Die Stadt der Diebe

Die zwei vor Jahrhunderten in Kleinkönigreiche zerfallenen Nordreiche östlich der Wilden Lande.
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Caradan
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » Do, 11. Jul 2019 12:07

Es gefiel ihr nicht, das merkte Caradan sofort. Woran konnte er nicht sagen, vielleicht an dem unheilvoll schwangeren aber, bevor sie wissen wollte, woher er das Haus hatte. Vielleicht an ihrem Blick, der nicht voll Freude und Heiterkeit war. Vielleicht daran, dass sie sich nicht die Kleider vom Leib rissen und übereinander herfielen. So oder so, sie hatte es mehr als heilig aus dem Haus zu entkommen, faselte von Rickard und Tom und einer Leneja, an deren Namen sich Caradan noch wage erinnern konnte. Es waren so viele Worte in so kuzer Zeit und das in einer Geschwindigkeit, dass Caradan kaum mitbekam, wie er geistesabwesenden nickte und im nächsten Moment vor dem Haus stand. Sie schlenderten durch die Straßen Richtung Eisenschenke. Es war wirklich ein weiter Weg. Unterwegs trafen sie Thom, den Burschen der hie und da Caradan bei Diebeszügen unterstützte und den der Arcanier als eine Art Lehrling betrachtete. “Sei so gut und schick Rickard in die Eisenschenke.” “Warum?” “Frag nicht so blöd und mach was ich dir sage.”, schnauzte Caradan ihn an, grinste aber dabei. “Wieso muss ich immer die Drecksarbeit machen?” “Formt den Charakter und husch.” Thom tat wie ihm geheißen. Auf dem Weg erklärte Caradan, dass es sich bei dem Jungen um Thomas Wersen handele, der von allen aber nur bei seinem verhassten Rufnamen Thom gerufen wurde. Niemand nannte ihn Thomas. Der Junge war vor zwei Jahren von zuhause weggelaufen, was bedeutete, er hatte den Ondaras und den heimischen Hof verlassen, weil er die Ungewissheit, welches seiner Elternteile ihn schlimmer verprügelte, nicht länger ertragen konnte und war in den Gossen des Va’ileskas aufgetaucht, wo er den Fehler beging, sich beim Stehlen erwischen zu lassen. Ausgerechnet von Caradan, der ihn dann prompt unter seine Fittiche genommen hatte. Der Arcanier schikanierte den Kleinen bei jeder Gelegenheit und der Bursche quittierte das mit dem ein oder anderen Streich. Es war ein Geben und Nehmen zwischen den Beiden. Und das war gut so. In der Eisenschenke angekommen, herrschte große Freude darüber, dass das verlorene Kind wieder heimgekehrt war. Tom war geradezu überschwänglich. Die Wiedersehensfreude war groß, die Herzlichkeit über die Maßen. Tom ging sogar soweit einen seiner besten Tropfen aus dem Keller zu holen, ein Willkommensessen zu kredenzen. Nach und nach kamen immer mehr Gäste hinzu und es ging immer weiter so. Bald war es rappelvoll und Aen als feurige Jungfrau, hatte alle Hände voll zu tun...

Es war zum verzweifeln. Caradan wollte die Stellung halten, wollte nicht einen Zoll zurückweichen, doch wurde er von der schieren Übermacht überwältigt, fort getragen, ohne das sein Widerstand auch nur zur Kenntnis genommen wurde. Ehe er es sich versah hockte er in einer Ecke der Eisenschenke, nippte an seinem mit Unmengen an Wasser verdünnten Wein und sah dabei zu, wie Aen in der Luft zerrissen wurde. Jedenfalls, so in etwa. Kaum dass sich die Nachricht, dass die feurige Jungfrau zurückgekehrt war, verbreitet hatte, wie ein Lauffeuer wohlgemerkt, waren die Menschen aus der Gegend rund um die Eisenschenke in Scharen angelaufen gekommen. Womöglich war es alles wegen Aen, weil die Leute sie ins Herz geschlossen hatten und auf ihre Rückkehr sehnsüchtig gewartet hatten. Womöglich rechneten sie sich gute Chancen auf Freirunden von Bier und Wein aus. Womöglich war es aber auch einfach nur der Herdentrieb der Menschen, der immer dann überhand nahm, wenn mehr als zwei Idioten zur gleichen Zeit die gleiche Idee hatten. Letzten Endes blieb es sich gleich, Tatsache blieb, sie drängten sich alle zum Tresen wo Aen war und hatten ihn ins Abseits gedrängt. Zuerst war er ärgerlich, dann tödlich beleidigt, dass Aen es gar nicht bemerkte. Wie konnte sie nur? Ganz einfach, sie sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und Caradan konnte sich ein schadenfrohes Grinsen letzten Endes nicht verkneifen. Er nippte nochmals an seinem Becher und verzog angewidert das Gesicht. Wein war widerlich, stellte er überrascht fest. Selbst mit Wasser verdünnt. Oder gerade deshalb? Sollte er es vielleicht wagen, einen puren Becher zum Vergleich zu trinken? Was könnte das schon schaden? Seit einem Jahr hatte er keinen Tropfen mehr getrunken und war womöglich etwas aus der Übung, weswegen so ein Becher seine Sinne möglicherweise gehörig benebeln könnte, aber früher hatte er das Zeug becherweise gesoffen. Der Dieb wollte eben die Hand heben, da gesellte sich Rickard zu ihm. “Denk nicht mal dran, mein Junge.”, ermahnte er ihn und Caradan legte fragend den Kopf schief. Rickard trug ein edles, rostfarbenes Wams über einem weinroten Hemd, mit weiten Ärmeln und dazu einen breiten Gürtel quer über der Brust. Das Haar hatte er zurück geölt und einen Teil davon zu einem einfachen Zopf am Hinterkopf geflochten. Er hatte einen Becher Wein bei sich und einen ledernen Trinkschlauch. “Dir Wein zu bestellen, meine ich.”, erklärte der Alte. “Ich kenn den Blick, von genug anderen. Wenn du jetzt wieder trinkst, dann wirst du dich hemmungslos besaufen und das ganze restliche Jahr, war für die Katz.” Caradan runzelte die Stirn und hielt dem Alten seinen Becher vor die Nase. “Das ist nicht nur Wasser.” “Ja und bei dieser Ausnahme bleibt es, hast du mich verstanden?” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Ich mach schon keine Dummheiten.” Einen Moment schwiegen sie sich an, während Caradan mehrmals zu einem Schluck ansetzte, den er aber immer wieder unter Rickards, betont neutralem Blick, nicht nahm, bis er schließlich demonstrativ aufstand, den Becher zum Fenster trug und ihn hinaus kippte. Das wütende Gezeter von draußen, ob des überraschenden Regens, ignorierte er getrost und setzte sich wieder an den Tisch.
“Wie gefiel ihr das Haus?”, fragte Rickard, nichts ahnend welch empfindlichen Nerv er damit traf. Caradans Blick verfinsterte sich. “So schlimm?”, fragte der Alte, halb amüsiert, halb mitleidig. Mitleidig Amüsieren oder amüsiertes Mitleid, beides trug nicht gerade dazu bei, dass sich Caradans Mine aufhellte. “Ihr gefällt die Tür nicht.”, erklärte Caradan. “Was?” “Die Tür. Die Farbe der gefällt ihr nicht.” Rickard blickte ihn verständnislos an und wiederholte seine Frage abermals. “Was?” “Die Tür gefällt ihr nicht.”, wiederholte Caradan genervt. “Sie ist das erste was man sieht und dadurch hat das ganze Haus verloren, egal wie schön es von innen, oben, hinten, vorne, unten ist.” Es dauerte einen Moment bis die Bedeutung von Caradans Worten ins das Bewusstsein des Alten sickerten, dann zuckte Caradan erschrocken zusammen, als Rickards dröhnendes Lachen ihn überrollte. Der Alte lachte und lachte, japste nach Luft und ließ den ganzen Tisch erbeben. Auch Caradan musste widerwillig Grinsen, auch wenn ihm gar nicht danach war. Schließlich reichte es ihm und er trat Rickard unterm Tisch gegen das Knie. Der Alte brüllte auf, keine Spur mehr von Heiterkeit. “Du elender Hurensohn!”, schimpfte er. “Wie geht’s der Gicht?”, grinste Caradan zurück. “Ich reiß dir die Eier ab und stopf sie dir ins Maul, du mieses Schwein!” “Na ich würd ja sagen, dafür sind meine Eier zu groß, aber leider hab ich ein zu großes Maul.” Der Dieb zuckte mit den Schultern. “Hast du Verwendung für das Haus?”, fragte Caradan beiläufig und der Alte nickte, doch noch ehe Rickard was erwidern konnte, oder weiter schimpfen und zetern, kam Aen zu ihnen an den Tisch. “Aen!”, lächelte Rickard, nahm ihre Hand und drückte sie sanft. “Schön dich zu sehen, Liebes. Setz dich doch zu uns.” Er wies mit einer Hand auf einen freien Platz, doch Caradan ergriff ihre Hand und zog sie zu sich auf seinen Schoß. Besitzergreifend legte er ihr einen Arm um die Hüft und gab ihr einen Kuss auf die Schulter. Aen erkundigte sich nach Rickards Gesundheit und der winkte bloß ab. “Mal besser.”, meinte er und warf Caradan einen bösen Blick zu. “Mal schlechter, aber wie du sagtest, ich will den Fusel hier nicht mehr missen.” Er klopfte auf den Trinkschlauch und lächelte breit. Eine Weile unterhielten sie sich über die Vorzüge des Krautes, das Aen ihm Empfohlen hatte, belächelten die Inkompetenz des Heilers den Rickard aufgesucht hatte, bis der erklärte, dass Winfried der Bader, sich eher auf Knochenbrüche, Stichwunden und dergleichen verstand. Also alles, was Rickard im Laufe seines Lebens erlitten hatte, aber wenn es um Krankheiten ging, nun, da geriet der Bader an seine Grenzen. Aber statt zu einem richtigen Heiler zu gehen, blieb Rickard seinem alten Kumpanen treu. Schließlich beugte sich Caradan dicht an Aens Ohr, küsste sie hier und da und flüsterte. “Willst du spazieren gehen?”

Sie wollte. Oder zumindest verstand sie, worauf er hinaus wollte. Was zugegeben nicht schwer war, immerhin klopfte seine Männlichkeit an ihren Schoß, seit sie sich auf den seinen Gesetzt hatte. Arm in Arm stahlen sie sich aus der Eisenschenke und zumindest Caradan wäre jedes stille, halbwegs saubere Örtchen gut genug. Er sehnte sich nach ihrer Berührung, nach ihrem feuchten Schoß und konnte sich kaum noch beherrschen. Sie kamen keine drei Schritt weit. “He ihr Beiden!”, rief eine wohl vertraute Stimme. “Da seid ihr ja.”, stimmte eine identische mit ein. “Bitte nicht…”, hauchte Caradan verzweifelt und blickte flehend gen Himmel. Renard und Gerret kamen angelaufen und wirkten unverhältnismäßig fröhlich. “Wir haben euch schon gesucht.”, meinte Renard. Oder Gerret. Das war in der Dunkelheit schwer zu erkennen. “Ihr wart nicht im Haus.”, pflichtete Gerret oder Renard bei. “Wir dachten uns aber ihr seid hier.”, meinte wieder der Erste. “Und wir haben von der guten Stimmung in der Schenke gehört.” “Ja ist wohl viel los, was?” “Warum bist du dann hier draußen Aenchen?” “Hat Tom dich nicht gleich wieder zur Arbeit berufen?” “Oder habt ihr euch davon geschlichen?” “Oh verstehe ihr wollt…” “Das tun was Verlobte so tun.” “Tischdecken häkeln…” “Vorhänge klöppeln…” “Oh ne Klopperei wär auch was feines.” “Nein dafür haben wir noch zu wenig getrunken.” “Stimmt haben wir, aber das lässt sich ändern, wir-” Er verstummte, als ein Frauenschrei ihm das Wort abschnitt. Schon während die Beiden sich in Fahrt geplappert hatten, konnte man aus einer Seitengasse das Grunzen und Brüllen eines offenkundig Betrunkenen hören, der irgendwen, eine Frau, aufs übelste beschimpfte. Sie kamen gerade um die Ecke, als sich der Mann plötzlich umdrehte und der Frau eine schallende Ohrfeige verpasste. “Du dumme Fotze, gib mir keine Widerworte!”, brüllte er. “Wenn ich sage, wir gehen, dann gehen wir!” Er packte sie beim Arm, drehte ihr Handgelenk unsanft zur Seite und zerrte sie hinter sich her, ehe er gegen Caradan stieß, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war. Zu sehen, wie eine Frau geschlagen wird, war für den Dieb ihn ein rotes Tuch und als er das Klatschen der Ohrfeige hörte, wandte er sich aus Aens Arm und marschierte zum Ort des Geschehens.
Der Mann war einen Kopf kleiner als Caradan, dafür aber um einiges breiter gebaut und schwerer. Er hatte eine Halbglatze, trug einen dichten Schnauzer und einen Backenbart im feisten Gesicht. Seine kleinen Schweinsaugen schimmerten matt vom Wein, nach dem sein Atem stank und seine Haut glänzte vom kalten Schweiß eines Säufers. An den dicken Wurstfingern trug er insgesamt fünf Ringe, von denen einer der armen Frau eine gut zu sehende Kerbe in die Wange gerissen hatte. Sein Kleider waren dreckig, aber edel. Eine hellrote Pluderhose, ein Hemd, überraschenderweise aus dunkelroter Halbseide, so wie es sich anfühlte als Caradan den Mann von sich stieß und dazu eine offenes Wams aus dunklem Leder, dem eine Schnürung gerissen war. “Geh mir aus dem Weg Bürschen!”, keifte er und feine Speicheltropfen flogen durch die Luft. “Das reicht.”, knurrte der Dieb, packte den Mann am Handgelenk und bog es ruckartig nach hinten. Blitzschnell, viel schneller als Caradan es erwartet hätte von so einem Kerl, ließ er den Arm der Frau los, drehte sein Handgelenk und packte Caradans Arm stattdessen. Er riss den jungen Arcanier zu sich und zischte ihm mit stinkendem Atem ins Ohr. “Das geht dich einen feuchten Kehricht an, wie ich mit meiner Frau rede. Und jetzt verpiss dich.” Er stieß den Dieb von sich weg und Caradan stolperte zwei Schritte nach hinten. “Einen Scheiß werd ich.”, knurrte der Dieb und trat an den feisten Kerl heran, so dicht, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. “Ach so?”, grinste der Mann hämisch. “Du halbe Portion willst dich mit mir anlegen.” Caradan schüttelte mit dem Kopf. “Nein, ich seh schon, in einem ehrlichen Zweikampf hab ich schon verloren. Deswegen kämpf ich nicht ehrlich.” Das Grinsen des Mannes verschwand und als er was sagen wollte, stockte er. Er schluckte schwer und runzelte irritiert die Stirn, fasste sich an die Kehle, als hätte er einen Kloß im Hals. “Ich kann zwar ganz gut kämpfen, aber ich kann auch einen Mann abstechen, ohne das ers merkt.”, erklärte Caradan und hielt dem Mann seinen Dolch unter die Nase. Die Klinge schimmerte rot. Der Kerl blickte an sich herab und fingerte an einem Schnitt in seinem Hemd herum, seine Finger wurden feucht und klebrig von rotem Blut und entsetzt blickte er zu Caradan hoch. Er packte Caradan bei der Kehle und der Arcanier hatte Mühe sich gegen den Kerl zu wehren, ehe der ihm einen sprühenden Schwall Blut ins Gesicht spuckte. Dann brach der Kerl zusammen. Renard und Gerret johlten und applaudierten. “NEIN!”, schrie die Frau, stürmte an Caradan vorbei und warf sich neben ihrem Peiniger auf die Knie. Der Arcanier verstand nichts. Er konnte bloß die Frau ansehen, wie sie über der Leiche des Mannes wimmerte, der sie eben noch beschimpft und geschlagen hatte und das sicher nicht zum ersten Mal. Plötzlich wurde Caradan zur Seite gestoßen und Rickard kniete sich neben den Toten. Der Alte ließ den Kopf hängen. “Du dummer Junge…”, flüsterte er, erhob sich und blickte Caradan fest an. “Du dummer, dummer Junge. Weißt du wer das war?” Caradan zuckte mit den Schultern. “Irgendein gewalttätiges Arschloch.” “Ich habe nicht gefragt was sondern WER er war!”, donnerte Rickard. “Na so wichtig kann er nicht sein, wenn ich ihn nicht kenne!”, gab Caradan trotzig zurück und fing sich eine Ohrfeige für seine Arroganz ein. “Das war der Rote Erik.” Caradan kicherte. “Was habt ihr hier nur mit euren Farben. Die Prinzen, der Rote Erik, was kommt als nächstes? Der grün-blau karierte Hans?” Dafür knallte Rickard ihm noch eine. “Erik war der Onkel vom Schlitzer.” “Oh…”, hauchte Caradan. Der Schlitzer, keiner der nicht zu den Witwenmachern gehörte, kannte seinen richtigen Namen, war das Oberhaupt eben jener Bande und bekannt dafür, seinen Opfern Zeichen in die Haut zu schlitzen, meist denen, die er am Leben ließ und die so sein Zeichen für ewig als hässliche Narben auf der Haut trugen. Schon wieder die Witwenmacher, dafür dass Caradan eigentlich gedacht hatte, dass er sie erfolgreich und galant losgeworden war, indem er Arne einfach ganz lieb und nett gebeten hatte sich darum zu kümmern, bekam er doch öfter als ihm lieb war Probleme mit denen. Und jetzt, da er einen Verwandten ihres Anführers vor der Eisenschenke abgestochen hatte… nun... “Das wird Ärger geben mein Junge…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Aenaeris » Do, 15. Aug 2019 13:19

"Lasst sie! Lass sie doch in Ruhe! Geht zur Seite ihr räudigen Hunde! Lasst mich doch durch, verdammt nochmal!" zeterte Tom, als er Aen erblickte, die gemeinsam mit Caradan in die Eisenschenke gekommen war. Der Wirt war hinter dem Ausschank hervorgekommen, schob hie und da Männer einfach beiseite und suchte sich seinen Weg durch die Schenkengäste zu seiner Schankmaid. Als er auch den Letzten beiseite geschoben hatte, standen sich Tom und Aen gegenüber und er strahlte sie an, als hätte er sie seit Jahren nicht mehr gesehen. "Aen! Mein Mädchen! Endlich bist du wieder da! Was hab ich dich vermisst!" zog er sie in seine Arme und drückte sie. Sie erwiderte die Umarmung und grinste ein wenig verlegen als er sie schließlich von sich abrückte und betrachtete. "Tom, ich war doch nur zwei Wochen weg, jetzt übertreib mal nicht ja?" "Übertreiben! Ich übertreibe nie! Du bist sicher hungrig, oder? Warte, ich mach dir was zum Essen. Derweil könntest du nicht zufällig meinen Platz einnehmen?" Er deutete auf die weiße Schürze die an ihrem Platz hing und schlurfte davon. Aen fühlte sich großartig. Hier in Aramad war sie wirklich so etwas wie Zuhause. Sie hatte Caradan, sie hatte Freunde und neuerdings sogar ein Haus dass sie ihr eigen nennen konnte. Ein Zuhause, wie sie es sich doch immer gewünscht hatte. Auch wenn heimisch werden an einem Ort nie wirklich lange gut gegangen war. Irgendwann war sie immer unruhig geworden. Aber nun, so sagte sie sich, war alles anders. Sie war älter geworden, und reifer. Bald würden sie einen Bund mit Caradan eingehen, und dann würden sie für immer und ewig und bis an den Rest ihres Lebens glücklich miteinander sein. Oder? Während Aen so vor sich hin träumte, und die Schenke immer voller wurde, schubste Tom sie beiseite. "Hier, die neue Spezialität des Hauses, 'eine Schaufel Mist'" grinste Tom und stellte den Teller neben Aen ab. Die Schaufel Mist war eine kunterbunte Mischung an verschiedenen knusprig gebratenen Wurst- und Fleischresten, aufgewertet mit frischen Zutaten wie Pilzen, Karotten, Rüben, Zwiebeln, Sommerbohnen und Kräutern. All das schwamm in gebräunter Butter und war reichlich gewürzt mit gebratenen Speckwürfeln und geriebenem Hartkäse. Aen schloss genüsslich die Augen, während sie im stehen aß, doch sie spürte Toms Blicke im Rücken. Der alte Schlawiner wartete schon darauf, dass Aen ihre Arbeit, die sie zwei Wochen hatte ruhen lassen, wieder aufnahm. Aen begann das Essen hinunter zu schlingen, schob den Teller beiseite, um später weiter zu essen, und begann Bier zu zapfen und Becher und Krüge an diverse Tische zu bringen. Caradan war vorerst vergessen. Erst nach einer Weile, als sie ein wenig Luft zum Atmen hatte, suchte sie ihren Verlobten auf. Auch Rickard saß bei Caradan, was Aen ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. “Aen! Schön dich zu sehen!” sagte er und Aen, die ein wenig unschlüssig war, wie sie dem Alten begegnen sollte, der für Caradan so etwas wie ein Vater war, streckte ihm schließlich die Hand entgegen, welche Rickard ergriff und sanft drückte. “Liebes, setz dich doch zu uns!” forderte Rickard sie auf und als sie sich ein wenig unschlüssig zu Tom umdrehte, hatte Caradan sie schon auf seinen Schoß gezogen. Aen lehnte sich an Caradan an. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte, und küsste sie auf die Schulter, was der Arcanierin Schauer über den Rücken schickte. “Wie geht es dir, Rickard? Hast du den Geißfußtee schon probiert?” wandte Aen sich schließlich an den alten Mann. Er lächelte und meinte “Mal besser, mal schlechter, aber wie du sagtest, ich will den Fusel hier nicht mehr missen.” Aen hob eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu. Natürlich war es zunächst besser durch den Geißfußtee, doch weiterhin diesen Fusel zu trinken, machte es dann selbstredend wieder schlimmer. Aber der alte Mann war sowieso unbelehrbar, darum sah die Arcanierin keinen Sinn darin, ihm einen Vortrag zu halten, was er zu tun und zu lassen hatte. Sie hatte ihm einmal den Rat gegeben, dass die Gicht mit dem Geißfußtee gut in den Griff zu bekommen war, und wer nicht hören wollte, musste eben fühlen. Sie unterhielten sich noch über den Bader, in dessen Hände sich Rickard stets begab. Auf Knochenbrüche, Schienen, Zähneziehen und sonstige Foltermethoden verstanden sich die Bader meist vortrefflich, aber bei Krankheiten war man besser beraten, einen Heiler, eine Kräuterfrau oder sogar noch eher eine Hebamme aufzusuchen. Caradan beugte sich schließlich dicht an sie heran und hauchte ihr ins Ohr “Willst du spazieren gehen? Aen nickte und sprang von seinem Schoß. Frische Luft würde ihr auf jeden Fall nicht schaden, und sie hatte seit ihrer Rückkehr ohnehin kaum etwas von ihm gehabt. Sie sehnte sich nach seinen Küssen, nach seinen Berührungen, und wenn nicht dies, dann die Gespräche mit ihm.

Sie verließen die Eisenschenke und traten keine fünf Schritte auf die Straße, als wohl vertraute Stimmen an ihre Ohren drangen. Es waren die Zwillinge Gerret und Renard und sogleich begannen sie abwechselnd zu plappern, was Aen jedesmal ein Grinsen aufs Gesicht zauberte. Diese beiden Jungen konnten tatsächlich reden ohne dabei jemals Luft holen zu müssen, was nicht einmal die Arcanierin, ihres Zeichens ebenfalls ein Plappermaul, zuwege brachte. Zum Glück, oder viel eher zum Pech, wurde der Redeschwall der Brüder prompt unterbrochen durch den Schrei einer Frau. Caradan wand sich aus Aen Arm und lief, gefolgt von Gerret und Renard, in die Seitengasse, aus welcher der Schrei und auch das nachfolgende Gezeter und Gebrülle eines Mann erscholl. Aen folgte den drei Männern in gebührlichen Abstand, und als sie den Ort des Geschehens erreichte, sah sie auch schon Caradan, der sich vor einem Mann aufgebaut hatte, in dessen unmittelbarer Nähe eine Frau stand, die sich ihr Handgelenk rieb und an deren Wange sich ein kleines Blutrinnsal gebildet hatte. Die beiden trugen edle, wenn auch ein wenig schmutzige Kleidung und man konnte erkennen, dass man es hier mit betuchten Leuten zu tun hatte. Ein kurzer Blick auf den kleinen dicken Mann genügte auch, um sich ein Bild der Situation zusammenfügen zu können. Er, alkoholisiert, hatte der Frau wohl eine Schelle verpasst, als sie nicht gespurt hatte oder ihm zu Gefallen gewesen war, und die Ringe hatten ihr die Wange aufgerissen. Aen ärgerte sich ein wenig, dass Caradan sich stets einmischen musste. Natürlich war es anständig von ihm, doch das Schaffen anderer Menschen ging weder ihn noch sie etwas an, und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es kümmerte sie auch nicht. Wer half ihr schon, wenn sie es brauchte? Die meisten Menschen scherten sich nicht um die Belange der anderen und was immer Aen und Caradan vorgehabt hatten, es musste nun zumindest warten. Caradan wurde von dem kleinen Dicken von sich gestoßen, doch davon ließ sich der Dieb nur wenig beeindrucken und rückte ihm wieder auf die Pelle. Sie zischten sich gegensitig Worte zu, dicht an dicht, der kleine Dicke mit Wut verzerrter Miene, und Caradan hämisch und verschlagen grinsend. Der Dicke begann ebenfalls zu grinsen, doch nach einer kurzen Weile, in der Aen nur abwartend, und mit vor der Brust verschränkten Armen dastand und darauf wartete, dass sich die beiden Streithähne zu prügeln begannen, wich das Grinsen aus dessen Gesicht und er wurde mit einem Male recht bleich. Aen runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht, doch sie vermochte nicht zu sagen, was. Der Kerl fasste sich an den Hals, und taumelte ein, zwei Schritte zurück, als Caradan plötzlich ein Messer vor dessen Nase aufblitzen ließ. Die Klinge schimmerte in der Dunkelheit dunkel und glänzend und in diesem Augenblick begriff die Arcanierin, was ihr Gefährte getan hatte. Caradan richtete noch ein paar Worte an ihn, dann blickte der Dicke an sich hinunter, fasste sich an den Leib und seine Miene wurde entsetzt, als seine Handfläche rot von Blut ward. Plötzlich packte der Caradan am Hals und der Dieb hatte sichtlich Mühe, sich aus dem Griff des Mannes zu entwinden. Schon wanderte die Hand der Arcanierin an den Gürtel, an dem das Feuerrohr hing. Natürlich war es Wahnsinn, das Ding hier vor allen zu benutzen, aber hatte sie eine andere Wahl, wenn es darum ging, das Leben ihres Geliebten zu schützen? Und war dies nicht der Grund gewesen, dass sie diesen Aufwand betrieben hatte, um wieder an das Feuerrohr zu kommen? Ihre spontanes Vorhaben vom Feuerrohr Gebrauch zu machen, erledigte sich quasi von Selbst, als der Mann zu husten begann, Caradan einen Schwall Blut ins Gesicht spie, und dann leblos zusammen sackte. Die Zwillinge blickten ziemlich ratlos drein, hatten sogar die Sprache verloren, bevor sie schließlich zu johlen und applaudieren begannen. Die Frau hingegen war nicht so begeistert wie das Brüderpaar, denn sie schrie kläglich auf und war mit zwei Sätzen bei ihrem Mann angelangt und hatte sich zu ihm niedergekniet. Sie begann zu wimmern, weinen und wehklagen und Caradan beobachtete die Szenerie ausdruckslos. In Aens Augenwinkel erschien ein Schatten und sie erkannte Rickard, der plötzlich angelaufen kam, Caradan beiseite stieß und sich ebenfalls zu dem Toten kniete. Doch es war nichts mehr zu machen, der Kerl war mausetot. Rickard erhob sich wieder, wandte sich an Caradan und sagte “Du dummer, dummer Junge. Weißt du wer das war?” Da spitzte Aen neugierig die Ohren, doch Caradan zuckte nur die Schultern, was Rickard sichtlich nicht schmeckte. Mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme brüllte er Caradan an und dieser gab nur eine freche Antwort. Dafür fing er sich von Rickard sogleich eine Ohrfeige ein, was Aen belustigt kichern ließ. “Das war der rote Erik!” Auch Caradan kicherte und gab erneut eine patzige Antwort die Rickard mit einer weiteren schallenden Ohrfeige quittierte. Als Rickard erklärte, wer der rote Erik war, blieben Caradan weitere freche Antworten offensichtlich im Halse stecken. “Das wird Ärger geben, mein Junge…” ließ er Caradan nach einigen Schweigemomenten wissen.

Und das war genug für die Arcanierin. Sich Respekt verschaffen in Aramad, ja, das verstand sie ja noch. Aber einfach einen Kerl abstechen und sich dadurch Ärger aufhalsen, das war was anderes. “Gute Nacht, Rickard, Gerret, Renard…” murmelte sie, wandte sich um und verließ die Gasse. Sie beschleunigte ihre Schritte, denn so wie sie Caradan kannte, würde er ihr wieder wie ein herrenloser Straßenköter auf Schritt und Tritt folgen. Sie wusste gar nicht, wohin sie gehen sollte. Gleich zurück in die Eisenschenke? Oder in das neue vermaledeite Haus, zu welchem den Weg sie noch nicht kannte? Sie entschied sich für die Eisenschenke. Wenn sie ehrlich war, konnte sie das neue Haus eh noch nicht so Recht leiden. Aber in der Eisenschenke wartete Tom, und so leid es ihr tat, sie hatte jetzt keine Lust mehr zu arbeiten. Jegliche Stimmung war verflogen. Sie rauschte an den Eisenschenke vorbei ohne den Blick von der Straße zu heften. Als sie Schritte vernahm, wandte sie kurz den Kopf, und als sie Caradan erkannte, beschleunigte sie ihre Schritte. Doch er holte sie schnell ein, packte sie an der Schulter und zwang sie dadurch stehen zu bleiben, als er sich ihr einfach in den Weg stellte. “Was ist denn los, wohin willst du?” fragte er sie und unwillig runzelte sie die Augenbrauen. Sie war wütend, was er getan hatte und sie war wütend, dass sie schon wieder wütend auf ihn war, und sie sich sicherlich gleich wieder fürchterlich streiten würden. “Lass mich bloß in Ruhe, von dir hab ich schon wieder gehörig die Schnauze voll!” blaffte sie und wollte sich an ihm vorbeischieben, doch er ließ sie nicht. “Was? Warum? Was hast du schon wieder?” Sie schüttelte verständnislos den Kopf. “Du hast gerade einen Kerl abgestochen. Und anscheinend nicht irgendeinen beliebigen!” “Oh! Dich stört ein Toter?” Er deutete auf Aens Feuerrohr an ihrem Gürtel “Wofür hast du das Ding doch gleich geholt?” “Um unser Leben zu schützen und verteidigen! Du hingegen hast dich eingemischt obwohls dich einen Scheissdreck anging und einen umgebracht, der noch als Toter gewaltigen Ärger bescheren wird!” Sie schob sich an ihm vorbei und setzte, gefolgt von Caradan, ihren Weg fort. “Bring mich zu dem verdammten Haus, ich kenne den Weg nicht” gab sie schließlich hilflos zu. “Was musst du dich auch überall einmischen?” “Weil ich es nicht mit ansehen kann, wenn so ein Arschloch seine Frau schlägt!” Den restlichen Weg zu ihrem Haus am Hernyshügel schwieg Aen eisern. Einerseits weil sie keine Lust hatte, weiter zu streiten und andererseits, weil sie nachdachte. Erst, als sie in ihrem neuen Zuhause angelangt waren, sprach sie wieder mit ihm. “Ich sag dir was, Caradan. Viele Frauen werden so behandelt. Willst du jetzt den Rächer von Aramad spielen und alle ihre Ehemänner abstechen? Was andere Männer mit ihren Frauen anstellen, geht dich nichts an!” Aen war müde. Fix und fertig. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Sie löste die Schnürung ihres Kleides im Rücken und zog sich das Ding über den Kopf und warf es über einen Stuhl. “Stimmt. Mein Fehler. Aber du bist den ganzen Tag schon… abweisend. Wir haben uns zwei Wochen nicht gesehen, und du denkst nur an andere…” Aen runzelte die Augenbrauen und wandte sich nackt zu ihm um. “Sollte ich an dich denken?” “Vielleicht. Ich will nicht streiten Aen.” Sie zuckte die Schultern. “Das tun wir längst. Ich denke also nur an andere? Was tust du denn? Warum sind wir aus der Eisenschenke raus? Um Zeit zu zweit zu verbringen? Und dann sowas....” Aen zog sich das Band, das ihr Haar auftürmte heraus und es fiel ihr über die Schultern und den Rücken. “Ja, das war der Grund.” “Nun gut. Ich sag dir was. Den Grund da…” sie deutete auf ihre Brüste und auf ihren Schoß “... kannst du in nächster Zeit vergessen! Vielleicht denkst du dann mehr an mich als an andere” erwiderte sie trotzig. Etwas Wildes loderte in seine Augen auf, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, und mit einem Satz war er an sie herangetreten. Noch ehe sie sich gewahr wurde was geschah, hatte er sie in seine Arme geschlossen und zwang ihr einen stürmischen Kuss auf. Erst versuchte sie empört, ihn von sich zu drücken, obgleich sie den Kuss erwiderte. Doch je mehr sie sich wehrte, umso stürmischer und fordernder wurde sein Kuss und sein Drängen nach mehr. Und ihre Abwehr hielt nicht lange an. Sie wollte ihn! Sie wollte ihn so sehr! Sie vermisste seine Berührungen, seine Küsse schon zu lange, und sie wollte verdammt sein, wenn sie sich jetzt mit ihrer Trotzigkeit ins eigene Fleisch schnitt. Außerdem wollte das neue Haus auch gebührlich eingeweiht werden. So ließ sie sich auf seinen Armen in den Schlafraum tragen, während sie erneut hungrig nach einem Kuss seine Lippen suchte. Caradan ließ sie auf dem Bett nieder, wo sie schwer atmend wartete, dass er sich zu ihr gesellen würde. Der Dieb ließ nicht lange auf sich warten. Er schlüpfte zu Aen unter das Feinleinen Laken, wo sie sich endlich, nach dem kurzen Wiedersehen und nach diesen zwei Wochen gegenseitig die Zeit und Aufmerksamkeit schenkten, die sie so dringend benötigt hatten. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, wie kopflos und völlig überstürzt sie gehandelt hatte als sie einfach sang und klanglos verschwunden war. Sie nahm sich fest vor, dass nun nichts und niemand sie mehr trennen würde. Später lagen sie verschwitzt aber glücklich da und Aen, die in Caradans Armen lag, starrte an die Decke des Raums. Das also war nun ihr Zuhause. Sie wusste nicht, ob sie sich daran würde gewöhnen können, aber Caradan hatte sicherlich Mühen auf sich genommen, um sich dieses Haus “anzueignen”, und ihm zuliebe würde sie versuchen, darin leben zu können. Es war ja ein schönes Haus. Weitaus schöner als das Haus in Cadron das sie sich damals eingebildet hatte, aber auch weitaus größer. Wer brauchte schon ein so großes Haus? “Weisst du, der Weg in die Eisenschenke ist so weit von hier…” begann sie zögerlich. “Ich denke daran, meine Arbeit dort an den Nagel zu hängen. Ich könnte, wenn ich wollte, mir auch hier am Hernyshügel etwas suchen. Aber es täte mir um Tom leid. Wie soll ich ihm das nur sagen? Er ist ja schon unentspannt gewesen weil ich zwei Wochen weg war. Wenn ich ihm jetzt sagte, dass ich gar nicht mehr komme, dann wird er tödlich beleidigt sein. Und auch ganz sicherlich gekränkt. Hmm…” Aen konnte in dem Moment auch gar nicht sagen, ob sie dieses Haus nicht wollte, oder wirklich nicht mehr die Eisenschenke. Und ob der weite Weg zwischen beiden Häusern nicht nur ein Vorwand war. Aber dann übermannte sie schließlich der Schlaf und sie nickte in seinen Armen ein.

In der Nacht erwachte sie urplötzlich, von einem lauten Poltern. Vielmehr waren es dumpfe Schläge. Aen war so schnell erwacht, dass sie das Hämmern noch hörte, als sie bereits hellwach war. Der Morgen hatte noch nicht gegraut, aber es herrschte auch keine finsterste Nacht mehr. “Caradan, was war das?” zischte sie, und ihr Herz begann höher zu schlagen. “Das war an der Haustür…” meinte sie, während ihr Gefährte bereits aufsprang und sich seine Hose anzog. Die Arcanierin war unschlüssig, ob sie hierbleiben, oder mitkommen sollte, als Caradan bereits am Weg nach unten war. Sie zerrte das Leinenlaken aus dem Bett und schlang es sich um den Leib, schnappte sich das Feuerrohr und folgte ihm eilig die Stufen hinunter. Vor der Türe blieben sie stehen. Aen wagte kaum zu atmen und sie tat es Caradan gleich, als der seinen Kopf an die Türe legte und lauschte. Doch nichts war zu hören. Kein weiteres Poltern, keine Stimmen, kein Rumoren. Nichts. Es war beinahe totenstill. Die beiden blickten sich an und als Aen kurz nickte und das Klacken des Abzugs des Feuerrohrs ertönte, drehte Caradan lautlos den Schlüssel im Schloss um, und legte die Hand auf die Türschnalle. Als er die Türschnalle herunterdrückte und zeitgleich die Türe aufriss, prallte ungewöhnlich schwer gegen die innere Hausmauer. Aen konnte nicht glauben, was sie da sah. An der Haustüre hing der Körper eines Menschen. Eines kleinen Menschens. Noch ein Kind. Fassungslos schlug sie die Hand vor den Mund, als sie den kleinen Menschen erkannte, warf einen raschen Blick auf den Dieb, und heftete ihre Augen wieder auf den Körper. Den leblosen, geschundenen kleinen Körper jenes Jungen, welchen Caradan unter seine Fittiche genommen hatte. Selbst in der noch morgendlichen Dunkelheit konnte man die Blessuren und Schändungen an dem Leichnam erkennen. Es erweckte beinahe den Anschein, als hätte man den Jungen an einem Pferd kreuz und quer durch die Straßen Aramads geschliffen. Das Poltern, so wusste Aen nun mit Gewissheit, waren die Schläge gewesen, mit welchen man dem Leichnam dicke eiserne Nägel durch die kleinen dünnen Armgelenke getrieben, und so an die Haustüre des Diebs genagelt hatte. Aen schluckte schwer. Sie wagte es nicht, Caradan anzusehen und sie musste sich von dem grausigen Anblick abwenden.
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Caradan
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Re: Die Stadt der Diebe

Beitrag von Caradan » So, 08. Sep 2019 18:20

Es hätte eine so wunderschöne Nacht werden können, doch statt selig im Bett zu liegen, seine Liebste im Arm, wurde Caradan mitten in der Nacht von polternden Schlägen geweckt. Kerzengrade fuhr er hoch und blickte sich um. Aen lag neben ihm, ebenfalls hellwach. “Caradan was war das?”, fragte sie und er konnte ihr keine Antwort geben. “Das war an der Haustür.” Sie hatte recht. Der Dieb sprang auf und suchte im Halbdunkeln seine Hose, zog sie hoch und eilte nach unten. Noch im Schlaftaumel verpasste er die erste Stufe und stolperte die Treppe mehr hinab, als das er lief. Erschrocken klammerte er sich am Geländer fest und blieb einen Moment mit pochendem Herzen und schweren Atemstößen stehen. Die Schläge waren verstummt. Er schlich nach unten, schnappte sich einen Schürhaken aus einem kalten Kamin, der im Sommer überflüssig, aber immer Winter nur allzu willkommen war. Einen Moment stellte er sich vor, mit Aen dort zu liegen, doch dann widmete er sich wieder den Geschehnissen, die so plötzlich verstummt waren. Aen tauchte an seiner Seite auf, ein Laken um den nackten Körper geschlungen und das Feuerrohr in Händen. In diesem Moment war er unsagbar erleichtert, diese Macht wieder in ihrem Besitz zu wissen. Vorsichtig legte er sein Ohr an die Tür. Nichts… Sein Atem ging hektisch und er hielt sich die Hand vor den Mund, um sich nicht zu verraten. Mit geschlossenen Augen lauschte er, ob er Bewegungen, Stimmen oder auch nur irgendwas hören konnte, aber es war totenstill auf der Straße. Ungewöhnlich still, in einer Stadt wie Aramad. Für gewöhnlich trieben sich überall entweder Betrunkene oder Bettler herum, grölten, sangen, redeten mit sich selbst oder sonst was. Nicht mal das Miauen einer verirrten Katze oder das Gekläffe eines streunenden Köters war zu vernehmen. Ein Blick genügte und Aen spannte den Hahn des Feuerrohrs und Caradan riss die Tür auf. Sein Geist sträubte sich gegen den Anblick, sein Körper verweigerte jede Reaktion. Ausdruckslos, regungslos und ungläubig blickte er Thoms Körper an. Wie er da mit dicken Eisennägeln an seine Tür genagelt worden war. Caradan konnte keinen klaren Gedanken fassen, konnte den Blick nicht abwenden oder auch nur irgendwas tun. Hilflos schaute er in Thoms geschundenes Gesicht, während sein Verstand Stück für Stück zerbrach und in einem Scherbenmeer zu Boden rieselte. Irgendwas Widerliches kroch seine Kehle empor und er musste mehrmals schwer schlucken, um sich nicht zu übergeben. Er spürte wie ihm heiße Tränen über die Wangen liefen. Der spitze Schrei einer Frau ließ ihn zusammenzucken und er schaffte es sich von dem Anblick loszureißen. “Hilfe…”, krächzte er mit staubtrockener Kehle, dann wurde ihm schwarz vor Augen und er brach zusammen. Haltsuchend krallte er sich in den Türrahmen, während seine Knie hart auf den Steinboden krachten. Er schwankte und drohte vornüber zu kippen, doch Aen war plötzlich bei ihm und legte ihm von hinten den Arm um die Brust. Hemmungslos fing Caradan zu schluchzen an, vergrub sein Gesicht an ihrem Arm und klammerte sich an sie, wie ein Ertrinkender. So fühlte er sich auch, er bekam keine Luft, ging in einer Flut aus Emotionen unter und das einzige was ihn vor dem Wahnsinn retten konnte, war sie…

Zwei Stunden später saßen sie im Speisesaal. Thoms Körper lag auf dem Tisch, verdeckt mit dem Bettlaken, dass Aen mit nach unten gebracht hatte. Die Zwillinge, Rickard, Tilly und sogar Rogan waren gekommen. Tilly war ein wimmerndes Häufchen Elend und musste von Renard getröstet werden. Thom war der blonden Frau bei ihrer letzten Unternehmung sehr ans Herz gewachsen. Sie hatte in ihm den Sohn gesehen, den sie vor so vielen Jahren als Neugeborenes verloren hatte und Caradan konnte sich gar nicht ausmalen, wie es ihr nun gehen mochte. Die Zwillinge waren außer sich vor Hass und Zorn, Rickard dagegen ruhig und gefasst, aber man konnte die Traurigkeit in seinem Blick kennen. Rogan allerdings wirkte unbeteiligt und Caradan fragte sich, wie oder warum er hierher gekommen war. Er war als erstes angekommen und hatte Thoms Körper von der Tür genommen und die gaffende Meute mit Drohungen und Prügel vertrieben. Dafür war der Arcanier dem Söldner dankbar. Es herrschte bedrückendes Schweigen. Caradan saß da, ließ den Kopf hängen und streichelte geistesabwesends Aens Hand, die sie ihm auf die Schulter gelegt hatte. “Das ist deine Schuld.”, sagte Gerret plötzlich und blickte den Arcanier finster an. “Gerret… hör auf…”, flüsterte Rickard und schüttelte mit dem Kopf. “Warum?”, rief der Zwilling wütend. “Ich spreche doch nur aus, was wir alle denken. Wir alle wissen wer das war und warum sie es getan haben.” Er hob die Hand und deutete anklagend mit dem Finger auf Caradan. “Weil du Scheißkerl dich nicht zurückhalten konntest.” “Halt die Klappe!”, fuhr ihn Aen an. “Ihr ward auch dabei und wenn ich mich recht erinnere, hat keiner von euch eingegriffen! Nein, ihr habt sogar noch gejubelt.” Gerret funkelte Aen zornig an. “Er hat recht.”, flüsterte Caradan leise, hob den Kopf und blickte Gerret mit leeren Augen an. Erneut rannen ihm Tränen übers Gesicht. “Du hast recht. Ich bin schuld an all dem… Ich allein…” Mit zittrigen Gliedern erhob er sich. “Du bist wütend…”, stellte er fest. “Oh ja bin ich, verdammt nochmal!” “Und du würdest mir am Liebsten wehtun.” Caradan zückte seinen Dolch und legte ihn auf den Tisch, daneben seine Hand. “Nur zu.” Ein paar Herzschläge blickte Gerret den Dolch an, bevor er ihn in die Hand nahm. “Mach schon. Tob dich aus und sag mir wenn du fertig bist.”, zischte Caradan, spreizte die Finger und sah Gerret herausfordernd an, der seinen Blick mit nicht weniger Zorn erwiderte. “Mach schon…”, flüsterte er. Gerret packte den Dolch fester und starrte auf Caradans Hand. “Mach schon!”, brüllte Caradan und schlug Gerret gegen die Schulter, der daraufhin einen Schrei ausstieß und den Dolch auf Caradans Hand hinab fahren ließ. Die Spitze bohrte sich ins Holz und Caradan zuckte ein wenig, als ihm die Klinge einen fiesen Schnitt zwischen Ringfinger und Mittelfinger verpasste. Gerret hatte entweder schlecht gezielt oder sich im letzten Moment umentschieden. “Vergiss es.”, zischte der Zwilling und ließ seine Finger schlaff vom Knauf des Messers gleiten. “Nein… vergiss du es…”, flüsterte Caradan, hob den Arm und zog Gerret an sich. “Ich bin schuld… und ich werd dafür büßen…”, hauchte er ihm ins Ohr. “Aber nicht durch deine Hand.” Er ließ Gerret wieder los. “Wir alle wissen was das ist. Eine Botschaft.” Caradan blickte forschend in die Runde. “Nun… wir haben sie gehört. Überlegen wir uns eine passende Antwort.” Tilly schluchzte auf. “Was soll das Caradan… noch mehr Blutvergießen bringt doch nichts. Wo liegt da der Sinn?” “Es geht hier nicht um Sinn oder Unsinn.”, knurrte Caradan. “Hier geht es um schlichte Blutrache! Weder um meinen guten Namen oder unseren Ruf. Das alles interessiert mich einen Scheißdreck! Keiner von euch hat gesehen wie sie Thom zugerichtet haben. Ich will sie leiden sehen… jeden Einzelnen…”
“Daraus wird wohl nichts.”, meinte Rogan plötzlich. Es war seine erste Wortmeldung, seit die anderen angekommen waren. “Was?” “Denkst du ich bin wegen des Jungen hier? Nein, es gibt Neuigkeiten die wir zu besprechen haben.” Der Dieb breitete die Arme aus, als Zeichen dass Rogan offen sprechen konnte. “Der Schwarze Prinz. Er will sich treffen. Mit dir.” Ungläubig blickte Caradan erst zu Rogan, dann zu Aen und dann zu Rickard, der nicht minder überrascht aussah. “Wann?” “Morgen um Mitternacht, auf dem Friedhof.” Caradan schluckte schwer. “Sag ihm ich kann nicht.” “Einen Scheiß werde ich. Du kommst.” “Das hier hat Vorrang Rogan…” “So ein Dreckswaise ist ja wohl nicht wichtiger als-” Noch ehe Caradan wusste was er tat, war er über den Tisch gesprungen und warf sich auf Rogan. Der Söldner konnte gerade noch überrascht die Brauen hochreißen, als Caradan ihm die Faust ins Gesicht knallte. Ein fieser Kniestoß in den Magen folgte und noch ein Schlag mit der Faust gegen die Schläfe und Rogan taumelte zur Seite. Doch ehe der Arcanier Rogan weiter zusetzen konnte, war Rickard aufgesprungen, packte Caradans Handgelenk, drehte es ihm auf den Rücken und knallte seinen Kopf auf die Tischplatte. “Hör sofort auf, mein Junge oder ich brech dir den Arm!” Umgehend gab Caradan jeden Widerstand auf, denn er wusste, dass das keine leere Drohung gewesen war. “Schon gut.”, keuchte der Dieb und Rickard ließ ihn vorsichtig los. Langsam richtete sich Caradan auf und wandte sich zu Rogan um, der sich mit wildem Blick die Wange hielt. “Du sprichst nie wieder so über Thom. Verstanden? Du wirst überhaupt nie wieder über ihn sprechen. Verstanden?” Rogan nickte widerwillig und richtete sich auf. “Gut… aber dem Prinzen kannst du selbst absagen.” Damit war alles gesagt und Rogan stürmte hinaus.

Als bereits der Morgen graute, lagen die beiden Arcanier im Bett. An Schlaf war nicht mehr zu denken gewesen und gemeinsam hatte die Gruppe entschieden, dass der Schock sich erstmal setzen musste, ehe sie auch nur darüber nachdenken konnten, irgendwas zu unternehmen. So hatten die Zwillinge Thoms Leichnam mitgenommen und würden für eine würdige Beerdigung sorgen. Rickard meinte zum Abschied, dass er sich umhören und ein paar Gefallen einfordern würde, um etwas mehr gegen die Witwenmacher in der Hand zu haben. Was das genau bedeutete, führte er nicht weiter aus, aber der Dieb konnte sich in etwa vorstellen wie er das meinte. Rickard hatte in seiner langen Laufbahn als professionelle Mietklinge, so einige Aufträge ausgeführt, durch die ihm eine Reihe einflussreicher Männer noch den ein oder anderen Gefallen schuldig waren. Wenn er also diese Gefallen einforderte, waren die Möglichkeiten schier endlos. Caradan konnte sich vorstellen, dass morgen Mittag eine Schar bis an die Zähne bewaffneter Kerle auf sein Kommando warteten um den Witwenmachern den Garaus zu machen. Aber darüber konnte sich der Dieb im Moment keine Gedanken machen. Ihm ging nur eines durch den Kopf. Aen und Caradan waren ins Bett gekrochen und Caradan hatte seinen Kopf in Aens Schoß gelegt und die Augen geschlossen. Ihr Duft beruhigte ihn und er brauchte ihre Nähe. Er brauchte Aen einfach und er wusste, die Rache hätte auch sie erwischen können und bei dem Gedanken drehte sich ihm der Magen um. Er wusste nicht, was er tun würde oder was er ohne sie tun sollte. Und er wusste auch, würde sie ihn verlieren, wegen irgendeiner leichtfertigen Racheaktion, würde es ihr das Herz herausreißen und sie um den Verstand bringen. Schließlich erhob er sich und blickte sie verzweifelt an. “Ich weiß nicht was ich tun soll Aen…”, gestand er. “Ich habe Angst, dass egal was ich tue… dich in Gefahr bringt.” Er strich ihr mit den Fingern zärtlich über die Wange und küsste sie. Es fühlte sich so gut an. “Meine geliebte Aen…”, flüsterte er. “Sag mir was ich tun soll. Wie soll ich dich beschützen und gleichzeitig das tun, was ich tun will. Ich weiß schon, du kannst auf dich selbst aufpassen, aber… du bist mein Ein und Alles… ohne dich kann ich nicht sein…”
Moral ist für diejenigen unter uns, die nicht dauernd mit ihr konfrontiert werden.

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