Lepos dabei denkt” Dann hüstelte er und Aen hob eine Augenbraue “Lepos also? Lepos wer?” “Scht! Das is mir rausgerutscht!” “Zum zweiten Male…” erinnerte ihn Aen und hob einen Zeigefinger in sein Gesicht.” “Achso? Is mir nicht aufgefallen” grinste er und kratzte sich am Hinterkopf. Der Wrt brachte sein Bier und Theo nahm es entgegen und trank direkt die Hälfte weg. Dann wischte er sich den Schaum von der Oberlippe. “Aber ich sag mal so. Wenn ihr plaudert, dass ich mich verplaudert habe, wäre das nicht gut für euch.” Aen winkte ab “Jaja, dann bringst du uns um, das haben wir nun schon zur Genüge gehört. Das macht mir keine Angst” “Das sollte es aber. Denkt ihr die Inquisition macht kurzen Prozess? Das wäre dann wohl ein langes qualvolles Sterben… Und ich meine, es wäre ja wirklich schade. Um ihn nicht so…” nickte er in Caradans Richtung “Aber du, du bist ein hübsches Ding. Gefällst mir. Ich würde dich nur ungerne zur Inqusition schleifen” Aen zuckte die Schultern “Dann tus einfach nicht.” Er seufzte “Ein Mann muss manchmal tun, was er nicht tun will.” “Vermutlich…” murmelte Aen.
Nach einer Weile des Schweigens nahm Aen ihre Beine von Caradans Knien und erhob sich. Dieser Kerl war nicht einmal annähernd nützlich. “Wir werden uns jetzt mal vorbereiten” erklärte sie und nahm Caradan bei der Hand, um in ihr Zimmer zu gehen. Dort angelangt, suchte sie sich alles mögliche zusammen, was wärmen würde. Fellstreifen, mit denen sie sich die Stiefel ausstopfen würde, Wollbeinlinge, Ein Fuchsfell für Nacken und Hals, und den warmen Wollmantel. Als sie das alles beisammen hatte, wandte sie sich an Caradan. “Das wird kein Spaziergang werden. Es wäre alles leichter, wenn wir nicht in Arcanis wären, und nicht die Inquisition im Nacken hätten.” Dann könnte sie das Feuerrohr ohne Bedenken benutzen. Aber die verrückten Arcanier durften um keinen Fall von dieser Wunderwaffe Kenntnis erhalten. Schließlich umfing sie seine Hüfte und meinte “Bei solchen Angelegenheiten kann eine Menge schief gehen. Das wissen wir wohl beide. Ich wünschte, wir müssten das nicht tun. Mir wäre lieber, wir würden so wie du gesagt hast, den Winter hier in Lanyamere aussitzen und dann im Frühjahr sehen, wohin es uns treibt. So oder so wird das alles ändern, egal wie es ausgeht.” Sie gab ihm einen sanften Kuss, dann legte sie den Kopf schief. “Lass uns hier beenden, was wir im Badehaus begonnen haben. Wenigstens das noch…”

Als die Dunkelheit hereingebrochen war, waren sie bereit. Sie verließen die Schenke und liefen durch die Stadt gen Westen, wo sich ebenso die besagte Straße befand. Sie schätzten ungefähr die beste Entfernung zur Stadt. Hier wuchsen viele Hecken, die schneebedeckt waren, doch die Hecken brachten keinen rechten Nutzen. Man konnte sich zwar dahinter verstecken, doch sich im Stockdunklen hinter einer Hecke zu verstecken, war ebenso nützlich und sinnvoll wie zu versuchen, ein Inferno mit seinem Atem ersticken zu wollen. Ein wenig abseits der Straße bauten sie sich aus dem Schnee eine kleine dicke Mauer, die wohl als Sichtschutz fungieren konnte, in erster Linie aber dazu da war sich dagegen zu lehnen, um ein wenig ‘bequemer’ abzuwarten. Der dicht wolkenverhangene Himmel ließ keinen Schimmer Mondlicht durch, und der Schnee dämpfte jedwedes Geräusch, als wäre die Welt in Watte gepackt. Sie saßen einfach nur da in der Dunkelheit, aneinander gelehnt, Caradan hatte seinen Arm um sie gelegt und Aen lauschte ihrem Atem. Ab und zu sprachen sie miteinander, über die ungefähre Vorgehensweise, aber so wirklich auf einen grünen Zweig kamen sie nicht. So war das mit Aufträgen über die man keine wirklichen Informationen hatte. “Wenn ich das hier überlebe, dann schwöre ich, finde ich alles über diesen Lepos heraus.” grollte die Arcanierin, und rieb sich mit den Händen über ihre Arme. Es waren gefühlte Stunden vergangen, und so warm konnte man sich gar nicht einkleiden, dass man nicht doch irgendwann zu frieren begann, weil einem die Kälte hinterhältig in die Gebeine kroch. Aen war müde, nickte an Caradas Schulter ein, und wäre wohl in dieser Scheisskälte erfroren, wenn er sich nicht mit einem plötzlichen Ruck bewegte. “Ich höre etwas!” zischte er und die Arcanierin war mit einem Mal schlagartig wach und sprang auf. In der Dunkelheit war von weitem ein Lichtpunkt zu erkennen, der langsam näher kam....
Well, they say that we are tragic, and they say we're born to lose
You're the misfit, i'm the sinner, you're the heathen, i'm the fool
But today you'll be the master or the slave, it's up to you,
Oh my beautiful disaster take me anywhere you choose...

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