Die Stadt der Diebe

Die zwei vor Jahrhunderten in Kleinkönigreiche zerfallenen Nordreiche östlich der Wilden Lande.
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Aenaeris
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Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Do, 02. Mai 2019 11:49

Aen blickte Caradan nach, der auf seinem Pferd reitend, immer kleiner wurde, bis er am Horizont verschwand. Ihr Herz hämmerte ihr bis an den Hals, ihre Augen waren heiss, doch trocken und sie konnte, nein, sie wollte nicht glauben, was da eben passiert war. Doch sie musste sich nur nach dem Leichnam Theos umdrehen um den Beweis zu finden, dass alles kein furchtbarer Alptraum war. Ihre Hände waren klebrig von Theos Blut, und sie selbst war voller Blut, Knochensplittern, Hirnmasse und sonstigem, was sie nicht näher betrachten wollte. Caradan hatte völlig den Verstand verloren. So musste es sein. Anders war es nicht zu erklären. Erst führte er sie Theo zu, dann erschoss er ihn, und dann hatte er sie noch genommen. Nur weil sie sich nicht gewehrt hatte, nicht fähig dazu gewesen war, nicht nein gesagt hatte, so hieß das nicht, dass es gewollt gewesen war. Aen wandte sich um zu dem Leichnam, sich an Caradans Worte erinnernd ‘Wenn du wissen willst, was er für ein Mensch war, durchsuche seinen Mantel, nach dem Brief von Lepos.’ Aen kniete sich nieder, durchwühlte die inneren und äußeren Taschen seines Mantels. Fand einen kleinen Geldbeutel, eine kleine äußerst vage Karte von Arcanis auf einem Stück Tierhaut, und einen zusammengefalteten Bogen Pergament, welchen sie mit zitternden Händen entfaltete und zu lesen begann. Sie überflog die Zeilen die so viel und wieder gar keinen Sinn machten. Ausliefern, wenn sie versagten, Caradan töten, wenn sie Erfolg hätten. Was zum Henker sollte das bedeuten? Warum sie nicht töten? Was sollte mit ihr geschehen? Warum aber hatte er ihn nicht getötet? Ihretwegen? Aus einem anderen Grund? Warum wusste Caradan davon? Und warum hatte ihr niemand etwas gesagt? Caradan nicht, und auch Theo nicht. Sie verstand die Welt nicht mehr. Und ihr Verstand arbeitete im Moment sowieso nicht. Sie stand heftig unter Schock. Aen überlegte fieberhaft, wie es jetzt weitergehen sollte. Nichts war unter ihren Habseligkeiten, was sich zum graben eignete. Darüber hinaus waren die Böden steinhart gefroren. An beerdigen war daher nicht zu denken. Das wollte sie nun auch gar nicht mehr. Sie war fertig. Fertig mit Theo, fertig mit Caradan. Sollten sich die Krähen an seinem Leichnam laben. Aen steckte Theos Geldbeutel ein und die kleine unzureichende Karte, ging zu ihrem Pferd, saß auf und starrte in die weite flache schneebedeckte Ebene Arcanis’. Eine ganze Weile saß sie da, während ihr Pferd geduldig wartete und sich hin und wieder umblickte. Aen starrte in die weite Ferne, als könne ihr etwas den Weg weisen. Wohin nur? Wohin sollte sie gehen? Sie wollten nach Aramad reiten. Dass das nun nicht mehr ihr Ziel war, lag klar auf der Hand. Sie lenkte das Pferd in eine Richtung, trat ihre Fersen in die Flanken und schnalzte mit der Zuge. Die Stute setzte sich in Bewegung, in gemächlichen Trab.

Aen ritt bis zum Abend, bis die Sonne unterging und die unbewaldete Ebene dieses brachen schneebedeckten Landes in glutrotes Licht tauchte. Aen machte sich keine Gedanken darüber wie sie hier überleben sollte. Sie hatte Winternächte in den wilden Landen überlebt. Sie hatte Winternächte in Mérindar überlebt mit Silvar. Sie wusste, was es darüber zu wisen gab. Sie war eine Kämpferin, sie war wie Unkraut, wie Löwenzahn. Nicht auszurotten, nicht so leicht umzubringen. Mochte auch alles in ihr betäubt oder gestorben sein, ihr Lebenswille war es nicht. Unter dichten Berberitzenhecken, die immergrün waren, fand sie, zusammengerollt in ihrem Mantel Schutz vor eisigen Winden, das Pferd fand, neben kleinen genügsamen Pflänzchen die am schneelosen Boden unter den Hecken wuchsen Nahrung, auch wenn es ihm ganz offensichtlich nicht schmeckte, den Berberitzenbusch abzugrasen, aber so war das im Winter, man musste nehmen, was man bekam, das wusste das Pferd genauso gut, wie der Mensch. Als sie am nächsten Tag erwachte, war sie immer noch so monoton und mechanisch. Sie tat die wenigen Handgriffe die getan werden mussten, stopfte dem Pferd Schnee ins Maul dass es Flüssigkeit bekam, aß selbst Schnee, pflückte vom Strauch Berberitzen, die sauer und herb schmeckten, aber besser als gar nichts waren, und dann stieg sie wieder auf und trieb ihr Pferd den ganzen Tag an. Sie dachte jede Minute ihres Seins an Caradan, der sie so bestraft, gedemütigt und verlassen hatte. Sie dachte an Theo, dem sie zunächst nicht böse sein konnte, den sie aber gleichzeitig mit jeder Faser ihres Herzens zu verachten begann. Denn sie erkannte mittlerweile, dass seine Worte und seine Taten völlig konträr waren. Er hatte geschworen sie wie eine Schwester zu behandeln. Alleine dieser Umstand war etwas gewesen, das ihm nicht zugestanden hatte. Doch er hatte es schlau gemacht. Er war nicht auf eine offene Konfrontation gegangen, sondern heimlich still und leise, aber stets, eine Mauer aufgebaut zwischen Aen und Caradan, und sie hatte es nicht erkannt. Sie hatte ihn als ihren einzigen Freund und Vertrauten und verbotenen Liebhaber angesehen, und dabei war es Caradan gewesen, der als dies bereits gewesen war. Sehr wahrscheinlich war es ihre Schuld gewesen, dass er völlig durchgedreht war. Sie hatte ihm das Herz rausgerissen, es gequält und es dann an Theo weitergereicht, damit er damit spielen und es weiter misshandeln konnte.

Als sie das arcanisch-mérindarische Grenzgebiet erreichte, fand sie einen Tempel. Sie war froh, dass sie sich mit den arcanisch religiösen Gepflogenheiten so gut auskannte. Denn wer in einem Tempel um Asyl ansuchte, um Beistand Janus und Idalias bat, dem durfte kein Leid widerfahren. Er erhielt Nahrung, eine Schlafstatt und Glaubensbeistand. Letzteres wäre etwas gewesen, worauf die Arcanierin gut und gerne verzichten hätte können, aber man konnte nicht das Brot nehmen und das Gebet ablehnen. Aen hatte das gar nicht so unwahrscheinliche Glück, dass im Winter hier kaum jemand vorbeikam, der Trost oder Zuflucht in einem Tempel suchte. So war sie alleine mit dem Priester und der Priesterin, nebst zwei Asketen oder Aschesängern, die sich nur zu gerne der jungen Frau annahmen, denn alleine ihr Äußeres war besorgniserregend und Neugierde erregend. Nachdem Aen sich hatte waschen dürfen und eine karge Mahlzeit erhalten hatte, trat ein Priester zu ihr. “Bedrückt dich etwas, Tochter Idalias?” Aen schluckte schwer. Und wie! Ein ganzes Felsmassiv lag auf ihrem Herzen, das ihr für gewöhnlich auf der Zunge lag. Dieses Felsmassiv lähmte Herz und Zunge, und selbst wenn sie gewollt hätte, sie konnte nicht beichten oder reden. Dabei hätte sie so viel zu beichten gehabt. “Du willst nicht reden?” blickte der Priester sie forschend an. Gütig, aber auch auch maßregelnd. “Ich kann nicht…” flüsterte Aen heiser. “Aber ich bitte um einen Aschesänger…” “Du willst mit einem Priester nicht sprechen, aber mit einem Aschesänger?” fragte er ungläubig. Aen nickte. “Nun gut… folge mir…” meinte der Priester mit einer lapidaren Handbewegung. “Ich bringe dich zu ihm” Der Priester führte die ehemalige Novizin in einen karg ausgestatten Raum, der von Räucherharzen geschwängert war. In der Mitte des Raumes saß ein Mann in einer einfachen Kutte, im Schneidersitz, er schien zu meditieren. Als der Priester mit Aen den Raum betrat, öffnete er die Augen. “Sie möchte mit dir sprechen” meinte der Priester schulterzuckend und verließ den Raum wieder. Eine Weile starrte der Aschesänger die junge Frau an, ohne ein Wort zu sagen, nur hin und wieder blinzelte er. Nach eine Weile bewegte sich Aen auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und nahm seine Hand. “Ich habe so schwer gesündigt. Ich habe so viel Schuld auf mich geladen, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Ich kann nicht essen, ich kann nicht mehr schlafen. Mich plagen Alpträume wenn ich die Augen schließe.” “Was soll ich für dich tun? Hast du Trost und Hilfe im Gebet gesucht?” Aen schüttelte den Kopf “Ich kann nicht beten, ich kann es nicht mehr. Aber ich brauche Hilfe.” “Und was soll ich tun? Wie soll ich dir helfen?” “Du bist doch ein Aschesänger oder nicht? Geißle mich, läutere mich. Schmerzen als Weg zu Buße und Vergebung. So ist es doch?” Er nickte. “Dann mache dich frei und setze dich hierher.” Aen nickte und zog sich das Kleid aus, kniete sich wie geheißen vor die Wand, an der zwei Seile angebracht waren, in die jeweils ein dicker, speckig abgewetzter Knoten war. “Bist du bereit, den Weg zur Vergebung zu gehen?” fragte der Aschesänger. “Ja” flüsterte Aen. “Gut. Zehn Peitschenhiebe zur Buße und zur vergebung deiner Sünden.” Der Aschesänger entrollte eine Lederpeitsche und stellte sich auf. Dann hob er die Peitsche und der erste Hieb traf Aen am Rücken und hinterließ einen dunkelroten Striemen. Sie presste fest die Lippen aufeinander und umklammerte die Knoten der Seile und ein Zucken ging durch ihren Körper. Der zweite Peitschenhieb ging hernieder und bildete unter ihrem weiterhin zuckenden Körper ein dunkelrotes Kreuz zusammen mit dem ersten Striemen. Aen stöhnte in sich hinein, und ihr Atem ging schneller, noch ehe sie sich darauf vorbereiten konnte, schlug er erneut zu. Der dritte Peitschenhieb traf sie an der Schulter, und riss die Haut auf, wo der Lederstriemen das Schulterblatt getroffen hatte. Aen keuchte atemlos und wimmerte schmerzerfüllt und extrem beherrscht auf. Nach dem vierten und fünften Peitschenhieb brach ihr der Schweiß aus allen Poren, während ihr die Tränen in die Augen stiegen und sie zitterte. Nach dem sechsten Hieb hatte sich schon ein grausam anzusehendes Zusammenspiel der dunkelroten Striemen gebildet und ein wenig Blut sickerte da und dort aus den Striemen und ein wenig zerfetzte Haut hing von den Wundrändern herab. Beim siebten Schlag drohte die Arcanierin ohnmächtig zu werden vom Schmerz. Aber sie sagte sich, dass es ihr helfen würde. Dass es sie läutern würde und frei machen würde von der Sünde und dem Leid, das sie verursacht und selbst erfahren hatte. Der achte Hieb ging mit solcher Wucht auf den Rücken hernieder und grub sich in das Fleisch. Jetzt schrie Aen laut und schmerzerfüllt auf. Beim neunten Schlag rief sie Janus um Vergebung an. Beim zehnten bat sie Idalia um Hilfe und Beistand. Es war geschafft. Der Aschesänger murmelte ein Gebet und verließ den Raum. Sie hatte keine Kraft mehr, sich in das Seil zu krallen, und ließ sich einfach auf die Seite fallen. Ihr Rücken schmerzte und brannte, der Schmerz pulsierte. Die Tränen liefen nun, dem Schmerz wars geschuldet oder gedankt, ganz nachdem wie man es eben sah, wie von selbst. Rotz lief ihr aus der Nase, vermischte sich mit den Tränen, und ob sie es zugeben wollte, oder nicht, nach dem gewaltigen Schrei des achten Schlag hatte sie sich eingenässt. Blut lief aus den Wunden am Rücken, es war der achte Schlag gewesen, der das Fleisch aufgerissen hatte, und nun eine hässliche klaffende Wunde offenbarte. Da lag sie nun, nackt, elend, verwundet, körperlich wie auch seelisch, und konnte nicht behaupten, dass sie sich jetzt besser fühlte. Im Gegenteil. Später versorgte man ihre Wunden rudimentär, wies ihr einen Schlafplatz zu und Aen fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Tag verließ sie, immerhin geläutert, aber dennoch elend, den Tempel, ritt über die andiriendarische Waldebene, Richtung Rutarodin. Jene Stadt, in die sie Silvar kennengelernt hatte. Für einen kurzen Augenblick überlegte sie, ob sie das ‘Eulennest’, Silvars Unterschlupf, aufsuchen sollte. Aber ich wagte es nicht. Sie fürchtete sich davor, was sie dort vorfinden würde. Ob er dort wieder lebte. Und so schlug sie einen großen Haken darum und ritt durch die zahlreichen Vororte Rutarodins, wo es, manchmal nur einen Steinwurf vom nächsten entfernt, zahlreiche Bauernhöfe gab. Aen hatte keine Kraft mehr. Sie hatte starke Schmerzen, war von Schüttelfrost und Hitzewallungen erfüllt, sehr wahrscheinlich hatten sich die Wunden auch entzündet. Die tagelange Nahrungsverweigerung und die mangelnden Flüssigkeitsaufnahme forderten ihren Tribut. Ihren Stolz hatte sie vermutlich im Tempel zurückgelassen. Die junge Frau stieg ab, führte ihr Pferd am Zügel, wo schon die misstrauischen wie auch neugierigen Bauersleute in der Türe standen und sie anglotzten. “Was willst du?” schnauzte der Bauer sie an, und das war zuviel für die Arcanierin. Der scharfe Ton öffnete alle Schleusen und sie begann heftig zu schreien und zu weinen, bevor sie auch nur ein Wort hatte sagen können. Sie fiel auf Knien in den Schnee, und bevor die Bauersfrau auf sie zusprang, gab sie ihrem Mann einen empörten Stoß in die Rippen. Sie brachte Aen ins Haus, ließ sie an den Tisch setzen, schenkte ihr einen scharfen Branntwein ein, und setzte sie sich zu ihr, verschränkte die Arme am Tisch und blickte Aen forschend an und wartete bis sie sich wieder beruhigt, und vor allem den Schnaps getrunken hatte. “Was ist dir nur widerfahren?” fragte die Frau, die Aen von oben bis unten gemustert hatte. Es dauerte noch mehrere Stunden, bis Aen endlich reden konnte. Aber dann redete sie. Die Bauersfrau, Leneja, war so mütterlich und fürsorglich, dass es Aen bis ins innerste ihres Herzens wohltat. Niemand hatte ihr dieses Gefühl geben können. Zuletzt nicht einmal mehr Caradan, von Theo ganz zu schweigen. Sie vertraute sich Leneja an, erzählte ihr alles was es zu erzählen gab, alles offen und ehrlich und ungeschönt. Was sie getan hatte mit und ohne Starrkraut, mit und ohne Alkohol, mit Caradan, mit Theo, was Theo getan hatte, was Caradan getan hatte, was sie im Tempel hatte durchführen lassen. Leneja war entsetzt, aber verständnisvoll. Sie bot ihr an, dass Aen bei ihnen blieb, eine helfende Hand war auf einem Bauernhof immer höchst willkommen, und Aen nahm dieses Angebot nur zu gerne an. Die Bauersleute pflegten die junge Frau gesund, und die harte Arbeit im Jahreskreis, im Haus, am Hof, am Feld, in den Wiesen und Wäldern halfen, ihre seelischen Wunden zu heilen. Es gelang ihr, Theo in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins zu drängen, wo sie ihn war niemals vergessen würde, aber wo er ihr gleichgültig geworden war, jene Gleichgültigkeit die man für jemanden empfand, den zu hassen es sich nicht lohnte. Aber bei Caradan gelang ihr das nicht. Zwar legte sie den silbernen Schlangenring, den er ihr geschenkt hatte ab, weil er bei der Arbeit hinderlich war, doch sie trug ihn an einem Lederband um den Hals, weil es das einzige war, das ihr von ihm noch geblieben war. Spätestens am Abend, wenn sie sich von der harten Arbeit auf ihrem Strohlager ausruhte und auf den Schlaf wartete, dachte sie sehnsüchtig an ihn. Manchmal, wenn sie in lauen Sommernächten nicht schlafen konnte, setzte sie sich vor dem Hof auf die wackelige Holzbank, starrte in den mit Sternen bedeckten Himmel und dachte an ihn. Sah sie eine Sternschnuppe, wünschte sie sich, ihn wieder zu treffen. Sie wünschte sich dass er ihr vergeben würde, weil er sie immer noch liebte und brauchte, so wie sie ihn immer noch liebte und brauchte. Im Sommer kannte man Aen, die Fremde, an sämtlichen Höfen, und man redete über die junge hübsche Frau, wie man es in Käffern, wo nie etwas passierte, eben tat. Es gab einige hübsche und auch weniger hübsche Männer, die Gefallen an Aen fanden, die um sie buhlten und freiten. Doch davon wollte Aen nichts wissen. Das Feuer ihrer verlorenen Liebe loderte und brannte immer noch in ihrem Inneren, es zehrte an ihr, nahm ihr Lebensfreude und das Interesse an jedem Mann.

Über ein Jahr ging ins Land. Es war der siebte Mond des Jahres. Das Korn war geschnitten, die Feldfrüchte geerntet, die Mahd des zweiten Schnitt des Jahres trocknete auf den Wiesen, es war heiß, die Arbeit war getan, und es war die Zeit gekommen, wo jedermann aufatmen konnte, und sich für wenige Wochen von der harten Arbeit ausruhte, bevor die Arbeit für den Winter erneut begann. Aen hatte sich in dem einen Jahr gut erholt. Sie hatte, dank Lenejas Kochkünsten an den richtigen Stellen ein wenig zugenommen, die Arbeit hatte ihren Körper an den richtigen Stellen geformt, die Arbeit unter der Sonne hatte ihre Haut gebräunt, und das Haar ein wenig aufgehellt, sodass es nicht mehr ganz so dunkelbraun war, aber nichts von seinem rötlichen Schimmer verloren hatte, im Gegenteil. Die Spuren des Kummers in ihrem Gesicht waren verschwunden, wenngleich auch der Glanz in ihren Augen ein wenig verblasst war. Sie sah gesund aus, und so fühlte sie sich auch. Aen konnte sagen, dass sie zufrieden war. Es fehlte etwas zu ihrer vollsten Zufriedenheit. Aber wie hatte Theo immer gesagt? “So ist das mit den Wünschen, man bekommt nicht immer, was man sich wünscht.” Sie war unter Lenejas Führung und Lehren ein wenig weiser, weniger naiver und auch ernster geworden. Sie hatte einen Blick für das Wesentliche entwickelt. Man konnte sagen, sie war reifer geworden. So saß sie mit der Bauersfrau auf der wackeligen Bank vor dem Hof und beide schwiegen. Die Luft war heiß und flimmernd, Bienen summten, Grillen zirpten, Sommerblumen blühten üppig und verströmten ihren betörenden Duft, dass einem ganz schwindelig davon werden konnte. Leneja legte ihre Hand auf Aens Oberschenkel und drückte sie. “Ein Jahr bist du jetzt hier, Aen.” Die junge Frau nickte. “Die Zeit ist wie im Flug vergangen, und ich glaube, ich habe euch nicht einmal gedankt dafür, was ihr für mich getan habt. Ich glaube, das werde ich niemals zurückgeben können.” Ihre Augen wurden feucht bei diesen Worten. “Du denkst jeden Tag an ihn, oder?” Aen nickte. “Dann wird es jetzt Zeit für dich.” Aen blickte sie fragend an. “Es wird Zeit, dass du aufhörst, deine Zeit mit zwei alten Bauersleuten zu verschwenden. Du bist jung und schön. Und du machst alle Jungen Männer im Umkreis hier verrückt! Wie oft musste ich mir ihr Gejammere anhören, warum du niemandens Flehen erhörst. Schon alleine deswegen würde ich mir wünschen, dass du gehst…” Die Alte grinste und legte ihre Hand um Aens Schulter und drückte sie an sich. “Aber nein, ich wünschte, du würdest hier bleiben, und den Hof eines Tages übernehmen, als meie Tochter, die ich nie hatte. Aber du musst das tun, das du mir am ersten Tag unseres Kennenlernens erzähltest. Nach Aramad gehen. Ihn suchen. Aen schüttelte den Kopf. “Ich habe Angst, Lene… große Angst.” “Wovor hast du Angst, Aen?” “Davor, was mich erwartet, wenn ich ihn tatsächlich finde. Ich habe Angst dass er mich vergessen hat, dass er wütend auf mich ist oder mich verachtet, ich habe Angst was mich erwartet, weil ein Jahr ins Land gegangen ist. Dass er eine andere Frau gefunden hat.” Leneja zuckte die Schultern. “Das kann alles zutreffen und eintreffen. Aber wenn du es nicht versuchst, findest du es niemals heraus. Geh, Aen. Und wenn du scheiterst, oder es nicht so kommt, wie du es dir erhoffst, dann kommst du wieder zu uns zurück. Du hast einen festen Platz hier. Und mindestens noch sieben Verehrer. Einer davon wird noch frei sein wenn du wieder kommst” grinste sie. Aen gab ihr einen Knuff in die Rippen. “Du hast Recht, Lene. Ich muss es versuchen. ich kann ihn nicht vergessen, und diese Leere in meinem Inneren macht mich verrückt.”


Nach zwei Wochen erreichte sie Aramad. Die Stadt der Diebe. Sie hatte sich dieses Aramad anders vorgestellt. Es war eine der wenigen Städte von Coralay in diesem Umfeld, in der sie nie gewesen war. An der Stadtmauer stieg sie von ihrem Pferd und führte es an den Zügeln hinter sich her. Sie nahm die Hauptstraße bis in den innersten Stadtkern, der Altstadt. Hier gefiel es ihr besser als in den neuen Bezirken der Stadt, und in die nächstbeste Schenke kehrte sie ein, nachdem sie ihr Pferd einem Knecht anvertraut hatte, der versprach es zu tränken und zu versorgen. Aen betrat die Schenke, und setzte sich an einen freien Tisch. Sie war durstig und hungrig, und als sie so da saß, schoß ihr plötzlich in den Kopf, dass es ungefähr zwei Jahre her sein müsste, dass sie Caradan in Brisangen kennengelernt hatte. Es war ein ähnlich heißer Tag gewesen. Aen wartete und wartete, aber der Wirt war nur schnaufend hinter dem Ausschank beschäftigt, während ihm der Schweiß über die Stirn lief. Nach einer Weile erhob sich Aen und trat an ihn zum Ausschank heran. “Verzeihung…” begann sie. “Ich bin ein wenig hungrig und durstig.” Da wurde der Wirt ungehalten “JA!” schrie er sie an. “Ich kann nicht schneller! Die Magd ist weg, meine Frau ist weg. Bin selbst schuld dran, ich weiß. Aber änderts was? Nein! Also bitte hab Geduld, bis die Mittagszeit um ist und es ruhiger wird, oder suche dir eine andere Gaststätte.” Einem inneren Impuls folgend, erkundigte sich Aen “Kannst du eine Aushilfe gebrauchen? Ich könnte sofort anfangen. Ich in zwar gerade erst in der Stadt angekommen, aber ich wäre ohnehin auf der Suche nach Arbeit.” Er blickte sie an mit gemischten Gefühlen, als wäre sie von den Göttern geschickt worden, doch ebenso mit demselben Maß an Skepsis.” “Hast du das schon einmal gemacht?” Da nickte Aen eifrig. “Ich habe schon oft als Schankmaid gearbeitet, ich bin damit vertraut. Und das letzte Jahr habe ich auf einem Bauernhof gearbeitet. Ich kann also anpacken und bin harte Arbeit gewohnt.” “Na gut, ich wills versuchen mit dir. Da drüben hängt eine Schürze, bind sie dir um, dann kannst du gleich anfangen, und dem Tisch da drüben das Bier bringen.” Aen trat hinter die Ausschank und band sich die weiße Schürze um. “Wie heisst du eigentlich, Kleine?” “Aenaeris, aber eigentlich nur Aen…” meinte sie. “Aen gefällt mir. Ich bin Tom.” Er reichte ihr seine riesige Pranke, als Handschlag. Dann räusperte er sich. “Hört mal alle her, das Warten hat ein Ende, hier darf ich euch die Neue vorstellen. Aen. Heisst sie mal alle kräftig willkommen!” Die Gäste begannen zu klatschen, zu johlen und mit ihren Füßen zu trampeln, sodass Aen nicht umhin konnte, zu lächeln, und eine zaghafte Verbeugung zu vollführen. “Und jetzt bring mir mein Bier, Süße, ich habe Durst!” brüllte einer der Gäste am Stammtisch. "Sehr zum Wohl" brüllte ein anderer, und auch Tom trieb sie an “Joh, Recht hat er, schwing die Hufe, Kleine!”
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Do, 02. Mai 2019 23:07

Es war ein herrlicher Sommertag in Aramad, als Caradan morgens erwachte. Seit anderthalb Jahren lebte er nun wieder hier, in dieser Stadt, die für ihn als Dieb ein goldenes Fleckchen Erde in diesem unscheinbaren Teil der Nordreiche war. Er mochte es hier und kam nicht umhin festzustellen, dass ihm diese Stadt gut tat. Nachdem er Aen verlassen hatte, dieses Mal wohl endgültig, ging es ihm schlecht. Die ersten Tage war er erfüllt von heißem Zorn, der ihm zuredete, dass er das richtige getan hatte, dass sie es nicht besser verdient gehabt hätte und er sie am besten ins Reich des Vergessens verbannen sollte und tatsächlich, er verbot sich jeden Gedanken an sie, bis er viele Tage später in Aramad ankam. Nunmehr am Ziel seines Weges, in den sicheren Straßen der Stadt und der erstbesten warmen Taverne, holte ihn die Wahrheit schließlich ein. Er hatte einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler, den er nie wieder berichtigen könnte. Er würde mit diesem Fehler leben müssen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Von da an, ging es bergab mit ihm. Er begann zu trinken, viel und täglich. Der Branntwein sollte ihm helfen, sie zu vergessen, aber je mehr er trank, desto mehr dachte er an sie und desto mehr trank er dann. Ein endloser Kreis, der ihn allmählich in den Abgrund zerrte. Ungewaschen, dreckig, verfilzt und stinkend stolperte er durch die Straßen, bis er auch das letzte bisschen Geld aus dem Fenster geworfen hatte. Er bettelte, weil er nicht in der Lage war zu stehlen. Wenn er klaute rannte er weg, stolperte und wurde verprügelt. Er versetzte sein Pferd, er brauchte es ja nicht mehr, gab sein Schwert her, weil es ihm nichts nutzte und als ihm nichts mehr geblieben war, ging er mit den Eheringen zu einem Goldschmied. Er war kurz davor die Ringe zu verkaufen, doch ein stechender Schmerz tief in der Brust, hielt ihn davon ab. Dieser Schmerz war seine Rettung, er reinigte ihn von all dem Gift, das seinen Verstand vernebelte und er lief davon. Er lief durch die Straßen der Stadt und suchte sich ein Versteck. Es war ein Schrein eines der sieben Götter, passenderweise Rhelun, der Totengott und Herr des Winters. Der Sockel auf dem eine Statue des Gottes stand, hatte einen losen Stein, den Caradan heraus riss und den kleinen Samtbeutel mit den Ringen dahinter versteckte. Er wollte diese Kostbarkeit nicht bei sich tragen, solange er ihrer unwürdig war.
So beschloss er sich gegen sein Selbstmitleid zu wehren. Er verbot sich jeden Tropfen Alkohol, was ihn die ersten Wochen krank machte, doch er hielt es durch. In der Stadt gab es mehrere bekannte und einige weniger bekannte Orte, an denen ein eifriger Lehrling, die Kunst des schmutzigen Kampfes erlernen konnte. Caradan wollte kein Kämpfer werden, konnte er gar nicht, das war ihm klar, aber ein gefährlicher Mann musste kein guter Duellant sein. Er hatte seine Fähigkeiten schon mal erweitert, als er das erste Mal in Aramad war. Dieses Mal allerdings würde er sich auf ins Zeug legen. Jeden Tag suchte er einen dieser Orte auf, bald eine ehrwürdige Schule des Schwertkampfes, wo er in hohem Bogen hinaus geworfen wurde, bald ein Kampfring, wo der Abschaum der Gesellschaft Hundekämpfe, Hahnenkämpfe oder eben Menschenkämpfe veranstaltete. Ja, das war der Ort, an dem sich Caradan in der ersten Zeit bis zur Besinnungslosigkeit prügeln ließ. Zwar hatte er sich Besserung gelobt, aber ohne Alkohol betäubte nichts den Schmerz den er empfand, wenn er an sie dachte. Und er dachte oft an sie. Die Linie zwischen Seelenpein und körperlichen Schmerzen war fließend und das eine schaffte es, das andere verblassen zu lassen. Er lernte wenig, außer wie man einsteckte, wie man Schmerzen ertrug und geduld bewies. Doch schließlich, es mochte Caradan vierzehnte oder fünfzehnte Niederlage in Folge gewesen sein, nahm sich an alter Mann seiner an. Ein Bulle von einem Mann, der gebeugt lief und seinen rechten Arm nicht mehr so recht bewegen konnte. Sein Name war Großvater Rickard, einer der vielen Spitznamen, die die Leute in der Unterwelt sich gegenseitig gaben. Es hatte nicht lange gedauert, da hatte auch Caradan einen. Streuner, hatte sie ihn getauft, weil er wie ein verwahrloster Köter durch die Gosse gestreunt war, auf der Suche nach einem neuen Herrn. Der Dieb hatte nichts dagegen, er fand ihn traurigerweise passend. Jedenfalls, Rickard nahm Caradan bei sich auf und bot ihm ein Dach über dem Kopf an. Rickard lebte in einem Bordell, sein Bruder war der Besitzer und ließ Rickard im Dachstuhl des Hauses wohnen. Caradan durfte im Hinterhof schlafen, also war das mit dem Dach über dem Kopf eher sprichwörtlich gemeint. Aber es gefiel dem Dieb, es erinnerte ihn daran woher er kam. Doch das war nicht alles. Rickard war ein alter Kämpfer, der mehr Straßenschlachten gefochten hatte, als manch ein Soldat in einem richtigen Krieg erlebt hatte. Er kannte jeden schmutzigen Trick, jeden hinterhältigen Schlag, jede unehrenhafte Möglichkeit, einen Gegner zu Fall zu bringen. Caradan lernte viel von ihm, vielmehr als er erwartet hatte. Und er wurde ein Freund.
Fortan riss sich der Dieb mehr am Riemen. Statt seinen Kummer zu ertränken oder sich die Erinnerung daran aus dem Leib prügeln zu lassen, suchte er sein verletztes Herz auf andere Art zu heilen. Eine Frau kam da nicht in Frage, mit denen war er fertig. Er rührte keine an, jagte jede Hure davon und lehnte jedes Angebot von anderen Damen ab. Stattdessen tat er das was er am Besten konnte: Andere übers Ohr hauen. Er bestahl jeden den er konnte, heckte Pläne aus um noch größere Beute zu machen, sammelte ein paar Männer ein, die sich ihm anschlossen und hatte bald einen Kreis von Bekannten, auf die er sich verlassen konnte und denen er traute. Nach über einem Jahr, war der Dieb in gewissen Kreisen von Aramad bekannt oder besser gesagt, man erkannte ihn wieder. Nicht jeder hatte seinen Namen vergessen, nicht jeder die Umstände seiner Versetzung nach Brisangen. Doch niemand schien nachtragend zu sein, auch wenn sich Caradan bewusst von jenen Männern fernhielt, die zu seinem ehemaligen Herren gehörten. Sein Glück kehrte allmählich zurück, aber er wollte es nicht überstrapazieren.
Nun war er also schon über ein Jahr wieder in Aramad. Nachdem er erwacht war, kleidete er sich sofort an.Er ging anseine Kleidertruhe und holte ein Hemd hervor, dazu ein rostbraunes Wams, mit angenestelten Ärmeln die die Achselhöhle frei ließen, dazu eine dunkle Hose und seine Stiefel. Sein bescheidenes Heim im Hinterhof des Bordells war schon lange Vergangenheit. Nun wohnte er in einem der Zimmer des Bordells, nachdem dieses sich dank seines eifrigen Einsatzes noch zwei angrenzende Häuser einverleibt hatte und nun sogar Platz für Dauergäste bot, so zum Beispiel den Dieb, der direkt unterm Dach ein geräumiges Zimmer bewohnte, für das er nicht mal etwas zahlen musste, da der Besitzer des Hauses in seiner Schuld stand. “Guten Morgen.”, rief er, als er in die Küche des gemütlichen Erdgeschoss kam. Einige der Mädchen saßen beim Frühstück zusammen, unterhielten sich gackernd über die Freier von letzter Nacht oder das Verhalten oder Aussehen, dieser oder jener abwesenden Dirne. Sie grüßten ihn zurück, schoben ihm einen Teller zu und bedeuteten ihm sich zu ihnen zu setzen. Caradan war gut zu den Mädchen, achtete darauf, dass es ihnen an nichts mangelte und scheute auch nicht davor zurück, einem knauserigen Liebhaber, ein paar Tage später persönlich das Trinkgeld abzuluchsen, um es den Mädchen verspätet mit besten Grüßen zu überreichen. Sie freuten sich über seine Gesellschaft, weil er wohl einer der wenigen Männer in der Stadt war, dessen Schwanz sie noch nicht aus der Nähe gesehen hatten. “Nein danke.”, lehnte Caradan grinsend ab, steckte sich eine Kante frischen Brotes zwischen die Zähne und goss sich einen Becher Milch ein. “Ich bin nur auf dem Sprung.”, nuschelte er mit vollem Mund und eilte wieder aus der Küche hinaus. Gerade als er die Tür zur Straße nehmen wollte, hielt ihn der Besitzer des Hauses, Roland, auf. “Gehört der zu dir?”, fragte er barsch und Caradans Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger. Auf einer Bank in der letzten Ecke, war ein älterer Mann zusammengesackt, eine halb leere Flasche Branntwein lag vor ihm auf dem Boden, in einer Pfütze des eigenen Inhalts. Der Mann war hager, hatte ein faltiges Gesicht, schüttere graue Haare und graue Stoppeln ums Kinn. “Ich kenn ihn.”, gestand der Dieb und blickte Fragend zu Roland. “Und?” “Schaff ihn hier raus.”, brummte der Frauenwirt und stampfte davon. Der Arcanier seufzte und begab sich zu dem alten. “He Eyvin.” Er trat dem Mann gegen den Stuhl. Der schreckte auf und fuchte wild mit einem Messer umher, ehe er Caradan bemerkte, der ihn tadelnd anstarrte. “Oh du bists Streuner.”, murmelte Eyvin und suchte nach seiner Flasche, die ihm der Dieb unter der Nase wegzog. “Verpiss dich.”, grinste Caradan böse. “Warum?” “Weil ich das sage. Komm mach kein Theater und geh einfach.” Der Dieb verschränkte die Arme und blickte ihn auffordernd an. “Du willst doch nicht, dass ich ungemütlich werde?”, fragte er und Eyvin schüttelte mit dem Kopf. “Ich geh ja schon.” Selbstzufrieden lächelte Caradan. Man traute es ihm gar nicht zu, jemand der Caradan noch von früher her kannte schon gar nicht, aber der Dieb hatte sich gemacht. Durch den harten Drill Rickards, die ständigen Anstrengungen der Übungen und nicht zuletzt dem guten Essen in den Tavernen der Stadt, war Caradan nicht mal annähernd noch so dürr, wie früher. Er hatte Fleisch auf den Rippen und obwohl er immer noch nicht sonderlich stark war, respektierte man ihn hier. Denn seine fehlende Muskelkraft machte er mit Schnelligkeit und Gemeinheit wieder wett. Er konnte keinen Mann mit einem Schlag gegen den Kiefer zu Boden schicken, aber ein Tritt in die Eier war ebenso wirksam. Eyvin torkelte hinaus und Caradan gab ihm noch einen kleinen Schubs. “Bis heute Abend dann Streuner…”, winkte der Säufer zum Abschied und der Dieb schüttelte grinsend den Kopf.

Aramad war eine große Stadt. Sie wurde ihrerzeit auf sieben Hügeln oder Bergen, je nachdem wie man wollte, erbaut und heute war ein jeder dieser Hügel nach seinem Sinn und Zweck benannt und einem der sieben Götter geweiht. Zwischen den Hügeln lebten die Armen der Stadt, dort wo sich schmutziges Regenwasser und die Scheiße der Latrinen sammelten. Jeder der Hügel hatte mindestens ein halbes Dutzend Namen, der entweder den wichtigstens Zweck, eine besonderheit oder den Gott darstellte. Das Stadtzentrum befand sich auf dem Herzogshügel, der Cirian geweiht war und war sowohl der Höchste von allen, als auch der weitläufigste. Die Innenstadt die Rund um die Burg des Herzogs errichtet war, erhob sich über den Rest der Stadt und wurde, entgegen Caradans Erwartungen nicht etwa von den Wohlhabenden der Stadt bewohnt sondern vom Mittelstand. Die Reichen und Schönen lebten entweder auf den oberen Teilen der umliegenden Hügel, die beinahe einen krummen, unförmigen Zirkel um das Stadtzentrum bildeten oder hatten ihre Anwesen außerhalb der Stadt, wo sie sich hinter hohen Mauern und dutzenden Gardisten versteckten. Caradan mochte die Innenstadt. Dort gab es Tavernen, in denen Tag ein Tag aus eine ausgelassene Stimmung war. Das Bordell in dem er wohnte lag, wie konnte es anders sein auf dem Weiberhügel, dem niedrigsten von allen und der Göttin Va’ileska geweiht. Vor wenigen Jahrhunderten war der Hügel ein Ort, an dem man diejenigen ins Exil schickte, die sich weigerten den glauben an die Sieben anzunehmen und im Laufe der Zeit hatten die Sünder des kleinsten Hügels, ihr Exil zu einem Ort des Vergnügens gemacht. Dort gab es Dutzende Tavernen, Theaterbühnen, Bordelle und dunkle Hinterzimmer, in denen Dinge vorgingen, die nur die Götter wussten. Der Arcanier machte sich auf den Weg in die Innenstadt, um eine Gruppe zu treffen, mit denen er ein Geschäft zum Abschluss bringen wollte. Zuallererst begab er sich zu dem Hehler, dem er vor acht Tagen eine Ladung Branntwein verkauft hatte. Mittlerweile sollte er die Fässer an die Tavernen in der Gegend verteilt haben und Caradan würde sich nun das Geld abholen. Nachdem das erledigt war, machte er sich auf, zu einem unscheinbaren Haus in der Innenstadt. Er klopfte drei mal und ein junger Mann, mit braunem Haar und einer hässlichen Narbe auf der rechten Wange öffnete ihm. “Losung?”, forderte er Caradan auf. “Kann es sein, dass deine Eltern Geschwister waren?” Das Narbengesicht funkelte den Arcanier böse an, dann grinste er und fing an zu lachen. “Komm rein Caradan.”, lachte er und öffnete die Tür. An einem langen Tisch saßen noch vier andere. Ein kleiner, gedrungener Glatzkopf, eine blonde Frau in den vierzigern, ein junger Bursche, gerade vierzehn Jahre als und ein ebenbild des Narbengesichtigen. “Guten Morgen zusammen.”, lächelte Caradan und ließ sich auf den Stuhl fallen, der am Kopfende des Tisches stand. Gerret, der Türwächter setzte sich neben seinen Zwilling Renart, der eine identische Narbe wie sein Bruder hatte, und blickte den Dieb auffordernd an. “Na mach schon, Streuner.”, drängte er. “Wir warten schon lange genug.”, stimmte ihm sein Zwilling zu. “Hast dir ja ordentlich Zeit gelassen.”, kam es nun wieder von Gerret. Dieses abwechselnde Sprechen der Beiden trieb Caradan seit dem Tag in den Wahnsinn, seit er die Beiden zum ersten Mal getroffen hatte. “Jetzt lasst ihn doch erstmal ankommen!”, rief Tilly, die blonde Frau und der kleine Thom nickte zustimmend. “Er ist doch schon da.”, antworteten Gerret und Renart im Chor und grinsten sich gegenseitig an. “Schon gut.”, hob Caradan abwehrend die Hände, holte die Beutel heraus und begann kleine Türme aus Münzen aufzuschichten. Den ersten Turm schob er Thom zu. “Für unseren meisterhaften Schauspieler. Ich hab noch nie jemanden so spektakulär ertrinken sehen.” Der nächste Turm ging an Tilly. “Und natürlich für die aufgelösteste Mutter der Nordreiche. Ich wollte schon beinahe selbst in die Fluten springen um dein Leid zu lindern.” Die letzten Beiden Türme schob er den Zwillingen zu. “Und für unsere beiden Meisterakrobaten.” Der Plan den Branntwein zu stehlen war so einfach wie genial gewesen. Während sich Thom in die Fluten stürzte und so tat als ob er am ertrinken war und Tilly mit ihrem Geschrei und Geheule alle Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die Zwillinge auf die Barke geklettert und hatten die Ladung einfach über Bord geworfen. Sie hatten die Fässer dann stromabwärts wieder aus dem Wasser gefischt und zurück nach Aramad gekarrt. Und nun teilten sie ihre verdiente Beute miteinander. Als das Geschäftliche erledigt war, machten sie sich auf, den Rest des Tages frei nach Lust und Laune zu nutzen. Thom und Tilly verabschiedeten sich um was auch immer zu machen, während Caradan und die Zwillinge sich anschickten, ihr soeben verdientes Geld auszugeben. Stundenlang streunten sie durch die Straßen, genossen das Wetter und lungerten an den Brunnen herum, bis der Abend hereinbrach. “Silber hat Schwarz angegriffen.”, meinte Renart plötzlich und Caradan horchte auf. “Ach? Erzähl.” “Zwanzig Mann vom silbernen Prinzen wollten die Taverne ‘Zum Galgenbaum’ aufmischen.”, erklärte Gerret. “Nur einer kam zurück.”, ergänzte Renart. “Dem Wahnsinn verfallen.” “Brabbelte wirres Zeug.” “Konnte kaum einen klaren Satz sprechen.” Der Dieb hatte Mühe den beiden zu folgen. “Der silberne Prinz hat zwanzig Mann verloren? Auf einen Schlag?” Die Beiden nickten.
Die Prinzen waren die mysteriösen Anführer der Unterwelt dieser Stadt. Die Männer hinter diesen Positionen, waren mehr Legenden als wirkliche Personen. Der gemeine Straßendieb kannte nur Gerüchte über sie und jene, die mit ihnen zu tun hatten, hüllten sich in eisernes Schweigen. Da gab es den silbernen Prinzen, der angeblich von Adel war und uneingeschränkt über den Herzogshügel und die Innenstadt herrschte. Er hatte die mit Abstand größte Anzahl an Banden unter seiner Kontrolle und suchte ständig nach Möglichkeiten, seinen Einfluss zu erweitern. Caradans ehemaliger Herr in Aramad, war einer von den Bannerträgern des weißen Prinzen. Der graue Prinz war wohl der am allgemein bekannteste, war er immerhin allgemein Bekannt der Zunftmeister einer der vielen Handwerkszünfte auf dem Feuerhügel. Der Feuerhügel oder weniger theatralisch, der Handwerkerhügel, war der Hauptsitz zahlreicher Zünfte und Söldnerquatieren der Stadt und war dem Gott Arycon geweiht. Wer genau der graue Prinz allerdings war, wusste doch niemand so recht. Der letzte unter den Prinzen war der Schwarze, angeblich ein Hexer, der in einem Mausoleum auf dem Friedhof der Stadt auf dem Totenhügel, der dem Gott Rhelun geweiht war hauste und in seinen Reihen gefährliche Naturmagier hatte. Zu hören, dass sich Silber und Schwarz an die Gurgel gingen, war mehr als beunruhigend, aber Caradan war als Außenstehender immerhin so weit sicher, solange er sich nicht einmischte. “Habt ihr Lust einen trinken zu gehen?”, fragte Caradan und die beiden stimmten zu. “Wir könnten in die ‘Eisenschenke’ gehen.”, schlug Gerret vor. “Die heißt jetzt zur ‘Feurigen Jungfrau’”, verbesserte Renart. “Seit wann?” “Seit da diese neue Schankmaid arbeitet. Man die würde ich gerne mal flachlegen.” “Was hindert dich daran?”, fragte Caradan grinsend. “Na sie! Sie lässt keinen Kerl ran. Das fromme Luder.” “Frommes Luder?”, fragte Gerret. “Ja lasst uns doch einfach gehen und seht selbst!”, rief Renart und sprang auf.
Die Schenke hieß weiterhin ‘Eisenschenke’, aber wenn man nach der Schenke zur ‘Feurigen Jungfrau’ fragte, wurde man dort ebenfalls hingeschickt, also hatten beide Zwillinge irgendwie recht. Die Schenke war gut besucht, das Klientel sauber und anständig, also kein Vergleich zu den Tavernen auf dem Weiberhügel, die vollgestopft mit Gesindel und Huren war. Caradan hielt sofort nach einem Sitzplatz ausschau und fand einen, ziemlich in der Mitte des Schankraumes. “Guckt mal.”, rief er über den Lärm hinweg. “Dort können wir uns-” Die Worte blieben ihm im Halse stecken, als er die Schankmaid erblickte. Er hatte jeden Tag an sie gedacht, sich gefragt wo sie wohl war, wie es ihr ging und nun sah er sie plötzlich vor sich. Ihm wurden die Knie weich und er musste sich an einem Pfosten abstützen. Sie war es, er hatte keinen Zweifel. Sie sah verändert aus, besser, auch wenn er es kaum glauben konnte, aber es war sie. Es war seine Aen. “Mach dir keine Hoffnung bei ihr.”, lachte Renart und stieß ihm den Ellebogen in die Seite. “Die hat einen schmiedeeisernen Keuschheitsgürtel an. Komm wir setzen uns.” Mit unsicheren Schritten begab sich der Arcanier zu dem Tisch und setzte sich mit dem Rücken zu ihr. Sein Herz raste und er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Gerret oder Renart, Caradan konnte sie in diesem Moment nicht auseinander halten, winkten Aen herbei und sie kam. Sie stand nun direkt hinter ihm und ihm blieb der Atem weg. “Zwei Bier und… Streuner was willst du?” Caradan reagierte nicht, er war wie gelähmt. “Ach du trinkst ja nichts. Also zwei Bier und ein Krug Wasser für den stummen Herren hier.” Er hörte wie sie sich wieder entfernte und japste nach Luft. “Was ist denn los Caradan?”, fragte Renart. “Siehst aus als hättest du einen Geist gesehen.”, stimmte Gerret lachend zu. Der Dieb antwortete nicht, er war unfähig seine Gedanken in Worte zu fassen, geschweige denn seine Gefühle in klare Bahnen zu lenken. Im wurde heiß und kalt zugleich, sein Herz klopfte vor Aufregung, kalter Angstschweiß lief ihm über den Rücken und in seinem Bauch schien es, als würde sich irgendwas darin auf und ab bewegen. Er hatte kaum genug Zeit sich zu sammeln, als sie schon wieder zu ihrem Tisch kam. Sie stellte sich neben ihn und als er aufsah, trafen sich ihre Blicke. Sie riss die Augen weit auf und ließ das Tablett mit der Bestellung fallen. Caradan reagierte schneller, als er selbst gedacht hätte, fing mit der rechten das Tablett auf und schaffte es sogar, die Biere vor dem Fall zu bewahren, auch wenn er dabei einen nicht gerade kleinen Teil über den Tisch schüttete. Der Krug Wasser ging scheppernd zu Boden und zerbrach. Die umstehenden Gäste johlten und lachte, während sich Caradan vorsichtig erhob, die Biere abstellte und Aen unsicher anlächelte. “Guten Abend schöne Frau.”
Eine Weile standen sie nur da, starrten sich in gegenseitigem Unglauben an. “Aen…”, hauchte er und berührte sie ängstlich am Arm, da fiel sie ihm um den Hals. Er schloss sie in die Arme, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und sog ihren Duft ein. Sie roch so gut, wie nichts anderes auf der Welt. Er drückte sie an sich und wollte sie gar nicht mehr loslassen, doch ungeduldige Rufe von anderen Gästen, drängten danach, dass sie ihre Arbeit wieder aufnahm. Widerwillig löste er sich von ihr. “Ich warte draußen. Ich warte zur Not die ganze Nacht, bis zu Zeit hast.” Er berührte sie noch flüchtig am Arm, dann lief er nach draußen. Die Abendluft tat ihm gut, sie klärte seinen Geist und er wurde sich nun des ganzen Ausmaßes bewusst. Als Aen dann zu ihm stieß, fielen sie sich wieder in die Arme. Sie standen einen langen Augenblick einfach nur da, Arm in Arm. “Es tut mir leid, Aen. So leid.”, keuchte Caradan schließlich. “Mir auch.”, antwortete sie leise und sie lösten sich voneinander. “Ich hab dich vermisst.” Er strich ihr zärtlich über die Wange. “Ich dich auch… jeden Tag.” Sie schlenderten ein paar Schritte weiter und setzten sich an einen kleinen Brunnen. “Ich habe jeden Tag an dich gedacht.”, gestand Caradan und nahm ihre Hand in seine. Sie lächelte ihn an. “Ich auch und wie... Besonders nachts.” Verlegen blickte der Arcanier zu Boden. Es war eine so unwirkliche Situation, er wusste gar nicht wie ihm war. “Wie ist es dir ergangen?” “Scheiße.”, gestand sie. “Und dann besser.” Caradan nickte. “Ja, das kann ich nachvollziehen. Aber, was machst du eigentlich hier?” “Arbeiten.” “Arbeiten”, lachte er unsicher. “Ehrliche Arbeit in einer Taverne, was sagt man dazu.” Sie schwiegen eine Weile und hatten wohl beide mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Caradan hob den Blick und sah sie einfach nur an. Er konnte nicht in Worte fassen, welch Glück er empfand. “Aen…”, flüsterte er und beugte sich zu ihr rüber. “Ich würde dich jetzt gerne küssen…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Fr, 03. Mai 2019 12:22

Aen lebte sich schnell in der Eisenschenke ein. Hier herrschte so etwas wie ein familiärer Zusammenhalt. Es gab viele Stammgäste, aus unterschiedlichen Schichten und Gründen. Kaufleute, die regelmäßig einkehrten, um Geschäfte abzuschließen, Tagelöhner die direkt ihren Tagessold versoffen, Neugierige, die den ganzen Tag an einem Bier nippten, und eigentlich nur hier waren, weil sie auf interessante Gespräche und Beobachtungen hofften, und Arbeiter und Handwerker, die nur um die Mittagszeit kamen um zu Essen, um danach weiterschuften zu können. Reisende fanden sich hier weniger ein, diese kehrten wohl in den peripheren Schenken der Hauptstraßen ein, die Eisenschenke lag abseits davon, genoss allerdings einen guten Ruf, weswegen die Schenke immer gut besucht war. Tom beschwor außerdem, seit sie, Aen hier arbeitete, waren die Einnahmen merkbar gestiegen, was Aen ihm nicht glaubte. Dass die Schenke seit sie hier war, gründlicher gefegt, die Tische sorgfältiger gescheuert, und die Trinkgefäße tadellos gewaschen und poliert waren, das war jedoch nicht von der Hand zu weisen. Tom war ein herzensguter, väterlicher, aber grießgrämiger Zeitgenosse, doch aus Gesprächen mit ihm wenn es gerade nichts zu tun gab, konnte sie deutlich heraushören, dass er darunter litt, dass ihn seine Frau wegen der Magd verlassen hatte. Letztendlich waren sie beide weg, und Tom war zurückgeblieben mit einer Schenke, die ihm über den Kopf gewachsen war und der er nicht Herr wurde. Aen konnte ihm keinen Ratschlag geben, denn sie spürte am eigenen Leib, dass es nach beinahe eineinhalb Jahren immer noch schmerzte, wenn man den einen Menschen verloren hatte den man liebte. Sie konnte sagen, es wurde besser, es wurde anders, man wurde vom Leben dazu gezwungen zu lernen, damit umzugehen.

Aens Alltag hatte sich nach wenigen Tagen eingependelt. Sie stand auf wenn die Sonne gerade aufgegangen war, dann öffnete sie alle Türen und Fenster der Schenke, winkte Bekannten, die vorbeigingen oder herumlungerten, und scheuerte alle Tische mit Sand, fegte zum Schluss die Schenke aus, und dann setzte sie sich mit Tom an einen der Tische und nahm ein Frühstück ein. Meistens das übrig gebliebene Brot vom Vortag, was Aen insofern nichts ausmachte, weil es ohnehin noch gut schmeckte, und zum anderen, weil Tom das Geld, das er regelmäßig für zusätzliches Brot sparte, in ein Töpfchen Honig investiert hatte. Ab dem Vormittag kamen bereits die ersten Gäste, aber es war meist so ruhig, dass sie Zeit hatte, um mit den Gästen zu plaudern. Natürlich waren die meisten neugierig, woher sie kam, was sie in diese Stadt führte, und die wichtigste Frage, warum sie keinen Liebhaber hatte oder gar verheiratet war. Immerhin war sie doch jung und schön! Aen zuckte über diese Fragen die Schultern und schwieg sich darüber aus. Über ihre Vergangenheit sprach sie nur, wenn sie von sich aus etwas erzählen wollte, und meistens waren dies harmlose Anekdoten, die aus der Zeit vor Caradan stammten. Sie war jetzt seit drei Wochen in Aramad, und sie spürte eine stets wachsende Unruhe in sich. Denn sie wusste ja, warum sie hergekommen war. Aber was tat sie, wenn sie einen freien Tag hatte? Nichts, was Dinge betraf, wie nach ihm zu suchen, nach ihm zu fragen oder sich an Plätze setzen die sehr zentral waren und wo die Hoffnung bestand, ihn zu treffen. Falls er überhaupt in Aramad war! Sie wusste es nicht, vielleicht verschwendete sie hier auch ihre Zeit? Doch sie besaß keinen anderen Anhaltspunkt. Er hatte immer nur glühend von Aramad erzählt, Aber sie tat auch nichts, um der Angelegenheit auf die Sprünge zu helfen. Sie ging nicht aus, stattdessen lungerte sie in ihrem kleinen Zimmer herum, legte sich meistens auf das Bett, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Decke. Und fühlte sich einsam. Verdammt einsam. Aber wenn man nicht bekam, was man wollte, dann wollte und bekam man wohl eben gar nichts. Diese Momente erinnerten sie stets daran, dass die Arbeit zwar ablenkte, aber frei? Nein, Arbeit machte nicht frei. Die Liebe war es, die einen frei machte, die einem Flügel verlieh, die einen schweben ließ und dem Leben einen Sinn gab.

Es war Abend, und die Schenke war gut gefüllt. Tom schnaufte hinter dem Ausschank, füllte Krug um Krug und schimpfte. “Was zum Henker ist heute nur los? Hast du nicht noch irgendwo eine Zwillingsschwester versteckt, die uns unter die Arme greifen könnte?” Da grinste Aen. “Mich gibts nur einmal. Zum Glück!” Sie hielt inne in ihrem Tun und stützte sich mit der einen Hand an der Arbeitsplatte ab und die andere stemmte sie in die Hüfte. “Ich hab dir schon mindestens dreimal gesagt, dass du eine zusätzliche Hilfe einstellen könntest.” Da winkte er ab “Naaaah… geh weg! Ich hab keine Lust! Die meisten Mädge kannst du vergessen! Wo findest du heutzutage noch eine brauchbare Arbeitskraft? Die meisten sind faul, vergesslich, unfähig, blöd oder diebisch! Mir dir hab ich einen ganz großen Glücksgriff getan, Aen, und ich schwöre bei den Sieben, wenn du mich sitzen lässt, knüpf ich mich draußen an meinem Tavernenschild auf!” Aen kicherte. “Ich bezweifle, dass es dich lange genug halten wird, um dir den letzten Atemzug zu nehmen, also dann brauch ich mir ja keine Sorgen um dich machen!” “Und außerdem siehst du ja, wieviel Glück ich mit meiner letzten Magd hatte. Auf und davon ist sie! Und meine Frau auch!” Da wurde Aen ernster und meinte “Daran bist du selbst Schuld. Du hättest wissen müssen, was du an deiner Frau besessen hast. Wenn man so etwas leichtfertig wegwirft, dann hat man es einfach nicht verdient.” Tom blickte sie forschend an “Was sind denn das für Töne, die du hier spuckst? Ich ahne, dass das mit deiner Vergangenheit zu tun hat. Na, Aen, hab ich nicht Recht?” Sie verschränkte ablehnend die Arme. “Du weißt, dass ich darüber nicht rede. Mich hast du ja auch eingestellt, ohne zu wissen, ob ich dumm, faul oder unfähig bin.” lenkte sie das Gespräch in eine andere Richtung. Er zuckte mit den Schultern. “Da war ich verzweifelt. Hättest du mich nicht gleich überzeugt, hätte ich dich noch am selben Abend auf die Straße gesetzt. Aber was ich noch sagen wollte, Fräulein Naseweis. Weisst du eigentlich, was die Leute über dich sprechen?” Aen hob eine Augenbraue. “Wie bitte? Was? Sie reden über mich?” Da grinste Tom “Na klar! Und wie! Du bist das Schenkengespräch hier!” Aen blickte für einen Moment bestürzt drein. “Was sagen sie denn?” “Du trägst einen eisernen Keuschheitsgürtel, und der Schlüssel dazu liegt irgendwo am Grund eines der umliegenden Seen, oder gar im Kollinger Hochmoor. Du bist ein grausames Weibsstück, du verhext die Männer aber erhörst sie nicht. Du bist die feurige Jungfrau.” Der Triumph, ihr etwas erzählt zu haben, was sie nicht gewusst hatte, trieb ihm ein breites Grinsen ins Gesicht. “Wer sagt denn sowas bitte? Nur weil ich mich keinem hier hingebe, muss ich noch lange keine Jungfrau sein.” “Alle sagen das. Du kennst du den verletzten Stolz von Männern, die nicht jagen und erlegen dürfen, oder?” Aen senkte ihre Stimme zu einem Raunen und er beugte sich neugierig zu ihr vor “Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis, Tom. Ich gebe mich nur dem einen hin. Dem einen, den ich liebe, und sonst niemandem. Und wenn nicht ihm, dann bleibe ich eben unberührt. Wenn ich einen Keuschheitsgürtel brauche, lasse ich es dich wissen ja? Das kannst du jedem sagen.” Er glotzte sie fragend an, doch dann merkten sie, dass sie sich schon viel zu lange unterhielten. "Da, bring das zu Tisch sieben", schob er ihr ein Tablett mit fünf schweren Krügen hin.” “Aber natürlich!” seufzte Aen.

Es war fortgeschrittener Abend, und Aen taten die Füße weh. Für eine kurze Zeit setzte sie sich mit dem Hintern auf die Tischkante zu einer Runde älterer Männer, die Karten spielten.  Sie hob ein Bein an, legte es auf das andere, und massierte sich die schmerzenden Waden. “Na Aen, is mal wieder ein harter Tag, was?” brummte ein ziegenbärtiger Alter. “Wem sagst du das… ich bin völlig fertig. Ich möchte mich nur noch ins Bett fallen lassen…” stieß sie hervor, und strich sich lose Strähnen nach hinten. “Aen! Bring nochmal eine Runde! Ich hab grad unverschämtes Glück und kanns mir leisten, eine Runde auszugeben!” schrie einer von hinten. Sie hob die Hand, winkte und sprang vom Tisch. “Und weiter gehts…” zwinkerte sie dem Ziegenbärtigen zu und verschwand zum Ausschank. “Ich bin völlig fertig, Tom…” jammerte sie. “Nur noch paar Stunden Aen, dann ist es geschafft. Mitternacht ist Sperrstunde.” brummte er beruhigend, während er fünf Krüge füllte. “Heute kriegst du einen Heller extra, versprochen.” Da lachte sie und trabte mit den Krügen zu ihrem Bestimmungsort. Bevor sie sich wieder hinter dem Ausschank verschanzen konnte, hielt einer der Gäste sie auf “Aen, komm doch mal her!” Sie trat an den Tisch heran. “Was gibts, Johan?” fragte sie. "Bring mir dich noch einen kurzen. Und was Süßes dazu?" grinste er anzüglich und legte ihr den Arm um die Hüfte. Im selben Moment nahm sie seine Hand und führte sie bestimmend weg. “Gibts sonst noch was, Johan?” fragte sie? “Nein, nichts weiter Aen, ich wollte nur mal mein Glück versuchen. Du weißt doch, wie ich dich anbete.” “Bete lieber zu den Sieben, denn wenn du mich noch einmal anfasst, dann verspreche ich dir, schneid ich dir die Eier ab...” Sie lächelte ihn zuckersüß an und tätschelte ihren Dolch, der verloren, ohne seinen treuen Gefährten, das Feuerrohr, einsam am Gürtel hing. Dann wandte sie sich ab, und sah einen Bekannten. Gerret, oder Renart? Verdammt, diese Zwillinge konnte doch kein Mensch unterscheiden. Sogar die Narbe war gleich, wie ging so etwas? Grinsend schüttelte sie den Kopf und trat an den Tisch heran. Sie stützte sich mit der linken Hand auf die Armlehne. “Guten Abend, Jungs, was wollt ihr?" “Zwei Bier und… Streuner was willst du?” Streuner? Beinahe war sie versucht, sich vor sein Gesicht zu beugen, um sich anzusehen, wie ein Streuner aussah. Aber eigentlich interessierte sie es doch nicht so brennend, und zweitens hatte der Name ohnehin etwas abstoßendes. So, wie ein verlauster, verdreckter Straßenköter. “Ach du trinkst ja nichts. Also zwei Bier und ein Krug Wasser für den stummen Herren hier.” “Zwei Bier, ein Krug Wasser…” wiederholte sie und verschwand. Hinter dem Ausschank schöpfte sie aus dem großen Wasserfass einen Krug voll, und wunderte sich jetzt noch darüber. Wasser bestellte hier niemand. Wirklich niemand! Ein Mensch der sich in eine Schenke setzte und einen Krug Wasser bestellte, war ein schlechter Kunde, oder zumindest ein Geizkragen. Denn Wasser war kostenlos. Geschwind kehrte sie wieder zurück. Streuner hob den Kopf und blickte sie an, und da wurde ihr heiß-kalt gleichzeitig. “Bei den Geschwistern!” wisperte sie geschockt und verlor jegliche Fassung. Und das Tablett gleich mit. Es rutschte ihr aus den Händen und kippte, doch Streuner fing mit seiner rechten Hand das Tablett ab, und konnte so die beiden Bierkrüge retten. Nicht jedoch den Wasserkrug, er war zu schwer und zerbrach mit einem lauten Krach auf den Eichendielen. Augenblicklich hafteten sich alle Augenpaare auf diesen einen Tisch und sogleich ging ein schadenfrohes Gegröle und Gejohle los. Streuner erhob sich, wandte sich ihr zu und lächelte sie an. “Guten Abend, schöne Frau” sagte er. Sie standen sich schweigend gegenüber und allmählich senkte sich eine direkt unheimliche Stille über die Schenke, und alle glotzten die Schankmaid und den Kerl an. “Aen” hauchte er schließlich und berührte sie vorsichtig am Arm. “Caradan…” sagte sie und ihre Augen wurden heiß und feucht, bevor sie sich in seine Arme warf. Sie schmiegte ihren Kopf in seinen Hals und sog seinen so vertrauten, persönlichen Geruch auf, an welchem sie ihn auch blind jederzeit erkennen würde. Sie spürte seine Körperwärme, die sie bis in ihr Innerstes erwärmte, und sie spürte auch, dass er nicht mehr so drahtig war, als sie sich zuletzt gesehen hatten. Sie wollte ihn nie wieder loslassen, und genoss die Umarmung, die das schönste Geschenk war, das sie seit langer langer Zeit erhalten hatte. “Aen! Wenn du dann fertig bist mit kuscheln, dann bring doch mal eine Flasche Wein für uns, ja?” Unwillig löste sie sich von ihm, und blickte ihn ratlos an. “Ich warte draußen. Ich warte zur Not die ganze Nacht, bis zu Zeit hast.” “Ich komme! Ich komme, sobald ich kann!” erwiderte sie sehnsüchtig und blickte ihm nach, bis er die Schenke verlassen hatte. Bei Janus und Idalia! Eine Weile stand sie nur da und hielt fassungslos die Hand vor den Mund. War das jetzt wirklich passiert? Was für ein unerwartetes Wiedersehen! Und was für ein schönes! Plötzlich fiel ihr ein ganzes Felsengebirge vom Herzen, und sie fühlte sich beschwingt und frei.”Aen! Der Wein!” erinnerte ihn der ungeduldige Gast. Das riss sie zurück aus den Wolken in die Realität. Sie lief hinter den Ausschank, und entkorkte die gewünschte Flasche, Tom lümmelte da und blickte sie neugierig an. “Wer war das?” fragte er sie, doch sie war unfähig, zu sprechen, sie wandte nur den Kopf, und strahlte ihn an. “Ahso. Ich verstehe.” Aen brachte mit Eile die Flasche an den Tisch und noch im Zurückgehen band sie sich ihre Schürze ab und warf sie hinter den Ausschank. “Was wird das, Aen? Du kannst mich doch jetzt nicht alleine lassen! Die Bude ist brechend voll!” “Doch, Tom, genau das tue ich jetzt! Ich kann nicht mehr, jetzt nicht mehr! Ich habe sieben Tage durchgearbeitet! Und jetzt verdammt noch mal mach ich Feierabend!” “Na bitte, Aen, dann geh doch! Ich kann dich ja doch nicht aufhalten, wie es aussieht... “ “Nein, niemand könnte mich jetzt noch aufhalten, Tom” lächelte sie. “Na dann geh doch. Aber den zusätzlichen Heller, den kannst du dir jetzt aufmalen! Ich bin doch nicht die Wohlfahrt!”

Aen trat nach draußen, wo Caradan auf sie wartete. Sie lächelte ihn scheu an, während sie auf ihn zuging, und fiel ihm erneut in die Arme. Es war einfach zu schön, es war zu wohltuend! “Es tut mir leid, Aen. So leid.” begann Caradan schließlich, das Schweigen zu brechen. “Mir auch.”, antwortete sie leise und sie lösten sich voneinander. “Ich hab dich vermisst.” “Ich dich auch, Caradan… jeden Tag.” Sie gingen einige Schritte weit weg von der Schenke, wo sie sich schließlich bei einem kleinen Brunnen setzten und sich schier ungläubig anstarrten. “Ich habe jeden Tag an dich gedacht.”, gestand Caradan und nahm ihre Hand in seine.“Ich auch und wie... Besonders nachts.” Caradan blickte zu Boden, wie ein schüchterner Junge. “Ich meine nicht, deswegen. Ja, natürlich auch deswegen, aber... Nachts hat man so viel Zeit zum nachdenken, und man ist so alleine, und... “ Sie sprach nicht weiter. “Wie ist es dir ergangen?” erkundigte er sich. “Scheiße, ehrlich gesagt.”, gestand sie. “Und dann besser.” Caradan nickte. “Ja, das kann ich nachvollziehen. Aber, was machst du eigentlich hier?” “Arbeiten.” grinste sie. “Arbeiten” lachte er. “Ehrliche Arbeit in einer Taverne, was sagt man dazu.” Sie nickte. “Ja. Ich bin doch wegen dir nach Aramad gekommen. Ich habe so gehofft, dich hier zu finden. Ich… ich habe mich sehr verändert. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Ich bin jetzt ein ganz anderer Mensch geworden, seit du mich…” Aen unterbrach sich, und dann schwiegen sie beide. Ein seltsames Schweigen, ein beinahe unangenehmes Schweigen, nach so langer Zeit. Schweigen, in denen beide auf den Boden starrten Dann hob sie den Kopf und blickte ihn wieder an, musterte ihn, der sich so verändert hatte, aber immer noch derselbe war. Auch er hob endlich den Blick  “Aen…”, flüsterte er und beugte sich zu ihr rüber. “Ich würde dich jetzt gerne küssen…” Aen musste grinsen, sie musste es einfach! “Ja? Und? Traust du dich nicht?” Er erwiderte ihr grinsen. Bei den Geschwistern, er war süß! “Ich bin mir nicht sicher…” sagte er. “Ich schon...” erwiderte sie knapp, packte ihn am Hemd und zog ihn zu sich heran, um ihm einen Kuss zu schenken. Und was für einen Kuss! Ein zunächst scheuer Kuss, ein zärtlicher Kuss, ein sanftes Herantasten, weiche Lippen, sanfte Zungen, vertrauter Geschmack, starkes Herzklopfen, unbändige Bauchschmerzen, und schließlich leidenschaftlicher, fordernder, wilder, ganz so wie sie es kannte. Es war ihr so, als wären niemals eineinhalb Jahre zwischen ihnen gestanden.” Als sie sich voneinander lösten, hauchte er erneut ihren Namen. “Aen… meine Aen…” “Mein Caradan…” erwiderte sie glücklich.

Da tippte plötzlich jemand gegen ihre Schulter. “Aen?” Sie wandte sich um und der Moment war dahin. “Was willst du denn jetzt?” zischte sie ungehalten, als sie in das Gesicht des Jenigen Saufkopfs blickte, den sie alle nur “Krautundrüben” nannten. Ob es an seiner verfilzten Haarpracht lag, oder ob es andere Gründe dafür gab, das wusste niemand so Recht. Er lehnte sich mit dem Ellbogen an ihrer Schulter an und meinte “Naja sieh mal, wir sind uns da drinnen alle uneinig. Wir sind uns nicht sicher, wie wir das da bewerten sollen.” Er kreiste mit seinem Zeigefinger umher und die Arcanierin wurde etwas ungeduldig. “Was, bei den Sieben? Was ist ‘das’?” “Najaaa… Also ich habe ja meinen Sold für die ganze nächste Woche verwettet, dass er…” Dabei deutete er auf Caradan, “Der Sprenger der Kette ist…” Aen sah ihn verständnislos an “Was redest du da?” “Na, die Kette um deinen Keuschheitsgürtel! Und ich bin jetzt nur hier, um mich aus erster Quelle zu informieren, ob ich bald ein reicher oder ein armer Mann bin… du verstehst?” “Du solltest nicht wetten, du nutzloser Saufbold!” “Ja ich weiß, Aen. Aber bitte sag mir…” Aen wurde aufbrausend und gab ihm einen Stoß. “Woher soll ich das wissen? Nichts sag ich dir! Hau ab, lass uns in Ruhe!” Er hob die Hände “Is ja gut, is ja gut, musst ja nicht gleich so grob werden! Ich geh ja schon!” erwiderte er zerknirscht und trollte sich. Aen blickte Caradan entschuldigend an. “Verzeih, ich hab das auch erst heute erfahren, dass ich einen Ruf habe. Eiserne Jungfrau, feurige Jungfrau… Es weiß niemand, aber es stimmt…” Sie nahm seine Hand zwischen die ihren. “Ich habe seitdem keinen anderen Mann auch nur angesehen. Du warst der letzte der mich…” … im Schnee gefickt hat, vor Theos grausig zugerichteter Leiche… Sie sprach es nicht aus, sondern beeilte sich mit weitersprechen. “Ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Niemand könnte dir das Wasser reichen. Ich sagte mir, wenn ich dich nicht haben kann, dann will ich auch keinen anderen! Ich habe so gehofft und gebetet, dass dieser Tag kommt, an dem wir uns wieder begegnen. Und ich habe so gehofft und gebetet, dass wir wieder zueinander finden. Und nun sind wir einander begegnet! Vielleicht… wenn du willst… willst du noch ein wenig ungestört reden?” Sie deutete mit dem Daumen hinter sich “Ich habe ein Zimmer in der Eisenschenke. Wir könnten da einen Krug Wasser trinken...”  lächelte sie verschmitzt “... und du erzählst mir, wie es dir die letzten eineinhalb Jahre ergangen ist, und…” “Ja!” unterbrach er sie. Sie nickte, lächelte und dann erhoben sie sich, und gingen zurück zur Eisenschenke.

“Aen!” rief Tom. “Endlich!” Doch Aen schüttelte den Kopf, zog Caradan an der Hand durch die Schenke. “Lass mich bloß in Ruhe, ich mach für heute Feierabend!” “Aen! Du vergisst dich! Ich sage, wann du Feierabend machst.” “Nein! Und wenns dir nicht schmeckt, dann such dir eine Neue! Schnell nach oben…” gluckste sie Caradan zu und schob ihn durch den Raum, zur Treppe, drängte ihn die Treppe hoch, schubste ihn ins Zimmer und verriegelte die Türe. “Also das ist mein derzeitiger Wohnort” vollführte sie eine einladende Geste mit der Hand. “Mein Tisch, mein Stuhl, meine Kleidertruhe, und mein Bett…” Verlangen kroch in ihr hoch. Du liebe Güte… Jetzt hatte sie eineinhalb Jahre nichts vermisst, doch jetzt mit ihm in diesem Raum zu sein, ließ alle wohllüstigen Gefühle hervorkriechen. Sie beobachtete ihn, während sie ihre Stiefel auszog. Eine harmlose Geste. Sie legte den Gürtel ab, und beobachtete ihm weiterhin. Bedächtig legte sie den Gürtel über die Stuhllehne. Dann trat sie an ihn heran. Küsste ihn. Küsste seinen Hals. Legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Hintern, schob ihn an sich heran… Konnte er die Hitze spüren, die sie ausstrahlte, jetzt in diesem Augenblick, den hämmernden Herzschlag? “Willst du mich?” stieß sie heiser hervor.
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Fr, 03. Mai 2019 22:35

Caradan war zu erfreut, zu freudig erregt, als dass ihn die Unterbrechung durch diesen heruntergekommen Bettler hätte stören können. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, als der Mann die Gerüchte bestätigte, die er schon über Aen gehört hatte, ohne zu wissen, dass es sich dabei um sie handelte. So ganz konnte er es nicht glauben, aber er wusste, dass der Mann Recht haben musste. Gerüchte kamen nicht von irgendwo her, wenn es also hieß, dass Aen sich keinem Mann nachgegeben hatte, dann musste das wahr sein, denn sie war nicht von der Sorte, die so etwas geheim halten würde. Als Aen den Mann von sich stieß, schlug Caradans Laune schlagartig um. Das amüsierte Grinsen war verschwunden und ein todernster Blick trat an seine Stelle. Der Mann hatte noch genau eine Chance, bevor der Arcanier sich erheben würde und ihm weit unsanfter als Aen erklären würde, dass er hier nicht länger geduldet wurde. Er hatte keine Bedenken, dass er dieses Säufer überwältigen konnte. Rickard hatte ihm den Sieg über weitaus kampferfahrenere Gegner ermöglicht. Doch der Mann hatte Glück, er gab sich geschlagen und trotte wieder in die Schenke. “Verzeih, ich hab das auch erst heute erfahren, dass ich einen Ruf habe. Eiserne Jungfrau, feurige Jungfrau… Es weiß niemand, aber es stimmt…”, meinte sie und er lächelte sie mitfühlend an. “Ich habe schon gehört, dass die Jungfrau aus der Eisenschenke den Männern nicht sonderlich zugeneigt ist.” Aen kam zu ihm und nahm in bei der Hand. “Ich habe seitdem keinen anderen Mann auch nur angesehen. Du warst der letzte der mich…” Bei dem Gedanken an ihr letztes Mal, wurde dem Dieb schlecht. Was er da getan hatte, das… das war nicht er gewesen. Er hätte so etwas niemals tun dürfen, doch er hatte es getan und er verachtete sich dafür. “Ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Niemand könnte dir das Wasser reichen. Ich sagte mir, wenn ich dich nicht haben kann, dann will ich auch keinen anderen! Ich habe so gehofft und gebetet, dass dieser Tag kommt, an dem wir uns wieder begegnen. Und ich habe so gehofft und gebetet, dass wir wieder zueinander finden. Und nun sind wir einander begegnet! Vielleicht… wenn du willst… willst du noch ein wenig ungestört reden?” Sie deutete auf die Schenke und er lächelte sie an. “Ich habe ein Zimmer in der Eisenschenke. Wir könnten da einen Krug Wasser trinken...” lächelte sie neckisch “... und du erzählst mir, wie es dir die letzten eineinhalb Jahre ergangen ist, und…” Er legte ihr einen Finger auf die Lippen und nickte. “Ja.”, fiel er ihr ins Wort und strich ihr über die Wange. “Sehr gerne.” Sie erwiderte sein Lächeln und sie gingen gemeinsam zurück.
Jeder versuch des Wirtes sie zurück zur Arbeit zu holen, scheiterte und Caradan hätte es wohl auch kaum zugelassen. Er hatte heute einen kleinen Schatz erbeutet und würde dem Kerl zur Not die Verluste erstatten, die er durch Aens Abwesenheit womöglich machte. Sie schob ihn in ihr Zimmer und verriegelte die Tür, damit sie ungestört sein konnten. “Mein Tisch, mein Stuhl, meine Kleidertruhe, und mein Bett…”, stellte sie ihre Habseligkeiten vor und Caradan blickte sich um. Es war nichts besonderes, aber es war gemütlich. Ein Heim und das war wichtiger als alles andere. Er ließ seinen Blick schweifen und suchte tatsächlich, nach einem vertrauten Gegenstand. Das Feuerrohr, es fehlte. Nicht nur an Aens Gürtel, sondern auch in ihrem Zimmer. Gerade wollte er sich umdrehen und sie danach fragen, da kam sie zu ihm und küsste ihn. Sie zog ihn an sich und er konnte die Lust in ihren Augen sehen, konnte ihren Herzschlag fühlen und ihm wurde heiß. Begehren flammte in ihm auf, ein Begehren, dass er schon eine lange Zeit nicht mehr gespürt hatte. “Willst du mich.”, hauchte sie und zur Antwort hob er sie hoch, trug sie zum Bett und ließ sich mit ihr darin fallen. Er blickte ihr tief in die Augen, sein Atem ging schneller und er küsste sie hungrig. “Mehr als du ahnst.”, flüsterte er und begann an seinem Hosenbund herum zu nesteln. Seine Finger zitterten vor Aufregung. Es fühlte sich an, als ob es das erste Mal wäre, dass er bei einer Frau lag und er konnte es kaum erwarten, verzichtete darauf ihr das Kleid vom Leib zu reißen oder sich selbst von seinen störenden Kleidern zu befreien. Ohne Umschweife holte er seine Männlichkeit hervor und drang in sie ein. Ein erfülltes Stöhnen entrang seiner Kehle und er küsste sie, so leidenschaftlich wie nie zuvor. Langsam begann er sich in ihr zu bewegen, doch noch bevor sie beide in Fahrt kommen konnten, war es schon zu ende. Atemlos blickte er an sich herab, beschämt und peinlich berührt. “Ich… ich habe auch bei keiner Anderen gelegen…”, erklärte er mit einem entschuldigenden Blick. Enttäuscht von sich wälzte er sich von ihr herunter. “Ich bin wohl aus der Übung…” Sie blickte ihn verständnisvoll an. “Dann üben wir eben. Wenn es sein muss, die ganze Nacht.” Er nickte und zog sie an sich. “Also… du wolltest reden?”

“Ich weiß garnicht wo ich anfangen soll.”, lächelte er. “Als wir… also, als ich nach Aramad kam, war ich… gebrochen. Ich sah keinen Sinn mehr in irgendwas und wollte… wollte einfach nicht mehr leben. Aber ich war zu feige um mich umzubringen, also habe ich meine Sorgen in Alkohol ertränkt. Ich wollte mich tot trinken. Ich hab alles Geld verprasst und alles versetzt, was von Wert war, nur um mir die nächste Flasche in den Rachen zu schütten. Oder… sagen wir fast alles von Wert.” Lächelnd dachte er die Ringe, die er in einem seiner wenigen klaren Momenten in Sicherheit gebracht hatte. “Als ich dann merkte, dass die ganze Trinkerei nichts brachte, dass sie weder mein Leid lindern noch es vorzeitig beenden konnte, schwor ich ihr ab. Seit über einem Jahr habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Deswegen das Wasser.”, lachte er. “Ich weiß, ich bin ein schlechter Mensch, wenn ich in einer Schenke Wasser trinke, aber ich zahle auch dafür. Weit großzügiger, als jeder Säufer da unten. Naja… wie dem auch sei. Danach versuchte ich mein Leben, das ich selbst zerstört hatte, auf andere Weise zu… ich weiß nicht, ob ich es immer noch beenden wollte, ehrlich nicht, aber ich brach wo ich nur konnte Streit vom Zaun, prügelte mich, provozierte alles und jeden, nahm an Kämpfen teil, in denen sie mich zur Besinnungslosigkeit und darüber hinaus prügelte. Ich war ein wandelnder Toter, könnte man sagen, bis ich einen Mann traf. Rickard. Ich kann ohne zu übertreiben sagen, dass er mein Leben gerettet hat. Er hat sich meiner angenommen, meinen Körper und Geist geheilt und mir wieder ein Ziel gegeben, nämlich wieder etwas aus mir und meinem Leben zu machen. Und er hat mir gezeigt wie man sich wehrt. Sehr effektiv wehrt. Ich habe mich verändert, Aen. Ich bin immer noch kein großer Krieger oder so, aber so wehrlos wie früher auch nicht.” Er grinste sie breit an. “Ich bin jetzt ein großer Junge und kann auf mich aufpassen. Und auf dich…” Er legte seinen Kopf neben sie und blickte sie schweigend an. Es war ihm so unerklärlich, wie sie sich wiedergefunden hatten. Ein Zufall, ein Wink des Schicksals oder das Eingreifen der Götter, ihm war es einerlei. Sie lag neben ihm, sie liebte ihn noch und er sie, mehr als er in Worte fassen konnte. Sein Herz begann schneller zu schlagen und er spürte, je länger er sie so ansah, desto mehr Blut schoss ihm zwischen die Beine. Ein wölfisches Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. “Was meinst du, sollen wir mit den Übungen beginnen?” Er richtete sich auf und zog sich sein Hemd über den Kopf. Dabei entblößte er eine hässliche Narbe, die quer über seine rechte Flanke verlief. er bemerkte Aens fragenden Blick und winkte ab. “Halb so wild. Irgendein Kerl wollte mich letzten Winter abstechen.” “Warum das?”, fragte Aen und er zuckte mit den Schultern. “Das Geheimnis hat er mit ins Grab genommen.” Sein Blick wurde ernst und er schenkte ihr ein bitteres Lächeln. “Ich sagte ja, ich hab mich verändert.” Dann beugte er sich zu ihr hinüber, küsste sie am Hals und knabberte an ihrem Ohr. “Und jetzt zieh dein Kleid aus.”, flüsterte er ihr fordernd zu. “Vielleicht komme ich ja dieses Mal schon beim Anblick deiner Brüste.” Sie erhob sich, trat an das Fußende des Bettes, während er sich die Hose und Stiefel auszog und streifte ihr Kleid ab. Ihm blieb der Atem weg, aber nicht ob ihres so lang ersehnten Anblicks, sonder wegen den Narben auf ihrem Rücken. Er zog sie zu sich und strich vorsichtig über die dunklen Striemen. “Was ist passiert?”, fragte er fassungslos und sie berichtete von dem Aschesänger, den sie um Läuterung gebeten hatte. Der Arcanier wusste nicht was er sagen sollte. “Es tut mir so leid…”, keuchte er und wollte sie in tröstend in den Arm nehmen, doch sie drehte sich um und stieß ihn in die Kissen. Sie setzte sich rittlings auf ihn und warf ihm einen aufreizenden Blick zu. “Dann zeig mir, wie leid…”

Am nächsten Tag wurde Caradan am frühen Vormittag wach. Aen lag eng an ihn geschmiegt bei ihm und er hatte einen Arm um sie geschlungen. Vorsichtig löste er sich aus ihrer Umarmung und setzte sich an die Bettkante. Sie räkelte sich und blickte ihn aus verschlafenen Augen an. “Schlaf weiter.”, lächelte er und gab ihr einen Kuss auf die Hand. “Ich geh runter.” Er stand auf, kleidete sich an und schlüpfte dann so leise er konnte aus dem Zimmer. Im Schankraum angekommen, wartete bereits der Wirt. “Guten Morgen.”, grüßte Caradan ihn und der Wirt schnaubte bloß. “Morgen.” Unsicher begab sich Caradan an den Ausschank und lehnte sich an den Tresen. “Gut geschlafen?”, fragte der Wirt bissig. Der Dieb nickte. “Kann ich mir vorstellen.” “Gibt es schon was zu essen?”, fragte er freundlich um das Thema zu wechseln. “Kommt drauf an. Zahlst du für Kost und Logis?” Caradan nickte und holte seinen Geldbeutel hervor. “Und für die Zeche deiner Freunde?” “Die Zwillinge?” Der Wirt nickte. Caradan seufzte und nickte und der Wirt holte ihm einen Becher Wasser. Caradan nahm gerade einen Schluck, als er ihm die exorbitante Rechnung vorlegte und er verschluckte sich. “Elende Saufköpfe.”, hustete Caradan. “Ich hoffe die haben den Kater ihres Lebens, wenn sie aufwachen…” Zähneknirschend zählte er die geforderte Anzahl Münzen ab. Es leerte seinen Beutelinhalt um ein gutes Drittel. “Und meine ehemalige Schankmaid schläft noch?”, fragte der Wirt und Caradan blickte ihn fragend an. “Wieso denn ehemalig?” “Na eine Schankmaid, die nicht ausschenkt, kann ich nicht brauchen.”, erklärte der Wirt missgelaunt. “Das war ein Abend.”, verteidigte der Arcanier sie. “Hier.” Er zählte nochmals dieselbe Summe ab. “Reicht das als… Entschädigung? Für die verlorenen Einnahmen von Gestern.” Der Wirt hob die Augenbrauen und strich die Summe ein. “Na, wenigstens brauch ich jetzt nicht mehr den Namen meiner Schenke zu ändern.”, grinste er. “Weil die Jungfrau ihre Jungfräulichkeit verloren hat?” Er nickte eifrig. “Sie ist ein feines Mädel, unsere Aen. Ich frage mich wie gerade du…” Caradan hob argwöhnisch eine Augenbraue. “Versteh mich nicht falsch.”, wehrte der Wirt ab. “Ich frage mich nur, wer du bist, verstehst du?” “Ich bin… ich war ihr Verlobter.”, erklärte Caradan und blickte traurig zu Boden. “Oh.”, gab der Wirt peinlich berührt zurück. “Und was bist du jetzt, wenn ich fragen darf?” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Wird sich zeigen. Aber ich möchte wirklich nicht aufdringlich sein.”, lächelte er. “Aber was ist denn nun, mit dem Essen?”
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Sa, 04. Mai 2019 18:50

Sie war glücklich und zufrieden. Nicht befriedigt, aber das machte ihr nicht im Geringsten etwas aus. Sie wusste, dass all das Leid das sie durchlitten hatte müssen, einem höheren Zwecke diente, nur hatte sie das eben erst erkannt. Es mochte sein, dass sie von den Göttern füreinander bestimmt waren, doch nicht vor zwei Jahren. Nicht unter den damaligen Voraussetzungen und Gegebenheiten. Doch sie beide hatten vom Leben eine harte Schule erhalten, und dies hatte sie zu besseren Menschen gemacht. Sie lag dicht an ihn geschmiegt und lauschte seinen Erzählungen. Jeder von ihnen hatte sein Glück über große Umwege hart erarbeiten und finden müssen, aber es hatte sich gelohnt. Sie liebten sich diese Nacht so oft, wie noch keine Nacht zuvor, und dies war der Grund, warum die Arcanierin zu müde war, dass sie erst erwachte, als die Sonne längst aufgegangen war, weil Caradan sich unter ihrem Arm heraus wand. Sie wusste im ersten Moment gar nicht, wo sie war und was los war, aber er beschwichtigte sie “Schlaf weiter, ich geh runter” und da ließ sie sich wieder auf das Kissen fallen, drehte sich um und schlief weiter. Erst viel später fuhr sie hoch, als die Sonne ihr ins Gesicht schien und ihr dämmerte, dass sie verschlafen hatte. “Scheisse…” fluchte sie, sprang aus dem Bett, verzichtete sogar darauf, sich zu waschen, obwohl sie es nach dieser Nacht bitternötig gehabt hätte, warf sich ihr Kleid über, band das Haar schlampig hoch und stürzte die Treppe hinab in den Schankraum.


Noch bevor sie die letzte Stufe erreicht hatte, rief sie “Tom! Guten Morgen! Ich hab verschlafen, ich weiß! Tut mir leid!” Sie stolperte in den Schankraum und sah Caradan da sitzen, während er aß. Da stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie trat an ihn heran und küsste seinen Scheitel. “Ach… sag bloß … Ist mir gar nicht aufgefallen, während ich die Tische gescheuert, die Schenke gefegt und in der Küche angefeuert habe...” gab Tom ihr zurück, der eben aus der Küche kam mit einigen gebratenen Eiern und Speck und dies Caradan vorsetzte. “Nicht genug damit, dass er mir meine beste Schankmaid stiehlt, muss ich ihn auch noch bedienen, während ich deine Arbeit verrichte.” “Wieso stehlen? Ich bleibe doch!” gab Aen zurück. Nun, da ihre Arbeit bereits verrichtet war, setzte sie sich zu Caradan an den Tisch. “Das sieht gut aus, Tom. Ich hätte sowas bitte auch gerne” rief sie mit einem Blick auf die Fett triefenden Speckscheiben, die auf den knusprig in Butter gebratenen Eiern lagen. Tom trat an den Tisch heran und warf sich einen Lappen über die Schulter. “Willst du mich verarschen, Aen? Machs dir doch selbst!” Da grinste sie. “ Ach Tom, dann setz dich eben zu uns. Ich möchte etwas mit dir besprechen.” Mürrisch tat er worum sie ihn gebeten hatte. “Und? Wann ist die Hochzeit? Bin ich wenigstens eingeladen?”  Sie warf Caradan einen vielsagenden Blick zu und legte ihre Hand auf seinen Schenkel unter dem Tisch. Dann kicherte sie “Darüber wollte ich nicht mit dir sprechen. Sondern dass es nun eine kleine Veränderung gibt in meinem Leben.” “Und dass du jetzt hinschmeißen willst, hm?” brummte er. “Aber nein! Aber ich kann nicht die Nacht mit Caradan verbringen und morgens beim ersten Hahnenschrei aufstehen. Das bin ich nicht, das war ich nie! Das hat vielleicht funktioniert, als mir alles ganz egal war, als ich die Arbeit gebraucht habe um mich abzulenken aber jetzt haben sich die Dinge eben geändert!” Er war beleidigt, das konnte man deutlich erkennen. Spätestens als er sich wieder erhob und Aen ihm nachsprang. Hinter dem Ausschank holte sie ihn ein und umarmte ihn von hinten. “Tom! Bitte! Hör mir doch wenigstens zu! Ich beginne am Nachmittag, und bis zum Abend. Und am Hernýstag werde ich künftig nicht mehr arbeiten. Da ist es doch eh immer ruhig hier! Du könntest ja an dem Tag sogar die Schenke schließen! Kannst dich auch mal ausruhen.” Er blieb stehen und schien zu überlegen. “Und wie hast du dir das vorgestellt? Wer macht die Arbeit am Morgen?” “Ich. Ich mache sie nachts. Nach Feierabend. Eigentlich ist das doch besser, es gleich zu erledigen, anstatt den Dreck über Nacht antrocknen zu lassen. Und Nachmittag beginne ich dann.” “Hrmm…” brummelte er. “Tom, komm schon. Da drüben sitzt mein Leben. Ich habe ihn achtzehn Monde nicht mehr gesehen, wir haben eine Menge nachzuholen…” “War er dir wirklich versprochen?” “Hat er das so gesagt?” “Joh, so ähnlich.” Aen nickte. “Ja, und ich habs komplett verdorben.” “Er ist ein Idiot, wenn er dich hat ziehen lassen. “ Da schüttelte sie den Kopf “Du weißt nicht, was ich früher für ein Mensch war. Ich war eine unsagbare Idiotin, ihm einen… nein, mehrere Gründe zu geben, mich zu verlassen.” “Kaum zu glauben. Also schön. Hast meinen Segen.” Da atmete Aen erleichtert auf. “Danke Tom… Du bist wie ein Vater für mich. Und besser als meiner! Gibst du mir heute frei? Ausnahmsweise?” Da wurde es ihm wohl unangenehm, denn er scheuchte sie mit einer Handbewegung weg. “Ach geh weg Kleine, setz dich zu deinem Liebhaber und ich geh dir ein paar Eier braten.” Aen tat wie ihr geheißen und setzte sich zu Caradan und verschränkte die Arme auf dem Tisch. Sie lächelte ihn an. Es war seltsam, eigentlich waren sie sich so vertraut, aber jetzt war da so eine seltsame Stimmung, solch eine Unsicherheit zwischen ihnen, als hätten sie sich erst eben kennengelernt. “Also hätten wir das geklärt…” begann Aen. Im Hinterkopf behielt sie stets den Gedanken an das, was Caradan wohl zu Tom gesagt hatte. Ich war ihr versprochen... Es hätte alles ganz anders laufen können. “Sag mal… hast du eigentlich diesen kleinen Beutel noch? Da, wo das Amulett drinnen war?” Caradan nickte. “Das muss bei den Ringen sein.” Damit erwischte er sie heißkalt. “Die gibt es noch? Du hast sie noch?” fragte sie ungläubig. “Ja, ich hab sie versteckt bevor ich sie versaufen konnte.” “Versteckt? Und du weißt noch wo?” “In einem Schrein des Rhelun.” Aen blickte ihn fragend an. “Der Totengott, Rhelun. Auf dem Totenhügel. Wo der Friedhof ist.” Aen nickte verstehend. Tom trat an den Tisch heran und stellte Aen einen Becher warmer Milch hin, zwinkerte ihr aufmunternd zu und verschwand dann wieder in der Küche, wo er begann, mit Geschirr zu klappern. Aen trank einen Schluck von der Milch und musste lächeln, als sie den süßen Geschmack wahrnahm. Tom hatte einen Löffel Honig hinein gegeben. Ganz so, wie sie es liebte. Nach einer Weile des Schweigens nahm sie das Gespräch wieder auf. “Totenhügel… Findest du nicht, dass das ein etwas seltsamer Ort ist, um Eheringe zu verstecken?” Das Thema beschäftigte sie sehr. Sie legte ihre Hand in den Nacken, und legte den Kopf ein wenig schief. “Was wird nun mit den Ringen passieren?” hakte sie weiter nach. “Nun weggeben will ich sie nicht. Ich will sie behalten.” Aen wurde ein wenig ungeduldig und auch ein klein wenig genervt. Machte er das eigentlich absichtlich? Er musste doch wissen, worauf sie hinaus wollte! Sie trank noch einen Schluck Honigmilch. “Caradan… ich will dich gerne etwas fragen.” Sie nahm seine Hand in die Ihre. “Denkst du…” Sie rang sehr mit sich. “Denkst du es wäre denkbar, dass wir zwei es noch nochmal miteinander versuchen? Ich meine, könntest du dir noch vorstellen, dass ich deine Frau werde?” sah sie ihn hoffnungsvoll an. Er legte seine Hand auf die ihre und beugte sich zu ihr vor. “Das könnte ich mir sogar sehr gut vorstellen.”  “Das ist schön…” flüsterte die Arcanierin. “Dann werden wir das machen. Was hältst du davon dass du mir ein wenig von der Stadt zeigst, und dann sehen wir mal, ob du die Ringe noch findest?”
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Mi, 08. Mai 2019 23:07

“Totenhügel… Findest du nicht, dass das ein etwas seltsamer Ort ist, um Eheringe zu verstecken?”, fragte Aen und er konnte sehen, dass sie das beschäftigte. “Naja… im Nachhinein, schon, aber damals war ich nicht ganz so klar im Kopf wie heute. Ich weiß gar nicht mehr, wieso ich eigentlich da war, aber mir kam der Gedanke, dass ich es mir nicht verzeihen könnte, wenn ich sie…” Er sprach nicht weiter. Der Gedanke an die Zeit nachdem er sie verlassen hatte, bescherte ihm Unwohlsein. Er war ein Narr gewesen, ein Arschloch und das wollte er jetzt nicht mehr sein. Und er wollte darüber auch nicht nachdenken. “Was wird nun mit den Ringen passieren?” hakte sie weiter nach. “Nun weggeben will ich sie nicht. Ich will sie behalten.”, wich er ihrer Frage aus, wohl wissentlich, dass sie auf eine klare Antwort gehofft hatte. Es war keine Bosheit oder eine gemeiner Scherz, es war der verzweifelte versuch etwas Zeit zu gewinnen, um sich seine Worte zurecht zu legen. Er konnte sehen, wie sehr sie seine Antwort ärgerte und es tat ihm leid, aber er konnte nicht anders. Ihm fehlte dieser kleine Tropfen Mut um auf ihre Frage, die jeden Moment kommen konnte zu antworten. “Denkst du… Denkst du es wäre denkbar, dass wir zwei es noch nochmal miteinander versuchen? Ich meine, könntest du dir noch vorstellen, dass ich deine Frau werde?” Unwillkürlich hielt er die Luft an. Da war sie, die Frage aller Fragen, mit der so viel mehr mitschwang, als die Worte verrieten. Hatte er ihr verziehen? Hatte sie ihm verziehen? Konnten sie sich beide zusammenreißen? Dem anderen die Treue halten? Die Eifersucht nicht überhand nehmen lassen? Konnten sie sich lieben und ehren und das alles, was da noch dazu gehörte? Er schluckte und ergriff ihre Hand. “Das könnte ich mir sogar sehr gut vorstellen.”, antwortete er überzeugt und er meinte was er sagte. Ja. Ja, verdammt nochmal, ja! Er konnte es sich vorstellen, er wollte es so gerne. Vielleicht war es nur ein dummes Versprechen, ein sinnloses Versprechen, aber er würde sich anstrengen. Er würde der Mann sein, den sie wollte. Ein richtiger Mann. Er schwor sich hoch und heilig, bei den Geschwistern, bei den Sieben, bei den alten Göttern der Wilden Lande, bei seinem linken Daumen oder seinen Arschhaaren, er würde nicht mehr zulassen, dass sich jemand zwischen sie stellte. Er würde keinen umbringen, wenn es nicht nötig war, aber er würde jedem zeigen, dass sie ihm gehörte. “Dann werden wir das machen. Was hältst du davon dass du mir ein wenig von der Stadt zeigst, und dann sehen wir mal, ob du die Ringe noch findest?” “Sehr gern.”, antwortete er und drückte ihre Hand. Dann aß er weiter, langsamer, bis Tom, der Wirt, ihr auch etwas brachte. Die frisch gebackenen Eier und der brutzelnde Speck rochen fantastisch, sodass sich Caradan gleich mit neuem Hunger über sein Frühstück hermachte. Sie nahmen größtenteils schweigend dieses opulente Frühstück ein und als sie fertig waren, brachten sie die Teller zurück in die Küche und verabschiedeten sich. “Einen Moment.”, bat Tom und holte eilig ein kleines Stück Papier. “Der Müller hier, der schuldet mir noch eine Lieferung. Ich würde ja selbst gehen, aber da meine liebe Schankmaid heute ja blau macht… tu mir den Gefallen Aen, ja? Dann kannst du gerne mit deinem Liebsten herumstromern.” Aen nickte, steckte das Papier ein und gemeinsam verließen sie die Schenke. Caradan bot ihr seinen Arm an und gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Nordwesten, um dort als erstes den Müller aufzusuchen.

Kaum dass sie das Stadttor verlassen hatten, änderte sich das Stadtbild radikal. Aus den vornehmlich aus Stein und Lehm errichteten, oft auch mehrstöckigen Häusern, mit den flachen oder mit gebrannten Ziegeln gedeckten Dächern, wurden kleine, flache Holzhütten, mit Strohdächern und ausladenden Holzzäunen und Pferchen für das Vieh. Hier draußen vor der Stadt, lebten die Bauern die direkt Teile der Stadt versorgten, während der Rest von überall aus dem Umland und aus den fruchtbaren Schwemmlanden importiert. Dennoch war der ganze Hügel über und über mit Äckern übersät, hier und da tauchte eine Mühle oder ein Hof auf, ansonsten konnte man weit in die unberührte Natur der Gefallenen Reiche blicken. Bei einer Stadt, in der es entweder bergab oder bergauf ging, wurden die Beine immer stärker, ob man wollte oder nicht, aber letztes Endes ging auch dem Dieb irgendwann mal die Puste aus. Hier außerhalb der Stadt, wo es keine gepflasterten Straßen gab oder Treppen die man an besonders steilen Anhöhen in den Boden gehauen hatte, da musste man sich über die schlammigen, zu dieser Jahreszeit glücklicherweise trockenen, Trampelpfade bewegen. Es war zum Verzweifeln und Caradan hoffte, dass der Müller zumindest die Bestellung von Tom eben jenem liefern würde, weil der Arcanier ganz gewiss keine vier Säcke Mehl und wie viele Scheffel auch immer von Gerste, Malz und Hopfen den ganzen Weg zurück schleppen würde. Auf dem Weg erklärte er Aen was es mit dem Hügel der Ondara auf sich hatte. Da jeder Hügel ein halbes Dutzend Namen hatte, wählte er nun die geläufigsten, die sich schlicht auf den Namen der Gottheit bezogen, der der Hügel geweiht war. So gab es den Cirianshügel, Rhelunshügel, Ondarashügel und so fort. Ob der Name oder die Funktion des Hügels zuerst kam, das konnte niemand mehr sagen, war aber auch völlig gleich, denn es war so und würde sich wohl erst ändern, wenn die Arcanier dieses Land eroberten und den Glauben an die Sieben ausrotteten. Der Ondaras war, weil er wie bereits erwähnt außerhalb der Stadtmauern gelegen, der Hügel wo die Landwirtschaft florierte. Hier wurden die mehr oder minder fruchtbaren Böden von eifrigen Bauern bestellt, die überraschend großes Ansehen genossen, da ihre Erträge zu einem erschwinglichen Preis zu erkaufen waren. Das Groß des städtisch gebrauten Bieres wurde mit Zutaten von den Feldern außerhalb der Stadt hergestellt und Bier, da waren sich Arm und Reich einig, war das Lebenselixier einer jeden Stadt. Die Wohlhabenden tranken es aus Genuss, die normalsterblichen tranken es um sich zu besaufen, die armen kochten daraus Suppe. Der Schrein der Ondara befand sich genau an der Stadtmauer, war ein großes, hölzernes Gebilde, wo es guter Brauch war, einen Teil seiner Waren zu opfern, ehe man sie in der Stadt zu verkaufen suchte. Eine handvoll Mehl, ein paar Rüben oder ein wenig Getreide lag dort immer, um in der Sonne zu verfaulen und von Tieren nachts gefressen zu werden. Den Müller, zu dem Tom die beiden Arcanier geschickt hatte, hockte gerade vor seiner Mühle und schmauchte ein Pfeifchen. Er winkte grüßend, als er merkte, dass die Beiden auf ihn zugingen.
“Na ihr zwei!”, rief er gut gelaunt. “Kann ich euch weiterhelfen?” Caradan nickte und bedeutete Aen, ihrer Aufgabe nachzukommen. “Das hoffen wir doch, mein Freund.”, lächelte der Dieb. Aen erklärte dem Müller, dessen Name Harold war, dass Tom der Wirt aus der Eisenschenke Mehl und die Zutaten zum Bier brauen langsam benötigte, da seine Vorräte zu neige gingen. “Puh, ja…” Der Müller Harold kratzte sich verlegen am Hinterkopf. “Ich weiß, ich weiß, der gute Tom hat schon bezahlt, aber es wird wohl noch ‘ne Weile dauern.” “Warum?`”, mischte sich Caradan ein. “Na, Gestern waren ein paar Kerle hier, die die Lieferung wollten, die ich für den guten Tom schon bereit gestellt hatte. Und… naja, das waren so Kerle, zu denen sagst du nicht nein, wenn du allein bist.” Caradan runzelte die Stirn. Es war ziemlich ungewöhnlich, dass sich solche Leute wie der Müller sie beschrieb hier draußen tummelten. Der Ondaras war neutrales Gebiet, jede der Banden wusste, dass man die Lebensader der Stadt nicht anschneiden durfte, weil sie sonst ausblutete. Es war ein ungeschriebenes Gesetz die Bauern in Ruhe zu lassen und zu den Bauern gehörten auch die Müller, die die Erträge der der Felder weiter verarbeiteten. “Wer waren die?”, fragte er schließlich und strich sich nachdenklich durch den Bart. “Keine Ahnung.”, zuckte Harold mit den Schultern. “Haben sich nicht vorgestellt.” “Ja…”, meinte Caradan gedehnt. “Dachte ich mir, aber kannst du sie beschreiben?” Der Müller nickte. “Drei Männer und ein Wagenführer. Hatten eigentlich ganz gewöhnliche Kleider an. Nichts besonderes, sahen aus wie gewöhnliche… ähm… ja, also wie die richtigen Leute, wenn ihr versteht?” Caradan verstand. Die richtigen Leute war ein Euphemismus für das kriminelle Gesindel der Stadt, Diebe, Mörder, Schmuggler, Entführer, Huren und sonstiges. Der Arcanier selbst war auch einer der richtigen Leute. “Na der eine hatte jedenfalls so ‘ne Narbe auf der Stirn. Sah aus wie ein Kreuz. Genau hier.”, erklärte Harold und tippte sich auf die Mitte der Stirn. “Sah aus als hätte er voll eine auf die Nuss gekriegt.” Caradan seufzte. “Ulric… von den… verdammt, wie heißt diese Bande von Deppen… die… ich komm nicht drauf.” “Du kennst die?”, fragte Harold mit großen Augen. “Witwenmacher!”, rief Caradan, als ihm der Name wieder einfiel. “Ja die kenn ich. Unangenehme Gesellen, nur Stroh im Kopf, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so frech den Frieden missachten.” “Welchen Frieden?” “Ach schon gut. Haben sie dir alle Vorräte gestohlen.” Harold schüttelte mit dem Kopf. “Ne, nur die von Tom. Waren ziemlich genau. Sagte, sie wollen die Lieferung für die Eisenschenke. Haben sogar bezahlt. Also, nicht den vollen Preis, aber genug damit ich keinen Verlust mache.” Caradan nickte. “Dann danken wir dir und geben Tom bescheid.” Caradan warf Aen einen Blick zu, der deutlich machte, dass es an der Zeit war zu gehen. “Warte mal.”, rief Harold. “Wer bist’n du eigentlich? Sie kenn ich. Das ist Toms Kleine, die feurige Jungfrau. Aber dich kenn ich gar nicht. Bist du ihr Bruder oder so?” Caradan lächelte ihn an. “Ich wünsch dir noch einen schönen Tag.”
Als sie die Mühle ein paar hundert Schritt hinter sich gelassen hatten, blieb Caradan stehen und nahm Aen an die Seite. “Sag mal… bezahlt Tom eigentlich Schutzgeld?” “Woher soll ich das wissen?”, erwiderte Aen verwirrt. “Na du bist doch Toms Kleine.”, grinste er. “Ja aber sowas erzählt er mir doch nicht. Warum willst du das wissen?” “Na weil ich eine Ahnung habe, was da los ist.” Sie gingen weiter, während Caradan ihr erklärte was er meinte. “In einer Stadt, wo Diebe so einflussreich sind wie Adelige, kann es passieren, dass Ladenbesitzer jeglicher Sorte einen Anteil an sie abtreten müssen und dafür Sicherheit vor Übergriffen genießen.” “Ich weiß was Schutzgeld ist.”, murrte Aen und Caradan legte beschwichtigend seinen Arm um sie. “Ja doch, ich rede mich doch nur warm. Jedenfalls ist diese Sicherheit meistens gut fürs Geschäft, weil es das Geschäft anregt. Aber bei manchen läuft es auch so gut, ohne das sie was bezahlen. Manchmal kommt es vor, dass eine Bande entscheidet, dass sie ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und setzen dem Geschäft zu, bis die armen Schweine, wie Tom vielleicht auch, keine andere Wahl mehr haben, als diese Hilfe anzunehmen.” Er schwieg einen Moment, während sie den Weg entlang zum Stadttor liefen. Der Schrein der Ondara kam in Sicht, wo soeben einige Bauern ein Bündel Stroh ablegten und ein paar Tropfen Bier vergossen, um für anhaltend gutes Wetter und reiche Ernte im kommenden Herbst zu bitten. “Also, wenn Tom nichts bezahlt, muss er das bald wohl oder übel. Falls er aber seinen Anteil bereits abgibt, müssen wir uns keine Gedanken machen. Dann wird sich sein Gönner schon darum kümmern, dass die Witwenmacher ihre gerechte Strafe erhalten. Gerecht und unbarmherzig.” Sie schlenderten durch das Stadttor und wurden umgehend von einer Flut an Geräuschen, Gerüchen und anderen Sinneseindrücken überflutet. Unwillkürlich zog Caradan Aen enger an sich, um sie in der Masse der Menschen die sich durch das Tor zwängten nicht zu verlieren. Er zog sie in eine Seitengasse und ließ sich auf den Sockel eines Hauses und zog sie zu sich. “Bevor, wir die Ringe holen.”, begann er. “Würde ich dir gerne zeigen wo ich lebe. Dein Zuhause hab ich schon gesehen und wir haben es gebührend eingeweiht, jetzt ist meines an der Reihe.” Er grinste sie an und gab ihr einen Kuss. “Aber versprich mir, dass du nicht sauer wirst.”

“Du lebst in einem Hurenhaus.”, stellte Aen säuerlich fest und Caradan seufzte. “Ja tue ich.” “Warum?” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Ist Teil der Abmachung mit dem Herrn des Hauses. Ich darf hier wohnen und bekomme einen kleinen Teil der Einnahmen.” Aen blickte ihn finster an. “Ach ja?” “Hör mal.”, wehrte Caradan ab. “Ich bin weder der Zuhälter oder ein Kunde der Mädchen. Ich bin ihr Beschützer.” “Der Beschützer?” Caradan konnte die Skepsis in ihrer Stimme deutlich hören. “Zugegeben eher mit silberner Zunge, als mit stählerner Faust, aber ich sorge dafür, dass ihnen nichts passiert und dass es ihnen gut ergeht.” “Und wieso denkst du es ist deine Aufgabe?” “Weil Rickard es nicht mehr kann. Und ihm schulde ich mein Leben.” Aen schien nicht überzeugt, aber daran konnte Caradan jetzt auch nichts ändern. Sie würde es vielleicht verstehen, wenn sie ein paar Tage mit ihm verbracht hatte und sah, dass sie sich wegen der Mädchen keine Sorgen zu machen brauchte. Er führte sie hinein und in der Eingangshalle des Bordells, hockten die Zwillinge. Sie sahen bemitleidenswert aus, so schlimm, dass Caradan nicht anders konnte, als schadenfroh zu grinsen. “Guten Morgen ihr Zwei!”, brüllte er und erntete tödliche Blicke. “Nicht so laut…”, jammerte Gerret. Oder Renart… es war verdammt schwierig die beiden zu unterscheiden. Caradan wusste nichts genaues, aber er hatte gehört, dass einer der Beiden in einer Messerstecherei die markante Narbe im Gesicht erhalten hatte und der andere sie sich danach selbst zugefügt hatte, damit sie wieder gleich aussahen. Aber wer der Verlierer und wer der Idiot war, konnte niemand so recht sagen. “Warum nicht!?”, rief Caradan immer noch laut und die beiden verzogen synchron das Gesicht. “Du bist ein verdammter Hurensohn, weißt du das?” “Ja. Ja das bin ich.”, grinste Caradan und setzte sich mit Aen zu ihnen. “Na wenn das nicht, die feurige Jungfrau ist.”, meinte Gerret. “Guten Morgen Aen.”, lächelte Renart schwach. Ja, jetzt wusste Caradan wer wer war, immerhin war Renart derjenige der Zwillinge, der Aen schon kannte. “Was macht ihr hier?”, fragte Gerret und Renart schob direkt hinterher. “War er gut?” “Ja genau, habt ihr es miteinander getrieben?” “Wir müssen das wissen.” “Wir haben nämlich gewettet.” “Und jetzt wollen wir wissen, wer gewonnen hat.” Caradan blickte zwischen den Beiden hin und her und merkte wie ihm von ihrem schnellen Wortwechsel schwindelig wurde. “Ich glaube, ihr habt.”, gab Renart zu. “Ich nicht.”, widersprach Gerret. “Es geht um viel Geld!”, riefen Beide im Chor. Caradan vergrub sein Gesicht in der Hand und massierte sich den Nasenrücken. Die beiden Zwillinge waren sogar verkatert eine wahre Plage. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sich mit denen abzugeben? Hatten die Geschwister sie als seine ganz persönliche Plage geschickt? Oder hatte er einfach nur Pech gehabt? Er wusste es nicht. “Er war so wie immer.”, gab Aen irritiert zurück. “Also habt ihr!”, rief Renart triumphierend. “Ich wusste es, ha!” Er stieß seinem Bruder den Ellenbogen in die Seite. “Zahltag!” Missmutig schob Gerret seinem Bruder drei Heller zu. “Ich hasse dich…” “Und ich danke dir.” Behände ließ Renart die Münzen in seiner Tasche verschwinden. Nun da die wichtigste Frage des Tages geklärt war, wurden die beiden Zwillinge wieder ruhig und Caradan genoss einen Moment die angenehme Ruhe.
“Gibt’s was Neues?”, fragte er schließlich und blickte auffordernd von einem Zwilling zum Anderen. “Etwas was ich über Nacht verpasst habe.” Die Beiden warfen sich einen Blick zu, als wären sie nicht sicher, wer von ihnen die Neuigkeit überbringen sollte. Wortlos, begannen sie mit der Hand zu wedeln und machten Zeichen in die Luft. Erneut ging Renart als Sieger hervor und Gerret seufzte schwer. “Der alte Arne will dich sehen…” Der Arcanier riss die Augen auf und schluckte schwer. “Was will er?”, fragte er mit plötzlich trockenem Mund. “Denkst du das sagt er uns?”, warf Renart ein. “Ich denke er hat euch überhaupt nichts gesagt.” “Ja schon… er hat Wigbold geschickt.” “Wen?”, fragte Caradan. “Wilhelm.”, berichtigte Gerret. “Wer?” “Na der große Glatzkopf! Hoch wie breit, nur drei Zähne im grindigen Maul.” “Der so undeutlich spricht!” “Walder!”, rief Caradan. “Ja genau! Den hat er geschickt. Sollte dich wohl gleich einpacken und mitnehmen.”, zuckte Gerret mit den Schultern. “Scheiße…”, murmelte der Dieb und blickte Aen an, die wohl kein Wort verstanden hatte. “Arne ist ein Bandenführer hier auf dem Va’ileskas. Gehört zum silbernen Prinzen, einem der drei mysteriösen Herrschern der Unterwelt.”, erklärte er. “Er war es, der mich damals nach Brisangen verbannt hat.” “Weil du seine Tochter geschändet hast.”, grinste Renart. “Hab ich nicht!”, fauchte Caradan. “Ich hab sie nicht angerührt!” “Ja und das war das Problem.” “Sie will es und so ist es fein.” “So war es und so wird es immer sein.” “Und wenn sie es nicht kriegt.” “Dein Kopf auf’m Boden liegt.” Caradan starrte die beiden Finster an. “Seit ihr jetzt unter die Dichter gegangen?” “Oh dicht sind wir oft.”, grinste Renart. “Und manchmal eben Dichter.”, stimmte ihm sein Bruder zu. “Jedenfalls…”, knurrte Caradan. “Hab ich mich seit meiner Rückkehr von ihm fern gehalten. Wenn er mich sehen will, dann bestimmt nicht, weil er mich willkommen heißen will. Aber das kann warten. Die Ringe haben erstmal Vorrang.” Die Zwillinge hoben in einer vollkommen identischen Bewegung den Kopf. “Welche Ringe?”, riefen sie im Chor und Caradan grinste die Beiden an, während er Aens Hand ergriff. “Unsere Eheringe.”, lächelte er Zuckersüß. “Ihr seid verlobt?”, riefen sie wieder. “Ja.” “Nach einer Nacht?”, fragte Renart an Aen gewandt. “Eifersüchtig?”, fragte sie. “Überrascht!”, antwortete Gerret an seiner Bruder statt. “War er wirklich so gut?” “Ich sagte doch, so wie immer.”, antwortete Aen. “Man und ich dachte er wär ‘ne Schwuchtel!” “Bitte was!”, rief Caradan entsetzt. “Na du lebst in einem Bordell und hast keines der Mädchen flachgelegt. Da dachte ich du stehst auf Männer.”, lachte Gerret. “Irgendwann, Jungs, stech ich euch ab…”

Nachdem sie die Zwillinge wieder ihrem verdienten Kater überlassen hatten, machten sich die beiden Arcanier auf um die Ringe zu holen, die Caradan vor über einem Jahr in einer Statue des Totengottes Rhelun versteckt hatte. Seit dem hatte er regelmäßig, mindestens einmal im Monat nachgesehen, ob sie noch an Ort und Stelle waren, wohl aus der verzweifelten Hoffnung heraus, dass er sie eines Tages vielleicht wieder brauchen konnte. Und diese Hoffnung hatte sich erfüllt! Er war überglücklich als sie auf dem Weg zum Rhelunshügel waren, dem Totenhügel, wo der Friedhof der Stadt sich außerhalb der Mauern erstreckte. Wie der Schrein seiner Schwester, war der Schrein des Totengottes direkt an der Mauer gelegen und war insofern ein sicherer Ort, als das sich niemand wagte, dort Unsinn zu machen oder Unfrieden zu stiften. Jedenfalls hatte sich Caradan das so gedacht. “Wie wollen wir das eigentlich machen?”, fragte Caradan als sie durch das nordwestliche Stadttor liefen. “Heiraten wir im Zeichen der Zwei? Oder der Sieben? Oder der alten Götter? Oder im Zeichen von keinem?” Er war aufgeregt, nervös, fast wie ein kleiner Junge. Der Ehe an sich hatte er nie sonderliche Aufmerksamkeit zuteil werden lassen und hatte keine Ahnung, wie das so ablief. Im Prinzip gaben sie sich bloß in Anwesenheit eines Priesters und einiger Zeugen ein Versprechen und verbrachten dann die Nacht miteinander. Darauf, das gab er offen zu, war er besonders gespannt. Ob es wohl etwas anderes wäre, als Mann und Frau das Bett zu teilen? Ob es besonderer wäre? Sie liefen entlang der Mauer und trafen bald auf eine Ansammlung von Menschen. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich viele Menschen um den Schrein des Rhelun tummelten. Jeden Tag starben Leute, also gab es immer Grund für irgendwen hier zu beten, aber irgendwas war hier anders. Vorsichtig schob sich der Dieb zwischen den Leuten nach vorn und erblickte, einen schwelenden Trümmerhaufen. “Was…”, hauchte er und trat einige Schritte näher. Vor den Trümmern des Schreins kniete ein Mann, ganz in schwarz gekleidet und weinte stumm. Der Arcanier trat an ihn heran. “Was ist hier passiert?” Der Mann antwortete ohne aufzublicken. “Sie kamen im Morgengrauen…”, hauchte er mit belegter Stimme. Der Mann war hager, hatte eine Adlernase, einen kahlrasierten Schädel und ein markantes Kinn. Auf seiner Stirn prangte ein lang verheiltes, damals wohl eingeritztes Mal, das einen siebenzackigen Stern zeigte. “Sie plünderten den Schrein und brannten…” Seine Stimme versagte und er schluchzte laut auf. Caradan achtete nicht auf ihn, sondern eilte voran. Er räumte teilweise noch heißen Schutt beiseite und wühlte sich zu der Statue durch, die zerbrochen unter einem verkohlen Balken lag. Er tastete nach dem losen Stein am Sockel und fand ein Loch. Es war leer… “Scheiße!”, fluchte er laut. “Nein, nein, nein!” Mit gehetztem Blick sah er sich um. Er rannte zu dem Mann, fiel vor ihm auf die Knie und packte ihn bei den Schultern. “Wer war das?”, herrschte er ihn an. “Sag mir wer das war!” “Ich weiß nicht…”, jammerte der Mann und Caradan rüttelte ihn heftig. “Ich muss das wissen! Die haben etwas das mir gehört!” Eine große Hand legte sich auf die Schulter des Arcaniers und zerrte ihn unsanft weg von dem Priester. “Lass das Junge.”, knurrte der große, stämmige Mann mit Vollbart. Seine Hand war schwielig und er trug die Werkzeuge eines Zimmermanns bei sich. “Fass mich nicht an.”, zischte Caradan und schüttelte die Hand des Mannes ab. “Vorsicht, Junge…”, warnte ihn der Zimmermann. “Nenn mich noch einmal Junge.”, knurrte der Dieb und baute sich vor dem Kerl auf, musste aber dennoch hoch schauen. “Ich will nur wissen wer das da zu verantworten hat!” “Der silberne Prinz.”, rief plötzlich ein altes Weib. “Was?” “Ich hab sie gesehen. Und gehört. Sie sagten ‘Der Schwarze wird seinem Schöpfer bald folgen’. Es kann nur der Silberne gewesen sein…” Caradans Augen öffneten sich angsterfüllt und er schlug sich die Hand vor den Mund. Sein Blick wanderte zu Aen. Er eilte zu ihr, packte sie und zerrte sie fort von dem Schrein. Er brachte sie beide zu einer ungestörten Nische in der Stadtmauer und fiel vor ihr auf die Knie. “Es tut mir leid Aen.”, keuchte er und ergriff ihre Hand. “Ich konnte es nicht ahnen… der Schrein… sie waren da sicher. Über ein Jahr… und gerade wo ich dich wieder habe...” Er küsste ihren Handrücken und blickte flehend zu ihr herauf. “Ich weiß es sind nur Ringe… aber sie gehören uns… Und ich hole sie zurück, was es auch kostet.” Er erhob sich und blickte ihr fest in die Augen. “Ich hol sie uns zurück. Und ich weiß wo ich anfangen. Wenn einer Bescheid weiß, dann der alte Arne. Wir gehen zu ihm und fragen ihn…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Do, 16. Mai 2019 14:40

Es war ein herrlicher Sommermorgen. Der Himmel war strahlend blau, vereinzelte Wolkenformationen trübten den Sonnenschein nicht, aber bezeugten doch eindrucksvoll die Allgewalt der Natur. Reges Treiben herrschte schon in Aramad und Aen hatte sich bei Caradan im Arm eingehängt und so liefen sie gemütlich dahin. Im Vorbeigehen hatte die Arcanierin bei einem Bauernweib zwei rotbackige Frühäpfel gekauft. Einen für sich und einen für Caradan. Mehr nicht. Seit Aen für ihr Geld arbeitete, hatte es einen ganz anderen Wert und Bedeutung. Sie überlegte zweimal, bevor sie es mit beiden Händen zum Fenster hinauswarf. “Heiraten wir im Zeichen der Zwei? Oder der Sieben? Oder der alten Götter? Oder im Zeichen von keinem?” fragte Caradan und Aen hielt inne in ihren so oft abschweifenden Gedanken. “Das ist eine verdammt gute Frage, Caradan...” dachte sie laut. “Ich weiß es nicht.” Sie wollte jetzt nicht erwähnen, dass ihr der Bund mit Thero unter den alten Göttern kein wirkliches Glück gebracht hatte. Aber vielleicht, oder auch mit Sicherheit, hatte das nur wenig mit den Göttern zu tun, sondern mit dem Mann, mit weichem sie diesen Bund eingegangen war. Man konnte auch behaupten, dass die Zwei ihnen kein Glück gebracht hatten, in ihrer Heimat. Wenn das Glück von den Göttern beschert wurde, dann konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass die Zwei ihnen was ihr persönliches Glück betraf, recht viele Steine in den Weg gelegt hatten. Es war auch fraglich ob man jemanden fand, der einen ganz ohne irgendeinen göttlichen Beistand traute. Sie warf ihren Apfelbutzen im Vorbeigehen in einen Verschlag, in dem ein paar Schweine im Schlamm lagen. Ihre Hand glitt von seiner Armbeuge in seine Hand und ihre Finger nestelten sich zwischen die Seinen. Dann sagte sie “Weißt du, ich glaube weder die Alten, noch die Zwei waren mir gewogen. Und ich finde, wenn man sich entschließt, seine Heimat in Mérindar zu finden, und ich glaube, das tun wir ja, dann sollte man die Bräuche und Gepflogenheiten von hier annehmen. Wieso sollte man hier leben wollen, aber die Seele des Landes verleugnen wollen? Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich finde, wir sollten es im Beistand der Sieben begehen. Ich habe da ein ganz gutes Gefühl.” Dann überlegte sie. “Andererseits… Vielleicht wäre es besser ohne Götter. Als ob sich eine Gottheit je um einen Menschen geschert hätte. Vielleicht sind Götter auch nur Erfindungen von Menschen. Weisst du was, entscheide du. Wir machen es so, wie du möchtest. Aber am liebsten würde ich es noch im Sommer machen.”

Sie standen an den verkohlten, immer noch schwelenden Überresten, die wohl einmal ein Schrein gewesen waren, und während Caradan hektisch in den Trümmern wühlte, mit Anwesenden sprach, oder auch den einen oder anderen Disput führte, blieb die Arcanierin ein wenig im Hintergrund und beobachtete lieber, um sich einen Überblick zu verschaffen. Da lief Caradan auf sie zu, packte sie am Arm und zog sie fort, in eine Nische, wo sie ein wenig ungestört waren. “Es tut mir leid Aen” sagte er atemlos und ergriff ihre Hand. “Ich konnte es nicht ahnen… der Schrein… sie waren da sicher. Über ein Jahr… und gerade wo ich dich wieder habe...” Im ersten Moment verstand Aen die Welt nicht mehr. “Caradan, steh bitte wieder auf. Es sind doch nur Ringe, wie sie es überall gibt. Nichts besonderes! Wir können uns doch doch neue holen, oder etwa nicht?” “Ich weiß es sind nur Ringe… aber sie gehören uns… Und ich hole sie zurück, was es auch kostet.” Endlich erhob er sich wieder aus dem Dreck. “Ich hol sie uns zurück. Und ich weiß wo ich anfangen. Wenn einer Bescheid weiß, dann der alte Arne. Wir gehen zu ihm und fragen ihn…” Aen begann sich unwohl zu fühlen. Zu viele Eindrücke waren auf sie hernieder gegangen, Eindrücke und Namen einer städtischen Hierarchie, die sie weder kannte noch mit der sie vertraut war. “Ich weiß nicht so Recht, Caradan. Ich denke ich werde nicht mitkommen, ich werde zurück in die Eisenschenke gehen, immerhin wartet Tom auf seine Lieferung, und ich könnte ihm ja ein wenig zur Hand gehen. Um ehrlich zu sein, mir schwirrt der Kopf vor lauter Namen und Eindrücken. Ich bin doch noch nicht so lange in Aramad wie du.” Sie legte die Arme um seinen Hals und zog ihn ein wenig an sich heran. “Geh alleine, ja? Wenn du wieder da bist, dann machen wir es uns gemütlich…” Zuhause… hätte sie beinahe gesagt. Doch noch hatten sie kein Zuhause, jedenfalls kein gemeinsames. “... in meinem Zimmer. Oder vielleicht gehen wir ins Badehaus und machen uns ein paar schöne Stunden… Außerdem, hast du vergessen, dass du mir versprochen hast, mich ein wenig zu massieren?” flüsterte sie und gab ihm dann einen sanften Kuss. Dann verabschiedeten sie sich voneinander und Aen lief den Weg zurück in die Eisenschenke. Auf dem Weg dorthin traf sie einen Bekannten. Den Saufkopf Krautundrüben. Als er sie sah, winkte er und bahnte sich einen Weg durch zu ihr. “Aen! Wie gut, dass ich dich treffe! Also komm schon, wie siehts aus? Hast du Antworten für mich? Ich bitte dich, meine Existenz hängt davon ab!” Aen musste schmunzeln. “Du hast wirklich einen ganzen Wochensold verwettet? Bist du verrückt?” “Wahrscheinlich. Und die Ungewissheit bringt mich um!” “Hmm…” begann Aen und grinste breit. “Naja… ich kann dir sagen, du alter Herumtreiber, du hattest verdammtes Glück. Caradan ist hoffentlich bald mein Ehemann…” Sie lief ein wenig schneller und bog dann in die kleine Seitenstraße, die ein Schlupfweg zur Hauptstraße war, an welcher die Eisenschenke sich befand. Diese Antwort verwirrte den Mann. Und es fiel ihm schwer, mit der Arcanierin Schritt zu halten und lief ihr beinahe atemlos hinterher. Aen? Was soll das jetzt heißen? Ist das ein ja? Was heisst das? Ist er jetzt der Sprenger der Ketten oder nicht???” Sie blieb stehen und blickte ihn fest an. “Krautundrüben, du hast gewonnen.” Dann wandte sie sich ab und ließ den Mann stehen, und überquerte im Laufschritt die Hauptstraße. Als sie zur Eisenschenke kam, legte ihr plötzlich jemand die Hand auf die Schulter. Sie erschrak, wandte sich um, und blickte ins vierschrötige Gesicht eines Stammgastes. Nicht nur eines, einige bekannte Grsichter sah sie. Ein wenig genervt war sie schon. Sie hatte das Gefühl, dass sich plötzlich jeder brennend für ihr Leben interessierte, seit Caradan in diesem aufgetaucht war und das war verdammt anstrengend. “Aen? Ich würde an deiner Stelle nicht da reingehen” sagte der Kerl der Ulfred hieß. Entsprechend schlecht gelaunt reagierte sie. “Und warum nicht? Wartet da drinnen ein neugieriges Überfallkommando, ähnlich wie du, oder wie ihr alle? Ach komm, lass mich in Ruhe” meinte sie schnippisch und schlüpfte eilig durch die Schenkentüre hinein.

Es war erstaunlich ruhig und leer im Schankraum. Niemand war hier. Nur in der Küche klapperte Tom hektisch mit Geschirr. “Tom? Ich bin wieder da! Und du wirst es nicht für möglich halten, aber ich helfe dir völlig freiwillig und umsonst, aber nur, bis Caradan wieder da ist. Der Lärm in der Küche verstummte. Doch Tom antworte nicht, und trat auch nicht gewohnheitsmäßig aus der Küche, in den Händen einen dreckigen Lappen, dem er längst hätte austauschen sollen. Aen blieb stehen und sah sich um. Etwas stimmte hier ganz gewaltig nicht. Im Regal hinter dem Ausschank befand sich nicht ein einziger Krug oder Becher. Keine Flasche, rein gar nichts! Auf den ersten Blick sah es so aus, als wäre Tom mit Sack und Pack verschwunden. “Tom?” rief sie und ein eiskaltes Gefühl packte ihr Herz, als keine Antwort geschweige denn, der Schenkenwirt aus der Küche trat. Sie trat an den Ausschank, beugte sich über die, von abertausenden Händen blankpolierte Holzplatte, sah hinunter, und prallte entsetzt zurück. Tom lag da, zwischen hunderten von Scherben von zerbrochenen Tonkrügen und Tonbechern. Sein linkes Auge war zugeschwollen und blutig, ebenso wie die Lippen aufgeplatzt waren und ein Rinnsal Blut aus der Nase gelaufen war, welches schon dunkel verfärbt und verkrustet war. “Tom!” hauchte sie fassungslos und die Gewissheit, dass die Verursacher dieses Wahnsinns wahrscheinlich noch in der Küche waren, ließen sie vor Angst wie gelähmt bleiben. War er überhaupt noch am Leben? War er tot? Die Antwort blieb das Schicksal ihr vorerst schuldig. Denn plötzlich ertönte ein lautes Knarzen. Es war das Knarzen der Küchentür, das wusste Aen so gut, weil sie Tom ungefähr zehnmal, seit sie hier angefangen hatte, gebeten hatte, die Angeln und die Scharniere zu fetten. Wie man hörte, hatte er es nicht getan. Aen wagte nicht, sich umzudrehen, doch dann ertönte eine Stimme. “Na sieh mal an, wer bist du denn?” Jetzt drehte sie sich um und blickte in ein vernarbtes Gesicht. Und in ein Auge. Das andere war durch eine Stoffbinde verdeckt. Fettiges Haar. Ungewaschen, unrasiert, ungepflegt. Diese drei Worte beschrieben den Mann ziemlich gut. Aen sagte kein Wort. Selbst wenn sie hätte wollen, die Angst und der Schreck schnürten ihr die Kehle zu und ihre Gedanken kreisten um das Feuerrohr das wohl verwahrt und wohl begraben am Grundstück on Leneja und ihrem Mann in Rutarodin. Da, wo es ihr einen Scheißdreck nützte. Hier, an ihrem Gürtel, hätte es ihr gute Dienste erwiesen. Es hätte dem Kerl den Kopf weggepustet. So aber sah sie sich einem Kerl mit einem wirklich beachtlichen Langmesser gegenüber, und es schien nicht einmal ein schlechtes Langmesser zu sein, und konnte rein nichts tun, schon gar nicht, dass r mit dem gezückten Ding immer näher kam. “Hats dir die Sprache verschlagen, Kleine?” Im Nachhinein konnte die Arcanierin nicht mehr sagen, was sie dazu bewogen hatte, zu sagen “Was bist du nur für ein Wixer?” Aber sie sagte es. Da grinste er. “Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heisse nicht Wixer, sondern Rackor. Und wie heißt du, schönes Fräulein?” Aen verengte ihre Augen zu schmalen Schlitzen. Plötzlich hatte sie gar keine Angst mehr vor diesem Kerl. Er war ein Arschloch, einfach nur ein Arschloch. Und sie hatte keine Lust mit ihm zu reden. “Schon wieder sprachlos? Du bist nicht von hier, was? Das hört man an deinem Azkent. Würde sagen, du bist aus dem Osten, was?.” Aen sagte immer noch kein Wort. Sie war wütend. Verdammt wütend. Und furchtbar besorgt um Tom, der zwischen den Scherben hinter dem Ausschank lag und sie immer noch nicht wusste, ob er tot war oder noch lebte. Daher wandte sie ihm den Rücken zu und ging um die Ausschank, trat über Scherben, kniete auf Scherben und hauchte “Tom?” Sie wagte nicht zu fragen, ob es ihm gut geht. Er stieß Luft aus und eine kleine blutige Blase erschien im Nasenloch. “Aen…?” “Oh Tom… Was haben die mit dir gemacht? Und wieso? Wer sind die?” Sie strich ihm Strähnen aus dem Gesicht und wusste zunächst gar nicht, wo sie ihn anfassen sollte. Dann trat Rackor plötzlich über die Scherben an sie heran, packte sie an der Schulter und riss sie herum “Ich kann es…” zischte er, und betonte diese ersten drei Worte besonders scharf, bevor er sich offensichtlich am Riemen riss und wieder ruhiger wurde “...überhaupt nicht leiden, wenn man mir keine Antworten gibt.” Dann zog er sie auf die Beine. Und Aen zog ihr Messerchen. Rackor lachte. “Süß! Schmierst du dir damit morgens deine Butterbrote?” Er hielt ihr sein Monstrum von einem Messer vors Gesicht. “Soll ich dir damit dein Gesicht verschönern? Wär doch schade um dich.” Sie schüttelte den Kopf. Alles nur das nicht! “Dachte ich mir. Also hör zu, Kleine. Ich habs dem alten Sack schon gesagt, aber ich sags dir gerne auch. Ab sofort kassieren wir ein Viertel der Schenkeneinnahmen. Wieviel wird das sein… Hundert Heller? Hundert Heller erscheinen mir doch angemessen!” Die Küchentüre knarzte, und heraus trat noch ein Kerl. Genauso hässlich wie Rackor. “Was gehtn hier ab?” begann er mit einem scheusslichen Akzent. “Lass das Mädchen doch in Ruhe. Wir sind Witwenmacher, nicht Weiberquäler. Wir lieben die Frauen, oder etwa nicht?” Rackor ließ seine Blicke über Aen wandern. “Das tun wir in der Tat, Malik. Aber die da ist recht widerspenstig. Da müsst ich mich schon besonders anstrengen. Er trat einen Schritt näher und hielt ihr das Messer an den Hals. “Komm mit, Kleine, lass uns ein wenig Spaß haben…” “Wohin? Nach oben? Oder gleich hier, am Tisch?” erwiderte sie steinern. Sie war in Onvorthad im Gefängnis so oft gegen ihren Willen genommen worden, dass es für zwei Leben reichte. “Da drüben reicht…” Er ruckte mit den Kopf und zwang sie, hinüberzugehen. Aen tat, wie ihr geheissen und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Was erwartete sie? Dass ein heerer Ritter ihr zu Hilfe eilte? Selbst wenn Caradan jetzt kam, was eher unwahrscheinlich war, was sollte er tun? Aens Blick fiel auf den Tisch und sie grinste. Tom, der faule Hund, hatte die Bratpfanne von heute Morgen nicht weggeräumt. Und ohne groß nachzudenken, ergriff sie die schmiedeeiserne Pfanne, wandte sich um wie eine Tänzerin und donnerte dem Kerl die Pfanne ins Gesicht. Dieser schrie auf und ging zu Boden. Leider hatte der Schlag nicht den gewünschten Erfolg, denn er war weder tot noch bewusstlos. Hatte sie nicht gut getroffen, oder war dies nur eine Mär, dass ein fester Schlag auf den Kopf einen Mann bewusstlos machte? Mit einem Satz war der andere Kerl herangesprungen. “Bist du verrückt, Mädchen?” kreischte er und schlug ihr mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht. Der Mut der Verzweiflung ließ sie mit die Pfanne erneut ausholen. “Hau ab! Haut beide ab!” schrie sie den Kerl an. “Is ja gut, is ja gut. Komm Rackor!” schnauzte er und zog seinen Kumpan auf die Beine. “Hundert Heller!” kreischte er. Am ersten des Mondes! Sonst lernt ihr uns, die...die Witwenbringer...kennen!” Dann verschwanden sie. Aen zitterte und ließ die Pfanne auf den Boden fallen. Dann stürzte sie zu Tom, packte ihn unter den Armen und zog ihn aus dem Scherbenhaufen heraus und schleifte ihn zur nächsten Bank. Mit ihrer letzten Kraftreserve hievte sie den älteren Mann mit dem Rücken gegen die Bank, was ihr ziemliche Rückenschmerzen bescherte. Und die Wange schmerzte. Der Arsch hatte sie ziemlich gut am Jochbein erwischt. Sie hoffte, dass das kein blaues Auge bedeutete. “Tom… alles ist gut, sie sind weg…” sagte sie leise. “Ich hole Wasser, ich bin gleich wieder da…” Aen holte Wasser aus dem großen Fass in der Küche und einen Lappen, sowie einen Schnaps, wischte ihm das Blut aus dem Gesicht und betupfte die offenen Stellen mit Schnaps. Nach einigen Minuten hatte sich Tom soweit erholt, dass er schon protestierte, er wolle lieber den Schnaps trinken, als ihn in seinem Gesicht zu wissen, und dass sie ihn nicht so betüddeln solle, da es ihm bestens ging. Da wusste Aen, es ging ihm wirklich gut. So nahm sie schließlich den Reisigbesen, und begann, die Scherben hinter dem Ausschank zusammen zu fegen.
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Fr, 17. Mai 2019 12:55

Sie sollte auf sich aufpassen. Das hatte Caradan nicht bloß so dahin gesagt, als er sich von ihr verabschiedet hatte. Aramad war gefährlich, so wie jede Stadt, aber bei allem was im Moment passierte, hatte er nicht weiter darüber nachgedacht, ob er ihr bloß eine plumpe Plattitüde mit auf den Weg gab oder es ernst meinte. Aber er meinte es ernst. Er hatte sich sogleich auf den Weg gemacht, um Arne aufzusuchen. Nicht bloß wegen der Ringe, nach deren Verbleib er suchen wollte, sondern auch oder gerade weil Arne nach ihm geschickt hatte. Er lief in Richtung des Va’ileskas, wo nicht bloß das Bordell war, sondern eben auch der Hauptsitz von Arnes Bande. Der Arcanier bewegte sich behände durch die Menschenmenge, doch je näher er seinem Ziel kam, desto langsamer wurde er. Er brauchte Zeit um nachzudenken, Zeit um sich seine Worte wohl zu überlegen. Schließlich blieb er vor einem Gebäude stehen. Eine große Brauerei mit verriegelten Türen. Er musste nicht an die Tür klopfen, denn er hatte die Gruppe Männer die in Sichtweite des Eingangs herum lungerten schon gesehen. Jetzt wartete er darauf, dass sie ihn bemerkten. Als sich einer der Männer näherte, starrte Caradan bewusst weiterhin auf das grün gestrichene Holztor. “Na wen haben wir denn da?”, fragte der Kerl und Caradan konnte hören, dass er breit grinste. “Guten Tag Bert.”, grüßte Caradan, weiterhin den Blick auf das Tor geheftet. “Was will denn unser kleiner Arcanier hier?” “Arne will mich sehen.” “Will er das?” “Ja.” Caradan wurde langsam etwas ungeduldig. Robert, so hieß der Mann eigentlich, liebte es ihm auf den Sack zu gehen. Es bereitete ihm ein unverschämtes Vergnügen. “Davon weiß ich ja gar nichts.” Jetzt blickte Caradan ihn an und musterte ihn geringschätzig. “Dann bist du wohl nicht so wichtig wie du denkst.”, blaffte er Robert an. “Woah, ganz langsam, Kleiner.” Robert hob abwehrend die Hände. “Hast du es so eilig kastriert zu werden?” Caradan blickte ihn fragend an. “Na, wird doch Zeit, dass sich Arne für die Sache mit seiner Tochter revanchiert.” “Ich hab sie nicht angerührt…” “Das wissen wir, aber ob das wichtig ist? Ich weiß ja nicht so recht.” Der Dieb seufzte. “Lässt du mich jetzt rein? Bitte?” “Na geht doch mein Lieber.”, grinste Robert und tätschelte ihm die Wange. “Warum nicht gleich so?” Robert hämmert drei Mal gegen die Tür und brüllte. “Toter Arcanier auf dem Weg!” Dann öffnete sich die Tür und Caradan wurde von einem rundlichen Mann, mit dreckiger Schürze durch das Gebäude geführt, vorbei an Braukesseln und Bierfässern, in ein Hinterzimmer.
Dort wartete Arne bereits auf ihn, ein Mann mitte fünfzig, drahtig gebaut mit dunklem, bereits angegrautem Haar, dass er sich zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er war glatt rasiert und blickte Caradan aus dunklen Augen an. “Du hast dir ja Zeit gelassen.”, säuselte und Caradan war sich nicht sicher, ob er amüsiert oder verärgert klang. Das war bei Arne nie mit Sicherheit zu sagen und konnte sich von einem Augenblick zum Anderen ändern. Der Kopf der größten Bande hier im Viertel, entzündete sich in aller Ruhe eine Pfeife und bließ silbernen Rauch in die Luft. “War ein geschäftiger Morgen.”, meinte Caradan mit einem entschuldigenden Lächeln. “Ich rede nicht von heute Morgen. Du bist schon sehr lange wieder hier, meinst du nicht da ist Wort des Grußes längst überfällig?” “Nun was das angeht, ich war mir nicht sicher ob ich so willkommen wäre. Also habe ich mich…” “Versteckt? Wenn dass das beste war, wozu du in der Lage warst bist du miserabel im Verstecken.” Der Dieb trat unruhig von einem Fuß auf den andern. Arne hatte ihm keinen Stuhl angeboten, deswegen blieb er verloren im halbdunklen Raum stehen. “Ich wusste schon drei Tage nach deiner Rückkehr, dass du wieder in der Stadt bist.” “Ach ja?”, fragte der Arcanier ehrlich überrascht. “Selbstverständlich. Ich hörte von deinen Problemen. Aber ich war neugierig, ob du es schaffst dich tot zu saufen oder jemanden dazu bringst, deiner armseligen Existenz ein Ende zu setzen.” “Und wie hast du reagiert, als beides nicht eingetreten ist?” “Gar nicht.”, lächelte Arne. “Ich hörte das Rickard dich unter seine Fittiche genommen hatte und dieser Mann genießt meinen vollsten Respekt. Wenn er sich deiner annimmt, dann weil er seine Gründe hatte. Und es hat sich gezeigt, dass das keine schlechte Idee war.” Caradan zuckte mit den Schultern. “Die Einnahmen der Weißen Lilie haben sich verdreifacht.” “Das ist richtig, deswegen habe ich dich in Ruhe gelassen.” “Und was hat sich nun geändert?”
Wie aufs Stichwort ging die Tür auf und eine vertraute Gestalt trat ein. Der Mann war so groß wie Caradan, hatte strubbeliges schwarzes Haar, war breit gebaut und trug lässig eine Armbrust bei sich. Dem Dieb klappte der Mund auf und er starrte den Neuankömmling stumpfsinnig an. “So sieht man sich wieder Arcanier.”, grinste der Mann böse. “Was machst du denn hier?”, rief Caradan mit zorniger Überraschung. “Geht dich ein Scheiß an.” “Leck mich doch am Arsch du Wichser!” Der Mann wollte gerade antworten, da räusperte sich Arne und die beiden Streithähne verstummten. “Der gute Rogan, ist auf meine Bitte aus Brisangen hierher gekommen.” “Und warum das?”, fragte Caradan, der sich mit großer Mühe beherrschen konnte nicht laut zu werden. “Weil du hier bist. Ohne mein Einverständnis, da wollte ich wissen was in Brisangen vorgefallen ist.” “Hat mich sitzen lassen, der kleine Schürzenjäger. Wegen dieser kleinen arcanischen Fotze.” “Noch ein Wort über Aen und ich schlitz dich auf.”, knurrte der Dieb und seine Hand wanderte an den Griff seines Dolches. “Wenn du die Waffe in die Hand nimmst, verlierst du sie.”, warnte ihn Arne und prompt ließ Caradan seinen Arm locker an der Seite baumeln. Einen Moment herrschte angespanntes Schweigen. “Und jetzt?”, fragte Caradan und blickte auffordert zu Arne. “Nichts. Rogan hat mir berichtet was vorgefallen ist und ich habe es verstanden. Brisangen war dein Exil. Ich weiß du hast meine Tochter nicht angerührt, aber du verstehst sicher, dass ich es mir nicht erlauben kann, auf so einen Vorwurf nicht zu reagieren.” “Natürlich…”, seufzte Caradan und entspannte sich etwas, nun da er wusste, dass Arne es ihm nicht mehr übel nahm, dass es da einst so ein gewaltiges Missverständnis gegeben hatte. “Anna ist eine Schlampe, aber sie ist nun mal meine Tochter.” Unsicher blickte Caradan zu Rogan, der seinen Blick mit demselben Maß an Irritation erwiderte. “War das alles?”, erkundigte sich der Dieb vorsichtig. “Ja.”, erwiderte Arne lächelnd. “Ich wollte dir nur einen guten Tag wünschen und dir zeigen, dass wir im Reinen sind. Jedenfalls so lange, wie du brav deine Abgaben an mich abtrittst. Du bist mein arcanischer Goldesel. Du darfst gehen.”
Caradan nickt, blieb aber wo er war. “Ich sagte du darfst gehen.”, wiederholte Arne und ein Hauch von Ungeduld schwang in seiner Stimme mit. “Das habe ich gehört, aber ich hätte da auch noch ein Anliegen.” Arne lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, während die Pfeife in seinem Mund glühte und rauchte. “Ich höre.” “Ein Freund von mir hat Probleme mit den Witwenmachern.”, kam Caradan gleich zur Sache, ehe er sich nach den Ringen erkundigen wollte. Arne lächelte. “Du meinst Tom? Den Wirt der Eisenschenke.” Caradan nickte. “Ich habe schon gehört, dass du die Ketten der feurigen Jungfrau gesprengt hast.” “Ha!”, lachte Rogana auf. “Wenn es die ist, die ich vermute, dann hat er ihre Ketten schon vor zwei Jahren gesprengt. Und da war er nicht der erste.” Caradan warf ihm einen vernichtenden Blick zu. “Ja… Deswegen bin ich hier. Tom braucht Hilfe.” “Und was interessiert mich das? Tom zahlt nicht für Schutz. Also verdient er auch keinen.” “Meine Verlobte arbeitet bei ihm.”, erklärte Caradan. “Und?” “Und wenn ich mich um sie sorge, kann ich mich nicht aufs Geschäft konzentrieren.”, meinte der Dieb vorsichtig und Arnes Blick wurde finster. “Soll das ein Drohung sein.” “Nein!”, rief Caradan und hob abwehrend die Hände. “Nein, bloß nicht. Ich meine nur… er zahlt mir ja schon über Umwege Schutzgeld, deshalb… naja… du weißt ja, was ich aus der Lilie gemacht habe. Stell dir vor, wie gut die Eisenschenke läuft, wenn jeder weiß, dass Tom zu dir gehört.” Arne trommelte mit den Fingern aneinander. “Aber dafür muss er auch zahlen. Mindestens ein Viertel seiner Einnahmen.” Was? Ich zahle dir doch auch nur ein Zehntel.” “Du.”, zischte Arne scharf. “Du bist auch einer von uns. Und stehst unter Rickards Anleitung. Ein Viertel seiner Einnahmen, sonst darf dort jeder Abschaum wüten wie er will.” “Das kann er sich bestimmt nicht leisten.” “Dann zahl du es. Von deinem Geheimschatz.” “Was für eine Schatz?”, erkundigte sich Caradan und versuchte so unschuldig und unwissend wie möglich zu gucken. “Ich bitte dich Caradan.” “Ehrlich. Sobald du deinen Anteil bekommen hast und ich jedem seinen Lohn gegeben habe, bin ich blank.” Arne lächelte böse. “Du hast schonmal besser gelogen.” Caradan grinste ihn entschuldigend an. “Ich krieg das hin.” “Selbstverständlich. Sonst noch was?” Der Dieb schluckte einmal schwer und nickte. “Dann rede.” “Es geht um den Überfall auf den Schrein von Rhelun heute morgen.” “Ich hab davon gehört.” “Ich muss wissen wer das war…” Arne schwieg einen Moment und musterte Caradan abschätzend. Es war dem Dieb mehr als unangenehm, aber er zwang sich ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag zu legen. “Weshalb?” “Die haben etwas erbeutet, was mir gehört.” “Oh du meinst das hier?”, fragte Arne, griff unter den Tisch und holte aus einer Schublade einen schwarzen Samtbeutel hervor. Caradan riss die Augen auf. “Wa…”, keuchte er. “Woher?” “Das befindet sich schon seit Monaten in meinem Besitz.” “Aber ich habe regelmäßig nachgesehen!”, widersprach Caradan. “Und hast du auch in den Beutel geblickt?” Caradan schüttelte den Kopf. “Dachte ich mir, dann hättest du schon vor Monaten einen Brief an dich von mir gefunden.” “Aber… aber warum?” “Neugierde. Ich wollte wissen, was du da versteckt hast. Sind dass die Eheringe für dich und deine, wie heißt sie noch gleich?” “Aenaeris. Und ja sind sie.” “Und du willst sie wieder haben?” Der Dieb nickte. “Das ist schlecht. Sie gehören mir, ebenso wie dieses billige Amulett. Was bist du bereit zu tun, um es wieder zu bekommen?” “Alles”, entfuhr es dem Arcanier, ehe er sich bewusst wurde, was er da sagte und erst recht zu wem. “Ausgezeichnet. Ich hätte da, jetzt wo wieder so gut miteinander können, ein kleines Anliegen. Es wird dir nicht gefallen…”

Wenig später befand sich Caradan auf dem Rückweg zur Eisenschenke. Ihm war schlecht und er brauchte eine Weile um zu verarbeiten, was Arne da von ihm verlangte. Der Weg war nicht weit, aber seine Beine waren bleischwer während er schwerfällig einen Fuß vor den anderen setzte. Seine Gedanken rasten, ebenso sein Herz und sein Atem. Arne hatte den Verstand verloren, das war die einzig logische Erklärung. Schließlich kam Caradan an der Eisenschenke an, vor der sich eine kleine Menschenmenge versammelt hatte. Caradan schob sich zwischen den Leuten hindurch und ignorierte die warnenden Blicke der Anwesenden. Was auch immer hier los war, es beunruhigte ihn. “Geh da nicht rein.”, warnte ihn ein Mann. “Warum?” “Die Kerle sind zwar weg, aber wer weiß was sie mit der Kleinen gemacht haben. Das willst du vielleicht nicht sehen…” Caradan wurde eiskalt als er das hörte und ein Kloß im Hals schnürte ihm die Luft ab. Hals über Kopf stürzte er auf die Schenke zu und riss die Tür auf. “AEN!”, brüllte er angsterfüllt und kaum das er den Schankraum betreten hatte, fiel sein Blick auf Aen, die ihn überrascht anblickte. Er fiel ihr um den Hals und drückte sie fest an sich. Nachdem er sich beruhigt hatte, brachte er sie auf Armlänge von sich und musterte sie. Es schien ihr an nichts zu fehlen, mal abgesehen von einem fiesen Veilchen im Gesicht. Tom, der etwas abseits des Tresens saß, sah da schon weitaus weniger gut aus. “Wer war das?”
Caradan hockte auf einer Tischkante und starrte nachdenklich ins Leere. Aen und Tom saßen auf Stühlen vor ihm, der Wirt mit einem kühlen, nassen Lappen auf das zugeschwollene Gesicht gepresst und einen starken Schnaps in Händen und Aen mit einem Becher Branntwein und tausenden Flüchen auf den Lippen. “Elende Feiglinge!”, zeterte sie über die Untätigkeit der Passanten, die statt zu helfen, draußen vor der Schenke gewartet hatten. Caradan konnte ihre Wut nachvollziehen, erst recht, wenn er ihr Veilchen unter dem Auge betrachtete. Allein der Gedanke, dass einer dieser Wichser sie geschlagen hatte, ließ sein Blut heiß durch seine Adern rauschen. Aber er konnte auch die Angst der Leute nachvollziehen. Er kannte den Ruf der Witwenmacher. Es waren üble Kerle, aber das würde ihnen auch nicht helfen, wenn er sich ihrer annahm und das hatte er fest vor, dann würden sie darum betteln, dass er sie doch bitte in Frieden ließ. Wie er das anstellen sollte, wusste er noch nicht, aber er war sich sicher, dass seinem Hirn und dem Verstand der Zwillinge da schon etwas absurdes einfallen würde. Aen wollte sich gar nicht beruhigen, bis Caradan schließlich die Hand hob, um sie zum Schweigen zu bringen. Er wollte sie nicht beleidigen damit, aber sein ernster Blick ließ sie verstummen. “Einhundert Heller?”, fragte er an Tom gewandt und der Wirt nickte. “Verstehe.”, murmelte der Dieb und kratzte sich nachdenklich am Bart. “Die wirst du ihnen nicht zahlen.”, stellte Caradan klar, doch Tom blickte ihn entsetzt an. “Und wie soll ich das machen? Wenn ich nicht zahle, kommen die wieder und dann sind zerbrochene Flaschen und ein blaues Auge das geringere Übel!” Der Arcanier stand langsam auf, trat einen Schritt auf ihn zu und blickte auf ihn herab. “Du hast mir nicht zugehört.”, antwortete er betont ruhig. “Ihnen wirst du nichts zahlen, aber mir…” “Was? Warum das denn?”, begehrte Tom auf und Caradan knallte die Faust auf den Tisch. “Aus dem selben Grund! Schutz vor solchen Vorfällen. Aber das-” “Das kommt garnicht in Frage!”, fiel er ihm ins Wort und Caradan blickte ihn böse an. “Halt dich zurück.”, knurrte er. “Vergiss es!”, rief er wütend. “Ich dachte, du willst mir helfen und mich verdammt nochmal nicht selbst ausnehmen. Was denkst du dir eigentlich?” “Lass ihn ausreden.”, warf Aen ein und Caradan lächelte ihr zu. “Das wäre nett.” “Na dann sprich endlich!”, murrte Tom weiterhin wütend. “Du wirst mir einhundert Heller geben, als Schutzgeld. Dafür gebe ich dir achtzig Heller, dafür, dass Aen hier nicht mehr so oft arbeitet.” Dieses großzügige Angebot nahm dem Widerstand des Wirtes jegliche Grundlage und so fiel sein aufgebauschtes Temperament in sich zusammen und er wich mürrisch Caradans Blick aus. “Und den Rest steckst du dir ein?”, murrte er kleinlaut. Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Irgendwas muss ich Arne vorweisen, wenn er mein Versprechen an dich durchsetzen will. Und natürlich, geht alles was seine Männer hier essen und trinken aufs Haus.” Tom öffnete den Mund um Widerworte zu geben, aber Caradan schnitt ihm mit einer herrischen Geste das Wort ab. “Die werden nicht oft hier sein, aber wenn, dann machst du was sie sagen. Und ich verspreche dir, ich werde mich um diese Witwenmacher kümmern.” Das schien Tom immerhin soweit zufrieden zu stellen, das er nicht weiter nachbohrte und so ging Caradan zu Aen und strich ihr sanft über das Veilchen. Dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn, beugte sich an ihr Ohr und flüsterte. “Du wolltest massiert werden?”
Später lagen sie Beide im Bett und der Arcanier strich ihr gedankenverloren durchs Haar. Er war sich ausgesprochen unsicher, wie er ihr erklären sollte, wer die Ringe hatte und was die Bedingung war, um sie zurück zu bekommen. “Ich habe heute einen alten Bekannten wieder getroffen.”, begann er schließlich. “Rogan ist in Aramad, kannst du das glauben?” Er wälzte sich auf die Seite um Aen direkt anblicken zu können und atmete einmal tief durch. “Arne hat unsere Ringe. Und er gibt sie uns nur wieder, wenn wir etwas für ihn tun. Oder eher ich soll was für ihn tun und das, gefällt mir gar nicht.” Er setzte sich auf und hockte sich an die Bettkante, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und seufzte schwer. “Ich denke ich muss dir erstmal ein paar Dinge erklären, bevor ich dir sage was ich tun soll. Also wo fange ich an?” Unschlüssig überlegte er einen Moment. “Also in der Unterwelt von Aramad gibt es vier große Gruppen. Die drei Prinzen und die Unabhängigen. Die Unabhängigen, so welche wie die Witwenmacher sterben langsam aus, weil sie sich nicht mehr gegen die großen Banden unter den Prinzen behaupten können und nach und nach in ihre Reihen eingegliedert oder ausgelöscht werden. Und dann eben die Prinzen, von denen gibt es drei Stück, keiner weiß wer sie sind, manche glauben sogar es gibt sie gar nicht. Sind mehr Legenden als Männer, aber haben trotzdem unglaublich viel Macht und Einfluss. Der graue Prinz ist der passivste. Er herrscht über den Arycons und hält sein Revier sauber von fremden Einflüssen. Der Silberne ist da anders, ganz anders. Sein Herrschaftsgebiet erstreckt sich über den gesamten Cirians und noch ein wenig weiter und es wächst stetig. Er geht sehr aggressiv vor und ist vor kurzem mit dem Schwarzen aneinander geraten. Der Schwarze Prinz, tja… der hat den Rheluns in seiner Hand, lebt angeblich auf dem Friedhof außerhalb der Stadt und ist ein mächtiger Magier. So… und jetzt soll ich mich in diesen Krieg einmischen… Arne, der Kerl dem ich Rechenschaft schulde, der die Kontrolle über einen großen Teil des Va’ileskas hat, wo das Bordell ist in dem ich lebe und um das ich mich kümmere, der hat sich mit dem silbernen Prinzen verbündet. Und will nun von mir, dass ich Frieden zwischen Schwarz und Silber stifte. Und Rogan soll mir dabei helfen, weswegen er sich morgen früh mit mir hier trifft…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Fr, 17. Mai 2019 14:51

Aen blickte Caradan verwundert an, als dieser mit einem lauten Geschrei in die Schenke stürmte. Sie lehnte den Besen, mit dem sie die Scherben aufgefegt hatte, am Ausschank an und wurde direkt von Caradan überfallartig umarmt. Als abzusehen war, dass er sie überhaupt nicht mehr loslassen wollte, legte sie ihre Arme auf seinen Rücken und tätschelte diesen. “Mir gehts gut, Caradan…” raunte sie ihm ins Ohr und dann ließ er sie los und hielt sie auf eine Armlänge Abstand. “Um ihn müssen wir uns kümmern” nickte Aen zu Tom herüber, der sich eben einen Eimer brunnenkaltes Wasser sowie seinen dreckigen Polierlappen geholt hatte, und mit beidem sein verschwollenes Gesicht zu lindern versuchte. “Diese elenden Bastarde!” grollte Aen.“Wer war das?” erkundigte sich Caradan. “Ich meinte jetzt nicht die, die Tom verprügelt haben, ich meine diejenigen Bastarde die nicht einmal versucht haben, Tom zu helfen. Alles was sie mir sagten war ‘Geh da besser nicht rein!’ Pah, als ob mich sowas aufhielte...“ Die Arcanierin war so wütend, dass sie sogar den Becher mit Branntwein beiseite stellte und nichts davon wissen wollte. “Elende Feiglinge!” Vorsichtig betastete sie ihr linkes Jochbein. “Das wird unschön…” murmelte sie sorgenvoll. Wie sah das denn aus? Ein blaues Auge! “Alle die uns sehen, werden denken du hast das gemacht. Jetzt stell dir nur mal vor, ich erzähle rum, dass Caradan mir ein blaues Auge verpasst hat…” Diese Vorstellung erheiterte sie. “Ich habe immerhin den anderen mit der Bratpfanne niedergeschlagen” kicherte sie erheitert. Ein harmloser Ersatz für das Feuerrohr, immerhin. “Witwenmacher haben sie sich genannt…” und Caradans Gesichtsausdruck verriet, dass ihm dieser Name nicht unbekannt war. Wenn sie doch nur das Feuerrohr hätte!

Caradan unterbreitete Tom ein eigenartiges Angebot. Hundert Heller sollte er jeden ersten des Mondes an Caradan zahlen. Dafür würde ihm Caradan achtzig geben als Ausgleich dafür, dass Aen nicht so oft in der Schenke arbeiten müsse. Tom begehrte auf, doch Aen hieß ihn, Caradan aussprechen zu lassen. Sie kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er bereits einen Plan ausgeheckt hatte. Es brauchte einige aufbrausende Worte um Tom zu beruhigen. “Ich weiß noch nicht, ob ich ihn wirklich leiden kann” brummte er, als Caradan sich längst Aen zugewandt hatte. Sie blickte ihn stumm, aber auch bewundernd an. Er hatte sich sehr verändert. Er war selbstbewusster geworden, und das strahlte er auch aus. Er strich ihr über ihre Blessuren, küsste sie auf die Stirn und hauchte ihr ins Ohr. “Du wolltest massiert werden?” Da lächelte sie ihn an und nickte “Das wäre schön.” Eine Stunde alleine mit Caradan war nun genau, was sie brauchte. Sie gingen nach oben in Aens Zimmer, wo sich Aen das Kleid abstreifte und sich bäuchlings auf das Bett legte. Aber sie hätte es besser wissen müssen, dass die Massage nur ein Vorwand gewesen war, um sie unbekleidet ins Bett zu bekommen. Caradans Hände wanderten schnell vom Rücken nach vorne, nach unten, und sie ließ sich bereitwillig auf den Rücken drehen, wo sie sich einander schließlich hingaben. So lag sie später mit dem Kopf auf seiner nackten Brust, in seinem Arm und hatte die Augen geschlossen. Leise dröhnend schlug sein Herz und sie lauschte schweigend dem Herzschlag, während er ihr durchs Haar strich. ”Ich habe heute einen alten Bekannten wieder getroffen.”, begann er schließlich. “Ach so? Wen denn?” murmelte Aen schläfrig. “Rogan ist in Aramad, kannst du das glauben?” Aen war mit einem Mal wieder hellwach, öffnete die Augen und hob den Kopf. “Was? Ach nein, bloss nicht der…” murrte sie ungläubig. “Und was ist jetzt eigentlich mit den Ringen?” “Arne hat unsere Ringe. Und er gibt sie uns nur wieder, wenn wir etwas für ihn tun. Oder eher ich soll was für ihn tun und das, gefällt mir gar nicht.” Caradan setzte sich schließlich auf. Er wirkte besorgt. Aen setzte sich ebenso auf und umarmte ihn von hinten. “Was sollst du tun? Und wer ist überhaupt Arne?” “Ich denke ich muss dir erstmal ein paar Dinge erklären, bevor ich dir sage was ich tun soll. Also wo fange ich an?” So erklärte er ihr schließlich die Hierarchie der Stadt, wer über sie herrschte und was es mit den drei Prinzen auf sich hatte. Das alles klang sehr verwirrend und eher wie aus einem Märchenbuch, denn dass es wahr sein konnte. “Wo ist eigentlich das Problem?” fragte Aen ihn schließlich, als er seine Erläuterungen beendet hatte. “Wir kaufen uns einfach neue Ringe, ich meine, die sind ja jetzt wirklich nichts besonderes. Ja, es sind unsere Ringe. Aber auch neue, schönere, könnten unsere Ringe werden. Wir holen uns neue, Caradan. Scheiss auf Arne!” “Arne hat auch das Amulett!” erinnerte er sie dran, und diese Erkenntnis traf die Arcanierin wie ein Blitzschlag. Das Amulett! “Das ist auch dabei? Ich dachte, ich hatte es bei mir und hab es in der arcanischen Weite verloren.” Die Tatsache, dass das Amulett nicht unwiederbringlich verloren war, änderte nun alles. “Wir müssen die Ringe und das Amulett wieder bekommen! Ich weiß ja immer noch nicht, ob es Ardor ist. Verdammt!” Sie hatte keine Zeit gehabt, damals, über all den Ärger der über sie hereingebrochen war, und über Theos ständige Anwesenheit das Amulett näher in Augenschein zu nehmen. So war es zwischen den Ringen im Beutelchen geblieben und schließlich mit Caradan mitgewandert. Sie ärgerte sich über alle Maßen. “Also du und Rogan… Na, das kann ja was werden…” murmelte Aen. Sie mochte diesen Drecksack nicht. Überhaupt nicht. Erwar arrogant und überheblich, und hatte Caradan stets wie den letzten Dreck behandelt. Und da sie ihn hatte abblitzen lassen und mit Caradan angebandelt hatte, behandelte er sie auch nicht gerade zuvorkommend. Aber da musste sie wohl durch. “Komm wieder ins Bett” sagte sie sanft und zog ihn wieder zurück zwischen die Laken. “Es gibt auch etwas, das ich mit dir besprechen möchte. Ich weiß schon, manchmal ist es besser, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und bei mir sind die Wunden verheilt. Doch Narben wollen manchmal auch gepflegt werden, weil auch sie immer wieder Probleme bereiten können. Verstehst du? Ich habe mich bei dir entschuldigt. Aber wofür, das hab ich nicht gesagt. Ich möchte einmal ausführlich darüber sprechen und dann nie wieder. Ich war dumm, so unsagbar dumm. Vielleicht war ich auch unerfahren, wie man sich denen gegenüber verhält die man liebt. Ich hatte nie so viele Menschen die ich geliebt habe, ich hatte immer nur mich, und darum hab ich mich immer nur um mich gekümmert. Und wurde sehr egoistisch und vielleicht auch hartherzig. Es war mir egal, Hauptsache mir gings gut. Das Starrkraut hat vieles noch schlimmer gemacht. Und dabei hatte ich übersehen, was für ein einzigartiger, guter Mensch du bist. Die Götter wissen, du hattest etwas Besseres verdient, damals. Ich hatte dich betrogen, belogen, niedergemacht, beleidigt, und gedemütigt. Trotzdem willst du mich heiraten. Ich bin heutzutage ein ganz anderer Mensch geworden, ich bin nicht mehr so eine blöde oberflächliche Kuh und ich werde dir das auch beweisen. Ich werde dir beweisen dass ich deiner Liebe würdig bin, und dass wir ohne diesen ganzen Rückschlägen die wir einstecken mussten, füreinander bestimmt sind.”

Sie setzte sich schließlich auf und kraulte ihm spielerisch durchs Brusthaar “Weisst du, da wäre noch etwas…” begann sie wie beiläufig. “Der Vorfall mit Tom hat mir klar vor Augen geführt, dass ich mich nicht darauf verlassen kann, dass hier in Aramad alles eitel Wonne ist. Ich habe das Feuerrohr nicht umsonst bekommen, sondern um mich zu verteidigen, wenn es nötig wäre. Und deswegen habe ich daran gedacht, dass ich nach Rutarodin reite, und es mir wiederhole. Was sagst du dazu?” In Caradans Miene erschien etwas, das sie nicht eindeutig zuordnen konnte. Doch Begeisterung und Zustimmung waren es ganz bestimmt nicht. Und das verrieten dann auch seine Worte. "Das hier ist Aramad, natürlich ist hier nicht alles schön und gut. Aber musst du deswegen gleich wieder dieses Unheilswerkzeug wieder holen?" Er verstand sie einfach nicht. Sie hob eine Augenbraue, und verdammt nochmal, es war wie verhext, aber sie konnte einfach nicht umhin, zu sagen “Du hast das Ding doch selbst schon einmal benutzt. Du musst doch wissen, welches Gefühl es einem verleiht.” Caradan nickte “Ja, und genau das macht mir Angst.” Sie beugte sich zu ihm und küsste mit vielen kleinen spielerischen Küssen seine Brust “Würde es dir nicht mehr Angst machen wenn du mich eines Tages mit aufgeschlitzter Kehle aus dem Dreck ziehst?” "Darüber will ich gar nicht nachdenken... Aber wenn ich dir nicht als Beschützer genüge, ich habe Freunde die auf dich aufpassen können." Doch davon wollte die Arcanierin überhaupt nichts wissen. Trotzig erwiderte sie “Ich brauche diese Freunde aber nicht. Ich kann gut selbst auf mich aufpassen, wenn ich das Feuerrohr bei mir weiß. Außerdem, und damit will ich dich nicht beleidigen, kannst du nicht behaupten dass du dich als Beschützer eignest!” "Da gibt es zwei Dutzend Mädchen die dir widersprechen würden. Du hast mir noch nicht die Chance gegeben es dir zu beweisen. Aber bitte, ich kann dich sowieso nicht aufhalten. Du hast doch deine Entscheidung schon getroffen." Diese Worte trafen die Arcanierin wie ein Nadelstich. Dass Caradan in einem Hurenhaus wohnte, und sie bei Tom, war wohl derzeit das Allerschlimmste für sie. Und irgendwie waren sie schon im schönsten Streit. Das merkte man daran, dass sie lauter geworden war. “Na dann, dann beschütz’ doch deine zwei Dutzend Huren...” Das letzte Wort spie sie ihm förmlich entgegen, “... und lass mich selbst auf mich aufpassen! Das krieg ich gerade noch so hin! Diese Weiber sind mir sowieso ein rotes Tuch, Lebensschuld hin oder her, aber du brauchst deine Zeit nicht in einem Hurenhaus absitzen!” Alles, was Caradan dazu zu sagen hatte war “Wann brichst du auf?” und das war nichts, was Aen hören wollte. So gab sie klein bei “So möchte ich aber nicht gehen, Caradan.” “Und ich sage ich du bleibst.” Aen hob eine Augenbraue. Was waren denn das für neue Töne? “Du sagst mir, ich bleibe?” Caradan nickte. Da knickte die Arcanierin ein “Ach Caradan, ich möchte nicht mit dir streiten. Doch nicht wegen so etwas... Ich liebe dich, ich liebe dir wirklich über alles. Du bist die Liebe meines Lebens…” Sie kletterte auf ihn und bestürmte ihn mit Küssen. Und sie war versöhnt. Wenn er sagte, sie sollte nicht gehen, dann war das eben so. Alles deutete darauf hin, dass sie sich erneut lieben würden, doch dann stellte sie die alles entscheidende Frage “Und das Hurenhaus?” “Was soll damit sein?” “Ich will das du da ausziehst und nicht mehr der’ Beschützer der Huren’ bist. Das sollen die Zwillinge machen oder sonst wer, aber nicht du! Und wenn Rickard das nicht versteht, dann geh ich zu Rickard und rede Klartext mit ihm! Das hat nichts mit mangelnden Vertrauen zu tun. Du weißt, ich vertraue dir, egal, was auch war, aber...” sie zuckte mit den Schultern und blickte ihn verständnislos und abwartend an. Er widerum blickte sie fest an und erwiderte ruhig "Das hast du nicht zu entscheiden, Aen. Sondern ich! Und wenn du mit Rickart reden willst nur zu. Er wird dir schon den Kopf zurechtrücken." Aen blickte ihn trotzig an. “Ach… das entscheidest du, ja? Du, nicht ich.. ?” Er nickte selbstbewusst und sie schluckte jedes Wort, das ihr auf der Zunge lag, hinunter. Ein beharrliches Schweigen legte sich über den Raum. Und es war ein schwerer Brocken, an dem sie zu kauen hatte. Hätte sie ihrem ersten Impuls nachgegeben, wäre sie wohl aufgesprungen, hätte sich trotzig und bockig angezogen und wäre abgerauscht. Aber sie blieb, wo sie war. Vielleicht schmollte sie eine Weile, aber dann lenkte sie ein. “Caradan… Ich will nicht streiten. Ich werde das Feuerrohr nicht holen. Ich bleibe, wo ich hingehöre. Bei dir. Und meinetwegen, wenn es dir so wichtig ist, ein paar Huren zu bewachen, dann tu das.” Sie kletterte auf seine Schoss und blickte ihn lüstern an. “Ich beuge mich deinem Willen, mein Zukünftiger…” hauchte sie. “Und irgendwann wird das sowieso aufhören, denn wenn du denkst, ich wohne irgendwann, wenn wir verheiratet sind, bei dir im Hurenhaus, dann hast du dich aber gewaltig getäuscht.”
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » So, 19. Mai 2019 20:24

“Ich beuge mich deinem Willen, mein Zukünftiger…” hauchte sie. “Und irgendwann wird das sowieso aufhören, denn wenn du denkst, ich wohne irgendwann, wenn wir verheiratet sind, bei dir im Hurenhaus, dann hast du dich aber gewaltig getäuscht.” Caradan zog sie zu sich und gab ihr einen Kuss. “Da fällt mir bestimmt was ein.”, lächelte er und ließ seine Hände über ihren Rücken bis zu ihrem Hintern gleiten. Er begann ihren Hals, ihre Schultern und Brüste mit küssen zu verwöhnen und schließlich liebten sie sich erneut. Diese Frau machte ihn wahnsinnig und würde ihn irgendwann in ein frühes Grab bringen, da war er sich sicher. Aber verdammt nochmal, das war es wert. Sie war das alles wert. Dass sie nicht in einem Hurenhaus wohnen wollte, verstand er voll und ganz, aber er ärgerte sich ein wenig, dass sie nicht einmal versuchte ihn zu verstehen. Es ging nicht bloß um seine Schuld gegenüber Rickard, sondern um noch etwas anderes. Aber er wollte den Moment nicht zerstören, also schwieg er und gab sich ihr genauso hin, wie sie sich ihm hingab. Es war schön, erfüllend, so wie jedes Mal, wenn sie das Bett teilten. Als sie dann wohlig erschöpft in die Laken sanken, strich er noch über die dunkel verfärbte Stelle unter dem Auge. “Morgen stell ich dich ihm vor.”, lächelte er und küsste sie, ehe sie aufbegehren konnte. “Ich will nichts hören. Du wirst Rickard mögen, da bin ich sicher. Sobald Rogan abgefertigt ist, machen wir uns auf. Ich zeig dir einen Bäcker auf dem Weg aus Aughar. Der macht wahre Köstlichkeiten.”
Am nächsten Morgen erwachte Caradan früher als Aen und setzte sich vorsichtig auf. Eine Weile beobachtete er sie, wie sie da lag, beobachtete wie sich ihre Brust gleichmäßig hob und senkte und da fiel ihm ein, wie sie ihn einst geweckt hatte. Bei dem Gedanken musste er grinsen. Er stahl sich an das Fußende des Bettes und kroch dann langsam zu ihr hoch. Seine Lippen wanderten entlang ihrer Schenkel immer weiter nach oben, küsste ihre Scham und grinste selbstzufrieden, als er merkte wie sich der Rhythmus ihres Atems veränderte. Es dauerte einen Moment, aber schließlich entflohen ihrer Kehle Laute, die ihm einen wohligen Schauer über den Rücken jagten. Schließlich erwachte sie und er ließ von ihr ab, beugte sich über sie und küsste sie. “Aufwachen.”, grinste er, liebkoste sie noch etwas und sprang dann aus dem Bett. Seine Männlichkeit schien enttäuscht den Kopf hängen zu lassen, hatte sie sich doch schon halb erregt aufgerichtet. Doch sie mussten ja nicht anderthalb Jahre in drei Tagen nachholen. Rasch kleidete er sich an und stieß die Fensterläden auf. Sein Blick schweifte über die Dächer der umliegenden Häuser, über den strahlend blauen Himmel und die Straßen und Gassen der Stadt. Und während er den Anblick genoss, schob sich eine Gestalt in sein Blickfeld, die er erkannte. Rogan stand unten auf der Straße und palaverte mit einem der dortigen Händler, die in aller Frühe ihre Stände aufgebaut oder bemannt hatten. Der Dieb konnte seine grobe Stimme bis hinauf zum Fenster hören, aber verstand die Worte nicht, die der Söldner sprach. Es ging wohl um den Preis für eine Mohrrübe, die Rogan als sein Frühstück auserkoren hatte. Allein der Anblick dieses Arsches, drohte Caradan die Laune zu verhageln, aber er beschloss sich, erst einmal abzuwarten.
Unten angekommen setzten sich die Arcanier an einen Tisch. Tom war bereits wach und hockte missgelaunt hinter dem Tresen. “Wir erwarten einen Gast.”, waren Caradans erste Worte an den Wirt. “Wenn du uns kurz entschuldigst?” Tom war alles andere als begeistert, fügte sich aber unter gemurmeltem Protest und Gegrummel Caradans bittender Anweisung und ging in die Küche. Als dann Rogan hinein kam, blickte er die beiden Arcanier überrascht an. “Ihr seid ja schon wach!”, rief er ungläubig. “Ich dachte ihr liegt noch in den Federn. Oder treibt es wie tollwütige Hunde.” Er kam zu ihnen an Tisch und setzte sich. Der Dieb legte den Kopf schief und blickte ihn auffordernd an. “Was?”, fragte Rogan gereizt. “Was was? Du bist hier, also was willst du?” Rogan runzelte die Stirn. “Wir haben abgemacht, dass ich komme. Und hier bin ich. Also? Wie lautet der Plan?” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Ich habe keinen. Ich habe absolut keine Ahnung wie ich Frieden zwischen Silber und Schwarz stiften soll.” Rogan kratzte sich am Hinterkopf. “Nun… dann haben wir wohl ein Problem.” “Scheint so.” Einen Moment herrschte angespanntes Schweigen, dann seufzte Rogan. “Na ich würde sagen, was auch immer wir machen, es sollte Silber zum Vorteil gereichen.” Caradan nickte zustimmend. “Arne ist auf der Seite des silbernen Prinzen. Also… gegen Schwarz.” “Wir könnten den schwarzen Prinzen umbringen.” “Wir sollen Frieden stiften, du Idiot!” “Wir sollen den Krieg beenden bevor er eskaliert. Und Kriege kann man auf verschiedene Arten beenden. In dem man den einen Feind vernichtet, zum Beispiel.” Caradan seufzte. “Ja gut, das behalten wir mal im Hinterkopf, aber wenn es möglich wäre, würde ich das nur im absoluten Notfall tun.” “Na was denn dann?” “Na vielleicht sollten wir versuchen mit dem schwarzen Prinzen zu verhandeln?” Rogan grunzte. Dann lachte er. “Ist das dein Ernst? Verhandeln?” Der Dieb nickte. “Weißt du denn wer er ist?” “Nein.”, grinste Caradan. “Aber da du mir helfen sollst, wirst du das für mich herausfinden.” “Einen Scheiß werde ich!” “Dann sag das Arne.” Plötzlich wurde Rogan ganz still. “Ich tu was ich kann.”, brummte er und blickte dann zu Aen. “Und was sagst du dazu? Und wie kommt es eigentlich, dass ihr verlobt seid? Kann mir nicht vorstellen wie das zustande kam. Bin ziemlich neugierig?”

Nachdem Rogan gegangen war, machten sich auch Aen und Caradan auf um das Bordell aufzusuchen, wo Rickard und eigentlich auch Caradan lebte. Wie versprochen hielten sie kurz bei dem Bäcker aus Aughar und kauften sich jeweils eine Córalay-Schnecke, eine beinahe widerlich süße Köstlichkeit. Während sie durch die Straßen schritten, hob Caradan immer wieder mal den Blick. Eine angenehme Brise blies durch die Straßen und trug den Geruch von nahendem Regen mit sich, doch noch konnte Caradan keine Wolke am Himmel ausmachen. Während sie so näher kamen, wurde Caradan allmählich nachdenklicher. Er wollte Aen etwas erklären, wusste aber nicht wie. “Sag mal”, begann er schließlich zögerlich. “Hab ich dir schon mal von meiner Mutter erzählt?” Sie traten einen Schritt zur Seite um einem schwer beladenen Karren Platz zu machen, der einige Fässer geladen hatte. Caradan erkannte den Fahrer, einer von Arnes Leuten und nickte ihm kurz zu, als sich ihre Blicke trafen. “Wie sie zur Hure wurde, meine ich. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Tuchhändlers oder sowas in der Art. Eine Schönheit, sondergleichen und eines Tages warf ein junger Mann eine Auge auf sie. Aber sie wollte nichts von ihm wissen und du kannst dir sicherlich denken, was als nächstes kam. Sie wurde verstoßen von ihrer Eltern und floh nach Lanyamere, schwanger mit mir, zu einem Onkel der schon tot war, ehe sie überhaupt schwanger geworden war.” Sie erreichten die Straße, die auf direktem Wege zur Weißen Lilie führte. “Sie ging ins Freudenhaus und anstatt mich, den schandfleck ihres Lebens loszuwerden, zog sie mich auf und liebte mich. Und irgendwann… wurde sie von einem ihrer Freier totgeschlagen. Ich hab den Kerl Jahre später erwischt, hab ihn in einer Taverne abgestochen, aber worauf ich hinaus will ist folgendes. Für mich sind Huren kein Abschaum. Sie brauchen Sicherheit und Geborgenheit, so wie jeder andere Mensch auch. Meine Mutter hatte beides nicht und ich konnte es ihr auch nicht geben. Aber solange ich dafür sorgen kann, dass es wenigstens den paar Mädchen hier an nichts fehlt, dann mach ich das. Nicht bloß aus Pflichtgefühl gegenüber Rickard, sondern aus echter Sorge.” Als er endete blieb er stehen und legte seine Hand auf Aens Arm. “Das du dir keine Sorgen machen musst weißt du ja. Und das du in einem Hurenhaus lebst, dass kann ich nicht von dir verlangen und werde es auch nicht. Aber so wie ich das sehe, ist ein Mann der helfen kann, aber nichts tut, kein richtiger Mann und ich kann mir nicht vorstellen, dass du keinen richtigen Mann heiraten würdest. Oder irre ich mich?”
Als sie das Bordell betraten, wurden sie von den Zwillingen begrüßt, die hier einen großteil ihrer Zeit verbrachten und das entweder als Kundschaft oder Belegschaft. Manches mal auch beides zugleich. Sie erkundigten sich ob Rickard da war und ob sie mit ihm reden konnten. “Aber na klar.”, rief Renart fröhlich. “Ich glaube er wollte dich sogar sprechen.”, fügte Gerret hinzu. “Wollte er wirklich.” “Hat aber nicht gesagt warum.” “Hast du was angestellt?” “Und wie war es bei Arne?” “Ja genau, du lebst noch!” “Dann lief es wohl gut.” “Was wollte er?”, fragte Renart neugierig. “Haltet doch mal für eine halbe Stunde das Maul!”, jammerte Caradan lautstark und entfloh der Empfangshalle hinaus in den Hinterhof, dort wo Rickard auf einer gemütlichen Terrasse saß, ein schale Wasser vor sich und eine Karaffe Wein auf dem Tisch. Er hielt sich ein feuchtes Tuch auf sein linkes Handgelenk. “Die Gicht?”, fragte Caradan besorgt und Rickard blickte auf und nickte. Der alte Mann hatte um die sechzig Winter gesehen und tiefe falten zerfurchten sein Gesicht. Die freiliegenden Arme waren voller dünner Narben, den Ehrenzeichen eines begnadeten Messerkämpfers wie er selbst sagte. Rickard hatte die Statur eines Bullen, wobei die einstigen Muskelberge nunmehr von vergangenen Ruhmestagen zeugten und sich der Wohlstand in dem er seinen Ruhestand verbrachte an einem gewachsenen Bauch messen ließ. Früher war er wohl mal ein stattlicher und ansehnlicher Mann gewesen, das konnte man ihm immer noch ansehen. Sein lichter werdendes Haar war mit Öl ordentlich zurück gekämmt und dafür wucherte sein prächtiger roter Bart wild bis über die Brust. Er sah aus wie ein alter Mann, ja, aber hinter seinen wachen, hellen Augen blitzte ein scharfer Verstand. Er trug einen dunkelblauen Rock, mit einem breiten Gürtel über der Brust und Stiefel mit großen Krempen unter den Knien. Caradan kniete sich vor ihn und hielt prüfend seine Hand in das Wasser. Es war eiskalt. “Du weißt doch was der Heiler gesagt hat.”, seufzte er. “Niemals Kälte, nur Gebete.” “Der muss sich ja auch nicht mit den Schmerzen plagen.”, murrte er und blickte dann Aen an. Auf sein grimmiges Gesicht stahl sich ein warmes Lächeln. “Ist sie das?”, fragte Rickard und Caradan nickte. “Bitte setzt euch. Leistet einem alten Mann Gesellschaft.”, lachte er und bot Aen einen Stuhl an. Caradan blieb stehen und lehnte sich gegen die Balustrade. “Du bist also Aen.”, lächelte Rickard und stützte sein Kinn auf seine gesunde Hand. “Mein Junge hat mir schon einiges über dich erzählt. Über euch…” “Die Zwillinge meinten, du wolltest mit mir sprechen?” Rickard hob fragend eine Braue. “Mit dir? Nein. Ich wollte mit ihr sprechen.”, meinte er und nickte zu Aen, der er sich wieder zuwandte und sie mit grimmigem Gesichtsausdruck eingehend musterte. Dann wurde sein Blick gütig. “Ich wollte doch meine zukünftige Schwiegertochter auch mal kennen lernen.” Er lachte dröhnend und goss Wein aus der Karaffe in einen von zwei Bechern und schob ihn Aen zu. “Ich hab ja nicht viel für die Elfen übrig, aber guten Wein machen können sie. Also meine liebe, ich hab schon ein paar Dinge über dich gehört. Über die feurige Jungfrau aus der Eisenschenke. Ich hätte ja nicht im Traum daran gedacht, dass du das sein könntest. Immerhin hat mir mein Junge erzählt das ihr… eben das gemacht habt, was junge Leute so tun. Und das du da etwas ungebundener warst…” Er blickte sie entschuldigend an. “Aber du hast dich wohl sehr verändert. Ich müsste lügen wenn ich sage, dass ich da was schlechtes daran finden kann. Mein Junge hat sich auch verändert, das hast du sicher schon gemerkt.” Er sein Blick wechselte kurz zwischen Caradan und Aen hin und her und blieb dann auf Caradan hängen. “Was guckst du denn so angespannt? Wir reden doch bloß.” Der Dieb hatte unbewusst den Atem angehalten. Er mochte Rickard, er mochte ihn wirklich und er hatte Angst davor, dass Aen ihn nicht mögen könnte. “Ich freu mich.”, lachte Rickard und schüttelte mit dem Kopf. “Ganz ehrlich, ich freue mich für euch. Das Ganze hat etwas von einem Theaterstück. Junge Liebe, die alles überwindet. Da wird sogar ein alter Brummbär wie ich ganz weich.”
Plötzlich wurden sie unterbrochen, als ein Mädchen des Hauses zu ihnen auf die Terrasse gestürmt kam. “Rickard!”, rief sie außer Atem. “Caradan, du bist auch hier… gut.” “Was ist denn Liebes?”, fragte Rickard ernst und war bereits aufgestanden. “Es ist Bella.”, erklärte die Hure. “Sie hat Probleme mit zwei Freiern.” Der Arcanier stürmte bereits hinein, bevor Rickard sich auch nur zum Gehen entschlossen hatte. In der Empfangshalle hörte er laute Stimmen, die kurz verstummten, als er eintraf. Er sah eine Gruppe von drei Männern, zwei davon in Rage, der andere eher stumm im Hintergrund. Sie lieferten sich ein Wortgefecht mit den Zwillingen, die mit gezückten Dolchen die Kerle in Schach hielten. “Was ist los?”, verlangte Caradan mit ruhiger Stimme zu wissen. “Einer der Beiden hat Bella verprügelt.”, erklärte Renart. Isabel, oder eben Bella hockte mit verschrammten Gesicht, blutiger Lippe und huelend in einer Ecke und wurde von zwei Mädchen umsorgt. Caradan stellte sich vor die Angeklagten. “Wer hat das getan?” “Die Fotze hat nicht gespurt!”, fauchte einer der Beiden und offenbarte sich selbst durch seine große Klappe als Übeltäter. “Ja genau!”, stimmte ihm sein Spießgeselle zu. Caradans Blick wanderte über die Beiden und schließlich nickte er. “Würden mich die Herren hinaus begleiten?”, fragte er, aber statt auf eine Antwort zu warten, verließ er das Haus und trat auf die Straße. Den Klingen der Zwillinge sei Dank, folgten ihm die Übeltäter. “Also.”, hob der Arcanier an und blickte auf sein Publikum. Rickard und Aen standen auf den Stufen des Hauses, Renart und Gerret hielten die beiden Kumpanen des Großmauls zurück, einige Passanten blieben stehen und der Balkon und die Fenster waren voll mit den Gesichtern der Mädchen, die das Schauspiel verfolgen wollten. “Ich denke wir haben hier einen klaren Fall. Ihr werden Bella für das entschädigen, was ihr ihr angetan habt.” “Vergiss es.”, fauchte er. “Pass auf.”, knurrte Caradan und trat auf ihn zu. “Das hier endet auf zwei Arten. Entweder du rückst das Geld raus oder ich tu dir sehr weh.” Der Mann grinste ihn an. “Du kriegst keine müde Münze von mir.” Caradan trat ganz nah an ihn ran. “Ich hab zwei Dinge gelernt, als ich das erste Mal hier war. Erstens, wie man einem Mann ein Messer zwischen die Rippen rammt, ohne das er es merkt.” Der Dieb ließ einen Moment seine Worte wirken und unwillkürlich fasste der Mann sich an die Seite. “Und zweitens, dass ein Toter keine Schulden begleicht. Also werde ich dich nicht töten. Ich werde dir die Scheiße aus dem Leib prügeln, sie dir ins Maul stopfen und so lange auf dich einschlagen, bis du dir wieder in die Hose scheißt.” Der Mann grinste Caradan an, etwas unsicher zwar, aber von sich selbst überzeugt. Er wollte gerade den Mund aufmachen um etwas zu erwidern, da blieben ihm die Worte im Halse stecken, als Caradan ihm das Knie zwischen die Beine rammte. Der Mann klappte zusammen und ächzte gequält auf. wenn man einem Gegner gegenüber stand, der einem körperlich überlegen oder zumindest ebenbürtig war, dann musste der erste Schlag sitzen. Ohne zu zögern ließ er seinen linken Ellenbogen auf die Nase seines Kontrahenten krachen und der Kerl fiel in den Dreck. Der Dieb trat ihm kraftvoll gegen die Schläfe, kniete sich auf seine Brust und schlug ihm mehrmals mit der Faust ins Gesicht, bis der Mann kaum noch bei Bewusstsein war. Schnaufend erhob sich Caradan und blickte auf seine blutigen Fingerknöchel. Seine Hand schmerzte, aber das war ihm egal. Er baute sich über dem Besiegten auf, holte seinen Schwanz hervor und pisste buchstäblich auf den Mann. Als er sich erleichtert hatte, begab er sich zu dem Mann, der so ruhig im Bordell gewesen war. “Warst du der andere?”, fragte er drohend. Der Mann starrte ihn angsterfüllt an und schüttelte heftig mit dem Kopf. Der Dieb wandte sich an den anderen Mann, der von Renart zurückgehalten wurde. “Dann du.”, murmelte er und hieb dem Mann in den Magen, dass dieser sich vornüber krümmte. Der Arcanier bettete den Kopf des Mannes auf seiner Schulter und tätschelte ihm den Rücken. “Schon gut.”, flüsterte er. “Zahl einfach deine Schulden.” Der Mann nickte und griff an seinen Gürtel. Renart fiel ihm in den Arm und bediente sich selbst, dann blickte Caradan zu dem anderen. “Da fehlt noch was.” Eilig fummelte der andere an seinem Gürtel rum und reichte seinen Geldbeutel an Gerret weiter. “Sehr schön.”, rief Caradan. “Jetzt wo wir wieder Freunde sind, bringt euren Kumpan zu einem Heiler. Und in eine Badehaus, er stinkt nach Pisse.” Dann begab sich Caradan zu Aen. “Siehst du.”, grinste er. “Ganz ohne Feuerrohr.” Er legte ihr seine Hand auf die Wange. “Und jetzt stell dir vor, was ich mit dem Kerl mache, der es gewagt hat, dich anzurühren.”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Di, 21. Mai 2019 11:55

Diese eine Nacht und der Tag davor des achten Mond des Jahres war unglaublich heiß. Man konnte nicht anständig atmen, man konnte nicht anständig vögeln, man konnte nicht anständig schlafen, man konnte sich nicht anständig durch die Stadt bewegen, ohne dass man schwitzte. Man konnte eigentlich überhaupt nichts tun, ohne dass einem der Schweiß in Strömen herab lief. Darum schlief die Arcanierin nackt, ohne Decke, und zog sich das dünne Laken erst mitten in der Nacht im Halbschlaf drüber, als sie die kühle Nachtluft einhüllte und sie dann doch zu frieren begann. Bei Caradan im Arm liegen? Undenkbar! Sie hatte es versucht, aber nach gefühlten fünf Sekunden fühlte sie sich als hätte jemand einen Kübel Wasser über ihr ausgeleert. Und so war sie abgerückt, so weit dies in dem schmalen Bett nur möglich war. Ihre Gedanken kreisten um ein breiteres Bett. Aber sie konnte sich Toms Miene regelrecht vorstellen, wenn sie ihn darum bitten würde. Darum verwarf sie den Gedanken ganz schnell wieder. Die Erlösung kam erst morgens, als sie im Halbschlaf bemerkte, dass Caradan das Bett verlassen hatte. Augenblicklich drehte sie sich auf den Rücken, streckte alle Viere von sich und schlummerte genüßlich und glücklich weiter. Zumindest solange, bis sie an den Beinen zarte Berührungen spürte, die von Caradans Lippen kamen. Sie lächelte, doch es gelang ihr nicht, sich auch nur einen Zoll weit zu bewegen. ‘Morgenschwäche’ nannte sie dieses Phänomen. Zu schwach zum sprechen, zu schwach sich zu bewegen, zu schwach, die Augen zu öffnen. Morgens war sie wie gelähmt. Aber wohlig aufzuseufzen und erregt zu atmen, das brachte sie gerade noch so zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die vermutlich nur zehn Sekunden gedauert hatte, gelang es ihr endlich, die Augen zu öffnen und den Kopf zu heben, und dann ließ er von ihr ab. “Mach weiter!” hauchte sie aber da war sein Kopf längst über dem ihren und er grinste sie an “Aufwachen!” Aen murrte und ließ ihren Kopf wieder aufs Kissen fallen. Nun war es ganz vorbei. Er stand auf, er machte Lärm, er zog sich an und schließlich das Schlimmste: er stieß die Fensterläden auf, dass das Sonnenlicht regelrecht den Raum flutete. Aen beschirmte ihr Gesicht mit dem rechten Arm, aber nach einigen Momenten sah sie ein, dass es keinen Sinn hatte. Caradan war voller Tatendrang und er würde sowieso keine Ruhe geben, bis sie endlich aufgestanden war. So setzte sie sich erst einmal auf und schob ihre Beine aus dem Bett. Rieb sich den Schlaf aus den Augen, strich sich ihr Haar aus dem Gesicht und gähnte erst einmal herzhaft. “Bei den Geschwistern…” murmelte sie. Caradan stand am Fenster und blickte aus dem Fenster. “Was gibts da draußen zu sehen?” erkundigte sich die Arcanierin. “Rogan” murmelte er knapp. “Oh nein, den hab ich ja völlig vergessen… Dann steh ich besser schnell auf, bevor er uns wieder die Türe eintritt weil wir ihm nicht schnell genug unter die Augen treten…”

Sie hatte sich so schnell gewaschen, angezogen, und sich die Haare hübsch gemacht, dass sie vor Rogan im Schankraum waren. Tom hockte, wie immer, aber ganz besonders seit Aen nicht mehr die Morgenschicht erledigte, schlecht gelaunt hinter dem Ausschank. “Wir erwarten einen Gast” sagte Caradan zu Tom, worauf hin sich dieser trollte, noch ehe Aen einen Morgengruß an ihn richten sollte. Sie hörte nur die grummeligen Worte des Wirts und Schenkenbesitzers “So gehts ei’m alten Mann. Bald darf ich nicht mal mehr in der Küche sein, sondern muss wie ein Hund vor der Türe warten, werdets schon sehen…” Kaum dass Tom gegangen war, kam Rogan zur Türe herein. Er hatte sich überhaupt nicht verändert. Er war immer noch derselbe Drecksack wie früher. Nur das Haar ein wenig länger. “Ihr seid ja schon wach! Ich dachte ihr liegt noch in den Federn. Oder treibt es wie tollwütige Hunde” “Der Neid der Besitzlosen…” murmelte Aen leise und verschränkte ablehnend die Arme und blickte finster drein. Rogan schien dies nicht gehört zu haben, zog sich scharren einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Was dann folgte, war gereiztes hin und her Gezicke zwischen Männern, dass Aen am liebsten aufgestanden und zu Tom in die Küche gegangen wäre. Kessel schrubben wäre ihr eine willkommene Abwechslung gewesen. Während des Gespräches fragte sich Aen ernsthaft, warum sie hier saß. Sie konnte absolut nichts beitragen, da sie keine Ahnung hatte, worum es hier eigentlich konkret ging. So driftete sie in Gedanken ab, und dachte, dass es heute wohl noch schlimmer werden würde. Denn Caradan hatte sich ja fest in den Kopf gesetzt, dass sie heute Rickard kennenlernen würde. Rickard schien ihm ungefähr das zu sein, was Tom für sie war. Ein alter Sack, der als Vaterfigur fungierte. Plötzlich sah sie sich der Tatsache gewahr, dass Rogan sie anblickte. Ihre finstere Miene entspannte sich etwas. “Und was sagst du dazu?” Aen löste die Verschränkung und hob ablehnend die Hände “Ich sage dazu gar nichts, ich bin seit vier Wochen in der Stadt und kenne mich bei euren Problemen überhaupt nicht aus. Und ich sage entschieden, ich lasse eure Probleme auch nicht zu den meinigen werden! Das ist alles, was ich dazu sagen kann.” “Wie kommt es eigentlich, dass ihr verlobt seid? Kann mir nicht vorstellen wie das zustande kam. Bin ziemlich neugierig?” Da musste die Arcanierin schmunzeln. “Du bist immer neugierig, was? Wie sowas eben zustande kommt, er hat mich gefragt, ich habe ja gesagt. Wir sind eben nicht nur am vögeln, wie tollwütige Hunde, weisst du… Da ist noch viel mehr zwischen uns, gewaltig mehr. Vermutlich so viel mehr, was du nie am eigenen Leib erfahren und haben wirst, weil du ein böser Drecksack bist.” Sie lächelte ihn süß an. Sie konnte diesen Kerl nicht leiden, aber auf eine perverse Art und Weise mochte sie ihn schon. Er war ein Arschloch, ja, aber zumindest war er ehrlich und geradeheraus, und das war eine Eigenschaft, die Aen sehr schätzte.

Als sie sich schließlich auf den Weg zu Rickard machten, hielt Caradan sein Versprechen und ging mit ihr zu jenem Bäcker, der die berühmten Coralayschnecken anbot. Sie waren klebrig süß und Aen mochte diesen Umstand. Ihr konnte es gar nicht süß genüg sein, am liebsten hätte sie diese Bäckerei noch einmal in Honig getaucht, dass sie nur so triefte. Sie liefen durch die Straße, und wie Caradan, bemerkte auch Aen diese drückende Schwüle, dieser Geruch den der Wind herantrug, wenn es bald regnen würde. Aber der Himmel war strahlend blau, kaum ein Wölkchen war am Himmel. Vielleicht würde ein herannahendes Unwetter an Aramad vorbeiziehen. Caradan begann ihr eine Geschichte zu erzählen. Wie seine Mutter zu einer Hure wurde und als er damit begann, ahnte Aen längst, worauf er hinaus wollte. “Worauf ich hinaus will ist folgendes. Für mich sind Huren kein Abschaum. Sie brauchen Sicherheit und Geborgenheit, so wie jeder andere Mensch auch. Meine Mutter hatte beides nicht und ich konnte es ihr auch nicht geben. Aber solange ich dafür sorgen kann, dass es wenigstens den paar Mädchen hier an nichts fehlt, dann mach ich das. Nicht bloß aus Pflichtgefühl gegenüber Rickard, sondern aus echter Sorge.” Aen runzelte die Augenbrauen. Nichts von seiner rührseligen Geschichte drang an ihr Herz, rührte es, oder erweckte sonstige Gefühle in ihr wie etwa Mitleid oder Verständnis. Auch ihr hatte das Leben übel mitgespielt. Aber war sie eine Hure geworden? Nein, sie hatte andere Wege gefunden. Vielleicht würde jemand behaupten, es wäre wohl besser, für Geld die Beine breit zu machen, als für Geld jemanden zu töten. Aber gut, das sah sie anders. “Das du dir keine Sorgen machen musst weißt du ja. Und das du in einem Hurenhaus lebst, dass kann ich nicht von dir verlangen und werde es auch nicht. Aber so wie ich das sehe, ist ein Mann der helfen kann, aber nichts tut, kein richtiger Mann und ich kann mir nicht vorstellen, dass du keinen richtigen Mann heiraten würdest. Oder irre ich mich?” Worauf wollte er eigentlich hinaus? Aen war sich da nicht ganz sicher. Wollte er ihr jetzt weismachen, er sei ein richtiger Mann, weil er ein paar Huren beschützte? Wollte er das wirklich von ihr hören? Aen räusperte sich und hob an “Weisst du, das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Wann ist ein Mann ein Mann, ein richtiger Mann? Die Wilden Frauen würden sagen, ein richtiger Mann ist ein Krieger. Einer der in Schlachten zahlreiche Männer getötet hat, einer der seine Sippe und die Ehre schützt und verteidigt. Einer der auszieht und mit den anderen Männern einen Bären tötet. In Arcanis ist ein richtiger Mann einer der ein glühender Anhänger der Zwei ist, der seine Familie moralisch leitet, als Familienoberhaupt Ansehen genießt, seine Familie zu ernähren weiß und seine Überzeugung und Werte lebt, wie es in den Schriften der Zwei steht. In Merindár, so denke ich, sagen die Frauen, ein richtiger Mann ist einer, der es ihnen jede Nacht besorgt, ihnen fünf Kinder macht, von früh bis spät schuftet damit er genug Geld heran schafft und ihnen ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Was mich betrifft, so habe ich meine eigene Meinung, was ein richtiger Mann ist.” Aber das sagte sie ihm natürlich nicht. Thero war ein richtiger Mann gewesen. Groß, stark, breit, muskulös, ein richtiger Haudrauf. Er hätte ihr Leben unbewaffnet verteidigen können. Das hatte sie mit eigenen Augen gesehen. Wenn er es drauf angelegt hätte, hätte er sicher einen Mann in Stücke reißen können. Aber er war auch ungehobelt gewesen, ungebildet, schrecklich eifersüchtig, und wenn sie ihm beim Essen zugesehen hatte, dann war ihr schlecht geworden. Thero war ein ganzer Mann gewesen, aber niemand, für den sie sich freiwillig und ernsthaft entschieden hätte. Silvar. War ein richtiger Mann, aber anders als Thero. Nicht so groß und breit und stark, aber schlau und ausgefuchst und er hatte das Feuerrohr erfunden. Aber auch niemand, den die Arcanierin trotz aller Liebe hätte zum Mann nehmen wollen. Selbst Theo war ein richtiger Mann gewesen. Er war Thero ziemlich ähnlich gewesen, nur ein wenig schlauer. Ein bisschen besser im Bett. Und das war schon alles. Theo wäre der letzte gewesen, dem sie ihre Hand gereicht hätte. Aen fand es auch ein wenig ungerecht, solche Vergleiche zu ziehen. War Caradan ein richtiger Mann? Sie wusste es nicht. Wenn sie einen richtigen Mann an den Eigenschaften maß, die ihre Vorgänger besessen hatten, dann wäre die Antwort wohl nein gewesen. Caradan war weder besonders groß, noch besonders stark. Er war schlau, wenn auch nicht so schlau wie Silvar zum Beispiel war. Aber er besaß die wertvollsten Eigenschaften die sie sich an einem Mann nur wünschen konnte. Er besaß ein großes Herz, das voll war mit allem was sie sich nur wünschen konnte. Er war herzensgut, liebevoll, respektvoll, er ließ ihr solche Freiheit wie man sie einem Falken zugestehen würde. Er erdete sie, er war verrückt nach ihr, er gab ihr Sicherheit, er brachte sie zum Lachen und zum Weinen. Er war… auch gut im Bett, er sah gut aus. Er war einfach der wertvollste Mensch den sie je kennengelernt hatte. Für Aen spielte es überhaupt keine Rolle ob er ein richtiger Mann war, oder nicht. Sie wollte ihn, und nur ihn, bis ans Ende ihres Lebens. Das konnte sie sich sehr gut vorstellen. Es fühlte sich absolut richtig an. Sie hob die Hände und ließ sie wieder fallen. “Ich weiß nicht, was du jetzt von mir hören willst, Caradan. Ich möchte dich heiraten, weil ich dich liebe. Du wirst bisher schon alles richtig gemacht haben, sonst würde ich dich nicht lieben. Und heiraten würde ich dich auch nicht unbedingt, nur weil ich dich liebe. Da ist schon weitaus mehr. Also mach dir keinen Kopf darum, was ein richtiger Mann ist und was ein Mann tun muss um als richtiger Mann zu gelten. Ich liebe dich wie verrückt und das ist alles was zählt.”

Sie erreichten das Bordell und Aens Herz begann zu klopfen. Einerseits weil sie sich wirklich wirklich unwohl fühlte wenn sie hierher kam und zum anderen fürchtete sie sich vor Rickard. Was, wenn er sie nicht leiden konnte? Doch zunächst mussten sie sich nur mit den anstrengenden Zwillingen herumschlagen und das war eine wunderbare Ablenkung. Dann führte Caradan sie in den Hinterhof, wo eine lauschige kleine Wohlfühloase geschaffen wurde. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein paar Büsche, deren Samen ihren Weg in das Mauerwerk gefunden hatten und dort erwuchsen waren. Heutzutage würde sie wohl niemand entfernen, da sie wunderschön blühten und einen betörenden Duft verströmten. Am Tisch saß ein älterer Mann. Rickard. Er schien die beiden nicht bemerkt zu haben, denn er hob erst den Kopf als Caradan ihn ansprach. “Die Gicht?” Er nickte, und Aen maß der Flasche Wein, die da stand, einen vernichtenden Blick. Natürlich. Wein war keine Lösung bei Gicht. Soviel wusste sie noch von ihrer Ausbildung als Heilerin im Tempel Lanyameres. Sie wusste noch soviel mehr. Aber man fragte sie nicht. Rickard war ein bulliger alter Mann mit einem Wohlstandbauch und Aen musste in sich hinein grinsen. Er war wohl so etwas wie ein richtiger Mann. Während die beiden Männer sich über sein Gichtproblem unterhielten, musterte Aen den alten Mann eingehend. Doch bevor sie sich noch ein richtiges Bild über ihn machen konnte, da haftete sich sein Blick auf sie. “Ist sie das?” fragte er Caradan. Caradan nickte und Aen ärgerte sich. Wieso fragte er das nicht sie? Und wer sollte sie denn sonst sein? Ein Neuzugang für sein Hurenhaus? Fast hätte sie etwas dazu gesagt. Aber Caradan zuliebe schwieg sie. Er bot ihnen einen Platz an und während Aen sich artig setzte, wie ihr geheißen wurde, blieb Caradan stehen, was ihr nicht im Geringsten schmeckte. Es machte sie nervös, dabei war sie ohnehin schon nervös und unhöflich fand sie es obendrein. Warum konnte er sich nicht einfach setzen? “Du bist also Aen.” lächelte Rickard und diesmal war es Aen die stumm nickte. Nur lächelte sie nicht. Mit Tom war das alles viel einfacher gewesen. Er war griesgrämig gewesen, sie hatte ihm kontra gegeben, Tom hatte gegrinst und sie mit offenen Armen willkommen geheißen und spätestens nach einer Woche wie eine Tochter behandelt. Dieser Mann hier schien komplizierter zu sein, sehr wahrscheinlich nicht so einfach gestrickt wie Tom. Aber um Himmelswillen, hatte sie nicht auch einen komplizierten, schwierigen Mann wie Lepos im Griff gehabt? Dann musste dieser hier dagegen doch ein Spaziergang sein. Lässig stützte er sein Kinn auf seine gesunde Hand. “Mein Junge hat mir schon einiges über dich erzählt. Über euch…” Jetzt musste sie grinsen. Und dann kichern. “Ach, hat er das, der Junge?” brach Aen nun heiter ihr ernstes und eisernes Schweigen. “Die Zwillinge meinten, du wolltest mit mir sprechen?” fragte Caradan. “Mit dir? Nein. Ich wollte mit ihr sprechen.”, meinte er und nickte zu Aen, der er sich wieder zuwandte und sie mit grimmigem Gesichtsausdruck eingehend musterte. Aen hob eine Augenbraue. Manchmal konnte sie sich einfach nicht am Riemen reissen, selbst wenn sie hier nun vor dem König von Mérindar säße, würde sie wohl die selbe Frage stellen. “Was wird das hier? Fleischbeschau?” “Nein, ich wollte nur meine zukünftige Schwiegertochter kennen lernen.” Er lachte dröhnend und goss Wein aus der Karaffe in einen von zwei Bechern und schob ihn Aen zu. “Ich hab ja nicht viel für die Elfen übrig, aber guten Wein machen können sie.” “Nun” unterbrach Aen ihn. “Das mag wohl daran liegen, dass die Elfen das bessere Land bekommen haben. Arcanis ist wahrlich nicht berühmt für seine Weine. Aber ich bin ganz deiner Meinung. Nichts gehts über einen Goldenen aus Nemancan.” Sie prostete ihm zu und probierte von dem Wein. Er schmeckte wirklich hervorragend. Vollmundig, süß und sauer und lieblich im Aroma. Als würde sie von einem Strauß Blumen trinken. Rickard nahm ebenso einen Schluck und dann führte er fort “Also meine Liebe, ich hab schon ein paar Dinge über dich gehört. Über die feurige Jungfrau aus der Eisenschenke. Ich hätte ja nicht im Traum daran gedacht, dass du das sein könntest. Immerhin hat mir mein Junge erzählt das ihr… eben das gemacht habt, was junge Leute so tun. Und das du da etwas freizügiger warst…” Aen hob eine Augenbraue. “Was haben wir denn gemacht?” "Gerammelt wie die Hasen meine ich, und zwar nicht nur miteinander. Du mit diesem Theo und mein Junge mit der Magd. Ihr beide habt Fehler gemacht. Ich würde sagen ihr seid quitt." Aen fielen beinahe die Augen heraus. “Dashat er gesagt?” Aen wandte ihren Kopf und blickte Caradan finster an. Dieser wurde rot und wandte seinen Kopf zur Wand, als hätte er dort etwas furchtbar interessantes entdeckt. “Na warte du nur…” zischte sie ihm zu und wandte sich wieder an Rickard. Dieser blickte sie entschuldigend an. “Aber du hast dich wohl sehr verändert. Ich müsste lügen wenn ich sage, dass ich da was Schlechtes daran finden kann. An Veränderungen, meine ich. Mein Junge hat sich auch verändert, das hast du sicher schon gemerkt.” “Oh ja…” meinte sie sarkastisch und trank den Wein aus. Rickard bemerkte dies und hob fragend den Krug an. Aen schob ihm zur Antwort ihren Becher hin und Rickard schenkte nach “Danke” murmelte sie. “Ich habe mir viele Fehler geleistet. Besonders Theo” begann Aen zögerlich. Rickard blickte auf Caradan und fragte “Was guckst du denn so angespannt? Wir reden doch bloß.” Dann wandte er sich wieder Aen zu “Entschuldige bitte, fahre fort…” Aen zuckte die Schultern. “Ich musste wohl erst lernen, was wahre Liebe bedeutet. Caradan wusste es wohl längst vor mir, wie man sich da zu benehmen hat. Und er hats mir gezeigt, ich konnte von ihm lernen. Bedingungslose Liebe, bedingungsloses Vergeben und Vergessen… Wenn mich jetzt mein Temperament, oder mein Zorn zu übermannen drohen, dann brauche ich nur auf die letzten eineinhalb Jahre zurückblicken” Sie warf Caradan einen liebevollen Blick zu. “Und dann wird alles bedeutungslos… Ich liebe ihn, wie ich noch nie jemanden geliebt habe, und ich möchte dass er immer an meiner Seite bleibt, für den Rest meines Lebens.” “Ich freu mich. Ganz ehrlich, ich freue mich für euch. Das Ganze hat etwas von einem Theaterstück. Junge Liebe, die alles überwindet. Da wird sogar ein alter Brummbär wie ich ganz weich” lachte er und nahm Aens Hand und drückte sie. “Ich freue mich auch” lächelte Aen.

Plötzlich kam eine Hure angelaufen. Sie war völlig aus dem Häuschen und erzählte von Problemen mit Freiern und Caradan lief sogleich mit ihr in das Bordell hinein. Aen blieb ratlos mit Rickard zurück. Er lehnte sich ein wenig steif vor und Aen wusste nicht, ob sie ihm helfen sollte, oder nicht. Sie entschied sich, ihm doch hoch zu helfen, schließlich war er nicht mehr der Jüngste und Aen wusste wie Gichtgeplagte Menschen litten. Sie sah auf seine von der Gicht verformte Hand. “Du solltest keinen Wein trinken. Und ich weiß nicht, was der Heiler gesagt hat. Aber wir haben Gichtkranke immer sehr gut mit Geißfuß behandelt. Es wächst überall, ich weiß nicht ob man das hier in Coralay nicht kennt, aber du solltest es damit versuchen. Du solltest Geißfuß essen bis er dir bei den Ohren raus wächst. Aber nach zwei, drei Tagen solltest du eine Verbesserung spüren. Und dann willst du ihn nie wieder missen. Wir sollten mal nach Caradan sehen, oder?” Rickard nickte. “Eines noch…” hob Aen unsicher an. “Ich kanns nicht leiden, dass er hier lebt. Ständig von Huren umgeben. Ich vertraue ihm, ja, aber, ich finds nicht in Ordnung.” “Soll ich ihn vor die Türe setzen?” fragte Rickard und Aen zuckte die Schultern “Das kann ich nicht entscheiden. Es stört mich, aber ich kann ihm nicht vorschreiben was er zu tun und zu lassen hat.” “Aber ich kann” meinte Rickard. “Aber es wäre nicht richtig” entgegnete sie. “Liebes, sag mir wie ich dir helfen kann und ich werde tun was ich kann" Da musste sie herzlich lachen “Mir kann keiner helfen, wenn ich ehrlich sein soll” Er lachte herzlich mit und sagte schließlich “Na dann weiß ich nicht was du von mir willst” Sie grinste “Ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich wollte es wohl nur erwähnen” Da wurde er ernster “Hör mal. Mir liegt Caradan sehr am Herzen. Und ich weiß das du für ihn alles bist. Das heißt wenn ich dich glücklich machen kann, ist er es auch.” Aen entgegnete “Mir liegt Caradan noch viel mehr am Herzen, er ist alles für mich. Das heisst ich rühre an nichts und er ist glücklich. Den Rest muss ich mit mir selbst ausmachen.” Rickard legte seine gesunde Hand auf ihren Arm. Sie war groß und schwer und warm. “Wir finden schon eine Lösung. Für euch beide” “Solange ich da nicht wohnen muss, ist schon viel gewonnen. Aber danke. Vielen Dank. Du bist sehr freundlich zu mir.”

Als Aen und Rickard zu Caradan, den Freiern und anderen Huren dazustießen, war eine hitzige Diskussion schon längst im Gange. Die Vorübergehenden blieben neugierig stehen, die Balkone des Bordells waren voll mit neugierigen Mädchen, so wie es immer war, wenn es Streit und Diskussionen gab. Aen verschränkte nur die Arme und lehnte sich an den Türstock und beobachtete schweigend, so wie sie das stets gerne tat. Caradan spielte sich nicht nur als Halbstarker auf, nein, er war auch einer. Nachdem er dem Kerl sein Knie zwischen die Beine gerammt hatte, ließ er seinen Ellbogen in dessen Gesicht krachen, noch bevor dieser zu Boden ging. Caradan trat ihm gegen die Schläfe und ließ in weiterer Folge mehrere Faustschläge in sein Gesicht herniedergehen. Aen blieb der Mund offen, als er noch seine Hose lüpfte, seinen Schwanz herausholte, und den Mann bepisste. Nach dieser Aktion war die Angelegenheit rasch geregelt. Die Hure wurde entschädigt mit dem Geldbeutel des Kerls. Als ob Geld ein blaues Auge regeln konnte, so dachte Aen bei sich. Der Kerl sah übel zugerichtet aus und wurde prompt zu einem Heiler und ins Badehaus geschickt. Caradan schien zufrieden. Das konnte man in seinem Gesicht deutlich erkennen, und besonders in seiner Körperhaltung. Rickard hatte wohl Recht behalten. Er hatte sich sehr verändert. So zufrieden schlenderte er zu Aen, die ebenso ein Stück weit aus dem Torbigen auf die Straße auf ihn zugegangen war und grinste sie an “Siehst du. Ganz ohne Feuerrohr.” Er legte seine Hand auf ihre Wange. “Und jetzt stell dir vor, was ich mit dem Kerl mache, der es gewagt hat, dich anzurühren.” Aen schlug seine Hand beiseite. “Das Feuerrohr hat mehr Klasse” zischte sie und stieß ihn dann noch von sich. Jetzt wurde sie wirklich sehr böse und dementsprechend auch laut. “Du bist Idiot! Ich will mir das gar nicht vorstellen! Du brauchst gar nichts zu tun, ich regle meine Angelegenheiten schon selbst! Ist es das, was aus dir geworden ist? Ein Kerl, der Männer halb tot prügelt, wenn sie seinen Harem anfassen, ja? Bleib mir bloß vom Leib wenn du darauf auch noch stolz bist!Mich beeindruckst du damit in keiner Weise!” Plötzlich ertönte ein gewaltiger Krach und Aen zuckte, wie auch alle anderen, erschrocken zusammen. Ein Donner, wie von den Götter selbst geschickt, rollte bedrohlich über Aramad und im nächsten Moment öffnete der Himmel seine Schleusen und es begann zu pissen, wie es Aen selten erlebt hatte. Viele der Huren auf den Balkonen zogen sich begeistert kreischend ins Haut zurück, die Umstehenden, für die es sowieso nichts mehr interessants zu sehen gab liefen weiter, und auch Rickard und die Zwillinge zogen sich unter den schützenden Türstock zurück, blieben aber. Nur Aen und Caradan standen sich im strömenden Regen gegenüber, und wurden zusehends nass und nässer. Aen störte sich auch gar nicht am Regen, sie hatte Regen immer wunderbar gefunden und liebte es sogar, bis auf die Haut nass zu werden. Sie liebte es, wenn das Gewand regennass an ihrer Haut klebte. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem klatschnassen Gesicht. Aen senkte ihre Stimme, so dass nur er es hören konnte. “Wenn du jetzt denkst, du bist für mich ein richtiger Mann, nach diesem… diesem schlechten Schauspiel... dann irrst du dich aber gewaltig.” Sie schüttelte den Kopf. “Du warst für mich mehr Mann, als du derjenige warst, der eine abgefangen hat…” Dann wandte sie sich um, ließ ihn einfach stehen und lief zurück zur Eisenschenke.
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Di, 21. Mai 2019 23:05

Er konnte es nicht fassen. Sie hatte ihn im Regen stehen lassen. Einfach so! In einem Wutanfall hatte sie ihn fort gestoßen und ihn allein gelassen. Er konnte es nicht fassen und heißer Zorn kochte in ihm hoch. Mit gehetztem Blick, sah er sich um und suchte nach ihr. Sie war nicht schwer zu entdecken und er eilte ihr nach. Die Worte die er ihr hinterher rufen wollte, blieben ihm im Halse stecken. Statt sie anzuhalten, sie anzuschreien, anzubetteln oder sonst was in der Art entschloss sich Caradan für etwas anderes. Er packte sie von hinten und warf sie sich über die Schulter. Sie protestierte, fluchte und fauchte ihn an, trommelte ihm mit den Fäusten auf den Rücken, aber Caradan trug sie unbeirrt in eine Seitengasse. “Schon gut, wir sind verlobt!”, rief er neugierigen Passanten zu und als sie ungestört waren, ließ er sie wieder auf die Füße. Sie sah ihn an, als wollte sie ihm eine verpassen, doch sie versuchte nur unter Flüchen ihn von sich zu stoßen. Er versperrte ihr den Weg und drängte sie gegen die Wand. Die Arcanier warfen sich gegenseitig mörderische Blicke zu. Dann küsste Caradan sie. Zunächst wollte sie sich wehren, aber dann erwiderte sie seine Zuneigung und sie küssten sich feurig und voller Leidenschaft. Als sie sich voneinander lösten, lag Feuer in ihrer beider Augen, aber kein lodernder Zorn mehr. “Du bist die anstrengenste, verwirrenste, verrückteste und wundervollste Frau die ich kenne, aber du treibst mich in den Wahnsinn! Was ist dein Problem? Als ich ein wehrloser Schwächling war, war ich dir nicht mannsgenug und jetzt, wo ich das nicht mehr bin, bin ich dir immer noch nicht gut genug? Ich versteh dich nicht.”, keuchte er. Sie zuckte bloß mit den Schultern. “Damit musst du wohl leben. Nur weil du dir Fähigkeiten erworben hast, musst du sie nicht unbedingt auch einsetzen. jedenfalls nicht so.” “Willst du mich verarschen?”, rief er hilflos. “Ich versteh dich nicht Aen. Alles was ich tue, alles was ich will, ist dir zu gefallen und zu genügen, aber je mehr ich mich darum bemühe, desto mehr falle ich auch die Schnauze.” “Vielleicht ist genau dass das Problem. Du sollst dich nicht verstellen um mir zu gefallen. Du musst dich nicht bemühen mir zu gefallen, du hast mir von Anfang an gefallen oder hast du dich da auch verstellt? Wärst du mir nicht gut genug wäre ich heute nicht Aramad.” Er glaubte ihr, aber ihre Worte ärgerten ihn, sie verunsicherten ihn. “Und bereust du's jetzt? Weil ich mich verändert habe? Bin ich nicht mehr der, den du wolltest oder bin ich immer noch dein Zukünftiger?”, fragte er besorgt. “Doch das bist du, aber nicht wenn du Männer trittst die bereits am Boden liegen und sie noch vollpisst. Und das alles wegen einer Hure!” Caradan verdrehte die Augen. “Du verstehst das falsch.” “Was versteh ich falsch?”, fragte sie schnippisch. “Es ging nicht um Bella. Es ging um meinen Ruf und der ist in Aramad wichtiger als alles andere. Wenn sich einer daneben benimmt und ich ihn zurechtweise, benehmen sich die nächsten zehn. Wenn ich ihn verprügel die nächsten hundert. Aber wenn ich ihn so demütige, dann benehmen sich tausende, bis wieder einer Streit sucht." Er seufzte schwer. “Je härter die Strafe, desto länger habe ich Ruhe.” Das schien sie zu besänftigen, denn sie lenkte zähneknirschend ein. “So hab ich das nicht betrachtet.” Caradan grinste. “Ist das eine Entschuldigung?” “Deine Entschuldigung bekommst du heute Abend.” “Damit kann ich leben.”, frohlockte Caradan, aber kurz darauf legte sich ein unangenehmes Schweigen über die beiden. “Sag mal, du wolltest mir schon ewig mal was kochen, aber ohne Küche ging das wohl immer unter. Ich hab Hunger... wie wärs?”, versuchte er sowohl das Schweigen zu brechen, als auch das Thema fort von dem Vorfall beim Bordell zu führen. Aen starrte ihn mit offenem Mund an. “Soll ich jetzt ne verdammte Hausfrau werden nur weil ich dich heiraten werde?” Caradan hob abwehrend die Hände. "Nein, nein, nein das wollte ich nicht sagen. Aber du hast immer gesagt wie gut du kochen kannst..." “Lass dich von deinen Huren bekochen!”, fauchte sie. “Wie kommst du überhaupt darauf? Wenn Tom das mitbekommt, muss ich am Ende in der Küche stehen. Darauf hab ich keine Lust.” “"Dann kaufen wir eben was zu Essen. Ich habe hunger, hab ich doch gesagt.”, maulte Caradan halblaut. “Wir haben eine eine Schnecke gegessen.”, erinnerte sie ihn. Ja dieses ekelhaft süße Ding. “Ja haben wir... aber nach dem eben... knurrt mir der Magen..." “Gut.”, lenkte sie schließlich ein. “Dann lass uns was essen. Aber nicht bei Tom!” Caradan stimmte zu, bot ihr seinen Arm an und gemeinsam schlenderten sie durch den Regen. “Hast dich gut geschlagen.”, meinte sie halblaut, nachdem sie ein paar Schritte gegangen waren. “Ich bin fast ein bisschen stolz auf dich.” Der Dieb erwiderte nichts, aber grinste bis über beide Ohren.



Caradan führte Aen im strömenden Regen durch die Straßen der Stadt. Sein Ziel befand sich nahe des Stadtzentrums, beinahe auf der Höhe der Eisenschenke, bloß auf der anderen Seite des Herzogspalasts. Es war ein großes Haus, mit Kalk geweißt, farbenfrohe Blumen in kleinen Kästen unter den bläulichen Fenstergläsern. Ein großes Holzschild hing über dem Eingang auf dem in goldenen Lettern der Name geschrieben stand. ‘Zur goldenen Heike’. Die Schenke wurde von einer kleinen, drallen Frau betrieben, deren gackerndes Gelächter man manchmal bis hinaus auf die Straße hören konnte. Sie trug das blonde Haar unweiblich kurz, es fiel ihr nicht bis zu den Schultern und sie war stets in einer Schürze anzutreffen. Wie es sich gehörte, hielt Caradan seiner Angebeteten die Tür auf, trat nach ihr ein und sie steuerten zielsicher den Tisch an, der am dichtesten an der glimmenden Feuerstelle stand, die soeben von einer männlichen Schankmaid angefacht wurde. So froh Caradan über die Abkühlung war, so gerne würde er diese in trockenen Kleidern genießen. Der Dieb legte seinen dünnen Gehrock über die Lehne eines Stuhles und setzte sich. Caradan stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte unwillkürlich seine geschundenen Knöchel mit der linken Hand. Der Schank...bursche wandte sich ihnen zu und musterte sie. Sein Blick zeigte seine Abneigung, aber dennoch lächelte er Pflichtbewusst und neigte sein Haupt. “Gnädige Frau, gnädiger Herr. Wie kann ich euch behilflich sein?” Die beiden Arcanier tauschten einen raschen Blick und grinsten sich an. “Der Hunger hat uns hergeführt.”, eröffnete Caradan dem jungen Mann und musterte ihn nun seinerseits. Verdammt nochmal! Caradan kleidete sich nicht schlecht, sein Geschmack war vielleicht nicht der erlesenste, aber seine Kleider waren gut gearbeitet. Aber verdammt nochmal, die Kleider des Burschen waren von besserer Qualität als die des Diebes. “Bring uns etwas. Ich hätte gerne Fisch, wenn ihr habt.” Er nickte. “Sehr wohl, gnädiger Herr. Und für die gnädige Frau auch?” Aen schüttelte den Kopf. “Bloß nicht. Am liebsten etwas ohne Fleisch.” Der Schankbursche neigte sein Haupt. “Sehr wohl. Mit allem drum und dran?”, fragte er vorsichtig und Caradan konnte die Skepsis hören, die in seinen Worten mitschwang. “Ja mit allem.”, brummte Caradan. Mit einer weiteren Verbeugung entfernte sich der junge Mann. Caradan sah sich um. Er mochte es hier, doch fühlte sich deplaziert. Hier kamen keine gemeinen Bürger her, hier speisten die Wohlhabenden. Der Dieb sah Männer in kostspieligen Roben, feine Damen in eleganten Kleidern und bestimmt ein dutzend Diener, die einfach mal genossen, das jemand anderes ihre Pflichten erfüllte. Und es war nicht mal Abend, sonder Mittag und es schüttete in Strömen. Wachskerzen brannten in prachtvollen Leuchtern, die Wände waren mit Teppichen behängt und wenn man durch das blaue Glas der Fenster blickte, konnte man hinaus auf die tieferen Ebenen von Aramad blicken. Zugegeben von ihrem Platz eher weniger, aber dennoch war es hier edel. Zu edel für die beiden Arcanier. “Gefällt es dir hier?”, fragte Caradan.
Nach kurzer Zeit kehrte der junge Schankbursche zurück, eine große Holzplatte in Händen. Darauf befanden sich zwei Suppenschalen, mit einem dampfenden und hervorragend dufteten Sud darin, dazu geröstete Brotscheiben. Caradan schnupperte daran und roch eine kräftige Knoblauchnote, ehe er probierte. Ein entsetztes Stöhnen entfuhr ihm. Es schmeckte fantastisch. Darin waren Steck und Butterrüben, Frühlingszwiebeln, Karotten und Schalotten, Pilze und ein paar fein gewürfelte Speckstücke, gewürzt mit Nelken, Thymian, Safran und Petersilie. Das alles schwamm in einem cremigen Sud aus Rahm und Butter. Caradan wollte es schon hinunter schlingen, doch er beherrschte sich und zwang sich, jeden Löffel zu genießen. Wenn das der erste Gang war, wollte Caradan gar nicht wissen wie viel Silber er heute verlieren würde. Aber bei allen Göttern, das war es ihm allemal wert. Er war regelrecht enttäuscht als sein Löffel über den Boden der Schale schabte. Der Schankbursche kam zurück an ihren Tisch. “Etwas Wein?”, fragte er und hielt verführerisch eine kristallene Karaffe mit goldenem Wein ins Licht. “Für mich nicht.”, lehnte Caradan ab, nickte aber zu Aen und der junge Mann schenkte ihr einen Kelch ein, bevor mit dem leeren Geschirr wieder in der Küche verschwand. Das Hauptgericht ließ etwas länger auf sich warten, sodass Caradan genug Zeit hatte, wieder ein leichtes Hungergefühl nach dieser üppigen ersten Speise zu entwickeln. Dann kam es, serviert auf zwei glänzenden Kupfertellern. Es war ein Berg aus grünen Blättern, Spinat, Aprikosenstücken und rotem Fenchel, mit süßem Gras, zerstoßenem Käse und gebackenen Sonnenblumenkernen bestreut und einer süßen Sauce aus Wein und Apfelessig. Bei Aen wurde dieses Festmahl von einer kunstvoll gedrehten Blume aus hauchdünnem Räucherspeck gekrönt, während bei Caradan eine ganze Forelle in Mandelkruste auf dem grünen See thronte. Der Dieb filetierte den Fisch mit gekonnten Schnitten und schloss genussvoll die Augen. Es war kaum zu beschreiben und für den Geschmack leider viel zu wenig. Selbst das Grünzeug schmeckte hervorragend. Als Caradan fertig war, wurden die Platten abgeräumt und er lehnte sich zurück. Aen orderte noch einen Nachtisch für sich, Caradan lehnte ab. Die Mandelkruste war für ihn Süßkram genug.

Nach dem üppigen und sündhaften Mahl hatten sie unter enormer selbstüberwindung den Platz gewechselt. Ihre Kleider waren trocken und sie hockten sich an ein Fenster um den Blick auf die Stadt zu genießen. So saßen sie da, unterhielten sich und zumindest Caradan war vollgefressen, aber zufrieden. Da platzte der Schankbursche plötzlich wieder bei ihnen rein. “Lass mich raten.”, grinste Caradan. “Ich soll zahlen. Wie viel?” “Ganz im Gegenteil, gnädiger Herr. Ich überbringe Euch eine Einladung, von dem gnädigen Herren dort drüben.” Er neigte das Haupt und wies auf ein Separee, das ein wenig erhöht in einer Art Wintergarten gelegen war. Dort saß ein Mann im trüben Licht, das durch das bläuliche Glas auf ihn fiel. Er trug feine Kleidung, hatte das lange, hellbraune Haar zu einem straffen Pferdeschwanz zusammengebunden und ließ sich einen fein gestutzten und geölten Spitzbart stehen. Auf seiner Nase hockte ein Drahtgestell mit bunten Gläsern, dem Caradan keinen so rechten Nutzen abgewinnen konnte. Der Kerl erregte Caradans misstrauen. “Der gnädige Herr, hat Eure Zeche bereits beglichen und erbittet höflichst euer Beider Gesellschaft.” Die Arcanier tauschten einen argwöhnischen Blick. “Da können wir wohl schlecht ablehnen…”, murmelte Caradan uns sie begaben sich hinauf zu dem Fremden. Hinter ihnen wurden seidene Vorhänge zugezogen. Caradan zog Aens Stuhl zurück und schob ihn ihr unter den Hintern, dann setzte er sich neben sie und blickte den Mann misstrauisch an. “Guten Tag…”, grüßte Caradan vorsichtig. “Kennen wir uns?” Der Mann kam Caradan bekannt vor. Hinter den blauen Gläsern dieses Drahtgestells blickten schmale silberblaue Augen hervor, die Nase war schmal und gerade und das Kinn breit genug, um dem schmalen Gesicht etwas mehr Männlichkeit zu verleihen. Es war ein Gesicht, das Caradan schon mal gesehen hatte, so als hätte er einen Bekannten vor sich, den er nirgendwo zuordnen konnte. “Nun.”, säuselte der Mann und lächelte gönnerhaft. “Dich kenne ich, Caradan aus der Weißen Lilie.” Sein Blick huschte zu Aen. “Und wer seid Ihr, werte Dame?” Aen stellte sich mit ihrem vollen Namen vor. “Es freut mich außerordentlich Eure Bekanntschaft zu machen, Frau Ardere.”, säuselte er. “Und Ihr seid?”, hakte Caradan nach. “Ich bin Eusebius Adan, Baron vom See.” “Welcher See?”, fragte Aen und Eusebius lächelte sie an, wie man ein Kind anlächelt, dass eine Frage nach einer offensichtlichen Antwort gestellt hatte. “Nordöstlich des Herzogspalasts gibt es einen kleinen Hain, am tiefsten Punkt zwischen dem Cirians und Rheluns. Dort wachsen knorrige, verkrüppelte Bäume und im Frühling wenn der Schnee schmilzt oder im Herbst, wenn es tagelang so regnet wie heute, läuft dieses kleine Tal voll und wird zu einem kleinen See. Hab schon gehört das sich ein Mann vor einigen Jahren dort ein Grundstück gekauft hat und sich selbst in den Adel eingekauft hat.” Er lächelte verschmitzt. “Freut mich, dass du schon von mir gehört hast, mein Guter.” “Wie können wir euch helfen.”, brachte Caradan das Gespräch zurück zum Wesentlichen. “Alles zu seiner Zeit, zunächst erst einmal meine herzlichen Glückwünsche zur Verlobung. Seid doch so gut und beantwortet mir bitte eine Frage, Frau Ardere.”, wandte er sich an Aen. “Wenn Ihr mit unserem Freund hier den Bund fürs Leben eingeht, legt Ihr dann Euren Namen ab oder nimmt er den Euren an? Werdet Ihr nur noch Aenaeris sein? Oder wird er zu Caradan Ardere.”
“Ist das jetzt wirklich wichtig?”, warf Caradan schließlich ein. “Wir danken Euch für Eure Großzügigkeit, aber wenn Ihr nichts von uns wollte, dann gehen-” “Wir haben einen gemeinsamen Freund.”, unterbrach ihn Eusebius. “Der gute Arne berichtete mir gestern Abend, dass du was im Schilde führst.” “Ich führe nichts im Schilde.”, wehrte Caradan ab. “Arne hat mich um etwas gebeten.” “Und du entsprichst seiner Bitte?” “Ich wäre ein ziemlicher Dummkopf, wenn nicht oder?” “In der Tat.”, meinte der Baron nachdenklich. “Und wie läuft das Bordell?” “Gut…” “Keine besonderen Vorkommnisse in letzter Zeit?” Caradan blickte kurz auf seine Knöchel. “Nichts erwähnenswertes.”, zischte er. Der Mann war ihm unsympathisch. “Freut mich zu hören, dann kannst du deine volle Aufmerksamkeit deiner Aufgabe widmen, nicht wahr? Schon eine Idee wie du vorgehen wirst?” “Nein.”, antwortete Caradan knapp. “Was für ein Interesse habt Ihr eigentlich an meiner Aufgabe?” Der Mann lächelte, sagte aber nichts. “Ihr seid ein Mann des Silbernen Prinzen oder?” Eusebius tippte sich an die Nasenspitze. “Kluger Junge. Ich würde mich selbst einen seiner Vertrauten nennen. Wenn nicht sogar, der Vertraute. Dementsprechend habe ich großes Interesse an deinem Vorhaben.” Caradan seufzte schwer. “Na dann verratet mir doch mal, wie ich einen Krieg beenden soll, der gerade ausgebrochen ist?” “Oh der Krieg läuft schon lange, bloß die Ausmaße haben sich… gewaltig verändert.” “Und was soll ich da ausrichten?” Eusebius faltete die Hände. “Du könntest den Schwarzen töten.”, schlug er vor. “Oder den Silbernen.”, warf Caradan frech ein. Eusebius’ Lächeln gefror auf seinen Lippen und er warf Caradan einen kalten Blick zu. “Das wäre wohl mehr als töricht.”, zischte er leise und Caradan erstarrte. Es war ihm, als hätte er einen arcanischen Akzent heraus gehört, doch er war sich nicht sicher. Der Dieb war alarmiert. Konnte es die Inquisition sein? Einer von Lepos Schergen, der sich für den Bruch der Abmachung rächen wollte? “Ich denke nicht, dass du töricht bist.”, fuhr Eusebius fort und klang wieder so, wie ein typischer Mann aus Córalay. “Dann also der Schwarze.”, murmelte Caradan. “Ich habe schon einen Mann auf ihn angesetzt.” “Diesen Rogan, nicht wahr?” Caradan nickte. “Nun ich bin sicher, dass ich ebenfalls behilflich sein könnte. Andererseits, Arne machte deutlich, wie motiviert du bist.” Caradan warf Aen einen Blick zu. “Ja, Arne hat etwas, das wir gerne wieder haben wollen.” “Das kann ich mir denken…” Plötzlich klatschte Eusebius in die Hände. “So gerne ich mich mit euch noch weiter unterhalten würde, muss ich euch nun bitten zu gehen. Ich habe noch andere Verpflichtungen.” Der Vorhang wurde aufgezogen und die beiden Arcanier wurden sanft, aber bestimmt vor die Tür gesetzt, zurück in den strömenden Regen. “Was war das?”, fragte Caradan. Eine eher rhetorische Frage, denn er bezweifelte, dass Aen eine Antwort hatte. Sie machten sich auf zurück in die Eisenschenke, wo sie erneut durchnässt eintrafen, um sich erneut erstmal zu trocknen, bevor sie nach oben verschwanden.
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Sa, 25. Mai 2019 19:42

Das Haar klatschnass, das Kleid nass bis auf die Haut, so saß Aen Caradan gegenüber in der piekfeinen Schenke “Zur goldenen Heike”. Wasser selbst in den Stiefeln, erinnerte die Arcanierin an ihr schlechtes Schuhwerk, das sie am Hof von Leneja zu Schanden gearbeitet hatte, und dass es wieder einmal an der Zeit war, neue anfertigen zu lassen. Doch dafür hatte sie momentan kein Geld. Stiefel waren teuer, und eigentlich sah man sie unter dem Kleid ohnehin kaum. Caradan hatte wohl Geld, viel Geld, hier in Aramad, wie er ihr bei ihrem ersten Aufeinandertreffen erzählt hatte, aber sie wollte ihn nicht darum bitten. Früher war es ihr gemeinsames Geld gewesen, das sie gemeinsam bei einem Überfall erbeutet hatten, und gemeinsam hatten sie es aus dem Fenster geworfen. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sie hatte sich geändert. Sie stand jetzt auf eigenen Beinen. Sie verdiente ihr eigenes Geld mit ehrlicher Arbeit. Zwar könnten die Dinge mit Caradan anders laufen, sie könnte ihre Arbeit nieder- und die Füße hochlegen, Caradan heiraten und in Saus und Braus leben. Doch sie wusste, dass dieses Lotterleben nicht gut für sie war, und außerdem liebte sie ihre Arbeit in der Eisenschenke. Und sie mochte Tom sehr gerne. Das konnte sie dem alten Mann nicht antun. Aen blickte sich um. Hier war alles fein und im besten Zustand. Die harten Dielen des Bodens waren blank poliert, der Tisch war so glatt, dass die Arcanierin sich darin spiegeln konnte. Überhaupt war alles Holz hier poliert und mit Wachs versiegelt, die Stühle mit kunstvoll geschnitzten Holzbeinen, was die reinste Verschwendung war, weil man sie ohnehin kaum zu Gesicht bekam. An den Tischen standen echte Bienenwachskerzen, die man auch nicht alle Tage zu sehen bekam. Bienenwachskerzen, die so sauber und wohlriechend brannten, kannte Aen eigentlich nur aus den Tempeln in Arcanis. Die Schankhilfen waren besser gekleidet, als die Kleider waren, die sie sich hatten schneidern lassen, und entsprechend hoch trugen sie ihre Nase. Dabei waren die Stoffe recht teuer gewesen. Aen gefiel es hier, aber sie fühlte sich nicht wirklich wohl, denn sie beide waren mit Abstand die am ärmlichsten gekleideten Menschen hier. Schräg gegenüber, drei Tische weiter, sah ein edel gekleidetes Paar. Sie schienen nicht dem Adel anzugehören, niemand tat dies hier vermutlich. Adel gab sich nicht mit dem gemeinen Volke ab. Nein, hier fanden sich lediglich reiche Kaufleute, Händler und andere Betuchte. Diese Frau erregte Aens Aufmerksamkeit. Ihr Kleid war aus grellem blauen Stoff, der mit gelben Ornamenten bedruckt war. Alleine dieser Stoff musste ein Vermögen gekostet haben. An beiden Handgelenken trug sie eine Vielzahl goldener Armreifen, die Finger waren mit einigen Ringen bestückt die ebenfalls aus diesem edlen Metall geschmiedet worden waren. Auch an ihren durchstochenen Ohrläppchen baumelten Ringe aus Gold und die wortwörtliche Krönung dieses Aufzugs war ein Diadem, das auf ihrem Kopf saß. Aen musste grinsen als sie beobachtete, dass diese Frau ihren Gatten ständig beobachtete, verbesserte, kritisierte und bemeckerte. Und war heilfroh, dass sie ihren Caradan zurück hatte, der ähnlich wie sie, in einem, dem Regen geschuldeten, abgeranzten Zustand ihr gegenüber saß und einen recht entspannten Eindruck machte. Ein Schankknecht kam zu ihnen, Caradan orderte Fisch, welchen die Arcanierin ablehnte. Ihr war alles Recht, solange es kein Fisch oder Fleisch war. Endlich fanden sie Zeit, ein wenig miteinander zu plaudern. "Gefällt es dir hier?," erkundigte sich Caradan und Aen verschränkte die Arme auf dem Tisch und "Es ist auf jeden Fall ein Erlebnis, aber ich möchte hier nicht jeden Tag essen, es ist gar sehr vornehm. Aber ich bin mit dir hier, das ist noch alles wie ein Traum, ich kann es kaum glauben." Erst lächelte sie, dann verschwand das Lächeln wieder. "Keine zwei Tage, und schon haben wir uns gestritten" sagte sie kläglich. Caradan zuckte mit den Schultern "Was sich liebt das neckt sich" sagte er knapp und Aen legte den Kopf ein wenig schief. "Unter necken versteh ich aber etwas anderes." "Wir lieben uns wie Verrückte, also streiten wir auch wie Verrückte." Da musste die Arcanierin lachen. “Von der Warte aus betrachtet, ist das gar nicht mehr so schlimm…” Sie glitt mit der Hand über den Tisch nach seiner Hand und fingerte ihre Finger zwischen die seinen. Gerade wollte sie anheben, um ihm einmal mehr zu sagen, wie sehr sie ihn liebte, da kam einer der Schankknechte mit einem Tablett und zwei Suppenschüsseln an. Wie anders war es hier! In jeder gemeinen Schenke kam die Suppe ohne Tablett daher, die Suppe schwappte über und im besten Fall hing noch der dreckige Daumen des Wirts im Suppenrand. Aen schob den ersten Löffel Suppe andächtig in den Mund. Ihre Augen glänzten begeistert als sie den Geschmack auf Zunge und Gaumen wahrnahm. Hatte sie vorhin noch gesagt, dass sie hier nur einmal herkommen würde? Schon alleine wegen der Suppe würde sie jeden Tag noch einmal herkommen! “Wie kann man noch jemals wieder in einer Schenke essen, in die wir zu gehen pflegen?” sagte Aen. “Das ist ja Schweinefraß dagegen…” grinste sie. Als sie gegessen hatten, brachte der Schankbursche Wein. Caradan lehnte dankend ab, doch Aen konnte dem verführerischen Leuchten des Goldenen in der Bleikristallkaraffe nicht widerstehen und ließ sich ein Glas einschenken. Als der Schankkneht gegangen war, hob Aen Caradan das Glas entgegen und nahm dann einen Schluck. Goldener aus Nemancan… Sie hatte bisher keinen besseren Wein getrunken als diesen hier. Es mochte sein, dass es auch andere vorzügliche Weine gab, aber so weit war Aen bisher nicht gekommen. Der Goldene aus Nemancan war zumindest der beste Wein für sie, welchen man in den Nordreichen bekommen konnte. “Und du trinkst wirklich keinen Wein mehr? Nicht einen Tropfen?” Da schüttelte Caradan den Kopf “Ich hab die Schnauze voll von Wein.” Aen nickte. “Und wirklich auch kein Bier mehr, und keinen Schnaps?” hakte sie mit skeptischem Blick nach “Kein Wein, kein Bier, kein Schnaps” bestätigte er. “Und was, wenn du in eine Stadt kommst, wo das Brunnenwasser so dreckig ist, dass du davon Dünnschiss bekommst?” “Ein Glück sind wir in Aramad…” gab er zurück. “Wohl wahr. Aber wer sagt, dass wir nächste Woche nicht schon in einer anderen Stadt sind?” “Ich” war die knappe Antwort. “Du” gab sie ebenso knapp zurück und dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück. “Kein Wein, kein Bier, kein Schnaps mehr. Du bist nicht mehr der Mann wie ich ihn kennengelernt habe.” “Und trotzdem liebst du mich.” Da nickte Aen andächtig. “Und trotzdem liebe ich dich…”

“Ich kann es nicht glauben, dass du keinen Nachnamen hast. Jedermann hat doch einen Nachnamen” meinte Aen ungläubig, als sie, mehr als gesättigt, gemählich den Hügel hinunter schlenderten. Die dicke Wolkendecke, die vorhin noch wahre Sturzbäche an Regenwasser gebracht hatte, war aufgerissen und die untergehende Sonne tauchte alles in einen rosaroten und orangen glühenden Schein. “Nein, ich habe keinen. Oder zumindest kenne ich ihn nicht…” erwiderte Caradan. “Aber… wie kann ich deine Frau werden, wenn du nicht mal einen Nachnamen hast?” Caradan schien das nicht so eng zu sehen wie die junge Frau. “Na, dann nehm ich einfach deinen Namen an.” Aen begann zu grübeln. “Aenaeris und Caradan Ardere. Mhmm… Dann bekämest du nicht nur eine Ehefrau, sondern auch einen Nachnamen dazu” grinste sie. Der Gedanke gefiel ihr. “Eigentlich mag ich meinen Nachnamen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es so bliebe. Aber wenn du willst, kannst du dir auch einen ausdenken. Einen, der dir gefällt. Einer, der deiner künftig sein könnte, und den ich dann als deine Frau annehmen würde. In Aramad gibt es bestimmt auch genügend Urkundenfälscher die dir direkt eine Abstammungsurkunde kritzeln und malen. Solange du nicht Triefauge oder Arschgeburt heißt, ist mir das so ziemlich egal.” Sie erreichten schließlich die Eisenschenke. Sie war brechend voll und dementsprechend schlecht gelaunt war Tom. “Du bist zu spät, um eine ganze Stunde…” maulte er. “Da, bind dir deine Schürze um und schwing die Hufe…” warf er ihr die Schürze regelrecht entgegen. “Hier, wartet schon eine ganze Reihe an Bierkrügen. Hierhin, dorthin und da drüben!” deutete er auf drei verschiedene Tische. Aen zog ein langes Gesicht. Sie hatte sich den Ausgang des Abends eigentlich anders vorgestellt. “Warte kurz…” maulte sie zurück und wandte sich an Caradan. “Schade, ich hatte eigentlich etwas anderes vor mit dir…” flüsterte sie ihm zu, und gab sie einen Kuss. “Bleibst du noch?” “Ich muss noch einmal in die ‘weisse Lilie’, mich mit Rickard unterhalten, aber danach komme ich wieder.” Aen nickte und strahlte Caradan an. “Das wollte ich dir schon den ganzen Abend sagen. Rickard ist toll… Ich mag ihn, genau meine Kragenweite! Richte ihm bitte meine Grüße aus und erinnere ihn an den Geißfuß. Bis nachher!” gab sie ihm noch einen Kuss, dann stemmte sie je zwei Bierkrüge mit der linken und der rechten Arm und brachte sie an ihre Tische. “Wasn mit dir los Aen?”, fragte einer der Stammgäste, als er ihr Gesicht sah und deutete auf ihr blutunterlaufenes Auge. “Hast du dich mit Tom gestritten?” lachte ein anderer “Der sieht ja auch nicht besser aus…” Aen schüttelte den Kopf und stieß ein freudloses Schnauben aus. “Das waren die Witwenmacher. Sie haben Tom verprügelt und als ich dann dazu stieß, hab ich dem einen von ihnen Toms Eierpfanne drübergezogen” Jetzt grinste sie kurz. “Und der andere hat mir dann die Faust ins Gesicht gedonnert, bevor sie sich verzogen haben. So ist das passiert” stemmte sie die Hände in die Hüften. “Hört hört… Unsere Aen ist wehrhafte junge Dame... “ mauschelte einer hinter vorgehaltener Hand, aber so laut, dass Aen es hören konnte. “So wehrhaft bin ich gar nicht. Aber diese Pisser sollen sich bloß vorsehen. Caradan wird ihnen das fürchten lehren! Die werden noch was erleben. Das könnt ihr jedem weiter erzählen” “Caradan? Der Kerl da, der dich begleitet hat?” “Genau der.” “Das wollte ich dich schon längstens fragen Aen. Krautundrüben hat uns da was erzählt, aber was is schon wahr, was der olle Suffkopf rumerzählt?!” meinte Ole.“So? Was hat er denn erzählt?” Sie setzte sich auf die Tischkante. Ole lehnte sich zu Aen und setzte eine verschwörerische Miene auf. “Er hat erzählt, dass dieser Caradan bald dein Ehemann sein wird. Aber das hat ihm sowieso keiner geglaubt.” “Und? Ist es wahr?” fragte ein anderer. “Ja ist es. Aber jetzt muss ich weiterarbeiten, Tom schaut schon ganz grantig drein…” “Die feurige Jungfrau ist keine mehr?” Aen lachte und schüttelte den Kopf “Nein ist sie nicht…” “Wie sollen wir dich dann nennen?” “Wie wärs mit Aenaeris, oder eben Aen?” zuckte sie die Schultern und blickte beinahe verwundert drein. “Du wirst ihn wirklich heiraten?” Aen nickte “Das werde ich.” “Da wirst du aber eine Menge Männer ins Unglück stürzen” grinste Ole. “Na und? Hauptsache wir sind glücklich…” Aen sprang vom Tisch und tat endlich das, was sie tun sollte das Tom zufrieden war. Nach einer Weile schienen die Gäste alle bedient und zufrieden zu sein sodass Aen und Tom ein bisschen Zeit hatten, sich auszuruhen. “Tom? Ich möchte dich etwas fragen.” “Na, was denn Kleines?” “Nun ja, wie du weißt, werden Caradan und ich den Bund eingehen.” “Nein, das wusste ich nicht. Ich wusste, dass ihr es mal wolltet, aber nicht, dass ihr es immer noch tun wollt.” Aen zapfte sich aus dem großen Bierfass in einen kleinen Becher und trank davon. “Oh… Nun, also ich habe ihn gefragt, ob er es sich noch vorstellen kann, und er hat ja gesagt, also werden wir heiraten. Vielleicht noch diesen Sommer.” “Das ist schön Aen” meinte er, und blickte sie erwartungsvoll an. “Und?” “Nun ja…” begann Aen “Nachdem mein Vater tot ist, und er sowieso so ziemlich der letzte wäre, den ich dabei haben hätte wollen, wollte ich dich fragen, ob du seinen Platz einnehmen möchtest.” “Ich?” war alles, Tom dazu zu sagen hatte. “Ja du… Ich weiß, ich verlange viel, aber…” “Gerne, Aen” unterbrach er sie, und die Arcanierin bildete sich ein, dass seine Augen feucht schimmerten und sie lächelte “Danke, Tom” “Weißt du, ich hatte auch mal ein kleines Mädchen, da waren meine Frau und ich aber noch jung. Leider ist sie gestorben, und so haben es mir die Götter verwehrt, eines Tages mein kleines Mädchen als junge Frau ihrem Liebsten zu übergeben.” “Oh, das tut mir leid, woran ist sie denn gestorben?” erwiderte Aen. “Wir haben damals an der Stadtgrenze gewohnt. Da, wo der Weiher ist. Und dort ist sie gestorben. Ist hineingefallen und ertrunken. Als wir sie gefunden haben war sie schon ganz…” Er sprach nicht weiter “Das ist furchtbar, Tom, das tut mir sehr leid…” sagte Aen betroffen. “Naja, man lernt damit zu leben. Irgendwann hats nicht mehr wehgetan. Aber weitere Kinder blieben uns versagt… So ist das halt… Aber du… Braut… Wer hätte das gedacht! Und wo wollt ihr feiern?” Aen zuckte die Schultern. “Darüber haben wir uns noch gar keine Gedanken gemacht” “Naja, die Feierlichkeiten werdet ihr ja wohl hier abhalten, oder nicht? Die Eisenschenke ist eine der feinsten Schenken in ganz Aramad, hört man immer wieder” grinste er. “Ja, ich werds mit Caradan besprechen” versprach Aen. “Muss mal in die Küche, nachdem Feuer sehen” murmelte Tom und schlurfte in die Küche. Aen blieb eine Weile an der Ausschank stehen, starrte in Nichts und dachte nach. Dann ging sie zu Tom und redete mit ihm. EIne ganze Weile redeten sie noch in der Küche, dann ging die Türe wieder auf, und Tom lief zurück in die Schenke, gefolgt von Aen. “Ich kanns dir sowieso nicht ausreden, Aen. Du machst ja doch immer was du willst! Meine Güte, jetzt bin ich der Brautvater, was soll ich dir jetzt sagen? Nimm dir aus der Küche was du brauchst und mach was du willst!” “Danke Tom!” rief Aen und lief die Stufen rauf in ihr Zimmer. Sie packte zusammen, was sie brauchte. Dann holte sie Feder, Tintenfässchen und ein Stück grobes Papier aus ihrer Truhe und kritzelte.
Anscheinend bin ich doch noch ganz die Alte. Denn ich kann nicht dabei zusehen und zulassen, dass mir andere sagen, was ich tun soll. Auch du nicht. Du bist dagegen, aber ich tu es trotzdem. Du bist dagegen, darum reise ich alleine. Ich werde mir das Feuerrohr zurückholen, weil ich mich damit sicherer fühle. Niemand kann mich, Tom oder auch dich so gut beschützen, wie es das Feuerrohr vermag. Ich bin so schnell wieder zurück, wie ich kann. Ich liebe dich.

Aen
Sie faltete den Brief zweimal und lief dann die Stufen hinunter, nahm das Bündel mit Lebensmitteln die Tom ihr zusammengepackt hatte und gab ihm im Austausch dafür den Brief. “Gib den bitte Caradan. Aber nicht lesen, ja?” “Wer bin ich denn? Die arcanische Spionage oder Inquisition? Wann bist du nochmal zurück?” “Wahrscheinlich in zwei Wochen. Ich reite so schnell ich kann.” “Ich bin dagegen, Aen. Ich finde, du solltest deinen Verlobten mitnehmen.” “Der will aber nicht, dass ich gehe” erwiderte Aen trotzig. “Je länger du mich aufhältst, desto länger dauert es bis ich wieder zurückkomme.” “Schon gut…” brummte er. “Pass auf dich auf, mein Mädchen.” Aen lächelte ihn zum Abschied an. “Das werde ich, Tom.” Dann verließ sie die Schenke und ging zu den Stallungen, wo ihr Pferd stand.
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Mi, 29. Mai 2019 23:31

“Du machst was?”, rief Caradan überrascht und blickte Rickard ungläubig an. Der bullige Alte zuckte mit den Schultern, rührte mit einem hölzernen Löffel in einem kleinen Zinnkessel herum und schnupperte prüfend an seinem Gebräu. Gleich nachdem Aen und Caradan ihn verlassen hatten, hatte er eines der Mädchen losgeschickt um ihm dieses Geißfußzeugs zu holen und nun kochte er sich einen Tee oder wie man das nennen mochte, was er da tat. Sie hockten in der kleinen Küche des Bordells, wo sie ungestört reden konnten, während in der Empfangshalle und den Zimmern sich die Mädchen wundt vögeln ließen oder ihre potenziellen Freier mit Wein abfüllten. Nicht zu viel Wein, denn ein leerer Krug bedeutete meist ein leeres Bett und somit keine Einnahmen. Auf dem Herd brodelte, neben Rickards alchemistischen Experiment, noch ein köstlich duftender Eintopf, aber da Caradan noch zu satt war, begnügte er sich mit einem kleinen Löffel und naschte nur ab und an mal daran. “Ich setz dich vor die Tür.”, wiederholte Rickard seinen Entschluss. “Aber warum?”, funkelte Caradan ihn zornig an. “Weil du bald ein verheirateter Mann bist!”, donnerte der Alte und der Dieb zuckte zusammen. “Und ich will nicht, dass deine liebe Gattin hier den ganzen Tag herum wuselt und mit ihrer Art die Kundschaft vergrault!” “Was?”, stammelte Caradan verwirrt. “Du hast mich schon verstanden.” “Aber ich dachte du magst sie!” “Oh und wie.”, lachte Rickard und goss sich einen Becher Tee ein. “Wenn du sie nicht heiratest, mach ich ihr den Hof. Aber ich will trotzdem nicht das sie ihr wohnt.” “Aber warum denn nicht? Nicht das ich will das sie hier einzieht… aber warum?” “Weil es sie nicht glücklich machen würde! Und wenn sie nicht glücklich ist, bist du es auch nicht, glaub mir. Ihr findet schon eine schöne Bleibe.” Caradan lachte freudlos auf. “Da kennst du Aen aber schlecht! Ich weiß wie das wird. Es soll ein schönes Haus sein, beinahe traumhaft, aber nur beinahe. Es darf nicht zu schön sein, sonst wird ihr langweilig und wenn ihr langweilig wird, sterben Leute.” Rickard lachte ausgelassen und schüttelte den Kopf. “Na dann streng dich lieber an!” “Ja ha ha ha, wie lustig. Wo soll ich denn ein Haus für uns finden!” “Das ist Aramad!”, rief der Alte. “Hier gibt’s bestimmt hundert leerstehende Häuser. Halt einfach die Augen offen.” Rickard nippte an seinem Tee und verzog das Gesicht. “Widerlich!” “Rühr doch etwas Honig rein…”, schlug Caradan vor. “Seh ich aus wie eine Elfenschwuchtel?” “Nein…”, grinste Caradan. “Wie ein alter, verbitterter Mann, der nichts mehr vom Leben erwartet, als einen schnellen Tod.” “Soll ich dir mal den Hals umdrehen?” “Dafür müsstest du mich erstmal kriegen. Ich geb dir einen Vorsprung, steh schon mal auf.” Rickards Augen wurden zu schmalen Schlitzen. “Du bist ganz schön frech, mein Junge.” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Jetzt wo meine Füße keinen Platz mehr unter deinem Tisch finden, muss ich auch keine Dankbarkeit mehr vorheucheln.” Rickards Blick wurde ernst. “Lass dir eines gesagt sein, mein Junge.” In seiner Stimme schwang ein Hauch von Wehmut mit. “Deine Füße werden immer einen Platz unter meinem Tisch haben.”
Als Caradan weit nach Mitternacht auf dem Rückweg zur Eisenschenke war, ertappte er sich dabei, wie er die Häuser in der Gegend begutachtete und darauf achtete, wo Licht brannte und wo es duster war. Hier in der Gegend waren die Aussichten auf ein nettes kleines Haus recht schlecht. So lief er gedankenverloren durch die Gassen und traf schließlich in der Eisenschenke ein. Er trat ein und suchte nach Aen. Tom saß mit einem Becher Wein an einem Tisch und schien auf ihn gewartet zu haben. “Hältst du mir jetzt eine Predigt?”, grinste Caradan. “Das ich sie nicht so fordern soll? Glaub mir, sie fordert mich mehr als-” “Setz dich.”, brummte Tom und Caradan runzelte die Stirn, setzte sich aber. Wortlos schob der Wirt ihm einen Brief zu. “Was ist das?” “Lies einfach.” Caradan entfaltete den Brief und las die Zeilen. Er erkannte Aens Handschrift. Wie oft er die Zeilen las, wusste er nicht, aber er konnte es sich kaum vorstellen, dass das wahr sein konnte. Er glaubte es einfach nicht. Dann dachte er sich, wie idiotisch er doch gewesen war. Er musste schmunzeln. Es war seine Aen. Wie konnte er etwas anderes erwartet haben? “Miststück.”, grinste er und schüttelte den Kopf. “Sie ist vor ein paar Stunden gegangen.”, erklärte Tom. “Hat mich gebeten dir den Brief zu geben.” “Danke Tom.” Caradan lächelte. Sie würde ihr blaues Wunder erleben, wenn sie wieder zurück wäre. Mit oder ohne Feuerrohr. “Was hast du jetzt vor?” “Jetzt, mein lieber Tom.”, lächelte Caradan. “Ist die erste Rate deines Schutzgeld fällig.”

“Auf keinen Fall!”, protestierte Arne und warf Caradan einen vernichtenden Blick zu. “Ach komm!”, rief Caradan, dem der Mut der Verzweiflung ein hohes Maß an Tollkühnheit verliehen hatte, anders war es nicht zu erklären, dass er solche eine Bitte überhaupt vorgebracht hatte. “Ich soll für dich Frieden zwischen den beiden gefährlichsten Männern der Stadt stiften, da kann ich schon etwas mehr als Lohn verlangen, als drei Schmuckstücke, die mir sowieso schon gehören.” Trotzig verschränkte Caradan die Arme vor der Brust und blickte ihn herausfordernd an. Arne musterte ihn einen kritischen Moment, dann seufzte er. “Aber wie wäre es, mit etwas, dass sich bereits in meinem Besitz befindet?” “Aramad ist eine große Stadt. Wird wohl nicht so schwer sein meinen Wunsch zu erfüllen.” Der Arcanier hatte die Zahlung von Toms Schutzgeld als Vorwand genommen, um ein Gespräch unter vier Augen mit Arne führen zu können und ihm seine Bedingungen zu unterbreiten. Eine wahnwitzige Idee, als würde ein armer Bauer vom Herzog etwas einfordern! Dem Strick würde man diesen vorlauten Bauern überantworten, sonst nichts und dennoch, Caradan stand immer noch in Arnes Zimmer und debattierte mit ihm. Oder vielmehr, er bettelte ihn an. “Wie es der Zufall will, gäbe es da eine Möglichkeit, aber das was du suchst, befindet deshalb nicht in meinem Besitz. Aber ich könnte es für dich, zurecht machen lassen, wenn du mir hilfst.” “Alles.”, seufzte Caradan erleichtert und Arne musste schmunzeln. “Meine Tochter hat vor einigen Wochen eine Halskette mit einem schönen Anhänger, ein Amulett, beim Würfeln verloren. Es hat über Umwege seinen Weg zu einem Grafen gefunden. Ich hätte es gern wieder.” “Ein Graf?”, fragte Caradan mit großen Augen. “Verstößt das nicht gegen die Abmachung?” Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass den Adel zu berauben ein Tabu war. Auf offener Straße, kein Problem, aber einbrechen und Wertsachen entwenden, ging gar nicht. Das Todesurteil für jeden aufgehenden Diebesstern. “Wie du sicher weißt.”, hob Arne an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, wie ein Hauslehrer, der seinem Schüler eine der einfachsten Probleme der Weltgeschichte erklärte. “Haben auch Adelige ihre Abgaben an uns zu zahlen. Als Gegenleistung bleibt ihr Haus und Hof verschont, vor Vandalismus, Brandstiftung, Einbruch und so fort. Anders als bei Händlern, die selbstverständlich auch unseren Schutz, aber nicht diese Unantastbarkeit genießen, halten sich beim Adel ausnahmslos ALLE an diese Abmachung. Keiner würde es wagen, diesen Frieden zu brechen. Aber Graf Varion hat seine Abgaben seit drei Monden nicht geleistet. Gerüchten zur Folge, steht er kurz vor dem finanziellen Ruin. Das heißt die Zeit drängt, bevor er mein Schmuckstück verkauft oder den besagten Besitz, den ich angedeutet habe, verpfändet. Verstehst du?” Der Arcanier nickte vorsichtig. “Ich soll also einbrechen, den Anhänger deiner Tochter stehlen und zu dir bringen. Was ich noch so alles einstecke, dass fehlt dann eben, insbesondere ein… Schriftstück oder was?” Arne nickte. “Insbesondere ein Schriftstück, dass für mich von persönlichem Interesse wäre und dessen dort dokumentierten Besitz du dann auf mich überträgst, sobald ich meine Aufgabe erledigt habe?” “Schöner hätte ich es nicht formulieren können.” Caradan nickte eifrig. “Na dann beschreib mir doch bitte, wonach ich Ausschau halten soll. Und was mich dann bald als Lohn erwartet.”
Auf dem Weg hinaus, lief der Dieb Rogan über den Weg. “Da bist du ja!”, rief der Söldner und kam im Laufschritt auf Caradan zu. “Ich hab dich schon gesucht.” “Weißt du wer der Schwarze Prinz ist?”, fragte Caradan geradeheraus. “Oh ja.”, nickte Rogan. “Es ist der rothaarige Metzgerbursche in der Fleischergasse, am südlichen Rheluns.” Caradan runzelte die Stirn. “Du hast keine Ahnung?” “Keinen Schimmer.”, bestätigte Rogan und schüttelte, wie zur Unterstreichung mit dem Kopf. “Gar keinen?” Seine Stimme klang herb enttäuscht, der Dieb hatte gehofft, das Rogan zumindest etwas mehr herausfinden könnte, doch der Schüttelte nur weiter den Kopf. “Hab nur das bestätigt, was wir schon wussten. Er lebt wohl auf dem Friedhof in einem alten Mausoleum und soll ein mächtiger Naturmagier sein. Also ein richtig kranker Wichser.” “Ja…”, murmelte Caradan und blickte gedankenverloren auf die Straße. “Und was jetzt?”, wollte der Söldner wissen. “Jetzt warten wir.”, erklärte der Dieb. “Momentan ist es ruhig, ich will abwarten, wie der Schwarze auf die Schändung seines Schreines reagiert. Dann sehen wir weiter.” Rogan wirkte nicht gerade begeistert. “Warten. Warten. Ich hasse es zu warten. Ich will die Sache hinter mich bringen, damit ich dir endlich für dein Verschwinden in den Arsch treten kann. Solange wir gemeinsam in dieser Scheiße stecken, bist du ja unantastbar für mich.” “Besser für dich.”, grinste Caradan. “Du wärst überrascht.” “Jaja, wer’s glaubt. Und was soll ich jetzt machen?” Der Dieb drückte ihm einen Heller in die Hand. “Geh doch in die Weiße Lilie. Sag Caradan schickt dich. Dann wirst du gut bedient.” “Ohooo, der Zuhälter ist spendabel!” “Nein, ich habe einfach nur keine Zeit oder Lust mich länger mit dir abzugeben.” Caradan ließ Rogan stehen und eilte zur Lilie, wo er auch prompt die Zwillinge antraf. “Was willst du hier?”, rief Gerret. “Deine Sachen packen?”, fiel der andere Zwilling mit ein. “Hätten wir für dich doch auch gemacht.” “Dann müsstest du den weiten Weg von der Eisenschenke nicht her kommen.” “Wie geht es denn deiner Zukünftigen?” “Sie ist weg.”, offenbarte Caradan und da geschah etwas seltenes. Den Zwillingen blieben die Worte in den Hälsen stecken. “Im…” “Ernst?” Der Dieb nickte und setzte sich zu ihnen an den Tisch. “Aber sie kommt wieder.”, beruhigte er die Beiden. “Wo ist sie?”, fragte Renart. “Was macht sie?” “Wie lange ist sie weg?” “Warst du damit einverstanden?” “Man, mir würde das nicht gefallen.” “Wer weiß für wen sie unterwegs die Beine breit macht!” “Jetzt wo die Ketten gebrochen sind…” “Man kann nie wissen…” Caradan schlug sich mit der Hand vor die Stirn. “Könnt ihr mal die Klappe halten!”, rief er verzweifelt. “Ich bin hergekommen, weil ich euch um Hilfe bitten wollte!” Die Zwillinge grinsten breit. “Du?” “Uns?” “Um Hilfe?”, summten sie im Chor. “Wobei?”

“Hetz mich nicht Renart!”, fauchte Caradan, der schon seit gut einer Viertelstunde versuchte, das verdammte Schloss zu knacken, dass die Tür auf dem Balkon des unglaublich schönen Herrenhauses des Grafen Varion versperrte. “Ich bin Gerret.”, korrigierte ihn der Zwilling hinter ihm und der Kopf des Anderen tauchte über der Dachkante auf. “Ich bin hier oben.”, meinte Renart und verschwand wieder um die Straße zum Haus im Auge zu behalten, falls der Hausherr vorzeitig zurückkehrte. Drei Tage hatten sie das Haus beschattet und auf die Gelegenheit gewartet und nun drohte es an einfachster Handwerkskunst zu scheitern. “Ich dachte du bist gut…”, murmelte Gerret und der Arcanier ließ geschlagen die Schultern hängen. Dieses Schloss brachte ihn zur Verzweiflung. Es war kein einfaches Bartschloss, bei dem er mit seinen Dietrichen einfach nur den Riegel mit einem Ruck zur Seite schieben musste, es war ein Plattenschloss, bei dem er jedes einzelne Metallplättchen an den richtigen Platz halten musste, ehe er den Riegel vorschieben konnte. Doch in der Hitze lief ihm der Schweiß in Strömen und machte seine Hände rutschig und er verlor immer wieder den Halt. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, trocknete sich die Hände an der Hose ab und ging erneut ans Werk. Es dauerte nochmals solange, da sprang das Schloss auf und Caradan schob die Tür auf. Ab liebsten hätte er gejubelt, aber er wollte eventuellen Dienern nicht ihre Anwesenheit verraten. Renart sprang leise wie eine Katze auf den Balkon, huschte hinein und Gerret machte hinter sich die Tür zu. Sie standen in einem Kinderzimmer, mit einem Himmelbett, einigen Puppen die ordentlich auf einer Kommode hockten, einem gigantischen Kleiderschrank und einem kleinen Hocker, auf dem Nähzeug lag. Die drei Diebe verließen das Zimmer und teilten sich auf. Während Gerret sich oben umsah, gingen Renart und Caradan hinunter. “Ich geh hier lang.”, flüsterte Caradan und wandte sich am Fuße der Treppe nach links. Er huschte durch die Küche und horchte angestrengt, ob er es hier noch andere Anwesende gab. Stille… Der Arcanier öffnete eine Tür, es war die Vorratskammer. Ärgerlich wollte er die Tür zuwerfen, doch da fiel sein Blick auf eine abgehangene Wurst, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Er schnappte sie sich und biss ein Stück ab. Sie schmeckte nach Salz und Rauch, aromatisch nach Kräutern und alles in allem hervorragend. Er schlich zurück und stieß fast mit Renart zusammen. “Hast dus?”, zischte der Zwilling und Caradan schüttelte mit dem Kopf. “Sonst hätte ich euch schon gerufen.” “Verdammt. Wo würdest du sowas aufbewahren?” Der Arcanier zuckte mit den Schultern. “Bei der Frau.”, grinsten sie sich zeitgleich an, schlugen ein und machten sich nach oben. Das Schlafzimmer der Hausherrin zu finden war nicht sonderlich schwer. Man musste der Nase nach, immer dem Geruch nach teuren und widerlich süßen Duftwässern folgen. Als sie das mit einem teuren Teppich, opulenten purpurnen Samtvorhängen und mit Seidenlaken bezogenes Bett ausgestattes Zimmer betraten, lümmelte Gerret auf einem Stuhl herum, die Stiefel auf einem Tisch abgelegt und tippte mit der Stiefelspitze gegen den blank polierten Spiegel. Zwischen seinen Fingern hielt er ein mit Edelsteinen besetztes Diadem. “Das ist es nicht.”, stellte Renart fest. Sein Bruder zuckte mit den Schultern. “Aber ist trotzdem schön. Wäre doch sehr auffällig, wenn nur ein Schmuckstück fehlte oder?” “Zuerst das Amulett.”, befahl Caradan. “Dann den Rest.” Sie durchsuchten zu dritt die Schubladen und Schmuckkästchen, sackten Ringe, Haarnadeln, Spangen, Fibeln und Ohrringe ein. Schließlich fanden sie was sie suchten. Caradan schob mit dem Arm diverse Puderdöschen, Lippenfarben und Parfüms zur Seite, wobei eine Phiole umkippte. “Scheiße.”, fluchte Caradan. Ein süßer Duft nach Nelken entfaltete sich. Der Dieb schnappte sich ein herumliegendes Spitzendeckchen, wischte das Duftwasser auf und legte das Amulett aus. Es war aus Silber, mit weißen Perlen besetzt und hatte eine Form, die entfernt an eine Lilie erinnerte, aber irgendwie auch an einen Stern. Ein schönes Stück. “Na also.”, meinte Caradan und steckte es sich ein. “Den Rest könnt ihr behalten und jetzt raus mit euch.” “Und du?”, fragten beide im Chor. “Ich hab noch was zu erledigen.”
Caradan streifte noch etwas weiter durch das Haus, auf der Suche nach dem Arbeitszimmer des Grafen. Es war nicht schwer zu finden und das Schloss weitaus leichter zu knacken. Es war erstaunlich, wie leer das Haus war. Offenbar ging es dem Grafen finanziell wirklich nicht so gut und er hatte wohl das Groß seines Haushaltes entlassen. Auf einem Schreibtisch lagen einige Dokumente zu einem unordentlichen Stapel zusammengeschoben. Caradan durchsuchte zunächst den Stapel, dann den Schreibtisch, die Regale und wurde fündig. Die Urkunde war noch gut erhalten, an einigen Ecken war das Pergament eingerissen, aber man konnte die geschwungene Schrift noch klar und deutlich lesen. Er faltete das Dokument ordentlich und steckte es in die Innentasche seines Gehrocks. Er drehte sich zum Tisch um und sein Blick fiel zufällig auf einen alten Brief, der wie auf einem Ehrenplatz am Rande des Chaos thronte. Neugierde übermannte ihn und er überflog die Zeilen. Es ging um einen Handel mit einem arcanischen Herren, einem gewissen Tiberius Adan und war gut zwanzig Jahre oder älter. Adan, so hieß der Baron den Aen und er in diesem sündhaft teuren Edelschuppen getroffen hatten. Also hatte sich Caradan doch nicht geirrt! Er hatte einen arcanischen Akzent herausgehört. Den Brief steckte er ebenfalls ein und erstarrte. Er hörte Schritte. “Mein Herr Varion?”, rief die Stimme eines jungen Mannes. “Seid Ihr schon wieder zurück.” Der Dieb konnte sich nicht bewegen, atmete flach und bemühte sich so leise zu sein wie möglich. Die Tür knarrte als der Diener sie langsam aufschob. Caradan schlich leise zur Tür. “Mein Herr?”, fragte der Dieber unsicher und als er den Kopf herein streckte, packte Caradan ihn am Schopf, zerrte ihn in den Raum und warf die Tür zu. Schnell schob er den Riegel vor, zückte sein Messer und hielt es dem vor Schreck gelähmten Mann an die Kehle. “Bitte…”, stammelte er tonlos. “Schnauze.”, knurrte der Arcanier ihn an und drückte mit der Klinge zu. Ein dünner Rinnsal Blut lief über die Klinge und tropfte dem Mann auf die Tunika. Der Ärmste zitterte am ganzen Leib und der Dieb hatte beinahe Mitleid mit ihm. Caradan musterte den Mann. Er trug eine hellblaue Tunika, dazu ein breiter Gürtel um die Hüfte. Sein kurzes blondes Haar klebte schweißnass auf der Stirn und er hatte ein recht hübsches Gesicht, sofern Caradan das beurteilen konnte. An seinem Kragen klebte weinrote Farbe und der Arcanier roch Parfüm. “Hast du gehurrt?”, zischte er und der Mann schüttelte mit dem Kopf. “Nagut.”, grinste Caradan böse. “Dann mach ich dir einen Vorschlag.” Er hatte das Parfüm erst vor kurzem gerochen, deswegen war er sich seiner Sache sicher. “Du vergisst, dass du mich hier gesehen hast und ich sag dem Grafen nicht, dass du seine Frau fickst.” Die ertappte Miene verriet alles und der Mann sah ein, dass er entlarvt war. “Bitte…”, stammelte er erneut. “Dann haben wir eine Abmachung?” Der Mann nickte. “Gut, dann wünsch ich dir noch einen wundervollen Tag. Aber immer dran denken, zieh ihn raus, bevor du abspritzt.” Mit diesen Worten ließ Caradan den Mann stehen und beeilte sich, aus dem Haus, vom Grundstück und vor allem aus der Gegend zu verschwinden. Er eilte solange, bis er sich sicher war, dass er nicht verfolgt wurde. Er hatte was er wollte und noch mehr, um seine Pläne, die im Laufschritt voraus eilten, einzuholen.

Eine Woche später hockte Caradan in der Eisenschenke, vor sich eine Schale Eintopf mit Zwiebeln, Möhren, Erbsen und reichlich Graupen und dazu einen Krug kühles Brunnenwasser. Es war ein heißer Tag gewesen und es kühlte allmählich ab, aber dennoch war die Luft in der brechend vollen Schenke verbraucht und stickig. Es wurde gelacht, gespielt, gepöbelt und gesungen. Tom war restlos überfordert ohne Aen und war entsprechend dankbar, dass die Zwillinge ab und zu die Initiative ergriffen und die ein oder andere Bestellung an ihren Bestimmungsort brachten. Doch momentan, waren sie zu beschäftigt damit, zotige Lieder zu singen, die sich spontan wohl selbst ausdachten. Es war beeindruckend, wie sie es taten. Erst sang Renart eine Zeile, Gerret konterte und schon setzte Renart nach und immer so fort.

“Alle Jahre wieder!”
“Kommt der Bauersmann!”
“Auf die Bäuerin nieder!”
“Strengt sich tüchtig an!”

Die Meute johlte und prostete ihnen zu, manch einer warf ihnen ein paar Münzen zu und die Zwillinge fischten sie aus der Luft und ließen sie gekonnt über die Fingerknöchel wandern. In ihrem Übermut sprangen sie auf die Tische, verneigten sich und grinsten sich breit an, bevor sie theatralisch tief Luft holten und eine neue Strophe zum Besten gaben.

“Mägde und auch Kühe!”
“Alle kommen dran!”
“Gibt sich ordentlich Mühe!”
“Der brave Bauersmann!”

Caradan vergrub das Gesicht in Händen. Wie konnten diese beiden Idioten, diese Narren vor den Göttern, so geschickt in dem sein, was sie taten. Im Stehlen, im Einbrechen, im Schauspiel und im Dichten. Es war wirklich verschwendetes Talent das dem Theater da verloren gegangen war. So hatte Caradan die beiden an der Backe und verfluchte sie seit dem beinahe täglich.

“So steckt er seinen Flegel!”
“In die Bäuerin rein!”
“Zieht heraus den schlägel!”
“Saut sie tüchtig ein!”

Gerade wollten sie noch eine Strophe anstimmen, als die Tür aufging und unerwarteter Besuch eintrat. Die Beiden starrten mit offenen Mäulern zur Tür und brachten vor Überraschung keinen Ton hervor. Arne, der es allein durch seine Anwesenheit schaffte, eine brechend volle Schenke zur Ruhe zu bringen, schlenderte gelassen zur Caradans Tisch und setzte sich zu ihm. Allmählich erholten sich die Gäste von ihrem Schock und leises Gemurmel schwoll an, aber niemand schien wieder zur vorangegangenen Ausgelassenheit zurückkehren zu wollen. “Ist der Eintopf empfehlenswert?”, fragte Arne beiläufig. “Nicht so ganz.”, grinste Cardan. “In der Goldenen Heike gibt es besseren. Frag doch deinen Freund, Eusebius.” Arne hob eine Braue. “Du kennst den Baron vom See?” “Naja, kennen nicht wirklich. Wir haben uns unterhalten.” “Interessant…”, murmelte Arne und Caradan schob den Eintopf bei Seite. “Hast du was für mich?” Arne lächelte reserviert, holte ein Stück Pergament hervor, es sah alt aus, aber Caradan wusste, dass es erst irgendwann im Laufe der letzten Woche geschrieben wurde. Wo zuvor der Name des Grafen Varion gestanden hatte, stand nun ein anderer Name. Es war nicht Caradans, sondern der wunderschöne Name Aenaeris Ardere.

Seit Tagen saß Caradan auf heißen Kohlen. Aens Rückkehr stand kurz bevor und er wartete sehnsüchtig darauf sie wieder in die Armen zu schließen. Er ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, während er in einem uralten Schaukelstuhl saß, die Füße auf der Brüstung des Daches abgelegt habe. Der Dieb schmauchte an einer Tabakrolle. Oh ja, er hatte sie einfach kopiert. Zugegeben, es war nicht schwer gewesen, ein bisschen Pfeifenkraut in ein Blatt Papier zu wickeln und es mit Honig zusammen zu kleben. Es war kein Vergleich zu denen von diesem arcanischen Quacksalber, aber immerhin. “He!”, rief eine Stimme von unten und Caradan erkannte Thoms zarte Bubenstimme. Er sprang auf, lehnte sich über die Brüstung und blickte hinab. “Sie kommt!”, rief Thom. “Sicher?” “Schwarzes Pferd, rotes Kleid, braune oder rote Haare, konnte es nicht genau erkennen.” “Gib den Zwillingen bescheid!”, rief Caradan und beeilte sich alles bereit zu machen.

Die Zwillinge hockten in der Empfangshalle des Bordells als Aen hinein kam. Sie grüßte die beiden und erkundigte sich nach Caradan. “Der ist nicht hier.”, meinte Gerret. “Schon seit einer Woche nicht mehr.”, pflichtete Renart. “Wie wärs wenn wir dich zu ihm bringen?” “Würden wir wirklich gern machen.” “Jaaa, eigentlich sollten wir dich zu ihm bringen.” “Hat er gesagt.” “Hat es befohlen wohl eher.” “Ja genau befohlen.” “Er kann ja so herrisch sein.” “War ja richtig mies gelaunt während du weg warst.” “Also kommst du?” “Ja genau wir bringen dich zu ihm.” “Jetzt, komm.”
Die Zwillinge führten Aen durch die Straßen der Stadt, fort vom Va’ileskas hin zum Hernys’, dort wo es dutzende Wirthäuser gab, Wein und Käsehändler und alles was man brauchte um für das leibliche Wohl zu sorgen. Dort gab es eine Straße, die Straße der Treppen, die sich in einer Schlangenlinie an der steilsten Erhöhung des Hügels hinaufschlängelte. Die Häuser entlang dieser Straße hatten verschiedene Ebenen und erinnerten von weitem an riesenhafte Treppen, daher der Name. Die Zwillinge führten sie zu einem Haus, das aussah, als hätte man es in die Lücke zwischen den Stein an Stein angrenzenden Nachbarhäusern hineingepresst. Es war schmal, höchstens zehn Fuß breit, aber mit drei Stockwerken und gut fünfzig Fuß lang. Es war aus hellem Stein erbaut, mit Stuck und Ornamenten versehene Giebel und Simse. Die Türpforte war reich verziert und fasste ein rot lackiertes Tor ein, das angelehnt war. “Er ist ganz oben. Im Dachgarten.”, grinste Gerret und die beiden Zwillinge verabschiedeten sich. Das Haus war mehr oder weniger geschmackvoll eingerichtet. Das Mobiliar war alt, aber teuer gewesen, seinerzeit wohl von den besten Handwerkern gemacht worden. In den Fenstererkern lagen Kissen oder Vasen mit frischen Blumen, die definitiv nicht von Caradan ausgesucht worden waren. Die Mädchen aus dem Bordell hatten sauber gemacht, dekoriert und alles so eingerichtet, dass sich auch eine Frau hier wohlfühlen konnte. Als Aen das Dach erreichte, fand sie Caradan in eben jenem Schaukelstuhl, die Füße auf der Balustrade. Der Dachgarten nahm zwei Drittel der Grundfläche ein und ging zur Straße hin, während sich am anderen Ende ein kleiner Wintergarten erhob. Sanft wippte Caradan vor und zurück. Er warf einen Blick über die Schulter. “Na Aenchen? Liebe und Fluch meines Lebens?”, grinste er. “Wie gefällt es dir hier?” Er sprang auf, lief zu ihr und schloss sie in die Arme, hob sie hoch und küsste sie innig. “Wie gefällt dir unser neues Heim?”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Do, 27. Jun 2019 11:34

Mit wild wehendem Haar preschte die Arcanierin durch die Sommerlandschaft Coralays. Ihr Haarband hatte sie schon lange verloren und so spielte der Wind mit den langen braunen Strähnen, was ihr herzlich egal war, solange der Wind von vorne wehte. Sie war nun schon einige Tage unterwegs, aber wann immer sie an Caradan dachte, fing ihr Herz an wie wild zu schlagen. Sie vermisste ihn unbändig, und ein wenig bereute sie ihre Entscheidung. Immerhin hatten sie sich erst wieder seit zwei Tagen wiedergefunden. Aber nun gab es kein Zurück mehr und außerdem brauchte sie das Feuerrohr. Ihr erster Gedanke beim Aufwachen galt ihm, und auch der letzte vor dem Einschlafen. Die Nächte waren einsam ohne ihn. Und natürlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. Sie hatte ihm nämlich ihr Wort, oder zumindest eine Zusage gegeben, nicht zu gehen. Aber wann hatte sie schon jemals getan, was man von ihr erwartete? Caradan war kein Befürworter des Feuerrohrs. Ganz im Gegensatz zu Aen. Es gab Schutzgelderpresser in Aramad, die Tom ans Leder wollten? Sie würde ihnen künftig Mores lehren! Sie bekäme einen Ruf wie 'Feuerhexe von Aramad'? Das sollte ihr nur Recht sein. Das Feuerrohr war so mächtig, wenn sie wollte, könnte sie sich wohl die ganze Stadt untertan machen. Diesen Arne, von dem Caradan erzählt hatte, ja selbst die Prinzen würden vor ihr kuschen! Wer könnte ihr etwas? Niemand! Diese Gedanken zauberten ein breites Lächeln in ihr Gesicht. Sie war nicht machthungrig. Nichts lag ihr ferner, als irgendjemanden oder irgendetwas beherrschen zu wollen. Sie wollte weder Macht, noch Reichtum, noch dergleichen, das viele Menschen und Elfen anstrebten. Nichts davon. Sie war als einfaches Mädchen vom Land geboren, und war dies in ihrem Herzen auch immer geblieben. Alles was sie wollte war, dass es nicht zu langweilig wurde im Leben. Nichts war ihr mehr zuwider als die Monotonie eines stets dahindümpelnden Lebens. Aber nichtsdestotrotz war es ein einzigartiges Gefühl, dass man könnte, wenn man nur wollte...

Nach einer Weile ließ sie ihr Pferd in ein gemächliches Tempo zurückfallen. Es war heiß, und das Pferd war schon seit Stunden in beachtlichem Galopp und Trab förmlich dahin geflogen. Es wurde Zeit, dem Pferd die nötige Ruhe und Rast zu geben, es sollte fressen, es sollte saufen, und auch die Arcanierin verspürte Hunger und Durst. Sie erreichten nach einem kleinen schattigen Waldstück satt gelbe Getreidefelder, wo eine größere Anzahl von Bauern ihre mühselige Arbeit unter der heißen Sonne verrichteten. Aen sah den Männern beiläufig bei der Arbeit zu. Mit braungebrannten nackten Oberkörpern, und lediglich mit einer Bundhose und Strohhut bekleidet, glänzend vor Schweiß, mähten sie mit Sensen und Sicheln die Getreidehalme, und ebenso viele Frauen, die untereinander lachten und schwatzten, bückten sich, rafften die Halme zu großen Bündeln und banden diese zu noch größeren Garben zusammen, die schließlich zu noch größeren Haufen zusammengestellt wurden, damit sie in der Sonne trocknen konnten. Einer der Bauern starrte Aen auf ihrem schwarzen Pferd an, als würde hier eine Edelfrau vorbei reiten und nahm den Hut zum Gruße ab. Aen erwiderte Kopf nickend den Gruß. “Wie weit ist es noch bis Rutarodin?” erkundigte sie sich bei dem Kerl, der Maulaffen feil hielt. “Zwei Tagesmärsche zu Fuß” antwortete dieser, was bedeutete, dass der Weg zu Pferd weitaus kürzer sein würde. Aen blickte in die Ferne “Und wo finde ich hier ein Gasthaus, einen Gasthof, eine Schenke?” Der Bauer deutete mit der Hand in die Ferne. “Gleich hinter dem Hügel, Mamsell, ist unser Dorf. Wir sind nur einfache Leute…” begann er und musterte Aen. “... und haben nur eine einfache Schenke, aber…” “Und ich bin nur eine einfache Frau. Eine einfache Schenke ist mir genug” erwiderte Aen. “Also da, den Weg runter, und ihm einfach folgen?” Er nickte, Aen nickte ebenso, dann trat sie dem Pferd in die Sporen und machte sich weiter auf den Weg. Am Horizont verdichteten sich die Wolken, und wuchsen zu wahrhaft dunklen Riesengebilden. Aen hoffte auf ein Gewitter. Sie liebte Gewitter. Wie ein solches, das über sie hereingebrochen war, als sie mit Caradan vor dem Bordell gestanden war, als er den Freier verprügelt hatte. Doch in den letzten Tagen war das Wetter einfach nur unpackbar heiß und drückend gewesen. Schwül, und von einem erlösenden Gewitter keine Spur.

‘Einfache Schenke’ traf es wirklich auf den Punkt. Zwei Tische mit Bänken, ein Ausschank, ein hagerer Wirt, ein paar Bauern. Keine Treppe nach oben, somit auch kein Gästezimmer. Aber ein bemühter Knecht der versprach, sich gut um das Pferd zu kümmern. Die zehn Augenpaare, welche die junge hübsche Frau mit ihren Blicken förmlich verschlangen, versuchte sie so gut zu ignorieren, wie es nur möglich war. Während das Pferd nun also getränkt gefüttert und abgeschwitzt wurde, erfrischte sich Aen mit einem Bier und aß ein Speckbrot. Eine Weile saß sie da, beobachtete das Treiben, als der Wind auffrischte, und ein Grollen über den Himmel rollte. Aen begann still in sich hineinzulächeln. An Weiterreisen war nun kaum mehr zu denken, und nach einigen Augenblicken, in denen sich die jungen Frau zu langweilen begann, erhob sich einer der Bauern und trat an Aen heran. Er nahm den Schlapphut ab, als er sie ansprach und die Arcanierin kam nicht umhin zu denken, dass diese einfachen Menschen am Land oft mehr Manieren besaßen, als die Bessergestellten und die Schnösel in den Städten. “Hast Du Lust, mit uns zu spielen?” begann er, und wirkte sichtlich verlegen. Er deutete auf den Tisch mit den vier anderen Bauern und meinte “Wir haben paar Würfel, und ne Buddel Schnaps und Wein. Wir könnten ein Trinkspiel versuchen?” Aen überlegte gar nicht. “Ja, warum auch nicht?” Ihr war langweilig, seit Tagen hatte sie keine Gesellschaft mehr gehabt, und aufgrund des nun doch herannahenden Gewitters würde sich eine Weiterreise verzögern. Sie nahm Platz an dem Tisch und alle stellten sich vor. Hanns, Kuntz, Jakob, Petter und Jannick, hießen die nicht mehr ganz so blutjungen, aber auch nicht alten Männer. Sie trugen “Was wird gespielt?” Jener, der sich als Hanns vorgestellt hatte, reihte sechs kleine Becherchen auf, füllte das erste nur ein wenig, das zweite mehr, das dritte noch mehr und so ging es bis zum sechsen Becher, der beinahe randvoll gefüllt war. Dann zückte er einen Würfel. “Die Sache ist ganz einfach. Die sechs Becher stehen für sechs Augenzahlen. Würfelst du eine Eins, hast du Glück. Würfelst du eine Sechs, haste Pech.” Er grinste. "Das Spiel ist zu Ende, wenn keiner mehr aufrecht sitzen kann oder der Schnaps leer ist." Aen grinste ebenso. "Reine Glückssache, nicht?" "Kommt drauf an, wieviel man verträgt." "Oder ob man Würfelglück hat. Oder in dem Fall lieber Pech. Von Würfelglück spricht man ja normalerweise wenn man nur Sechsen würfelt." "Und? Wie ist es bei dir? Verträgst du was, und hast du Glück im Spiel?" Aen zuckte die Schultern und lächelte geheimnisvoll. "Wir werden sehen!" Aber sie wusste es nicht. Wirklich nicht. Schnaps hatte sie in der letzten Zeit gar nicht mehr getrunken. Das kleine Schlückchen, das sie getrunken hatte, nachdem der Überfall auf toms Schenke geschehen war, war mehr als genug gewesen. Sie war das Trinken einfach nicht mehr gewohnt. Das konnte man natürlich ändern. Aber sie wagte zu bezweifeln, dass dies der rechte Zeitpunkt war. Allein, man wollte sich ja keine Blöße geben. Sich sagen lassen, man wäre ein schwaches Weibsbild. Oder machte gar einen Rückzieher. Ging gar nicht. Nein, sie würde das schaffen! “Also dann…” meinte jener der sich mit Jakob vorgestellt hatte. “Dann würde ich sagen, wir geben der Dame gleich den Vorzug, und dann der Reihe nach weiter.” Er schob Aen den Würfel zu, und ein lauter Donnerknall erschütterte die kleine Schenke. Als wäre das ein schlechtes Omen. Aen ergriff den Würfel und betrachtete ihn ausgiebig. Er sah recht ebenmäßig, ob es ein getürkter Würfel war, ließ sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Oft reichte eine winzige Unebenheit aus um einen Würfel zu schnitzen, der das Spiel maßgeblich beeinflusste. Aen schüttelte den Würfel in ihrer hohlen Hand bevor sie ihn über die Tischplatte rollen ließ. Er fiel auf die Zwei. Aen schmunzelte, ergriff den zweiten Becher der Reihe und leerte diesen. “Glück gehabt…” feixte sie. Der nächste, Petter, ergriff den Würfel, schleuderte ihn über den Tisch und er blieb auf der Fünf liegen. “Übermut tut selten gut!” lachte Kuntz und schlug ihm kräftig auf die Schultern, noch bevor der den fast vollen Becher trinken konnte. Und so ging es dahn. Würfel um Würfel fiel, Becher um Becher wurde geleert. Meisten hatte Aen Glück, manchmal aber auch Pech. Meistens musste sie die Becher leeren die eine Augenzahl bis drei bescherte, aber in diesem Spiel bedeutete Pech auch, dass für einen am Ende der Runde der letzte Becher übrig blieb, und das konnte auch die Nummer Sechs sein. Und vor dieser Entscheidung stand die Arcanierin jetzt. Es hieß, Zwei oder Sechs. Sie spürte schon die berauschende Wirkung des Alkohols. “Ach Jungs.. ich mag nicht mehr…” murmelte Aen. “Naaaa sei jetzt bloß keine Spielverderberin! Das ist die letzte Runde! Es geht nur noch darum, wer von euch beiden welchen Becher zu trinken hat! Da, nimm den Würfel, und würfle um dein Leben!” Die Bauern lachten alle und Aen fiel in das Gelächter ein. “Ich fürchte mich wirklich! Noch einen Sechser überleb ich nicht!” gackerte die Arcanierin. “Kannst mir ja auch einen Kuss geben, Aen. Dann würfle ich und trinke statt dir” “Nein, ich würfle lieber” erwiderte die Arcanierin und nahm den Würfel an sich. Sie ließ das Ding zaghaft rollen. Eine Eins. “Du musst so lange würfeln bis du eine Zwei oder eine Sechs würfelst.” meinte Jannick und grinste. Eine Drei, eine Vier, wieder eine Eins… Es war nicht auszuhalten! Eine Fünf, eine Vier, eine Eins, noch eine Eins! Schließlich eine Sechs…” “Oh nein!” rief Aen und die Männer brüllten ihre Begeisterung und ihren Triumph lautstark hinaus. Beherzt kippte Aen den Schnaps und spürte, wie sich ihr Magen umdrehte. Noch einen Tropfen, und sie würde kotzen. Dann trat Kuntz auf sie zu. “Hast dich gut geschlagen. So als Frau… Und was für eine Frau…” Er legte seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie an sich heran, bereit seine Lippen auf die ihren zu drücken, doch bevor seine Lippen die ihren berührten, hatte Aen ihre Handfläche zwischen ihrer beiden Lippen geschoben. “Nein!” sagte sie heftig. “Ich bin so gut wie verheiratet!” “Achso? Davon war aber nie die Rede. Wo ist dein dir Zugemuteter?” “Nicht hier. Trotzdem is es so…” murrte Aen. “So gut wie, ist noch nicht.” grinste Kuntz und wehrte sich gegen Aens Versuch, ihn von sich zu schieben. Der Raum schien sich zu drehen und sie bereute es jetzt schon bitter, Aramad verlassen zu haben. “Lass mich jetzt los verdammt nochmal!” schimpfte Aen, aber sie stieß damit auf taube Ohren. “Wir sind zu fünft. Denkst du, du kommst gegen uns an?” Aen blickte sich um, so gut sie dies noch vermochte. Niemanden hier würde es interessieren. Hier herrschte ganz offensichtlich die Atmosphäre von ‘Frauen haben nichts zu melden’. Sie musste hier weg. Dringend. Sie hob ihr Knie und rammte es Kuntz zwischen die Beine, stieß ihn von sich. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief aus der Schenke. Warf keinen Blick mehr auf den Arsch der zusammengekrümmt am Boden lag, oder auf seine Kumpanen die verdutzt, angeheitert und schadenfroh dastanden. Sie lief in die Stallung, holte ihr Pferd, schiss drauf, dass der Sattel eingefettet auf einem Gebälk thronte, löste den Zügel vom Balken, warf sich drauf und ritt in den strömenden Regen. Weg, nur weg, bevor es ein Unglück gab!

Am nächsten Morgen erreichte Aen das Gehöft von Leneja und Alboin. Nass, ausgenüchtert immerhin, todmüde und erschöpft. Sie war die ganze Nacht durchgeritten, und es grenzte an ein Wunder, dass der Gaul nicht schlapp gemacht hatte. Nun aber war er ebenso am Ende wie seine Reiterin. Die Bauersfrau, die aus dem Haus getreten war, blickte erst verwundert, dann fragend, und als sie Aen erkannte, lief sie auf sie zu, und schloss sie in die Arme. Eine Weile standen die beiden Frauen so da, dann drückte Leneja sie von sich und fragte “Aen! Was machst du hier? Ist es nicht so gelaufen, wie du erwartet hast? Na, komm erst mal mit ins Haus, du siehst hungrig aus, du siehst ehrlich gesagt scheisse aus, aber das kriegen wir wieder hin, weisst du, ich...” schwatzte sie. “Doch, doch, es ist alles gut gegangen” begann Aen, als sie schließlich am Tisch im Haus saßen und Leneja ein paar gebratene Eier und Milch auftischte. Aen lächelte “Wir sind einander begegnet, als wäre da nie so viel Zeit vergangen. Und… wir werden doch heiraten…” strahlte Aen. “Das freut mich für dich Aen! Wirklich! Aber.. was zum Henker machst du hier, anstatt bei deinem Verlobten zu sein?” “Ich habe etwas vergessen mitzunehmen. Ich habe es hinter dem Haus beim Schweinekoben vergraben.” Sie grinste als Leneja sie verwirrt anblickte. “Bei den Sieben, was kann denn so wichtig sein?” Aen winkte ab “Altes Familienerbstück. Ideeller Wert, du verstehst?” “Nein, versteh ich nicht, aber auch egal. Wie lange wirst du bleiben?” “Morgen muss ich wieder los, ich vermisse Caradan schon seit ich losgeritten bin” erwiderte sie betreten. “Das Pferd muss wieder zu Kräften kommen, dann bin ich auch schon wieder weg.” “Schade” meinte die Alte. “Du kommst zu unserer Hochzeit?” “Natürlich. Wann?” “Das ist noch nicht ganz sicher aber ich hoffe noch diesen Sommer.” “Du lässt nichts anbrennen, oder?” Aen grinste “Naah, wir hatten ja streng genommen eine lange Verlobungszeit, wenn auch eher eine Unterbrechung. Wenn ich weiß, wann, dann werde ich dir jemanden schicken, der euch rechtzeitig holen kommt.” “Ich komme alleine.” Aen blickte verwirrt. “Wieso? Was ist mit Alboin? Wo ist er eigentlich?” “Gestorben…” “Was???” rief die Acanierin. “So schnell? Oh Leneja, das tut mir leid! So leid!” “Ach, ehrlich gesagt bin ich gar nicht so unfroh darüber. Wir haben uns schon länger nicht mehr verstanden. Du weisst doch, wie er war.” Oh ja, das wusste sie. Ein Saufkopf. Ein Schläger. Leneja war eine wehrhafte, robuste und resolute Frau, aber selbst sie hatte ihrem Mann nichts entgegen zu setzen gehabt. “Woran ist er gestorben?” “Irgendein Fieber. Es macht mir wie gesagt nichts aus, die Arbeit ist getan, ich weiß nicht wie es weiter gehen wird wenn die Arbeit wieder ansteht, aber… naja…” “Dann verkauf alles, Leneja. Verkauf alles und komm mit mir nach Aramad. Ich kann für dich sorgen.” “Ich bin alt, Aen. Alte Bäume kann man nicht mehr versetzen.” “Du bist nicht alt. Du kommst mit mir nach Aramad! Keine Widerworte!” “Wie stellst du dir das vor, Aen?” “Du verkaufst den Hof, du verkaufst die Tiere und kommst nach Aramad.” “Vielleicht tu ich das tatsächlich!” grinste sie Alte und erhob sich. Am späten Nachmittag als Leneja am Herd stand und eine Mahlzeit zubereitete, ging Aen das Feuerrohr holen. Es lag schwer in ihrer Hand, aber sah noch genauso aus wie immer. Unweigerlich musste Aen an den letzten Schuss denken der daraus abgegeben worden war. Sie schloss die Augen. Manchmal musste sie daran denken. Manchmal dachte sie auch an ihn. Auch, wenn es keine Rolle mehr spielte. Es war eine hässliche Erinnerung aber sie konnte sie nicht aus ihrem Gedächtnis löschen. Am Abend saßen die beiden Frauen zusammen und heckten Pläne aus. Leneja schien der Gedanke, den Hof zu verkaufen und nach Aramad zu ziehen, immer besser zu gefallen, und so besprachen die beiden, was zu tun war, trafen Vorkehrungen und Abmachungen. Sie verabschiedeten sich am nächsten Morgen herzlich voneinander, als Aen sich wieder auf den Weg machte, und freuten sich, einander bald wieder zu sehen.

Aens Herz klopfte wieder wie wild, als sie Aramad erreichte. Sie stieg ab und führte das Pferd durch die Straßen der Stadt der Diebe. Es war keine Frage wohin sie als erstes zu gehen gedachte. Ganz sicher nicht zu dem griesgrämigen Tom, der ihr vermutlich sogleich die Schürze überstreifen und sie irgendwo anketten würde, dass sie nur ja nicht wieder ging sondern arbeiten konnte. Nein, ihr Weg führte sie zu dem verhassten Bordell, wo Caradan abhängen und seine Mädchen beschützen würde. Sie band das Pferd draußen an und trat durch die Türe des Etablissements, wo Gerret und Renart saßen, wie zwei Äffchen, und beinahe so aussahen, als hätten sie auf die junge Frau gewartet. “Guten Tag, Jungs!” “Aen! Schön dich wieder zu sehen!” erwiderte Renart. Oder Gerret. Sie wusste es nicht. “Ja, sehr schön, fürwahr!” pflichtete der andere bei. Gerret. Oder eben Renart. “Hattest du eine schöne Reise, Aen?” “War keine Erholungsreise, war eine Pfichtreise. Aber jetzt bin ich wieder da und bleibe auch da. Wo ist Caradan?” “Der ist nicht hier.”, meinte der, von dem sie glaubte, es sei Gerret. “Oh. Wo ist er denn? In der Eisenschenke?” Gerret schüttelte den Kopf. “Schon seit einer Woche ist er nicht mehr hier.” Aen runzelte die Augenbrauen und ein Schauer des Schreckens lief ihr über die Haut. “Was heisst hier seit einer Woche nicht mehr? Wo, bei den Sieben, ist er denn?” “Wie wärs wenn wir dich zu ihm bringen?” “Würden wir wirklich gern machen.” “Jaaa, eigentlich sollten wir dich zu ihm bringen.” “Hat er gesagt.” “Hat es befohlen wohl eher.” Hier hakte die Arcanierin ein. “Befohlen? Caradan hats befohlen?” Erneut wanderte eine Augenbraue fragend nach oben. “Ja genau befohlen.” “Er kann ja so herrisch sein.” Aen nickte. “Das kann er in der Tat.” “War ja richtig mies gelaunt während du weg warst.” “Oje…” grinste Aen. “Also kommst du?” “Ja genau wir bringen dich zu ihm.” “Jetzt, komm.” “Jaja, ich komm ja schon! Macht jetzt bloss keinen Stress, ich bin gerade erst wieder angekommen! Also euch beide, euch hab ich wirklich nicht vermisst, ihr seid wirklich anstrengend!” maunzte Aen.

Die Zwillinge führten die junge Frau durch die Straßen der Stadt zum Hügel des Hernys. Beinahe bis zum höchsten Punkt. Aen fragte sich insgeheim, ob die beiden sich einen üblen Scherz mit ihr erlaubten. “Und hier soll Caradan sein?” fragte sie die beiden, während sie ein Haus aus hellen Steinen betrachtete, dessen Tür in einem sicherlich sehr teurem, aber furchtbar geschmacklosen Rot gestrichen war. “Ja, ist er” “In der Tat ist er das” Er ist ganz oben. Im Dachgarten.” Gerret, oder Renart, grinste, dann gingen die beiden und ließen die junge Frau alleine zurück. Aen blieb weiterhin skeptisch. Ihr war das alles nicht geheuer. Sie lief, oder vielmehr irrte durch das Haus, das höchstwahrscheinlich einem Adeligen gehört, denn das Mobilar, die Teppiche, die Vorhänge und einfach alles hier war von erlesenem aber schweineteuren Geschmack. Ihr Blick fiel an einem entzückenden Erker hängen. Zahlreiche Kissen lagen darauf und man konnte hier ganz sicherlich gemütlich tagträumen und etwas trinken. Sie suchte Stiege um Stiege die sie hinaufschritt um auf das Dach zu gelangen wo, - was, ein Garten?- sich befinden sollte. Endlich schritt sie durch den letten Türstock der ins Freie führte. Auch hier musste man einige Schritte gehen, da der Dachgarten ziemlich groß war. Und da war Caradan. Jedenfalls seine Beine, die auf der Brüstung lagen. Mehr sah man von ihm nicht, der da in einem Schaukelstuhl lümmelte. Aens Herz klopfte stark. “Caradan. Ich bin endlich wieder da…” sagte sie mit leiserer Stimme, als sie beabsichtigt hatte. Caradan wandte den Kopf und lugte hinter den Schaukelstuhl hervor. “Na Aenchen? Liebe und Fluch meines Lebens? Wie gefällt es dir hier?” Aen zuckte die Schultern. “Wie sollte es mir hier gefallen? Es sieht nett aus. Ausser das Eingangstor, das ist ziemlich hässlich. Eine unlackierte Tür würde eine viel bessere Wirkung erzielen, meine ich. Aber, was machst du eigentlich hier?” Sie blickte sich ziemlich ratlos um als er sich erhob und auf sie zu eilte. Er schloss sie in die Arme, hob sie hoch und küsste sie innig. “Wie gefällt dir unser neues Heim?” Aen rückte ein Stück weit von ihm ab. “Was? Wie bitte? Unser neues Heim? Ist das dein Ernst?” Er nickte. Wie konnte sie auch daran zweifeln, dass es sein Ernst war? “Also wir leben jetzt hier? Hier, am Hernyshügel?” Erneut nickte er. “Es ist sehr schön aber… Das gehört jetzt uns, ja? Wie bei den Sieben, kommst du an dieses Haus?” Caradan grinste. “Ich habs gestohlen” erklärte er. Aen hob eine Augenbraue. “Gestohlen?” Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Caradan nickte und Aen hob theatralisch die Hände in die Höhe. “Warum frag ich überhaupt? Nun ja. Es ist schön, man kann hier sicher leben, wenn man sich darin nicht gerade verläuft. Ein wenig protzig für uns beide. Ich meine, in so einem großen Haus sollten mindestens sieben Kinder wohnen..” Sie grinste. “Ich weiß, keine Ehe, keine Kinder. Man sollte es nicht übertreiben mit seinen Wortbrüchigkeiten, nicht wahr? Kann ja sowieso keine Kinder kriegen. Außerdem wärst du ein ebenso schlechter Vater wie ich eine Mutter. Was könnten wir einem Kind schon beibringen?” Sie umarmte ihn und grub ihren Kopf in seinen Hals “Ich hab dich sehr sehr vermisst, Caradan!” flüsterte sie ihn seine Halskuhle, bevor sie wieder abrückte “Und wie man von den Zwillingen hört, du mich auch was?” sie grinste. “Aber sag mal, warum warst du seit einer Woche nicht mehr im Bordell?” “Weil Rickard mich rausgeworfen hat. Du weisst nicht zufällig wieso?” “Was? Nein! Äh... vielleicht.. Aber… Nein! Ich habe nur gesagt… Nein! Den Schuh lass ich mir nicht anziehen! ich habe lediglich gesagt dass es mich stört, es war Rickards Idee und ich habe gesagt nein, ich will nicht dass er dich rauswirft. Hat ers also doch gemacht… “ SIe schüttelte den Kopf. “Aber ich müsste lügen, wenn ich sagte, es würde mich stören” grinste sie. “Nun hast du endlich volle Aufmerksamkeit für mich. Aber wie gehts Rickard eigentlich? Trinkt er brav seinen Geißfußtee? Oh, wir müssen ihn unbedingt besuchen gehen. Und ich muss zu Tom! Das wird jetzt ein recht weiter Weg, von hier zur Eisenschenke. Und muss ich jetzt mein Zimmer aufgeben? Ich muss dir noch etwas erzählen über Leneja, sie wird nämlich nach Aramad ziehen. Ach komm, lass uns in die Eisenschenke gehen, da fühle ich mich viel wohler!”
"Ihre Natur ist Feuer und Blut..."

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